Kellerassel verstößt gegen intergalaktisches Recht

Es hat geregnet. Ein schwerer Landregen ist niedergegangen. Im Hof zwischen den feuchten Fliesen kriecht mit provozierender Langsamkeit eine Assel. Die Abmessungen einer Asselwelt zugrundegelegt, betrachte ich sie aus großer Höhe, derweil ich meinen Fahrradsattel trocken wische. Weil ich so wenig über Asseln weiß und weil sie sich so seltsam stoisch bewegt auf ihren kaum sichtbaren sieben Beinpaaren, stelle ich mir vor, die Assel wäre das Raumschiff einer außerirdischen Spezies, eher noch das Landungsschiff, mit dem sie unsere Welt erkunden.

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Ein Sommer auf der Insel Texel und ein seltsames Zusammentreffen von Ereignissen

Die Geschichte beginnt auf den Tag genau heute vor zehn Jahren. Der 25. Juni 2006 war ein Sonntag. An diesem Tag besuchte der „europaweit gefürchtete Kunst-Attentäter Hans-Joachim Bohlmann“ (der Spiegel) das Amsterdamer Rijksmuseum. Er spritzte Feuerzeugbenzin auf das 2,3 x 5,5 Meter große Gemälde „Schützenmahlzeit zur Feier des Friedens von Münster“ (1648) von Bartholomeus van der Helst und zündete das an. Der Anschlag wurde rasch entdeckt, der Brand gelöscht, so dass er nur geringe Schäden anrichtete. Dieses Attentat sollte mir ein besonderes Erlebnis bescheren. Weiterlesen

„Man kann ja nie wissen“

Ich habe ein Plakat gerahmt und an die Wand gehängt. Dazu musste ich nur sechs Nägel in die Wand schlagen, das heißt zwei davon habe ich je zweimal eingeschlagen und wieder gezogen, weil sie sich als zu lang erwiesen haben. Ich hämmerte also zwei kurze Stahlnägel in die Wand, und zwar von den ersten Löchern um drei Zentimeter nach links versetzt, damit der linke Rand des rahmenlosen Halters mit dem darüber hängenden Bild bündig abschließt. Das Plakat im Format 420 mm x 594 mm (DIN-A2) zeigt das heitere Aquarell „Anna Blume und ich“ aus dem Jahr 1919 von Kurt Schwitters und wirbt für eine Veranstaltung am 24. Juni 2016 im Kultur-Café „Anna Blume.“ Dort bin ich gestern mit meiner Obernachbarin gewesen. Wir sind mit den Rädern hingefahren. Der kleine Stapel Plakate hat da auf einem Flügel gelegen. Meine Nachbarin hat auch eines mitgenommen und die beiden gerollt in ihrer geräumigen roten Handtasche transportiert.

Das inklusive Kultur-Café „Anna Blume“ befindet sich in der ehemaligen Leichenhalle des Stöckener Friedhofs. Das symmetrisch gestaltete Eingangsportal des Stöckener Friedhofs mit seiner zentralen neugotischen Kapelle und den im stumpfen Winkel abgehenden beiden Leichenhallen ist das Werk der hannöverschen Architekten Adolf Narten und Paul Rowald und wurde fertiggestellt im Jahr 1892.
StoeckenerFriedhofHaupteingangHaupteingang des Stöckener Friedhofs – Bildquelle: Wikipedia (größer: klicken)

Ich habe hier mal den stilistischen Rat gegeben, eine Halle müsse man nicht “eine große Halle” nennen, denn es hallt ja in ihr, wie die Bezeichnung schon sagt, also ist sie kein Kämmerlein. Und wenn man die Ausdehnung der Halle zeigen will, dann ist es besser, jemanden etwas darin tun zu lassen.

Grabstein von Kurt Schwitters auf dem Engesohder Friedhof Hannover - Foto: Trithemius

Grabstein von Kurt Schwitters auf dem Engesohder Friedhof Hannover – Foto: Trithemius

Jedenfalls könnte man unter neogotischen Spitzbögen und zwischen den beiden Säulenreihen gut 15 Särge aufbahren, also mindestens so viele, wie jetzt Tische darin stehen. Warum die westliche der beiden Leichenhalle ihrer eigentlichen Bestimmung entzogen wurde, entzieht sich auch meiner Kenntnis. Am Freitag wird jedenfalls der ehemalige Direktor des Sprengelmuseums, Ulrich Krempel, in der ehemaligen Leichenhalle des Stöckener Friedhofs, jetzt Café Anna Blume“, da wird Herr Krempel Texte des Merzkünstlers Kurt Schwitters lesen. Das hätte sich Schwitters bestimmt nicht träumen lassen, dass man seine Texte mal in der Stöckener Leichenhalle vorlesen würde. Mit Hall auch noch! Sinniger Weise steht auf seinem Grabstein „Man kann ja nie wissen.“

Schweinerei beim Fußballspiel Deutschland : Ukraine

Klar! Es war eindeutig Handspiel, als Bundestrainer Joachim Löw beim Europameisterschaftsspiel gegen die Ukraine sich ungeniert in die Hose fuhr, dort ausgiebig hantierte (!) und danach ganz fasziniert an seinen Fingern roch, was den Schluss nahegelegt, dass es zur Ballberührung gekommen war, wenn auch nur mit den Fingerspitzen: Hand ist Hand.
( #Schnüffelgate )

„Das ist nichts Besonderes. Ich glaube, 80 Prozent von euch haben sich auch schon mal die Eier gekrault.“

Twittert wer? Podolski. Po-dolski, du verstehst, gnihihi!, wenn du weißt, dass Jogi Löw sich seine Hand auch noch hinten in die Hose geschoben hat! Bei einem Fußballspiel! So geht’s nicht. Die ganze Welt hat zugeschaut. Ich finde, die Leute in Stuttgart oder alle, wo so sprechen tun wie Löw, sollten sich von dieser unsportlichen Schweinerei mal distanzieren, sollten sagen, wir sind nicht die 80 Prozent! Es ist nicht typisch für Schwaben oder für wo Joachim Löw herkommt.

Arschfax im Nacken„Die Mannschaft“ trug übrigens ein passendes Shirt. Es hat im Nacken einen hellen Einsatz, der von weitem aussieht wie ein von der Unterhose nach oben gerutschtes „Arschfax“. Ist auch eins. Typisch Löw! Kann seine Spieler nie in Ruhe spielen lassen, sondern tut live den Spielstand aus seiner Hose faxen. „1 : 0 für das Linke – nach Handelfmeter!“ Ehrlich, wen interessierts? Das lenkt die Mannschaft nur ab. Am Ende passt Boateng nicht auf und Neuer kriegt einen rein.

Sag mal, wie sich deine Welt anfühlt!

Zounds! Ich habe verschlafen. Dabei muss ich aus der Zeit gerutscht sein, denn rundum ist es still. Zwar höre ich in der Ferne einige Autos fahren, auch zwitschern Vögel. Aber die Geräusche könnten eine Täuschung sein. Sie könnten vom Band kommen. Eigentlich müsste die akustische Illusion noch nicht mal vom Band kommen. Es reicht, mein Hörzentrum ein wenig zu stimulieren, so dass ich glaube, entfernte Autogeräusche, Vogelstimmen sowie das leise Lüftungsrauschen meines Klapprechners zu hören. Blicke ich über den Bildschirm hinweg, sehe ich drei Fenster, zwei Fenster frontal, eines schräg von der Seite. Das linke der frontalen Fenster hat zwei Flügel. Die weißen Gardinen sind völlig zur Seite geschoben, so dass besonders dieses Fenster den Blick auf dichtes Laub verschiedener Bäume gewährt, die in scheinbar unterschiedlicher Raumtiefe angeordnet sind. Geradeaus sehe ich einen Weißdornbusch, der sich ins Laub einer Eiche geschoben hat. Durch das seitliche Fester sehe ich nicht viel. Die Gardine ist nicht weit genug zur Seite geschoben. Immerhin erkenne ich schemenhaft eine hohe, hellrot verklinkerte Hausfront und einige Fenster darin. Sie sind weiß gestrichen und haben eine altweiße Laibung. An ihrer symmetrischen Anordnung leite ich ab, dass in der Haufront noch weitere Fenster sein müssen. Der größte Teil der Hausfront ist aber durch das Laub eines Baumes verdeckt.

augadoro (Augentor) nannten die Germanen ihre Fenster. Wie bei den akustischen Wahrnehmungen könnte alles, was die Augentore mir zeigen und was sich rundum im Raum befindet. Alles das könnte meinem Sehzentrum vorgespielt sein. Bliebe noch mein Bildschirm und was in Schrift darauf erscheint, wenn ich bestimmte Tasten in einer geordneten Reihenfolge anschlage. Angenommen auch das wäre Illusion wie auch die taktilen Wahrnehmungen des Rechners auf meinem Schoß, der Tasten unter meinen Fingern, wie mein linker Fuß auf dem Boden aufsteht, der rechte frei in der Luft schwebt, weil ich dieses Bein über das andere geschlagen habe und den Rechner auf dem Oberschenkel des rechten Beins halte, der Druck meines Körpers auf die Rückenlehne, wie ich auf dem Sitz laste, meine inneren Wahrnehmungen, der Nachgeschmack von Kaffee in meinem Mund und so weiter. Es gibt keinen Beweis, dass ich nicht aus der Welt gerutscht bin. Nichts beweist mir, dass ich noch bin. Und du werte Leserin, werter Leser, du hast noch weniger Anhaltspunkte. Du sagst: Ich lese ja deinen Text. Aber tust du das überhaupt? Ich habe keinen Beweis dafür, wie ich nicht weiß, ob auch dir alle Wahrnehmungen vorgespielt werden. Was ist, wenn ich den Text gar nicht geschrieben habe? Vielleicht ist er nur in deinem Kopf entstanden? Ganz gewiss entsteht er in diesem Augenblick in deinem Kopf.

Guten Tag!

Du kannst es dabei belassen. Wenn du aber das Bild in deinem Kopf erweitern willst, klicke auf … Weiterlesen

Fußball-Europameisterschaft 2016 mit ohne Senf dazu

Die deutsche Nationalmannschaft hat noch gar nicht gespielt und ich bin schon schwer enttäuscht von der Fußball-Europameisterschaft 2016. Was ich 2012 schon bitterlich vermisst habe, fehlt auch 2016: Senftuben in den Nationalfarben, also Schland-Senf. So eine skurrile Tube hatte ich mir damals aus ethnologischen Gründen gekauft. Sie war das beste an der EM 2008. Das zeigt sich schon daran, dass ich mich an nichts anderes erinnere. Ich müsste jetzt nachsehen, wo sie stattfand, wer Welt äh Europameister wurde, wie weit die Nationalmannschaft kam und wer Bundstrainer war. Das alles ist mir Senf.

Leider ging es dem Schland-Senf wie meiner Zuckertütchensammlung, die ich auch immer mal wieder auflösen muss, weil ich vergessen habe, Zucker für meinen Morgenkaffee zu kaufen. Nein, den Schlandsenf habe ich nicht in Kaffee aufgelöst, aber irgendwann habe ich den jungfräulichen Tubenverschluss mit dem Dorn von der Oberseite des Schraubdeckels durchstoßen, um ein wenig Senf zu entnehmen. Dabei habe ich mich getröstet, die Tube wäre ja trotzdem noch prallvoll, doch mir war klar, dass ich mir was in die Tasche lüge. Einmal geöffnet würde der Schlandsenf irgendwann aufgebraucht sein. Irgendwann würde ich jede Hemmung fahren lassen, achtlos an der Tube herumdrücken, sie plattmachen, denn eine einmal offene Senftube muss aufgebraucht werden, damit der Senf nicht verkrustet, am Ende gar versteinert.

Ein bisschen Tuben-Psychologie gefällig? An der Weise wie Menschen mit Tuben umgehen, lässt sich eine Typologie festmachen, habe ich mal gelesen. Man kann eine Tube ja sorgfältig von hinten falten oder aufrollen, einfach von hinten nach vorne plattmachen, sie zerquetschen und was weiß ich. Behalten habe ich nämlich nur, dass die Menschen, die ihre Tuben unordentlich zusammendrücken, besonders kreativ sein sollen. So mache ich es nämlich. Ich kann mich bemühen wie ich will. Am Ende sehen meine Tuben aus als wären sie durch tausend Chaotenhände gegangen. Dabei war da nur ein Chaot am Werk gewesen. –

Wo hast du denn die schöne Fahne her? Vom Saufen! - Foto: Trithemius - (größer: Klicken)

Wo hast du denn die schöne Fahne her? Vom Saufen! – Foto: Trithemius – (größer: Klicken)

Schade um den Schlandsenf, um dieses prägnante Zeugnis der Fußball-Nationalismus-Narretei. Die speist sich naturgemäß aus Nationalstolz. Aber wenn du fragst, woher kommt die Begeisterung für die Nationalflagge? Sind wir alle plötzlich Nationalisten? Nein! Diese Begeisterung wird zu einem Gutteil vom sogenannten „Ambush-Marketing“ (Schmarotzer-Marketing) angeheizt. Schmarotzermarketing wird nötig, weil die Mafia UEFA bestimmte Produkte gegen teuer Geld lizensiert. Nur lizensierte Werbepartner wie Coca Cola, Carlsberg oder McDonalds dürfen mit dem EM-Logo werben. Da aber Nationalfahnen noch nicht der UEFA gehören, übergießen die Hersteller für den deutschen Markt vieles mit den Farben Schwarz-Rot-Gold. Zwar sind Hoheitszeichen wie die deutsche Nationalflagge geschützte Symbole, deren unbefugte Verwendung nach § 145 I MarkenG, 124 OWiG verboten ist. Aber die Bundesfarben sind nach einer Entscheidung des Bundespatentgerichts nicht Teil des Hoheitszeichens. Mit ihnen dürfen eigene Produkte ausgestaltet und beworben werden. Die Verbindung zur EM stellt der Kunde dann selbst her. Auch heuer hat sich der Handel mächtig ins Zeug gelegt und die Regale mit schwarz-rot-goldenen Fan-Artikeln geflutet. Wer aber jetzt schon mit zwei Schlandfähnchen am Auto herumfährt und mit kondomisierten Rückspiegeln in Schwarz-Rot-Gold oder sich einen blöden Fußballhut aufsetzt, bevor die Nationalmannschaft überhaupt anständig gespielt hat, outet sich als Volldepp.

Für diese Volldeppen bietet ein Discounter auch Kulinarisches an: “Kabeljaubällchen”, „Fußballbier“ im 20-Literfass, „Stürmer-Pizza Bacon & Ziegenkäse“. Wir lernen daraus, dass der Kabeljau Bällchen hat. Aber was soll der besoffene Fan mit Stürmer-Pizza assoziieren? Ist es eine Mittelstürmer-Pizza oder kommt die mehr über außen? Und was ist mit den „Fußball-Nuggets?“ Fehlt da nicht eines, nämlich Senf? Immerhin ist für Fußballfans Nachspiel gesorgt. Die Lidl-Eigenmarke Floralys bietet „3-lagiges Toilettenpapier mit Fußballmotiven“, 10 x 200-Blatt. Damit keiner mit der Schlandfahne wischt.

Nebenbei: Kollegin Ohneeinander hat in ihrem Blog gefragt, was denn wohl die armen Holländer machen, weil Oranjes voetbalelftal sich bekanntlich nicht für die EM qualifizieren konnte. Wie de redactie.be berichtet hat ein niederländischer Cafébesitzer in Wolder, einem Stadtteil von Maastricht, direkt an der Grenze zu Belgien gelegen, die Grenze kurzerhand 100 Metern nach Osten verlegt und zumindest sein Café nach Belgien eingemeindet. Die merkantilen Niederländer finden nichts dabei, wenn einer der ihren einen Weg gefunden hat, vom Geschäft mit der Europameisterschaft zu profitieren. Schon vorher war zu hören gewesen, dass niederländische Fußballfans ersatzweise für die belgischen rode duivels supporteren wollen. Entsprechend bietet der flämische Sender Studio Brussel orangenfarbene Teufelshörner an. Im Bild: u.a. Linde Merckpoel – im Teestübchen bekannt als grandiose Witzerzählerin.


Der Oranje-duivels-Kopfschmuck