Costers Dilemma

„Es geschieht immer öfter“, sagte Coster, „dass meine Texte fragmentarisch bleiben, als würden bei einem Hausbau alle gleichzeitig das Werkzeug fallen lassen und sich von der Baustelle entfernen. Hier wurde gerade ein artiger Torbogen gemauert, dort ein hübsches Türmchen hochgezogen, und jetzt geht es einfach nicht weiter. Da die Texte digital entstehen und gespeichert werden, geraten sie rasch in Vergessenheit. Nie wird eine Leserin ihren Kopf zum Tor hineinstecken und die angrenzenden Räume inspizieren, nie ein Leser das Türmchen besteigen, die enge Wendeltreppe hoch schnaufen, um oben befreit auf die Balustrade zu treten und den Blick übers Land schweifen zu lassen. Nie wird einer von der hohen Warte sehen, wie die Maurer in alle Himmelsrichtungen fortlaufen, nie wird sie jemand zurück an die Arbeit rufen, bevor sie hinterm Horizont versinken.

Dabei gäbe es schon einiges im Haus zu sehen. Da ist beispielsweise der freundliche marokkanische Friseur, dessen Ahnen Berber waren. Er hat sein Handwerk in Brüssel und Lüttich gelernt. Es ist eine Lust den geschickten jungen Mann bei der Arbeit zu beobachten, in dessen Folge man von sich sagen kann: „Ich habe die Haare schön.“ Er rennt doch auch nicht mitten in der Arbeit weg und lässt seinen Kunden halb barbiert zurück. Dabei hätte er Grund genug, denn er fastet zwischen Sonnenauf- und untergang, darf auch bei der Hitze des Tages nichts trinken und ist am Abend ganz ausgelaugt. Er spreche zwar arabisch, aber seine Muttersprache sei Berberisch, sagt er. Weil er nichts über Berberisch weiß, fragt der Kunde, ob der Friseur denn auch Französisch könne und schämt sich sogleich, Marokko mit Algerien verwechselt zu haben. Nein, man lerne es zwar in der Schule, aber viel könne er nicht. In seinem Land werde ja auch Spanisch gesprochen. „Aber wir haben die Spanier hinausgeworfen“, sagt er stolz, jetzt säßen die nur noch auf zwei Inseln. Zu Hause recherchiert der Kunde, dass die „Inseln“ spanische Enklaven sind, die an der marokkanischen Küste liegenden Städte Ceuta und Mellila.

In der beinah fertigen Halle könnte man von Konrad Zuse lesen, dem deutschen Ingenieur, der im Jahr 1935 den ersten Computer gebaut hat. Sein Z1 konnte 1536 Zeichen speichern, war aber so groß wie zwei Tischtennisplatten. Welch ein Glück für die Menschheit, dass die Nationalsozialisten mehr an Riesenkanonen, Raketen und Wunderwaffen interessiert waren und die Brisanz von Zuses Erfindung unterschätzt haben.

Unterm Dach wäre der seltsame Traum Windhagens zu lesen: Er hatte wieder von Sofia geträumt. Es war ein Alptraum gewesen, denn Sofia hatte ihr sexuelles Interesse an ihm verloren und er hatte allerhand verzweifelte Versuche unternommen, es wieder zu wecken. In seiner Verzweiflung hatte Windhagen eine lebendige Ente verschlungen, hatte sie sich weit hinten in den Hals geschoben, damit keinerlei Zweifel möglich war, dass er die Ente verschlingen wollte. Im Traum hatte er sich leicht besorgt gefragt, was wohl sein Magen über die Federn der Ente sagen würde. Wie lange würde die Ente noch leben? Er hatte sie ja nicht zerbissen, sondern komplett geschluckt. Hatte sie verstanden, was mit ihr geschah? Würde sie wittern, woher die Gefahr ihr drohte, wenn sein Magen seltsame Säuren auf sie regnen ließe? Wie lange kann eine Ente wohl ohne Sauerstoff auskommen?

„Das, mein Lieber, sind nur drei der Fragmente im unfertigen Haus“, fuhr Coster fort „Würden wir all das Angefangene besichtigen, hätten wir Tage zu tun. Vielleicht ist das der Grund, warum die Maurer fortgelaufen sind. Sie sind über den komplizierten Plänen verzweifelt, hätten sich einen Bauleiter gewünscht, der Ordnung in alles gebracht hätte. Der gesagt hätte, du machst jetzt das und das so und so, und lass dich nicht ablenken von weltlichen Genüssen.“

„Ja, aber“, wende ich ein, „das und das und so und so ist keine Anweisung, nach der jemand arbeiten könnte. Das könnte auch ein barbierender Berber nicht. Das und das und so und so verlangt vom Maurer eine Transferleistung und soviel schöpferische Kraft, da kann er gleich auf jeden Plan und den unfähigen Bauleiter verzichten.“

„Du hast leider Recht“, sagte Coster. „drum bleibt eben alles Fragment. Ich bin, um es mit einem Roman von Herbert Rosendorfer zu sagen, einfach ein textlicher „Ruinenbaumeister.“

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Was am Feuer beredet und bei Tag erfasst wurde

Wie das zuging, weiß ich nicht. Wie konnten meine Truppen derart aufgerieben werden? Wieso brach die Nacht so rasch über sie herein, so dass sie in der Finsternis umhertappten und versprengt wurden? Für den Augenblick habe ich einen Ort der Sammlung gefunden. Hier glimmt ein Herdfeuer. Das Holz ist nass und will nicht recht brennen, aber es findet sich mehr als ich erhofft hatte. Mit und mit treffen Truppenteile ein. Die Leute sind im schlechten Zustand. Ihr Stolz ist gebrochen. Stumm hocken sie sich ans Feuer und besehen ihre Wunden.

Die Unterführer sitzen abseits, und ich höre, wie sie leise gegen mich murren, gegen mich, ihren Hauptmann. „Wie konnte er uns in diesen Einsatz schicken“, fragen sie, „wo doch selbst wir Unterführer wussten, dass er kaum zu gewinnen war. Wir waren tapfer und stark, wir hatten das Land beinah befriedet und bauten auf, was zuvor am Boden lag. Aber es mangelte an allem, und dieser Mangel hat uns eine offene Flanke beschert. Sie war nicht zu sichern, und wir wussten, dass dieser Leichtsinn bestraft werden würde.“

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Mamamamamam, Aaaahh, Blubb! Verblödung! Wen interessierts?

Holterdiepolter, holla! Immer langsam mit den jungen Pferden und hübsch der Reihe nach. Im Gänsemarsch! Erst ma Kaffee machen!
Es ist ein Unterschied, ob ich lautmalende Wörter und Interjektionen schreibe (holterdiepolter, holla!), feste Wendungen, sogenannte Topoi, (Immer langsam mit den jungen Pferden und hübsch der Reihe nach), oder Metaphern (im Gänsemarsch) folgen lasse und alltägliche konkrete Vorgänge anfüge (Erst ma Kaffee machen) oder ob ich mein Gehirn zur syntaktischen und semantischen Kategorisierung meiner Äußerungen zwinge und zu letztlich schwierigen Überlegungen, das menschliche Zeitempfinden zu beschreiben und zu deuten. „Das ist aber ganz ohne Aufwärmen viel zu schwer, Herr Direktor!“, beschwert sich mein Gehirn. Wenn du meinst? Dann machen wir das heute nicht, sondern widmen uns der Frage, warum du immer träger wirst, liebes Gehirn, und die Menschheit insgesamt immer dümmer wird.

Man sollte doch annehmen, dass eine Menschheit, die über das Schrifttum auf die Kenntnisse und Überlegungen von über 3000 Jahren menschlicher Geistestätigkeit zurückgreifen kann, dass diese Menschheit, die vielfältigen Bildungsmöglichkeit und zunehmende Freizeit nutzend, immer klüger wird. Weiterlesen

Plausch mit Frau Nettesheim – über einen vergessenen Geburtstag

Frau Nettesheim
Wie kann es sein, dass Sie einen so wichtigen Geburtstag vergessen, Trithemius?

Trithemius
Weiß ich doch auch nicht. Ich bin untröstlich. Aber wissen Sie, was ich besonders blöd finde?

Frau Nettesheim
Sie werden es mir sagen müssen. So gut bin ich auch nicht in Ihrem Kopf zu Hause.

Trithemius
Dass mir der vergessene Geburtstag mit neun Tagen Verspätung einfällt, unter höchst seltsamen Umständen. Ich werde wach um 4:30 Uhr, habe von der Fußballnationalmannschaft geträumt, die aus lauter Überheblichkeit ein Fußballspiel verliert, und wie ich mich noch über mein nächtliches Dasein als Fußballfan wundere, fällt mir siedend heiß der Geburtstag ein.

Frau Nettesheim
Schon kurios, dass es erst nach neun Tagen bei Ihnen siedet.

Trithemius
Ich wusste doch überhaupt nicht, welches Datum wir haben.

Frau Nettesheim
Sie haben drei Kalender an der Wand, Smartphone, Tablet und Computer zeigen Ihnen Datum und Uhrzeit an, und da kennen Sie das aktuelle Datum nicht?

Trithemius
Ich muss es doch nicht mehr wissen, Frau Nettesheim. Niemand fragt mich danach. Nicht mal ein verirrter Zeitreisender, der mir zufällig über den Weg läuft. Stellen Sie sich einen rasch dahin strömenden Gebirgsbach vor. Früher befand ich mich in der Flussmitte und wurde von der Strömung mitgerissen, und jedes mal wenn ich mit dem Kopf an einen Stein schlug, wurde ich mir der Zeitläufte bewusst. Mit meiner Pensionierung wurde ich zum Ufer abgetrieben und landete in einer kleinen Bucht. Dort ist die Strömung gering und gefangen, kann das Wasser nur langsam kreisen lassen, immer schön rund in der Bucht. Und da dümpele ich rum.

Frau Nettesheim
Vergeht die Zeit für Sie langsamer oder kommen Sie nicht mehr hinterher?

Trithemius
Beides und alles durcheinander. Letztens habe ich meine Putzhilfe angerufen und um die Verschiebung des Putztermins gebeten, weil ich dachte, an diesem Tag einen Termin zu haben, was sich aber als falsch erwies. Der Termin war schon in der Woche zuvor gewesen. Offenbar will irgendwas in mir das Voranschreiten der Zeit ignorieren.

Frau Nettesheim
Aber was hindert Sie daran, sich ab und zu des Datums zu versichern? Sie haben es doch ständig vor Augen. Da rechts unten auf dem Bildschirm steht es:

Trithemius
Sinnentleerung von Schrift, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim
Wie meinen?

Trithemius
Täglich sehen wir Texte, die keine Information bereithalten. Wenn ich das Fenster der Internetverbindung aufklappe, steht da Flugzeugmodus. Ich fliege nicht, also muss ich die Botschaft ignorieren. Kein Wunder, wenn ich auch die Datumsangabe ignoriere. Im Teestübchen-Header steht noch immer „Mai 2018“, was offenbar auch niemandem störend aufgefallen ist.

Frau Nettesheim
Es ist trotzdem die altbekannte redaktionelle Schlamperei!

Trithemius
Ja, aber ich kann nichts dafür. In meiner stillen Bucht ist noch Mai.

Am jungen Morgen

Eine Luft zum Saufen. In der Nacht hat es geregnet. Bäume, Büsche, alle Pflanzen sehen zufrieden aus. So haben sie es gern. Nachts Regen, am frühen Morgen schon Sonnenschein. Auf der Ecke hält die große schlanke Frau Zwiesprache mit ihrem jungen Hund. Er hat sich hingesetzt und sie sagt machtlos wartend: „Unglaublich.“ Ich sage: „Guten Morgen!“, und sie grüßt freundlich zurück. Bei aller Konzentration auf ihren Hund, achtet sie noch menschliche Kontakte. Aber sie dürfte sich nicht so dominieren lassen, fürchte ich – für sie natürlich und für ihren Hund.

Sie bringt ihm seltsame Dinge bei. Einmal schaute ich beim Kaffeemachen aus dem Küchenfenster und sah, wie sie ihren Hund auf den Spielplatz nötigte. Sie war ganz sicher, dass es ein passender Ort für ihn wäre. Der Hund zweifelte.

Ein anderes Mal schaute ich morgens aus dem Fenster und sah sie mit ihrem Hund in unserem Beet um den Spitzahorn. Er ging in die Hocke und ließ was hinter sich, was ich da nicht wollte. Aber sie beugte sich selbstverständlich hinab und nahm sein ungebetenes Geschenk mit einer Plastiktüte auf. Da erst nahm sie mich wahr und rief fröhlich: „Guten Morgen!“ Dann ging sie mit ihrem Hund fort. An ihrer Hand baumelte die gefüllte Plastiktüte. Auch wenn Plastik zwischen meiner Hand und dem Hundehaufen wäre, ich wollte ihn nicht anfassen, wollte seine körperwarme Konsistenz nicht tasten. Es ist ja eine äußerst intime Angelegenheit, und solche Intimität wollte ich nicht. Man muss es mögen.

Die hübsche Muslima beim Bäcker freut sich wieder, mich zu bedienen und schenkt mir so augenscheinlich Sympathie, dass ich mich beim ganzen Heimweg frage, warum. Dann aber spüre ich plötzlich: die Natur ist zufrieden.

Uit de tijd gegleden – Aus der Zeit gerutscht

Zounds! Ik heb me verslapen. Ik moet uit de tijd zijn gegleden, omdat het overal rustig is. Hoewel ik een paar auto’s in de verte hoor rijden, tsjilpen er ook vogels. Maar het geluid zou een misleiding kunnen zijn. Zij zouden van de band kunnen loskomen. De akoestische illusie hoeft niet eens van de band te komen. Het is genoeg om mijn hoorzorgcentrum een beetje te stimuleren, zodat ik denk dat ik verafgelegen autogeluiden, vogelgeluiden en het stille ventilatieluid van mijn laptop kan horen. Als ik over het scherm kijk, zie ik drie ramen, twee frontale ramen, één diagonaal van opzij. Het linker venster van het frontale venster heeft twee vleugels. De witte gordijnen worden volledig opzij geschoven, zodat juist dit raam zicht biedt op het dichte gebladerte van verschillende bomen, die zich in schijnbaar verschillende diepten van de ruimte bevinden. Recht vooruit zie ik een meidoornstruik die in de bladeren van een eik is gegleden. Ik zie niet veel door het zijraam. Het gordijn wordt niet ver genoeg naar de zijkant geduwd. Ik herken tenminste een hoge, lichtrode gemetselde huisgevel en wat ramen erin. Ze zijn wit geschilderd en hebben een oud wit schietgat. Uit hun symmetrische rangschikking maak ik op dat er meer ramen in de voorkant van de bulk moeten zijn. Echter, het grootste deel van de voorkant van het huis is bedekt met de bladeren van een boom.

augadoro (oogpoort) was de naam die de Teuten aan hun ramen gaven. Net als bij de akoestische waarnemingen, alles wat de oogpoorten me konden laten zien en wat er allemaal in de kamer is. Dit alles zou kunnen worden voorwendseld als mijn visueel centrum. Mijn scherm en wat er schriftelijk op verschijnt bleef behouden wanneer ik bepaalde toetsen in een ordelijke volgorde indruk. Ervan uitgaande dat dat ook illusie zou zijn zoals de tastbare waarneming van de computer op mijn schoot, de knopen onder mijn vingers, zoals mijn linkervoet op de grond, mijn rechtervoet vrij zwevend in de lucht omdat ik dit been over het andere been raak en de computer op de dij van mijn rechterbeen houd, de druk van mijn lichaam op de rugleuning terwijl ik op de zitting weeg, mijn innerlijke waarnemingen, de afdronk van koffie in mijn mond enzovoort. Er is geen bewijs dat ik niet uit de wereld ben gegleden. Niets bewijst dat ik hier nog steeds ben. En je lieve lezer, je hebt nog minder aanwijzingen. U zegt: Ik lees uw tekst. Maar doen jullie dat überhaupt? Ik heb geen bewijs dat ik niet weet of alle percepties ook voor jou gespeeld zullen worden. Wat als ik de tekst helemaal niet schreef? Misschien zat het gewoon in je hoofd? Het ontstaat zeker in je hoofd op dat moment. Nederlands!

Goede dag!

Vertaald met http://www.DeepL.com/Translator – Mit Dank an Dieter Kayser

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Post von Hans

An einem heißen Sommertag im Juli 2013 besuchte ich den Altstadtflohmarkt Hannover am Hohen Ufer der Leine und schob mich unter einer brennenden Sonne durch die Menschenmassen zwischen den Buden. Ich suchte einen Stand mit antiquarischen Ansichtskarten, weil ich mich am archäologischen Literaturprojekt „Inspiring Voyeurism“ beteiligen wollte, einem Mitmachprojekt aus Blog.de-Zeiten, zu dem Freund Merzmensch aufgerufen hatte. Die Idee: antiquarische Ansichtskarten regen zu Untersuchungen und Spekulationen an.

Wer? … hat die Karte, Wann, von Wo, an Wen verschickt?
Warum? … Was bedeutet der Text der Karte?

Da bietet ein Händler Ansichtskarten feil, eng gestapelt in zwei Kartons. Die Sonne im Nacken blättere ich mit schwitzigen Fingern in den Karten. Soweit sie rückseitig keine Aufschriften haben, sind sie uninteressant. Obwohl meine Suche in der Hitze ungeduldig ist, finde ich zehn Karten. Der Trödler kommt heran, blättert meine Auswahl durch und will elf Euro. Da wären schließlich ein paar besondere bei. „Was? höchstens fünf Euro!“ „Acht Euro, um Ihnen entgegen zu kommen.“ Ich schaue in meine Geldbörse und sage: „Ich habe sieben Euro klein. Mehr können Sie nicht haben!“ Er gibt mir die Karten. Später setze ich mich in den Schatten und betrachte meine Beute. Einige der Karten sind ein Glücksgriff für meinen Projektbeitrag. Er sollte bald im Blog des Hannover Cünstler Kollektivs (HaCK) erscheinen. Leider ist das Blog mit der Plattform im digitalen Orkus versunken und auch nur rudimentär im Internet Archiv gespeichert. Das leider unvollständige Manuskript ist mir mehrmals schon in meinem Festplattenarchiv wieder begegnet. Es heißt: Der liebe Hans.

Hans hat im Abstand von drei Jahren zwei Ansichtskarten an seine Eltern geschickt, die erste 1954 aus Bonn, die zweite 1957 aus Berlin. Ich habe die Karten hintereinander gestapelt gefunden, ein Glücksgriff. Denn so erzählen die Karten eine längere Geschichte aus dem Leben von uns unbekannten Personen. Wäre es nicht so heiß gewesen am Stand des Trödlers, hätte ich gern weitere Karten von Hans gesucht. Aber so ist auch schön:

Die erste Karte zeigt im Vordergrund den Rhein, am jenseitigen Ufer das Bundeshaus in Bonn, eine Aufnahme aus den frühen 1950-er Jahren. Über dem schlichten Gebäude ist eine Fahne gehisst. Sonst könnte es auch ein simples Bürohaus sein. Trotzdem handelt es sich um das Parlament, und es scheint Hans wichtig gewesen zu sein, den Eltern diesen Eindruck zu vermitteln, mehr noch, er schreibt:

Liebe Eltern!
Herzliche Grüße aus dem Bundeshaus in Bonn
sendet Euch Euer Hans

Hans ist also im Bundeshaus gewesen und hat nicht etwa im Rhein gestanden, wie das Foto nahelegt. Vermutlich konnten Besucher die Ansichtskarte im Foyer des Bundeshauses erwerben. Abgeschickt ist die Karte laut Poststempel in Bonn, am 20. Oktober 1954.
Was war am 20. Oktober 1954 im Bundestag?

„Einstimmig beschloss der Bundestag, dass Bürger Ost-Berlins, die im Westteil der Stadt einen Arbeitsplatz hatten und diesen verloren, ein Anrecht auf Arbeitslosenunterstützung haben sollten. Die SPD warf in einer Bundestagsdebatte über Probleme der Jugend der Regierungskoalition vor, mangelndes Interesse an der Jugend zu haben.“

(Nachweis von hier.) Es ist unwahrscheinlich, dass Hans als Jugendlicher von Hannover aus einen Ausflug nach Bonn gemacht hat, um sich den Vorwurf der SPD anzuhören. Seine gut entwickelte, selbstbewusste Handschrift weist ihn als jungen Mann aus. Der exzentrische Schnörkel beim großen H zeigt einen infantilen Hang zur Eitelkeit. Vielleicht ist Hans in Bonn, um Jura zu studieren, mit dem Ziel, später in einer Bundesbehörde Karriere zu machen. Schließlich hat der Vater es in Niedersachsen schon zum Oberregierungsrat gebracht, wie die Adresse ausweist, und erwartet, dass sein einziger Sohn etwas aus sich macht. Die Anschrift weist eine Auffälligkeit aus:

Herrn
Oberreg.Rat O. Bxxxxxxxx
Hannover

Obwohl der Kartengruß an die Eltern gerichtet ist, taucht die Mutter in der Anschrift gar nicht auf, getreu der damaligen Konvention, dass die Ehefrau im Hintergrund zu stehen hat und nur über den Berufsstand des Mannes etwas gilt. Dass Hans dieser Konvention auch im Familiären folgt, weist ihn als hochgradig konservativ aus. Vermutlich ist er ein angepasster gelackter Schnösel und wie schon sein Vater Mitglied der Burschenschaft der Norddeutschen und Niedersachsen zu Bonn, einer schlagenden Verbindung. Man kann sich sein Elternhaus vorstellen. In der schummrigen Eingangsdiele der Stadtvilla im Jugendstil riecht es nach Bohnerwachs. Die Dielen sind spiegelig gewienert, die Wände mit dunkler Eiche vertäfelt. Die Eingangstür hat farbiges Glas, durch das Tageslicht nur milde hereinsickert. Über die Treppe zum Obergeschoss erstreckt sich ein weinroter Läufer, der in den Stufenecken mit goldglänzenden Messingstangen justiert ist. Auf einer Anrichte liegt ein gehäkeltes Spitzendeckchen. Darauf steht ein schwarzes Telefon. In einer Schale liegt die Post vom Tage, damit der Hausherr sie sogleich beim Heimkommen inspizieren kann … Sie ruft: „Ach, Hans hat geschrieben!“ Er: „Wurde auch Zeit.“

Drei Jahre später. Der Vater ist inzwischen pensioniert. In der Anschrift fehlt sein alter Titel, was nicht bedeutet, dass die Mutter jetzt genannt würde. Es heißt schlicht:

Herrn Otto Bxxxxxxxx und Frau

Zumindest das große überragende F von Frau zeigt, dass ihre Stellung sich entwickelt hat. Klar, er ist Pensionär und hat seine Reputation eingebüßt. Der Schnörkel, den Sohn Hans beim großen H macht, ist jetzt noch ausgeprägter. Hans hat die ihm gemäße Form gefunden, auch wenn es aus heutiger Sicht eine lächerliche Form ist. Das Gespräch zwischen ihm und den Eltern ist jedoch verstummt. Er hatte vor, einiges zu schreiben, hat sehr weit oben angefangen, sogar die Trennlinie überschritten. Dem herzlichen Auftakt:

Liebe Eltern!

Folgt nur ein lakonisches …

„Herzliche Grüße aus Berlin
Euer Hans“

Die Absicht war da, aber es ist ihm nicht mehr eingefallen. Trotz raumgreifender Schrift bleibt die Karte im unteren Drittel leer. Was steht da nicht? Warum schreibt er überhaupt? Hofft er auf finanzielle Unterstützung? Ist er dem Berliner Nachtleben verfallen, wie das Kartenmotiv nahelegt? Oder gab es ein Zerwürfnis? Die Tinte ist grün, weist auf einen gehobenen Berufsstand. Sachbearbeiter schreiben Rot, leitende Herrschaften Grün. Was ist passiert im Leben von Hans? Weitere Nachricht haben wir nicht. Gerade ist er vor uns aufgetaucht, nahm Gestalt an, die Eltern ebenso. Schon zerfließen die drei im Nebel der Zeit.

Danke, lieber Merzmensch, für das inspirierende archäologische Literaturprojekt!