Bitte halten Sie fünf Minuten meine Ferse!

„Et jitt sunn – un et jitt andere – un dat sin de mietste“, säät kölsch Hännesje (Es gibt solche – und es gibt andere – und das sind die meisten, sagt das kölsche Hännesje), und: „Jede Jeck is anders.“ Natürlich ist auch jeder Jeck anders jeck. Das Substantiv Jeck und das Adjektiv jeck sollen auf den biblischen Jacobus zurückgehen, das ist der hebräische Rufname für „Fersenhalter“, was den nachgeborenen Zwillingsbruder meint. Der Begriff Jeck für Mitmensch entspricht der rheinischen Toleranz und der Einsicht in die eigene Unvollkommenheit. Fersenhalter sind wir alle, die Nachgekommenen von unvollkommenen Leuten, und die Ähnlichkeit mit diesen Ahnen haben wir uns nicht ausgesucht.
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Einauge sei wachsam – Le Cyclop von Jean Tinguely

Es war vieles schlecht im Jahr 2020, aber nicht alles, zumindest für mich nicht. Im Juli waren meine Liebste und ich zu Gast bei Freunden in Fontainebleau. Unser Gastgeber fuhr mit uns in einen Wald bei Milly-la-Forêt, um uns die gewaltige Plastik „le Cyclop“ von Jean Tinguely zu zeigen. Hier eine Beschreibung:

Im Jahr 1971 erschien im Berner Tagblatt eine Anzeige: «Jean Tinguely sucht Bauschlosser oder Schlosser (Deutschschweizer), vielseitig und schwindelfrei, Autofahrer (Jasskenntnisse erwünscht), f.d. Konstruktion einer Riesenplastik in der Nähe von Paris für die Dauer von ca. 6 Monaten.»

Es meldete sich der Berner Maschinenschlosser Seppi Imhof. Er blieb 20 Jahre, bis zu Jean Tinguelys Tod (1991) dessen Assistent. Im Gespräch mit der Baseler Wochenzeitung TagesWoche berichtet Seppi Imhof von den Anfängen der Plastik:

    „Als ich das erste Mal in den Wald bei Milly-la-Forêt kam, standen ein paar Eisenstangen herum, eine Notstromgruppe, etwas Werkzeug und ein Schweissgerät – viel mehr war noch nicht vorhanden. Rico Weber und Paul Wiedmer hatten bereits damit begonnen, im Wald an diesem Werk zu bricolieren. Es zeigte sich aber, dass sie alleine nicht zurande kamen. Also fing ich an, und aus dem halben wurde ein ganzes Jahr, wurden zwei, drei und noch mehr Jahre. Schliesslich arbeiteten wir 20 Jahre an diesem Kopf. […]“

Das aus dem Französischen stammende Verb „bricolieren“ [franz. bricoler = herumbasteln] meint das Verfahren, Dinge ihrem angestammten Kontext zu entnehmen und in neue Zusammenhänge zu bringen. Bezogen auf die Materialkunst zeigt sich hier die Nähe zu den Dada-Assemblagen, besonders zu Kurt Schwitters‘ Merzbauten und zu Tatlins Maschinenkunst.

Fotografisch kaum zu fassen: Le cyclop – Foto: JvdL


Das enorme Fundament des Cyclops lässt vermuten, dass Tinguely bereits in den Anfängen eine Vorstellung von der späteren Größe seines Cyclops gehabt haben muss. Heute erhebt sich zwischen den Baumwipfeln eine 22 Meter hohe Eisen- und Stahlkonstruktion mit einem Gewicht von etwa 300 Tonnen.

Das Gesicht des Cyclopen – Foto: Susanne Braun – zum Vergrößern bitte klicken!

Das verspiegelte Gesicht des Cyclopen wurde von der Malerin und Bildhauerin Niki de Saint Phalle gestaltet. Einzelheiten seines Innenlebens waren von Zufallsfunden bestimmt. Man verbaute, was der örtliche Schrotthändler bereitstellen konnte und schreckte auch nicht vor Diebstahl zurück. Den in 20 Metern Höhe montierten Güterwaggon, zum Gedenken an die im Nationalsozialismus deportierten und ermordeten Juden, schleppte man ungehindert von einem Abstellgleis der nationalen Eisenbahngesellschaft Société nationale des chemins de fer français (SNCF), derweil die Bahnbeamten gerade streikten. Für den Waggon hat die Materialkünstlerin Eva Aeppli 28 Puppen mit eindrucksvollen Gesichtsmasken und in langen braunen Gewändern geschaffen und damit ein Denkmal der Trauer gesetzt.

So hat Tinguelys zweite Ehefrau Niki de Saint Phalle dem Cyclopen sein heiteres Gesicht gegeben, während das Werk seiner ersten Ehefrau Eva Aeppli ihm Bedeutungsschwere verleiht. Als Betrachter rätselt man über das Innenleben des Cyclopen wie die frühen Menschen, als sie sich staunend über das erstmals freigelegte Innere ihres Mitmenschen gebeugt haben. Und wie aus dem Gedärm des Menschen bisweilen rätselhafte Geräusche tönen, scheppert, quietscht, knallt und kracht es gelegentlich aus dem Inneren des Cyclopen. Polierte Metallkugeln werden von einem Transportsystem nach oben befördert, um dann lärmend durch eine roh verschweißte Kugelbahnkonstruktion nach unten zu stürzen. Ein gigantisches Räderwerk setzt sich und andere Bauteile in Bewegung, um letztlich nichts als Getöse hervorzubringen.

Die kinetische Gewalt der Konstruktion im Zusammenwirken mit Rost und Korrosion bringt Verschleiß mit sich. Tinguely hat keine Anweisung für die Restaurierung seines Werks hinterlassen, so dass die öffentlich bestellten Restauratoren (die Plastik gehört inzwischen dem französischen Staat) vor der Frage stehen, wie sie Bauteile ersetzen können, ohne die Einheit des Gesamtkunstwerks zu zerstören. Was einst durch Materialfunde und spontane Eingebung willkürlich entstand, wird auf diese Weise zum buchhalterlich konservierten Gedöns.

Normalerweise ist der Cyclop begehbar, enthält in seinem Inneren Objekte und Plastiken verschiedener Künstler. Coronabedingt darf das Innere leider derzeit nicht betreten werden.

Nachtfahrt

In der Titanic-Rubrik Humorkritik hat sich das Sammelpseudonym Hans Mentz über bellende Hunde in der Literatur ausgelassen und schreibt:
„Als typischer Anfängerfehler, den minderqualifizierte Autorinnen und Autoren durchaus bis ins Spätwerk mitzuschleppen nicht vermeiden können, gilt die Verwendung des auf eine Stimmung quasi existenzieller Verlorenheit abzielenden Satzes »Irgendwo bellte ein Hund«. Ja, dieser Satz ist geradezu zur Chiffre für handwerkliche (und freilich auch gedankliche) Autoren-Unfähigkeit geworden.“

Man kann leichthin so urteilen, wenn man mit einem Glas Wein an der Tastatur sitzt, quasi am Besserwissertisch, der aber eigentlich die Katzenbank ist, auf der ein Ahnungsloser hockt, der vom nächtlichen Durchqueren einer Einöde nur gelesen, sich folglich noch nie im Leben „existenziell verloren“ gefühlt hat. Weiterlesen

Der Mensch als großer Banalisierer

Er lag auf der Couch und hörte Musik. Als plötzlich Yellow Submarine der Beatles lief, hatte er die Erinnerung an einen seltsamen Laden. Er sah sich um. Ja, hier war er einmal mit Lisette gewesen. Er war widerstrebend mit ihr hineingegangen, denn ihm war nicht klar, was sie darin zu finden hoffte. Die Ware stand unordentlich herum, halb ausgepackte Kartons verstellten die Gänge. Umkleidekabinen waren auf einer Halbetage, beim Eingang die Kasse. Eine blonde Frau fragte, ob sie helfen könne. Lisette sagte, sie wolle sich nur umsehen. Ihm war das peinlich. Er würde nie in einen Laden gehen, um sich nur umzusehen.

Die Erinnerung wurde schwächer. Er ließ sie ziehen, denn ihm war klar, dass er sie nur halten könnte, wenn er einiges konkretisierte. Dann wäre es keine originale Erinnerung mehr. Sie würde überschrieben werden durch seinen fordernden Geist. Andererseits was war schlecht daran? Gab es einen Bestandschutz für Erinnerungen? Wer wollte den überwachen? Natürlich gehörten Erinnerungen zu einer gelebten Vergangenheit, zu einer Vergangenheit, die einmal Realität gewesen war. Aber jede Erinnerung daran war sie nicht wie eine Neuinszenierung auf einer Art innerer Bühne? Trotzdem, eine Neuinszenierung fußte ja auf der ersten Inszenierung in der Realität. Diese Inszenierung wurde tiefer und tiefer vergraben, wenn sie durch die Neuinszenierung überschrieben würde. Heißt es nicht, die Vergangenheit wäre unverrückbar? Ihm schien, dass es neben der gelebten Vergangenheit eine imaginäre Vergangenheit gibt, eine, die sich ständig verformt.

In früheren Zeiten hatte er oft Radio gehört. Welch eine Freude, wenn plötzlich ein Musiktitel aus seiner Jugend ertönte und eine Erinnerung auslöste an eine Zeit, in der er glücklich gewesen war. Heute konnte er sich bei YouTube oder Musikstreamingdiensten alle Titel seiner Jugend nach Belieben aufrufen. Er hörte sie dann im neuen Kontext seiner jetzigen Lebensphase. Das war auch jeweils eine Neuinszenierung vor einem aktuellen Bühnenbild. Nur wenige Musiktitel behielten ihren Zauber. Eventuell liegt es an der ständigen Verfügbarkeit von Konserven aus der Vergangenheit, dass vieles zu verflachen scheint. Jede Übermalung des Bühnenbilds eine Banalisierung.

Ein Hund lief in die Küche

Das Schmuckstück im Schlafzimmer meiner Eltern war eine Frisierkommode mit einem dreiflügeligen Spiegelaufsatz, mittig ein großes und an jeder Seite ein schmales Spiegelelement, das sich einklappen ließ. Ich sah meine Mutter selten vor diesem Spiegel. Sie war keine eitle Frau. Nach dem Tod ihres Mannes, meines Vaters, bestand für sie kaum noch Notwenigkeit, sich zurecht zu machen. Um so öfter sah ich in den Spiegel, und zwar in einen der Seitenflügel. Es war möglich, sie so zu stellen, dass sie sich gegenseitig spiegelten. Das gab den faszinierenden Spiegeleffekt, der immer kleiner werdenden Spiegel bis in eine unwägbare Unendlichkeit. Streckte ich meine Nase in diese phantastische Spiegelwelt, wurde auch ich in der immer kleiner werdenden Verdopplung und Verdopplung ein Teil von ihr. Dass es in der scheinbar so fest gefügte Realität einen derartigen Ort gab wie die sich selbst wiederholende Spiegelwelt, machte mich froh. Viel später lernte ich, dass es ein Wort dafür gibt: Iteration. Das Volkslied „Ein Hund lief in die Küche…“ ist quasi die sprachliche Entsprechung zur Spiegelwelt. Schade, dass der Köter immer wieder sein Leben lassen muss:

Ein Hund lief in die Küche
Und stahl dem Koch ein Ei.
Da nahm der Koch den Löffel
Und schlug den Hund entzwei..

Da kamen alle Hunde
Und gruben ihm ein Grab
Und setzten ihm ein’ Grabstein
Worauf geschrieben stand:

Ein Hund lief in die Küche
Und stahl dem Koch ein Ei.
[…]

Bei jeder Wiederholung, werden Hund. Küche, Koch, das Ei, der Löffel und der Grabstein kleiner, theoretisch unendlich oft. Trotzdem bleibt der Vorgang verständlich. Das unterscheidet das Lied vom sich immer wieder spiegelnden Spiegel.

Einiges über die SATOR-AREPO-Glücksformel

Kollegin Andrea Heming macht auf ihrem Weblog „Frau Heming ist unterwegs“ auf den Hollywood-Film TENET aufmerksam, der kürzlich angelaufen ist. Da das Wortpalindrom TENET vermutlich der SATOR-AREPO-Formel entnommen ist, einem magischen Quadrat, wundere ich mich, dass ich noch nie über diese bekannte Glücksformel geschrieben habe. Meine drei Blogs weisen jedenfalls keinen Beitrag dazu aus. Aber einen unveröffentlichten Text aus dem Jahr 2015 fand ich auf meiner Festplatte:

Samstag, den 31.10. 23:25 – 00:50 zeigte der NDR eine Folge der Serie Irene Huss, Kripo Göteborg: Tod im Pfarrhaus. Das Drehbuch hat der schwedische Schriftsteller Stefan Ahnhem verfasst. In dieser Folge beschwört eine der Hexerei verfallene evangelische Kantorin dunkle Mächte. Man sieht sie bedeutungsvoll umher schreiten und hört sie die „Sator-Arepo-Formel“ brabbeln. Das ist freilich kompletter Unsinn. Zwar gilt die Formel als magischer Spruch, aber nur in der geschriebenen Form. SATOR AREPO TENET OPERA ROTAS ist nämlich ein magisches Quadrat. Es kann in alle Richtungen gelesen werden, von links nach rechts und unten beginnend von rechts nach links, von oben nach unten und umgekehrt. Gesprochen ist es gar nicht als solches erkennbar. Welches Armutszeugnis! Da wundern wir uns, dass es keine Magie gibt, auch wenn sie in populären Büchern und Filmen wie Harry Potter oder in besagter TV-Serie heraufbeschworen wird. Aber natürlich kann Hexerei nicht funktionieren, wenn so erbärmlich herum gestümpert wird.

Soweit das: Wörtlich übersetzt bedeutet die lateinische Formel [übersetzt nach E. v. Welz, in der Societas Latina, München 1937]: „Der Bauer (Sämann) Arepo lenkt mit seiner Hand den Pflug.“ Als Bustrophedon gelesen, also wie der Bauer mit dem Ochsen pflügt, erhält man SATOR OPERA TENET, TENET OPERA SATOR „Der Sämann erhält seine Werke“ oder „der Bauer hält den Bau der Welt zusammen“ oder „der Ackerbau ist die Grundlage der Kultur.“ Einige Hinweise lassen darauf schließen, dass das magische Quadrat christlichen Ursprungs ist. Das mittlere Wort TENET bildet senkrecht und waagerecht ein Kreuz. Ein Pfarrer namens Grosser aus Chemnitz hat herausgefunden, dass sich aus den Buchstaben des Quadrats, um das mittlere N gruppiert, ein kreuzförmiges „PATERNOSTER“ bilden lässt. Bleiben A und O an den Enden (Alpha-Omega). Da alle magischen Formeln durch Rückwärtslesen unwirksam gemacht können, ist SATOR-AREPO … wie kein anderes Palindrom gegen Rückwärtssprechen abgesichert und gilt deshalb als eine machtvolle Segens- und Glücksformel.

Ich kaufe mehrmals fünf statt vier Croissants – aus Gründen der Völkerverständigung

Französisch kann ich nicht schlecht, sondern sehr schlecht, fast gar nicht, nur das klein Bisschen, das ich im Laufe meines Lebens hie und da aufgeschnappt habe. „Fermé le lundi“ steht an der Tür zur Bäckerei im Zentrum eines kleinen bretonischen Dorfes. Die Bedeutung kann ich aus dem Kontext erschließen. „lundi“ muss Montag heißen, nach der römischen Mondgöttin luna, und im Laden brennt kein Licht. Die Tür ist zu. Also „Montag geschlossen.“ Am nächsten Morgen habe ich mehr Glück. Ich sage meinen Spruch auf: „Bonjour, madame, quatre croissants s’il vous plaît.

Sie wiederholt meine Bestellung, und ich höre, dass „quatre“ aus ihrem Mund viel weicher und schöner klingt. Mein „quatre“ klingt verflucht deutsch, so als würde ich beim Wort die Hacken zusammen schlagen, was nebenbei wirklich eine typisch deutsche Geste ist. In den bretonischen Hafenstädten wird man sie kennen. Unweit, in Lorient, haben im zweiten Weltkrieg die Nazis einen U-Boot-Bunker gebaut und betrieben. An diese unselige Zeit will ich nicht erinnern.

Mercredi finde ich eine andere Bäckerei offen, sogar näher gelegen, was nach rund zwei Kilometern Fußweg zum Zentrum schon eine Verlockung ist. Der Laden ist verwaist. Ich betätige die Klingel auf dem Tresen, klingele ein zweites Mal. Aus einem Hinterzimmer tönt ein leiser Ruf. Dann eilt eine junge Frau heran, und noch im Gehen hinter der Ladentheke streckt sie die Arme seitlich, winkelt die Hände waagerecht und macht einen Knicks. Ich bin verzaubert. Soviel Anmut verträgt kein verbales Hackenzusammenschlagen. Mein „quatre“ wäre hier viel zu gewöhnlich. Spontan ändere ich mein Sprüchlein in „Bonjour, madame, cinq croissants s’il vous plaît.“

Wie mir der französische Freund und Gewährsmann bestätigt, sagt man auch in Frankreich zu einer jungen Frau nicht mehr „mademoiselle“ , was unserem „Fräulein“ entspricht. Aber bei der anmutigen Backwarenverkäuferin wäre es ein Ehrentitel gewesen, den ich ihr gerne an den Folgetagen verpasst hätte, an denen ich immer ein Croissant zuviel kaufte. Sie fragte mich einmal etwas, worauf ich nur antworten konnte: „Je ne sais pas.“ Da nickte sie verständig. Zum Glück hat sie nicht mehr geknickst. Schöne Momente müssen einmalig bleiben.

Besoffen in Unterhosen

Was typisch für die Flamen sei, versuchte ein holländischer Kabarettist in Flandern herauszufinden und sprach darüber mit einer Moderatorin von Studio Brussel, einem öffentlich-rechtlichen Musiksender. Typisch sei, dass Flamen zu Hause in Unterhose umherlaufen, sagte sie. Man komme nach Hause und entledige sich zuerst der Hose. Daran wurde ich erinnert, als mir gestern eine liebe Freundin unten zu sehende Karte mit einem finnischen Verb schenkte, wobei das keine Anspielung auf meine Gewohnheiten war. Was skurril ist an meinen Gewohnheiten, dafür haben noch nicht mal die Finnen ein Verb.

Die Karte stammt aus dem Museums-Shop des Hannoveraner Landesmuseums. Wir hatten uns dort eine Multimedia-Show über Leonardo da Vinci angesehen und waren überwältigt. Kalsarikännit wäre durchaus angebracht gewesen. Ich habe mir verkniffen, im Museum zu fragen, wer die Show verbrochen hatte, eine Leihgabe aus Mailand übrigens. Den Menschen will ich lieber nicht kennen, obwohl es gewiss große Kunst ist, das umfangreiche Werk eines Universalgenies hinter eigenen Ambitionen verschwinden zu lassen. Mir schwirrte der Kopf vor lauter visuellem und akustischem Bombast, immer hart an der Grenze zum Kitsch, für den die Hannoversche Allgemeine (HAZ) die freundlichen Worte fand: „Die Inszenierung ist ein synästhetisches Gesamtkunstwerk. Kraft ihrer multimedialen Wucht überwältigt sie die Besucher – und zeigt in ihrer futuristischen Ästhetik wie zeitlos sich der Genius Leonardos ausnimmt.“ Mir raubte es den Atem, was aber an der geforderten Mund-Nasen-Bedeckung (Maske) lag. Die multimediale Show wurde sicher ins Museum verlegt, weil die Rummelplätze noch geschlossen sind.

Was bedeutet „futuristische Ästhetik?“ Die Begrifflichkeit überhöht die Sache, oder sollte die Gemeinsamkeit mit dem Futurismus darin bestehen, dass die multimediale Da-Vinci-Show von einem Italiener geschaffen wurde? Profan ausgedrückt: Hier hat sich einer selbst verwirklicht und war schlicht besoffen von seinem Werk, wobei nicht klar ist, ob er bei der Planung der Show wenigstens eine Unterhose getragen hat.

Erinnerung an Menschen und Dinge (3)

Liebe Gäste lasse ich das Filmdöschen hochheben, das die Asche eines Freundes enthält, um zu spüren, wie schwer menschliche Asche ist. Die aparte Frau, die neuerdings in mein Leben getreten ist, hat sogar die Kappe gelüftet und hineingeschaut. Wieso ich etwas von der Asche des Freundes aufbewahre, der in meinem literarischen Kosmos Jeremias Coster ist, der dubiose Professor für Pataphysik an der RWTH Aachen, ist rasch erzählt. Am Bluemonday des Jahres 2014 hat sich der Mann mit einer von seinem Vater ererbten Pistole erschossen.

Sein Leichnam wurde in den Niederlanden eingeäschert. Veranlasst hatte das ein holländischer Freund, der Gefäßchirurg Emile P. In den Niederlanden, können nahe Freunde oder Angehörige die Urne mit der Asche an sich nehmen. Am 28. Mai 2014 versammelten zwölf enge Freundinnen und Freunde sich bei Emile, um die Asche auf Hollands höchstem Berg, dem Drielandenpunt, zu verstreuen.

Bevor wir auf den Berg pilgerten und uns eine junge Eiche aussuchten, um Thomas rings um den Stamm zu verstreuen, vorher also bot Emile uns an, etwas von der Asche in Filmdöschen abzufüllen. In solchen Plastikdöschen wird analoger Negativfilm gehandelt. Dass sich nun ein Aufkleber einer Aachener Weinhandlung darauf befindet, passt zu Thomas, der ein Sinnenfreund gewesen ist und gerne einen gehoben hat. Das kniende Engelchen habe ich auf einer Fensterbank ausgesetzt in Hannover-Linden gefunden. Jetzt kniet es besser. Wer die Aufbewahrung im Plastikdöschen pietätlos findet, dem sei diese urbane Sage aus Rolf Wilhelm Brednich: Die Spinne in der Yuccapalme gewidmet:
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Die Menschen, die Menschen!

Wie VORNE von hinten aussieht, zeigte der legendäre F. W. Bernstein. An das Cartoon, gesehen und abfotografiert im Wilhelm-Busch-Museum, wurde ich gestern im Hinüberschen Garten erinnert. Dort zeigte eine Installation aus schulterhohen rostigen Metallbuchstaben von Nadine Köpper und Claudia Wollkopf, wie Humanität von hinten aussieht. Der Parkgründer, Anton Hinüber, war Mitglied der Freimaurerloge Friedrich, Hannover. Im von ihm veranlassten englischen Landschaftsgarten finden sich überall Spuren des Freimaurertums.

So ist auch der Schriftzug „Humanität“ zu verstehen. Allerdings ist nicht ganz klar, welche Blickachse den Schöpferinnen vorschwebte. Von zwei Hauptwegen aus sieht der Betrachter, wie Humanität von hinten aussieht. Das ist befremdlich und lässt erwägen, ob so ein hehrer Begriff nicht auch ein komisches Element hat.

Humanität von hinten und vorne – Fotos: Susanne Braun

Mensch ist ein Gattungsbegriff. Das bedeutet, jede/jeder, die/der die entsprechenden körperlichen Merkmale aufweist, wird der Gattung zugeordnet, ist also menschlich, kann aber nicht automatisch jene Menschlichkeit für sich reklamieren, die mit Humanität gemeint ist. Humanität enthält eine moralische Wertung. Der Mensch kann menschlich oder unmenschlich handeln, entsprechend dem Begriffspaar human und inhuman. Ist also Humanität von hinten Inhumanität, quasi ihr eigenes Gegenteil oder die Humanität auf Links gedreht wie ein Pullover? Das ergäbe, dass Humanität immer auch eine Seite der Inhumanität hat.

„Mein Eindruck ist, dass die Botschaft bei den Menschen angekommen ist und dass sie die Verantwortung für sich und andere übernehmen“, sagte ein Polizeisprecher im NDR Fernsehen. Vorher wurde gezeigt, wie Polizeistreifen sich in illegale Menschenansammlungen begaben, um sie verbal auseinander zu treiben. Ein ähnliches Die-Menschen-Gerede legen Politiker an den Tag. Hier werden ungute verbale Fronten aufgebaut. Gewählte Politiker beschließen Kontaktsperren, ihre Organe setzten sie durch, und wer soll sich fügen? „Die Menschen“, als hätten humanoide Aliens heimlich die Macht übernommen und würden uns Menschen mit der unsichtbaren Corona-Fuchtel vor sich hertreiben. Das hat etwas entschieden Komisches.