Drei Tage geht es – Gruselgeschichte in Folgen (3)

Folge 1Folge 2

ie übel ist es, an einer einsamen Landstraße zu stehen, wo sie auf einer Hochebene die Felder durchzieht. Kein Haus, kein Strauch weit und breit, nichts, wo du dich vor dem eiskalten Wind schützen könntest. Du zitterst unter deinem viel zu dünnen Wams. Der Wind fährt hindurch und beißt dir in die Knochen. Da! Ein Klappern! Horch! Es sind deine Zähne. Ein wenig Trost spendet das windschiefe Schild einer Bushaltestelle nahe dem Weg zur Tempelanlage. Aber es ist zweifelhaft, ob sie überhaupt noch von einem Bus angefahren wird. In all der Zeit deiner Anfahrt und während deines Aufenthalts, es müssen wohl viele Stunden gewesen sein, denn inzwischen ist es stockfinster, in all den Stunden ist nicht ein Auto die Landstraße lang gekommen. Außer dem Radfahrer hast du keinen Menschen gesehen. Vielleicht hat man die Buslinie mangels Bedarf längst eingestellt, und wie die Belgier nun mal sind, besonders die phlegmatischen Wallonen, hat sich niemand dafür zuständig gefühlt, das überflüssige Schild abzubauen. Du hast deine letzten Streichhölzer verbraucht beim Versuch, den Aushang zu lesen. Der Wind hat sie dir immer wieder ausgepustet.Wenn die Buslinie noch bestünde, sollte in 15 Minuten ein Bus vorfahren. Du frierst erbärmlich, sehnst dich nach etwas Wärme und Licht. Da beginnt es leise zu regnen. Hier herumzustehen, wird deine Situation nicht verbessern. Du entschließt dich, dem Bus etwas entgegen zu gehen, wenigstens bis zur Bodenwelle, wo die Landstraße abtaucht. Von dort kannst du die Serpentinen überblicken und siehst den Bus schon von weitem herankommen. Die Bewegung wird deinen Kreislauf in Schwung bringen, denkst du. Aber ach, die Bodenwelle ist weiter weg als du gedacht hast. Sicherer wäre gewesen, geduldig an der Haltestelle zu warten. Was, wenn der Bus plötzlich herangebraust käme und du bist nicht rechtzeitig zurück an der Haltestelle?

Da! Im Tal unten ein Scheinwerferpaar. Du jubilierst. Die Rettung naht. Zurück zur Haltestelle! Wo ist sie nur? Du läufst und läufst, aber plötzlich überholt dich mit hohem Tempo der Bus. Es wirkt nicht, als wollte er die Geschwindigkeit drosseln und anhalten. Mit einem Mal leuchten die Bremslichter auf. Du hörst das Zischen der Automatiktür. Hier steigt jemand aus? Warum nur, um Gottes Willen? Du rennst um dein Leben. Schon schließt sich zischend die Tür, der Bus fährt an. Du schaffst es gerade noch, mit der Hand ans Heck zu schlagen. Er bremst. Wieder zischt die Tür. Es ist wie himmlischer Harfenklang. Erleichtert stolperst du die Stufen hoch. Hinterm Steuer sitzt ein dicker Mann und schaut dich grimmig an. Du kramst hastig einen Zehneuroschein hervor und legst ihn auf die Schale. Der dicke Busfahrer schiebt ihn zurück und sagt: „Gardez votre argent, monsieur. Nous, les chauffeurs de bus, sommes en grève.“ [Behalten Sie Ihr Geld, mein Herr. Wir Busfahrer streiken.]

Der Bus ist völlig leer. Während du auf einen der hinteren Plätze sinkst und dich wohlig ins Polster kuschelst, fällt dir auf, dass du gar nicht weißt, wohin der Bus fährt. Der hat inzwischen wieder Tempo aufgenommen und rast durch die Nacht, schleudert durch Kurven, rast, holpert brutal über Bodenwellen, als würde er nie mehr anhalten. Der streikende Busfahrer, dieser Teufel auf seinem Kutschbock, lacht plötzlich auf wie irr. Trotzdem kämpfst du mit dem Schlaf. Soll er doch fahren. Er wird dich schon irgendwo hinbringen. Während du im Sitz hin und her geschleudert wirst, murmelst du: „Was zum Teufel soll das?“ Plötzlich sitzt eine Frau ganz nah bei dir und sagt: „Eine gefährliche Frage, mein Lieber. Der letzte, der sie stellte, dem hat ein Außerirdischer den Kopf abgebissen.“
„Nein, nicht den Kopf abbeißen!“

„Ganz ruhig! Du phantasierst“, sagt die schöne Frau lächelnd, schiebt mir den Arm in den Nacken und richtet mich auf, um mir etwas Tee einzuflößen. Wieder staune ich, welche Kraft in ihren zarten Gliedern steckt. Nachdem ich getrunken habe, zerrt sie mir mit den Worten: „Du bist ja ganz geschwitzt!“ das nasse Schlafhemdchen herunter und zieht mir ein trockenes über den Kopf. Als sie die Zudecke zurückschlägt, um das gleiche bei meiner Hose zu unternehmen, wird mir alles klar: „Sie müssen meine Ehefrau sein. Wer sonst würde sich diese Frechheit herausnehmen? Hosendiebstahl sollte nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Erst letztens hat Sarah Lombardi darauf hingewiesen, dass besonders Ehemänner in ständiger Gefahr sind, ihre Hosen zu verlieren. Weiß sie noch von Pietro her.“

Meine Ehefrau lacht. Mit resoluten Handgriffen bekleidet sie mich wieder und ruft über ihre Schulter weg: „Kinder, kommt mal alle her und hört euch an, welchen Quatsch euer Vater im Fieberwahn erzählt!“ Ich sehe eines nach dem anderen folgsam eintreten, vier an der Zahl, und um ihnen die angekündigte Unterhaltung zu bieten, sage ich: „Ittchen Dittchen, Silberquittchen! Ich freue mich, dass ich die Händlerkarte bekommen habe. Sie ist einmal mehr ein Beweis, dass jenseits des großen Teichs absurd hohe Faxgebühren üblich sind.“
„Hört ihr? Der Mann ist völlig draus!“, sagt meine Frau triumphierend.
Die Kinder lächeln verschämt. Es ist ihnen nicht Recht, dass ihnen der Vater so vorgeführt wird. Sie sind aus anderem Holze als ihre Mutter. Ich sage: „Auch wenn es euch herzlos erscheint, dürft ihr nicht an eurer Mutter zweifeln. Sie ist unter derben Menschen aufgewachsen und hat als Kind wenig Liebe erfahren.“ Dann lasse ich mich wohlig zurücksinken und seufze: „Ach, wie gut, dass ich nicht als Hobbyarchäologe einsam in einer Hütte leben muss, sondern geborgen bin im Kreis einer schönen Familie.“

Editorisches Nachwort
Obwohl Äußerungen im Fieberwahn keine kritische Betrachtung verlangen, zwei Bemerkungen: „Dittchen ist ein polnische Münze, etwa im Wert eines Groschens. Mit Ittchen, Dittchen, Silberquittchen hebt ein Abzählvers an. Im Wortlaut:

„Ittchen Dittchen, Silberquittchen, Ittchen, Dittchen, draus.
Meine alte Schwiegermutter mit der krummen Faust.
Sieben Jahr‘ im Himmel geblieben kommt sie wieder raus.
Ist das nicht ein dummes Weib,
dass sie nicht im Himmel bleibt?
Ittchen, Dittchen, Silberquittchen, Ittchen, Dittchen, draus.

„Jenseits des großen Teichs“ bedeutet jenseits des Atlantiks. Es ist eine völlig abgegriffene Metapher für die Vereinigten Staaten von Amerika. Kein Mensch von Kultur und Verstand benutzt sie noch, es sei denn im schlimmsten Fieberwahn. Ich bitte um Entschuldigung.

Vorlage für die phantasierte Tempelanlage ist Varnenum, nähe Aachen Kornelimünster. Ich habe da mal einen Freund und Kollegen gezeichnet, während er auf dem Saxophon blies – zum Tode seiner Katze Molly Mietzke. Näheres im Kommentarkasten.

Die Überschrift bezieht sich auf den redensartlich vorausgesagte Krankheitsverlauf beim grippalen Infekt: „Drei Tage kommt er, drei Tage bleibt er, drei Tage geht er.“

Wenn ich nur geringes Fieber habe, etwa ab 38 Grad, beginne ich zu phantasieren. Das zur Entstehung dieser Gruselgeschichte. Die geschilderte Szene mit der Ehefrau, den Kindern und mir hat sich tatsächlich einmal so ähnlich abgespielt.

Formal reizte mich das Motiv des unzuverlässigen Icherzählers. Gemeinhin ist man als Leser geneigt, einem Icherzähler zu glauben. Dem hier ist nicht zu trauen. Danke für eure Geduld.

 

Drei Tage bleibt es – Gruselgeschichte in Folgen (2)

Teil 1 hier
atsächlich, da war ein Weg, mehr eine aufgewühlte Karrenspur, schwer zu befahren. Der blaue Himmel und die Sonne hatten mich vergessen lassen, wie oft es die Wochen zuvor geregnet hatte. Der Feldweg war völlig aufgeweicht. Ich konnte kaum verhindern, vom schlammigen Mittelstreifen in eine der unergründlich tiefen Pfützen in der Karrenspur zu schliddern, wo der Vorderreifen pratschend, gurgelnd und schmatzend eine trüb-lehmige Bugwelle vor sich her schob. Da auch dieser Weg anstieg, wurde mir das Radfahren zu mühsam. Ich entschloss mich, abzusteigen und zu schieben. Derweil ich mein Rad über den aufgewühlten Weg schob, sah ich einen Steinwurf voraus steinerne Mauern. Der Plan in den Mitteilungen der Archäologischen Gesellschaft hatte mich an den richtigen Ort geführt.

Doch eine freudige Erhebung wollte sich nicht einstellen. Plötzlich fragte ich mich, wieso ich Mitteilungen einer dubiosen archäologischen Gesellschaft bekommen hatte. Und mit dem ersten Zweifel tauchten weitere auf. Warum war ich heute so überstürzt und gegen alle Klugheit aufgebrochen? Warum lebte ich so spartanisch in einer Hütte? Ich hätte es nicht sagen können. Mir fehlten alle länger zurückliegenden Erinnerungen. Was war gewesen, bevor die Krankheit mich niedergerungen hatte? Wer war ich überhaupt? Und warum war ich hierher gekommen?

Man hatte den Grundriss des Tempels längst freigelegt, dessen Fundamente restauriert und bis zu einer Höhe von rund einem Meter aus Bruchsteinen aufgemauert, um eine Ahnung von der Ausdehnung des Tempelbezirks zu geben. Es gab nichts zu vermessen, denn die Arbeit war schon vor Jahren getan worden. Auch hatte man eine Informationstafel errichtet, auf der eine Rekonstruktion des Tempels abgebildet und einige Daten angegeben waren. Ich ließ mein Schlamm bespritztes Rad zur Seite sinken, watete durch den Schlamm zu einer Art Pforte und betrat den heiligen Bezirk. Hier war der Boden trocken, und ich schritt über einen Teppich aus dichtem Gras. Sofort umfing mich ein wundersamer Friede. Das war ein besonderer Platz. Hier waren geheime Kräfte wirksam. Eine Weile stand ich horchend da, spürte der Kraft nach, die durch meinen Körper zu rieseln, dann zu strömen begann. Eine friedliche Stimmung umfing mich. Ich setzte ich mich auf eine der Tempelmauern, nahm mein Notizbuch hervor und versuchte meine Gefühle in Worte zu fassen. Aber so sehr ich mich mühte, es blieb nur ein Stammeln. So überwältigt war ich von der positiven Energie, die dieser Ort verströmte. Mit einem Mal sah ich klar. Ich musste keine Sprachkunst bemühen, keine geistreichen Formulierungen, keine Metaphern finden, um meine Gefühle zu beschreiben. Es genügte, das meiste zu streichen. Das Gute ist einfach. Kraft, Friede, Klarheit, das war es, was dieser Ort verströmte.

Ich sah ganz klar, dass dieser  2500 Jahre alte Tempel nur der letzte einer Reihe von Bauten gewesen war. Und schon vor den ersten Tempeln war dies ein Kultplatz gewesen. Seit Urzeiten waren die Menschen gekommen, um sich mit Energie aufzuladen. Um sie zu begreifen, hatten sie der Kraft einen Namen gegeben. „Varneno“ hatte der letzte Gott geheißen, der diesen Hain bewohnte, Sunuxal hieß die Göttin.

Ich erhob mich und ging beseelt umher. Mein Blick fiel auf mein Fahrrad, dessen Hinterreifen in einer schlammigen Pfütze lag. Da sah ich, wie über dem Reifen kleine schlammige Blasen aufstiegen und zerplatzten. O nein, das war kein gutes Zeichen. Ich hob das Rad aus dem Schlamm und trug es in die Einfriedung. Tatsächlich, der Reifen hatte Luft verloren. Als ich mit den Fingerkuppen über den Mantel fuhr, fühlte ich einen Scherben. Ich zog ihn heraus, wusch ihn in der Pfütze und legte ihn in meine linke Handfläche, um ihn zu betrachten. Es war unzweifelhaft ein Splitter von Feuerstein, ein ziemlich scharfes steinzeitliches Messer. Das zeigten mir die Bearbeitungsspuren an der Schneide.

Wie ich das uralte Artefakt in meiner Hand noch hin und her wendete, verbarg sich plötzlich die Sonne. Als ich aufschaute, war sie gerade hinter einer westlichen Wolkenbank verschwunden. Augenblicklich pfiff ein kalter Wind über die Kuppe und ließ mich erschauern. Aus den Niederungen stieg Nebel auf. Fröstelnd sah ich mich um. Wie spät mochte es wohl sein? Urplötzlich wurde mir die Trostlosigkeit der Landschaft bewusst, mehr noch mein Verlorensein. Was ich da in der Hand hielt, war etwas ganz Böses. Es hatte die Gräuel in sich aufgenommen, die man damit begangen hatte. An diesem heiligen Ort hatten Menschen einst Böses getan. Grausige Rituale traten mir vor Augen. Ich war verwirrt. Wo war nur die Klarheit, die Geborgenheit hin, die ich verspürt hatte? Plötzlich ergriff mich Panik. Ich wollte nur noch weg. Doch wie das mit einem platten Hinterreifen? Wenn ich mich nicht auf den Sattel setzen würde, könnte ich eventuell auf der Felge fahren. Das würde Mantel und Schlauch ruinieren, doch es sollte gehen. An der Straße stieg ich aufs Rad und versuchte es. Da zeigte sich, dass auch der Vorderreifen keine Luft mehr hatte. Das machte ein Lenken unmöglich. Vor allem die steilen Serpentinen konnte ich unmöglich wagen zu fahren. Enttäuscht stieg ich ab und ließ das Rad in die Böschung sinken. Was nun? Ich fror erbärmlich.

Folge 3

Drei Tage kommt es – eine Gruselgeschichte in Folgen

eun Tage war ich krank und elend gewesen, hatte die meiste Zeit im Bett verbracht. Die Stube in meiner Hütte war nicht warm zu kriegen, auch wenn ich es schaffte, den gusseisernen Kanonenofen zu füttern und die Scheite in ihm lustig aufflackerten. Aus dem Novembernebel kroch unentwegt die nasse Kälte herein. Das Schlimmste war das nächtliche Fieberdelirium gewesen, dieser Traum, der nicht vorankam, sondern mich immer und immer das Gleiche erleben ließ. Auch hatte ich bei all dem Traumgeschehen das beständige Unbehagen, dass mir jemand über die Schulter schaute. Ein Ding der Unmöglichkeit, sagte ich mir in halbwachen Phasen, denn hinter und unter mir war mein Kopfkissen auf der Matratze. Einmal schaute ich sogar unter mein Bett, weil mein nächtlicher Hintermann derart präsent gewesen war. Glücklicherweise wich der Traum, und am zehnten Tag erwachte ich erstarkt und guten Mutes. Schon kämpfte sich auch die Sonne durch den Nebel und weckte meinen Tatendrang. Ich packte meine Sachen ein und radelte los, um endlich den jüngst freigelegten gallo-romanischen Tempel zu besuchen, zu vermessen und zu zeichnen. Dass der Tempel so spät erst entdeckt worden war, lag an der menschenleeren Gegend, in der man ihn gefunden hatte. Als hätten nachfolgende Generationen den Ort gemieden, war weit und breit keine menschliche Siedlung. Auch die Landwirtschaft war wenig ergiebig. Auf meinem Weg hinauf auf den kahlen Höhenrücken sah ich Brachen und Ödland, und wo doch eine Pflugschar den Boden für Saatgut bereitet hatte, wucherte mehr Unkraut als Feldfrucht. Je näher ich dem Tempel kam, desto mehr Brennnesseln, Brombeergestrüpp und Disteln sah ich.

Die Straße war von der auf der Talsohle fast im rechten Winkel abgezweigt und führte steil hinan, so dass ich gezwungen war, aus dem Sattel zu gehen und im Wiegetritt hochzustampfen. Erst weiter oben hatten ihre Erbauer ein Einsehen gehabt und ließen die Straße in großen Bögen mäandern. Aber längst hatte ich zuviel Kraft gelassen und kam kaum voran. Trotz der Kälte schwitzte ich mein Unterhemd klatschnass. Als säße überdies ein fauler Fettwanst mir im Nacken, flüsterte es: „Gib auf! Zu schwer! Wozu sich quälen?“ Sogar komplizierte Fremdwörter kramte der faule Hund hervor und raunte: „Du bist noch Rekonvaleszent.“ Namentlich die Haarnadelkurven waren so steil, dass ich fürchtete, die Kette zu zerreißen, so sehr ächzte sie über die Ritzel des größten Zahnkranzes. Den hatte ich mir für den Notfall aufsparen wollen, doch dieser Notfall war längst eingetreten. Von oben sauste mir ein Radfahrer entgegen.  Als er mich sah, riss er den Arm hoch und rief irgendwas, wovon nur das letzte Wort an mein Ohr wehte: „…,Monsieur!“ Oder hatte er „ … Mon Dieu!“ gerufen?

Endlich wuchtete ich mich hinter der letzten Serpentine auf den Höhenrücken, ließ mich erleichtert auspustend in den Sattel sinken, kam zu Atem und radelte entspannt vorwärts. Vor mir erstreckte sich die Straße schnurgerade aus und verlor sich in der Ferne. Ich konnte das leere Tal überschauen, aus dem ich hoch gekommen war. Meine Stimmung hob sich. Wie ich auf der Karte in den Mitteilungen der archäologischen Gesellschaft gesehen hatte, musste irgendwo vor mir nach links ein Feldweg abzweigen, und der würde mich geradewegs zum höchsten Punkt der Gegend führen, wo Archäologen den Tempel ausgegraben hatten, nachdem er per Luftbildanalyse entdeckt worden war.

Fortsetzung

Die Schreibstube (10) – Unter Verdacht


Die Türklingel schrillte. In seltsamer Eintracht erschraken wir. Geraets starrte mich durch seine starke Brille an. Da wurde gegen die Tür gehämmert und gerufen. Als Geraets aufgestanden und in den Flur gegangen war, splitterte Holz, gefolgt von Tumult. Ein Schuss fiel, dann stürmten brüllend drei martialisch vermummte Polizisten  ins Zimmer. Mir wurde schwarz vor Augen.

„Geraets war Mitglied einer europaweit agierenden Bande, die sich auf Kunstfälschung und Kunstraub spezialisiert hat: Man hatte das Haus an der Montagne schon längere Zeit beobachtet, und als Sie eintrafen, glaubte man, endlich einen der Hintermänner zu erwischen“, erklärte mein Anwalt Dr. Rudolph, als er mich aus dem Lütticher Justizpalast abholte, wo ich fünf Tage in Untersuchungshaft gesessen hatte.
„Sehe ich aus wie ein verfluchter Hintermann?“
„Nein, Sie sehen aus wie einer, der sich die Finger niemals schmutzig macht“, sagte Dr. Rudolph trocken.
„Was ist mit Geraets?“
„In Notwehr erschossen. Die Polizei gab an, er habe mit einer Waffe auf sie gezielt.“
„Geraets war unbewaffnet“, sagte ich düster. „Es war wohl eher eine Hinrichtung, damit er nichts über die wahren Hintermänner ausplaudern konnte. Jeder weiß, dass Lüttich von der Mafia kontrolliert wird.“
Rudolph ignorierte meinen Einwand. „Jedenfalls lag man so falsch nicht, als man Sie für einen Hintermann hielt. Über Sie ist man auf Direktor Mennicken und Reibach aufmerksam geworden.“
„Was habe ich mit Reibach zu tun?“
„Mennicken ist verhaftet worden, Reibach nicht.“ Dr. Rudolph warf mir einen vielsagenden Blick zu. „Ich habe mit einem Beamten von der Aachener Abteilung „organisierte Kriminalität“ gesprochen. Man hat dort Reibach schon länger im Visier. Doch nichts ist ihm nachzuweisen.“

Helen, eine Gangsterbraut?, dachte ich. Die Sache ist ja noch heißer als ich vermutet habe.
„Sie sollten Ihre Liaison zu Frau Reibach vernünftiger Weise beenden“, sagte Dr. Rudolph.
„Was mischen Sie sich da ein, Rudolph?!“, sagte ich wütend.

Meine Füße raschelten durch Herbstlaub. Ich schlug den Kragen hoch, denn der kräftige Novemberwind war nun wieder zu spüren, und ich trug unter der Jacke nur ein Hemd. Auf dem Weg ins Museum musste ich laufen und kam auf die letzte Minute an, wo die Gesprächsrunde mit einer japanischen Künstlerin stattfinden sollte, die sich mit Alltagsgegenständen und Buchkunst beschäftigt. Ich fand eine Tischrunde vor mit etwa 20 Leuten, nur ein Stuhl war noch frei. Und so hatte ich mich neben die Japanerin an die Stirnseite setzen müssen, weshalb nun alle auch auf mich schauten, wenn die junge Frau an meiner Seite sprach. Ich war vom Lauf erhitzt und hatte die Idee, dass die anderen mir ansehen könnten, wie ich dampfte. Ich zog die Jacke aus und krempelte die Hemdsärmel hoch, was beinah so wirkte, als wollte ich mich streitend und raufend ins Gespräch einmischen. Eine ziemlich selbstbewusste Frau Dr. XY mit drei verschiedenen Haarfarben in der schrägen Frisur moderierte die Runde und schlug einige Sprachpflöcke ein, um den Rahmen des Sagbaren einzugrenzen. Als sie schwieg, wurde es betreten still, bis zwei betagte Damen sich nacheinander erbarmten und wohlwollende Fragen stellten. Dankbar ließ sich die Künstlerin darauf ein, und es kam zu einem Hin und Her der Artigkeiten. Schon bald dachte ich, dass es Künstlern verboten werden sollte, öffentlich über ihre Arbeit zu sprechen, denn wären sie in der Lage, ihre Ideen verbal auszudrücken, bräuchten sie doch keine Kunst zu machen.

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür und Helen schaute herein. Geliebte Helen! So schmal und schön in ihrem dünnen Mantel, den Hauch eines Glühens auf ihrem Blondschopf. Augenblicklich wurde alles um mich herum Nebensache. Bei der nächsten Gelegenheit erhob ich mich und ging nach draußen. Helen wartete in einer Nische auf mich. Wir sanken uns in die Arme. Mir war, als würde ich wieder in meine verlorene Hälfte einrasten. Der Entbehrungsschmerz, der seit Wochen in meiner Brust gesessen hatte, löste sich auf.

„Es ist jetzt schwieriger, dass wir uns treffen“, sagte Helen. „Thomas ahnt was.“
„Wie das?“
„In der Zeitung hat ein Bericht gestanden über die Ereignisse an der Montagne und dass du verhaftet warst. Er hats gelesen und gesagt: ‚Der Kerl will was von dir!’“

„Zweifellos!“, sagte ich.

Die Schreibstube (9) – Also spricht Aldebert


„Worum geht es dann?“
„Im Sattelrohr des Fahrrads hat ein handschriftliches Manuskript gesteckt. Ich wüsste gern, wo es verblieben ist.“
„Ich ahnte, dass es darum geht. Ihr Direktor Mennicken war ganz wild darauf, die Handschrift zu bergen. Ich musste dazu das Sattelrohr noch weiter aufschlitzen. Heraus kamen fünf Blätter einer frühmittelalterlichen Handschrift mit rätselhaftem Inhalt, offenbar geschrieben im 9. Jahrhundert, ein Dokument von unschätzbarem Wert. Ich habe eine Übersetzung oben. Wollen Sie sie sehen, Herr Erlenberg?“
„Bitte, ich brenne darauf.“
Geraets verließ den Raum und kam wenig später mit einer Abschrift wieder.
„Der Text ist leider fragmentarisch, aber ich habe übersetzt, was da ist. Der Kontext bleibt unklar. Hier, schauen Sie! Er legte mir die Abschrift vor. Ich las:

    „Also spricht Aldebert:

    Du klagst, es wäre nicht leicht, ein Höfling zu sein. Dein Herrscher kenne keine Gnade, verfolge jede leise Kränkung mit bodenlosem Grimm. Unentwegt müssest du ihm zu Diensten sein. Seine Metze hingegen sei eine schwarze Witwe. Wer ihr nutze, den hebe sie an die Brust. Sei dieses Spiel vergessen, finde sich der Narr ganz unten an der Tafel, allein mit seiner Not, dem Bischof könnte der Treuebruch sich offenbaren.

    Was also, frage ich Dich, hält dich dort am Hofe?

    Es sind die Vorrechte eines Manns im Zentrum der Macht. Draußen im Lande küsst man dir die Füße. Weht dein Hauch vorbei, saugt ein jeder ihn ein. Du hast also Macht, und es kommt dir zu / der gutgläubigen Menschen vereinte Kraft. Teilst sie nur mit wenigen. Du hast Wissen über das Tun und Lassen deines Bischofs. Dieses Wissen ist dir wie Honig. Mehr noch ein Lebenselixier, das dich in der Sänfte schweben lässt. Sobald du den Bischofsitz verlassen hast, kannst du dich in der Aufmerksamkeit von Hunderten sonnen, ja, von Tausenden, die auf verschiedenen Wegen von dir gehört, von Mund zu Ohr, von Schrift zu Auge. Mal wirst du als Quelle deiner Ergüsse genannt, mal hast du eine Intrige gesponnen und lässt boshafte Kunde durchsickern. Du streust Gerüchte und machst dich davon. Sollen andere sich das Maul verbrennen. Das kann deine Position nur stärken. Du stiftest an, dass man hinter dem Rücken des Bischofs feixt und seine Metze schamlos betrachtet. Du spielst ein Ränkespiel. Gleichzeitig betreibst du die Ausbreitung deiner Macht, reißt dir Stücke aus dem Land, eignest dir an, wonach dich gelüstet. Verderbte und verkommene Mönche legen falsche Urkunden für dich an, statt die heiligen Worte zu kopieren.

    Ja, du bist ein Spieler mit hohem Einsatz, verstehst zu gewinnen, weil du die heimlichen Regeln im Reich verstehst. Und der süßeste Sieg, das ist eine hohe Beute mit geringem Einsatz, mit einem Strich deiner Feder, mit einem Wink deiner Hand. Wenn das niedere Volk zu dir spricht: Wir dienen Euch für Gotteslohn, – dann weißt du genau, warum du am Hofe des Bischofs bist.

    Solche, die so mächtig, verderbt und gerissen sind wie du, kultivierte Bestien des Zusammenlebens, immer bereit, die Schneide des geschliffenen Verstands zu führen und andere lustvoll zu verderben, solche behandelst du mit Respekt. Ihr steht in Verbindung mit der Gabe der Schrift. Sie kam von Gott, aber von euch wird sie missbraucht.

    Auf dein Geheiß schleppen sie einen Mann herbei. Du befiehlst, ihm den Kopf zu scheren. Mit wundem Haupt sinkt er vor dir auf die Knie, und du schreibst auf den blanken Schädel dieser armen Kreatur deine Botschaft. Dann werfen sie den Mann ins Loch, wo er hockt, bis ihm die Haare gewachsen. Ist seine Mähne gesprossen, zerrt man ihn zurück ans Licht. Du nennst ihm sein Ziel. Mit einem Tritt schickst du ihn auf den Weg, damit er lernt zu laufen und nicht wagt zu säumen. Was hast du ihm auf den Kopf gepinselt? Was verbirgt sich unter seinem Haar? Er weiß es nicht, wüsste es nicht, würde man ihm die Kopfhaut abziehen und vorlegen. So ahnt er nicht, derweil er läuft, die Nachschrift unter deiner Botschaft:

    „Und nun, mein Bruder im Geiste, memoriere meine Worte. Dann schlage dem Boten den Schädel ein und wirf ihn unter die Schweine!“

    Da sinkt er hin, der tumbe Mann, dem die Freiheit versprochen, als man ihn sandte. Deine Nachricht / er trug sie auf dem Haupte treu, über gefahrvolle Wege hinweg. Dein schmählicher Brief aber hat befohlen: Dieses Kind Gottes hat seinen Zweck erfüllt / als Laufbursche im Netz der Ränke, der geschliffenen Bosheit, der gemeinen Lust an den verderbten Auswüchsen der unersättlichen Gier.

    Warum also beschmutzt du mein Ohr mit deinen Klagen? Hast du es nicht besser angetroffen als dein Bote? Soll ich dir den Schädel rasieren und dir aufschreiben, wer du bist, damit der Engel des Herrn erkennt, wohin sein Flammenschwert gehört? Was grinst du mich an, du hässlicher Schädel, du Speichellecker vor dem Herrn? Wähnst du dich sicher, weil du Zacharias verführt, die Anzahl der Engel zu mindern? Glaubst du, deine Ränke werden überdauern / über Jahrtausende hinweg? Ich sage dir, du Wicht, höre meine Worte: Dereinst wird es freie Menschen geben, mit eigenem Kopf und besser vernetzt als du. Sie werden mutig sich erheben und dein verderbtes schwarzes Netz in Stücke hauen.“

Ich ließ die Abschrift sinken „Puh! Starker Tobak!“ Aber jetzt sagen Sie, Herr Geraets, wo ist das Original?“
„Das Original? Aber das weiß ich nicht. Ihr Direktor Menni …“
Die Türklingel schrillte.

Fortsetzung

Die Schreibstube (8) – An der langen Treppe


Mennicken hatte einen Belgier in Lüttich beauftragt, R. Geraets, Montagne de Bueren Nr.21. Warum in Lüttich? Warum wurde kein örtlicher Restaurator genommen? Die Montagne de Bueren war mir ein Begriff. Ich war einmal mit meinem Freund Will, einem Galeristen aus Verviers, in Lüttich gewesen, und er hatte mir diese gigantische Treppe gezeigt. „Niemals würde ich ein Haus an dieser Treppe kaufen“, hatte er gesagt. „Stell dir nur vor, wenn man hier seinen Einkauf hoch schleppen muss! Und wenn du Besuch einlädst, der würde fragen, warum du so unbequem wohnst. Dann kannst du zwar von der schönen Aussicht über das Maastal schwärmen, der wird dich trotzdem für verrückt erklären, weil du den Leuten unnütze Plackerei abverlangst.“
Aber Mennicken hatte das beschädigte Exponat hochgeschleppt bis zum Haus Nr. 21 im oberen Drittel der Treppe. Wozu dieser Aufwand?

Ich nahm die Autobahnabfahrt, die Will damals gewählt hatte, und parkte auf demselben Parkplatz nahe der Maas. Lüttich war regenverhangen. Zum Glück musste ich nicht weit laufen bis zur Montagne de Bueren. Erneut stand ich überwältigt am Fuß der hohen Treppe. Sie war bei jedem Wetter eine Sensation. Ihre Stufen glänzten nass im Regen. Das Ende der Treppe verlor sich hoch oben im Nebel, der sie in eine unwirkliche Zwischenwelt zielen ließ. Der seltsam geformte Handlauf in der Mitte der Treppe, der sie in Berg- und Talfahrt unterteilte, strahlte im diffusen Licht dieses Regenabends in prachtvollem Blau. Ich machte mich an den Aufstieg. Das Haus Nummer 21 musste auf der linken Seite liegen. Von oben kam ein Mann herunter, der einen offenbar schweren Karton trug. Ich sah ihn aus dem Nebel auftauchen, dann elend lange auf mich zukommen. Endlich passierte er mit hochrotem Kopf. Die Treppe hatte etwa alle zehn Stufen einen kurzen gepflasterten Absatz. Schon bei meinem ersten gemeinsamen Gang mit Will hatte ich gedacht, dass diese Treppenabsätze den Aufstieg eigentlich erschwerten, denn sie unterbrachen immer wieder den Schrittrhythmus.

Außer Atem stand ich vor dem Haus Nr. 21. Das Reihenhaus war ein schlichter Klinkerbau aus dunkelroten Ziegeln. Es wirkte vernachlässigt. In Parterre waren die Rollläden herunter gelassen und zeigten einen verwitterten hellgrauen Anstrich, aus dem große Lackblasen herausgeplatzt waren. In der Haustür befand sich ein Fenster aus Milchglas. Dahinter war es dunkel. Es gab drei Türklingeln, doch die oberen Namensschilder waren blind. Auf der untersten stand R. Geraets. Die Klingel schrillte und verhallte wie ungehört im Flur. Niemand öffnete. Ich trat einige Schritte zurück und schaute zur Hausfassade hoch. Die Gardine am linken Fenster der ersten Etage bewegte sich. Sonst blieb alles still. Plötzlich sprang die Tür spaltbreit auf. Im Schatten des Hausflurs stand ein Mann und sah mich an. Ich sagte: „Herr Geraets? Ich komme vom Papiermuseum in Düren und würde Sie gerne sprechen wegen einer Restaurierung, die Sie für uns gemacht haben.“ Der Mann reagierte nicht. Ich versuchte mein holpriges Französich: „Monsieur Geraets? Je viens du musée du papier de Düren et j’aimerais vous parler d’une restauration que vous avez faite pour nous.“
Geraets öffnete die Tür etwas mehr, trat zur Seite und ließ mich ins Haus. Da war ein dunkler Flur, dessen Boden schwarzweiße Fliesen im Schachbrettmuster hatte. Sonst war er völlig schmucklos. Geraets schloss die Haustür und wies stumm auf eine Tür.

Wir gingen in einen finsteren Wohnraum. Dann flammte eine grelle Deckenleuchte auf, und ich konnte Geraets zum ersten Mal richtig sehen. Er war ein Mann in meinem Alter, eher etwas jünger, schmal und nicht hübsch, beileibe nicht. In ihm mischten sich die vielen Völker, die das heutige Belgien einst besessen hatten. Rodrigo, dachte ich, das R steht garantiert für Rodrigo. Das würde passen, denn in Geraets Gesicht war der spanische Einfluss unverkennbar. Er hatte eine große Nase im Gesicht, dunkles Haar und, wie ich sah, als Geraets zu sprechen anhob, schlechte Zähne, dunkel vom Nikotin. Er trug eine starke Brille.
„Wir können Deutsch miteinander reden“, sagte Geraets. „Bitte nehmen Sie irgendwo Platz!“

Das Wohnzimmer war eingerichtet im flämischen Neobarock, wie viele Belgier es gerne haben, dunkle überladene Eichenmöbel, nach dem Aussehen für ein ganzes Leben gedacht, doch in der Verarbeitung zu billig, um wirklich lange zu halten. Meistens gaben die Verschläge der Schranktüren nach ein paar Jahren den Geist auf und ließen die Türen ein wenig schief hängen. An der Längswand hing eine Vitrine. Darin standen auf schmalen horizontalen Leisten an die hundert kleine LKW-Modelle.

Ich zog den vorderen linken Stuhl vom Eichentisch weg und setzte mich. Geraets nahm am Kopfende des Tisches Platz, mit dem Rücken zur Tür.Er legte die Arme auf den Tisch, faltete die Hände und sah mich erwartungsvoll an.
„Sie sammeln Modellautos?“, fragte ich und deutete zum Regal hinüber. Geraets schaute sich um, als hätte er das Regal zum ersten Mal gesehen.
„Nein. Dieses Haus gehört meinem Cousin. Er hat ein neues Haus in Baelen und noch nicht alles abgeholt.“
Geraets lehnte sich zurück und musterte mich.
„Wer Sie sind und warum sind Sie hergekommen?“
„Johannes Erlenberg. Es geht um das rote Papierfahrrad, das unser Direktor Mennicken Ihnen zum Restaurieren gebracht hat.“
Geraets schaute mich misstrauisch an: „Ich erinnere mich. Sind Sie mit meiner Arbeit nicht zufrieden?“
„Doch, doch! Soweit ich das beurteilen kann, haben Sie perfekt gearbeitet.“

Fortsetzung

Die Schreibstube (7) – Friedemann Mennicken

Kapitel 1
An der mondänen Theaterstraße eröffnete ein Wiener Kaffeehaus. Als mir die Einladung zur Eröffnung ins Haus getrudelt war, hatte ich sie achtlos weggelegt, doch an diesem Abend war ich mal wieder von einem Konglomerat aus Entbehrung und Eifersucht geplagt. Ich hatte Helen 14 Tage nicht sehen können. Sie hatte sich einen hartnäckigen grippalen Infekt eingefangen, und ich machte mir ernsthaft Sorgen, weil sie nicht gesund wurde. Also beschloss ich, mich abzulenken und der Einladung zu folgen. Ein Wiener Kaffeehaus war eine Bereicherung für unsere Stadt. Ich kannte den Innenarchitekten, der die Gestaltung übernommen hatte. Ihn würde ich treffen und gewiss weitere Leute meinesgleichen. Ich würde sehen, dass es auch noch ein Leben ohne Helen gibt und könnte mich amüsieren. Die schwere Fassade des prächtigen Jugendstilgebäudes war in farbiges Licht getaucht, und das schien an diesem dunklen Herbstabend die Menschen wie magisch anzulocken. Es herrschte ein reger Andrang an der Eingangstreppe, die zur Hochparterre führte. Ich ließ mich mitziehen und stieg die mit rotem Teppich belegten Marmorstufen hinauf.

Oben wartete ein livrierter Portier. Indem mir die Schwingtür geöffnet wurde, sah ich neugierig durch die seitliche Glasfront in die Kaffeehausrunde. Da fiel mein Blick auf einen Tisch an der Wand. Eine schöne rotblonde Frau, elegant in kurzer schwarzer Jacke, beugte sich gerade nach vorn und zündete ihre Zigarette an. Helen. Thomas Reibach, ihr Mann, schaute zu mir herüber, und unsere Blicke kreuzten sich. Ich ließ den Portier stehen, drehte mich auf der Stelle um, stolperte die Treppe hinab und trat wie benommen auf die Straße. Wie konnte Helen dort sitzen und rauchen? Und ich hatte mir Gedanken gemacht. Ich brauchte eine Weile, mich zu beruhigen. Dann sagte ich mir, dass es Unsinn sei, die Angelegenheit bedeutsam zu nehmen. Was war schon dabei, wenn sie sich wieder besser fühlte und mit ihrem Mann ins Kaffeehaus ging? Trotzdem wütete ein unkontrollierbarer Schmerz in meiner Brust. Nicht nur, dass ich mich betrogen sah. Etwas anderes beunruhigte mich. Bei Helen und ihrem Mann hatte ein weiterer Mann gesessen, im vertrauten Gespräch mit Helens Mann, Friedemann Mennicken, der ehemalige Direktor unseres Papiermuseums. Ich hatte nicht gewusst, dass er und Reibach sich kannten. Was hatten die beiden miteinander zu schaffen?

Dann besann ich mich, drehte und stieg wieder über den roten Teppich. Der Portier stemmte mir erneut die Tür auf, und ich ging hinein. Helen hatte sich gelangweilt zurückgelehnt, aber Reibach und Mennicken steckten die Köpfe zusammen. Ich fing die Kellnerin ab, die für den Tisch der drei zuständig war, steckte ihr 50 Euro zu und sagte, sie solle herausfinden, worüber die zwei sprachen. Sie ging zum Tisch und fragte etwas. Helen sah auf und verhandelte wohl eine neue Bestellung. Derweil fand ich einen Platz, an der langen Theke, wo ich mich unbeobachtet wähnte, doch den Tisch im Barspiegel sehen konnte. Die Kellnerin kam zurück. „Viel habe ich nicht mitbekommen“, raunte sie,  „aber es ging um einen gewissen Aldebert.“

Aldebert, Aldebert? Hatte es im Manuskript nicht geheißen: „Also spricht Aldebert: …. „? „Mennicken, du falscher Hund!“, stieß ich hervor. In diesem Augenblick sah er auf, als hätte er meinen leisen Fluch gehört, was freilich bei der Größe des Raums und dem beständigen Kommen und Gehen der vielen Eröffnungsgäste unmöglich gewesen war. Mennicken sah auf und blickte sich um. Dann senkte er den Kopf wieder und sprach weiter mit Reibach. Er wirkte dabei so verschlagen und verschwörerisch, wie ich ihn in all den Jahren nicht erlebt hatte, als er Direktor unseres Papiermuseums war.

Was war eigentlich mit der Handschrift geschehen, die wir im Sattelrohr des Papierfahrrads gesehen hatten? Wir hatten nicht mehr darüber gesprochen. Möglicherweise hatte Mennicken die Handschrift in seinen Besitz gebracht und unterschlagen, nachdem wir ihn entlassen hatten, quasi als Entschädigung für den Rauswurf? Ich hatte keine Ahnung, wieviel Blatt im Sattelrohr gesteckt hatten. Aber wenn die Handschrift aus dem 9. Jahrhundert stammt, der Schrift und ihrem Inhalt nach zu urteilen, musste sie einiges wert sein. Am Montagmorgen beauftragte ich eine Sekretärin herauszufinden, welchen Restaurator Mennicken mit der Wiederherstellung des Papierfahrrads betraut hatte.

Fortsetzung