Rund um den Laternenmast

In Hannover wird man selten von Fremden zurechtgewiesen, anders als im Rheinland, wo es üblich ist, Fremde anzusprechen. Rheinländern geht auch ein Schimpfwort wie „Tünnes!“ leicht von den Lippen, mein einziger Vorteil in Auseinandersetzungen. Es gilt in solchen Dingen das Gesetz der Serie. Auf der Autobahn ist es mir schon aufgefallen. Du fährst mit 160 km/h auf der Überholspur, plötzlich taucht einer hinter dir auf, der das Recht beansprucht, überall 220 km/h zu fahren. Mit Lichthupe drängt er dich zur Seite. Du lässt ihn vorbei und kannst darauf wetten, dass dem ersten Raser ein zweiter Idiot folgt.

So geht es auch sonst im Leben, beispielsweise mit Zurechtweisungen. Wirst du einmal zurechtgewiesen, wirst du zweimal zurechtgewiesen. Das erste Mal geschah an einem Sonntag. Ich kam mit dem Fahrrad die Badenstedter Straße lang, querte sie, bevor sie unter dem Westschnellweg wegtaucht und befuhr den breiten, gut ausgebauten Fahrradweg 100 Meter auf der linken Seite. Pfeile auf der Fahrbahn zeigen an, dass er in beide Richtungen befahren werden darf, falls man wie ich vor oder hinter der Brücke links abbiegen will. Da kam mir ein Paar auf Rädern entgegen und der Mann schnauzte mich an, dass ich auf der falschen Seite führe. Ich weiß nicht mehr, was er gesagt hat, aber es ist unwichtig. Vermutlich hört ihm auch sonst niemand zu, und ob er nun Blödmann, Brathahn oder sonst was sagt, ist für den Weltenlauf vorläufig unerheblich.
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Über militärischen Drill, Kinder und Krieg


Angeregt durch einen lesenswerten autobiographischen Bericht der jungen Kollegin „auchwasmitmedien“ über ihre Kindheit im kommunistischen Rumänien, in dem Sie unter anderem schreibt, dass sie als Kind salutiert und mitgesungen hat, wenn im Fernsehen die rumänische Nationalhymne lief, habe ich mich an „militärische Früherziehung“ an einem Aachener Gymnasium und das Salutieren von Kindern erinnert. Zumindest am Salutieren zweier Schüler der 5. Klasse war ich nicht unschuldig, wenn es auch eher dadaistische Qualität hatte.

Nachdem ich im Jahr 1980 meine erste Stelle als junger Lehrer für Deutsch und Kunst angetreten hatte, bekam ich für den Kunstunterricht auch die 6. Klasse von Herrn Schikowski zugeteilt. Kollege Schikowski unterrichtete Englisch und Französisch, eine Fächerkombination, von der ich dachte, das ist wie beide Beine in einem Hosenbein zu haben. Aber im Gegenteil, statt über Sprachverwirrung zu stolpern, eröffneten ihm seine Sprachkenntnisse neue Welten. Er war Major bei der Bundeswehr, nahm als Reservist jährlich an einer mehrwöchigen Natoübung teil und war dann beim Stab der verantwortliche Kommunikationsoffizier.
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Drei Mann in einem Boot und auch noch ein Schwamm

Am Leinewehr rauscht und tost es. Man hört es schon von weitem. Da wälzen sich die Wassermassen der Leine hinab, und stürzen schäumend fast vier Meter hinunter und in die breit ausgebaute Ihme. Um Hannovers Altstadt vor Hochwasser zu schützen, wird das Wasser der Leine auf Höhe des Maschsees über den Schnellen Graben in die Ihme geleitet, die vorher nichts als ein friedlich dahin murmelndes Bächlein ist. Als würde ein Säugling sich schlagartig verwandeln in einen Koloss von einem Mann, weitet sich das Bächlein unvermittelt zu einer schiffbaren Bundeswasserstraße.

An diesem Sonntag ist die Sperre am Wehr völlig offen, denn die Leine muss viel Wasser loswerden, kein Wunder bei den heftigen Regenfällen dieses feuchten Sommers. Auf einer Wiese gegenüber dem Wehr haben sich etwa 50 junge Leute versammelt und lassen sich von Mitarbeitern eines Kanuverleihs einweisen für eine Kanutour über Leine und Ihme, legen orangefarbene Schwimmwesten an und tragen oder schieben dunkelgrüne Kanus zur Ablegestelle. Claus, Philipp und ihre Frauen haben mir diese Tour zum Geburtstag geschenkt. Wir hatten seit Anfang Juli auf einen passenden Termin warten müssen, denn die Ihme und selbst die um 90 Prozent ihrer Fluten gezähmte Leine sind mehrfach über die Ufer getreten, und oft hat es zu sehr geregnet.

Die erste Herausforderung ist, sicher ins schaukelnde Kanu einzusteigen. Ich lasse mir helfen. „Jules, alles geht, aber nichts muss!“, bekräftigt Philipp, will sagen, ich kann mich auch einfach paddeln lassen und bequem zurücklehnen. Von wegen. Man hockt wie ein Äpche op em Päcksche Tabak, wie der Rheinländer sagt, was bei latenten Rückenschmerzen kein Vergnügen ist (vom Affen später mehr.) Nicht hundert Meter werde ich so sitzen können. Doch nach einer Weile gewöhne ich mich an die Hocke im Schneidersitz und genieße die Fahrt.

Claus – seine Frisur und seine Schwimmweste – Foto: JvdL


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Körperzeichen erzählen Geschichten

Das niederländische Wort „litteken“ gefällt mir besser als die deutsche Entsprechung „Narbe.“ Während Narbe sich von Meerenge ableitet und fürs Verständnis wenig bietet, steckt in litteken erkennbar das Wort „teken“ = „Zeichen.“ Darüber dachte ich nach, als ich heute Morgen meinen linken Daumen betrachtete. Der trägt auf dem unteren Glied zur Außenseite hin ein feines helles litteken, eine waagerechte Linie von etwa einem Zentimeter und fünf senkrechte Striche der Nähte mit Einstichpunkten der Nadel. Dieses Körperzeichen ist fast 50 Jahre alt und noch immer zu sehen. Es erinnert an einen Unfall, bei dem ich mir mit einem Beitel in den Daumen gestochen habe, und zwar tief, dass ich den Knochen sehen konnte. Der Daumen musste genäht werden und kam für Wochen in Gips, denn ich hatte mir die Strecksehne durchtrennt.

Während meiner Schriftsetzerlehre hatte ich nachmittags Unterricht im Linol- und Holzschnitt. Ein Schriftsetzer sollte Plakatschrift selber schneiden können, falls mal ein Buchstabe fehlte. Es unterrichtete ein Werklehrer, den wir Holzwurm nannten. Einmal kam der Holzwurm zu spät zum Unterricht, so dass wir Lehrlinge allein im Werkraum waren. Aus Langeweile begann ich, mir Schlagzeugstöcke zu schnitzen, rutschte ab und schon wars passiert.

Holzwurm gab eine merkwürdige Begründung ab, warum er zu spät gekommen war. Er fuhr ein Kabrio, ein kleines, hässliches Auto ohne Klasse, ein richtiges Holzwurmauto. Man sah diesem Auto an, dass der Berufsschullehrer gern etwas Besseres gewesen wäre, aber leider im Holzwurmdasein gefangen saß. In der Mittagspause hatte er tanken wollen und an der Tankstelle Gunter Sachs getroffen. Gunter Sachs war direkt von den Titelseiten der Hochglanz-Schmockpresse herabgestiegen in Holzwurms enge Welt und hatte etwas Alltägliches getan. Er betankte seinen Porsche, worin eine blonde Schönheit wartete. Betankte den Porsche genau wie Holzwurm sein Holzwurmkabrio betankte, nur die blonde Schönheit fehlte. Aber das Beste sei gewesen, dass Gunter Sachs einen Maßanzug aus Sackleinen getragen hatte. Da hatte sich Holzwurm ein Herz gefasst und Gunter Sachs gefragt: „Entschuldigen Sie, dass ich Sie so einfach anspreche, aber sind Sie Gunter Sachs? Und ist Ihr Anzug etwa aus Sackleinen?“ Und Gunter Sachs hatte ihn gönnerhaft einer Antwort gewürdigt und bestätigt: „Ja, ich bin Gunter Sachs, und mein Anzug ist aus Jute.“

Vermutlich wollte Lehrer Holzwurm erst mal nicht mehr zurück ins profane Leben. Er mag gedacht haben, dass die Begegnung nicht nur der vorläufige Höhepunkt seines Lebens war, sondern der Auftakt zu einem ganz neuen. Da hatte er natürlich Zeit nötig, sich wieder auf dem Boden der Tatsachen zurechtzufinden. Weil also mein Lehrer seine Zeit damit vertändelt hat, Gunter Sachs anzuhimmeln, kann ich das obere Glied des linken Daumens rechtwinklig nach hinten biegen. Das alles erzählt mein litteken.

Über hirnrissige Wahlplakate – Heute FDP

Foto: JvdL, größer: Klicken

„ULLA IHNEN DENKEN WIR NEU.“

Huhu, FDP!

Wenn ihr Ulla Ihnen neu denken wollt, dann ist sie am Ende gar nicht echt, sondern nur eine schwarzweißes Hirngespinst mit Perlenkette und Brille, dem Christian Lindner aus dem schwerbekifften Schädel entsprungen? Und der Wähler solls mal wieder richten. Wie lautet euer Wahlversprechen? Erst wenn die FDP wieder in den Bundestag einzieht, wird Ulla Ihnen neu gedacht, so richtig in Farbe und eventuell ohne spöttisches Grinsen?
Euren Kopf möchte ja lieber nicht haben …

Einiges über die Magie von Träumen und Erwachen

Welch ein seltsam Ding ist das Aufwachen. Gerade noch ist der Wanderer hurtig im Kopf unterwegs, derweil der Körper sich auf dem Sofa rekelt, sich mal hier hin, mal da hin dreht – gerade hast du mit einem Pferdemädchen Fleißkärtchen fürs Striegeln getauscht, obwohl du keines dieser seltsamen Geschöpfe im realen Leben kennst und nie im Leben ein Pony gestriegelt hast und erst recht nicht einen hochrahmigen schnaubenden Hengst – da wirst du wach und weißt sogleich, du bist irgendwer, und am Ende sogar einer, zu dem ein Pferdemädchen Sie sagen würde.

Etwas in mir will liegen bleiben, schiebt nur einen Fuß lasziv übers Laken als gälte es, die Wade einer Frau zu streicheln, etwas anderes mahnt, dass am Nachmittag noch einiges zu erledigen wäre. Der Körper, eine Stunde passiv gewesen, drängt plötzlich ins Bad und gleichzeitig möchte er noch ein bisschen faul auf der Haut liegen, was letztlich beweist, dass er eigentlich handlungsunfähig wäre, wenn nicht irgendwo anders die Entscheidungen gefällt würden. Der Sinn des Sehens strebt übers Fensterkreuz hinaus und trachtet Gesichter in Wolken zu entdecken oder freut sich an Ordnungsstrukturen gerader Linien, die keine ist, sondern aus der Beschränktheit der perspektivischen Wahrnehmung entsteht.

Ach, und die Konsistenz der stillen Luft moduliert, was von der Straße sich in die Ohrmuscheln hineindreht und weitet das Herz. Nicht nur wie die Welt tönt, auch ihr Licht zeigt an, dass der Herbst sich heranschleicht. Da ist die Grenze zwischen innen und außen dünn wie ein Hauch, und schon rühren die Töne an uraltes Weh. Schluss damit! Raff dich endlich und komm mit zwei Beinen auf den Teppich. Du musst arbeiten, einkaufen, dein Tagwerk fortführen. Doch niemals den linken Fuß zuerst aufsetzen! Wer sagt das eine, wer das andere? Welcher vertrocknete Schulmeister pocht mit hartem Knöchel aufs Pult und wieso haust gleich nebenan in einer spinnwebigen Besenkammer ein abergläubisches Weib? Wer hat wann dieses Arschgespann hereingelassen?

Die Vertreter der modernen Hirnforschung sagen, es gebe weder einen freien Willen noch eine ordentliche Leitzentrale, in der das divergierende Hin und Her verwaltet, registriert und gesteuert wird. Die konkurrierenden Aufmerksamkeitsfunken sausen durch das Netz der Hirnzellen, und nach irgendeinem ererbten Plan wird eine Handlung ausgekungelt, bis ich mich also ergebe und meinen rechten Fuß auf den Boden setze, um mir zuerst einmal einen Kaffee zu machen, um dann nicht zu arbeiten, sondern etwas absolut Müßiges zu tun, nämlich diesen Text zu schreiben. Diesmal hat also die Eitelkeit gesiegt, und sie scheint überhaupt ein zentraler Antrieb menschlichen Verhaltens zu sein, unter dessen Knute auch und vor allem Hirnforscher ducken.

Denn eines haben sie offenbar beim Sondieren des menschlichen Gehirns verloren : Die Fähigkeit zu staunen darüber, dass in dem Durcheinander so etwas wie ein konsistentes Ich sich etablieren kann, das mich zum Beispiel nicht glauben lässt, dass ich bei einem Aufwachen ein Pferdemädchen bin und beim nächsten ein professorales Strichmännchen ohne freien Willen, das durch Hörsäle und Talkshows turnt. Nein, trotz irrwitziger neuronaler Prozesse in meinem Kopf, die sich der Wahrnehmung und der genauen Beschreibung entziehen, weiß ich, ich bin der und der und betreibe derzeit ein virtuelles Teestübchen. Und konzentriere ich mich darauf, vertreibt es dieses vorherbstliche Weh. Dann denke ich. Die menschliche Natur kann einen wehmütig machen, hält aber auch probate Gegenmittel bereit. Ist doch hübsch!

Einmal ein anderer sein

Jeden Morgen beim Aufwachen staune ich, dass ich noch da bin. Und ich staune auch, dass ich mich exakt in dem Leben wiederfinde, aus dem ich mich am Abend verabschiedet habe, als ich in den Schlaf sank. Nie wird man morgens wach und ist mal ein anderer. Für einen Tag wenigstens könnte man doch aufwachen und zum Beispiel ein Seehund sein, der einen bunten Ball auf der Nase balanciert. Und hätte ich meine Sache gut gemacht, würfe man mir vom Beckenrand köstlichen Fisch zu. Freilich wüsste man nicht, was das Seehund-Ich inzwischen mit dem menschlichen Körper anstellen würde.

Man wird wieder wach im eigenen Körper und hat den Wanst voll Fisch, dass man sich kaum noch bewegen kann. Das wäre übel, denn ich bin Vegetarier. Dann müsste ich einen ganzen Schwall Fisch in die Biotonne würgen. Was sollen die Nachbarn denken? Woher die Schlammkruste an meiner Hose käme, wüsste ich auch nicht. Am Ende würde ich noch ins Polizeipräsidium geladen, weil man mich beschuldigt, im Fluss geangelt zu haben. Ohne Angelschein! Vorsorglich stelle ich mich dumm: „Wer sagt das?“
„Angler haben Sie gesehen, wie Sie am Flussufer gekniet und mit bloßen Händen Fische gefangen haben.“ „Moment! Das ist kein Angeln. Zum Angeln braucht man eine Angelrute.“
„Ach. Wie nennen Sie denn Ihre Methode?“

Gif-Animation: JvdL

„Äh, Fischen?“
„Dann haben Sie eben gegen das Fischereirecht verstoßen. Zu ihrem Glück ist das nur eine Ordnungswidrigkeit. Mit 80 Euro sind Sie dabei.“
„80 Euro?! Dieser verfluchte Seehund!“
„Welcher Seehund?“
„Ach, nichts.“
Und ich habe mich so angestrengt mit dem Ball.