Hellwach auf der Dornröschenbrücke

Eben war noch heller Tag, jetzt blitzen die letzten Strahlen der Sonne über die Hausdächer hinweg. Die Leine liegt bereits im Schatten. Breit und behäbig fließt sie zur Stadt hinaus. Der ergiebige Regen der letzten Wochen hat sie selbstgewiss gemacht. Ihre Ufer sind gesättigt, und es fehlt nicht viel, dann wird ihr Wasser ansteigen und an den Leinewiesen lecken. Ich habe angehalten auf der Dornröschenbrücke, mein Fahrrad abgestellt, lehne mich übers Geländer und schaue hinunter auf den Fluss. Das Wasser ist beinah schwarz.

Am linken Ufer, nahe der Brücke, hat sich eine Entenschar versammelt. Gut 20 Enten schaukeln auf dem Wasser. Was sie dort vereint, kann ich nicht erkennen. Mir wäre es da zu finster und zu brackig, und ich bin froh, dass mir ein gnädiges Schicksal erspart hat, eine der Enten zu sein. Von weit her zieht eine lockere Armada von Möwen heran. Die Vorhut bildet einen spitzen Keil und richtet sich gegen die Entenschar, als wäre ein Angriff, eine Seeschlacht geplant. Die Armada kommt in rascher Fahrt gegen die schwache Strömung voran. Ich gehe näher zu den Enten hin und hole meine Kamera heraus. Was mag wohl geschehen, wenn die Möwen zwischen die Enten fahren? Sie sind zwar kleiner, aber in der Überzahl. Von hinten fliegen immer mehr hinzu, wassern und schließen sich der Armada an. Welchen Beschluss mögen sie gefasst haben? Was treibt sie an? Gibt es eine unsichtbare Verabredung, dass es lohnend wäre, den Platz der Enten zu erobern? Zwei schwarze Odinsvögel haben sich eingefunden, sitzen auf dem Brückengeländer, schauen hinunter und warten ab. Sind sie als Beobachter entsandt oder hoffen sie auf Beute? Hinter ihnen auf dem Asphalt der Brücke trippeln einige Tauben, und ich denke, ihr habt hier doch gar nichts verloren, sollte gleich eine Schlacht beginnen.

Foto: JvdL

Die Vorhut der Möwen trifft ein, hat nicht einen Augenblick ihre Fahrt gemindert, und schon mischen sich Enten und Möwen, fahren durcheinander, ohne sich zu behelligen. Aber irgendwann, so denke ich mir, werden die Möwen den Enten über sein, dann nämlich, wenn eine von ihnen den Befehl zum Auffliegen gibt. Diesen Augenblick will ich fotografieren und lasse das Objektiv meiner Kamera ausfahren. Plötzlich, wie aus dem Nichts, steht jemand neben mir, und ich höre das Surren eines zweiten Objektivs. Ich schaue hin, da ist es die Frau im tibetischroten Kaschmirmantel, meine Postbotin offenbar.

„Wo kommen Sie her, so unvermittelt?“
Sie lächelt: „Gar nicht unvermittelt. Wir haben eben noch am Leibniztempel miteinander geredet, und da ich nicht im Tempel wohne, wie Sie sich denken können, ist es plausibel, dass ich über dieselbe Brücke gehe wie Sie.“
„Plausibel? Wir haben vorgestern Nacht miteinander geredet, und zwar in meinem Traum. Jetzt bin ich wach, kann tun und lassen, was ich will, und werde nicht einfach hin und her geschoben, wie es ein Traumbild befiehlt.“
„Woher wollen Sie wissen, dass dies kein Traum ist? Wer sagt Ihnen, dass Sie mich vorgestern erträumt haben und heute hingegen nicht?“
„Auf diese Diskussion möchte ich mich nicht einlassen. Traum oder nicht, ich bitte Sie, mir mein Lied nicht zu stehlen.“
„Ihr Lied stehlen? Was meinen Sie damit?“
„Das müssen Sie doch kennen, wenn Sie nicht gestern erst vom Mond gefallen sind. Man pfeift sich ein lustiges Liedchen, und da kommt einer daher und pfeift es einfach nach, womöglich in einer anderen Tonart und vorauseilend. Das ist grob unhöflich unter gesitteten Menschen.“
„Sie haben nicht gepfiffen, nichts war zu hören.“
„Wenn Sie mein Fotomotiv stehlen wollen, dann ist es genauso, als hätten Sie mir das Lied geklaut.“
Meine Postbotin lacht hell auf und erfrecht sich sogar, mir mit der Hand über den Kopf zu streichen.
„Sie sind goldig, mein Lieber“, sagt sie, „in welcher Welt leben Sie denn? Haben Sie noch nie beobachtet, wie ein Pulk Fotografen sich rangelt, wie sie die Ellbogen ausfahren, einander zurückdrängen, sich in die Hacken treten und gegenseitig die Linsen verdecken, ihre Kameras über die Köpfe hochreißen, ein irrwitziges Knäuel bilden aus dem es ruft und winselt: Ein Lächeln! Frau Merkel! Olaf Scholz! Hierher! Bitte, nur einen Augenblick!“
„Natürlich kenne ich diese erbärmlichen Szenen der würdelosesten unter den würdelosen Schmocks der Dreckspresse. Aber dass Sie hier in meinem Beisein diese beiden Zielpersonen der Fotografen nennen, wer macht das wieder sauber? Und schon allein der Vergleich. Hier unten spielt sich ein Naturschauspiel ab, das ich kaum zu begreifen vermag. Das ist ja wohl etwas ganz anderes als die von Ihnen zu Ihrer Entschuldigung vorgebrachte Szene.“
„Ach, meine Szene ist etwa kein Naturschauspiel? Geht es darin nicht ebenso um die Befriedigung von Trieben, wenn sich Menschen verhalten, als hätten Sie weder Sinn noch Verstand, sondern folgten ausschließlich ihren niederen Instinkten, die da heißen Sensationsgier und Nahrungssuche im Schlamm?“
„Ich finde, für eine Postbotin sind Sie ziemlich rabulistisch. Reicht es Ihnen nicht, ganz schlicht die Post auszutragen?“
„Wenn Sie mir schmollen, will ich nicht mehr mit Ihnen reden“, sagt sie und schickt sich an zu gehen.
„Halt, so war es nicht gemeint. Ich … verfixt, so sind die Frauen, setzen sich ins Unrecht, und wenn man sie nur leise darauf hinweist, muss man sich am Ende für seine eigene Geburt entschuldigen.“
„Jetzt sind Sie unartig“, sagt sie, und im Nu ist sie weg.
„Was finden Sie eigentlich am Austragen der Briefe anderer Leute?! So ein Botendasein ist gefährlich. Das kann Sie Kopf und Kragen kosten!“, rufe ich in die Dunkelheit.
„Fragen Sie die Tauben!“
Ich schaue mich um, da sind die Tauben auch weg.

Gekritzelt – Die Hüterin der Rindfleischsuppe

Scheuerdeppen
Aus meinem Viertel sind die Mo-Bikes verschwunden. Stattdessen stehen Leihfahrräder herum, die Werbung für Durstexpress.de machen. Zuerst dachte ich, der Anbieter hieße so und habe mich gefragt, ob man mit dem Leihfahrrad Getränke ausliefern müsste. Ich leihe mir so ein Fahrrad, weil ich von A nach B fahren will, kommt einer von Durstexpress und lädt mir einen Kasten Bier auf den Gepäckständer, den ich zuerst in einen fernen Stadtteil fahren und auf der 5. Etage abliefern muss.

Oder reicht es, wenn ich auf einem Durstexpress-Fahrrad besoffen fahre, so richtig mit Schmackes, als rasender Depp einer bescheuerten Verkehrswende. Auch nicht? Die Scheuerdeppen sind die auf den E-Rollern? Wie ich las, ist der Anbieter Lime der Sache bereits müde, weil man noch immer rote Zahlen schreibt. Ich sah so einen Lime-E-Roller, an dem ein handgeschriebenes Schild „Zu verschenken“ hing. Darüberhinaus sind alle E-Roller weg.

Aus dem Netz gefischt
Bei Heise-online hat ein Clemens Gleich eine hübsche Abrechnung mit den E-Rollern veröffentlicht und vermutet, dass die E-Roller-Mode bald vergessen sein wird. Dass der Schrott im Orkus des Vergessens verschwindet, ist ein frommer Wunsch. Irgendwo muss er ja hin. Bevor wir ihn auf einer Müllhalde in der 3. Welt verklappen, plädiere ich dafür, ihn im privaten Vorgarten des Herrn Scheuer zu vergraben.

Mysteriöses
In meiner Straße lehnt in einer leeren Wohnung ein stattlicher ungeschmückter Weihnachtsbaum. Er lehnte dort bereits vor Weihnachten und seither ist nichts mit ihm geschehen. Ich frage mich nach der Geschichte dahinter.

Verzällsche in zwei Sprachen
Im Heft des Heimatvereins meines Geburtsortes las ich eine hübsche Geschichte. Bevor ich die übersetze, teile ich zum Verständnis mit, dass auf dem Dorf zum Sonntagsmenü eine kräftige Rindfleischsuppe mit Fleischeinlage gehörte. Nun die Geschichte:

Marie un Dela jíngen immer zesamme en de Kirch. Die saßen en de Kirch nevenen.
Sonndachs en de Huhmess määde Marie de Täsch op un nohm dat Allheilmittel 4711 eraus.
Dela neujierisch wie se wor, reskeede ne Bleck en die Täsch un soch e Jebess.
Et flüsterte Marie en et Uhr:„Wat häs Du dann do vür e Jebess en de Täsch?”
Et Dela flüsterte zoröck:„Dat es von mengem Mann“.
Marie flüsternd: „Wiesu dat dann?
Dela janz hösch: „Dat es von mengem Mann! Während ich he für ihn bedde, brenk der et
ferdísch und dät dat Renkfleesch us der Zupp verdröcke.“

Marie und Adele gingen immer zusammen in die Kirche. Sie saßen während der Messe nebeneinander. Sonntags im Hochamt öffnete Marie ihre Tasche und nahm das Allheilmittel 4711 heraus. Adele, neugierig wie sie war, warf einen Blick in die offene Tasche und sah ein Gebiss. Sie flüsterte Marie ins Ohr: „Was hast du denn da für ein Gebiss in der Tasche?“
Adele flüsterte zurück: „Das gehört meinem Mann.“
Marie flüsternd: „Wieso denn das?“
Adele ganz leise: „Das gehört meinem Mann! Während ich hier für ihn bete, bringt der es fertig und verdrückt das Rindfleisch aus der Suppe.“

Nachdenken über Medizin

Wieder in der Stunde des Wolfes aufgewacht und wach gelegen. Mir ist schlecht. Wem tagsüber schlecht ist, der hat den Impuls, sich hinzulegen. Was aber, wenn einem schlecht ist beim Liegen? Gibt es ein Hinlegen vom Liegen, eine Sorte tieferes Liegen? Mein Hinlegen vom Liegen ist Aufrichten. Ich setzte mich aufs Bett und horche in mich hinein? Was ist los? In einem Raumschiff würden jetzt auf der Brücke Kontrollleuchten aufblinken, ein „Mutter“ genannter Computer würde die Störung analysieren, für die Besatzung in verständliche Sprache übersetzen und Lösungen vorschlagen.

Die für den Laien sinnentleerte Schrift – Das Blatt mit meinen hier nicht zu sehenden Blutwerten enthält bis auf den abschließenden Satz nur Nullinfomationen für mich. Selbst der ist missverständlich, worauf Freund und Kollege Lo hinweist.

Per E-Mail bekam ich ein Blatt mit den Ergebnissen einer Blutuntersuchung, für mich ein Paradebeispiel für die Sinnentleerung von Schrift. Techniker der Besatzung wüssten, was alles bedeutet, wie der abschließende Befund „Labor in Ordnung“ zu werten ist, weil sie am Raumschiff ausgebildet wurden. Ich bin natürlich keine Besatzung meines Körpers. Ich habe ihn nicht einfach aufgesucht, sondern bin mit ihm geboren. Ich bin das Ganze, bin der, der gerade schreibt und der, dem schlecht war. Die oben benutzte Metapher ist das Problem. Daran schließt sich sinnvoll die Klage, für den Körper keine Betriebsanleitung zu haben.

Die Trennung von Körper und Geist ist ganz mechanistisch, als wären wir Roboter. In der ganzheitlich Medizin soll die Trennung aufgehoben sein, dabei weiß auch die Schulmedizin längst vom Placebo- und Nocebo-Effekt. Man weiß vom Selbstheilungseffekt. Dieses an sich dumme Wort drückt das ganze Missverständnis aus. Es gibt überhaupt nur Selbstheilung. Alle Medizin ist nur der Weg dorthin. Oft habe ich festgestellt, dass mein Körper auf kleinste Impulse reagiert. Medikamente sind keine kleinen Impulse. Medikamente bohren tiefe Löcher, jagen einen Dübel hinein und versenken eine Befestigungsschraube, wo auch Spucke gehalten hätte. Die Spannung, die durch diesen brutalen Zugriff entsteht, lässt an anderer Stelle eine Schwachstelle aufreißen, was mit den berüchtigten Nebenwirkungen umschrieben wird.

Muss da nicht besser nachgedacht werden über sanfte Maßnahmen? Ich glaube, als erstes muss der Mensch sich als Einheit begreifen. Es ist nicht das Gehirn in einem angegriffenen Körper, das diese Zeilen schreibt. Es ist der ganze Körper, der ganze Mensch. Der fühlte sich in der Nacht nicht wohl, aber sollte wissen warum. Die Medizin des sich selbst Verstehens wäre der evolutionäre Schritt weg vom steinzeitlichen Vorfahren, der auf Hilfe von außen hofft und mühevolle Reisen zu Kultorten wie Stonehenge und zu Schamanen unternahm, um letztlich doch an einer entzündeten Zahnwurzel elendig zu krepieren.

Am heutigen Freitag werde ich meine Ärztin erneut aufsuchen und erfragen, wieso mir schlecht ist, wenn die Techniker „Labor in Ordnung“ rufen.

Wir trinken sowieso lieber Bier – Eine Theogeschichte

Der folgende Text ist einer meiner liebsten, Erstveröffentlichung Mai 2016. Weil ich kürzlich über Dialekt und Heimat geschrieben habe, hebe ich ihn erneut ans Licht. Die Urform des Textes habe ich in den 1990-er Jahren in mein Tagebuch geschrieben, „Theo-Geschichten“, weil einer der Protagonisten Theo heißt, ein in meiner Jugend verbreiteter Vorname. Die Erzählung ist bis auf die Rahmenbedingungen, Weinprobe, Protaginsten, Genossenschaft fiktiv, besonders was die Dialoge betrifft. Alles handelt in einem Bürogebäude, das wie eine winzige Schachtel unten an ein gut 40 Meter hohes Hochsilo geklebt war.

Theo und ich bogen in die Einfahrt der Genossenschaft. Wir bestiegen eine Rampe über das stirnseitige Treppchen und betraten das Büro. Theo sagte: „Du öffnest die Tür, und bumm…“, er schlug mir die Faust vors Brustbein, „steht er da.“ Weiterlesen

Nenne mir deinen Namen und ich sage dir, wie du heißt

Im Wartezimmer sitzen fünf Frauen und ein Mann. Die Tür geht auf, und es wird gerufen „Frau Bär!“, wenig später „Frau Beckmann!“, dann „Herr Stolpe!“ Eine alte Frau tritt ein und wird sogleich zurückgerufen: „Frau Bretthauer!“ Zuvor sitzt man stumm beisammen, hat sich heimlich gegenseitig ein bisschen gemustert, und plötzlich erfährt man die Namen dieser unbekannten Personen, so dass man denkt: „Aha, du bist also Frau Bär! Dein ganzes Leben schon hörst du darauf, es sei denn, du hättest erst kürzlich einen Bären geheiratet und den sogenannten Mädchennamen abgestreift wie eine alte Jacke.“

„Namen sind Schall und Rauch“, heißt es schon wo? Im Zweifel bei Goethe. Um mir Frau Bär, Frau Beckmann, Herrn Stolpe und auch Frau Bretthauer zu merken, musste ich ein mnemotechnisches Verfahren anwenden, da ich mein Notizbuch vergessen hatte. Es wäre sowieso heikel gewesen, die Namen einfach zu notieren. „Datenschutz!“ Darf man unter datenschutzrechtlichen Bestimmungen die Namen der Anwesenden einfach in ein Wartezimmer rufen? Der höhere Wert ist hier sicherlich, dass Menschen in Erwartung, Patienten zu werden, wie Personen behandelt werden sollten und nicht wie anonyme Nummern mit verschiedenen Symptomen und Krankenversicherungen. Denn wenn sie auch Schall und Rauch sind, also flüchtig, wenn sie in die Welt gerufen werden, so sind doch amtliche Namen Teil der Persönlichkeit. Und angenommen, man gerät in die Mühlen einer diagnostischen Apparatemedizin, sind die Namen fast das einzige, was einen noch in der Normalität des Alltagsleben verankert.

Frau Bär, Frau Beckmann, Herr Stolpe, Frau Bretthauer haben sich aus Gründen am 14. Januar 2020 ins Wartezimmer einer Arztpraxis in Hannover gesetzt. Das geht niemanden was an, weshalb es nur öffentlich ausgerufen wird, aber nicht ausgeschrieben, es sei denn, im Wartezimmer sitzt ein Tünnes, der mnemotechnische Verfahren anwendet mit dem Ziel, sich über Namen auszulassen.

Mein Jugendfreund Fritz (Name geändert) sandte mir aus meiner alten Heimat eine Publikation des Geschichtsvereins unseres Dorfes. Das Heft ist den sogenannten Spetz- und Heeschnamen gewidmet, für mich eine Wiederbegegnung mit Lüüsch Alwiss, Kissels Lambät, Jönne Jupp, Manschette Mattes, Frosch Hannes, Fitsch Ohm, Böngte Pockel und vielen Namen mehr, derer man sich im mündlichen Alltag bediente. Wollte man den amtlichen Namen wissen, fragte man “Wie schrieve die sech?“ (Wie schreiben die sich?) worin sich nicht nur die Erkenntnis andeutet, dass die Familiennamen eine Erscheinung der Schriftsprache sind, sondern auch die Achtung vor der orthographischen Selbstbestimmung der Familie zeigt. So wird ja auch niemand ernsthaft die Familie Meyer zu belehren versuchen, die orthographisch richtige Schreibweise ihres Namens sei Meier. Mehr dazu in „Buchkultur im Abendrot.“

Ich in den 1980-er Jahren auf dem Fahrrad von Jönne Jupp, das er mir bei einem Besuch meiner Heimat geliehen hat. Filzstiftzeichnung aus dem Jahr 1991 nach einem Foto. (Zum Vergrößern bitte klicken.)

Jönne Jupp schrieb sich Josef Schmitz, ein Bauer und ehemaliger Dorfbürgermeister. Er war wohl ein Schulfreund meiner Mutter. Wenn er hörte, dass mein Schwager sie zu mir nach Aachen fahren würde, lud er einen Sack Kartoffeln für mich in den Kofferraum des Autos, damit ich armer Student nicht hungern musste. Ich habe mich nie persönlich bedanken können, doch ihm in einem fiktiven Text ein kleines Denkmal gesetzt, der hier morgen zu lesen ist.

Über Kälte und Wärme im Sprechen

Wer mich reden hört, ahnt meine linksrheinische Herkunft. Das wurde mir gestern bei einer Wohnzimmerlesung bestätigt. Weil ich nach einem Schlaganfall wieder lernen musste zu sprechen, dachte ich, dass mir der rheinische Tonfall verschwunden wäre und ich nur noch Klingonisch könnte. Im letzten Herbst habe ich noch einmal zehn Stunden Logopädie genommen, um die Stimme zu trainieren, damit sie bei Lesungen belastungsfähiger ist. Die kompetente Logopädin forderte mich einmal auf, absichtlich mit rheinischem Tonfall zu lesen. Da spürte ich, dass es absichtlich kaum geht.

Ich kann aber meinen Dialekt noch und hoffe, in meiner Hochsprache ist mir die schöne Wärme erhalten geblieben, die in jeder Dialektfärbung mitschwingt. Rousseau nennt den Dialekt die Seele der Sprache. Unsere von lokalen Tönen gereinigte Hochlautung ist künstlich und im Sinne Rousseaus seelenlos. Über TV und Rundfunk verbreitet sie sich massiv und droht die regionalen Färbungen und Dialekte zu verdrängen. Begünstigt wird das durch Binnenmigration und den Zuzug von Städtern aufs Land, die Rückzugsgebiete des Dialekts. Dass die Dialekte verschwinden, können wir letztlich nicht wollen. Es geht auch um sprachliche Diversität, also um den Erhalt kultureller Unterschiede. Überdies wurzelt in den Dialekten die Sprachkraft, denn Sprache ist keine Schreibe, sondern Mundart. Schreibe finden wir im Amtsdeutsch, einer hässlich tönenden Sprache, die niemand je gesprochen hat.

Meine Kinder, die in Aachen aufgewachsen sind, verstehen aber sprechen kein Öcher Platt, den lokalen Dialekt. Ich habe das auch nicht gefördert, denn mit dem Klang von Öcher Platt konnte ich mich in 30 Jahren nicht anfreunden. Meine Mundart ist das Landkölsche und das reicht von Köln aus nach Westen bis etwa Eschweiler. Einer meiner Lehrerkollegen kam aus Eschweiler-Nothberg. Mit ihm konnte ich einvernehmlich Platt sprechen. Wir taten es manchmal aus Spaß. Dann ertönte der Klang meiner Heimat.

Öcher Platt unterscheidet sich von Kölsch im Vokabular und vor allem in der Aussprache, hat einen seltsamen Singsang, der mir immer fremd in den Ohren klang. Natürlich ist auch in Aachen der Dialekt unter Druck und wird zunehmend vom Hochdeutschen verdrängt. Die Kinder lernen den Dialekt nicht mehr auf der Straße, sondern freiwillig in der Öcher-Platt-AG der Grundschule. Kölsch, Landkölsch, Öcher Platt, Bönnsch (Bonnerisch), diese Mundarten gehören zur ripuarischen Sprachgruppe (nach lat. ripa = Fluss). Die „flussdeutsche“ Sprache reicht von der linken Rheinseite nach Westen bis in die niederländische Provinz Limburg und in die belgischen Ostgebiete. Gegen Norden wird sie begrenzt durch die Benrather Linie, eine ost-westlich verlaufende Sprachgrenze. Sie ist benannt nach dem Düsseldorfer Stadtteil Benrath, wo sie den Rhein überschreitet. Nördlich der Benrather Linie beginnen die niederdeutschen Dialekte. Sie haben die zweite hochdeutsche Lautverschiebung nicht vollzogen (auf der Karte gelb), wie also auch die Region um Hannover, wo ich jetzt noch immer nicht zu Hause bin.

Heutige deutsche Mundarten

Wann immer jemand aus meinem Aachener Kollegenkreis hörte, ich sei nach Hannover gezogen, fiel den Leuten dieselbe Formel ein, mit der sie mich trösteten: In Hannover werde ja das reinste Hochdeutsch gesprochen, und das müsse einen Sprachliebhaber wie mich erfreuen. Ich konnte es bald singen, tue es aber nicht, denn dass in Hannover das reinste Hochdeutsch gesprochen wird, ist sowieso ein Märchen. Wie konnte es dazu kommen? Im Jahr 1898 hat der deutsche Germanist Theodor Siebs das Buch: „Deutsche Bühnenaussprache“ herausgebracht, worin er eine Standardlautung für die Aussprache des Hochdeutschen festlegte. Bis dahin hatten die Deutschen das Hochdeutsche überall mit regionaler Färbung gesprochen. Der SIEBS wurde für die Aussprache an Theaterbühnen so maßgeblich wie der DUDEN für die Orthographie und prägte unsere Vorstellungen vom Hochdeutschen bis zum Aufkommen von Radio und Fernsehen. Theodor Siebs hatte für sein Werk die Theaterbühnen in der Region um Hannover und Braunschweig besucht und verzeichnet, wie die Schauspieler dort redeten. Natürlich sprachen sie als Niederdeutsche mit regionaler Färbung, und so enthält die von Siebs begründete Standardlautung niederdeutsche Einflüsse.

Bühnenschauspieler müssen übertrieben artikulieren. Auch der Theaterbesucher in der letzten Reihe muss sie noch gut verstehen können. Früher haben Bühnenschauspieler beispielsweise das R gerollt. In alten Tonfilmen ist zu hören, wie das Hochdeutsche mit gerolltem R klang, denn es dauerte eine Weile, bis sich die Schauspieler daran gewöhnten, dass man in ein Mikrophon nicht so albern hineintönen muss, als stünde es in der letzten Reihe eines Theaters. Da nicht alle Hannoveraner Schauspieler sind, hat man auch in Hannover niemals so gesprochen, wie Siebs es an den Bühnen gefunden, verzeichnet und festgelegt hat. Heute prägen die Nachrichtensprecher unsere Vorstellung vom Hochdeutschen. Und natürlich sind die Hannoveraner auch nicht allesamt Nachrichtensprecher. Warum glauben dann die meisten, in Hannover würde das reinste Hochdeutsch gesprochen? Die niederdeutschen Einflüsse sind in der Hochsprache nur noch schwer zu entdecken, denn wir haben uns an sie gewöhnt und nehmen sie deshalb nicht wahr. Wir alle haben uns ihnen angepasst, wenn wir Schriftdeutsch reden. Für mehr Wärme in der Kommunikation würde regionale Färbung sorgen. Sprechen wir also, wie uns das Maul gewachsen ist und nicht der Heimat entfremdet wie Niederdeutsche, wenn wir nicht zufällig Niederdeutsche sind, versteht sich.

Mein morgendlicher Kontrollgang

Der ich schon früh Verantwortung übernehmen musste, bei der Geburt meines ältesten Sohnes war ich 22 Jahre jung, habe ich lange Zeit nicht geübt, auf eigene Bedürfnisse gut zu achten. Das hielt noch an, als ich die Phase des Familienlebens hinter mir hatte. Lange gelebte Verhaltensweisen lassen sich eben nicht einfach abschütteln. Für meine Freundin Lisette war ich „vom Stamme Gib“, sie „vom Stamme Nimm“, wie sie selbst eingestand. Selbst ihr offen gelebter Egoismus vermochte nicht, dass ich besser auf eigene Bedürfnisse geachtet hätte, obwohl ich mir sonst einiges von ihr abgeschaut habe.

Bei den folgenden vier Beziehungen, die überwiegend Fernbeziehungen waren, zeigte sich das alte Muster. Nur wenn die Damen bei mir zu Besuch waren, lief ich morgens zum Bäcker, um frische Brötchen zu jagen. Am fremden Ort rannte ich natürlich ebenfalls brav zum Bäcker. War ich wieder allein, kaufte ich für mich Aufbackbrötchen.

Seit nun zwei Jahren gehe ich morgens für mich zum Bäcker. Das zwingt mich schon am Morgen vor die Tür. Ich kann sehen, ob die Welt noch der vertrauten euklidischen Geometrie entspricht und sich nicht etwa in der Nacht verformt hätte wie in Bildern des Maurits Cornelis Escher. Man sollte nicht unverständlich den Kopf schütteln. Es gibt keine Gewährleistung für die Festigkeit der Welt. Für meinen Kreislauf ist der morgendliche Kontrollgang auch gut, falls ich nämlich den Rest des Tages zu beschäftigt bin und nicht mehr rausgehe.

Doch der beste Effekt dieser neu geübten Verhaltensweise: Ich stieg in meiner eigenen Wertschätzung, weil ich für mich tue, was ich früher nur für diverse Frauen getan habe. Die Folge ist, dass ich mich einfach besser leiden mag und die Wertschätzung einer Beziehungspartnerin nicht vermisse. Wer mit sich selbst unglücklich ist, sollte sich fragen, ob es nicht mit Verhaltensmustern zusammenhängt, die ich oben geschildert habe. Dann gibt’s einen einfachen Hebel, das zu ändern: Verantwortliche Selbstsorge – ein Lebenskonzept, dessen Beachtung nach Meinung antiker Schriftsteller allein berechtigt, ein gutes Leben zu führen. Aber bitte nicht gleich die ganze Welt aus den Angeln heben. Ich kontrolliere  das direkt morgen früh.

Verantwortliche Selbstsorge ist nicht Egozentrik. Es gilt weiterhin, den Mitmensch zu beachten. Bei der Selbstsorge geht es darum, die Balance in der Wertschätzung zu finden – gleichermaßen für sich und andere.