Die Straße meiner Kindheit – Interview mit einem Kind

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Teestübchen-Chefredakteur Julius Trittenheim interviewt einen Jungen:

Was ist deine früheste Erinnerung an die Straße deiner Kindheit?

Ich erinnere mich ganz schwach, dass vor dem Hof der Balzers auf der anderen Straßenseite ein defekter Panzer mit US-Hoheitszeichen stand. Der verschwindet aber bald. Ich habe ihn auch nie aus der Nähe gesehen, muss also noch sehr klein gewesen sein. Zu dieser Zeit war ich oft krank, hatte mehrmals doppelseitige Lungenentzündung. Meine Mutter wachte viele Nächte an meinem Bett. Manchmal, wenn die Zeit gar nicht vergehen wollte, hob sie mich in eine Decke gewickelt aus dem Bett und schaute mit mir aus dem Fenster. Wir sahen mitten in der Nacht, dass in einem Parterrezimmer im Haus der Balzers noch eine Funzel  brannte. Da lag der alte Großonkel Cornél im Sterben, wusste meine Mutter. Ich habe nie später in meinem Leben so ein trostloses Licht gesehen .Und noch was fällt mir ein. Eines Tages, als meine Mutter mich morgens anzog, war sie in Eile und in aufgekratzter Stimmung. Sie trug mich auf dem Arm die Straße hoch zum Hohlweg, den wir „erste Bruchstraße“ nannten, und weiter durch den verwunschenen Hohlweg (Startbild) zum Tal, das die erste von der zweiten Bruchstraße trennt. Dort auf einem Feld fand ein Springreiten statt. Ich sah ständig Reiter mit ihren Pferden über ein Hindernis springen und hinter einer Bodenwelle verschwinden, so dass ich glaubte, sie würden dort von einem Abgrund verschlungen. Ich weiß noch, dass ich mich wunderte, dass die Männer so bereitwillig in ihr Verderben sprangen und wunderte mich auch über ihre Vielzahl. Heute weiß ich, es wird ein Rundkurs gewesen sein, und es kamen dieselben Männer mehrmals vorbei. Weiterlesen

Der Hinterweltler und seine Märchen – über Fake News und die öffentlich-rechtlichen Büttel von Facebook

„Dem Hinterweltler schrumpft die Welt ein. Er findet in allem und jedem Ding nur noch die Bestätigung seiner eigenen Meinung.“ (Carl Christian Bry, Verkappte Religionen – Kritik des kollektiven Wahns, 1924)

Kategorie MedienDie Haltung des Hinterweltlers, die der Schriftsteller Carl Christian Bry hier schon im Jahr 1924 benennt, ist demnach keine neue Erscheinung. Neu ist nur der modische Begriff, der die Haltung bezeichnet, „postfaktisch“, inzwischen von der dubiosen Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) zum „Wort des Jahres 2016“ gekürt. Seine englische Entsprechung „post-truth“ war zuvor vom Verlag der „Oxford Dictionaries“ sogar zum „Internationalen Wort des Jahres 2016“ erhoben worden. Das Pressegetöse, das darob erschallte, mit dem sich die Journalistenzunft über die Weltsicht der Hinterweltler mokierte und erhob, zeigt vor allem eins, dass unter den Lohnschreibern die wahnhafte Vorstellung herrscht, man habe das eigene Weltbild auf der Grundlage überprüfbarer und überprüfter Fakten gebildet, eine philosophisch völlig unhaltbare naive Idee und Ausdruck einer beängstigenden Hybris. Weiterlesen

Zum Geburtstag ein paar Schecks

scheck-titanicEs gilt schon lange nicht mehr als anrüchig, sich in der Öffentlichkeit als Wohltäter feiern zu lassen. Diese Unsitte hat ihren ungewollt komischen Ausdruck gefunden in der Übergabe symbolischer Riesenschecks, ein beliebtes Motiv in der verschmockten Lokalpresse. Schon im Titanic-Magazin August 1993 habe ich mich auf einer Doppelseite darüber lustig gemacht (Startbild, zum Vergrößern bitte klicken). Wer glaubt, die Sitte habe sich längst erledigt, möge in der Google-Bildersuche nur nach „Scheckübergabe“ suchen.

Da ich mich heute nicht dem naheliegenden Thema Freitag, der 13. widmen wollte, schaute ich nach, wer denn am 13. Januar alles Geburtstag hat – und fand den ehemaligen Aachener Oberbürgermeister (1989 – 2009) Jürgen Linden, im Teestübchen kein Unbekannter. Er wird heute 70 Jahre. Als er noch Oberbürgermeister war, verging kein Tag, an dem er nicht in der Lokalpresse abgebildet war, oft auch in der Nachbarschaft von Riesenschecks. Daher zeige ich ihn in der Neubearbeitung einer Gif-Animation, die ich erstmals im März 2008 im Teppichhaus Trithemius veröffentlicht habe. Viel Vergnügen!

 Fotos aus: Aachener Nachrichten, Aachener Zeitung, Super Sonntag - Gif-Animation und Text: JvdL

Fotos aus: Aachener Nachrichten, Aachener Zeitung, Super Sonntag – Gif-Animation und Text: JvdL

Es erwischt die Besten – Rapper Ramon H. ist tot – Ein Nachruf von Volontär Hanno P. Schmock

Genau ein Jahr nach David Bowie ist am 10. Januar wieder ein Wegbereiter der Popkultur von uns gegangen. Ex-Bundespräsident Ramon Herzog ist tot. Viele loben ihn, aber vergessen oft das Beste. Das beste an ihm war lange Zeit nämlich seine Frau Christiane. Ach, die wunderbaren Zeiten, als First Lady Christiane Herzog im ersten deutschen Fernsehen (wo sonst?) eine Kochsendung hatte. Wir alle durften „Zu Gast bei Christiane Herzog“ sein und konnten sehen, wie sich Christiane von einem Sternekoch mit dem passenden Namen Koch die Möhrchen schrabben ließ. Es war ungemein erfrischend, wie Christiane Herzog klarzumachen verstand, was die Deutschen vergessen hatten, wo nämlich die Trennlinie verläuft zwischen Herrschaft und Dienstboten. „Herr Koch, die Kasserolle, bitte!“

Schon der neureiche Trimalchio des römischen Schriftstellers Petron erfreute sich bekanntlich daran, dass sein Koch auf den Namen Schneid hört. So konnte Trimalchio seinen Koch beim Namen rufen und gab ihm gleichzeitig den Befehl, den mit Früchten gefüllten Ochsen aufzuschneiden. In diesem Sinne war Christiane Herzogs Wahl des Kochgehilfen Otto Koch zwar nicht neu, und trotzdem nahezu genial. „Koch!” das war und ist: Name, Berufsbezeichnung und Befehl in einem Wort. Sparsamer kann man seine Dienstboten nicht anweisen. Leider ist Christiane Herzog schon einige Jahre tot, und so war da auch niemand mehr, der den kometenhaften Aufstieg der Köche im deutschen Fernsehen hätte bremsen können.

Ramon Herzog hat sich weder um Köche noch ums Kochen (transitiv) bemüht. Wenn der habilitierte Choleriker vor Wut kochte (intransitiv), war seine Stimme eher ein Knödeln, so angenehm fürs Ohr wie Harzer Käse für die Nase. Daher beschränkte er sich auf Sprechgesang. Sein berühmter knochentrockener Hiphop: „Durch Deutschland Muss Ein Ruck Gehen“ (1997), ruckelt so weiter: „Wir müssen Abschied nehmen von liebgewordenen Besitzständen. Alle sind angesprochen, alle müssen Opfer bringen, alle müssen mitmachen.“ Wieviel er später von seinem jährlichen Ehrensold von gut 214.000 Euro an seine Dienstboten abgegeben hat, ist nicht bekannt. Vermutlich hat er deren „liebgewordenen Besitzstände“ vorbildlich auf den Mindestlohn herunter gekürzt. Sein Rap: „Wir predigen Wasser, aber trinken Wein, ihr Deppen!“, wurde von den Rundfunkanstalten nicht gespielt, feierte aber in Yachthäfen, auf exklusiven Golf- und Tennisplätzen und in anderen asozialen Kreisen große Erfolge. Herzog begründete mit „Durch Deutschland Muss Ein Ruck Gehen“ den Hauptstadt-Gangsta-Rap. Ihm folgte in direkter Tradition das Gangsta-Rapper-Duo Schröder/Fischer im Jahr 2002 mit den verstörenden Hits „Hartz IV“, „Hatch-Fonts, hehe“, „Studiengebühr“ und „Statt fördern fordern“, allesamt produziert von Liz Mohn und ihren Mannen an den goldenen Knöpfen der Bertelsmannstiftung.

„Wenn Ramon auch ein fucking One-Hit-Wonder war, sein bahnbrechender Einfluss auf uns kann gar nicht überschätzt werden“, grinst der sympathische Ganove Gerhard. „Ohne seinen Ruck-Rap hätten wir Hartz IV und all den Gangstaschrott niemals denken können.“ Das weiß auch Bankerboy Josef von der Hiphop-Formation Deutsche Bank, um den es nach den Hits „25 % Rendite“, „Systemrelevant“, „Finanzkrise“ und „Bankerrettung“ viel zu still geworden ist. Nur Angeela M., die einzige Frau im Kreis der Hauptstadt-Gangsta-Rapper konnte es nicht lassen, Wegbereiter Ramon zu dissen: „Jetzt geht es Deutschland wieder gut.“

20 Jahre Warten auf die 16. Elfstedentocht

Kategorie KopfkinoAls kürzlich überall in Westeuropa Frostgrade verzeichnet wurden, wagte ich für kurze Zeit zu hoffen. Doch wie die Wetterprognosen zeigen, wird die Elfstedentocht auch in diesem Jahr nicht stattfinden können. Erstmals las ich Anfang der 1980-er Jahre als junger Deutschlehrer von der Elfstedentocht, und zwar in einem blauen Büchlein mit Übungsdiktaten. Darin war als Diktat mittleren Schwierigkeitsgrads für 5. und 6. Klassen eine Reportage abgedruckt mit dem Titel: „Fliegende Holländer auf dem Eis.“ Das Büchlein ist leider verschollen. Den Text habe ich nur einmal diktiert, denn er war für damalige Verhältnisse viel zu schwer.

Möglicher Weise hat es Zeiten gegeben, als gut geschriebene Reportagen als Diktate taugten, aber die hier taugte nur dazu, in mir romantische Stimmungen über die Elf-Steden-Tocht zu wecken. Gut 15 Jahre später, am 4. Januar 1997, wurden sie erneut geweckt. In meinem Arbeitszimmer unterm Dach unseres Hauses in Aachen konnte ich über Antenne niederländische TV-Sender empfangen. Eigentlich wollte ich Klassenarbeiten korrigieren, aber stellte mir einen kleinen SW-Antennenfernseher auf den Schreibtisch, um die Live-Übertragung der 15. Elfstedentoch zu verfolgen.

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In aller Früh, noch in der Dunkelheit, versammeln sich 16.000 dick gegen die Kälte eingemummelte Eisschnelläufer, um über die zugefrorenen Kanäle, Grachten und Seen der niederländischen Provinz Friesland zu gleiten. Den Wettkampfläufern davon folgen Seitenwagengespanne mit Kameraleuten von Studio Sport der übertragenden Nederlandse Omroep Stichting (NOS). Die Strecke führt entlang elf friesländischer Ortschaften mit historischem Stadtrecht. „Schaatsen“, für das es im Deutschen nur das sperrige Wort Schlittschuhlaufen gibt, ist ein niederländischer Nationalsport. Deshalb ist dieses 200 Kilometer lange Rennen ein nationales Ereignis, das viele Millionen Zuschauer anlockt. Die seriöse niederländische Tageszeitung De Volkskrant schrieb in einer Kolumne sogar von einem „nationalen Orgasmus.“ In den beteiligten Städten sind alle Unterkünfte, Hotels, Pensionen, Ferienwohnungen ausgebucht. An der Strecke herrscht Karneval. Am Rennen teilzunehmen, ist ein Privileg. Man muss als Mitglied im Verein Koninklijke Vereniging de Friesche Elf Steden registriert sein. Im Jahr 1986 war sogar ein W.A. van Buren angemeldet gewesen. Es war der inkognito mitlaufende niederländische Thronfolger (der heutige König Wilhelm-Alexander). Dass der einst eher als Feierbiest Prins Pilsje bekannte Thronfolger die ganze Strecke geschafft hatte, wurde in der weniger seriösen Presse angezweifelt.

Damit die Elfstedentocht stattfinden kann, muss es mindestens zwei Wochen krachenden Frost geben, bis die Eisdecke auf 15 Zentimeter Dicke angewachsen ist. Besonders unter Brücken hat das Eis häufig Schwachstellen. Dann wird Eis von anderen Stellen transplantiert. Manchmal müssen die Eisschnelläufer aber vom Eis und solche Stellen auf mit Säcken und Stroh ausgelegten Wegen umlaufen. Jede der friesischen Städte hat einen Rayonhoofd genannten Bezirks-Eishäuptling, der über die Tragfähigkeit des Eises befindet. Erst wenn alle Rayonhoofden ihr Okay geben, kann die Tour stattfinden. Livebericht der 15. Elfstedentocht aus meinem Tagebuch:
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Nachtrag: Im Sommer 2006 habe ich im friesischen Städtchen Workum an einem der Kanäle der Elfstedentocht gestanden. Er führte am Garten des Häuschen einer Jugendfreundin vorbei, in dem ich damals übernachtete. Es fiel mir schwer mir unter der warmen Sonne den vereisten Kanal vorzustellen, ebenso eine Landschaft, in der unter eisigen Winden alles Leben erstarrt scheint. Aber dann knirschen Kufen übers Eis und Tausende Schaatser trotzen der unwirtlichen Natur. Vielleicht nächstes Jahr.

 

Das Beschreiben und Bekritzeln der Bücher – über eine aussterbende Subkultur des gedruckten Buches

Kategorie MedienAls im Jahr 1999 der informelle Maler Emil Schumacher gestorben war und ich einem Freund davon berichtete, holte er das dicke Harenberger Personenlexikon aus seinem Bücherregal, schlug es bei Schumacher auf, las vor, was dort geschrieben stand, schraubte seinen Füller auf und schrieb in den teuren Wälzer hinein.
„Was tun Sie da, Sir?“, fragte ich.
„Na, wenn ich schon dabei bin, kann ich doch gleich das Todesdatum eintragen“, sagte er.

Das mag man heute nicht mehr spektakulär finden, wo Onlinelexika wie Wikipedia beinah schneller als die Zeit aktualisiert werden, aber die Idee, ein gedrucktes Lexikon fortzuschreiben, war mir bis zu diesem Augenblick nicht gekommen. Der Journalist, Autor und Dichter Edgar Allan Poe hingegen schreibt: Weiterlesen

Minister Christian Schmidt (CSU) rettet die Wurst!

Kategorie Humor neuEndlich! Bundesagrarminister Christian Schmidt will Erdöl in vegetarischen Würsten Fleischbezeichnungen für vegetarische und vegane Lebensmittel verbieten. Begriffe wie „vegetarisches Schnitzel“ oder „vegane Currywurst“ seien „komplett irreführend und verunsichern die Verbraucher“, sagte der CSU-Politiker einem Organ, das hier aus Hygienegründen nicht genannt werden darf. Wenn das Verbot in Kraft ist, darf natürlich auch keiner mehr sagen, Bundesminister Christian Schmidt mache sich mit seiner Idee zum Hans Wurst der Fleischindustrie. Denn ist ja keine Wurst drin in Christian Schmidt oder doch?

Egal. Ein Hoch auf den fürsorglichen Minister! Der tut noch was für den Verbraucherschutz. Mir geht schon lange auf den Geist, dass sich vor der Kühlvitrine mit den Fleischersatzprodukten die verunsicherten Verbraucher ballen, ja, geradezu zusammenrotten, diese Irren. Ich will mich auch nicht mehr fragen lassen: „Sagen Sie, ist denn überhaupt Wurst in vegetarischer Wurst?“ Ja, bin ich vielleicht ein verfluchter Metzger? Ich bin Germanist, ihr Deppen! Drum zum letzten Mal: Ein Blick in die Etymologie zeigt, dass Wurst eigentlich das unordentlich Gedrehte ist. Wir erkennen, welches Bild da Pate gestanden hat, weshalb die Wurstmasse aus Fleisch zurück in den Darm gestopft wird. Es geht natürlich nicht an, eine Masse aus Gemüse, Tofu oder sonstigen Ersatzstoffen, die allesamt noch nicht durch einen tierischen Magen gegangen sind, in einen Kunstdarm zu pressen. Es wird jeder einsehen, dass damit der natürliche Gang der Dinge pervertiert ist.

Hier noch eine nützliche Verbraucherinformation – ein kostenloser Aufklärungsservice vom Ihrem Teestübchen Trithemius:

Montagen und Gif-Animation: JvdL

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