Abendbummel online – Eulenflucht

„Eulenflucht“ ist ein versunkenes Wort. Im 19. Jahrhundert war es noch geläufig. Es bedeutet „Abenddämmerung“, die Zeit nämlich, wenn die Eule fliegt und sich auf die Jagd begibt. Zum Glück sind wir keine Eulen und freuen uns nicht auf Mäuse und anderes Kleingetier. Wir sind Bummler und bummeln – das ist auch ein schönes Wort, findest du nicht? – die Egestorffstraße entlang. Sie ist hier für den Autoverkehr gesperrt. Nur die Straßenbahn der Linie 9 fährt entlang. Falls du dich zufällig für Straßenbahnen der Linie 9 interessierst, denen man die Sieben gestohlen hat, kannst du hier eine Reportageserie von mir darüber lesen. Der Egestorff, nach dem die Straße benannt ist, war ein Industrieller des 19. Jahrhunderts. Wenn der gewusst hätte, dass wir zur Eulenflucht einen digitalen Bummel über seine Straße machen, wo er nur Pferdefuhrwerke kannte, der würde sich doch an seinen Industriellenkopf gefasst haben, meinst du nicht?
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Eine Telefonzelle verschwindet

Beim Durchstöbern meiner Bilddateien habe ich einige Fotos wiedergefunden, die ich gemacht habe, als vor dem Haus die Telefonzelle abgebaut wurde. Wie es zuvor war, zeigen die Bilder eins und zwei, dann die Abmontage und den Abtransport und später das Verlegen neuer Bodenplatten. Witziger Weise zeigen die Fotos nebenan ein älteres Kommunikationsmedium, das weiterhin Bestand hat, die Litfaßsäule, benannt nach ihrem Erfinder, dem Berliner Buchdrucker Ernst Litfaß.

Dokumentation eines längeren Zeitraums: JvdL

Abendbummel durch das Reich der Lichter

„Jeder Gang macht schlank!“, sagte meine schlanke Zahnärztin. Während die aparte Frau ihr Handwerkszeug zurechtlegte, während dieser ersten Stufe der Folter, bei der dem Delinquenten die Marterwerkzeuge gezeigt werden, hatte sie berichtet, dass sie am Morgen von Ahlem zu Fuß gekommen sei, weil sie ihr Bike in der Praxis hatte stehen lassen müssen. Ich lobte sie gebührend für diesen langen Fußweg, nicht nur, um sie gnädig zu stimmen, bevor sie sich über meine Zähne hermachte, sondern weils mir ehrliche Achtung abverlangte.

An ihren Spruch muss ich in den letzten Tagen oft denken. Direkt nach dem Rippenbruch habe ich nicht gewagt, Rad zu fahren – aus Sorge, eine plötzlich auftretende brenzlige Verkehrssituation würde eine heftige Bewegung nötig machen. Also bin ich alle nötigen Wege gegangen. Das gelang von Tag zu Tag besser, denn ich war durch die Radfahrerei etwas eingerostet, was das Gehen betrifft. Heute habe ich beschlossen, die Tradition des Abendbummels wieder aufleben zu lassen. Es gab da nämlich noch einen weiteren Aspekt:
In den letzten Tage war ich von einer depressiven Stimmung geplagt gewesen, fand mein Alleinsein grad schrecklich und trug schwer am allgemeinen Weltschmerz. Als ich am späten Nachmittag allzu niedergedrückt war, raffte ich mich auf zu einem Bummel – und muss sagen, meine Stimmung besserte sich.

Wer das Haus verlässt, sehe, dass sich in der Welt etwas selbsttätig bewege, hatte mein Sohn am Fernsprecher gesagt, als er meinen Spaziergang lobte, eine Bemerkung, worüber ich heute Morgen beim Aufstehen nachdachte. Tatsächlich muss der Stubenhocker seine ganze Welt alleine drehen. Sie ist zwar geschrumpft, aber verdichtet und um so schwerer zu bewegen. (Nebenher, ich dachte, das dahinsiechende Wort „Fernsprecher“ könnte ich durch Verwendung einfach mit neuem Leben erfüllen. Aber genau betrachtet, bleibt es im Satz ein sperriger Fremdkörper.)

Ich gehe los in einen unverschämt goldfarbenen Sonnenuntergang. Mein Ziel ist der Lindener Berg, den ich von seiner nördlichen Seite besteigen will. Die Route ist ohne Bergführer zu schaffen, und ich musste auch keine Sherpas anmieten, die mir den Radiergummi hinterher tragen. Das ist kein Problem, denn der kleine Radiergummi ist in den Knopf meines Druckbleistifts integriert und wiegt fast nichts, zumal ich den Bleistift gar nicht bei mir habe, hehe. Also los. Die Autos, die mir aus dem Abendrot entgegen kommen, fahren mit Licht. Ich muss an ein Gemälde des belgischen Surrealisten René Magritte denken, das ich sehr mag: „Das Reich der Lichter.“ Auch da gibt es die Konkurrenz zwischen natürlichem und künstlichem Licht.

Schon quere ich die Fahrstraße, lasse das Reich der Lichter hinter mir und nehme den steilen Weg zur Kuppe des Lindener Bergs. Weil ich noch unterhalb der Baumgrenze bin, steige ich über einen dichten Teppich gefallener Blätter. Es dauert übrigens vier Jahre, bis am Boden liegendes Laub verrottet und in den Kreislauf des Baumes zurückgekehrt ist, falls der Mensch nicht mit lärmenden Laubbläsern anrückt und den Kreislauf stört, die Bäume quasi entkräftet. Links von mir liegt still der Friedhof. Es ruhen dort keine vereisten Leichen sich überschätzt habender Finanzjongleure wie am Himalaya, sondern manierlich gestorbene Leute. Würde ich den Gottesacker schräg durchqueren, wäre der Aufstieg leichter. Aus Bequemlichkeit steige ich fünf Stufen hoch zu einem seitlichen Törchen, rüttle an der Klinke – abgesperrt! Ich wende mich ab, denn ich bin zu jung, um hartnäckig an der Friedhofspforte zu rütteln. Was sollen die Leute denken? Dass ich es nicht erwarten könnte? Rechter Hand in der Wohnwagenkolonie ist man offenbar genervt vom zunehmenden Bergtourismus. „Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet“, ein wahres Wort von? Hans-Magnus Enzensberger.

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Eine Frau mit Hund ist über die bequeme westliche Route herangefahren, parkt ihr Auto etwas unterhalb des Gipfels und kommt staunend mit ihrem Hündchen an mir vorbei, derweil ich das Beweisfoto mache, damit böse Zungen nicht anzweifeln können, dass ich im Hochgebirge unterwegs war. Ich halte mich nicht lange am Gipfel auf. Der Abstieg ist mir so leicht wie der Aufstieg. Als ich wieder bewohnte Gefilde erreiche, sehe ich linker Hand gutsituierte Häuser. Im Erker des einen habe ich vor Jahren eine Frau fotografiert, wie sie idyllisch Flöte spielend hinterm Fenster stand. Sie ist nicht da, bastelt wohl gerade nach, was kürzlich im Fernsehen angeregt wurde, dass und wie man eine Orchidee mit Wurzelballen dekorativ ins Fenster hängt. Wenig später sah ich einen erschütternden Bericht über den Jemen, der von der saudischen Luftwaffe in die Steinzeit zurück gebombt wird. Verrohte Gewalt, erbärmliches Sterben, Verhungern der Kleinsten dort und Flöte spielen an Orchideen hier – kein Wunder, dass der Mensch aus geschundenen Regionen die Zustände bei uns paradiesisch findet. Aber er täuscht sich. Die guten Plätze auf diesem Felsen halten wir besetzt. Und für den Unterhalt unseres Paradieses brauchen wir Blut, Tränen und letzte Atemzüge unzähliger Menschen. Was sollen wir machen? Unsere Betriebskosten sind einfach zu hoch.

Andererseits würfe es ein schlechtes Licht auf die menschliche Art, wenn der ganze Erdball unter Gewalt, Leid und Sterben durchs Weltall taumeln würde, ein Planet der Qualen, der die Sterne verdunkelt. Glücklich, wen hinieden ein gnädiges Schicksal ins Reich der Lichter verschlagen hat. Es geht ja auch nicht, ermahne ich mich, einen heiter begonnenen Bummel so qualvoll zu beenden. Schon haben wir die belebte Kreuzung erreicht, an der ich letztens verunglückt bin. Mein Schornsteinfeger wartet auf der anderen Seite auf Grün. Er winkt mir zu und radelt dann verkehrswidrig quer über die Kreuzung, um links in den Park einzubiegen. Wie er vorbei fährt, sagt er: „Ich muss mich hier durchmogeln.“ Natürlich, er darf das schadlos. Er ist der Schornsteinfeger. Bevor er in den sicheren Park einbiegt ruft er noch: „Schönen Feierabend!“ Ich freue mich, obwohl ich konkret nichts zu feiern habe.

Guten Abend

Große Nummer in der Unternehmenskommunikation

Gastautor Manfred Voita erinnert an den Fernschreiber.

Alle da? Können alle sehen? Okay. Dann mal los. Das hier ist historische Technik, die gibt es in freier Wildbahn überhaupt nicht mehr. Die bietet Ihnen nur das Technikmuseum. Nicht ganz so nah heran, wenn ich bitten darf. Da in der Ecke? Das ist ein Fernschreiber. Alte Technik erkennen Sie nämlich schon am Namen. Plattenspieler. Tonbandgerät. Fernschreiber. Und jetzt kommen Sie mir nicht mit Einwänden wie Telefon und Grammophon und Pipapo. Noch bei jeder Führung war einer dabei, der alles besser wusste und das auch nicht für sich behalten konnte. Ist der Saal auch noch so klein, einer muss der Kasper sein.

Versunkene und versinkende Kommunikationstechnik… also ich habe noch damit gearbeitet. Und jetzt schauen Sie mich nicht so an, als würde ich gleich auch noch ein Hufeisen schmieden und Holzschuhe zurechtzimmern.

1875 erfunden, rund 100 Jahre später eine große Nummer in der Unternehmenskommunikation und heute aussortiert. Steht gleich neben dem Mikrofilmlesegerät. Telex? Sagt Ihnen auch nichts mehr? Ein modernerer Name für den guten alten Dienst. Die Telexnummer stand in den siebziger Jahren auf jedem Lkw, so, wie… Fax? Sagt Ihnen Fax noch was? Gut, die Faxnummer, die steht ja auch unter der Telefonnummer. Da stand früher die Telexnummer. Größere Betriebe hatten sowas. Das war ein eigenes Netz.

Irgendwo im Betrieb, bei uns war das eine Nische im Erdgeschoß, stand der Fernschreiber. Ein richtiges Möbelstück mit eingelassener Tastatur, Endlospapier wie früher bei den ersten Nadeldruckern. Ach, kennen Sie auch nicht mehr? Und eine Wählscheibe, wie beim richtigen Telefon. Also dem von früher. Das man nicht mehr das Fräulein vom Amt brauchte, das war auch schon alles.

Zwei Betriebsarten: Ich setze mich ran und schreibe meinen Text, der auf einem Lochstreifen erfasst wird. Offline sozusagen. Natürlich schreibe ich nur Großbuchstaben. Oder Kleinbuchstaben. Aber Fernschreiben sind ja immer wichtig, Kleinbuchstaben gehen da ja nicht. Anschlag wie bei der Schreibmaschine.

Text fertig. Die Lochstreifenrolle einlegen, dann die Telexnummer des Partners wählen – und ist die Verbindung hergestellt, geht es ruck zuck. Der Lochstreifen läuft durch, blitzschnell wird der Text übermittelt, der auf der anderen Seite über den Fernschreiber ausgegeben wird. Stellen Sie sich das vor wie eine Nähmaschine mit Netzanschluss. So vom Klang her.

Ist es aber dringend, weil wir eine Auskunft über einen Kunden brauchen, der uns einen Auftrag erteilen will, dann setze ich mich an das Gerät, wähle die Nummer und schreibe „online“. Der Partner, so er denn anwesend ist, liest mit und antwortet direkt. Kurze Fragen, kurze Antworten, hektisch geschrieben, denn die Verbindung ist teuer.

Weiß auch keiner mehr. Früher kostete das Telefonieren Geld, also richtig, pro Minute und tagsüber noch mal mehr als nachts. Der Kostenrechner schaute da schon drauf, wer wann wie lange telefonierte oder gar fernschrieb. Falls es das Wort gab.

Damals, als die Welt noch schwarzweiß war, ratterten die Fernschreiber in den Zeitungsredaktionen und in den Reedereien, in den Speditionen und bei der Polizei. Ganz große Sache. Und heute? Kommt einem vor wie Steampunk. Mir ja auch. Und richtig schlimm ist es auch nicht, wenn Sie so ein Ding nie gesehen haben. Mehr als 150.000 hat es davon in Deutschland nicht gegeben. Wir haben fast 1,5 Millionen Millionäre im Land und die kennen Sie ja auch nicht. Also, weitergehen, hier passiert nichts mehr.

So könnte ich mir das vorstellen. Bei Wikipedia gibt es das Bild eines Gerätes, mit dem „wir“ gearbeitet haben: Siemens T100 Telex
Foto: Wikipedia – Text: Manfred Voita

Wider das Versinken der Alltagsdinge

Meine lieben Damen und Herren,
auf der Ecke unten vor dem Teestübchen wurde vor Jahren die Telefonzelle abgebaut. Eine Weile ließen farblich abweichende Bodenplatten ihren Grundriss noch ahnen, doch haben sie sich inzwischen egalisiert, und nichts verrät mehr, dass hier einst eine technische Einrichtung gestanden hat, die Jahrzehnte ein wichtiges Element der Alltagskultur war. Vor dem Pressehaus des Kölner Stadtanzeigers hat mal eine ganze Reihe von Telefonzellen gestanden. Ich erinnere mich an meine erste Wohnungssuche in Köln anfangs der 1970-er Jahre. Freitag gegen Mitternacht erschien die Wochenendausgabe des Stadtanzeigers mit den Wohnungsangeboten. Die Leute stürzten sich darauf, suchten passende Anzeigen und stürmten die Telefonzellen, um die Vermieter anzurufen. Man musste zu zweit auftreten. Während einer die Wohnungsanzeigen durchging, hielt der andere die Telefonzelle besetzt. Die Wohnungssuche in den Städten ist nicht einfacher geworden, aber die erforderlichen Handlungen haben sich mit der Technik verändert.

In der britischen Kultserie „Doctor Who“ reist besagter Doktor seit dem Jahr 1963 mit einer Polizei-Notrufzelle ähnlich unserer Telefonzelle durch Zeit und Raum. Tatsächlich konservieren TV- und Kinofilme die Kenntnis technischer Gerätschaften für Jahrzehnte. Bildhafte Vorstellungen sind konservativ. So sehen und verstehen wir heute noch das Piktogramm mit Telefongehäuse und auf eine Gabel aufgelegtem Telefonhörer, manchmal sogar mit stilisierter Wählscheibe, obwohl Telefone heute ganz anders aussehen. [Grafik: JvdL] Ähnlich gut verstanden wird das Piktogramm, das eine stilisierte Dampflok zeigt, obwohl man Dampfloks nur noch von der Modelleisenbahn oder der Museumsbahn kennt. Doch der visuelle Eindruck vermittelt nicht das Wissen um, und so wird die Kenntnis solcher technischen Einrichtungen irgendwann versunken sein. Im Prolog der Lesenacht war die Rede von der optischen Telegrafie, deren moderne Form im 18. Jahrhundert der französische Techniker Claude Chappe erfunden hat. Diese Vorform der Telegrafie wurde bald vom Morsetelegrafen verdrängt, so dass sie fast völlig in Vergessenheit geriet.

Derzeit verschwindet beispielsweise die 7-Segment-Digitalanzeige aus unserem Alltag. Wir sind quasi täglich Zeugen sich verändernder Kommunikationstechnik. Darum freue ich mich, Ihnen eine neue Rubrik im Teestübchen vorzustellen, das Technikmuseum. In loser Folge will ich über versunkene und versinkende Kommunikationstechnik schreiben, zum Auftakt eben über diese 7-Segment-Anzeige, wie sie in den 1970-er Jahren mit den Digitaluhren und Taschenrechnern in unseren Alltag eingedrungen ist, für drei Jahrzehnte vertrauter Anblick wurde und nun allmählich verschwindet. An Themen soll es nicht fehlen, und ich hoffe in dieser Rubrik, manch Überraschendes und Neues mitteilen zu können.
Herzlich, Ihr

Plausch mit Frau Nettesheim – Über 30 Handgriffe


Frau Nettesheim

Warum schreiben Sie nichts, Trithemius?

Trithemius
Ich kann keinen klaren Gedanken fassen. Zu großes Durcheinander im Kopf.

Frau Nettesheim
Ihre innere Unordnung spiegelt die äußere. Machen Sie Ordnung. Im Moment genügen noch 30 Handgriffe.

Trithemius
Denken Sie nur, Frau Nettesheim, ich habe endlich wiedergefunden, woher das Aufräumspiel der 30 Handgriffe stammt.

Frau Nettesheim
Sie propagieren das schon so lange, dass ich dachte, es ist Ihre Erfindung.

Trithemius
Nein! Es stammt vom Schriftsteller und Journalisten Eugen Skasa-Weiß. Gelesen habe ich das Aufräumspiel in „Von hinten besehen“, einer Sammlung von Feuilletons aus „Cottas Bibliothek der Moderne, erschienen 1984. Skasa-Weiß gilt als ein Meister des klassischen Feuilletons, dieser journalistischen Stilform, die im Plauderton gehalten ist. Das Aufräumspiel der 30 Handgriffe ist eine Form der Selbstköderung. Es lässt Raum für Wandlungen zu, indem je nach Arbeitsaufwand entschieden werden kann, was man als einen Handgriff definiert. Sich lästiger Arbeiten spielerisch zu entledigen, ist überhaupt die ganze Lebenskunst.

Frau Nettesheim
Darin dilettieren Sie aber, Trithemius.

Trithemius
Ja, danke, dass Sie das in aller Öffentlichkeit sagen, Frau Nettesheim.

 

Die digitale Nachtwanderung zum Nachwandern – Update – Zur Theorie und Praxis der interaktiven Nachtwanderung

Erzählen ist eine mündliche Kunst. In den Anfängen der geschriebenen Erzählungen, also in den Anfängen der Literatur haben die Schriftsteller sich immer noch den Anschein einer mündlichen Erzählsituation gegeben. Wir kennen das aus den Rahmenhandlungen von Tausendundeine Nacht und den Canterbury Tales des Geoffrey Chaucer. Noch Rabelais behauptete, er habe seinen Romanzyklus um die beiden Riesen „Gargantua“ und „Pantagruel“ während eines Trinkgelages diktiert. Ein modernes Beispiel finden wir bei dem 1938 erschienenen Kinder- und Jugendbuch „Die grüne Wolke“ (orig. The Last Man Alive) des schottischen Schriftstellers und Pädagogen Alexander Sutherland Neill. Der Autor erzählt die einzelnen Kapitel den Kindern von Summerhill und verzeichnet hinter jedem Kapitel deren Bemerkungen und Anregungen. Anregungen und Kritik bestimmen den weiteren Verlauf der Handlung. Aber auch das kann fiktiv sein.

Als ich 2005 mit dem Bloggen begann, erkannte ich rasch, dass sich in diesem Medium eine derartige Interaktion zwischen Erzähler und seinem Publikum herstellen lässt, ohne eine fiktive Situation zu konstruieren. Das war der Anstoß und Grundgedanke der interaktiven Lesenächte. Ich habe deren fünf veranstaltet. Die Lebendigste war die erste vor exakt 13 Jahren, denn damals waren die Idee (und ich) noch frisch, und ich glaube nicht, dass es vorher schon mal jemand so gemacht hat. Es gibt den Basistext, von mir erdacht und geplant und den Subtext in den Kommentaren, wobei die Akteure und ihre Äußerungen völlig überraschend und spontan an die Erzähl- und Lesesituation gebunden sind. Beides bildet eine Einheit und ist in diesem Sinn ein Stück einmaliger Netzliteratur.

Die Lesenacht vom 8. November 2018 ist bereits (Netz)-Literaturgeschichte. Ich habe deshalb darauf verzichtet, jedem Kommentar hinterher zu antworten. Was ich aktuell nicht geschafft habe, muss so bleiben und ist auch gut so. Ich danke den aktiven Mitwanderern herzlich für ihr engagiertes Kommentieren. Es macht unser Gesamtkunstwerk erst rund. Es gibt erfreuliche Passagen, wo die Mitwanderer untereinander Kontakt halten, was dem Projekt die soziale Komponente verleiht. Ich hoffe, die hier geknüpften Kontakte wirken sich positiv auf das Bloggen der Beteiligten aus. Sollte die Aktion eine Fortsetzung finden, werde ich auf den Text einer frühen Lesenacht zurückgreifen und alles so gut vorbereiten, dass ich mich aktiv kommentierend beteiligen kann.

Vielen Dank!

um Nachwandern habe ich die Links zu jedem Beitrag zusammengestellt und sie untereinander verlinkt, so dass, wer will, den Text in einem fort lesen kann. Kommentieren ist natürlich auch noch möglich, wenns unter den Nägeln brennt. Der Zeitstempel bei den Kommentaren macht ja deutlich, welcher Kommentar aktuell in der Lesenacht entstanden ist und welcher nachträglich hinzu kam. Die Initiale Z hat übrigens William Morris gestaltet.

Teilnehmerkarte zum MItnehmen – Grafik: JvdL

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