Solo für Trithemius – eine Gruselgeschichte

Die Wohnung rechts von meiner steht schon immer leer. Sie ist die nie bewohnte Stadtwohnung des Hausbesitzers. Manchmal betritt sie der Hausverwalter, wenn Handwerker im Haus anzuleiten sind oder Wohnungsbesichtigungen anstehen. In letzter Zeit hat es in den oberen Etagen einige Wechsel gegeben. Inzwischen weiß ich kaum noch, wer dort wohnt. Links von meiner Wohnung lebt sporadisch Martin. Er lebt natürlich durchgängig, verbringt aber die meiste Zeit bei seiner Freundin in einer Nachbarstadt. Die Familie unter mir ist zu Beginn der Coronakrise mit ihren zwei kleinen Jungs irgendwohin geflohen, wo man sich offenbar weniger gefährdet wähnt. Die Frau über mir verbringt das Wochenende vermutlich bei ihrem Freund. Derzeit ist sie ganz weg. Ich bin also von leerstehenden Wohnungen umzingelt. Entsprechend ruhig ist es im großen Wohnhaus. Ich könnte glauben, der einzig verbliebene Mieter zu sein. Im Roman „Großes Solo für Anton“, einem Werk der Phantastik von Herbert Rosendorfer, erlebt der Protagonist, dass über Nacht alle Menschen außer ihm verschwunden sind. In meiner Welt muss es aber noch Menschen geben, weil heute Morgen irgendwer die Kirchenglocken geläutet hat. Falls sich das Läutwerk aber automatisch eingeschaltet hat, ist das auch kein Beweis. Bei der neu erwachten Winterkälte werde ich mich nicht als Fenster stellen und Ausschau halten. Selbst wenn draußen eine Person vorbeigehen würde, wäre sie mir so fern, als würde sie auf dem Mond herumspazieren.

Die Erfahrung ist mir nicht neu. Während meiner Bundeswehrzeit wurde ich strafversetzt, wurde morgens beim Appell belobigt und anschließend versetzt in eine Bremer Einheit, die als Fickerkompanie verschrien war. Diese Kompanie hatte gerade eine Ausweichkaserne bezogen, weil ihre eigentlichen Gebäude saniert wurden. Dort wollte man mich separieren, weil ich Kriegsdienstverweigerer war und schon einige Soldaten aus meinem Umfeld ebenfalls verweigert hatten. Man wies mir das unbewohnte Dachgeschoss zu. Dort gab 12 Mansardenwohnungen, denn das Kasernengebäude hatte nach dem Krieg Flüchtlinge aus dem Osten beherbergt hatte. Jetzt standen alle Wohnungen leer. Wer konnte, hatte sich eilends eine andere Wohnung gesucht, um den unheiligen Schwingungen zu entkommen, die durch das Gebäude waberten. Wenn der Wind durchs kalte Treppenhaus pfiff, röhrte er in den Fluren. Dann griffen knöcherne Hände nach den Seelen. Zum langen Flur hin standen die Türen offen, dass es wirkte, als wären die Vorbewohner alle gleichzeitig geflohen.

Ich wanderte im Dämmer des späten Nachmittags den Flur entlang und warf in jede Wohnung einen Blick, als müsste ich mich überzeugen, niemanden mehr vorzufinden. Doch ich hatte keinen Grund, so leise und verstohlen über den Flur zu streichen, wie ich es unwillkürlich tat. Ich war auf der Dachetage völlig allein. Jede Wohnung hatte drei Zimmer. Vom zentralen Raum gingen je links und recht Türen ab in angrenzende Räume. Wo ich nachgesehen hatte, schloss ich die Türen und bedauerte, keine Schlüssel vorzufinden. Bald sollte ich feststellen, dass es keine gute Idee gewesen war. Denn fast jede Tür rappelte im Rahmen, sobald der Wind sich wieder erhob. Eine Wohnung in der Mitte des Flurs empfing mich nicht gar so kalt und abweisend. Vor allem hatte sie noch Licht. Der schwarze Drehschalter neben der Tür ließ eine nackte Glühbirne aufleuchten, die in ihrer Fassung von der Decke hing. Sie beleuchtete eine ockerfarbene Blümchentapete, mit der ihre Vorbesitzer den Räumen etwas Wohnlichkeit hatten abtrotzen wollen. Man hatte sich bemüht, die Dachschräge in allen drei Räumen bis in die Raumecken hinein sauber zu tapezieren. Unter der Feuchtigkeit hatten sich Bahnen gegen den Fußboden am Stoß gelöst und sich hochgewölbt, dass die Spalten wirkten wie schwärende Wunden. Was einmal wohnlich hatte wirken sollen, verstärkte jetzt mein Gefühl unendlicher Verlassenheit.

Ich trat an die Dachgaube und schaute hinaus. Es war fast finster. Am Gebäude drüben flatterte eine helle Plane im Wind und schlug klatschend gegen eine Mauer. Ein Schauer lief über meinen Rücken. Drum drehte ich mich um und schloss die Tür zum Flur. In der schmalen Kammer links vom zentralen Raum stand ein schmales Bett mit blanker Matratze, mein Bett für die Nacht. An der Wand hing noch ein Poster, ein sonnengebräuntes nacktes Mädchen schritt vom Betrachter weg durch ein Kornfeld. Wo das Höschen gesessen hatte, war die Haut deutlich heller und verstärkte den Eindruck der Nacktheit. Sie hatte den Oberkörper halb zurück gewandt und schaute in die Kamera. Nie hätte ich gedacht, dass ein solches Poster tröstlich auf mich wirken könnte. Auch wenn sie dabei war fortzugehen, war ich noch nicht allein, nicht gar so verlassen.

In der Nacht schreckte ich hoch. Mir hatte geträumt, auf dem Gang würden Türen geschlagen. Wer würde zu nachtschlafener Zeit so rücksichtslos sein? Ich wollte irgendwas rufen, aber meine Stimme war tonlos. Meine Tür stand offen. Aus der Schwärze des angrenzenden Raumes hörte ich eine vertraute Stimme flüstern: „Ja?“ Ich sagte: „Wilhelm? Ich habe Angst.“ Wieder schlugen Türen. Draußen hatte sich ein Sturm erhoben. Der Herr des Sturms polterte über den Flur, stand plötzlich in meiner Tür und schaute sich suchend um. Ich wollte um Hilfe rufen, doch ich brachte nur einen schwachen Hauch hervor, so sehr ich mich mühte. Der Herr des Sturms schnaubte verächtlich, verharrte eine Weile im Raum, dann war er weg. Ich erwachte davon, dass ich rief und fand mich zu Hause in meinem Bett. Die Tür zum Flur war scheinheilig geschlossen, doch ich war sicher, dass sie vorher offen gestanden hatte.

Kennst du das? Du erwachst aus einem Alptraum und findest dich in einem ähnlichen, allein in einem großen Haus. Nur meine Wohnung ist tröstlicher. Hier bin ich zu Hause und fühle mich wohl. Blöd ist, dass man inzwischen die Fenster vermauert hat.

Die Erweckung (2) – Ein Schismatiker namens Willi

Die Hausnummer 23 gibt es nicht. Die Bebauung entlang der Friedrichstraße endet bei der Hausnummer 21. Dahinter erstreckt sich ein Schrebergartengelände. Joachim Krantz schaut ratlos auf den Zettel mit der Adresse. Dort steht eindeutig Friedrichstraße 23. Vielleicht steht das Haus Nummer 23 im Schrebergarten. Widerwillig nimmt Krantz den Weg in die Schrebergärten. Inzwischen ist es dunkel geworden. Nirgends ein Licht. Klar, bei diesem Sturm hält sich niemand mehr in seinem Schrebergarten auf. Es beginnt zu regnen. In de Gärten sieht Krantz nur hutzelige Hütten.

Er will seine Suche schon abbrechen. Doch da! Weiter hinten erhebt sich ein festes Gebäude. Im Näherkommen erkennt er seitlich der Eingangstür ein Schild. Er nimmt sein Feuerzeug und dreht es um. Dieses Feuerzeug hatte er jüngst an einer Tankstelle gekauft. Erst nach einigen Tagen hatte er die Funktion des kleinen weißen Knopfes an seiner Unterseite begriffen. Das Feuerzeug ist eine Taschenlampe, die einen grellen hellblauen Lichtstrahl aussenden kann.

Er richtet sein Feuerzeug auf das Schild und liest: „Vereinsheim der Hochschulgruppe evangelischer Christen an der RWTH Aachen“, daneben die Hausnummer 23. Er hat also die Adresse gefunden. Aber nichts deutet darauf hin, dass hier die Versammlung stattfindet. Er drückt die Klinke hinab. Zu seinem Erstaunen öffnet sich die Tür. Im Dunkeln erkennt er schemenhaft, dass der gesamte Eingangsbereich mit Möbeln zugestellt ist. Zwischen zwei hohen Schränken scheint ein Durchgang zu bestehen. Krantz tastet sich vor und sieht unter einer Tür in der rückwärtigen Wand einen Lichtschimmer. Im Näherkommen vernimmt er Stimmengewirr. Erleichtert stellt Krantz fest, den Versammlungsort gefunden zu haben.

Als er die Tür öffnet, verstummen die Gespräche, und es wenden sich ihm alle Gesichter zu. Einige können die Enttäuschung nicht verbergen. Offenbar hat man jemand anders erwartet. „Guten Abend! Ich bin Joachim Krantz“, sagt er. „Gut, dass du hergefunden hast!“, sagt die Frau, von der er die Adresse hat. „Such dir einen Platz und setz dich!“, sagt sie noch und wendet sich wieder ihrem Gesprächspartner zu. Alle nehmen ihre Unterhaltungen wieder auf. Krantz setzt sich auf einen freien Sessel einer verschlissenen Sitzgruppe aus schwarzem Leder.

Er hört, dass man die Ankunft eines gewissen Willi erwartet. Willi wird eine Predigt halten. Ein Joint wird rumgereicht. Krantz will nicht abseits stehen und nimmt einen kräftigen Zug. Donnerwetter, das Zeug haut rein. Mit einem Mal kommt ihm alles so absurd vor, das Möbiliar vom Sperrmüll, das Heiligenbild an der Wand, die überall herumliegenden Bibeln, die erwartungsvolle Stimmung unter den gut 25 Anwesenden, das ehrfurchtsvolle Willi-Gerede. „Worauf habe ich mich nur eingelassen“, murmelt Krantz und wird augenblicklich von einem Lachflash gepackt.

Er kannte nur einen Willi, einen Cousin väterlicherseits. Zuletzt hatte er ihn vor Jahren beim Beerdigungskaffee seiner Mutter gesehen. Er unterhielt sich gerade angeregt mit seiner attraktiven Cousine Marianne, als Willi ins Gespräch platzte und unvermittelt sagte: „Früher war ich ja nur im Nordbezirk unterwegs. Doch in letzter Zeit bin ich ziemlich oft im Südbezirk.“ Sie hatten Willi verständnislos angesehen. Willi war Starkstromelektriker beim RWE, einer von denen, die auf den Hochspannungsmasten herumturnen. Sein Einsatzgebiet an Strommasten musste in Nord- und Südbezirk eingeteilt sein. Aber das hatte sich Joachim Krantz zusammenreimen müssen. Unfassbar, dass einer mit so einer beschränkten Äußerung ein Gespräch unterbrach. Und jetzt sollte ein Willi der Heilsbringer sein?

Plötzlich ein Rumoren vor der Tür. Sie öffnet sich, und ein kleiner Mann tritt ein, der ominöse Willi.

Fortsetzung: Willis Predigt

Die Erweckung (1) – Ein Tadel im Klassenbuch

Joachim Krantz konnte den Zeitpunkt seiner Erweckung genau benennen. Alles begann mit einen Tadel, den sein Religionslehrer, Oberstudienrat Franz-Josef Meister-Docht ihm in der 8. Klasse des Kaiser-Karls-Gymnasiums erteilt hatte. An den genauen Hergang erinnerte er sich nicht, noch wusste er, was ihn zu seiner tadelnswerten Untat veranlasst hatte. Es war der Redaktion der Abiturzeitung seines Jahrgangs zu verdanken, die den Eintrag neben anderen Kuriositäten in alten Klassenbüchern gefunden und im Juni 1990 in der Abituzeitung veröffentlicht hatten:

    „Krantz, Joachim muss wegen Bibelaufessens getadelt werden.“

Obwohl Oberstudienrat Franz-Josef Meister-Docht sich selbst mit diesem Tadel ein Armutszeugnis ausgestellt hatte, war ihm Joachim Kranz in Dankbarkeit verbunden. Wäre der Religionslehrer nicht so komplett vernagelt und ahnungslos gewesen, könnte Joachim Kranz den Zeitpunkt seiner Erweckung nicht auf das Jahr 1985 terminieren.

Im Jahr 1991 begann Joachim Krantz an einer kleinen katholischen Universität im belgischen Flandern ein Studium der Religionswissenschaft mit dem Ziel, Priester zu werden. Bei seinen Bibelstudien stieß er auf eine Stelle im Alten Testament, die seine in kindlichem Unverstand begangene Tat in ein ganz neues Licht rückte: Im Bericht des Ezechiel von seiner Berufung als Prophet erscheint ihm Gott Jehova am Himmel und spricht:

    „Mach deinen Mund auf und iß, was ich dir gebe!‘ Ich schaute auf und sah vor mir eine ausgestreckte Hand, die eine Buchrolle hielt. (…) Die Stimme fuhr fort: ‚Du Mensch, iß diese Buchrolle auf! Fülle deinen Magen damit!“ Da aß ich die Rolle; sie war süß wie Honig. (Ezechiel, Kapitel 2 u. 3).

Es geschah, dass Joachim Krantz bei einer geselligen Zusammenkunft vor Kommilitonen leichtfertig die unbefleckte Empfängnis der Gottesmutter leugnete. Hinterhältige Kommilitonen trugen die Äußerung der Universitätsleitung zu. Und flugs wurde ihm wegen Häresie die kirchliche Lehrbefähigung, die Missio kanonika, aberkannt. Plötzlich sah er sich von der Mutter Kirche verstoßen, verlor den Halt, verfiel dem Alkohol und nahm bewusstseinserweiternde Drogen. Unter deren Einfluss wurde ihm ein göttlicher Auftrag zuteil. Hatte er sich doch genau wie der Prophet Ezechiel das Wort Gottes einverleibt, als er Seiten aus der Bibel aß. Krantz wandte sich von der katholischen Lehre ab und gründete seine Erweckungsbewegung „de melle biblie“, das ist von der honigsüßen Bibel. Doch der Reihe nach:

Fortsetzung: Ein Schismatiker namens Willi

Undenkbar

Ich möchte den Haarscheitel gerne rechts. Gibt es gute Gründe, das nicht zu tun? Wenn ich den Scheitel rechts trüge, würden meine Haare links über die Stirn fallen und meine schwache Seite beschützen. „Links sind Sie ein wenig unterentwickelt“, befand einst meine Ärztin, Dr. Helene Horn. Folglich bin ich bei gesundheitlichen Problemen immer linksseitig betroffen gewesen, also schon vorher, nicht erst, nachdem Frau Dr. Horn meine Schwäche ausgesprochen hatte. Dass ich links schwächer bin als rechts, habe ich schon früher als Frau Dr. Horn erkannt und mich gewappnet.

Wenn ich ein heikles Gespräch zu führen hatte, habe ich immer darauf geachtet, die Sitzordnung über Eck zu wählen und zwar so, dass ich dem Gesprächspartner die starke rechte Seite zugewandt habe. War er oder sie Rechtshänder wie ich, wandte er/sie mir gleichzeitig die schwache Seite zu. Für mich gehört das zu den rhetorischen Tricks, derer ich mich ohne Scham bediene. Denn wer möchte nicht gern im Gespräch die Oberhand gewinnen? Solange ich meinen Scheitel links tragen muss, weil mein Friseur oder die Haare das nicht anders akzeptieren, ist auch erlaubt, die Sitzordnung so zu wählen, dass ich vor dem Fenster sitze, der oder die andere also nicht nur mit der schwachen Seite gegen meine starke sitzt, sondern auch noch gegen das Licht blinzeln muss. Das sollte mir die rhetorische Überlegenheit sichern.

Es gibt aber auch etwas Hübsches bei der linksseitigen Schwäche. Mit dem linken, emotionalen Auge sehe ich Farben ein wenig wärmer als mit dem nüchternen rechten. Darum ziehe ich es vor, in Bus oder Bahn etwa immer mit dem linken Auge zum Fenster zu sitzen, weil mich dann die Eindrücke der Landschaft besser erreichen. Pech ist’s nur, wenn der Zug durch öde Landschaften fährt, sich quasi verirrt, weil irgendwo eine Weiche falsch gestellt war und den Zug dahin umgeleitet hat, wo man aus Sorge um die eigene psychische Gesundheit besser nicht aus dem Fenster schaut.

Man munkelt nämlich, dass gewisse Streckenstilllegungen der Bahn keine ökonomischen Gründe hatten, sondern ganz andere, dass die Lokführer und Zugbegleiter sich geweigert hätten, diese verrufenen Gleise länger zu befahren. Sie wären dann nämlich abends immer um Jahre gealtert nach Hause gekommen. Manche Ehefrauen hätten gar die Tür verrammelt und ihren schwer gealterten Bahnmännern den Zutritt verweigert. Vorzeitiges Ergrauen sei nicht selten gewesen, und tiefe Kerben um die Mundwinkel seien den Bahnmännern gehauen gewesen. Was es mit diesen gottverlassenen Gegenden auf sich hat, weiß ich nicht. Ich denke sie mir ja gerade erst aus und fürchte fast, das Entsetzen der Ehefrauen betraf undenkbare Gründe.

Hellwach auf der Dornröschenbrücke

Eben war noch heller Tag, jetzt blitzen die letzten Strahlen der Sonne über die Hausdächer hinweg. Die Leine liegt bereits im Schatten. Breit und behäbig fließt sie zur Stadt hinaus. Der ergiebige Regen der letzten Wochen hat sie selbstgewiss gemacht. Ihre Ufer sind gesättigt, und es fehlt nicht viel, dann wird ihr Wasser ansteigen und an den Leinewiesen lecken. Ich habe angehalten auf der Dornröschenbrücke, mein Fahrrad abgestellt, lehne mich übers Geländer und schaue hinunter auf den Fluss. Das Wasser ist beinah schwarz.

Am linken Ufer, nahe der Brücke, hat sich eine Entenschar versammelt. Gut 20 Enten schaukeln auf dem Wasser. Was sie dort vereint, kann ich nicht erkennen. Mir wäre es da zu finster und zu brackig, und ich bin froh, dass mir ein gnädiges Schicksal erspart hat, eine der Enten zu sein. Von weit her zieht eine lockere Armada von Möwen heran. Die Vorhut bildet einen spitzen Keil und richtet sich gegen die Entenschar, als wäre ein Angriff, eine Seeschlacht geplant. Die Armada kommt in rascher Fahrt gegen die schwache Strömung voran. Ich gehe näher zu den Enten hin und hole meine Kamera heraus. Was mag wohl geschehen, wenn die Möwen zwischen die Enten fahren? Sie sind zwar kleiner, aber in der Überzahl. Von hinten fliegen immer mehr hinzu, wassern und schließen sich der Armada an. Welchen Beschluss mögen sie gefasst haben? Was treibt sie an? Gibt es eine unsichtbare Verabredung, dass es lohnend wäre, den Platz der Enten zu erobern? Zwei schwarze Odinsvögel haben sich eingefunden, sitzen auf dem Brückengeländer, schauen hinunter und warten ab. Sind sie als Beobachter entsandt oder hoffen sie auf Beute? Hinter ihnen auf dem Asphalt der Brücke trippeln einige Tauben, und ich denke, ihr habt hier doch gar nichts verloren, sollte gleich eine Schlacht beginnen.

Foto: JvdL

Die Vorhut der Möwen trifft ein, hat nicht einen Augenblick ihre Fahrt gemindert, und schon mischen sich Enten und Möwen, fahren durcheinander, ohne sich zu behelligen. Aber irgendwann, so denke ich mir, werden die Möwen den Enten über sein, dann nämlich, wenn eine von ihnen den Befehl zum Auffliegen gibt. Diesen Augenblick will ich fotografieren und lasse das Objektiv meiner Kamera ausfahren. Plötzlich, wie aus dem Nichts, steht jemand neben mir, und ich höre das Surren eines zweiten Objektivs. Ich schaue hin, da ist es die Frau im tibetischroten Kaschmirmantel, meine Postbotin offenbar.

„Wo kommen Sie her, so unvermittelt?“
Sie lächelt: „Gar nicht unvermittelt. Wir haben eben noch am Leibniztempel miteinander geredet, und da ich nicht im Tempel wohne, wie Sie sich denken können, ist es plausibel, dass ich über dieselbe Brücke gehe wie Sie.“
„Plausibel? Wir haben vorgestern Nacht miteinander geredet, und zwar in meinem Traum. Jetzt bin ich wach, kann tun und lassen, was ich will, und werde nicht einfach hin und her geschoben, wie es ein Traumbild befiehlt.“
„Woher wollen Sie wissen, dass dies kein Traum ist? Wer sagt Ihnen, dass Sie mich vorgestern erträumt haben und heute hingegen nicht?“
„Auf diese Diskussion möchte ich mich nicht einlassen. Traum oder nicht, ich bitte Sie, mir mein Lied nicht zu stehlen.“
„Ihr Lied stehlen? Was meinen Sie damit?“
„Das müssen Sie doch kennen, wenn Sie nicht gestern erst vom Mond gefallen sind. Man pfeift sich ein lustiges Liedchen, und da kommt einer daher und pfeift es einfach nach, womöglich in einer anderen Tonart und vorauseilend. Das ist grob unhöflich unter gesitteten Menschen.“
„Sie haben nicht gepfiffen, nichts war zu hören.“
„Wenn Sie mein Fotomotiv stehlen wollen, dann ist es genauso, als hätten Sie mir das Lied geklaut.“
Meine Postbotin lacht hell auf und erfrecht sich sogar, mir mit der Hand über den Kopf zu streichen.
„Sie sind goldig, mein Lieber“, sagt sie, „in welcher Welt leben Sie denn? Haben Sie noch nie beobachtet, wie ein Pulk Fotografen sich rangelt, wie sie die Ellbogen ausfahren, einander zurückdrängen, sich in die Hacken treten und gegenseitig die Linsen verdecken, ihre Kameras über die Köpfe hochreißen, ein irrwitziges Knäuel bilden aus dem es ruft und winselt: Ein Lächeln! Frau Merkel! Olaf Scholz! Hierher! Bitte, nur einen Augenblick!“
„Natürlich kenne ich diese erbärmlichen Szenen der würdelosesten unter den würdelosen Schmocks der Dreckspresse. Aber dass Sie hier in meinem Beisein diese beiden Zielpersonen der Fotografen nennen, wer macht das wieder sauber? Und schon allein der Vergleich. Hier unten spielt sich ein Naturschauspiel ab, das ich kaum zu begreifen vermag. Das ist ja wohl etwas ganz anderes als die von Ihnen zu Ihrer Entschuldigung vorgebrachte Szene.“
„Ach, meine Szene ist etwa kein Naturschauspiel? Geht es darin nicht ebenso um die Befriedigung von Trieben, wenn sich Menschen verhalten, als hätten Sie weder Sinn noch Verstand, sondern folgten ausschließlich ihren niederen Instinkten, die da heißen Sensationsgier und Nahrungssuche im Schlamm?“
„Ich finde, für eine Postbotin sind Sie ziemlich rabulistisch. Reicht es Ihnen nicht, ganz schlicht die Post auszutragen?“
„Wenn Sie mir schmollen, will ich nicht mehr mit Ihnen reden“, sagt sie und schickt sich an zu gehen.
„Halt, so war es nicht gemeint. Ich … verfixt, so sind die Frauen, setzen sich ins Unrecht, und wenn man sie nur leise darauf hinweist, muss man sich am Ende für seine eigene Geburt entschuldigen.“
„Jetzt sind Sie unartig“, sagt sie, und im Nu ist sie weg.
„Was finden Sie eigentlich am Austragen der Briefe anderer Leute?! So ein Botendasein ist gefährlich. Das kann Sie Kopf und Kragen kosten!“, rufe ich in die Dunkelheit.
„Fragen Sie die Tauben!“
Ich schaue mich um, da sind die Tauben auch weg.

Einstürzende Altbauten – eine gruselige Groteske – 3

Schlüssel klirren, das Eingangsportal knarrt und ringsum flammen Leuchten auf. Ich packe meine Decke und verberge mich hinter einer Säule. Wer kommt dort? Männer sind es, viele uniformierte Männer strömen in die Halle. Sie tragen Querflöten und Trommeln. Ein Spielmannszug kommt wohl zur Probe. Noch fliegen Scherzworte hin und her, dann pocht der Tambourmajor ungeduldig mit seinem Tambourstab auf die Fliesen. „Aufstellen!“ Das Plaudern erstirbt. Sie verbergen ihre Köpfe unter Mützen, bilden fünf Reihen und schauen ihren Major erwartungsvoll an. Er befiehlt: „Stillgestanden!“ Die Hacken klacken. Die Trommler schlagen wie ein Mann die Rechte auf die umgehängten Trommeln, drehen sie um und heben die Stöcke unters Kinn auf Habacht. Gleichzeitig heben die Flötisten die Querflöten an die Lippen. Schon stößt der Tambourmajor seinen Stab in die Luft und hinab, und dann ist’s wie Donnerhall, als der Lockmarsch ruft.

Im Nu werde ich davongetragen. Längst vergessene Gefühle keimen auf. Das Herze wird eng mir, und Tränen steigen mir hoch. Der Lockmarsch! Die prachtvollen Paraden! Die herrlichen Umzüge mit „Preußens Gloria“ und „Alte Kameraden!“ „In Treue fest!“ Gleichschritt, Gleichschritt – Heimat, o süße Heimat!

Nichts hält mich mehr, ich werfe die Decke ab, laufe hin, wie ich bin, und schlage die Hacken meiner nackten Füße zusammen. Es ist nur ein leiser Ton, doch der gute Wille ist da. Meine gestreckte Hand fliegt an die Stirn, dem Major zum Salut: „Trommler Trithemius zur Stelle! Verfügen Sie über mich, Herr Major!“ Der Major erbleicht. Er senkt den Stab; die Musik schweigt. Im Hintergrund steht feixend der Hausmeister und fotografiert mich mit seinem Smartphone.

Der Major stemmt die Linke in die Seite und starrt mich wortlos an. Dann schwillt seine Brust und er brüllt! „Was ist los mit Ihnen, Mann?! Wie sehen Sie aus?! Wo ist Ihre Dienstmütze, Sie Clown! Das Koppel nicht umgeschnallt! Am Arsch keine Hose! Ich sage es doch immer wieder. Schon tausend mal habe ich es gesagt: Kleiderordnung, Leute, achtet gefälligst auf die Kleiderordnung!!! Unsere Kultur wird versinken, die Welt wird untergehen, weil niemand sich mehr an die Kleiderordnung hält! Skandalös!“

Da beginnt es zu rumpeln, und wie zur Antwort ist da ein Rieseln in den Mauern. Das Gebäude wankt in seinen Grundfesten. Der Major verstummt und alle horchen auf. Der alte Bau zittert und bebt, Mauerbrocken poltern hernieder, es kracht im Gebälk. Vom Treppenabsatz stürzt Aldebert herab und fährt wie ein gigantischer Himmelsbrief ins entsetzte Tambourcorps. Trommeln, Flöten und Dienstmützen fallen zu Boden, – die uniformierte Bagage ergreift die Flucht. Doch ich in meiner nackten Unschuld schreite unversehrt hinweg durch all das Chaos. Bin ohne Furcht, denn ich weiß, mir wird nichts geschehen. Es wird Bilder von mir geben in sogenannten Heften.
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Frau Nettesheim lässt das Manuskript sinken. „Trithemius, habe ich Sie aufgefordert einen derartigen Megamist zu schreiben?“
„Allerdings“, sage ich fest.
Frau Nettesheim verstummt. Sie geht hinüber zum Waschbecken und wäscht sich die Hände. Dann holt sie frische Tücher aus einem Schrankfach, legt ein Bündel darauf, hüllt sich in ein weißes Gewand, kniet nieder, greift ins Bündel und zieht ein gebogenes Schwert hervor. O Gott, die Frau will Harakiri …
„Halt, Frau Nettesheim!“, rufe ich entsetzt, „ich habe verstanden!“ Mannhaft zerknülle ich das Manuskript, werfe es zu Boden, halte ein Streichholz daran und entfache ein Sühnefeuer.
Nur widerstrebend wendet sich Frau Nettesheim wieder dem Leben zu, blinzelt in die Flammen und kniet wankend da. Ich ergreife ihre Hände und komplimentiere sie hoch. Tränen rinnen über meine Wangen. „Schon gut, Frau Nettesheim“, flüstere ich, „nie mehr werde ich etwas schreiben, versprochen, versprochen!“
„Auf Ehre und Gewissen?“
„Ja, meine liebe, liebe Frau Nettesheim!“
Da langt sie hinter mein linkes Ohr, zieht meinen Bleistift hervor, zerbricht ihn und wirft ihn auf mein glimmendes Manuskript.

Einstürzende Altbauten – eine gruselige Groteske – 2

Ein Glück, ich schließe die Flügeltür und sperre die Deppen aus. Dann verberge ich mich in der selten genutzten Bibliothek, ganz hinten, wo das voluminöse dreibändige Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens steht. Ich warte, bis alle gegangen sind und der bocksbeinige Hausmeister seine letzte Runde gemacht hat.

Es ist still. Kein Getrappel mehr von den Stöckelschuhen der Sekretärinnen auf den Gängen, keine leisen Flüche, kein Ächzen und Maulen mehr der studentischen Hilfskräfte, kein Schlagen von Türen. Endlich bin ich allein. Welch ein erbärmliches Leben ich doch führe, so abhängig von der Gunst vieler Menschen und allzeit gezwungen zu machen und zu tun, um meinen kargen Unterhalt zu sichern. Mein Kummer überwältigt mich. Unter dem riesigen Wandbild des heiligen Aldebert sinke ich auf die Treppe und starre vor mich hin. Weiterlesen