Warum den Alten die Zeit davonrennt – eine Spekulation von Jeremias Coster

„Ich habe meine eigene Theorie, warum die Zeit mit steigendem Lebensalter immer schneller zu vergehen scheint“, sagte Jeremias Coster, der dubiose Professor für Pataphysik und Leiter des Institus für Nachrichtengeräte an der Technischen Hochschule Aachen. „Willst du sie hören, Trithemius?“

„Nur zu. Allerdings zweifele ich den linearen Zeitenlauf an. In Wahrheit vergeht die Zeit ruckartig. Wir merken es nicht, weil wir den Sonnenlauf beobachten können. Darum der Mythos des Sonnenwagens. Wäre die Sonne immer durch Wolken verdeckt, hätte die Menschheit ein ganz anderes Zeitgefühl entwickelt.“

„Interessant. Doch, nachdem du ’nur zu‘ gesagt hattest, wollte ich darlegen, warum die Zeit mit steigendem Lebensalter immer schneller zu vergehen scheint. Deine Hypothese ist nämlich nicht hilfreich, weil wir nicht unter einer ständigen Wolkendecke leben, obwohl es gerade regnet wie Sau. An anderen Tagen können wir den Sonnenlauf beobachten, nimm nur als Beispiel den wandernden Schatten auf der Sonnenuhr.“

„Niemand beobachtet den wandernden Schatten unentwegt 12 Stunden lang. Wie kann die sporadisch beobachtete Sonnenuhr meine Annahme widerlegen?“

„Verd…! Schau auf die Überschrift. Da steht ‚Warum den Alten die Zeit davonrennt – eine Spekulation von Jeremias Coster‘ und nicht: ‚derweil Trithemius ständig dazwischen quatscht‘.“

„Entschuldigen Sie mal, Coster, die Überschrift habe ich geschrieben und könnte sie jederzeit in meinem Sinne ändern. Aber ich will mal nicht so sein. Also, warum, glauben Sie, vergeht die Zeit mit steigendem Alter immer schneller?“

„Es scheint so, um genau zu sein. Wenn ein einjähriges Kind und ein Hundertjähriger in einem Haushalt leben, dann vergeht die Zeit der beiden natürlich gleich schnell, sonst würde der Hundertjährige ja in der Zeit davoneilen. Es geht um das Empfinden der beiden. Sieh, für das genannte Kind ist ein Jahr 100 Prozent seines Lebens. Für den Greis ist ein Jahr 1 Prozent seines Lebens. Beide überblicken die gleiche Zeitspanne von einem Jahr und empfinden sie riesig (bei 100 Prozent) oder winzig (bei einem Prozent).

„Hm, es hört sich plausibel an, aber das sage ich nur wegen meiner anerzogenen Höflichkeit. Sie könnten Recht haben, Coster. Und nur weil ich Ihre Erklärung nicht ganz verstehe, muss sie nicht falsch sein.“

Am Beispiel des 100-jährigen und des Einjährigen im gemeinsamen Haushalt lässt sich ebenso deine Annahme widerlegen, die Zeit vergehe ruckartig. Ich nehme an, du meinst das Phänomen, dass beim Warten die Zeit schleicht, während sie davoneilt, wenn man sich anderweitig beschäftigt. Auch hier würde ein Wartender, sei es Kind oder Greis, das gemeinsame Zeitkontinuum verlassen. Der Wartende würde sozusagen zurückbleiben. Es ist demnach sinnvoller die Zeit als Größe anzusehen, die vom subjektiven Zeiterleben nicht tangiert wird.“

„ Ist demnach alles eine Frage der Wahrnehmung?“

„Wenn du Wahrnehmung mit Falschnehmung übersetzt. Auch bei der Zeit ist der Mensch ein großer Falschnehmer.“

„Das erinnert mich an die perspektivische Wahrnehmung. Obwohl wir alles ständig verzerrt wahrnehmen, bewirkt das Gehirn eine Entzerrung. Niemand bezweifelt, dass ein Teller rund ist, obwohl er auf dem Tisch eliptisch wirkt. Das ist die sogenannte Konstanzleistung des Gehirns, so dass die Menschen bis ins 15. Jahrhundert die perspektivische Verzerrung nicht richtig sehen konnten. Könnte die einheitliche Zeitwahrnehmung nicht auch eine Konstanzleistung des Gehirns sein?“

„Du meinst, im Alter eilt der Mensch in der Zeit voraus, aber die Jungen bemerken das nicht? Innerhalb einer derartigen Zeitverzerrung müsste es dann eine Toleranz geben, die eine Einheitszeit suggeriert.“

„Mir gefällt die Idee, dass ich in der Zukunft lebe. Nur deshalb kann ich ein Gespräch mit Ihnen aufschreiben, bevor wir es überhaupt geführt haben.“

Lassen Sie uns Herr zueinander sagen

Zu Zeiten vielfältiger Pflichten in Beruf und Familie gehörte nur der Sonntagmorgen mir. Dann wusste ich nicht wo anfangen vor lauter faszinierender Dinge, denen ich mich widmen konnte. Derzeit ist mein Leben ein immerwährender Sonntagmorgen. Das ist ein Luxus, von dem ich einst geträumt habe. Doch die Welt ist zudringlich. Von überall dringt Lärm an mein Ohr. Ebenso will ich nichts hören vom Getöse im Internet. Manchmal kappe ich die Verbindung, sonst dringt das aufgeregte Tuten und Blasen sogar zu mir durch, wenn der Internetbrowser geschlossen ist. Ob es hilft, wenn ich der Welt das Sie anbiete? Lassen Sie uns Herr zueinander sagen!

Seit Tagen kann ich mich nicht auf mein Romanprojekt konzentrieren, an dem ich schon zu lange schreibe. Derzeit wird daraus nichts wegen der Frühlingssonne. Vor der Parkbank liegen auf dem Boden kreuz und quer nicht abgebrannte Streichhölzer. Die roten Köpfchen wirken, als würden die Hölzer sich schämen, dass sie nicht Kopf an Kopf nebeneinander in der Schachtel liegen wie es sich gehört. Ein Mann macht laut: „BUH!“, und ein Haufen Tauben fliegt auf. Zwei junge Männer von der Nachbarbank spüren einen Impuls und gehen gemeinsam fort. Jeder führt einen Hund an der Leine. Ein Jogger im orangefarbenen Outfit läuft an ihnen vorbei und schaut sich vorwurfsvoll um. Ich kann unter der hellen Sonne die feine Webstruktur meiner Hose genau erkennen und frage mich, wo und unter welchen Bedingungen der Stoff wohl gewebt wurde. Zu viele Dinge, deren Herkunft fragwürdig ist. Die Kirchturmglocke schlägt dreimal.

    „Müssen Sie immer so lang schreiben?
    Können Sie nicht mal kurz schreiben?“, fragt die Welt.
    „Doch.“

Horribel

Als ich noch ADAC-Mitglied war, irgendwann in den 1990-er Jahren, sah ich mir gerne den gruseligen Anzeigenteil in der ADAC-Hauszeitschrift „Motorwelt“ an. Dabei dachte ich, dass die werbenden Unternehmen durch Marktforschung doch eine Vorstellung von ihrer Zielgruppe haben müssten. Man verplemperte schließlich kein Geld an Leute, die die beworbenen Produkte nicht brauchen. Folglich ließ sich von den Anzeigen rückschließen auf das durchschnittliche ADAC-Mitglied. Es wäre ziemlich kurios, wie meine Aufstellung aus dem Tagebuch von Januar 1995 zeigt. (Größer: Bitte Klicken!)

Die Werbespots im Vorabendprogramm der ARD zeichnen ebenso ein Zerrbild des typischen Zuschauers. Er/sie ist vergesslich, hat Ohrgeräusche (Tebonin), nächtlichen Hardrang (Granufink), Verstopfung (Dulcolax), kann abends nicht einschlafen (Neurexan), kommt morgens nicht in die Gänge (Vitasprint). Suggeriert wird ein naiver Medikamentenglaube. Man redet den Leuten ein, sie wären Maschinen mit Fehlfunktionen, die sich quasi auf Knopfdruck medikamentös ausschalten lassen würden. Um ihnen den restlichen Verstand zu rauben, bietet die ARD im sogenannten anzeigenfreundlichen Umfeld dümmliche Quizshows vom Format „Wer weiß denn sowas?“ oder „Quizduell.“

Dass das kontextlose Abfragen und Wissen in Kreuzworträtsel und Quiz nicht die Intelligenz fördert, habe ich hier schon mal begründet. Der dumme Konsument ist ein guter Konsument. Folglich verkleistert man seinen Verstand mit Quatschwissen.

Du lieber Himmel, jetzt habe ich alle Medikamente gegoogelt, um sie zu verifizieren, denn es darf ja nichts Falsches im Teestübchen veröffentlicht werden. Hoffentlich überschütten mich die fürsorglichen Pharma-Unternehmen jetzt nicht mit einschlägigen Angeboten. Und alles nur, weil ich über die horrible Werbung im ARD-Vorabendprogramm geschrieben habe.

    Holla? Meine Rechtschreibprüfung kennt „horribel“ nicht? Der Duden schimpft das Adjektiv aus dem Französischen „veraltet.“ Also beuge dich, horribel, damit du wieder gelenkig wirst!
    Positiv horribel,
    Komparativ horribler,
    Superlativ am horribelsten.
    Klingt komisch.

Adjektive klingen meistens komisch. Eine Anekdote, mit der Journalisten-Stilpapst Wolf Schneider in seinem Ratgeber Deutsch fürs Leben aufwartet, handelt von Clemenceau und geht so: „Der französische Zeitungsverleger und spätere Ministerpräsident hängte in seine Redaktionen ein Schild, auf dem es hieß: ‚Bevor Sie ein Adjektiv hinschreiben, kommen Sie zu mir in den 3. Stock und fragen, ob es nötig ist‘.“ Ein Rat für alle, die von der Ausschmückeritis befallen sind. Wer unbedingt auf der „Glatze Locken drehen“ [Karl Kraus] muss, dem hilft auch nichts von Ratiopharm.

Über Gruß und Grüßen

Was für ein hohles Ritual, dachte ich, als die Frau den Raum verließ. Sie wandte uns den Rücken zu und sagte: „Auf Wiedersehen.“
„Auf Wiedersehen!“, sagten alle wie im Chor, ich auch. Was wäre die Alternative? Hätte sie grußlos den Raum verlassen, hätten alle gedacht: Wie unfreundlich. Das Ritual bei der Verabschiedung einander wildfremder Menschen ist Teil unserer Sozialisation. Sich dagegen zu verhalten, bereitet den anderen ein ungutes Gefühl. Wieso? Im Studium besaß ich ein Buch über menschliche Kommunikation. Der Autor, dessen Name mir entfallen ist, nein, es war nicht Paul Watzlawick, entwickelte die Theorie der Streicheleinheiten.

Ein einfacher Guten-Morgen-Gruß wäre demnach eine Streicheleinheit. Wer sie gibt, erwartet eine angemessene Gegenleistung. Angemessen bedeutet nicht übertrieben und nicht zu wenig. Angenommen man begegnet einem flüchtig bekannten Kollegen regelmäßig auf dem Flur. Da wäre ein „Guten Morgen“ angemessen. Die Antwort: „Guten Morgen, wie geht es Ihnen?“, würde als aufdringlich empfunden, denn man hat nur eine Streicheleinheit bekommen und gibt zwei zurück. Etwas anderes wäre es, wenn die morgendliche Begegnung eine Weile ausgeblieben wäre. Dann dürfte eine schlichte Ergänzung folgen: „Guten Morgen, lange nicht mehr gesehen.“

Wenn man voneinander den Namen wüsste, wäre „Guten Morgen, Herr/Frau Sowieso“ angemessen. Au, Mist, der Name fällt einem nicht ein. Man antwortet schlicht: „Hallo“ und hat ein ungutes Gefühl, denn man hat zwei Streicheleinheiten bekommen, aber nur eine halbe zurückgegeben. Weitere Grußsituationen lassen sich jetzt herleiten. Warum gibt es diese sozialen Zwänge und warum unterwerfen wir uns?

Affen stärken den Zusammenhalt ihrer Gruppe, indem sie einander kraulen. Dies wird schier unmöglich, wenn die Gruppe zu groß ist. Hier meine persönliche Sprachentwicklungstheorie: Einander wahr zu nehmen und diese Wahrnehmung durch einen Laut kund zu tun, ist eine Sorte Fernkraulen. Das entspannt die Situation und zeigt an: „Du bist eine/einer von uns.“

Das war’s vorläufig. Ich sage Tschüs und schönes Wochenende!

An nichts denken müssen

Gestern habe ich in der Sonne gesessen. Ich fand eine Bank am Rand des Van-Alten-Gartens. Eine kleine kompakte Frau im kurzen Höschen joggt vorbei. Offenbar war sie so gut trainiert, dass auch die Kälte im Schatten ihr nichts machte. Sie verharrte unten an der Straße, dann sprintete sie am Park entlang das kurze Stück der Kirchstraße bis zur Pfarrei. Von dort joggte sie zurück. An der alten Stelle drehte sie und verschnaufte, um wieder los zu laufen, zuerst mit Trippelschritten, ab der Hälfte der Strecke im Sprint. Das wiederholte sie, wobei sie die erste Phase modifizierte, mal kurze Trippelschritte, mal steifbeinig die Füße hebend wie eine Marionette. Das wirkte albern, aber war ihr wohl egal.

Ich erinnerte mich, als Radsportler auch manchmal im Intervall trainiert zu haben, beispielsweise auf großen Parkplätzen, weil sich dort kurze Strecken bemessen ließen. Dass dies vorbei ist und nicht wieder zu erlangen, machte mich schwermütig. Ich erhob mich und schulterte den Rucksack mit dem Einkauf.

Den ganzen Tag hatte ich mich schon seltsam gefühlt. Heute weiß ich warum. Die Tiernatur in mir ahnte den Wetterumschwung, ahnte den aufkommenden Schneefall, wiewohl der Himmel noch bläute. Das Eichhörnchen begann umtriebig nach vergrabenen Nüssen zu suchen. Die Vögel in der Nachbarschaft flogen unruhig heran und hofften, etwas möge für sie abfallen. Die Tiernatur hatte mich zum Einkauf veranlasst, um Vorräte zu ergänzen. Nur Salz hatte ich vergessen, trotz Einkaufzettel.

Ich spürte den anstehenden Wetterumschwung, verstand aber die Botschaft meiner Tiernatur nicht. War ich zu sehr in Gedanken? Hätte ich einfach mal an nichts denken sollen? Das ist schwerer als das Wort „einfach“ vermuten lässt. Der fabelhafte Robert Walser schreibt:

    Für einen Intelligenten bedeutet es eine sehr feine Freude,
    es fertigzubringen, an nichts zu denken.

In einem Radio-Spot der Belgische Eisenbahn preist eine Frau das Reisen mit der Bahn:

    „O het is zalig, om aan niks te mutte denke,
    daar kan ik lekker ontspannen.“
    [O es ist wunderbar, an nichts denken zu müssen.
    Da kann ich mich schön entspannen.]

Ich habe den Verdacht, dass hier zwei verschiedene Weisen, nicht zu denken gemeint sind. Walser meint die gedankenlose Selbstbesinnung, während die Spoorwegen das simple Reisen auf Schienen preisen. Man muss sich keine Gedanken machen über die Fahrtstrecke. Das ist Element einer Welt der Betreuungsangebote, zu denen Routenplaner, Fahrplan-App und Informationsmedien gehören. So verstandenes Bahnreisen ist wie Zeitungslesen. Wie der Zugreisende sich keine Gedanken über die Fahrtstrecke machen muss, die Stationen seiner Reise nicht zu bestimmen und nicht auf den Weg zu achten hat, braucht auch der Zeitungsleser nur den gedanklichen Spuren zu folgen, die Journalisten zu Zeilen angeordnet haben gleich den Gleisen der Bahn. Als Bahnreisender hat man nur den Blick nach links und rechts aus dem Fenster, sieht also nicht genau, wohin die Reise geht. Man muss vertrauen, dass die Gleise nicht in den Abgrund führen. Ebenso wie Leser*Innen eines Zeitungsartikels vertrauen müssen, dass man sie nicht aufs Glatteis der Desinformation führt.

Doch bei den Zeitungen hat sich eine Schreibweise durchgesetzt, die des Meinungsjournalismus. Als würden Bahnbedienstete mutwillig darüber entscheiden, auf welchem Gleis zu welchem Ziel die Bahnreisenden geleitet werden. Da sagt ein Bahnoberer: „Jetzt fahren wir mal alle Leute in den Schwarzwald!“ und aus allen Richtungen dampfen Züge heran nach, sagen wir mal, Freudenstadt. In Freudenstadt heißt es „Endstation. Bitte alle aussteigen!“ Dann stehen die Leute in hellen Scharen auf den Bahnsteigen und wundern sich. „Was sollen wir denn hier in Freudenstadt?“ Und es hagelt Bußgelder, weil die Mindestabstände nicht eingehalten werden. Tja, das ist die Konsequenz von “ aan niks te mutte denke.“

Nichts gegen Freudenstadt.

Bitte halten Sie fünf Minuten meine Ferse!

„Et jitt sunn – un et jitt andere – un dat sin de mietste“, säät kölsch Hännesje (Es gibt solche – und es gibt andere – und das sind die meisten, sagt das kölsche Hännesje), und: „Jede Jeck is anders.“ Natürlich ist auch jeder Jeck anders jeck. Das Substantiv Jeck und das Adjektiv jeck sollen auf den biblischen Jacobus zurückgehen, das ist der hebräische Rufname für „Fersenhalter“, was den nachgeborenen Zwillingsbruder meint. Der Begriff Jeck für Mitmensch entspricht der rheinischen Toleranz und der Einsicht in die eigene Unvollkommenheit. Fersenhalter sind wir alle, die Nachgekommenen von unvollkommenen Leuten, und die Ähnlichkeit mit diesen Ahnen haben wir uns nicht ausgesucht.
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Einauge sei wachsam – Le Cyclop von Jean Tinguely

Es war vieles schlecht im Jahr 2020, aber nicht alles, zumindest für mich nicht. Im Juli waren meine Liebste und ich zu Gast bei Freunden in Fontainebleau. Unser Gastgeber fuhr mit uns in einen Wald bei Milly-la-Forêt, um uns die gewaltige Plastik „le Cyclop“ von Jean Tinguely zu zeigen. Hier eine Beschreibung:

Im Jahr 1971 erschien im Berner Tagblatt eine Anzeige: «Jean Tinguely sucht Bauschlosser oder Schlosser (Deutschschweizer), vielseitig und schwindelfrei, Autofahrer (Jasskenntnisse erwünscht), f.d. Konstruktion einer Riesenplastik in der Nähe von Paris für die Dauer von ca. 6 Monaten.»

Es meldete sich der Berner Maschinenschlosser Seppi Imhof. Er blieb 20 Jahre, bis zu Jean Tinguelys Tod (1991) dessen Assistent. Im Gespräch mit der Baseler Wochenzeitung TagesWoche berichtet Seppi Imhof von den Anfängen der Plastik:

    „Als ich das erste Mal in den Wald bei Milly-la-Forêt kam, standen ein paar Eisenstangen herum, eine Notstromgruppe, etwas Werkzeug und ein Schweissgerät – viel mehr war noch nicht vorhanden. Rico Weber und Paul Wiedmer hatten bereits damit begonnen, im Wald an diesem Werk zu bricolieren. Es zeigte sich aber, dass sie alleine nicht zurande kamen. Also fing ich an, und aus dem halben wurde ein ganzes Jahr, wurden zwei, drei und noch mehr Jahre. Schliesslich arbeiteten wir 20 Jahre an diesem Kopf. […]“

Das aus dem Französischen stammende Verb „bricolieren“ [franz. bricoler = herumbasteln] meint das Verfahren, Dinge ihrem angestammten Kontext zu entnehmen und in neue Zusammenhänge zu bringen. Bezogen auf die Materialkunst zeigt sich hier die Nähe zu den Dada-Assemblagen, besonders zu Kurt Schwitters‘ Merzbauten und zu Tatlins Maschinenkunst.

Fotografisch kaum zu fassen: Le cyclop – Foto: JvdL


Das enorme Fundament des Cyclops lässt vermuten, dass Tinguely bereits in den Anfängen eine Vorstellung von der späteren Größe seines Cyclops gehabt haben muss. Heute erhebt sich zwischen den Baumwipfeln eine 22 Meter hohe Eisen- und Stahlkonstruktion mit einem Gewicht von etwa 300 Tonnen.

Das Gesicht des Cyclopen – Foto: Susanne Braun – zum Vergrößern bitte klicken!

Das verspiegelte Gesicht des Cyclopen wurde von der Malerin und Bildhauerin Niki de Saint Phalle gestaltet. Einzelheiten seines Innenlebens waren von Zufallsfunden bestimmt. Man verbaute, was der örtliche Schrotthändler bereitstellen konnte und schreckte auch nicht vor Diebstahl zurück. Den in 20 Metern Höhe montierten Güterwaggon, zum Gedenken an die im Nationalsozialismus deportierten und ermordeten Juden, schleppte man ungehindert von einem Abstellgleis der nationalen Eisenbahngesellschaft Société nationale des chemins de fer français (SNCF), derweil die Bahnbeamten gerade streikten. Für den Waggon hat die Materialkünstlerin Eva Aeppli 28 Puppen mit eindrucksvollen Gesichtsmasken und in langen braunen Gewändern geschaffen und damit ein Denkmal der Trauer gesetzt.

So hat Tinguelys zweite Ehefrau Niki de Saint Phalle dem Cyclopen sein heiteres Gesicht gegeben, während das Werk seiner ersten Ehefrau Eva Aeppli ihm Bedeutungsschwere verleiht. Als Betrachter rätselt man über das Innenleben des Cyclopen wie die frühen Menschen, als sie sich staunend über das erstmals freigelegte Innere ihres Mitmenschen gebeugt haben. Und wie aus dem Gedärm des Menschen bisweilen rätselhafte Geräusche tönen, scheppert, quietscht, knallt und kracht es gelegentlich aus dem Inneren des Cyclopen. Polierte Metallkugeln werden von einem Transportsystem nach oben befördert, um dann lärmend durch eine roh verschweißte Kugelbahnkonstruktion nach unten zu stürzen. Ein gigantisches Räderwerk setzt sich und andere Bauteile in Bewegung, um letztlich nichts als Getöse hervorzubringen.

Die kinetische Gewalt der Konstruktion im Zusammenwirken mit Rost und Korrosion bringt Verschleiß mit sich. Tinguely hat keine Anweisung für die Restaurierung seines Werks hinterlassen, so dass die öffentlich bestellten Restauratoren (die Plastik gehört inzwischen dem französischen Staat) vor der Frage stehen, wie sie Bauteile ersetzen können, ohne die Einheit des Gesamtkunstwerks zu zerstören. Was einst durch Materialfunde und spontane Eingebung willkürlich entstand, wird auf diese Weise zum buchhalterlich konservierten Gedöns.

Normalerweise ist der Cyclop begehbar, enthält in seinem Inneren Objekte und Plastiken verschiedener Künstler. Coronabedingt darf das Innere leider derzeit nicht betreten werden.

Nachtfahrt

In der Titanic-Rubrik Humorkritik hat sich das Sammelpseudonym Hans Mentz über bellende Hunde in der Literatur ausgelassen und schreibt:
„Als typischer Anfängerfehler, den minderqualifizierte Autorinnen und Autoren durchaus bis ins Spätwerk mitzuschleppen nicht vermeiden können, gilt die Verwendung des auf eine Stimmung quasi existenzieller Verlorenheit abzielenden Satzes »Irgendwo bellte ein Hund«. Ja, dieser Satz ist geradezu zur Chiffre für handwerkliche (und freilich auch gedankliche) Autoren-Unfähigkeit geworden.“

Man kann leichthin so urteilen, wenn man mit einem Glas Wein an der Tastatur sitzt, quasi am Besserwissertisch, der aber eigentlich die Katzenbank ist, auf der ein Ahnungsloser hockt, der vom nächtlichen Durchqueren einer Einöde nur gelesen, sich folglich noch nie im Leben „existenziell verloren“ gefühlt hat. Weiterlesen

Der Mensch als großer Banalisierer

Er lag auf der Couch und hörte Musik. Als plötzlich Yellow Submarine der Beatles lief, hatte er die Erinnerung an einen seltsamen Laden. Er sah sich um. Ja, hier war er einmal mit Lisette gewesen. Er war widerstrebend mit ihr hineingegangen, denn ihm war nicht klar, was sie darin zu finden hoffte. Die Ware stand unordentlich herum, halb ausgepackte Kartons verstellten die Gänge. Umkleidekabinen waren auf einer Halbetage, beim Eingang die Kasse. Eine blonde Frau fragte, ob sie helfen könne. Lisette sagte, sie wolle sich nur umsehen. Ihm war das peinlich. Er würde nie in einen Laden gehen, um sich nur umzusehen.

Die Erinnerung wurde schwächer. Er ließ sie ziehen, denn ihm war klar, dass er sie nur halten könnte, wenn er einiges konkretisierte. Dann wäre es keine originale Erinnerung mehr. Sie würde überschrieben werden durch seinen fordernden Geist. Andererseits was war schlecht daran? Gab es einen Bestandschutz für Erinnerungen? Wer wollte den überwachen? Natürlich gehörten Erinnerungen zu einer gelebten Vergangenheit, zu einer Vergangenheit, die einmal Realität gewesen war. Aber jede Erinnerung daran war sie nicht wie eine Neuinszenierung auf einer Art innerer Bühne? Trotzdem, eine Neuinszenierung fußte ja auf der ersten Inszenierung in der Realität. Diese Inszenierung wurde tiefer und tiefer vergraben, wenn sie durch die Neuinszenierung überschrieben würde. Heißt es nicht, die Vergangenheit wäre unverrückbar? Ihm schien, dass es neben der gelebten Vergangenheit eine imaginäre Vergangenheit gibt, eine, die sich ständig verformt.

In früheren Zeiten hatte er oft Radio gehört. Welch eine Freude, wenn plötzlich ein Musiktitel aus seiner Jugend ertönte und eine Erinnerung auslöste an eine Zeit, in der er glücklich gewesen war. Heute konnte er sich bei YouTube oder Musikstreamingdiensten alle Titel seiner Jugend nach Belieben aufrufen. Er hörte sie dann im neuen Kontext seiner jetzigen Lebensphase. Das war auch jeweils eine Neuinszenierung vor einem aktuellen Bühnenbild. Nur wenige Musiktitel behielten ihren Zauber. Eventuell liegt es an der ständigen Verfügbarkeit von Konserven aus der Vergangenheit, dass vieles zu verflachen scheint. Jede Übermalung des Bühnenbilds eine Banalisierung.

Ein Hund lief in die Küche

Das Schmuckstück im Schlafzimmer meiner Eltern war eine Frisierkommode mit einem dreiflügeligen Spiegelaufsatz, mittig ein großes und an jeder Seite ein schmales Spiegelelement, das sich einklappen ließ. Ich sah meine Mutter selten vor diesem Spiegel. Sie war keine eitle Frau. Nach dem Tod ihres Mannes, meines Vaters, bestand für sie kaum noch Notwenigkeit, sich zurecht zu machen. Um so öfter sah ich in den Spiegel, und zwar in einen der Seitenflügel. Es war möglich, sie so zu stellen, dass sie sich gegenseitig spiegelten. Das gab den faszinierenden Spiegeleffekt, der immer kleiner werdenden Spiegel bis in eine unwägbare Unendlichkeit. Streckte ich meine Nase in diese phantastische Spiegelwelt, wurde auch ich in der immer kleiner werdenden Verdopplung und Verdopplung ein Teil von ihr. Dass es in der scheinbar so fest gefügte Realität einen derartigen Ort gab wie die sich selbst wiederholende Spiegelwelt, machte mich froh. Viel später lernte ich, dass es ein Wort dafür gibt: Iteration. Das Volkslied „Ein Hund lief in die Küche…“ ist quasi die sprachliche Entsprechung zur Spiegelwelt. Schade, dass der Köter immer wieder sein Leben lassen muss:

Ein Hund lief in die Küche
Und stahl dem Koch ein Ei.
Da nahm der Koch den Löffel
Und schlug den Hund entzwei..

Da kamen alle Hunde
Und gruben ihm ein Grab
Und setzten ihm ein’ Grabstein
Worauf geschrieben stand:

Ein Hund lief in die Küche
Und stahl dem Koch ein Ei.
[…]

Bei jeder Wiederholung, werden Hund. Küche, Koch, das Ei, der Löffel und der Grabstein kleiner, theoretisch unendlich oft. Trotzdem bleibt der Vorgang verständlich. Das unterscheidet das Lied vom sich immer wieder spiegelnden Spiegel.