Das Institut – Das System des Dr. Spiegel

[Folge 1] „Stellen Sie sich ein großes Haus vor, genauer ein Anwesen mit vielen Fenstern. Man braucht Heerscharen helfender Hände, um Gardinen und Vorhänge abzuhängen, zu waschen und wieder aufzuhängen. Da stehen die Mägde tagelang im feuchten Nebel des Waschhauses, breiten die Tuche zum Trocknen über Hecken und plätten sie anschließend mit heißen Eisen. Dann müssen Wäschekörbe und Leitern treppauf, treppab getragen werden, entlang der weitläufigen Gänge im Haupthaus und in den Seitenflügeln, und die längsten unter den Dienstboten recken sich hoch zu den unzähligen Vorhangstangen.“ Er redete schnell, so dass ich nur Stichworte notieren konnte.

„Die Vielzahl solcher niederen Aufgaben im Herrenhaus erfordert eine kleine Gesellschaft dienstbarer Geister. Es gibt unter den Dienstboten eine straffe Hierarchie, denn es wäre sehr mühsam, sie selber anzuweisen und ihre Arbeiten zu kontrollieren. Gerade unter den Knechten und Mägden ist eine strenge Abfolge von Befehlenden und Befehlsempfängern nötig. An ihrer Spitze steht der Verwalter, und nur er allein muss sich jenen verantworten, die in einem Herrenhaus mit so vielen Fenstern zu leben belieben. Die Hierarchie drückt sich aus in der Zahl derer, die jedem einzelnen untergeordnet sind, was wiederum die Höhe der Entlohnung bestimmt. Jedermann wird verstehen, dass den geringsten Lohn verdient, wer niemanden mehr unter sich zu befehligen hat.

Die Aufgaben auf der untersten Hierarchieebene verlangen starke und geschickte Hände, jedoch wenig Verstand. Jene Dienstboten benötigen ihren Verstand nur für sich selbst und die ihnen aufgetragenen Tätigkeiten. Auf der mittleren Ebene sind Hand und Verstand gleichermaßen erforderlich, denn wer Anweisungen ausführt und zugleich andere anweist und kontrolliert, muss nicht nur für sich denken, sondern auch für die ihm Unterstellten. Auf der obersten Hierarchieebene muss überwiegend Verstandesarbeit geleistet werden, die Hand dient nur noch den notwendigen Hinweisen und Fingerzeigen. So erweckt es den Anschein, dass der Verwalter gar nichts tut, abgesehen vom Herumgehen, Zeigen und Reden. Da er jedoch für die Heerscharen unter sich mitdenken muss, arbeitet er am meisten, denn das Gehirn ist der größte Energieverbraucher.“

Uff, dachte ich, das ist mir so noch nie erklärt worden. Dr. Spiegel setzte sich wieder an seinen Schreibtisch und lehnte sich bequem zurück. „In unserem Institut ist die Hierarchie leicht zu erkennen. Gemeinhin haben sie auf oberen Etagen nichts zu tun, wenn Sie nicht herbestellt werden. Also werden Sie sich vorerst mit meiner Beschreibung begnügen müssen: Sie im Souterrain haben diesen kleinen einfachen Tisch aus Spanplatte mit einem Schubfach. Die Angestellten auf Parterre haben am gleichartigen Tisch ein kleines Anbauelement zur Vergrößerung der Tischplatte. Auf der 1. Etage ist es genauso, doch es gibt einen Ablagekorb. So geht es weiter. 2. Etage: Schreibtisch mit drei seitlichen Schubfächern; 3. Etage: größerer Schreibtisch mit vier Schubladen und einem offenen Schrankfach, Schubladen links, Schrankfach rechts. 4. Etage: Schreibtisch aus Echtholz mit sechs Schubladen und einem großen verschließbaren Schrankfach. 5. Etage: repräsentativer Schreibtisch und Schrankwand, wobei meine Vorzimmerdame natürlich einen Schreibtisch von Etage drei hat.“

Dr. Spiegel schien sich wunders was auf diese Abstufung einzubilden, doch ich dachte, dass sich das System ein sehr kleiner Geist ausgedacht haben musste.

„Haben Sie das?“

„ Äh, ich glaube ja. Aber was ist mit den Ablagekörben? Gibt es nur welche auf der 1. Etage?“

„Sie werden doch durch höherwertige Schubladen ersetzt.“

„Wenn Sie erlauben, Herr Dr. Spiegel, das ist kein wirklicher Ersatz. In einen Ablagekorb kann ich etwas legen, während ich die Schublade zuvor aufziehen muss. Das ist ein Handgriff mehr für den gleichen Vorgang, wobei auch noch zu bedenken ist, dass drei Schubladen die Gefahr eröffnen, etwas zu verlegen. Dann müssen eventuell alle drei der Reihe nach aufgezogen werden. Denn bekanntlich findet sich ein verlegtes Schriftstück immer da, wo man zuletzt nachsieht, was wiederum heißt, dass einiges an Zeit verplempert wird.“

„Seien Sie still!“, herrschte Dr. Spiegel verärgert. „Wenn Sie so weiter machen, werden sie kaum in Verlegenheit kommen, etwas in Schubladen zu verlegen. Ich erwarte einen ausführlichen Bericht getreu meiner Ausführungen. Arbeiten Sie Ihre Notizen aus und senden Sie mir den Bericht noch heute!“

„Soll ich ihn zu Ihnen hinaufbringen?“

„Das könnte Ihnen so passen, Zeit auf den Treppen zu vertrödeln und einem Maschinenfräulein hinterher zu glotzen. Schicken Sie Ihren Bericht mit der Rohrpost! Die Einweisung ist beendet. Sie dürfen gehen.“

„Eine Aufforderung in Form eines Mitteilungssatzes“, hätte ich noch gern gesagt, um meine Kenntnisse in Rhetorik zu demonstrieren, aber traute mich nicht. Im Paternoster war nur langweiliges Volk unterwegs. Ich ging deshalb schnell hinab, ohne auf das schöne Maschinenfräulein zu hoffen. Dass Dr. Spiegel von meiner Beobachtung wusste, ließ darauf schließen, dass es Kameraüberwachung gab, was ich dem alten Gebäude gar nicht zugetraut hätte. Paternoster, Rohrpost und Maschinenfräulein – das ist doch so 1920-er Jahre!
Fortsetzung

9 Kommentare zu “Das Institut – Das System des Dr. Spiegel

  1. Überwachung und Hierarchie, Ausstattung und Entlohnung fein abgestimmt. Bravo. Es fehlt in diesem System nur die Tätigkeit des Redens, die sowohl mit als auch ohne Beteiligung des Hirns erledigt werden kann – ich schlage eine entsprechende Differenzierung vor – , und auf jeden Fall energieverzehrend ist, sei es auch nur auf Seiten des Zuhörers.

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  2. Kafka! Kafka! Bzw. – es braziliert; ganz gruselig ganz ausgezeichnet!

    Und übrigens hatte (hat?) es im ehemaligem Hauptquartier der Nossinnunnossn „Tschekisten“ in Big B, zumindest im Gebäudeteil an der Normannenstraße, ebenfalls etliche dieser ohnehin und überhaupt leicht sinisteren Aufzüge, was ich nicht weiß, wie immer wieder Leutinnen und Leute zu wissen meinen, weil ich klappkartiert war, sondern weil dort nach der Wende ein Arbeitsamt untergebracht war, was mindestens merkwürdig zu finden ich mir gestattet habe; ich hatte immer die böse Phantasie (obwohl ich ja keine Phantasie habe und dies nämlich ist durchaus dialektisch, *hüstel*), dass da etliche „Schreibkräfte“ gleich in ihren Büros sitzen geblieben wären; zumindest der Ton war um 1990 herum nicht sehr anders; man ist verdächtig, weil man überhaupt ins Gesichtsfeld eines Sachbearbeiters geraten ist…

    Mit besten Wünschen für ein symptomfreies Wochenende

    Herr Koske

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    • Haben Sie es auch eine Nummer kleiner, lieber Herr Koske 😉 Trotzdem vielen Dank für Ihren erbaulichen Kommentar. Man wird ja viel zu selten gelobt. Die Bürowelt kann durchaus gruslig sein, vor allem mit der Staffage Paternoster, Rohrpost und Maschinenfräulein. Das erinnert in der Tat an Brazill, wo alles ins Groteske übersteigert ist. Ich hatte das nicht im Sinn. Einerseits war das Thema „Aufzug“ für unsere Schreibgruppe zu bearbeiten, andererseits ging es mir um das soziologische Phänomen Hierarchie und sozialer Aufstieg, bzw. Abstieg. Danke für Ihre Beoachtungen aus dem Berlin der Nachwendezeit.
      Beste Grüße und gutes Wochenende, wünscht
      Ihr Trittenheim

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      • … und mir war gar nicht recht bewusst, dass ich Lob ausgesprochen- bzw. geschrieben hatte… muaha… na ja – umso besser…

        … das mit „Nummer kleiner“ habe ich wieder nicht verstanden, was aber keineswegs altersbedingt sein dürfte, vielmehr ich schon immer so war…

        Sonnige Sonntagsgrüße von der Isar an die Leine!

        Herr Koske

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