Einiges über das Verspeisen falscher Hasen

„Hasenessen ist ein herrliches Essen!
Ich habe noch nie einen Hasen gegessen!
Aber mein Bruder hat mal neben einem gesessen,
der hat einen Hasen gegessen.

Eigentlich war es gar nicht mein Bruder, sondern ich. Und der, neben dem ich gesessen habe, hat auch gar keinen Hasen gegessen, sondern glaubte nur, etwas von einem Hasen auf dem Teller zu haben. Da schwammen Fleischstücke in einer Soße, und offenbar schmeckten sie ihm. Er war ein Oberstudienrat. Der Hase hatte ihm nichts getan. Trotzdem wollte der Oberstudienrat ihn Wochen zuvor per Federstrich dem Koch ans Messer liefern.

Der Reihe nach: Das Lehrerkollegium, zu dem ich mal gehört habe, plante, den Kollegiumsausflug ins flämische Belgien zu machen. Der Organisator hatte fürs gemeinsame Abendessen ein Restaurant ausgesucht und dessen Menüvorschläge ausgehängt. Unser Kollege für Niederländisch hatte die Speisekarte übersetzt. Dabei hatte er „haschée“ als „Hase“ verlesen. Keiner wunderte sich, doch da das Angebot aus einem Feinschmeckerlokal kam, wollten viele Kolleginnen und Kollegen Hasen essen und trugen sich in die Liste ein. Ich weiß nicht, ob Lehrer besonders schriftgläubig sind oder Hase wie Schwein schmeckt und umgekehrt; jedenfalls hat sich am Abend keiner der Feinschmecker beklagt. Es glaubt ja der Konsument stets dem, was draufsteht. Anders als durch primitiven Wortaberglauben sind die Fleischskandale der letzten Zeit nicht erklärlich.

Und, spätestens jetzt sollten Fleischesser nicht weiter lesen, weil ich gerade mal gepflegt beleidigen will, … und auch das gestalttheoretische Prinzip des Rudolf Arnheim „Paarung wirkt auf die Partner“ kann als Unterscheidungsindiz von zubereiteten Tierleichen nur selten herhalten. Zwar ist manchmal unklar, ob das Schwein in der Schweinswurst sitzt oder davor, der Ochse auf dem Teller liegt oder darüber hockt, aber solche Entsprechungen zeigen sich nur nach einiger Zeit. Guck mal den Hoeneß! So einen Kopf und Stiernacken kriegst du nicht von Salat.

Falls hier Kinder mitlesen: All die süßen Hasen, die in diesem Text vorkamen, haben überlebt. Nur blöde Schweine mussten dran glauben.

message from mars

Vor Tagen ging ich die Straße lang, als vor mir einer aus der Haustür trat und etwas Seltsames tat. Ich konnte keinen Sinn darin sehen, weshalb ich dachte, die Begebenheit verschweigst du lieber. Am Ende steckt irgendein Quatsch dahinter, der Typ war ein ganz normaler Abgesandter der Quatschwelt, und ich bin darauf reingefallen. Gestern überholte mich eine junge Frau, lief mit eiligen Schritten davon und tat das Gleiche wie der Kerl, den ich lieber verschwiegen hätte. Sie war schon zu weit weg, so dass ich nur unscharf sehen konnte, was sie tat.

Sie hielt ihr Smartphone waagerecht an ihren Kopf, als wollte sie eine Schublade hineinschieben. Waagerecht vor dem Mund gehalten, das habe ich schon gesehen. Aber waagerecht an den Kopf? Gibt es solche Smartphones, die man in ein Kopfschubfach hineinschieben kann? Oder was habe ich da zum zweiten Mal gesehen? Es wäre sicher bequemer, als ein Smartphone waagerecht außen an den Kopf zu halten, wie es auch der Kerl getan hat, der vor mir aus der Haustür trat. Er musste schon drinnen damit begonnen haben, Vielleicht hatte er bereits so gefrühstückt oder war schon so aufgewacht – mit dem Smartphone an der Birne. Man weiß es nicht. Ich glaube inzwischen sowieso, alle um mich herum leben in einer parallelen Quatschwelt alternativen Realität.

Ich erinnere mich genau, wann meine und die alternative Welt begonnen haben auseinanderzudriften. Das war in den 1990-er Jahren in Aachen. In der zur Straße offenen Front eines Modeladens standen drehbare Ständer mit Herrenhemden. Ein junger Mann drehte lustlos am Ständer und befummelte Hemden. Mit der Rechten hielt er ein Mobiltelefon ans Ohr, aber senkrecht, wie es damals üblich war, und sprach mit einer fernen, vielleicht auch imaginären Person. Er sagte: „Was weiß ich, was ich für eine scheiß Hemdengröße hab‘.“

So hat alles angefangen. Ich habe gelesen, die seltenen Erden, die zum Bau von Mobilfunkgeräten benötigt werden, kommen aus Afrika. Kleinwüchsige, rachitische Kinder kriechen in enge Stollen, die durch nichts gesichert sind, und graben das Zeug mit bloßen Händen aus, damit im fernen Aachen jemand mitteilen kann, dass er seine „scheiß Hemdengröße“ nicht kennt.

Der Mensch als großer Banalisierer

Er lag auf der Couch und hörte Musik. Als plötzlich Yellow Submarine der Beatles lief, hatte er die Erinnerung an einen seltsamen Laden. Er sah sich um. Ja, hier war er einmal mit Lisette gewesen. Er war widerstrebend mit ihr hineingegangen, denn ihm war nicht klar, was sie darin zu finden hoffte. Die Ware stand unordentlich herum, halb ausgepackte Kartons verstellten die Gänge. Umkleidekabinen waren auf einer Halbetage, beim Eingang die Kasse. Eine blonde Frau fragte, ob sie helfen könne. Lisette sagte, sie wolle sich nur umsehen. Ihm war das peinlich. Er würde nie in einen Laden gehen, um sich nur umzusehen.

Die Erinnerung wurde schwächer. Er ließ sie ziehen, denn ihm war klar, dass er sie nur halten könnte, wenn er einiges konkretisierte. Dann wäre es keine originale Erinnerung mehr. Sie würde überschrieben werden durch seinen fordernden Geist. Andererseits was war schlecht daran? Gab es einen Bestandschutz für Erinnerungen? Wer wollte den überwachen? Natürlich gehörten Erinnerungen zu einer gelebten Vergangenheit, zu einer Vergangenheit, die einmal Realität gewesen war. Aber jede Erinnerung daran war sie nicht wie eine Neuinszenierung auf einer Art innerer Bühne? Trotzdem, eine Neuinszenierung fußte ja auf der ersten Inszenierung in der Realität. Diese Inszenierung wurde tiefer und tiefer vergraben, wenn sie durch die Neuinszenierung überschrieben würde. Heißt es nicht, die Vergangenheit wäre unverrückbar? Ihm schien, dass es neben der gelebten Vergangenheit eine imaginäre Vergangenheit gibt, eine, die sich ständig verformt.

In früheren Zeiten hatte er oft Radio gehört. Welch eine Freude, wenn plötzlich ein Musiktitel aus seiner Jugend ertönte und eine Erinnerung auslöste an eine Zeit, in der er glücklich gewesen war. Heute konnte er sich bei YouTube oder Musikstreamingdiensten alle Titel seiner Jugend nach Belieben aufrufen. Er hörte sie dann im neuen Kontext seiner jetzigen Lebensphase. Das war auch jeweils eine Neuinszenierung vor einem aktuellen Bühnenbild. Nur wenige Musiktitel behielten ihren Zauber. Eventuell liegt es an der ständigen Verfügbarkeit von Konserven aus der Vergangenheit, dass vieles zu verflachen scheint. Jede Übermalung des Bühnenbilds eine Banalisierung.

Aufregung über die Tannenberg-Schrift bei Edeka

Ein Edeka-Markt in Greifswald ist in die Kritik geraten, weil auf Hinweisschilder im Markt die an Fraktur angelehnte Schriftart Tannenberg verwendet wurde. Ein Twitter-User hat darauf aufmerksam gemacht. Der Vorwurf lautet, die Schrift transportiere Nazi-Symbolik. Der Marktbetreiber gibt an, er habe sich mit der Schrift an den Ort seines Marktes angelehnt. Das Einkaufszentrum ist in den denkmalgeschützten Hallen eines ehemaligen Reparaturwerks für Eisenbahnwaggons untergebracht. Tatsächlich hat die deutsche Reichsbahn ab Mitte der 1930-er Jahre auf ihren Bahnhofsschildern die Tannenberg verwendet. Sie ist an alten Bahnhöfen in Ostdeutschland noch zu sehen. Die Tannenberg ist keine echte Frakturschrift, sondern eine sogenannte Bastardschrift, weil sie stilistische Merkmale der Grotesk trägt. Deshalb wurde sie von Schriftsetzern als Schaftstiefelgrotesk geschmäht.

Oberflächlich betrachtet, ist Tannenberg vielleicht ein von Tannen bestandener Berg. Die deutsche Geschichte lehrt etwas Anderes. Die Schlacht bei Tannenberg war eine blutige Schlacht des Ersten Weltkrieges, bei der die deutschen Truppen siegten, weshalb sie zu Propagandazwecken heroisiert wurde. In diesem Kontext ist der Name der Schriftart Tannenberg zu sehen.

Woher stammt nun der Vorwurf, die Tannenberg transportiere Nazi-Symbolik? Die im Barock als Gebetbuchschrift entstandene Fraktur hatte über Jahrhunderte als deutsche Schrift gegolten und galt in den Anfängen des Nationalsozialismus als Ausdruck deutscher Identität. Das ging so weit, dass im Jahr 1937 jüdischen Verlagen verboten wurde, Fraktur zu verwenden.. Auch wurde in den Anfängen der Nazizeit das Eckige der Fraktur, mehr noch ihrer Vorform, der gotischen Textura, mit dem deutschen Nationalcharakter gleichgesetzt, lautstark durch den reaktionären Bund für deutsche Schrift. Diese Deutschtümler werden nicht schlecht gestaunt haben, als der von Martin Bormann gezeichnete Erlass am 3.1.1941 ein Verbot aller Frakturschriften brachte. Da hatte man bei der NSDAP nämlich erst gemerkt, dass die seit Jahren in ihrem Briefbogen verwandte Frakturschrift vom Juden Lucian Bernhard entworfen worden war. Im Erlass werden zur Strafe alle Frakturschriften als „Schwabacher Judenletter“ bezeichnet und ihr Gebrauch wird untersagt.

Ungeachtet der historischen Tatsache bringen unbedarfte Neonazis und ein Gutteil der Aufreger die Fraktur noch immer mit dem Nationalsozialismus in Verbindung. Bereits im Dezember 2017 haben viele Leute sich ereifert über ein Logo in Frakturschrift, das die sächsische Polizei auf den Kopfstützen ihrer neuen Panzerfahrzeuge hatte aufbringen lassen. (Teestübchen berichtete) Man sah auch in diesem Schriftzug Ähnlichkeit zur Symbolik des Nationalsozialismus. Erstaunlich war, dass ein Schriftcharakter kritisiert wurde, nicht aber die Tatsache, dass die sächsische Polizei paramilitärisch aufrüstet. Auch hier erwies sich Political Correctness als Augenwischerei.

Unterm Hammer

Bevor ich morgens zur Bäckerei gehe, öffne ich das Fenster zur Straße hin und schaue hinaus, um zu sehen, was die Leute anhaben, und um mich zu vergewissern, ob nicht über Nacht die Pflicht zum Tragen roter Pappnasen ausgerufen wurde. Unter mir auf dem Gehsteig geht ein Mann hin und her und zieht eilig an seiner Zigarette. Gerade schaue ich ihm genau auf den Kopf. Sein Hinterkopf hat im Haarschopf eine schüttere Stelle, obwohl er kaum 40 Jahre zu sein scheint. Ich bin ein bisschen neidisch. In diesem Alter war ich auch so schlank, hatte wohl noch mehr Haare, aber schon einige graue. Ich sah sie nicht, aber meiner Nachbarin entfuhr eines Tages. „Herr van der Ley, was sind Sie grau geworden!“

Der Mann ist gut gekleidet. Er trägt einen Pullover, eine helle Hose und braune Schuhe. Ich kenne ihn, weiß wie er seinen Lebensunterhalt verdient. Er betreibt ein Aktionshaus für Maschinen aller Art. Viele Geschäfte laufen wohl über Telefon. Oft sehe ich ihn telefonieren. Gleich hat er das Ende des Gehsteigs erreicht. Er schaut die abknickende Straße hinunter und beobachtet, wie zwei Müllwerker Sperrmüll in einen Müllwagen wuchten. Gut, das Zeug ist mal wieder weg. Ob er wohl schon Müllwägen versteigert hat? Dann wohl nicht aus einer Insolvenzmasse. Aber Abfallentsorgungsunternehmen erneuern manchmal ihren Fuhrpark. Dann kommen die alten Fahrzeuge gewiss unter den Hammer. Diese Wendung, meine lieben Damen und Herren, meint nicht die Kulturzertrümmerung durch Verramschen. Sie gehört vielmehr in die Rubrik „Schreiben ohne Denken“ und kommt hier nur zu Demonstrationszwecken vor. Schon lange geht sie mir auf den Geist. Eine Auswahl gefällig?

„Taschenuhr von Ludwig II kommt unter den Hammer“, meldet die Süddeutsche Zeitung. Das transportable Wasserklosett von Kaiserin Elisabeth von Österreich kommt in München unter den Hammer, schreibt die Aachener Volkszeitung teilnahmslos.
„Königin unterm Hammer; Michelstadt veranstaltet seinen 39. Bienenmarkt“, so etwas Gemeines druckt die Frankfurter Rundschau. Im Klartext: Uhr demoliert, Klosettschüssel in Scherben, und bei den Bienen möchte man erst gar nicht hinsehen. “Gebrauchte kommen unter den Hammer, titelt man bei den Aachener Nachrichten. Der Untertitel verrät mehr: Kampf gegen Fahrzeughalden. Gut, das muss sein. Doch:

das, Ralph Allgaier von der Aachener Volkszeitung, geht zu weit, das geht zu weit!

Viele Millionen Belegstellen weist Google für die geistlose Metapher aus. Irgendein Mensch hat sie sich einst aus dem Hirn gewrungen, und seither greift man in den Redaktionen blind ins gleiche Schublädchen, wenn’s um Versteigerungen geht, findet den Hammer zwar angestaubt, aber denkt: Was Besseres gibt es halt nicht auf der Welt- und hebt die altbackene Wendung ins Heft. Volontäre werden vermutlich verpflichtet, den Hammer quasi rauszuholen.

Der Müllwagen entschwindet. Gleich wird sich der Mann zu mir umdrehen. Ich ziehe mich zurück und schließe das Fenster, damit er nicht merkt, dass ich ihm auf die Platte geschaut habe. Übrigens Entwarnung bei den Pappnasen.

Bein in Gefahr – Jüngling der Schwarzen Kunst

„Pass bloß auf, Juppi, dass du nicht ins Glasdach einbrichst!“, sagt die Chefin und schaut besorgt zu, wie er sich unbeholfen durch das kleine Fenster nach draußen windet. „Keine Sorge, Katrinchen, das geht schon gut!“, sagt der alte Dachdecker. Er und Frau Katharina sind zusammen zur Schule gegangen, und Josef möchte ihr wenigstens jetzt imponieren, nachdem sie ihn schon nicht geheiratet hat, sondern einem Druckereibesitzer den Vorzug gab. Sein Fuß tastet nach der Strebe im Glasdach, wo er hofft, sicher zu stehen, um auf das undichte Glasdach der Setzerei klettern zu können. Unter ihm ist die Wurstküche der Metzgerei Dreckkötter. Bald schon steht er wackelig auf deren Dach, balanciert vielmehr mit beiden Füßen auf der Strebe. Er hat sich umgedreht zum Fensterchen, aus dem ihm Katrinchen zuschaut. Josef beugt sich vor zu ihr, stützt sich mit beiden Händen am Fensterrahmen ab und tastet blind mit dem rechten Fuß nach der parallelen Strebe. Frau Katharina ruft bang: „Vorsicht! Du bist noch überm Glas!“
Josef ist froh über die Hilfe. Bei den Worten: „Ich kann nämlich nicht gut sehen!“, verfehlt sein schwebender Fuß die zweite Strebe. Er strauchelt und bricht krachend durch, rutscht mit einem Aufschrei bis übers Knie hinein in die Wurstküche der Metzgerei Dreckkötter.
„Gut hören kann er auch nicht!“, sagt der Junior trocken. Aber das Entsetzen ist groß. Nettesheim stellt sich vor, dass die Metzgergesellen in der Wurstküche zuerst erschrecken, wie es über ihnen kracht und splittert, dann aus Wut über den ungehörigen Eindringling nach den großen Schlachtermessern greifen und hochspringen, um das fuchtelnde Dachdeckerbein abzuhacken. Zum Glück springen sie nicht hoch genug, und es bleibt bei heftigen Luftstreichen, bis der Meister in die Wurstküche kommt und dem Treiben seiner Gesellen mit wüsten Worten und Arschtritten ein Ende bereitet.

[aus Jüngling der Schwarzen Kunst]

Rückwärts Lesen


Eines schönen Morgens kommt Lisa zu mir und sagt in scherzhaftem Ton: „Fahren wir, Euer Exzellenz. Es ist alles bereit.“
Man bringt meine Exzellenz auf die Straße, setzt sie in eine Droschke und fährt los. Aus Langeweile lese ich die Firmenschilder von rechts nach links. Aus dem Wort „Drogerie“ ergibt sich „Eiregord“ – das klingt wie ein irischer Name.

(Anton Tschechow: Eine langweilige Geschichte)

Tschechows gelangweilte Exzellenz gewinnt den altbekannten Wörtern durch Rückwärtslesen einen neuen Aspekt und somit ein wenig Gedankennahrung ab. Ähnlich verfährt Kurt Schwitters, der seine langweilige Heimatstadt Hannover probeweise umdreht:
„re von nah“ kommt heraus, das ist: „rückwärts von nah“. Und siehe da, jetzt bedeutet Hannover: „Vorwärts nach weit. Das heißt also: Hannover strebt vorwärts, und zwar ins Unermeßliche. Anna Blume hingegen ist von hinten wie von vorne: A-N-N-A.“ (Hannover, 1920). Später spiegelt Schwitters aus Hannover die groteske Stadt Revon, in der es eine Revolution gibt, weil ein Mann einfach herumsteht. (Franz Müllers Drahtfrühling, um 1920) „rebotco 7771“ unterschreibt der verspielte Mozart einen Brief in Umkehrlaune. Auch das Umdrehen des eigenen Namens ist beliebt: Der Palaeograph Wattenbach fand solche Spielereien schon bei mittelalterlichen Schreibern: „Ego sum, qui sum: noch weist du nicht, wer ich ben. Suroffotsirc ist der name meyn, rot den bal obiral.“ (Nachschrift des Schreibers Christofferus in einer Kornrechnung der Schweidnitzer Pfarre von 1427.)

Rückwärtslesen ist nicht einfach eine Umkehrung des Leseprozesses, denn während der geübte Leser beim normalen Lesevorgang Wortbilder erkennt, muss er beim Rückwärtslesen mühsam buchstabieren. Besonders schwer fallen die Stellen, wo ein Laut mit zwei oder drei Buchstaben wiedergegeben ist (ch, sch) oder Buchstabenkombinationen, die beim Umdrehen einen neuen Lautwert bekommen (ie=ei).

Menschen mit ausgeprägter Bildvorstellung, sogenannte Eidetiker, beherrschen die Kunst des spontanen Rückwärtssprechens, indem sie das Wortbild im Geiste ablesen. Nach Victor Hobi konnte die Eidetikerin Sue d’Onim z. B. sofort das Wort „rückwärts“ als „sträwkcür“ lesen, nachdem sie es gehört hatte, ebenso ganze Sätze, wenn sie nicht länger als sechs Wörter waren.

Das Rückwärtslesen und -sprechen hat seinen Ursprung in magischen Vorstellungen. Zaubersprüche und Flüche können nur durch Rückwärtssprechen wieder zurückgenommen werden. Eine Volkssage aus Süddeutschland erzählt von zwei Bauersleuten, die ein Zauberbuch besaßen. An einem Sonntagvormittag ließen sie das Buch versehentlich offen liegen und gingen zur Kirche. Ein neugieriger Hirtenjunge fand es und las unbefugter Weise darin. Während der Messe fiel den Eheleuten das Versehen ein. Sie eilten noch vor dem Segen zurück. Als sie eintrafen, stand in der Stube bereits der Teufel, um den Hirtenjungen zu holen. Da schüttete der Bauer ein Maß Weizenkörner auf die Dielen und zwang den Teufel, sie aufzuheben. Die Zeit, bis das letzte Korn aufgehoben war, nutzte der Bauer, um das Buch wieder rückwärts zu lesen. Dadurch war der Teufel geprellt und mußte wieder abziehen. (Nach Lutz Röhrich).

Der Theologe Gottfried Holtz sagt: „in den Sagen wimmelt es von Berichten, dass der Zauber nicht wieder gelöst werden konnte, weil ein Lehrling, ein halber Könner nichts vom Rückwärtslesen der Formel wusste.“

Wie ungeheuerlich und machtvoll muss da ein Name, Bannfluch oder Zauberspruch in Form eines Palindroms gewesen sein. Das Palindrom ist der nicht mehr zu lösende Spruch, ein wahrer VERSUS DIABOLICUS.

Nach jeder Wäsche formgespült, ehrlich

Diese ganzseitige Werbeanzeige, abgedruckt in der Illustrierten Quick offenbart nach über 30 Jahren eine erstaunliche Schnoddrigkeit. Beworben wird der Hoffmanns inform Spüler. Zu sehen ist vor schwarzem Hintergrund eine lächelnde Blondine, angetan mit einer hellen lässig weiten Bluse, deren großer Kragen eine rosafarbene Schleife ziert. Sie hat die Hände in den Hosentaschen einer gestreiften Hose. Das Foto endet in Hüfthöhe. Die Frau ist insgesamt 12-mal zu sehen. Darüber steht in schmallfetter Futura das Versprechen:

Die Bildunterschriften suggerieren, dass ihre Bluse zwischen Bild eins und zwölf jeweils gewaschen und gespült wurde. Es ist kein Unterschied zu erkennen zwischen Bild 1 („Nach der 1. Wäsche“) und Bild 12 („Nach der 12. Wäsche“) Den Fehler zu finden, ist hier leicht, obwohl die Bilder 10 und 11 teilweise von der einkopierten Formspülerflasche verdeckt sind. Alle angeblichen Wäschen werden illustriert mit einem einzigen Foto, von dem nicht einmal klar ist, ob die gezeigte Bluse überhaupt schon einmal gewaschen wurde.

Der Untertext besagt: „Deutschlands Frauen sind begeistert von Hoffmann’s inform Formspüler. […]“ Die Behauptung, dass Kleidungsstücke nach jeder Wäsche wieder in die perfekte Ursprungsform gespült werden können, wird mit dem 12-mal gleichen Foto untermauert. Entweder hält man die potentiellen Kundinnen für zu blöd, den Bildschwindel zu bemerken oder die demonstrative Gleichgültigkeit des Schwindels ist ein Hinweis auf den Werbern bekannte Rezeptionsgewohnheiten wie flüchtiges Betrachten und die Erwartung, dass in der Werbung sowieso gelogen wird.

Zu fragen ist, ob in aktueller Werbung noch so dreist gefakt wird oder ob man sich derlei Schwindel nicht mehr erlaubt, weil man weiß, dass heutige RezipientInnen kompetenter mit Werbung umgehen und sie nicht honorieren würden. Wer kennt ähnlich plumpe Beispiele aus heutiger Zeit?

Vagabundierende Texte – Ethnologie des Alltags

Textvagabunden sind von mir so genannte launige, auch erotische Texte ohne Autorenkennzeichnung. In der Zeit vor dem Internet kursierten sie in getippter Form, später wurden sie als Fotokopien weitergegeben. Ich habe in den 1990-er Jahren solche Zeugnisse der Volkskultur gesammelt.

Das erste Beispiel eines vagabundierenden Textes habe ich in den 1960-er Jahren während meiner Schriftsetzerlehre gesehen. Der Juniorchef der Druckerei war unser Setzereileiter. Nachmittags hängte er seinen grauen Kittel an den Haken, zog ein Jackett an und begab sich auf Kundenbesuch, um neue Aufträge zu akquirieren. Die Gesellen machten sich dann über seinen Kittel her, denn in der Brusttasche klemmten hinter ein paar Papiermustern ein pornografisches Foto, und dahinter ein zusammengefaltetes DIN-A4-Blatt, worauf mit Schreibmaschine ein pornografischer Text geschrieben war. Es ging um die sexuellen Abenteuer einer Frau namens Rosi. Das Blatt war so oft geöffnet und wieder gefaltet worden, dass die Kanten schon Risse hatten. Solche Blätter waren immer Originale, denn wer sie weitergeben wollte, musste sie abtippen.

Das änderte sich, als der Fotokopierer in die Büros einzog. Es wurden natürlich nicht nur pornografische Texte kopiert und per Hand weitergegeben. In vielen Büros der Verwaltungen hingen launige Sprüche oder längere Texte an der Wand, an der Tür oder am Schwarzen Brett, mit denen man sich den Büroalltag versüßt. Inzwischen werden solche Texte auch per E-Mail, über Messenger wie WhatsApp, Telegram usw. weitergereicht und verbreiten sich im Internet, so beispielsweise die Typbeschreibung des Trabbis 601 S auf Sächsisch, die Geschichte vom Hund des Gewerkschafters [in den 1980-er Jahren am Schwarzen Brett unserer Schule gesehen] oder die Anleitung Wie man andere in den Wahnsinn treibt. Hier nun ein authentisches Beispiel in Papierform:

Eigentlich habe ich heute die Betriebsanleitung für meine Heizungsterme gesucht, bekam aber plötzlich Lust, selten geöffnete Schubladen aufzuziehen und deren Inhalt anzuschauen. Ich fand mancherley Interessantes, unter anderem einen Textvagabund. Diesen Textvagabund hat mir eine Schülerin aus der siebten Jahrgangsstufe gegeben. Er trägt die Datumsangabe 1980, wäre demnach mindestens 40 Jahre alt. Wie die umseitige Quellenangabe zeigt, bekam ich den Brief am 26.September 1994. Zu diesem Zeitpunkt kursierte der Brief bereits 14 Jahre. Möglicherweise ist er noch älter, war ursprünglich handschriftlich, wurde später getippt und wieder abgetippt und erst im Jahr 1980 fotokopiert. Mich faszinieren daran die verhaltene Komik und surrealen Elemente.
Viel Vergnügen beim Lesen.

    Nachtrag: Am Freitagabend in geselliger HaCK-Runde sprachen wir kurz über den vor einem Monat gestorbenen Komiker Fips Asmussen. Herr Putzig wusste noch etwas über Asmussens Witztechnik. Ich erinnerte mich gar nicht, fand aber bei Youtube einige Beiträge. Sein Witz, in Erzählhandlungen eingebettet, erinnert stark an den Witz des Briefes.

„Wir heiraten am 12. Februar 2021“

Bei einem Gespräch über Palindrome sagte ich kürzlich, dass es auch Palindrome bei Kalenderdaten gebe und dass sie beliebt seien als Hochzeitstermine. Aus dem Stand hatte ich aber kein Palindromdatum nennen können. Sich nach Palindromdaten zu richten, mag man als sprachmagische Spielerei abtun. Derlei Ideen hegt aber nicht nur das dumme Volk, sondern hegte auch der Literaturwissenschaftler Paul Raabe, der damals scheidende Bibliothekar der Herzog August Bibliothek, den die ZEIT am 21. Februar 1992 porträtierte:

    „Und dem Kenner manieristischer Zahlen-Magie mag es ein Trost sein, daß er Herzog Augusts Bibliothek an einem ganz seltenen Tag verläßt, einem 29. Februar, dessen Zahlen sich, zauberkräftig, von vorn wie von hinten lesen lassen: 29-2-92.“

Der 29-2-92 ist in seiner bei der Jahreszahl verkürzten Schreibweise kein echtes Palindrom. Wie die Liste zeigt, gab es im Jahr 1992 nur ein echtes Palindromdatum, den 29-9-1992. Das Datum hatte ich ermittelt mit einem von mir geschriebenen Programm in GW Basic von Microsoft. Programbeschreibung: Eingangs wird man aufgefordert, den zu durchsuchenden Kalenderbereich einzugeben. Auf dem Bildschirm erscheint: „ab welcher Jahreszahl suchen?“ Das Programm durchsuchte dann vom gewählten Jahr aufwärts alle Kalenderdaten nach Palindromen und zeigt die Palindrome auf dem Bildschirm an.

Leider gibt es in Windows keinen Basic-Interpreter mehr, so dass sich das Palindromsuchprogramm nicht auf die 2000-er Jahre anwenden lässt. Aber es gibt Hoffnung. Im Netz werden Basic-Emulatoren angeboten. Nachdem ich einen Emulator installiert habe, werde ich das Listing zuerst abtippen müssen und dabei vielleicht wieder verstehen, wie das vor gut 30 Jahren geschriebene Programm aufgebaut ist. Denn es ist beim Programmieren wie bei allen Kenntnissen. Nicht geübt, geht’s verloren. Sollte das Programm funktionieren, kann ich alle Palindrome ab dem Jahr 2000 bis suchen lassen. Was hat es mit der Überschrift auf sich? Wie ich ohne Programm festgestellt habe, scheint der 12-02-2021 das kommende Palindromdatum zu sein, vorausgesetzt, der Monat wird aufgenullt.