Ein konspiratives Treffen

Unser erstes konspiratives Treffen in Steffen Gauklers großer Wohnung war nicht der Mühe wert. Wir wollten eine subversive Zeitung machen, aber kamen nicht vorwärts. Gaukler hatte einen Drucker eingeladen, einen Altkommunisten wohl, der kürzlich ein derartiges Heft herausgebracht hatte. Weil John, unser programmatischer Kopf, noch immer nicht eingetroffen war, blätterte ich das Heft durch, konnte aber nicht viel damit anfangen, da ich meine Lesebrille nicht bei mir hatte. Die Texte im Heft waren durchgängig in Acht-Punkt-Schrift gesetzt und auch das Layout war Kleinklein. Die Schrifttype erinnerte mich an ein derartiges Heft mit einem Text des Anarchisten Michail Alexandrowitsch Bakunin, das mir vor langer Zeit ein gewisser Günther, Student der Freien Grafik an der Kölner Werkkunstschule, zugesteckt hatte. Es war im Duplexverfahren gedruckt gewesen mit einem Verlauf im Text von Rot zu Schwarz. Das hier hatte zum Glück keine Verläufe, war aber für mich trotzdem unlesbar.

Zeitweise saß Julia neben mir, wieder einmal mit sich und der Welt im Hader. Die Beziehung zu mir sei ja irgendwas zwischen verheerend und verzehrend gewesen. Ich bezweifelte das. Sie war schon immer bereit gewesen, für ein gelungenes Wort die Realität zu verzerren. Aus dem Nichts war damals ein Dissens entstanden, und nichts, was ich versucht hatte, war geeignet gewesen zu verhindern, dass das Zerwürfnis sich verschlimmerte. Eine Lawine von Hader und Selbsthader ging zu Tal und riss mit, was im Weg stand. Julia seufzte. Sie schien genug zu haben vom Warten, denn mit einem Mal stand sie auf und war verschwunden. „Sich Polnisch verabschieden“ nennt man das wohl.

Auch Philipp verabschiedete sich, wollte sich wohl irgendwas vom Kiosk holen. Im Rausgehen sagte er beiläufig, er habe gerade den alternativen Nobelpreis in Pataphysik bekommen, aber da wäre nichts dran, den bekomme schließlich jeder zum Geburtstag. Ich widersprach: „Das Institut hat über 1200 Mitglieder, also haben im Schnitt täglich drei Leute Geburtstag. Der alternative Nobelpreis wird aber nur einmal im Jahr verliehen.“

Gaukler kam hinzu und verkündete, John habe angerufen. Er werde in 45 Minuten sicher eintreffen.
„Wie sicher?“, fragte ich.
„Nun, sein Problem ist das neue Bett mit der vorzüglichen Matratze. Da liegt er so fein, dass er sich morgens kaum zum Aufstehen überreden kann.“
„Früher scheiterte die Revolution an Bahnsteigkarten, heute an zu bequemen Betten. War er schon auf, als er anrief?“
„Er sagte ja, aber kontrollieren konnte ich das natürlich nicht.“
„Scheiß Schnurlose!“, sagte der alte Drucker.
Zu Philipp sagte Gaukler: „Denk daran, dass dieses Haus 110 Kellergeschosse hat und der Kiosk ganz unten ist.“
„Du wohnst auf der 111ten Etage, du Trollo!“, sagte Philipp.

Marga, eine Arztehefrau und Hobbyfotografin, breitete ihre weiten schwarzen Röcke aus und setzte sich neben mich auf die Couch. Sie steckte mir ein Dutzend Folien zu, von denen man selbstklebende Sticker abziehen konnte.
„Mach was draus!“, sagte sie.
„Spätkapitalistischer Tinnef!“, sagte der Drucker verächtlich, „daraus wird nie was.“
Ich fand das auch, zumal ich das Layout machen sollte. Wie gesagt, unser erstes konspiratives Treffen war nicht der Mühe wert.

Heinrich Schampus

Gegen Morgen unterhielt ich mich mit dem ersten Vorsitzenden des im Jahr 1908 gegründeten Kohlscheider Kotletten- und Schnäuzervereins, Heinrich Schampus. Der Koteletten- und Schnäuzerpräsident sagte, dass würfelförmige Häuser schwer im Kommen wären. Ich müsste nur geduldig hinschauen, dann würde ich sie kommen sehen. Ein Glücksfall wäre freilich, ein Haus mit der Punktzahl sechs zu sehen. Und zwei Sechser nebeneinander, das wäre Pasch, dann dürfte ich nochmal.
„Nochmal was?“
Schampus grinste wissend und empfahl sich.

Frau Cornelius

In ihrem Viertel war die Bauwut ausgebrochen. In jeder Baulücke sah man Rohbauten, fast jedes bereits stehende Haus wurde renoviert. Ringsum flatterten aufgerissene Verpackungsfolien im Wind oder wurde in Fetzen über die Straße getrieben. Um diese Uhrzeit waren die zahlreichen Gerüste noch verwaist. An einem Kran baumelte eine Kreissäge. Ein Betonmischer war halb im Schlamm versunken.
Ich traf beizeiten ein. Die angegebene Adresse war ein zehnstöckiger Flachbau. Sie wohnte ganz oben. Eine Weile wartete ich vor dem Haus. Dann beschloss ich, sie an der Wohnungstür abzuholen. Vielleicht würde sie mich sogar einlassen, wenn sie noch nicht fertig zum Aufbruch wäre. Der feuchtkalte Frühnebel ließ mich frösteln. Da wäre ein warmes Bett verlockend. Ich suchte ihren Namen auf dem Klingelbrett und wollte schon die Schelle pressen, als die Haustür aufging und der Hausmeister hervortrat, erkennbar am grauen Kittel.
„Wo wollen Sie hin?“, fragte er.
„Zu Frau Cornelius, zehnte Etage.“
„Ich bringe sie hinauf“, sagte er, trat in den Hausflur zurück und komplimentierte mich zum Aufzug. Man brauchte einen Schlüssel, um ihn zu betätigen. Ich hörte ihn eintreffen. Die Tür schob sich auf, wir traten ein, fuhren aber nur bis zur zweiten Etage. Der Hausmeister bedeutete mir zu folgen. Wir stiegen im Treppenhaus eine Etage tiefer.
„Sie wundern sich“, sagte er, „aber anders geht’s nicht. Umbauten.“

Auf der ersten Etage wurde er plötzlich abberufen. Ich stand allein. Für den Aufzug fehlte mir der Schlüssel. Auch der Aufstieg war nicht möglich, denn die Tür zur Treppe war durch eine glatte metallene Bautür ohne Türdrücker verschlossen. Mir blieb nichts als hinunter zu gehen. Schon stand ich wieder wartend vorm Haus. Einige Leute kamen hervor, offenbar auf dem Weg zur Arbeit. Frau Cornelius kam nicht. Ich betrachtete mein Sonnenbrille. Sie war mit einem knallbunten Muster verklebt, das nur von innen durchsichtig war. Glücklicherweise schien die Sonne nicht, denn ich hätte mich vor den anderen Leuten der bunten Brille wegen geschämt. Vielleicht hatte Frau Cornelius bereits das Haus verlassen, derweil der Hausmeister mich in die Irre geleitet hatte. Vielleicht suchte sie mich und schalt mich unzuverlässlich. Ich würde es nicht mehr erfahren, denn ich erwachte.

Schuld

In der fremden Universität war ich doch nicht allein. Eine Gruppe Student*Innen hatte mich freundlich aufgenommen. Gelegentlich, wirklich nicht oft, machte sich jemand aus der Gruppe über mein Alter lustig. Als ich mein Tagebuch erwähnte, fragte einer, ob das noch auf Papyrus geschrieben sei. Die jungen Frauen hingegen überspielten mein Alter und waren sehr freundlich, warteten beim Aufbruch geduldig, bis ich mich in meine Schuhe gekämpft hatte. Da war eine Leiter zu einer Dachluke zu bewältigen. Zunächst scheiterte ich. Der vor mir hochgestiegen war und meinen vergeblichen Versuch mitbekam, frozzelte, ich würde das niemals schaffen.

Ich wollte mich nicht lumpen lassen und stieg beim zweiten Mal mit mehr Elan auf die Leiter. Sie endete ein gutes Stück unterhalb der Luke, so dass ich die Arme hindurchstrecken und außen auf das Dach legen musste, um mich hoch zu hangeln. Das war schon ein mühsames Gewürge. Vor mir auf dem Dach lag ein Brett. Beim Versuch, meinen Oberkörper auf das Dach zu ziehen, stieß ich das Brett an. Zu meinem Entsetzen bewegte es sich und glitt auf die Dachkante zu. Ich konnte noch rufen: „Vorsicht Brett!“, da kippte es weg und sauste nach unten.

Sehnlichst hoffte ich, das Brett würde niemanden treffen und verletzen. Ich konnte ja nicht sehen, ob direkt am Haus welche unterwegs gewesen waren, sah nur die Leute weiter hinten auf dem Campus. Die wandten sich plötzlich mit besorgter Miene dem Gebäude zu und eilten heran. Zu den anderen auf dem Dach sagte ich: „Für das Brett konnte ich nichts. Es hätte nicht da liegen dürfen.“ Aber was hatte ich auf dem Dach zu suchen?

Keine, keiner traute sich nachzusehen, was das Brett angerichtet hatte. Wir stiegen wieder vom Dach, und eines der Mädels sagte: „Wir können morgen in der Zeitung lesen, was passiert ist.“
Das beruhigte mich aber nur für den Augenblick, denn es war mir klar, dass es meine moralische Pflicht war, mich zu dem Brett zu bekennen und mich zu vergewissern, wer zu Schaden gekommen war. Schon, um den jungen Leuten ein gutes Beispiel zu geben. Leider tat ich es nicht. Später sah ich einen Mann, dessen Kopf mit Mullbinden umwickelt war. Ich ging rasch vorbei. War es meine Schuld?

Auf dem Sofa

Als ich aufbrechen musste, fiel ein wenig nasser Schnee, so dass ich das Rad stehen ließ und die Bahn nehmen wollte. Sie kam zuverlässig, als ich noch zu weit von der Haltestelle weg war, um sie zu erreichen. Selbst als junger Hüpfer hätte ich es nicht versucht, denn es ist doch zu blöd, Bus oder Bahn hinterherzuspurten und auf den letzten Metern zu scheitern. Also ließ ich mich von der heranrollenden Bahn überholen, ohne hinzuschauen, denn niemand sollte den Triumph verspüren, mir vor der Nase weggefahren zu sein. Wieder wunderte ich mich, dass es fast immer so ist, wenn ich die Straßenbahn nehmen will.

Ich breche stets zu einem ungefähren Zeitpunkt auf, weiß auch das Fahrplanintervall nicht, doch ich kann mich darauf verlassen, dass ich die Bahn schon in der Ferne sehe, wenn ich auf die Straße mit dem Bahngleis einbiege. Hat man etwa in der kosmischen Registratur einen der Beamten dazu abgestellt, dafür zu sorgen? Startet dieser Kerl die Bahn just, wenn ich vors Haus trete, so dass ich sie jedesmal ätschbätsch vorbeirollen sehe? Welch eine armselige Tätigkeit und eine Verschwendung von Ressourcen!

Es kommt vor, dass ich ein halbes Jahr nicht Bahn fahre, und nur für den seltenen Fall, dass ich es doch tue, jemanden abzustellen, ja, muss das denn sein? Hat man nichts Besseres zu tun? Offenbar herrscht in der galaktischen Behörde große Langeweile. Man hat einfach nicht genug Beschäftigung. Schließlich ist auch der beste Bleistift einmal bis auf seine klägliche Stummelexistenz runtergespitzt. Seitdem die Beschaffungsabteilung mit Recht das unmotivierte Bleistiftspitzen untersagt hat, trifft man sich zu völlig müßigen Diskussionen auf den langen Fluren. Da tritt einer vor seine Bürotür, um den auf dem Gang stehenden Kopierer zu nutzen, ein anderer begegnet ihm, und schon beginnen sie ein Schwätzchen. Man soll nicht glauben, die dunkel gebeizten Eichentüren zu den Büros wären schalldicht. Auch sitzen alle mit gespitzten Ohren. Sobald drinnen zu hören ist, dass auf dem Gang gesprochen wird, eilen die aus den angrenzenden Büros hinzu!

„Als er die Bahn verpasste, hat er keinerlei Regung gezeigt“, murrt Unterbeamter Fahrplan. „Wie soll man da noch mit Freude bei der Arbeit sein?“
„Er hätte eigentlich Glück haben müssen“, hub Herr Beckmesser an, „denn gestern erst war der Schornsteinfeger bei ihm.“
„Wir haben diesem Schornsteinfeger das glücksbringende Potential beschränken müssen, sagt Frau Abteilungsleiterin Füllhorn, „Wenn er weiterhin solche schludrig geschriebenen Ankündigungen in Hausflure hängt, wird er diese Kraft ganz einbüßen.“
„Ja, aber kommt da nicht manches Weltbild ins Schwanken?“, fragt Fahrplan.
Und so fort, die pure Langeweile verströmend.

Bei dichtem Schneetreiben am Nachmittag war es drinnen auf meinem Sofa kuschelig und recht schön. Schon als Junge habe ich gerne auf dem Sofa gelegen, der Welt den Rücken zugedreht und gelesen. Jedes Buch öffnete Türen zu imaginären Welten. Das Sofa ist ein besonderer Ort, auch ohne Buch ein durchlässiger Zugang zu Traumreichen. Glücklicherweise ist der Durchlass einseitig. Denn ich möchte nicht erleben, wie mir gelangweilte Beamte der kosmischen Registratur plötzlich entgegenpurzeln und Platz auf dem Sofa beanspruchen. Am Ende wollen die Deppen noch meine Bleistifte spitzen.

Die Frau, die sich nicht kratzte

Die drei Urlauber hatten sich am Hafen der kleinen Insel vor ein Café gesetzt. Will hatte Hunger und orderte ein Baguette. Dann aß er noch eines, denn Will aß alles, was groß und dick macht. Allerdings gestand er dann, dass er ihr Sitzen vor dem Café noch hatte herauszögern wollen. Denn eigentlich wollte er nur eine bestimmte Kellnerin sehen, die sich so wunderbar kratzen könne. „In ihrem Kratzen liegt mehr Weisheit als in allen Philosophien“, sagte Will gewohnt überschwänglich. Nach seinem zweitem Baguette tauchte auch die Kellnerin auf. Sie war wohl schon außer Dienst und stand eine Weile einfach so an einem Mast der Markise gelehnt, angetan mit einem langen schwarzen Rock und einem dunkelgrünen T-Shirt, dessen kurze Ärmel kurz unterhalb ihrer Schultern endeten, was ihre wirklich ausnehmend schönen Arme betonte. Die Kellnerin machte allerlei selbstvergessene Gesten, sprach auch gelegentlich ein paar Worte mit dem Kollegen, wenn er vorbeikam, aber wollte sich zu ihrer Enttäuschung einfach nicht kratzen. Sie sollten das gerühmte Kratzen nicht zu sehen bekommen, denn das war ihr letzter Tag auf der Île de Groix. „Ich habe mir kürzlich ihr Namensschild angesehen“, sagte Will. „Sie heißt ‚B. Varga‘. Wofür das B. wohl stehen mag, Beatrice?“
„Bernadette?“, sagte Petersen, dessen Interesse geweckt war, weshalb er aufgehört hatte in seiner Fototasche nach Objektiven zu kramen. „Es gibt bei den Franzosen nicht so viele weibliche Vornamen mit B.“

Später liehen sie nebenan Fahrräder aus und fuhren durch die sengende Hitze quer über die Insel zu einem felsigen Strand. Pataphysiker Gaukler wollte dort unbedingt einige Steine sammeln. Sie gehörten, wie er sagte, zum Urkontinent Pangäa, denn die Gesteine seien bei der Kollision der Urkontinente Gondwana und Laurussia aus großer Tiefe hervor geschleudert worden. Während sie auf den von der Sonne erhitzten Steinen saßen und Gaukler ein besonders glitzerndes Stück Glimmerschiefer für den Transport zurecht klopfte, kam oberhalb der Felsen ein junger Mann vorbei und rief: „Vous n’êtes pas autorisé à prendre des pierres ici. Il s’agit d’une réserve naturelle!“
„We snappen het niet“, rief Will.
„Anglais?“, fragte der Mann und fügte hinzu: „You’re not allowed to take rocks here. This is a nature reserve.“
„All right. He’s just looking for a piece of Pangea.“
Der Mann trollte sich. Es schien ihnen, als wäre er der Abkömmling einer tief in die Vergangenheit reichenden Steinwächter-Dynastie. „Seine  Vorfahren sind bestimmt schon auf Pangea herumgelaufen und haben den Glimmerschiefer bewacht“, sagte Gaukler und packte den Brocken in seinen Rucksack. Will wollte jetzt zum Sandstrand in der Nähe, denn er hatte sich vorgenommen, an ihrem letzten Tag wenigstens noch einmal im Atlantik zu schwimmen. Sie stiegen auf die Räder und folgten dem hölzernen Hinweisschild zum Strand. Plötzlich wurden sie von einer Radfahrerin überholt, Mademoiselle Varga. Sie rauschte überlegen lächelnd an ihnen vorbei. Auf dem Gepäckträger hatte sie einen leeren Kindersitz und an den Füßen trug sie Pomps.
„Die hohen Schuhe wären nicht nötig gewesen“, murrte Will. Er war mal Radsportler gewesen und vertrug es nicht, distanziert zu werden. An einer Wegkreuzung bog sie in einen Nebenweg ein, besann sich dann aber und kehrte um. Die drei überholten, und Will mahnte zur Eile, um die Schmach nicht noch einmal zu erleben. Nach einer Weile schien es, als hätten sie Mademoiselle Varga abgehängt. Petersen maulte, man solle wieder langsamer fahren. Die Hitze mache seinem angegriffenen Kreislauf zu schaffen. „Schließlich bin ich ein Cyborg, seit man mir einen Stent ins Herz gepflanzt hat.“ Außerdem habe er die schwere Fototasche. „Und ich trage ein Stück Pangea!“, stimmte Gaukler ein. Also verfielen sie auf der welligen Strecke wieder in den alten Trott, zumal die Wegdecke voller Schlaglöcher war. Als Petersen in ein besonders tiefes Schlagloch geraten war, fluchte er und fügte hinzu: „Schlitzkiller!“ würde meine Freundin jetzt sagen. In diesem Moment radelte Mademoiselle Varga an ihnen vorbei und rief triumphierend. „Me revoilà !“

„Da ist sie wieder!“, sagte Petersen froh. Kaum merklich erhöhten die drei ihr Tempo, um sie nicht wieder aus den Augen zu verlieren. Plötzlich bog sie in einen von Büschen gesäumten Weg ein, der offenbar zu einem Leuchtturm führte. Sie hielten und sahen die Varga ihr Rad abstellen und in den Leuchtturm hineingehen. „Das will ich auch!“, rief Petersen. „Vielleicht gibt es von der Einrichtung was Interessantes zu fotografieren.“ Niemand widersprach, schließlich war Petersen Profifotograf und lebte davon, ungewöhnliche Motive abzulichten. Und die Wahrscheinlichkeit, auf Mademoiselle Varga zu treffend, war verlockend genug. „Außerdem brauche ich ganz dringend Schatten!“, fügte Gaukler an. Sie schlossen ihre Räder ab, gingen hinüber und stießen die Tür zum Leuchtturm auf.

Foto der Titelgrafik: Susanne Braun

Nächstens mehr …

Auf dem Gang (2) – eine Mücke und Rotkohl

Herr Steinchen spricht vor sich hin: „Ich fürchte manchmal, dass ich auf dem Weg bin, ein echter Sonderling zu werden. Neben der Arbeit tue ich unsinnige Dinge, blättere ziellos in Büchern, schraube den Füller auf und zu, schaue zum Fester hinaus, gucke in den Spiegel, wieder zu einem Fester hinaus, arbeite etwas, lege mich hin, lese in meinen Aufzeichnungen, esse und trinke was, höre kurz Musik, male kleine Kringel. Zu allem Überfluss konnte ich letzte Nacht nicht schlafen, setzte ich mich auf, machte Licht, faltete mein Kopfkissen und legte es mir in den Rücken. Ich saß da und überlegte, ob es hilfreich wäre, ein Buch zu lesen.

Da näherte sich eine Mücke an. Zuerst war es nur ein leises Summen wie vom Motor eines fern vorbeiziehenden LKW. Ach, dachte ich, bitte lass es ein LKW sein! Lass irgendwo fernab ein Vater seine Familie verlassen haben, noch schlafwarm ins Führerhaus seines schweren LKW gestiegen sein, um nächtens loszufahren. Leider ist es kein LKW gewesen, denn das Summen kam näher und näher und wurde dabei immer höher. Doch eine Mücke! Ich schaute angestrengt aus, aber sah nichts. Sie musste ganz nah sein, denn es summte so hell, fast sirrte es mir um den Kopf. War da ein leiser Luftzug, hervorgebracht von ihren eifrigen Flügeln? So war sie also bei mir und wollte ganz arglos mein Blut trinken. Gewiss, es ist ihre Natur. Aber ich war nicht damit einverstanden. Ich sah in ihrer Absicht etwas Böses. Wenn sie nun schon irgendwo gelandet ist auf einer zarten Stelle meiner Haut, beispielsweise am Rand des Ohres, wenn sie da schon leicht aufgesetzt hat und will ihren Saugrüssel einstechen und versenken. Da schlug ich mit der flachen Hand meinen Kopf, schlug mich selbst links und rechts und rechts und links, um das Tierlein zu verscheuchen. Wie albern war das?“

Wir waren verstummt und hatten gebannt seiner Schilderung gelauscht. Doch Herr Steinchen war nicht fertig mit uns: „Gegen drei Uhr hörte ich plötzlich eine helle Stimme und ein hastiges Wimmern wie wenn eine in Panik die Treppe herauf käme. Ich war vor Schreck und Angst wie gelähmt. Erst nach einiger Zeit konnte ich mich wieder rühren.“

„Vermutlich war es ein Traum an der Grenze zwischen Wachsein und Schlaf gewesen, ein Wachtraum“, sage ich begütigend. „In einem alten Haus könnte es durchaus eine Geistererscheinung gewesen sein. Eine Frau flieht vor ihrem Peiniger die Treppe hinauf, wo sie auf dem Dachboden in die Falle gerät und letztlich erschlagen wird.“

Herr Steinchen widerspricht: „Mein Haus ist erst fünf Jahre alt, kann also keine Gespenster aus düsterer Vergangenheit beherbergen.“

Herr Harm hat offenbar nicht zugehört. Er sagt mit Grabesstimme: „Ich hatte gestern einiges in der Stadt zu besorgen. Zu Hause stellte ich fest, dass ich die ganze Zeit einen Rest Rotkohl im Mundwinkel gehabt hatte. Wie peinlich!“

Eine Tür wird aufgestoßen und Professor Coster tritt auf den Gang, schaut sich um und nimmt unseren Schritt auf. Er sagt: „Guten Morgen, habe ich euch doch getroffen. Als ich mich von meinem Schreibtisch erhob, hatte ich die Wahl zwischen sieben Toren. Die Gänge dahinter führen in verschiedene Teile der Welt. Hätten wir uns hier verpasst, wären wir uns irgendwann trotzdem begegnet, denn wenn wir weit genug vordringen, stellen wir fest, dass alle Gänge aufeinander treffen, weil sie sich verästeln, verbinden und verflechten, bis sich das Geflecht verdichtet. Und später sehen wir die vereinigte Welt vor uns liegen, wie wenn wir aus einem Höhlensystem in ein weites Tal hinausträten, in das unzählige andere Gänge münden.“

Unwillkürlich wandert meine Hand an die Stirn und mein Zeigefinger dreht eine Schläfenschraube. Ich sage: „Dann wird das hier eine größere Sache, Coster? Und ich dachte, nur ein wenig zu gehen und mir Gewäsch äh Gespräch anzuhören.“

„Ja, für Denkfaule wie dich, Trithemius, ist das nichts. Außerdem so fußlahm wie du bist. Wenn du noch langsamer gehst, gehst du rückwärts.“

„Bitte? Ich habe Aua am kleinen Zeh!“

Wird vielleicht fortgesetzt.

Auf dem Gang

Zu sehen ist ein langer fensterloser Gang. Das Licht kommt von indirekt strahlenden andleuchten, die in unregelmäßigen Abständen angebracht sind, als wären die Elektriker beim Anbringen völlig planlos vorgegangen oder hätten weder Maßband noch Zollstock gehabt. Freilich müsste ihnen die Länge des Gangs bekannt gewesen sein, um sie durch die zur Verfügung stehenden Lampen zu teilen. Das ist allerdings nicht der Fall gewesen, da der Gang sich völlig eigenmächtig erstreckt. Er hat große Bodenfliesen aus blauem Balatum. Auf den Gang münden unzählige graue Türen. Sie machen den Eindruck, dass sie jeden Moment aufspringen könnten, um jemanden auszuspucken. Wohin der Gang führt, lässt sich nur ahnen. Wer aus einer der Türen auf den Gang tritt, scheint es aber zu wissen. Man schreitet hurtig und mit auf dem Balatum quietschenden Schuhsohlen voran.

„Huch!“, ruft Herr Steinchen, indem er aus seinem Büro tritt, „ich hatte gestern eine Lebensmittelvergiftung!“, und dann als ich überrascht stehen bleibe und ihm einen besorgten Blick zuwerfe, setzt er nach: „Vielmehr, es war dann doch keine, wie die Laborwerte nachher zeigten, sondern eine Gallenkolik. Ich hatte zu fetten Lachs gegessen. Nun ist Lachs ja sowieso fett, aber dieser muss besonders fett gewesen sein. Doch von Ihnen als Vegetarier kann ich wohl kein Mitgefühl erwarten.“

„Nein, sowieso nicht“, sage ich. Während wir gemeinsam den Gang hinunter gehen, denke ich trotzdem über Steinchens hypochondrische Natur nach: So ist das, wenn einer so lange in sich hineinhorcht, bis er die Körpersäfte brodeln und wallen fühlt. Da ist ihm sein Körper Ich und doch nicht Ich, weil rätselhaft sich selbst organisierend. Und er misstraut der Selbstorganisation, fürchtet ständig, dass sie aus den Fugen geraten könnte, dass einer der komplexen Körpervorgänge aus dem Gleis springen könnte wie ein Zug seiner Modelleisenbahn, wenn er versehentlich eine Weiche stellt, während der Zug sie gerade überquert. Er vermutet längst das totale Chaos in sich, das sich nur als Normalität tarnt, dem aber auf die Schliche zu kommen ist, wenn er Laborwerte feststellen lässt. Armer Steinchen. Da sitzt seine Leber fett und lauernd unter seinem Rippenbogen und ist jederzeit bereit, sein Blut mit giftiger Galle zu überschwemmen. Dabei hat er doch nur Lachs …“

Eine Tür öffnet sich und Friedrich Harm tritt auf den Gang, um sich uns anzuschließen. Ganz unvermittelt beginnt er zu reden, wie es Menschen tun, denen die Sozialfähigkeit abhanden gekommen ist, weil ihnen zu lange schon niemand mehr zuhört. Herr Harm schaut keinen von uns an, sondern fixiert einen Punkt weit vor sich, dass es wirkt, als würde ihm seine Rede auf die Innenseite der Stirn projiziert, so dass er sie ablesen kann:

„In meinem höchst verwirrenden Traum letzte Nacht kam eine völlig misslungene Theateraufführung vor, in der alle Akteure nackt waren, bis auf eine einzige Frau, die Strümpfe trug, vielmehr eine unzüchtig ausgeschnittene Strumpfhose. Meistens war die Bühne völlig kahl, man hing in Seilen. Nur einmal war ein laut wieherndes Pferd zu sehen. Kurz darauf lag ein fast skelettierter Pferdekadaver auf dem Rücken und einer im weißen Kittel zeigte am Hals des Tieres auf eine kurze rotbraune Knorpelstange, mit der das Pferd angeblich dieses Wiehern hervorbrachte. Darauf wollte ich mich mit einer Frau in einen Kellerraum zurückziehen. Dieser lange, schmale Raum stand voller Gerümpel. Über die Breitseite zogen sich Oberlichter aus trübem Glas. Dort tauchten nun just im störenden Moment drei freche Arbeiter auf, die dreckig lachend, unsere Absicht ahnend, immer wieder die Fenster aufstießen und zu uns hinunter sahen, wobei sie auch mit den Armen hereinfuchtelten.“

Deinen Kopf möchte ich ja lieber nicht haben, denke ich, und noch weniger dein Leben. Es ist bekannt, dass Harms Ehefrau sich von ihm abgewandt hat, ja nicht einmal mehr mit ihm redet, nur noch Anweisungen erteilt.

Fortsetzung

Mit der Hand gesetzt (4)) – Raiza Procházka berichtet

Folge 1Folge 2Folge 3
Es war schon etwas Besonderes zu erleben, wie mein Manuskript zur Satzform wurde, wie Oster Letter um Letter, Wort um Wort in den Winkelhaken setzte, die Zeile ausglich, also Wortzwischenräume verringerte oder austrieb, um den Randausgleich zu erreichen. Saß die Zeile dann fest im Winkelhaken, legte er als Zeilenabstand eine 2-Punkt-Regelette darüber. Wenn der Winkelhaken fünf Zeilen enthielt, hob er sie mit Hilfe einer Setzlinie aus Messing vorsichtig heraus und sicherte sie auf dem Setzschiff. Hier wuchs die Satzform der Seite Zeile um Zeile, bis 25 Zeilen übereinander gestapelt waren. Oster legte unter die letzte Zeile eine Ein-Cicero-Regellette und band die Form mit sauberen Wicklungen jener roten Kolumnenschnüre aus, die bei genauer Betrachtung ein schlauchförmiges Gewebe waren, das hohem Zug standhielt. Ich sah fasziniert zu, wie meine flüchtigen Gedanken durch Handwerkskunst Gewicht bekamen und jetzt wie unverrückbar zusammenhielten, so dass Oster sie vom Setzschiff auf den Metalltisch der Abzugspresse schieben konnte. Die einfache Handabzugspresse bestand aus einem festen Metalltisch, mit Schienen an den seitlichen Rändern, über die kleine Eisenräder liefen, die wiederum eine Gummiwalze antrieben, wenn die Einrichtung von Hand vor und zurück bewegt wurde. Zum Abziehen wurden die Gesichter der Buchstaben mittels Handwalze satt eingefärbt mit schwarzer Druckfarbe, dann wurde ein Bogen Papier aufgelegt und die Druckwalze einmal darüber gezogen. Den jetzt bedruckten Bogen abzuheben und erstmals eine weitere Seite aus meinem Roman zu sehen, wie er in feinsten Garamond-Lettern schwarz auf dem weißen Papier stand, war mir der schönste Augenblick.

    Wenn Dr. Reibach grinste, entblößte er ein prächtiges Pferdegebiss. Während der gesamten Briefvorlesung konnte er sich vor Vergnügen kaum halten. Die im Dauergrinsen gebleckten Zähne taten mir weh für den armen Dr. Schmieder. Ich malte mir aus, was er im Brief andeutete, wie er ruhelos durch seine Privatbibliothek streifte und sich Vorwürfe machte, nicht nur, dass er sich hatte hinreißen lassen, das Aktfoto, das mich NICHT zeigte, dem Reibach in Fotokopie auszuhändigen, sondern dass ihn auch sein Brief reute, der ja alles noch schlimmer machte. Es war klar, dass gerade durch seine Bitte, die Fotokopie nicht herumzuzeigen, ja, dass durch den gesamten Brief, Reibachs Spottlust angestachelt würde, denn Reibach war in Schmieders Augen ein durch und durch schlechter Mensch. Schmieder verachtete ihn, nicht zuletzt für die geringschätzige Weise, wie er Raiza Procházka behandelte.

    *
    Vor dem Fotoladen stieß ich mit ihr zusammen. Sie trug ein enganliegendes gelbes Sommerkleid und sah atemberaubend aus. Frau Procházka freute sich, mich zu sehen. „Was machst du denn hier? Auf dem Weg zum nächsten Fotoshooting?“, fragte sie spöttisch.
    „No, ich muss mir ja zuerst eine Narbe übers Auge schminken lassen. Jetzt bummle ich ein wenig durch die Stadt“, sagte ich “Und du?“

    „Ich habe Urlaubsfotos abgeholt.“ Sie überlegte kurz und fragte dann: „ Die künstliche Narbe ist doch scheiß, oder? Hast du Lust, einen Kaffee zu trinken?“

    „Zweimal ja!“

    Wir setzten uns nach draußen vors Café Mohren unter einen Sonnenschirm. Sie brachte das Gespräch sogleich auf Reibach und wie er den armen Schmieder im Institut bloßgestellt hatte. Offenbar war es ihr ein Anliegen, mir die Augen über Reibach zu öffnen. Sie hatte Urlaub mit ihm in Griechenland gemacht. Sie waren mit Reibachs Sportwagen hingefahren. Bei der Rückfahrt aus dem Urlaub, irgendwo auf einer einsamen Gebirgsstraße des Balkans waren sie in Streit geraten. Da warf Reibach sie aus dem Auto und fuhr davon, ließ sie einfach zurück. Da hatte sie, nur mit einem Bikini bekleidet, also quasi nackt in einer wilden Gegend gestanden, ohne Geld und Papiere.

Fortsetzung

 

Mit der Hand gesetzt (3a) – Das Lektorat schaltet sich ein

„Das Lektorat hat einige Anmerkungen zum letzten Kapitel“, sagte Herr Oster, der Setzer meines Romans, nicht ohne Genugtuung. „Ich hatte mir beim Setzen schön ähnliche Gedanken gemacht.“ Er reichte mir den neuerlichen Korrekturabzug, worauf mit Grün zwei Stellen markiert waren:
Unklar bleibt, wieso der Protagonist zur erstmals im Text auftauchenden Reinemachfrau Dressel sagt: „Sie müssens ja wissen, Frau Dressel.“ Wieso?
Desgleichen würde sich im Brief gut ausmachen, wenn dort die Beteuerung stünde, dass das Foto Herrn Erlenberger nicht zeigt, wodurch der Satz „denken Sie nur an die arme Frau!“ grotesker wirken würde, als glaubte Schmieder seiner eigenen Beteuerung nicht.

Ich zog mich eine Weile in ein leeres Büro zurück, änderte den Text und übergab ihn, Herrn Oster, zur nachträglichen Bearbeitung. Er würde die Zeilen neu umbrechen müssen:

    … denn die Reinemachefrau Dressel, die sich ebenfalls dazu gesellt hatte, sagte: „Wie die Nase eines Mannes, also ist auch sein Johannes!“
    „Sie müssens ja wissen, Frau Dressel“, sagte ich, in Anspielung auf ihre alte Arbeitsstelle, denn sie hatte zuvor Häuser in der Bordellgasse geputzt. Dann sagte ich in die Runde: „Ich bitte die Anwesenden um allgemeine Bestätigung, dass das Aktfoto mich nicht zeigt.“
    „Jaja, schon gut! Du bist es nicht“, sagte Reibach, holte ein Schreiben aus seinem Jackett, das ihn am Morgen mit der Post erreicht hat. Absender: Dr. Wolfgang Schmieder. Reibach bat um Ruhe und las vor:

    „Lieber Herr Dr. Reibach,
    kaum waren Sie gestern aus dem Haus, wurde mir die Ungeheuerlichkeit bewusst, dass ich mich hatte hinreißen lassen, Ihnen das Foto aus dem Aktmagazin zu fotokopieren, das unseren gemeinsamen Bekannten, Herrn Erlenberger NICHT zeigt, da ihm die Narbe über der Augenbraue fehlt. Ich bin ob meiner Handlungsweise untröstlich, konnte die Arbeit nicht verrichten, die ich mir für den Tag vorgenommen hatte, da mir die Folgen meines Tuns unablässig vor Augen rückten. Ich bitte Sie deshalb inständig, die Fotokopie niemandem zu zeigen. Vernichten Sie das Blatt unverzüglich! Die Lust, es zur allgemeine Erheiterung herumzuzeigen, wiegt nicht auf, was Sie dem Herrn Erlenberger damit antun. Denken Sie auch an seine arme Frau!
    In Unruhe, Ihr
    Dr. Wolfgang Schmieder“