Schuld

In der fremden Universität war ich doch nicht allein. Eine Gruppe Student*Innen hatte mich freundlich aufgenommen. Gelegentlich, wirklich nicht oft, machte sich jemand aus der Gruppe über mein Alter lustig. Als ich mein Tagebuch erwähnte, fragte einer, ob das noch auf Papyrus geschrieben sei. Die jungen Frauen hingegen überspielten mein Alter und waren sehr freundlich, warteten beim Aufbruch geduldig, bis ich mich in meine Schuhe gekämpft hatte. Da war eine Leiter zu einer Dachluke zu bewältigen. Zunächst scheiterte ich. Der vor mir hochgestiegen war und meinen vergeblichen Versuch mitbekam, frozzelte, ich würde das niemals schaffen.

Ich wollte mich nicht lumpen lassen und stieg beim zweiten Mal mit mehr Elan auf die Leiter. Sie endete ein gutes Stück unterhalb der Luke, so dass ich die Arme hindurchstrecken und außen auf das Dach legen musste, um mich hoch zu hangeln. Das war schon ein mühsames Gewürge. Vor mir auf dem Dach lag ein Brett. Beim Versuch, meinen Oberkörper auf das Dach zu ziehen, stieß ich das Brett an. Zu meinem Entsetzen bewegte es sich und glitt auf die Dachkante zu. Ich konnte noch rufen: „Vorsicht Brett!“, da kippte es weg und sauste nach unten.

Sehnlichst hoffte ich, das Brett würde niemanden treffen und verletzen. Ich konnte ja nicht sehen, ob direkt am Haus welche unterwegs gewesen waren, sah nur die Leute weiter hinten auf dem Campus. Die wandten sich plötzlich mit besorgter Miene dem Gebäude zu und eilten heran. Zu den anderen auf dem Dach sagte ich: „Für das Brett konnte ich nichts. Es hätte nicht da liegen dürfen.“ Aber was hatte ich auf dem Dach zu suchen?

Keine, keiner traute sich nachzusehen, was das Brett angerichtet hatte. Wir stiegen wieder vom Dach, und eines der Mädels sagte: „Wir können morgen in der Zeitung lesen, was passiert ist.“
Das beruhigte mich aber nur für den Augenblick, denn es war mir klar, dass es meine moralische Pflicht war, mich zu dem Brett zu bekennen und mich zu vergewissern, wer zu Schaden gekommen war. Schon, um den jungen Leuten ein gutes Beispiel zu geben. Leider tat ich es nicht. Später sah ich einen Mann, dessen Kopf mit Mullbinden umwickelt war. Ich ging rasch vorbei. War es meine Schuld?

Pferd Behrens

In unruhiger Nacht träumte ich von einem Mann mit dem Vornamen „Pferd.“ Sein ganzer Name lautete Pferd Behrens. Mehr weiß ich nicht mehr. Aber ich erinnere mich an einen Kollegen im Referandariat namens Behrens. Sein Vorname ist mir entfallen. Nennen wir ihn Pferd. Pferd und ich, wir trafen uns wöchentlich im Fachseminar Deutsch. Zwei-dreimal bin ich bei ihm zu Hause gewesen, denn er wohnte mit seiner Frau und einem kleinen Kind wie ich im Aachener Frankenberger Viertel. Sie hatten zwei Zimmer, links und rechts des Hausflurs, was mir als sehr unbequem vorkam. Von seiner Frau erinnere ich nur noch, dass sie Gemütlichkeit verströmte, weil sie stets in plüschigen Schluppen umherging.

Pferd Behrens musste jeden Abend einen ganzen Kasten Bier austrinken, um schlafen zu können. Entsprechend aufgedunsen wirkte sein Gesicht. Es war immer hellrosa. (Ich erspare uns den Witz, er habe gesoffen wie ein Pferd.) Mich verband nicht viel mit ihm. Einmal wollte er mich zum Angeln am Fischteich seines Angelvereins mitnehmen, aber ich lehnte ab, weil mir Angeln als sinnlose Tätigkeit vorkam, vor allem für einen Vegetarier. Trotzdem hatten wir engen Kontakt. Der ging vornehmlich von ihm aus, denn er rief mich täglich mindestens einmal an. Wir schrieben zu dieser Zeit beide an unserer Examensarbeit. Mein Thema lautete: „Laterales Denken als Methode bei der Rezeption fiktionaler Texte im kommunikativen Literaturunterricht.“ Ich fand, schon wegen des Titels hätte ich eine Eins verdient gehabt, bekam aber nur eine Zwei plus, denn der Co-Gutachter fand, ich hätte zu viele Kommafehler gemacht.

Bei meiner Arbeit brauchte ich keine Hilfe, aber Pferd Behrens bei seiner. Er hatte eine neue Methode erdacht, wie man in Sätzen die Wortart Verb identifizieren kann. Wie das ging, weiß ich nicht mehr, aber das Thema seiner Examensarbeit war ebenso innovativ wie mein Thema. Ich fand es überflüssig, dass deutschsprachige Schüler*Innen in Sätzen nach Verben angeln, zumal der reine Grammatikunterricht in NRW abgeschafft war. Er kannte meine ablehnende Haltung zu isoliertem Grammatikunterricht für Muttersprachler, doch rief mich dauernd an, um mit mir grammatische Fragen zu erörtern. Seine Examensarbeit enthielt also einiges von meinem Gehirnschmalz.

Nach dem Zweiten Staatsexamen bekam er eine Stelle irgendwo im Selfkant, einer Region nördlich von Aachen, zog weg, ohne seine neue Adresse mitzuteilen, und meldete sich nie mehr – bis letzte Nacht. Da hatte er seinen Vornamen geändert in Pferd.

K wie Klotzarchitektur

Wenn man eine feine Nähnadel durch ein bisschen Haut an der Fingerkuppe schiebt, schwebt die Nadel frei am Finger. Mir träumte, dass ich an einer Schreibmaschine saß und tippte. Plötzlich verhakte sich mein rechter Zeigefinger an der K-Taste. Ich zog und zog, die Haut der Fingerkuppe zerrte sich lang, doch es nutzte nichts. Der Finger kam nicht mehr von der Taste los. Im Traum dachte ich, wenn ich das jetzt einfach in meinen Text einfüge, dieses Problem mit dem in der K-Taste verhakten Finger, wird sich manch Leser wundern.
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Aus dem Jenseits

Ich bin zweifellos tot. Bei 25 Grad Körpertemperatur lebt kein Mensch mehr. Um mich herum, ich staune kaum, hat sich nichts verändert. Noch immer schaue ich in die mit Rauhfaser chaotisch tapezierte kleine Dachgaube. Noch immer beschäftigt mich die Frage, in welcher Abfolge die zugeschnittenen Fetzen wohl geklebt worden sind und wer es getan hat. Hat sich ein ausgewachsener Tapezierer in die Gaube gekrümmt oder wurde sie von einem klein gewachsenen Lehrling tapeziert? Enttäuschung keimt in mir auf. Warum denke ich mit dem letzten Aufmerksamkeitsfunken meines sterbenden Gehirns derlei müßigen Kram? Wo bleibt der Film meines Lebens, der dem Sterbenden die letzten Sekunden versüßt. Entschuldigung, unscharf formuliert. Ach, jetzt muss ich das auch noch aufdröseln. Vor den Augen anderer Sterbenden zieht natürlich nicht der Film meines Lebens vorbei, sondern deren eigener Film. Obwohl, gegen eine Schutzgebühr würde ich meinen Film teilen. Schon allein der vielen ekstatischen Momente wegen könnte mein Lebensfilm ein Renner … Wenn ich allein an die Kollegen denke, deren größte Verzückung darin bestanden hat, beim Mensch-ärgere-dich-nicht das vierte Männchen als erster ins Häuschen setzen zu können. Doch jetzt bin ich tot und muss nicht mal mehr an diese beamteten Langweiler denken. Das ist die schöne Seite am tot sein. Köstlich!

Ich schlage den Weg ein, der ins Nirgendwo zu führen scheint. Mir folgt eine ganze Heerschar. Unfassbar, wie viele Menschen zeitgleich mit mir gestorben sind. Auch eine große Zahl Kinder ist dabei. Ich setze mich an die Spitze des Zugs. Ein Mann kommt an meine Seite und sagt: „Ich bin froh, dass ich die Kinder nicht allein beaufsichtigen muss.“ „Warum? Die Kinder sind tot.“

Der Weg verengt sich, steigt leicht an und knickt nach links ab. Plötzlich brandet zu unseren Füßen der Verkehr einer sechsspurigen Autobahn. Von der Seite wird langsam eine Fußgängerbrücke heran geschwenkt. Der Mann neben mir macht einen Schritt nach vorn. Ich halte ihn zurück: „Warum so eilig, Kollege? Das Jenseits rennt dir nicht davon.“ Vor uns klafft eine Lücke. Er wäre auf die Autobahn gestürzt. Ob es nötig war, ihn daran zu hindern? Kann man toter als tot sein? Über den Schwenkarm der Brücke schleppt ein Alter ein Brett heran. Er schiebt es in die Lücke zu unseren Füßen. Jetzt können wir die Brücke betreten.

Wir gehen hinüber.

Zwischen vier und sechs

Er zog sich nur ein frisches Hemd an und ging ungeduscht ins Institut, um einen Termin zu vereinbaren. Die Tür zur Anmeldung war zu. Vor der Praxistür der Ärztin lehnte ein kleines Brett. Zwei Arbeiter kamen daher und fragten was. Er beachtete sie nicht. Auf dem Parkplatz traf er die Ärztin. Er sagte, dass er Schmerzen habe. Sie sagte: „Ich fliege um 15:15 Uhr nach Moskau.“
„Können Sie nicht vorher nach meinem Zahn schauen? Ich war in dieser Sache vor einem halben Jahr bei einem Zahnarzt in einer anderen Stadt. Er hat ihn nur gesäubert und ein Medikament reingelegt.“

Sie fühlte ihm einfach in den Mund und tastete nach dem schmerzenden Zahn. Er wunderte sich, denn sie trug keine Handschuh. Hauptsächlich ärgerte er sich, dass er noch ungeduscht war. Es schien ihr nichts aus zumachen. Eine Weile waren sie zusammen unterwegs, wie er dachte, zu ihrer Praxis. Sie schäkerten miteinander und er duzte sie, entschuldigte sich aber, das wäre ihm rausgerutscht. Als sie lachte, zeigten sich bei ihr einige Zahnlücken. Sie duzte ihn später ebenfalls und küsste ihn auf den Mund. Er sagte: „Sie dürfen mich nicht duzen. Ich bin eine Respektsperson.“

Auf einem Platz waren Bänke aufgestellt. Eine improvisierte Veranstaltung wurde vorbereitet. Eine Gruppe Mensch kam daher und strebte in ein großes Veranstaltungszelt, mit ihnen ein Hauptfeldwebel in Uniform, dem der komplette Unterleib fehlte, ein offenbar Kriegsversehrter. Er sagte über den Hauptfeldwebel: „Wenn man mir im Einsatz den Unterleib weg geschossen hätte, würde ich nicht weiter in Uniform rumlaufen.“ Später tat ihm leid, so unsensibel gewesen zu sein, von rumlaufen konnte ja keine Rede sein, und er schränkte ein: „Naja, vielleicht ist die Bundeswehr sein einziger Halt.“ In der Nähe stand sein Fahrrad. Er holte es und radelte los zu ihrer Praxis. Überall standen riesige Wasserlachen, die er durchfahren musste. Sie brauste mit ihrem BMW davon.

    Ein Traum zwischen der Stunde des Wolfes und sechs Uhr. Der Termin ist um 10:30 Uhr. „Wir machen nur Notfallbehandlung“, sagte Frau Doktor am Telefon.

Ausgeschwemmt aus der Besenkammer des Geistes

Schlafforscher haben Testpersonen ins MRT gelegt, um zu erhellen, was im Gehirn eines Schläfers geschieht, und fanden, dass im Schlaf Gehirnflüssigkeit, auch Liquor genannt, in pulsierenden Wellen durch Teile des Gehirns schwemmt und dem Gehirn eine Wäsche verpasst. Daran sind drei Sachverhalte erstaunlich, dass erstens die armen Probanden überhaupt einschlafen konnten, bei dem enormen Lärm der kreisenden Magnete im MRT, zweitens die Schlafforscher nicht auf die Idee kamen, die Liquorwäsche wäre genau durch den widernatürlichen Schlaf im MRT erst hervorgerufen worden.

Beim dritten Aspekt wollen wir einfach gutwillig annehmen, dass die nächtliche Hirnwäsche mit Liquor eine systeminhärente Funktion ist, die allnächtlich auftritt, wenn man ganz normal im gemütlichen Bett liegt und nicht in der beängstigenden MRT-Röhre. Da diese Liquorwellen dem Vernehmen nach nur innerhalb weniger Sekunden durchs Gehirn fluten, könnte durchaus geschehen, dass unzugängliche Ecken nicht gesäubert werden, gleich den finsteren Besenkammern, die zwar Reinigungsutensilien aufbewahren, aber selber höchst selten gereinigt werden. Was dort lagert, kann sich Jahrzehnte ablagern, bis mal ein guter Geist einen Eimer Wasser hineingießt und gründlich den Boden schrubbt.

Aus einer solchen Ecke hat meine nächtliche Gehirnwäsche heute morgen den Liedvers herausgeschwemmt: „Oder darf ich es wagen, zu Ihnen Schwiegervater sagen.“ Ich ahnte noch die Melodie, sang es sogar in der Küche und auf dem Weg zum Bäcker, aber kam nicht auf den Zusammenhang. Woher auch? Der war ja längst weggeputzt – mit bestem Liquor. Vor dem Internet wäre ich darüber schier verzweifelt, hätte vielleicht jemanden fragen können, hätte Passanten auf der Straße laut angesungen: „Darf ich es wagen, zu Ihnen Schwiegervater sagen?“, bis mich einer erlöst hätte und gesagt: „Salvatore Adamo 1964; Gestatten Sie Monsieur?“, also wenn man nicht auf der Stelle zwangsverheirat oder vorher in die Geschlossene abtransportiert hätte.

Nebenher: Wozu Forscher ihre Mitmenschen ins MRT packen müssen, das ahnt der Dichter einfach so: Alphabetmärchen.

The Yellow Kids

Heute Morgen legte ich mich gleich wieder hin. Es ist etwas Wunderbares, aufzustehen und sich wieder hinzulegen im wohligen Gefühl, keinen Termin zu haben und den ganzen Tag nichts zu müssen. Man muss freilich das Gegenteil kennen, wie ich es gut vier Jahrzehnte gekannt habe. Bei Sturm und Regen, Dunkelheit und Eisregen in aller Früh das Haus zu verlassen … Brrrr!
Gerne stehe ich, die Teetasse in der Hand, am Fenster und schaue auf die Ärmsten, die draußen vorbeihasten. Leute in Kapuzenjacken, eine Frau in schwarzen Gummistiefeln. Im stürmischen Regengrau leuchtet nur ein einsam gelbes Blümchen im Beet unten auf. Mein Obernachbar aus dem Dachgeschoss, angetan in Ganzkörperregenzeug schiebt seinen Motorroller vom Hof auf die Straße, setzt einen dicken Helm auf, um gleich loszufahren. Davon werde ich grad so müde, dass ich mich nochmal hinlege, auf die Gefahr hin, wieder einzuschlafen. Das ist ein Risiko, denn ich träume dann ziemlich wild und erwache meistens wie gerädert.

Ich glitt in einen Traum ganz dicht unter der Oberfläche zum Wachsein. Da war ich Beobachter in der Bildzeitungsredaktion. Alle Redakteurinnen und Redakteure trugen hellgraue Jogginghosen aus einer geheimnisvollen LED-Kunstfaser. Diese Hosen waren per Bluetooth mit einem Statistiktool verbunden, dessen Anzeige sich über einen großen Bildschirm verfolgen ließ. Dort waren alle Artikel des Tages aufgelistet, die auf Bild.de erschienen waren. Gemessen wurde die Zahl der Aufrufe. Nach einem geheimnisvollen Algorithmus, der die Zeit nach Erscheinen eines Artikels und die Klicks in ein Verhältnis setzte, färbten sich die Jogginghosen der jeweils für einen Artikel verantwortlichen Redakteure gelb und zwar beginnend im Schritt. Geringe Aufrufe brachten ein Zartgelb, viele Aufrufe ein tiefes Gelb wie Kuhpisse. Beim Chefredakteur Julian Reichelt liefen alle Daten zusammen. War Bild.de insgesamt erfolgreich, färbte sich sein Hemd schweinchenrosa, was einen hübschen Kontrast zur tiefgelben Jogginghose abgab. Natürlich war die Redaktion bestrebt, nicht blass zu bleiben. Man schrieb sich die Finger blutig, um sich digital einzunässen.

Ein schepperndes Röhren kam von der Straße her und riss mich aus dem Alptraum. Ich erwachte schweißgebadet und besoffen von den eigenen Schlafhormonen. Als ich mich mühsam aufgerichtet hatte und ins Bad wankte, stand ich noch sehr unter Eindruck und schwor mir, mich nie mehr nach dem Aufstehen wieder hinzulegen.
Draußen wurde die Straße aufgesägt.

Der Sammelbegriff Yellow Press für unseriöse Sensationsblätter geht auf die erst spät für die Zeitungsrotation entwickelte gelbe Druckfarbe zurück. Um damit zu prunken, erschien ab 1895 in der New York World der erste Zeitungs-Comic „The Yellow Kid.“ Der Name bezieht sich auf das gelbe Nachthemd, mit der die Titelfigur, das Kind Mickey Dugan, bekleidet ist. Tatsächlich gibt es bei Bild.de diese digitale Wandanzeige mit einer Statistik der Klickzahlen, und den Bild-Chef Julian Reichelt hatte ich unlängst im rosafarbenen Hemd gesehen.

Also eigentlich ein Wahrtraum.

Kinobesuch mit Tina – eine Groteske


Im Ruhebereich des ICE beschweren sich Fahrgäste über ein nerviges Ticken. Die Zugbegleiterin macht sich auf die Suche – und findet mich, baut sich vor mir auf und sagt: „Mein Herr, Sie ticken! Ist das eine Bombe?“ „Nein“, sage ich, „die Sache verhält sich so: Allabendlich packe ich meine Wanduhr in die Sockenschublade, um bei Nacht das sinnlose Ticken nicht hören zu müssen. Offenbar ist das blöde Ticken auf meine Socken übergegangen. Die Socken haben ein unerfreuliches Tickgedächtnis. Hören Sie selbst!“ Ich halte ihr den Fuß hin, und sie horcht daran.
„Tatsächlich, Ihre Socken ticken. Wie spät ist es? – äh – Wie kommt das wohl?“
„Ich vermute, ein hippes Berliner Startup-Unternehmen hat diese Textilfasern mit Gedächtnisfunktion erfunden. Und Maschmeyer, der Halunke, hat das Bubenstück finanziert. Man weiß noch nicht, wofür es gut ist, welche negativen Folgen diese Textilien haben, aber man drückt sie schon in den Markt. Der wird’s schon richten. Sie lässt sich neben mir auf den freien Platz sinken. „Oach! Das macht mich fertig!“
Mir ist ihre Anwesenheit angenehm. Sie ist hübsch, und wir können uns offenbar riechen.
„Hören Sie!“, sage ich, „wenn Sie eine Pause brauchen, würde ich Ihnen gerne meinen Traum erzählen, aus dem Sie mich eben gerissen haben.“
„Na gut, wenn’s sein muss.“

      „Ich war mit meiner viel zu jungen Freundin Tina unterwegs in Köln, um ins Kino zu gehen. An der Kasse rannte ich vor und rief zurück: ‚Ich lade dich ein!‘, damit sie nicht sah, dass ich auf meinen Ausweis eine Altersermäßigung bekommen würde. Ein Mann zeigte uns den Weg zum Kino. Da waren zwei. Versehentlich stellte ich mich beim falschen Film an, bemerkte aber flott meinen Irrtum. Ich wähnte Tina hinter mir, aber als ich mich von der falschen Eingangsschlange abwandte, war sie nicht da. Offenbar war sie mal wieder zu klug gewesen, hatte direkt gesehen, dass dies das falsche Kino war und war zum richtigen gegangen. Ich eilte zum richtigen, sah sie aber nirgends. Unterwegs gabelte ich eine ältere Platzanweiserin auf. Sie war bestrebt mir zu helfen. Am richtigen Kino riss man meine Karte ab, und ich ging hinein. Dort sah ich Tina auch nicht. Ich fragte die Platzanweiserin, ob sie eine Durchsage machen könne. Sie verneinte, das könne nur die Frau im Eiskeller. Dieser Eiskeller hatte ein aus Klinkern gemauertes Tonnengewölbe, war mehr eine Röhre, in dem einige Leute in Stuhlreihen saßen und auf ein Bett an der rückwärtigen Wand blickten. Darin lag die Frau. Sie war blass und schnatterte. ‚Das hier ist der Eiskeller!‘, sagte sie wie zur Erklärung. Das wusste ich ja schon, ich war ja ausdrücklich hergekommen. Ich sagte: ‚Ich vermisse meine Freundin. Können Sie bitte eine Durchsage machen!‘ Sie sagte: ‚Nein, das kann ich nicht.‘

      Ich hatte nichts anderes erwartet. Wie sollte das auch gehen aus dem Krankenbett heraus. Also stieg ich die Stufen wieder hinauf zum Foyer. Die Platzanweiserin schaute mich entschuldigend an und sagte: ‚Ihre Freundin wird gewiss das tun, was man in den Medien bei RTL und überall rät, zurückzugehen zu dem Punkt, wo man sich verloren hat.‘

      RTL also. Ich hätte nie gedacht, dass vom Drecksfernsehen mal die Rettung käme, machte mich aber auf den Weg zum besagten Punkt. Er führte mich durch ein verwinkeltes Neubaugebiet. Plötzlich kam Tina um die Ecke, sah im Augenblick sehr gestresst und alt aus. Wir sanken uns in die Arme. ‚Lass uns das vergessen und wieder zusammenspannen‘, sagte Tina. Das war klug. Ich strich ihr über die blaugefärbten Haare und fand, dass ein grauer Schleier darüber lag. Wir gingen zum Kino, und ich hoffte, der Film hätte noch nicht angefangen.“

    Ich schaue die Zugbegleiterin an, die inzwischen im Sitz zusammengesunken war. „Können Sie mir den Traum deuten?“
    „Nein“, sagt sie, „aber ich glaube, Sie ticken nicht richtig.“
    „Dann ist es quasi amtlich?“

Und was ist jetzt mit dem verdammten Bus?

Als ich nach draußen kam, befand sich die öffentliche Ordnung in Auflösung. In einem Klima von Angst und Gewalt rannte alles durcheinander. Den Grund konnte ich nicht sehen. Da war eine Gruppe, der ich mich anschloss. Eine junge Frau warnte: „Der Bus kann in fünf Minuten wieder hier sein!“ Wie ich noch rätselte, was es mit dem bedrohlichen Bus auf sich haben könnte, hörte ich ein anschwellendes Motorengeräusch. Es kam über eine Nebenstraße heran, so rasch, dass kaum Zeit blieb zu reagieren. Das Brummen zu hören und den Bus auftauchen zu sehen, war eins.

Die gesamte Gruppe stob davon. Wir hatten vor einem freistehenden Klinkerbau aus den frühen 1970-ern gestanden. Die anderen rannten nach rechts, ich rannte nach links ums Haus herum. Hinter mir hörte ich den bedrohlichen Bus bremsen, vor mir war ein Erdhügel vom Kelleraushub, wie man ihn oft bei Neubauten findet. Er war mit Unkraut überwuchert, aber ob er mir ein Versteck bieten könnte, erlebte ich nicht mehr, denn als ich voller Angst auf den Hügel zu rannte und hinter mir die Pressluft der sich öffnenden Bustür zischte, zuckte ich zusammen und rutschte aus dem Traum. Augenblicklich klingelte die Briefträgerin mich wach.

Später schaute ich in meinen Briefkasten. Die leere Blechkammer gähnte mich an. Die Postbotin hatte also meinen Traum unwiederbringlich abgeschnitten, obwohl sie nicht einmal Post für mich gehabt hatte. Was bleibt, ist das Beispiel einer außersinnlichen Wahrnehmung, eine Störung in der Abfolge der Ereignisse, wie sie Lichtenberg beschreibt, aber bei mir ganz ohne Kaffee. Deshalb vermute ich etwas anderes als Lichtenberg: Das galaktische Betriebssystem rumpelt.

[Zitat abgeschrieben von mir aus: Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher]

Auf die Zunge gebissen

Einige Tage habe ich vergeblich versucht, mich an ein Traumbild zu erinnern, in dessen Folge ich mir auf die Zungenspitze gebissen habe. Das Traumbild einer Frau hatte mir in Breitwand so klar und deutlich vor Augen gestanden, und dann war es im gleichen Traum durch die reale Frau entzaubert worden. Da biss ich mir auf die Zunge, nicht im Traum, sondern tatsächlich, obwohl das eine wie das andere gleich weh getan hätte, wie ein geträumter Zungenbiss ebenfalls Spuren hinterlassen würde. Weil es in meinem Bett derart gefährlich wurde, bin ich aufgestanden. Es war sechs Uhr.

Hinfort versuchte ich mich ans Traumbild zu erinnern, in dessen Folge ich mich gebissen hatte. Es waren meine eigenen Zähne gewesen, kein Gebiss hatte zugebissen wie das des belgischen Cartoonisten Kamagurka:

    Ich wurde durch meinen Zahnarzt reingelegt.
    Der Scheißkerl hat mir ein falsches Gebiss verpasst.
    Ein sehr falsches Gebiss.
    Es beißt ohne vorzuwarnen.

    (Aus: Kamagurka; Kamiel Kafka’s nog niet verzamelde werk, Antwerpen 1997 –
    aus dem Niederländischen übersetzt von Jules van der Ley)

Ich hatte schon alle Hoffnung aufgegeben, als ich am Samstagmittag an einer Plakatwand vorbeikam. Dort war in Gesicht und Farbgebung mein Traumbild zu sehen. Es zeigte genau diese stylische Gesichtslarve, die ich geträumt hatte, auch mehrmals nebeneinander, was mir rätselhaft erschien, als ich mich noch zu erinnern versuchte. Ich hatte dieses Gesicht geträumt, das bei alltäglicher Beleuchtung, ungeschminkt und ohne Weißhaarperücke nur ein enttäuschender Abglanz wäre.

Foto: JvdL

Ich schwöre, ja, ich schwöre dir, dass ich das Plakat vorher nie gesehen habe, an die manieristische Typografie von gespiegelten und gestürzten Lettern würde ich mich erinnern. Anna Loos ist mir auch sonst nie sonderlich aufgefallen, das schwöre ich auch. Verflixt, jetzt habe ich mir schon wieder auf die Zungenspitze gebissen!