Puzzlen im Teestübchen Trithemius

Nachdem es in zuletzt recht theoretisch zuging im Teestübchen, hier etwas zum Spielen/Puzzlen. Die gezeigt Bildfolge habe ich einmal vor langer Zeit mit farbigen Tuschen gezeichnet. Es gibt insgesamt 29 Seiten. Größer lassen sie sich betrachten durch erfolgreiches Puzzlen. Der Klick auf das gewünschte Bild öffnet die Seite mit dem Puzzle. Viel Vergnügen, wünscht Teestübchen Trithemius.

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Hübsche Kulturtechnik: Frottieren ohne Handtuch

kategorie Mensch & NaturWir Alltags-Ethnologen hatten ja früher nichts außer Papier und Bleistift und mussten alles mit der Hand machen. Morgens in aller früh bei jedem Wetter raus auf die Straße, und dann wurde man auch noch scheel angeguckt, wenn man auf den Knien über einem Kanaldeckel lag. So sehen die Sachen dann aus: Flüchtig hingeskribbelt. Diese Abreibtechnik heißt Frottage. Sie diente einst dokumentarischen Zwecken, hatte jedoch immer einen grafischen Eigenwert.

Frottage: JvdL, zum Vergrößern bitte klicken

Alle Frottagen: JvdL, zum Vergrößern bitte klicken

Unter Kindern war das Frottieren von Münzen beliebt, Künstler nutzten die Frottage, um in Oberflächenstrukturen mannigfaltige Bilder zu finden. Der Kölner Surrealist Max Ernst hat diese Technik zur Meisterschaft entwickelt. Die Frottage zur Dokumentation wurde durch die allgegenwärtige Digitalfotografie verdrängt und gehört mit Doodeln und Handschrift in die Reihe der verschwindenden Kulturtechniken. Als ich in den 1990-er Jahren noch Tagebuch schrieb, frottierte ich einiges:

- hier die Sohle meines neuen Schuhs ...

– hier die Sohle meines neuen Schuhs …

Das A einer Inschrift auf dem Kalvarienberg im Klauser Wäldchen, Kornelimünster ...

Das A einer Inschrift auf dem Kalvarienberg im Klauser Wäldchen, Kornelimünster …

Frottieren ohne Handtuch geht kinderleicht. Man braucht nur eine strukturierte Oberfläche, Papier, einen weichen Bleistift und ein klein bisschen Geduld. Versuchen Sie es mal und zeigen Sie das Ergebnis!

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Vor allem Münzen sollten noch rechtzeitig vor ihrer Abschaffung frottiert werden, denn die Anschläge auf das gute alte Bargeld sind Legion.

Darum musste der Melker sterben. Eine schauerliche Moritat im Konjunktiv II

Kategorie MedienKomisch, beim Aussterben erwischt es zuerst die Starken. Ich weiß nicht, ob es in der Biologie ähnlich ist, aber in der Sprache trifft es zu. Wir kennen im Deutschen die Klasse der „starken Verben.“ Starke Verben haben die Besonderheit, dass sie bei der Konjugation (Beugung) ihren Stammvokal verändern, Beispiel: „singen, sang, gesungen”,rinnen, rann, geronnen ” oder „helfen, half, geholfen.” Im Konjunktiv II nehmen sie überdies befremdlich klingende Formen an, die in den Ohren der meisten Deutschsprecher falsch oder zumindest veraltet klingen. Wer solche Klänge vermeiden will, behilft sich mit der Ersatzform „würde + Infinitiv“, sagt also nicht: „Ich sänge ja mit, wenn ich den Text könnte.“ sondern „Ich würde mitsingen, …“ – eigentlich schade, denn auch eine lebendige Sprache braucht Vielfalt. Vor einigen Jahren habe ich einen kurzen Text geschrieben, in dem starke Verben im Konjunktiv II vorkommen. Zur Förderung der grammatischen Biodiversität erscheint er im Teestübchen in typografisch gestalteter und animierter Form. Gute Unterhaltung.

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Neues vom digitalen Poeten – Variationen mancher Frau

Kategorie Medien„Hier kommt manche Frau zum Stehen“ ist eine absurde Phrase, die das You-Tube-Tool „Transkript“ aus einer Aussage in meinem Lehrvideo „Thomas Haendly bügelt mein Hemd“ erzeugt hat. Die weiter unten zu sehenden Beispiele illustrieren die Phrase. Wenn inhaltliche Aussage und bildhafte Darstellung sich ergänzen, liegt eine sogenannte Mehrfachkodierung vor. Ideal ist die Mehrfachkodierung, wenn ein geschriebener Text gleichzeitig vorgelesen wird oder umgekehrt wie bei untertitelten TV-Sendungen. Ideal wäre die Mehrfachkodierung auch, wenn das You-Tube-Tool „Transkript“ textgetreu arbeiten würde.

In den animierten Beispielen weiter unten wird die Textaussage durch eine typografisch-bildhafte Darstellung unterstützt. Eine solcherart ergänzende Mehrfachkodierung ist nicht ideal, weil Typografie kein eigenständiges Zeichensystem ist. Typografie tritt immer nur begleitend auf und konkurriert nicht mit dem Text. Gute Typografie muss nicht animiert sein wie im Beispiel.  Mehr über typografische Mehrfachkodierung lies hier „Der böse Sudent- Über die Bebilderung der Schrift“  – theoretisch vertiefend „Konnotationen² – über die Bildwerte unserer Schrift“.

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Typographie & Gif-Animationen JvdL

Typographie & Gif-Animationen JvdL

100 Jahre DADA – Trithemius interviewt Kurt Schwitters zum Ursprung von Merz, seiner Spielart von Dada

Kuwitter und Trithemius
Trithemius
Herr Schwitters. Wie kamen Sie dazu, alle erdenklichen Materialien für künstlerische Zwecke zu verwenden, also mit vorgefundenem Material zu malen?

Kurt Schwitters
Ich sollte einen befreundeten Arzt porträtieren, den Dr. Schenzinger. Er wollte bei den Sitzungen auf meinem Flügel Klavier spielen. Er sagte, wenn er sich so etwas bewegte, würde ich besser seinen Charakter treffen. – Neben mir lag ein Bier …

Trithemius
… -deckel

Kurt Schwitters
… -filz. Er spielte die Mondscheinsonate erster Satz.

Trithemius
Der Bierfilzdeckel?

Kurt Schwitters
Der Doktor Schenzinger. Ich versuchte herauszufinden, ob seine Bewegungen charakteristisch für die Mondscheinsonate waren. Plötzlich kam mir die geniale, vielleicht minder geniale, jedenfalls eine Eingebung. Ich stand auf, bestrich den Bierfilzdeckel auf seiner Rückseite mit roter Farbe und klebte ihn auf die Wange des Profilbildes, das ich gemalt hatte. Es reichte vom Ohr bis zur Nase.

Trithemius
Soweit man bei Ölbildern von Ohr und Nase …

Kurt Schwitters
… reden kann. Die Mondscheinsonate verstummte und Dr. Schenzinger fragte, was ich getan hätte. Ich hätte ihm den Bierfilz auf die Backe geklebt.

Trithemius
Er war wohl ein wenig …

Kurt Schwitters
… wütend.
Dr. Schenzinger sagte: „Nehmen Sie den Bierfilzdeckel ab.“
„Das tue ich nicht!“
„Dann nehme ich ihn ab!“
„Das werden Sie nicht tun, Sie würden die Einheit des Kunstwerks zerstören.“
„Der Bierfilzdeckel ist eine Beleidigung für mich.“
„Der Bierfilzdeckel charakterisiert Sie irgendwie.“
„Wie kann mich der Bierfilzdeckel charakterisieren?“
„Ich kann nicht sagen wie, aber er tut es, das fühle ich.“
„Und drückt er vielleicht die Mondscheinsonate aus? Wie stehen Sie zu der Frage, ob der Bierfilz Beethoven ausdrückt?“
„Mein Herr, denken Sie vielleicht, dass Sie selbst Beethoven ausdrücken?“

Trithemius
Beethoven auszudrücken ist Leichenschändung, hehe.

Kurt Schwitters
Dr. Schenzinger ging hinaus und schloss die Tür hinter sich. Seit der Zeit waren wir nicht mehr Freunde, besonders als ich das Bild mit der Bierdeckelfilzbacke als Portrait Dr. Schenzinger ausstellte.

Trithemius
Verstehe. Um niemanden mehr zu beleidigen gingen Sie dazu über, weitere Portraits gänzlich aus bildfremden Gegenständen zu montieren. Sie wendeten das Collageprinzip auf Bilder, Skulpturen und Texte an und malten quasi mit Abfall?

Kurt Schwitters
Sie haben es erfasst, Herr Trittenheim. Photographien, Stoff, Papierfetzen, Alltagsgegenstände jeglicher Art, Farbe, Schrift, Texte, alles kann in der Merzmalerei verwendet werden. Das Wesentliche ist die Komposition.

Trithemius

Danke fürs Vordenken, werter Herr. Doch manchmal denke ich, Sie hätten es nicht machen sollen, denn die Verfahren des Dadaismus haben gar schreckliche Kommerzialisierung erfahren, sind aus der heutigen Werbung nicht mehr wegzudenken und bereiten mir große Augenunlust. Überhaupt, die ganze Welt ist Dada, überwiegend jedoch auf unkünstlerische und verderbte Weise, also Gaga.

Kurt Schwitters
Das sind viel zu schwermütige Gedanken für einen Mann mit einem Bierfilz im Gesicht.

DadafrischeluftTrithemius
Nun gut, ich habe das Prinzip der Collage ja auch für unser Gespräch verwendet, wozu ich mich Ihrer Worte bedient habe. Das hätte ich ohne Ihre Vorleistung zweimal nicht gekonnt.
Schwerte sucht den schönsten Hund.

Kurt Schwitters
Hunde sind an die Leine zu führen.

Trithemius
Tretet Dada rein!


(Unter Verwendung von Originalzitaten aus: Lach, Friedhelm (Hrsg); Kurt Schwitters – Das literarische Werk; fiktives Interview erstveröffentlicht Teppichhaus Trithemius, 27.11.2007)