Digitales Geld in Deppenhand

Eine sehr junge Frau steht vor mir in der Bäckerei und kauft ein Brötchen. Dann zahlt sie den Minibetrag mit ihrem Smartphone. Hält das Ding ans Lesegerät, dreht sich auf dem Absatz herum und eilt davon. „Halt!“, ruft die immer mürrische Verkäuferin, zieht den Bon aus dem Drucker und indem sie ihn verächtlich wegwirft, erlaubt sie: „Jetzt können Sie gehen.“ Die junge Frau hat Deutsch mit Akzent gesprochen, ist wohl aus einem slawischen Land zugewandert und wähnt sich jetzt auf der Höhe der Zeit, in der man Brötchen mit Smartphone, also mit digitalem Geld kauft. Sie bekommt etwas Materielles, ohne zu erleben, was da im Kontakt zwischen ihrem Smartphone und dem Kartenleser geschieht.

Damit liefert sie sich einem völlig unwägbaren Vorgang aus. Niemand, weder sie, die Verkäuferin noch ich, der Beobachter, hat eine Vorstellung davon. Eine gewaltige energiefressende Infrastruktur ist nötig, damit derlei Bezahlvorgänge möglich sind. Und zwischen jeder Zahloperation und dem Bezahlenden greift ein digitaler Wegelagerer eine Gebühr ab. Elon Musk hat sein Vermögen mit derlei Wegelagerei gemacht, indem er 1999 den Bezahldienst PayPal gründete. Bei der digitalen Wegelagerei muss niemandem der Schädel einschlagen werden. Aber man schaut unwägbar für den Betroffenen in seine Jacke, kennt seine Kleidergröße, seine Aufenthaltsorte, seine Routinen, Kaufakte, Vorlieben, handelt mit diesen Daten oder leitet sie an Geheimdienste.

Mit dem Verschwinden des materiellen Geldes verschwindet auch seine Wertigkeit in unserer Wahrnehmung. Goldmedaillengewinner wurden eine Zeitlang fotografiert, indem sie ihre Zähne in die Medaille schlugen, was gewiss auf Zeiten rekurriert, als die Bissprobe echtes von Falschgold unterscheiden half. Nicht beißbar, nicht einmal greifbar und darum unbegreiflich ist digitales Geld. Ein Instrument, mit dem Regierungen willfähriges Verhalten erzwingen können, ist es auch, wie in den vergangenen Jahren, als PayPal das US-Embargo weltweit gegen Kuba durchsetzte.

Ich sehe die junge Frau nochmals auf dem Gehweg, wo sie ihr Fahrrad schiebt, und denke: Du bist die Vorhut unbedarfter hipper Deppen, die das Bargeld und ihre Selbstbestimmung verlieren werden.

Erklärungssagen der Deutschen Bahn (2) – Heute: „Uns wurde kein heißes Wasser geliefert“

Ein BWL-Student namens Ingo hat sich illegal Zutritt zu den Katakomben unter dem Kölner Hauptbahnhof verschafft und erkundet die kilometerlangen Gänge auf seinem Langboard. Da entdeckt er einen aufgegebenen Umkleideraum der Bahnsteig-Putzkolonne und darin an der gekachelten Wand über einem Waschbecken einen 5-Liter-Durchlauferhitzer von Stiebel-Eltron aus den 1950-er Jahren. Zu seiner Freude funktioniert er noch, und da die Bahnsteigreinigung inzwischen aus Kostengründen outgesourct worden ist, erhebt niemand mehr Anspruch auf den Durchlauferhitzer. Ingo trommelt seine Freunde zusammen, und die smarten Jungmänner gründen ein Start-up zum Verkauf heißen Wassers.

Ingo besucht seinen Onkel Ronald (nicht verwandt mit dem sehr guten Bahnvorstand Ronald Pofalla) und erzählt ihm von seiner grandiosen Idee, die ICE der Deutschen Bahn mit heißem Wasser zu beliefern. Der kalkuliert schlau. Niemand weiß, wer die Stromrechnung für den Durchlauferhitzer bezahlt. Folglich ist das heiße Wasser billiger als würde es im Zug mit Bahnstrom bereitet. Da Onkel Ronald in den Ruhestand eintreten will, schließt er mit Ingo noch rasch einen Liefervertrag für 25 Jahre ab. Doch große Panne am 10. Mai 2022. Das Wasser wird und wird nicht heiß, bis Ingo feststellt, dass irgendein Depp den Stecker gezogen hat.

Im ICE nach Dresden kommt an diesem Morgen ein Service-Mitarbeiter an den Platz und offeriert mir Kaltgetränke. Ich bin so früh losgefahren in Aachen, dass ich noch nicht frühstücken konnte und sage: „Ich hätte gerne einen Kaffee.“
„Hab‘ ich leider nicht. Uns wurde kein heißes Wasser geliefert.“
„Verstehe. Sie lassen sich heißes Wasser aus Köln liefern. Wird es vom Adler eingeflogen wie dieser Kräuterschnaps?“
„Lieber Mann, sagt der Service-Mitarbeiter, „unser Zug fährt in den Osten, da haben sie doch nüschts. Klar, dass wir Wasser aus Köln mitnehmen. Das haben schon die Bläck Fööss besungen. „Dat Wasser vun Kölle is joot, ja dat schmeck esu joot.“
„Aber von Abkochen haben sie nicht gesungen.“
„Besser ist das.“

Erklärungssagen der Deutschen Bahn (1) – Heute: „Verspätete Bereitstellung des Zuges“

Die Durchsagen im Kölner Hauptbahnhof gehen im durchdringenden Lärm ein- und ausfahrender Züge unter. Aus dem Tohuwabohu tönt kaum verständlich: „Der Zug nach Dingenskirchen (?) hat 15 Minuten Verspätung. Grund dafür ist eine verspätete Bereitstellung des Zuges.“
„Verspätete Bereitstellung des Zuges“, soso. Wie mag das zugegangen sein? Hatte ein Lokführer am Vorabend ein kräftezehrendes amouröses Abenteuer mit einer Bahnhofswirtin im Hinterwald? Und dann wurde er verspätet wach im Lotterbett, versuchte rasch in seine Hose zu steigen, verhedderte sich in einem tückisch verdrehten Hosenbein, ach nein, es war wohl so:

Die liebestolle Wirtin hat ihm ein Hosenbein verknotet, damit er sich nicht heimlich davonmachen kann mit seinem Triebwagen. Also, der Mann erwacht, hört die Vögel singen, springt aus dem Bett; ihn ruft die Pflicht. Er ist schon auf dem Weg zum Dienst, als sein Bein in der Hose steckenbleibt. In der Hast fällt er aus der Schlafzimmertür und die Treppe hinunter. Die Wirtin erwacht vom Poltern auf der Treppe, ergreift die Trillerpfeife und begleitet seine schändliche Flucht mit schrillen Pfiffen, nein, sie wirft den rosafarbenen Morgenmantel über, eilt zum Treppenabsatz und ruft ihm hinterher: „Wolltest dich wohl einfach wegstehlen? Du bist auch nicht besser als alle anderen.“ Der Lokführer rappelt sich hoch, gewahrt, dass er einen Knoten im Hosenbein hat und ruft: „Das, du notgeile Rosi, wirst du noch bitter bereuen!“, trampelt die hinderliche Hose nieder und entert mit blankem Hintern die im Hinterwälder Hauptbahnhof herumstehende Lok, um sie anzuwerfen und diensteifrig, kein Mensch weiß wo, bereitzustellen, doch ist 15 Minuten verspätet. Genauso? Ein Glück, dass die Bahnkunden rechtzeitig informiert wurden.

„Zu wenig Buchstaben“ besonders Eszett – der Fall Neuß

“Wir hatten im Osten zu wenig Buchstaben“, schreibt Kollege Herr Koske scherzhaft in einem Kommentar. Erlebte ich in meiner Schriftsetzerlehre wirklich, sogar im Westen. Ein Setzkasten enthielt von jedem Buchstaben eine Anzahl, die von der Buchstabenhäufigkeit abhing. Die Schriftgießereien hielten für die verschiedenen Sprachen Gießzettel vor, aus denen die Menge der einzelnen Bleilettern auf einen Zentner hervorging. Das nur in Deutschland gebräuchliche Eszett hat die Häufigkeit von 0,31 Prozent. Auf einen Zentner 8-Punkt-Schrift kamen beispielsweise 60.000 Lettern, davon 10440 e, aber nur 186 ß, Wenn in einem gut gefüllten Setzkasten etwa 100 e lagen, dann gerade mal zwei ß.

Meine Schriftsetzerlehre machte ich in einer Buchdruckerei in Neuss. Neuss wurde bis Ende der 1960-er Jahre Neuß geschrieben. Hatte ich zwei Briefbögen ortsansässiger Unternehmen gesetzt, war der Vorrat an Eszett schon erschöpft. Wenn ich mich dann beklagte, es fehle Schriftmaterial, sagte einer meiner Gesellen:

    „Mit Material kann jeder arbeiten“, mit Betonung auf „mit.“

Diesen Spruch habe ich zeitlebens als Aufforderung gesehen, auch unter schwierigen Bedingungen etwas zu leisten, kreative Lösungen zu finden oder mich mit einem unbequemen Weg zu arrangieren. Dass ich etwas mit der Umbenennung von Neuß in Neuss zu tun gehabt hätte, wagen selbst böse Zungen nicht zu behaupten. Mehr dazu: Weiterlesen

Burtscheider Kursplitter 17 – Abschied von Burtscheid

Ich fahre mit der ASEAG zum Bahnhof, um etwas im Reisezentrum zu klären, treffe auf einen unwilligen Bahnmitarbeiter und muss unverrichter Dinge wieder abziehen. Da ärgere ich mich, dass ich mich habe abspeisen lassen und nicht nach seinem Vorgesetzen verlangt habe. Der Kerl behauptet, er könne mir aus Datenschutzgründen keine vorläufige Bahncard ausdrucken, obwohl ich nachweisen kann, dass die neue bereits bezahlt ist. Sie ist mir nur nicht rechtzeitig vor der Abfahrt zugestellt worden und liegt jetzt gut in meinem Briefkasten. Datenschutz vor wem, mir selbst? Also muss ich mich morgen bei der Heimfahrt eventuell mit dem Schaffner herumärgern. Ein Bettler eilt durch die Fußgängerzone und leiert pausenlos mit weinerlicher Stimme: „Hilfe für 20 Cent!“ Manchmal geht er so schnell, dass man ihm gar nichts geben könnte. Mein achtjähriger Enkel J. sagt: „Ich habe dem schon mal fünf Euro gegeben.“ Meine Tochter erklärt, eigentlich habe J. das Geld bekommen, weil er für sich und einen Freund ein bestimmtes Gimmick habe kaufen wollen. Da hatte ihn wohl das Mitleid übermannt. Plötzlich kommt der Bettler näher, wirft seine Jacke an die Mauer der Eisdiele, sinkt zu Boden und jammert herzerweichend: „Hilfe für eine Eiskugel! Hilfe für eine Eiskugel! Hilfe für eine Eiskugel!“
Die Serviererin geht zur Außentheke und lässt sich eine Eiskugel im Becher geben. Doch er ist schon aufgesprungen, schreit aggressiv: „Hilfe!“ und will davon. Sie ruft ihn zurück und gibt ihm den Becher. Er greift ihn achtlos und geht. „Man sagt danke!“, mahnt sie, „Danke für nichts!“, ruft er und eilt davon. Mein Enkel hat ihn genau beobachtet und sorgt sich, dass die Eiskugel aus dem Becher fallen könnte, weil der Bettler ihn nachlässig schräg gehalten hat. Die Serviererin kommt hinzu und sagt, der Bettler gehe ihr auf die Nerven. Sie wohne in der Nähe und höre ihn nachts um drei Uhr mit seiner Leier „Hilfe für 20 Cent!“ Wir erkennen, dass dem Mann nicht wirklich mit Almosen zu helfen ist, auch nicht mit Eis und fünf Euro. Meine liebste Therapeutin streckt mir zur Begrüßung und zum Abschied die kleine Faust entgegen. Leider wurde sie mir in den drei Wochen von der Therapieplanung nur einmal zugeteilt. Und einmal hatten wir bei der Medizinischen Trainingstherapie (MTT) Gelegenheit, ein paar Worte zu wechseln. Da berichtete sie stolz, am Wochenende erstmals 100 Kilometer mit dem Rennrad gefahren zu sein, da „Richtung Julich“ (Wir Einheimischen sagen Jülich) und weiter über Bergheim und so. Da war sie schon fast in meiner alten Heimat gewesen. Als Radsportler bin ich immer nur in die Gegend und weiter bis zum Rhein gefahren, wenn stabiler Ostwind herrschte, so dass ich bei der Rückfahrt nach Aachen geschoben wurde. Zounds! Mein Skalp schmerzt, als hätte sich jede Haarwurzel gegen mich verschworen, das undankbare Pack. Zuerst habe ich das salzige Thermalwasser in Verdacht, weil ich einmal aus Zeitmangel nicht geduscht habe nach der Wassergymnastik. Meine Tochter meint aber, es wäre wohl eher ein Sonnenbrand auf dem Schädeldach. Kann schon sein, denn ich habe eine Weile auf der Sonnenterrasse in der Sonne gesessen, und musste mir den Jammer einer goldbehangenen Achtzigjährigen anhören. Ohne mich überhaupt richtig wahrzunehmen, fragt sie, ob sie sich setzen dürfe, hebt das gramvolle Antlitz immer wieder vorwurfsvoll gen Himmel. Ihr Mann sei vor einem Jahr gestorben und sie sei damit noch nicht klar gekommen. Dann sei sie nach einer Hüftoperation gestürzt und habe sich die Schulter gebrochen. Das werde nie mehr so verheilen, dass sie sich selber waschen könne. Alles ist schlecht, die Schwestern und die Therapeuten verstehen ihr Handwerk nicht. Erst als sie ihr Handy aus der Gucci-Handtasche nimmt, sehe ich die Gelegenheit zu entfliehen. Folge Sonnenbrand. Mir scheint, dass Begnungen mit Reichen mir nicht bekommen. Gesund oder krank sind Egomane ein Übel.

Burtscheider Kursplitter 16 – Schmättingseffekt

„Guten Tag, ich wollte mich nur vorstellen“, sagt eine Eintretende in Weiß und kommt nah an mich heran. „Ich bin Schwester Yvonne:“ Schwester Yvonne ist eine hübsche Frau, und wie sie sich vor mir aufbaut, erkenne ich ein gewaltiges Ego. Das war vor Tagen.
Gestern kommt sie herein, und ich sage: „Aha, da kommt Schwester Yvonne.“
„Das haben Sie sich gemerkt“, freut sie sich.
„Ich merke mir immer die Namen, wenn sich mir jemand vorstellt.“ Falsche Ansage, findet sie, und ist sichtlich enttäuscht. Sie betritt erneut meine Distanzzone und blättert umständlich in den Papieren, um mir die Therapiepläne für Samstag und Montag auszuhändigen. Früh um acht Uhr. Auf der Treppe zur Turnhalle staut es sich. Offenbar ist die Halle noch nicht auf für das Acht-Uhr-Training. Zwei vor mir in der Reihe steht das Abercrombie & Fitch-Männlein. Beim Eintreffen sage ich: „Guten Morgen! Geht es nicht weiter?“ Er antwortet lachend in seinem Dialekt der Hölle. Der Melodie gemäß, ist es ans Deutsche angelehnt, aber ich verstehe kein Wort. Später im Kraftraum geschieht Ähnliches. Er spricht, und die Leute schauen irritiert. Ganz übel wird es, wenn er sich erregt, wie letztens vor dem Covid-Testraum. Bestellt sind wir für 16 Uhr. Die Testerin öffnet aber erst 16:10 Uhr. Er hat wohl gesehen, dass sie die zehn Minuten telefonierend vertan hat. Jetzt bevorzugt sie auch noch Leute, die von außen zum Test gekommen sind, denn die Teststelle ist öffentlich. Da geht er schimpfend auf und ab und stößt einen erregten Wortschwall hervor. Eine ebenfalls wartende Frau sagt: „Ich habe leider nur die Hälfte verstanden von dem, was Sie gesagt haben.“ „Die Hälfte?“ Ich habe nur „telefoniert“ verstanden und mir den Rest zusammengereimt. In der SF-Kurzgeschichte „Ferner Donner“ von Ray Bradbury begibt sich ein Mann auf eine touristische Zeitreise ins Mesozoikum und zertritt dort unachtsam einen Schmetterling. Dann kehrt er zurück seine Gegenwart und ist in Sorge, den Verlauf der Geschichte verändert zu haben. Zunächst scheint alles wie gehabt. Doch die Sprache der Menschen hat sich verändert und ist für ihn kaum noch zu verstehen. Ich fürchte, des Männleins Vor-, Vor-, Vorfahren haben in grauer Vorzeit ganze Schmetterlingspopulationen zertrampelt.Mein Jugendfreund erzählt mir von einem Kameramann aus unserem Dorf, der mit jenem berühmten Fernsehmann in der Weltgeschichte herumgereist sei, dessen Name ihm partout nicht einfallen will. Nach: „Der mit der langen Nase“, weiß ich, um wen es geht. Normaler Weise dauert es eine Minute, bis mein Hirn gesuchte Namen zu Tage fördert. Jetzt muss ich einen ganzen Eisbecher löffeln und weiß ihn immer noch nicht. Derweil Fritz vergeblich auf seinem Smartphone nach einem Foto von uns Jugendlichen vor dem Rastatter Schloss sucht, google ich vergeblich nach dem Fernsehstar. [Seite vorübergehend nicht erreichbar] „Mit W“, sagt Fritz. Plötzlich rufe ich: „Ulrich Wickert!“ und bin ziemlich enttäuscht, dass mein langes Grübeln nichts Besseres hervorgebracht hat.Im Obstkorb zum Nachtisch Äpfel und Bananen. Eine Frau steht suchend davor, nimmt einen Apfel und legt ihn wieder zurück, eine Banane und legt sie wieder zurück, einen Apfel und legt ihn wieder zurück. „Die sind alle ziemlich gleich“, sage ich, nehme mir Obst und gehe. Da hinter mir eine empörte Frauenstimme: „Sie können doch nicht jedes Obst anfassen!“ Die Wählerische: „Hab‘ ich ja gar nicht.“
„Haben Sie doch! Ich hab‘ genau gesehen, dass Sie alles angefasst haben!“ Weitere Ausflüchte der Wählerischen, jetzt kleinlaut vorgebracht. Ein interessantes Verhalten. Vermutlich hat die ihr schädliches Tun gar nicht bemerkt, ist quasi eine manische Rosinenpickerin ohne Selbstreflexion.

Für Mumien keine Schönheits-OP

Ein 46 Jahre alter Text von mir vom Januar 1976, veröffentlicht in der monatlich erschienenen Studentenzeitschrift Aachener Prisma. Ich würde einiges daran ändern wollen, aber das wäre wie Schönheitsoperation an einer Mumie. Der Text ist dreispaltig auf der von mir gestalteten Seite „Mensch im Wandel“ abgedruckt. Die Überschrift lautet: Gastkommentar: Karl-Georg Meisenberg zum Thema „Glücksspiel
Der Text ist schon mal kein Kommentar, wie Fachkundige sofort merken, ist politisch völlig inkorrekt, doch – he, Leute – ich war jung und brauchte das Geld.
Aber lies selbst:

Eine tolle Glückssträhe hatte unser Verlegenheitsfotograf Hermann Panzer vergangenen Samstag bei einem Pokerspielchen in einer dieser urgemütlichen Aachener Spielhöllen. In kurzer Zeit nahm er einem ortsansässigen Tretmühlenbesitzer zuerst Haus und Hof und später auch noch Hab und Gut ab. Wild entschlossen wagte der darob alles und brachte Frau und Kind ins Spiel.
„Ja, geht denn das, kann man das machen?“, erkundigte Panzer sich vorsichtig.
„Klar“, mischte sich ein zufällig anwesender Frauenhändler ein, „die zwei Weiber bringen in Frankfurt glatt 3 Mille.“
„Also gut, machen wir das Spielchen“, rief Panzer, während seine Wangen jene leichtrosa Färbung annahmen, wie sie allen Kartenhaien zueigen ist. Das sah zuerst schlecht aus für Panzer. Sein Gegenüber tischte einen pfundigen Royal Flash auf. Doch Panzer hatte fünf Asse auf der Hand und konnte zufrieden Frau und Kind einsacken.
„Ich setze Leib und Seel!“, schrie der ehemalige Tretmühlenbesitzer noch, bevor er in die längst fällige Ohnmacht sank.
„Abgründe des Glücksspiels“, versetzte Jost Erlenberger, bevor wir uns daran machten, Panzers Gewinn durchzubringen.
„Lustfeind, Querulant“, konterte der.
Wer hat nu Recht?

Keine Erbsengerechtigkeit

Ich sitze im Speisesaal. Eine junge schmale Inderin tritt neben mich, nimmt einige Radieschenscheiben von meinem Teller und bringt sie hinüber zum Teller auf dem Tisch des Nebenmanns.
Ich rufe: „Hallo!? Was sind das für Mucken? Die Radieschen hätte ich noch essen wollen. Zwar lege ich keinen gesonderten Wert auf Radieschen, aber ich hätte sie gegessen, damit der Kerl am Nebentisch sie nicht bekommt.“
Sie schaut verwundert: „Mein Herr, das sind aber atavistische Regungen. Man kennt derlei von Affen, aber ein kultivierter Mensch sollte sich frei machen können von Futterneid. Neid ist übrigens eine Todsünde!“

„Was wissen denn Sie von Todsünden? Wäre ich eine junge schlanke Inderin, könnte ich auch schlau daher reden, aber würde mich nicht erfrechen, wildfremden Männern in den Teller zu greifen und ihnen Radieschenscheiben zu stibitzen.“
„Ich habe mich nur um Radieschengerechtigkeit bemüht.“
„Aja? Und was ist mit seinen Erbsen? Warum kümmern Sie sich nicht um Erbsengerechtigkeit für mich?“
„ Erbsengerechtigkeit! Pah! So ein Quatsch!“

Burtscheider Kursplitter 15 – Geblitzdingst

Die Nordic-Walking-Stöcke sind neben dem Einlass zum Thermaldbad hinter einer Tür gelagert, wo ehedem der Zugang zur nicht mehr existenten öffentlichen Sauna war. Ich nutze die Gelegenheit, ein Stück die metallene Wendeltreppe hochzusteigen, komme aber nicht weit, weil ich fürchte, versehentlich eingeschlossen zu werden. Das wärs noch, plötzlich in der Vergangenheit fest zu sitzen. Noch immer stellt sich keine Erinnerung an diesen speziellen Zugang ein. Leider versäumte ich die Gelegenheit, die Frau zu fragen, mit der ich um das Jahr 2000 mehrmals dort gewesen bin. Ich staune, dass eine Erinnerung komplett gelöscht sein kann, zumal ich mich sonst an vieles aus dieser Zeit erinnere. Nordic-Walking im Ferberpark, immer rund um die zentrale Wiese. Die fitte Polizistin verabschiedet sich und stiebt davon. Im Comic hätte sie jetzt Bewegungslinien hinter sich, die durch eine kleine Staubwolke führen. Ich hasse Nordic-Walking auch nach dem dritten oder vierten Mal und bin mit den Stöcken unwesentlich schneller als ohne. Eine Frau schließt zu mir auf und fragt, ob die Polizistin zu unserer Gruppe gehöre.
„Ja, wir sind nicht alle solche Krücken“, sage ich.
„Aha, Sie sind hier in der Rehaklinik.“ Im Nu entspinnt sich ein lebhaftes Gespräch.
„Ich gehe eine Runde mit Ihnen“, sagt sie, und ich erfahre, dass sie Lehrerin an einer Realschule war. Einen ihrer Kollegen kenne ich über unseren gemeinsamen Freund Thomas Haendly, der in meinen Texten Jeremias Coster heißt. Nach einer Runde verabschiedet sie sich – und winkt mir noch hinterher. So leicht schließt man im Rheinland Kontakt. Ein Freund aus Studienzeiten bringt mir ein feines Geschenk mit, fünf Ausgaben der monatlich erschienenen Studentenzeitschrift Aachener Prisma aus den 1970-er Jahren, für die wir beide Cartoons gezeichnet haben. Leider ist meine eigene Sammlung irgendwann verlorengegangen. Später werde ich mal etwas daraus zeigen. Wir frischen unsere Erinnerungen auf und füllen gegenseitig Erinnerungslücken. Leider bin ich schon früh erschöpft, weil ich in der Nacht kaum geschlafen habe und ein hartes Tagesprogramm hatte. Einige Rehabilitanten etwa Mitte fünfzig haben sich zur Gang formiert und dominieren lautstark im Speisesaal. Mir fällt auf, wie unbedarft sich diese Leute Unmengen von Wurst reinschaufeln. Ich wollte nicht tauschen mit solchen Existenzen, auch um den Preis der Jahre nicht.

Hooverphonic
Eden

Burtscheider Kursplitter 14 – Simonskall

In der Stunde des Wolfes – Zwischen drei und vier Uhr liege ich wach mit unerfreulichen Gedanken im Kopf. Einschlafen werde ich nicht mehr. Da setze ich mich an den Rechner und schreibe über ein schönes Erlebnis vom Vortag. Der Text wird lang und länger. Besser kürzen, denke ich und kürze ordentlich. Es bleibt nur ein Wort: „Simonskall.“

Auf der Treppe lasse ich eine Therapeutin vorbei: „Gehen Sie ruhig vor, Sie sind schneller als ich!“
„Noch!“, sagt sie, „Aber je mehr Kerzen auf der Torte sind …“
„Gut, wenn noch alle Kerzen auf die Torte passen.“ Wenn der Blick auf Gesichter durch Masken verwehrt ist, bleibt nur die Körpersprache. Sie kann täuschen. Manche bewegen sich jung, aber sieht man das Gesicht, zeigen sich Alterungsspuren. Eine der Servierkräfte im Speisesaal hat die stramme Figur eines sportlichen Mädchens, doch redet mit der Stimme einer Frau. „Sprich, damit ich dich sehe“, sagt schon Sokrates. Der vietnamesische Therapeut kommt mir auf der Treppe entgegen. Ich sage: „Toll, wie leichtfüßig Sie treppab laufen.“
„Treppauf auch“, sagt er.
„Das wäre jetzt nicht nötig gewesen.“
Es macht wohl die Übung. Therapiekräfte dürfen offenbar nicht den Aufzug nehmen, sondern laufen die vielen Treppen zu Fuß.