Erinnerung an Menschen und Dinge (2)

Am Lichtenbergplatz in Hannover-Linden, wo ich manchmal Kölsch kaufe, beginnt die Wittekindstraße. Eine martialische Skulptur des Grafen Wittekind bewacht den Platz. Im Jahr 1115 wurde der Graf Gerichtsherr des Flecken Linden, wie einer Urkunde zu entnehmen ist. Die erste urkundliche Erwähnung gilt als Geburtsurkunde einer Siedlung. Vermutlich ist Linden älter, denn es muss schon etwas da sein, damit sich ein adeliger Parasit draufsetzen und Gerichtsherr spielen kann. Auch eine Gerichtslinde muss wachsen, bevor man renitente Bauernsöhne dran aufhängen kann.

Jedenfalls feierte die einstige Arbeiterstadt Linden, jetzt ein hipper Stadtteil Hannovers, dank Wittekind im Jahr 2015 stolze 900 Jahre ihres Bestehens. Zu jener Zeit radelte ich jeden Mittag zu einem Biosupermarkt, um eine angebotene Suppe zu löffeln. Eines Tages hatte dort ein freundlicher Mann einen Stand aufgebaut und hat mir einen in Folie eingeschweißten Würfel mit einem quadratisch zugeschnittenen Papierstapel verkauft, die Lindener Zettelbox. Die Boxen dazu hat eine Lindener Buchbinderin aus Karton gefaltet. Gert Schmidt war der Koordinator einer Initiative, die zum Lindener Jubiläum „nicht mehr genutztes und von Abfall bedrohtes Papier“ eingesammelt hat mit dem Ziel, „das Papier weiterzunutzen und den innewohnenden Wert der Bilder, Texte einer breiten Öffentlichkeit zukommen zu lassen.“ Teil dieser Öffentlichkeit wurde ich, denn „innewohnende Werte“ haben mich schon immer interessiert.

Steht sonst auf meinem Schreibtisch: Die Lindener Zettelbox vor Costers Altar – Foto: JvdL (Größer: klicken!)

Nachspiel I:
Beate La-mamma, eine Blogfreundin aus Wien, wünschte sich per Kommentar im Teppichhaus Trithemius eine solche Zettelbox zu besitzen. Zwischen ihr und Gert Schmidt entspann sich ein Kontakt. Auf seinem Weg in den Urlaub auf dem Balkan ist er in Wien gewesen, hat Beate eine Box gebracht und für eine Nacht ihre Gastfreundschaft genießen dürfen.

Naxchspiel II:
Der umtriebige Gert Schmidt hat mit dem Lindener Kulturtaler ein Regionalgeld geschaffen. Er bat mich, die 120 Geldscheine zu unterschreiben, um sie einerseits gegen Fälschung abzusichern und sie andererseits zum Kunstobjekt zu machen. Auf Seite 2 ein Beispiel für den „innewohnenden Wert“ der Zettelbox, von mir beschrieben: Weiterlesen

Erinnerungen an Menschen und Dinge

Bisher, das gebe ich zu, habe ich während der Zeit des Corona-Stubenhockens so gut wie gar nichts geschafft, abgesehen von der täglichen Teestübchen-Veröffentlichung, aber die gab es ja auch ohne Stubenarrest. Gerne sitze ich einfach so da, und wenn es in mir unruhig denkt: „Steh endlich auf!“, entgegne ich schlagfertig: „Wieso?“ Ich darf es mir bequem machen. Manche lernen jetzt Mandarin, habe ich gehört. Vor hochansteckendem Selbstoptimierungswahn muss eindringlich gewarnt werden. „Mandarin!“ Ich schäle und genieße ein Mandarinchen.

Und beteilige ich mich lieber am Projekt „Erinnerungen“, zu dem mich Freund Merzmensch eingeladen hat. Ein bisschen fühle ich mich an das Taschenprojekt von Sergej Tretjakow erinnert, die Biographie der Dinge, bei dem aus der Beschreibung der Dinge autobiografische Notizen werden.

Ich möchte beginnen mit einem flachen Ding auf meinem Schreibtisch. Es liegt links von meiner Tastatur, ist grau, etwa so groß wie zwei Handteller, also stattliche Handteller wie von einem ehrlichen Handwerker und vielleicht drei Millimeter hoch, also flacher als der flacheste Handwerker. Ringsum hat es eine unregelmäßige schwarze Kante.

Derzeit steht mein Stövchen darauf, gekrönt von meiner geblümten Teetasse. Was heute nur eine Unterlage ist, habe ich mal sachgemäß als Mousepad genutzt. Es war mir freilich der Kante wegen unangenehm am Handballen. Wer genau hinschaut, entdeckt im Grau des Pads drei Gruppen winziger Schriften. Ich muss nachlesen, es sind Hieroglyphen, koptische und altgriechische Schriftzeichen. Mein Mousepad ist eine Nachbildung des polyglotten Steins von Rosette, mit dessen Hilfe der französische Sprachwissenschaftler Jean-François Champollion die ägyptischen Hieroglyphen entziffert hat.

Vom Frühjahr bis zum Herbst 2009 schrieb ich im Teppichhaus Trithemius auf der Plattform Blog.de den interaktiven Roman: „Die Papiere des Pentagrion.“ Am 26. Oktober 2009, als ich schon früh mein Rad aus der Haustür schob, stand eine neue Postbotin vor mir und war im Begriff gewesen zu klingeln. Ich hielt ihr den Fuß in die Tür. Sie kannte sich offenbar nicht aus, fragte mich, ob im Haus das Teppichhaus Trithemius wäre. Auf dem Klingelbrett sei es nicht aufzufinden. „Ich bin zwar kein ganzes Haus, wie Sie unschwer sehen können, doch der Umschlag ist für mich.“ Sie drückte ihn mir vertrauensvoll in die Hand. Er war nicht sonderlich hübsch, schon mal gebraucht gewesen. Doch der unscheinbare Umschlag enthielt etwas für mich Wunderbares. Der Berliner Blogger, Autor und Verleger Wilhelm Ruprecht Frieling sandte mir den Stein von Rosette als Mousepad, das er jüngst im Britischen Museum erstanden hatte.

Zu jener Zeit waren wir befreundet. Einmal beim „Weltbloggertreffen“ von Blog.de habe ich Ruprecht (Prinz Rupi) Frieling in Berlin getroffen, einmal hat er mich in Hannover besucht. Lange Zeit hatten wir uns in unseren jeweiligen Blogs wechselseitig Kommentare geschickt. Da ging es immer geistreich und witzig zu. Legendär auch unser Verona-Poth-Ähnlichkeitswettbewerb. (Im Bild: Mein Wettbewerbsbeitrag – zum Wettbewerb bitte Bild klicken.) Leider verlor ich nicht nur den Wettbewerb, sondern mit Versinken der Plattform Blog.de auch den Kontakt zu Prinz Rupi. Schade drum.

Kaffeeplausch mit Frau Nettesheim – Büchse wie Dose

Frau Nettesheim
Ich vermisse Feingefühl, Trithemius.

Trithemius
Haben Sie es verlegt oder irgendwo verloren, Frau Nettesheim?

Frau Nettesheim
Nein, ich meinte Sie mit Ihrem gestrigen Trughaltestellentext. Als wäre alles nicht schon schwer genug, nutzen Sie den heiteren Aprilbrauch und quälen die Leute mit Problemen. Könnten Sie nicht einfach gute Laune verbreiten?

Trithemius
Soviel gute Laune habe ich grad auch nicht. Wenn ich die verbreite, kommen beim einzelnen nur homöopathische Dosen an.

Frau Nettesheim
Das wär’s doch schon, eine Dose gute Laune für jeden.

Trithemius
Hehe, Sternstunde des Wortspiels. Wussten Sie, Frau Nettesheim, dass Dosen in der DDR Büchsen hießen? Das Germanistische Institut der Universität Halle unterhielt in den 1990-er Jahren einen Deutsch-Deutschen Übersetzerdienst, der für gängige ostdeutsche Wörter die in Westdeutschland gebräuchlichen Synonyme anbot. Da konnte der irritierte Ostdeutsche anrufen und erfuhr, dass die Kaufhalle jetzt Supermarkt heißt und Bier nicht aus der Büchse getrunken wird, sondern aus der Dose.

Frau Nettesheim
Vielleicht schmeckt Bier aus der Dose einfach besser als aus der Büchse?

Trithemius
Das ist doch Quatsch. Wenn man den Leuten die Büchsen wegnimmt und stattdessen Dosen in die Hand drückt, dann ist das sprachlicher Imperialismus.

Frau Nettesheim
„Sprachlicher Imperialismus?“ Haben Sie es auch eine Nummer kleiner? Immerzu verpassen Sie den Phänomenen solche sich selbst beweisenden Begriffe.

Trithemius
Ich kann nicht anders. Wenn ich ahne, dass etwas nicht richtig ist, finde ich einen Begriff dafür und gebe meiner Ahnung Gestalt. Der Mensch braucht klare Sicht. Und im Fall Büchse-Dose zeigt sich ein altes Muster. Immerzu zwingen die Eroberer den Unterlegenen ihre Begriffe auf.

Frau Nettesheim
Sagten Sie nicht, der Deutsch-Deutsche Übersetzerdienst saß in Halle, also im Osten?

Trithemius
So kaschiert sich sprachlicher Imperialismus besonders hinterhältig, indem die eigenen Leute ihn vorantreiben. Sie und ich, wir als Binnenmigranten wissen, dass Sprache ein Stück Heimat ist. Den Leuten die Büchsen wegzunehmen und sie in Dosen umzutauschen, ist Vertreibung aus der sprachlichen Heimat.

Frau Nettesheim
Dosen sind sowieso umweltschädlich. Nicht umsonst gibt es ein Dosenpfand.

Trithemius
So ist sie halt, unsere Frau Nettesheim. Wenn sie argumentativ nicht mehr weiterkommt, macht Sie eine neue Büchse auf.

April, April! Letzte Haltestelle Demenz – Lebenslänglich Aprilsjeck

Meine lieben Damen und Herren, heute gibt es im Teestübchen Trithemius keinen launigen Aprilscherz, im Gegenteil, wenn ich König von Deutschland wäre oder ein aufsteigender Despot wie Markus Söder, würde ich alle Aprilscherze mit Corona und oder Klopapier verbieten, ersteres der ohnehin kursierenden Fake-News wegen, letzteres aus Gründen des guten Geschmacks, also des Vergehens wider den. Verdorrie, ich kann schon gar nicht mehr klar formulieren. Aber jetzt: Im digitalen Teestübchen Ihres Vertrauens wird niemand in den April geschickt.

Ich erinnere lediglich an einen Brauch aus Baden-Würtemberg, an ein „In den April schicken“, das der Schweizer Ethnologe Hanns Bächtold-Stäubli im “Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens” beschreibt: „Am ersten April schickt man die Kinder in die Häuser mit einem Zettel, auf dem steht:

    Aprilenbot, Aprilenbot!
    Schick den Narren weiter
    Gib ihm auch ein Stücklein Brot,
    Dass er net vergebens goht.“

In diesem Brauch wird am kindlichen Analphabeten die Macht des Alphabets demonstriert. Wenn sich niemand erbarmt, wird das Kind bis zu seiner Erschöpfung weitergeschickt, ohne zu wissen wie ihm geschieht. Kinder auf diese Weise zu veralbern, ist in unserer Gesellschaft nicht mehr opportun. Ganz anders unser Umgang mit Alten.

Bei einem Seminar zum Thema Handschrift an Bauhausuniversität Weimar machte mich die Studentin Theresa Zingel auf die Theorie der Nichtorte des französischen Ethnologen Marc Auge aufmerksam. Nichtorte sind Orte, die man aufsucht, um sie zu verlassen wie Bahnhöfe und Bushaltestellen. Dabei darf man nicht an die Bahnhöfe der Großstädte mit ihren Einkaufszentren, Fressständen, Dienstleistungs- und Versorgungseinrichtungen denken. Wer schon einmal in der Provinz auf einem windigen Bahnsteig gehockt hat, hinter sich das verrammelte und verrottende Bahnhofsgebäude, der hat das überzeugende Beispiel eines Nichtortes erlebt. Als Student habe ich einmal lange an einer einsam gelegenen Bushaltestelle in der wallonischen Provinz gestanden und gewartet. Die Ödnis dieses Nichtortes war nicht zu übertreffen. Auch der ausgehängte gammelige Fahrplan hat mir nicht geholfen, denn da war niemand, der Auskunft geben konnte, ob er überhaupt noch gilt. Ich erinnere mich nicht, wie ich da weggekommen bin, kann nur zuverlässig sagen, dass ich nicht mehr da stehe.

Damals dachte ich bereits, dass stumme Auskunftgeber wie Hinweisschilder und Anzeigetafeln Ausdruck der sozialen Entfremdung sind. Der französische Philosoph Michel Foucault nennt derartige Orte „Heterotopien“ „Orte außerhalb aller Orte“, die nach seiner Ansicht kommunikative Verwahrlosung anzeigen. Foucault zählt dazu ausdrücklich Altenheime, euphemistisch ‘Seniorenzentren’ genannt. An den Orten außerhalb aller Orte, wo unsere Gesellschaft die Alten zentriert, findet man zunehmend Nichtorte der besonderen Art, sogenannte Trughaltestellen im geschlossenen Garten. Demenzkranke können sich dort der Illusion hingeben, nach Hause aufzubrechen. Haben sie eine Weile vergeblich gewartet, ist der Impuls, nach Hause zu wollen, wieder vergessen und sie kehren freiwillig in den Schutz der Einrichtung zurück oder werden freundlich abgeführt. Natürlich gibt es zum neuen Brauchtum der Scheinhaltestellen bereits einen Eintrag bei Wikipedia, diesem grandiosen Nichtort des Digitalen.

Da findet sich das Beispiel einer Trughaltestelle auf dem Gang. Was zunächst absurd erscheint, entpuppt sich als besonders fürsorgliche Maßnahme der palliativen Therapie, denn so können reiselustige Demente geschützt vor Regen, Sturm und Kälte warten, bis etwa Pflegepersonal ihnen erzählt: „Die U-Bahn kommt heute nicht. Sie wird bestreikt!“ Es fehlt aber die Auflösung des Schwindels, der heitere Ruf: „April! April!“ Seit ich die Trughaltestelle gesehen habe, beschleicht mich der böse Verdacht, dass unsere Gesellschaft eine Fülle bislang unerkannter Nichtorte bereit hält, an denen wir wie die Dementen lebenslang in den April geschickt werden, und keiner kommt, uns zu erlösen.

April, April!: Letzte Haltestelle Demenz, Trughaltestelle in Hannover-Linden, wo niemals ein Bus hinkommt, denn das Gelände ist rundum geschlossen und von außen unzugänglich. Deshalb die ungünstige Perspektive. – Foto: JvdL, (größer: klicken)

Vorwärts, linksrum! Mach ma Kaffee! – Buchkünstler Christian Dümmler und die Fraktur

Ein buchtechnisches Kleinod sandte mir Christian Dümmler, der „overlord of bookdesign“ (Jason Koxvold), ein neues Produkt aus seinem Indie-Verlagsprojekt „Edition Blumen“, ein Heft von 32 Seiten mit einer Auswahl von zehn Texten aus meinem neuesten Buch „Goethes bunter Elefant.“ Der Anthologie gab er den Titel eines der ausgewählten Texte: „Neueste Nachrichten vom Nichtstun.“ Im Heft fand ich eine typografische Besonderheit, nämlich die Auszeichnung bestimmter Textstellen in Frakturschrift. Von dieser Idee war ich sogleich angetan.

Bis zum Verbot der Frakturschriften im Jahr 1941 durch die Nationalsozialisten war es üblich, in Frakturtexten alle Fremdwörter in Antiqua zu setzen.
Was spricht heute dagegen, umgekehrt die Fraktur zu neuen Auszeichnungszwecken zu verwenden? Eigentlich ist es ein Wunder, dass Typografen und Buchdesigner die Fraktur haben links liegen lassen, seitdem sie im Jahr 1941 von den Nationalsozialisten überraschend verboten worden war. Bis zu diesem Datum hatte man die Fraktur als typische deutsche Schrift gefeiert. Das plötzliche Verbot der Fraktur kam mit einem Rundschreiben Martin Bormanns vom 3.1.1941. Darin werden Gründe genannt, die von der gesamten Fachwelt bezweifelt wurden. Historiker haben nach anderen, rationalen Gründe gesucht, doch der Auslöser ist vermutlich völlig irrational.
Einen Hinweis liefert das Original-Rundschreiben. Die Rede ist von einer Besprechung. Anwesend waren Adolf Hitler, Martin Bormann, Stabsleiter beim „Stellvertreter des Führers“, Rudolf Hess und Max Amann, „Reichsleiter“ für die Presse der NSDAP und Direktor des Zentralverlages der NSDAP, sowie der Verleger und Buchdrucker Adolf Müller. Er druckte den Völkischen Beobachter, das Zentralorgan und „Kampfblatt“ der Nationalsozialistischen Partei. Eventuell war Müller dort, um einen Neudruck des Briefbogens der NSDAP zu durchsprechen. Bei dieser Gelegenheit hat er darauf hingewiesen, dass die im Briefbogen und in Schlagzeilen des Völkischen Beobachters verwendete fette Fraktur vom Juden Lucian Bernhard entworfen worden war.
Man kann sich Hitlers Entsetzen und folgenden Wutausbruch vorstellen. Jahrelang hatte er den Beteuerungen geglaubt, die Fraktur drücke deutsche Wesensart aus, entspreche dem deutschen Nationalcharakter. Am 30. Juli 1937 hatte das Propagandaministerium jüdischen Verlagen sogar verboten, die Fraktur zum Druck zu verwenden. Dass auf dem Briefbogen der NSDAP eine Judenschrift prangte, war überaus peinlich. Als wäre Hitler zur Freude der Juden jahrelang mit einem Zettel „Depp“ auf dem Rücken herumgelaufen. Und wenn deutsche Eigenart und ihr geistiges Eigentum von jüdischer Hand gestaltet war, dann könnten alle Frakturschriften diesen Makel in sich tragen. So wurde zur Sicherheit die Fraktur gänzlich verboten. In aller Eile schusterte man eine Begründung zusammen. Was zuvor als „Verrat am Volkstum“ gegolten hatte, wurde plötzlich legitim,
Antiqua ersetzte die Fraktur und wurde „Normalschrift.

Als im Jahr 2017 bekannt wurde, dass die sächsische Polizei auf den Kopfstützen ihres neuen Panzerfahrzeugs Frakturschrift hatte aufbringen lassen, sah man darin Ähnlichkeit zur Symbolik des Nationalsozialismus. Es ist wohl tatsächlich so, dass unbedarfte Neonazis und ein Gutteil der Aufgeregten die Fraktur fälschlich mit dem Nationalsozialismus in Verbindung bringen, ungeachtet der historischen Tatsache, dass just diese Nationalsozialisten die Fraktur 1941 per Erlass als „Schwabacher Judenletter“ verunglimpft und verboten haben.

Vielleicht liegt am Ruch des Nationalsozialismus der Grund für die spätere Ablehnung der Fraktur. Im Jahr 1949 veröffentlichte der Typograf Karl Klingspor von der berühmten Schriftgießerei Gebr. Klingspor mit „Über Schönheit von Schrift und Druck“ einen Schwanengesang auf die Fraktur. Es ist ein wunderschönes, bibliophiles Buch, auf Büttenpapier gedruckt, mit vielen eingeklebten Druckbeispielen, das die Vorzüge der Fraktur zur Geltung bringt, ohne die Antiqua zu verteufeln. Klingspor ist der völkische Zungenschlag fremd, jene Befürworter der Fraktur waren ja von den Nationalsozialisten 1941 selbst zum Schweigen gebracht worden. Klingspors Argumentation ist rein schriftästhetisch. So mag man dem Autor gerne darin folgen, dass es für die Deutschen gute Gründe gibt, bei der Fraktur zu bleiben, besonders der vielen Großbuchstaben wegen, die sich in der Fraktur organischer mit den Kleinbuchstaben verbinden sowie wegen der vielen langen Wörter im Deutschen, die in der Fraktur schlanker wirken, aber der Zug für die Fraktur war 1949 endgültig abgefahren. Das Verdammungsurteil der Nationalsozialisten wirkt bis heute nach.

Es ist das Verdienst von Christian Dümmler, die Fraktur zumindest als Auszeichnungsschrift wiederentdeckt zu haben. Ich freue mich, dass er das an meinen Texten ausprobiert.

Weblink: http://www.dorsten-unterm-hakenkreuz.de/2012/05/28/die-jahrelang-im-ns-reich-verwendete-gotische-fraktur-schrift-war-plotzlich-judisch-sie-wurde-1941-durch-die-lateinisierte-antiqua-ersetzt/

Literatur: Buchkultur im Abendrot

Solo für Trithemius – eine Gruselgeschichte

Die Wohnung rechts von meiner steht schon immer leer. Sie ist die nie bewohnte Stadtwohnung des Hausbesitzers. Manchmal betritt sie der Hausverwalter, wenn Handwerker im Haus anzuleiten sind oder Wohnungsbesichtigungen anstehen. In letzter Zeit hat es in den oberen Etagen einige Wechsel gegeben. Inzwischen weiß ich kaum noch, wer dort wohnt. Links von meiner Wohnung lebt sporadisch Martin. Er lebt natürlich durchgängig, verbringt aber die meiste Zeit bei seiner Freundin in einer Nachbarstadt. Die Familie unter mir ist zu Beginn der Coronakrise mit ihren zwei kleinen Jungs irgendwohin geflohen, wo man sich offenbar weniger gefährdet wähnt. Die Frau über mir verbringt das Wochenende vermutlich bei ihrem Freund. Derzeit ist sie ganz weg. Ich bin also von leerstehenden Wohnungen umzingelt. Entsprechend ruhig ist es im großen Wohnhaus. Ich könnte glauben, der einzig verbliebene Mieter zu sein. Im Roman „Großes Solo für Anton“, einem Werk der Phantastik von Herbert Rosendorfer, erlebt der Protagonist, dass über Nacht alle Menschen außer ihm verschwunden sind. In meiner Welt muss es aber noch Menschen geben, weil heute Morgen irgendwer die Kirchenglocken geläutet hat. Falls sich das Läutwerk aber automatisch eingeschaltet hat, ist das auch kein Beweis. Bei der neu erwachten Winterkälte werde ich mich nicht als Fenster stellen und Ausschau halten. Selbst wenn draußen eine Person vorbeigehen würde, wäre sie mir so fern, als würde sie auf dem Mond herumspazieren.

Die Erfahrung ist mir nicht neu. Während meiner Bundeswehrzeit wurde ich strafversetzt, wurde morgens beim Appell belobigt und anschließend versetzt in eine Bremer Einheit, die als Fickerkompanie verschrien war. Diese Kompanie hatte gerade eine Ausweichkaserne bezogen, weil ihre eigentlichen Gebäude saniert wurden. Dort wollte man mich separieren, weil ich Kriegsdienstverweigerer war und schon einige Soldaten aus meinem Umfeld ebenfalls verweigert hatten. Man wies mir das unbewohnte Dachgeschoss zu. Dort gab 12 Mansardenwohnungen, denn das Kasernengebäude hatte nach dem Krieg Flüchtlinge aus dem Osten beherbergt hatte. Jetzt standen alle Wohnungen leer. Wer konnte, hatte sich eilends eine andere Wohnung gesucht, um den unheiligen Schwingungen zu entkommen, die durch das Gebäude waberten. Wenn der Wind durchs kalte Treppenhaus pfiff, röhrte er in den Fluren. Dann griffen knöcherne Hände nach den Seelen. Zum langen Flur hin standen die Türen offen, dass es wirkte, als wären die Vorbewohner alle gleichzeitig geflohen.

Ich wanderte im Dämmer des späten Nachmittags den Flur entlang und warf in jede Wohnung einen Blick, als müsste ich mich überzeugen, niemanden mehr vorzufinden. Doch ich hatte keinen Grund, so leise und verstohlen über den Flur zu streichen, wie ich es unwillkürlich tat. Ich war auf der Dachetage völlig allein. Jede Wohnung hatte drei Zimmer. Vom zentralen Raum gingen je links und recht Türen ab in angrenzende Räume. Wo ich nachgesehen hatte, schloss ich die Türen und bedauerte, keine Schlüssel vorzufinden. Bald sollte ich feststellen, dass es keine gute Idee gewesen war. Denn fast jede Tür rappelte im Rahmen, sobald der Wind sich wieder erhob. Eine Wohnung in der Mitte des Flurs empfing mich nicht gar so kalt und abweisend. Vor allem hatte sie noch Licht. Der schwarze Drehschalter neben der Tür ließ eine nackte Glühbirne aufleuchten, die in ihrer Fassung von der Decke hing. Sie beleuchtete eine ockerfarbene Blümchentapete, mit der ihre Vorbesitzer den Räumen etwas Wohnlichkeit hatten abtrotzen wollen. Man hatte sich bemüht, die Dachschräge in allen drei Räumen bis in die Raumecken hinein sauber zu tapezieren. Unter der Feuchtigkeit hatten sich Bahnen gegen den Fußboden am Stoß gelöst und sich hochgewölbt, dass die Spalten wirkten wie schwärende Wunden. Was einmal wohnlich hatte wirken sollen, verstärkte jetzt mein Gefühl unendlicher Verlassenheit.

Ich trat an die Dachgaube und schaute hinaus. Es war fast finster. Am Gebäude drüben flatterte eine helle Plane im Wind und schlug klatschend gegen eine Mauer. Ein Schauer lief über meinen Rücken. Drum drehte ich mich um und schloss die Tür zum Flur. In der schmalen Kammer links vom zentralen Raum stand ein schmales Bett mit blanker Matratze, mein Bett für die Nacht. An der Wand hing noch ein Poster, ein sonnengebräuntes nacktes Mädchen schritt vom Betrachter weg durch ein Kornfeld. Wo das Höschen gesessen hatte, war die Haut deutlich heller und verstärkte den Eindruck der Nacktheit. Sie hatte den Oberkörper halb zurück gewandt und schaute in die Kamera. Nie hätte ich gedacht, dass ein solches Poster tröstlich auf mich wirken könnte. Auch wenn sie dabei war fortzugehen, war ich noch nicht allein, nicht gar so verlassen.

In der Nacht schreckte ich hoch. Mir hatte geträumt, auf dem Gang würden Türen geschlagen. Wer würde zu nachtschlafener Zeit so rücksichtslos sein? Ich wollte irgendwas rufen, aber meine Stimme war tonlos. Meine Tür stand offen. Aus der Schwärze des angrenzenden Raumes hörte ich eine vertraute Stimme flüstern: „Ja?“ Ich sagte: „Wilhelm? Ich habe Angst.“ Wieder schlugen Türen. Draußen hatte sich ein Sturm erhoben. Der Herr des Sturms polterte über den Flur, stand plötzlich in meiner Tür und schaute sich suchend um. Ich wollte um Hilfe rufen, doch ich brachte nur einen schwachen Hauch hervor, so sehr ich mich mühte. Der Herr des Sturms schnaubte verächtlich, verharrte eine Weile im Raum, dann war er weg. Ich erwachte davon, dass ich rief und fand mich zu Hause in meinem Bett. Die Tür zum Flur war scheinheilig geschlossen, doch ich war sicher, dass sie vorher offen gestanden hatte.

Kennst du das? Du erwachst aus einem Alptraum und findest dich in einem ähnlichen, allein in einem großen Haus. Nur meine Wohnung ist tröstlicher. Hier bin ich zu Hause und fühle mich wohl. Blöd ist, dass man inzwischen die Fenster vermauert hat.