Abenteuer mit Josie

Ich kann mich nicht sattsehen an den Grüntönen vor meinen Fenstern. Der Weißdornbusch ist grün geworden, als die Eiche noch schlief. Nach dem Aufwachen trieb sie zuerst orangefarbene Blätter, die erst langsam über Gelb zu Hellgrün übergingen. Noch immer ist ein Anflug von Orange zusehen. Als wären noch herbstliche Säfte im Holz gewesen, die damals die Blätter Rotbraun gefärbt haben. Deutlicher zeigt das der Spitzahorn vor dem östlichen Fenster. Seine Blätter beginnen mit Rotbraun, etwas kräftiger als vor ihrem Abfallen im letzten Herbst. Sie werden erst viel später grün.

Vom frühlingshaften Austreiben ungerührt ist meine Zimmerpalme Josie. Ihr gilt eine andere Zeitrechnung. Aber ihr Anblick ist derzeit wieder spektakulär. Wenn ich morgens das Zimmer betrete, erfreut sie mich mit stattlichen Wedeln, mehr noch mit deren Überscheidungen. Es ergeben sich prächtige grafische Strukturen. Das ist es, weshalb ich Zimmerpalmen so liebe. Aus diesem Grund wurden mir schon einige geschenkt. Eine bekam ich von der Klasse, deren Klassenlehrer ich gewesen war. Ich ließ sie zunächst im Lehrerzimmer, wo eine Kollegin mit grünem Daumen sie in ihre Obhut nahm. Selbst in den Ferien fuhr sie zur Schule, um Blumen und meine Palme zu gießen. Sie gedieh so prächtig, dass ich mich gar nicht mehr als der Eigentümer sah. Ich mochte sie auch nicht von ihrem angestammten Platz entfernen, wo sie sich so offenbar wohl fühlte. Irgendwann vergaß ich, dass es meine Palme war.

Meine derzeitige Zimmerpalme schenkte mir Lisette. Das war noch in Aachen. An meinem Geburtstag schaute ich in ungeduldiger Erwartung aus dem Fenster und sah auf der Straße unten, wie Lisette ihr rotes Auto einparkte. Dann stieg sie aus und holte eine stattliche Palme hervor. Ich sehe noch heute, wie ihr rotblonder Haarschopf im Gleichtakt mit den Palmenwedeln wippte, als sie mit der Palme heraneilte. Ich taufte die Palme Josie und entwickelte eine symbiotische Beziehung zu ihr. Meine besseren Texte sind entstanden, nachdem ich Josie angefasst und mit ihr geredet hatte.

Josie 2011

Aus Gründen musste ich mich von Lisette trennen, obschon es war, als würde ich mir einen Arm absägen. Eines Morgens hatte sich Josie in ihrem Topf ganz zur Seite gelegt. Offenbar hatte auch Lisette die Trennung für sich vollzogen. Tags darauf sah ich sie mit einem neuen Mann. Josie erholte sich nur langsam, nachdem ich sie wieder aufgerichtet hatte. Meinen Umzug nach Hannover verkraftete sie gut und wuchs zunächst prächtig.

Beim Schlaganfall im Jahr 2013 war ich linksseitig betroffen. Auch Josie kümmerte linksseitig. Man sagte mir, ich solle sie drehen, aber das brachte ich nicht übers Herz. Mit meiner Genesung erstarkte auch Josie, wuchs zu rechten Seite derart, dass ein Stamm sich neigte und ihre größten Wedel den Boden berührten.

Vor einer Woche habe ich einen größeren Topf besorgt und zusammen mit meiner Putzhilfe und ihrem Freund, der sie hatte herfahren müssen, weil die Verkehrsbetriebe bestreikt wurden, wir drei haben Josie umgetopft, dabei aufgerichtet und an einen in den Topf gesteckten Schlagzeugstock gebunden. Ich dachte schon, sie hätte die Operation überstanden und wäre dabei, sich mit der neuen Situation zurechtzufinden. In der Nacht zum Freitag, in der Stunde des Wolfes, also gegen 4 Uhr morgens, hörte ich einen lauten Knall, dass ich dachte, meiner Obernachbarin wäre ein Ziegelstein aus dem Bett gefallen. Aber ich wunderte mich schon, denn die Sitte, im Backofen erhitzte Steine in klamme Betten zu legen, ist ja mit der Zentralheizung längst überflüssig geworden. Als ich am Morgen ins Wohnzimmer kam, war dann auch kein Stein über mir gefallen. Vielmehr lag Josie am Boden, hatte den Topf mit 25 Zentimetern Durchmesser und zehn Litern zusätzlicher Blumenerde umgerissen.

Daher besorgte ich gestern einen 30-Zentimeter-Topf und setzte Josie aufgerichtet hinein. Aber es fehlte Blumenerde. Josie stand unsicher, und eine lange Wurzel lag frei. Bevor ich weitere Blumenerde besorgen konnte, wurde ich von großer Schwäche geplagt und musste mich zuerst ausruhen, dass ich dachte, etwas in mir spiegelt Josies Situation. Inzwischen steht sie – nicht ganz aufrecht, was ich ohne helfende Hand nicht hinbekam, aber einigermaßen fest. Ganz so wie ich.

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Unterstadt (2) – ein erzähl experiment

die leute sagen: geh nicht in der unterstadt! wer hingeht, kommt nie mehr rauf. aber wir vom VIWO, das ist „velocipèdeclub immer weiter oberstadt“ kümmern uns nicht drum. wir gehen ja nicht, wir fahren. wir fahren mit unsere rennmaschinen überall hin, je nach windrichtung. wenn der wind vom süden weht, fahren wir nach süden zu los, damit er uns beim rückweg schiebt. und natürlich ist jeder von uns schon mal am alter kinosaal vorbei gefahren.

hallo? die unterstadt liegt im süden. also fahren wir da auch vorbei und runter. die einzige regel ist, niemals absteigen. wenn wir vom verein einmal losgefahren sind, setzen wir nirgends den fus an den grund. ehrensache! wer mitmachen will in unser verein, muss zuerst eine prüfung machen. muss zeigen, dass er mit eine übersetzung von 42:28 eine steigung von 26 prozent hochfahren kann, ohne vom rad zu fallen. zum ersten mal haben mich die alten kämpen mit in die unterstadt genommen. wir fahren immer in eine grose gruppe zu 15 mann. sind manchmal auch frauen dabei, aber heist ja „allemannhoch“ und nicht „allemannundfrauhoch.“ einer ist immer der wegkapitän. der fährt vorne und bestimmt fahrstrecke und tempo.

als ich zum ersten mal nach unterstadt gefahren bin, war der dicke franz unser wegkapitän. wir fuhren hoch zum kinosaal, ich schön bei hans-günter am hinterrad. aber kurz vor oben konnte ich nicht mehr langsam fahren und habe mich frech an die spitze gesetzt. da kam der dicke franz rechts neben mich, hatte einen ganz rotem kopf und schreit: fahr! fahr! ich hab mich total erschreckt und verstanden, ist gefahr und bin wie wild am kinosaal vorbeigefahren. ich flog über die kuppe und bekam den riesenschreck. ich habe mal ein bild gesehen. oben auf eine skisprungschanze steht einer mit sein motorrad und ein hämisch lachender verbrecher hält ihm den colt am kopf, dass er mit dem moped die schanze runter rasen muss. von dem bild ist mir glatt schwindelig geworden und ich musste weggucken, aber hab nicht aufhören können, das bild anzusehen. immer wenn sich der grusel gelegt hat, musste ich wieder hingucken und dachte, gleich rast er runter, kann sein lenker kaum noch halten, aber mus in die spur bleiben bis zur absprungkante, oje, oje oje!

genauso fühlte sich an, als ich am alter kinosaal vorbei über die kuppe geflogen war. GOTT, geht es da steil runter! ich wollte bremsen, aber der dicke franz neben mich schreit mich ins ohr „fahr! fahr!“ wie der verbrecher vom bild mit sein colt. und ich kann nicht sehen wohin. grad als ich dachte, gleich hebst du ab und segelst ins tal, macht die straße ein knick nach links und weiter eine schnurgrade rampe runter. der dicke franz gibt mir ein quackje mit seine linke schulter, dass ich die kurve kriege. puh, geht es steil runter! vernünftige leute bauen da lieber eine treppe, aber nicht die leute von unterstadt. an die rampe wohnt niemand. zu steil für ein haus. aber unten die häuser in unterstadt. schrecklich!

Wird fortgesetzt

unterstadt (1) – ein erzähl experiment

dass die leuten anderswo anders sprechen als wie wir, glaube ich nicht. ich finde auch nichts dabei, dass wir eine ober- und unterstadt haben. und finde gerecht und richtig, dass wir aus der oberstadt auf den leuten in unterstadt immer schon runtergesehen haben. soll man denn auf diesen leuten hinaufschauen? hallo? sie leben doch in unterstadt! aber der weg in die unterstadt ist schon komisch. zuerst führt nämlich die strase steil bergauf.

bergauf in die unterstadt, das kommt mir vor, als hat die oberstadt noch einen schutzwall, dass alle guten leuten sofort sehen pass auf, warnung. gleich geht es runter und zwar tief. geh da nicht weiter! genau an der stelle, wo die straße steil zur unterstadt fällt, liegt rechts den alten kinosaal. seine schaufenstern sind ganz staubig und die tür ist mit bretter zugenagelt. seit er leer steht, habe ich vor den kinosaal noch mehr angst. aber eigentlich kommt die angst noch vom kindergarten her. einmal ist fräulein altenberg mit uns kinder in dem kino gegangen. wir durften einen märchenfilm von die gebrüder grimm sehen. der war ein bisschen gruselig. es ging um einen jungen. der hat immer widerworten gegeben. davon ist er ganz krank geworden und musste sterben. da haben sie dem jungen begraben. aber nach kurzer zeit hat der sein händchen durch die erde gewühlt und hat mit das fingerchen ein widerwort aufgezeigt. die leute im dorf haben die mutter gesagt, sie muss an das grab wache stehen und dem händchen peitschen, bis es aufhört, widerworte zu geben.

bei uns im kino war der karl-heinz grosch. der hat immer quatsch gemacht und laut gelacht, als die mutter dem händchen gepeitscht hat. fräulein altenberg hat gesagt, karl-heinz soll still sein. aber der hat immer weiter gelacht. da ist plötzlich der film ausgegangen und licht ging an. erst hat es laut gestampft, da kam eine gestalt ganz in lumpen auf der bühne. auch das gesicht war lumpen und der mund hat uns angeschreit. wir haben auch geschreit und sind aus der kinosaal rausgelaufen, fräulein altenberg auch. drausen hat sie gesagt, der karl-heinz war schuld, weil er unartig gewesen ist. ich hab gesehen, dass der lumpenmann rote einmachgummis um den beinen hatte, solche gummis hat meine oma auch. das habe ich fräulein altenberg gesagt, und sie ist sehr böse geworden.

(Foto und Grafik: JvdL) Wird fortgesetzt

Unter der Frühlingssonne müde

Auf dem Nachhauseweg nach Mittagessen und Einkauf biege ich ab in den Von-Alten-Garten, wo die Sonnenhungrigen schon auf der Wiese liegen. Ich fahre den kleinen seitlichen Weg hoch auf die lange breite Terrasse, um mich auf eine der Bänke zu setzen. Die plötzliche Wärme erschöpft mich. Ah, – ich bin schon ganz platt. Von zwei Seiten, von den nahen Kindergärten höre ich Kindergeschrei. Es ist zu allen Zeiten an allen Orten gleich, zumindest in unserem Kulturkreis. Egal, welches Paar sich vor Jahren gefunden und ein Kind gezeugt hat, egal wie sie heißen, Christine, Sandra, Tanja, Michael, Stefan, Markus, Thomas, Matthias oder deren Kinder Lisa, Julia, Sarah, Laura, Jennifer, Nadine, Daniel, Christian, Patrick, Tobias, Sebastian oder deren Kinder Sophia, Marie, Mia, Emma, Hannah, Alexander, Paul, Luca, Ben, Louis, Leon – alle schrien oder schreien immer den gleichen Klangteppich. Menschengeräusch.

Als Kind habe ich mich vor Kindergeschrei gefürchtet. Wenn wir im heißen Sommer über die Felder zum Freibad nach Grevenbroich radelten, war alles gut, bis wir in die Nähe des Freibads kamen, über dem schon diese Wolke aus Kindergeschrei hing und mir den Himmel verdüsterte. Mehr noch, es drückte das Herz mir ab und am liebsten wäre ich umgekehrt, zurück zwischen die flimmernden Felder über denen nur die Feldlerche ihr eintöniges Lied sang.

Einmal war ich mit Lisette in Hamburg. Wir bestiegen eine dieser flachen Barkassen für eine Hafenrundfahrt. Anfangs waren wir fast alleine, doch kurz vor dem Ablegen stieg eine Schar lärmender Kinder zu. Lisette sah mein Unbehagen und sagte mitfühlend: „Du Armer!“ Ich erinnere mich noch, weil ich mich über ihre Wahrnehmung wunderte, denn ich hatte kein Wort des Missvergnügens gesagt.

Über den Weg quer zur Terrasse kommt ein Paar. Der fette junge Mann ist bis in die äußersten Festwülste hinein ganz eins mit sich und seiner Leibesfülle, die kaum gebändigt unter einem zu engen T-Shirt schwabbelt. Er lügt ihr vor, dass er die Limonadenflasche mitführen muss, um immer wieder einen Schluck zu nehmen, ganz wie der Zentralverband der Zuckerindustrie empfohlen hat. Das habe ich, scheints, erfunden. In Wahrheit deutet er zu der wirklich umfangreichen Buche hin, einem Naturdenkmal, und erklärt was von dick zu dick.

Links von mir spannt sich von einem Bodenanker aus ein Drahtseil in die Krone der Buche, wo es sich verliert. Das Seil ist übermannshoch rot-weiß ummantelt, damit sich keiner daran versehentlich den Hals abschneidet. Einer meiner Schüler kam eines Tages mit einem roten Striemen quer über den Hals daher. Er war mit dem Moped über die Felder gebraust und hatte einen Draht übersehen, der quer über den Weg gespannt war. Zum Glück war der junge Mann Ringer und rang für den TUS Walheim in der Bundesliga. Seine starken Halsmuskeln hatten seine Enthauptung verhindert.

Geschwächt komme ich zu Hause an und verschlafe den halben Flèche Wallonne, obwohl ich mich darauf gefreut hatte, dieses Radrennen über meine alten Trainingsstrecken zu sehen. Anfangs war die Tonleitung zu den flämischen Kommentatoren gut 15 Minuten unterbrochen. Da war wohl einer gegen ein Kabel gelaufen. Und die Techniker des übertragenden wallonischen RTBF machten gerade Mittagspause. Jedenfalls dachte ich, das zeigt sich wieder der typische wallonische Schlendrian, das würde den Flamen vom VRT nicht passieren.

Zum Abschluss der Teestübchen Briefaktion

Mit dem Internet und dem Medium Blog bekam der Mensch die Gelegenheit, seiner real fassbaren analogen Identität eine imaginäre digitale Identität hinzuzufügen und mit ebensolchen Identitäten zu kommunizieren. Welche Gemeinsamkeiten analoge und digitale Identität haben, also welche der digitalen Merkmale auf die analoge Identität verweisen, ihnen sogar real entsprechen, lässt sich von außen nicht beurteilen. Theoretisch kann eine Frau sich als Mann ausgeben oder umgekehrt, oder ein Mann kann sich eine zweite Identität als Frau schaffen und mit ihr in einen Dialog eintreten, wie es in diesem Blog mit Trithemius und Frau Nettesheim geschieht. Da das Medium der Kommunikation die aus der analogen Welt stammende Schriftsprache ist, kommt digitaler Kommunikation eine gewisse Form der Glaubwürdigkeit zu. Gleich einer Theaterbühne wird in den verschiedenen Blogs ein Stück aufgeführt, dessen Autor und Dramaturg die oder der jeweilige Blogbetreiberin/Blogbetreiber ist. Wie ein Theaterpublikum akzeptieren die lesenden Zuschauer das So-tun-als-ob, reagieren darauf mit ihrem realen analogen Verstand und ihrem Gefühl und äußern sich fernschriftlich dazu, treten ggf. in einen zeitnahen Dialog mit dem Stück und der Person dahinter ein. Da sie selbst als imaginäre Individuen agieren, kann sich jeder Austausch auf dieses imaginäre So-tun-als-ob reduzieren.

Das Unterscheidende mithin Trennende zwischen digitaler und analoger Welt, die damit verbundene Anonymität der handelnden Personen aufzuheben, ist ein Schritt, der vom Medium weder gefordert noch begünstigt wird. Trotzdem habe ich in 13 Jahren Bloggen immer wieder den realen Kontakt in der analogen Welt zwar nicht unbedingt gesucht, doch gebilligt. Nach meiner Zählung habe ich in dieser Zeit 21 Bloggerinnen und Blogger real getroffen, woraus sich unterschiedlich intensive Kontakte in der analogen Welt ergaben, zum Teil auch wieder verloren gingen, denn ein Wesen der digitalen Fernkommunikation ist die räumliche und zeitliche Trennung der Akteure.

Fernkommunikation ist auch in der analogen Welt möglich, durch Fernsprecheinrichtungen oder durch Briefpost. Mit den realen Personen hinter den digitalen Existenzen in brieflichen Kontakt zu treten, also „einen kleinen Spalt in der Mauer der digitalen Welt“ zu öffnen, „durch den man einen Blick von den mitbloggenden Personen aus Fleisch und Blut erhaschen konnte“, wie Blogfreund Lo es ausdrückte, war neben dem gestalterischen Aspekt Ziel und Ergebnis der Teestübchen-Briefaktion. Es haben sich fünf Bloggerinnen und ein Blogger beteiligt. Die Ergebnisse sind sehenswert und unter dem Link nochmals zu betrachten.

Lo
Feldlilie
Frauhemingistunterwegs
Lamamma
Karfunkelfee
Socopuk

Bleibt noch mein Part. Da Lo und Lamamma jeweils Porto (4,80 und 5 Euro) gespendet haben, will ich anders als ursprünglich vorgesehen, weitere Ansichtskarten herstellen lassen und jedem/jeder TeilnehmerIn ein Ansichtskartenset von vier Karten brieflich zusenden. Ich bitte euch, aus den 12 folgenden Karten vier auszuwählen (auch identische möglich). Die Karten zeigen Zeichnungen, Collagen und Kalligraphien von mir. (Das Cartoon von Karte 10 war übrigens in Titanic 1/1996 abgedruckt.) Ich werde nur die produzieren lassen, die gewählt wurden.


Plausch mit Frau Nettesheim – Über Selbstzitate



Trithemius

Kann ich Sie mal in einer diffizilen Angelegenheit befragen, Frau Nettesheim?

Frau Nettesheim
Sie werden es vermutlich so oder so tun.

Trithemius
Müssen Sie mir so sybillinisch antworten, statt einfach Ja zu sagen?

Frau Nettesheim
Ja.

Trithemius
Was jetzt?

Frau Nettesheim
Fragen Sie endlich.

Trithemius
Folgendes: Gelegentlich finde ich in einem alten Tagebuch oder woanders eine Notiz von mir, die mir noch immer gut gefällt, dass ich versucht bin, sie zu heben, also in einem neuen Text zu verwenden. Allerdings weiß ich, dass ich damals ein anderer war, andere Lebensverhältnisse hatte und anders gedacht habe. Darum ist mir, wenn ich solche Zitate übernehme, als würde ich mich selbst bestehlen.

Frau Nettesheim
Das ist keine Frage.

Trithemius
Die Frage ist, ob es erlaubt ist, das zu tun.

Frau Nettesheim
Gegenfrage: Wenn Ihnen der fragliche Gedanke nicht gehört, wem gehört er dann?

Trithemius
Dem, der ich damals mal war.

Frau Nettesheim
Gibts den noch?

Trithemius
Nicht in dieser Dimension.

Frau Nettesheim
Also kann er in dieser Dimension keine Ansprüche erheben, oder? Stellen Sie sich vor, wenn man Sie damals gefragt hätte, ob Ihre zukünftige Existenz ein Zitat verwenden darf, hätten Sie dann eifersüchtig abgelehnt, etwa die Hand schützend über ihren Text gehalten, wie es Schüler tun, um ihre Nachbarn vorm Abschreiben abzuhalten?

Trithemius
Vermutlich wäre ich stolz gewesen, dass meine Gedanken die Zeitläufte überdauern.

Frau Nettesheim
Da haben Sie Ihre Antwort.

Trithemius
Ist es wirklich so einfach?

Teestübchen Briefaktion (6) – Annas Karten

Um 5 Uhr bin ich wach. Es ist noch dunkel. Weil Sonntag ist, kann ich das Fenster öffnen. Selbst auf dem nahen Westschnellweg wird jetzt noch nichts los sein. Es ist still, und ich wundere mich. Um fünf Uhr darf man doch schon Vogelgesang erwarten? Als ich noch in Aachen in unserem Haus lebte, hatten meine Kinder sogar eine Vogeluhr. Auf ihr konnte man ablesen, wie spät es ist. Unsere heimische Singvogelwelt verteilt sich mit dem Aufwachen auf einen Zeitraum von etwa zwei Stunden. Wenn im Mai der Buchfink tschilpt, ist es fünf Uhr. Weil mich eine selbstauferlegte Pflicht rief und ich eigentlich aufstehen wollte, fand ich nicht mehr richtig in den Schlaf, sondern wühlte Halbschlafgedanken ins Kissen, ob etwa die welschen Feinschmecker unsere schöne Vogeluhr weggeputzt haben. In diesem Kontext kriegt das Wort „Feinschmecker“ etwas von schmatzenden Idioten. Andererseits, welche Rechte hat ein Singvogel dem Huhn voraus? Darf das Huhn sich am Bratspieß drehen, weil es nicht schön genug singt? Letztlich muss ich darüber eingeschlafen sein, und der Text, den ich mir bis ins Kleinste überlegt hatte, war um 8 Uhr im Kopfkissen nicht aufzufinden.

So ist mir leider entfallen, was Singvögel und die Vogeluhr mit den Einsendungen von Anna socopuk zu tun haben. Als vor einigen Wochen eine collagierte Ansichtskarte in meinem Briefkasten lehnte, war mir klar, dass es die erste von mehreren sein sollte. Die Collage zeigt im Untergrund zwei Streifen aus kariertem Papier, worauf mit Siena einige Antiquabuchstaben kalligrafiert sind. Darüber klebt ein blauer Zettel mit meiner Anschrift in Schreibmaschinenschrift, darüber mit Überlappungen am unteren Rand ein Ausschnitt der fotografischen Abbildung einer Schreibmaschine. Zu sehen ist der sorgfältig ausgeschnittene Bügel, der den Anschlag des nächsten Buchstabenhebels anzeigt. Der Wagen scheint bis hinter den letzten Buchstaben von Hannover vorgerückt zu sein. Zum linken Bildrand erstreckt sich eine Abbildung von Bleilettern in einem Steckkasten, ausgeschnitten in Form einer länglichen Blase, am oberen Bildrand der Ausschnitt einer Schulter mit einigen aufliegenden Fingern, verkehrt herum aufgeklebt. Die gesamte Collage wirkt wie ein Bilderrätsel, dessen Thema eindeutig Sprache, Schrift und Schreiben ist.

Ein Absender schien zu fehlen. Aber ich erkannte die Handschrift sofort und vergewisserte mich noch beim Video, das Anna socopuk im Rahmen des Handschriftseminars erstellt und veröffentlicht hat. Tag für Tag trudelten weitere Karten ein. Nur die letzte von sechs brauchte etwas länger, so dass wir uns per Mail sorgten, sie könnte verlorengegangen sein. Ist sie aber nicht, und so konnte ich das Bild vervollständigen. In einer Mail schrieb Anna auch: „Außerdem fand ich es eine witzige Vorstellung, dass du von Anfang an meine Adresse & das Rückporto hast, aber es nicht weißt.“ Ein Zettelchen mit ihrer Adresse und der Briefmarke war nämlich unter der oben erwähnten Schreibmaschine versteckt. Puh, manche Frauen lieben es rätselhaft.

Wenn alle Karten richtig zusammengelegt sind (beim Scannen sind leider einige etwas verrutscht, weil ich die Karten nicht zusammenkleben wollte), erklärt sich einiges. Zu sehen ist das beschnittene Foto einer Frau im Halbprofil von hinten, der ein Scankode auf die Schulter tätowiert wird. Die auf der Schulter aufliegenden Finger gehören dem Tätowierer. Das blasenförmige Element der ersten Karte ist eine Sprechblase. Alle Karten tragen blaue Zettel mit meiner Adresse, jedesmal in einer anderen Schrifttype. Unten rechts trägt der Zettel meine Druckschrift (von einem Gestaltungsbeispiel), mit einem ins Bild ragenden roten Fineliner nachgeschrieben. Zentral ist ein Zitat von vermutlich Gerhard Roth zu lesen, der Name klebt jedenfalls gestürzt neben dem sorgfältig ausgeschnittenen Foto einer lesenden Frau. Diese Frau sitzt auf einer fett umrandeten Adresse. Das Zitat ist scheints von einer seltsam geformten Schreibfeder geschrieben, deren Halter in eigenwillige grafische Formen ausläuft. Ich hoffe, alle wesentlichen Bildelemente beachtet zu haben. Vielleicht verbirgt sich noch irgendwo eine Anspielung, aber ich sehe sie nicht.

Auf den Rückseiten schreibt Anna von und mit ihrer Glasfeder. Wie hübsch! Noch nie zuvor hat mir jemand mit einer Glasfeder geschrieben! Weiterhin reflektiert sie über die Vorzüge der Handschrift. Rechts unten verrät eine Bleistiftnotiz, dass ihre Anschrift und das Rückporto auf der ersten Karte unter der Schreibmaschine versteckt sind. Alles in allem bin ich sehr angetan von dieser aufwändigen sechsteiligen Einsendung. Sie ist komplex, sorgsam bedacht, entschieden konzeptionell und grafisch ansprechend ausgeführt.

Liebe Anna, herzlichen Dank für diese beeindruckene Einsendung, wert an einem Sonntag präsentiert zu werden!