Teestübchen intern – Neuerscheinung

Meine lieben Damen und Herren,

hiermit tue ich kund und zu wissen, dass in der Teestübchen-Edition ein weiteres Buch erschienen ist. Es heißt: Die schönsten Augen nördlich der Alpen. Das Layout des Taschenbuchs hat der Nürnberger Typograf und Buchkünstler, mein Blogfreund Christian Dümmler gestaltet, und als Schrift die Arnhem fine gewählt, die der Niederländer Fred Smeijers Ende der 1990er-Jahre geschaffen hat. Die Titelgestaltung ist von mir. Die Texte darin sind weitgehend in den Teppichhaus/Teestübchen-Blogs erschienen, aber es gibt auch neues Material, so die Fortsetzung der Erzählung Mikroben. Alles ist natürlich sorgfältig von mir bearbeitet worden. Das Buch wird schon geraume Zeit auf dem Teestübchen-Weihnachtsmarkt angeboten. Aber ich musste mit der Ankündigung warten, bis es zumindest auch über Amazon zu haben war. Vor Weihnachten wird’s wohl nicht mehr klappen mit der Auslieferung des gedruckten Buches. Das E-Book käme allerdings rechtzeitig. Sonst: Nach Weihnachten gibt es auch noch ein literarisches Leben. Wenn der Winter so richtig begonnen hat, macht das Schmökern besonders viel Vergnügen.

Das Taschenbuch hat 156 Seiten, ist über die
ISBN: 9783745068344 zu bekommen,
kostet 14,99 Euro, E-Book 1,99 Euro.

Zum Anschauen bitte Bild klicken,
nähere Angaben zum Buch hier.

Beste Grüße

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TV-Kritik: Lauter Löcher und destroyed Jeans

Vorgestern Abend habe ich aus lauter Verzweiflung einige Minuten der Sendung mit Markus Lanz angesehen. Da saß nämlich Helge Schneider, und ich wollte wissen, ob er etwas Subversives sagen würde. Doch Lanz fragte ihn die sattsam bekannten Dinge, und brav erzählte Schneider das Wiedergekäute, wie unbändig er in seiner Kindheit gewesen war bis hin zur Pubertät, als er sich die Haare hat wachsen lassen und der Vater sich nachts mit der Schere angeschlichen habe, um die Matte abzuschneiden. Was für eine saublöde Geschichte, aber Lanz wäre nicht Lanz, wenn ihm nicht noch was Blöderes einfallen würde. Er gab kund, dass er seine Mutter dabei erwischt habe, als sie seine löchrigen Jeans in kleine Stücke schnitt. Ja, geht’s noch? Was interessieren denn dem Lanz seine pubertären Löcherjeans und seine verwirrte Mutter? Das ist doch unerträglich! Sitzt da wie ein geschniegelter Affe und schwafelt was von uralten Löchern, dass alle denken sollen: Was für ein toller Hecht, der Lanz, da überweise ich demnächst freiwillig doppelte Zwangsgebühren. Über diese Löcher will man mehr wissen! Erst recht über die Lanz-Mutter, die aus lauter Verzweiflung Löcher zerschnitten hat.

Ich wusste gar nicht, dass es in Lanzens Jugend schon modisch war, mit löchrigen Hosen rumzulaufen. Wie blöd muss man eigentlich sein, mit Löchern in den Jeans anzugeben? Wer schon früh so bescheuert war, braucht dringend eine Therapie, ersatzweise eine abendliche Quasselshow im ZDF, wo man sich im Folgenden darüber ausließ, wie man es denn bei den eigenen Kindern halte, wenn sie etwa auf Bäume klettern. Sagt der Lanz, in seiner Sendung sei mal ein skandinavischer Pädagoge gewesen. Der habe geraten, man solle sich nicht aufregen, sondern fragen: „Was siehst du denn von da oben?“ Aua! Das tat weh und mich rettete der Ausschaltknopf. Derlei Rezeptepädagogik findet einer wie Lanz gut. Mir fällt dazu ein Witz ein:

Ein Finne, ein Schwede und ein Däne sollen hingerichtet werden und haben einen letzten Wunsch frei. Der Finne will sich noch einmal besinnungslos besaufen. Der Schwede erklärt: „Ich habe im Gefängnis Erziehungswissenschaft studiert, und möchte vor meinem Tod einen Vortrag halten über die sittliche Verbesserung des Menschen durch Pädagogik.“ Da sagt der Däne: „Und ich will hingerichtet werden, bevor der Schwede seinen Vortrag hält.“

Wer nicht genug im Kopf hat, seinen Kindern gegenüber aus eigener Einsicht vernünftig zu handeln, dem helfen auch keine Rezepte. Denn da kommen oft genug Situationen, für die kein Fernsehpädagoge schon Rezepte verkündet hat. Wenn im öffentlich-rechtlichen Fernsehen derartige Verblödung zelebriert wird, muss man sich da wundern, dass Jugendliche für ihren Protest nicht mehr selbst Hand anlegen, sondern Jeans mit fabrikmäßig vorfabrizierten Löchern an den Knien kaufen, um damit bei Nässe und Kälte herumzulaufen – im Zirkus des schlechten Geschmacks?

Ich folgte einer Einladung (2) – Robert Gernhardt findet es ulkig (Aus einem alten Tagebuch)

Teil 1

Keiner nimmt Notiz von mir. Ein Raum gegenüber ist hell. Dort ist ein Büfett aufgebaut. Ich habe großen Hunger, also reihe ich mich ein, doch dann denke ich, zuerst mal den Chef und Gastgeber suchen. Wie sieht das denn aus, wenn du ihm gegenüber trittst mit einem Teller in der Hand. Also wieder vor die Tür, den Rausschmeißer gefragt: „Wo finde ich Oliver Schmitt?“
„Da kommt er!“
Tatsächlich steht er auf dem Gang, als wäre er aus dem Nichts aufgetaucht, trägt eine großgemusterte Hose und sieht etwas unglücklich drein. Ich hin und sage, indem ich seine Hand ergreife: „Hallo, ich bin Jules van der Ley!“
„Aha, Herr van der Ley“, sagte er etwas befangen, „Haben Sie den weiten Weg hierher gemacht.“
Zum Glück trat jetzt Ex-ChefredakteurHans Zippert hinzu, der zwar mit belegter Zunge sprach, aber souverän wirkte. Während Oliver Schmitt sich bald anderen Gästen widmete, nahm sich Hans Zippert ein wenig meiner an.

Zippert ist verantwortlich für mein Debüt als Titanicmitarbeiter. Er hob von mir „Was macht eigentlich …“ ins Heft, unter dem Pseudonym „Glimmerschiefer“ (Schiefer = Ley) in Titanic, April 1993. Das Heft wurde auf Betreiben von Björn Engholm (SPD) indiziert, weil er auf dem Titel in der Badewanne abgebildet war, in Anspielung auf „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort“- Uwe Barschel (CDU). (Zum Lesen bitte klicken)

Zunächst aß ich was vom Büfett, das ein dicker Mann angerichtet hatte, der dafür gelobt wurde. Er hatte über manche Gerichte etwas Witziges auf Schildchen geschrieben, aber über der Käseecke stand „Käseecke“; das war noch witziger. Dieser Mann hatte irgendwas mit der Sprachschule zu tun und war gleichzeitig der Produzent einer CD von Zippert und Schmidt.

Hans Zippert erzählte mir Diverses, dass sein Sohn auf der Waldorfschule sei, dass Christian Schmidt ein Buch habe, in dem stehe, Rudolf Steiner sei zeitweise Satanist gewesen, und als sie mit anderen Eltern die Waldorfgrundschule aufgemacht hätten, wäre in der Gegend die Angst aufgekommen, es würde sich eine Sekte einnisten. Auch erzählte er, wie er zur Titanic gekommen wäre. Sie hätten in Bielefeld das Drecksmagazin herausgegeben und seien dann immer mit geliehenen Autos zur Buchmesse gefahren, um das dort zu verticken. Einmal hätten sie das Drecksmagazin auch den Leuten von der Titanic gezeigt, und die hätten gefragt, warum sie damit nicht schon früher gekommen wären. Darauf sei ein Anruf gekommen, sie sollten eine Ziwi-Beilage gestalten. So habe alles angefangen. Zwischendurch begrüßte er ein paar Leute, stellte mich auch den ankommenden Christian Schmidt und Thomas Gsella vor.

„Du hast eine gute Methode, alles vom Bild her zu sehen“, sagte Oliver Schmitt.
„Ja, aber ich würde gerne auch mehr für Titanic zeichnen!“
„Dann musst du zuerst Heribert Lenz und Achim Greser beseitigen“, sagte Zippert.
„Ich weiß ja nicht mal, wie die aussehen.“
„Die zeige ich dir. Ich male ihnen ein Kreuz auf den Rücken.“

Irgendwann drängte ich mich zur Theke durch. Das war da wie in einer Kneipe. Komische Sprachschule. Wird wohl das saubere Trunkenheitslallen lehren?

Nach längerem Anstehen bekam ich von dem Mädchen hinter der Theke eine Flasche Becks. Nach einer weiteren Flasche tauchte Hans Zippert wieder auf und fragte: „Kann ich dir in Personalangelegenheiten noch helfen?“
„Ich würde gerne Thomas Hintner kennenlernen.“
„Ah, das geht ganz leicht, der sitzt nämlich just hier am Tisch!“
„Das hier ist Jules van der Ley“, sagte Zippert, und ein sympathischer Junge schaute von seinem Wurstteller hoch und sagte lächelnd: „Das sagt mir nichts.“
„Glimmerschiefer!“
„Ach so, Glimmerschiefer!“
Ich hatte mir den Titanic-Bildchef ganz anders vorgestellt. Er bat mich an den Tisch. Ein Stuhl wurde herübergehoben. Wir sprachen dies und das, aber saßen genau unter den Musikboxen, und er schlug vor, einen anderen Platz zu suchen. Ich ging zuerst zur Theke und holte mir noch ein Bier. Da blinzelte mir von rechts Peter Knorr zu, eine der Titanic-Ikonen und Teil des Autorengespanns Eilert-Gernhardt-Knorr, das die meisten Witze von Otto Waalkes geschrieben hat. Er wartete auch auf eine Gelegenheit zu bestellen, derweil ich mich vorgedrängt hatte.
„Sie sind Peter Knorr“, sagte ich und schüttelte ihm die Hand, indem ich mich vorstellte. Er fand’s gut, erkannt zu werden.
„Schreiben Sie nichts mehr für die Titanic?“
„Ab und zu einen der „Briefe an die Leser.“

Plötzlich stand bei Thomas Hintner und mir Robert Gernhardt mit einer jungen Begleiterin („Buhlin“, sagte irgendwer), die, als sie hörte, dass es auch ein Büfett gab, gleich hin wollte, Gernhardt aber sagte: „Wir haben doch gerade erst …“ Thomas Hintner stellte mich vor als den Autor der Handyseite, und Gernhardt sagte: „Ich habe sehr gelacht!“ Über F.K.Waechter sagte Gernhardt: „Er zeichnet nicht mehr, hat irgendwie die Idee, ein Mensch habe maximal 2000 Witze.“ Dann erzählte er eine Waechter-Anekdote:
Einmal seien sie zusammen wandern gewesen. Waechter habe die Devise ausgegeben, dass Schokolade den Durst stille. „Und das ist gar nicht wahr!!!“
Gernhardt kicherte. Er fand’s ulkig.

Wir sprachen über den Rezitator Lutz Görner, der bei seinen Auftritten auch Gernhardt-Texte vorträgt. Das sagte Gernhardts Buhlin: „Görner ist bösartig“, und Gernhardt bestätigte: „Ja, bösartig. Der erzählt überall, seitdem er Gernhardt rezitiere kämen die Leute nicht mehr in Gernhardts eigene Lesungen, weil er, Gernhardt, seine eigenen Pointen verknicke. Zur Strafe werden wir ihn totschweigen. Der wird noch fragen, ‚Warum steht nichts über mich in Titanic?‘ Und da steht auch nichts über ihn.“ Leider zog ich mir Gernhardts Unwillen zu, als ich an alte Pardon-Zeiten erinnerte, als er unter dem Pseudonym Lützel Jeman den Cartoon „Schnuffi“ zeichnete. Da sagte Gernhardt: „Der Mann hat ein eisernes Gedächtnis!“, was klang wie ein Gedächtnis, das nicht vergessen will, was er selbst gern vergessen wollte. Da zog es ihn doch zum Büfett. Thomas Hintner fragte sich, wer seine Begleiterin wohl sei und meinte, Gernhardt hätte sie vorstellen müssen. Ich schaute plötzlich auf die Uhr und bemerkte völlig überrascht, dass da 00:15 Uhr zu lesen war. Die Stunden auf dem Titanic-Buchmessenfest 1995 waren so vorbeigeflogen.

Wird fortgesetzt

(An Robert Gernhardts Geburtstag erinnert gestern Kollege Noemix)

Ich folgte einer Einladung – Aus einem alten Tagebuch

Die Zugfahrt Aachen – Frankfurt/Main ist mit 154 DM arg teuer. Ein Problem wird die Rückfahrt sein. Ich müsste schon am späten Abend in Frankfurt losfahren und säße in der Nacht zwei Stunden auf dem Mainzer Bahnhof rum. Darum fragte ich das Mädel am Schalter nach einer Alternative. Sie befragte vergeblich ihren Computer. Darauf plauderten wir etwas über die Vorzüge des Systems gegenüber dem für Laien unlesbaren Kursbuch (vergl. Zeitungsbericht).

Im Zug nach Köln saß bei mir einer, der unentwegt in seine DIN-A5-Kladde schrieb, weiträumig,mit Fußnoten. Den sah ich wieder, nachdem ich in Köln in den IC 527 Gorch Fock Kiel – Köln – Nürnberg umgestiegen war. Es sollte meine erste Fahrt überhaupt mit einem Intercity sein. Freilich merkte man in meinem Abteil nichts, was den Zuschlag von 6 DM rechtfertigt.

Mir gegenüber saß eine etwa 50-jährige Frau mit kräftigen Gesichtszügen. Sie trug eine weiten rostfarbenen Rock. Die Dame war in Opladen gewesen, wo sie ihre Schwester besucht hatte, und würde mitfahren bis Koblenz, wo sie umsteigen würde, um die Mosel hoch zu fahren nach Konz bei Trier. Sie hatte ein düsteres Weltbild, sagte, dass es ja heute kaum noch gerechtfertigt sei, Kinder in die Welt zu setzen bei all der Gewalt, Arbeitslosigkeit und Umweltverschmutzung. Wann immer ich etwas einwandte, stieß sie mit einfältigem Gesichtsausdruck vor und rief: „Sagen se nur! Is dat wahr? Sagen se nur?“ Hätte sie dabei nicht dieses eselsmäßige Staunen im Gesicht gehabt, hätte ich gedacht, die will mich verarschen. So dachte ich, das eselsmäßige Staunen gilt in Konz vielleicht als Bestandteil höflicher Konversation. Im Himmel über Konz hängt tagein, tagaus ein vielstimmiger Chor von „Sagen se nur! Is dat wahr? Sagen se nur?“ Begleitet vom eselsmäßige Staunen wird es traditionell zwischen den Konzern hin- und hergegeben wie andernorts die Geldmünzen. „Sagen se nur! Is dat wahr?“ ist die eigentliche Konzer Währung. Man weiß es ja nicht als Außenstehender. In Koblenz verließ sie mich mit guten Wünschen für meine Gewalttour Aachen-Frankfurt-Aachen. „Dankesehr! Und Ihnen wünsche ich glückliche Heimkehr nach Konz!“

„Sagen Se nur! Is dat wahr?“

Wie vermisste ich diese prächtige Konzerin schon, als sie gerade erst ausgestiegen war. Als ich ihr geschildert hatte, dass ich in der Nacht noch würde zurückfahren müssen, weil ich am nächsten Tag arbeiten musste, war mir selbst etwas mulmig gewesen.

Bei Mainz rollte der Zug über den Rhein. Mein Mut sank, denn auf der rechten Rheinseite beginnt für mich Rheinländer das finstere Ausland und dehnt sich aus bis in die Innere Mongolei. Immerhin wurde meine Deutschlandkarte für diese Gegend konkretisiert. Wir kamen nämlich auch durch die Opelstadt Rüsselsheim, wo müde Männer auf den Bahnsteigen auf ihre Züge warteten, nicht auf meinen. Der IC ist nichts für sie. Sie passen besser in schmutzige und überfüllte Nahschnellverkehrszüge, befand der Bahnexperte in mir, ein hübscher Experte, hatte gerade erst den IC kennengelernt und trug schon die Nase hoch.

Der Frankfurter Hbf ist ein Kopfbahnhof, und auf Verdacht verließ ich den Kopf auf der linken Seite, wo ich erfreulicher Weise direkt auf die Kaiserstraße zulief. Ich fragte jemanden an der Fußgängerampel, und der hatte den einfachen Job: „Genau geradeaus!“ zu sagen, und da war auch schon die gesuchte Haus-Nummer 74, ein altes, hohes Stadthaus, und „Lissania“ entpuppte sich als Sprachschule. Was man da wohl für eine Sprache lernen kann?

Der Flur wirkte ärmlich, und auf der 2. Etage sah ich einen Mann im Schlafanzug und mit Pantoffeln in einer vernachlässigten Wohnung verschwinden. Ja, dachte ich, was soll ein Armer, der nirgendwo zum Feiern eingeladen ist, wenn um ihn herum die Vergnügungssüchtigen aussschwärmen, was soll der anders tun als ins Bett gehen und die Decke übern Kopf zu ziehen.

Eins höher, an der offenen Tür der Lissania, wollte ein kurzgeschorener Türsteher meine Einladung sehen. Innen großes Herumgerenne bei gedämpftem Licht. Ich rein.
(Wird fortgesetzt)

Eichhörnchens Gespür für Schnee

Große Aufregung gestern Mittag in und um meinen Küchenbaum. Ständig flogen Amseln und Krähen umher und zunächst wunderte ich mich nur über ihre Unruhe, dann sah ich das magere Eichhörnchen. Es hockte in einer Astgabel des Küchenbaums und knabberte eifrig an seinen Vorräten. Ab und zu fiel etwas ab vom Eichhörnchentisch, da waren die Amseln meistens schneller als die Krähen am Boden. Bei den Bäumen weiter hinten sah ich das zweite Eichhörnchen. Auf der Suche nach dem anderen sprang es von Ast zu Ast von Baum zu Baum. Das erste aber saß versteckt hinterm Stamm, um in Ruhe knabbern zu können. Einige Stunden nach dieser Fressorgie begann es zu schneien. Jetzt verstand ich die Aufregung. Ich weiß nicht, wie es geht. Aber das Eichhörnchen schien zu wissen, dass seine Vorräte bald von einer Schneedecke begraben sein würden und fraß sich nochmal richtig satt. Gute Idee, es ist mager genug, weil es nämlich ständig von dem anderen, offenbar einem Männchen, gejagt wird. Vor ihm versteckt es sich. Ich wüsste gern,wie in seiner Weltwahrnehmung die Vögel aussehen. Es ließ sich von ihnen nicht stören, aber musste doch eine Ahnung haben, dass sie ihm wegfressen würden, was es in seinem Fresseifer fallen ließ, weshalb es zweimal flugs zu Boden eilte, den Stamm hinab bis zur Baumwurzel, wo es die gefallenen Reste aufklaubte, um wieder hinauf zu seinem Fressplatz zu flitzen. Eichhörnchen bewegen sich üblicherweise stoßweise, doch diesmal war fürs Verharren keine Zeit. Alles wurde in großer Eile erledigt.

Schneebedeckt – Foto: JvdL

Wenig später drangen von draußen fröhliche Kinderrufe an mein Ohr. Ich schaute hinaus, und alles war weiß. Da dachte ich, dass die weiße Pracht im Tierreich vermutlich wenig Freude hervorruft. Viele Lebewesen geraten jetzt in Not. Auch unsere Vorfahren haben das Bedrohliche des Winters mal gespürt, haben in ihren Hütten gehockt und geahnt, als es zu schneien begann, dass die Natur lebensfeindlich geworden war. Wohl dem, der genug Vorräte angelegt hatte. Doch weil nicht bekannt war, wann der Winter enden würde, wurde die Raffgier zur wichtigen Überlebensstrategie. Heutzutage dreht diese eiszeitliche Prägung leer, ist zwar kulturell überformt, doch noch in uns, so dass sie bei Gelegenheit wieder aufbrechen kann.

Tante Cillas Gesänge

Cäcilia Kuttelwäsch, genannt Cilla, stammte aus einer Zeit, als sich die unverheiratete Frau noch stolz „Jungfrau“ nannte. Diese stämmige ältliche Jungfrau trug die schwarzen Haare streng nach hinten gezurrt und zu einem dicken Dutt geknotet. Sie saß ohne familiären Anhang auf einem ererbten Bauernhof, dessen Stallungen verwaist waren, denn als alleinstehende Frau war es ihr nicht gegeben, den Hof zu bewirtschaften. Cilla bewohnte im Haus die beiden Zimmer links und rechts der stets verschlossenen Haustür. Alle anderen Räume hatte sie vermietet, einen Raum an ein kinderloses Ehepaar im Obergeschoss, inklusive Nutzung der Küche, und ein großes Zimmer im Erdgeschoss und zwei Schlafzimmer im Obergeschoss an meine Eltern. Die geringen Mieteinnahmen waren vermutlich ihre einzigen Einkünfte. Zum Haus gehörte ein großer Gemüsegarten mit einigen Obstbäumen, der ihren Unterhalt sicherte, weshalb er nur von ihr betreten werden durfte. Aus Sparsamkeit heizte sie ihre Räume nicht und saß fast immer im Dunkeln. So ohne Verpflichtung hatte sie mit ihrer Kraft haushalten können, so dass sie noch im Alter über ein großes Maß an Energie verfügte und kein einziges graues Haar zu haben schien. Sie war boshaft und zänkisch, und ihr durchweg finsterer Charakter wurde durch keine Religion gebändigt. Hätte im nahen Kloster der Inquisitor von ihr gewusst, hätte er befunden: „Zur Sicherheit verbrennen wir die Hexe.“

Uns Kinder hasste sie, obwohl wir gehalten waren “Gute Nacht, Tante Cilla!“ zu rufen, wenn meine Mutter uns über die Stiege hinauf zu Bett brachte. Nur einmal im Jahr kümmerte sich Tante Cilla um uns. Am Heiligabend saßen wir bei ihr im dunklen Wohnzimmer und warteten auf das Christkind. Um die Zeit zu verkürzen, sang Tante Cilla uns vor, mit einem gefährlichen Tremolo in ihrer Altstimme, und es schien, als würde sie Gesänge aus tiefster Vergangenheit heraufbeschwören. Es waren unheimliche Lieder, die mit eisernen Klauen nach unseren Herzen griffen.

Bei ihrem heidnischen Gesang war Cilla ganz entrückt und nahm kaum noch wahr, wie wir verängstigt auf dem unnachgiebigen Sitzgeflecht ihrer Eichenstühle herumrutschten und das Klingglöckchen herbeisehnten, das uns aus der kalten Finsternis in unsere geheizte Wohnküche rief, wo der Weihnachtsbaum in festlichem Glanz erstrahlte. Dieser Kontrast zwischen Tante Cillas düsterer Welt und dem hellerleuchteten Weihnachtszimmer bereitet mir noch heute einen wohligen Schauer.

Über Cillas Heidenlieder hat sich gütiges Vergessen gelegt. Ich habe nur ein einziges behalten, ein Spottlied, vermutlich wegen seiner heiteren Bosheit, weil im Lied die Wünsche eines Knaben von seiner findigen Mutter auf höchst unbefriedigende Weise erfüllt werden, „Unser Nohber Pitter.“ Nachbars Peter will so gerne Ritter werden, und weil er kein Pferd hat, setzt die Mutter ihn auf den Ziegenbock. Zum Helm wird der Nachttopf, zum Schwert das Ofenrohr usw. Hier im kölschen Dialekt mit hochdeutscher Übersetzung:

Gekritzelt – Bahn bewaffnet Schaf

Biertrinken gegen Sprachmagie
Bei unserem letzten HaCK-Treffen in der Kneipe zweifelte Herr Putzig aus soziologischer Sicht den Vereinbarungscharakter der Sprache an, der unter Linguisten seit Saussure unumstritten ist. Um das Willkürliche zu beweisen, schlug ich vor, wir sollten vereinbaren, unsere Biergläser künftig Nähmaschinen zu nennen. Dann stießen wir mit unseren vollen Nähmaschinen an und prosteten uns zu. Filipe d’Accord guckte ganz erstaunt. Vermutlich hätte er nicht gedacht, dass es geht.

Erinnerung an Colomans Fliege
Auf meiner Fensterbank lagen Ausdrucke eines Manuskripts, das ich gerade in Arbeit habe. Gestern saß eine kleine schwarze Spinne auf den Zeilen gleich Colomans Fliege. Der irische Mönch Coloman († 17. Juli 1012) hatte der Überlieferung nach eine Fliege, die auf dem Codex saß, in dem Coloman las. Immer wenn er eine Lesepause einlegen wollte, befahl er der Fliege, auf der zuletzt gelesenen Zeile sitzen zu bleiben, was die Fliege auch tat. Dieses lebendige Lesezeichen wird ihm leider irgendwann vom Codex weggestorben sein, ohne ihre Fähigkeit zu vererben, denn ähnliche Dienstleistungen wurden nie mehr von Fliegen berichtet. Das Spinnchen hatte ich allerdings nicht gerufen, und ich dachte, meine Texte sind auch nichts für Spinnenhirne.

Ich folgte einer Vampirin

„Sie lächeln so fein, dabei wollen Sie nur mein Blut“, sagte ich der aparten medizinischen Fachangestellten, als sie mich zur Blutabnahme bat. „Wenn ich grimmig schauen würde, käme doch keiner freiwillig mit“, entgegnete sie. Gut gegeben.

Die Sorge des Atheisten
Wenn es dunkel ist und ich vom Schreibtisch nach links schaue, blinkt durch das wirre Gezweig der entlaubten Vogelkirsche ein Stern. Er strahlt vermutlich von der Turmspitze der Bethlehem-Kirche. Als ich von Aachen nach Hannover zog, hätte ich nebenan, am Bethlehemplatz auch eine schöne Wohnung mieten können. Ich habe mich gegen sie entschieden, weil ich die Adresse „Betlehemplatz“ nicht haben wollte. Da würde man doch denken, da wohnt eine Betschwester.

Aber warum denn?

Schnappschuss: JvdL

Ach so, vong da her
Wie Jugendsprache in den Medien verbreitet wird, ist sie schon immer künstlich gewesen. Das gilt auch für die diversen Lexika der Jugendsprache. Um seines zu bewerben, kürt der Langenscheidt-Verlag das „Jugendwort des Jahres.“ Diesmal lautet es „I bims“, eine Verballhornung von „Ich bin’s“ aus der parodistischen Vong-Sprache, mit der die schlechten Deutschkenntnisse von Jugendlichen und Erwachsenen ironisiert werden. Obwohl Vong eine Erfindung ist, die durch eine facebook-Seite populär wurde, greift „I bims“ eine Entwicklung der Umgangslautung auf, die der Grammatikduden schon 1984 verzeichnet, ähnlich „fümf“ statt „fünf“, „ampassen“ statt „anpassen“ und dergleichen. Vielleicht werden unsere Ururenkel Vong sprechen.