Das Fenster zur Welt – Eine wahre Geschichte

Drei an ihr Bett gefesselte alte Männer liegen im Krankenhaus auf einem Zimmer. Einer liegt am Fenster und kann hinausschauen. Den ganzen Tag schildert er den beiden anderen, was in seinem Fenstertheater alles vor sich geht. Das erweckte den Neid des mittleren. In einer Nacht stößt er dem Fensterbettbeleger die Medizin vom Nachtschränkchen, die der bei einem Herzanfall benötigt. Der wird wach, erleidet vor Schreck prompt den Herzanfall, findet seine Medizin nicht und ist glücklich verröchelt.

    Nebenbei: Was bedeutet diese Redensart eigentlich? Glücklich verröchelt. Ich weiß nicht, wann sie aufgekommen ist, doch sie muss aus einer Zeit stammen, in der man froh sein konnte, alles hinter sich zu haben. Wir leben heute auf einer Insel des Wohlstands. Das täuscht ein wenig. Die meisten Menschen auf der Welt haben ein derart hartes Leben, dass ihnen die Redewendung unmittelbar einleuchten muss. Und trotzdem will der Mensch leben. Er will das Leben unbedingt, auch wenn es hart zu ihm ist wie ein strenger, böser, rachsüchtiger Schulmeister, einer, der die Menschen hasst. Das Leben ist ein Misanthrop. Man muss Wohlverhalten zeigen, um keins drüber zu kriegen. Was aber ist Wohlverhalten? Wonach soll man sich richten? Manche sagen, „du musst ein Schwein sein“, um die Gunst des kosmischen Schulmeisters zu gewinnen.

Bei den drei Alten im Krankenhaus ging es so weiter: Das Bett des Toten war noch nicht kalt, da verlangte der Neider aus dem mittleren Bett ans Fenster verlegt zu werden. Erwartungsfroh starrte er in die Dunkelheit hinaus und erwartete die Morgendämmerung, um all das Wunderbare zu sehen, was sein Vorgänger immerzu so farbig geschildert hatte. Für diesen Blick aus dem Fenster hatte er gemordet. Die Sonne ging auf. Es wurde kaum hell. Er schaute hinaus in den grauen Morgen. Sein Blick fiel auf eine kahle Brandmauer. Da war nur ein Lichtschacht.

    Die Geschichte, von mir „Fenster zur Welt“ genannt, hörte ich (ohne Unterbrechung wegen „glücklich verröchelt“) in den 1990-er Jahren im niederländischen Radio, Hilversum 3, wo der Moderator Jeroen van Inkel in seiner täglichen Sendung „een waargebeurd verhaal“ [Eine wahre Geschichte] erzählte. Ich habe damals einige davon mitgeschnitten und übersetzt.
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Alles Bio – Über Töne vom Erzeuger

Gelegentlich esse ich in einem Biosupermarkt zu Mittag. Das an der Bäckereitheke angebotene Menü ist meistens vegetarisch, preiswert, und ich sitze an einem der fünf Tische ruhiger als etwa im Marktcafé oder in der Mensa. Die Fachverkäuferin freut sich immer, mich zu sehen. Außerdem kann ich den Bio-Supermarkt fußläufig erreichen. Sonst gehöre ich nicht zu den Käufern im Biomarkt, sondern kaufe kleine Besorgungen im Supermarkt gegenüber, also nicht mehr bei Edeka, weil ich da die Verkäuferin mit den schönsten Augen nördlich der Alpen vermisse.

Die typischen Kunden des Biomarkts wirken auf mich ziemlich egozentrisch und benehmen sich im Selbstverständnis, eine bessere Sorte Mensch zu sein. Man wird unter denen niemanden im popeligen Pitbullsmoking treffen, an dessen Hosennaht in Riesenlettern ADIDAS steht. Die männlichen Kunden bevorzugen, einen gewissen Jack Wolfskin auf dem Buckel zu tragen.

Kürzlich, ich löffelte meinen feurigen Bohneneintopf, trat einer an die Theke, der trug auf seiner arschlangen schwarzen Jacke ein seltsames Logo. Der Mensch verfügt ja über drei Körperöffnungen zum Hervorbringen von Tönen, Nase, Mund und das Schallloch hinten unten. Just über dem Gesäß hatte die Jacke drei geschwungene Linien, mit denen gemeinhin Schall gekennzeichnet wird.

Ich weiß nicht, was der Designer der Jacke sich dabei gedacht hat. Ist das Symbol als Warnung zu verstehen? VORSICHT ARSCH TÖNT! Zeigen die drei Bögen Pupser an, von laut nach leise? Oder kann man mit der Jacke telefonieren, muss dazu aber das Ohr an den Hintern ihres Trägers halten? Dann sollte man sich besonders vor den leisen Tönen in Acht nehmen. Ich hörte zur Sicherheit auf zu essen, denn er stand höchstens drei Schritte vor mir und kaufte irgendein schwer verdauliches Brot, quasi neues Betriebsmittel für seinen speziellen Lautsprecher. Indem ich das Logo in mein Moleskinbuch zeichnete, fragte ich mich, welcher Clown ihn wohl geritten hatte, sich diese Jacke zu kaufen. Wer findet das gut? Analfixierte? Wikipedia belehrt: „Der ‚anale Charakter’ ist penibel, ordnungsliebend, zwanghaft, sparsam, starrsinnig usw.“ Dieses „usw.“ bedeutet vielleicht im speziellen Fall: “manischer Kunstfurzer” Zum Glück alles Bio.

Episode aus dem Lehrerdasein (4) – Notenverhandlung

Ein Freund schrieb mir von seiner Ärztin. Ihr in unseren Breiten ungewöhnlicher Name erinnerte mich daran, dass ich als Lehrer zwar nicht sie, aber vermutlich ihren Ehemann und den Sohn gekannt habe. Ich unterrichtete ihn in Deutsch. Leider war der recht begriffsstutzig und auch nicht besonders lernfreudig, eher unwillig, so dass ich nicht umhin konnte, seine Leistung mit Mangelhaft zu bewerten. Darauf sagte sich der Vater zu meiner Sprechstunde an. Ohne sich für meine Einlassungen zu interessieren, wie etwa der Sohn seine Leistungen verbessern könnte, sagte er: „Für mich als Professor der Augenheilkunde ist es undenkbar, dass mein Sohn in Deutsch eine Fünf bekommt.“ Ich sagte: „Ich benote ja nicht Sie Professor der Augenheilkunde, sondern die Leistung Ihres Sohnes, und die ist leider mangelhaft.“

Wir schieden nicht einvernehmlich. Er kündigte an, sich diesbezüglich an den Direktor zu wenden, was ihm aber nicht half. In der Notengebung ist der Direktor einer Schule nicht weisungsbefugt. Ich hatte ja schon erlebt, dass Eltern die Noten ihrer Kinder gesundbeten wollten, aber dass Eltern aus ihrer gesellschaftlichen Stellung den Anspruch auf gute Noten für ihre Kinder herleiten, war mir zuvor nicht untergekommen. Derlei Vorstellungen existieren vermutlich in den Köpfen bestimmter Eltern, aber es ist nicht üblich, sie so dreist zu äußern.

Für Lehrpersonen ist es überdies gefährlich, sich auf derlei Ansinnen einzulassen, denn es spricht sich herum. Man gerät in den Ruch, leicht einzuknicken, und ruft Nachahmer hervor. Ich habe erlebt, dass ein Kollege in der Zeugniskonferenz ein Ausreichend in seinem mündlichen Fach in ein Befriedigend geändert hat, weil ein juristischer Widerspruch der Eltern gegen die Vier vorlag. Ihr Kind benötigte einen Ausgleich in einem wissenschaftlichen Fach, um versetzt zu werden. Den Grund für sein Einknicken nannte der Kollege offen. Er hatte das aufreibende Widerspruchsverfahren gegen eine Note schon einmal durchgemacht und scheute den emotionalen Stress und den Arbeitsaufwand. „Ich verderbe mir sonst die ganzen Ferien.“ Sprachs mit zitternden Fingern und setzte die Note herauf.

Simulation am Reck

Wenn ich mich unter Alkoholeinfluss komplexen Dingen widmen will, hänge ich wie ein nasser Sack an einer Reckstange und versuche Klimmzüge. Am Folgetag muss ich mich schelten, nicht die kleinste Aufwärtsbewegung geschafft zu haben. So ist es mir gestern in der Küche von Filipe d’Accord ergangen, als ich das Problem der Simulationshypothese angesprochen habe, wobei mir nicht mal der Begriff eingefallen ist. Obwohl Filipe im Hauptberuf Quantenphysiker ist und sich wie der kluge Herr Putzig bemühte, aus meinem Zappeln am Reck etwas Sinnvolles zu erkennen, kamen wir nicht weit.

Neuer Versuch: Die Simulationshypothese ist ein Denkmodell des Philosophen Nick Bostrom. Es geht darin um die Idee, die Welt, die wir als Wirklichkeit wahrnehmen, sei eine Simulation. Soweit nichts Neues. Man kennt Ähnliches aus den Matrix-Filmen. Schon im Jahr 1964 veröffentlichte der US-Autor Daniel Francis Galouye den SF-Roman „Simulacron-3“, von Rainer Werner Fassbinder 1973 als „Welt am Draht“ verfilmt. Simulacron-3 handelt von einem Computersystem, genannt TEAG („Test AG“), in dem zu Marktforschungszwecken eine ganze Stadt mit 10.000 Bewusstseinseinheiten simuliert ist, die sich als reale Bewohner dieser Stadt erleben. Die Hauptfigur, ein Informatiker, arbeitet an diesem Simulationscomputer. Ungereimtheiten im Ablauf seiner Welt bringen ihn zur Erkenntnis, dass er seinerseits nur eine Bewusstseinseinheit in einem größeren Simulationscomputer ist. Derlei Ungereimtheiten entsprechen den Erfahrungen, die ich hier, hier und hier als selbst erlebte „Störungen im galaktischen Betriebssystem“ aufgeschrieben habe.

Über Nick Bostroms Simulationshypothese las ich bei Telepolis, dort „Simulationstheorie“ genannt. Im Artikel „Kann die Simulationstheorie zur Apokalypse führen?“ wird die Frage erörtert, ob es ratsam sei, unsere Realität anzuzweifeln. Der junge Philosoph Preston Greene von der NTU Singapore habe in der New York Times die Meinung vertreten, den Simulationscharakter unserer Welt zu entlarven, sei entweder langweilig oder „extrem riskant.“ Riskant deshalb, weil die Betreiber der Simulation sich genötigt fühlen könnten, die Simulation abzuschalten, falls wir Bewusstseinseinheiten an ihr zu zweifeln begönnen.

Dass nun aber der Zweifel an der Realität unserer Welt geeignet wäre, dessen Betreiber zum Abschalten zu bewegen, ist für mich ein Zeichen von Hybris, um nicht zu sagen Größenwahn. Warum sollte er das tun? Weil er Angst hat, dass die eigenen Geschöpfe an ihm zweifeln? Sinnvoll ist die Sorge schon mal gar nicht, weil die Fähigkeit zu zweifeln, jedem gegeben ist. Es ist lebensnotwendig, zweifeln zu können. Wir müssen beispielsweise die Tragfähigkeit einer Behelfsbrücke anzweifeln, um uns nicht in tödliche Gefahr zu begeben. Zweifel ist nicht begrenzbar. Er muss sich auf alle Erscheinungen richten können, auch auf Grundfragen der menschlichen Existenz. Wären wir also solche Bewusstseinseinheiten in einer simulierten Welt, dann wäre der Zweifel systeminhärent und würde den Rahmen der Simulation nicht sprengen. Der Zweifel am galaktischen Betriebssystem und alle Versuche, ihn physikalisch zu untermauern, wären nur Zeichen dafür, dass sich das Simulationssystem, mithin die Sensorik seiner Bewusstseinseinheiten weiterentwickelt.

Das wäre meine Übung am Reck gewesen. „Wäre, wäre, Fahrradkette!“

Temperatursturz, Orthographie und Busfahrer

„Man kann natürlich akademisch über Sprache und Orthographie reden, wenn man grad mal nichts anderes zu tun hat“, sagt Professor Jeremias Coster und zündet sich sein Zigarillo mit einem Sturmfeuerzeug an. Dass er sich trotz der heftigen Böen Feuer geben kann, scheint ihn zu freuen. „Schreiben im Alltag ist oft ganz entfernt von derartigen Überlegungen“, fährt er fort und biegt sich auf seinem Stuhl zur Seite, um aus der Innentasche seiner Jacke einen Zettel zu ziehen, den er, wie er versichert, soeben in einem Einkaufswagen gefunden hätte.

„Sechs von acht Wörtern falsch zu schreiben, ist schon eine Kunst“, sage ich.

„Wenn du den fehlenden i-Punkt bei ‚Eier‘ und die fehlenden Striche über dem a von ‚Käse‘ mitzählst“, sagt er streng. Bei „Kase“ würde er mir folgen und ebenso einen Fehler ankreiden, denn die fehlenden Striche über dem „a“ entsprächen ja dem Buchstaben „e“, der einst über die umlautenden Vokale geschrieben wurde. Es fehle also eigentlich ein ganzer Buchstabe. Der i-Punkt jedoch sei lediglich eine spätere diakritische Hinzufügung. In der karolingischen Minuskel, die ja die Vorlage unserer Kleinbuchstaben geliefert habe, sei der i-Punkt nicht vorhanden gewesen. Folglich dürfe ich hier keinen Fehler anrechnen. Somit sei der Fehlerquotient 5:8, nicht 6:8.

„Überdies ist die kommunikative Funktion eines Textes entscheidend. Wer wollte an einen Einkaufszettel die gleichen Anforderungen stellen wie an ein Bewerbungsschreiben?“, fragt Coster. „Bewerbungsschreiben sind der traurige Höhepunkt der Orthographiefixierung. Die Forderung, originell zu sein und sich trotzdem streng formelhaft auszudrücken, – ein Widerspruch in sich. Andererseits und überhaupt sind natürlich enge Grenzen für die Entwicklung der Kreativität von Vorteil, wenn man Kreativität als die menschliche Fähigkeit der Problemlösung ansieht.“

Eine Windböe fegt über den Platz und lässt nicht nach, wie es in unseren Breiten üblich ist, sondern schwillt an und an, als wollte sie den Gemüsestand vom Platz fegen. Überhaupt, fährt Coster gleichgültig fort, obwohl der Kaffee unter seiner Nase Wellen schlägt, überhaupt sei die Fixierung auf Richtigkeit der Sprache ein Phänomen der Schrift. Wäre unsere Sprache nicht aufgeschrieben, könnte man sie nur schwer beschreiben und mithin auch nicht analysieren. Ein Sprecher könnte dann in seiner Sprache keinen Fehler machen. Denn er sei sein ureigenster Sprachbesitzer, und deshalb könne er mit ihr machen, was er wolle. Alle Kraft der Sprache komme daher, und es sei kein Wunder, wenn die Sprache verflache, da sie doch von allen Seiten geknebelt würde.

Es wäre überhaupt verwunderlich, dass zwar der größte Depp den Artenreichtum beschwört und den Nutzen der Diversität in der Biologie anerkennen würde, dass aber in der Sprache keine Diversität geduldet würde. All die selbsternannten Sprachpfleger mit ihrer Obsession von richtigem und gutem Deutsch wären nämlich in Wahrheit die Totengräber einer lebendigen Sprache.

Wir gehen noch ein Stück des Wegs zusammen. Man dürfe natürlich nicht idealisieren, sagt er, mangelnde Beherrschung der Schriftsprache gehe oft mit schwachem Abstraktionsvermögen einher, was es wiederum schwer mache, einem Außenstehenden einen Sachverhalt zu erklären. Er habe einmal einen Busfahrer der Verkehrsbetriebe gefragt, ob es ein System gebe, nach dem den Busfahrern die verschiedenen Fahrten zugeteilt würden. Der Busfahrer habe gesagt: „Sehen Sie, wir haben die Busse und die Fahrer. Die Fahrer haben alle Namen. Die stehen auf einem Holzschild. Mal wird dem eine Fahrer der oder der Bus zugeteilt, mal dem anderen.“

„Sie müssen natürlich aufpassen, dass nicht versehentlich das Holzschild ans Steuer kommt“, ergänze ich.

Die Wahrheit über den Eiermann

Gegen Morgen erzählte ich einen mir peinlichen Witz. Und gegen Schluss hin hatte ich schon die Pointe vergessen, vielmehr verdünnisierte sie sich, so dass ich den Witz nur zu Ende erzählte aus Gründen der Vollständigkeit und um meine Mutter zu widerlegen, die oft gesagt hatte, ich würde die Dinge nicht fertig machen. Die ganze Schöpfung scheint mir so ein Witz zu sein, dessen Pointe sich leise verdünnisiert. Und sie wird nur der Vollständigkeit halber zu Ende erzählt, bevor die Unterbeamten der galaktischen Registratur alles dicht machen und sich polnisch verabschieden. Keiner lacht. Wir haben ja nur die offizielle Version der Welterzählung. Auf Arte war der inzwischen 78 Jahre alte Eric Burdon zu sehen. Er wurde gefragt, was er mit dem Beatles-Song „I Am the Walrus“ zu tun habe. „Ich war der Eiermann“, sagte Burdon. Er sei mit John Lennon auf einer Sexorgie gewesen. „In einem Kühlschrank lagen Eier.“ Beim Sex habe er einen großen Hintern vor Augen gehabt. John Lennon habe gesagt: “Go on, go get it, Eggman!” Dann habe er, Burdon, auf dem Hintern ein rohes Ei zerbrochen.

Als Jugendlicher war ich begeistert von der B-Seite der Single „Hello, Goodbye“, worin der Eggman besungen wird, und da die offizielle Erzählung damals die sexuellen Eskapaden der Beatmusiker schamhaft verschwieg, verstand ich nur Unsinn, wurde vom Unsinn inspiriert und wurde der Mensch, der ich heute bin. Hätte ich mal gewusst, was es mit dem Eiermann auf sich hat, wäre ich heute ein anderer. So ist das. Wir alle kennen nur die A-Seite der Welterzählung und bauen unser Weltbild aus dieser offiziellen Version, die quasi im rechten Winkel zum wahren Geschehen steht. Und da es nie anders gewesen sein kann, hat sich im rechten Winkel zu den Tatsachen über Jahrtausende dieses gigantische Lügengebäude aufgetürmt, in dem die scheinphilosophischen Einfaltspinsel peripatetisch umherwandeln und was von der neuen Erscheinung „Fake News“ schwafeln.

Brautkleid in Hongkong – Überdruss durch Google News

Gedankliche Ödnis bis zum Überdruss bereitet mir der Google-News-Reader, nämlich das unterschiedslose Nebeneinander von Nachrichten unterschiedlicher Relevanz. Nachrichten im Sinne der Wortherkunft „wonach man sich zu richten hat“ sind sowieso höchst selten, wenn etwa vor Staus auf bestimmten Autobahnen gewarnt wird, vor vergifteten Nahrungsmitteln oder vor drohenden Unwettern. Im Normalfall hat nur der Wetterbericht die Qualität einer Nachricht. [Die folgenden Beispiele stammen von Google News am 14. 08. 2019]
Das Beispiel des Flughafens in Hongkong kann man noch gelten lassen als Nachricht für jene, die einen Flug nach Hongkong erwägen. Darüber hinaus scheinen statt Nachrichten sich die Banalitäten auszubreiten wie ein Flächenbrand. Was ist beispielsweise los mit dem Brautkleid einer gewissen Sarah Harrison? Bestand der „Mega-Eklat“ im Zeigen des „wunderschönen Brautkleids“? Welche Nachricht ist das für mich? Soll ich mich erschießen?

Das wäre vielleicht eine Nummer zu groß für eine Frau, von der ich noch nie gehört habe. Das typografisch gleiche Nebeneinander von echten Nachrichten und derlei Schmarrn bewirkt eine Nivellierung nach unten. Alles verkommt zum Entertainment. Was in gedruckten Zeitungen noch sauber getrennt auf verschiedenen Seiten erscheint – Sarah Harrison dürfte ihr Brautkleid nur auf der letzten Seite zeigen, unter „Panorama“ oder „Vermischtes“, bei Google News steht sie damit neben dem Hongkonger Flughafen und Chinesen bedrohen ihr Brautkleid mit Truppenaufmärschen und Panzern, was natürlich kein Mega-Eklat, sondern im höchsten Maße albern ist. Ts, ts, diese Chinesen!

Was ist überhaupt ein „Mega-Eklat?“ Eklat ist für Wikipedia „ein unerfreulicher Vorfall, der in der Öffentlichkeit für Aufsehen sorgt. Das aus dem Griechischen stammende Präfix „mega“ bezeichnet laut Duden „[…] etwas als besonders groß, mächtig, hervorragend, bedeutend (als Steigerung von Super)“. Sarahs „wunderschönes Brautkleid“ müsste schon übel geschändet werden, etwa indem chinesische Truppen auf dem Hongkonger Flughafen ihr Wasser darüber abschlagen, dass man mit Recht von einem Mega-Eklat schreiben könnte. Eine Faustregel: Je platter der Inhalt, desto größer der sprachliche Aufwand.

Man muss das alles nicht wissen. Es verkleistert unsere Hirne. Und jetzt noch das:
Ich dachte aus Quark.