Die Dinge des Lebens – Der bunte Mann

Mit einem kräftigen „Guten Tag!“ betritt ein großer glatzköpfiger Mann das Wartezimmer. Er trägt eine orangefarbene Hose und einen türkisblauen Hoodie, statt Maske hat er einen dunkelblauen Rollkragen übers Gesicht gezogen. Er setzt sich kurz, steht dann plötzlich vor mir und sagt: „Können Sie mir kurz helfen?“, wobei er mir ein geöffnetes Taschenmesser in die Hand drückt. „Ich möchte den Faden abschneiden, aber mir fehlt dazu eine weitere Hand. Mit der Linken zieht er einen Faden von der Naht des Hodies an der Innenseite seines rechten Unterarms stramm. Ich prüfe mit dem Finger, wo die Schneide des Taschenmessers ist und schneide den Faden ab. Er bedankt sich, setzt sich wieder und beginnt aufmerksam in einem roten Büchlein zu lesen. Seine Welt ist wieder in Ordnung. Jetzt sehe ich, dass er auch orange und türkis geringelte Socken trägt. Seine Segeltuchtasche hat die Kombination Blau-Orange. Selten habe ich so einen selbstgewissen bunten Mann gesehen.

„Ich bin der Bischof von Bugolaland und brauche ein halbes Pfund Margarine.“
[Patricia Moyes; Murder Fantastical, dt. „… daß Mord nur noch ein Hirngespinst“]

Hübsche Kursiv der Bleistiftmarke Bruynzeel (hier falsch Bruynseel kalligrafiert von mir)

Die Vogelscheuche schreckt die Vögel wenig. Einst war sie der Gott der Grenzmarken.“ (Carl Faulmann) Vom Gott zum Lumpenhund: Die Banalisierung befällt auch das Göttliche.

Immer öfter passiert es mir, dass ich nach Verlassen eines Ladenlokals vergesse, die Maske abzustreifen. Ich bemerke an mir eine perverse Lust, Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen. Offenbar geht es nicht nur mir so. Manche fahren sogar mit der Maske Rad. Der Nutzen der Mund-Nasen-Bedeckung ist ja so gering, dass sich eine Ritualisierung andeutet. Die Maske als Erkennungszeichen einer Sekte, zu der man zwangsrekrutiert wurde. Rollt eine Straßenbahn vorbei, und aus allen Fenstern schauen welche mit Maske, muss ich denken, dass uns die herrschende politische Klasse endlich zu den Deppen gestempelt hat, für die sie uns schon lange halten.

Niederländisch für alle

Flashback Mai 1989, Bernd K., mein Freund und Kollege für Niederländisch am Gymnasium hatte sich einen Stempel anfertigen lassen, um ihn statt Unterschrift auf die Klausuren seiner Schülerinnen/Schüler zu drücken. Darauf zeichnete ich folgendes Cartoon (zum Lesen klicken) Der Freund ist auch hier am Schluss des Textes in einer Zeichnung von mir zu sehen, wo er mit Saxophon den Tod seiner Katze betrauert.

Magermilchjoghurt

Zeichnung und Gif-Animation: JvdL


„Wann ich Morgens auffstehe, sprach Grschwbtt, so spreche ich ein gantz A.B.C., darinnen sind alle Gebett auff der Welt begriffen, vnser Herr Gott mag sich darnach die Buchstaben selbst zusamen lesen vnd Gebet drauß machen, wie er will, ich könts so wol nicht, er kan es noch besser. Vnd wann ich mein abc gesagt hab, so bin ich gewischt vnd getrenckt, vnd denselben Tag so fest wie ein Maur.“
(Hanß Michael Moscherosch, Satyrische Gesichte Philanders vom Sittewalt, IV. Theil, anders Gesicht: Soldaten-Leben) vergl.: Zwei Boxkämpfer jagen Eva quer durch Sylt

Über die Gefühlswerte der Zahlen

Es ist etwas Seltsames in den Formen unserer Zahlen. Die Fünf beispielsweise, wenn man beim Schreiben nicht aufpasst, wirkt die Fünf wie ein böser alter Mann. Der untere Bogen gemahnt an einen offenen Mund, die Senkrechte oben ist wie eine zornige Stirn.
Die Drei hat etwas Tölpelhaftes. So schaut der dumme Narr in die Welt. Die Neun hat etwas von einer faul herumhängenden Vettel.
Die Zwei wirkt immer grundehrlich, egal welche Ausformung sie hat. Die Zwei kann nicht lügen.


Der böse Alte, der Tölpel, die Vettel und die Ehrliche. So lässt sich die Zahl 5392 gut merken. [Nach einem Tagebucheintrag von 12/1993]

Kaffeeplausch mit Frau Nettesheim – Feinripp trumpft

Frau Nettesheim
Sie kennen den Unterschied zwischen einem Amateur und einem Profi, Trithemius?

Trithemius

Natürlich kenne ich den Unterschied. Aber sagen Sie es mir, werte Frau Nettesheim!

Frau Nettesheim

Der Profi macht fertig, was er angefangen hat.

Trithemius

Soll das etwa eine Anspielung sein, Frau Nettesheim? Wollen Sie mir das Amateurhafte unterstellen, mich quasi mangelnder Professionalität zeihen, etwa sagen, dass ich herum dilettiere?

Frau Nettesheim

Immerhin erinnere ich mich an mindestens drei Projekte aus der letzten Zeit, deren Enden noch lose herumbaumeln: die Forschungsreise, das Romanfragment Mit der Hand gesetzt und jetzt die Erzählung Auf dem Gang. Tiefer will ich nicht graben, sonst fliegt mir ihr Dilettantismus um die Ohren wie aufgewirbelter Kellerstaub.

Trithemius

Hallo? Was meckern Sie da, Frau Nettesheim? Angenommen, in der Bäckerei sitzt ein Arbeiter, meinetwegen ein Maurer oder Anstreicher, trinkt einen Kaffee und isst ein Pausenbrot. Gehen Sie da hin und schimpfen den Mann unprofessionell, nur weil er sein Tagewerk unterbrochen hat?

Frau Nettesheim

Wie käme ich dazu, ein ehrlicher Handwerksmann hat meinen Respekt.

Trithemius

Aha! Aber mich schelten Sie, wenn ich mal Pause mache.

Frau Nettesheim

Das ist etwas anderes.

Trithemius

Etwas anderes? Nur weil ich nicht dienen kann mit Männerschweiß und Feinripp-Unterhemden? Sie denken vielleicht, dass hier ein intellektueller Unterschied vorliegt. In Wahrheit geht es um das Fließen von Körpersäften. Da kriegt ein Ihnen völlig unbekannter Maurer ihre Sympathie, aber ich muss mich schurigel lassen.

Frau Nettesheim

Meine Sympathie haben Sie doch auch. Ich sorge mich nur, wenn Sie sich verzetteln.

Trithemius

Ich verzettele mich? Was sollen die Kundinnen und Kunden denken? Zur Strafe schreibe ich Ihre Antwort gar nicht mehr auf.

Auf dem Gang (2) – eine Mücke und Rotkohl

Herr Steinchen spricht vor sich hin: „Ich fürchte manchmal, dass ich auf dem Weg bin, ein echter Sonderling zu werden. Neben der Arbeit tue ich unsinnige Dinge, blättere ziellos in Büchern, schraube den Füller auf und zu, schaue zum Fester hinaus, gucke in den Spiegel, wieder zu einem Fester hinaus, arbeite etwas, lege mich hin, lese in meinen Aufzeichnungen, esse und trinke was, höre kurz Musik, male kleine Kringel. Zu allem Überfluss konnte ich letzte Nacht nicht schlafen, setzte ich mich auf, machte Licht, faltete mein Kopfkissen und legte es mir in den Rücken. Ich saß da und überlegte, ob es hilfreich wäre, ein Buch zu lesen.

Da näherte sich eine Mücke an. Zuerst war es nur ein leises Summen wie vom Motor eines fern vorbeiziehenden LKW. Ach, dachte ich, bitte lass es ein LKW sein! Lass irgendwo fernab ein Vater seine Familie verlassen haben, noch schlafwarm ins Führerhaus seines schweren LKW gestiegen sein, um nächtens loszufahren. Leider ist es kein LKW gewesen, denn das Summen kam näher und näher und wurde dabei immer höher. Doch eine Mücke! Ich schaute angestrengt aus, aber sah nichts. Sie musste ganz nah sein, denn es summte so hell, fast sirrte es mir um den Kopf. War da ein leiser Luftzug, hervorgebracht von ihren eifrigen Flügeln? So war sie also bei mir und wollte ganz arglos mein Blut trinken. Gewiss, es ist ihre Natur. Aber ich war nicht damit einverstanden. Ich sah in ihrer Absicht etwas Böses. Wenn sie nun schon irgendwo gelandet ist auf einer zarten Stelle meiner Haut, beispielsweise am Rand des Ohres, wenn sie da schon leicht aufgesetzt hat und will ihren Saugrüssel einstechen und versenken. Da schlug ich mit der flachen Hand meinen Kopf, schlug mich selbst links und rechts und rechts und links, um das Tierlein zu verscheuchen. Wie albern war das?“

Wir waren verstummt und hatten gebannt seiner Schilderung gelauscht. Doch Herr Steinchen war nicht fertig mit uns: „Gegen drei Uhr hörte ich plötzlich eine helle Stimme und ein hastiges Wimmern wie wenn eine in Panik die Treppe herauf käme. Ich war vor Schreck und Angst wie gelähmt. Erst nach einiger Zeit konnte ich mich wieder rühren.“

„Vermutlich war es ein Traum an der Grenze zwischen Wachsein und Schlaf gewesen, ein Wachtraum“, sage ich begütigend. „In einem alten Haus könnte es durchaus eine Geistererscheinung gewesen sein. Eine Frau flieht vor ihrem Peiniger die Treppe hinauf, wo sie auf dem Dachboden in die Falle gerät und letztlich erschlagen wird.“

Herr Steinchen widerspricht: „Mein Haus ist erst fünf Jahre alt, kann also keine Gespenster aus düsterer Vergangenheit beherbergen.“

Herr Harm hat offenbar nicht zugehört. Er sagt mit Grabesstimme: „Ich hatte gestern einiges in der Stadt zu besorgen. Zu Hause stellte ich fest, dass ich die ganze Zeit einen Rest Rotkohl im Mundwinkel gehabt hatte. Wie peinlich!“

Eine Tür wird aufgestoßen und Professor Coster tritt auf den Gang, schaut sich um und nimmt unseren Schritt auf. Er sagt: „Guten Morgen, habe ich euch doch getroffen. Als ich mich von meinem Schreibtisch erhob, hatte ich die Wahl zwischen sieben Toren. Die Gänge dahinter führen in verschiedene Teile der Welt. Hätten wir uns hier verpasst, wären wir uns irgendwann trotzdem begegnet, denn wenn wir weit genug vordringen, stellen wir fest, dass alle Gänge aufeinander treffen, weil sie sich verästeln, verbinden und verflechten, bis sich das Geflecht verdichtet. Und später sehen wir die vereinigte Welt vor uns liegen, wie wenn wir aus einem Höhlensystem in ein weites Tal hinausträten, in das unzählige andere Gänge münden.“

Unwillkürlich wandert meine Hand an die Stirn und mein Zeigefinger dreht eine Schläfenschraube. Ich sage: „Dann wird das hier eine größere Sache, Coster? Und ich dachte, nur ein wenig zu gehen und mir Gewäsch äh Gespräch anzuhören.“

„Ja, für Denkfaule wie dich, Trithemius, ist das nichts. Außerdem so fußlahm wie du bist. Wenn du noch langsamer gehst, gehst du rückwärts.“

„Bitte? Ich habe Aua am kleinen Zeh!“

Wird vielleicht fortgesetzt.

Auf dem Gang

Zu sehen ist ein langer fensterloser Gang. Das Licht kommt von indirekt strahlenden andleuchten, die in unregelmäßigen Abständen angebracht sind, als wären die Elektriker beim Anbringen völlig planlos vorgegangen oder hätten weder Maßband noch Zollstock gehabt. Freilich müsste ihnen die Länge des Gangs bekannt gewesen sein, um sie durch die zur Verfügung stehenden Lampen zu teilen. Das ist allerdings nicht der Fall gewesen, da der Gang sich völlig eigenmächtig erstreckt. Er hat große Bodenfliesen aus blauem Balatum. Auf den Gang münden unzählige graue Türen. Sie machen den Eindruck, dass sie jeden Moment aufspringen könnten, um jemanden auszuspucken. Wohin der Gang führt, lässt sich nur ahnen. Wer aus einer der Türen auf den Gang tritt, scheint es aber zu wissen. Man schreitet hurtig und mit auf dem Balatum quietschenden Schuhsohlen voran.

„Huch!“, ruft Herr Steinchen, indem er aus seinem Büro tritt, „ich hatte gestern eine Lebensmittelvergiftung!“, und dann als ich überrascht stehen bleibe und ihm einen besorgten Blick zuwerfe, setzt er nach: „Vielmehr, es war dann doch keine, wie die Laborwerte nachher zeigten, sondern eine Gallenkolik. Ich hatte zu fetten Lachs gegessen. Nun ist Lachs ja sowieso fett, aber dieser muss besonders fett gewesen sein. Doch von Ihnen als Vegetarier kann ich wohl kein Mitgefühl erwarten.“

„Nein, sowieso nicht“, sage ich. Während wir gemeinsam den Gang hinunter gehen, denke ich trotzdem über Steinchens hypochondrische Natur nach: So ist das, wenn einer so lange in sich hineinhorcht, bis er die Körpersäfte brodeln und wallen fühlt. Da ist ihm sein Körper Ich und doch nicht Ich, weil rätselhaft sich selbst organisierend. Und er misstraut der Selbstorganisation, fürchtet ständig, dass sie aus den Fugen geraten könnte, dass einer der komplexen Körpervorgänge aus dem Gleis springen könnte wie ein Zug seiner Modelleisenbahn, wenn er versehentlich eine Weiche stellt, während der Zug sie gerade überquert. Er vermutet längst das totale Chaos in sich, das sich nur als Normalität tarnt, dem aber auf die Schliche zu kommen ist, wenn er Laborwerte feststellen lässt. Armer Steinchen. Da sitzt seine Leber fett und lauernd unter seinem Rippenbogen und ist jederzeit bereit, sein Blut mit giftiger Galle zu überschwemmen. Dabei hat er doch nur Lachs …“

Eine Tür öffnet sich und Friedrich Harm tritt auf den Gang, um sich uns anzuschließen. Ganz unvermittelt beginnt er zu reden, wie es Menschen tun, denen die Sozialfähigkeit abhanden gekommen ist, weil ihnen zu lange schon niemand mehr zuhört. Herr Harm schaut keinen von uns an, sondern fixiert einen Punkt weit vor sich, dass es wirkt, als würde ihm seine Rede auf die Innenseite der Stirn projiziert, so dass er sie ablesen kann:

„In meinem höchst verwirrenden Traum letzte Nacht kam eine völlig misslungene Theateraufführung vor, in der alle Akteure nackt waren, bis auf eine einzige Frau, die Strümpfe trug, vielmehr eine unzüchtig ausgeschnittene Strumpfhose. Meistens war die Bühne völlig kahl, man hing in Seilen. Nur einmal war ein laut wieherndes Pferd zu sehen. Kurz darauf lag ein fast skelettierter Pferdekadaver auf dem Rücken und einer im weißen Kittel zeigte am Hals des Tieres auf eine kurze rotbraune Knorpelstange, mit der das Pferd angeblich dieses Wiehern hervorbrachte. Darauf wollte ich mich mit einer Frau in einen Kellerraum zurückziehen. Dieser lange, schmale Raum stand voller Gerümpel. Über die Breitseite zogen sich Oberlichter aus trübem Glas. Dort tauchten nun just im störenden Moment drei freche Arbeiter auf, die dreckig lachend, unsere Absicht ahnend, immer wieder die Fenster aufstießen und zu uns hinunter sahen, wobei sie auch mit den Armen hereinfuchtelten.“

Deinen Kopf möchte ich ja lieber nicht haben, denke ich, und noch weniger dein Leben. Es ist bekannt, dass Harms Ehefrau sich von ihm abgewandt hat, ja nicht einmal mehr mit ihm redet, nur noch Anweisungen erteilt.

Fortsetzung

Besinnungsaufsatz – Meine erste große Liebe

Ich erinnere mich, schon früh in ein Mädchen verliebt gewesen zu sein. Als meine Freunde noch alle Mädchen doof fanden, hatte ich die schönsten Gefühle, wenn ein Mädchen namens Helen in der Nähe war. Allein ihre Stimme reichte, mich zu beglücken. Diese kaum bestimmbaren Gefühle hielten noch an, wenn ich Helen nur kurz gesehen oder gehört hatte und den Freunden bedauernd zu wichtigeren Aktivitäten folgen musste. Folglich wagte ich nicht zuzugeben, dass mich ein Mädchen interessierte.

Das erste Mädchen, in das ich richtig verliebt war, hieß Hilly. Da war ich etwa zwölf Jahre alt. Hilly war bei Nachbarn in den großen Ferien. Damals verdiente das Wort „Große Ferien“ noch seinen Namen. Man tauchte kopfüber in die Augusthitze ein und kam ewig nicht mehr hervor. Ich vermute, dass die Welt zu dieser Zeit stillstand, wie das schier endlose Zwitschern der Feldlerchen über den Stoppelfeldern.

Leider war der Sinn für Mädchen inzwischen auch bei meinen Freunden erwacht. Sie strichen um Hilly herum wie junge Hunde, waren mir jedenfalls dauernd im Weg. Noch immer traute ich mich nicht, mein Interesse an Hilly deutlich zu zeigen. Ich bin nicht sicher, ob es geholfen hätte, wenigsten die Nebenbuhler abzuschrecken. Der hartnäckigste war Adrian von Wallenburg. Adrian war ein Jahr älter als ich und weniger schüchtern. O, könnte ich nur meine Schüchternheit überwinden, dachte ich, dann würde ich jedes Mädchenherz erringen. Abends blätterte ich in den Ausgaben „Das Beste aus Readers Digest“, die zahlreich in einer Vitrine meines jüngsten Onkels standen, in dessen verwaisten Zimmer ich schlief. Da gab es Werbeanzeigen zur Entwicklung von Selbstbewusstsein, immer als Fallbeispiel beschrieben. Aber nie fand sich einen Hinweis, wie etwa der gehemmte John Weismuller seine Schüchternheit überwunden hatte und erfolgreicher Leuteverdummer oder Mädchenschwarm geworden war. Mein Freund Neuhaus hatte derlei Probleme nicht, obwohl er nicht besonders hübsch war. Neuhaus wusste Bescheid. Er hatte zwei ältere Schwestern und hatte uns alle aufgeklärt. Natürlich wusste Neuhaus auch, wie man mit Mädchen redet.

Wir radeln in großer Zahl durch die Felder nach Grevenbroich zum Freibad, meine Freunde und ich, einige Mädchen und natürlich Hilly. Über den Stoppelfeldern flimmert die Hitze. Die Lerchen zwitschern ihre eintöniges Lied in den blauen Himmel. Ich bin glücklich, obwohl ich mich fürchte vor dem Geschrei das immer über dem vollen Freibad hängt. Auch kann ich nicht schwimmen und bin ein wenig wasserscheu, traue mich aber trotzdem, ins Wasser zu köppen, um nicht hinten anzustehen.

Hilly sitzt im Badeanzug auf der Decke und will nicht in Wasser. Warum? „Muschi hat Nasenbluten?“, sagt der Neuhaus wissend und bleckt grinsend seine großen Zähne. Das ist ungehörig, aber scheint außer mir niemanden mehr zu stören. Wieso? Bis vor kurzem ist „Camelia“ noch ein Tabuwort gewesen. Wer es sagte, wurde rot dabei. Die Packungen mit „Damenbinden“ lagerten für Kinderaugen unsichtbar über dem Eingang unseres kleinen Edeka-Ladens.

Ich war sehr verliebt in Hilly aus Geilenkirchen, vermied aber jeden Verdacht, hielt mich deshalb eher abseits und musste mit ansehen, wie Adrian und Neuhaus um ihre Aufmerksamkeit wetteiferten. Als ich ein Jahr später in Neuss die Schriftsetzerlehre begann, gehörte zu meinen Tagträumen, sie werde eines Tages ebenfalls in Neuss auftauchen. Dieser Tagtraum bewahrheitete sich tatsächlich. Als hätte ich sie herbei gewünscht, traf ich Hilly auf der Oberstraße, wo sie die Handelsschule besuchte. Natürlich war ich immer noch viel zu schüchtern, ihr näher zu kommen. Nachdem ich Hilly dreimal vom Bahnhof abgeholt hatte und schweigend neben ihr hergetrottet war, sagte Hilly, ich solle das nicht mehr tun. So endete meine erste große Liebe, bevor sie begonnen hatte.

Die Dinge des Lebens – Die Mumie trägt Adidas

Auf einem Stadtmöbel sind sieben Bildbände über Flugzeuge ausgesetzt. Warum? Hat einer über Nacht die Begeisterung für Flugzeuge verloren wie manche einen Schlüssel verlieren? Oder hat die Partnerin vor dem übervollen Billy-Regal gekniet und gesagt: „Entweder die Flugzeugbilderbücher oder ich!“ Da hat er nur kurz gezögert, sich dann aber für sie entschieden. Das kurze Zögern kostete ihn die Beziehung. Jetzt stellt er die Zankapfel-Bücher demonstrativ an die Straße. Ein Sparwitz mit einem Homonym: „Für meinen Mann gibt es nichts Schöneres als Fliegen.“ Nachbarin: „Und ich kann die Biester nicht leiden.“


Rätselhaftes in unserem Haus. Wer hat die schwarzen Adidas-Schuhe?
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„Schönen Tag noch!“, wünscht die Supermarktkassiererin einem Mann.
„Dito“, sagt er. Ich mag solche Dito-Sager nicht. Warum eigentlich? Dito-Sager sind ichbezogene Knauser. In der wechselseitigen Kommunikation gilt ein „Schönen Tag noch!“ als dreifache Streicheleinheit. „Dito!“ wäre demnach eine. Da bleibt er ihr zwei Einheiten schuldig.
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Im Treppenhaus roch es nach ungewaschenem altem Mann, der schon ewig in seinen Kleidern schläft und seit 50 Jahren Kettenraucher ist. Zuletzt habe ich neben einem solchen Stinker 1966 im Bus gesessen. Damals gab es viele von denen. Mit der Verbreitung von Waschmaschinen sind sie verschwunden. Wie verschlug es den einen ins Jahr 2020? Auf der 4. Etage sanieren des Hausbesitzers Lieblingshandwerker eine Wohnung und reißen dazu einige Wände ein. Vielleicht haben sie den Mann angelegentlich in einem Hohlraum gefunden, mumifiziert zwar, aber dann hat er versehentlich ein paar Tropfen Wasser abgekriegt und sich auf die Socken gemacht. Das erklärt auch die Sache mit den geklauten Schuhen.
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Mein Jugendfreund Fritz hat viele Jahre für ein Fugen-s an der Scheune des Sinstedener Landwirtschaft[s]museums gekämpft. Seine Eingaben an den Beirat blieben lange ungehört, obwohl darin nicht nur Landwirte und des Schreibens kaum mächtige Bauern sitzen, sondern Akademiker und sogar Professoren. Die haben aber Besseres zu tun.