Dinge des Lebens – Wurstenden und Baukräne

In einer Randgemeinde Hannovers entsteht ein neues Wohngebiet. Über die Rohbauten ragen riesige Kräne hinweg. An ihnen prangt das Firmenschild „Liebherr.“ „Die Familie stammt aus meiner schwäbischen Heimat“, sagt die Frau meines Herzens. Ihre Mutter habe Frau Liebherr öfters beim Metzger Huber gesehen, wie sie immer nach den billigeren Wurstenden gefragt habe. Dieses Musterbeispiel schwäbischer Sparsamkeit galt der Mutter als Grundstock für das weltweit operierende Bauunternehmen. „So kommt ma zu ebbes“, sagte sie.  Warum gehören mir keine Baukräne? Schließlich frage ich beim Metzger nicht mal nach Wurstenden, sondern spare mir seit Jahrzehnten die ganze Wurst vom Munde ab.

Eine Routineuntersuchung zwingt mich in die Straßenbahn nach Kirchrode. Vor drei Jahren bin ich zuletzt dort gewesen. Ich schaue interessiert aus dem Fenster und erinnere mich. Die Bahn kreuzt die Eilenriede, den stattlichen Hannoveraner Stadtwald. Hier bin ich einst mit einer jungen Freundin geradelt und habe in der kleinen Schenke am Radweg Station gemacht. Auf der Terrasse vor dem Lokal saßen Leute, offenbar über die Tische hinweg in ein lebhaftes Gespräch verstrickt. Als wir aus dem Laubengang in den Bereich eintraten, verstummten die Gespräche und man musterte uns neugierig. Offenbar verirrten sich Fremde selten hierhin, und die Wirtsleute legten wenig Wert auf Laufkundschaft. Es gab für meine Begleiterin keinen Cappuccino, nur Kaffee. Sie fühlte sich sichtlich unwohl, weil sie ahnte, dass man ringsum spekulierte, ob ich ihr Freund oder ihr Vater wäre. Trotzdem musste ich sie kurz alleine lassen. Auf der Toilette hingen tatsächlich Pornobilder an den Wänden. Während die Bahn vorbeifährt, frage ich mich, ob die Bilder wohl noch da sind. Wo alles im stetigen Wandel ist, wäre selbst dieser Schund eine feste Größe.

Ich betrete eine Apotheke. Die Frau hinter der Plexiglasscheibe ahnte mein Begehr und bietet mir eine Mund-Nasen-Bedeckung von der Rolle an. Sie habe auch welche in der Zehnerpackung. „Die nehme ich, vorausgesetzt, ich muss dafür keinen Kredit aufnehmen.“ Es geht noch so gerade; die zehn kosteten 16,90 Euro.

In der Bahn sitzt mir gegenüber ein etwa 13-jähriges Mädchen, hat den Kopf gesenkt und versteckt Nase und Mund hinter dem Zipfel seiner Jacke. Nach einer Weile frage ich hinüber: „Möchtest du eine Maske?“ und halte ihr meine geöffnete Zehnerpackung hin. „Nein, danke, alles gut!“, sagt sie und verschwindet wieder unter ihrem Jackenzipfel. Die Mutter hat ihr eingeschärft: „Nimm von fremden Männern keine Maske an!“

„Wie hieß nochmal der schwarze Sänger mit dem schiefen Gesicht, der immer mit den beiden anderen zusammen war, deren Name mir grad nicht einfällt?“ Solche Fragen konnte zu goldenen HaCK-Zeiten nur Herr Leisetöne beantworten. Digital funktioniert es allerdings auch. Die Frau, die ich liebe, spricht mit Google. Ich kann das nicht, denn ich möchte Google nicht mein Stimmmuster geben. Ich bedauere, dass man mit der Orthographiereform das Prinzip der Sparschreibung beim Zusammentreffen von drei Konsonanten aufgegeben hat. Das Prinzip stammt aus dem 19.Jahrhundert, meines Wissens von Jacob Grimm. Damals schrieb man noch Kurrent. Gewiss hatte das Prinzip eugraphische Gründe, denn in Kurrent sieht STIMMMUSTER verwirrend aus.

Ein einzig spitziges Rauf und Runter wie die Ausschläge in der Anzeige eines Geräts, dessen Name mir auch grad nicht einfällt. Das Stimmmuster kriegt Google jedenfalls nicht von mir. Dafür kann ich das Smartphone nichts fragen und bekomme nicht die Antwort:

    „Laut Wikipedia: Sammy Davis jr. war ein US-amerikanischer Unterhaltungskünstler. Die anderen beiden waren Dean Martin und Frank Sinatra.“

In den 1980-ern, als Computer noch Blechtrottel waren, ging durch die Presse, dass ein Mann in einer Klinik Computer gestohlen hatte. Er hauste unter einem Treppenabsatz und wollte zu den Computern eine Beziehung aufbauen. Mit der weiblichen Google-Stimme ginge das bestimmt besser.

Mit der Hand gesetzt (3a) – Das Lektorat schaltet sich ein

„Das Lektorat hat einige Anmerkungen zum letzten Kapitel“, sagte Herr Oster, der Setzer meines Romans, nicht ohne Genugtuung. „Ich hatte mir beim Setzen schön ähnliche Gedanken gemacht.“ Er reichte mir den neuerlichen Korrekturabzug, worauf mit Grün zwei Stellen markiert waren:
Unklar bleibt, wieso der Protagonist zur erstmals im Text auftauchenden Reinemachfrau Dressel sagt: „Sie müssens ja wissen, Frau Dressel.“ Wieso?
Desgleichen würde sich im Brief gut ausmachen, wenn dort die Beteuerung stünde, dass das Foto Herrn Erlenberger nicht zeigt, wodurch der Satz „denken Sie nur an die arme Frau!“ grotesker wirken würde, als glaubte Schmieder seiner eigenen Beteuerung nicht.

Ich zog mich eine Weile in ein leeres Büro zurück, änderte den Text und übergab ihn, Herrn Oster, zur nachträglichen Bearbeitung. Er würde die Zeilen neu umbrechen müssen:

    … denn die Reinemachefrau Dressel, die sich ebenfalls dazu gesellt hatte, sagte: „Wie die Nase eines Mannes, also ist auch sein Johannes!“
    „Sie müssens ja wissen, Frau Dressel“, sagte ich, in Anspielung auf ihre alte Arbeitsstelle, denn sie hatte zuvor Häuser in der Bordellgasse geputzt. Dann sagte ich in die Runde: „Ich bitte die Anwesenden um allgemeine Bestätigung, dass das Aktfoto mich nicht zeigt.“
    „Jaja, schon gut! Du bist es nicht“, sagte Reibach, holte ein Schreiben aus seinem Jackett, das ihn am Morgen mit der Post erreicht hat. Absender: Dr. Wolfgang Schmieder. Reibach bat um Ruhe und las vor:

    „Lieber Herr Dr. Reibach,
    kaum waren Sie gestern aus dem Haus, wurde mir die Ungeheuerlichkeit bewusst, dass ich mich hatte hinreißen lassen, Ihnen das Foto aus dem Aktmagazin zu fotokopieren, das unseren gemeinsamen Bekannten, Herrn Erlenberger NICHT zeigt, da ihm die Narbe über der Augenbraue fehlt. Ich bin ob meiner Handlungsweise untröstlich, konnte die Arbeit nicht verrichten, die ich mir für den Tag vorgenommen hatte, da mir die Folgen meines Tuns unablässig vor Augen rückten. Ich bitte Sie deshalb inständig, die Fotokopie niemandem zu zeigen. Vernichten Sie das Blatt unverzüglich! Die Lust, es zur allgemeine Erheiterung herumzuzeigen, wiegt nicht auf, was Sie dem Herrn Erlenberger damit antun. Denken Sie auch an seine arme Frau!
    In Unruhe, Ihr
    Dr. Wolfgang Schmieder“

Mit der Hand gesetzt (3) – Eine Fotokopie und ein Brief

Folge 1Folge 2

Wir begegneten uns in der Umkleide. Ich kam aus dem Waschraum, Herr Oster hängte gerade sein kariertes Jackett in den Spind und streifte den grauen Kittel über.
„Haben Sie im Verlag übernachtet“, fragte er erstaunt.
„Nicht direkt übernachtet. Ich musste noch das letzte Kapitel des Manuskripts fertig schreiben“, log ich.
„Schon seltsam“ brummte Herr Oster, „dass die Chefin mich den Roman setzen lässt, obwohl das Manuskript noch nicht fertig ist.“
„Just in time, Herr Oster. Das Prinzip kennen Sie doch.“
„Aber hier bei uns? Wozu soll das gut sein?“

Wir gingen gemeinsam in den Setzereisaal. Auf Osters Arbeitstisch lagen die Korrekturfahnen. Ich sah viel Rot. Oster nahm sie in die Hand, verglich mit dem Manuskript und schnaubte: „Wie die beschmierten Fahnen chinesischer Räuberbanden. Sie müssen bitte deutlicher schreiben, Herr Autor, dann gibt es auch nicht so viele Setzfehler.“ Er hielt mir mein Manuskript unter die Nase, um mir die ästhetische Katastrophe zu zeigen. Namentlich die vielen Streichungen und nachträglichen Kritzeleien beschämten mich. Glücklicher Weise war das Ergebnis meiner Nachtarbeit wie aus einem Guss:

    Gegen Nachmittag war plötzlich Unruhe im Institut. Dr. Bernd Reibach stürmte herein, eilte durch die Räume und zeigt ein Blatt herum. „Komm mal her, du Aktmodell!“, rief er. Schmieder musste Reibach von seiner Entdeckung erzählt haben, und Reibach hatte ihn so lange gedrängt, dass Schmieder ihm das Bild aus dem Schwulenmagazin fotokopiert hatte. Zu sehen war ein gereckt stehender nackter Mann, der mit erhobenen Armen ein gewrungenes Handtuch hinterm Nacken hielt. Er stand ein wenig gespreizt da, hatte den muskulösen Oberkörper leicht zur Seite gedreht und sah mir vor allem nicht ähnlich, wie auch die Sekretärin Kathy O. bestätigte, wobei sie errötete, denn sie sah sich plötzlich im Verdacht, mich ein bisschen näher zu kennen. „Die Nase ist doch viel gröber als deine“, sagte sie rasch, was es nicht besser machte, denn die Reinemachefrau Dressel, die sich ebenfalls dazu gesellt hatte, sagte: „Wie die Nase eines Mannes, also ist auch sein Johannes!“
    „Sie müssens ja wissen, Frau Dressel“, sagte ich. „Ich bitte die Anwesenden um allgemeine Bestätigung, dass das Aktfoto mich nicht zeigt.“
    „Jaja, schon gut! Du bist es nicht“, sagte Reibach, holte ein Schreiben aus seinem Jackett, das ihn am Morgen mit der Post erreicht hat. Absender: Dr. Wolfgang Schmieder. Reibach bat um Ruhe und las vor:

    „Lieber Herr Dr. Reibach,
    kaum waren Sie gestern aus dem Haus, wurde mir die Ungeheuerlichkeit bewusst, dass ich mich hatte hinreißen lassen, Ihnen das Foto aus dem Aktmagazin zu fotokopieren. Ich konnte die Arbeit nicht verrichten, die ich mir für den Tag vorgenommen hatte, da mir die Folgen meines Tuns unablässig vor Augen rückten. Ich bitte Sie deshalb inständig, die Fotokopie niemandem zu zeigen. Vernichten Sie das Blatt unverzüglich! Die Lust, es zur allgemeine Erheiterung herumzuzeigen, wiegt nicht auf, was Sie dem Herrn Erlenberger damit antun. Denken Sie auch an seine arme Frau!
    In Unruhe, Ihr
    Dr. Wolfgang Schmieder“

Fortsetzung

Mit der Hand gesetzt (2) – Gut bestückt?

So früh habe ich den Schriftsetzer noch nicht erwartet. Er hätte mich nicht sehen sollen beim Abfassen des Manuskripts. Er sollte nicht wissen, dass ich ihm nur wenige Stunden voraus bin. Immerhin kann ich ihm zwei weitere Seiten hinlegen, so dass er Arbeit hat für den Tag. Ich werde einige Nachtschichten einlegen müssen, um genug Vorsprung zu haben mit meinem Manuskript. Wer hätte je einen Roman unter solchen Bedingungen geschrieben, immer gehetzt von einem Setzer, der stoisch die Lettern aus den Fächern des Setzkastens fingert, um sie von links nach rechts in den Winkelhaken zu reihen. Oja, er ist schnell, erfasst schon im Greifen die Lage der Letter an einer Kerbe, ihrer SIGNATUR. Auf dem Weg zum Winkelhaken dreht er die Signatur nach vorne, flucht manchmal leise, wenn er einen falschen Buchstaben erwischt hat, einen FISCH, der nun zurückfliegt in das richtige Fach, es sei denn er gehörte nicht in den Kasten, würde zu einer ganz anderen Schrift gehören. Die Setzer erkennen das an der abweichenden Signatur. Ein solcher ZWIEBELFISCH landet im Fach für die Quadrate, so heißt das größere Ausschlussmaterial, um später wegsortiert zu werden.

    Traurig, traurig ist der Fall des Dr. Wolfgang Schmieder. In jungen Jahren hatte er sich Hoffnung auf eine Professorenstelle an der Pädagogischen Hochschule gemacht. Qualifiziert war er, qualifizierter wohl als jene „hochgefürsteten Studienräte“, die fett und inkompetent auf den Lehrstühlen saßen. Ihn hatte man übergangen, aus dem einzigen sachfremden Grund, weil er homosexuell war. So jedenfalls die Erklärung, die Dr. Schmieder gefragt und ungefragt gab. Er konnte den Mann benennen, der ihm „einen Knüppel zwischen die Beine geworfen“ hatte, Hans Hase, der Stadtdirektor, ein „bigotter Katholik“ und ausgemachter Homophobiker. Hase saß im Senat der Hochschule und hatte dort seinen Einfluss geltend gemacht, um Schmieders Professur zu verhindern. Stattdessen hatte man ihn auf einen Posten bei der Stadtbibliothek verschoben, für den er völlig überqualifiziert war. Mit den Jahren aber genoss Schmieder seine beschauliche Anstellung. Niemand erwartete etwas von ihm, niemandem fiel auf, wenn er sein Mittagsschläfchen auf der Ottomane in seinem Büro in den Nachmittag ausdehnte. Wer überraschend hineinschaute in Schmieders Büro, fand ihn schlummernd, die Lesebrille hoch auf die Stirn geschoben. Ein Büchlein war seiner Hand entglitten, das Bild des fleißigen Kopfarbeiters, den es bei der anstrengenden Tätigkeit des Lesens übermannt hatte. Den Feierabend erlebte Schmieder frisch und ausgeruht, denn fit musste er sein – für die Abendkurse, die er in seinem Haus gab. Dr. Wolfgang Schmieder bereitete Aspiranten in einem einjährigen wöchentlichen Abendkurs auf die Begabtensonderprüfung an der Pädagogischen Hochschule vor.

    Dort lernte ich ihn kennen. An einem der ersten Abende rief Dr. Schmieder mich an seinen Tisch, besah mich genau und sagte: „Schieben sie doch mal die Haarlocke aus der Stirn! Ich will sehen, ob Sie eine Narbe über der Augenbraue haben.“ Als er meine blanke Stirn inspiziert hatte, rief er enttäuscht aus: „Ach, nein, Sie sind es nicht!“ Er glaubte mich nämlich nackt abgebildet in „einem Heft“ gesehen zu haben, und dieses Aktmodell sähe mir zum Verwechseln ähnlich. Vor der versammelten Gruppe seiner PH-Aspiranten spekulierte Schmieder, ob ich wohl „auch gut bestückt sei“ Darauf würde zumindest meine Brustbehaarung hinweisen, die im offenen Hemdausschnitt zu sehen war. Ich fühlte mich entblößt.

Fortsetzung

Mit der Hand gesetzt (1)

Ich weiß, dass der Verlag diesen alten Schriftsetzer beschäftigt, weiß, dass er meinen Roman wird mit der Hand setzen müssen. Um ihn zu zanken, hätte ich Lust, den Roman mit einem unsäglich langweiligen Satz zu beginnen. Er würde darüber verzweifeln wie ein Wanderer, der mit dem ersten Schritt schon in zähen Morast gerät, besser auf einen knochentrockenen steinigen Weg unter einer gnadenlosen Sonne, so dass er nach wenigen Schritten sich schon erschöpft an ein Balkengestell anlehnen muss wie der berühmte Durstige Mann in der Tuborg-Werbung.

Dieser tödlich langweilige Satz wäre die Herausforderung, die den Alten am Berufsethos verzweifeln ließe. Den mit der Hand getreulich abzusetzen, ihn nicht zu verbessern wie einst der Kollege, der den Satz „Der ganze Verein hatte sich versammelt; nur der Vorstand fehlte noch.“ durch den Austausch von o durch e so recht zum Schillern gebracht hatte: „Der ganze Verein hatte sich versammelt; nur der Verstand fehlte noch.“

Jetzt habe ich mir selbst ein Bein gestellt. Denn es ist genauso schwer, einen tödlich langweiligen ersten Satz zu erfinden wie einen wunderbaren, so einen, der in der Anthologie schönster erster Sätze als erster genannt würde. Das vermute ich jedenfalls, denn ich habe weder einen wunderbaren noch einen tödlich langweiligen Satz geschrieben. Und hätte ich es, so würde niemand ihn kennen, nicht einmal ich.

Habe ich nicht eine Schachtel mit einem Haufen von Zettelnotizen, die ich im Wahn niedergeschrieben habe und deshalb im nüchternen Zustand nicht anschauen mag? Einen solchen Zettel bräuchte ich nur zu zücken, und schon wärs … Wunschdenken zweifellos, und unbeweisbar, weil der Zettelkasten seit Jahren nicht mehr geöffnet werden darf.

Schon greife ich dem Schriftsetzer in den Nacken und zwinge ihn an den Setzkasten. Die zehn Punkt Garamond habe ich ihm aufgestellt, ihm gesagt, er solle den Winkelhaken auf 20 Cicero Breite einstellen. Die nächsten 75 Arbeitstage wird er acht Stunden täglich an meinem Roman setzen. „Nur zu, Brauner, mach den ersten Schritt!“

    Dr. Wolfgang Schmieder war Privatgelehrter. Als ich ihn kennenlernte hatte er bereits ein Grab mit einem Grabstein, den eine Inschrift in babylonischer Keilschrift zierte. Sein Grab besuchte er regelmäßig und pflegte die Blumen. Dort sollte man ihn begraben, und nebenan ein Hutzelweib von Haushälterin, das er seine Ziehmutter nannte. Freilich ihrer beider Tod sollte noch abgewartet werden. Das Haus des Dr. Wolfgang Schmieder war bis in den letzten Winkel mit Bücherregalen bestückt. Wenn normale Menschen 400 Bücher ihr eigen nennen, so besaß Dr. Schmieder sicher 10.000. Täglich brachte der Paketbote neue Stapel, überwiegend philosophischer Werke und solche der Religionswissenschaft. Schmieder kaufte sie nicht, sondern erhielt und sammelte Rezensionsexemplare. Die Rezensionen veröffentlichte er in einer kleinen Studentenzeitschrift, aber unter Pseudonym, dem Namen einer jungen, glutvoll schönen Frau namens Raiza Procházka, deren voller Busen manchen schon zum Träumen gebracht hatte. Das Gefälle zwischen den Rezensionstexten und ihr war derart grotesk, dass ich niemals glauben konnte, dieses wunderbare Weib könnte einen derartig geschraubten Bockmist von sich geben. Da wusste ich von Dr. Wolfgang Schmieder noch nichts.

    Fortsetzung

Die Malkunst der Virologen

„Haben Sie viele Coronafälle?“, frage ich meine Ärztin., die ich quasi routinemäßig aufgesucht hatte.
„Nein!“, sagt sie.
„Bei den geringen Fallzahlen in Hannover ist es wohl wahrscheinlicher von einem Auto überfahren zu werden“, ergänze ich. Das findet sie auch und sagt, dass sie diesem Coronagedöns [mein Wort] kritisch gegenüber stehe. Sie halte sich natürlich an die Vorgaben, was ich bestätigen kann. So setzt sie sich eine Maske auf, bevor sie mein Herz abhört, aber sagt: „Im letzten Jahr hatten wir 20.000 Grippetote. Da krähte kein Hahn nach.“ Ein Aushang an der Tür besagt, dass nur eine Maske tragen solle, wer eine Atemwegserkrankung habe. Bei anderen bestünde keine Evidenz des Nutzens. Ich bin zweimal beruhigt, einmal eine Meinung aus der ärztlichen Praxis zu hören, die meine Ansichten bestätigt, und zum anderen, weil mein Herz brav geklopft hat.

Die Praxishelferinnen tragen zur Tastaturbenutzung Latexhandschuhe. Ich sehe bei der einen schweißfeuchte Stellen in den Handschuhen, der Nährboden für Bakterien. Arme Frau. Warum sind die Schutzmaßnahmen so disfunktional? Denkt da keiner richtig nach? Sind denn alle einem kollektiven Irrsinn verfallen? Wenn man böse Drahtzieher wie dem James-Bond-Film entsprungen ausschließt, bleibt nur dieser Schluss. Unsere Entscheidungsträger sind Opfer der von ihnen selbst geschürten Panik, haben den Teufel an die Wand gemalt und erschrecken jedes Mal, wenn sie seiner ansichtig werden. Freilich lassen sie ab und zu einen Virologen mit dem Farbtopf ran, damit die Darstellung nicht verblasst. Und die Kerle können nicht mal gut malen. Zum Erschrecken reicht wohl deren schlichte Maumännchen-Kunst.

Ein Spaziergang führte uns über einen recht breiten Weg an einem Waldrand entlang. Auf der anderen Seite war ein Graben. Vor uns hielten zwei Radfahrer am Wegesrand. Das ältere Paar betrachtete uns ängstlich und wäre wohl lieber in den Graben gefallen als unsere Nähe zu ertragen. Soziale Distanz kann auch gefährlich sein.

Fragen eines mündigen Bürgers

„Bisweilen übliche Übertreibungen und Zuspitzungen“ hat mir eine Kommentatorin attestiert, und ich will mich diesbezüglich zurückhalten, nichts behaupten oder interpretieren, sondern darlegen, was in mir denkt und fragen. Was geschieht derzeit mit uns? Wohin driftet unsere Gesellschaft? Mit welchem Recht stellen sich gewählte Politiker über unsere Verfassung? Warum ist unser Grundgesetz nicht mehr Richtschnur des politischen Handelns, sondern der Rat von wenigen Virologen? Wieso werden uns Maßnahmen zur Coronabekämpfung auferlegt, obwohl die Zahlen der Erkrankungen das nicht hergeben? Wozu die Panikmache in unseren Medien? Wieso verspielen Politik und Medien leichtfertig ihre Glaubwürdigkeit? Als vor Wochen die Bedrohung durch das Coronavirus festgestellt wurde, als uns Bilder von der Situation in Italien erreichten, mag es sein, dass unsere politische Entscheidungsträger erschrocken waren. Man hatte unser Gesundheitssystem privatisiert und dem Profitstreben von Kapitaleignern ausgeliefert, hatte auf Rat der Bertelsmannstiftung „unrentable“ Krankenhäuser geschlossen, wusste um den Pflegenotstand in der Altenpflege. Die Angst, dass ihnen das alles auf die Füße fallen würde, muss groß gewesen sein. Zwar wurde Gesundheitsminister Jens Spahn noch am 27. Januar vom ZDF zitiert mit: „Wir sind gut vorbereitet“, doch war das vermutlich ein Pfeifen im dunklen Wald. Denn vorbereitet war man nicht, obwohl das RKI schon im Jahr 2012 vor einer drohenden Pandemie und vor Versorgungsengpässen bei Desinfektionsmitteln und Schutzkleidung gewarnt hatte.

Die nun folgende Überreaktion brachte eine unfassbare Brutalität von Maßnahmen. Darüber habe ich bereits hier geschrieben. Noch heute staune ich, wie irrational das alles ist. Man hört auf Virologen, die sich überwiegend mit Partikeln beschäftigen, virale Tröpfchen zählen und deren Verbreitung in der Atemluft erforschen und bei dieser perspektivischen Verengung keinen Blick haben für das, was gesamtgesellschaftlich geschieht. Wenn es um den gesundheitlichen Schutz der Bevölkerung geht, wieso setzt man Kinder, Familien und Alte einer unfassbaren psychischen Belastung aus? Wieso lässt man zu, dass Menschen krank werden, weil sie massive Existenzängste haben? Wieso predigt man soziale Distanz, appelliert aber gleichzeitig an Zusammenhalt? Was soll die Maskierung, dass man seinen Mitmenschen nicht mehr ins Gesicht sehen kann?

Ein persönliches Wort: Ich gehöre per Definition zur Risikogruppe, mit einer Vorerkrankung des Herz-Kreislaufsystems. Wenn ich beim Einkauf eine Mund-Nasen-Bedeckung tragen muss, bekomme ich Atemnot. Seit Wochen stolpert mein Herzschlag. Ich müsste zum Arzt gehen, um mir ein Attest zu holen, dass ich von der Maskenpflicht befreit werde. Wie soll das praktisch gehen? Muss ich beim Betreten eines Geschäfts mit dem Attest wedeln? Und soll ich misstrauischen MitbürgerInnen auf die Nase binden, dass ich vom Tragen einer Maske befreit bin, weil … Das geht doch niemanden was an. Das alles wegen einer Maßnahme, deren Sinn höchst umstritten, in meinem und in vielen Fällen sogar schädlich ist?

Selbstdiagnose rettet den Jasper nicht.
Text: Bitte Bild klicken!

Ich stelle nur Fragen, damit ich nicht in den Ruch komme, Verschwörungstheoretiker zu sein. Aber auch wer fragt oder sich rein sachlich mit Statistiken und der berühmten R-Zahl beschäftigt, wird sogleich mit Aluhutträgern und Rechtsextremen in einen Sack gesteckt. Wer nicht glaubt, ist Ketzer und wird ins Glied zurückgetreten.Woher kommt der rüde Ton gegenüber Andersdenkenden, für die FAZ-Geistesgröße Jasper von Altenbockum ein beschämendes Beispiel gibt? Wenn schon unsere verfassungsmäßigen Rechte außer Kraft gesetzt sind, muss doch eine Diskussion dessen erlaubt sein. Vor Tagen hatte ich bereits über das kollektive Versagen der TV-Satiriker, Welke, Puffpaff, Ehring geschrieben. Bislang war auf die Verlass, wenn unsere Leitmedien ihre Kontrollfunktion nicht mehr wahrnehmen, sondern zu regierungsamtlichen Verlautbarungsorganen verkommen. Der Kabarettist Matthias Richling muss von diesem Vorwurf ausgenommen werden, wie ich hier gelesen habe.

Wie wäre es mit einer zweiten Meinung, wie sie bei ärztlichem Rat immer angezeigt ist?

Wer sich die aktuellen Zahlen anschauen möchte: