Als mein Gewissen nichts wert war (6)

Ich kannte den Gefreiten Krabetz, einen gebürtigen Kölner. Er saß beim Delmenhorster Bataillon in der Schreibstube des Oberleutnants, der die Versetzungsanträge bearbeitete. Krabetz berichtete, der meinetwegen gescholtene Oberleutnant habe sich sehr wohl um meine Versetzung nach Köln bemüht. In dessen Auftrag habe er, Krabetz, eine Reihe von Kasernen im Großraum Köln angeschrieben, aber keiner habe Platz für mich. Vermutlich wollte sich keine Kompanie mit einem nicht anerkannten Kriegsdienstverweigerer belasten.

Inzwischen fiel es mir immer schwerer, die schwangere Marie allein zu lassen. Ich fand eine Methode, das zu unterlaufen, meldete mich sonntags von zu Hause aus telefonisch in der Bremer Kaserne krank und ging montags in Köln zum Arzt. Dort gab es eine medizinische Einrichtung der Bundeswehr, in der überwiegend W-18-er Ärzte arbeiteten, also junge Ärzte, die ihren Wehrdienst ableisteten. Unter denen fand ich immer eine mitleidige Seele, die mich für eine Woche „heimkrank“ schrieb, auch wenn ich keine echte Erkrankung vorweisen konnte. Die Angelegenheit war jedoch unglaublich stressig für mich, denn in der Kompanie glaubte man, mein Spiel durchschaut zu haben und strafte mich mit allerlei Repressalien ab. Zusätzlich belastete mich der Umstand, lügen zu müssen, wenn ich in der Nähe meiner schwangeren Frau sein wollte, was ich für meine vorrangige Pflicht hielt, statt mich bei der Bundeswehr mit sinnlosen Tätigkeiten festhalten zu lassen.

Von meiner Not schrieb ich an den Wehrbeauftragten des Bundestages, eine weisungsbefugte Behörde, an die sich Soldaten mit ihren Problemen wenden können, ohne den Dienstweg einhalten zu müssen. Es dauerte noch drei Monate, dann verfügte der Wehrbeauftragte meine wundersame Versetzung ins Kölner Heeresamt. In der Führung der Bremer Kompanie versuchte man auch das zu behindern, indem man meinen Versetzungstermin durch einen Wochenend-Wachdienst verzögerte und mich erst drei Tage verspätet wegließ, als ich den Dienst in Köln längst angetreten haben sollte. Schon wieder suchten mich die Feldjäger, aber klingelten diesmal bei meiner schwangeren Frau.

Die letzten drei Monate meines Wehrdienstes verbrachte ich mit Büroarbeit in der Stammdienststelle des Heeres unter relativ zivilen Bedingungen und als sogenannter Heimschläfer. Ich hatte bei der Stabskompanie im Heeresamt nicht mal ein Bett. Als Schrank diente mir eine Besenkammer, in die ich nach meiner Ankunft einfach den Seesack auskippte, ein herrliches Privileg gegenüber den anderen, die ihre Hemden sauber auf DIN-A4-Größe falten mussten, was freitags vor dem Wochenendurlaub per „Stubendurchgang“ durch Unteroffiziere überprüft wurde.

Bei meinem Dienstantritt in der Stammdienststelle wurde ich vom Leiter, einem väterlichen Oberst, vorgestellt mit den Worten: „Der Gefreite van der Ley wurde zu uns versetzt, weil seine Ehefrau unter schwierigen Bedingungen schwanger ist.“ Da war mein Sohn längst geboren, einen Monat zu früh, ein Winzling, der mich heute um einen ganzen Kopf überragt. Seine Geburt hatte ich sogar miterleben können, weil ich glücklicherweise gerade „heimkrank“ war, als bei Marie die Wehen einsetzten.

In der Stammdienststelle des Heeres traf ich auch den Gefreiten Krabetz wieder. Weil er nichts von meiner Eingabe an den Wehrbeauftragten wusste, glaubte er, meine Versetzung nach Köln wäre sein Werk, und dachte, ich müsste ihm ewig dankbar sein. Da ich seine Erwartungen ungewollt enttäuschte, rannte er ständig hinter mir her und rief: „Ne, ne, wat hann isch alles vür dich gedonn!“ Überhaupt wurde mein Soldatsein hier von Absurditäten und ungewollter Komik gekrönt, wovon bei Gelegenheit noch erzählt werden könnte.

Nachtrag
Im Jahr 1977 wurde mit der sogenannten Postkarten-Novelle die mündliche Gewissensprüfung abgeschafft. In Erwartung dieser Gesetzesänderung ruhten alle ausstehenden Verfahren. Ein Jahr darauf, ich war längst Student und stand kurz vor dem 1. Staatsexamen, wurde ich brieflich gefragt, ob ich meinen Antrag auf Anerkennung weiter verfolgen wollte. Ich bejahte und wurde vom Düsseldorfer Verwaltungsgericht endlich als Kriegsdienstverweigerer anerkannt.

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Retrofuturismus: Historische Reise mit dem Hochgeschwindigkeitszug Thalys

Der Hochgeschwindigkeitszug Thalys verbindet die Städte Paris, Brüssel, Amsterdam und Köln, betrieben von der Thalys-International mit Sitz in Brüssel. Im Jahr 1995 rollte der erste Thalys von Brüssel aus in den Aachener Bahnhof. Die Aachener Presse feierte das Ereignis, denn man sah es als Ehre an, dass der Aachener Hauptbahnhof ein Haltepunkt im Thalys-Netzwerk sein durfte. Der Thalys hatte für die 1990-er Jahre ein ungewöhnliches, futuristisches Design. Der Stil ist inzwischen auf einem Nebengleis gelandet. Heute wirkt der Thalys wie ein Produkt der veralteten Science Fiction, genannt Retrofuturismus.

Im Thalys gibt es nur reservierte Plätze. Für die kurze Strecke zwischen Aachen und Köln kann man von Deutschland aus nicht reservieren. Bis 2011 wies ein Reiseplan der Deutschen Bahn AG den Thalys manchmal als Zugverbindung aus. Seitdem die Deutsche Bahn ihre Anteile am Thalys verkauft hat, geschieht das nicht mehr. Vorher durfte der Zugreisende aus Deutschland in den Wagen 28 direkt beim Triebwagen einsteigen, in ein kleines Abteil für die wenigen Reisenden ohne Reservierung. Es hat acht Plätze an zwei Sitzgruppen. Der Thalys ist sehr eng. Man kann kaum zu den Fenstern hinausschauen, denn sie sind schmal und länglich mit breiten Holmen dazwischen. Sie liegen waagerecht, aber nur sehr kleine Menschen haben sie auf Augenhöhe. In Wagen 28 sind die Fenster nur schmale Schlitze. Was sich die Designer der 1990-er dabei gedacht haben, erschließt sich nicht. Nach jetzt fast 30 Jahren lässt sich sagen, dass die Entwicklung der menschlichen Art nicht den Vorstellungen der Thalysdesigner gefolgt ist.

An einem Novembertag bestieg ich um 18:39 Uhr auf Gleis 9 des Aachener Hauptbahnhofs den Thalys 9450 von Brüssel mit Endhalt in Köln Hauptbahnhof um 19:15 Uhr. Im engen Abteil 28 saßen an den beiden Tischgruppen bereits zwei Männer und eine Frau. Ich schob mich auf den Fensterplatz der Frau schräg gegenüber. Trotz der beklemmenden Enge in Abteil 28 ist die Fahrt im Thalys ein wundersames Erlebnis. Schon der Blick in die anderen Wagen zeigt ein buntes Publikum, Menschen aller Nationalitäten sitzen dort und tun, als wäre es selbstverständlich, mit dem Thalys durch ein stattliches, aber exklusives Netzwerk zu sausen, und dabei nichts, bei Dunkelheit gar nichts von der Welt da draußen zu sehen. Alles nutzt sich im Leben ab, auch das Ungewöhnliche wird irgendwann Alltag und gewöhnlich. Gewöhnlich war auch die Sprache der Frau. Das freilich hörte ich erst, als der Thalys in den Kölner Hauptbahnhof einfuhr und aus den Türen die Pressluft stoßartig zischend entwich.

Vorher, während der Zug durch eine nicht erkennbare Landschaft sauste, als hätte er sich von der irdischen Welt in eine andere Dimension entzogen, hatte die Frau zunächst gelesen, dann geschlafen. Ich las in Samuel Pepys Tagebuch. Es umfasst den Zeitraum von 1661 bis 1669. So reiste ich mit dem Thalys durch das London des 17. Jahrhunderts. Pepys begann mit 24 Jahren eine steile Karriere als königlicher Beamter. Er arbeitete für das Schiffsamt und war später für die königliche Flotte verantwortlich. Sein Tagebuch ist ein pralles Bilderbuch seiner Zeit. Ich musste schmunzeln über den  Eintrag vom  6. April 1661: „Mr. Townsend erzählte mir ein Missgeschick, dass er nämlich kürzlich mit beiden Beinen durch ein Hosenbein gestiegen und so den ganzen Tag herumgelaufen ist.“

Obwohl von der Landschaft nicht zu sehen war, wusste ich in etwa, wo der Thalys sich gerade befinden müsste, unterwegs zwischen Aachen und Köln. Da gibt es auf halber Strecke einen fernen Höhenrücken der Eifel zu sehen, auf dem ich als Radsportler viel herumgefahren war, mit oftmals schönem Blick hinab auf Aachen und das Dürener Land. Das alles war wie weggewischt, der Thalys fuhr jeden einzelnen Passagier durch eine eigene Dimension.

Wo die junge Blondine mir gegenüber fuhr, hinter ihrer hohen Stirn, weiß ich nicht. Ich habe nicht auf den Titel ihres Buches geachtet. Der Umschlaggestaltung nach war es kein Buch, in dem ich hätte unterwegs sein mögen. Um dem Buch kein Unrecht zu tun: Mein Urteil kam aus der Kombination zwischen dem Buch und ihr. Obschon sie teuer gekleidet war, sogar recht hübsch, hatte sie etwas geschäftsmäßig Hartes im Gesicht. Das offenbarte sich erst recht, als sie schlief und ihr die Züge etwas entglitten. Wenn ich dann die Wahl gehabt hätte, entweder ihr Buch lesen zu müssen oder mich mit ihr zu unterhalten, hätte ich das Buch gewählt.

Kurz vor Köln stand ich als erster auf und ließ die Frau und die Männer am 2. Tisch zurück. Doch ich bekam die Tür nicht auf. Es nutzt nämlich nichts, am Griff zu ziehen. Dann ertönt ebenfalls nur ein lautes Pressluftgeräusch. Die Tür blieb zu. Da fragte einer der Männer: „Sollen wir es ihm sagen?“ „Nein“, sagte die Geschäftsblondine. Trotzdem sagte der Mann mir, ich müsste einen grünen Knopf über der Schiebetür drücken. Durch die offene Tür hörte ich den Mann noch etwas sagen. Da rief die Blonde: „Ach, du Scheiße!“, und das klang aus ihrem Mund wie der Dialekt der Hölle ihrer Jugend.


Zum Spiel der Gleisharfe verlässt der Thalys den Kölner Hauptbahnhof, Video: JvdL

Die Thalys International betreibt ein Graues Netz, mit Zentrum in Brüssel. Sie fährt Menschen, die dafür bezahlen, über die Köpfe der anderen hinweg. Im Netz gibt es nur wenige Haltepunkte. Daher sind graue Netze gefährlich. Sie entfernen die Menschen voneinander, obwohl sie verbinden. Man weiß nur nicht was oder wen.

Die 50 Häuser des Leonardo Fibonacci

Was der Mensch als schön empfindet, entzieht sich gemeinhin der Beschreibung. Da verschiedene Menschen unterschiedliche Dinge als schön empfinden, scheint Schönheitsempfinden völlig subjektiv zu sein. Darum hat mich als junger Mensch fasziniert, dass schon im antiken Griechenland ein mathematisches Verfahren zur Bestimmung von Schönheit, genauer der schönen Proportion gefunden wurde: Der Goldene Schnitt. Proportionen nach dem Goldenen Schnitt finden sich seither in der Architektur, in der Malerei, ja, sogar in der Natur ist der Goldene Schnitt auffindbar.

Die Formel minor zu major wie major zum Ganzen beschreibt den Goldenen Schnitt. Das bedeutet, wenn es eine Strecke aufzuteilen gilt, verhält sich das kleinere zum größeren Stück wie das größer zum Ganzen, also der Summe beider Abschnitte, in ganzen Zahlen ausgedrückt:
3:5 wie 5:8 wie 8:13 wie 13:21.
Den Goldenen Schnitt lernte ich während meiner Schriftsetzerlehre kennen. Im Kunststudium begegnete mir die Fibonacci-Folge, eine Zahlenreihe, der man auf Anhieb ansieht, dass sie dem Goldenen Schnitt entspricht. Die Fibonacci-Zahlen sind nach dem Mathematiker Leonardo Fibonacci (1170 – 1240) benannt.

Fibonacci hat die unendliche Zahlenreihe 3, 5, 8, 13, 21, 34 usw. an der Vermehrungsrate von Kaninchen festgestellt. Dass sich wildlebende Kaninchen nach dem Goldenen Schnitt fortpflanzen, ist nur ein Grund, warum die Fibonacci-Folge mich fasziniert. Sonst wirkt die rasch anwachsende Menge von Kaninchen eher bedrohlich, weshalb die Fibonnacifolge im unten stehenden Auszug aus den Papieren des PentAgrion dekonstruiert wird.

Ihr Gesicht verdunkelte den Himmel.
„Darüber weiß ich nicht das Geringste“, sagte ich und hoffte, sie würde bald weggehen.
„Wovon wissen Sie nicht das Geringste?“, fragte die Frau.
„Weshalb der Überschuss von Kaninchen in Brand gesteckt wurde.“
„Welche Kaninchen?“
„Das weiß ich nicht. Stijn van de Voorde hat zu schnell gesprochen. Hab nur die Hälfte verstanden.“
Sie legte ihre Hand beruhigend auf meine Stirn und beschattete ein wenig meine Augen. „Machen Sie sich keine Gedanken“, sagte sie nah bei meinem Ohr. „Sie haben den Mann gewiss falsch verstanden. Nicht ein Kaninchen ist abgebrannt worden.“
„Doch! Er hat gesagt, sie gälten in Deutschland als Plagdiere, und deshalb würden sie abgefackelt.“ Da habe ich gleich gedacht, warum das denn? Wie viele Kaninchen umfasst der Überschuss? Ab wann werden Kaninchen zu Plagdieren, so dass man von einem Überschuss reden kann? Reichen 34? Vielleicht sogar schon 21 oder 13? Wenn man Kaninchen im Stall hält, wären vermutlich acht schon eine Überbelegung und würden eine drangvolle Enge verursachen. In einer Dreizimmerwohnung würde der Vermieter bereits fünf Kaninchen einen Überschuss nennen und unverzüglich ihre Verbrennung fordern. Und ist die Wohnung klein, wären drei, sogar zwei Kaninchen eine Last und müssten abgebrannt werden. Tatsächlich könnte ein einziges Kaninchen stören, wenn es ständig im Weg rumhoppelt. Demgemäß ist jedes einzelne Kaninchen ein überschüssiges Plagdier und muss ohne Mitleid angezündet werden. Selbst das, auf dem ich gerade liege.
„So beruhigen Sie sich doch!“ raunte die Frau. „Nicht ein Kaninchen wird verbrannt. Und außerdem liegen Sie nicht auf einem Kaninchen. Das ist mein roter Mantel, aus Kaschmir.“ Sie richtete sich auf und schaute gegen den blauen Himmel. „Hören Sie doch das Tatütata! Da kommt schon der Krankenwagen den Lousberg hinauf. Sie werden gleich hier sein und Ihnen helfen.“
„Die sollen sich beeilen“, sagte sich. „Ich habe eine Wollallergie und spüre schon, dass mein Kopf zerspringen will.“
„Das liegt nicht an der Kaschmirwolle. Sie sind gegen den Obelisken gestoßen.“
„Nein!“, sagte ich und fuhr hoch. Über mir der gewaltige Obelisk. O Gott, wie ragte er hinauf. Irgendwo da oben, wo seine fluchtenden Kanten sich zu vereinen schienen, durchstieß er die Himmelbläue und verschwand in den Schwärzen des Weltalls. Dieser Obelisk war mir so fern entrückt, der konnte mir nichts anhaben. Ein Mann war um die Ecke des Sockels gekommen und hatte mir seine Faust ins Gesicht gestreckt.“

Ganzer Text hier

Man sieht, die Fibonaccizahlen beschäftigen mich schon länger. Damit bin ich nicht der einzige, wie die Auflistung „Rezeption in Kunst und Unterhaltung“ bei Wikipedia zeigt, wo freilich das Projekt 50 Häuser noch fehlt.

Das künstlerische Fotoprojekt „50 Häuser“ beginnt mit der Hausnummer 3 und ist eine Visualisierung der Fibonacci-Folge. Zu sehen sind drei Häuser der Hausnummer 3, fünf Häuser der Hausnummer 5, acht Häuser mit der Hausnummer 8, 13 Häuser der Nummer 13 und 21 Hausnummern 21. Die meisten Häuser mit den jeweiligen Hausnummern habe ich in Hannover fotografiert. Weitere Fotos stammen aus München, fotografiert von Mitzi Irsaj, Careca und Dinogenes, aus Hamburg, fotografiert von lunarterminiert, und aus Köln, fotografiert von Videbitis.
Obwohl alle Häuser des Projektes „50 Häuser“ an verschiedenen Orten zu unterschiedlichen Zeiten von verschiedenen Personen fotografiert wurden, sind sie auf einer Metaebene durch das Konzept der Fibonaccifolge verbunden, abzulesen an einem Zähler, der in der Gif-Animation unten rechts mitläuft. Die erste Zahl zählt die Hausnummern einer Fibonaccizahl, die zweite Zahl zeigt die jeweilige Fibonaccizahl, die dritte Zahl zählt die gesamten Häuser. Sieh selbst:

50-häuserkorrekturKonzept & Gif-Animation: Jules van der Ley (Trithemius)

Bericht von meiner ethnologischen Forschungsreise von Hannover nach Aachen und zurück (Folge 2)

Folge 1 hier

Was ist gruselig an Wuppertal? Als Kind bin ich mal im Wuppertaler Zoo gewesen und auch mit der weltberühmten Schwebebahn gefahren. Weil die Stadt sich in den engen Talgrund der Wupper quetscht, ist da kein Platz für eine Straßenbahn. Stattdessen hängen die Bahnen in 12 Metern Höhe an einem Schienensystem, das ziemlich genau dem Verlauf der Wupper folgt, eine Meisterleistung deutscher Ingenieurskunst aus dem Jahr 1901. Die Streckenlänge beträgt 13 Kilometer, und noch viel länger scheint die Stadt zu sein. Selbst wenn du mit dem ICE hindurch rauschst, scheint Wuppertal kein Ende zu nehmen, und du hast das Gefühl, diese Stadt will dich nicht weglassen. Und dann, gerade hast du dich gegruselt angesichts der steilen Straßen und der hohen hässlichen Häuser, von denen sie gesäumt sind, gerade hast du dich geschüttelt, weil du dir Leben in diesen Häusern vorgestellt hast, irgendwelche Lebensformen, die einem nur in etwa menschlich vorkommen, da hält der ICE auch noch im schäbigen Wuppertaler Hauptbahnhof, einer Ansammlung von mit Brettern vernagelten Ruinen. Vor dem Hauptbahnhof, stadteinwärts, hat es jahrelang ein riesiges Loch gegeben. Ich staune darüber, Arbeiter in orangefarbenen Warnjacken zu sehen und dass sie es offenbar geschafft haben, das Loch zu schließen. Andererseits sah ich sie schon im vergangenen Februar daran arbeiten. Wieso sind die Arbeiten in sieben Monaten nur geringfügig fortgeschritten? Eventuell reißt das Loch, wenn es gerade geschlossen ist, über Nacht wieder auf, gleich einer schwärenden Wunde, an der alle ärztliche Kunst versagt. Ich frage mich, welchen Menschenschlag drängt es, in so einen feuchten, finsteren Talgrund wie den der Wupper zu ziehen? Warum blieben sie nicht auf den luftigen und manchmal sogar sonnigen Höhen des Bergischen Landes? Vor Jahren traf ich einmal im ICE den psychedelischen Dichter und Zeichner grotesker Dinge Eugen Egner. Er fuhr bis Wuppertal mit.
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