creepy

Wieder mal habe ich mein Blog mit einer längeren Erzählung in den Keller geschrieben, heute auch keine Zeit gehabt, sie weiter zu führen, bin aber auch traurig deswegen. Im Keller ist nicht gut schreiben, und sich aus dem Keller herauszuschreiben, große Kunst, die ich nicht beherrsche. Mein vertrauter Lektor schlug vor, ich sollte über Missgeschicke schreiben, wenn ich mein Blog wiederbeleben wollte. Das kann ich mal rasch. Ich war beim Friseur. Früher, wenn ich meinem Freund Coster sagte, ich sei beim Friseur gewesen, sagte er zuverlässig: „Und warum bist du nicht drangekommen?“

Diesmal könnte er das nicht mehr sagen, denn der Friseur hat mir ein Plätzchen geschnitten, will sagen, ich weiß gar nicht, wie ich die Frisur mit Würde tragen soll. Also behielt ich heute fast überall die Mütze auf. Böse Zungen werden sagen, dass ein Friseur es auch schwer hätte mit meinen Haaren und meinem Kopf. Gegenfrage: Warum müssen die einen ihnen völlig unbekannten Friseur in Schutz nehmen? Solidarität geht anders. Ich erwarte ja nicht, dass er gleich geteert und gefedert wird. Obwohl … dieser hübsche Brauch gehört wiederbelebt, besonders bei Friseuren. Aber zumindest wäre es an der Zeit, mich zu bedauern.

Experiment gescheitert – Folge 3

Die Draisine fuhr hinaus in die Ebene. Hinter uns verebbte der Applaus. Das Gleis führte jetzt über einen flachen Damm. Wir durchquerten ein Feuchtgebiet. Ab und zu sah man im kümmerlichen Gras große Lachen stehen. Eine Weile war nur das Rollgeräusch der Räder auf den Schienen zu hören. Plötzlich sang Madame Dobbelstein: „Eisen auf Eisen rollt sich ab, tock tock.“ Der Hund hob den Kopf und ich erschrak. Es war, als hätte die Blinde uns einen Moment in ihre Welt einbezogen, die ja mehr Ton war als Anblick.

Der Unteroffizier unterbrach diesen zauberischen Augenblick: „Ich versteh nicht, warum ich nicht direktemang vor die Leuten stehen bleiben kann.“

„Sie sprechen ja Deutsch!“, sagte ich erstaunt.

„Ich komme aus Eupen“, antwortete der Unteroffizier. „Da lernt man Deutsch auf die Straße. Meine Mutter hat immer gesagt: ‚Die Sprache muss du lernen, Deutsch lernst du sowieso.‘ Die Sprache, weiß jeder, das ist Französisch. Très bien. Also, warum muss ich mit Sie in diese trostlose Einöde rausfahren, Madame Dobbelstein?“

„Aus Gründen der Harmonie und des Wohlklangs. Wenn sie direkt vor dem Auditorium stünden, müssten sie ja nicht rufen. Die anderen Vokale werden aber gerufen. Darum.“

Der Schwabe, zuständig für das E, sagte: „I verschdehe des Exberimend sowieso ned. Mi inderessierd nur des Honorar. Mir Schwaba achda eba uf’s Geld – ond bringa’s deshalb zu ebbes.“

„Aber wird man Sie an den großen Opernhäusern Europas nicht schmerzlich vermissen, derweil Sie hier in der Einöde nur den Vokal e plärren?“, fragte ich.

Der Schwabe warf mir einen giftigen Blick zu und sagte: „Ganz dünnes Eis, der Herr.“

Kollege I bat: „Könnten Sie uns das Experiment noch einmal erklären, Madame Dobbelstein?“

Madame Dobbelstein legte den Kopf schief und lauschte. Kollege I hatte sich bislang gar nicht gemeldet, tauchte also neu in ihrem Universum auf. Sie sagte: „Sie müssen Herr I sein. Also: Lichtenberg schlägt vor, dass fünf Personen unsere Vokalreihe a-e-i-o-u aufsagen, und zwar von hinten, also u-o-i-e-a, will aber, dass eine weitere Person a-e-i-o-u zu hören bekommt. Wie soll das gehen? Es könnte gelingen, wenn die fünf Personen nicht nebeneinander stünden, sondern im Abstand von je 340 Metern. Der Schall legt diese Distanz in einer Sekunde zurück. Zuerst wird Herr Ley also den Vokal U rufen, aus einer Entfernung von 1700 Metern. Sein Ruf benötigt 5 Sekunden, um bei den Hörern einzutreffen, Das O, aus einer Entfernung von 1360 Metern trifft nach 4 Sekunden ein, Ihr Ruf „i“ nach drei Sekunden, des Schwaben „e“ nach zwei Sekunden, des Eupeners „a“ nach einer Sekunde. Somit käme jeder Vokal gleichzeitig bei den Hörern auf der Tribüne an. Darum werden Sie die Vokale um eine Sekunde zeitversetzt rufen. Achten Sie auf den Piepton! Das Auditorium hört dann die richtige Abfolge, also a-e-i-o-u , obwohl sie falsch herum aufgesagt wurde.“

„Verstehe ich, aber der Sinn erschließt sich mir nicht. All der Aufwand – für diese Spielerei?“

„In arte voluptas. – In der Kunst liegt das Vergnügen! Friedrich Schiller sagt:
Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.
Madame Dobbelstein unterschlug dabei, dass Fräulein Astrid durchaus eigennützige Interessen verfolgte, anders als Lichtenberg, der lediglich ein Gedankenexperiment umrissen hatte.

Vor uns, linker Hand tauchte die erste Station auf, erkennbar an einem Tisch, auf dem fünf Megaphone in Reihe auf ihre Trichter gestellt waren. Der Hund knurrte, Madame Dobbelstein brachte die Draisine zum Stehen und sagte: „Hopp, meine Herren, greifen Sie sich ein Megaphon und die Kopfhörer, und Sie, Herr Unteroffizier, nehmen Station A ein! Ich sende Ihnen ein Signal, sobald wir die ferne Station U erreicht haben und auch Herr Ley bereit zum Rufe ist.“

Hier entpuppte sich mein Kontrahent, Herr O, als Saboteur. Vielleicht war er auch nur ungeschickt. Jedenfalls stieß er mein Megaphon vom Tisch.

Fortsetzung folgt

Experiment gescheitert – Folge 2

Unsere Draisine rollte aus dem Hohlweg und hielt. Links der Strecke war aus einem Aluminiumgestänge eine kleine Tribüne aufgebaut. Etwa 20 Leute zu je fünf nebeneinander saßen übereinandergestapelt in Fahrtrichtung, wo sich in der Ferne das Gleis hinter einer Biegung verlor. Jetzt wandten sich die Gesichter uns zu. Fräulein Astrid, schön anzusehen, so ätherisch, so berückend androgyn, festlich in ein graublaues Kostüm gekleidet, trat neben die Draisine und sprach in ein Haedsetmikrophon:

„Verehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen vom Institut für Pataphysik an der RWTH Aachen. Gerade sind die Akteure meines akustischen Experimentes eingetroffen, vier ausgebildete Sänger und ein Unteroffizier, der seine Stimme auf dem Kasernenhof trainiert hat.“ Die blinde Loreley trat an die Tribüne und verteilte Fotokopien. Fräulein Astrid fuhr fort: „Gestatten Sie, dass ich etwas weiter aushole. Vor einigen Monaten wurde mir ein Blatt unbekannter Herkunft zum Kauf angeboten, dessen Fotokopie Sie gerade bekommen.“ Sie wartete einen Moment, bis alle Kopien weitergereicht waren. Dann fuhr sie fort:

„Über der idealtypischen Zeichnung lesen Sie eine Bemerkung Lichtenbergs:

‚Man könnte fünf Personen so stellen, dass der erste u, der zweite o und so weiter i, e, a aussprächen und danach ein sechster a, e, i, o, u sagen hörte‘,
also die klassische Vokalreihe unseres Alphabets. Der unbekannte Autor des Blattes hat sich offenbar mit der Frage beschäftigt, wie das in der Praxis zu bewerkstelligen wäre. Was Lichtenberg als Idee lieferte, ein Unbekannter zeichnete und als Konzept niederlegte, will ich heute in einem akustischen Experiment demonstrieren, dessen physikalische Grundlage die Geschwindigkeit ist, in der sich Schallwellen verbreiten.

Die Versuchsanordnung ist wie folgt: Madame Dobbelstein, meine Assistentin, wird die Herren mit der Draisine zu vorher ausgemessenen Stationen am Gleis fahren. Monsieur Unteroffizier wird die 340 Meter entfernte Station a besetzen, die anderen Herren die weiteren Stationen, also in 680, 1020, 1360 und 1700 Metern Entfernung. Sie werden von dort den ihnen zugewiesenen Vokal rufen, und zwar auf ein um Sekunden gestaffeltes Funksignal hin. Damit die Lautstärke reicht, wird Madame Dobbelstein alle Rufer mit einem Megaphon ausstatten. Die von Lichtenberg genannte sechste Person sind Sie, meine Damen und Herren. Sie werden die Vokalreihe wohlgeordnet hören, obwohl sie verkehrt herum ertönt. Wir haben an diesem schönen Märztag genau 15 Grad Celdius. So herrschen optimale Bedingungen für die Schallausbreitung.“

Während dieses Vortrags spürte ich, wie große Nervosität in mir aufkeimte, eine Sorte Lampenfieber. Und ehrlich gesagt, hatte ich weder Lichtenbergs Idee noch die Versuchsanordnung richtig verstanden. Auch fiel mir wieder der bedeutende theoretische Physiker Wolfgang Pauli ein, in dessen Gegenwart erstaunlich viele Experimente scheiterten, ja, sogar technische Einrichtungen versagten und zerbrachen, weshalb derlei unerklärlichen Phänomene „Pauli-Effekt“ heißen. Demnach lautet das „zweite Paulische Ausschließungsprinzip“: „Es ist unmöglich, dass sich Wolfgang Pauli und ein funktionierendes Gerät im selben Raum befinden.“ Pauli verstarb 1958. Im gleichen Jahr war ich geboren. Was, wenn der Pauli-Dämon, durch Paulis Tod heimatlos geworden, just in meinen unschuldigen Säuglingsbalg gefahren wäre? Und ich hätte ihn all die Jahre arglos beherbergt, nicht wissend, welches Unheil in mir schlummerte. Ich hatte noch nie an einem physikalischen Experiment teilgenommen, weshalb ich nicht wusste, ob meine Teilnahme sich als Störfaktor erweisen würde.

Madame Dobbelstein und ihr Hund nahmen wieder bei uns auf der Draisine Platz. Als sie sich langsam in Bewegung setzte, rief Fräulein Astrid uns zu: „Machen Sie ihre Sache gut, meine Herren!“, und unter dem Beifall des Auditoriums rollten wir davon.

Fortsetzung folgt

Experiment gescheitert – Erzählung in Folgen (1)

Nun ist alles verloren. Ich kann mich eben so gut erschießen. Mein geliebtes, verehrtes Fräulein Astrid will mich nicht mehr sehen. Ich habe verschuldet, dass ihr physikalisches Experiment vor den Augen geladener Gäste gescheitert ist. Es hatte soviel davon abgehangen. Nicht nur Forschungsgelder in schwindelerregender Höhe wären ihr zugekommen, sondern auch und vor allem winkte ihre Aufnahme in die internationale Gesellschaft für Pataphysik. Das habe ich durch einen dummen Fehler vereitelt.

Aber muss Fräulein Astrid mich gleich verstoßen? Aus meiner Sicht bin ich beinah unschuldig am Scheitern des Experiments. Schon Tage zuvor stand mein Leben unter einem Unstern. Kleinigkeiten gingen schief oder wurden zu meinen Ungunsten geregelt. Hinzu kommt mindestens ein Versäumnis ihrerseits. Wieso bekam ich keine schriftlichen Instruktionen? Ich hätte gerne ablesen wollen, was ich wo zu tun hätte. Stattdessen instruierte mich eine blinde Schönheit. Außerdem behandelten mich die anderen Teilnehmer des Experimentes herablassend, so dass eine tief sitzende narzistische Kränkung wieder aufbrach. So war ich im entscheidenden Augenblick zu verwirrt und unfähig zu tun, was erforderlich war. Jede, jeder von uns hat schon einmal vor einem Bankautomaten gestanden und wusste den PIN-Code nicht mehr. Das kann passieren, wir sind halt keine Automaten. So auch im Experiment. Ich hatte meinen Text vergessen und deshalb den richtigen Zeitpunkt verpasst. Nicht ich, sondern Fräulein Astrid wurde zum Gespött ihres Auditoriums, denn sie hatte mich ausgewählt.

Insgesamt waren wir vier Tenöre und ein Unteroffizier einer belgischen Fallschirmjägerbrigarde. Die Fünf ist gemeinhin meine Glückszahl, aber ich stand wohl noch immer unter dem Unstern. Unter diesem negativen Einfluss will ich die ganze Geschichte vom Anfang an erzählen, ungeachtet der Gefahr, dass auch das mir misslingen könnte. Lies und entscheide selbst am bitteren Ende:
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Die langweiligste Geschichte der Welt

Einmal saßen mein Kollege Georg und ich in einer Freistunde allein im Lehrerzimmer und unterhielten uns über die Tische hinweg, als er plötzlich nicht mehr antwortete. Erstaunt stellte ich fest, dass er selig schlummerte. Wie das? Wie kann jemand am hellen Tag und mitten im Gespräch einschlafen? Lag es etwa daran, was ich ihm erzählt hatte? Das muss dann wohl die langweiligste Geschichte der Welt gewesen sein. Daran müsste ich mich nur erinnern, dann könnte ich sie anderswo gut gebrauchen. Dann erzähle ich diese Geschichte auf die mir eigene Art, und schon schlafen alle ein.

Eine Bank könnte ich damit überfallen. Ich würde den Kassenraum der Bank betreten und rufen: „Alle mal herhören!“, und erzähle meine Geschichte. Wenn dann alle der Reihe nach in den Schlaf gesunken sind, raube ich den Laden aus. Das müsste sich aber schon beim ersten Mal lohnen, denn danach würden die Medien garantiert vor mir und meiner Geschichte warnen. Und stürme ich erneut eine Bank, legen alle vorsorglich die Hände auf die Ohren und grinsen mich triumphierend an oder stören meinen Vortrag sogar mit: „Laa lala lala laaa!“ Dann bin ich angeschmiert.

Doch es gibt kaum noch Kassenräume, die den Überfall lohnen. Vorbei die Zeiten der stattlichen Kassenhallen mit zehn und mehr Kassenschaltern, wo geschickte Hände dir das Geld vorzählen. Stattdessen unzählige Geldautomaten. Die könnte ich eventuell auch zum Einschlafen zu bringen. Wie ich hörte, laufen die meisten noch unter Windows 95. Bankraub war sowieso gestern. Banken rauben heute selbst, helfen asozialen Gierhälsen beim Cum-Ex-Betrug, berauben den Steuerzahler um Milliarden und unsere Finanzminister haben’s jahrelang verschlafen. Welch ein Glück, dass es endlich die Kassenbonpflicht gibt.

Womit wir wieder beim schlummernden Kollegen sind. Es lag nämlich gar nicht an mir und meiner Geschichte. Kollege Georg kann jederzeit und überall schlafen. In der Bäckerei sagt er: „Ich hätte gerne ein Brötchen und …“, sinkt auf einen Stuhl bei den Tischen und macht ein Nickerchen. Die Bäckereifachverkäuferin packt ein Brötchen in die viel zu große Tüte und steht unschlüssig herum. Wie lange soll sie auf die ergänzenden Worte hinter „und …“ warten. Welcher Brötchenwunsch folgt jetzt noch? Sie darf ihn ja nicht diskriminieren, sonst: Shitstorm im Internet. Dieser Herr leidet offenbar an einer neurologischen Krankheit, genannt Narkolepsie. Oje, allein vom Wort könnte ich einschlafen, also erst mal ein Nickerchen …

und träumen …

Langweilige Vertretung – Cartoon: JvdL – Zum Vergrößern bitte anklicken!

Hellwach auf der Dornröschenbrücke

Eben war noch heller Tag, jetzt blitzen die letzten Strahlen der Sonne über die Hausdächer hinweg. Die Leine liegt bereits im Schatten. Breit und behäbig fließt sie zur Stadt hinaus. Der ergiebige Regen der letzten Wochen hat sie selbstgewiss gemacht. Ihre Ufer sind gesättigt, und es fehlt nicht viel, dann wird ihr Wasser ansteigen und an den Leinewiesen lecken. Ich habe angehalten auf der Dornröschenbrücke, mein Fahrrad abgestellt, lehne mich übers Geländer und schaue hinunter auf den Fluss. Das Wasser ist beinah schwarz.

Am linken Ufer, nahe der Brücke, hat sich eine Entenschar versammelt. Gut 20 Enten schaukeln auf dem Wasser. Was sie dort vereint, kann ich nicht erkennen. Mir wäre es da zu finster und zu brackig, und ich bin froh, dass mir ein gnädiges Schicksal erspart hat, eine der Enten zu sein. Von weit her zieht eine lockere Armada von Möwen heran. Die Vorhut bildet einen spitzen Keil und richtet sich gegen die Entenschar, als wäre ein Angriff, eine Seeschlacht geplant. Die Armada kommt in rascher Fahrt gegen die schwache Strömung voran. Ich gehe näher zu den Enten hin und hole meine Kamera heraus. Was mag wohl geschehen, wenn die Möwen zwischen die Enten fahren? Sie sind zwar kleiner, aber in der Überzahl. Von hinten fliegen immer mehr hinzu, wassern und schließen sich der Armada an. Welchen Beschluss mögen sie gefasst haben? Was treibt sie an? Gibt es eine unsichtbare Verabredung, dass es lohnend wäre, den Platz der Enten zu erobern? Zwei schwarze Odinsvögel haben sich eingefunden, sitzen auf dem Brückengeländer, schauen hinunter und warten ab. Sind sie als Beobachter entsandt oder hoffen sie auf Beute? Hinter ihnen auf dem Asphalt der Brücke trippeln einige Tauben, und ich denke, ihr habt hier doch gar nichts verloren, sollte gleich eine Schlacht beginnen.

Foto: JvdL

Die Vorhut der Möwen trifft ein, hat nicht einen Augenblick ihre Fahrt gemindert, und schon mischen sich Enten und Möwen, fahren durcheinander, ohne sich zu behelligen. Aber irgendwann, so denke ich mir, werden die Möwen den Enten über sein, dann nämlich, wenn eine von ihnen den Befehl zum Auffliegen gibt. Diesen Augenblick will ich fotografieren und lasse das Objektiv meiner Kamera ausfahren. Plötzlich, wie aus dem Nichts, steht jemand neben mir, und ich höre das Surren eines zweiten Objektivs. Ich schaue hin, da ist es die Frau im tibetischroten Kaschmirmantel, meine Postbotin offenbar.

„Wo kommen Sie her, so unvermittelt?“
Sie lächelt: „Gar nicht unvermittelt. Wir haben eben noch am Leibniztempel miteinander geredet, und da ich nicht im Tempel wohne, wie Sie sich denken können, ist es plausibel, dass ich über dieselbe Brücke gehe wie Sie.“
„Plausibel? Wir haben vorgestern Nacht miteinander geredet, und zwar in meinem Traum. Jetzt bin ich wach, kann tun und lassen, was ich will, und werde nicht einfach hin und her geschoben, wie es ein Traumbild befiehlt.“
„Woher wollen Sie wissen, dass dies kein Traum ist? Wer sagt Ihnen, dass Sie mich vorgestern erträumt haben und heute hingegen nicht?“
„Auf diese Diskussion möchte ich mich nicht einlassen. Traum oder nicht, ich bitte Sie, mir mein Lied nicht zu stehlen.“
„Ihr Lied stehlen? Was meinen Sie damit?“
„Das müssen Sie doch kennen, wenn Sie nicht gestern erst vom Mond gefallen sind. Man pfeift sich ein lustiges Liedchen, und da kommt einer daher und pfeift es einfach nach, womöglich in einer anderen Tonart und vorauseilend. Das ist grob unhöflich unter gesitteten Menschen.“
„Sie haben nicht gepfiffen, nichts war zu hören.“
„Wenn Sie mein Fotomotiv stehlen wollen, dann ist es genauso, als hätten Sie mir das Lied geklaut.“
Meine Postbotin lacht hell auf und erfrecht sich sogar, mir mit der Hand über den Kopf zu streichen.
„Sie sind goldig, mein Lieber“, sagt sie, „in welcher Welt leben Sie denn? Haben Sie noch nie beobachtet, wie ein Pulk Fotografen sich rangelt, wie sie die Ellbogen ausfahren, einander zurückdrängen, sich in die Hacken treten und gegenseitig die Linsen verdecken, ihre Kameras über die Köpfe hochreißen, ein irrwitziges Knäuel bilden aus dem es ruft und winselt: Ein Lächeln! Frau Merkel! Olaf Scholz! Hierher! Bitte, nur einen Augenblick!“
„Natürlich kenne ich diese erbärmlichen Szenen der würdelosesten unter den würdelosen Schmocks der Dreckspresse. Aber dass Sie hier in meinem Beisein diese beiden Zielpersonen der Fotografen nennen, wer macht das wieder sauber? Und schon allein der Vergleich. Hier unten spielt sich ein Naturschauspiel ab, das ich kaum zu begreifen vermag. Das ist ja wohl etwas ganz anderes als die von Ihnen zu Ihrer Entschuldigung vorgebrachte Szene.“
„Ach, meine Szene ist etwa kein Naturschauspiel? Geht es darin nicht ebenso um die Befriedigung von Trieben, wenn sich Menschen verhalten, als hätten Sie weder Sinn noch Verstand, sondern folgten ausschließlich ihren niederen Instinkten, die da heißen Sensationsgier und Nahrungssuche im Schlamm?“
„Ich finde, für eine Postbotin sind Sie ziemlich rabulistisch. Reicht es Ihnen nicht, ganz schlicht die Post auszutragen?“
„Wenn Sie mir schmollen, will ich nicht mehr mit Ihnen reden“, sagt sie und schickt sich an zu gehen.
„Halt, so war es nicht gemeint. Ich … verfixt, so sind die Frauen, setzen sich ins Unrecht, und wenn man sie nur leise darauf hinweist, muss man sich am Ende für seine eigene Geburt entschuldigen.“
„Jetzt sind Sie unartig“, sagt sie, und im Nu ist sie weg.
„Was finden Sie eigentlich am Austragen der Briefe anderer Leute?! So ein Botendasein ist gefährlich. Das kann Sie Kopf und Kragen kosten!“, rufe ich in die Dunkelheit.
„Fragen Sie die Tauben!“
Ich schaue mich um, da sind die Tauben auch weg.

Gekritzelt – Die Hüterin der Rindfleischsuppe

Scheuerdeppen
Aus meinem Viertel sind die Mo-Bikes verschwunden. Stattdessen stehen Leihfahrräder herum, die Werbung für Durstexpress.de machen. Zuerst dachte ich, der Anbieter hieße so und habe mich gefragt, ob man mit dem Leihfahrrad Getränke ausliefern müsste. Ich leihe mir so ein Fahrrad, weil ich von A nach B fahren will, kommt einer von Durstexpress und lädt mir einen Kasten Bier auf den Gepäckständer, den ich zuerst in einen fernen Stadtteil fahren und auf der 5. Etage abliefern muss.

Oder reicht es, wenn ich auf einem Durstexpress-Fahrrad besoffen fahre, so richtig mit Schmackes, als rasender Depp einer bescheuerten Verkehrswende. Auch nicht? Die Scheuerdeppen sind die auf den E-Rollern? Wie ich las, ist der Anbieter Lime der Sache bereits müde, weil man noch immer rote Zahlen schreibt. Ich sah so einen Lime-E-Roller, an dem ein handgeschriebenes Schild „Zu verschenken“ hing. Darüberhinaus sind alle E-Roller weg.

Aus dem Netz gefischt
Bei Heise-online hat ein Clemens Gleich eine hübsche Abrechnung mit den E-Rollern veröffentlicht und vermutet, dass die E-Roller-Mode bald vergessen sein wird. Dass der Schrott im Orkus des Vergessens verschwindet, ist ein frommer Wunsch. Irgendwo muss er ja hin. Bevor wir ihn auf einer Müllhalde in der 3. Welt verklappen, plädiere ich dafür, ihn im privaten Vorgarten des Herrn Scheuer zu vergraben.

Mysteriöses
In meiner Straße lehnt in einer leeren Wohnung ein stattlicher ungeschmückter Weihnachtsbaum. Er lehnte dort bereits vor Weihnachten und seither ist nichts mit ihm geschehen. Ich frage mich nach der Geschichte dahinter.

Verzällsche in zwei Sprachen
Im Heft des Heimatvereins meines Geburtsortes las ich eine hübsche Geschichte. Bevor ich die übersetze, teile ich zum Verständnis mit, dass auf dem Dorf zum Sonntagsmenü eine kräftige Rindfleischsuppe mit Fleischeinlage gehörte. Nun die Geschichte:

Marie un Dela jíngen immer zesamme en de Kirch. Die saßen en de Kirch nevenen.
Sonndachs en de Huhmess määde Marie de Täsch op un nohm dat Allheilmittel 4711 eraus.
Dela neujierisch wie se wor, reskeede ne Bleck en die Täsch un soch e Jebess.
Et flüsterte Marie en et Uhr:„Wat häs Du dann do vür e Jebess en de Täsch?”
Et Dela flüsterte zoröck:„Dat es von mengem Mann“.
Marie flüsternd: „Wiesu dat dann?
Dela janz hösch: „Dat es von mengem Mann! Während ich he für ihn bedde, brenk der et
ferdísch und dät dat Renkfleesch us der Zupp verdröcke.“

Marie und Adele gingen immer zusammen in die Kirche. Sie saßen während der Messe nebeneinander. Sonntags im Hochamt öffnete Marie ihre Tasche und nahm das Allheilmittel 4711 heraus. Adele, neugierig wie sie war, warf einen Blick in die offene Tasche und sah ein Gebiss. Sie flüsterte Marie ins Ohr: „Was hast du denn da für ein Gebiss in der Tasche?“
Adele flüsterte zurück: „Das gehört meinem Mann.“
Marie flüsternd: „Wieso denn das?“
Adele ganz leise: „Das gehört meinem Mann! Während ich hier für ihn bete, bringt der es fertig und verdrückt das Rindfleisch aus der Suppe.“