Weltbetrachtung mit Facettenaugen

Schlichte Aussagen kann der Mensch sich am besten merken. Sie prägen sich ein, ohne dass es einen plausiblen Grund gibt. „Die Fliege hat Facettenaugen.“ Diese Information hat einst meinen Mitschüler Paul ungemein beeindruckt, so dass er sie nie mehr vergessen hat. Tatsächlich hat er aber nur das Wort Facettenaugen behalten, denn wenn er wiedergeben sollte, was Hauptlehrer Schmitz im Naturkundeunterricht ins Heft diktiert hatte, glänzten Pauls Facettenaugen. „Der Storch hat Facettenaugen“, sagte Paul, die Katze hatte auch welche, selbst der Hase verfügte darüber. Das ist nur gerecht. Nichts davon wurde je richtig gestellt, denn wenn Schmitz einen Schüler abhörte, saß er mit geschlossenen Augen am Pult, und nur ein leichtes Fingertrommeln verriet, dass er nicht schlief. Das Fingertrommeln jedoch hatte Zeichencharakter, denn solange Schmitz trommelte, musste man reden. Allein auf den flüssigen Vortrag kam es an. Der durfte auch nicht enden, bevor die Finger aufhörten zu trommeln, weshalb es ratsam war, nach dem Ende des Vortrags einfach wieder von vorne anzufangen, bis Schmitz zum Notenbuch griff und sein kryptisches Urteil hineinschrieb. „Facettenaugen, Facettenaugen, Facettenaugen“, wäre sicher eine Option gewesen, ein fettes Sehrgut einzuheimsen. Leider habe ich nicht daran gedacht, weshalb ich bei Schmitz nicht über Ausreichend hinaus kam.

Später hatte ich einen Kollegen, einen Mathematiklehrer und leidenschaftlichen Bananenesser, der gerne die botanische Weisheit von sich gab: „Die Banane ist keine Frucht, sondern eine Beere.“ Schwer vorstellbar, da wir sonst keine Beeren mit Schale kennen. Noch weiter ab vom Beobachtbaren ist diese Weisheit: „Die Erdbeere ist in botanischer Hinsicht eine Nuss.“ Na klar, dachte ich, als das im TV verkündet wurde, das wird jeder unmittelbar einsehen, harte Schale, braune Farbe, reif im Herbst, wächst auf Bäumen, und wenn mir Hauptlehrer Schmitz eine Kopfnuss verpasst hat, dann hat es sich angefühlt, als würde mir seine feuchte Zunge kalt am Hinterkopf lecken.

An der Hofmauer, an die ich immer mein Fahrrad anlehne, wachsen fünf Nussbäumchen, an deren Blättern und Blüten ich sofort Erdbeerpflanzen erkannt habe. Ich kann mir keinen ungünstigeren Ort denken, so im schattigen Mauerwinkel. Ob ein Eichhörnchen dort mal Erdbeeren vergraben hat? Vielleicht haben aber auch die Alien-Kellerasseln den Samen von einem verrufenen Nussplaneten aus einem hinteren schmutzigen Winkel des Universums eingeschleppt. Jedenfalls warte ich darauf, dass sich mal ordentliche Nüsse zeigen, damit ich sie pflücken und knacken kann. Aber vermutlich werde ich enttäuscht werden, weil nachts die Schnecken oder sonstige Tiere mit Facettenaugen sich drüber her machen, sobald die erste Nuss zaghaft ihren gelben Zipfel reckt.

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Zwitschern, Zirpen, Flöten, Gurren, Buchstabieren – Der Merzkünstler Kurt Schwitters und sein Werk

Irgendwann in den 1950-er Jahren, ich war noch sehr klein und spielte in unserer Wohnküche, derweil das Radio lief. Plötzlich horchte ich auf, denn aus dem Radiolautsprecher kamen höchst merkwürdige Töne, menschliche Laute ohne Sinn, aber melodisch. Vermutlich war es die „Ursonate“, vorgetragen von Kurt Schwitters. Erst 20 Jahre später im Kunststudium bin ich dem phänomenalen Werk wieder begegnet. Die einzig existierende Originalaufnahme, von Schwitters selbst intoniert, wurde heute vor 86 Jahren, am 5. Mai 1932 in Stuttgart von der Reichsrundfunkgesellschaft aufgezeichnet. Der Hannoveraner Dadaist Kurt Schwitters ist seit Januar 70 Jahre tot, aber durch Kollegin Karfunkelfees Kommentar zu meinem Eintrag über Vogelgesang wurde ich wieder an ihn, seine Ursonate, die Stare und überhaupt an sein Werk erinnert.

Man weiß von Staren, dass einige das Zwitschern von Handys nachahmen. Ich habe bereits in den 1990-er Jahren von einem Dänen gelesen, der einen Star in seinem Garten auf den Namen Nokia getauft hatte, weil der Vogel das Handyklingeln täuschend echt imitieren konnte. Stare sind gelehrige Vögel, und sollten sie zufällig auf der norwegischen Insel Hjertøya leben, dann intonieren sie vielleicht immer noch die Ursonate von Kurt Schwitters. Schwitters lebte dort von 1933 bis 1936 in einer Hütte im Exil, wo er an seinem zweiten Merzbau arbeitete. Sein Freund, der elsässische Dadaist Hans Arp, berichtete einmal, wie er Schwitters auf der Insel Föhr erlebt hatte. „In der Krone einer alten Kiefer am Strande von Wyk auf Föhr hörte ich Schwitters jeden Morgen seine Lautsonate üben. Er zischte, sauste, zirpte, flötete, gurrte, buchstabierte.“

Möglicherweise hörten also die Stare von Hjertøya interessiert zu, wenn Schwitters so ganz für sich die Ursonate intonierte. Und eventuell gaben sie die neuen Laute von Generation zu Generation weiter. Jedenfalls staunte der Berliner Künstler Wolfgang Müller nicht schlecht, als er 2001 die Insel besuchte und von den Staren die Ursonate gezwitschert bekam. Er nahm sie auf Tonkassette auf und veröffentlichte später eine CD mit dem Titel: „Hausmusik – Stare aus Hjertøya singen Kurt Schwitters.“ Müller bekam damals Urheberrechtsprobleme mit den Rechteverwaltern der Schwitters-Erben. Sie sind ungefähr so freundlich wie die Disney-Erben, die ja auch jede kleine Schülerzeitung abmahnen, die einmal einen Donald abdruckt. Doch am Ende ließ man Müller gewähren, denn es war juristisch zweifelhaft, ob man den Staren verbieten kann, eine CD herauszubringen, worauf sie Schwitters imitieren. Müllers Aktion war jedenfalls durchaus verdienstvoll. Auf diese Weise geriet ja nicht nur er, sondern auch Kurt Schwitters wieder in die Presse. Denn gemeinhin kennt und schätzt man Schwitters im Ausland mehr als bei uns.

Vor nun zehn Jahren bin ich von Aachen nach Hannover gezogen, einer Beziehung wegen, aber es reizte mich auch, in der Stadt zu leben, in der Kurt Schwitters gelebt und gearbeitet hat. In den 1990-er Jahren, als ich noch Tagebuch schrieb, habe ich es gemacht wie Schwitters, wenn ich durch die Stadt bummelte, nur war ich dabei nicht so konsequent wie er. Schwitters hob ständig Papierobjekte von der Straße auf, sammelte so gut wie alles, was ihm in die Finger kam. Vieles davon verarbeitete er in seinen Collagen und Assemblagen. Größere Objekte fanden ihren Platz in seinem berühmten Merzbau.

Anfangs hieß die Skulptur „Kathedrale des erotischen Elends.“ Da stand sie noch auf einem Sockel. Schwitters war verheiratet, und man kann sich denken, warum die Skulptur so hieß. Wer bei Schwitters zu Besuch war, musste irgend etwas von sich dalassen. Schwitters richtete beleuchtete Kammern für die Objekte ein. Es befand sich auch ein Fläschchen Urin darunter. Von wem diese Körperausscheidung stammte, weiß ich leider nicht mehr. Die Kathedrale wuchs, und irgendwann ließ Schwitters die Decke durchbrechen, damit sein Merzbau weiter wachsen konnte. Dann wuchs der Bau auch in einen Nebenraum. Später ließ Schwitters den gesamten Merzbau kubistisch verkleiden und weiß anstreichen. Teile davon waren begehbar. Leider existieren nur wenige Fotografien davon, denn der Merzbau ist bei einem Bombenangriff verbrannt. Im hannoverschen Sprengelmuseum gibt es einen Nachbau, auf der Grundlage von wenigen Fotografien. Man kann den Merzbau betreten. Er wird in Intervallen unterschiedlich beleuchtet. Das ist auf jeden Fall beeindruckend, obwohl der Bau kein Innenleben hat wie der echte. (Gif-Animation: JvdL)

Wenn eine Sprache in Wörterbüchern verzeichnet ist, sterben manche Wörter nicht völlig aus, sondern sind nur eine Weile scheintot. In den 50er Jahren galt das Wort Kommerz als ausgestorben. Der Duden verzeichnete es nicht mehr, denn es war nicht mehr im Gebrauch. Ende der 60er tauchte Kommerz wieder auf, und zwar in der Verbindung Kunst & Kommerz. Die deutsche Commerzbank trägt das Wort in ihrem Namen. Kurt Schwitters hat den Schriftzug der Commerzbank genommen, zerschnippelt und „merz“ in eine seiner Collagen eingebaut. So bekam seine Kunst ihren Namen. Er wirkt freundlich wie Schwitters selbst. Die Assoziation zu dem Wort März ist durchaus gewollt. Denn es steckt etwas von Frühling und Aufbruch in der Merzkunst. Es passt, dass Stare die Ursonate trällern.

Merz ist von der Anlage her keine Antikunst wie der Dadaismus. Schwitters hatte etwas anderes im Sinn: „Im übrigen wissen wir, daß wir den Begriff Kunst erst los werden müssen, um zur Kunst zu gelangen.“ Ihm ging es also um eine neue Form der Kunst. Das Material für die Merzkunst stammt aus dem Alltag. Da ist kein vorgefundener Fetzen zu gering. Er wird in Form gebracht und fügt sich ein in die Bildkomposition. Diese Collagetechnik wendet Schwitters auch auf die Laute an. Die Laute der menschlichen Sprache werden bei ihm zu Klangelementen ohne inhaltliche Bedeutung. Bei Youtube fand ich die Originalaufnahme der Ursonate, die Schwitters am heutigen 5. Mai vor 86 Jahren aufnahm.

Tretet dAdA rein!

Was das Vöglein mir gesungen hat

Was für ein Gezwitscher wieder heute Morgen. Einer der sogenannten Singvögel machte nicht fünf Sekunden Pause zwischen seinem Tiriliere. Das lässt mich über Sinn und Form nachdenken. Kurios, dass der Mensch alle zwitschernden Vögel Singvögel nennt. Dabei geht es denen nicht um Gesang, nicht um eine künstlerische Übung. Dem Vöglein geht es darum, das eigene Revier abzustecken. Soweit sein Schall trägt, so groß ist sein Revier. Ein akustisches Signal zur Revierbegrenzung ist nicht sonderlich effektiv. Ist es verklungen, ist die Reviermarke nicht mehr existent. Darum auch die Wiederholungen. Die Marke muss ständig erneuert werden.

Ich bin kein Ornithologe, leite das nur logisch her: Die Geschwindigkeit, mit der ein potentieller Rivale ein akustisch begrenztes Revier queren könnte bis zum Signalgeber, bestimmt das Intervall. Rivalen werden durch das akustische Signal abgeschreckt und Weibchen angelockt. Der lauteste Sänger ist vermutlich im Vorteil, denn die Größe des Revier wird durch die Lautstärke festgelegt. Ein großes Revier garantiert genügend Nahrung für die junge Brut, weshalb der lauteste Schreier am ehesten ein Weibchen anlocken kann. So geht es seit den Zeiten unsere Vorväter.

Wie haben unsere bäuerlichen Vorväter ihr Revier abgesteckt? Gab auch hier die Rufweite den Ausschlag? Mussten sie rufen: „HIER IST MEIN HAUS UND LAND!“, immer wieder, bis zur völligen Ermattung? Nein, aber Reviere wurden wie bei den Vögeln in Abhängigkeit von Körperkraft ermittelt. Bei den Germanen gab es den Rechtsbrauch des Hammerwurfs. Wie neues Land zu verteilen war, etwa das einer gerade gerodeten Lichtung, wurde durch Hammerwurf entschieden. Nicht die Stimmkraft war die Bemessungsgrundlage, sondern die Muskelkraft im Arm. So weit einer den Hammer werfen konnte, so viel Land würde er auch beackern können mit seinen Leuten. Damit der Hammerwurf nicht täglich wiederholt werden musste, wurde er dauerhaft dokumentiert, indem Grenzsteine gesetzt wurden. Wie konnte man derlei Grenzsteine gegen heimliche Verstetzung absichern?

Wenn die ripuarischen Franken eine Grenze festlegen wollten, nahmen sie einen Knaben mit. Und war der Grenzstein gut in der Erde, verabreichten sie dem Jungen schallende Ohrfeigen oder zogen kräftig an seinem Ohr. So würde er sich noch im hohen Alter an die Stelle erinnern und den Grenzverlauf bezeugen können. Das Wort „Zeuge“ stammt daher; der Zeuge wurde am Ohr gezogen.

Die Außengrenzen eines Dorfes wurden durch die jährliche Flurbegehung kontrolliert, was vermutlich rituellen Charakter hatte und bei der Christianisierung Germaniens übernommen wurde und seit dem Jahr 800 zur katholischen Liturgie gehört. Ich habe als Messdiener noch in jüngster Zeit an solchen Flurprozessionen teilgenommen, bei denen man zwischen Ostern und Pfingsten frühmorgends über die Felder zog. Die dabei gebeteten Litaneien hatten einerseits den Zweck der Fürbitten, man beschwor Gottes Segen für gute Ernten, andererseits konnten mit den Längen der Litaneien auch Entfernungen gemessen werden, was erst zu Zeiten von Landvermessung und Grundbüchern in Katasterämtern unnötig geworden ist.

Während das Vöglein unermüdlich tiriliert, muss ich an Gottfried Kellers herzzerreißende Novelle Romeo und Julia auf dem Dorfe denken, worin zwei befreundete Bauern über ein Stück Brachland zwischen ihren Äckern in Streit geraten und zu erbitterten Feinden werden, weshalb ihre Kinder, Sali und Vrenchen, ihr Liebe nicht ausleben können und gemeinsam in den Tod gehen.

Zeitsprünge im Zyklus

Es gibt einige Romane, die ich mehrmals gelesen habe, denn in einer langen Biographie als Leser kann man schon mal vergessen, was sich zwischen den Buchdeckeln befindet. Ein Buch, das man als Mittdreißiger gelesen hat, liest man 30 Jahre später wie neu und natürlich auch mit einem anderen Verständnis. »Du steigst nicht zweimal in denselben Fluss«, sagt schon Heraklit. Sowohl man selbst hat sich verändert als auch der Fluss, der beständig aus anderen Wassern besteht und nur durch seinen Namen, sein Bett und seinen Verlauf definiert ist.

Dass ein Buch sich ständig neu schriebe, dass es zwar weiterhin Buchstaben und Wörter in der gleichen Typografie enthielte, dass aber stets alles neu gemischt würde, erwarten wir vom gedruckten Buch nicht. Anders als dem digitalen Text mangelt es dem gedruckten an Dynamik. Hier nun schließen sich Überlegungen an, die eigentlich nicht in meiner Absicht lagen, aber sich so nah am Ufer aufhielten, dass sie quasi mitgeschwemmt wurden. Theoretisch, liebe Leserin, lieber Leser, könnte ich den vorliegenden digitalen Text ständig ändern, so dass er beim erneuten Aufrufen einen anderen Inhalt enthielte, beispielsweise Gedanken über den Konjunktiv und die anderen grammatischen Distanzformen des Deutschen. Ich würde einfach Überschrift und den ersten Satz unverändert lassen und darauf vertrauen, dass man nach dem ersten Lesen längst vergessen hätte, was da einst gestanden hat. Allerdings will ich Ihnen das Experiment für heute ersparen. Denn mein eigentliches Thema sollen Wiederholungen des immer Gleichen sein, was wir in unserer kindlichen Naivität offenbar zu sehr lieben, wenn man sich das Programm des deutschen Fernsehens ansieht.

In den 1980-er Jahren zu Zeiten der gedruckten TV-Zeitung wurde hinter den Filmen immer noch die Anzahl der Wiederholungen oder zumindest das Datum der letzten Wiederholung angegeben. Leider wurde dieser nützliche Service eingestellt, vielleicht weil die schiere Anzahl der Wiederholungen kaum noch nachzuvollziehen ist. Namentlich in den dritten Programmen bzw. Spartensendern der Öffentlich-Rechtlichen werden die Folgen beliebter Serien scheinbar willkürlich wiederholt, so dass beispielsweise gestern Abend in der Reihe „Inspektor Barnaby“ auf ZDF-Neo die Folge „Haus voller Hass“ aus dem Jahr 2004 wiederholt wurde, in der man gerade fleißig Weihnachten feierte“, eine befremdliche Erfahrung. Derweil es in der Natur aufs Schönste sprießt und blüht, erklangen im Film die Weihnachtlieder, wurden Weihnachtsbeleuchtungen eingeschaltet und die Leute saßen mit lustigen Hüten um gedeckte Tafeln.

Ob man sich in den Sendeanstalten keine Gedanken darüber macht, wann man einen TV-Film wiederholt? Gibt es Programmplaner oder lässt man einen Affen durch die Archive toben und sendet, was er in seinem Übermut aus den Regalen gerissen hat? Nein, wird man sagen, der Aff hat zwei Tage Urlaub, und die Wahl der Weihnachtsfolge für den 23. April hatte überdies gute Gründe. Sehnen wir uns nicht gerade jetzt zurück in die Weihnachtszeit? Sind uns die ersten Monate nicht viel zu schnell verrauscht? Ist es nicht schön zu wissen, dass die Zeit zwar vorbeirasen mag, Weihnachten 2004 aber immer noch da ist? Es existiert in einer anderen Dimension, wo nämlich die verschiedenen Zustände der Welt nicht linear ablaufen, sondern hübsch nebeneinander in Regalen liegen, wenn nicht gerade der Programmplaner-Affe mal wieder alles durcheinander geworfen hat.

Ein verpasster Vortrag und einiges über Metaphysik

Shame! Montagabend standen Herr Putzig, Leisetöne, eine mir unbekannte rothaarige Frau und ich mit anderen vor dem Unigebäude am Königsworther Platz und bekamen keinen Zutritt zum Vortrag von Aleida Assmann über das Vergessen. Man hatte die Veranstaltung wegen des zu erwartenden Zuspruchs in die Empfangshalle des ehemaligen Continental-Direktionsgebäudes verlegt. Aber nun waren auch hier alle Plätze vergeben. Wie ärgerlich! Wir hätten an den Vorverkauf denken müssen, waren auch ganz blauäugig erst für fünf vor acht verabredet gewesen.

Dabei hatte ich mich sogar vorbereitet, das Suhrkamp-Taschenbuch „Entstehung und Folgen der Schriftkultur“ von Jack Goody, Kathleen Gough und Ian Watt hervorgekramt, was thematisch verwandt ist mit Aleida und Jan Assmann; „Schrift und Gedächtnis“, ihrem zentralen Thema. Nun haben wir also nicht hören können, was Aleida Assmann zum Thema Vergessen zu sagen hatte, aber ein Gewinn war es für mich trotzdem, und den hoffe ich weitergeben zu können, auch wenns komplizierter wird als üblicherweise im Teestübchen.

Im Aufsatz von Jack Goody und Ian Watt; „Konsequenzen der Literalität“ stieß ich auf den Begriff der „semantischen Ratifizierung“, der mir beim ersten Lesen nicht sonderlich aufgefallen war.
Semantische Ratifizierung, meint also die Einweisung in Bedeutungen von Sprache. Ratifizierung bedeutet nicht einfach Vereinbarung, sondern Verbindlichkeit der Vereinbarung. Ein Hund heißt nicht heute Hund und morgen Kamel. Es wird nicht immer wieder erneut verhandelt, wie die Erscheinungen heißen, sondern das wird ein für allemal festgelegt mit bleibender Gültigkeit – bis zum Erlernen einer Fremdsprache. Goody/Watts versuchen darzulegen, wo der Unterschied besteht zwischen oralen, also mündlichen, und literalen, den schriftlichen Kulturen. Während die Wortbedeutungen in schriftlichen Kulturen mit Hinweis auf Wörterbuchdefinitionen geklärt werden können, sind sie in mündlichen Kulturen an die Situation und sprachbegleitende Elemente, also Gestik und Mimik des Vermittlers der Bedeutungsgehalte gebunden.

Wir alle haben den Prozess der semantischen Ratifizierung durchlaufen, haben als Kinder und Heranwachsende die Bedeutungen von Wörtern gelernt, die konkret Fasslichen im direkten Kontakt mit Bezugspersonen oral, die abstrakten Begriffe primär literal. Mein Gedanke hierzu: Die konkrete Benennung einer Erscheinung lernt ein Kind nicht als Wort, sondern als Laut. Sieht es zum ersten Mal Schnee, und die Bezugsperson legt die Wortbedeutung fest: „Das ist Schnee“, dann sind der Sprachlaut Schnee sowie Mimik und Gestik des Erklärenden gemeinsame Erscheinungen der Wirklichkeit. Hier liegt das Fassbare kalte weiße Zeug, dort ertönt der Laut „Schnee“ aus dem Mund einer Bezugsperson. Beides ist in gleicher Weise real, gehört zwar zusammen, aber eine Vorstellung von der Hierarchie hier Bezeichnetes (Schnee) und dort Bezeichnendes (Sprachlaut Schnee) vermittelt sich auf diese Weise nicht. Anders gesagt: Das Kind lernt keine Wörter, sondern etwas den Dingen Gleichwertiges. Schnee fällt vom Himmel und „Schnee“ kommt als Laut aus dem Mund von Mama oder Papa. Das Kind erlebt Laut, Mimik und Gestik als reale Erscheinung, die überdies an eine Situation gebunden ist, was die Qualität einer kleinen Theaterszene hat. Sehr viel später, nämlich erst mit dem Erlernen des Alphabets, reduziert sich diese Inszenierung auf ein Wort. Entsprechend weiß man von rein mündlichen Kulturen, dass sie keine Vorstellung von einer Sache wie Wort haben. Sprache bleibt für sie immer eine Inszenierung der Wirklichkeit.

Mir fiel eine Entsprechung auf, an die ich vorher nicht gedacht hatte:
Dass neben der physikalischen Erscheinung auch ihr Begriff existiert, beispielsweise das Hundhafte, das allen Hunden zueigen ist, entspricht Platons philosophischer Idee der Universalien. Weil Universalien nicht physikalisch sind, siedelt Platon sie in einem Bereich außerhalb der Physik an, in der von ihm so genannten Metaphysik.

Der antiken Idee der sprachlichen Universalie steht die im Mittelalter entstandene Auffassung entgegen, dass Wörter die Dinge nur bezeichnen, also nichts als theoretisch austauschbare Namen der Dinge sind. Das ist die Auffassung der Nominalisten. Zwischen beiden Auffassungen besteht seit Jahrhunderten ein philosophischer Streit, der sogenannte Universalienstreit.

Mitglieder einer Schriftkultur müssten die Idee der Universalien eigentlich ablehnen und Nominalisten sein. Aber da ein jeder die Sprache zuerst rein mündlich lernt, besteht die metaphysische Idee der Universalien weiter. Auch die Sprachmagie liebäugelt damit. Das magische Verhältnis zur Sprache spiegelt sich beispielsweise im Gedicht des Romantikers Joseph von Eichendorff von 1835:

Foyer im Continental-Direktionsgebäude, am Abend wegen Überfüllung geschlossen – Foto: JvdL

Schläft ein Lied in allen Dingen
die da träumen fort und fort,
und die Welt hebt an zu singen,
triffst du nur das Zauberwort.

Es lohnt, darüber nachzudenken, auch wenn wir nicht erfahren haben, was Aleida Assmann über das Vergessen erzählt hat.

Über frühlingshaften Aufbruch, dank an die Vorsehung und innerliche Sockenverweigerung

Wie ich am Fenster stehend verächtlich auf das Wetter draußen schaute, bedauernd sah, dass die Krokusse platt am Boden lagen, dachte ich, es gibt trotzdem untrügerische Anzeichen des nahenden Frühlings. Es geschehen neue Dinge. Damit meine ich nicht, dass gleichgültige Nachbarn offenbar eine neue Matratze erstanden und ihre alte Matratze einfach zusammengerollt zu den gelben Säcken gelegt haben, wo sie in ihrer ganzen nikotingelben Hässlichkeit schon seit Tagen liegt. Dieser Matratze wegen war es heute morgen unter meiner Dusche nicht schön, meine lieben Damen und Herren.

Ich musste nämlich unter der Dusche die ganze Zeit über ein sterbendes Milbenuniversum nachdenken und wie es da wohl zugehen mag, wenn die Milbenpopulation den drohenden Untergang spürt. Milben werden orientierungslos umherirren und mit kältestarren Gliedern zu vermeintlich besseren Orten flüchten. Die Befindlichkeitsliteratur wird anschwellen, denn sterbende Kulturen können naturgemäß die Wörter nicht bei sich behalten. Über der Weltuntergangs-Logorrhoe werden alle dem Wahnsinn verfallen, und man muss sich eine wahnwitzige Milbe einmal vorstellen, die ja im Wesentlichen eine Hautschuppen verzehrende Fresseinheit ist. Schreckliche Milben-Religionen kommen auf. Man meuchelt die junge unschuldige Brut. Wahnsinnige Präsidenten reißen die Macht an sich. Nationen rüsten auf, bezichtigen sich und überfallen einander. Und gerade ist das Morden und Brandschatzen noch in vollem Gange, da kommt endlich die gnädige Müllabfuhr und holt die Matratze ab. Wer schon mal Bilder von Milben unterm Mikroskop gesehen hat, wird die Vorstellung bejubeln, dass das erkaltende Milbenuniversum von Müllmännern in den Schlund des Verbrennungsofens gestopft wird. Aber noch größer müsste der innerliche Jubel sein darüber, dass einem die Vorsehung keine Existenz als Milbe zugemutet hat.

Auf dem Bett sitzend, fand ich in der Sockenschublade eine schön hellgraue einzelne Socke, deren Gegenstück noch auf dem Wäscheständer hing. Etwas in mir weigerte sich, ein vollständiges Paar zu ergreifen und anzuziehen. Also musste ich die andere Socke erst vom Wäscheständer holen, bevor mein dafür zuständiges Ich bereit war, die Socken über die Füße zu streifen. Dabei weiß ich genau, dass just dieses Sockenpaar die absurde Neigung hat, im Laufe des Tages seine Fersen nach oben zu verdrehen. Wie das geschieht, ist mir ein Rätsel. Ich bin geneigt zu vermuten, dass es in Berlin ein hippes Start-up-Unternehmen gibt, dessen Geschäftsidee selbstdrehende Socken waren und denen es gelungen ist, Geldgeber für solchen Quatsch zu finden. Fluch über diese perfide Bande!

Vermutlich steckt wieder Maschmeyer dahinter. Andererseits muss man auch gelten lassen, dass ein Ich, dessen einziger Zuständigkeitsbereich die morgendliche Sockenwahl ist, dass man ein solches Ich nicht unsensibel überstimmen darf, nur weil Maschmeyer ein durch und durch unsympathischer Mensch ist. Die selbstdrehenden Socken sprechen eindeutig gegen die Praxis der Universitäten, sich Lehrstühle von Sponsoren wie Maschmeyer stiften zu lassen. Es ist dann nicht zu vermeiden, dass man dort komplett verächtliche Dinge erforscht, beispielsweise selbstdrehende Socken oder am Ende noch Auffangstationen für Milben, deren Universum dem Untergang geweiht ist.

Bevor jetzt zarte Gemüter Parallelen zu unserem Universum ziehen, will ich noch erzählen, welche Neuerung den Anlass gibt, auf den Frühling zu hoffen. Herr Putzig hat unser HaCK-Treffen gestern Abend bereichert um den Vorschlag, zuvor eine Fotoausstellung zu besuchen. Das taten wir dann auch. Wir fanden eine Halle rappevoll mit jungen hippen Menschen und auf zwei Tischen einige Fotobücher, offenbar Abschlussarbeiten von Fotojournalismus-Studentinnen und –Studenten. Ich blätterte in einem Buch einer Fotoreportage über De Randfichten, deren Hit in den Charts „Ja, lebt denn der alte Holzmichl noch?“ war, ihre Auftritte bei Supermarkteröffnungen und in Möbelhäusern vor durchaus wahnsinnigem Publikum.

Und später beim Elferkranz Kölsch im Glüxkind schlug Herr Putzig vor, am kommenden Montag gemeinsam zum Literarischen Salon Hannover zu gehen, wo die ehrenwerte Aleida Assmann reden wird über das Vergessen. Ich freue mich darauf, weil ich, lang ists her, schon etwas Gewinnbringendes über Schrift und Gedächtnis aus den Federn von Jan und Aleida Assmann gelesen und wieder vergessen habe. Aber man findet vielleicht Spuren in meinem Werk Buchkultur im Abendrot. Zumindest stehen sie im Literaturverzeichnis. Vergessen wir also das ganz und gar nicht frühlingshafte Wetter und freuen wir uns auf alles, was zukünftig unsere Perspektive erweitern wird.

Die beste Weise, sich zu erden

Nebenan schlief Franzi. Er war aufgestanden, damit sie noch einmal in den Schlaf finden konnte, nachdem sie sich gut zwei Stunden unterhalten hatten. Er hätte ewig so weiterliegen mögen, wie ihre kleine Hand ganz leicht auf seiner Brust ruhte, wobei ihr Mund leise runde Wörter formte, die wie Perlen im nächtlichen Zimmer aufstiegen und sich in der Dunkelheit verloren.
„Das Leben ist kein Schneckenschubsen“, hatte sie gesagt, bevor sie wieder einschlief. In ihrem Wortschatz fanden sich viele Wörter mit Alliterationen oder besser Stabreimen.

Er hatte begonnen, eine Liste aufzustellen, aber auf dem Zettel waren noch mehr Aufzählungspunkte als Beispiele. Auch von Lisettes Idiolekt hatte er damals eine Wortliste angelegt. Kürzlich hatte er sie wiedergefunden.
„Lexikon der idiomatischen Wörter und Wendungen einer ungewöhnlichen Frau“
Doch der Zauber ihres Idiolekts war verschwunden gewesen. „Flottikarotti“, „Schwing die Hufe!“, „Tanke“, „tapern“, „Putz von den Wänden kratzen“, „volle Lotte“ … Aus ihrem Mund hatte das toll geklungen. So losgelöst von ihr, aus der Distanz vieler Jahre, wirkte das nur noch derb auf ihn. Da half auch nicht, dass er die Wörter syntaktisch und semantisch zugeordnet hatte: „töm tö töm tö töm; Interjektionskette, Trochäus; Weiterführung des Unsagbaren, vielsagend.“ Das alles waren nur noch Buchstaben auf Papier und sagte ihm nichts mehr. So wird es auch Franzis Wörtern ergehen, dachte er traurig.

In der Küche kocht er sich einen Kaffee. Wie er die Hände an der heißen Tasse wärmt, sieht er durchs Fenster hinab auf den Gehweg unten. Da liegt eine weiße Plastiktüte, bauscht sich plötzlich auf und wälzt sich um und um, irgendwie träge – wie ein Mensch, der nicht in den Schlaf finden kann. Dann liegt sie still, dann schiebt sie sich an den Zaun, schmiegt sich in die Ecke, als wollte sie Schutz suchen vor dem heftigen Wind, der den Weg entlang pfeift. Der ist durch die Isolierverglasung des Küchenfensters kaum zu hören, und denkt er ihn weg, dann hat die blanke, weiße Plastiktüte tatsächlich ein nächtliches Eigenleben.

Was wissen wir schon von der Welt, denkt er. Überall können wir Eigenleben vermuten, wo uns die Beweggründe verborgen bleiben. Wo wir Aktion vermuten, ist in Wahrheit Reaktion, nicht so einfach zu durchschauen wie bei der Tüte unten. Selbst menschliche Handlungen sind Reaktionen auf neuronale Prozesse im Gehirn. Auch bei diesen unbewussten Prozessen ist der Anlass nicht fassbar. Wie ein nächtlicher Wanderer im Gebirg, der unbedacht einen Stein lostritt. Der trudelt durchs Denken, reißt hie und da etwas mit und bewirkt Ideen, Gefühle und Handlungen, aber bewirkt auch diese rätselhaften Taten ohne erkennbaren Zweck, die an unsere tierische Vergangenheit erinnern, ein plötzliches Fassen an die Nase, das grundlose Schürzen der Lippen, ein unnützer Gang zum Fenster. Das alles sind Reaktionen. So ist also das ganze Weltgeschehen nur Reaktion, und da wundert nicht, dass der Mensch sich einen Erstbeweger ausdenkt, damit er einen Sinn im Chaos der Reaktionsketten findet. Doch wie der Weg das Ziel ist, sind die Reaktionsketten Ursache und Zweck zugleich. Das zu verstehen, brauchen wir keinen kosmischen Anschubser. Die Idee eines verursachenden Gottes ist letztlich nur horror vacui, die Angst der Natur vor dem leeren Raum.

Ich muss mich erden, sonst rutsche ich wieder aus der Welt, dachte er und legte sich zurück ins Bett neben die schlafwarme Frau.