Editorial – panta rhei

Meine lieben Damen und Herren

Ein unbedachter Augenblick brachte mir eine Woche Krankenhaus und sieben Wochen Kurzzeitpflege. Die liegen jetzt hinter mir. Oft habe ich gedacht, dass ich diesen Zeitpunkt nie erreichen würde, zu gewaltig war das Gebirge aus Zeit, das erklommen werden musste, um meinen Knochenbruch zu heilen. Man kann sich vorstellen, wie langsam das geht, wenn einer nur auf einem Bein hüpfen kann. Es ist etwas Seltsames mit Gebirgen aus Zeit. Wer am Fuß steht und hinauf schaut, kann sich den Augenblick vorstellen, in dem er von oben hinabschauen wird. Warum kann einer nicht der Hinabschauende sein, derweil er hinaufschaut?

Rückblickend sind die Tage geschrumpft, so dass der Zeitpunkt des Hinaufschauens und der des Hinabschauens dicht nebeneinander liegen könnten. Der Schritt hinüber erscheint plötzlich winzig, so klein, als wäre ich einfach aus dem Rollstuhl aufgestanden und hätte den Schritt getan. Ob es aber erstrebenswert wäre, zwischen Momenten durch die Zeit zu reisen? Was ist, wenn der Zeitreisende zurück will in eine schönere Vergangenheit, was wäre, ich könnte zurückgehen zum Moment, als ich nach dem geselligen Abend Geschirr in die Küche gebracht hatte und sicher am Küchentisch saß. Bei der Reise zu diesem Augenblick, würde mir dann der angetrunkene Mann entgegenkommen, auf dem Weg, sich ein Bein zu brechen?

Inzwischen ist aus dem Moment für mich und alle Beteiligten ein anderer Lebensweg entstanden. Ich bin nicht mehr der leichtsinnige Kerl auf der Treppe, und auch sie sind nicht mehr dieselben. panta rhei [altgriechisch ‚alles fließt‘] oder landläufig: „Du steigst nicht zweimal in denselben Fluss.“ Zwischen Schlüsselmomenten findet das Leben statt. Der Mensch hat die Gelegenheit, sich weiter zu entwickeln.
Den nächsten Text werde ich aus meiner alten Heimat Aachen veröffentlichen, wo ich ab Montag eine dreiwöchige Anschlussheilbehandlung antrete. Man liest sich.

Bis bald, Ihr und euer

Jüngling der Schwarzen Kunst – Aufwachen

Hannes genoss das Anheimelnde, geschützt zu sein und zu hören, wie der Regen aufs Dach prasselte. Während er noch seine Haare trocken rubbelte, hatten die anderen schon ihre Nesselschlafsäcke auf den Feldbetten ausgerollt, waren hinein gekrochen und hatten sich die Decke über die Ohren gezogen. Die beiden Studenten saßen auf ihren Betten und beobachteten Hannes.
Weiterlesen

Jüngling der Schwarzen Kunst – Herrenalb

Im Laufe des Nachmittags fing es wieder an zu regnen. Mit grimmigem Mut und regenblind quälten sie sich die Anhöhen des Schwarzwalds hinauf. Für solche Steigungsprozente waren ihre Schaltungen nicht ausgelegt. Ludwig hatte an seinem geliehen Fahrrad sogar nur eine Dreigang-Nabenschaltung. Gesprochen wurde auch während der Verschnaufpausen kaum. Sie verfluchten die Abfahrten von einmal erkämpften Höhen, wenn der Fahrtwind eisig durch ihre nassen Klamotten fuhr und sie schlottern ließ. Auf dem letzten Teilstück zur Jugendherberge musste sie sogar absteigen und ihre bepackten Fahrräder den Anstieg hoch stemmen. Inzwischen hatten sie ein durchgängiges Prinzip erkannt, dass Jugendherbergen stets oben auf einem Berg lagen. „Selbst wenn es weit und breit nur einen einzigen Berg gibt, steht da die Jugendherberge“, sagt Karl-Heinz wie zur Entschuldigung, dass er ihren müden Beinen diese letzte Anstrengung abverlangte.
Weiterlesen

Jüngling der Schwarzen Kunst – Nässe

Die Ängste, deretwegen Karl-Heinz die Freunde aus ihren Schlafsäcken hochgescheucht hatte, waren absurd. Trotzdem fügten sich alle, noch in tiefer Nacht zu packen und wieder aufs Rad zu steigen. Wie sich zeigen sollte, hätten sie sowieso nicht länger im Straßengraben liegen können, denn bald begann es ergiebig zu regnen. In kurzer Zeit waren sie durchnässt. Als die Landstraße wieder in einen Wald eintauchte, beschlossen sie, unter den Bäumen Schutz zu suchen. Doch der Nadelwald bot wenig davon. Es regnete durch, und was nicht zu Boden kam, triefte satt von den Zweigen. Theo hatte eine einzelne dreieckige Zeltplane vom Militär bei sich. Sie war dafür gedacht, durch gleichartige zu einem Zelt ergänzt zu werden. Daraus und mit den Müllsäcken bauten sie einen notdürftigen Unterstand, was nicht einfach war in der Finsternis des Waldes.
Weiterlesen

Jüngling der Schwarzen Kunst – Kirchheim-Bolanden

Sie hatten sich unzweifelhaft verfahren. Ringsum nur Landschaft, von einer elend langen Landstraße durchzogen, weit und breit keine Stadt zu sehen. Weit und breit niemand, den sie nach dem Weg fragen konnten. Karl-Heinz, der eine gewisse Führungsposition in ihrer fünfköpfigen Runde eingenommen hatte, weil er die Karte zu lesen pflegte und sagte, wo es lang ging, war kleinlaut geworden, da er sie offenbar in die Irre geführt hatte. Sie waren am Morgen in Bacharach gestartet und jetzt müde, wollten endlich die Jugendherberge in Neustadt an der Weinstraße finden, ihr Tagesziel.
Weiterlesen

Jüngling der Schwarzen Kunst – Selbstbefleckung

Seine Mutter legte ihm wortlos ein Paket Tempotaschentücher aufs Nachtschränkchen. Sie hatte offenbar die Flecken auf dem Bettlaken entdeckt. Hannes fühlte sich schuldig, weil er ständig gegen das sechste Gebot verstieß. Er markierte in einem Kalender, wann er schwach geworden war und versuchte möglichst viele Tage zu überstehen, ohne dass er Hand an sich gelegt hatte. Als er seinem Freund Frank von seiner Methode erzählte, sagte der erleichtert, „Ja, das mache ich ab jetzt auch.
Weiterlesen

Jüngling der Schwarzen Kunst – Zweifel

Es war wieder ziemlich warm im Glashaus. Hannes durfte seine Pause am Tisch halten, der am Ende der Gasse stand. Es war ihm trotz der Wärme Recht. So hatte er seine Ruhe, anders als im Pausenraum, wo einer der Gesellen auf die Idee kommen könnte, ihn noch rasch Einkaufen zu schicken. Er hatte sich am Kiosk den Mittag und eine Cola geholt, die noch schön kalt gewesen, als er sie hochtrug. Eigentlich hätte er noch den Rest Milch aus der Glasflasche trinken sollen, aus Vorsicht wegen der drohenden Bleivergiftung. Doch die war vermutlich sauer geworden. Er müsste sie wegkippen, brachte es aber nicht übers Herz. Lebensmittel verschwendet man nicht, hatte er als Kind gelernt. Er wusste, dass die Milch am nächsten Tag noch ekliger wäre, so dass er sie nicht trinken würde. Aber sie wegzukippen verschob er lieber auf morgen oder übermorgen. So war er und kam nicht an gegen seine Natur.

Im Mittag verfolgte er mit großem Interesse die Lebensbeichte eines Alkoholikers. Ein einst erfolgreicher Journalist schilderte hier eindringlich die Stationen seines Niedergangs. Hannes verstand nicht, warum einer, der so gut schreiben konnte, sich nicht in den Griff bekam. Er biss über der aufgeschlagenen Zeitung in sein Butterbrot. Es bestand aus einer Scheibe Graubrot mit jungem Gouda, gedeckelt mit einer Scheibe Schwarzbrot. Das Schwarzbrot hatte einen seltsamen Beigeschmack. Hannes kannte ihn. Er ging der Schimmelbildung voraus, die wie er wusste, bereits begann, bevor Schimmel zu sehen war. Er wagte nicht, das Brot wegzuwerfen. Brot warf man nicht in den Abfall. Hätte er gewusst, dass Schimmel auf dem Brot giftig ist, hätte er es nicht gegessen. Er spülte die Bissen jeweils mit einem Schluck Cola hinunter. Schimmel schreckte ihn nicht. Er sorgte er sich nur um die Bleivergiftung, obwohl keiner der ihm bekannten Schriftsetzer je eine gehabt hatte. Nur sein Onkel eben, der die Druckerei besessen hatte, war daran erkrankt. Aber auch das wusste er nur vom Hörensagen.

Dieser Onkel hatte es aber mit der Hygiene nicht genau genommen. In dessen Küche hing mitten über dem Esstisch ein klebriger Fliegenfänger, dick übersät mit Fliegen, die meisten tot nach langem Befreiungskampf. Eine hatte noch Leben in sich, wachte aus dem Erschöpfungsschlaf auf und zappelte sich brumend frei, doch war nicht flugfähig wegen der verklebten Flügel und plumpste genau in Onkel Josefs Kaffeetasse. Er fischte sie mit dem Zeigefinger heraus und trank den Kaffee seelenruhig weiter. Einer, den Fliegen im Kaffee nicht stören, aß vermutlich auch sein Butterbrot mit von Blei verdreckten Fingern.

Helmut Krug, ein neuer Geselle, kam herein. Hastig verschlug Hannes die Seite, denn unter der Lebensbeichte war ein halbnacktes Mädchen abgedruckt.
„Hallo Hannes, was liest du denn da?“
„Nichts besonderes, Herr Krug“, sagte Hannes und war froh, nicht beim Betrachten des halbnackten Mädchens erwischt worden zu sein.
Herr Krug war ebenfalls einer vom Kollegium Marianum, arbeitete vormittags als Schriftsetzer und holte abends auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nach, um später das Priesteramt zu studieren.
„Wo kriegt der Alte bloß immer die ganzen Betschwestern her?“, hatte Hof verächtlich gefragt.
Hannes hatte gedacht: Herr Krug ist menschlich und fachlich besser als du, Knallkopp. Krug hatte ein schmales, scharf geschnittenes Gesicht und kam wohl aus dem Süden, wie seine Aussprache verriet. Er war ein Mann ohne Arg, hielt den Kopf immer ein wenig seitlich geneigt, was irgendwie heilig wirkte, als stünde er schon am Altar. Von ihm kam nie ein böses Wort, obwohl die Kollegen in seiner Gegenwart frozzelten. Herr Krug trat näher und warf einen missbilligenden Blick auf die Zeitung.
„Warum liest du denn den Mittag, Hannes?“
„Ich muss doch lernen, wie es zu geht in der Welt, Herr Krug.“
„Aber doch nicht aus dem Revolverblatt.“
„Ist jedenfalls besser als die Kirchenzeitung“, sagte Hannes patzig. Im selben Augenblick tat es ihm leid, so frech gewesen zu sein. Herr Krug konnte ja nichts dafür. Aber die Kirche sollte ihm nicht die Lektüre vorschreiben. Wenn er nur Kirchenzeitung und Liboriusblatt las, würde er sein Leben lang dumm bleiben. Er hatte längst gemerkt, dass es neben den Wahrheiten der Kirche noch andere Wahrheiten gab. Das Leben außerhalb der engen Grenzen der Religion war wesentlich bunter, vielfältiger und praller. Er musste wieder an das halbnackte Fotomodell denken und war froh, dass Herr Krug die Gasse verließ, so dass er die Seite wieder aufschlagen konnte. Seit er die Pornos seines Bruders entdeckt hatte, war sein sexuelles Interesse geweckt.

Aus dem Sitzhimmel

Besonders am Anfang meiner Schriftsetzerlehre ist mir das Stehen den ganzen achtstündigen Arbeitstag schwer gefallen. Im Jahr 1967, ich war inzwischen Schriftsetzergeselle, sah ich in Düsseldorf auf der Messe der Printmedien, drupa, eine moderne Setzerei, in der die Schriftsetzer im Sitzen arbeiteten. Sie saßen auf schwenkbaren Stühlen, mit denen sie sich in der Setzereigasse frei bewegen konnten, indem sie sich mit den Füßen abstießen. Die schweren Setzkästen wurden über ein Transportsystem angeliefert. Mir schien, ich hätte einen Schriftsetzerhimmel gesehen.

Nachdem ich seit dem 5. Juni 2021 sieben Wochen gelegen oder im Rollstuhl gesessen habe, weiß ich, dass derartiges Sitzen gar nichts Himmlisches an sich hat. Ich habe meinen Geburtstag im Rollstuhl gefeiert und musste mich hinschieben, bzw. fahren lassen, konnte überhaupt jeden längeren Weg, so den in den kleinen Park der Pflegeeinrichtung, nur mit Hilfe bewältigen. Zur körperlichen Unterstützung war auch die psychische wichtig, denn als Mann in der Kurzzeitpflege belastete mich das Elend der anderen Bewohner ringsum. Grüße wurden nicht erwidert, sondern ich fühlte mich mit offenem Mund angestarrt, als wäre ich ein Außerirdischer. Dazu gehören wollte ich keinesfalls. Vom Freizeitangebot hielt ich mich fern. Es wurde aus Kinderbüchern vorgelesen oder wurden Kinderreime ersetzt. Dann lieber einsam. Der Gedanke, das Pflegeheim könnte der letzte Ort sein, aus dem ich dieses Dasein verlasse, hat mich manche Nacht schlaflos gelassen.

Besonders in den ersten Wochen konnte ich mich der Verzweiflung kaum erwehren, wenn beispielsweise die demente Frau X wieder mitten in der Nacht in mein Zimmer eingedrungen war und ich mich zu Tode erschreckt hatte oder ich bei den einfachsten Verrichtungen Hilfe brauchte, sie aber nicht kam. Deprimierend die nächtlichen Hilferufe, wo es Hilfe nicht mehr geben kann. Schlimm war auch, gefragt zu werden, ob ich eine Windel bräuchte, obwohl ich nur ein gebrochenes Bein hatte. Bei diesem Thema war man nicht zimperlich. Hilflose Bewohner wurden bei offener Tür gewickelt und in ihrem Elend zur Schau gestellt. Pflegenotstand ist nicht nur Personalmangel. Pflege geht einher mit dem Schwund der Intimsphäre auf der einen und Schwund der Empathie auf der anderen Seite. Weil aus praktischen Gründen alle über einen Kamm geschoren werden, droht den zu Pflegenden ein deprimierender Verlust an Würde. Sich die zu bewahren, kostet Kraft.

Kraft gaben mir die Besuche meiner Lebensgefährtin, zweier meiner Söhne mit Schwiegertöchtern und eines jungen iranischen Paars, dem ich zeitweise kostenlos Deutschunterricht gegeben hatte. Es kam schöne Post von Christian Dümmler (CD) und anderen, darüber hinaus waren die zahlreichen Genesungswünsche von Freunden, Nachbarn und der Teestübchen-Community mir eine große Hilfe. Der Wunsch „gute Besserung!“ mag etwas hilflos klingen, wenn bekannt ist, dass die Besserung nicht beschleunigt werden kann. Es dauert halt sechs bis acht Wochen, bis ein Bruch verheilt ist, manchmal viel länger. Nach sieben überstandenen Wochen kann ich sagen, dass ein jeder Besserungswunsch eine moralische Hilfe war und somit zur Heilung beigetragen hat.
Dafür danke ich euch allen recht herzlich.

Derzeit lerne ich zum dritten Mal das Gehen, als Kleinkind, nach dem Schlaganfall und jetzt nach dem Beinbruch. Diesmal fehlt nicht das Gleichgewicht. Diesmal ist da noch zuviel Sorge, das Bein könnte die Belastung nicht halten. Auch die Muskulatur muss sich wieder an die übliche Beanspruchung gewöhnen. Trotzdem ist der aufrechte Gang erhebend, und ich fühle mich wieder als kompletter Mensch. Also nochmals herzlichen Dank allen, die mich Anteil nehmend unterstützt haben, als an Aufrichtung nicht zu denken war, Ihr und euer

Die Dämonen der Selbstinszenierung

Etwa drei Jahre redigierte und gestaltete ich wöchentlich eine Seite zu Umweltthemen mit Texten von Schülerinnen und Schülern für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Es war mühsam. Von den betreuenden Deutschlehrern hatte es kaum einer geschafft, den Schülerinnen und Schülern die Ichform auszutreiben. Demgemäß musste ich viele Reportagen umschreiben. Die Person des Reporters soll die Aufmerksamkeit nicht beanspruchen und den Blick auf das Geschehen nicht verstellen. Diese stilistische Vorgabe des Printmediums wird bei Fernsehreportagen oft missachtet.

Es ist die moderne Pest des TV-Reportage-Entertainments, dass ständig Blödmänner und natürlich auch Blödfrauen mit Mikrophon in der Hand im Bild sein wollen. Sie dürften eigentlich nicht bezahlt werden, sondern müssten für die Befriedigung ihrer Eitelkeit Vergnügungssteuer entrichten.

Wir machen was mit Medien – Foto: JvdL

Augenfällig ist das wieder bei den derzeitigen Berichten aus Überflutungsgebieten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, besonders der Landesprogramme. Statt Betroffene oder Helfer ins Bild zu setzen und anzuhören, stehen und standen Reporter*innen im Weg, und gaben klägliche Beispiele ihrer sprachlichen Unfähigkeit ab, die Verheerungen durch die Wassermassen, das Entsetzen über Verlust, Leid und Tod in Worte zu fassen. Rasch hatte man zu den üblichen Floskeln gefunden, sprach von oben herab über „die Menschen“, denen das Wasser Hab und Gut, Existenzgrundlagen und sogar das Leben genommen hatte.

Natürlich befriedigte man nicht nur die Eitelkeit eigener Reporter, sondern setzte beflissen Politiker ins Bild, die in Gummistiefeln in Katastrophengebieten auftauchten, um Sprechblasen abzusondern. Was sonst? Das politische Personal, weil verantwortlich für Infrastruktur und Katastrophenschutz, muss natürlich Anteilnahme darstellen. Eher versehentlich zeigten die Fernsehbilder, wie es wirklich darum gestellt ist, als während einer salbungsvollen Rede des Bundespräsidenten Franz-Walter Steinmeier in Erftstadt im Hintergrund NRW-Ministerpräsident Armin Laschet mit einem Landrat feixte und lachte.[vom Kollegen noemix kongenial bedichtet]

Auch Bundesinnenminister Horst Seehofer wollte dabei gezeigt werden, wie er im Katastrophengebiet unbürokratische Hilfen versprach, ohne aufwändige Angaben zum Vermögensstand zu verlangen, worüber sich gewiss jene gefreut haben, die über Vermögen in der Hinterhand verfügen. Darüber hinaus sind derlei flott daher kommenden Versprechungen immer mit Vorsicht zu genießen, zumal sowohl Bayern wie NRW erst 2019 die Soforthilferichtlinie verändert hatten. Da heißt es in NRW laut Frankfurter Rundschau: „Schäden, die wirtschaftlich vertretbar versichert werden können, sind grundsätzlich nicht soforthilfefähig.“ Dazu gehören: „Schäden, verursacht beispielsweise durch Überschwemmungen, Rückstau, Erdbeben, Erdfall, Eisregen, Starkfrost, Schneedruck et cetera.“ Man streicht Rechtsansprüche, damit Politiker sie medienwirksam gewähren können. So geht „schlanker Staat.“ Bürger verlieren Rechtsansprüche und werden zu Almosenempfängern.

Zurück zu den Dämonen der journalistischen Selbstinszenierung. Die ganze Absurdität zeigte sich bei den ARD-Tagesthemen vom 22.07.2021. Aufgrund einer Bildstörung präsentierte man Reporterin Iris Völlnagel als Standbild – mit Ton aus dem Off. [Im Video ab 4:57]

Ulkiges am Rande: „Um einen Beitrag über die Hochwasserkatastrophe authentischer wirken zu lassen, beschmierte sich RTL-Reporterin Susanna Ohlen heimlich mit Schlamm.“ [t-online]

Armer Paul

Das deutsche Substantiv teilt sich in Name und Klassenbezeichnung. Gelegentlich kann ein Name durch Zusammensetzung zur Klassenbezeichnung werden, beispielsweise Orientierungsklaus, Vollhorst und viele mehr. [Deonyme] Gestern begegnete mir ein anderer Fall der Wandlung, nämlich Name zum Verb: „Es gibt auch Kollegen, die ihre Fahrgäste anpaulen, weil sie nur eine Kurzstrecke fahren wollen“, sagte der Taxifahrer. Ich weiß nicht, ob ich das Verb „anpaulen“ schon kannte, aber mir war sofort klar, was es bedeutete.

Das Wort scheint aus dem studentischen Milieu zu stammen, wie eine kurze Internetrecherche ergab. Leider habe ich derzeit keinen Zugriff auf meine Bücher, also auch nicht auf Nachschlagwerke wie Wörterbücher. Oberflächlich betrachtet, wird bei „anpaulen“ der Name Paul zum Verb „paulen.“ Man fragt sich, was gerade Paul prädistiniert, zum Synonym für anmeckern zu werden. „Anpaulen“ ist vermutlich eine Intensivbildung zu „maulen, anmaulen.“ Gewiss gibt es weitere Namen, die als Verb Verwendung finden. Über Vorschläge freue ich mich.

anpaulen, jemanden anmaulen [Herkunft dunkel];
wulfen, sich Vorteile verschaffen [nach dem Exbundespräsidenten Christian Wulff];
lumbecken, Klebebindung [nach dem Erfinder, dem Buchdrucker Emil Lumbeck];
verballhornen, verschlimmbessern [nach dem Lübecker Buchdrucker Johann Ballhorn];
kneippen, Kaltwassertherapie [nach Sebastian Kneipp];
röntgen, Durchleuchtungsverfahren [nach Wilhelm Conrad Röntgen];
hänseln, Initiationsritus zur Aufnahme in die norddt. Handelsgemeinschaft Hanse;
genschern, beim Doppelkopf mitten im Spiel d. Partner wechseln (Nachweis eimaeckel);
googeln, Netzrecherche mittels Suchmaschine [nach der dominanten Suchmaschine Google];
müllern, Torschüsse aus unmöglichen Positionen [nach Gerd Müller], Nachweis noemix;
baerbocken, Lebenslauf manipulieren, ungeschicktes Krisenmanagment, [nach Annalena Baerbock], Nachweis spraakvansmaak;
hartzen, von Hartz IV leben, nach dem ehemaligen VW-Manager Peter Hartz [Nachweis Susanne]
– …