Friederike, blas mich nach Bermuda!

Friederike ist die weibliche Form von Friedrich zu ahd. fridu=schutz; rich= mächtig. Unter Friederike stelle ich mir ein nahezu ätherisches Wesen vor, dessen liebliches Gemüt seine ganze Umgebung in ein mildes Licht zu tauchen beliebt. Wenn Friederike zürnt, was eigentlich nie vorkommt, aber wenn, dann fehlen ihr dazu mangels Übung einfach die Ausdrucksmittel.

Das Sturmtief Friederike ist weniger harmlos. Die Polizei in NRW, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen warnte am Nachmittag vor tieffliegenden Pendlern, die überdies schwer geladen seien, weil die Deutsche Bahn AG den Zugbetrieb eingestellt hat, obwohl diese Maßnahme absolut nachvollziehbar ist, angesichts Bildern von Flugzeugen im Landeanflug, die von Sturmböen zum Schwanken gebracht werden. Und wie man weiß, eifert die Deutsche Bahn seit Mehdorn dem Luftverkehr nach.

Sturmschäden auch im sonst so beständigen Teestübchen. Als Chefredakteur Julius Trittenheim anhub, eine saftige Polemik auf die Bahn zu verfassen, sind ihm alle behauchten Konsonanten einfach davongeflogen.

Seine Entscheidung, auf wirklich schwere Wörter auszuweichen wie Amboss, Anker, Bagger erwies sich als wenig hilfreich, einerseit, weil sich nur schwer eine Polemik auf die Bahn oder sonst ein sinnvoller Text außerhalb von Schmieden, schwerer See und Tiefbau damit schreiben lässt, andererseits weil auch diese dicken fetten Wörter einfach weggepustet wurden.

Selbst die allseits beliebten und geschätzten Vollpfosten boten nur unzureichenden Halt. Glücklicher Weise schläft jedes Unwetter, ja, jedes Wetter überhaupt vor Langeweile über Hannover ein, so auch die wütende Friederike, so dass zumindest dieser launige Beitrag fertiggestellt werden konnte, ohne auf Bleilettern zurückgreifen zu müssen. Wie die Deutsche Bahn Ag mitteilte, sollen Fernzüge bei Wetter künfig nur noch in Hannover fahren.

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Sprachrichter mit Narrenkappen – Sprachkritische Aktion: Unwort des Jahres

Auch im akademischen Betrieb gibt es geistige Kleingärtner, ältliche Professorinnen und Professoren, die vergrämt auf wissenschaftlichen Abstellgleisen hocken und sich der Hobbybastelei verschrieben haben, womit ich nichts gegen das Gärtnern oder Basteln gesagt haben will, sondern gegen eine Form von autoritärer Dämlichkeit, die fast immer mit Eitelkeit und Geltungssucht daherkommt und eine Heimat in dubiosen Sprachgesellschaften findet, etwa in der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) oder in der Sprachkritischen Aktion: Unwort des Jahres.

Gestern meldeten die Medien, eine Jury solcher „Sprachwissenschaftler“ habe das Unwort des Jahres bekannt gegeben. Man hat „Alternative Fakten“ gekürt. Dazu also ist Sprachwissenschaft gut, denkt der staunende Bürger. Nein. Es ist nicht Aufgabe der Sprachwissenschaft, Wörter des öffentlichen Sprachgebrauchs zu loben oder zu tadeln. Die Sprachwissenschaft wäre dann so etwas wie ein Wortgericht, das befindet, wie eine Sache genannt werden darf und wie nicht. Mit diesem Anspruch stünde die Sprachwissenschaft über allen, über den anderen Wissenschaften, über den Medien und über der Politik, ja, auch über den Kirchen, denn eine so verstandene Sprachwissenschaft wäre eine übermächtige Religion, die allein nach Gutdünken handelt. Sie kennt keinen Gott als ihren Auftraggeber, die Sprache selbst, der sich auch Gott unterwerfen muss, denn mit Hilfe der Sprache kann der Mensch sogar mit Gott machen, was er will. Er kann GOTT in Versalien schreiben, GOtt mit zwei großen Anfangsbuchstaben, Gott getreu der amtlichen Rechtschreibung und zuletzt auch als einen kleinen gott.

Entschuldigung, vom Thema abgekommen. Unser Thema: Eine Sprachwissenschaft, die sich moralisierend zu sprachlichen Tendenzen äußert, ist keine Wissenschaft, sondern eine Religionsgemeinschaft. Eigentlich müssten die Damen und Herren der selbsternannten Jury wissen, welchen Blödsinn sie betreiben. Wenn ein Wort oder eine Wortwendung eine üble Sache bezeichnet, so liegt das Übel nicht im Wort, sondern in den realen Gegebenheiten, menschlichen Handlungen und Denkweisen. Die Sprache der Politik und der Medien kennt viele Wörter, die eine bedenkliche Gesinnung kennzeichnen. Diese Wörter moralisch zu geißeln, ist genauso sinnvoll wie Impfung gegen Schweinepest. Man weiß nach der Impfung nicht mehr, wo der Pestvirus steckt. Also, seien wir froh über jedes selbstentlarvende Wort.

Die Wendung „alternative Fakten“ ist von Kellyanne Conway, Beraterin des US-Präsidenten Trump, als Euphemismus für eine offensichtliche Falschbehauptung geprägt worden. Seither geistert sie durch die Medien. Nie ist diese Wendung in den allgemeinen Sprachgebrauch eingedrungen. „Alternative Fakten“ ist und bleibt Zitat, bei der jeder an Trump, seine Beraterin und deren dreiste Lüge denkt. Muss man also „alternative Fakten“ wie eine Sau an den Ohren aus dem heimischen Stall zerren und durchs Dorf treiben? Klar, die immer an Blödsinn aus dem Schweinestall interessierte Journaille sattelt die Sau und schwingt sich drauf.

Die Begründung der selbsternannten Jury hebt an: „Die Bezeichnung alternative Fakten ist der verschleiernde und irreführende Ausdruck für den Versuch, Falschbehauptungen als legitimes Mittel der öffentlichen Auseinandersetzung salonfähig zu machen.“ Jaha! Und weiter „Der Ausdruck ist seitdem aber auch in Deutschland zum Synonym und Sinnbild für eine der besorgniserregendsten Tendenzen im öffentlichen Sprachgebrauch, vor allem auch in den sozialen Medien, geworden (…)“

Hehe! Daher weht der Wind. Auf der politischen Bühne kommt das Wort in die Welt, die Medien verbreiten es, eine Jury kürt es, aber das „besorgniserregendste“ machen wir in den sozialen Medien, wird schlankweg behauptet. Wir werden jetzt damit aufhören müssen, leider, leider, weil es ja nicht legitim, also pfui ist, was auf der politischen Bühne vorgeturnt wird. Wir Deppen wussten es ja nicht besser.

Gefunden unter der Dusche

Die besten Ideen hatte ich früher in der Badewanne, so dass ich das Bad manchmal abrupt beenden musste, weil ich mich sorgte, die Idee zu vergessen. Später legte ich mir Papier und Bleistift griffbereit, was aber die Ideen zu vertreiben schien, denn selten habe ich Papier und Bleistift tatsächlich genutzt.
Viele gute Ideen hatte ich unlängst unter der Dusche, hab mir ganze Texte dort ausgedacht, solche, die sich selbst schreiben wollten, indem die Gedanken lange Assoziationsketten bildeten, und meine einzige Sorge darin bestand, die verschiedenen gedanklichen Wege auf ihre Konsequenzen hin zu überprüfen, indem ich ihnen eine Weile gefolgt bin, um dann zu befinden: Der Weg ist gut oder: er führt mich auf unsicheres Gelände oder: er führt überhaupt ins Nichts. Dabei fürchtete ich auch nicht, die gedanklichen Wege zu vergessen wie früher, als ich noch matt in der Badewanne gelegen hatte. Denn das Geschehen in meinem Kopf war so intensiv, dass es nachhaltigen Eindruck machte und leicht zu überschauen und zu behalten war.

Bitte, meine lieben Damen und Herren, das schildere ich nur, um Ihnen das Gegenbild so recht vor Augen zu führen, dass ich nämlich derzeit kaum noch etwas denke, wenn ich unter der Dusche stehe. Heute war da nur ein einziger, elend gichtiger Gedanke. Die ganze Zeit schlich er mit schweren Füßen in meinem Kopf herum, so lahm und kurzatmig, dass er kaum vorankam. Es ist mir fast peinlich, den Gedanken zu enthüllen, weil er mir so unscheinbar, fast rachitisch vorkommt. Es war der Gedanke an den Namen des Ex-Torhüters von Hannover 96, der jetzt beim VfB Stuttgart spielt. Dieser Gedanke war schon deshalb erbärmlich, weil ich mich, wenn überhaupt, nur mäßig für Fußball interessiere und erst recht nicht für die Namen der Fußballer. Ich kenne diese Herrschaften nicht. Aber heißt dieser Torwart tatsächlich Ron Hubert Zieler? Vor allem bei Hubert bin ich mir unter der Dusche nicht sicher gewesen. Der Vorname Hubert ist selten geworden. Man hört ihn so gut wie gar nicht mehr, allenfalls unter meiner Dusche und da auch nur ganz leise, wenn man zufällig direkt neben mir stünde und Gedanken lesen könnte. Ja, Hubert gehört vermutlich auf die Liste der versinkenden Vornamen. Nach 1960 ist so gut wie kein Neugeborenes mehr mit diesem Namen gestraft worden, warum auch? Obwohl, das verrät mein Namenlexikon, aber nicht unter der Dusche, da war ich noch gänzlich unberaten …

Erst mal abtrocknen, damit ich die Seiten nicht mit nassen Fingern wellig mache. Hubert ist germanischen Ursprungs und bedeutet „glänzender Verstand“. Der einzige Hubert, den ich je gekannt habe, hatte ganz und gar nichts Glänzendes. Allenfalls kannte ich eine Hubertine, der man das hätte nachsagen können, doch sie hielt sich fern von der Dorfgemeinschaft, in der ich aufgewachsen bin. Sie war die Tochter eines Gutsbesitzers und wollte nur mit Töchtern und Söhnen von anderen Gutsbesitzern zu tun haben, wie ja alle, die im Rheinland auf den verstreuten Gutshöfen sitzen, seit Generationen ein Netzwerk von Verwandtschaftsbeziehungen unterhalten. Diese einzigartige Hubertine sparte sich den Glanz für ihre Inzucht-Kreise auf. Als man sie fragte, warum sie beim Schützenfest sich nie im Bierzelt zum Tanz sehen ließ, sagte sie: „Soll ich mich etwa von jedem Bauerntöpel abgreifen lassen?“

Einmal habe ich dieser Hubertine den Maibaum geklaut, nachdem ich ihn vorher ans Dach ihres Elternhauses gepflanzt hatte. Mit Freunden war ich in der Nacht zum ersten Mai im Dorf unterwegs gewesen. Da kamen zwei Typen im Mercedes vorgefahren und fragten, ob wir für sie der Hubertine einen Maibaum setzen könnten. Im Kofferraum hatten sie einen geschmückten Maibaum, eine kleine Birke mit bunten Bändern. Wir sagten zu, verlangten aber einen Kasten Bier als Belohnung. Die beiden fuhren zur nahen Kneipe und besorgten das Bier. Inzwischen kletterte ich von der angrenzenden Kirchmauer auf den Torbau des Gutshofes, ließ mir den Maibaum angeben und band ihn seitlich des Haupthauses an die Regenrinne. Als die Typen mit dem Bier kamen, stand der Maibaum, und seine Bänder wehten im Nachtwind. Zufrieden rauschten sie davon. Nachdem die Rücklichter des Mercedes verschwunden waren, kletterte ich erneut auf den Torbau und holte den Maibaum wieder herunter. Den setzten wir später bei einem Mädchen namens Ingrid.

Der Torwart heißt übrigens Ron-Robert Zieler.

Plausch mit Frau Nettesheim – Der Meisterschüler des flüchtigen Blicks

Frau Nettesheim
Ist ganz schön selbstbezüglich, Trithemius.

Trithemius

Was meinen Sie?

Frau Nettesheim
Dass Sie am liebsten eigene Texte lesen.

Trithemius
Wieso denn das, Frau Nettesheim? Man ist entweder Produzent oder Rezipient. Beides zu sein, ist schwierig. Ich wage sogar zu behaupten, dass Bloggerinnen und Blogger darin weit besser sind, mehr bei anderen lesen als reine Printautoren.

Frau Nettesheim

Zumindest zeigt es sich im Medium Blog besser, indem wechselseitig kommentiert wird. Ob Printautoren die Texte ihrer Kollegen lesen, wissen Sie ja nicht.

Trithemius

Im Print verhindert das schon der Futterneid. Aber weniger polemisch: Wer ernsthaft eine Kunst betreibt, malt, zeichnet, fotografiert, schreibt oder komponiert, darf seine Arbeit nicht aus dem Blick verlieren. Natürlich lohnt sich ab und zu der Blick über den Tellerrand, schon um sich anregen zu lassen, aber am meisten muss sich der schöpferische Mensch auf seine eigene Profession konzentrieren. Wer zu sehr auf die Arbeiten anderer schielt, gerät rasch in Gefahr, sich daran zu orientieren.

Frau Nettesheim

In der Malerei haben die Meisterschüler sich an den Arbeiten ihrer Meister geschult.

Trithemius
Und sind oft über reines Epigonentum nicht hinaus gekommen. Ich bin ein gereifter Mann, Frau Nettesheim, kein Schüler mehr.

Frau Nettesheim
Zweifellos, das sehe ich.

Trithemius
Also werde ich mich vielleicht von anderen Autorinnen und Autoren anregen lassen. Aber ich muss schreiben, wie ich es kann und will. Im Vertrauen, hohe Frau. Es geht da nur um Stimmungen, in die ich mich versetzen lasse. Wenn ich zu ernst geworden bin, lese ich vier fünf Sätze bei Mark Twain, wenn mir grad das Träumerisch-Verspielte fehlt, dann Robert Walser, will ich mich düster-melancholisch stimmen, schaue ich rein bei Franz Kafka. Aber nie lange. Ein flüchtiger Blick reicht.

Frau Nettesheim
Der Meisterschüler des flüchtigen Blicks, hihi.

Trithemius
Da brauchen Sie sich gar nicht zu erheitern. Die Kraft, das Besondere einer Schreibweise steckt in einzelnen Sätzen, wo denn sonst? Das auf den ersten Blick zu erkennen, ist die ganze Kunst, aber weniger schwer als es klingt. Es ist wie mit allen Dingen. Ich brauche ja von Ihnen auch nur eine Fingerspitze zu sehen und weiß, eine schöne Frau.

Frau Nettesheim
Und ich habe schon bei „Fingerspitze“ gewusst, jetzt kommt eine bodenlose Schmeichelei.

Teestübchen Humorkritik – Einladung zum Indoorschupfing

Wenn ich einen Text verfasst habe, wie ich ihn selbst gerne lese, dann bin ich für Stunden darin zu Hause, lese ihn immer wieder, finde hier noch eine bessere Formulierung, ziehe dort zwei Aussagen zu einer zusammen, entdecke spät noch Tippfehler oder fehlende grammatische Kongruenz, weil ich einen Satz umgestellt aber nicht alle Flexionen angepasst hatte. Wenn der Text dann so ist, dass ich ihn für fertig halte, sitze ich darin wie früher als Kind in einer jüngst gebauten Hütte. Es ist eine überaus lustvolle Beschäftigung, die aber dazu führt, dass ich am liebsten eigene Texte lese.

Nun ist mir mein jüngstes Buch „Die schönsten Augen nördlich der Alpen“ bedingt durch die Wirren des vorweihnachtlichen Geschäftes noch immer nicht geliefert worden, so dass mir das Hocken in der eigenen Hütte verwehrt ist, weshalb ich ersatzweise zu einem Büchlein von Philipp Moll gegriffen habe, das mir der Layouter meines Buches, der Nürnberger Buchgestalter und mein guter Blogfreund Christian Dümmler letzte Woche geschickt hat. Die Textsammlung heißt „Blumen und Wurst“, was mich Vegetarier eigentlich eher abschreckt. Noch kritischer als Schnittblumen beäuge ich Wurst, seitdem mein Ex-Kommilitone Nebenmann, der vormalig Metzgermeister gewesen, mir vom Gekröse erzählt hat, das in ihr steckt, hauptsächlich minderwertiges Seperatorenfleisch.

Mir fällt die urbane Sage ein, von der dänischen Wurstfabrik, in der die Mitarbeiter der Reihe nach kündigen. Sie können die Schreie der Ratten nicht mehr ertragen, wenn montagmorgens die Fleischwölfe angeschaltet werden, worin die Ratten sitzen, um die Reste zu fressen. Freilich ist die Wurstverliebtheit in Franken eine der traditionellen Art, wo man den Metzger aus der Nachbarschaft gut kennt, der die Sau noch höchst persönlich tot gestreichelt hat.

Das Büchlein hat mich trotz des Titels begeistert. Philipp Moll ist ein bodenständiger Sprachanarchist. Ganz wunderbar und hochkomisch seine Tiraden gegen die Kirche und „die greisen Kuttenbrunser, die gern mal ihren Pinöckel in junge Menschen hineinstoßen, bis dass sie recht gescheit den Geist Gottes in sich spüren“, wenn er berichtet von der Verklemmtheit der „bigotten Pfaffenbeutel“ und von „Finsterlingen wie dem evangelischen Extremistenpfarrer (…), der schon ‚Unzucht, Unzucht grölte, wenn Mädels und Jungs auch nur in getrennten Bussen aneinander vorbeifuhren.“

Oder hier, wie der „Brief an mich selbst Nr.22“ beginnt: „Lieber Philipp, weil dir ein lustiger Gott eine kugelrunde Gestalt gegeben hat und du deswegen immer in das hintere Eck von deinem Zimmer rollst und dort mit den Augen nach unten liegen bleiben musst, bis ein dienstbarer Geist dich ans Fenster zurückkugelt, (…)“

Gänzlich eingenommen hat mich seine Erfindung des Indoorschupfens. Der fränkische Schupfen ist unser Schuppen. Nie zuvor las ich diese chaotische Gebäudeform derart gefeiert wie bei Philipp Moll. „Der Schupfen ist ein Hort der Anarchie, er zeichnet sich durch improvisative Errichtungsstrategien aus. Es gibt kein Material und keine Materialkombination, die nicht zum Schupfenbau geeignet wäre. (..) Wichtig ist die Vielzahl der verwendeten Materialien und ihre möglichst fachkenntnisfreie Montage.“ Der Schupfen als „ein Ort, an dem man das tun kann, was man von Zeit zu Zeit tun muss, einfach hemmungslos blöd schauen.“ Um diesen hilfreichen Ort in die Welt einer urbanen Zweizimmerwohnung zu übertragen, hat Moll das „Indoorschupfing“ entdeckt. „In einem Winkel meines Ganges habe ich aus Plastiktüten, Pappe und gebrauchten Pflastern einen kleinen Verschlag errichtet, in dem ich, wenn sich zum Beispiel die Anwesenheit von Besuch oder dem Kaminkehrer nicht mit meinem Ruhebedürfnis deckt, verschwinde (…)“

Auf der Rückseite des Buches hat der fränkische Kabarettist Matthias Egersdörfer lobende Worte gefunden. Mitunter, wenn ich schlechte Laune habe oder traurig bin, höre und sehe ich mir bei Youtube Egersdörfers absurd-komischen Geschichten an und kann auch zum zweiten und dritten Mal darüber lachen.

Ob wir linksrheinischen ripuarischen Franken mit den östlichen Franken in Bayern verwandt sind, ist umstritten. In jedem Fall mag ich den zuweilen derben fränkischen Humor. Wäre er eine Wurst, ich würde mir gerne eine Scheibe davon abschneiden und nach Herzenslust indoorschupfen. Schwere Leseempfehlung!

Philipp Moll
Blumen und Wurst
Bartlmüllner Verlag, 2013
ISBN: 078-3-942953-15-3

Der Dorp ist bass erstaunt

In einem geduckten Haus auf nicht 20 Quadratmetern war der Laden vom Dorp. Der Dorp war ein kleiner schmächtiger Mann, den ich zeitlebens nur im grauen Kittel sah. Er betrieb im Dorf meiner Kindheit sein winziges, aber gut sortiertes Edeka-Lädchen. Dort stand er hinter der Theke, nahm die Wünsche entgegen, die wir vom Einkaufszettel ablasen, und bediente, das heißt, er eilte hin und her und trug alles zusammen. Selbstbedienung wäre in dem engen Lädchen technisch nicht möglich gewesen, war in meiner frühen Kindheit auch noch ein unbekanntes Konzept.

Dorps Lädchen war vollgestopft mit Waren in Regalen bis unter die Decke und sogar auf einem Regalbrett über der Tür. Was sich für den Dorp unerreichbar hoch oben in Regalen befand, das hangelte er mit einer Stange herunter, an deren Ende sich ein Haken befand. Über der Tür lagerten, für Kinderaugen verborgen, gewisse Packungen, über die wir zuerst nichts wussten, später hinter vorgehaltener Hand sprachen, nur Neukirchens Hans-Gerd nicht. Er hatte zwei ältere Schwestern und war immer bestens informiert. Ich sehe ihn noch grinsen und dabei die viel zu großen Zähne blecken, als er uns bei Welters im Schuppen darüber aufklärte, wozu die Camelia-Damenbinden gut waren. „Wenn Muschi Nasenbluten hat“, sagte der Neukirchen. „Camelia“ blieb aber lange ein Tabuwort.

Heute war ich mit dem Rad beim Finanzamt Hannover-Süd, um einen Brief einzuwerfen. Neben dem Finanzamt befindet sich das Edeka-Center Wucherpfennig. Ich trat ein und stand gleich orientierungslos in einem Verkaufsraum von der Größe eines Fußballfeldes. Nachdem ich einige Gänge durchwandert hatte, und mich schon fühlte wie der durstige Mann aus der Tuborg-Bierwerbung, fragte ich eine junge Verkäuferin: „Wo haben Sie denn das Tiefkühlgemüse?“ Sie ging Ausschau haltend vor mir her.
„Sie müssen also auch suchen“, sagte ich.
„Ich habe ja auch gestern erst hier angefangen“, erwiderte sie.

Da stellte ich mir vor, durch einen Fehler im galaktischen Betriebssystem würde der Dorp seiner Zeit enthoben und hierher versetzt. Es würde ihm schwindlig werden. Zum Glück könnte er sich auf die Hangelstange stützen. Die anderen Mitarbeiter würden ihn auslachen. „Was willst du denn damit, Kollege? Willst du einen ermorden?“

Ich wüsste genau, wie der Dorp sich dann fühlt. Ähnlich ging es mir, als ich nach meiner Bundeswehrzeit eine Stelle als Schriftsetzer in der Zeitungssetzerei der Aachener Nachrichten antrat. Ich hatte das wichtigste Arbeitsgerät des Schriftsetzers bei mir, meinen Winkelhaken, aber Betriebsleiter Sturm lachte mich aus und sagte: „Sowas brauchen Sie bei uns nicht mehr“ und zeigte mir, worin meine Aufgabe bestand, nämlich Maschinensatzzeilen zu Anzeigen zusammen zu bauen, ab und zu eine Überschrift zu setzen aus Matrizen für die Ludlow-Setzmaschine.

Mittags bin ich zu Betriebsleiter Sturm gegangen und habe gekündigt mit den Worten: „Ich bin Schriftsetzer und mir zu gut, um nur Maschinensatz zusammen zu klatschen.“ Sturm sagte: „Wir haben auf der 2. Etage noch die Akzidenzsetzerei. Ich frage mal nach, ob die Sie gebrauchen können.“ Dort arbeitete ich dann. Drei Jahre später war mein stolzes Handwerk museal.

„Ja, gut“, sagt der Dorp. „Ihr arbeitet bei Edeka also nicht mehr mit der Hangelstange, sondern sortiert alles in die Breite. Aber liegen denn auch die Cameliapackungen unten, wo jedes Kind sie sehen kann?“

Einiges über Superlative, Handschrift und Fußleisten

Mir träumte, eine junge Frau werde von der Bildzeitung gefeiert als Hannovers klügste Studentin, weil sie ihre Examensklausur auf die Fußleiste des Hörsaals geschrieben hatte. So sehr wurde sie von Bild in den Himmel gehoben, als wäre sie die Erfinderin und Bewahrerin der Handschrift zugleich. Das ärgerte mich und ich dachte, was fällt denen ein? Jedenfalls war ich mindesten sehr ungehalten darüber, dass die Studentin von Bild derart gefeiert wurde. Darum sagte ich ihr, darauf brauche sie sich nichts einzubilden. Auf die Fußleiste zu schreiben, wäre ja keine Kunst und ganz und gar nichts Besonderes.

Schon allein, wie sie habe auf dem Boden kriechen und sich bäuchlings winden müssen, um die Fußleiste überhaupt beschreiben zu können, das hätte doch etwas ziemlich Würdeloses. Man könnte das keiner jungen Frau zur Nachahmung empfehlen, so sehr würde es unser sittliches Gefühl verletzen und gegen den wissenschaftlichen Geist verstoßen. Zumal sie weder mir noch irgendeinem erklären könnte, was damit eigentlich gewonnen ist, wenn man nicht in sein Schreibheft, sondern auf die Fußleiste schreibt. Ich als ihr Prüfer hätte jedenfalls keine Lust, mich zum Lesen und Korrigieren ihrer Examensklausur ebenfalls auf dem Bauch zu winden. Das könnten die Deppen von Bild ja machen. Die seien daran gewöhnt, im Dreck herumzukriechen. Ich jedenfalls würde mich nicht so weit herablassen. Und die Fußleisten abzureißen, nur um sie bequem vor sich auf den Schreibtisch legen zu können, das würde die Stadt Hannover als Eigentümerin des Gebäudes gewiss nicht gutheißen. Am Ende sind die Wände noch mit Asbest belastet, der durch das Abreißen der Fußleisten erst recht aufgewirbelt würde.

„Wenn man das alles bedenkt“, sagte ich abschließend, „können Sie froh sein, dass Bild Sie gefeiert hat und Sie nicht etwa betitelt hat mit ‚Hannovers blödeste Studentin!‘ Das jedenfalls würde ich in Ihrem Fall sofort unterschreiben.“