Das Institut – Paternoster

„Erlenberg, zum Verwalter! Auf die fünfte Etage, sofort!“, herrschte mich Kollege Delhey an, als ich pünktlich um 7:55 Uhr unser Kellergelass betrat. „Aber nehmen Sie die Treppe! Der Paternoster ist für Sie tabu. Dr. Spiegel wird Ihnen einiges sagen. Machen Sie sich unbedingt Notizen!“
Ich kramte aus der Schublade Block und Stift hervor, ging zum Treppenhaus und stieg hinauf. Hinter mir knarrte der langsam auf- und abfahrende Paternoster. Auf jedem Treppenabsatz konnte ich sehen, wie sich Leute befördern ließen, sah jeweils ihre Köpfe oder ihre Füße zuerst. Die Füße kennzeichneten den Abstieg, die Köpfe den Aufstieg.

Plötzlich fuhr ein schönes Fräulein im grünen Kostüm von unten herauf. Ihr Blick streifte mich achtlos. Ich sah sie aufwärts schwinden, betrachtete fasziniert ihr hübschen Beine, was ich ungeniert tun konnte, derweil sie in der Geschossdecke verschwand, hastete die Treppe hinauf, um sie nochmals in ganzer Schönheit bewundern zu können. Zuerst erschien ihr rotblonder Haarschopf, dann ihr schöner Kopf mit dem ebenmäßigen Gesicht, dann ihre schlanke Gestalt bis hin zu den hübsch bestrumpften Beinen. Sie stand in roten Pumps, scharrte ungeduldig mit ihnen auf dem Paternosterboden, ein Geräusch, das ich sehr erotisch fand und mich in Kombination mit den Pumps entzückte. Es gelang mir, sie dreimal zu sehen. Mit diesem Spiel gelangte ich fast mühelos auf die fünfte Etage. Bedauernd musste ich sie nach oben entschwinden lassen.

Nachdem ich mich bei Dr. Spiegels Vorzimmerdame gemeldet hatte, wurde ich sogleich vorgelassen. Dr. Spiegel, der Mann, der mich eingestellt hatte, hielt sich nicht mit Grußformeln auf.
„Da sind Sie ja! Wenigstens pünktlich“, sagte er nachlässig und deutete auf einen Stuhl. Ich setzte mich und sah ihn erwartungsvoll an. „Sie haben vermutlich Fragen“, sagte Dr. Spiegel. Jetzt war der Zeitpunkt, Interesse an der Art meiner Arbeit zu zeigen, obwohl das für mich nicht wichtig war. Ich würde alles machen.Wer drei Jahre arbeitslos gewesen ist, darf nicht wählerisch sein.
„Worin genau besteht meine Tätigkeit, Herr Dr. Spiegel?“

„Nun, als erstes müssen Sie lernen, wie der Hase läuft.“

„Wie der Hase läuft?“

„Das kennen Sie doch, wenn Sie nicht gestern erst von hinterm Mond eingewandert sind“, sagte er schroff. „Wie jeder schon beim Antritt einer neuen Arbeitsstelle erlebt hat: Man muss sich zuerst orientieren, muss erkennen, wie die Dinge geregelt sind. Man ist ein neues Rädchen in einer Maschine, muss seinen Platz finden und wissen, wie man zu ticken hat, mit wem man sich verzahnt und wer das große Rad dreht, dessen Lauf man nicht behindern darf. Wer sich nicht reibungslos einfügt, wer sich querstellt, wird gnadenlos von der Maschine abgestoßen.“

„Ich …“

„Nein, ich – drehe das große Rad“, unterbrach er mich. „Ich allein bin den Besitzern in den oberen Etagen verantwortlich. Sie sehen, dass mein Schreibtisch groß, aber leer ist, woraus schlichte Gemüter schließen könnten, dass ich nichts arbeite.“ Dr. Spiegel stand auf und ging zur Fensterfront hinüber, sah hinaus und drehte sich mir wieder zu. „Möglicherweise reizt es Sie, Paternoster zu fahren. Das jedoch dürfen Sie nur mit Genehmigung. Da Sie niemals höher als zur fünften Etage hinauf müssen, ist Ihnen das Treppensteigen zuzumuten.“

Ich konnte meine Enttäuschung nicht verbergen.

„Es geht darum, die Hierarchie zu wahren. Der Paternoster ist quasi Symbol unserer Sozialstruktur. Er kennzeichnet in unserem Unternehmen die Möglichkeiten des Aufstiegs und des Abstiegs. Da Sie ganz unten anfangen und noch unklar ist, ob Sie je werden aufsteigen können, dürfen Sie den Paternoster noch nicht besteigen. Ich sehe Ihren Unmut. Es ist wichtig, dass Sie verstehen, wie Hierarchien funktionieren und warum sie notwendig sind“, fuhr Dr. Spiegel fort. „Machen Sie sich ruhig Notizen!“, sagte er und wartete, bis ich Block und Bleistift bereit hatte.

Fortsetzung

10 Kommentare zu “Das Institut – Paternoster

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