Ein Traum

In einem Hochhaus bestieg ich einen Aufzug, ohne zu wissen, wohin ich musste, vermutlich auf die 4. Etage. Der Aufzug war groß wie ein Klassenzimmer und an drei Seiten verglast. Überall standen Leute in kleinen Gruppen herum und gaben sich gleichgültig. Einige wandten uns den Rücken zu, als wäre es ihnen egal, wann und wohin der Aufzug fahren würde. Vermutlich wollten sie sich nicht um die Bezahlung kümmern. Mir ging es ähnlich, denn ich hätte eigentlich die Treppe nehmen können. Da ich noch immer schwankte, war ich nicht gewillt, für die geringe Passage Geld zu opfern. Ein Student erbarmte sich, schob eine 50-Cent-Münze in einen Schlitz, zog einen Hebel hinab und presste den Knopf für die 10. Etage. Für mich viel zu hoch. Als der Aufzug sich in Bewegung setzte, überlegte ich, ob ich wohl unterwegs würde aussteigen können. Die übrigen Leute taten weiterhin gleichgültig. Die Gewissheit, dass es nicht zur Seite, sondern aufwärtsgehen würde, schien ihnen zu reichen.

Auf der 10. Etage verließ der Student den Aufzug. Einige folgten ihm, doch die meisten standen abwartend herum. Da ich beobachtet hatte, wie der Aufzug zu bedienen war, erbarmte ich mich, steckte 50 Cent in den Schlitz, zog den Hebel und presste den Knopf für die 4. Etage. Mir schien, als würde der Hebel nichts bewirken. Offenbar hatte ich es an Nachdruck fehlen lassen, denn der Aufzug bewegte sich nicht. Ein Blick nach draußen zeigte umliegende Gebäude im Licht der herauf dämmernden Sonne und eine sich fortwindende Straße. Unten tauchte ein Mann mit Krücken auf. Er hielt den bandagierten rechten Fuß in die Luft gestreckt und eilte trotz Krücken erstaunlich schnell von dannen.

Mir näherte sich ein anderer Student und sagte, der Aufzug habe mal wieder eine Macke, klappte geschickt ein Bedienungspaneel auf, legte eine gedruckte Schaltung frei und stocherte mit einem Schraubenzieher darin herum, bis Funken sprühten und der Aufzug sich rumpelnd in Bewegung setzte, diesmal abwärts. Auf der 4. Etage stieg ich aus und setzte mich in einen Wartebereich. Am anderen Ende des Gangs, noch mausklein, tauchte der Mann mit dem Gipsbein auf und eilte mit seinen Krücken auf mich zu. Obwohl er wie zuvor kraftvoll ausschritt, dauerte es eine Weile, bis er mich erreichte, grüßte und schnaufend neben mir Platz nahm. Ich sagte: „Auch guten Tag! Aber bitte, was haben Sie in meinem Traum verloren?“
„Ich hatte einen Sportunfall, denn wie Sie an meinem kraftvollen Ausschreiten ablesen können, bin ich ein Sportler.“
„Ja, gut. Aber warum sind Sie die Straße hinab so davongeeilt, schneller als ich ohne Krücken laufen könnte?“
„Ich musste Geld in die Parkuhr werfen. Obwohl ich schon vor Stunden einen Termin hatte, verzögert sich mein Aufrufen, so dass ich fürchtete, einen Strafzettel zu bekommen.“
„In meinem Traum sollte kein Sportler, der an Krücken geht und obendrein ein Gipsbein hat, in meinem Traum sollte so einer keinen Strafzettel fürchten.“
„Die Politessen sind da gnadenlos.“
„Ich beschäftige im Traum keine Politessen.“

Da wurde ich aufgerufen und ging hinein. Ich sollte nur still da sitzen und einer Dame bei der Arbeit zuzusehen. Sie verschwand fast hinter einem Stapel Formulare und beeilte sich, Aufkleber mit meinen Daten von einem Bogen abzuziehen und jeweils rechts oben auf ein Formular zu pappen, den beklebten Bogen umzuwenden und neben den Formularpacken zu stapeln. Sie arbeitete wortlos und zügig. Der eine Packen wuchs, der andere schrumpfte, nur dass der wachsende Packen ein bisschen unordentlich war, so dass ich mich sorgte, er könnte irgendwann umkippen. Plötzlich lag Schnee. Ich zog zwei Mützen übereinander.

Salzbrecher

Leider werde ich immer noch um 6 Uhr morgens wach. Als Schriftsetzer musste ich um diese Zeit aufstehen, während des Studiums nicht, aber dann als Lehrer wieder. In der Computertechnik gibt es Eprom-Speicherbausteine, die nicht gelöscht werden können. Ihre Inhalte werden gebrannt. Nach 35 Jahren Gewöhnung ist mir 6 Uhr wie bei einem Eprom eingebrannt. Nach der Zeitumstellung bin ich eine Weile um 5 Uhr wach geworden. Doch es pendelt sich langsam ein, nur gestern bin ich nach dem Aufwachen um 5 nochmals eingeschlafen und träumte einen langen Traum.

Der Salzbrecher-Traum
Ich bin mit einem Freund irgendwo in Köln auf einer Feier. Es ist 11 Uhr morgens. Mir fällt ein, dass ich gegen 12 Uhr einen Arzttermin habe und sage dem Freund, ich würde rasch nach Hause fahren, um zu duschen und mich umzuziehen. Schon als ich auf mein Fahrrad steige, ahne ich, dass ich nicht rechtzeitig zum Arzt kommen werde, zumal ich nicht weiß, in welche Richtung ich fahren müsste, um aus der Stadt hinauszukommen. Auf den Straßen herrscht der Autoverkehr. An einem Fußgängerüberweg wartet eine große Menschenmenge. Die Fußgängerampel ist wohl lange nicht auf Grün gesprungen, so dass die ungeduldige Menge schon auf den Fahrradweg brandet. Ich muss sie im großen Bogen umfahren.

Ich gerate in einen Park und einen Pulk Kinder. Um weiterzukommen, muss ich mein Fahrrad über eine Absperrung heben. In einem Kiosk frage ich nach dem Weg zum Stadtrand, weiß aber nicht mehr, wie der westliche Ortsteil heißt, über den ich Köln verlassen will. Später gelange ich an eine Ypsilongabel. Ich frage eine Frau, wohin die Straßen führen. Sie sagt: „Rechts geht es nach Orken, links ans Rheinufer.“ Orken sagt mir nichts. Die Straße steigt auch an und hat Kopfsteinpflaster. Also nehme ich den bequemen Weg und rolle hinab zum Rheinufer. Dort gerate ich auf einen Kirmesplatz. Plötzlich liege ich rücklings in einem Fahrgeschäft namens Salzbrecher.

Von oben saust ein auf die Kante gestelltes Brett herab und trifft schmerzhaft die Beine. Man wird im Fahrgeschäft weiter geschoben, und schon fällt das nächste Brett herab. Um meine Beine zu schützen, setze ich mich hin und fange die Bretter mit den Armen auf. Weitere Bretter fallen in meinen Arm und werden so schwer, das ich mich geschlagen geben muss. Der Salzbrecher lässt stoisch immer mehr Bretter auf meine Beine fallen, bis ich erwache.
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Er bringt die Sachen

Es klingelt an der Wohnungstür. Ich bin noch im Schlafanzug und will nicht aufmachen. Der Mensch lässt sich nicht abwimmeln, klingelt wieder und klopft mit dem Knöchel hart ans Holz, ruft: „Ich weiß, dass Sie da sind!“
„Nein! Ich bin nicht zu Hause!“
„Aber Ihre Schuhe stehen vor der Tür.“
„Ich habe zwei paar Schuhe.“
„Egal. Ich bringe die Sachen.“ Schwach erinnere ich mich, irgendwann in seiner Wohnung besprochen zu haben, dass er mir Sachen geben will. Seine Frau hatte gesagt, er habe die Gabe. Die wäre auch bei den Sachen. Welche Gabe? Aus Neugier hatte ich zugesagt, Sachen und Gabe anzunehmen. Da bleibt mir nichts als aufzumachen.

Sein kleiner Sohn ist bei ihm. Sie tragen Sachen in meine aufgeräumte Wohnung, für die ich überhaupt keinen Platz habe. Wohin mit einem großen ovalen Fernseher? Er ist von schmutzigem Weiß, ein klobiges Ungetüm mit integriertem Fuß, im Design, das die Macher der Fernsehserie Raumpatrouille Orion im Jahr 1966 für futuristisch gehalten hatten. Der Junge trägt noch eine schmale Matratze herein. Und mit Kleinkram überschütten sie mich. Die Gabe ist auch dabei, wirkt schäbig wie alles andere.
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Schuld

In der fremden Universität war ich doch nicht allein. Eine Gruppe Student*Innen hatte mich freundlich aufgenommen. Gelegentlich, wirklich nicht oft, machte sich jemand aus der Gruppe über mein Alter lustig. Als ich mein Tagebuch erwähnte, fragte einer, ob das noch auf Papyrus geschrieben sei. Die jungen Frauen hingegen überspielten mein Alter und waren sehr freundlich, warteten beim Aufbruch geduldig, bis ich mich in meine Schuhe gekämpft hatte. Da war eine Leiter zu einer Dachluke zu bewältigen. Zunächst scheiterte ich. Der vor mir hochgestiegen war und meinen vergeblichen Versuch mitbekam, frozzelte, ich würde das niemals schaffen.

Ich wollte mich nicht lumpen lassen und stieg beim zweiten Mal mit mehr Elan auf die Leiter. Sie endete ein gutes Stück unterhalb der Luke, so dass ich die Arme hindurchstrecken und außen auf das Dach legen musste, um mich hoch zu hangeln. Das war schon ein mühsames Gewürge. Vor mir auf dem Dach lag ein Brett. Beim Versuch, meinen Oberkörper auf das Dach zu ziehen, stieß ich das Brett an. Zu meinem Entsetzen bewegte es sich und glitt auf die Dachkante zu. Ich konnte noch rufen: „Vorsicht Brett!“, da kippte es weg und sauste nach unten.

Sehnlichst hoffte ich, das Brett würde niemanden treffen und verletzen. Ich konnte ja nicht sehen, ob direkt am Haus welche unterwegs gewesen waren, sah nur die Leute weiter hinten auf dem Campus. Die wandten sich plötzlich mit besorgter Miene dem Gebäude zu und eilten heran. Zu den anderen auf dem Dach sagte ich: „Für das Brett konnte ich nichts. Es hätte nicht da liegen dürfen.“ Aber was hatte ich auf dem Dach zu suchen?

Keine, keiner traute sich nachzusehen, was das Brett angerichtet hatte. Wir stiegen wieder vom Dach, und eines der Mädels sagte: „Wir können morgen in der Zeitung lesen, was passiert ist.“
Das beruhigte mich aber nur für den Augenblick, denn es war mir klar, dass es meine moralische Pflicht war, mich zu dem Brett zu bekennen und mich zu vergewissern, wer zu Schaden gekommen war. Schon, um den jungen Leuten ein gutes Beispiel zu geben. Leider tat ich es nicht. Später sah ich einen Mann, dessen Kopf mit Mullbinden umwickelt war. Ich ging rasch vorbei. War es meine Schuld?

Pferd Behrens

In unruhiger Nacht träumte ich von einem Mann mit dem Vornamen „Pferd.“ Sein ganzer Name lautete Pferd Behrens. Mehr weiß ich nicht mehr. Aber ich erinnere mich an einen Kollegen im Referandariat namens Behrens. Sein Vorname ist mir entfallen. Nennen wir ihn Pferd. Pferd und ich, wir trafen uns wöchentlich im Fachseminar Deutsch. Zwei-dreimal bin ich bei ihm zu Hause gewesen, denn er wohnte mit seiner Frau und einem kleinen Kind wie ich im Aachener Frankenberger Viertel. Sie hatten zwei Zimmer, links und rechts des Hausflurs, was mir als sehr unbequem vorkam. Von seiner Frau erinnere ich nur noch, dass sie Gemütlichkeit verströmte, weil sie stets in plüschigen Schluppen umherging.

Pferd Behrens musste jeden Abend einen ganzen Kasten Bier austrinken, um schlafen zu können. Entsprechend aufgedunsen wirkte sein Gesicht. Es war immer hellrosa. (Ich erspare uns den Witz, er habe gesoffen wie ein Pferd.) Mich verband nicht viel mit ihm. Einmal wollte er mich zum Angeln am Fischteich seines Angelvereins mitnehmen, aber ich lehnte ab, weil mir Angeln als sinnlose Tätigkeit vorkam, vor allem für einen Vegetarier. Trotzdem hatten wir engen Kontakt. Der ging vornehmlich von ihm aus, denn er rief mich täglich mindestens einmal an. Wir schrieben zu dieser Zeit beide an unserer Examensarbeit. Mein Thema lautete: „Laterales Denken als Methode bei der Rezeption fiktionaler Texte im kommunikativen Literaturunterricht.“ Ich fand, schon wegen des Titels hätte ich eine Eins verdient gehabt, bekam aber nur eine Zwei plus, denn der Co-Gutachter fand, ich hätte zu viele Kommafehler gemacht.

Bei meiner Arbeit brauchte ich keine Hilfe, aber Pferd Behrens bei seiner. Er hatte eine neue Methode erdacht, wie man in Sätzen die Wortart Verb identifizieren kann. Wie das ging, weiß ich nicht mehr, aber das Thema seiner Examensarbeit war ebenso innovativ wie mein Thema. Ich fand es überflüssig, dass deutschsprachige Schüler*Innen in Sätzen nach Verben angeln, zumal der reine Grammatikunterricht in NRW abgeschafft war. Er kannte meine ablehnende Haltung zu isoliertem Grammatikunterricht für Muttersprachler, doch rief mich dauernd an, um mit mir grammatische Fragen zu erörtern. Seine Examensarbeit enthielt also einiges von meinem Gehirnschmalz.

Nach dem Zweiten Staatsexamen bekam er eine Stelle irgendwo im Selfkant, einer Region nördlich von Aachen, zog weg, ohne seine neue Adresse mitzuteilen, und meldete sich nie mehr – bis letzte Nacht. Da hatte er seinen Vornamen geändert in Pferd.

K wie Klotzarchitektur

Wenn man eine feine Nähnadel durch ein bisschen Haut an der Fingerkuppe schiebt, schwebt die Nadel frei am Finger. Mir träumte, dass ich an einer Schreibmaschine saß und tippte. Plötzlich verhakte sich mein rechter Zeigefinger an der K-Taste. Ich zog und zog, die Haut der Fingerkuppe zerrte sich lang, doch es nutzte nichts. Der Finger kam nicht mehr von der Taste los. Im Traum dachte ich, wenn ich das jetzt einfach in meinen Text einfüge, dieses Problem mit dem in der K-Taste verhakten Finger, wird sich manch Leser wundern.
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Aus dem Jenseits

Ich bin zweifellos tot. Bei 25 Grad Körpertemperatur lebt kein Mensch mehr. Um mich herum, ich staune kaum, hat sich nichts verändert. Noch immer schaue ich in die mit Rauhfaser chaotisch tapezierte kleine Dachgaube. Noch immer beschäftigt mich die Frage, in welcher Abfolge die zugeschnittenen Fetzen wohl geklebt worden sind und wer es getan hat. Hat sich ein ausgewachsener Tapezierer in die Gaube gekrümmt oder wurde sie von einem klein gewachsenen Lehrling tapeziert? Enttäuschung keimt in mir auf. Warum denke ich mit dem letzten Aufmerksamkeitsfunken meines sterbenden Gehirns derlei müßigen Kram? Wo bleibt der Film meines Lebens, der dem Sterbenden die letzten Sekunden versüßt. Entschuldigung, unscharf formuliert. Ach, jetzt muss ich das auch noch aufdröseln. Vor den Augen anderer Sterbenden zieht natürlich nicht der Film meines Lebens vorbei, sondern deren eigener Film. Obwohl, gegen eine Schutzgebühr würde ich meinen Film teilen. Schon allein der vielen ekstatischen Momente wegen könnte mein Lebensfilm ein Renner … Wenn ich allein an die Kollegen denke, deren größte Verzückung darin bestanden hat, beim Mensch-ärgere-dich-nicht das vierte Männchen als erster ins Häuschen setzen zu können. Doch jetzt bin ich tot und muss nicht mal mehr an diese beamteten Langweiler denken. Das ist die schöne Seite am tot sein. Köstlich!

Ich schlage den Weg ein, der ins Nirgendwo zu führen scheint. Mir folgt eine ganze Heerschar. Unfassbar, wie viele Menschen zeitgleich mit mir gestorben sind. Auch eine große Zahl Kinder ist dabei. Ich setze mich an die Spitze des Zugs. Ein Mann kommt an meine Seite und sagt: „Ich bin froh, dass ich die Kinder nicht allein beaufsichtigen muss.“ „Warum? Die Kinder sind tot.“

Der Weg verengt sich, steigt leicht an und knickt nach links ab. Plötzlich brandet zu unseren Füßen der Verkehr einer sechsspurigen Autobahn. Von der Seite wird langsam eine Fußgängerbrücke heran geschwenkt. Der Mann neben mir macht einen Schritt nach vorn. Ich halte ihn zurück: „Warum so eilig, Kollege? Das Jenseits rennt dir nicht davon.“ Vor uns klafft eine Lücke. Er wäre auf die Autobahn gestürzt. Ob es nötig war, ihn daran zu hindern? Kann man toter als tot sein? Über den Schwenkarm der Brücke schleppt ein Alter ein Brett heran. Er schiebt es in die Lücke zu unseren Füßen. Jetzt können wir die Brücke betreten.

Wir gehen hinüber.

Zwischen vier und sechs

Er zog sich nur ein frisches Hemd an und ging ungeduscht ins Institut, um einen Termin zu vereinbaren. Die Tür zur Anmeldung war zu. Vor der Praxistür der Ärztin lehnte ein kleines Brett. Zwei Arbeiter kamen daher und fragten was. Er beachtete sie nicht. Auf dem Parkplatz traf er die Ärztin. Er sagte, dass er Schmerzen habe. Sie sagte: „Ich fliege um 15:15 Uhr nach Moskau.“
„Können Sie nicht vorher nach meinem Zahn schauen? Ich war in dieser Sache vor einem halben Jahr bei einem Zahnarzt in einer anderen Stadt. Er hat ihn nur gesäubert und ein Medikament reingelegt.“

Sie fühlte ihm einfach in den Mund und tastete nach dem schmerzenden Zahn. Er wunderte sich, denn sie trug keine Handschuh. Hauptsächlich ärgerte er sich, dass er noch ungeduscht war. Es schien ihr nichts aus zumachen. Eine Weile waren sie zusammen unterwegs, wie er dachte, zu ihrer Praxis. Sie schäkerten miteinander und er duzte sie, entschuldigte sich aber, das wäre ihm rausgerutscht. Als sie lachte, zeigten sich bei ihr einige Zahnlücken. Sie duzte ihn später ebenfalls und küsste ihn auf den Mund. Er sagte: „Sie dürfen mich nicht duzen. Ich bin eine Respektsperson.“

Auf einem Platz waren Bänke aufgestellt. Eine improvisierte Veranstaltung wurde vorbereitet. Eine Gruppe Mensch kam daher und strebte in ein großes Veranstaltungszelt, mit ihnen ein Hauptfeldwebel in Uniform, dem der komplette Unterleib fehlte, ein offenbar Kriegsversehrter. Er sagte über den Hauptfeldwebel: „Wenn man mir im Einsatz den Unterleib weg geschossen hätte, würde ich nicht weiter in Uniform rumlaufen.“ Später tat ihm leid, so unsensibel gewesen zu sein, von rumlaufen konnte ja keine Rede sein, und er schränkte ein: „Naja, vielleicht ist die Bundeswehr sein einziger Halt.“ In der Nähe stand sein Fahrrad. Er holte es und radelte los zu ihrer Praxis. Überall standen riesige Wasserlachen, die er durchfahren musste. Sie brauste mit ihrem BMW davon.

    Ein Traum zwischen der Stunde des Wolfes und sechs Uhr. Der Termin ist um 10:30 Uhr. „Wir machen nur Notfallbehandlung“, sagte Frau Doktor am Telefon.

Ausgeschwemmt aus der Besenkammer des Geistes

Schlafforscher haben Testpersonen ins MRT gelegt, um zu erhellen, was im Gehirn eines Schläfers geschieht, und fanden, dass im Schlaf Gehirnflüssigkeit, auch Liquor genannt, in pulsierenden Wellen durch Teile des Gehirns schwemmt und dem Gehirn eine Wäsche verpasst. Daran sind drei Sachverhalte erstaunlich, dass erstens die armen Probanden überhaupt einschlafen konnten, bei dem enormen Lärm der kreisenden Magnete im MRT, zweitens die Schlafforscher nicht auf die Idee kamen, die Liquorwäsche wäre genau durch den widernatürlichen Schlaf im MRT erst hervorgerufen worden.

Beim dritten Aspekt wollen wir einfach gutwillig annehmen, dass die nächtliche Hirnwäsche mit Liquor eine systeminhärente Funktion ist, die allnächtlich auftritt, wenn man ganz normal im gemütlichen Bett liegt und nicht in der beängstigenden MRT-Röhre. Da diese Liquorwellen dem Vernehmen nach nur innerhalb weniger Sekunden durchs Gehirn fluten, könnte durchaus geschehen, dass unzugängliche Ecken nicht gesäubert werden, gleich den finsteren Besenkammern, die zwar Reinigungsutensilien aufbewahren, aber selber höchst selten gereinigt werden. Was dort lagert, kann sich Jahrzehnte ablagern, bis mal ein guter Geist einen Eimer Wasser hineingießt und gründlich den Boden schrubbt.

Aus einer solchen Ecke hat meine nächtliche Gehirnwäsche heute morgen den Liedvers herausgeschwemmt: „Oder darf ich es wagen, zu Ihnen Schwiegervater sagen.“ Ich ahnte noch die Melodie, sang es sogar in der Küche und auf dem Weg zum Bäcker, aber kam nicht auf den Zusammenhang. Woher auch? Der war ja längst weggeputzt – mit bestem Liquor. Vor dem Internet wäre ich darüber schier verzweifelt, hätte vielleicht jemanden fragen können, hätte Passanten auf der Straße laut angesungen: „Darf ich es wagen, zu Ihnen Schwiegervater sagen?“, bis mich einer erlöst hätte und gesagt: „Salvatore Adamo 1964; Gestatten Sie Monsieur?“, also wenn man nicht auf der Stelle zwangsverheirat oder vorher in die Geschlossene abtransportiert hätte.

Nebenher: Wozu Forscher ihre Mitmenschen ins MRT packen müssen, das ahnt der Dichter einfach so: Alphabetmärchen.

The Yellow Kids

Heute Morgen legte ich mich gleich wieder hin. Es ist etwas Wunderbares, aufzustehen und sich wieder hinzulegen im wohligen Gefühl, keinen Termin zu haben und den ganzen Tag nichts zu müssen. Man muss freilich das Gegenteil kennen, wie ich es gut vier Jahrzehnte gekannt habe. Bei Sturm und Regen, Dunkelheit und Eisregen in aller Früh das Haus zu verlassen … Brrrr!
Gerne stehe ich, die Teetasse in der Hand, am Fenster und schaue auf die Ärmsten, die draußen vorbeihasten. Leute in Kapuzenjacken, eine Frau in schwarzen Gummistiefeln. Im stürmischen Regengrau leuchtet nur ein einsam gelbes Blümchen im Beet unten auf. Mein Obernachbar aus dem Dachgeschoss, angetan in Ganzkörperregenzeug schiebt seinen Motorroller vom Hof auf die Straße, setzt einen dicken Helm auf, um gleich loszufahren. Davon werde ich grad so müde, dass ich mich nochmal hinlege, auf die Gefahr hin, wieder einzuschlafen. Das ist ein Risiko, denn ich träume dann ziemlich wild und erwache meistens wie gerädert.

Ich glitt in einen Traum ganz dicht unter der Oberfläche zum Wachsein. Da war ich Beobachter in der Bildzeitungsredaktion. Alle Redakteurinnen und Redakteure trugen hellgraue Jogginghosen aus einer geheimnisvollen LED-Kunstfaser. Diese Hosen waren per Bluetooth mit einem Statistiktool verbunden, dessen Anzeige sich über einen großen Bildschirm verfolgen ließ. Dort waren alle Artikel des Tages aufgelistet, die auf Bild.de erschienen waren. Gemessen wurde die Zahl der Aufrufe. Nach einem geheimnisvollen Algorithmus, der die Zeit nach Erscheinen eines Artikels und die Klicks in ein Verhältnis setzte, färbten sich die Jogginghosen der jeweils für einen Artikel verantwortlichen Redakteure gelb und zwar beginnend im Schritt. Geringe Aufrufe brachten ein Zartgelb, viele Aufrufe ein tiefes Gelb wie Kuhpisse. Beim Chefredakteur Julian Reichelt liefen alle Daten zusammen. War Bild.de insgesamt erfolgreich, färbte sich sein Hemd schweinchenrosa, was einen hübschen Kontrast zur tiefgelben Jogginghose abgab. Natürlich war die Redaktion bestrebt, nicht blass zu bleiben. Man schrieb sich die Finger blutig, um sich digital einzunässen.

Ein schepperndes Röhren kam von der Straße her und riss mich aus dem Alptraum. Ich erwachte schweißgebadet und besoffen von den eigenen Schlafhormonen. Als ich mich mühsam aufgerichtet hatte und ins Bad wankte, stand ich noch sehr unter Eindruck und schwor mir, mich nie mehr nach dem Aufstehen wieder hinzulegen.
Draußen wurde die Straße aufgesägt.

Der Sammelbegriff Yellow Press für unseriöse Sensationsblätter geht auf die erst spät für die Zeitungsrotation entwickelte gelbe Druckfarbe zurück. Um damit zu prunken, erschien ab 1895 in der New York World der erste Zeitungs-Comic „The Yellow Kid.“ Der Name bezieht sich auf das gelbe Nachthemd, mit der die Titelfigur, das Kind Mickey Dugan, bekleidet ist. Tatsächlich gibt es bei Bild.de diese digitale Wandanzeige mit einer Statistik der Klickzahlen, und den Bild-Chef Julian Reichelt hatte ich unlängst im rosafarbenen Hemd gesehen.

Also eigentlich ein Wahrtraum.