Einiges über Superlative, Handschrift und Fußleisten

Mir träumte, eine junge Frau werde von der Bildzeitung gefeiert als Hannovers klügste Studentin, weil sie ihre Examensklausur auf die Fußleiste des Hörsaals geschrieben hatte. So sehr wurde sie von Bild in den Himmel gehoben, als wäre sie die Erfinderin und Bewahrerin der Handschrift zugleich. Das ärgerte mich und ich dachte, was fällt denen ein? Jedenfalls war ich mindesten sehr ungehalten darüber, dass die Studentin von Bild derart gefeiert wurde. Darum sagte ich ihr, darauf brauche sie sich nichts einzubilden. Auf die Fußleiste zu schreiben, wäre ja keine Kunst und ganz und gar nichts Besonderes.

Schon allein, wie sie habe auf dem Boden kriechen und sich bäuchlings winden müssen, um die Fußleiste überhaupt beschreiben zu können, das hätte doch etwas ziemlich Würdeloses. Man könnte das keiner jungen Frau zur Nachahmung empfehlen, so sehr würde es unser sittliches Gefühl verletzen und gegen den wissenschaftlichen Geist verstoßen. Zumal sie weder mir noch irgendeinem erklären könnte, was damit eigentlich gewonnen ist, wenn man nicht in sein Schreibheft, sondern auf die Fußleiste schreibt. Ich als ihr Prüfer hätte jedenfalls keine Lust, mich zum Lesen und Korrigieren ihrer Examensklausur ebenfalls auf dem Bauch zu winden. Das könnten die Deppen von Bild ja machen. Die seien daran gewöhnt, im Dreck herumzukriechen. Ich jedenfalls würde mich nicht so weit herablassen. Und die Fußleisten abzureißen, nur um sie bequem vor sich auf den Schreibtisch legen zu können, das würde die Stadt Hannover als Eigentümerin des Gebäudes gewiss nicht gutheißen. Am Ende sind die Wände noch mit Asbest belastet, der durch das Abreißen der Fußleisten erst recht aufgewirbelt würde.

„Wenn man das alles bedenkt“, sagte ich abschließend, „können Sie froh sein, dass Bild Sie gefeiert hat und Sie nicht etwa betitelt hat mit ‚Hannovers blödeste Studentin!‘ Das jedenfalls würde ich in Ihrem Fall sofort unterschreiben.“

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Plötzlich, plötzlich – über die Illusion der Gegenwart

Wiliam Blake; „Europe a Prophecy“ (1794)

William Blake; „Europe a Prophecy“ (1794)

Ich liebe den Zustand des Dämmerns, bevor ich einschlafe. Dann gehen mir völlig selbstständig mich selbst überraschende Gedanken durch den Kopf. Plötzlich sehe ich Jeremias Coster in meinem Bürostuhl sitzen, wie immer liebenswürdig lächelnd. Obwohl mein Bürostuhl noch neu ist, gelingt es Coster, ihm quietschende Geräusche zu entlocken, indem er hin- und herwippt.
Ich mahne: „Das ist kein Schaukelstuhl!“
„Habe ich auch nicht behauptet“, sagt Coster und fährt fort: „Ich hätte Lust, dir etwas mitzuteilen oder mit dir zu besprechen, was ich herausgefunden habe.“
„Da bin ich gespannt. Aber es ist auch ein bisschen gruselig. Sie sind meines Wissens tot, Coster. Ich habe Ihre Asche mit eigenen Händen verstreut. Jahre ist’s her. Und jetzt sitzen Sie da und strapazieren meinen Bürostuhl.“ Weiterlesen

Was will ich denn am Bodensee?

kategorie surrealer-AlltagIch träumte, den Zug zu verpassen, obwohl ich schon mal gut drin gesessen hatte. Aus irgendeinem Grund war ich zusammen mit einem Koreaner in Köln ausgestiegen. Plötzlich fuhr der Zug wieder los. Ich sah noch die Türgriffe vorbeiziehen, und wenn der Koreaner nicht zu träge gewesen wäre, hätte ich danach greifen können. Er aber stand mir im Weg, und so zog der Zug immer schneller werdend an uns vorbei, und wir standen machtlos draußen und sahen hinterher. Ich tröstete mich, dass ich zumindest meine Geldbörse bei mir hatte und ging im Geist durch, was noch Unentbehrliches in meinem ohne mich wegfahrenden Gepäck wäre. Davon war alles verzichtbar. Wie aber sollte ich jetzt zum Bodensee kommen, genauer nach Lindau? Warum ich nach Lindau wollte, weiß ich nicht. Zum Bodeseee habe ich gar keinen Bezug. Als ich darüber nachdachte, fiel mir bloß ein, dass ich mal für das Format „Briefe an die Leser“ des satirischen Magazins Titanic an einen deutschen Ingenieur geschrieben habe. Dieser Mann hatte die grandiose Idee gehabt, die gesamte Menschheit im Bodensee zu versenken, und hatte ausgerechnet, dass der Seespiegel kaum ansteigen würde. Es mutet seltsam an, wenn sowas ein deutscher Ingenieur kaltherzig ausrechnet, wo doch die Deutschen die Ermordung von Millionen Menschen in Konzentrationslagern mit ingenieursmäßiger Effizienz betrieben haben. Hier die Kopie aus Titanic, von mir zusammengeschnitten.

JvdL in Titanic Nr.11, November 1998

JvdL in Titanic Nr.11, November 1998

Für das Format „Briefe an die Leser“ habe ich gut zehn Jahre geschrieben. Doch dann war mir zu mühsam geworden, mich mit all dem Mist zu beschäftigen, der einem aus den Medien zufliegt. Hinzu kam ein weiterer Aspekt. Als ich 2005 das Bloggen für mich entdeckte, wurde mir nach und nach die zentrale Schwäche der etablierten Medien klar. Denken in der Buchkultur wird von oben herab mitgeteilt. Massenmedien bestimmen, was gerade öffentlich diskutiert wird und geben die Weise vor, wie man darüber zu denken oder am Beispiel Titanic zu witzeln hat. Daraus hat sich ein grotesker Dünkel ergeben, von dem sich besonders Printjournalisten kaum befreien können. Den Journalisten und Dichter Thomas Gesella, in der Titanic-Redaktion lange Zeit verantwortlich für das Format „Briefe an die Leser“, schätze ich sehr. Nachdem ich angefangen hatte zu bloggen, schrieb er mir abschätzig: „Aber bloggen – wozu die Leute heute Zeit haben.“ Es ist kein Wunder, dass Blogs die schärfste Kritik von Printjournalisten bekommen. Es kränkt sie, dass Blogger sich der geistigen Kontrolle entziehen. Jeder Blogger ist nämlich sein eigener Redakteur. Das bringt eine größere Verantwortung mit sich als manche Blogger denken, Verantwortung für den Sprachstil, für Grammatik und Orthographie sowie für sachliche Richtigkeit und Relevanz der behandelten Inhalte. (Ich gebe zu, den letzten Aspekt muss man in einem privaten Blog nicht unbedingt beachten.)

Welche Relevanz hat schon, dass ich geträumt habe, den Zug nach Lindau zu verpassen? Aber falls dann hier doch ein gewisser Koreaner mitliest: Könnten Sie sich beim nächsten Mal bitte etwas bellen beeilen oder einfach zur Seite treten? Jetzt werde ich nie erfahren, was ich in Lindau wollte.

Wortlos geträumte Klarsicht

Gegen morgen träumte ich etwas Gutes, von dem ich sicher war, es beim Erwachen noch zu wissen. Aber ich weiß den Traum kaum noch. Immerzu entzieht er sich, lehnt dann feixend an der nächsten Hausecke, doch komme ich hin, ist er schon wieder vorausgeeilt. Daher kann ich ihn nur aus der Ferne schildern:

Es war ein goldener Oktobertag mit blauem Himmel und einer wärmenden Sonne. Ich stand am oberen Ende einer leicht abfallenden Straße, die auf der linken Seite mit Jugenstil-Stadthäusern gesäumt war. Ein verwunschener Hofgang war mir aufgefallen. Ich hatte ihn Tage zuvor fotografiert, also wirklich, nicht im Traum, obwohl der natürlich auch auf gewisse Weise wirklich ist. In meinen Traum jedenfalls wurde mir klar, dass ich aufhören müsste, den Wörtern zu vertrauen. Demgemäß sprach oder dachte ich nichts, sondern schaute nur. Und je länger ich schweigend schaute, um so deutlicher trat mir die wahre Natur der Dinge vor Augen, derart, dass sich die Wörter winselnd zwischen mich und meine Wahrnehmung zu drängen versuchten. Aber ich beachtete sie nicht, weil ich den klaren Blick nicht wieder verlieren wollte.
hofgang
Derweil ich das schreibe, sehe ich ein, dass es ohne Wörter nicht geht, denn hätte ich wohl ohne Schilderung mitteilen können, was das Foto besagt, dass es nämlich eigentlich zu einem wortlosen Traum gehört und sich in viel größerer Klarheit in meinem Kopf befand? Die Wörter haben leider alles vernebelt.