Herr Erlenberg muss reisen – Petra und die aus Konz

Erlenberg hatte ein Onlineticket gebucht und versehentlich einen Fensterplatz am Vierertisch reserviert. Er ruckelt sich auf den Fensterplatz, lehnt sich erleichtert zurück und hat jetzt Muße, seine Mitreisenden von gegenüber zu betrachten, zwei ältere Damen, von denen eine Petra heißt, wie er ihren Reden entnimmt, denn sie zitiert gerne Aussagen aus ihrem Umfeld, die allesamt mit „Petra“ beginnen. „Petra, das musst du gesehen haben.“ Beide sind Beamtenwitwen. Die ihm gegenüber sitzt, ist eine etwa 60-jährige Frau mit kräftigen Gesichtszügen. Die Dame will in Koblenz umsteigen, um die Mosel hoch zu fahren nach Konz bei Trier.

Sie sucht auf ihrem Smartphone das Foto ihrer halbwüchsigen Enkelin, zeigt es ihrer Nachbarin und schwärmt, ihre Enkelin wie deren Freund, beide hätten ihr Abitur mit 1,0 abgelegt.
„Solche Leute sind mir nicht geheuer“, sagt Petra. Sie berichtet von ihrer „tollen Wandertruppe“, hervorgegangen aus Tennisfreunden des verstorbenen Mannes. Auf gemeinsamen Wanderungen sei die launige Truppe fortwährend von Petras Hund Henry umkreist worden, denn der sei ein Australian Shepherd, also ein 1a Hütehund gewesen, wobei anders als bei Abiturienten die 1-er-Note bei Hütehunden nicht etwa gegen, sondern für ihren Charakter spräche.

„Nein, nein, meine Enkelin Marlene und ihr Freund haben auch einen guten Charakter“, wendet die Konzerin ein, kann aber zum Beweis nicht die kleinste Umkreisung von Wanderern vorbringen.
„Leider musste ich Henry einschläfern lassen“, erzählt Petra, den Einwand ihrer Nachbarin ignorierend. Sie langt nach ihrer Handtasche, zieht ein laminiertes Foto in DIN-A4-Größe hervor, reicht es zuerst ihrer Nachbarin und dann Erlenberg. Darauf ist sie abgebildet mit ihrem kürzlich verstorbenen Mann. Henry liegt entspannt mit dem Kopf auf den Pfoten und treuherzig schauend zwischen den beiden.
„Das Foto ist entstanden eine Stunde bevor Henry die Spritze bekam“, berichtet Petra.
Wann ihr Mann die erlösende Spritze bekommen hat, bleibt unklar. Den Verlust von Henry habe sie bis heute noch nicht verschmerzt. Schmerzlich sei im gleichen Jahr auch der heftige Streit mit ihrer Schwester gewesen, der mit dem völligen Zerwürfnis endete. Es geschah in der Küche der Petra-Schwester:

Herr Erlenberg muss reisen

Johannes Erlenberg verreiste gewöhnlich nicht, erst recht nicht in der Hauptreisezeit bei der Hitze des Sommers. Er scheute einfach die damit verbundene Mühsal. Den Sinn des Reisens hatte er nie verstanden. Warum können die Leute nicht einfach zu Hause bleiben? Als Kind war er in einer reizarmen Landschaft aufgewachsen, war nie verreist und hatte sich trotzdem glücklich gewähnt. Auch heute genügte ihm, ganz bei sich zu sein. Er musste nicht andere Orte aufsuchen. Mit den Jahren hatte er genug Landschaften in seinem Kopf angelegt, in denen sich trefflich reisen ließ, ohne die müden Glieder zu strapazieren. Aber diese Reise hatte aus Gründen sein müssen.

Erlenberger hatte sich orientiert, wo der Wagen 16 seiner Reservierung etwa halten würde und wartete ziemlich weit draußen am ausgewiesenen Gleis 6 des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Der Zug hätte längst einfahren müssen. Ihm schwante, dass etwas nicht stimmte. Plötzlich sagte eine Frauenstimme aus dem Lautsprecher an, der Zug werde abweichend auf Gleis 10 abfahren. Jetzt war Eile geboten. Er hastete zurück an den Anfang des Bahnsteigs, wo er hinüber zu Gleis 10 wechseln konnte. Der ICE stand wartend da, und Reisende drängten hinein. Der Wagen 16 war, wie schon an Gleis 6 vorgesehen, weit draußen am Anfang des Zuges. Erlenberger wusste, dass er nicht genug Zeit hätte, um den langen Weg über den Bahnsteig zu seinem Wagen zu schaffen. Etwa bei Wagen 5 war er der letzte auf dem Bahnsteig und stieg vorsichtshalber ein. Keinen Moment zu früh. Während der Zug anrollte, kämpfte er sich mühsam durch die Gänge Wagen um Wagen vorwärts.

    Das dauert und bietet die Gelegenheit für ein paar grundsätzliche Erwägungen: Nicht alle sind mit den Leistungen der Bahn zufrieden. Manche finden sogar, dass sich am Zustand dieses Unternehmens eine tiefe Verachtung des Fahrgastes ablesen lässt. Aber zur Ehrenrettung all der fleißigen und bemühten Bahnbediensteten an der „Front“ muss eines unbedingt gesagt werden, dass der desolate Zustand der Bahn auf politische Entscheidungen und solche der Vorstandsetagen zurückgeht. So mag einerseits der Befund zutreffen: „Der Fisch stinkt vom Kopfe her“. Aber nicht alles stinkt. Die direkt dem Vorstand unterstellte Abteilung „Fahrgastkonfusion“ leistet vorzügliche Arbeit. Ihre wichtigsten Strategien: „Zug fährt abweichend von Gleis X“, „veränderte Wagenreihung“, „ausgefallene Reservierungsanzeige“, „fehlender Wagen X.“ Die Abteilung „Fahrgastkonfusion“ ist vermutlich hervorgegangen aus der Abteilung „Versteckte Kennzeichnung der Wagennummer“, bis einem der Frühstücksdirektoren der Deutschen Bahn eingefallen ist, wie daraus eine größere Sache zu machen wäre.

Ein nicht geringer Teil der Fahrgäste gerät durch Strategie „Zug fährt abweichend von Gleis X“ bereits in Konfusion und steigt am falschen Wagenende ein, so dass nach allen Zustiegen eine Wanderbewegung einsetzt, was wiederum die richtig eingestiegenen Fahrgäste daran hindert, an ihre Plätze zu gelangen. Sich durch derlei Staus zum vorderen Wagen durchzukämpfen, ist etwas für junge, sportgestählte Burschen, die freigiebig Schubser, Rippenstöße und nötigenfalls saftige Tritte verteilen mögen, aber nichts für ältere Herrn. Als Erlenberger endlich der Wagen 16 erreicht hat, ist er erschöpft und verschwitzt. Sein Hemd klebt ihm nass auf dem Rücken.

Plausch mit Frau Nettesheim – Schmunzeln über die Kinzig-Murg-Rinne


Trithemius
Gestern habe ich durch Selbstbeobachtung ein neues Phänomen entdeckt, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim
Und das wäre?

Trithemius
In der Titanic-Rubrik „Briefe an die Leser“ las ich online folgenden Brief, über den ich sehr lachen musste:

Frau Nettesheim
Sie mussten lachen. Ist das Ihr neuentdecktes Phänomen?

Trithemius
Quatsch! Nachdem ich so lachen musste, las ich in Klaus Grafs Archivalia-Blog: „Ortenau-Website hat neue Heimat“, klickte den Link zur Ortenau-Website an und las: „Die Breite der Rheinebene in der Ortenau beträgt 10 bis 12 km. In die Niederterrasse hat der Rhein seinen Lauf gegraben. Entlang des Rheins verlief einstmals ein weiterer Fluß, in den Schutter, Kinzig, Rench, Acher, Bühlot (auch Sandbach genannt), Oos, Murg, Alb u.a. flossen und der nach seinen 2 größten Zuflüssen Kinzig-Murg-Rinne genannt wird und bei Hockenheim in den Rhein mündete. Einzelne Abschnitte dieses Flusses bestanden noch in historischer Zeit und wurden von den alamannischen Siedlern ausgespart. (…)“ Da hab ich zwar nicht schallend gelacht, aber musste schmunzeln, weil mir alles wie ein Witz vorkam.

Frau Nettesheim
Das würde den Ortenauern wohl kaum gefallen.

Trithemius
Aber denken sie, Frau Nettesheim, weil die Komik des Briefs der Eintrittspunkt meines Denkens war, las ich das Folgende auch als Witz. Es war quasi „Übersprung-Interpretation.“

Frau Nettesheim
Hat nicht der maltesische Kreativitätsforscher Edward de Bono schon etwas Ähnliches beschrieben? Ihr Übersprungseffekt ist die Beeinflussung eines Urteils durch vorherige Erfahrungen.

Trithemius
Hat er Ihr de Bono auch gesagt, dass es abhängt vom langsamen Fließen der Säfte? Nein. Das habe ich nämlich in einem anderen Zusammenhang entdeckt: Wenn ich glaubte, etwas verloren zu haben und zu Hause meinen Irrtum bemerkte, weil friedlich auf dem Tisch lag, was ich verloren glaubte, bei diesen Gelegenheiten habe ich beobachtet, dass sich zwar Erleichterung einstellt, aber das Verlustgefühl nicht sofort weicht. Offenbar werden bei einem vermeintlichen Verlust Botenstoffe ausgeschüttet, die sich erst langsam abbauen. Es ist plausibel, dass Botenstoffe sich über den Blutkreislauf langsamer bewegen als der Gedankenfunke von Synapse zu Synapse springt. Demgemäß sind unsere tiefen Gefühle langsamer als unsere Gedanken. Das gilt natürlich auch für die Anlässe der Heiterkeit. Die Botenstoffe der Heiterkeit werden nur langsam abgebaut und bewirken die Übersprung-Interpretation. Da sind sie platt, was, Frau Nettesheim?

Frau Nettesheim
Nicht ganz. Demnach hätten Sie das linguistische Psychodoping beschrieben.

Trithemius
Aber Vorsicht! Ist wie jedes Doping illegal.

… um Ulm herum

Als ich den Pfennig vom Ulmer Münster geworfen habe, war die Kaufkraft eines Pfennigs relativ hoch. Für zehn Pfennig konnte man einen Amerikaner mit Zitronenguss kaufen. Einen Pfennig wegzuwerfen, kommt noch heute nicht gut im Schwabenland, wo Weltunternehmen darauf gründen, dass die Gründerehefrau in der Metzgerei immer nach den billigeren Wurstenden gefragt hat. Ein fassbarer Pfennig und seine Kaufkraft sind unmittelbar einzuschätzen. Seinen Verlust schmerzt jedes sparsame Herz. Eine WhatsApp vom Kirchturm nach unten zu senden, kostet vermutlich mehr als einen Pfennig, aber der Geldverlust erschließt sich nicht unmittelbar.

Derlei Kosten sind zwar Teil unseres Lebens, doch nahezu unbegreiflich. Auszurechnen wären sie nur überschlägig: Die monatlichen Gebühren des Netzbetreibers geteilt durch die geschätzte Anzahl von WhatsApp würden nicht hinreichen. Eingerechnet werden müssten auch anteilig der Anschaffungspreis des Smartphones sowie die Stromkosten für die Akkuladung. Der analoge Mensch misst auch das Digitale mit analogen Maßstäben. Ihm geht es wie dem Kleinknecht auf einem ostpreußischen Gut, von dem ein Kollege einst berichtete:

    Auf dem Gut arbeitete ein geistig behinderter Mann als Kleinknecht. Der hatte Anspruch auf mittags eine Mahlzeit, eine „Schettel“ [Schüssel] voll. Einmal war man bei der Feldarbeit und hatte für den Knecht die Schüssel vergessen. Stattdessen schöpfte man ihm reichlich in einen Eimer. Da murrte der Kleinknecht, weil der Eimer nicht voll war, denn er hatte Anspruch auf eine volle Schettel.

Der Kleinknecht konnte die Menge des Essens nicht einschätzen, weil ihm die vertraute Schüssel als Vergleichsmaßstab fehlte. Ich habe den Verdacht, dass es uns in vielerlei Hinsicht nicht anders geht als dem Kleinknecht, dass wir nämlich die Dinge oft mit dem falschen Maß bewerten müssen und daran zwangsläufig scheitern. Nur ist es selten so offensichtlich.

Auf dem Weg nach Neu-Ulm berichtet unser Gastgeber, dass der Bürgermeister von Ulm an diesem Tag schwören muss, „Reichen und Armen ein gemeiner Mann zu sein.“ Es ist nämlich „Schwörmontag“, ein hübscher Brauch, bei dem die Ulmer völlig aus dem Häuschen geraten und in der Julihitze zum Nabada [Hinabbaden] auf die Donau drängen, vornehmlich mit Spaß- und Mottobooten. Es geht wohl darum, ordentlich nass zu werden: „Ulmer Spatza, Wasserratza, hoi, hoi, hoi!“

… um Ulm und

Einmal zuvor in meinem Leben bin ich in Ulm gewesen, und zwar im Alter von 15 Jahren. Vier Freunde und ich fuhren von unserem Heimatort nahe Köln mit dem Fahrrad zum Bodensee. Auf der Rückfahrt haben wir am Ulmer Münster gehalten, sind die 768 Stufen hinauf gestiegen und sahen 142 Meter hinab auf das Ameisengewimmel der Passanten. Meine schwäbische Lebensgefährtin ist kürzlich mit Verwandten oben gewesen. Zwei wollten nicht mit, sondern blieben unten auf einem Bänkli zurück. Man habe von oben zum Bänkli eine WhatsApp geschickt. An der späten Reaktion derer auf dem Bänkli sei abzulesen gewesen, dass die Nachricht erstaunlich lange gebraucht hat.

Natürlich nimmt eine WhatsApp-Nachricht nicht den überschaubaren Weg, plumpst nicht einfach hinab, sondern fliegt zu einem fernen Rechenzentrum in die USA, dann vielleicht zu einem die Erde umkreisenden Satelliten, wird von dort einmal um den Erdball geschickt, trudelt in ein anderes Rechenzentrum und dann erst in die Smartphones der Wartenden.

Der Pfennig, den ich einst im jugendlichen Leichtsinn vom Ulmer Münster geworfen habe, brauchte gar nicht lange, versetzte mich aber in Angst und Schrecken, weil er ebenfalls nicht senkrecht hinunter auf den freien Vorplatz fiel. Etwa auf halber Höhe verließ er den direkten Weg, legte sich auf die Seite, beschrieb einen Bogen und trudelte unwägbar nach unten. Böse Zungen werden behaupten, der eigenwillige Pfennigflug zeige, dass ich schon früh nicht mit Geld umgehen konnte. Aber als unser schwäbischer Gastgeber bemerkt: „Der Pfennig war ja weg“, wird mir klar, dass es nicht darauf ankommt, ob einer die Flugbahn weggeworfener Münzen oder Scheine einschätzen kann. Vielmehr geht es darum, das Geld nicht aus dem Fenster oder wie ich von hohen Türmen zu werfen, sondern bei sich zu behalten.

Fortsetzung

Musiktipp
Noordkaap
Satelliet S.U.Z.Y

In Ulm und …

„Wohin soll die Reise gehen?“, fragt der afghanische Taxifahrer.
„Nach Ulm.“
Er überlegt kurz und fragt: „Wie heißt das noch:“ In Ulm und um Ulm und… “
„… um Ulm herum. “
Erstaunlich, dass der Mann den Zungenbrecher kennt. Er sei seit 25 Jahren in Deutschland, erzählt er in flkießendem Deutsch. Nur an seiner Aussprache ist noch zu hören, dass seine Stimmwerkzeuge ursprünglich für eine andere Sprache geformt wurden. Was macht so einer mit deutschen Zungenbrechern? Und wieso kennt er den mit Ulm? Ich versäume, ihn zu fragen.

Eventuell hatte er im Deutschkurs einen Lehrer aus Ulm, was eher unwahrscheinlich ist. Der Taxifahrer würde wenigstens ein bisschen schwäbeln. Vielleicht hatte er einst einen im Taxi, der mit dem Zug nach Ulm wollte, sich zum Bahnhof fahren ließ und im Überschwang der Vorfreude den Zungenbrecher geprobt hat. Der Taxifahrer fragt mehrmals nach, und ich muss jedesmal „In Ulm und um Ulm …“ intonieren. Schaden kanns nicht, ist ja fast eine logopädische Übung. Eventuell ist die saubere Aussprache des Sprüchleins die Eintrittskarte für Ulm.

Freilich habe ich keine Gelegenheit, das herauszufinden. Unser freundlicher Gastgeber holt die Schwäbin und mich sogleich am Ulmer Hauptbahnhof ab, um uns nach Neu-Ulm zu fahren, was bekanntlich schon in Bayern liegt, wo eigene Gesetze gelten. Ulm ist quasi Grenzort zwischen Baden-Württemberg und Bayern. Immerhin ist unterwegs das Ulmer Münster zu sehen, weil dieser höchste Kirchturm der Welt mit seinen 161,53 Metern alles andere Menschenwerk überragt.

Fortsetzung

Von der Erschließung des Unbekannten

Mein Zug rollte in den schäbigen Bahnhof. Am Bahnsteig einige Hinweisschilder. Ich hatte Zeit, sie zu lesen und dachte, dass derlei Hinweisschilder auf einem menschenleeren Bahnhof dem ortsunkundigen Reisenden zwar Orientierung bieten, aber in unserer Zeit eigentlich Ausdruck sozialer Verwahrlosung sind. Doch es kommt auf den Kontext an. Anderorts sind Wegweiser eine soziale Errungenschaft. Jeder verirrte Wanderer dürfte innerlich jubeln, wenn er an einer einsamen Kreuzung von Waldwegen einen Wegweiser entdeckt, diesen stilisierten Arm mit zeigender Hand. Über die kulturelle und soziale Funktion von Wegweisern gilt es nachzudenken:

Als die Menschen noch nicht sinnlos reisten, kam es nur auf die Handelswege an. Soweit sie nicht über Flüsse, sondern über Land gingen, orientierte man sich an den Spuren der Vorgänger. In Europa werden das alte Römerstraßen gewesen sein, die wegen ihrer Gradlinigkeit geschätzt wurden. Die Kenntnis abseitiger Wege wird ein Wissen gewesen sein, das gehütet und vererbt wurde. In unruhigen Zeiten, wenn feindliche Heere oder marodierende Horden über Land zogen, wird man aus Sicherheitsgründen keine Wegweiser aufgestellt haben.

Außer Kriegsherrn und Händlern benötigte noch das Fahrende Volk Kenntnis der gangbaren Routen. Dieser Teil der Bevölkerung, im 18. Jahrhundert fünf bis zehn Prozent, musste unter anderem wissen, wo die sicheren Bleiben, die sogenannten „Kochemer Dörfer“ zu finden waren. Man tauschte die Informationen mit Gaunerzinken auf handgezeichneten Karten aus.
Das Wort „Kunde“, in der frühneuhochdeutschen Bedeutung „Bekannter, Vertrauter“ benennt in der Gaunersprache, dem Rotwelschen, einen „Fahrender, der eine Gegend zum 2. Mal bereist hat“, oft über geheime Pfade, die nur die Fahrenden kannten.

Napoleon ließ die besetzten Gebiete erstmals genau vermessen und kartographieren. Wie berichtet, hatte der preußische Staat nach dem Abzug der Besatzung wenig Interesse an der Kartographierung und ließ sie nicht mehr aktualisieren. Kartenwerk ist Herrschaftswissen, Kartenwerk in Feindeshand ist Fernkommunikation ohne Firewall. Wegweiser gehören demnach nur in sichere Zeiten und demokratisierte Gesellschaften. Vermutlich hat aber erst das Aufkommen des Autoverkehrs eine Ausschilderung der Gegenden nötig gemacht. Wegweiser abseits der Fahrstraßen wurden erst erforderlich, als der Tourismus begann. [Im Bild: Karte meiner Heimatumgebung aus der Zeit Napoleons]

Was ist jetzt so schäbig an Hinweisschildern auf einem menschenleeren Bahnhof? Sie ersetzen den menschlichen Rat, den Arm des Menschen, der einen Weg weist. Da wären Menschen genug, diese Aufgabe zu übernehmen. Einst haben solche Menschen bei der Deutschen Bahn ihren Dienst getan. Ein hilfsbereiter Schalterbeamter mit Dienstmütze gehört so weit in die Vergangenheit, dass die Rechtschreibprüfung meines Schreibprogramms, ihn rot unterkringelt. Man wird die Aufgabe eines Schalterbeamten nicht verlockend finden. Denn in der langen Wartezeit zwischen den Zügen, die einen entlegenen Haltepunkt anfahren, würde er nur tatenlos herumsitzen. Da ist es ökonomischer, ihn wegzurationalisieren. Tatenlos herumsitzen kann er auch zu Hause. Dann kostet er nur noch wenig.

Unter ökonomischen Gesichtspunkten verbietet sich ebenfalls eine leere Bahn, die stoisch nach Fahrplan fährt, obwohl zu später Stunde niemand einsteigen will. Beides, der hilfsbereite Bahnbeamte, der kaum je gefragt ist und die leere Bahn gehören zu dem, was ich „soziale Redundanz“ nennen möchte. Je mehr soziale Redundanz eine Gesellschaft hat, desto liebenswürdiger ist sie. Als die Deutsche Bahn die Fahrkartenautomaten einführte, stellte man ihnen bald Menschen an die Seite, die den überforderten Kunden bei der Bedienung halfen. So ein Automatenguide ist ebenfalls Ausdruck der sozialen Verwahrlosung, aber eine perfidere Spielart, der Mensch als Dienstbote einer Maschine.

Kaffeeplausch mit Frau Nettesheim – Wonach man sich zu richten hat

Trithemius
Denken Sie nur, Frau Nettesheim, ich will ins Teestübchen, um mit Ihnen zu plaudern, da verstellt ein Depp mir den Weg und fragt: „Haben Sie die Nachrichten der letzten Woche aufmerksam verfolgt?“ Bevor ich „Nö, wieso?“antworten kann, will er ein Quiz mit mir zu machen.

Frau Nettesheim
Sie belieben mal wieder, in Bildern zu sprechen, Trithemius. Was konkret ist passiert?

Trithemius
Mir ging am Morgen unser Dialog durch den Kopf. Ich habe den Rechner eingeschaltet, um ihn aufzuschreiben, da ploppt diese blöde Bing-Seite auf, Sie wissen schon, die mit dem Postkartenkitsch. Und mitten im Bild erscheint direkt beim Anmeldefeld: „Haben Sie die Nachrichten der letzten Woche aufmerksam verfolgt?“

Frau Nettesheim
Und? Haben Sie?

Trithemius
Warum um Himmels Willen? Warum soll ich wissen, ob ein Minister namens Lindner auf Sylt geheiratet hat oder wie es den wegen Brandstiftung auf Mallorca inhaftierten „Kegelbrüdern“ geht? Soll ich mir mit all dem Dreck den Kopf zukleistern lassen und in einem Quiz nachweisen, dass ich ein braver Infotainment-Trottel bin?

Frau Nettesheim
Das verlangt ja niemand. Aber ein grober Überblick über die Nachrichten scheint mir ganz nützlich zu sein.

Trithemius
Aha „nützlich.“ Sie wissen doch, hohe Frau, was das Wort „Nachricht“ eigentlich bedeutet.

Frau Nettesheim
„Wonach man sich zu richten hat.“

Trithemius
Ganz genau. Welche von den sogenannten Nachrichten enthalten Handlungsaufforderungen von Belang?

Frau Nettesheim
Der Wetterbericht, Veranstaltungshinweise und die Börsennachrichten.

Trithemius

Obwohl die Börsennachrichten für mich unwichtig sind, da ich keine Aktien besitze, ist das Thema nicht unwichtig. Als Aachenerin wissen Sie doch, womit die heute weltgrößte Nachrichtenagentur Reuters begonnen hat.

Frau Nettesheim
Der Bankkaufmanns Julius Reuter versandte die neusten Börsenkurse zwischen Aachen und Brüssel mittels Brieftauben.

Trithemius
Genau. Und noch heute macht Reuters über 90 Prozent seines Umsatzes mit Aktienhandel, genauer Hochgeschwindigkeitshandel. Das Nachrichtengeschäft ist nur Beifang. In diesen Kontext passt, was mir ein Freund letztens erzählte. Er meinte, die verlässlichste Zeitung sei das Handelsblatt. Dort werde schon frühzeitig über weltpolitische Entwicklungen berichtet, weil die Anleger eine Orientierungshilfe bräuchten, wo sie ihr Geld investieren oder besser abziehen sollten. Das sind relevante Nachrichten.

Frau Nettesheim
Aber sollten Sie nicht auch wenigstens Bescheid wissen, was geschieht in der Welt?

Trithemius
Sie meinen, was Medien berichten. Das weltweit Angebot von Agenturen und Zeitungen ist ja tendenziell endlos. Das Medieninstitut, für das ich mal gearbeitet habe, empfiehlt „selektives Lesen.“ Aber das führt ja dazu, dass man nur liest, was einem in den Kram passt. Ich empfehle „interessengeleitetes Lesen“, halte mich fern vom täglichen Tuten und Blasen, und wenn ich eine Frage habe an die Welt draußen, schaue ich nach, was mir die verschiedenen Medien dazu anbieten. Das hält mir den Kopf frei und ich werde nicht zugemüllt mit aufgebauschten Marginalien.

Frau Nettesheim
Aber Ihr Weltbild?

Trithemius
Speist sich wie bei allen aus innerer Einsicht und Alltagserfahrungen.

Tiefenbachs Pfirsische

Wir haben alles geklaut, nur keine Pfirsiche. Beim Bauern Alwiss saßen wir im Kirschbaum und habe uns an der Überfülle der prallen Kirschen berauscht, bis wir den Bauch voll hatten und die Kirschen nur noch zu Ohrgehängen taugten. Zwetschgen und Äpfel beim Bauern Bolzer waren uns kaum der Rede wert. Wir klauten, was wir erreichen konnten. Im Herbst warfen wir Knüppelholz in Alwissens großen Nussbaum, weil wir nicht nur die Nüsse vom Boden, sondern auch die wollten, die noch grün ummantelt im Baum hingen. Nur an die dicken saftigen Pfirsische der Gärtnerei Tiefenbach trauten wir uns kaum heran. Da ich weiß, wie köstlich sie schmeckten, müssen wir es einmal gewagt haben.

Die Gärtnerei Tiefenbach lag vereinzelt am Dorfrand. Das hoch aufragende Haupthaus der Gärtnerei war zwar von Kastanien umstanden und schien nie in der Sonne zu liegen, doch wenn der Wind in den Kastanien rauschte und das Laub zur Seite wischte, waren da hohe Fenster. Um die Gärtnerei zu erreichen, mussten wir eine offene Wiese überqueren, so dass man uns jederzeit aus dem Wohnhaus würde sehen können. Dann musste ein hoher Zaun überklettert werden, der das Gelände ringsum abschloss. Zudem war uns Gärtner Tiefenbach nicht vertraut. Wir waren schon oft vor dem Bauern Alwiss davongelaufen. Lachten über die stoische Weise, in der er uns verjagte. Duckten uns unter den finsteren Blicken des Bauern Bolzer. Aber den alten Tiefenbach hatte keiner von uns je gesehen. Er war nur eine gestaltlose Bedrohung. Seinen Sohn, stark wie ein Esel, den kannten und mieden wir. Aber der für uns unsichtbare alte Tiefenbach verbreitete nur namenlose Furcht.

Von ihm ging die Rede, dass die Amerikaner, als sie das Dorf eingenommen hatten, ihn ergriffen und ins Feld schleppten, wo sie ihn sein Grab schaufeln ließen. Dann sollte er sich ans Ende der Grube stellen, und ein Offizier hielt ihm eine Pistole an den Kopf. „Scheinhinrichtung“ hieß das. Ja, die Amerikaner hatten den Tiefenbach mit einer Scheinhinrichtung bestraft, wurde im Dorf erzählt. Er hatte wohl seine polnischen Zwangsarbeiterinnen bis aufs Blut gequält. Was genau er getan hatte, war nichts für Kinderohren. Die Erwachsenen hielten dicht. Nur war zu spüren, dass man mit Genugtuung von der Scheinhinrichtung berichtete. Es hatte wohl keinen Unschuldigen getroffen. Auch schien man nicht zu bedauern, dass Tiefenbach sich nach dem Geschehen nicht mehr zeigte. Ob er bei seiner Scheinhinrichtung übergeschnappt war oder ob er sich seiner Untaten schämte, er nahm jedenfalls nicht am Dorfleben teil.

Man muss wohl besonders dreist sein, um so einem die Pfirsische zu klauen. Aber irgendwann müssen wir das getan haben. Irgendwann, ich erinnere mich kaum, sind wir über den Zaun geklettert und haben Pfirsische von einem Baum gepflückt. Tiefenbach hatte sie reichlich. Unverständlich, dass der Herrgott solch herrliche Früchte im Garten eines Verderbten wachsen lässt. Das verstieß gegen mein Empfinden für Gerechtigkeit.