Aus dem Off – Bitte wappnen Sie sich

Heute gegen sechs Uhr erwachte ich, mochte nicht aufstehen und geriet in einen dösigen Schlaf, einen von diesen, die gefährlich sind für die geistige Gesundheit. Da träumte ich den Unterschied zwischen einem Polizeieinsatz und einem Polizei-Einsatzkommando. Letzteres muss aus gegebenem Anlass angefordert werden. Ein Polizeieinsatz aber kann auch eine Gruppe von Polizisten sein, die eine Tonne hochvoll mit leeren Bierflaschen zur Pfandrückgabe bringt. Denn eine solche Tonne ist schwer zu fassen und zu tragen, so dass schon mal fünf (!) Polizisten Hand anlegen müssen.

Natürlich darf eine solche Polizeieinsatzgruppe mit Blaulicht zum Supermarkt fahren. Dort springen alle raus, die Leute denken: „Huch! Jetzt wird die Einhaltung der Maskenpflicht kontrolliert!“ Wer keine Maske hat, zerrt wie dereinst Mr. Bean die Unterhose durch ein Loch in der Hosenttasche und zieht sich [Achtung! Bitte wappnen Sie sich! Jetzt folgt das hässlichste Wort der Welt] zieht sich den Schlüpper übern Kopf – aus virologischer Sicht hochproblematisch, aus linguistischer Sicht schwerst bedenklich. Die Polizei drückt ein Auge zu und lässt den Beschiss gelten, wenns kein Schlüpper mit Eingriff ist.

Derweil stürmt das Polizei-Einsatzkommando eine Veranstaltung namens Freiwillige-Corona-Ermüdungs-Abschlussvorstellung und knüppelt auf alle Besucherinnen und Besucher ein. Die meisten sind nämlich illegal. Geladen sind nur Haubitzen und Baulöwen.
Sie lesen, meine lieben Damen und Herren, wie es derzeit bestellt ist um mich. Drum muss ich die Blogpause leiderleider verlängern, etwa 20 Zentimeter für jedes Ohr.
Übrigens: Gummibänder sind das neue Klopapier.

Zirkus des schlechten Geschmacks – Weißes Fähnchen

Seit 15 Jahren schreibe ich in meinen Blogs in dieser Rubrik gelegentlich meine Meinung zu gesellschaftspolitischen Themen. Zum ersten Mal wünsche ich mir, völlig falsch zu liegen, wünsche mir, bald von den Entwicklungen widerlegt zu werden. Liege ich falsch, macht es nichts, denn so oder so wird mein Text wie ein weißes Fähnchen sein, das im medialen Sperrfeuer untergeht. Seit Beginn der sogenannten Corona-Krise, habe ich alle Maßnahmen gegen die ausgerufene Pandemie misstrauisch beäugt, habe mich innerlich aufgelehnt gegen die plötzliche Erhebung von Virologen zu medialen Popstars. Für mich waren diese Leute die falschen Propheten der Apokalypse. Dabei sind sie vermutlich nur die nützlichen Fachidioten einer weltweiten sozialen Krise und sich der Tragweite ihrer nassforsch ausgeplauderten Weisheiten nicht bewusst. Wie sollten sie auch? Die Vorlesungen zur medizinischen Soziologie haben sie vermutlich geschwänzt, und niemand hat ihnen beigebracht, den Verlockungen medialer Aufmerksamkeit zu widerstehen. Ich würde den Drohszenarien der Virologen und epidemiologischen Mathematiker gerne vertrauen, wie sie täglich von den durchgeknallten Medien getrommelt werden, wenn durch sie nicht die Abschaffung demokratischer Rechte in erschreckendem Ausmaß legitimiert würden.

Wenn es einst hieß, dass unsere Kampagnenjournalisten mal wieder eine Sau durchs Dorf treiben, so war ein Ende des Leidenswegs abzusehen, doch derzeit wird die arme geschundene Sau von einem Ende zum anderen gepeitscht, so dass sie kopflos hin und her prescht. Unklar ist, wer in der Rolle der Sau steckt, vielleicht die meisten von uns.

Derzeit wird bundesweit eine Maskenpflicht eingeführt. Zehntausende sitzen zu Hause und nähen Masken, deren Wirksamkeit umstritten ist. Kürzlich berichtete ein Publizist von zwei Leuten im Auto. Beide trugen einen Mund-Nasen-Schutz. Er fand das Szenario dadaistisch. Dada ist unschuldig, aber Gaga könnte man die absurdistischen Geschehnisse nennen. Sie sind Ausdruck einer gigantischen Desorientierung. Ich würde glauben, dass es bei allem um den Schutz unserer Gesundheit geht. Doch kann man das glauben, wenn unsere Regierenden Maßnahmen beschließen, die sich mit unfassbarer Brutalität gegen die Schwächsten in unserer Gesellschaft richten? Ist nicht der Schutz der Familie sowie der Schutz des Kindes ein ebenso hohes Gut? Alles wäre weniger verdächtig, wenn es nicht daherkäme wie aus dem Drehbuch des Neoliberalismus zur Abschaffung der lästigen Demokratie. Dazu gehören die propagierte „soziale Distanz“, Apps zum Bewegungstracking, das zunehmende Diktat der bargeldlosen Bezahlung, die Knechtung der Armen. (Vergl. den Kommentar von Arno Luik) An ein Drehbuch des Neoliberalismus dachte ich von Beginn der Corona-Krise an, aber konnte mir die Frage „cui bono?“ nicht beantworten. Wenn man liest, dass große Unternehmen Milliarden Staatshilfen kassieren, doch Dividenden in ebensolcher Höhe zahlen wollen, wissen wir, wer die Nutznießer sind.

Die apokalyptischen Reiter und eine Reiterin, (die in der Johannes-Offenbarung vergessen wurde), (Fotomontage aus der HAZ)

Ein Virologe namens Drosten beobachtet nach eigenem Bekunden, dass die Covid-Fälle in der Berliner Charité zunehmen, das gerade, wenn es überall heißt, dass die berühmte Kennzahl „R“ der neu Infizierten zurückgegangen sei. Wäre Professor Drosten ein guter Arzt und läge es ihm tatsächlich am Gesundheitsschutz der Bevölkerung, würde er ebenso berichten, wie viele Patienten die Charité geheilt verlassen hätten. Denn ein guter Arzt verbreitet keine Panik, sondern spricht Mut zu, weil nur so die Immunabwehr gestärkt wird und die Selbstheilungskräfte von Patienten aktiviert werden. Werden die Geheilten überhaupt gezählt? Höchst verdächtig ist der Umgang unserer Medien mit den Fallzahlen, vergleichen wir mit ihren Jubelarien zu den Verkehrstoten. Da heißt es alljährlich: „Zahl der Verkehrstoten gesunken!“ Warum lesen wir nicht „Zahl der Geheilten von Covid 19 auf Höchstwert gestiegen!“? Warum gibt es nicht ein verlässliches Medium, das Zuversicht verbreitet? Selbst auf die Satiriker ist kein Verlass. Auf dem öffentlich-rechtliche 3Sat macht allabendlich ein Berufszyniker namens Puffpaff den Kaspar und alle lächerlich, die es wagen, den medial verbreiteten Coronawahn zu hinterfragen. Satire tritt nicht nach unten, habe ich gelernt.

In der Sendung Extra3 tritt Satiriker Christian Ehring tatsächlich nicht nach unten, sondern völlig folgenlos nach Donald Trump. Als ob dessen hirnrissige Ideen eine Bemerkung wert wären. Satire soll auch nicht banal sein, keinen Witz machen, den jeder machen könnte, sondern wachen Blickes das Handeln der Mächtigen beobachten. Da reicht es nicht, ihnen per Photoshop eine Pappnase zu verpassen.

Die härtesten Maßnahmen gegen die eigene Bevölkerung beschließt und vertritt Bayerns Ministerpräsident Markus Söder. Sehe ich sein durchaus sympathisches Durchschnittsgesicht im Fernsehen, finde ich, dass er die perfekte Verkörperung von Orwells Big Brother ist. Die verdächtigen Floskeln des Neusprech kamen aber von anderen. Da war die Rede von “Wiedereröffnungs-Diskussions-Orgien“ (Angela Merkel) und „neuer Normalität“, an die wir uns gewöhnen müssten (Jens Span, Olaf Scholz). Es darf also laut Merkel nicht diskutiert werden, was Verfassungsrechtler fordern, dass nämlich jede Beschneidung demokratischer Rechte überprüft werden muss hinsichtlich der Nützlichkeit im erklärten Sinne. Damit ist nicht die Nützlichkeit im Sinne einer Abschaffung unserer Demokratie gemeint. Ich hätte nie gedacht, dass mal ein Jens oder ein Olaf versuchen würde, mir Diktatur als „Normalität“ zu verkaufen – im Zirkus des schlechten Geschmacks.

 

Plausch mit Frau Nettesheim – Human Interest


Trithemius
Was muss ich da lesen, Frau Nettesheim!? Himmel hilf!

Frau Nettesheim

Warum diese Anrufung, Trithemius? Sie sind doch Atheist.

Trithemius

Eine fürchterliche Nachricht: Wolfgang Schwalm, der jüngere der Wildecker Herzbuben, ist unheilbar herzkrank. Und zu allem Überfluss leidet Wilfried Gliem, sein 73-jähriger Sangespartner, an Herzinsuffizienz.

Frau Nettesheim

Man hat es bei den schwer adipösen Männern erwarten können.

Trithemius

„Schwer adipöse Männer“ gelten doch bei Frauen Ihrer Nachkriegsgeneration als stattliche Mannsbilder, Frau Nettesheim, weil sie Wohlstand und Gemütlichkeit verkörpern.

Frau Nettesheim

Ich gebe Ihnen gleich „Nachkriegsgeneration. Sie unverschämter Rabulist stellen eine Behauptung auf und liefern gleich eine Begründung mit, so dass niemand an der Behauptung mehr zweifelt. Ihre eristischen Kniffe sind unterste Schublade.

Trithemius

Aber die Wildecker Herzbuben!

Frau Nettesheim

Sind Ihnen herzlich egal. Was haben Sie mit denen am Hut?

Trithemius

Wegen der sprachmagischen Komponente in der Erkrankung. Nennen sich „Herzbuben“, sangen das Lied „Herzilein“ und sind beide herzkrank.

Frau Nettesheim

Aber Trithemius! Wollen Sie mir die Zeit stehlen? Der Gedanke gibt doch nichts her.

Trithemius

Ich suchte nur nach einem unverfänglichen Thema. Denn eigentlich könnte ich reinhauen.

Frau Nettesheim

Wohin?

Trithemius

In unsere verkommene Medienlandschaft. Das staatstragende Geschwätz, derweil unsere demokratischen Grundrechte in Grund und Boden verordnet wurden, das Tuten und Blasen halbgarer Fakten und wie unser Mainstreamjournalismus die Virologen zu Medienstars aufgebaut hat. Am schlimmsten ist aber die faulige Darstellung der Realität. Nehmen Sie nur die Human-Interest-Storys, die uns die Vorabendmagazine wie „aktuelle Stunde“ (WDR), „Hallo Niedersachsen“ (NDR) und so weiter bieten. Weil man kaum noch ReporterInnen aussenden mag, nimmt man Familien aus dem eigenen Umfeld. Wir sehen, wie die gehobene Mittelschicht mit den Corona-Beschränkungen umgeht. Wie müssen sich Leute in einer engen Wohnung ohne Balkon und Garten verarscht vorkommen, wenn das Fernsehen ihnen Familien aus der weichgezeichneten Rama-Werbung vorführt, wie sie auf der besonnten Terrasse frühstücken, im Garten witzige Sportparcours aufgebaut haben, und es sich gut gehen lassen – mit dem einzigen Problem, nicht in den geplanten Urlaub fliegen zu können.

Frau Nettesheim

Ist die Luft jetzt raus? Denken Sie an die Herzbuben, Trithemius!

Trithemius
Nein! Erinnern Sie sich noch an den Milliardär Warren Buffett und seine Rede vom Klassenkampf der Superreichen? Es war nur die halbe Wahrheit. Die Corona-Krise entlarvt einen unterschwellig geführten Klassenkampf der Mittelschicht gegen das Prekariat. Die „fürsorglichen“ Einschränkungen zielen mit brutaler Härte auf die Ärmsten und Schwächsten.

Frau Nettesheim

Jetzt hat er es doch gesagt.

Einiges über die Magie der gesprochenen Sprache

Einige der Kritkpunkte Platons an der Schrift (lies hier) scheinen durch das Internet widerlegt zu sein. So schwirrt ein Text nicht gänzlich vaterlos durch die Welt. Sein Autor kann ihn gegen Missbrauch, Fehlinterpretation und Veränderung verteidigen. Auch der Vorwurf, dass ein Text zu sprechen scheine, aber wenn man ihn frage, gebe er keine Antwort, stimmt so nicht mehr. Der Autor eines digitalen Textes ist in der Regel noch anwesend und kann zu seinen Aussagen befragt werden. Auch stehen beispielsweise Bloggerinnen und Blogger für ihre Texte ein. Sie verstecken sich zwar manchmal hinter einem Pseudonym, sind aber real existierende Personen. Hinzu kommt ein Vorzug der Blogtexte, an die vor Erfindung des Internets niemand hätte denken können: Die Schrift im Internet ermöglicht wechselseitige Kommunikation, was bislang nur dem Mündlichen vorbehalten war. Diese neuartige soziale Komponente der Schrift führt zu der Idee, dass die Menschen im Netz sich um digitale Herdfeuer versammeln, wie unsere Vorfahren sich ums Feuer versammelt haben, wenn die stockfinstere Nacht herabsank.

Um den Unterschied zwischen solchen Feuerstellen und dem digitalen Herdfeuer zu verstehen, ist es nötig, sich vorzustellen, was es in der Zeit der Mündlichkeit bedeutete, sich ums Feuer zu versammeln. Wo es keine Schrift gibt, ist einer der Ältesten die Bibliothek. Er bewahrt die Erfahrungen und das Wissen einer Kultur wie auch die geschichtlichen Ereignisse in seinem Gedächtnis. Diese Erinnerungen sind von einem Alten auf ihn gekommen, als er selbst noch jung war. Aber er speichert natürlich auch neue Ereignisse und Erfahrungen. Damit er alles besser behalten kann, wurden der Reim und das Lied erfunden. Bei den Germanen wie in vielen mündlichen Kulturen gab es einen alten Rechtsbrauch. Wenn ein neuer Grenzstein gesetzt wurde, nahm man einen Knaben mit und versetzte ihm an Ort und Stelle eine kräftige Ohrfeige, damit er sich immer an die Stelle erinnerte, wo der Grenzstein gesetzt worden war. Manchmal zog man ihn auch schmerzhaft am Ohr. Unser Wort Zeuge meint eigentlich das am Ohr ziehen.

Stellen wir uns so einen Bewahrer der Erinnerungen vor. Nennen wir ihn Gisli. Denn es ist wichtig, den Personen einen Namen zu geben. Alte Erzählungen, etwa die Sagen der Isländer, fangen beispielsweise so an: „Da war ein Mann, der hieß Gisli …“ Sofort tritt da jemand vor unserem geistigen Auge auf und es kann mit der Erzählung losgehen: Die Sonne sinkt. Gleich fällt uns die Nacht auf den Kopf!

Hast du einmal hingefühlt, wie sie ist, die Nacht? Ist sie nicht wie ein dunkles Wesen, rätselhaft und manchmal beunruhigend? Und ist sie nicht wunderbar, wenn wir uns sicher fühlen? Wenn man zum Beispiel geschützt im Bett liegt und hat einen lieben Menschen in der Nähe? Dann darf sie ruhig kommen, die Nacht. Dann darf sie dich umfangen und hinweg tragen in das Land der Träume. Angst und Geborgenheit, solche Gefühle stecken in dem kleinen Wort „Nacht“. Denn aus jedem unserer Wörter steigen die Gefühle vergangener Zeiten auf, wenn man sie genauer betrachtet. Alle nächtlichen Gefühle der Menschen von den Anfängen bis heute, die hat der kleine Laut „Nacht“ eingesammelt und in sich bewahrt. So ist es mit alten Wörtern.

Wenn Gisli einst seine Geschichten sang, dann war um ihre Hütten herum tiefe Nacht. Die Nacht war stark und mächtig. Sie legte sich auf die Welt nieder, drang in alles hinein und ließ die Welt für viele Stunden nicht mehr los. Der mächtige Wald ringsum lag in tiefer Finsternis und rückte bedrohlich nah an die Hütten der Menschen heran. Da war nirgends ein Licht. Die Nacht war eine unerbittliche Herrscherin. Man musste sie fürchten, man musste sie achten.

Gif-Animation: JvdL

In einer solchen Nacht saßen sie in einer Hütte beieinander. Das Feuer knisterte und warf den einzigen Lichtschimmer. Doch jeder spürte jeden. Ihre Gerüche und ihr leises Atmen, das einte sie in dieser dunklen Hütte und gab ihnen Sicherheit. Und dann begann Gisli zu singen. Er öffnete den Mund, und aus seiner Kehle stiegen langsam die vergangenen Jahrhunderte herauf. Gislis heiserer Gesang zog durch den Raum und zog in ihre Herzen. Gislis Gesang von vergangenen Zeiten war ein stetes Schwingen, und allmählich, doch dann immer stärker begannen sie alle in der Hütte mitzuschwingen. Ihre Kehlen formten Gislis Laute nach, wie wir es noch heute beim leisen Lesen tun. Ihre Kehlen formten das Echo, die uralte Echolalie. In Gislis Gesang, da wurden sie eins. Es war eine Stimme, die da sang: ihre Stimme. Und in ihren Stimmen waren die Stimmen all ihrer Vorväter. So war Gislis Gesang. So hatte er ihn vom Ältesten gelernt. Und der Älteste hatte ihn als kleiner Junge von seinem Ältesten gehört. Das war eine lange Reihe von Meistern und Lehrlingen, eine lange Folge von Sängern. Sie zieht sich tief hinab in die Jahrtausende und verliert sich im Dunkel der Zeit. Und ganz tief unten, in der Nacht der Menschheit, am Anfang dieser langen Reihe der Sänger, da kehren wir alle zurück zu den ersten Menschen, zurück ans Feuer der Uralten.

Man kann sich vorstellen, dass die Sprache für die Menschen ohne Schrift etwas Magisches bedeutete. Mit ihr ließen sich vergangene Zeiten heraufbeschwören, die Verbindung zu den Ahnen herstellen, aber vor allem das Gemeinschaftserlebnis stärken.

Das alles ändert sich mit dem Aufkommen der Schrift. Geschriebene Sprache ist in vielerlei Hinsicht unsinnlich. Die Alten werden ab jetzt nicht mehr geachtet. Weil es ja Bibliotheken und Nachschlagewerke gibt, werden sie nicht mehr gebraucht. Wir wollen die mündliche Kultur nicht idealisieren. Schrift hat auch viele Vorteile. Doch klar ist, dass sich die Sprache unter dem Einfluss der Schrift verändert hat. Und nicht nur das Verhältnis der Menschen zu ihrer Sprache verändert sich, auch ihr Denken und Fühlen ist anders. Die Schrift ermöglicht die Trennung von Mensch und seinem Wort, Kommunikation aus der Ferne, sprachlichen Austausch über Zeit und Raum. Dadurch vereinzelt der Mensch. In der Schriftkultur ist jeder Mensch in ein einsames Universum verbannt.

Wir benutzen Schrift nicht nur zum Austausch von Informationen. Manche von uns versuchen sich in Poesie und Literatur, was nichts anderes ist, als der Sprache ihre Magie wieder zu entlocken. Manche tauschen nur einfache Freundlichkeiten aus. Diese Äußerungen wirken auf Außenstehende banal, weil man den Informationsgehalt vermisst. Aber diese schriftlichen Freundlichkeiten haben einen ganz anderen Sinn. Sie sind Streicheleinheiten aus der Ferne.
All das bietet uns das digitale Herdfeuer. Es ist nicht fassbar, aber tut trotzdem gut.

    Wiederveröffentlichung vom Oktober 2015

EDIT:13.04.2020
Das digitale Herdfeuer ist wegen der Corona-Beschränkungen demokratischer Grundrechte aktueller und nötiger und denn je.

Als die Glocken nach Rom geflogen waren

Wie die Glocken nach Rom geflogen sind, habe ich nicht gesehen, obwohl meine Mutter meinen Blick in den bewölkten Himmel gelenkt hatte. „Da!“, sie hätte die Glocken gesehen, sagte sie. Weil ich aber Wange an Wange mit ihr nach oben geschaut hatte, glaubte ich kaum, dass die Glocken auf dem Weg nach Rom über unser Haus geflogen waren. Dass die Glocken in Rom wären, um beim Papst Milchbrei zu essen, so wurde bei uns auf dem Dorf erklärt, warum die Glocken von Gründonnerstag bis zum Ostersonntag schwiegen. Stattdessen zogen die Messdiener dreimal am Tag mit Rasseln durchs Dorf.

Mein fünf Jahre älterer Bruder war Messdiener. An diesem Karfreitagmorgen durfte ich an seiner Statt mit dem Fahrrad unsere Straße hochfahren und die Rassel schwingen. Es hatte gerade geregnet. Ein milder Frühlingsregen war das gewesen. Die Natur hatte ihn bereitwillig aufgesogen. Ich erinnere mich an den erdigen Duft, der von der Straße aufstieg. Sie war zu dieser Zeit noch nicht asphaltiert und von den Regentropfen feucht gesprenkelt. Ich wusste, dass meine Aufgabe wichtig war und schwang die Rassel voller Inbrunst. Aus heutiger Sicht nichts Besonderes, doch für mich im Alter von fünf Jahren ein kleines Hochamt.

Aus meinem Tagebuch vom März 1997

(Der Beitrag ist eine Wiederveröffentlichung vom 25. März 2016)

Ein Bettabenteuer

    „Ich kenne einen Schriftsteller, der, nachdem er sich Wochen hindurch vergeblich abgemüht hatte, einen geeigneten Stoff aufzutreiben, endlich auf den possierlichen Gedanken kam, eine Entdeckungsreise unter seine Bettstelle zu veranstalten. Das Ergebnis des waghalsigen und gefährlichen Unternehmens war jedoch, wie jedermann ihm, der es bewerkstelligte, zum voraus hätte sagen können, gleich Null.“
    (Robert Walser, Das Zimmerstück)

Ich habe unter meinem Bett nachgesehen, aber nicht um ein Thema zu finden, sondern weil das undankbare Teil erneut unter mir eingebrochen ist. Vor nun fast elf Jahren ist es schon einmal geschehen. Ich kam von einer pataphysischen Forschungsreise zurück und hatte im ICE gesprächeshalber den ägyptischen Sonnengott Re beleidigt, dessen Name bei Nacht nicht genannt werden darf. Die unbotmäßige Namensnennung war eher versehentlich geschehen, so dass ich hoffte, Re oder Ra würde sie nicht rachsüchtig ahnden. Was dann geschah, hier im O-Ton:

    Gegen zwei Uhr in der Nacht legte ich mich ins Bett und war der Meinung, meine pataphysische Forschungsreise sei nicht nur erfolgreich gewesen, sondern auch ohne nennenswerte Zwischenfälle verlaufen. Sollte der ägyptische Sonnengott, dessen Namen ich vorsichtshalber jetzt nicht erwähne, sollte er einen Groll auf mich gehabt haben, so hatte er mich offenbar nicht gefunden. Im selben Augenblick gab mein Bett Geräusche. Obwohl ich mich nicht bewegte, begann es mehr und mehr zu knarren. Das Knarren ging in ein Knarzen über, dem Geräusch von brechendem Holz. Dann eine Sekunde des Verharrens, und indem ich aufatmete, brach mein Bett ein. Die Matratze sackte unter mir nach unten und blieb dann in der Schwebe.

    Ich machte Licht, stand auf und betrachtete den Schaden. Dazu musste ich das Bettzeug ausräumen und die Matratze hochstellen. Unter der Mitte meines Bettes hatten sich zwei breite Stützen befunden. Beide waren abgebrochen und hatten mir damit einen leisen Schrecken eingejagt. Da musste ich schmunzeln. Offenbar war die verderbliche Anweisung des ägyptischen Sonnengottes nicht ordentlich ausgeführt worden war, als er selbst die Sache nicht überwachen konnte, weil er bekanntlich bei Nacht nicht da ist. Da ich nicht mitten in der Nacht zu tischlern anfangen wollte, schob ich einen alten Setzkasten mitten unter mein Bett und erhöhte ihn durch zwei Versandhauskataloge und die beiden abgebrochenen Bretter. Das hält, und ich schlief ziemlich gut auf dem Relikt der Schwarzen Kunst, den tausendfachen Verheißungen der Kataloge und zwei stabilen Stützbrettern.

Vor einigen Jahren schon hatte mein Sohn den Schaden repariert. Vorgestern am hellen Tag nun dachte ich nichts Böses, erst recht nicht an den ägyptischen Sonnengott. Es bestand keine Veranlassung, denn jede Schmach verjährt doch einmal. Ich ließ mich also arglos auf eine Bettkante sinken. Die Seite brach ohne Weiteres ein. Was heißt hier „ohne Weiteres?“ Ich erwarte nicht, dass mein Bett onomatopoetische Gedichte rezitiert, bevor es einbricht. Aber ein warnendes Knarzen wird man doch wohl verlangen dürfen. Alles ging holterdiepolter, zackzack, ratzfatz – die gesamte Leiste, die das Lattenrost tragen sollte, riss auf voller Länge ab und ließ die Matratze absacken. Wer mir jetzt unterstellt, ich hätte zuviel Bettgymnastik betrieben, erkläre mal bitte, wieso mir tags zuvor am Ende einer wirklich schönen Radtour die Kette gerissen ist, weshalb meine aparte Begleiterin und ich gut vier Kilometer zu Fuß gehen mussten. Plausibler ist, hier eine erneute Bestätigung von Murphys Gesetz anzunehmen: „Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen.“ Gemäß der tröstlichen Erweiterung: „[…] und man findet immer jemanden, der es wieder in Ordnung bringt“, brachte mir meine fürsorgliche Begleiterin gestern sechs Klinkersteine und half mir, die Leiste damit abzustützen. Das brachte Entspannung an der Bettenfront, denn ich kann mir jetzt Zeit lassen, bis die Läden wieder öffnen, um ein neues Bett zu kaufen.