Fünf Variationen über Glück

1) Glück gehabt
Als ich an der Straßeneinmündung die Straße überqueren wollte, brauste mit hoher Geschwindigkeit ein weißes BMW-SUV heran. Die tiefstehende Sonne schien ins Auto, und ich sah in ein feistes Gesicht mit aufgerissenen Augen, aus denen der helle Wahn schlug. Na, der würde mich nicht über die Straße lassen, sondern noch Gas geben, um jeden umzunieten, der seinen automobilen Vorwärtsdrang hemmen wollte. Ich hatte das glücklicherweise gar nicht erst versucht, sondern wartete, ihn vorbeizulassen.

Bei meiner Verhandlung vor dem Düsseldorfer Verwaltungsgericht Van der Ley gegen Bundesrepublik Deutschland, wo ich mein Recht auf Kriegsdienstverweigerung erstritt und bekam, fragte mich zuletzt einer der drei Richter, ob ich ein Auto hätte. Als ich verneinte, wurde meiner Klage stattgegeben. Offenbar schätzte der Richter das Auto als potentielle Mordwaffe ein und dachte, dass kein glaubhafter Pazifist dieses Teil besitzen dürfte. Wer jetzt denkt, ich hätte ja nur so getan, um mich vor dem Wehrdienst zu drücken, die Verhandlung fand statt, nachdem ich Jahre zuvor 18 Monate Wehrdienst als nicht anerkannter Kriegsdienstverweigerer abgeleistet hatte.

2) Nach diesem Auftakt an der Straße, sah ich den gemütlich dicken Schornsteinfegermeister unseres Viertels, wie er sein altes schwarzes Herrenfahrrad vor der Bäckerei abstellte und vor mir hineinging. Als ich hinter ihm an der Theke stand, sagte ich: „Dann habe ich ja heute Glück“ und tippte ihm leicht an den Oberarm.
„Das will ich wohl meinen“, sagte er routiniert, griff in eine Tasche und schenkte mir den kleinen Schornsteinfeger.

3) Am Morgen hatte mich ganz unerwartet eine liebe Mail erreicht, von der ich gar nicht wusste, womit ich die verdient hatte.

4) Dann klingelte der DHL-Bote und rief fröhlich in die Haussprechanlage: „Ich habe ein Paket für sie!“ Darin waren zwei Exemplare meines neuen Buches, auf das ich schon lange gewartet hatte. Mein Korrekturexemplar hatte ich nämlich meiner famosen Logopädin geschenkt. Das Paket aufzumachen, war spannend, weil ich den Stand am Umschlag geändert hatte und ich nicht wusste, ob jetzt alles korrekt war. Prima, ich hatte gut gemessen.

5) Das Plumpsklo meiner Kindheit befand sich in einem Schuppen am Ende des Hofes. Es war aus heutiger Sicht eine eklige Angelegenheit, ein Brett mit einen Loch und darunter der Haufen. Ich erinnere mich, dass ich einmal dort saß. Tags zuvor war mein selbstgebautes Segelflugmodell, Der kleine Uhu, am längsten am Himmel geblieben, und ich hatte eine Stoppuhr gewonnen. Sie hatte ein hellgrünes Plastikgehäuse. Ich saß also auf dem Plumpsklo, schaute durch die offene Tür in den Himmel und dachte: „Ich bin der glücklichste Mensch der Welt.“

Ungeschicktes Fleisch

In meiner Küche ist es neuerdings gefährlich. Ich habe mir ein scharfes Küchenmesser angeschafft. So scharf es ist, habe ich mir schon heftig damit in den Daumen geschnitten. Genau an diesem Daumen habe ich seitlich des Nagels eine tiefe Narbe, weil ich als Kind mit einem Schnitzmesser hineinratschte. In meiner rheinischen Heimat, wo man kindliches Leid nicht ganz ernst nahm, hieß es: „Das ist ungeschicktes Fleisch. Das muss weg!“ Glücklicher Weise ist das „ungeschickte Fleisch“ wieder angewachsen. Mir lag einfach an der Vollständigkeit meines Daumens.

Jetzt also musste mein linker Daumen erneut dran glauben, und geblutet habe ich wie ein Schwein auf der Schlachtbank. Es hat gut vier Wochen gedauert, bis die tiefe Wunde völlig verheilt war. Demgemäß keimt in meiner Küche die Angst auf, wenn ich das Messer aus der mitgelieferten Schutzscheide gezogen habe. Als wäre es ein Samureischwert, das einmal aus der Scheide gezogen, in Blut getaucht werden muss, fühle ich mich und meine Finger bedroht. Dabei will ich nur Gemüse schneiden.

Wo ich Schriftsetzer lernte, war im Hof unten die Wurstküche der Metzgerei Dreckkötter. Allmorgendlich kreischte dort die Knochensäge, als hätte sie das Leid von Millionen Schlachttieren in ihrem Sägeblatt gespeichert. Der infernalische Lärm einer Kreissäge hatte mir schon in Kindertagen Gänsehaut eingejagt, und da hatte der Bauer in der Nachbarschaft nichts als Holz gesägt. Das hier aber war eindeutig schlimmer, denn es ging ja in zweifacher Hinsicht durch Mark und Bein. Zudem war der Metzgermeister ein Sangesbruder, der sich vom Hall seiner gekachelten Wurstküche immer wieder herausfordern ließ. Was aber kann schlimmer sein als die Vorstellung von einem, der, mit den Armen bis zu den Ellenbogen im Blut, gemütlich Arien trällert? Oft lief auch böse brummend ein Separator, und während mit diesem Gerät die unsäglichsten Kadaverteile für die Wurstpaste zermahlen wurden, erschallten wie diabolische Kommentare die selbstzufriedenen Gesänge des Metzgermeisters. Manchmal ließen sich auch die Gesellen verleiten und stimmten mit ein, bis der Meister sie wütend anschrie, mal solle ihm gefälligst nicht sein Liedchen klauen, also „Aufhören!“ und „Schnauze halten!“ Sogleich war es aus mit dem Singen, wüste Worte flogen hin und her, aus den vormaligen Sängerkehlen rauh hervorgestoßen, und man bewarf sich mit diversen Gerätschaften und Knochen. Das waren die Ausrufezeichen. Was nicht traf, landete krachend in den Ecken, ging es ins Ziel, lamentierte der Getroffene, und der Werfer frohlockte.

Der Schriftsetzergeselle Michael Dykers erzählte mir folgendes: „Einmal stand der Geselle an der Knochensäge, da hat der Dreckkötter ihm voll in den Arsch getreten, dass der Geselle nach vorne gefallen ist und sich zwei Finger abgesägt hat. Zack, zack! Und dann konnten sie in der Knochenkiste zwischen all den Knochen die abgetrennten Finger nicht finden. Als der Geselle schon mit dem Krankenwagen abtransportiert war, hat Dreckkötter sie endlich aus der Knochenkiste aussortiert und ist hinterhergefahren, damit sie ihm die Griffel wieder annähen konnten.“ Ob das stimmt, weiß ich nicht. Vielleicht sind die Metzgerfinger auch zermahlen worden und in die fette Knoblauchwurst geraten.

Ich bin ja Vegetarier.

Vorsicht! Nächtliche Aufhocker

Unweit der Aachener Bordellstraße steht eine Springbrunnenplastik namens Bahkauv. Die Plastik erinnert an einen nächtlichen Aufhocker, den angeblich schon Pippin der Jüngere, der Vater Karls des Großen, bekämpft hatte, leider vergeblich. Das Bahkauv lauerte noch Jahrhunderte an den Aachener Bächen. Bei Nacht erschreckte es betrunkene Männer, sprang in ihren Nacken und ließ sich tragen. Vermutlich haben notorische Zecher sich das Bahkauv ausgedacht, um ein für allemal ihr spätes Heimkehren zu erklären. Denn dass es schier unmöglich war, auf den wackligen Beinen der Trunkenheit ein schweres Bachkalb zu tragen, musste selbst die erboste Ehefrau einsehen, zumal es nicht ratsam war, das Bahkauv mit nach Hause zu bringen. Kam ein vom Bahkauv Befallener auf die Idee, um Erlösung zu beten, machte sich das teuflische Untier immer schwerer. Allein von Fluch und Schimpf wurde es leicht und hob sich davon. Das erklärt, warum im Herzen friedliche Mannspersonen nach einer Zechtour leider fluchen und schimpfen müssen, wenn sie es nach Hause schaffen wollen.

Eigentlich verbieten sich Witze oder Spekulationen über Familiennamen, doch manchmal kommt ein Name einfach zupass, weshalb man ja auch gerne „Nomen est Omen“ sagt. Jedenfalls hat eine Frida Hockauf, geborene Kloß, Weberin im Volkseigenen Betrieb (VEB) „Mechanische Weberei Zittau“, die Frida-Hockauf-Methode erfunden, eine in der DDR verwendete Methode zur Steigerung der Arbeitsproduktivität. Aufhocker fallen offenbar nicht vom Himmel, sondern werden von Menschen wie Frida Hockauf erdacht.

Den größten und mächtigsten Hockauf erdachte Konrad Zuse, Im Jahr 1938 baute er den ersten Computer, genannt Z (Zuse) 1. Der Z1 konnte 1536 Zeichen speichern, war aber so groß wie zwei Tischtennisplatten. Welch ein Glück für die Menschheit, dass die Nationalsozialisten mehr an Riesenkanonen, Raketen und Wunderwaffen interessiert waren und die Brisanz von Zuses Erfindung unterschätzt haben. Mein Rechner ist einer der Ururenkel. Er kommt ganz leise daher. Sein Lüfter ist kaum zu hören, und oft weiß ich nicht, ob er ausgeschaltet ist oder nur schlummert. Er ist eben ein heimtückisches Bahkauv, jederzeit bereit aufzuhocken und mich bei den Ohren zu dirigieren. Diesen Text hat es mich zu schreiben gezwungen. Seltsam, ich war nicht einmal betrunken.

Requiem für einen verschwundenen Text

Ein Freund von mir hat einen Text verloren. Er hätte ihn schon lange schreiben wollen, er wäre auch schon im Kopf fertig gewesen. Durch eine geringfügige Ablenkung durch mich sei ihm der Text abhanden gekommen, behauptet er. Könnte mir nicht passieren. Ich fange schon an zu schreiben, wenn ich noch gar nichts im Kopf habe, hehe! Allerdings muss ich schon seit Tagen daran denken, was ich kürzlich in Lichtenbergs Sudelbüchern gelesen habe. Er hat 62-erlei Weisen gezählt, „das Gesicht mit einem Ellbogen und einer Hand zu unterstützen“, beispielsweise: „Die meditierende, da zum Exempel der Daumen der rechten Hand an den rechten Schlaf gesetzt, der Zeigefinger aber über die Stirne weggeht und die übrigen Fingen nebst dem Zeigefinger eine Art Schirm über dem Auge formieren. (…)“ [L141]

Derlei differenzierte Selbstreflexion, denn wo anders als an sich hatte er die 62 Weisen beobachten und ausprobieren können, derlei differenzierte Selbstreflexion ist vermutlich versunken wie Lichtenbergs 18. Jahrhundert. Der heutige Mensch ist viel oberflächlicher. Allein die Grenze zu ziehen zwischen den Gesten, ist eine Verstandesleistung, das alles ohne Vorbild zu tun, erst recht. Doch am meisten fasziniert mich die Beharrlichkeit, mit der Lichtenberg ein derart absolut müßiges Beobachtungs- und Klassifizierungsprojekt vorangetrieben hat, ohne einen anderen Beifall als den eigenen zu erwarten, denn dass seine Sudelbuchnotizen jemals veröffentlicht werden würden, hat er nicht erwartet und auch nicht erlebt.

„Der Dichter begann, Zeigegesten zu machen“, betitelte kürzlich Klaus Graf vom Archivalia-Blog einen kleinen Prosatext. Ich fragte mich, was unter dem Plural zu verstehen wäre, – nacheinander mit derselben Geste auf Verschiedenes zu zeigen oder verschiedene Zeigegesten? Wir kennen mehrere:

    1. den Fingerzeig mit dem gestreckten Zeigefinger. Aus den USA ist die Unsitte gekommen, mit dem Zeigefinger auf Mitmenschen zu zeigen, was ursprünglich bei uns verpönt war. Es hieß: „Man zeigt nicht mit nacktem Finger auf angezogene Leute.“ Auf Menschen zu zeigen galt allerdings in der Antike als Geste der Kraftübertragung;

    2. die nach oben sich öffnende Hand, wobei die geschlossenen Finger auf etwas zeigen.

    3. den Mittelfinger zeigen; was weniger eine Zeigegeste ist, sondern ein Vorzeigen des Fingers zum Zwecke der Beschimpfung.

    4. In die Kategorie „Vorzeigen des Fingers“ gehört auch der nach oben gerichtete Daumen. Er zeigt Einverständnis an. Wird er gesenkt, ist Abwertung gemeint.

    5. Aachener in der Fremde grüßen einander mit dem nach oben gereckten kleinen Finger, wobei die anderen Finger zur Faust geschlossen bleiben. Die Geste heißt „Klenkes.“

    6. Die Schläfenschraube wird mit dem gestreckten Zeigefinger ausgeführt. Im Rheinland heißt das, „einen Fimmel zeigen.“ Der Fimmel kann auch verstohlen mit leicht gekrümmtem Zeigefinger an die Stirn getippt werden. Landläufig bekannt ist die Schläfenschraube als Autofahrergruß.

Wie in der Grammatik zwischen zielenden (transitiven) und nichtzielenden (intransitiven) Verben unterschieden wird, beispielsweise „kocht die Suppe“ (transitiv), „kocht vor Wut“ (intransitiv) lassen sich Zeigegesten unterscheiden: 1 und 2 sind transitive Gesten, 3 und folgende sind intransitive Gesten. Sie zeigen etwas, nicht auf etwas.

Als ich diesen Text begann zu schreiben, lauerte weit hinten ein Gedanke, den es noch zu verknüpfen galt. Inzwischen ist er fort und im Orkus versunken wie der Text des Freundes. Leider kann ich es ihm nicht in die Schuhe schieben, denn ich habe ihn gut vier Wochen nicht mehr gesehen.

Lehrer Schulz wäre begeistert

Etwa ab meinem 12. Lebensjahr wohnten wir im Dachgeschoss der Schule. Unter uns in der großen Lehrerwohnung wohnte ganz alleine Lehrer Schulz, ein junger Mann aus dem Ruhrgebiet, den es auf unser Dorf verschlagen hatte. Lehrer Schulz war ein freundlicher Mann, der bald beim Abendessen unser Kostgänger wurde. Ich mochte ihn gern bei uns am Tisch. Manchmal kam er später noch einmal zu uns herauf und spielte eine Partie Skat mit meinem älteren Bruder und seinem Freund Oberlacks Kurti. Manchmal am Wochenende lockte er meine Mutter zu sich herunter, und wenn sie wieder hochkam, hatte sie rote Wangen und einen sitzen. Sonst war Lehrer Schulz einsam. In seinem Wohnzimmer lehnte ein Cello. Ich konnte in meinem Dachzimmer hören, wenn Lehrer Schulz dem Cello von seiner Einsamkeit klagte.

Wenn du ein Layoutprogramm benutzt, dann steht dir eine Hundertschaft von Spezialisten zur Seite. Grafiker, Typografen, Fotografen, Retuscheure, Künstler, Schriftexperten, Reprotechniker, Programmierer. Sie alle haben ihr Wissen in die Programme einfließen lassen.

Höre ich den klagenden Laut des Cellos, so ist mir, als hätten hundert Spezialisten des Wehklagens dem Erfinder des Cellos von ihrer Sehnsucht geklagt. Aus diesem Ozean von Wehmut schlugen die Wellen von unten in meine Dachstube. Ich weiß nicht, ob ich schon Sehnsucht kannte. Mir scheint, mich befiel nur ein diffuses Gefühl von Unwohlsein, wenn Lehrer Schulz Cello spielte. Ähnliches spürte ich später, wenn in einer Metzgerei Knochen gesägt wurden. Glücklicherweise fand Lehrer Schulz irgendwann eine Freundin, verlobte sich, heiratete und zog nach Essen. Aus der Zeit seiner Einsamkeit ist mir das Cello als wehklagendes Instrument in Erinnerung.

Das änderte sich, als Mitte der 1960-er Jahre im Zuge der neodadaistischen Fluxus-Bewegung die barbusige Cellistin Charlotte Moorman auftrat, wobei für mich als Jugendlichen das Cellospiel eher uninteressant war. Dann war Jahrzehnte Frieden zwischen dem Cello und mir. Zum Jahrtausendwechsel begeisterte ich mich für das Cellospiel der finnischen Musikgruppe Apocalyptica, aus eher destruktiven Gründen.

Kürzlich fand ich auf Youtube die Cellistin Ghislaine Valdivia bei der Interpretation von „Kashmir“, einem Song der englischen Rockband Led Zeppelin von 1975. Lehrer Schulz wäre auch begeistert.

Teestübchen Musiktipp

Und hier das Original. Ehre wem Ehre gebührt.

Ein Herr des Stoffbeutels

Schräg links hinweg über den Gang des ICE, kann ich einen kräftigen Mann von etwa Ende 30 sehen. Er kommt wohl aus dem Urlaub, denn sein Gepäck ist ein riesiger Rucksack, ein Teil, vor dem ich Angst hätte. Wollte ich es schultern, würde es mich zu Boden reißen und erdrücken. Nachdem sein Sitznachbar in Bielefeld ausgestiegen ist, wuchtet er den Rucksack neben sich auf den Boden und kramt darin. Da kommt allerlei Zeug zum Vorschein, von dem ich weiß, man braucht’s nur, um es hervorzuholen, anzuschauen und wieder wegzupacken.

Während ich das noch bestaune, zieht er einen weißen Stoffbeutel aus dem Rucksack, legt ihn neben sich auf den freien Sitz und holt einen Stapel Kataloge und Prospekte hervor. Man weiß schon, diese reich bebilderten Druckwerke auf Kunstdruckpapier, die es überall zum Mitnehmen gibt, beispielsweise in Tourismuszentralen von Urlaubsorten. Jeder hat derlei schon irgendwo mitgenommen. Spätestens zu Hause weiß man nicht mehr, wohin damit. Angeschaut hat man das Zeug sowieso nicht. Wenns wenigstens Faltblätter, Prospekte, Broschüren und Kataloge aus Museen wären.

Was er sorgfältigst betrachtet, ja, sogar liest, sind Kunstdruckdevotionalien von Urlaubsorten offenbar aus den Alpen. Er nimmt noch das läppischste Faltblatt, studiert es ganz genau und stapelt es auf dem Schoß, orientiert an der rechten und oberen Kante. Die Pedanterie, in der das geschieht, macht mich ganz kirre, vor allem, weil es komplett sinnlos erscheint, verschieden große Druckwerke auf Kante zu stapeln, wie es sinnlos ist, einen Tourismusprospekt genau durchzulesen, wenn man auf der Heimreise ist. Vor allem dachte ich, hätte ich schon einen so großen Rucksack zu schleppen, würde ich nicht noch 25 Kilogramm Prospektmaterial mitschleppen. Schon der Sammelbegriff „Prospektmaterial“ zeigt doch, dass man komplett unbeachtet lassen kann, womit das Papier bedruckt ist. Es ist Material, letztlich nur Gewicht. Eine Schande, dass dafür grüne Bäume sterben mussten. Kein vernünftiger Mensch sammelt derlei Druckerzeugnisse. Der vernünftige Mensch, der das schreibt, muss freilich zugeben, dass er aus ethnologischem Interesse eine Weile die aufregend typografierten Werbeprospekte von Supermärkten und Discountern gesammelt hat, beispielsweise den Aldi-Informiert-Pospekt von Aldi Süd, der in der Fotomontage im Blogheader zu sehen ist. Der Fachbegriff für derlei Material ist „Graue Literatur.“ Das Zeug gehört zum kulturellen Erbe wie ein Roman von Peter Handke.

Wie heutige Archäologen glücklich sind, wenn sie in einer versunkenen antiken Stadt Graffiti von Klosprüchen finden wie beispielsweise in den Ruinen von Pompeji, werden zukünftige Archäologen glücklich sein über den Otto-Katalog. Er ist schon Geschichte seit der letzten Druckauflage im Jahr 2018. Man wäre heute schon froh, hätte man den ersten Otto-Katalog von 1950. Desgleichen wird die Plastiktüte bald museal sein, heute schon zu bestaunen in Andrea Hemings Projekt „Tüte der Woche.

Vor Hannover beginnt der Mann alles einzupacken, schultert sein Hab und Gut, steigt dann vor mir aus. Hannover ist um hundert Prospekte reicher. Juhu.

Brötchenproblem

Eine Freundin schenkte mir einen leichten Stoffbeutel. Ich gehe zur Bäckerei, grüße freundlich und lege ihn auf die Theke. Die Bäckereifachverkäuferin packt mir ein Brötchen und ein Rosenbrötchen hinein. Falls jemand fragt, was sind denn Rosenbrötchen? In zivilisierten Gegenden heißen die Milchbrötchen. Rosenbrötchen sind quasi Rosinenbrötchen ohne Rosinen. Am Wochenende gibt es keine Rosenbrötchen, sondern nur Rosinenbrötchen, weil es offenbar leichter ist, Rosinen in den Teig zu geben als wegzulassen. Der Bäcker braucht schließlich auch mal Feierabend. Aber das ist ein anderes Problem. Heute Morgen wollte ich den wortlosen Zustand nicht und sagte: „Ich hätte gerne dasselbe wie gestern.“ Das war sprachlich natürlich nicht korrekt, denn die Brötchen von gestern hatte ich ja schon gegessen. Wenn das gleiche nicht dasselbe sein kann, weil dasselbe nicht mehr da ist, behilft sich der Volksmund mit der Wendung: „Dasselbe in Grün.“ Im Falle der Brötchen geht das natürlich nicht, denn grün können sie höchstens werden, wenn sie verschimmelt sind. Also besser nicht danach fragen. Meine ich nicht konkrete Brötchen, sondern nur die Idee der Brötchen, also die  Universalien, könnte ich trotzdem „dasselbe wie gestern“ verlangen. Denk mal darüber nach!