Isolierverglast schaudern

Die Isolierverglasung meiner Fenster schließt mich weitgehend aus von den Vorgängen draußen, die auf irgendeine Weise Laut geben. Isolierverglasung isoliert das Innen vom Außen, lässt von draußen nur das Licht durch, das von den Objekten vor den Fenstern reflektiert wird. Selbst das Licht des offenen Himmels ist ja Reflexion. Wenn die Atmosphäre nicht das Licht reflektieren würde, wäre unser Himmel schwarz. Aus einem erstaunlich hellen Himmel fällt lautlos der Regen. Seine Tropfen glänzen. Es ist mehr ein Aufblitzen und nicht einfach Tropfen, sondern Triefen.

Als isolierverglaster Mensch fehlt mir am meisten, den Regen zu hören. Zu einer anderen Zeit am anderen Ort habe ich mit einer geliebten Frau im Bett gelegen und wurde wach, als es gerade dämmerte. Die Tür zu Veranda und Garten stand offen. Drinnen und Draußen wurde nur durch eine bodenlange weiße Gardine getrennt. Ich hörte, dass ergiebiger Regen niederging, sah, wie die Gardine sich zum Garten hin bauschte, also wie vom Regen hinausgezogen wurde, aber nicht gänzlich Folge leistete. Oben hing sie an der Gardinenstange fest und unten widerstand das auf dem Boden aufliegende Stück der Gardine der Sogwirkung des Regens. So blähte sie sich wie ein Segel. Ich fröstelte. Aber meine linke Flanke war warm, wo ich die nackte Frau neben mir berührte. Sie hatte unser Laken ganz zu sich herübergezogen, und dort war es halb zu Boden geglitten. Ich hörte dem Regen zu, spürte schaudernd die nasse Kälte, die von außen auf mich eindrang. Für einen Augenblick durchströmte mich ein Glücksgefühl, grad so lang, wie da noch ein Ausgleich war zwischen Wärme an meiner linken Seite und Kälte rechts, dann schmiegt ich mich an das schlafwarme Weib und zog das Laken wieder über uns. Der Regen mochte ewig weiter rauschen. Doch die Welt stünde für eine Weile still.

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Dieser Mann hat möglicherweise falsch gewählt

An leitender Stelle in der Redaktion von Tagesschau.de sitzt eine verantwortungsbewusste Persönlichkeit, die dankenswerter Weise in regelmäßigen Abständen über russische Hacker, Trollfabriken und Propaganda-Accounts informieren lässt. Diesmal leitet diese Person, deren Gehalt gerne fünfmal aus den Rundfunkgebühren gezahlt werden darf, diesmal leitet sie eine Meldung weiter von einem „Marcus Schüler. ARD Los Angeles zzt. Silicon Valley.“ Schuler, nicht Schüler. [ALARM! Diese gewissenlosen russischen Hacker haben den Teestübchenaccount gehackt und machen verbotene Namenwitze.]

Wir lassen uns nicht beirren. Schülers Überschrift lautet: „Russische Propaganda-Accounts bei Twitter?“ Am Fragezeichen erkennt man den hohen Informationsgehalt und die Verlässlichkeit der nachfolgenden Meldung. Hier war das zugegeben unkonventionelle Adjektivattribut „betonfeste Verlässlichkeit“ geplant, zwingend erforderlich, ja, staatsbürgerliche Pflicht, aber russische Hacker haben dafür gesorgt, dass die Rechtschreibprüfung das Wort nicht akzeptierte, können aber nicht verhindern, dass hier folgender Satz von Tagesschau.de zitiert wird: „Nach Facebook hat auch Twitter eingeräumt, möglicherweise für russische Manipulationen des US-Präsidentschaftswahlkampfs benutzt worden zu sein.“ „Möglicherweise“ heißt doch so gut wie „Vielleicht“, und hier sei als Beweis eine Erkenntnis aus dem reichen Erfahrungsschatz eines Mannes aus Marcus Schulers Umfeld im Silicon Valley angeführt, der nebenher gesagt haben soll: „Wenn eine Frau „vielleicht“ sagt, meint sie „ja.“

Russischer Hacker (scheinheilig) fühlt die Temperatur und argloser Wähler lässt es zu

Also isso. Möglicherweise, eventuell und gegebenenfalls haben russische Hacker auch die Bundestagswahl manipuliert und zwar mit Hilfe der Kugelschreiber, die verdächtiger Weise in den Wahlkabinen angebunden waren. Der gutgläubige Wähler, die arglose Wählerin hat treu und brav die Kreuzchen bei der Linken gesetzt wie auch der Autor dieser Zeilen, und der scheiß gehackte Kugelschreiber hat alles verwackelt und neben die Kreuzchen ein Maumännchen gemalt, so dass die Stimmabgabe als ungültig gezählt wurde und am Ende Angela Merkels CDU, ihre FDP und ihre AfD gewählt waren. So werden demokratische Wahlen zur Farce! Danke, Herr Putin, Vielen Dank auch!

Kaffeeplausch mit Frau Nettesheim – Weltschmerz


Trithemius
Oweh, Frau Nettesheim, seit Sonntagabend plagt mich der Weltschmerz. Und es wird immer schlimmer.

Frau Nettesheim
Wieso gerade jetzt?

Trithemius
Früher dachte ich, weil ich manchmal besonders dünnhäutig bin. Aber seit gestern denke ich das nicht mehr.

Frau Nettesheim
Und warum dann?

Trithemius
Ich bin nicht dünnhäutiger als sonst. Es rückt nur manchmal alles näher heran. Gestern schaue ich beispielsweise aus dem offenen Fenster. Ganz am Ende der Straße kommen zwei junge Männer heran. Und obwohl sie noch weit weg sind, höre ich genau ihre schlurfenden Schritte. Das dürfte Ihnen als Beispiel reichen.

Frau Nettesheim
Sie meinen, die Welt ist zudringlicher, weil sie gestern zwei Männer heran schlurfen hörten? Wollten die beiden denn zu Ihnen?

Trithemius
Nein, sie gingen unter meinem Fenster vorbei. Verstehen Sie das doch exemplarisch, Frau Nettesheim!

Frau Nettesheim
Möglicherweise lags an der Herbstluft, genauer an der Temperatur. Bei 16 Grad Celsius und hoher Luftfeuchte breitet sich der Schall schlurfender Schritte am besten aus.

Trithemius
Wer sagt das? Das haben Sie sich doch ausgedacht, nur um das Exempel zu entkräften.

Frau Nettesheim
Kommen Sie zum Punkt. Die schlurfenden Männer sind nicht verantwortlich für ihren Weltschmerz. Sie kennen die ja nicht mal.

Trithemius
Falls die beiden die AfD gewählt haben und mitverantwortlich sind für 96 AfD-Abgeordnete im Bundestag …

Frau Nettesheim
Hier in Linden-Mitte hat die AfD nur 3,9 Prozent der Stimmen bekommen. Das beste Ergebnis erzielten die Linke mit 24,2 und die Grünen mit 25,4 Prozent. Das müsste Sie doch freuen, Trithemius. Ihr Stadtteil!

Trithemius
Mir gehört doch hier nichts. Außerdem macht die Welt nicht vor „meinem Stadtteil“ halt. Gestern sah ich einen SPD-Abgeordneten aus Ostfriesland im Fernsehen. Er hatte es nur knapp in den Bundestag geschafft und lamentierte, angesichts ihrer historischen Leistung, was die SPD alles für die Menschen erkämpft habe, müsste sie bei 60 Prozent liegen. Und ich dachte, der Kerl begreift noch immer nicht, dass die SPD unter Schröder mit der Agenda 2010 unsere schöne Republik kaputtgemacht hat. Dass so wenig Einsicht ist in unserer Welt, macht mir Weltschmerz. Und schaut man über den eigenen Horizont hinaus: Weltweit regieren Wahnsinnige und Psychopaten, leiden Menschen unter Krieg, Gewalt, Verfolgung und Hunger, von der Umweltzerstörung gar nicht zu reden. Ich glaube langsam, Frau Nettesheim, die Menschheit hat ein Intelligenzproblem.

Frau Nettesheim
Das beträfe ja auch Sie.

Trithemius
Ja. Seit längeren sage ich mir, das desolate Weltgeschehen ist ein makabrer Witz. Das ist internationale Hochkomik. Aber ich komme einfach nicht hinter den Sinn, noch weniger verstehe ich die Pointe.

Arthur Koestlers Klopfzeichen

Während meiner Recherchen zur Schrift- und Buchkultur machte mich ein Kollege auf Arthur Koestlers deprimierenden Roman „Sonnenfinsternis“ aufmerksam. Darin beschreibt Koestler ein Klopfzeichen-Alphabet, mit dem sich Gefängnisinsassen trotz Isolationshaft verständigen können. Koestlers dystopischer Roman ist eine Abrechnung mit den stalinistischen Säuberungen, obwohl die Sowjetunion als Handlungsort nicht genannt wird. Als Mitglied der KPD sah er sich ähnlich wie sein Freund George Orwell vom Kommunismus enttäuscht.

Inhaftiert war Koestler jedoch nicht in der Sowjetunion, sondern in Spanien. Er war als Kriegsberichterstatter im spanischen Bürgerkrieg von Francos Truppen gefangen genommen und wegen Spionage zum Tode verurteilt worden. Das Klopfzeichenalphabet hat er vermutlich in seiner Isolierhaft kennengelernt.

Koestlers Klopfzeichenalphabet, aufgezeichnet von JvdL

Die 25 Zeichen unseres Alphabets (J fehlt, das I dient als Halbvokal ) sind in fünf Gruppen zu je fünf Zeichen eingeteilt. Das jeweils erste Klopfzeichen gibt die Reihe an, das zweite die Spalte. Wir werden hoffentlich nie in die Verlegenheit kommen, Koestlers Klopfzeichen benutzen zu müssen. Aber um geheime Botschaften auszutauschen, ließe sich das Verfahren auch auf Handzeichen übertragen, linke Hand: Reihe, rechte Hand: Spalte. Ähnlich lassen sich auch die Ogham-Runen nutzen. Das wäre dann eine gute Verschlüsselung.

Gekritzelt – Guten Tag, Frau Habermehl!

Namen behalten
Immer bin ich versucht zu einer Frau Haberkorn, fälschlich Frau Habermehl zu sagen. Es könnte aber auch umgekehrt sein. Ich kanns mir einfach nicht merken, vermutlich weil ich mal darüber nachgedacht habe, dass Haber die oberdeutsche Form von niederdeutsch Hafer und Mehl das feine Korn ist. Schon früher konnte ich mir bestimmte Namen nicht merken. Eine blonde Schülerin hieß Nadine, aber mein Gehirn war der Meinung, sie müsse Sandra heißen und ließ mich die Namen immer verwechseln.

Reifes Urteil
„Einen Menschen kannst du nicht ändern“, sagt die junge Frau am Nebentisch, „ ein Mensch ist so wie er ist.“

Zwei Welten
Eine Szene zufällig im TV gesehen: Am Boden sitzt eine Obdachlose, hat neben sich einen schwarzen Hund. Eine Passantin mit Hund ruft schon von weitem: „Ach, ist der süß!“, tritt heran, beugt sich zum Hund hinab und fragt, ihn tätschelnd: „Wie heißt er denn?“
„Stinker“, sagt die Obdachlose, „und deiner?“
„Philipp!“

Ataraxie

In letzter Zeit kommt es immer öfter vor, dass ich einfach nur da sitze.

Lust am Drama
Obwohl ich mich kaum für Fußball interessiere, schaue ich manchmal die Sportschau. Mir gefällt die Begeisterung in den Stimmen der Sportreporter. Noch besser war das einst im Rundfunk, als man ständig zwischen den Spielen hin- und herschaltete, und zwar, wann immer das Geschehen in einem Stadion dramatisch war. Im Off die Schlachtrufe der Fußballfans, das kollektive Aufstöhnen, wenn ein Schuss daneben gegangen war. Da beneide ich die Fußballfans um das Kollektiverlebnis. Es muss eine Lust sein, das Maul aufzureißen, und es kommt der gleiche Laut heraus wie aus dem Nachbarmaul, und links und rechts, oben und unten, zehntausendfach, die geballte Energie von Gleichgesinnten, die ins Stadion donnert und von dort in alle Wohnstuben.

FC Knobi

Arne [mein damals siebenjähriger Sohn] kommt zu mir und fragt: „Wer wurde 1989 deutscher Fußballmeister?“
„Weiß nicht, vielleicht Bayern München?“
„Nein, der Knoblauch oder so.“
„Wieso Knoblauch?“, frage ich und muss lachen, denn mir fällt ein, wo das herstammt. Auf den Reinigungstabletten für die Zahnspange meiner Tochter sind Fragen und Antworten abgedruckt. Der Druck hatte sich bei der Produktion verschoben, so dass die Perforation die falschen Fragen und Antworten auf einer Tablette vereint.

Ich erkläre das meinem Jüngsten. „Das mit dem Knoblauch hat Malte [sein drei Jahre älterer Bruder] mir gesagt, und ich fand es gleich komisch“, sagt Arne und muss auch lachen. (Auf den Tag genau 27 Jahre alte Tagebuchnotiz vom 25. September 1990 )

Nachtfahrt (2)

Die Ängste, deretwegen uns Karl-Heinz aus unseren Schlafsäcken hochgescheucht hatte, waren absurd. Trotzdem hatten sich alle gefügt, noch in tiefer Nacht wieder aufs Rad zu steigen. Wie sich zeigen sollte, hätten wir sowieso nicht länger im Straßengraben liegen können, denn bald begann es heftig zu regnen. Innerhalb kürzester Zeit waren wir völlig durchnässt. Als die Landstraße wieder in einen Wald eintauchte, beschlossen wir, unter den Bäumen Schutz zu suchen. Aus Planen und Müllsäcken bauten wir einen notdürftigen Unterstand, was nicht einfach war in der Finsternis des Waldes.

Es hatten darunter sowieso nicht alle Platz, also sollte einer von uns draußen bleiben und Wache halten. Ich erinnere mich nicht mehr, was gesprochen wurde, aber der Terminus „Wache halten“ hat sich vermutlich allein durch seine Existenz als sinnvolle Tätigkeit qualifiziert, obwohl es im nächtlichen Wald bei strömendem Regen nichts zu bewachen gab. Ich übernahm die erste Wache, denn die Aussicht, in einen durchnässten Schlafsack zu kriechen, war nicht verlockend. Nach einer Stunde löste Frank mich ab. Es regnete noch immer und er hatte sowieso nicht schlafen können. Ich hatte am Stamm einer mächtigen Fichte gehockt. Als Frank neben mich kam und sich ebenfalls an den Stamm anlehnen wollte, fiel er mit einem erstaunten Ruf hinten über und purzelte einen Abhang hinunter, was ich in der Schwärze des Waldes nur als Hörbild mitbekam. Er musste recht tief gefallen sein, denn es dauerte lange, bis er sich stöhnend und leise fluchend wieder zu mir hoch gekämpft hatte. Wir blieben zusammen wach, bis es dämmerte.

Der Aufbruch der Gruppe war unerfreulich. Denn mit durchnässter Kleidung in der Morgenkühle aufs Rad zu steigen, macht einfach schlechte Laune. Auch wurden wir von Hunger und Durst gequält. Immerhin ging bald die Sonne auf und in der Ferne zeigte sich ein Dorf, in dem wir vor einer Bäckerei warten wollten, bis sie öffnete. Bei einem Halt erwies sich Ludwig wieder als unsozialer Gefährte. Wir hörten es plötzlich plätschern. Da stand er mit seiner offenen Feldflasche, aus der noch immer Wasser rann. Erbost stellten wir ihn zu Rede, weil wir alle nichts mehr zu trinken hatten, und er rief: „Isch muss mir doch de Zäng putze!“

Ich weiß noch, welches Gefühl der Erleichterung mich durchströmte, als wir im Dorf eine Bäckerei fanden, die bald öffnete. Ich kaufte eine Flasche Kakao und acht Teilchen für insgesamt 1,20 DM. Ein Amerikaner kostete damals 10 Pfennig. Für die gesamte Radtour von drei Wochen hatte ich für Übernachtungen in Jugendherbergen und Proviant nur 120 DM bei mir. Wir verließen den Ort, um einen schönen Platz zu finden. Inzwischen wärmte die Sonne, und aus den Weinbergen entlang der Straße stieg der Dunst auf. Bei einem breiten, mit Gras bewachsenen Feldweg in den Weinberg hielten wir und verschlangen unser Frühstück. Dann legten wir uns rücklings in die Sonne und ließen uns trocknen. Ich habe selten so köstlich geschlummert wie in diesem Weinberg an der Weinstraße.

Nachtfahrt

Wir hatten uns unzweifelhaft verfahren. Ringsum nur Landschaft, weit und breit keine Stadt zu sehen. Weit und breit niemand, den wir nach dem Weg fragen konnten. Karl-Heinz, der eine gewisse Führungsposition in unserer fünfköpfigen Runde eingenommen hatte, weil er die Karte zu lesen pflegte und sagte, wo es lang ging, war kleinlaut geworden, da er uns offenbar in die Irre geführt hatte. Wir waren müde, wollten endlich die Jugendherberge in Neustadt an der Weinstraße finden, unser Tagesziel.

Da tauchte von hinter einer Bodenwelle ein Mopedfahrer auf. Wie er uns ratlos mit unseren bepackten Fahrrädern herumstehen sah, hielt er an und fragte, wohin wir wollten. Die Jugendherberge in Neustadt? Dahin kenne er einen guten Weg. Er werde vor uns herfahren, sprachs und bog in einen geraden Wirtschaftsweg ein, der nach kurzer Zeit in einen ausgedehnten Wald eintauchte. Wir sahen ihn bald nicht mehr. Offenbar hatte er unser Tempo überschätzt. Es begann zu dämmern. Irgendwann hielten wir und beratschlagten uns. Keiner traute dem Alten auf dem Moped. Wer weiß, wo der uns hinlocken wollte. Die Hoffnung, die Jugendherberge noch vor Anmeldeschluss zu finden, gaben wir auf und beschlossen, eine Nachtfahrt zu machen.

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