Freundinnen verschmockter Zeitungsfotografie

Zu den versunkenen Highlights des Blogs Teppichhaus Trithemius bei Blog.de gehört die Rubrik „Standfoto der Woche.“ Dazu wurde wöchentlich ein Zeitungsfoto aus der Aachener Lokalpresse prämiert, um die schwierige Arbeit der Fotografierenden für die Lokalpresse zu würdigen. Der Auftrag lautet Leserbindung, und die formalen Vorgaben sind klar: Die wichtigsten Personen müssen mit dem Anlass der Abbildung zu sehen sein. Diese Zeitungsfotos zeigen inszenierte Wirklichkeit und sind oft ungewollt komisch. Mit dem gestrigen Beitrag über die Kurt-Schwitters-Gedenktafel habe ich den Verein der Freundinnen verschmockter Zeitungsfotografie wiederbelebt und rufe hiermit zur Mitwirkung auf.

Werden Sie Mitglied im Verein, indem Sie ein verschmocktes Foto aus Ihrer Lokalpresse scannen und zusammen mit den wichtigsten Daten (Bildanlass, abgebildete Personen, fotografiert von, Bildquelle Zeitung) an die Redaktion des Teestübchens senden. (Mailadresse im Impressum) Wenn Sie mögen, begründen Sie noch, warum das Foto preiswürdig ist. Zur Anregung ein hübsches Beispiel aus dem Jahr 2008:
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Große Entdecker feiern – sich

Im August 2018 durfte sich der Bezirksstadtrat von Berlin Mitte für die Entdeckung eines 20 Meter langen Stücks der Berliner Mauer feiern, denn das war mal klar: „Die Mauer? Konnt ja keener wissen, wo det Ding jestanden hat.“

Im Herbst 2021 dürfen sich die Amtsträger aus Hannovers Stadtbezirk Mitte für eine noch überraschendere Entdeckung feiern. Schon 73 Jahre nach dem Tod des größten Künstlers der Stadt, Kurt Schwitters (* 20. Juni 1887 – † 8. Januar 1948), hat man sein Geburtshaus gefunden. JUHU! Bezirksbürgermeisterin Cornelia Kupsch berichtet der Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ): „Unser Stadtarchivar ist leider in Elternzeit.Trotz Doppelbelastung gelang es ihm herauszufinden, wo genau der berühmte Sohn das Licht der Weltstadt Hannover – Kuckuck! – erblickt hat, nämlich in der Rumannstraße 8. Ich habe mir einen Knoten ins Ohr habe natürlich sofort eine Gedenktafel aufstellen lassen, damit wir’s nicht wieder vergessen.“

HAZ vom 11. November 2021 – größer: Klicken

Der Ehrenpreis der Freunde verschmockter Zeitungsfotografie (FvZf) geht an die Fotografin Samantha Franson. Sie hat den Moment der Gedenktafelenthüllung kongenial im Bild festgehalten.

Im Vordergrund des prämierten Bildes sehen wir die üppig mit roten Bändern geschmückte noch verhüllte Gedenktafel, daneben Bezirksbürgermeisterin Cornelia Kupsch. Sie trotzt dem Regen allein mit einer Brille auf dem Kopf und liest vom Zettel, was ihre frierende Gehilfin (mit Rucksack) bei Wikipedia abgeschrieben hat. Links etwas zurück stehen vier Kulturschranzen „Honoratioren“ (HAZ) unter drei aufgespannten Schirmen in rot, grau und bleu (von links), eine sich ehrlich schämende fünfte Person hat sich hinter einem desinteressierten Würdenträger verborgen und muss zur Strafe im Regen stehen. Die Harmonie des Bildes wird gestört durch abgestellte Dinge, eine Tasche und drei Fahrräder, was schon mal zeigt, wie der Text auf der Gedenktafel lauten muss, nämlich: „Kurt Schwitters sein Geburtshaus. Fahrrad abstellen verboten – und Taschen auch!“ Am linken Bildrand ragt ein linker Fuß ins Bild, der hoffentlich ein rechtes Gegenstück hat. Sonst gehört der auch verboten. Der Text im Bildkasten ist überschrieben mit „Für Schwitters im Regen.“ Kurt Schwitters (z.Zt. Stadtfriedhof Engesohde) freut sich einen Keks.

Samantha Franson: 4 Punkte auf der nach oben offenen Humorskala!

Ein Rabbi und ein Schafzüchter reimen

„Laiendichterwettbewerb im New Yorker Madison Square Garden. Im Finale stehen ein New Yorker Rabbi und ein australischer Schafzüchter. Sie bekommen die Aufgabe, ein Spontangedicht zu verfassen, das sich auf Timbuktu reimt. Der Rabbi geht als erster auf die Bühne:

„I was a Rabbi all my life,
had no children had no wife,
read the bible all time through
on my way to Timbuktu.“

Riesenbeifall, alles denkt, der Rabbi hätte gewonnen. Da kommt der australische Schafzüchter auf die Bühne:

    „When Tim and I to Melbourne went,
    we met three Ladies in a tent.
    As they were three and we where two
    I booked one and Tim booked two.“

[übermittelt von Rolf Wenkel im Teppichhaus Trithemius bei Twoday.net]

Salzbrecher

Leider werde ich immer noch um 6 Uhr morgens wach. Als Schriftsetzer musste ich um diese Zeit aufstehen, während des Studiums nicht, aber dann als Lehrer wieder. In der Computertechnik gibt es Eprom-Speicherbausteine, die nicht gelöscht werden können. Ihre Inhalte werden gebrannt. Nach 35 Jahren Gewöhnung ist mir 6 Uhr wie bei einem Eprom eingebrannt. Nach der Zeitumstellung bin ich eine Weile um 5 Uhr wach geworden. Doch es pendelt sich langsam ein, nur gestern bin ich nach dem Aufwachen um 5 nochmals eingeschlafen und träumte einen langen Traum.

Der Salzbrecher-Traum
Ich bin mit einem Freund irgendwo in Köln auf einer Feier. Es ist 11 Uhr morgens. Mir fällt ein, dass ich gegen 12 Uhr einen Arzttermin habe und sage dem Freund, ich würde rasch nach Hause fahren, um zu duschen und mich umzuziehen. Schon als ich auf mein Fahrrad steige, ahne ich, dass ich nicht rechtzeitig zum Arzt kommen werde, zumal ich nicht weiß, in welche Richtung ich fahren müsste, um aus der Stadt hinauszukommen. Auf den Straßen herrscht der Autoverkehr. An einem Fußgängerüberweg wartet eine große Menschenmenge. Die Fußgängerampel ist wohl lange nicht auf Grün gesprungen, so dass die ungeduldige Menge schon auf den Fahrradweg brandet. Ich muss sie im großen Bogen umfahren.

Ich gerate in einen Park und einen Pulk Kinder. Um weiterzukommen, muss ich mein Fahrrad über eine Absperrung heben. In einem Kiosk frage ich nach dem Weg zum Stadtrand, weiß aber nicht mehr, wie der westliche Ortsteil heißt, über den ich Köln verlassen will. Später gelange ich an eine Ypsilongabel. Ich frage eine Frau, wohin die Straßen führen. Sie sagt: „Rechts geht es nach Orken, links ans Rheinufer.“ Orken sagt mir nichts. Die Straße steigt auch an und hat Kopfsteinpflaster. Also nehme ich den bequemen Weg und rolle hinab zum Rheinufer. Dort gerate ich auf einen Kirmesplatz. Plötzlich liege ich rücklings in einem Fahrgeschäft namens Salzbrecher.

Von oben saust ein auf die Kante gestelltes Brett herab und trifft schmerzhaft die Beine. Man wird im Fahrgeschäft weiter geschoben, und schon fällt das nächste Brett herab. Um meine Beine zu schützen, setze ich mich hin und fange die Bretter mit den Armen auf. Weitere Bretter fallen in meinen Arm und werden so schwer, das ich mich geschlagen geben muss. Der Salzbrecher lässt stoisch immer mehr Bretter auf meine Beine fallen, bis ich erwache.
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Das Institut – Ein Wiedersehen

Einige Wochen gingen ins Land, die ich mit albernen Tätigkeiten verbrachte, deren Sinn sich mir nicht erschlossen. Ich hatte die Hoffnung aufgegeben, das Fräulein wieder zu sehen, als Sie eines Morgens vor mir durch den Park aufs Institut zu ging. Mein Herz hüpfte. Ich eilte ihr nach, und als sie den Paternoster bestieg, beschloss ich hinterher zu fahren.

Es war kein wirklicher Entschluss gewesen, denn nachgedacht hatte ich nicht, als ich den Schritt in die unter ihr auftauchende Kabine tat. Leise knarrten die eingefetteten Ketten des Aufzugs in ihrer Führung, während wir langsam aufstiegen. Ich wähnte das Fräulein über mir, glaubte das Scharren ihrer Pumps zu hören, was natürlich nur dem Wunschdenken entsprang, denn im Pasternoster hängen einzelne Kabinen an den zwei Umlaufketten. Der Fußboden der oberen Kabine ist demnach nicht die Decke der unteren. Trotzdem war ich glücklich, ihr so nah zu sein. Etage um Etage zog an mir vorbei. Als wir uns der fünften Etage näherten, beschleunigte sich mein Herzschlag. Auf dem dortigen Treppenabsatz stand wartend Dr. Spiegel. Erstaunt sperrte er den Mund auf, als ich an ihm vorbei fuhr. Ebenso verdattert war ich. Mir entrang sich nur ein zaghaftes: „Guten Morgen, Herr Dr. Spiegel!“ Ich hörte ihn noch rufen: „Erlenberg! Was tun Sie da?!“, da verschwand er zu meinen Füßen.
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Das Institut – Vom Fräulein träumen

[Folge 1] Delhey saß über einen Stapel Zeitungen gebeugt und schnitt mit einer Papierschere Artikel aus. „Na, wie war’s?“, fragte er, ohne aufzusehen.

„Yooo. So lala. Dr. Spiegel hat mir das Wesen von Hierarchien erklärt. Ich soll seinen Vortrag zusammenfassen und heute noch einsenden.“

„Dann mal los! Ich hoffe, Sie haben genug aufgeschrieben, denn ich habe weder Zeit noch Lust, die Lücken in Ihren Notizen zu ergänzen.“

„Wie kommen Sie darauf, dass meine Notizen lückenhaft sind?“

„Wir werden sehen.“

Ich setzte mich an das Tischlein, spannte einen Bogen in die Schreibmaschine, holte die Notizen hervor und begann zu tippen. Gegen Mittag war mein Bericht fertig, so dass ich ihn an Delhey weiter reichen konnte. Der überflog ihn, grinste hämisch, rollte ihn wortlos und schob ihn in eine zylindrische Rohrpostkapsel.
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Das Institut – Das System des Dr. Spiegel

[Folge 1] „Stellen Sie sich ein großes Haus vor, genauer ein Anwesen mit vielen Fenstern. Man braucht Heerscharen helfender Hände, um Gardinen und Vorhänge abzuhängen, zu waschen und wieder aufzuhängen. Da stehen die Mägde tagelang im feuchten Nebel des Waschhauses, breiten die Tuche zum Trocknen über Hecken und plätten sie anschließend mit heißen Eisen. Dann müssen Wäschekörbe und Leitern treppauf, treppab getragen werden, entlang der weitläufigen Gänge im Haupthaus und in den Seitenflügeln, und die längsten unter den Dienstboten recken sich hoch zu den unzähligen Vorhangstangen.“ Er redete schnell, so dass ich nur Stichworte notieren konnte.

„Die Vielzahl solcher niederen Aufgaben im Herrenhaus erfordert eine kleine Gesellschaft dienstbarer Geister. Es gibt unter den Dienstboten eine straffe Hierarchie, denn es wäre sehr mühsam, sie selber anzuweisen und ihre Arbeiten zu kontrollieren. Gerade unter den Knechten und Mägden ist eine strenge Abfolge von Befehlenden und Befehlsempfängern nötig. An ihrer Spitze steht der Verwalter, und nur er allein muss sich jenen verantworten, die in einem Herrenhaus mit so vielen Fenstern zu leben belieben. Die Hierarchie drückt sich aus in der Zahl derer, die jedem einzelnen untergeordnet sind, was wiederum die Höhe der Entlohnung bestimmt. Jedermann wird verstehen, dass den geringsten Lohn verdient, wer niemanden mehr unter sich zu befehligen hat.
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Das Institut – Paternoster

„Erlenberg, zum Verwalter! Auf die fünfte Etage, sofort!“, herrschte mich Kollege Delhey an, als ich pünktlich um 7:55 Uhr unser Kellergelass betrat. „Aber nehmen Sie die Treppe! Der Paternoster ist für Sie tabu. Dr. Spiegel wird Ihnen einiges sagen. Machen Sie sich unbedingt Notizen!“
Ich kramte aus der Schublade Block und Stift hervor, ging zum Treppenhaus und stieg hinauf. Hinter mir knarrte der langsam auf- und abfahrende Paternoster. Auf jedem Treppenabsatz konnte ich sehen, wie sich Leute befördern ließen, sah jeweils ihre Köpfe oder ihre Füße zuerst. Die Füße kennzeichneten den Abstieg, die Köpfe den Aufstieg.

Plötzlich fuhr ein schönes Fräulein im grünen Kostüm von unten herauf. Ihr Blick streifte mich achtlos. Ich sah sie aufwärts schwinden, betrachtete fasziniert ihr hübschen Beine, was ich ungeniert tun konnte, derweil sie in der Geschossdecke verschwand, hastete die Treppe hinauf, um sie nochmals in ganzer Schönheit bewundern zu können. Zuerst erschien ihr rotblonder Haarschopf, dann ihr schöner Kopf mit dem ebenmäßigen Gesicht, dann ihre schlanke Gestalt bis hin zu den hübsch bestrumpften Beinen. Sie stand in roten Pumps, scharrte ungeduldig mit ihnen auf dem Paternosterboden, ein Geräusch, das ich sehr erotisch fand und mich in Kombination mit den Pumps entzückte. Es gelang mir, sie dreimal zu sehen. Mit diesem Spiel gelangte ich fast mühelos auf die fünfte Etage. Bedauernd musste ich sie nach oben entschwinden lassen.
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Schöne Aussichten für Saarländer

Astronaut Matthias Maurer aus dem Saarland ist am 12. November auf der internationalen Raumstation ISS angekommen. Zufällig hörte ich seine Botschaft aus dem All, wiedergegeben vom Wettermann des Heute-Journals, „die Aussicht“ sei irgendwas „wunderbar“ oder „grandios“, jedenfalls schön. Gut zu wissen, aber hätte man sich für den Mann nichts Besseres überlegen können? Etwa, was Neil Armstrong sagte, als er im Jahr 1969 als erster Mensch den Mond betrat. Man kann sich die Tondatei sogar bei Wikipedia anhören, und es klingt wie abgelesen:

“That’s one small step for ‹a› man… one… giant leap for mankind!”
„Das ist ein kleiner Schritt für (einen) Menschen… ein… großer Sprung für die Menschheit!“

Die NASA hatte sicher ein paar Ghostwriter aus Hollywood beauftragt, sich einen guten Spruch zu überlegen, denn es wäre doch zu blöd, die aufwendige Mondlandung zu inszenieren und Neil Amstrong würde sagen, was ihm gerade durch den Kopf geht, nämlich: „Good Luck, Mr. Gorsky“ oder: „Schöne Aussicht!“

Matthias Maurer hat, wie zu lesen, einen Doktortitel in Materialwissenschaft, was nicht bedeutet, dass er gut mit Wortmaterial umgehen kann. Man hätte ihm schon etwas aufschreiben müssen, etwa: „Eine schöne Aussicht für mich, aber ein gigantischer Ausblick für alle Saarländer.“ Das wäre angemessen bescheiden, denn dass Matthias Maurers schöne Aussicht irgendeine Bedeutung für die Menschheit hätte, kann niemand behaupten. Diese Menschheit blickt gerade in den Abgrund, an den Rand getrieben von eigener Unvernunft und Blödheit, was Saarländer und uns alle betrifft; der ärmere Teil der Weltbevölkerung hat die düstere Aussicht gierigen Superreichen und korrupten Politikern zu verdanken. Da helfen keine Klimakonferenz und kein „Druck von der Straße“, keine Greta (‚This is greenwashing‘) Thunberg, kein „Fridays for Future.“ All die Folklore der Apokalypse in den letzten Tagen dürfen wir für kurze Zeit vergessen und uns freuen über Matthias Maurers schöne Aussicht im Zirkus des schlechten Geschmacks. Weiterlesen

Geschichten von der Fensterbank

Zwei Tage lag ein fein Büchlein unbeachtet auf einer Fensterbank, war schnöde ausgesetzt worden, obwohl es sich dünn gemacht und in keinem Bücherregal für drangvolle Enge verantwortlich gewesen war, im Gegenteil, es könnte gar leicht zwischen dickbäuchigen Bänden verschwinden, dass man es suchen müsst und suchen, hier hat es doch mal gestanden? Warum finde ich es nicht?
Warum wohl? Du habt es ausgesetzt, du Depp. Ich schäme mich zuzugeben, dass ich mal und mal vorbeigelaufen bin und mich nicht überreden konnt, es mitzunehmen, obwohl ich Büchlein jederzeit einem protzigen Buch vorziehe. Yo!

Einst war ich fleißiger Nutzer von Bibliotheken und Büchereien und habe am liebsten die kleinen, schmalen Bändchen ausgeliehen; ich dachte, wer ein dickes Buch schreiben kann, sollte erst recht ein Büchlein schreiben können. Das ist die größere Kunst. Zudem waren dünne Bücher einfach schonender für meinen Rücken, denn ich musste, was ich lesen wollte, wie ein Esel auf dem Buckel transportieren und das, obwohl das bekannte Palindrom lautet: „EIN ESEL LESE NIE.“ So sehr war ich auf dünne Bücher aus, dass ich sogar von einem träumte. Am 7. Dezember 1994 notierte ich ins Tagebuch:

Es wird Zeit, den Titel des Büchleins zu verraten. Sonst macht sich DeStijl hier breit, wiewohl das eine feine niederländische Künstlervereinigung ist, deren Mitbegründer Theo von Doesburg mit Kurt Schwitters befreundet war und Dada mit einem „Dada-Feldzug“ in den Niederlanden bekannt machte. Die Tour der beiden startete mit einem Dada-Abend in Den Haag und endete im friesischen Städtchen Drachten, wo Schwitters bei den Schustern Thijs und Evert Rinsema ein- und ausging, aber nicht durch die Haustür, sondern lieber durchs Fenster stieg.

Bevor wir uns den Hals brechen, zurück zum Fensterbankfund. Vorsicht mit dem Hosenbein, Herr Schwitters! Da liegt das Büchlein von Bettina von Arnim; Die Frau Rat erzählt von der Fahrt ins Kirschenwäldchen.
Wer ein solches Buch einfach so auf die Fensterbank legt und den Wetterunbilden aussetzt, na, dessen Kopf möchte ich ja lieber nicht haben. Ich gebe zu, ich habe es nur mit genommen, weil ich dachte, dass die vortreffliche Bettina von Arnim im Schatten ihres Mannes Achim von Arnim gestanden hat, was meinem Gerechtigkeitsgefühl widerstrebt. Beim ersten Durchblättern ihres Büchleins und nur gebremst durch die herabsinkende Dämmrung fand ich die treffende Wendung: „Der Erinnerung abgelauscht“, was auf den Punkt bringt, dass Erinnerung eine Erzählung ist, der man im eigenen Kopf zuhört, und ich will hinzufügen, dass derlei Erzählungen immer fiktionale Elemente enthalten. So, und jetzt, schon 18:04 Uhr, muss ich kochen. Die Frau Rat ist übrigens Goethes Mutter.
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