Teestübchen intern

Die Vignetten am Anfang meiner Texte zeigen die jeweilige Rubrik an. Sie stammen zum Teil noch aus Blog-de-Zeiten. Wenn es möglich ist, setze ich den ersten Textabschnitt bündig daneben, (was freilich auf kleineren Bildschirmen wie Tablet und Smartphone nicht zu sehen ist). Das zwingt mich oft, den ersten Abschnitt zu kürzen. Seit geraumer Zeit gestalte ich neue Vignetten größer (215 * 296), denn ich finde ich die frühen Vignetten zu klein (106 * 150). Aber eine schlichte Vergrößerung macht die Motive unscharf. Auch hatte ich die oft verwendete Schrifttype nicht mehr und ich wusste nicht mal mehr ihren Namen. Kürzlich entdeckte ich eine alte Datei (*.psd), in der die Schriftebene noch zugänglich war.

Photoshop zeigte den Namen der Schrift an, Gill sans schmalfett, und ich konnte sie mir aus dem Netz besorgen. Nachdem ich die Bildmotive wieder aufgesucht hatte, war eine Vergrößerung möglich.


Es wäre vielleicht nicht aufgefallen, wenn ich die Motive einfach vergrößert hätte. Doch leider kann ich derlei nicht gelten lassen. Was formale Gestaltungsaspekte betrifft, bin ich Perfektionist. Und sollte ich der einzige sein, den eine schwammige, matschige Darstellung stört, ist es schon einer zu viel.

Hallo Spencer!

Eine Filmbesprechung von Andrea Heming ließ uns ins Kino gehen und den Film „Spencer“ anschauen. Spencer, das ist nicht der im letzten Jahr verstorbene Rockmusiker Spencer Davis von der Spencer Davis Group (Keep On Running, Somebody Help Me, I’m a Man), auch nicht „Hallo Spencer“, die Puppenspielserie mit Klappmaulfiguren des NDR („Hallo, liebe Leute, von A bis Z, (…) da bin ich wieder, euer lieber guter alter Spencer!“), nein, es geht um Diana, Princess of Wales, geborene Diana Frances Spencer. Dargestellt von der Schauspielerin Kristen Stewart, sehen wir sie in der Phase ihrer Ablösung von Prinz Charles und dem britischen Königshaus an den Weihnachtstagen des Jahres 1991.

Der ich nicht so vertraut bin mit gekrönten Häuptern und den Irrungen und Wirrungen in Königshäusern, hatte ich doch nach wenigen Szenen verstanden, dass Frau Spencer an Essstörungen leidet, enttäuscht von ihrem Ehemann und ihm entfremdet ist und sich beim besten Willen nicht mehr in das Korsett der höfischen Etikette zwingen kann, die einen engen Ablauf der Weihnachtstage vorsieht. Das wird symbolisiert durch einen Ständer voller Kleider, die für jeden Anlass und jeden Tag festgelegt sind.

Kristen Stewart agiert im Fokus, alle anderen sind Staffage. Als sie zum dritten Mal nicht anziehen mag, was ihr vorbestimmt ist und dem Ruf zum jeweiligen Fressgelage nicht folgen kann, hatte ich eigentlich genug gesehen. Da wurde es für den Betrachter genauso quälend wie für alle Beteiligten. Quälerisch auch das sich zum Furioso steigernde Cello-Gejaule. Wir können aufatmen, als Frau Spencer, ganz Tierschützerin, die königliche Bagage beim Abknallen von Fasanen stört, die beiden Söhne einsammelt und zu „ All I Need Is A Miracle“ des Genesis-Gitarristen Mike Rutherford im Porsche davon rauscht. In der letzten Szene sieht man die drei glücklich bei einem Fastfood-Laden „Hühnchen“ essen. Pech für die Hühnchen, dass Mitleid nur für Fasanen aufkommt.

Vom Abwerfen beschwerlicher Packen durch Überwindung der Prokrastination

Beinah hätte ich einen Packen abwerfen können, der mich erstaunlich gedrückt hat. Erstaunlich deshalb, weil schon das Heruntergleiten das Trageriemens von einer Schulter mich befügelte. Beschwingt erledigte ich mein Tagesgeschäft und war guter Dinge. Eigentlich habe ich die Prokrastination von Verwaltungsarbeiten einigermaßen im Griff, aber wenn’s um Steuersachen geht, bin ich gelähmt. Wie viel Kraft mir die Sache abgezogen hat, merke ich erst, als sie getan ist. Man muss eine hinaus geschobene Sache in einem unbedachten Augenblick anfangen und nicht denken, dass man die Sache erledigen wird. Das lässt den Dämonen der Prokrastination arglos weiter schlummern.

Bevor er also etwas mitbekam, war die Sache weit genug gediehen, dass ich mir ebenfalls einen Mittagsschlaf genehmigen konnte. Mit dem Aufwachen war mir klar, was noch erledigt werden musste. Ich suchte die Leistungsbescheide von Beihilfe und Debeka hervor und zählte zusammen, was mir diese fürsorglichen Einrichtungen von den Folgekosten meines Beinbruchs nicht erstattet hatten. Da geht es um Tausende. Klein, ja mausklein sind hingegen die Honorare für meine Bücher. Ich listete sie nur auf, weil allein die gesetzlich verlangte Einlieferung aller Bücher bei der niedersächsischen Landesbibliothek meinen Gewinn übersteigt. Die muss ich nämlich selbst bezahlen, anders als die Exemplare für die Nationalbibliothek.

Da fällt mir eine lange prokrastinierte Sache ein, die ich bis eben nicht mehr auf dem Schirm hatte. Da mein Sachbuch „Buchkultur im Abendrot“ von zahlreichen deutschen Universitätsbibliotheken und Bibliotheksverbünden angeschafft worden ist, könnte ich mehr als Tausend Euro Honorar von der Verwertungsgesellschaft (VG) Wort bekommen, wenn ich mir die Mühe machen würde, einen Antrag auszufüllen.

Liste der Bibliotheken im Besitz der Buchkultur – Screenshot – größer klicken!

In Gelddingen bin ich leider schwerbehindert, desgleichen was Selbstvermarktung betrifft. Allein im Wort steckt soviel neoliberaler Ungeist, dass ich kapitulieren muss. Das hindert mich übrigens nicht, ein weiteres Buch zu machen. Unsereins tut so etwas für Gotteslohn, auch als Atheist. Als ich eine Woche auf/in Norderney war, bin ich nicht faul gewesen, sondern habe ein neues Manuskript schräger Geschichten fertiggestellt. Derzeit wird es lektoriert. Einen Titel habe ich noch nicht. Man wird sich noch gedulden müssen. Einstweilen verweise ich auf bereits im Buchhandel erhältliche Bücher.

Ach so, den Packen wurde ich nicht los, weil die Türklingel meiner Steuerberaterin nicht funzte und ich mal wieder mein Mobiltelefon nicht bei mir hatte, so dass ich nicht anrufen konnte, um zu sagen, dass ich vor der Tür stand.

Hurtig über die Wieze und zurück

Bei einem Bummel zum Flüsschen Wieze, entlang und drüber hinweg geraten wir in den südlichen Randbezirk der Gemeinde Isernhagen. Der Name geht auf das Raseneisenerz zurück, das schon im Mittelalter nahe der Wieze gefunden und verhüttet wurde. Seit ich nach einem komplizierten Bruch des Unterschenkels sieben lange Wochen im Rollstuhl saß und vier Wochen in einem Isernhagener Pflegeheim zur Kurzzeitpflege war, verbinde ich mit Isernhagen traumatische Erfahrungen. Die möchte ich loswerden. Das dürfte mir nicht schwer fallen, nachdem ich wieder auf zwei Beinen munter ausschreiten kann. Aus der erweiterten Perspektive fällt mir die Protz- und Klotzarchitektur des Ortsteils auf.

Ein Anwesen mit schmiedeeisernem Tor vor der Auffahrt hat weder einen Namen am Klingelschild noch am Briefkasten. Nur ein kleines Messingschild verbittet sich Werbung – ganz vornehm auf Französisch. Viele der Neubauten des Viertels zeigen, dass Reichtum nicht unbedingt mit Stilempfinden einhergeht. Hat einer den Eingang seiner protzigen Villa mit zwei dorischen Säulen geschmückt, tut es der Nachbar nach, obwohl sein Haus kleiner ist und die Säulen noch weniger verträgt. Doch selbst „kleine“ Bauten reichen in der Regel für eine 12-köpfige Familie, auch wenn nur zwei Leutchen drin leben.

Das ist wohl der „Isernhagener-Standard“, von dem die Lokalpresse schreibt. Tatsächlich ist Isernhagen nach dem durchschnittlichen Einkommen seiner Bürger die reichste Gemeinde Niedersachsens. Dieser Reichtum scheint sich besonders im Süden zu ballen. Auf dem Gehsteig werden wir freundlich gegrüßt. Man ist hier unter sich und manierlich, zumindest auf der Straße. „Stroßeengele sin Huusdüvele“ (Straßenengel sind Hausteufel), sagt man im Rheinland, wobei ich niemandem etwas nachsagen möchte, denn ich kenne hier keinen. Sei’s drum. Ich bin stolz, eine Wanderung von fast sieben Kilometern schon zügig bewältigen zu können, die meine Rollstuhlzeit vergessen macht.

Immerhin behalten wir die Zacken

Es ist noch dunkel, als wir zur Rückreise aufbrechen. Am Abend und die ganze Nacht über hat es gestürmt. Beim Abendbummel war der Wind über meine Stirn unter die Strickmütze gefahren und hatte sie abgestreift, auch jetzt, als wir mit Koffern an der Bushaltestelle stehen, bläst er noch heftig durch die Straße. Eine Frau im Mantel quert sie, um die Stufen zur matt beleuchteten Bäckerei hinauf zu steigen. „Gute Heimfahrt!“, ruft sie uns zu. An den letzten Tagen habe ich immer wieder Rückreisende mit Koffern an den Haltestellen gesehen und ein leises Gefühl des Triumphs verspürt, es ihnen noch nicht gleich tun zu müssen, habe aber nichts gesagt. Die Frau hat das Gefühl beispielhaft sublimiert.

Der Bus erscheint pünktlich, dreht auf dem Weg zum Hafen seine Runde durch den Ort und sammelt wie ein Lumpensammler Heimreisende mit Gepäck ein. In der Abfahrtshalle der Fähre versperrt eine Reihe von Drehkreuzen den Weg. Sie geben ihn frei, wenn man die Rückfahrkarte unter einen Scanner hält und auch nur dem, der die Kurtaxe auf den Fahrschein gebucht hat. Es soll sich keiner drum drücken, findet die Kurverwaltung. In der Halle ein Drehständer mit kostenlosen Ansichtskarten. „Wieder nicht daran gedacht, Ansichtskarten zu schreiben?“, steht dran. Gute Marketing-Idee der Kurverwaltung. Wir decken uns mit den verschiedenen Motiven ein. Es ist hübsch, auf der im Seegang sanft schaukelnden Fähre, Ansichtskarten zu schreiben. Zum neuen Jahr ist das Porto erhöht worden. Das zwingt zur Doppelfrankierung mit Postkartenmarken oder mit denen für Briefe.

Die neuen Marken haben seitlich einen QR-Code. Er macht das Tracking von Briefsendungen möglich. Der Kunde kann den Code scannen und den Weg der Post verfolgen. Ob eine Sendung eingetroffen ist, lässt sich allerdings nicht feststellen. Dafür ist noch immer das Einschreiben erforderlich. Der Nutzen für Postkunden ist eher gering. Der Code soll die Mehrfachnutzung einer versehentlich ungestempelten Marke verhindern. Was die Post sonst noch mit den anfallenden Daten macht, gibt sie nicht bekannt. Immerhin werden die Adressaten mit den Handydaten der Absender verknüpft, wodurch auf Dauer ein gigantisches Soziogramm entsteht. So dringen QR-Codes immer mehr in unser Leben ein und killen das Private.

Der in die Öffentlichkeit gezerrte Philatelist kann allerdings mit dem Code Information über das Markenmotiv abrufen. Bemerkung am Rande über Ränder: Einst waren die Marken auf Bögen gedruckt und mit einer Lochperforation getrennt. Beim Abreißen entstanden die typischen Briefmarkenzacken. Die selbstklebenden Marken sind durch einen Steg voneinander getrennt und einzeln perforiert. So behalten sie ihre Zacken, obwohl es technisch überflüssig ist, ein Zugeständnis an alte Formgewohnheiten.

Über unsere Rückreise mit der Bahn und eine weitere Begegnung mit QR-Codes ist schon hier berichtet.

Alleweil wird irgendwas gesagt

Als im Jahr 2010 die damals 38-jährige Krankenschwester Alex Cotton aus Coventry (England) vom Fußballabend mit Freunden zurückkam, traf sie beinahe der Schlag. Am unteren Ende der hauseigenen Regenrinne war ihr still und heimlich Jesus erschienen. Ergriffen zeigte sie den etwa zehn Zentimeter langen Rostfleck-Jesus ihren Freunden Graham Morriss (33) und Alan Downer (40), worauf die auch nur noch eines sagen konnten, nämlich: „Wow!“
„Für mich sind die Dornenkrone und der Bart deutlich zu erkennen“, sagte Cotton der herbei eilenden Presse.

Bildquelle: VRT.NWS

Unklar bleibt, wann Jesus in das Regenrohr hineingefahren war. Man muss auf allen Vieren kriechen, um ihn zu entdecken, was eine Krankenschwester nicht alle Tage tut. An diesem Abend hat sie sich betrinken müssen, weil der Schiedsrichter den Engländern im WM-Spiel gegen Deutschland ein reguläres Tor verweigert hatte. Deutschland-England 4:1! Da hat sich nicht nur Alex Cotton gefragt: „Wo, um Himmels Willen, war Gott?!“
Gott saß fest – in ihrem Regenrohr.

Genug gescherzt. Alex Cottons Fall ist einer von Pareidolie (Hineinsehen). Das Teestübchen Ihres Vertrauens hat davon vor fünf Jahren schon kompetent berichtet und eine Reihe guter Beispiele gezeigt. Hineinsehen ist beinah jedem vertraut. Was aber ist mit Hineinhören und wie lautet das Fachwort? Als ich heute Morgen den Wasserkocher befüllt hatte und ihn hinstellte, hörte ich in den begleitenden Geräuschen: „Ich hab mich tödlich gelangweilt.“ Verständlich, dachte ich, geradezu selbstverständlich, wenn man das beschränkte Dasein eines Wasserkochers bedenkt. Meistens steht er nur unbeachtet rum, bis ich am Morgen komme, ihn packe, unter dem Wasserhahn befülle, auf die Bodenplatte zurückstelle und einschalte. Wenn das Wasser in ihm zu wallen beginnt, nehme ich ihn und gieße heißes Wasser in eine Kanne, um Tee zu bereiten. Laaangweilig!

In letzter Zeit scheinen die Dinge vermehrt zu sprechen, so meinten die Bratkartoffeln im heißen Öl: „Auf ähnliche Weise.“ Im Knistern einer Plastikverpackung hörte ich: „Nicht der Rede wert .“ Als ich einmal nach dem Händewaschen den Wasserhahn schloss und das Wasser gurgelnd im Abfluss verschwand, sagte es am Abfluss-Sieb undeutlich: „Rührei!“ Auch mein Ikea-Wäschesack hat schon zu mir gesprochen. „Tschirch“ seufzte er laut und deutlich. Was er damit gemeint hat, kann ich nicht sagen, denn Tschirch ist meines Wissens kein deutsches Wort. Es gibt freilich einen bekannten deutschen Germanisten, der heißt Fritz Tschirch. Aber woher sollte mein Wäschekorb deutsche Germanisten kennen? Also wertete ich seine Bemerkung als kulturellen Bluff, nichts als Namedropping. Bisher hat nämlich noch kein Ikea-Wäsche-Aufbewahrungssack etwas Wesentliches zur Germanistik beigetragen.

Nachdem ich nun darüber geschrieben habe, soll Schluss sein mit dem sinnlosen Gequatsche. Am Ende wird’s noch biblisch, Jesus erscheint auf meinem Butterbrot und mein Toaster verlangt, dass ich eine Arche baue.

Das touristische Gemüt lebt im Nirgendwo

„Das touristische Gemüt findet sich bei denen, die viel- und weitgereist sind“, sagte Coster, der dubiose Professor für Pataphysik in der RWTH Aachen, und fuhr fort: „Bei meinem Radsportfreund Wolfgang ist es mir erstmals aufgefallen. Wir fuhren die sanften Hügel des niederländischen Mergellands hinauf und hinab. Es war Frühling, die Sonne schien, die Vögel sangen, und ich hätte mit ihnen jubilieren mögen, denn wenn der liebe Gott ein Holländer ist, dann ist das Mergelland mit seinen herausgeputzten Dörfern, Flecken und den blühenden Apfelplantagen sein liebliches Vorgärtlein. Du kennst das, Trithemius, wenn der Mensch eine schöne Erfahrung macht, möchte er sich darüber austauschen.

Leider hatte Wolfgang hatte keinen Blick für das ihn umgebende Land. Er hatte eine entfernte Ähnlichkeit mit der Toskana oder Provence, was weiß ich, festgestellt und schwärmte unentwegt von einem Urlaub in diesem Landstrich. Seine Sätze beendete er mit ‚und eh…‘, womit er anzeigte, dass er noch nicht fertig war mit Schwärmen von dem anderen Ort, und eh .. wehe mir, wenn ich ihn unterbrach. Dann war er sogleich eingeschnappt, wie man bei uns sagt, und viele Pedaltritte später beschwerte er sich: ‚Es war nicht nett, Jeremias, dass du mich eben unterbrochen hast. Was ich sagen wollte, war mir wichtig.’“
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Abenteuer Bankkarte

Die Metapher „kennt die Gegend wie seine Hosentasche“ trifft auf mich nicht zu, selbst wenn mir eine Gegend vertraut ist. Sich in einer einzigen Hosentasche auszukennen, ist keine Kunst. Meine neue Winterjacke hat einen Überfluss an Taschen, auch ein verstecktes Fach auf der rechten Seite, oberhalb zweier Seitentaschen. Im Fährschiff nach Norderney zahlte ich Getränke und steckte mein Portemonnaie gedankenlos in diese Tasche. Später fand ich es nicht mehr. Da die Reise mit unglücklichen Ereignissen begonnen hatte, glaubte ich sogleich, ich hätte mein Portemonnaie verloren. Ich fragte telefonisch bei der Reederei nach und in einem Restaurant, in dem wir am Vorabend gegessen hatten.

Nach diesen vergeblichen Versuchen ließ ich meine Bankkarte sperren. Das ging rasch – per Telefonat mit der Sparkasse Aachen. Ich bin bei diesem Geldinstitut seit über 40 Jahren Kunde, war schon Kunde, als es noch Kreissparkasse Aachen hieß, wo ein Geist von ausnehmender Kundenfreundlichkeit herrschte. Dieser Geist hielt sich auch nach der Fusion mit der Stadtsparkasse zur Sparkasse Aachen. Bei meiner Binnenmigration nach Hannover behielt ich mein Konto dort. Es ist wie ein Anker, der mich noch mit der alten Heimat verbindet. Zudem wurde ich als Kunde bislang zuvorkommend behandelt, nur eben jetzt nicht.
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Flauscher II

Ich führte sein Aufblühen zunächst auf die regelmäßigen Mahlzeiten zurück, wobei ich noch nie gehört hatte, dass unser Mensaessen etwa besonders gehaltvoll wäre. Aber vielleicht hatte Flauscher sich zuvor nur ungesund von Fastfood ernährt, hatte sich, über seine Studien gebeugt, nur eilig einen Hamburger oder Döner hineingedrückt. Was weiß ich. Über meine Lebensumstände wusste er bald alles, von seinen wusste ich so gut wie nichts. Nach dem überraschenden Bekenntnis seiner bevorstehenden Sterilisation, sprach er niemals mehr von sich, berichtete auch nicht, ob er sich dieser Maßnahme unterzogen habe. Mir war, dass er ein leeres Leben führte, also auch nichts zu erzählen hätte.“

„Aber Coster! Als Institutsleiter müssen Sie doch wenigstens wissen, welche Aufgaben er am Institut hatte“, warf ich ein.

„Eben nicht! Die Planstelle war eigens für ihn geschaffen worden, und niemand wusste genau, womit er sich beschäftigen sollte. Flauscher suchte die Nähe zu Studierenden und schien eine Art Lebensberatung anzubieten. Aber nichts war offiziell. Sein Angebot erreichte die Studierenden per Mundpropaganda. Allerdings schilderte mir meine vertraute Adeptin Susanna, dass bald vor Flauscher gewarnt wurde. Bei den Studierenden hieß er nur noch Dr. Lauscher. Aber konkrete Vorwürfe konnte auch Susanna mir nicht berichten. Sie selbst war einmal bei ihm gewesen und hatte sich – o Wunder – ausgehorcht gefühlt. Die kluge Susanna erst brachte mich auf die Idee, dass Flauscher sich offenbar von fremden Leben ernährte, dass er die Hirne seiner Mitmenschen anstach und gleich einem Vampir aussaugte.

Zu jener Zeit war ich unglücklich, nicht nur in der Beziehung mit der viel zu jungen Frau aus Mainz, die ich leichtsinniger Weise geehelicht hatte, sondern und vor allem darüber, dass meine Ideenwelt einschrumpelte. Die Assoziationsketten meines Denkens wurden kurz und kürzer, und ich dachte nur noch banale Dinge, die sich um Konkretes in meinem Alltag rankten. Ich führte das zunächst auf die Gewöhnung an Cannabis zurück, wechselte die Sorten – von Santa Maria zu Northern Light, steigerte die Dosis, nichts half. Auch meine handverlesenen Studenten zeigten eine mir neue geistige Trägheit, selbst Susanna war wie ausgewechselt. Als ich sie zur Rede stellte, gestand sie, heimlich weiter zu Flauscher gegangen zu sein. Eine unerklärliche Macht ziehe sie zu ihm in die Lebensberatung. Ich schimpfte mit ihr, konnte aber nachvollziehen, was der klugen Frau geschah. Auch ich brannte darauf, mich Flauscher zu offenbaren.

Du erinnerst dich, Trithemius, dass ich dich um ein Treffen im Café Mohren bat, als wir uns kaum kannten?“

„Ja, ich erinnere mich gut. Sie erwarteten mich auf der ersten Etage, hatten vor sich einen Printenlikör und haben mir ein Eheproblem geschildert. Sie wollten meine unbefangene Expertise, eben weil wir uns nur flüchtig kannten. Sie waren mit Ihrer jungen Frau auf einer Feier im Ruhrgebiet gewesen und hatten dort, wie es Ihre Gewohnheit ist, mit der hübschen Kellnerin geflirtet. Ihre erboste Frau hatte Ihnen ein Glas an den Kopf geworfen und war dann mit Ihrem Auto nach Mainz abgerauscht, so dass Sie sich ein Taxi nehmen mussten.“

„Genauso. Ich war aufgewühlt, trug mich mit dem Gedanken an Scheidung, fürchtete aber, ich würde am Montag alles dem Flauscher erzählen und danach leer und handlungsunfähig sein. Von dir dachte ich, dass du ein eher schlechter Zuhörer bist, somit eine Sorte Gegengift zu Flauscher. Hätte ich die Sache dir erzählt, brauchte ich sie Flauscher nicht mehr zu erzählen.“

„Dieser eigennützige Gedanke stand also am Anfang unserer Freundschaft, Coster? Enttäuschend! Und ich dachte ganz naiv, es wäre Sympathie.“

„War’s ja auch, eben nicht nur. Jedenfalls war ich froh, mich Flauscher entzogen zu haben. Montagmittag ging ich nicht zur Mensa, verbot auch meinen Studierenden, weiterhin zu Flauscher zu gehen, und wir konnten beobachten, wie Flauscher unter diesem Entzug mehr und mehr verfiel. Irgendwann war er ganz weg. Inzwischen habe ich meinen Gedankenreichtum zurück.“

Ich nahm einen Schuh vom Fuß, schüttelte ihn aus und sagte: „Gedankenreichtum? Ich habe Sand in den Schuhen. Hier streut einer mal wieder. Was wurde aus Flauscher?“

„Wie ich hörte, ist er unter Kohl Regierungsberater geworden und derzeit Staatssekretär im Innenministerium.“

Flauscher

„Es gibt ja verschiedene Formen, einem Mitmenschen zuzuhören“, sagte Jeremias Coster, der dubiose Professor für Pataphysik an der RWTH Aachen.

„Mehr noch des Hörens“, wandte ich ein, „denn Zuhören enthält ja schon den Hinweis auf Zuwendung, also auf konzentriertes Hören, wobei in Hören ohne Präfix noch Nebenbedeutungen mitschwingen. Auf jemanden hören, im Sinne von gehorchen und in der abseitigen Steigerung im Sinne von jemandem hörig sein.“

„Interessante Überlegung, aber ich wollte auf etwas anderes hinaus, nämlich auf die Grade des Zuhörens. Da gibt es das angebliche Zuhören, eigentlich ein Weghören, wenn jemand von Äußerungen genervt ist; das gleichgültige Zuhören der geteilten Aufmerksamkeit, wenn etwa die Frau ihrem Mann etwas erzählt, während er Zeitung liest; das aufmerksame Zuhören und das teilnehmende Zuhören.“

„Was soll das sein, teilnehmendes Zuhören?“

„Wenn nachgefragt wird.“

„Das ist dann aber kein reines Zuhören, sondern ein Interagieren.“

„In deinem Fall ein störendes dazwischen Quatschen. Wenn hingegen jemand die Gabe besitzt, aufmerksam zuzuhören, sagt man landläufig, er sei ein guter Zuhörer. Er ist ganz Ohr. Nun, ich kannte einen Mann, der stets „ganz Ohr“ war, aber auf eine schädliche, aggressive Weise. Dieser Mann hieß Hartmut Flauscher und kam irgendwann als wissenschaftlicher Mitarbeiter an unser Institut. Ich hatte ihn nicht eingestellt, sondern er wurde vom Rektor der RWTH protegiert. Folglich begegnete ich ihm erstmals informell, nämlich auf dem Weg zur Mensa. Als ich an seiner Bürotür vorbei ging, kam er auf den Flur, als ob er mich abgepasst hätte, grüßte, nahm wie selbstverständlich meinen Schritt auf und stellte sich vor. Er war ein hagerer Mann von jener ungesunden Hautfarbe, die an den nahenden Tod denken lässt. Wie wir gemeinsam den langen Gang übers quietschende Balatum schritten, zeigte er sich interessiert am Gerede, das landläufig Flurfunk genannt wird.
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