Über Ordnung und Chaos

Zwischen Ordnung und Chaos ist nur ein schmaler Grad. Hat man zum Beispiel lange genug mit sich gehadert und endlich wieder Ordnung in der Küche gemacht, beginnt nach dem letzten Handgriff des Ordnens die erneute Anfechtung des Chaos. Immerzu liegt das Chaos auf der Lauer. Es gibt verschiedene Strategien der Grenzziehung, die allesamt nur für eine gewisse Zeit gelten. Der ordnende Geist ist ein einsamer Kämpfer und geht unter schwerer Last. Denn ständig zerren an ihm die Dämonen der Gleichgültigkeit, des Aufschubs und der Lethargie. Und die Grenzen, die es täglich, ja stündlich abzuschreiten gilt, um jede Okkupation im Keim zu ersticken, ja, sie sind erschreckend lang. So mancher schwache Krieger hat sich deshalb längst der Übermacht ergeben. Jeder neue Gegenstand im eigenen Besitz ist eine Erweiterung der Ordnungsgrenzen, bringt Verunsicherung und birgt unbekannte Chaosrisiken. Der ehemalige Oberbürgermeister von Stuttgart, Manfred Rommel, wurde anlässlich eines Jubiläums gefragt, was man ihm denn schenken dürfe. Rommel sagte:

    „Meine Frau duldet keine weitere Einbringung von Gegenständen in unseren gemeinsamen Haushalt.“

Das ist das Sichern der Ordnung durch die Festschreibung der Grenzen. Wer zwei Paar Handschuhe besitzt, braucht keine weiteren. Sie würden nur dem Chaos eine Hintertür öffnen. In meinem Referendariat unterstand ich einer Generalin im Kampf gegen das Chaos. In ihrem Umfeld herrschte peinliche Ordnung. Die Grenzen sicherte sie mit festen Bollwerken aus Schränken, Regalen und probaten Fächersystemen. Da lagen in Schubfächern die Bleistifte sauber ausgerichtet und nach ihren Härtegraden aufsteigend von hart nach weich geordnet. Es gibt zwanzig Härtegrade, und wer es wagte, einen H-Bleistift achtlos in die B-Folge zu legen, wurde zur Rede gestellt und energisch zur Ordnung gerufen. Zurück ins Glied, Schütze Arsch, und niemals erlahmen!

Als die Dame gestorben war, wurde mir von ihrer Wohnung gar Wundersames berichtet. Mein Gewährsmann erzählte, dass die Dame 20 Paar Handschuhe besessen hatte. Um sie zu ordnen, hatte sie sich von einem Schreiner, „von einem guten Schreiner!“, flache Schubfächer in einen Einbauschrank einpassen lassen, die auf Rollen liefen. Darin lagerten die Handschuhe, und zwar so, dass jedes Paar Handschuh Platz genug hatte, sich auf die artigste Weise zu strecken. Die Paare waren nach Farben sortiert, einer künstlerischen Farbordnung entsprechend. In gleicher Weise waren die Blusen nach Farben in Einzelschubladen gelagert, von Weiß nach Schwarz durch das gesamte Farbspektrum und vermutlich auf DIN-A4-Größe gefaltet. Leider wurde die Ordnung der Generalin aufgelöst und in alle Winde zerstreut. Man hätte sie erhalten und konservieren müssen, man hätte Schulklassen hinführen können, ja, man hätte die Wohnung zum Weltkulturerbe erklären sollen. Man hätte der Nachwelt zumindest ein fotografisches oder filmisches Zeugnis geben müssen, dass es im chaotischen Universum einst einen Hort der perfekten Ordnung gegeben hat.

Natürlich hatte die Dame allein gelebt. Ein Partner hätte ja ebenfalls ein Ordnungs-General sein müssen. Solche Menschen sind selten. Und hätte sie einen ihr ebenbürtigen General gefunden, wäre nicht ausgemacht gewesen, dass General und Generalin die gleichen Ordnungsstrategien verfolgen. Eventuell hätten sie sich im Kompetenzgerangel verschlissen, während rundum das Chaos in Lauerstellung war.

Von der einsamen Generalin sind mir drei Bücher übereignet worden. Sie liegen aber noch unausgepackt in einer Bücherkiste im Keller. Ein Fehler zweifellos, falls der Ordnungsgeist zu einer Eigenschaft dieser Bücher geworden ist. Der Anstoß, der von ihnen ausgeht, hätte sich segensreich auf mein Leben auswirken können und mich mindestens zum Ordnungs-Hauptgefreiten gemacht. Da ich nicht in meinem Keller suchen mag, bleibt mir nur die Bruderschaft der 30 Handgriffe.

Tschelick tschelick – Plüschtierchen am Rucksack

Manche Wetten sind einfach zu gewinnen. Wenn eine untersetzte Frau mittleren bis gesetzten Alters in beiger Wetterjacke und mit Rucksack auf dich zukommt, kannst du darauf wetten, dass am Rücksack ein Bärchen oder anderes Plüschtierchen befestigt ist. Es baumelt seitlich an der Klappe und hat da die besondere Funktion, keine zu haben außer der Tatsache, dass es baumelt. Vielleicht ist das seitlich am Rucksack baumelnde Plüschtierchen aber auch ein geheimes Zeichen. Vielleicht bedeutet es: Die Trägerin dieses Zeichens ist Mitglied des deutschlandweiten Vereins der Harmlosen und Unbedarften. Wir tun nix. Wir wollen nur wandern.

Die Frau, die in Hannovers Georgengarten an mir vorbei geht, hat auch so ein Plüschtier am Rucksack. Sie tut wohl etwas. Bei den großen Blumenrabatten gegenüber dem Wilhelm-Busch-Museum bleibt sie stehen, holt eine kleine Digitalkamera hervor und fotografiert die eine oder andere Blume. Das geht scheinbar mühelos.

Wie sie weg ist, wird mir bald zu langweilig da auf meiner Parkbank, und weil die Blumenrabatte mir gegenüber so prächtig ist, beschließe ich, ebenfalls die Kamera hervorzuholen und Blumen zu knipsen. Ich habe das vorher noch nie gemacht, bin vermutlich einer der letzten, der je Blumen geknipst hat. Oder frei nach Karl Valentin: „Es ist schon alles geknipst, nur nicht von allen.“ Jetzt wohl.

Endlich auch ein Blumenknipsbild von mir

Die meisten Leute fotografieren nicht, sie knipsen. Wer auf das Motiv zielt und einfach nur den Auslöser drückt, alles andere aber der Kameratechnik überlässt, der knipst. Vermutlich ist „knipsen“ onomatopoetisch, es ahmt den Laut nach. Es ist der Laut alter Kameramechanik. Digitalkameras oder Smartphones ahmen den Laut der Spiegelreflexkamera nach, nämlich den des Objektivverschlusses. Man hört tschelick. Digitalkameras können tschlicken, obwohl sie gar keinen Objektivverschluss haben. Das vermittelt die Illusion, nicht zu knipsen, sondern zu fotografieren.

Zwei befreundete Fotografen, die ich kannte, wetteiferten darum, wer bei einem Motiv die richtige Blende und Verschlusszeit nennen konnte, ohne den Belichtungsmesser einzusetzen. Natürlich lagen sie meistens überein mit ihrer Einschätzung. Das machte die Berufserfahrung. Solche Spezialistenerfahrung steckt in moderner Kameratechnik.

Solange die Kameratechnik einfach ist, hängt die Qualität einer Fotografie vom Können des Fotografen ab. Einige Menschen machen bessere Fotos als andere, und indem sie mit der zur Verfügung stehenden Technik zu Höchstleistungen finden, professionalisieren sie ihr Tun. Langfristig münden die Erfahrungen aus professionellem Fotografieren in Ansprüche an eine verbesserte Apparatur. Sobald Techniker den Apparat wunschgemäß verbessert haben, enthebt es die Nutzer bestimmter Qualifikationen. Die Qualifikationen sind jetzt Bestandteile des Apparates und steht allen Fotografen zur Verfügung, auch jenen, die vorher über die Kenntnisse, Erfahrung und Fertigkeiten nicht verfügt haben.

Wir kennen das von der Schrift. Früher hat man sie selbst schreiben müssen, und in besonderen Fällen hat man besonders schöne Buchstaben schreiben müssen. Das musste man können. Dieser Text hier vermittelt sich über Druckbuchstaben. Ein Schriftdesigner hat jeden einzelnen Buchstaben entworfen und darauf geachtet, dass die Schrifttypen sich stilistisch vertragen, hübsch aussehen und klar lesbar sind. Ich kann die Tasten drücken wie ich will, schludrig, lässig, konzentriert, verbissen, locker und ungenau, das Ergebnis ist immer gleichförmig.

Anders gesagt: Um hier Bild und Text in technisch einwandfreier Qualität zu veröffentlichen, muss ich nicht viel können. Es wäre sogar eher hinderlich gewesen, wenn ich Kenntnisse hätte einbringen wollen, denn ich hätte nicht gewusst wie und lange nach Möglichkeiten suchen müssen. Zumindest was die visuelle Kommunikation betrifft, verhalten wir uns alle wie Hochstapler. Um etwas darstellen zu können, brauchen wir ein Heer unsichtbarer Helfer. Hochqualifizierte Dienstboten erlauben uns den Luxus des semiprofessionellen Publizierens. Die hochqualifizierten Dienstboten begleiten uns durch den gesamten Alltag. Wir Nutzer können getrost immer mehr vertrotteln, ohne dass es auffällt. Mental haben wir alle ein Plüschtierchen am Rucksack.

Weh! Unser schönes Leinau macht zu

Zum offenen Fenster weht das Sonntagsgeläut der Bethlehemkirche herein. Ein kühler Wind bauscht die lange weiße Gardine. Ich liege auf dem Bett, schaue von unten durch die gelichtete Krone der mächtigen Eiche in den blauen Himmel und bin in Gedanken noch beim gestrigen Abend.

Der gleiche freundliche Wind weht da von Norden her, hat sich im Leinetal abgekühlt und streicht jetzt als angenehme Sommerbrise am Leinau3 vorbei der nahen Limmerstraße zu. Eine Polizeistreife taucht plötzlich auf, vermutlich von Nachbarn herbei gepfiffen, und weist zwei Straßenmusiker zurecht, die gerade erst ihr hübsches Spiel begonnen haben, sie müssten ihren Verstärker der „Partymeile“ zuwenden, womit die Limmerstraße quasi amtlich getauft ist. Die Wirtin des Leinau3 räumt den Musikern einen Platz direkt hinter unserem Tisch frei, wo die beiden dann ungestört aufspielen können.

Der Sinn der Platzveränderung erschließt sich mir nicht. Die lebhafte Unterhaltung an den Tischen verebbt, doch wir werden durch wundersame Klänge entschädigt. Ein Gitarrist und eine Geigerin spielen harmonisch zur gut besuchten Abschlussparty des Leinau3 auf. Erneut verliert das HaCK eine Stammkneipe, denn das Leinau3 schließt.

Diesmal ist es emotionaler für mich als damals beim Vogelfrei. An manchen guten Tagen wurde ich von Bahar, der Leinau-Wirtin, mit einer Umarmung begrüßt. Das geschieht auch heute an unserem letzten Tag. Wir sind hier von ihr und ihren Kellnerinnen immer bevorzugt bedient worden, wenn wir zu siebt oder acht in geselliger Runde saßen und manchen Elferkranz Kölsch geleert haben. Freilich bin ich heute gänzlich unvorbereitet, habe nicht mal etwas zu schreiben bei mir, kein Smartphone, keinen Fotoapparat, um den letzten Abend vor dem Leinau3 zu dokumentieren.
Allerdings mag ich mich immer seltener einreihen, bei der teilnahmslosen Smartphone-Knipserei. Als letztens bei einer Tour-de-France-Etappe der Fahrer Geraint Thomas in einer Kurve stürzte, war eine Frau im Kleid zu sehen, die zunächst Anstalten machte zu helfen, dann aber am ausgestreckten Arm ihr Smartphone hinhielt, um den Mann am Boden zu knipsen. Wozu ist das gut? Die lieblosen technischen Bilder können die Momente nicht am Verschwinden hindern. All die im Bild festgehaltenen Augenblicke, und die Welt dreht sich doch weiter. Alleweil ändert sich was. Zwei HaCK-Gründer verlassen Hannover, das Leinau3 schließt; was bleibt, das als Erzählanlass zu nehmen und passende Worte zu finden. Ich habe nicht mal etwas zu schreiben bei mir. Auf meine Bitte bringt mir Kellnerin Jessie Blöckchen und Stift, das Blöckchen könne ich behalten, den Stift nicht. So kann ich mit dem Gitarristen wenigstens die Internetadresse austauschen. Ich habe hingeschrieben, um den Namen der Geigerin zu erfragen, doch zeitnah keine Antwort, also bleiben beide ungenannt.

Ein schönes Bild hatte ich eine Weile vor Augen und mag ich in Erinnerung behalten. Der junge Sänger mit Gitarre, groß und stattlich, wurde begleitet von einer kleinen asiatisch wirkenden Frau mit Geige. Nie zuvor hatte ich die unterschiedlichen Bewegungsabläufe bei Gitarre und Violine so deutlich vor mir, und es machte mir klar, dass die Wahl eines Instruments auch von den Temperamenten bestimmt ist. Während er aufrecht und locker hinter dem Mikrophon stand und die Gitarre mit relativ sparsamen Bewegungen der Hände spielte, war sie ständig in anmutig fließender Bewegung, einmal indem sie mit dem Geigenbogen die Saiten strich oder im aufgeregten Fizzicato zupfte, aber anderes schien mir nicht vom Instrumentenspiel gefordert zu sein, sondern war Einfühlung in die Melodie und bewegter Widerhall von Emotion, ein fast tänzerischer Ausdruck der Töne. Begleitend bauschte und zerrte der Wind übermütig ihre kurze Bluse, und so schien sie wie ein Schmetterling den Sänger zu umschwirren. Wer wollte bei dieser musikalischen Ästhetik nach der Polizei rufen? Trotzdem gingen die Blicke der beiden nach jedem Lied besorgt zur Hausfassade gegenüber.

Als sie aufgehört haben, gehe ich hinein, um zu bezahlen, eine geringe Zeche, denn alles ist heute 30 Prozent günstiger. „Vielleicht sehen wir uns ja nochmal“, sagt Jessie zum Abschied. Ein schwacher Trost, denn weh! Unser schönes Leinau macht zu! Wir waren so gerne dort.

Das Lied des Abends:

Erinnerung an Geilenkirchen

Hillie hieß das erste Mädchen, in das ich verliebt war. Da war ich etwa zwölf. Hillie war bei Nachbarn in Ferien und radelte mit uns über die Felder nach Grevenbroich zum Freibad. Hillie sitzt im Badeanzug auf der Decke und will nicht in Wasser. Warum? „Muschi hat Nasenbluten?“, sagt der Neuhaus wissend und bleckt grinsend seine großen Zähne. Neuhaus wusste immer Bescheid. Er hatte zwei ältere Schwestern und hatte uns alle aufgeklärt. Ich war sehr verliebt in Hillie aus Gelenkirchen, traute mich aber nicht, es ihr zu zeigen. Als ich ein Jahr später in Neuß die Schriftsetzerlehre begann, gehörte zu meinen Tagträumen, sie werde eines Tages ebenfalls in Neuß auftauchen. Dieser Tagtraum bewahrheitete sich. Als hätte ich sie herbeigewünscht, traf ich Hillie auf der Oberstraße, wo sie die Handelsschule besuchte. Natürlich war ich immer noch viel zu schüchtern, ihr näher zu kommen.

Daran musste ich denken, als Geilenkirchen und sein Hitzerekord für kurze Zeit in den Medien auftauchte. Gut 15 Jahre nach Hillie musste ich als Lehramtsanwärter alle 14 Tage nach Geilenkirchen fahren. In einem hübschen freistehenden Haus an der Landstraße wurde das Fachseminar Kunst abgehalten. Unser Seminarleiter hieß Bertrams, ein schon betagter Lehrer aus Schleiden in der Eifel. Bertrams war stolz, zusammen mit Joseph Beuys studiert zu haben. „Sie müssen antizipieren!“, mahnte er uns immer wieder. Guter Unterricht müsse vorausschauend geplant sein, und Imponderabilien sollten weitgehend ausgeschaltet werden. Das letztere habe ich schon damals nicht geglaubt und gedacht, das ist vermutlich der Grund, warum der eine Student später Kunstlehrer geworden ist und der andere Künstler mit Weltruf. Planen muss man, aber da müssen auch Leerstellen sein, damit sich das Leben entfalten kann. In meinem Leben hat es immer Imponderabilien gegeben, denn ich war und bin blauäugig von Beruf.

Wurm, Huhn und gute Eier

Der Mensch kann sich nur etwa eine Strecke von 50 Kilometern räumlich vorstellen. Es entspricht einem Tagesmarsch. 58 Kilometer war unsere Radtour nördlich von Aachen lang. Man kann sie sich also in etwa vorstellen. Wolf und ich schlängelten uns zuerst auf Nebenwegen bis Herzogenrath. Wir fuhren auch durch den kleinen Ort Wildnis. Es ist eigentlich nur ein Weiler, direkt an der Bahnlinie der Nederlandse Spoorwegen Richtung Heerlen. Wir sind nämlich fast ständig dem Grenzverlauf zwischen Deutschland und den Niederlanden gefolgt. Wildnis hätte ich gern als Postadresse. Nur wohnen will ich leider nicht dort. Doch aus Wildnis heraus ist es schön. Eine schmale Straße stößt steil aus dem Wurmtal hoch, durch die Reste des Auwaldes hindurch. Der Boden ist kiesig, weshalb wir auch während des Anstiegs das Förderband einer Kiesgrube hörten. Weiterlesen

Teestübchen-Technikmuseum: Automaten und Diener

Vor beinah 27 Jahren, am 25. November 1992, stellte die Süddeutsche Zeitung diesen Fahrkartenautomaten vor, der zu Testzwecken am Münchner Hauptbahnhof aufgestellt worden war. (Zum Vergrößern bitte klicken!) Ich notierte mir damals:

„Endlich! Wenn sie jetzt noch einen Automaten aufstellen, der für mich eine Fahrkarte zieht und dann nach Castrop-Rauxel fährt, wo ich sowieso nicht hinwill …“

Aus heutiger Sicht ungewollt komisch wirkt im Begleittext der Satz: „Der Fachmann nennt diese Technik Touch-Screen.“ Wie der zickige Automat zu bedienen war, musste der Fahrgast halt lernen. Damit wurde ein wesentlicher Sachverhalt umgedreht. Vorher bediente ein Schalterbeamter den Fahrgast, jetzt muss der Fahrgast einen Automaten bedienen. Mit der deutschlandweiten Einführung der Automaten wurde der klassische Schalterbeamte abgeschafft. Es entstand ein ulkiger neuer Beruf, der Automatenguide. Automatenguides sind bis heute gefragt, besonders wenn man als Fahrgast in Eile ist. Auf diese Weise kehrt der Mensch in die schöne neue Automatenwelt zurück, wenngleich nur als Dienstbote eines digitalen Herrn.

Nahezu wunderbar finde ich den mit Edding gezeichneten Automatenguide auf diesem Parkscheinautomaten, den ich in Aachen fotografierte (Zum Vergrößern bitte klicken!) Mir gefällt besonders, dass er so hübsch die Klappe aufreißt. Die Buchstaben in der Sprechblase sind vermutlich linksläufig zu lesen. Das große C am Wortende und das gespiegelte a deuten darauf hin. Linkshänder schreiben gern von rechts nach links, denn es ist die ihnen gemäße Schreibrichtung. Bei der üblichen rechtsläufigen Schreibweise verdeckt die Schreibhand stets die vorangegangenen Buchstaben, weshalb Linkshänder gern den Stift von oben ansetzen. In der Sprechblase steht „Cabot.“ Im ripuarischen Dialekt, zu dem Kölsch und Öcher Platt gehören, bedeutet „kapott“ soviel wie defekt, kaputt. Da es für eine Mundart keine allgemein bekannte Orthographie gibt, könnte man die Schreibweise „Cabot“ gelten lassen, da sie schön vollmundig klingt. Automat spuckt keinen Parkschein aus? Danke für den Tipp! Oder wird hier ein Automat aus Protest mit dem Edding zurückgestuft.

Schweine im Newsroom

Man kann sich denken, wovon sich Redakteure der Bildzeitung hauptsächlich ernähren, von Schwein. Schwein in jeder Variante – roh als Mett auf dem Brötchen, Schwein als Schnitzel in der Kantine und natürlich Blutwurst, jederzeit und überall Blutwurst. Wurst vom Schwein. Nur boshafte Menschen denken hier an Ludwig Feuerbachs Bonmot: „Der Mensch ist, was er isst.“ Dürfen Kinder daran gehindert werden, das Schweinische zu spachteln?
Bei Bild klingeln die Alarmglocken:


Verständlich, wenn sich Bildredakteure um Nachwuchs sorgen, auch plausibel, „Seelenheil“ in Anführungszeichen zu setzten. Höhö! „Seelenheil“ bei Kindern, zwinkerzwinker. Wozu brauchen Kinder Seelenheil? Schläfenschraube

Typisch Deutschland. Kitas verbieten Schweinefleisch und auch noch Gummibärchen! Am Ende verbieten durchgeknallte Erzieher*Innen sogar die Kinderrechtspostille Bildzeitung. Und wer setzt sich dann für das Kindswohl in deutschen Kitas ein? Wir können doch nicht das Kindswohl allein den leidenschaftlichen Erziehern der Regensburger Domspatzen überlassen.

Automat, komm sprich mit mir!

Manchmal sind Wörter besonders faszinierend, bei denen man sich verlesen hat. Lang ist’s her, da hatte ich einen Kollegen mit Sprachfehler. Er war Buchdrucker und bediente die große Rotationsmaschine. Einmal glaubte er, im satirischen Magazin Pardon das Wort „Karwenmänner“ gelesen zu haben, kam in die Setzerei, mit dem Finger auf der aufgeschlagenen Zeitschrift, um sich mit mir über die „Ka-ka-kar-wenmänner“ zu amüsieren. Da stand aber nicht das seltsame „Karwenmänner“, sondern „Kaventsmänner“, was übertragen viel Großes und Dickes meinte. Eigentlich ist Kaventsmann der seemännische Ausdruck für eine Riesenwelle, so hoch und schwer, dass sie ein Schiff überrollen und zum Kentern bringen kann.

Zu dieser Zeit lag meine damalige Liebste im Krankenhaus. Früher gab es in Krankenhäusern strenge Besuchszeiten. Damit ich sie täglich besuchen konnte, erlaubte mir mein Chef einen Teil der Arbeitstunden auf den späten Abend zu verlegen. Ich hatte eigentlich nie viel zu tun. Was an Arbeit anfiel, war am Vormittag zu schaffen. So stand ich abends in einer verlassenen Druckerei einsam zwischen den Setzkastenregalen und langweilte mich. Keine Maschine lief, kein Kollege kam vorbei, um mit mir über Karwenmänner zu lachen, und in dieser lähmenden Stille war nur das eintönige Brummen der Neonlampen über mir. Die Zeit wollte und wollte nicht vorbeigehen. Neben dem Eingang zum Druckereisaal stand ein klobiges schwarzes Telefon. So eines mit Wählscheibe. Man musste eine Eins vorwählen, um eine Leitung nach draußen zu bekommen.

Weil ich keine Uhr hatte, rief ich die Zeitansage an, wählte die Eins, wartete bis das Freizeichen kam und wählte dann 119, um an der Hörermuschel zu lauschen. Eine Frauenstimme sagte: „Beim nächsten Ton ist es 20 Uhr, 19 Minuten und 50 Sekunden.“ Aufgelegt, ein paar Schritte gegangen, wieder 119 gewählt: „Beim nächsten Ton ist es 20 Uhr 21 Minuten und 0 Sekunden. PIEP. Beim nächsten Ton ist es 20 Uhr 21 Minuten und 10 Sekunden.“ Die Zeit verging, wie mir schien, dadurch noch langsamer. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn die Dame angefangen hätte, rückwärts zu zählen, mindestens aber nicht über die Minute hinausgehen würde. Natürlich wusste ich, dass da am anderen Ende nicht das Fräulein vom Amt die Uhr ablas. Aber die mechanisierte Stimme bot mir in dieser großen, menschenleeren Druckerei zumindest die Gewähr, nicht von Gott und aller Welt verlassen zu sein. So einfach bin ich gestrickt, dass mir diese kaum verborgene Illusion zum Trost reichen konnte.
Zeitansage anhören

Bei Lidl haben sie seit geraumer Zeit schon automatisierte Ansagen. Eine professionelle, wohl modulierte Frauenstimme sagt:

    „Sehr geehrte Kunden! Wir öffnen Kasse drei für Sie!
    Bitte legen Sie Ihre Ware auf das Kassenband!

    „Sehr geehrte Kunden! Wir schließen Kasse eins!“

„…für Sie!“, ergänze ich bei mir, weils hier geflissentlich weggelassen wurde. Die sehr geehrten Kunden könnten sich sonst veralbert vorkommen. Was man nicht automatisiert hat, ist: „Dankeschön für Ihren Einkauf!“ Es kommt noch immer papageienartig aus Kassierer- oder Kassiererinnenmund. Obwohl, es wäre zu überdenken. Manche vernuscheln die obligatorische Abschiedsformel auch und man versteht nur „Ka-ka-karwenmänner“. Da wäre so eine professionelle, wohl modulierte Frauenstimme vielleicht wirkungsvoller. Allerdings müsste das Personal dann in Playback geschult werden. Und man bräuchte auch eine Männerstimme, denn es wäre strange, wenn der Deutschrusse an Kasse vier plötzlich mit einer wohl modulierten Frauenstimmer reden würde. Es wäre aber auch befremdlich, wenn er den Mund zur Playbackansage bewegen würde, aber die Ansage gar nicht käme, weil der verantwortliche Computer sich aufgehängt hat, bzw. sein Programmierer.

Drei kuriose Alltagsmythen

Genau eine Woche, nachdem ich zu Rauchen aufgehört hatte, erfuhr ich, wie ich mich quasi mühelos in den Besitz von einem Prozent der Marlboro-Aktien hätte setzen können. Dazu muss man bloß zwölf kleine Rauchringe durch einen großen Rauchring blasen. Mein Gewährsmann lieferte sogar die Anleitung für die Rauchringe mit.
So geht’s: Den großen Ring muss man mit gerundetem Mund hinten aus dem Hals heraus hauchen, für die kleinen Ringe schließe man die Lippen zu einem Rund und klopfe rasch mit den Fingerkuppen auf eine Wange.

Wie das Kunststück zu dokumentieren wäre, wusste mein Gewähsmann nicht genau. Ich vermute, man sucht am besten einen Notar auf, zündet sich eine an und bläst unter seinen staunenden Augen zwölf kleine Rauchringe durch einen großen. Mir Nichtraucher war dieser Weg, zu sehr viel Geld zu kommen, leider versperrt. Doch falls es jemand versuchen wollte, nur zu. Die Anleitung ist gemeinfrei.

In meiner Kindheit sammelten wir Laschen aus weggeworfenen Zigarettenpackungen, und zwar jene mit einer aufgedruckten kleinen Nummer. Es kursierte das Gerücht, für einhundert dieser Laschen bekäme man von der Zigarettenfirma einen Fußball. Tatsächlich galt es in jener Zeit unter den rauchenden Erwachsenen als politisch durchaus korrekt, leere Zigarettenschachteln in die Botanik zu werfen, so dass wir Laschen genug sammeln konnten. Allerdings wusste niemand, welche Firma den Fußball ausgelobt hatte. Und nie hörte ich von einem Glücklichen, der den Fußball wirklich bekommen hätte.

Der Autor Hans Reimann berichtet in einem Buch von 1922, dass schon im Jahre 1914 ein gewisser Adolf Alfred Neumann an den Hannoveraner Verleger Paul Steegemann fünfhundert Streichholz-Etiketten geschickt hatte und dafür einen Fußball haben wollte. Wenn diese Kinderträume auch nicht in Erfüllung gegangen sind, so kann sich der zukünftige Besitzer von einem Prozent der Marlboro-Aktien natürlich einen langen Güterzug voller Fußbälle leisten.

Anachronistisches über das Schreiben mit der Nase

Gerade löffele ich im Biosupermarkt meinen ‚bunten Gartentopf‘, da muss ich plötzlich nachdenken, obwohl doch beim Essen das Blut woanderes gebraucht wird. Der Vater am Nebentisch fragt nämlich seine halbwüchsige Tochter: „Hast du schon mal mit der Nase geschrieben?“ „Wie das denn?“ „Auf einer Glasscheibe“, sagt er und demonstriert es pantomimisch. Abgesehen davon, dass ich es grundsätzlich begrüße, wenn Väter ihren Kindern Unsinn beibringen und somit deren Kreativität befördern, muss ich mir eingestehen, dass ich selbst noch nie mit der Nase geschrieben habe.

Ob die Handschrift dabei noch zu erkennen ist? Eigentlich bleibt sie konstant, egal welches Schreibgerät man in die Hand nimmt, sogar wenn man wie Lichtenberg den Namen mit Kresse sät oder wie in dem Witz, von dem mir während des Essens nur die Pointe einfällt. Liegt es an der unpassenden Jahreszeit, weil Schnee drin vorkommt, derweil es draußen wieder richtig warm geworden ist? Die Pointe lautet jedenfalls: „Ich kenne doch die Handschrift meiner Tochter.“ Anfang und Mittelteil fallen mir erst später ein:

    Sagt der Vater zum Freund seiner Tochter: „Was unterstehen Sie sich, vor unserem Haus ‚Ich liebe dich!’ in den Schnee zu pinkeln.“ Er keck: „Woher wollen Sie wissen, dass ich das war?“ Der Vater: „Na hören Sie mal! … (siehe oben).

Handschrift heißt vermutlich so, weil sie mit der Hand geschrieben wird; das Schreibgerät spielt keine Rolle. Zweifellos ist die Nasenspitze kein handliches Gerät. Man muss die Schreibspur durch eine Kopfbewegung erzeugen. Die Vorstellung von der Form der Buchstaben ist aus der Auseinandersetzung zwischen Gestaltungswillen, Handmuskulatur, Schreibgerät und Beschreibstoff gewonnen, beeinflusst aber über die verinnerlichte Formidee vermutlich auch das Schreiben mit der Nasenspitze. Trotzdem kann ich mir vorstellen, dass die Nase der eigenen Handschrift etwas hinzufügen wird. Aber in Zeiten des Computers schreibt kaum noch jemand mit der Hand, erst recht nicht mit der Nase. Man wird auf das Fotodokument warten müssen, bis ich nach dem Duschen auf den beschlagenen Spiegel eingenäselt habe.