Auf dem Gang (2) – eine Mücke und Rotkohl

Herr Steinchen spricht vor sich hin: „Ich fürchte manchmal, dass ich auf dem Weg bin, ein echter Sonderling zu werden. Neben der Arbeit tue ich unsinnige Dinge, blättere ziellos in Büchern, schraube den Füller auf und zu, schaue zum Fester hinaus, gucke in den Spiegel, wieder zu einem Fester hinaus, arbeite etwas, lege mich hin, lese in meinen Aufzeichnungen, esse und trinke was, höre kurz Musik, male kleine Kringel. Zu allem Überfluss konnte ich letzte Nacht nicht schlafen, setzte ich mich auf, machte Licht, faltete mein Kopfkissen und legte es mir in den Rücken. Ich saß da und überlegte, ob es hilfreich wäre, ein Buch zu lesen.

Da näherte sich eine Mücke an. Zuerst war es nur ein leises Summen wie vom Motor eines fern vorbeiziehenden LKW. Ach, dachte ich, bitte lass es ein LKW sein! Lass irgendwo fernab ein Vater seine Familie verlassen haben, noch schlafwarm ins Führerhaus seines schweren LKW gestiegen sein, um nächtens loszufahren. Leider ist es kein LKW gewesen, denn das Summen kam näher und näher und wurde dabei immer höher. Doch eine Mücke! Ich schaute angestrengt aus, aber sah nichts. Sie musste ganz nah sein, denn es summte so hell, fast sirrte es mir um den Kopf. War da ein leiser Luftzug, hervorgebracht von ihren eifrigen Flügeln? So war sie also bei mir und wollte ganz arglos mein Blut trinken. Gewiss, es ist ihre Natur. Aber ich war nicht damit einverstanden. Ich sah in ihrer Absicht etwas Böses. Wenn sie nun schon irgendwo gelandet ist auf einer zarten Stelle meiner Haut, beispielsweise am Rand des Ohres, wenn sie da schon leicht aufgesetzt hat und will ihren Saugrüssel einstechen und versenken. Da schlug ich mit der flachen Hand meinen Kopf, schlug mich selbst links und rechts und rechts und links, um das Tierlein zu verscheuchen. Wie albern war das?“

Wir waren verstummt und hatten gebannt seiner Schilderung gelauscht. Doch Herr Steinchen war nicht fertig mit uns: „Gegen drei Uhr hörte ich plötzlich eine helle Stimme und ein hastiges Wimmern wie wenn eine in Panik die Treppe herauf käme. Ich war vor Schreck und Angst wie gelähmt. Erst nach einiger Zeit konnte ich mich wieder rühren.“

„Vermutlich war es ein Traum an der Grenze zwischen Wachsein und Schlaf gewesen, ein Wachtraum“, sage ich begütigend. „In einem alten Haus könnte es durchaus eine Geistererscheinung gewesen sein. Eine Frau flieht vor ihrem Peiniger die Treppe hinauf, wo sie auf dem Dachboden in die Falle gerät und letztlich erschlagen wird.“

Herr Steinchen widerspricht: „Mein Haus ist erst fünf Jahre alt, kann also keine Gespenster aus düsterer Vergangenheit beherbergen.“

Herr Harm hat offenbar nicht zugehört. Er sagt mit Grabesstimme: „Ich hatte gestern einiges in der Stadt zu besorgen. Zu Hause stellte ich fest, dass ich die ganze Zeit einen Rest Rotkohl im Mundwinkel gehabt hatte. Wie peinlich!“

Eine Tür wird aufgestoßen und Professor Coster tritt auf den Gang, schaut sich um und nimmt unseren Schritt auf. Er sagt: „Guten Morgen, habe ich euch doch getroffen. Als ich mich von meinem Schreibtisch erhob, hatte ich die Wahl zwischen sieben Toren. Die Gänge dahinter führen in verschiedene Teile der Welt. Hätten wir uns hier verpasst, wären wir uns irgendwann trotzdem begegnet, denn wenn wir weit genug vordringen, stellen wir fest, dass alle Gänge aufeinander treffen, weil sie sich verästeln, verbinden und verflechten, bis sich das Geflecht verdichtet. Und später sehen wir die vereinigte Welt vor uns liegen, wie wenn wir aus einem Höhlensystem in ein weites Tal hinausträten, in das unzählige andere Gänge münden.“

Unwillkürlich wandert meine Hand an die Stirn und mein Zeigefinger dreht eine Schläfenschraube. Ich sage: „Dann wird das hier eine größere Sache, Coster? Und ich dachte, nur ein wenig zu gehen und mir Gewäsch äh Gespräch anzuhören.“

„Ja, für Denkfaule wie dich, Trithemius, ist das nichts. Außerdem so fußlahm wie du bist. Wenn du noch langsamer gehst, gehst du rückwärts.“

„Bitte? Ich habe Aua am kleinen Zeh!“

Wird vielleicht fortgesetzt.

Auf dem Gang

Zu sehen ist ein langer fensterloser Gang. Das Licht kommt von indirekt strahlenden andleuchten, die in unregelmäßigen Abständen angebracht sind, als wären die Elektriker beim Anbringen völlig planlos vorgegangen oder hätten weder Maßband noch Zollstock gehabt. Freilich müsste ihnen die Länge des Gangs bekannt gewesen sein, um sie durch die zur Verfügung stehenden Lampen zu teilen. Das ist allerdings nicht der Fall gewesen, da der Gang sich völlig eigenmächtig erstreckt. Er hat große Bodenfliesen aus blauem Balatum. Auf den Gang münden unzählige graue Türen. Sie machen den Eindruck, dass sie jeden Moment aufspringen könnten, um jemanden auszuspucken. Wohin der Gang führt, lässt sich nur ahnen. Wer aus einer der Türen auf den Gang tritt, scheint es aber zu wissen. Man schreitet hurtig und mit auf dem Balatum quietschenden Schuhsohlen voran.

„Huch!“, ruft Herr Steinchen, indem er aus seinem Büro tritt, „ich hatte gestern eine Lebensmittelvergiftung!“, und dann als ich überrascht stehen bleibe und ihm einen besorgten Blick zuwerfe, setzt er nach: „Vielmehr, es war dann doch keine, wie die Laborwerte nachher zeigten, sondern eine Gallenkolik. Ich hatte zu fetten Lachs gegessen. Nun ist Lachs ja sowieso fett, aber dieser muss besonders fett gewesen sein. Doch von Ihnen als Vegetarier kann ich wohl kein Mitgefühl erwarten.“

„Nein, sowieso nicht“, sage ich. Während wir gemeinsam den Gang hinunter gehen, denke ich trotzdem über Steinchens hypochondrische Natur nach: So ist das, wenn einer so lange in sich hineinhorcht, bis er die Körpersäfte brodeln und wallen fühlt. Da ist ihm sein Körper Ich und doch nicht Ich, weil rätselhaft sich selbst organisierend. Und er misstraut der Selbstorganisation, fürchtet ständig, dass sie aus den Fugen geraten könnte, dass einer der komplexen Körpervorgänge aus dem Gleis springen könnte wie ein Zug seiner Modelleisenbahn, wenn er versehentlich eine Weiche stellt, während der Zug sie gerade überquert. Er vermutet längst das totale Chaos in sich, das sich nur als Normalität tarnt, dem aber auf die Schliche zu kommen ist, wenn er Laborwerte feststellen lässt. Armer Steinchen. Da sitzt seine Leber fett und lauernd unter seinem Rippenbogen und ist jederzeit bereit, sein Blut mit giftiger Galle zu überschwemmen. Dabei hat er doch nur Lachs …“

Eine Tür öffnet sich und Friedrich Harm tritt auf den Gang, um sich uns anzuschließen. Ganz unvermittelt beginnt er zu reden, wie es Menschen tun, denen die Sozialfähigkeit abhanden gekommen ist, weil ihnen zu lange schon niemand mehr zuhört. Herr Harm schaut keinen von uns an, sondern fixiert einen Punkt weit vor sich, dass es wirkt, als würde ihm seine Rede auf die Innenseite der Stirn projiziert, so dass er sie ablesen kann:

„In meinem höchst verwirrenden Traum letzte Nacht kam eine völlig misslungene Theateraufführung vor, in der alle Akteure nackt waren, bis auf eine einzige Frau, die Strümpfe trug, vielmehr eine unzüchtig ausgeschnittene Strumpfhose. Meistens war die Bühne völlig kahl, man hing in Seilen. Nur einmal war ein laut wieherndes Pferd zu sehen. Kurz darauf lag ein fast skelettierter Pferdekadaver auf dem Rücken und einer im weißen Kittel zeigte am Hals des Tieres auf eine kurze rotbraune Knorpelstange, mit der das Pferd angeblich dieses Wiehern hervorbrachte. Darauf wollte ich mich mit einer Frau in einen Kellerraum zurückziehen. Dieser lange, schmale Raum stand voller Gerümpel. Über die Breitseite zogen sich Oberlichter aus trübem Glas. Dort tauchten nun just im störenden Moment drei freche Arbeiter auf, die dreckig lachend, unsere Absicht ahnend, immer wieder die Fenster aufstießen und zu uns hinunter sahen, wobei sie auch mit den Armen hereinfuchtelten.“

Deinen Kopf möchte ich ja lieber nicht haben, denke ich, und noch weniger dein Leben. Es ist bekannt, dass Harms Ehefrau sich von ihm abgewandt hat, ja nicht einmal mehr mit ihm redet, nur noch Anweisungen erteilt.

Fortsetzung

Mit der Hand gesetzt (4)) – Raiza Procházka berichtet

Folge 1Folge 2Folge 3
Es war schon etwas Besonderes zu erleben, wie mein Manuskript zur Satzform wurde, wie Oster Letter um Letter, Wort um Wort in den Winkelhaken setzte, die Zeile ausglich, also Wortzwischenräume verringerte oder austrieb, um den Randausgleich zu erreichen. Saß die Zeile dann fest im Winkelhaken, legte er als Zeilenabstand eine 2-Punkt-Regelette darüber. Wenn der Winkelhaken fünf Zeilen enthielt, hob er sie mit Hilfe einer Setzlinie aus Messing vorsichtig heraus und sicherte sie auf dem Setzschiff. Hier wuchs die Satzform der Seite Zeile um Zeile, bis 25 Zeilen übereinander gestapelt waren. Oster legte unter die letzte Zeile eine Ein-Cicero-Regellette und band die Form mit sauberen Wicklungen jener roten Kolumnenschnüre aus, die bei genauer Betrachtung ein schlauchförmiges Gewebe waren, das hohem Zug standhielt. Ich sah fasziniert zu, wie meine flüchtigen Gedanken durch Handwerkskunst Gewicht bekamen und jetzt wie unverrückbar zusammenhielten, so dass Oster sie vom Setzschiff auf den Metalltisch der Abzugspresse schieben konnte. Die einfache Handabzugspresse bestand aus einem festen Metalltisch, mit Schienen an den seitlichen Rändern, über die kleine Eisenräder liefen, die wiederum eine Gummiwalze antrieben, wenn die Einrichtung von Hand vor und zurück bewegt wurde. Zum Abziehen wurden die Gesichter der Buchstaben mittels Handwalze satt eingefärbt mit schwarzer Druckfarbe, dann wurde ein Bogen Papier aufgelegt und die Druckwalze einmal darüber gezogen. Den jetzt bedruckten Bogen abzuheben und erstmals eine weitere Seite aus meinem Roman zu sehen, wie er in feinsten Garamond-Lettern schwarz auf dem weißen Papier stand, war mir der schönste Augenblick.

    Wenn Dr. Reibach grinste, entblößte er ein prächtiges Pferdegebiss. Während der gesamten Briefvorlesung konnte er sich vor Vergnügen kaum halten. Die im Dauergrinsen gebleckten Zähne taten mir weh für den armen Dr. Schmieder. Ich malte mir aus, was er im Brief andeutete, wie er ruhelos durch seine Privatbibliothek streifte und sich Vorwürfe machte, nicht nur, dass er sich hatte hinreißen lassen, das Aktfoto, das mich NICHT zeigte, dem Reibach in Fotokopie auszuhändigen, sondern dass ihn auch sein Brief reute, der ja alles noch schlimmer machte. Es war klar, dass gerade durch seine Bitte, die Fotokopie nicht herumzuzeigen, ja, dass durch den gesamten Brief, Reibachs Spottlust angestachelt würde, denn Reibach war in Schmieders Augen ein durch und durch schlechter Mensch. Schmieder verachtete ihn, nicht zuletzt für die geringschätzige Weise, wie er Raiza Procházka behandelte.

    *
    Vor dem Fotoladen stieß ich mit ihr zusammen. Sie trug ein enganliegendes gelbes Sommerkleid und sah atemberaubend aus. Frau Procházka freute sich, mich zu sehen. „Was machst du denn hier? Auf dem Weg zum nächsten Fotoshooting?“, fragte sie spöttisch.
    „No, ich muss mir ja zuerst eine Narbe übers Auge schminken lassen. Jetzt bummle ich ein wenig durch die Stadt“, sagte ich “Und du?“

    „Ich habe Urlaubsfotos abgeholt.“ Sie überlegte kurz und fragte dann: „ Die künstliche Narbe ist doch scheiß, oder? Hast du Lust, einen Kaffee zu trinken?“

    „Zweimal ja!“

    Wir setzten uns nach draußen vors Café Mohren unter einen Sonnenschirm. Sie brachte das Gespräch sogleich auf Reibach und wie er den armen Schmieder im Institut bloßgestellt hatte. Offenbar war es ihr ein Anliegen, mir die Augen über Reibach zu öffnen. Sie hatte Urlaub mit ihm in Griechenland gemacht. Sie waren mit Reibachs Sportwagen hingefahren. Bei der Rückfahrt aus dem Urlaub, irgendwo auf einer einsamen Gebirgsstraße des Balkans waren sie in Streit geraten. Da warf Reibach sie aus dem Auto und fuhr davon, ließ sie einfach zurück. Da hatte sie, nur mit einem Bikini bekleidet, also quasi nackt in einer wilden Gegend gestanden, ohne Geld und Papiere.

Fortsetzung

 

Mit der Hand gesetzt (3a) – Das Lektorat schaltet sich ein

„Das Lektorat hat einige Anmerkungen zum letzten Kapitel“, sagte Herr Oster, der Setzer meines Romans, nicht ohne Genugtuung. „Ich hatte mir beim Setzen schön ähnliche Gedanken gemacht.“ Er reichte mir den neuerlichen Korrekturabzug, worauf mit Grün zwei Stellen markiert waren:
Unklar bleibt, wieso der Protagonist zur erstmals im Text auftauchenden Reinemachfrau Dressel sagt: „Sie müssens ja wissen, Frau Dressel.“ Wieso?
Desgleichen würde sich im Brief gut ausmachen, wenn dort die Beteuerung stünde, dass das Foto Herrn Erlenberger nicht zeigt, wodurch der Satz „denken Sie nur an die arme Frau!“ grotesker wirken würde, als glaubte Schmieder seiner eigenen Beteuerung nicht.

Ich zog mich eine Weile in ein leeres Büro zurück, änderte den Text und übergab ihn, Herrn Oster, zur nachträglichen Bearbeitung. Er würde die Zeilen neu umbrechen müssen:

    … denn die Reinemachefrau Dressel, die sich ebenfalls dazu gesellt hatte, sagte: „Wie die Nase eines Mannes, also ist auch sein Johannes!“
    „Sie müssens ja wissen, Frau Dressel“, sagte ich, in Anspielung auf ihre alte Arbeitsstelle, denn sie hatte zuvor Häuser in der Bordellgasse geputzt. Dann sagte ich in die Runde: „Ich bitte die Anwesenden um allgemeine Bestätigung, dass das Aktfoto mich nicht zeigt.“
    „Jaja, schon gut! Du bist es nicht“, sagte Reibach, holte ein Schreiben aus seinem Jackett, das ihn am Morgen mit der Post erreicht hat. Absender: Dr. Wolfgang Schmieder. Reibach bat um Ruhe und las vor:

    „Lieber Herr Dr. Reibach,
    kaum waren Sie gestern aus dem Haus, wurde mir die Ungeheuerlichkeit bewusst, dass ich mich hatte hinreißen lassen, Ihnen das Foto aus dem Aktmagazin zu fotokopieren, das unseren gemeinsamen Bekannten, Herrn Erlenberger NICHT zeigt, da ihm die Narbe über der Augenbraue fehlt. Ich bin ob meiner Handlungsweise untröstlich, konnte die Arbeit nicht verrichten, die ich mir für den Tag vorgenommen hatte, da mir die Folgen meines Tuns unablässig vor Augen rückten. Ich bitte Sie deshalb inständig, die Fotokopie niemandem zu zeigen. Vernichten Sie das Blatt unverzüglich! Die Lust, es zur allgemeine Erheiterung herumzuzeigen, wiegt nicht auf, was Sie dem Herrn Erlenberger damit antun. Denken Sie auch an seine arme Frau!
    In Unruhe, Ihr
    Dr. Wolfgang Schmieder“

Mit der Hand gesetzt (3) – Eine Fotokopie und ein Brief

Folge 1Folge 2

Wir begegneten uns in der Umkleide. Ich kam aus dem Waschraum, Herr Oster hängte gerade sein kariertes Jackett in den Spind und streifte den grauen Kittel über.
„Haben Sie im Verlag übernachtet“, fragte er erstaunt.
„Nicht direkt übernachtet. Ich musste noch das letzte Kapitel des Manuskripts fertig schreiben“, log ich.
„Schon seltsam“ brummte Herr Oster, „dass die Chefin mich den Roman setzen lässt, obwohl das Manuskript noch nicht fertig ist.“
„Just in time, Herr Oster. Das Prinzip kennen Sie doch.“
„Aber hier bei uns? Wozu soll das gut sein?“

Wir gingen gemeinsam in den Setzereisaal. Auf Osters Arbeitstisch lagen die Korrekturfahnen. Ich sah viel Rot. Oster nahm sie in die Hand, verglich mit dem Manuskript und schnaubte: „Wie die beschmierten Fahnen chinesischer Räuberbanden. Sie müssen bitte deutlicher schreiben, Herr Autor, dann gibt es auch nicht so viele Setzfehler.“ Er hielt mir mein Manuskript unter die Nase, um mir die ästhetische Katastrophe zu zeigen. Namentlich die vielen Streichungen und nachträglichen Kritzeleien beschämten mich. Glücklicher Weise war das Ergebnis meiner Nachtarbeit wie aus einem Guss:

    Gegen Nachmittag war plötzlich Unruhe im Institut. Dr. Bernd Reibach stürmte herein, eilte durch die Räume und zeigt ein Blatt herum. „Komm mal her, du Aktmodell!“, rief er. Schmieder musste Reibach von seiner Entdeckung erzählt haben, und Reibach hatte ihn so lange gedrängt, dass Schmieder ihm das Bild aus dem Schwulenmagazin fotokopiert hatte. Zu sehen war ein gereckt stehender nackter Mann, der mit erhobenen Armen ein gewrungenes Handtuch hinterm Nacken hielt. Er stand ein wenig gespreizt da, hatte den muskulösen Oberkörper leicht zur Seite gedreht und sah mir vor allem nicht ähnlich, wie auch die Sekretärin Kathy O. bestätigte, wobei sie errötete, denn sie sah sich plötzlich im Verdacht, mich ein bisschen näher zu kennen. „Die Nase ist doch viel gröber als deine“, sagte sie rasch, was es nicht besser machte, denn die Reinemachefrau Dressel, die sich ebenfalls dazu gesellt hatte, sagte: „Wie die Nase eines Mannes, also ist auch sein Johannes!“
    „Sie müssens ja wissen, Frau Dressel“, sagte ich, in Anspielung auf ihre alte Arbeitsstelle, denn sie hatte zuvor Häuser in der Bordellgasse geputzt. Dann sagte ich in die Runde: „Ich bitte die Anwesenden um allgemeine Bestätigung, dass das Aktfoto mich nicht zeigt.“
    „Jaja, schon gut! Du bist es nicht“, sagte Reibach, holte ein Schreiben aus seinem Jackett, das ihn am Morgen mit der Post erreicht hat. Absender: Dr. Wolfgang Schmieder. Reibach bat um Ruhe und las vor:

    „Lieber Herr Dr. Reibach,
    kaum waren Sie gestern aus dem Haus, wurde mir die Ungeheuerlichkeit bewusst, dass ich mich hatte hinreißen lassen, Ihnen das Foto aus dem Aktmagazin zu fotokopieren, das unseren gemeinsamen Bekannten, Herrn Erlenberger NICHT zeigt, da ihm die Narbe über der Augenbraue fehlt. Ich bin ob meiner Handlungsweise untröstlich, konnte die Arbeit nicht verrichten, die ich mir für den Tag vorgenommen hatte, da mir die Folgen meines Tuns unablässig vor Augen rückten. Ich bitte Sie deshalb inständig, die Fotokopie niemandem zu zeigen. Vernichten Sie das Blatt unverzüglich! Die Lust, es zur allgemeine Erheiterung herumzuzeigen, wiegt nicht auf, was Sie dem Herrn Erlenberger damit antun. Denken Sie auch an seine arme Frau!
    In Unruhe, Ihr
    Dr. Wolfgang Schmieder“

Fortsetzung

Mit der Hand gesetzt (2) – Gut bestückt?

So früh habe ich den Schriftsetzer noch nicht erwartet. Er hätte mich nicht sehen sollen beim Abfassen des Manuskripts. Er sollte nicht wissen, dass ich ihm nur wenige Stunden voraus bin. Immerhin kann ich ihm zwei weitere Seiten hinlegen, so dass er Arbeit hat für den Tag. Ich werde einige Nachtschichten einlegen müssen, um genug Vorsprung zu haben mit meinem Manuskript. Wer hätte je einen Roman unter solchen Bedingungen geschrieben, immer gehetzt von einem Setzer, der stoisch die Lettern aus den Fächern des Setzkastens fingert, um sie von links nach rechts in den Winkelhaken zu reihen. Oja, er ist schnell, erfasst schon im Greifen die Lage der Letter an einer Kerbe, ihrer SIGNATUR. Auf dem Weg zum Winkelhaken dreht er die Signatur nach vorne, flucht manchmal leise, wenn er einen falschen Buchstaben erwischt hat, einen FISCH, der nun zurückfliegt in das richtige Fach, es sei denn er gehörte nicht in den Kasten, würde zu einer ganz anderen Schrift gehören. Die Setzer erkennen das an der abweichenden Signatur. Ein solcher ZWIEBELFISCH landet im Fach für die Quadrate, so heißt das größere Ausschlussmaterial, um später wegsortiert zu werden.

    Traurig, traurig ist der Fall des Dr. Wolfgang Schmieder. In jungen Jahren hatte er sich Hoffnung auf eine Professorenstelle an der Pädagogischen Hochschule gemacht. Qualifiziert war er, qualifizierter wohl als jene „hochgefürsteten Studienräte“, die fett und inkompetent auf den Lehrstühlen saßen. Ihn hatte man übergangen, aus dem einzigen sachfremden Grund, weil er homosexuell war. So jedenfalls die Erklärung, die Dr. Schmieder gefragt und ungefragt gab. Er konnte den Mann benennen, der ihm „einen Knüppel zwischen die Beine geworfen“ hatte, Hans Hase, der Stadtdirektor, ein „bigotter Katholik“ und ausgemachter Homophobiker. Hase saß im Senat der Hochschule und hatte dort seinen Einfluss geltend gemacht, um Schmieders Professur zu verhindern. Stattdessen hatte man ihn auf einen Posten bei der Stadtbibliothek verschoben, für den er völlig überqualifiziert war. Mit den Jahren aber genoss Schmieder seine beschauliche Anstellung. Niemand erwartete etwas von ihm, niemandem fiel auf, wenn er sein Mittagsschläfchen auf der Ottomane in seinem Büro in den Nachmittag ausdehnte. Wer überraschend hineinschaute in Schmieders Büro, fand ihn schlummernd, die Lesebrille hoch auf die Stirn geschoben. Ein Büchlein war seiner Hand entglitten, das Bild des fleißigen Kopfarbeiters, den es bei der anstrengenden Tätigkeit des Lesens übermannt hatte. Den Feierabend erlebte Schmieder frisch und ausgeruht, denn fit musste er sein – für die Abendkurse, die er in seinem Haus gab. Dr. Wolfgang Schmieder bereitete Aspiranten in einem einjährigen wöchentlichen Abendkurs auf die Begabtensonderprüfung an der Pädagogischen Hochschule vor.

    Dort lernte ich ihn kennen. An einem der ersten Abende rief Dr. Schmieder mich an seinen Tisch, besah mich genau und sagte: „Schieben sie doch mal die Haarlocke aus der Stirn! Ich will sehen, ob Sie eine Narbe über der Augenbraue haben.“ Als er meine blanke Stirn inspiziert hatte, rief er enttäuscht aus: „Ach, nein, Sie sind es nicht!“ Er glaubte mich nämlich nackt abgebildet in „einem Heft“ gesehen zu haben, und dieses Aktmodell sähe mir zum Verwechseln ähnlich. Vor der versammelten Gruppe seiner PH-Aspiranten spekulierte Schmieder, ob ich wohl „auch gut bestückt sei“ Darauf würde zumindest meine Brustbehaarung hinweisen, die im offenen Hemdausschnitt zu sehen war. Ich fühlte mich entblößt.

Fortsetzung

Mit der Hand gesetzt (1)

Ich weiß, dass der Verlag diesen alten Schriftsetzer beschäftigt, weiß, dass er meinen Roman wird mit der Hand setzen müssen. Um ihn zu zanken, hätte ich Lust, den Roman mit einem unsäglich langweiligen Satz zu beginnen. Er würde darüber verzweifeln wie ein Wanderer, der mit dem ersten Schritt schon in zähen Morast gerät, besser auf einen knochentrockenen steinigen Weg unter einer gnadenlosen Sonne, so dass er nach wenigen Schritten sich schon erschöpft an ein Balkengestell anlehnen muss wie der berühmte Durstige Mann in der Tuborg-Werbung.

Dieser tödlich langweilige Satz wäre die Herausforderung, die den Alten am Berufsethos verzweifeln ließe. Den mit der Hand getreulich abzusetzen, ihn nicht zu verbessern wie einst der Kollege, der den Satz „Der ganze Verein hatte sich versammelt; nur der Vorstand fehlte noch.“ durch den Austausch von o durch e so recht zum Schillern gebracht hatte: „Der ganze Verein hatte sich versammelt; nur der Verstand fehlte noch.“

Jetzt habe ich mir selbst ein Bein gestellt. Denn es ist genauso schwer, einen tödlich langweiligen ersten Satz zu erfinden wie einen wunderbaren, so einen, der in der Anthologie schönster erster Sätze als erster genannt würde. Das vermute ich jedenfalls, denn ich habe weder einen wunderbaren noch einen tödlich langweiligen Satz geschrieben. Und hätte ich es, so würde niemand ihn kennen, nicht einmal ich.

Habe ich nicht eine Schachtel mit einem Haufen von Zettelnotizen, die ich im Wahn niedergeschrieben habe und deshalb im nüchternen Zustand nicht anschauen mag? Einen solchen Zettel bräuchte ich nur zu zücken, und schon wärs … Wunschdenken zweifellos, und unbeweisbar, weil der Zettelkasten seit Jahren nicht mehr geöffnet werden darf.

Schon greife ich dem Schriftsetzer in den Nacken und zwinge ihn an den Setzkasten. Die zehn Punkt Garamond habe ich ihm aufgestellt, ihm gesagt, er solle den Winkelhaken auf 20 Cicero Breite einstellen. Die nächsten 75 Arbeitstage wird er acht Stunden täglich an meinem Roman setzen. „Nur zu, Brauner, mach den ersten Schritt!“

    Dr. Wolfgang Schmieder war Privatgelehrter. Als ich ihn kennenlernte hatte er bereits ein Grab mit einem Grabstein, den eine Inschrift in babylonischer Keilschrift zierte. Sein Grab besuchte er regelmäßig und pflegte die Blumen. Dort sollte man ihn begraben, und nebenan ein Hutzelweib von Haushälterin, das er seine Ziehmutter nannte. Freilich ihrer beider Tod sollte noch abgewartet werden. Das Haus des Dr. Wolfgang Schmieder war bis in den letzten Winkel mit Bücherregalen bestückt. Wenn normale Menschen 400 Bücher ihr eigen nennen, so besaß Dr. Schmieder sicher 10.000. Täglich brachte der Paketbote neue Stapel, überwiegend philosophischer Werke und solche der Religionswissenschaft. Schmieder kaufte sie nicht, sondern erhielt und sammelte Rezensionsexemplare. Die Rezensionen veröffentlichte er in einer kleinen Studentenzeitschrift, aber unter Pseudonym, dem Namen einer jungen, glutvoll schönen Frau namens Raiza Procházka, deren voller Busen manchen schon zum Träumen gebracht hatte. Das Gefälle zwischen den Rezensionstexten und ihr war derart grotesk, dass ich niemals glauben konnte, dieses wunderbare Weib könnte einen derartig geschraubten Bockmist von sich geben. Da wusste ich von Dr. Wolfgang Schmieder noch nichts.

    Fortsetzung

Solo für Trithemius – eine Gruselgeschichte

Die Wohnung rechts von meiner steht schon immer leer. Sie ist die nie bewohnte Stadtwohnung des Hausbesitzers. Manchmal betritt sie der Hausverwalter, wenn Handwerker im Haus anzuleiten sind oder Wohnungsbesichtigungen anstehen. In letzter Zeit hat es in den oberen Etagen einige Wechsel gegeben. Inzwischen weiß ich kaum noch, wer dort wohnt. Links von meiner Wohnung lebt sporadisch Martin. Er lebt natürlich durchgängig, verbringt aber die meiste Zeit bei seiner Freundin in einer Nachbarstadt. Die Familie unter mir ist zu Beginn der Coronakrise mit ihren zwei kleinen Jungs irgendwohin geflohen, wo man sich offenbar weniger gefährdet wähnt. Die Frau über mir verbringt das Wochenende vermutlich bei ihrem Freund. Derzeit ist sie ganz weg. Ich bin also von leerstehenden Wohnungen umzingelt. Entsprechend ruhig ist es im großen Wohnhaus. Ich könnte glauben, der einzig verbliebene Mieter zu sein. Im Roman „Großes Solo für Anton“, einem Werk der Phantastik von Herbert Rosendorfer, erlebt der Protagonist, dass über Nacht alle Menschen außer ihm verschwunden sind. In meiner Welt muss es aber noch Menschen geben, weil heute Morgen irgendwer die Kirchenglocken geläutet hat. Falls sich das Läutwerk aber automatisch eingeschaltet hat, ist das auch kein Beweis. Bei der neu erwachten Winterkälte werde ich mich nicht als Fenster stellen und Ausschau halten. Selbst wenn draußen eine Person vorbeigehen würde, wäre sie mir so fern, als würde sie auf dem Mond herumspazieren.

Die Erfahrung ist mir nicht neu. Während meiner Bundeswehrzeit wurde ich strafversetzt, wurde morgens beim Appell belobigt und anschließend versetzt in eine Bremer Einheit, die als Fickerkompanie verschrien war. Diese Kompanie hatte gerade eine Ausweichkaserne bezogen, weil ihre eigentlichen Gebäude saniert wurden. Dort wollte man mich separieren, weil ich Kriegsdienstverweigerer war und schon einige Soldaten aus meinem Umfeld ebenfalls verweigert hatten. Man wies mir das unbewohnte Dachgeschoss zu. Dort gab 12 Mansardenwohnungen, denn das Kasernengebäude hatte nach dem Krieg Flüchtlinge aus dem Osten beherbergt hatte. Jetzt standen alle Wohnungen leer. Wer konnte, hatte sich eilends eine andere Wohnung gesucht, um den unheiligen Schwingungen zu entkommen, die durch das Gebäude waberten. Wenn der Wind durchs kalte Treppenhaus pfiff, röhrte er in den Fluren. Dann griffen knöcherne Hände nach den Seelen. Zum langen Flur hin standen die Türen offen, dass es wirkte, als wären die Vorbewohner alle gleichzeitig geflohen.

Ich wanderte im Dämmer des späten Nachmittags den Flur entlang und warf in jede Wohnung einen Blick, als müsste ich mich überzeugen, niemanden mehr vorzufinden. Doch ich hatte keinen Grund, so leise und verstohlen über den Flur zu streichen, wie ich es unwillkürlich tat. Ich war auf der Dachetage völlig allein. Jede Wohnung hatte drei Zimmer. Vom zentralen Raum gingen je links und recht Türen ab in angrenzende Räume. Wo ich nachgesehen hatte, schloss ich die Türen und bedauerte, keine Schlüssel vorzufinden. Bald sollte ich feststellen, dass es keine gute Idee gewesen war. Denn fast jede Tür rappelte im Rahmen, sobald der Wind sich wieder erhob. Eine Wohnung in der Mitte des Flurs empfing mich nicht gar so kalt und abweisend. Vor allem hatte sie noch Licht. Der schwarze Drehschalter neben der Tür ließ eine nackte Glühbirne aufleuchten, die in ihrer Fassung von der Decke hing. Sie beleuchtete eine ockerfarbene Blümchentapete, mit der ihre Vorbesitzer den Räumen etwas Wohnlichkeit hatten abtrotzen wollen. Man hatte sich bemüht, die Dachschräge in allen drei Räumen bis in die Raumecken hinein sauber zu tapezieren. Unter der Feuchtigkeit hatten sich Bahnen gegen den Fußboden am Stoß gelöst und sich hochgewölbt, dass die Spalten wirkten wie schwärende Wunden. Was einmal wohnlich hatte wirken sollen, verstärkte jetzt mein Gefühl unendlicher Verlassenheit.

Ich trat an die Dachgaube und schaute hinaus. Es war fast finster. Am Gebäude drüben flatterte eine helle Plane im Wind und schlug klatschend gegen eine Mauer. Ein Schauer lief über meinen Rücken. Drum drehte ich mich um und schloss die Tür zum Flur. In der schmalen Kammer links vom zentralen Raum stand ein schmales Bett mit blanker Matratze, mein Bett für die Nacht. An der Wand hing noch ein Poster, ein sonnengebräuntes nacktes Mädchen schritt vom Betrachter weg durch ein Kornfeld. Wo das Höschen gesessen hatte, war die Haut deutlich heller und verstärkte den Eindruck der Nacktheit. Sie hatte den Oberkörper halb zurück gewandt und schaute in die Kamera. Nie hätte ich gedacht, dass ein solches Poster tröstlich auf mich wirken könnte. Auch wenn sie dabei war fortzugehen, war ich noch nicht allein, nicht gar so verlassen.

In der Nacht schreckte ich hoch. Mir hatte geträumt, auf dem Gang würden Türen geschlagen. Wer würde zu nachtschlafener Zeit so rücksichtslos sein? Ich wollte irgendwas rufen, aber meine Stimme war tonlos. Meine Tür stand offen. Aus der Schwärze des angrenzenden Raumes hörte ich eine vertraute Stimme flüstern: „Ja?“ Ich sagte: „Wilhelm? Ich habe Angst.“ Wieder schlugen Türen. Draußen hatte sich ein Sturm erhoben. Der Herr des Sturms polterte über den Flur, stand plötzlich in meiner Tür und schaute sich suchend um. Ich wollte um Hilfe rufen, doch ich brachte nur einen schwachen Hauch hervor, so sehr ich mich mühte. Der Herr des Sturms schnaubte verächtlich, verharrte eine Weile im Raum, dann war er weg. Ich erwachte davon, dass ich rief und fand mich zu Hause in meinem Bett. Die Tür zum Flur war scheinheilig geschlossen, doch ich war sicher, dass sie vorher offen gestanden hatte.

Kennst du das? Du erwachst aus einem Alptraum und findest dich in einem ähnlichen, allein in einem großen Haus. Nur meine Wohnung ist tröstlicher. Hier bin ich zu Hause und fühle mich wohl. Blöd ist, dass man inzwischen die Fenster vermauert hat.

Die Erweckung (2) – Ein Schismatiker namens Willi

Die Hausnummer 23 gibt es nicht. Die Bebauung entlang der Friedrichstraße endet bei der Hausnummer 21. Dahinter erstreckt sich ein Schrebergartengelände. Joachim Krantz schaut ratlos auf den Zettel mit der Adresse. Dort steht eindeutig Friedrichstraße 23. Vielleicht steht das Haus Nummer 23 im Schrebergarten. Widerwillig nimmt Krantz den Weg in die Schrebergärten. Inzwischen ist es dunkel geworden. Nirgends ein Licht. Klar, bei diesem Sturm hält sich niemand mehr in seinem Schrebergarten auf. Es beginnt zu regnen. In de Gärten sieht Krantz nur hutzelige Hütten.

Er will seine Suche schon abbrechen. Doch da! Weiter hinten erhebt sich ein festes Gebäude. Im Näherkommen erkennt er seitlich der Eingangstür ein Schild. Er nimmt sein Feuerzeug und dreht es um. Dieses Feuerzeug hatte er jüngst an einer Tankstelle gekauft. Erst nach einigen Tagen hatte er die Funktion des kleinen weißen Knopfes an seiner Unterseite begriffen. Das Feuerzeug ist eine Taschenlampe, die einen grellen hellblauen Lichtstrahl aussenden kann.

Er richtet sein Feuerzeug auf das Schild und liest: „Vereinsheim der Hochschulgruppe evangelischer Christen an der RWTH Aachen“, daneben die Hausnummer 23. Er hat also die Adresse gefunden. Aber nichts deutet darauf hin, dass hier die Versammlung stattfindet. Er drückt die Klinke hinab. Zu seinem Erstaunen öffnet sich die Tür. Im Dunkeln erkennt er schemenhaft, dass der gesamte Eingangsbereich mit Möbeln zugestellt ist. Zwischen zwei hohen Schränken scheint ein Durchgang zu bestehen. Krantz tastet sich vor und sieht unter einer Tür in der rückwärtigen Wand einen Lichtschimmer. Im Näherkommen vernimmt er Stimmengewirr. Erleichtert stellt Krantz fest, den Versammlungsort gefunden zu haben.

Als er die Tür öffnet, verstummen die Gespräche, und es wenden sich ihm alle Gesichter zu. Einige können die Enttäuschung nicht verbergen. Offenbar hat man jemand anders erwartet. „Guten Abend! Ich bin Joachim Krantz“, sagt er. „Gut, dass du hergefunden hast!“, sagt die Frau, von der er die Adresse hat. „Such dir einen Platz und setz dich!“, sagt sie noch und wendet sich wieder ihrem Gesprächspartner zu. Alle nehmen ihre Unterhaltungen wieder auf. Krantz setzt sich auf einen freien Sessel einer verschlissenen Sitzgruppe aus schwarzem Leder.

Er hört, dass man die Ankunft eines gewissen Willi erwartet. Willi wird eine Predigt halten. Ein Joint wird rumgereicht. Krantz will nicht abseits stehen und nimmt einen kräftigen Zug. Donnerwetter, das Zeug haut rein. Mit einem Mal kommt ihm alles so absurd vor, das Möbiliar vom Sperrmüll, das Heiligenbild an der Wand, die überall herumliegenden Bibeln, die erwartungsvolle Stimmung unter den gut 25 Anwesenden, das ehrfurchtsvolle Willi-Gerede. „Worauf habe ich mich nur eingelassen“, murmelt Krantz und wird augenblicklich von einem Lachflash gepackt.

Er kannte nur einen Willi, einen Cousin väterlicherseits. Zuletzt hatte er ihn vor Jahren beim Beerdigungskaffee seiner Mutter gesehen. Er unterhielt sich gerade angeregt mit seiner attraktiven Cousine Marianne, als Willi ins Gespräch platzte und unvermittelt sagte: „Früher war ich ja nur im Nordbezirk unterwegs. Doch in letzter Zeit bin ich ziemlich oft im Südbezirk.“ Sie hatten Willi verständnislos angesehen. Willi war Starkstromelektriker beim RWE, einer von denen, die auf den Hochspannungsmasten herumturnen. Sein Einsatzgebiet an Strommasten musste in Nord- und Südbezirk eingeteilt sein. Aber das hatte sich Joachim Krantz zusammenreimen müssen. Unfassbar, dass einer mit so einer beschränkten Äußerung ein Gespräch unterbrach. Und jetzt sollte ein Willi der Heilsbringer sein?

Plötzlich ein Rumoren vor der Tür. Sie öffnet sich, und ein kleiner Mann tritt ein, der ominöse Willi.

Fortsetzung: Willis Predigt

Die Erweckung (1) – Ein Tadel im Klassenbuch

Joachim Krantz konnte den Zeitpunkt seiner Erweckung genau benennen. Alles begann mit einen Tadel, den sein Religionslehrer, Oberstudienrat Franz-Josef Meister-Docht ihm in der 8. Klasse des Kaiser-Karls-Gymnasiums erteilt hatte. An den genauen Hergang erinnerte er sich nicht, noch wusste er, was ihn zu seiner tadelnswerten Untat veranlasst hatte. Es war der Redaktion der Abiturzeitung seines Jahrgangs zu verdanken, die den Eintrag neben anderen Kuriositäten in alten Klassenbüchern gefunden und im Juni 1990 in der Abituzeitung veröffentlicht hatten:

    „Krantz, Joachim muss wegen Bibelaufessens getadelt werden.“

Obwohl Oberstudienrat Franz-Josef Meister-Docht sich selbst mit diesem Tadel ein Armutszeugnis ausgestellt hatte, war ihm Joachim Kranz in Dankbarkeit verbunden. Wäre der Religionslehrer nicht so komplett vernagelt und ahnungslos gewesen, könnte Joachim Kranz den Zeitpunkt seiner Erweckung nicht auf das Jahr 1985 terminieren.

Im Jahr 1991 begann Joachim Krantz an einer kleinen katholischen Universität im belgischen Flandern ein Studium der Religionswissenschaft mit dem Ziel, Priester zu werden. Bei seinen Bibelstudien stieß er auf eine Stelle im Alten Testament, die seine in kindlichem Unverstand begangene Tat in ein ganz neues Licht rückte: Im Bericht des Ezechiel von seiner Berufung als Prophet erscheint ihm Gott Jehova am Himmel und spricht:

    „Mach deinen Mund auf und iß, was ich dir gebe!‘ Ich schaute auf und sah vor mir eine ausgestreckte Hand, die eine Buchrolle hielt. (…) Die Stimme fuhr fort: ‚Du Mensch, iß diese Buchrolle auf! Fülle deinen Magen damit!“ Da aß ich die Rolle; sie war süß wie Honig. (Ezechiel, Kapitel 2 u. 3).

Es geschah, dass Joachim Krantz bei einer geselligen Zusammenkunft vor Kommilitonen leichtfertig die unbefleckte Empfängnis der Gottesmutter leugnete. Hinterhältige Kommilitonen trugen die Äußerung der Universitätsleitung zu. Und flugs wurde ihm wegen Häresie die kirchliche Lehrbefähigung, die Missio kanonika, aberkannt. Plötzlich sah er sich von der Mutter Kirche verstoßen, verlor den Halt, verfiel dem Alkohol und nahm bewusstseinserweiternde Drogen. Unter deren Einfluss wurde ihm ein göttlicher Auftrag zuteil. Hatte er sich doch genau wie der Prophet Ezechiel das Wort Gottes einverleibt, als er Seiten aus der Bibel aß. Krantz wandte sich von der katholischen Lehre ab und gründete seine Erweckungsbewegung „de melle biblie“, das ist von der honigsüßen Bibel. Doch der Reihe nach:

Fortsetzung: Ein Schismatiker namens Willi