Reizwortgeschichte – Tee aus der Feldflasche

In dem fremden Dorf in der Ebene hätte ich niemals so einen steilen Anstieg vermutet. Er tat sich auf, als wir nach langer Wanderung den Dorfplatz überquert hatten und nach rechts in eine Gasse einbogen. Urplötzlich stieß die Gasse bolzengerade himmelwärts, gepflastert mit groben Kopfsteinen, und zwar mit einer starken Wölbung in der Mitte und zu den Seiten abfallend. „Pardauz! Ein Kuriosum, das ich hier nicht erwartet hätte!“, rief Coster. Das Kopfsteinpflaster schien wie der Panzer einer uralten Schildkröte. In ihrer Wölbung taten sich mörderisch breite Fugen auf, und ich bedauerte jeden Radfahrer, der diese Gasse würde befahren wollen. Von „wollen“ dürfte keine Rede sein, denn als wir ein wenig himmelan gestiegen waren, taten sich Felder auf. An einem hölzernen Masten am Wegesrand klebte ein Plakat, aus dem hervorging, dass just an diesem Abend um 20 Uhr der Giro d’Italia vorbeikommen würde. Ich geriet in Verzückung, stellte mir vor, wie das Peleton über dieses Kopfsteinpflaster hinwegfliegen würde, dachte an die verzerrten Gesichter ausgemergelter Männer, konnte aber bei meinen Weggefährten keine Begeisterung wecken. Einem tropfte plötzlich das Blut vom Finger. Die Ursache seiner Verletzung hatte ich nicht mitbekommen, und man beschloss zurückzugehen. Ich hätte also allein im Dorf bleiben müssen, um die Stunden bis 20 Uhr zu überbrücken. Weiterlesen

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Ferne Rufe (6) – Schmerzende Flieger

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„Warum sonst sprechen wir von Herzeleid und Herzschmerz?“
Das freilich muss ich zugeben. Gerade in letzter Zeit habe ich oft das Gefühl, dass in der Alltagssprache mehr Wissen und Erfahrung steckt, als ich bislang geglaubt habe. Manches ist einfach durch Wiederholung banalisiert worden. Wenn die Schlagerfuzzis ständig Herz auf Schmerz reimen, lässt sich nicht mehr unbefangen damit umgehen. In diesem Sinne hat sich unsere Sprache unglaublich abgenutzt. Und ich ahne, dass dies erst der Anfang ist. Das ununterbrochene mediale Geplapper würde ihr bald den Rest geben.

Wir sprechen über meine Schlaflosigkeit. Der Internist schlägt vor, dass ich mit einem Psychotherapeuten spreche, doch ich wehre ab.
„Ich muss alleine damit fertig werden. Schließlich weiß ich ja, woran es liegt. Wenn ich meine Lebensbedingungen in den Griff bekomme, werde ich wieder schlafen.“
“Das mag sein, aber Sie könnten sich dabei helfen lassen. Sie brauchen ja nicht den Helden zu spielen. Manchmal genügt es, wenn man die Probleme ausspricht und ein anderer Struktur hineinbringt.“
Am Ende willige ich ein und lasse mir die Adresse des Seelenklempners geben.

***
Wir liegen schwer atmend auf meinem Bett.
„Wir dürfen nicht sowas Schönes machen, dann zerreißt es mir das Herz, wenn ich weg fliege“, sagt sie.
„Wieso weg?“
„Tom hat eine Urlaubsreise gebucht.“
„Für wann, nächste Woche?“
„Nein, wir haben noch ein bisschen länger Zeit.“
„Wohin? Ach, nein, sag’s lieber nicht. Ich will überhaupt nichts davon wissen.“
„Er hat gesagt, dass es bestimmt gut für unsere Ehe wäre.“
Ich bemühe mich um Fassung.
„Ja“, er wird versuchen, eure Beziehung zu kitten. Er hat allen Anlass und jedes Recht der Welt dazu. Ich würde es an seiner Stelle genauso machen. Es ist das beste, was er tun kann.“
„Eigentlich wollte er mit mir allein fahren, aber ich habe alles dafür getan, dass unser Sohn. mitfährt.“

Dann erfahre ich doch, wohin die Reise geht, nach Kreta. Am Tag der Abreise verspricht sie, jeden Abend um sechs Uhr ganz fest an mich zu denken, dass ich sie spüren werde. Mit wehem Herzen sitze ich im Garten, doch jedes Mal wenn oben hoch ein Flieger als silbrige Nadel den Himmel durchmisst und seine Kondenzstreifen in die Bläue malt, denke ich an sie, wie sie nach Kreta geflogen ist. Eifersucht und Trennungsschmerz. Wie weh das tut. Zum Glück ruft Wolf an und will radfahren. Dankbar um die Ablenkung willige ich ein. Wir fahren hoch zum Vennkreuz und dann hinunter zum See. Wie wir über die Staumauer der Wesertalsperre rollen, erzähle ich von meiner Suizid-Idee, die ich seit geraumer Zeit hege, nämlich mit dem Rennrad über die Mauerbrüstung zu fahren und dann mit Schwung in den Abgrund zu fliegen. Wolf lacht: „Das ist ja das Motiv des germanischen Recken, der auf seinem Pferd in den Tod springt, wobei mir immer das Pferd leid getan hat.“

Wir sind lange unterwegs. Als wir ab Eupen-Unterstadt durchs Wesertal bolzen, fällt mir ein, dass ich um 18 Uhr zu Hause sein muss. Also schlag ich vor, über Membach abzukürzen, zumal wir dann den zehrenden Anstieg von Dolhain aus uns ersparen würden. Diese uns noch unbekannte Strecke bis Baelen ist landschaftlich recht schön, hat aber zwei ordentlich steile Hubbel, und wie wir im Wiegetritt den zweiten hoch schleichen, sagt Wolf: „Welch ein Glück, dass wir den Anstieg bei Dolhain gespart haben.“ Ab Baelen haben wir Rückenwind, und wäre nicht meine Sorge, zu spät zurück zu sein, wäre es eine schöne Tour. Erst kurz vor 18 Uhr lange ich zu Hause an und werfe mich noch in Radsportklamotten rücklings aufs Bett. Vielleicht bin ich zu erschöpft, vielleicht ist Kreta zu weit weg. Jedenfalls spüre ich nichts, nichts um 18 Uhr, nichts um 19 Uhr. Den ganzen Abend bleibt es totenstill in meiner Brust. Es „suppt“ nicht. So nennt sie ihre Telekinese inzwischen: „Wenn ich fest an dich denke, kann ich es bei dir suppen lassen.“

***
Das Schraubglas enthält eine große Zahl flacher, grauer Kiesel, allesamt vom Strand aufgelesen. Sie hat sie mir aus Kreta mitgebracht. „Bei jedem Stein an dich gedacht!“ steht auf einem Zettel. Und ich habe sie erst nach ihrer Rückkehr wieder gespürt. Offenbar funktioniert ihre Hexenkraft nicht über diese Entfernung. Das ist schon mal tröstlich. Ich werde mich also befreien können.

Ferne Rufe (5) – Information und Telekinese

„Alle Information ist schon immer in der Welt.“ Dieses Wort der Alten leuchtet mir unmittelbar ein. Als ich für unseren ersten Homecomputer, einen Atari XL, Spiele programmierte, war das größte Problem der viel zu kleine Arbeitsspeicher, weshalb die Programme mit zunehmender Länge immer langsamer abgearbeitet wurden. Deshalb habe ich so sparsam wie möglich programmiert und alles Überflüssige vermieden. Bei der Suche nach Verkürzung ist mir aufgefallen, dass viele Programmteile redundant waren, weil die Informationen längst da waren. Einfaches Beispiel: Die Daten für die Pixelgrafik eines Gesichtes konnten auf eine Gesichtshälfte reduziert werden. Für die andere Hälfte spiegelte ich die vorliegenden Daten. Selbstverständlich hat ein reales menschliches Gesicht nicht exakt zwei gleiche Hälften, wie die Erscheinungen des Lebens viel komplexer sind als Computerprogramme oder -bilder.

Die Blätter der Bäume hier im Park sind in ihrer Individualität vorhanden. Doch sie müssen nicht einzeln wahrgenommen werden. Es reicht der Gesamteindruck. Wenn die Maler des Barocks eine Szene wie diese malen wollten, also das Barockschloss, vor dessen Grundmauern und steinernen Balustrade ich sitze, dann malten sie bei den Bäumen nicht jedes einzelne Blatt. Akademisch ausgebildete Maler beherrschten den sogenannten Eichenschlag, den Buchenschlag, also eine besondere Art der raschen Pinselführung, mit der die typischen Blätter simuliert wurden. Sprachliche Filter sind noch radikaler, reduzieren die Fülle der einzelnen Blätter auf ein einziges Wort: „Blattwerk“ oder „Belaubung“ und vermitteln die Vorstellung von der Gesamtheit der Blätter eines Baums. Der Informationsgehalt der Welt lässt sich nur fassen, wenn wir ausdünnen oder reduzieren.

Mein Blick geht über die Baumkronen hinweg in den makellos blauen Himmel. Kein Wölkchen stört, Chemtrails hat man schon lange nicht mehr gesehen. Ob man je wieder fliegen wird? Nicht dass es mir wichtig wäre. Ich bin nur geflogen, wenn ich mit dem Fahrrad stürzte.

Es ist heute etwas in der Luft, was meine Gefühle vertieft. Besonders die Geräusche dieses Tages rufen vielfältige, jedoch vage Erinnerungen in mir wach. Es ist ein wenig beunruhigend, weil es scheint, als könnten diese Erinnerungen mich packen und schwermütig machen.

Ich werde in die Vergangenheit gesogen und liege auf der Pritsche zur Ultraschalluntersuchung. Der seitlich von mir sitzende Arzt fährt mit der Ultraschallsonde über meine Brust. Ich kann mein pochendes Herz und die umliegenden Gefäße auf dem Monitor sehen. Plötzlich packt mich der Schmerz in der Brust, den ich ihr zuschreibe. Ich deute auf die Stelle: „Können Sie mal nachsehen, was da ist?“
Der Internist führt die Sonde oberhalb meiner linken Brust hin und her. Wir sehen einen offenen Kanal, durch den Blut pumpt..
„Ich habe da oft Schmerzen“, sage ich, „zur Zeit auch.“
„Es ist nichts Abnormales zu sehen“, sagt er, nimmt sich die Stelle noch ein wenig genauer vor, bleibt aber bei seinem Befund. Ich bin beunruhigt und getröstet zugleich. Die Schmerzen sind ja im Laufe der Monate gewandert, nein eigentlich haben sie sich stärker konzentriert. Anfangs war es ein wehes Gefühl auf der linken Seite gewesen. Es war, als hätte sie ihre telekinetische Gabe an mir trainiert. Der Schmerz ist nun eindeutig stärker, da er sich auf einen Punkt konzentriert. Es gibt Situationen, da zwackt sie mich regelrecht. Ich sitze beispielsweise lesend in meiner Wohnung und erwarte sie, die irgendwann in der nächsten Stunde kommen würde. Plötzlich zwackt es, und indem ich meine linke Brust reibe, höre ich ihr Auto vorfahren. Da sie nun also offenbar fester zupacken kann, hatte ich befürchtet, die Stelle könnte vielleicht irgendwann einmal wund werden oder wirklichen Schaden nehmen. Diese Sorge hat der Internist mir jetzt genommen. Andererseits muss ich endlich zugeben, dass die Frau, die ich liebe, etwas Telekinetisches mit mir anstellen kann.

„Glauben Sie, dass ich einen Knall habe?“ frage ich den Arzt, nachdem ich geschildert habe, was sie mit mir tut.
„Ich bin lange in Indien und Afrika gewesen und habe einiges gesehen, was die Schulmedizin nicht erklären kann“, sagt er. „Und in der Sprache kommt es ebenfalls vor. Warum sonst sprechen wir von Herzeleid und Herzschmerz?“

Fortsetzung

Ferne Rufe (4) – Keine Zeit

„Natürlich sind Sie in Ihrer Jugend eine ranke Schönheit gewesen, gnädige Frau. Ich habe nichts anderes gedacht.“

Sie schob mit ihrem Rollator näher heran. „Du hast gar nichts gedacht. Hast mich gar nicht gesehen, sondern nur den Rollator. In deinem Kopf ist ein vielstimmiges Durcheinander“, sagte die einstmals schöne Frau. „Und menschliche Postenketten! Was für eine alberne Idee! Du hast das Sprachproblem selbst eingewandt. Aber auch ohne das wäre die Nachrichtenübermittlung mit Rufposten absurd. Denke nur an das Stille-Post-Syndrom!“

„Möglicherweise hat man eine allgemeingültige Postenketten-Gemeinsprache, die auf wenige Lautzeichen reduziert ist, vergleichbar der Pfeifsprache El Silbo auf Gomera. Das würde den Einwand entkräften“, sagte ich.

„Selbst wenn, wo und wovon sollen die Posten leben, die außerhalb von Ortschaften in Wüsten und steinigen Einöden, auf Gebirgszügen oder in Schluchten stünden?“, fragte sie. Es wäre eine gigantische Infrastruktur erforderlich wie damals bei den Semaphoren, und das nur, um die baldige Ankunft eines unseligen Wanderers zu melden.“

„Semaphoren?“

„Die vergessene optische Telegrafie. In alter Zeit“, fuhr sie fort, „haben in unserer Gegend Signaltürme gestanden, etwa fünf Kilometer voneinander entfernt. Sie waren besetzt mit zwei Telegraphisten in königsblauen Uniformen, einem Ober- und einem Untertelegraphisten. Alle zwei Minuten hat der Obertelegrafist durch ein Fernrohr in der Turmwand den Signalmast auf dem Nachbarturm angeschaut. Wenn sich die Signalblätter verstellt haben, hat er diese Stellung dem Untertelegraphisten zugerufen. Der hat die Signalhebel an einem Gestänge bedient, das durch die Decke der Turmstube hinauf strebte zum Mast mit den Signalarmen. Jeden Morgen wurde die Nachricht B4 gesendet, was bedeutete „die Uhren werden gestellt!“ B4 flog vom Königspalast heran. Dass die Zeit gesendet wurde, war gleichsam der Weckruf für die Türme.“

„Musste die Zeit gesendet werden, weil man sonst keine hatte, also quasi zeitlos war?“

„Nein, es gab Zeit genug. Sie war nur von Ort zu Ort verschieden. Die Leute stellten die Kirchturmuhren nach dem Sonnenlauf. Aber für die Nachrichtenlinie brauchte man eine Einheitszeit. So lebten die Menschen der Türme in der Zeit des Königs, während in den Ortschaften ringsum die gottgegebene Zeit galt. Ich habe“, fuhr die Alte fort, „einen solchen Turm mit eigenen Augen gesehen, bevor die Signaltürme von aufgebrachten Bürgern gestürmt und niedergelegt wurden. Die Infrastruktur dieser Nachrichtenlinie war einfach aber ausgefeilt. Da die Türme auf Hügeln und Anhöhen standen, abseits von jeder Ansiedlung, hatte jeder der einsamen Türme ein Wohnhaus für die Telegraphisten und ihre Familien. Da gab es auch Stallungen und einen Garten, so dass man weitgehend autark lebte. Nur manchmal liefen die Frauen ins ferne Dorf hinab, um die Dinge zu kaufen, die Weiber für eine gute Hauswirtschaft brauchen. Schon damals ist das Phänomen bekannt gewesen, dass die Kunde von den herannahenden Frauen ihnen voraus geeilt war, so dass sie schon in den Läden erwartet und frostig empfangen wurden. Man sah in ihnen die Abgesandten der verhassten Türme.“

„Wieso waren die Türme verhasst?“

„Die Telegrafenlinie verstieß gegen alles Menschenmaß, und die Leute fanden es ungehörig, dass über ihre Köpfe hinweg Nachrichten ausgetauscht wurden. Es war verpönt, wie ihr nicht mögt, wenn hinter eurem Rücken getuschelt wird. Man sah in diesen Türmen eine feste Einrichtung des Tuschelns, der königlichen Flüsterpost, die nur verstehen konnte, wer wusste, was die geheimen Signalzeichen bedeuteten. Es wurde ja nicht nur gemeldet, wo ruhelose Männer sich gerade aufhielten wie Ahasver oder Melmoth, der Wanderer , der seine Seele dem Teufel verpfändet hat, um zu wissen.“

Plötzlich fährt ein heftiger Windstoß durch die Baumwipfel des Parks, bauscht und zerrt sie, dass ein gewaltiges Rauschen ertönt, ja, und nachdem der Sturm von den Bäumen abgelassen hat, dreht er noch mutwillig eine Runde auf der Wiese, so zu sehen an just abgerissenen Blättern, die wie toll im Kreis gewirbelt werden. Sollte am Ende der Wind die Nachrichten weiter tragen? Es heißt ja schon im Lied: „Der Wind hat mir ein Lied erzählt.“


„Wind, Hugin und Munin, Brieftauben, Postenketten, Semaphoren, das alles sind überflüssige Ideen. Alle Information ist schon immer in der Welt; man muss sie nur richtig zu lesen verstehen“, sagte die Alte und schob durch die Mauerpforte davon.
„Du denkst total mechanistisch“, rief sie noch.
„Sagt eine, die sich mit dem Rollator fortbewegt.“

Fortsetzung

Ferne Rufe (3) – Öffentliche Gedanken

Lautes Denken war mir schon vor dem Zusammenbruch der alten Zeit passiert und hatte mir sogar einen stillen Zwist eingebracht, und zwar mit der Frau von der Tankstelle, wo ich, als ich noch rauchte, gelegentlich mir Tabak geholt habe. Als ich die Frau nämlich zum ersten Mal gesehen hatte, brauchte ich nicht eine Sekunde für ein geringschätziges Urteil. Sie war Mitte bis Ende vierzig, recht groß und musste einmal eine blonde Kirmesschönheit gewesen sein. Sie kleidete sich noch immer wie eine Kirmesschönheit, was mich nicht gestört hätte, wenn die hautengen Jeans nicht gewesen wären. Diese Jeans nämlich schienen wie um ihren prallen Bauch herum geschneidert. Ein wenig von ihm hatte Platz, das Meiste dieses Bauches aber war durch die Jeans nach innen gequetscht, wodurch ihr gesamter Unterleib etwas steif Gepanzertes bekam. Gekrönt wurde dieser Anblick von einem martialischen Gürtel mit einer handtellergroßen Gürtelschnalle in Westernoptik. Das jedenfalls hatte mein ästhetisches Empfinden geschockt, nicht etwa die weißen falschen Fingernägel oder der hoffärtige Gesichtsausdruck der Frau.

Ich hatte das alles im Moment des ersten Anblicks wohl ziemlich laut gedacht. Jedenfalls war sofort zwischen uns alles schief gelaufen, was schief laufen konnte. Es begann damit, dass die Frau mich verächtlich ansah und partout nicht nach meinem Begehr fragen wollte. Ich wartete, doch sie war einfach hartnäckiger. Also gab ich nach und sagte ungefragt: „Van Nelle halbschwer und Canuma Blättchen, bitte!“

Sie drehte mir auf der Stelle den Rücken zu, nahm die Sachen aus dem Regal, knallte sie auf die Zeitschriften, die immer auf der Theke auslagen, nahm voller Verachtung meinen 10-Euro-Schein entgegen und zählte das Wechselgeld nah vor sich hin, so dass ich mich just dahin beugen musste, wo ich noch nicht einmal hätte hingucken wollen, wenn man mich vorher gefragt hätte: gegen ihren Panzerbauch.

Wenn ich „Danke“ und „Tschüss!“ sagte, war sie stets durch irgendwen oder irgendwas abgelenkt und überhörte meinen Gruß. Ich suchte den Grund für diese unangenehme Kaufsituation also bei mir und nahm mir vor, beim nächsten Mal besonders freundlich und charmant zu sein. Doch das würgte sie sofort durch ihr wortloses Angucken ab. Dann fluchte ich innerlich und sagte mir: „Verdammt, ich hab‘ der Tusse doch nichts getan!“

Hatte ich doch, denn ich wusste, dass meine Gedanken laut werden konnten. Bei der Kirmesschönheit waren sie durch eine gewisse innere Beteiligung laut geworden, aber hier im Park war die Situation völlig anders gewesen, als die Alte meine Gedanken gehört hatte. Es ging nicht um einen realen Eindruck, sondern um eine sexuelle Phantasie, die ich mir quasi nebenher gestattet hatte. Vielleicht bilde ich mir alles nur ein, vielleicht hat sie die Gedanken aus meinem Hinterstübchen gar nicht gehört, dachte ich und wandte mich wieder dem Buch zu, in dem ich seit Tagen las: „Die Handschrift von Saragossa. “ Etwas fesselte mich, ja, beflügelte augenblicklich meine Phantasie. Am Schluss des 17. Kapitel heißt es:

    „Der Kabbalist tat uns kund, er besitze Nachrichten vom Ewigen Juden. Dieser habe bereits den Balkan durchwandert und werde bald in Spanien eintreffen.“

Wie war das möglich? Auf welche Weise konnten die Nachrichten den Kabbalisten erreicht haben? Wer oder was eilte dem unseligen Wanderer Ahasver voraus und kündigte von seinem Kommen? Menschliche Postenketten, auf denen nächtens Botschaften weitergerufen werden? Aber hat man im Balkan derlei Postenketten aufgestellt? Hat nicht dort jede Region ihre eigene Sprache, so dass jedem Posten ein kundiger Diener beistehen müsste, der den nahenden Ruf übersetzen würde? Während ich noch darüber nachsann, kehrte das alte Frauchen durch die Mauerpforte zurück und schob mit seinem Rollator an mir vorbei bis hin zu den gelben Blumen. Plötzlich lachte es hell auf und sagte laut: „Eimer oder Kübel, das bleibt sich gleich!“
Und wie ich sie verdutzt anstarrte, ergänzte sie: „Ich bin auch einmal schön gewesen.“
Augenblicklich hatte ich das Bild einer aparten Schönheit vor Augen, wie sie sich mit nacktem Oberkörper, die Arme zum Himmel gereckt, wohlgefällig im Spiegel betrachtete.

Fortsetzung

Ferne Rufe (2) – Eimer oder Kübel?

Es wurde nie eindeutig geklärt, wem die Spionvögel gehörten, wer ihre Kamerabilder und Tondateien empfing und welche Zwecke damit verfolgt wurden. Es gab Gerüchte. Konkretes wusste niemand. Der Kulturwissenschaftler Steffen Gaukler verwies darauf, von der Idee, Vögel als Spione auszusenden, werde schon in der Edda erzählt. Der germanische Göttervater Odin habe zwei Raben gehabt, Hugin und Munin. Sie wären täglich über die Lande geflogen, und wenn sie zurückkamen, landeten sie auf Odins Schultern, um ihm ins Ohr zu flüstern, was sie gesehen hatten. Der die Spionvögel gebaut habe, sei gewiss durch die Tausende Jahre alte Mär von Odins Raben inspiriert worden. Odinsvögel nannten wir sie darob.

Aber die Sache erübrigte sich. Aus heiterem Himmel und ohne jede weitere Vorahnung, wurden alle technischen Einrichtungen der Fernkommunikation mit einem Schlag lahmgelegt. Kein Smartphone funktionierte noch, keine Funkverbindung – mit Draht oder drahtlos, und die Computer waren nur noch Schrott. Die Odinsvögel, die wir noch nicht erwischt hatte, fielen tot vom Himmel. So endeten schlagartig jene unglücklichen letzten Tage, da die Welt von Karnevalsprinzessinnen, Büttenrednern und Horrorclowns regiert wurde. Es wurde erzählt, es sei über unseren Köpfen ein Cyberkrieg entbrannt. Die Chinesen hätten die Odinsvögel geschickt, deren zweite Generation auch gezielt töten konnte, und der Gegenschlag der Amerikaner sei um einiges zu heftig geraten. Wieder andere wussten, eine gigantische Sonneneruption habe einen Elektromagnetischen Impuls verursacht und alles lahmgelegt. Doch viele verfielen einer neuen Religion und beteten die Guten Aliens an, die im letzten Moment verhindert hätten, dass die Menschheit sich und den Planeten zerstörte.
Eine Weile herrschte Gewalt und Chaos.
Wir fielen trotzdem nicht in die Steinzeit zurück. Dazu war die Menschheit zu klug. Bis in die 1970-er Jahre waren wir ohne Computer gut ausgekommen, und dieser Zustand ließ sich zwar mühsam, aber doch annähernd wiederherstellen. Der Wegfall jeder Fernkommunikation ließ die Menschen zusammenrücken. Neue Ordnungen kleiner Strukturen bildeten sich aus. Sie konnten nicht größer sein als Menschenmaß. Steffen Gaukler hatte in alter Zeit bekanntlich über Cupidos Pfeil promoviert, hatte sich also wissenschaftlich mit rätselhaften Fernwirkungen beschäftigt und war darum in unserem Stamm ein gefragter Mann. Denn indem wir keine technischen Hilfsmittel der Fernkommunikation mehr hatten, schärfte sich unser sechster Sinn.

Ich saß schreibend im Park an meinem Lieblingsplatz nahe der Mauerpforte und erörterte bei mir, ob die Wörter „Kübel“ oder „Eimer“ passender wären für Gedanken, die zu obszön waren, als dass ich sie hätte niederzuschreiben gewagt. Plötzlich stand von der Nachbarbank ein altes Fräuchen auf und schob mit ihrem Rollator davon, als hätte sie genug von meinen Gedanken. Ich war ein wenig nach ihr bei den Bänken eingetroffen, hatte beobachtet, wie sie ihren Rollator rückwärts neben der Bankreihe einparkte und darauf Platz nahm, als gäbe es ein Verbot, sich einfach nach Belieben niederzulassen. Sie hatte ihre eigene Sitzgelegenheit stets bei sich, aber gesessen werden durfte nur, wo Sitzen durch öffentliche Bänke vorgesehen war. Jedenfalls hatte ich leise gegrüßt, als ich mich nebenan auf der Bank niederließ. Sie aber reagierte nicht, war offenbar schwerhörig oder taub. Natürlich arbeitete auch kein Hörgerät mehr, und ich dankte den Guten Aliens, dass meine Brille nicht elektronisch funktionierte, sondern einfach über geschliffene Linsen. Sie war also schwerhörig oder taub. Dass sie trotzdem meine schmutzigen Gedanken hatte hören können …

Fortsetzung

Ferne Rufe (1) – Wie Sie hören, hören Sie nichts

Ich gestehe, dass ich mich mordend an der Säuberung unseres Himmels beteiligt habe. Mit meinem Luftgewehr schoss ich 34 Vögel ab. Acht von ihnen waren Maschinen, die anderen 26 verbuchte ich unter Kollateralschaden. So endeten die Zeiten, wir Älteren erinnern uns, als es in den Baumwipfeln zwitscherte und tschilpte. Doch die Vögel sind ausgestorben. Andere sagen „wurden hingemordet.“ Aber es blieb uns keine Wahl, nachdem bekannt geworden war, dass viele Vögel in Wahrheit Maschinen waren, die Augen und Ohren verborgener Herrscher über die Vogelwelt. Ob ein Vogel ein harmloses Geschöpf Gottes war oder eine tückische Spionagemaschine mit Richtmikrophon und Hochleistungskamera, war vom Boden aus nicht zu erkennen gewesen, weshalb die gesamte Vogelwelt dem großen Morden zum Opfer gefallen ist. Was barbarisch klingt, ist pure Notwehr gewesen.

Es muss zu Beginn des Frühlings gewesen sein. Ein Pfeifen, Tschilpen, Tirilieren, ein Balzen und Nestbauen in den Bäumen rings um mein Haus, ich saß an meinem Arbeitsplatz, als plötzlich etwas mit Wucht gegen mein östliches Fenster flog. Nein, ich wollte mich nicht beim Schreiben stören lassen, als aber zum dritten Mal etwas gegen mein Fenster knallte, stand ich auf und guckte nach. Die Straße war leer, und gerade wollte ich mich wieder hinsetzen, da hüpfte aus dem Geäst vor dem Fenster eine Meise, flog stracks auf mein Fenster zu, knallte gegen die Scheibe und drehte wieder ab. Das ging eine Weile so weiter. Irgendwann war ich so genervt, dass ich das Fenster weit öffnete. Sollte der Vogel doch hereinkommen, wenn er so dringend wollte. Man hat ja schon verschiedentlich von tapetenfressenden Vögeln gehört. Als hätte ich damit einen Bann gebrochen, geschah dann gar nichts mehr. Erst als ich wieder saß, hörte ich unter meinem Fenster eine Frau hysterisch rufen: „Ich habe dir gesagt, du sollst tote Vögel nicht anfassen! Du sollst tote Vögel nicht anfassen!“ Eine Jungenstimme protestierte leise. Dann plötzlich Stille. Neugierig trat ich ans Fenster und schaute hinaus. Auf dem Gehweg unten hockte die schlanke Frau aus der Nachbarschaft neben ihrem kleinen Sohn. Ihr schwarzweiß gescheckter Hund an der langen Leine machte sich in unserem Beet zu schaffen, pinkelte den Baum an und scharrte, wo ich neue Blumen eingesät hatte. Aber etwas Anderes schockierte mich mehr. Der Sohn hielt den schlanken toten Vogel in der offenen Hand, dessen Genick offenbar gebrochen war, am baumelnden Köpfchen zu sehen, und die Mutter zerrupfte die kleine Meise mit der angewiderten Hingabe, mit der manche Frauen die Pickel ihrer Männer ausdrücken. Indem die Meise ihr Federkleid nach und nach verlor, zeigte sich ein mechanischer Körper.
„Was machen Sie da?“, fragte ich aus dem Fenster. Sie hob den Kopf und sagte:
“Ich packe was aus.“
„Was ist das?“
„Das weiß ich auch nicht, aber offenbar kein Vogel, eher sowas wie eine Drohne.“

Fortsetzung