Versautes – aus: Jüngling der Schwarzen Kunst (6)

Der Alte hatte den Junior in die Setzerei gestellt, denn er wünschte sich einen Nachfolger, der alles von der Pike auf gelernt hatte. Eigentlich war der Junior Konditor gewesen. Doch sein viel älterer Bruder, auf dem die ganze Hoffnung des Verlags gelegen hatte, war nicht aus russischer Gefangenschaft zurückgekehrt. Der Junior hatte deshalb in die großen Fußstapfen seines Bruders treten und umschulen müssen. Er bereitete sich gerade auf die Meisterprüfung vor. Sein Status war unklar. Die Firmenleitung hatte uneingeschränkt der Alte, und der Posten des Setzereileiters galt als vakant. Was blieb ihm da noch? Er hatte einen Arbeitstisch in der ersten Gasse, direkt bei der Abzugspresse für die Korrekturfahnen. Dort skizzierte er Entwürfe, bereitete die Aufträge vor oder büffelte für den Meisterkurs. Manchmal setzte er auch, und deshalb trug er wie die anderen einen grauen Kittel. Er war ein verbissener Schweiger, ein schreckliches Vorbild für alle anderen, denn während der Arbeit waren Privatgespräche streng untersagt. Vielleicht dekorierte er im Geiste dreistöckige Hochzeitstorten oder formte Maumännchen aus Marzipan. Solange der Junior im Setzereisaal war, lastete ein unheimliches Stillschweigen auf den Setzern, das nur durch arbeitsbedingte Äußerungen unterbrochen wurde. Alle warteten und hofften, dass er die Setzerei verlassen würde. Das geschah fast täglich einmal, wenn er fuhr, um Kunden zu besuchen. Sein Aufbruch kündigte sich jeweils lange vorher schon an, als ein quälend gleichförmig ablaufendes Ritual, dessen Ende die Setzer kaum noch abwarten konnten.
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Zu Hause – aus: Jüngling der Schwarzen Kunst (5)

Auf der Neußer Oberstraße, Höhe Markt, stieg Hanno aus der Bahn und ging zum Busbahnhof. Vielleicht hatte er sich verguckt und es fuhr doch noch ein späterer Bus. Die Busbahnsteige waren leer. Am Rand standen einige Busse ohne Licht, vermutlich von in Neuß wohnenden Fahrern abgestellt. Auch das Licht in der Wartehalle war erloschen. Man hatte den Betrieb für die Nacht schon eingestellt. Trotzdem ging Hanno zum Bahnsteig, auf dem sein Bus abzufahren pflegte und schaute auf den Fahrplan. Der letzte Bus war tatsächlich um 20:30 Uhr gefahren. Es war jetzt gleich neun Uhr. Eine Weile stand Hanno ratlos herum. Seine Mutter würde sich Sorgen machen. Er musste etwas unternehmen. Am Verlagshaus beim strengen Senior traute er sich nicht zu klingeln. Der Junior wohnte ein paar Häuser weiter am Münsterplatz. Es war natürlich peinlich, ihn um Hilfe zu bitten, aber Hanno sah keine andere Möglichkeit. Also fasste er sich ein Herz und klingelte bei Eupen jr. Weiterlesen

Und oben Düsseldorf – aus: Jüngling der Schwarzen Kunst (4)

Die Gesellen, allesamt gebürtige Neußer sahen zur Stadt auf der anderen Rheinseite auf. Alles wäre in Düsseldorf schöner, größer und besser als in Neuß. „Pah, was wird da wohl sein?“, sagte Hanno, dem das auf den Geist ging. Düsseldorf war für ihn ein Raum jenseits seiner Dimensionen, den er nicht zu betreten dachte. Sein Kontakt beschränkte sich auf den „Mittag“, eine Boulevardzeitung, die dort erschien und die Hanno täglich las.

Nachdem an der Berufsschule der Deutschunterricht schon länger als zwei Monate ausgefallen war, rief der Junior eines Tages quer durch die Setzerei: „Hanno, komm mal her!“
Hanno legte den Winkelhaken auf den Rand eines Setzkastens und ging hinüber zum Platz des Juniors. Der Junior fuhr sich mit der Hand durch den Bürstenhaarschnitt, legte die Stirn in Falten und machte sich daran, mehrere Sätze am Stück zu sprechen. Das verhieß nichts Gutes: „Wir haben dich in Düsseldorf zum Deutschkurs angemeldet. Er findet über zehn Wochen jeweils dienstags statt, von 18 bis 20 Uhr im Gebäude der Handelsschule in Düsseldorf-Oberbilk. Du kannst mit der Straßenbahn hinfahren.“
Hanno wagte keinen Einwand. Doch ihn durchfuhr der Schreck. Das würde bedeuten, dass er an diesen Tagen nicht 12 Stunden wie üblich unterwegs war, sondern 15 Stunden, vorausgesetzt, er erwischte den letzten Bus um 20:30 Uhr. Natürlich war es gut, dass er seine Deutschkenntnisse erweitern konnte, aber dass er dazu nach der Arbeit ganz alleine nach Düsseldorf fahren musste, war bedrohlich. Jetzt in den Herbstmonaten verließ er morgens im Dunkeln das Haus und kehrte im Dunkeln nach Hause. Und sich in der fremden Stadt im Dunkeln zu orientieren, würde nicht leicht sein. Gleich am ersten Abend erlebte er eine Panne.
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Die Überwindung der Nase – aus: Jüngling der Schwarzen Kunst (3)

Erste Stunde Deutsch in der Berufsschule auf der Neußer Furth, doch statt ihres Deutschlehrers betrat Direktor Fischell den Klassenraum, sah sich grimmig um und sagte: „Der Deutschunterricht fällt aus. Herr Tonder hat einen Herzinfarkt erlitten. Das habt ihr ja fein hingekriegt. Glaubt ihr, ich wüsste nicht, welchen Zauber ihr in seinem Unterricht abgezogen habt. Herr Tonder fällt mindestens für drei Monate aus. Wenn er überhaupt nochmal wieder kommt. Das habt ihr jetzt davon. Wir machen Fachrechnen.“ Fachrechnen war übel, ging völlig über Hannos Horizont. Aber was Herrn Tonder betraf, fühlte Hanno sich schuldig. Der arme Herr Tonder war doch ein Mann ohne Arg, hatte die Disziplinlosigkeit von Lutz und anderen ohne böses Wort ertragen. Sein morgendliches „Setzt euch, Jungs!“ hatte immer ganz hoffnungsfroh geklungen, als würde Tonder nicht an ihrer Gutwilligkeit zweifeln. Aber spätestens, wenn Lutz seine Worte nachäffte, wobei er Tonders Näseln übertrieb, kehrte die Furcht zurück in Tonders Blick, dass ihm die Jungs wieder entgleiten würden. Überhaupt Lutz, der scheinheilige Hund. Bei Direktor Fischell tat er immer ganz brav. Stand mit gesenkten Kopf und den Händen auf dem Rücken, wenn Fischell ihn zusammenschiss, weil er beim Rauchen erwischt worden war. Dann spielte Lutz so überzeugend das reuige Schäfchen und hörte sich die Standpauke demütig an, wünscht an deren Ende dem Fischell einen „schönen Feierabend!“, wo doch erst früher Vormittag war. Weil Fischell darauf reinfiel, verlor Hanno jede Achtung vor dem Mann.

Insgeheim beneidete Hanno den Lutz, nicht nur um seine Durchtriebenheit. Lutz hatte den Zug verpasst und kam trotzdem rechtzeitig. Es klingelte zum Unterrichtsbeginn, da rollte ein gelber VW-Käfer von der Bundespost auf den Schulhof, und auf der Seite, wo wegen der Postsäcke nicht mal ein Sitz war, thronte Lutz und grüßte mit großer Geste in die Runde, stieg aus wie ein Fürst, als wäre die ganze Deutsche Bundespost ihm untertan. Schon war Lutz wieder der Held. Dabei sieht er aus wie ein Schwein, dachte Hanno. Mit diesem Schweinerüssel würde ich mich in Grund und Boden schämen, aber der großspurige Lutz ist von einem unerschütterlichen Selbstwertgefühl, gehört zu den Typen, die trotz ihrer Hässlichkeit bei den schönsten Frauen landen können.

Hanno glaubte, er müsste gut aussehen, schämte sich ein wenig wegen seiner Nase, die nach seinem Gefühl zu kurz geraten ist. Diesen Komplex hatte ihm, als er klein war, sein älterer Bruder eingeredet, der ihn immer damit aufgezogen hatte. Als er anfangs nach Neuss fuhr, hatte sich Hanno derart wegen seiner Nase geschämt, dass er während der ganzen Busfahrt die Hand vor sein Gesicht halten musste. Die Macke verlor sich glücklicherweise mit der Zeit. Dabei hatte der Geselle Monitz ihm unwissentlich geholfen. Dieter Monitz hatte gepflegte Umgangsformen und stach schon deshalb aus der Riege der Gesellen heraus. Monitz kleidete sich gewählt, kaufte seine Hosen bei Selbach exclusive Herrenmoden auf der Düsseldorfer Königsallee und war immer umweht von einer Duftwolke teuren Rasierwassers. Bei Regenwetter kam Monitz mit Stockschirm. Monitz trat selbstbewusst auf, wirkte sogar ein wenig arrogant. Aber er war ein liebenswerter Charakter, wäre nie auf die Idee gekommen, den Lehrling zu triezen. Hanno sah zu ihm auf. Da Monitz die Abendschule besuchte, um sein Abitur nachzuholen, verkörperte er alles, was Hanno einmal sein wollte. Doch Monitz war hässlich, hatte eine zu große Nase, und wenn er sprach, entblößte er zwei hässliche Biberzähne, die überdies ein wenig schräg standen. Es war Hanno ein Rätsel, wie einer mit diesem Aussehen so selbstbewusst sein konnte. Einmal fragte er:
„Wenn Sie jetzt einen Klumpfuß hätten, Herr Monitz, einen Klumpfuß und einen Buckel, wären sie dann trotzdem so selbstbewusst?“
Monitz wusste nicht, worauf Hanno hinaus wollte: „Du meinst, wenn ich aussehen würde wie der Glöckner von Notre Dame?“
„Zum Beispiel.“
„Ich glaube, an meinem Selbstwertgefühl würde sich nichts ändern.“
Das wars. Wenn Monitz sich annehmen konnte, trotz Nase und Hasenzähnen, sollte Hanno sich doch auch mit seiner Nase anfreunden können. Er muss sich nur in allem an Monitz ein Beispiel nehmen und viel von ihm abschauen.

Fortsetzung

Busfahrten – aus: Jüngling der Schwarzen Kunst (2)

äglich nimmt Hanno den ersten Bus nach Neuß um 6 Uhr 35. Es gibt auf dieser Linie zwei Busfahrer, die sich wöchentlich abwechseln, der dicke Hubert und das nervöse Karlchen. Obwohl er im nur zwei Kilometer entfernten Nachbardorf seine Schicht beginnt, kommt Hubert fast immer zu spät. Kommt mit derselben Selbstverständlichkeit zu spät, mit der er der dicke, Respekt einflößende Hubert ist. Hubert soll ein Frauenheld sein, ist irgendwie tierhaft, immer unwirsch, wie es manche Frauen mögen. Im Sommer sitzt er im Unterhemd hinterm Steuer. Es ist auf ihn kein Verlass, nicht mal auf seine Unpünktlichkeit. Fünf Tage lang kommt er zwanzig Minuten zu spät, und am sechsten Tag auf die Minute, so dass, wer sich auf Huberts Unpünktlichkeit einstellt, den Bus verpasst. Im Winter, wenn es noch stockfinster ist um diese Zeit, hat man schon oft frierend auf Hubert gewartet, ein ganzes Häuflein an der Haltestelle im noch schlafenden Dorf, aber nie hat es wer gewagt, Hubert wegen seiner Unpünktlichkeit zu ermahnen.
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Schwarz & Braun – aus: Jüngling der Schwarzen Kunst

Noch im Teppichhausblog habe ich im Jahr 2015 Episoden aus dem Romanprojekt Jüngling der Schwarzen Kunst veröffentlicht. Der Roman ist selbstverständlich autobiographisch und geht auf alte Aufzeichnungen zurück. Um damit voranzukommen, aber das Teestübchenblog nicht zu vernachlässigen, schreibe und veröffentliche ich in loser Folge weitere Episoden. Sie werden dann später in die bereits vorliegenden Kapitel chronologisch eingeordnet.

PROLOG: Nach acht Jahren Volksschule, im Alter von 13 Jahren wurde Hannes Overlack aus Nettesheim ein Jünger der Schwarzen Kunst, indem er in eine Schriftsetzerlehre eintrat. „Aventur und Kunst“ hatte schon Gutenberg seine Erfindung genannt, Aventur bedeutete Wagnis und Abenteuer, denn die Erfindung dieser neuen Technologie war für den gelernten Goldschmied Gutenberg ein wirtschaftliches Wagnis gewesen, an dem er letzlich auch gescheitert ist, Kunst bedeutete handwerkliches Können. Als Druckfarbe ist ursprünglich nur Schwarz, ein Gemisch aus Leinöl und Ruß, zum Einsatz gekommen. Das Synonym Schwarze Kunst liegt daher nah, zumal bis ins 19. Jahrhundert nicht Johannes Gutenberg, sondern Johannes F(a)ust als Erfinder galt, weshalb der Buchdruck lange Zeit als Technik geschimpft wurde, die sich unerlaubter, teuflischer Mittel bediente.

Die Gesellen in Overlacks Lehrbetrieb riefen ihn „Jüngling.“ Das ist die Bedeutung von „Jüngling der Schwarzen Kunst“. Nachfolgend ist geschildert, wie der naive Jüngling sein Handwerk erlernt und wie er durch die Schrift aus der Beschaulichkeit seines Geburtsortes in eine komplex sich auffächernde Welt versetzt wird, für deren Verständnis ihm anfangs noch die Kategorien fehlen. Zum jungen Mann herangereift sieht er sich unvermutet mit den Fernwirkungen des Nationalsozialismus konfrontiert. Der Bericht von dieser modernen Aventur und Kunst endet mit dem Niedergang des mittelalterlichen Handwerks und seiner Ersetzung durch Foto- und Computersatz. Doch da sind wir noch nicht, sondern greifen zurück in die frühen 1960-er Jahre. Damals gab es noch keine politische Korrektheit in der Sprache. Daher wurde das Wort „Neger“ bedenkenlos verwendet – wie in folgender Episode:
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Plausch mit Frau Nettesheim – über den Jüngling der Schwarzen Kunst

Trithemius
Als ich junger Lehrer war, gab es eine Kollegin am Tisch im Lehrerzimmer, die beteuerte, keine Kinder haben zu wollen. Als sie dann doch schwanger wurde und ein Kind zur Welt brachte, hatte sie plötzlich das Muttersein erfunden und erklärte den anderen Müttern haarklein, wie das geht.

Frau Nettesheim
Warum erzählen Sie von dieser albernen Person?

Trithemius
Als Aufhänger für eine andere alberne Person: Gestern sah ich im TV zufällig Thomas Gottschalk.

Frau Nettesheim
Überraschend schwanger?

Trithemius
No. Der hat das Altsein erfunden, tingelt jetzt rum als Senilitätshausierer. Ich hatte zwar schon länger gedacht, wenn er in den Medien auftauchte, ‚ist der grau geworden – im Gesicht‘, aber jetzt ließ er sich von einer Frau Maischberger zum Altsein interviewen, weil er nämlich ein Buch darüber geschrieben hat. Gottschalk erzählte soviel törichtes und wirres Zeug, dass ich mich gleich fünfzehn Jahre jünger fühlte.

Frau Nettesheim
Das Leben geht leichter mit einem passenden Gegenbild vor Augen.

Trithemius
Ja, dazu ist er gut. Aber noch was, Frau Nettesheim, als ich zu Bett ging, beschäftigte mich die Frage, wie ich das textliche Kleinklein des Bloggens vereinbaren kann mit der Arbeit an meinem größeren Projekt, weil die Zeit langsam drängt. Einmal muss es geschrieben sein, bevor ich so blöd bin wie Gottschalk, und zum anderen, damit es mir nicht geht wie Dr. Samuel Johnson. Als er sein Dictionary of the English Language vollendet hatte, wurde er gefragt, ob er nicht stolz sei auf sein Werk. Er sagte, ach, die meisten, denen er damit habe imponieren wollen, seien längst schon gestorben.

Frau Nettesheim
Glücklicherweise ist ihr Freundeskreis noch recht jung.

Trithemius
Ja, und so eine alterslose Schönheit wie sie erst, Frau Nettesheim. Ihnen möchte ich schon gern imponieren. Jedenfalls fange ich morgen mit neuen Episoden zum Roman Jüngling der Schwarzen Kunst an. Das ist doch eine prima Weise zu schreiben, denn so sind die Kommentierenden, ob sie wollen oder nicht, an der weiteren Entstehung des Romans beteiligt.

Frau Nettesheim
Interaktives Schreiben? Dann man tau.