Frau Wülles, Jakob und die Buben

Kürzlich bin ich zur kulturellen Landpartie im Wendland gewesen und habe gestaunt über die Fülle skurriler Ortsnamen wie Dickfeitzen, Salderatzen, Tolstefanz Thunpadel, Waddeweit. Sie gehen wohl auf die Sprache der Wenden zurück. Das ist ein slawischer Volksstamm, der sich einst unweit der Elbe niedergelassen hat und inzwischen assimiliert ist. Skurrile Ortsnamen gibt es auch in meiner ripuarischen Heimat, in der Gegend zwischen Köln und Aachen. Während die wendischen Ortsnamen allenfalls Poesie für mich sind, verbinde ich mit den ripuarischen eine Vorstellung, Diese Vorstellung existiert unabhängig von Tatsachen. Sie bringt etwas zum Klingen und beflügelt die Fantasie.

Einst sind wir, mein Freund Wolf und ich, mit den Rennfietsen von Aachen aus ins Eifelvorland nahe Düren gefahren. Wir starteten morgens bei niedrigen Temperaturen. Der Wind blies kräftig aus Süd-West. Ich hatte die Karte Naturpark Nordeifel eingesteckt und auch einige Ortsnamen auf ein Zettelchen gekritzelt, die bei der letzten RTF zur 115-Kilometer-Tour gehört hatten. Dort wollten wir hin. Wir wurden förmlich ostwärts geblasen, konnten uns aber nicht richtig freuen, denn diesen Wind würden wir bei der Rückfahrt gegen uns haben. Hinter Kreuzau holten wir einen Radsportler ein. Er schloss sich uns kurzzeitig an und wollte uns einen schönen Weg nach Thum zeigen. „Thum, Thuir, Tokio!“, rief er vergnügt; das schien ein geflügeltes Wort zu sein. Mich faszinierte die Vorstellung, gleich hinter Thum und Thuir würde sich aus den Rübenfeldern Tokio erheben. Da lag aber nur Froitzheim. Die Vokale werden nicht wie in Tokio getrennt gesprochen. Bei der Folge „oi“ wie in auch in Grevenbroich oder Broichweiden ist i ein Dehnungszeichen. Im ausgedehnten Froitzheimer Wald regnete es gelegentlich, aber der Wind verblies die Tropfen, so dass wir niemals nass wurden.

Dorfnamen wie ein Gedicht. Wie mager dagegen Girbelsrath, Echtz, Eich, Geich und so weiter, wo wir später herumfuhren. Darüber hatte ich zu Hause schon nachgedacht: Dass ja auch in Frauwüllesheim sich Dinge abspielen derart, dass ein junger Mann in sehnsüchtigem Verlangen zur Nachbarstochter entbrennt, das Haus umschleicht, Blicke wirft, Gelegenheiten sucht … und das geht vielleicht schon 1000 Jahre so, ohne dass man in der Weltgeschichte davon Kenntnis genommen hätte. Oder doch? Hat vielleicht ein Frauwüllesheimer die Fliegenklatsche erfunden, den beleuchteten Nachttopf, das Zerschneiden?
Jakobwüllesheim durchfuhren wir zügig, wurden durch eine Baustelle fehlgeleitet und kamen versehentlich nach Stockheim. Ein Junge auf einem Fahrrad erwies sich auf Befragen als „ortsfremd.“ „Ja bist du denn etwa aus Frauwüllesheim?“, fragte ich streng. „Nein, aus Aachen.“ Das waren wir selbst. Deshalb sahen wir auf der Karte nach. Wenn wir nicht zurückfahren wollten, müssten wir über Bubenheim fahren, einem Ort mit nur wenigen Häusern und einer Burg. Dorthin führte ein Wirtschaftsweg. Da er auf der Karte weiter hinten einseitig gestrichelt war, argwöhnten wir, der Weg sei nicht überall asphaltiert und ungeeignet für unsere Reifen.

Da kam ein faltiges Frauchen daher. Die fragte ich, indem ich ihr den Plan zeigte, ob der Weg befahrbar sei. Sie aber fand sich nicht zurecht. Offenbar hatte sie Stockheim noch nie von oben gesehen. Vermutlich war ihr der Gedanke gänzlich fremd, man könnte sich mit ihrer Welt kartografisch, also quasi theoretisch vertraut machen. Trotzdem erhob sie mutig ihre Stimme:

    „Hören Sie mal! Der Weg war früher asphaltiert, aber ob der dat immer noch is, dat weiß ich nicht. Fahren Sie besser über Jakobwüllesheim!“

Demnach war früher mal alles asphaltiert, Mac Adam oder Makadam, du verstehst – die ganze Gegend war voll davon, aber heute, na ja, da hat man vielleicht manche Stellen freigekratzt. „Unterm Pflaster ist der Strand“, haben sich die ausgeschlafenen Stockheimer gesagt. Nachdem die Frau so gesprochen hatte, begab sie sich auf den nahen Friedhof. Wir aber klickten in die Pedale ein und fuhren gegen ihren Rat los. Kaum auf dem Weg erkannten wir fern die Karrenspur, wo der Asphalt aufhörte.

In Bubenheim rollten wir auf die Burganlage zu. Der Torbogen der Meierei gähnte verlockend, und so lenkte ich hinein, ganz langsam, mehr tastend. Denn ich argwöhnte, hinter der Ecke lauere ein Hofhund. Da rief auch Wolf etwas von einem Hofhund hinter mir her, und ich sagte im hallenden Torbau: „Du kannst Gedanken lesen, aber hoffentlich nicht in die Zukunft schauen!“ Der Hund hielt wohl ein Mittagsschlöfli. Die aus Feldbrandsteinen erbaute Burg ist Ruine. Aus seltsamen Assoziationsketten wand sich Wolf etwas von „Weihnachten“ heraus, und wieder auf der Landstraße nach Frauwüllesheim sprach er vom Bedauern, wegen der Klimaerwärmung niemals mehr weiße Weihnachten zu erleben, allenfalls „in Form eines Blizzards.“ Das konnte ich mir nun gar nicht vorstellen. Ein Blizzard in Bubenheim? Das wäre doch sehr gewagt.

Wie ist es wohl zum Namen Frauwüllesheim gekommen? Vielleicht war da eine verwitwete Frau Wülles, und ihr Sohn Jakob siedelte später etwas abseits. Und waren es seine Buben, die eine Burg errichtet haben? Natürlich ist in Wahrheit alles ganz anders, aber nicht so hübsch. In Frauwüllesheim sah ich an der Bushaltestelle einen Aushang, der, DIN-A4 groß, eine ambulante Disco für die Jugend ankündigte. Ich war kurz versucht, ihn zu stehlen, ihn als volkskundliches Beutestück mitzunehmen, aber tat es nicht. So konnte sich in der Dorfjugend das Liebesgeplänkel ungehindert entfalten. Man wird noch von ihren Blagen hören! Oder eben vom Blizzard in Bubenheim.
[Bildmaterial aus einem Tagebucheintrag Juni 1993]

Äbtissin hat die Händlerkarte

„Ich freue mich, dass ich die Händlerkarte bekommen habe“, freut sich Elisabeth Vaterodt, Äbtissin des Klosters Marienthal in Ostritz. Sie ist wild entschlossen, Kunstschätze aus der Klosterbibliothek zu verscherbeln. „Bares für Rares.“ Wertvollstes Objekt ist der Marienthaler Psalter, ein prachtvoll illustriertes, handgeschriebenes Gebetsbuch vom Beginn des 13. Jahrhunderts. Nicht Horst Lichter, sondern der Schweizer Kunsthändler Jörn Günther soll den Verkauf des Kunstschatzes einfädeln. Experten schätzen den Wert auf vier Millionen Euro. Das Geld solle dazu dienen, so die Äbtissin, Schäden aus dem Neiße-Hochwasser 2010 zu beseitigen und den Bestand des Klosters zu sichern.

Einige Zeit hatte ich beruflich mit dem Kloster Marienthal zu tun. Die großen Nebengebäude sind nämlich mit Mitteln der Bundesstiftung Umwelt zum internationalen Begegnungszentrum (IBZ) mit Seminarräumen und Gästezimmern ausgebaut worden. Da die Stiftung auch Schüleraustauschprojekte wie „Jugend und Umwelt“ fördert, trafen sich dort regelmäßig Schulklassen aus östlichen Ländern der Europäischen Union mit deutschen Schulkassen. Die Schülerinnen/Schüler recherchierten Umweltthemen und schrieben Artikel für örtliche Zeitungen. Dazu fanden medienkundliche Seminare unter meiner Leitung statt. Diese und ähnliche Veranstaltungen sind im Corona-Lockdown ausgefallen, weshalb dem Kloster Einnahmen fehlen. Deshalb jetzt der skandalöse Ausverkauf von Kulturgütern, auf den der Archivar der RWTH Aachen, Klaus Graf, auf seinem Archivalia-Blog aufmerksam gemacht hat.

Wenn ein missratener Spross in der TV-Sendung „Bares für Rares“, wertvolle Erbstücke verramscht, wird das oft euphemistisch verbrämt mit der stereotypen Aussage: „Damit es in gute Hände kommt“, und man versteht die ehrliche Selbsteinschätzung, wer verramscht, was Generationen getreulich verwahrt haben, hat keine guten Hände. Wenn der Marienthaler Psalter in „bessere Hände“ gerät, verschwindet er vielleicht im Safe der Villa eines Oligarchen. Dann ist er so gut wie verbrannt.

Die Alten im Jammerholz und unterm Hammer

Im kafkaesken Film „Traumstadt“ von Johannes Schaaf nach dem 1909 erschienenen Roman „Die andere Seite“ von Alfred Kubin, gibt es eine verstörende Szene, deren Sinn ich mir erst seit einigen Tagen deuten kann. Die kranke Lebensgefährtin des Protagonisten wird von einem Pferdefuhrwerk abgeholt und außerhalb der Stadt in einen Baum gebunden. So weit der Film. Bei einer Geburtstagsfeier lernte ich ein Paar aus dem Wendland kennen. Das Gebiet nahe der Elbe ist der Siedlungsraum der Wenden, einem slawischen Volksstamm, identisch mit den südöstlich in der Niederlausitz lebenden Sorben.

Ich befragte den Mann aus dem Wendland, ob in seiner Heimatregion noch wendische Bräuche gepflegt würden. Er berichtete eher scherzhaft vom Jammerholz. Dahin würden die Alten gebracht und an oder in die Bäume gebunden. Dieser schreckliche Brauch entstand vermutlich in Notzeiten, als hinfällige Alte entsorgt werden mussten, um die dörfliche Gemeinschaft nicht durch Versorgungsfälle zu schwächen und in ihrem Fortbestand zu gefährden. Befremdlich in unserer Gesellschaft, deren Errungenschaft eine ausreichende Altersversorgung ist. Zwar sind auch bei uns viele Geringverdiener von Altersarmut bedroht, aber unsere reiche Gesellschaft könnte sie auskömmlich ausstatten.

Dass Altersversorgung eine Erscheinung der Neuzeit ist, zeigt auch Jacob Grimm, der sich mit germanischen Rechtsaltertümern beschäftigt hat. Er berichtet von einem ähnlich derben Brauch, um zu verhindern, dass aus eigener Schuld in Not geratene Alte der Allgemeinheit zur Last fielen. An Kirchen, Stadttoren und Häusern fand sich in alter Zeit eine Keule oder ein Hammer angebracht. Die Bedeutung dieses Symbols wird in folgender Inschrift deutlich:

    Wer den Kindern gibt das Brot
    Und selber dabei leidet Not,
    Den soll man schlagen mit dieser Keule tot.

Bei Hans Sachs findet sich eine ähnliche Formel:

    Wer sein Kindern bei seinem Leben
    Sein Hab und Gut thut übergeben.
    Den soll man denn zu schand und spot
    Mit dem Kolben schlagen zu todt.

Zuletzt ein drastischer Beleg aus einer alten Handschrift:

    da was geschriben‚ swer der si,
    der ere habe unde gout,
    da bi so nerrisch muot
    daz er alle sine habe gebe
    sinen kinden unde selber lebe
    mit noete und mit gebrestenn,
    den sol man zem lesten
    slahen an die Hirnbollen
    mit diesem slegel envollen,
    daz im daz hirn mit alle
    uf die Zunge valle.

Alle Beispiele zeigen, dass dem Alten die Schuld gegeben wird, weshalb ihm der Tod zukommen soll, „gleichsam als strafe für die thorheit, sich allzu früh seiner habe zum besten der kinder abgethan zu haben“, schreibt Jacob Grimm. Grimm vermutet, dass derartig brutale Strafen nicht tatsächlich angewandt wurden, sondern als Drohung gemeint waren. Um in dieser Sache jemanden zu mahnen, war es sicher hilfreich, ihm zu zeigen,
wo der Hammer hängt.

So richtich ›pattsch‹?! – Zu Besuch bei Arno Schmidt

„Hier!“, rief Holzwurm und wedelte mit der Hand, welche ihm angeblich Playboy Gunter Sachs gedrückt hatte, „Ungewaschen! Uuungewaschen!“ Mit seinem Kabrio, einem kleinen, hässlichen Auto ohne Klasse, war der Berusschullehrer tanken gewesen und hatte an der Tankstelle Gunter Sachs getroffen. Gunter Sachs war direkt von den Titelseiten der Hochglanz-Schmockpress herabgestiegen in Holzwurms enge Welt und betankte seinen Porsche, worin sich eine blonde Schönheit langweilte. Betankte den Porsche genau wie Holzwurm sein Holzwurmkabrio betankte, nur dass ihm die blonde Schönheit fehlte. Aber dafür hatte Gunter Sachs einen Maßanzug aus Sackleinen getragen. Da hatte sich Holzwurm ein Herz gefasst und gefragt:
„Entschuldigen Sie, dass ich Sie so einfach anspreche, aber sind Sie Herr Gunter Sachs persönlich? Und ist Ihr Anzug etwa aus Sackleinen?“ Und Gunter Sachs hatte gönnerhaft bestätigt: „Ja, ich bin Gunter Sachs, und mein Anzug ist aus Jute.“

„“Ungewaschen!“ kann ich leider nicht rufen. Den Zeigefinger, den ich auf Arno Schmidts Schreibmaschinentastatur gelegt habe, habe ich wegen der Hygieneempfehlungen unserer fürsorglichen Bundesregierung längst waschen müssen. Und umgekehrt ist meine Fingerkuppe durchaus propper gewesen. Trotzdem denke ich inzwischen, Hallo! Wenn das jeder machen würde! Wenn jeder hergelaufene Heinrich und Konrad vulgo Hinz und Kunz in Arno Schmidts letztem Wohnhaus in Bargfeld herumlatschen und seinen Finger auf die Schreibmaschinentasten legen würde, ja, wo bliebe dann Arno Schmidts DNA? Am Ende sind noch dreiste Zehnfingerschreiber darunter, nicht so bescheidne wie ich, der ich nach dem polizeibekannten Terroristensystem schreibe: „Jede Sekunde ist mit einem Anschlag zu rechnen.“

Angeschlagen habe ich sowieso keine Taste, denn es war ja kein Papier eingespannt. Ich habe die Buchstaben meines Namens nur ein klein bisschen heruntergedrückt, dass die Typenhebel sich anhoben. Hab mich quasi auf Arno Schmidts Schreibmaschine in die Luft geschrieben. Auf die blanke Walze zu schlagen, hätte ich mich nicht getraut. Schließlich lag Schmidts strenge Brille noch neben der Maschine, als würde er gleich zurückkommen und maulen: „Wie kann er es wagen, am Hause der Herrschaft sein Wasser abzuschlagen?!“
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Friedrich Commerz

Vom Schriftzug der Commerzbank, also von Commerz schnitt Kurt Schwitters um 1920 die vier Buchstaben MERZ ab und nannte hinfort seine Spielart von Dada so. Da nun über hundert Jahre später der erklärte Kapitalist Friedrich Merz häufig in den Medien erwähnt wird, besteht die Gefahr der Verwechslung. Ich schlage vor, dem genannten Herrn den frei herumliegenden Schnipsel „Com“ zu schenken, ihn also fortan Friedrich Commerz zu schreiben. Tretet Dada rein!

Winterbilder

Raureif, Raureif,
Macht das Tau steif
Wind aus Ost
Nächtens Frost

Badeanstalt
Wasser eiskalt
Baggersee
Eis und Schnee

Angestellte
In der Kälte
Brief im Kasten
Steuerlasten

Polizei hört
Dass ein Schrei stört
Nackt im Nachtwind
Findelkind

Durch den Weltraum
Saust ein Christbaum
Astronaut ist
Adventist

(Jules van der Ley 2007)

Geschichten von der Fensterbank

Zwei Tage lag ein fein Büchlein unbeachtet auf einer Fensterbank, war schnöde ausgesetzt worden, obwohl es sich dünn gemacht und in keinem Bücherregal für drangvolle Enge verantwortlich gewesen war, im Gegenteil, es könnte gar leicht zwischen dickbäuchigen Bänden verschwinden, dass man es suchen müsst und suchen, hier hat es doch mal gestanden? Warum finde ich es nicht?
Warum wohl? Du habt es ausgesetzt, du Depp. Ich schäme mich zuzugeben, dass ich mal und mal vorbeigelaufen bin und mich nicht überreden konnt, es mitzunehmen, obwohl ich Büchlein jederzeit einem protzigen Buch vorziehe. Yo!

Einst war ich fleißiger Nutzer von Bibliotheken und Büchereien und habe am liebsten die kleinen, schmalen Bändchen ausgeliehen; ich dachte, wer ein dickes Buch schreiben kann, sollte erst recht ein Büchlein schreiben können. Das ist die größere Kunst. Zudem waren dünne Bücher einfach schonender für meinen Rücken, denn ich musste, was ich lesen wollte, wie ein Esel auf dem Buckel transportieren und das, obwohl das bekannte Palindrom lautet: „EIN ESEL LESE NIE.“ So sehr war ich auf dünne Bücher aus, dass ich sogar von einem träumte. Am 7. Dezember 1994 notierte ich ins Tagebuch:

Es wird Zeit, den Titel des Büchleins zu verraten. Sonst macht sich DeStijl hier breit, wiewohl das eine feine niederländische Künstlervereinigung ist, deren Mitbegründer Theo von Doesburg mit Kurt Schwitters befreundet war und Dada mit einem „Dada-Feldzug“ in den Niederlanden bekannt machte. Die Tour der beiden startete mit einem Dada-Abend in Den Haag und endete im friesischen Städtchen Drachten, wo Schwitters bei den Schustern Thijs und Evert Rinsema ein- und ausging, aber nicht durch die Haustür, sondern lieber durchs Fenster stieg.

Bevor wir uns den Hals brechen, zurück zum Fensterbankfund. Vorsicht mit dem Hosenbein, Herr Schwitters! Da liegt das Büchlein von Bettina von Arnim; Die Frau Rat erzählt von der Fahrt ins Kirschenwäldchen.
Wer ein solches Buch einfach so auf die Fensterbank legt und den Wetterunbilden aussetzt, na, dessen Kopf möchte ich ja lieber nicht haben. Ich gebe zu, ich habe es nur mit genommen, weil ich dachte, dass die vortreffliche Bettina von Arnim im Schatten ihres Mannes Achim von Arnim gestanden hat, was meinem Gerechtigkeitsgefühl widerstrebt. Beim ersten Durchblättern ihres Büchleins und nur gebremst durch die herabsinkende Dämmrung fand ich die treffende Wendung: „Der Erinnerung abgelauscht“, was auf den Punkt bringt, dass Erinnerung eine Erzählung ist, der man im eigenen Kopf zuhört, und ich will hinzufügen, dass derlei Erzählungen immer fiktionale Elemente enthalten. So, und jetzt, schon 18:04 Uhr, muss ich kochen. Die Frau Rat ist übrigens Goethes Mutter.
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Warum den Alten die Zeit davonrennt – eine Spekulation von Jeremias Coster

„Ich habe meine eigene Theorie, warum die Zeit mit steigendem Lebensalter immer schneller zu vergehen scheint“, sagte Jeremias Coster, der dubiose Professor für Pataphysik und Leiter des Institus für Nachrichtengeräte an der Technischen Hochschule Aachen. „Willst du sie hören, Trithemius?“

„Nur zu. Allerdings zweifele ich den linearen Zeitenlauf an. In Wahrheit vergeht die Zeit ruckartig. Wir merken es nicht, weil wir den Sonnenlauf beobachten können. Darum der Mythos des Sonnenwagens. Wäre die Sonne immer durch Wolken verdeckt, hätte die Menschheit ein ganz anderes Zeitgefühl entwickelt.“

„Interessant. Doch, nachdem du ’nur zu‘ gesagt hattest, wollte ich darlegen, warum die Zeit mit steigendem Lebensalter immer schneller zu vergehen scheint. Deine Hypothese ist nämlich nicht hilfreich, weil wir nicht unter einer ständigen Wolkendecke leben, obwohl es gerade regnet wie Sau. An anderen Tagen können wir den Sonnenlauf beobachten, nimm nur als Beispiel den wandernden Schatten auf der Sonnenuhr.“

„Niemand beobachtet den wandernden Schatten unentwegt 12 Stunden lang. Wie kann die sporadisch beobachtete Sonnenuhr meine Annahme widerlegen?“

„Verd…! Schau auf die Überschrift. Da steht ‚Warum den Alten die Zeit davonrennt – eine Spekulation von Jeremias Coster‘ und nicht: ‚derweil Trithemius ständig dazwischen quatscht‘.“

„Entschuldigen Sie mal, Coster, die Überschrift habe ich geschrieben und könnte sie jederzeit in meinem Sinne ändern. Aber ich will mal nicht so sein. Also, warum, glauben Sie, vergeht die Zeit mit steigendem Alter immer schneller?“

„Es scheint so, um genau zu sein. Wenn ein einjähriges Kind und ein Hundertjähriger in einem Haushalt leben, dann vergeht die Zeit der beiden natürlich gleich schnell, sonst würde der Hundertjährige ja in der Zeit davoneilen. Es geht um das Empfinden der beiden. Sieh, für das genannte Kind ist ein Jahr 100 Prozent seines Lebens. Für den Greis ist ein Jahr 1 Prozent seines Lebens. Beide überblicken die gleiche Zeitspanne von einem Jahr und empfinden sie riesig (bei 100 Prozent) oder winzig (bei einem Prozent).

„Hm, es hört sich plausibel an, aber das sage ich nur wegen meiner anerzogenen Höflichkeit. Sie könnten Recht haben, Coster. Und nur weil ich Ihre Erklärung nicht ganz verstehe, muss sie nicht falsch sein.“

Am Beispiel des 100-jährigen und des Einjährigen im gemeinsamen Haushalt lässt sich ebenso deine Annahme widerlegen, die Zeit vergehe ruckartig. Ich nehme an, du meinst das Phänomen, dass beim Warten die Zeit schleicht, während sie davoneilt, wenn man sich anderweitig beschäftigt. Auch hier würde ein Wartender, sei es Kind oder Greis, das gemeinsame Zeitkontinuum verlassen. Der Wartende würde sozusagen zurückbleiben. Es ist demnach sinnvoller die Zeit als Größe anzusehen, die vom subjektiven Zeiterleben nicht tangiert wird.“

„ Ist demnach alles eine Frage der Wahrnehmung?“

„Wenn du Wahrnehmung mit Falschnehmung übersetzt. Auch bei der Zeit ist der Mensch ein großer Falschnehmer.“

„Das erinnert mich an die perspektivische Wahrnehmung. Obwohl wir alles ständig verzerrt wahrnehmen, bewirkt das Gehirn eine Entzerrung. Niemand bezweifelt, dass ein Teller rund ist, obwohl er auf dem Tisch eliptisch wirkt. Das ist die sogenannte Konstanzleistung des Gehirns, so dass die Menschen bis ins 15. Jahrhundert die perspektivische Verzerrung nicht richtig sehen konnten. Könnte die einheitliche Zeitwahrnehmung nicht auch eine Konstanzleistung des Gehirns sein?“

„Du meinst, im Alter eilt der Mensch in der Zeit voraus, aber die Jungen bemerken das nicht? Innerhalb einer derartigen Zeitverzerrung müsste es dann eine Toleranz geben, die eine Einheitszeit suggeriert.“

„Mir gefällt die Idee, dass ich in der Zukunft lebe. Nur deshalb kann ich ein Gespräch mit Ihnen aufschreiben, bevor wir es überhaupt geführt haben.“

Lassen Sie uns Herr zueinander sagen

Zu Zeiten vielfältiger Pflichten in Beruf und Familie gehörte nur der Sonntagmorgen mir. Dann wusste ich nicht wo anfangen vor lauter faszinierender Dinge, denen ich mich widmen konnte. Derzeit ist mein Leben ein immerwährender Sonntagmorgen. Das ist ein Luxus, von dem ich einst geträumt habe. Doch die Welt ist zudringlich. Von überall dringt Lärm an mein Ohr. Ebenso will ich nichts hören vom Getöse im Internet. Manchmal kappe ich die Verbindung, sonst dringt das aufgeregte Tuten und Blasen sogar zu mir durch, wenn der Internetbrowser geschlossen ist. Ob es hilft, wenn ich der Welt das Sie anbiete? Lassen Sie uns Herr zueinander sagen!

Seit Tagen kann ich mich nicht auf mein Romanprojekt konzentrieren, an dem ich schon zu lange schreibe. Derzeit wird daraus nichts wegen der Frühlingssonne. Vor der Parkbank liegen auf dem Boden kreuz und quer nicht abgebrannte Streichhölzer. Die roten Köpfchen wirken, als würden die Hölzer sich schämen, dass sie nicht Kopf an Kopf nebeneinander in der Schachtel liegen wie es sich gehört. Ein Mann macht laut: „BUH!“, und ein Haufen Tauben fliegt auf. Zwei junge Männer von der Nachbarbank spüren einen Impuls und gehen gemeinsam fort. Jeder führt einen Hund an der Leine. Ein Jogger im orangefarbenen Outfit läuft an ihnen vorbei und schaut sich vorwurfsvoll um. Ich kann unter der hellen Sonne die feine Webstruktur meiner Hose genau erkennen und frage mich, wo und unter welchen Bedingungen der Stoff wohl gewebt wurde. Zu viele Dinge, deren Herkunft fragwürdig ist. Die Kirchturmglocke schlägt dreimal.

    „Müssen Sie immer so lang schreiben?
    Können Sie nicht mal kurz schreiben?“, fragt die Welt.
    „Doch.“

Horribel

Als ich noch ADAC-Mitglied war, irgendwann in den 1990-er Jahren, sah ich mir gerne den gruseligen Anzeigenteil in der ADAC-Hauszeitschrift „Motorwelt“ an. Dabei dachte ich, dass die werbenden Unternehmen durch Marktforschung doch eine Vorstellung von ihrer Zielgruppe haben müssten. Man verplemperte schließlich kein Geld an Leute, die die beworbenen Produkte nicht brauchen. Folglich ließ sich von den Anzeigen rückschließen auf das durchschnittliche ADAC-Mitglied. Es wäre ziemlich kurios, wie meine Aufstellung aus dem Tagebuch von Januar 1995 zeigt. (Größer: Bitte Klicken!)

Die Werbespots im Vorabendprogramm der ARD zeichnen ebenso ein Zerrbild des typischen Zuschauers. Er/sie ist vergesslich, hat Ohrgeräusche (Tebonin), nächtlichen Hardrang (Granufink), Verstopfung (Dulcolax), kann abends nicht einschlafen (Neurexan), kommt morgens nicht in die Gänge (Vitasprint). Suggeriert wird ein naiver Medikamentenglaube. Man redet den Leuten ein, sie wären Maschinen mit Fehlfunktionen, die sich quasi auf Knopfdruck medikamentös ausschalten lassen würden. Um ihnen den restlichen Verstand zu rauben, bietet die ARD im sogenannten anzeigenfreundlichen Umfeld dümmliche Quizshows vom Format „Wer weiß denn sowas?“ oder „Quizduell.“

Dass das kontextlose Abfragen und Wissen in Kreuzworträtsel und Quiz nicht die Intelligenz fördert, habe ich hier schon mal begründet. Der dumme Konsument ist ein guter Konsument. Folglich verkleistert man seinen Verstand mit Quatschwissen.

Du lieber Himmel, jetzt habe ich alle Medikamente gegoogelt, um sie zu verifizieren, denn es darf ja nichts Falsches im Teestübchen veröffentlicht werden. Hoffentlich überschütten mich die fürsorglichen Pharma-Unternehmen jetzt nicht mit einschlägigen Angeboten. Und alles nur, weil ich über die horrible Werbung im ARD-Vorabendprogramm geschrieben habe.

    Holla? Meine Rechtschreibprüfung kennt „horribel“ nicht? Der Duden schimpft das Adjektiv aus dem Französischen „veraltet.“ Also beuge dich, horribel, damit du wieder gelenkig wirst!
    Positiv horribel,
    Komparativ horribler,
    Superlativ am horribelsten.
    Klingt komisch.

Adjektive klingen meistens komisch. Eine Anekdote, mit der Journalisten-Stilpapst Wolf Schneider in seinem Ratgeber Deutsch fürs Leben aufwartet, handelt von Clemenceau und geht so: „Der französische Zeitungsverleger und spätere Ministerpräsident hängte in seine Redaktionen ein Schild, auf dem es hieß: ‚Bevor Sie ein Adjektiv hinschreiben, kommen Sie zu mir in den 3. Stock und fragen, ob es nötig ist‘.“ Ein Rat für alle, die von der Ausschmückeritis befallen sind. Wer unbedingt auf der „Glatze Locken drehen“ [Karl Kraus] muss, dem hilft auch nichts von Ratiopharm.