Das Institut – Ein Wiedersehen

Einige Wochen gingen ins Land, die ich mit albernen Tätigkeiten verbrachte, deren Sinn sich mir nicht erschlossen. Ich hatte die Hoffnung aufgegeben, das Fräulein wieder zu sehen, als Sie eines Morgens vor mir durch den Park aufs Institut zu ging. Mein Herz hüpfte. Ich eilte ihr nach, und als sie den Paternoster bestieg, beschloss ich hinterher zu fahren.

Es war kein wirklicher Entschluss gewesen, denn nachgedacht hatte ich nicht, als ich den Schritt in die unter ihr auftauchende Kabine tat. Leise knarrten die eingefetteten Ketten des Aufzugs in ihrer Führung, während wir langsam aufstiegen. Ich wähnte das Fräulein über mir, glaubte das Scharren ihrer Pumps zu hören, was natürlich nur dem Wunschdenken entsprang, denn im Pasternoster hängen einzelne Kabinen an den zwei Umlaufketten. Der Fußboden der oberen Kabine ist demnach nicht die Decke der unteren. Trotzdem war ich glücklich, ihr so nah zu sein. Etage um Etage zog an mir vorbei. Als wir uns der fünften Etage näherten, beschleunigte sich mein Herzschlag. Auf dem dortigen Treppenabsatz stand wartend Dr. Spiegel. Erstaunt sperrte er den Mund auf, als ich an ihm vorbei fuhr. Ebenso verdattert war ich. Mir entrang sich nur ein zaghaftes: „Guten Morgen, Herr Dr. Spiegel!“ Ich hörte ihn noch rufen: „Erlenberg! Was tun Sie da?!“, da verschwand er zu meinen Füßen.

Nun hatte ich nichts mehr zu verlieren und blieb entschlossen in der Kabine. ‚Tust du etwas, dann tu es mit Nachdruck!‘, hatte mein gestrenger Vater mir eingeschärft. Geschoss um Geschoss ging es aufwärts. Wenn das Fräulein vor mir aussteigen würde, hoffte ich, rechtzeitig auf gleicher Höhe zu sein, um zu sehen, wohin es sich wenden würde, links oder rechts den Gang hinunter. Um sie nicht zu verpassen, stellte ich mich auf die Zehen, sobald ein neues Geschoss auftauchte. Etage 12 zog vorbei. Einem alten Aberglauben gemäß, fehlte die 13. Etage. Es folgte Geschoss 14. Da dachte ich bereits, das angebetete Fräulein verpasst zu haben. Plötzlich sah ich zwei nah beieinander stehende Füße in roten Pumps vor mir.

„Kommen Sie heraus! Sie dürfen hier nicht weiter fahren!“, riefen die hübsch bestrumpften Beine.

„O doch“, widersprach ich ihrem Bauch, „Da war ein Schild ‚Weiterfahrt ungefährlich’“

„Sie Narr!“, rief ihr schöner Mund, „steigen Sie aus, solang es noch geht!“

„Das war sowieso meine Absicht“, sagte ich, sprang aus großer Höhe aus der aufsteigenden Kabine, traf hart auf die Marmorfliesen und verstauchte mir den Knöchel. Ich hockte albern zu ihren Füßen, rieb meinen wehen Fuß und sah zu ihr auf. Sie musterte mich stirnrunzelnd und sagte: „Irgendwie kommen Sie mir bekannt vor. Sie sind der Treppensteiger, der mir an seinem ersten Arbeitstag drei Etagen hinterher gelaufen ist. Was haben Sie sich dabei gedacht? Und was denken Sie sich bei der Nummer, die Sie hier aufführen?“

‚Keine halben Sachen, Nachdruck!‘, befahl die Stimme meines Vaters. Also fasste ich mir ein Herz, richtete mich auf und erklärte: „Verehrtes Fräulein. Ich habe mich in Sie verliebt, und das scheint mir ein echtes Gefühl zu sein, weit entfernt von einer Aufführung.“

„Wie können Sie es wagen?“

„Greta Thunbergs Worte vor den Vereinten Nationen, hihi.“

„Sie sind ja ein noch größer Depp als ich dachte, ein Volldepp im Quadrat, der nicht weiß, wo sein Platz ist.“ Über den marmorgetäfelten Gang näherten sich zwei kräftige Gestalten in dunklen Anzügen, grüßten das Fräulein ehrerbietig, packten mich und warfen mich wortlos in die nächste abwärts fahrende Kabine.

Ich lag am Boden und war erneut arbeitslos.

15 Kommentare zu “Das Institut – Ein Wiedersehen

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