Kundenschall

Biologen fangen Wildtiere ein, tackern ihnen einen Chip ans Ohr und lassen die verstörten Tiere wieder laufen. Hernach können die Biologen die Wege der Tiere verfolgen und bekommen Auskunft, wie groß deren Streifrevier ist. Letztens sah ich im Fernsehen, wie sogenannte Wildhüter in den Alpen eine Gams einfingen und ihr eine Ohrmarke verpassten. Man ist geneigt zu glauben, es wäre im Dienste der Tiere. Aber es ist doch ein grausamer Akt, was nur auffallen würde, wenn da außerirdische Wildhüter kämen, um Menschen zu fangen, weil sie ihnen unbedingt was ans Ohr tackern wollen, im Dienste der intergalaktischen Wissenschaft und voll im Einklang mit dem Artenschutz. Sagen die. Yo.

Das Streifrevier des Menschen definieren jene intergalaktischen Wildhüter als die Straßen und Orte, die er gewohnheitsmäßig aufsucht, wobei nächtliche Aktivitäten dazugehören. Ausgeschlossen wären demnach touristische Fernreisen, eingeschlossen die Wege der Handelsreisenden, Hausierer, Scherenschleifer und Kesselflicker sowie der Fahrenden und Kirmesleute. Über die Wege der letztgenannten wissen selbst die intergalaktischen Verhaltensbiologen wenig.

Als junger Mann verliebte ich mich in ein Mädchen von der Schießbude. Nein, ich hatte es mir nicht geschossen, sondern von der Schießbude weg ins Kirmeszelt zum Tanz entführt, wo die besoffenen Schützenbrüder große Augen machten. Sie hatten vorher nicht wissen können, dass die junge Frau auch Beine hat, denn sie hat ja immer hinter der Theke der Schießbude gestanden und Gewehre geladen. Die Dorfschönheiten guckten neidisch, weil das Mädchen von der Schießbude in seinem duftigen Sommerkleid alle an Schönheit übertraf. Die Dorfgemeinschaft schüttelte über mich den Kopf, denn einem Mädchen von der Schießbude macht man im besoffenen Kopf anzügliche Bemerkungen, aber man führt es nicht zum Tanz. Ich bin ihr noch einige Wochen von Dorfkirmes zu Dorfkirmes hinterher gereist, aber unsere Streifreviere waren nicht kompatibel. Sie fuhr mit ihrer Schießbudenfamilie immer weiter, bis sie für mich unerreichbar wurde.

Foto: JvdL


Viel später als Lehrer in Aachen fuhr ich an Wochentagen mit dem Rad von meinem Haus am Aachener Stadtrand über eine alte Bahntrasse zum Gymnasium in Kornelimünster. (Im Bild, der Viadukt, der zu überqueren war, geknipst von mir.) Zudem fuhr ich mehrmals wöchentlich mit der Rennmaschine durch die Region. Mein Streifrevier war demgemäß ziemlich groß.

Da ich derzeit noch nicht Rad fahre, ist mein Streifrevier unter der Woche klein. Selbst wenn ich es ausdehne und einen für mich weiten Fußweg gehe wie heute morgen zuerst zum Glascontainer auf der Badenstedter Straße, weiter zum Lindener Markt, hinein in die Bäckerei auf der Ecke, um zu frühstücken, weiter über den Lichtenbergplatz, die Wittekindstraße hinauf, über die Dieckborn- und Rampenstraße zum Aldi-Supermarkt und hindurch, zurück nach Hause, ist mein Streifrevier kaum zwei Quadratkilometer groß. (Die detaillierten Angaben habe ich gemacht, weil ich keine Ohrenmarke habe und die digitale Ohrenmarke, das Smartphone, zu Hause gelassen hatte.)

Mein imaginäres Streifrevier ist dagegen unendlich groß. Wann immer ich etwas geschrieben habe, was mir selbst gefällt, lebe ich für Stunden in dieser für mich neuen Welt, wandere noch lange die Zeilen entlang. Hurtig bummle ich durch die Buchstabenreihen und halte nach Fehlern Ausschau, ändere hie und dort was, wie der übermütige Wandersmann ab und zu mit seinem Stecken eine Brennnessel am Wegesrand köpft. Später freue ich mich über gelegentliche Mitwanderer, Gefährten quasi, obwohl in diesen Streifrevieren keine echte Gefahr droht, bin ein Fahrender, ein Kunde in meiner Phantasie. Zuvor aber, wenn ein Text im Entstehen ist, kann ich beliebige Wege anlegen, kann mich beispielsweise vom Wort „Kunde“, in der frühneuhochdeutschen Bedeutung „Bekannter, Vertrauter“ oder in der rotwelschen Bedeutung: „ein Fahrender, der eine Gegend zum 2. Mal bereist hat“, auf einen geheimen Pfad leiten lassen, den nur Fahrende gehen, die sich auskennen.

Ich kann einer fast überwucherten Karrenspur folgen, auf dem mir bald ein Gespann entgegen rumpelt. Ich trete zur Seite, sehe die seitliche Klappe und erkenne, dass es ein Kirmeswagen ist, der, wenn er aufgestellt und die Klappe geöffnet wurde, zur Schießbude wird. Ich bin noch jung, abenteuerlustig und winke dem Mädel auf dem Kutschbock zu. Sie lächelt, ruft etwas und ich antworte ihr in der selben Geheimsprache, genannt Kundenschall, besser bekannt als Rotwelsch, Sprache der Fahrenden. Sie schaut zurück und winkt verlockend. Da springe ich hinterher, klettere zu ihr auf den Kutschbock und …

Gerne hätte ich noch etwas über Kundenschall geschrieben, über Gaunerzinken, über Sondersprachen, über das Jugendwort des Jahres, die Tagesschau, doch das Mädchen mahnt, dass die Wegbegleiter schon müde sind und zurückbleiben.

Ein bisschen Grammatik mit Gott

Ein Plakat in der U-Bahn Hannover zwingt, über Grammatik nachzudenken. Eigentlich geht es aber um Wahrnehmung, besser um eine Falschnehmung, die Auskunft gibt, über meine innere Struktur als verstockter Ungläubiger. Ich sitze friedlich in der U-Bahn Linie 9 Richtung Fasanenkrug, da wischt im Bahnhof Sedanstraße/Lister Meile ein weiter unten abgebildetes Plakat vorbei. Ich habe es als Bildbeweis auf der Rückfahrt fotografiert geknipst. Der Slogan: „Ich bete, weil das Gespräch mit Gott kein Monolog ist“, soll zum Ausdruck bringen, dass der /die Betende nicht etwa nur mit sich selbst redet, sondern dass da irgendwo unbegreiflich ein höheres Wesen namens Gott mithört. Dann bliebe das Gebet zwar immer noch Monolog, aber es bestünde die Möglichkeit, dass dieser Gott antwortet, also in einen Dialog eintritt, wie er sich ja auch Moses in einem brennenden Dornbusch offenbart hat. Allerdings wäre der im U-Bahnhof Sedanstraße/Lister Meile zu gefährlich.


Formal handelt es sich bei „Ich bete, weil das Gespräch mit Gott kein Monolog ist“ um einen Gliedsatz, genauer um einen Kausalsatz (des Grundes), erkennbar an der Konjunktion „weil.“ Der Gliedsatz besteht aus einem Haupt- und Nebensatz, der mit einem Komma abgetrennt ist und durch eine unterordnende Konjunktion inhaltlich mit dem Hauptsatz verbunden ist.

    Satzbauplan: [Hauptsatz] ich [Subjekt] + bete [Prädikat], + [Nebensatz] weil [Konjunktion] + das Gespräch mit Gott kein Monolog ist .

Nachdem das geklärt ist, folgt jetzt meine Falschnehmung. Im Vorbeifahren las ich nämlich etwas anderes, genauer statt der Gliedsatzkonjunktion „weil“ die Gliedsatzkonjunktion „dass“, also: „Ich bete, dass das Gespräch mit Gott kein Monolog ist“, womit der Satz etwas Schillerndes bekommt, sinngemäß: Ich bitte Gott darum, dass es ihn gibt.

„Ich bete, dass das Gespräch mit Gott kein Monolog ist“ hätte in etwa die rekursive Qualität des Lichtenberg-Zitats: „Ich danke es dem lieben Gott tausendmal, dass er mich zum Atheisten hat werden lassen.“

Ja, ich auch.

Das hat Ignatz umgeworfen

In China gibt es manches, was es bei uns nicht gibt. Umgekehrt ist es natürlich genauso. In China gibt es beispielsweise den Spruch nicht: „Was kümmert mich, ob in China ein Sack Reis umfällt.“ Es könnte schon sein, dass in China mal ein Sack Reis umfällt. Aber deshalb wird jemand zur Rechenschaft gezogen, weil er sich nicht um die Standsicherheit der Reissäcke gekümmert hat. Dann wird aus einer sprichwörtlichen Belanglosigkeit ein unangenehmer Vorgang für den nachlässigen Reissack-Standsicherheitsbeauftragten. Er wird vielleicht erschossen oder kommt in ein Umerziehungslager, mindestens aber ins Gefängnis und verliert allen Sozialkredit.

In Deutschland können auch allerhand Dinge umfallen, weil sich niemand um deren Standsicherheit gekümmert hat. Aber wir reden dann von höherer Gewalt, und allenfalls ist ein tatsächlicher Ignatz verantwortlich, für den eine gewisse Erika Zabel bei der FU Berlin die Wetterpatenschaft erstanden hat. Ich hörte, dass im Sturm der letzten Tage eine mobile Toilettenkabine, genannt Dixiklo, umgefallen sei und eine Straße blockiert habe. Ob Ignatz für den skandalösen Vorgang verantwortlich gemacht werden kann, ist fraglich. Das Vergehen ist nur zu vergleichen mit dem Beichtunfall, als mein stolpernder Urgroßvater einen Beichtstuhl mitsamt dem einsitzenden Priester umgerissen hat.

Hinsichtlich Dixiklo wäre natürlich zu fragen, ob es zum Zeitpunkt des Sturzes besetzt oder frei und ob sein Fäkalienbehältnis leer oder voll war. War das Dixiklo besetzt, ist der Zustand des Ausscheidungstanks von nachrangigem Interesse, weil sich vorrangig die Frage erhebt, ob der Dixiklobesetzer unverletzt blieb und wie es um seine psychische Verfassung bestellt ist. Denn mitten im Ausscheidungsvorgang mit dem Häuschen vom Sturm umgeweht zu werden, erwartet niemand. Schließlich ist das Klosett für den zivilisierten Nutzer ein Ort der höchsten Intimität.

Wenn einer das Dixiklo betreten und die Tür hinter sich verschlossen hat, darf er sich vertrauensvoll zu seinem Geschäft niederlassen und in aller Ruhe und ohne Arg die Bildzeitung, das anerkannte Fachblatt für immobile und mobile Toiletteneinrichtungen, studieren. Wird der arglose Besucher jetzt mit dem Klo umgeworfen, trifft ihn das im Zustand der drangvollen Anspannung oder der glücklichen Entspannung. Dann drohen vielleicht ein Verlust des Urvertrauens, ein seelischer Schock und dramatische Körperreaktionen wie Darmverschluss oder schlimme Leberwurst.

Welche körperlichen Schäden der verunfallte Dixiklobesucher erleiden müsste, hinge davon ab, ob er mit dem Dixiklo aufs Gesicht, den Rücken oder auf die Seite fallen würde, wobei man ohne vorherige Tests sagen kann, dass die Seitenlage auch hier zu bevorzugen ist, weil eingetroffene Hilfskräfte die Tür besser öffnen und den bei der Notdurft Verunglückten leichter bergen könnten. Freilich hat niemand die Wahl. Alles hängt davon ab, woher die Sturmböe kommt. Faustregel für Ersthelfer: Umgestürzte Dixiklos immer in die stabile Seitenlage drehen! Noch ärger könnte es den sogenannten Stehpinkler treffen. Als Stehpinkler lang hinzuschlagen, wäre übel. Es könnte Brüche zur Folge haben, bis hin zu misslichen Quetschungen an edlen Teilen.

Nach unbestätigten Berichten ist das Dixiklo bei Nacht umgestürzt. Dann wird es unbesetzt gewesen sein. Der seltene Fall von Somnambulismus kann unberücksichtigt bleiben. Bei einem unbesetzten Dixiklo drängt sich die Frage auf, wie der Tank gegen Auslaufen gesichert ist. Ist er gesichert, handelt es sich bei der umgestürzten Mobilen Toilettenkabine lediglich um ein Verkehrshindernis. Läuft hingegen der Tank aus, möge sich der Leser selbst die Folgen ausmalen.

Kellerassel verstößt gegen intergalaktisches Recht

Kellerassel verstößt gegen intergalaktisches Recht

Mein Nürnberger Freund Ernst-Christian Dümmler, Blogger, Indie-Verleger (Edition Blumen), Buchkünstler und Grafiker, hat auf seinem sehenswerten Blog eine gelungene Arbeit seiner Praktikantin Laura Zillibiller vorgestellt. Sie hat meinen im Jahr 2016 hier im Teestübchen erstveröffentlichten Erfahrungsbericht: “Kellerassel verstößt gegen intergalaktisches Recht“ kalligraphisch geschrieben und kongenial illustriert.

Schauen Sie selbst in …

Dümmlers Blog

Mit meinen Praktikanten übe ich immer das Schreiben – kalligraphisch. Rotunda, Textura, Unziale und Halbunziale oder gar die Ausgangsschift von Fairbank. Um nach mühseligen Übungen einen Abschluß zu finden bekamen die Prakties immer einen Text des Philobiblons, der in Fraktur gesetzt ist. Diesmal, um mich nicht zu langweilen, nahm ich einen Text von Jules van der Ley mit dem Titel Kellerassel verstößt gegen intergalaktisches Recht. Diesen Text klaute ich aus Jules Buch Die schönsten Augen Nördlich der Alpen und ein paar andere auch. So entstand das ersten Heft meiner Edition Blumen: Unter einem gigantischen Raumschiff– Raubkunst! Mit nachträglicher Genehmigung:)

Dieser Text fiel mir auf, als ich wieder einmal das Heft nachdruckte. Ein prima Text, den meine Praktikies auch mochten und entsprechend umsetzten. Sehet her:

Und noch ein bisschen Reklame:

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Prima Aktion, Überlandwerke und Straßenbahnen Hannover AG (ÜSTRA)!

In Aachen hatte ich einen Kommilitonen, der nannte sich Benno Ohnesorg – nach dem Studenten, der am 2. Juni 1967 in Berlin vom Polizisten Karl-Heinz Kurras durch einen aufgesetzten Pistolenschuss in den Hinterkopf ermordet worden war. Ohnesorg war Teilnehmer einer Demonstration gegen den Staatsbesuch von Schah Mohammad Reza Pahlavi gewesen.
Mein Kommilitone war einige Semester über mir. Vermutlich war sein Nachname wirklich Ohnesorg, mit Vornamen hieß er vielleicht Franz, Klaus oder Josef. Ich bewunderte ihn für seinen Schritt, sich konsequent Benno zu nennen, und als lebendiges Denkmal an den echten Benno Ohnesorg zu erinnern.

Der reale Benno ist am 15. Oktober 1940 in Hannover-Bothfeld geboren. Die Stadt Hannover hat eine Brücke nach ihm benannt. Sie überspannt den Fluss Ihme und verbindet die einst selbstständige Stadt Linden mit Hannover. Die Straßenbahnlinie 9 von Empelde bis Fasanenkrug und zurück fährt derzeit nur bis und ab Benno-Ohnesorg-Brücke. Die Passage Linden bis Empelde wird im Schienenersatzverkehr gefahren. Die ÜSTRA lässt hier zwei lange Gelenkbusse hintereinander fahren.

Gestern kam ich mit der Straßenbahn aus Bothfeld, musste am Hochbahnsteig auf der Benno-Ohnesorg-Brücke aussteigen und über die Straße gehen zur Bushaltestelle. Da ich mit Stock langsamer bin als alle, war der Pulk der Passagiere aus der Straßenbahn vor mir da und drängte in den wartenden Bus. Ich hörte noch, wie ein herumstehender ÜSTRA-Mitarbeiter sagte: „Da kommt noch ein zweiter Bus“, so dass ich vermeiden konnte, mich in die drangvolle Enge des ersten Busses zu zwängen. Der erste Bus fuhr ab, der zweite fuhr vor, und ich stieg ein, war der einzige Fahrgast in einem großen Gelenkbus.

Derlei beobachte ich immer wieder: Ein voll besetzter Bus wird gefolgt von einem leeren Bus. Zu Stoßzeiten wird es anders sein. Doch ich frage mich, ob es nicht sinnvoll gewesen wäre, den Bedarf zu ermitteln, bevor der aufwändige „Schienenersatzverkehr“ eingerichtet wurde. Ich glaube, es gibt dafür sogar ein Fachwort: Fahrgasterhebung. Ich beschwere mich nicht, von einem sonst leeren Gelenkbus nach Hause gefahren zu werden, finde jedoch die Lösung, stumpfsinnig zwei Busse fahren zu lassen, wo manchmal einer genügt, nicht zeitgemäß.

Warum alle Fahrgäste an der Benno-Ohnesorg-Brücke aus- und umsteigen müssen, erschließt sich übrigens nicht. An der Strecke sind keine Baumaßnahmen zu sehen. Vielleicht will die ÜSTRA einfach den Bothfelder Studenten Benno Ohnesorg ehren, der am vergangenen 15. Oktober 81 Jahre hätte werden können.

Ein bisschen Grammatik – Diminutivsuffixe

Heute in der Bäckerei, ich bestellte ein Brötchen und ein Hörnchen, was für einen Rheinländer eine kleine Herausforderung ist, nicht weil wir Angst vor derlei Backwaren hätten, sondern weil das Suffix -chen manchmal wie -schen zu klingen beliebt. Grundschulkinder lernen: „-chen und -lein machen die Dinge klein“ Diese Verkleinerungssilben heißen fachsprachlich „Diminutivsuffixe“, wobei -chen im Norden Deutschlands häufig ist, -lein und seine Nebenformen -le, -el, -l, -li eher im Oberdeutschen vorkommen. Die Grenze ist allerdings fließend. „Tischlein deck dich“ heißt aus Gründen des Wohlklangs so, denn „Tischchen“ wäre von Rheinländern wie mir nicht sauber auszusprechen. „Menschlein“ geht mir auch besser über die Zunge als „Menschchen. In einigen Fällen hilft das spaßhaft eingeschobene zweite Diminutivsuffix -el; die kleine Sache, ein „Sächelchen.“

Einige Verkleinerungsbildungen werden nicht mehr als solche erkannt; das Suffix ist mit dem Wort verschmolzen, etwa:
– Mädchen (die kleine Magd),
– Veilchen (zu lat. Viola),
– Märchen (die Mär, das Märe),
– bisschen (der kleine Bissen), unkenntlich wegen Kleinschreibung;
– Fräulein/Frollein (landschaftl.); die feste Verbindung wird inzwischen als diskrimierend empfunden.

Zu einigen Wörtern gibt es kein vergleichbares Gegenstück in der Großform:
– Gummibärchen,
– Teilchen (Gebäck),
– Fleißkärtchen,
– Strichmännchen,
– Hörnchen,
– Müsli,
– Gipfeli (Schwiizerdütsch) für Croissant;

Die kindischen Verkleinerungsbildungen:
– Herrchen,
– Frauchen,
– Stöckchen …
sind eher sondersprachlich. Wir finden sie im Sachbereich Hundehaltung. Da gib es dann auch
– Leckerli.

Am Nachmittag hätte ich gern ein Teehörnchen.

Wundersames Titanic-Magazin [#Humorkritik]

Es gibt ja so Ideen, bei denen jeder spontan rufen mag:
„Ja, das ist es!“, die sich aber bei näherer Betrachtung als Ideen erweisen, die man besser für sich behält. Mindestens die Hälfte aller Werbespots beruhen auf solche Ideen.
In der Reha besuchte mich ein Freund aus Studientagen und brachte mir ein aktuelles Titanic-Magazin mit, dachte wohl, ich könnte eine professionelle Aufmunterung vertragen. Zuerst fiel mir auf, dass das Magazin auf dickerem Papier als früher gedruckt ist, so dass ich immer wieder dachte, ich hätte zwei Seiten zwischen den Fingern, und wenn es mir gelänge, die auseinander zu fummeln, spränge mich der bislang verborgene Witz an, würde mich quasi aus den Socken hauen.

Dass ich meine Socken anbehalten konnte, spricht schon mal für das dickere Papier. Ich will nichts Falsches behaupten, aber alles, was ich las, kam mir vor wie von einem KI-Programm geschrieben, das die Witze der Welt zusammengeklaubt hat und daraus künstlichen Humor generiert. Vielleicht war das Heft ein Test. Vielleicht wollten pfiffige Verlagskaufleute herausfinden, ob die treuen Titanicleser den Fake merken. Wenn keiner aufmuckt, ließe sich viel Geld sparen. Und wenn sich mal einer beschwert: „Ich musste nicht schmunzeln“, sagen die schlau: „Sie haben einfach zu viele Seiten überschlagen.“ Ehrlich gesagt, ist das eine von den Scheißideen, von denen eingangs die Rede war.

Auf dem Sofa des Lebens

Im Jahr 2012 war ich Referent bei einem Seminar der Bundesstiftung Umwelt. Ich sollte einer deutsch-türkischen Schüleraustauschgruppe das Bloggen beibringen. Weil ich nach einem Herzinfarkt geradewegs aus der Reha kam, hatte meine fürsorgliche Chefin mir einen jungen Mann zur Unterstützung an die Seite gestellt. Er wurde mir angekündigt als Informatiker, der in den USA studiert hatte und nach seiner Rückkehr nicht wieder Fuß hat fassen können. Er habe bei seinen Eltern gewohnt und im alten Kinderzimmer drei Jahre lang auf einer Matratze gelegen. Die Referententätigkeit sei seine erste Aktivität außerhalb und deshalb gleichsam ein gutes Werk. Zum ersten Mal hörte ich von einem Phänomen, das in Japan Hikikomori heißt.

In einer frühen Phase meiner Jugend hatte ich ähnliche Bedürfnisse gehegt. Es war mir allerdings unmöglich, sie auszuleben, denn meine beiden Geschwister und ich mussten arbeiten gehen, um unsere verwitwete Mutter zu unterstützen. Mein Hikikomori fand sonntags statt. Ich lieh mir in der Bücherei fünf Romane aus, legte mich damit aufs Sofa, drehte meiner Welt den Rücken zu und tauchte in die Leben der diversen Protagonisten ein, war mal ein englischer Junge, der an einem verwunschenen Fluss lebte, mal ein Eskimojunge, der zum ersten Mal auf Robbenjagd ging, mal ein junger Berliner Boxer, dessen Mutter beim Kampf am Ring stand und „Aufwärtshaken! Aufwärtshaken!“ schrie. Geradezu wunderbar war die Geschichte des New Yorker Zeitungsjungen John Workman, der täglich seine geringe Habe ausbreitete, in der festen Überzeugung, den Grundstock zur ersten Million zu sichten. Meine Realitätsflucht ging nicht so weit, an den amerikanischen Traum zu glauben. Spätestens am Montagmorgen wurde mir gezeigt, wo mein Platz war. Eher würde ich Robben per Aufwärtshaken erlegen als dort wegzukommen, und erst recht nicht durch Hikikomori.

Hikikomori ist ein Phänomen gutsituierter Schichten. Schließlich müssen Eltern die Grundversorgung sichern, damit ihr Kind sich separieren kann. Heute unterstützen seinen Eskapismus nicht unbedingt Romane. Das Internet ist ihr Fenster zur Welt. So auch für meinen Zufallskollegen. Nach dem Seminar fuhr er mit mir nach Hannover, um von dort den Flieger nach Madrid zu nehmen, wo er als Delegierter der Piratenpartei an einem Kongress teilnehmen wollte. Ich staunte, dass sich derlei von der Matratze im Kinderzimmer aus organisieren lässt.

Die obszöne Leichtigkeit des digitalen Schreibens

In meinem Wohnzimmer steht kaum beschattet von meiner Zimmerpalme Josie auf einem Hocker zur Dekoration die alte Halda-Schreibmaschine. Von ihr habe ich an anderer Stelle schon berichtet. Leider ist sie seit Jahrzehnten defekt. Als meine Kinder noch klein waren, haben sie die Zeitung Winkelblick für unser Sträßchen gemacht, genannt nach dem Straßennamen. Das Gartenhaus war die Redaktion, und das Produktionsmittel war die Halda. Da für mich die Computerzeit angebrochen war, überließ ich die Halda gern dem Redaktionsteam.

Heute bedauere ich, dass die Halda solchen Strapazen ausgesetzt war und defekt ist. Sie zu restaurieren wäre gewiss teuer. Aber mich drängt, wieder auf einer Schreibmaschine zu schreiben. Es ist ein ehrlicher Schreibvorgang. Jeder Buchstabe steht auf dem Papier, wo ihn der Typenhebel hingeschlagen hat. Ihn zu tilgen, ist aufwendig, also muss man sich beim Schreiben beizeiten sammeln.

Das digitale Schreiben ist Probehandeln, erlaubt das spurlose Tilgen von Denkansätzen, Umstellen, Löschen, mithin Zurechtkneten eines Gedankens, der zuvor etwas Ungefähres war. In den Anfängen des digitalen Schreibens wurde es überschwänglich gelobt. Segensreich für die Überwindung von Schreibblockaden fand die Süddeutschen Zeitung (SZ) im Juni 1989 die digitale Textverarbeitung. Digitales Schreiben sei kreativ, weil es nie „statisch“ sei.
Im Jahr 1989 mochte ich der SZ Recht geben, obwohl die Wendung „was Sie sich ‚eigentlich‘ gedacht haben“ ein ziemlicher Quatsch ist. Es gibt hinter dem Denken kein Hinterstübchen, wo alles „eigentlich“ schon gedacht ist, bevor man es schreibend in die Welt entlässt. Es gibt Absichten, etwas mitzuteilen, aber es muss bedacht werden. Trotzdem war ich von den Möglichkeiten der Textverarbeitung angetan, führte jedoch noch zehn Jahre ein Tagebuch mit der Hand. Beim heutigen Durchblättern beschleicht mich das ungute Gefühl, dass ich in dieser Zeit subtiler und tiefer über die Phänomene des Lebens nachgedacht habe. Heute weiß ich mehr, habe mehr Schreibpraxis, aber könnte es sein, dass mein Denken kurzatmiger geworden ist? Der Wechsel von Handschrift oder Schreibmaschine zur Textverarbeitung ist nicht nur ein Wechsel des Schreibgeräts. Er hat die Anforderungen an das und mithin das Denken verändert.

Digitale Textverarbeitung kommt mir in seiner Leichtigkeit obszön vor, denn es entspricht nicht meiner derzeitigen Lebenswirklichkeit. Das Aufstehen vom Sitzen ist mühsam, Treppensteigen eine Herausforderung, Gehen ermüdend und manchmal schmerzhaft. Es ist eine Auseinandersetzung zwischen meinen Absichten und dem Widerstand der Welt. Sollte Schreiben nicht auch eine Auseinandersetzung mit Material sein, um das Denken in großen Zusammenhängen einzuüben? Ich lasse mich ja auch nicht mit dem Fahrstuhl transportieren und glaube, ich trainiere Treppensteigen.

Ich will mir eine funktionierende mechanische Schreibmaschine zulegen und Stempel auch.

Musiktipp
Admiral Freebee
Too Much Of Everything