Nachts im Institut für Pataphysik

Dieses Gebäude erhebt sich auf dem Aachener Königshügel. Als ich noch in Aachen lebte, entdeckte ich es bei einem Bummel und fotografierte es. Das eindrucksvolle Gebäude beherbergte einst das Institut für Nachrichtengeräte der RWTH Aachen. Da es leer stand, habe ich darin das Institut für Pataphysik angesiedelt und eine Lesenacht darin veranstaltet. Es ist auch Schauplatz einer Groteske, die ich vor Jahren geschrieben und schon im Teestübchen veröffentlicht habe.
Kürzlich sind mir Bilder einer webcam zugespielt worden. Um welche Nacht es sich handelt, wer da mit der Taschenlampe herumschleicht und warum, weiß ich nicht. Aber das Material wollte ich der geneigten Teestübchen-Community nicht vorenthalten.

Zeitdehnung

An manchen Tagen leide ich an Zeitdehnung. Sie überfällt mich in ungünstigen Augenblicken, beispielsweise wenn ich für einen Termin das Haus verlassen muss. Plötzlich erkenne ich, welche Verrichtungen noch nötig sind, bevor ich aufbrechen kann. Dann sind deren so viele, und ich verzweifele vor dem, was noch getan werden muss. Die dazu benötigte Zeit dehnt sich, und wird zum Termin hin immer knapper.

Zeitdehnung kann aber nicht nur Menschen befallen, sondern ganze Gebäude wie etwa die Lindener Postfiliale. Ich kenne sie nur mit langen Schlangen, manchmal bis auf die Straße hinaus. Man hat das Gebäude bis vor kurzem aufwändig saniert, den Putz von den Wänden geklopft, Mauern eingerissen und an anderer Stelle neu errichtet – vergeblich. Die Zeitdehnung steckt so hartnäckig im Gemäuer wie der penetrante Gestank nach Schweinen in einem ehemaligen Saustall. Die Angestellten haben sich offenbar längst darein gefunden, dass bis ans Ende dieser Tage eine Schlange von Kunden vor ihnen dräut. Wie das Beutetier angesichts eines gefräßigen Beutegreifers erlahmt, so werden die Angestellten in ihren Bewegungen immer träger, je mehr ungeduldige Kunden warten.

Manches liegt wohl an der Organisation der Arbeitsabläufe. Man kann sie theoretisch optimieren lassen von Männer mit Klemmbrettern und Stoppuhr, die zum Berufsstand der REFA-Fachleute gehören. Derweil sie Menschen bei der Arbeit beobachten, halten sie in Tabellen einzelne Arbeitsschritte und die dazu benötigte Zeit fest. Weil REFA-Analysen in der Regel dazu führen, dass in kürzerer Zeit mehr gearbeitet werden muss oder Arbeitsplätze wegrationalisiert werden, hat gewiss eine kleine militante Postgewerkschaft dafür gesorgt, dass jene REFA-Analyse in der Postfiliale Hannover-Linden exakt ins Gegenteil verkehrt wird, mit folgendem Effekt:

Ein Kunde legt eine Benachrichtigung vor und möchte sein Päckchen abholen. Der bereits erlahmende Angestellte, prüft die Benachrichtigung, erbittet sich den Personalausweis und gleicht den darauf vermerkten Namen mit dem Namen auf der Benachrichtigung ab. Dann gibt er dem Kunden den Personalausweis zurück, nimmt die Benachrichtigung, wendet sich ab und strebt durch den Kassenraum einer hinteren Tür zu. Sie ist offen und zeigt einen halbdunklen Gang, der in die Tiefe des Gebäudes führt und den lahmen Angestellten verschlingt. So stellt es sich dem Beobachter dar.

Tatsächlich bewältigt der Angestellte den langen Gang bis zum letzten Büro, klopft an die Bürotür des Filialleiters und wartet auf ein „Herein!“ Nur wenige Schritte noch, dann ist er am Pult seines Vorgesetzten angelangt und legt ihm die Benachrichtigung vor. Der sucht im Jackett über der Stuhllehne seine Lesebrille hervor, setzt sie auf und prüft die Benachrichtigung auf Stimmigkeit. Datum, Lieferzeit, Adresse, Postbezirk müssen ihre Richtigkeit haben. Dann schiebt er seinem Untergebenen einen Anforderungszettel zu, den er ausfüllen muss, um den Schlüssel zum Paketaufbewahrungsraum in Empfang nehmen zu dürfen. Nach der Empfangsnahme erfolgt die korrekte Verabschiedung. Der Angestellte schreitet hinüber zum Paketraum, schließt ihn auf und begrüßt den dort wartenden Kollegen. Der fragt: „Was gibt’s?“, obwohl es nur den einen Grund gibt, weshalb man ihn aufsucht, nämlich um ein gelagertes Päckchen abzuholen.

    Liebe Leserin, lieber Leser, bitte denken Sie sich den Rest selbst, also wie der Schlüssel wieder zum Amtsleiter gebracht werden muss, die Quittung usw. Ich habe leider einen Termin und die noch zu verrichtenden Handlungen bilden schon lange Schlangen.

Derweil wir schliefen – Traumzeit mit Frau Nettesheim

Trithemius
Wissen Sie, was ich letzte Nacht geträumt habe, Frau Nettesheim?

Frau Nettesheim
Woher denn? Wenn Sie es nicht wissen.

Trithemius

Ich hatte Aktienkurse manipuliert.
Frau Nettesheim
Ach so! Sie haben im Traum Aktienkurse manipuliert.

Trithemius

Genau. Und angestiftet hatte mich dazu ein mir bislang unbekannter verbrecherischer Schwippschwager. Der aber stürzte im Triumph über den gelungenen Scoop in den Tod.

Frau Nettesheim
Wie das?

Trithemius
Er war Hausbesitzer und hatte aus Geiz die Balkongitter an seinem Mietshaus nie auf Sicherheit überprüfen lassen. Also lehnte er sich gegen so ein Gitter, schaute schadenfroh auf die Welt, die er betrogen hatte, das Gitter brach ab, und er stürzte mitsamt Gitter auf die Straße. Als ich hinzukam, war er schon mausetot. Lange Nägel, die herausgestanden hatten, waren ihm ins Herz gedrungen, von seinem Körpergewicht hineingetrieben. “Nicht schlecht“, dachte ich. “Jetzt brauche ich den Aktiengewinn nicht mit ihm zu teilen.“

Frau Nettesheim
Sie hatten kein Mitleid?

Trithemius

Das war doch die gerechte Strafe für einen hartherzigen Mann. An der eigenen Gier verröchelt und so. Aber jetzt hatte ich Angst, die Sache allein durchstehen zu müssen. Denn die Aktienmanipulation war ein Ding der Mafia. Mir war klar, dass die Mafia es nicht dulden würde, dass sich einer auf ihre betrügerische Manipulation sattelt. Als Trittbrettfahrer, quasi.

Frau Nettesheim

Ein Trittbrettfahrer braucht keinen Sattel.

Trithemius

Wieso Sattel? Und wieso unterbrechen Sie mich dauernd, Frau Nettesheim? Ich weiß überhaupt nicht, was Sie mit einem Sattel wollen. Reden wir etwa über verfluchte Lederfetischisten? Oder Pferdemädchen?

Frau Nettesheim

Tut mir leid. Erzählen Sie weiter!

Trithemius

Jetzt habe ich keine Lust mehr. Es wurde noch spannend, aber das behalte ich lieber für mich. Die Mafia versteht keinen Spaß. Jedenfalls: Als ich aufwachte war es halb neun, und die Sonne stand falsch. Sie schien gülden aus dem tiefen Osten. Draußen war es viel zu ruhig für halb neun, und ich war noch sooo müde, kriegte die Augen kaum auf.

Frau Nettesheim

Gähn, wie spannend.

Trithemius

Da dachte ich: „Wat will die Welt von mir? Die tickt doch nicht richtig.“ Und hab mich erst mal drei Stunden in eine Eiswanne gelegt, damit die Welt sich wieder synchronisieren konnte. Als ich rauskam, war mein quadratischer Wecker umgefallen.

Frau Nettesheim
Während Sie im Eis gelegen haben, obwohl Sie überhaupt keine Wanne haben?

Trithemius

Nein, gestern Abend. Da hatte ich ihn wohl mal wieder falsch hingestellt. Und als ich gedacht hatte, es ist halb neun, war es in Wahrheit erst viertel nach sechs gewesen. Die Welt war also im Takt. Ich hätte mir die Eiswanne sparen und bis eben im kuscheligen Bett bleiben können.

Frau Nettesheim

Chaot! Und so einer will Aktien manipuliert haben, püh!

Trithemius
Das war mein SCHWIPPSCHWAGER!

Frau Cornelius

In ihrem Viertel war die Bauwut ausgebrochen. In jeder Baulücke sah man Rohbauten, fast jedes bereits stehende Haus wurde renoviert. Ringsum flatterten aufgerissene Verpackungsfolien im Wind oder wurde in Fetzen über die Straße getrieben. Um diese Uhrzeit waren die zahlreichen Gerüste noch verwaist. An einem Kran baumelte eine Kreissäge. Ein Betonmischer war halb im Schlamm versunken.
Ich traf beizeiten ein. Die angegebene Adresse war ein zehnstöckiger Flachbau. Sie wohnte ganz oben. Eine Weile wartete ich vor dem Haus. Dann beschloss ich, sie an der Wohnungstür abzuholen. Vielleicht würde sie mich sogar einlassen, wenn sie noch nicht fertig zum Aufbruch wäre. Der feuchtkalte Frühnebel ließ mich frösteln. Da wäre ein warmes Bett verlockend. Ich suchte ihren Namen auf dem Klingelbrett und wollte schon die Schelle pressen, als die Haustür aufging und der Hausmeister hervortrat, erkennbar am grauen Kittel.
„Wo wollen Sie hin?“, fragte er.
„Zu Frau Cornelius, zehnte Etage.“
„Ich bringe sie hinauf“, sagte er, trat in den Hausflur zurück und komplimentierte mich zum Aufzug. Man brauchte einen Schlüssel, um ihn zu betätigen. Ich hörte ihn eintreffen. Die Tür schob sich auf, wir traten ein, fuhren aber nur bis zur zweiten Etage. Der Hausmeister bedeutete mir zu folgen. Wir stiegen im Treppenhaus eine Etage tiefer.
„Sie wundern sich“, sagte er, „aber anders geht’s nicht. Umbauten.“

Auf der ersten Etage wurde er plötzlich abberufen. Ich stand allein. Für den Aufzug fehlte mir der Schlüssel. Auch der Aufstieg war nicht möglich, denn die Tür zur Treppe war durch eine glatte metallene Bautür ohne Türdrücker verschlossen. Mir blieb nichts als hinunter zu gehen. Schon stand ich wieder wartend vorm Haus. Einige Leute kamen hervor, offenbar auf dem Weg zur Arbeit. Frau Cornelius kam nicht. Ich betrachtete mein Sonnenbrille. Sie war mit einem knallbunten Muster verklebt, das nur von innen durchsichtig war. Glücklicherweise schien die Sonne nicht, denn ich hätte mich vor den anderen Leuten der bunten Brille wegen geschämt. Vielleicht hatte Frau Cornelius bereits das Haus verlassen, derweil der Hausmeister mich in die Irre geleitet hatte. Vielleicht suchte sie mich und schalt mich unzuverlässlich. Ich würde es nicht mehr erfahren, denn ich erwachte.

„Ist hier irgendwo Schwarz?“

Ziemlich genau zwölf lange Jahre ist es her, da waren im Teppichhaus Trithemius bei Blog.de ein Dutzend Kurzfilm-Videos zu sehen, die von Blogger*Innen meiner damaligen Community für die Mitmach-Aktion „Kurzfilmtage im Teppichhaus“ gedreht worden sind. An einen surrealen Beitrag von Freund Merzmensch wurde ich am letzten Sonntag erinnert, als ich während einer Radtour mit meiner Liebsten in der Sonne pausierte. Wir hatten eine freie Bank auf einem Spielplatz gefunden und saßen dort, als würden wir unsere Enkel beaufsichtigen. Da gab es exakt die kurios geformte Federwippe, die im Video „Der Alltag eines Ethnologen“ schier aus dem Häuschen gerät, damals so von mir anmoderiert:

    Die Weltformel? Ein Mann hatte im Mescalinrausch stets einen Satz vor Augen, in dem alle Weisheit der Welt enthalten schien. Doch wenn er aus dem Rausch erwachte, war die Antwort verflogen. Deshalb legte er sich Bleistift und Papier zurecht, um die Weltformel festzuhalten. Und tatsächlich gelang es ihm, den Satz aufzuschreiben. Beim Erwachen langte er nach dem Zettel und las die Weltformel. Da stand in krakeligen Buchstaben: „Die Banane ist gelb.“
    Dass die Dinge sind, wie sie sind, ist das wirklich die Weltformel? Die Banane ist gelb und nirgendwo schwarz? Auf diese Frage hat der Blogger Merzmensch in seinem Film „DER ALLTAG EINES ETHNOLOGEN“ eine „ethnologisch-ontologische Antwort“ gegeben: Die Welt ist MERZ. Sehenswert!

Schuld

In der fremden Universität war ich doch nicht allein. Eine Gruppe Student*Innen hatte mich freundlich aufgenommen. Gelegentlich, wirklich nicht oft, machte sich jemand aus der Gruppe über mein Alter lustig. Als ich mein Tagebuch erwähnte, fragte einer, ob das noch auf Papyrus geschrieben sei. Die jungen Frauen hingegen überspielten mein Alter und waren sehr freundlich, warteten beim Aufbruch geduldig, bis ich mich in meine Schuhe gekämpft hatte. Da war eine Leiter zu einer Dachluke zu bewältigen. Zunächst scheiterte ich. Der vor mir hochgestiegen war und meinen vergeblichen Versuch mitbekam, frozzelte, ich würde das niemals schaffen.

Ich wollte mich nicht lumpen lassen und stieg beim zweiten Mal mit mehr Elan auf die Leiter. Sie endete ein gutes Stück unterhalb der Luke, so dass ich die Arme hindurchstrecken und außen auf das Dach legen musste, um mich hoch zu hangeln. Das war schon ein mühsames Gewürge. Vor mir auf dem Dach lag ein Brett. Beim Versuch, meinen Oberkörper auf das Dach zu ziehen, stieß ich das Brett an. Zu meinem Entsetzen bewegte es sich und glitt auf die Dachkante zu. Ich konnte noch rufen: „Vorsicht Brett!“, da kippte es weg und sauste nach unten.

Sehnlichst hoffte ich, das Brett würde niemanden treffen und verletzen. Ich konnte ja nicht sehen, ob direkt am Haus welche unterwegs gewesen waren, sah nur die Leute weiter hinten auf dem Campus. Die wandten sich plötzlich mit besorgter Miene dem Gebäude zu und eilten heran. Zu den anderen auf dem Dach sagte ich: „Für das Brett konnte ich nichts. Es hätte nicht da liegen dürfen.“ Aber was hatte ich auf dem Dach zu suchen?

Keine, keiner traute sich nachzusehen, was das Brett angerichtet hatte. Wir stiegen wieder vom Dach, und eines der Mädels sagte: „Wir können morgen in der Zeitung lesen, was passiert ist.“
Das beruhigte mich aber nur für den Augenblick, denn es war mir klar, dass es meine moralische Pflicht war, mich zu dem Brett zu bekennen und mich zu vergewissern, wer zu Schaden gekommen war. Schon, um den jungen Leuten ein gutes Beispiel zu geben. Leider tat ich es nicht. Später sah ich einen Mann, dessen Kopf mit Mullbinden umwickelt war. Ich ging rasch vorbei. War es meine Schuld?

Rührstab für unterwegs

„Ohne meinen Pürierstab gehe ich nie aus dem Haus“, sagt Fernsehkoch Mirko Reeh im Interview mit dem Glüxmagazin. Unterwegs zum Bäcker lachte ich über die ungewollte Komik. Wenn ich aus dem Haus gehe, nehme ich Geldbörse, Maske und Schlüssel mit. Ich käme nicht darauf, einen Pürierstab einzupacken, wo es doch selten etwas ambulant zu Pürieren gibt. Selbst wenn jemand mit einer Schale Pommes aus der Tür des Dönerladens träte, wäre es unschicklich, ihm die Pommes zu pürieren. Versehentlich memorierte ich Reehs Aussage mit: „Ohne meinen Rührstab…“ Ein Rührstab wäre ein sinnvolles Utensil für unterwegs, wenn er auf zauberhafte Weise das bewirken könnte, was man unter „anrühren“ versteht.

Vor mir in der Schlange im Supermarkt stehend, verlangte eine alte Frau, ich solle einen Abstand „in der Länge einer Parkbank halten.“ Ich hatte mich getreu an den Markierungen am Boden orientiert und sagte: „Jetzt übertreiben Sie aber.“
„Nein!“, rief sie verzweifelt. „Wir haben einen ganz schlimmen Virus. Das können Sie in jeder Zeitung nachlesen.“ In seinem Wörterbuch des Teufels definiert Ambrose Bierce:

Derlei Zurückweisungen erfrischen nicht, sondern fühlen sich übel an, nicht nur, weil es ein mühsames Geschäft ist, eine Parkbank vor sich herzutragen. Und auch noch längs! Mein armer Rücken.

Bedingt durch die permanenten Aufforderungen zur sozialen Distanz ist die Begegnung im öffentlichen Raum unerfreulich geworden. Entgegenkommende warten vor Engstellen, um Nähe zu vermeiden, oder sie wenden den Kopf ab zur Seite. Ich ertappe mich dabei, für die Dauer der Begegnung die Luft anzuhalten. Das ganze Miteinander steht unter einem üblen Diktat. Ob das je wieder anders wird? Mir begegnete der Postbote von der blauen Post. Gerne hätte ich ihn gegrüßt, doch er schaute mit tieftraurigem Ingrimm zu Boden. Der Mann rührt mich immer wieder, auch ganz ohne Rührstab.

Jüngling der Schwarzen Kunst – Heiliges Alphabet

Hannes stand am Setzkasten und setzte eine Zeile in Versalbuchstaben. Er fragte:
„Warum sind im Setzkasten die Großbuchstaben nicht nach Buchstabenhäufigkeit sortiert, Herr Ewald?“
„Das sind ja die Alten. Sie residieren oben, alphabetisch aufgereiht, gemäß der alten Ordnung, während unter ihnen ihre Enkel und Urenkel quasi durcheinander wirbeln.“
„Die Kleinbuchstaben sind ihre Enkel?“

„Ja, sie sind im achten Jahrhundert aus den Großbuchstaben entstanden. Die Alphabetreihe galt von der Antike bis ins Mittelalter als heilig. Sie aufzulösen, ist Blasphemie. Indem wir die Kleinbuchstaben einfach nach Häufigkeit neu sortieren, bricht die Satztechnik mit der religiösen Tradition. Das muss man sich erst einmal trauen. Gutenberg hat es getan.“
„Was ist denn Blasphemie?“
„Gotteslästerung.“
„Also war Gutenberg kein frommer Mensch?“
„Vermutlich nicht.“
„Aber er hat eine Bibel gedruckt.“
„Vielleicht als Beschwichtigung des Vorwurfs, der Buchdruck sei Teufelswerk.“
„Darum heißt unser Handwerk Schwarze Kunst?“
„Eigentlich wegen der schwarzen Druckfarbe. Aber weil man lange Zeit dachte, der Buchdruck wäre vom Geldverleiher Johannes Faust erfunden worden, glaubte man an einen Teufelsbund. Ich kenne ein Gedicht von Franz Grillparzer:

    Du lichte Schwarze Kunst
    Ob Gutenberg ob Faust
    War man zu Recht im Zweifel
    Denn halb kommst du von Gott
    Und halb kommst du vom Teufel.

Wie zur Wiedergutmachung der Blasphemie liegen wenigstens die Großbuchstaben in der angestammten Alphabetreihe. Aber das ist meine persönliche Interpretation. Landläufig passt hier ‚Einen alten Baum verpflanzt man nicht.’“

Hannes überlegte eine Weile und sagte dann: „Ich glaube, das ist Quatsch, Herr Ewald.“
„Ich gebe dir gleich ‚Quatsch’“, schnaufte Ewald und packte Hannes am Kittelkragen.“ Hannes duckte sich weg und wand sich aus seinem Griff.
„Doch, Herr Ewald! Wenn ich irgendein Wort aus Versalbuchstaben setze, beispielsweise HERR EWALD REDET UNSINN, dann verpflanze ich die Großbuchstaben doch auch.“

Am Sonntagmorgen saß Hannes in seinem Zimmer an der Kommode, die ihm und seinem Bruder als Schreibtisch diente. Wie es seine Gewohnheit war, trommelte er mit den Händen auf der Tischplatte. Durch die Erschütterung kippte plötzlich eine Ansichtskarte hervor, die sein Bruder wohl zwischen einigen Büchern versteckt hatte. Es waren auf 26 kleinen Zeichnungen nackte Menschen mit sexuellen Handlungen beschäftigt, mal zu Zweit, mal hatten zwei Männer eine Frau gepackt. Dabei verrenkten sie sich so, dass ihre Körper die Großbuchstaben des Alphabets bildeten.

Als Hannes die Darstellungen betrachtete, begann das Blut in seinen Ohren zu rauschen. Er spürte wie sein Penis anschwoll und hart von innen gegen seine Hose drückte. Der sexuelle Rausch kam so plötzlich über ihn, dass es ihn überwältigte. Das alles war unkeusch, wusste er. Es verstieß gegen das sechste Gebot, aber sein schlechtes Gewissen kam gegen die drastische Sexualität der Zeichnungen nicht an. Er musste sich dringend Erleichterung verschaffen. Hannes ging ins Bad und schloss hinter sich ab. Von wegen „das Alphabet ist heilig.“

Das ist es! Cosma Shiva sei Dank

Vor der Tür des Hauptbahnhofs Hannover standen einige Leute und rauchten, auch ich. Eine Frau im schwarzen Business-Outfit sagte, sie werde sich das Rauchen abgewöhnen, wenn sie irgendwann einmal heirate, und schob nach:
„Wenn ich im Standesamt sitze, höre ich auf zu heiraten.“ Mit diesem ulkigen Versprecher hatte meine Nacht begonnen, nachdem ich mit dem ICE von Aachen zurück nach Hannover gereist war. Im Zug hatte ich geschlafen und geträumt, ich hätte versehentlich den rachsüchtigen ägyptischen Sonnengott Ra beleidigt und mir seinen Zorn zugezogen. Sein Name darf bei Nacht niemals genannt werden und ich hatte es getan.

Gegen zwei Uhr in der Nacht legte ich mich ins Bett und war der Meinung, meine pataphysische Forschungsreise sei ohne nennenswerte Zwischenfälle verlaufen. Sollte der ägyptische Sonnengott, dessen Namen ich vorsichtshalber nicht mehr erwähne, sollte er einen Groll auf mich gehabt haben, so hatte er mich offenbar nicht gefunden, weil er bekanntlich nachts nicht da ist. Im selben Augenblick gab mein Bett Geräusche. Obwohl ich mich nicht bewegte, begann es mehr und mehr zu knarren. Das Knarren ging in ein Knarzen über, dem Geräusch von brechendem Holz. Dann eine Sekunde des Verharrens, und indem ich aufatmete, brach mein Bett ein. Die Matratze sackte unter mir nach unten und blieb dann in der Schwebe.

Ich rappelte mich auf, machte Licht, stellte die Matratze hoch und betrachtete den Schaden. Unter der Mitte meines Bettes hatten sich zwei breite Stützen befunden. Sie waren abgebrochen. Da ich nicht mitten in der Nacht zu tischlern anfangen wollte, schob ich einen alten Setzkasten mitten unter mein Bett und erhöhte ihn durch einen Versandhauskatalog und die beiden abgebrochenen Bretter. Das hielt, und ich schlief ziemlich gut auf dem Relikt der Schwarzen Kunst und den tausendfachen Verheißungen des Katalogs.

Das war im Jahr 2009. Damals schrieb ich unter Graseinfluss am Internetroman „Die Papiere des Pentagrion“, unterstützt von einigen Bloggerinnen und Bloggern meiner Community bei Blog.de, hatte im Rausch diverse Derealisationserlebnisse, das heißt, die literarische Welt und Alltagsrealität vermischten sich zunehmend. Gestern, gut 12 Jahre später, trat diese Vergangenheit wieder hervor, als wir das inzwischen völlig marode Bett abbrachen, um Platz für ein neues zu schaffen. Der Katalog zeigte eine Hauptschülerin mit dem spirituellen Namen Cosma Shiva, was mir in der Nacht von 2009 vielleicht zugute gekommen, aber nicht aufgefallen war. Sie war ein wenig staubig, hatte aber die lange Zeit unter meinem Bett trotz mühsamer Abstützarbeit gut überstanden und kann jetzt zum Altpapier.

Pferd Behrens

In unruhiger Nacht träumte ich von einem Mann mit dem Vornamen „Pferd.“ Sein ganzer Name lautete Pferd Behrens. Mehr weiß ich nicht mehr. Aber ich erinnere mich an einen Kollegen im Referandariat namens Behrens. Sein Vorname ist mir entfallen. Nennen wir ihn Pferd. Pferd und ich, wir trafen uns wöchentlich im Fachseminar Deutsch. Zwei-dreimal bin ich bei ihm zu Hause gewesen, denn er wohnte mit seiner Frau und einem kleinen Kind wie ich im Aachener Frankenberger Viertel. Sie hatten zwei Zimmer, links und rechts des Hausflurs, was mir als sehr unbequem vorkam. Von seiner Frau erinnere ich nur noch, dass sie Gemütlichkeit verströmte, weil sie stets in plüschigen Schluppen umherging.

Pferd Behrens musste jeden Abend einen ganzen Kasten Bier austrinken, um schlafen zu können. Entsprechend aufgedunsen wirkte sein Gesicht. Es war immer hellrosa. (Ich erspare uns den Witz, er habe gesoffen wie ein Pferd.) Mich verband nicht viel mit ihm. Einmal wollte er mich zum Angeln am Fischteich seines Angelvereins mitnehmen, aber ich lehnte ab, weil mir Angeln als sinnlose Tätigkeit vorkam, vor allem für einen Vegetarier. Trotzdem hatten wir engen Kontakt. Der ging vornehmlich von ihm aus, denn er rief mich täglich mindestens einmal an. Wir schrieben zu dieser Zeit beide an unserer Examensarbeit. Mein Thema lautete: „Laterales Denken als Methode bei der Rezeption fiktionaler Texte im kommunikativen Literaturunterricht.“ Ich fand, schon wegen des Titels hätte ich eine Eins verdient gehabt, bekam aber nur eine Zwei plus, denn der Co-Gutachter fand, ich hätte zu viele Kommafehler gemacht.

Bei meiner Arbeit brauchte ich keine Hilfe, aber Pferd Behrens bei seiner. Er hatte eine neue Methode erdacht, wie man in Sätzen die Wortart Verb identifizieren kann. Wie das ging, weiß ich nicht mehr, aber das Thema seiner Examensarbeit war ebenso innovativ wie mein Thema. Ich fand es überflüssig, dass deutschsprachige Schüler*Innen in Sätzen nach Verben angeln, zumal der reine Grammatikunterricht in NRW abgeschafft war. Er kannte meine ablehnende Haltung zu isoliertem Grammatikunterricht für Muttersprachler, doch rief mich dauernd an, um mit mir grammatische Fragen zu erörtern. Seine Examensarbeit enthielt also einiges von meinem Gehirnschmalz.

Nach dem Zweiten Staatsexamen bekam er eine Stelle irgendwo im Selfkant, einer Region nördlich von Aachen, zog weg, ohne seine neue Adresse mitzuteilen, und meldete sich nie mehr – bis letzte Nacht. Da hatte er seinen Vornamen geändert in Pferd.