Heimatlied

Mein Jugendfreund Fritz [Name geändert] sandte mir eine Broschüre aus der Heimat mit dem Titel: „Unsere Heimat- Unsere Lieder“, ein Heft DIN-A5, 36 Seiten ohne Seitenzählung, Kunstdruckpapier, herausgegeben von der Interessengemeinschaft Heimat + Historie NE-BU 962. Die Abkürzungen stehen für das Doppeldorf Nettesheim-Butzheim, die 962 bezieht sich auf die urkundlichen Ersterwähnung des Dorfes im Jahre 962. Das Titelblatt zeigt eine alte Ansichtskarte „Gruss aus Nettesheim bei Butzheim“, untertitelt ist die Dorfansicht „Gillbach mit Tollbrücke 1911.

Die auf dem Bild zu sehende Brücke gab es zu meiner Kindheit in den 1950-er Jahren nicht mehr. Der Gillbach floss bereits unterirdisch. Etwa seinem kanalisierten Lauf gemäß wurde die unsichtbare Grenze zwischen beiden Dörfern angegeben. „Toll“ ist die niederdeutsche Form von „Zoll.“ Die Tollbrücke hat demnach die zweite hochdeutsche Lautverschiebung nicht mitgemacht, was eventuell der Immobilität einer Brücke geschuldet ist, aber eher daran liegt, dass die Benrather Linie, wo die Lautverschiebung zum Stehen kam, nur wenige Kilometer weiter nördlich den Rhein überquert. „Tollbrücke“ lässt vermuten, dass beide Ortschaften in der Vergangenheit unterschiedlichen Verwaltungsbezirken angehört haben, so dass Zoll erhoben wurde.

Vor einiger Zeit sah und hörte ich im Bayerischen Fernsehen eine Sendung über bairisches Liedgut und bedauerte, dass es in meiner sprachlichen Heimat derlei historisches Liedgut nicht gibt. Zumindest war es mir nie begegnet, bevor ich 1970 nach Köln umzog. Freilich bin ich in einer Zeit aufgewachsen, in der über die Vergangenheit kaum gesprochen wurde. Die Gräuel des Nationalsozialismus und eigene Verstrickung hatten die Dorfgemeinschaft kollektiv verstummen lassen. Während meiner Kindheit hatte noch die ausgebrannte Ruine der jüdischen Synagoge gestanden, aber als sie niedergelegt und überbaut war, blieb man auch von kindlicher Neugier verschont. Am Kriegerdenkmal wurde zum Schützenfest an die Gefallenen aus zwei Weltkriegen erinnert, aber nie war die Rede von jüdischen Nachbarn, die im Nationalsozialismus verschleppt und ermordet worden waren. Dass diese Mitmenschen buchstäblich aus der Mitte der Dorfgemeinschaft gerissen worden waren, davon zeugt die Broschüre. Die abgedruckte schwärmerische „Hymne an unsere Heimat“ ist um 1928 vom Juden Siegfried Herz gedichtet worden. Im Jahr 1937 wurde er in einer Pressenotiz der Neußer Zeitung bereits als Autor verschwiegen. Siegfried Herz ist laut Broschüre „gestorben“ 1942 im KZ Auschwitz, was zu übersetzen wäre, dass er dort ermordet wurde. Die Broschüre gibt Auskunft darüber, dass jüdische Mitbürger wirtschaftlich und kulturell integriert gewesen waren, dass religiöse Unterschiede nicht als trennend empfunden wurden. Warum man ihre Verschleppung und Ermordung trotzdem hatte geschehen lassen, in welcher Weise Butzheim-Nettesheimer Bürger aktiv beteiligt waren und sich schuldig gemacht haben, darüber lässt sich offenbar fast 80 Jahre später weder sprechen noch schreiben. Zu meinem Text: „Mein kaputtes Bullerbü“ schrieb mir Fritz:

    „Übrigens sind die hier jetzt natürlich auch vermehrt gegründeten Geschichtszirkel fast ausschließlich mit unverfänglichen Themen beschäftigt. Wenige Ausnahmen bestätigen die Regel.“

Etwas in mir sträubt sich, zum Unverfänglichen der Broschüre zurückzukehren. Doch es ist zu würdigen, dass den Autoren gelungen ist, Texte und Noten von vier Heimatliedern zusammenzutragen, von denen mir ein Kirmeslied „Die Kirmes von Butzheim“ besonders gefällt, weil der heiter-komische Text in Butzheim-Nettesheimer Platt vorliegt, einer „landkölsch“ genannten Variante des Ripuarischen. Schon das Lesen vermittelt mir heimatliche Klänge. Kürzlich fragte das Grimme-Institut per Rundmail nach Ideen von Heimat. Ich schrieb hin:

    „Obwohl neue Erkenntnisse [Mein kaputtes Bullerbü] viel zur Entzauberung beigetragen haben, ist das Dorf meiner Kindheit noch immer meine Heimat. Ich kann es auch an einem seltsamen Umstand ablesen: Entfernungsangaben breche ich herunter auf Entfernungen, die ich aus Kindheit und Jugend verinnerlicht habe. Nur so kann ich mir etwa zwei, sechs, zwölf, 20 Kilometer räumlich vorstellen.“
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Merz und Mars – Das InSight-Namen-Projekt

Lange bevor ein politischer Wiedergänger aus dem Sauerland auftauchte, sogar lange bevor dieser Mann geboren wurde, begründete in Hannover der Künstler Kurt Schwitters eine Spielart von Dada, seine MERZ-KUNST. Der Name MERZ stammt aus einer Collage, worin Schwitters den Schriftzug der Commerzbank eingearbeitet hatte, so dass nur noch merz zu lesen war. Nach der Schwitterschen Merzkunst hat sich Merzmensch benannt, mein Blogfreund aus frühen Blog.de-Zeiten, ein inspirierender Mann, der sich künstlerisch und wissenschaftlich mit Dada beschäftigt.

Ein Jahr ist es her, dass Merzmensch in seinem Blog auf die Möglichkeit der virtuellen Reise zum Mars aufmerksam machte. „Ich fliege im nächsten Jahr zum Mars“ schrieb er. Das erklärt vielleicht, warum ich bedauerlicher Weise schon so lange nichts von ihm gehört habe. Leider doch nicht. Denn nicht er ist gestern auf dem Mars gelandet, sondern sein Name, hinterlegt auf einem Chip wie der von Millionen anderer aus der Weltbevölkerung. Pioniere allesamt – und ich bin einer von ihnen. Nachdem ich die Sache in einem Kommentar im Merzmensch-Blog zuerst als moderne Erscheinung der Namenmagie abgetan hatte, entschied ich mich doch zum Mitfliegen, habe mich im November 2017 bei der NASA angemeldet und prompt die Bordkarte bekommen.


Was bedeutet nun, dass mein Künstlername sich jetzt auf dem Mars befindet? Spontan fiel mir ein „Der Name der Jecken steht an allen Ecken“, entsprechend zum berühmt-berüchtigten Wiener Hofbeamten Joseph Kyselak, der den Ehrgeiz hatte, überall seinen Namen zu hinterlassen, auch an unzugänglicher Stelle im Hochgebirge. Doch was bei Kyselak und seinen Nachfahren, den Graffiti-Taggern, eine Ich-war-hier-Marke ist, trifft ja auf das In-Sight-Namenprojekt nicht zu. In jedem Fall ist es eine bislang nie dagewesene Angelegenheit, die ein Gedankenspiel erlaubt, das vor der Marslandung nicht möglich gewesen wäre.

Ausschlusskriterien bei der Partnerwahl

Fünf Wochen hatte ich nicht zu den HaCK-Treffen gehen können. Da ich inzwischen ohne Schmerzmittel auskomme, konnte ich wieder hin. Ich freute mich auf die Freunde und auf ein leckeres Kölsch. Da rief Herr Leisetöne an, unsere Stammkneipe Leinau3 habe geschlossen. Er nannte eine Alternative, und als ich losgehen wollte, kam ein erneuter Anruf. Dort seien alle Tische reserviert. Wir würden uns im Notre Dame treffen. Es schneite, als ich losging, und ich versuchte die ersten Schneeflocken zu würdigen, wie Mitzi das jüngst getan hatte. Dazu waren die Flocken aber zu mickrig.

Im Notre Dame fand ich einen übel gelaunten Leisetöne. Wie er berichtete, hatte er eine Odyssee durch die umliegenden Kneipen hinter sich, war zudem in Sorge gewesen, ich würde losgehen, ohne ein Mobiltelefon mitzunehmen, und wäre nicht zu erreichen, wenn er ein anderes Lokal gefunden hätte. Das war ja nochmal gut gegangen, und unter meinem heilsamen Einfluss besserte sich seine Laune zusehends. Bald traf auch Herr Putzig ein, und so wurde es ein geselliger Abend. Herr Putzig meinte, im Notre Dame habe mal eine junge Frau gekellnert, die ihm gefiel. Dann habe er sie in einer Bäckerei gesehen, wo sie zum Ständer mit der Bildzeitung gegangen sei und sich wie selbstverständlich eine gekauft habe. Man erwarte das nicht von einer attraktiven Frau. Das wäre auch für mich ein Ausschlusskriterium. Wenn ich früher im Deutschunterricht das Thema Boulevardzeitung behandelt habe, musste ich mir ja ein Exemplar der Bildzeitung kaufen. Das ist mir jedes Mal peinlich gewesen, und ich hoffte, dass mich niemand dabei beobachtete. Auch die verschämte Erklärung: „Hihi, ich brauche die rein beruflich“ wäre nicht weniger anrüchig gewesen.

Einmal bin ich mit einer Freundin in Lübeck gewesen. Just an diesem Tag erschien die Bildzeitung mit dem Aufmacher „Alarm! Handschrift stirbt aus!“ und war komplett in Handschrift verfasst. Obwohl mich in Lübeck niemand kennt, brachte ich es nicht über mich, ins Zeitschriftengeschäft zu gehen und eine Bild zu kaufen. Die Freundin tat es dann für mich. Als ehemalige Studentin der Betriebswirtschaftslehre (BWL) mit einem Diplom in BWL hatte sie keine Berührungsängste. Die Weltsicht einer BWL-Frau wäre früher auch ein Ausschlusskriterium für mich gewesen. Doch ihre diversen Vorzüge hatten das aufgewogen. Wie schon am acht Jahre alten Text von gestern abzulesen, schaute ich früher sehr viel strenger auf die Welt.

Während meiner Lehrzeit, ich war 15 oder 16 Jahre alt, kaufte ich mir regelmäßig eine Boulevardzeitung, den damals in Düsseldorf erscheinenden Der Mittag. Darin verfolgte ich die dramatische Lebensbeichte eines Alkoholikers, die täglich fortgesetzte Schilderung seines allmählichen Niedergangs. Damals wusste ich noch nicht viel von der Welt und war tief beeindruckt. Heute denke ich, dass die Beichte garantiert von einem Boulevardjournalisten stammte. Denn täglich ein Zerrbild der Welt zu zeichnen, lässt sich vermutlich nur im Suff ertragen. Am Ende droht die Gosse. Der Mittag hat sein Erscheinen längst eingestellt, und auch die Auflage der Bild sinkt kontinuierlich ab. Abnehmendes Interesse am Gossenjournalismus lässt mich für Putzigs und mein Liebesleben hoffen.

Das Verzeichnis – dritter und letzter Tag


Dritter Tag – Trügerische Erdung

ie tiefen Kellergewölbe der Bierbrouwerij hatte er nie genutzt. Ja, er scheute sich hinab zu steigen, denn beim Restaurieren des Gebäudes hatten die Arbeiter im Keller einen vermauerten Gang freigelegt. Er führte als Rampe hinab in das Gangsystem, das sich unter der Stadt erstreckte, denn die gesamte Stadt war unterhöhlt, ja, es führten sogar Gänge unter dem Fluss hindurch auf die andere Seite. Da die Straßen der Stadt sich in ihrem Untergrund zu spiegeln schienen wie ein negatives Abbild der Oberwelt, drängte sich ihm die Vorstellung auf, dass auch ein jeder Bewohner der Stadt in der Unterwelt als Schattenwesen gespiegelt wäre, wo er als Antipode kopfüber jede Bewegung seines positiven Abbilds nachvollzog. So musste es dort unten auch sein eigenes negatives Abbild geben. Manchmal ertappte er sich dabei, dass er durch die Irrwege seiner Behausung streifte, allein um seinen schattigen Gegenfüßler ein wenig umherzuscheuchen.
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Eingefahrene Karrenspuren des Denkens

Aus Sicherheitsgründen habe ich das Gehen wieder entdeckt, laufe all die Strecken zu Fuß, die ich früher mit dem Fahrrad gefahren bin. Drum wunderte ich mich nicht, als ich am Überweg Küchengarten – Limmerstraße mich ganz in Gedanken auf der Radfahrerspur eingeordnet habe. Über die Jahre hat sich ein Wahrnehmungsmuster eingegraben wie eine tiefe Karrenspur in einen schlammigen Feldweg. Solche Karrenspuren sind schwer zu verlassen, und ich fürchte, in Wahrnehmung und Denken mehr davon zu haben als mir lieb ist. Es wäre mindestens hilfreich, ein Luftbild zu haben, um zu sehen, wo all die eingefahrenen Spuren verlaufen und welche Regionen von ihnen ausgespart werden. Dann könnte man sich vornehmen, einmal quer durch zu denken, ach, wäre das hübsch.

An ein uralt Muster, dessen Herkunft ich nicht kenne, wurde ich erinnert durch die Litfaßsäule unweit meiner Wohnung. Das Wort Litfaßsäule wird übrigens auch nach der Orthographiereform nicht etwa wie das Fass, sondern weiter mit Eszett geschrieben, weil sie nach ihrem Erfinder, dem Berliner Buchdrucker Ernst Litfaß, so heißt. Und Namen werden von der Orthographiereform nicht erfasst. Das Namenrecht der Familien ist quasi unantastbar. Also „Litfaßsäule.“ An der Litfaßsäule hängt ein Plakat, das ein Konzert von Mark Knopfler (Dire Straits) ankündigt. Knopfler ist gewiss ein guter Gitarrist und schuldlos daran, dass ich nur ein paar Akkorde von seiner Hand hören muss und mich umfängt eine schier tödliche Langeweile. Auch so ein Wahrnehmungs- und Denkmuster.

Ich wollte übrigens eben von Ernst Litfaß die Lebensdaten wissen. Google blendete mir das links ein. (Screenshot). Warum soll ich wissen, dass „andere auch nach“ nach Klaus Siebenhaar „suchten?“ Wer jetzt neugierig geworden ist, möge das Bild anklicken. Dann müsste eigentlich das gleiche Ergebnis wie im Screenshot erscheinen. Es ist eine durchaus nützliche Funktion gegen eingefahrene Karrenspuren des Denkens. Vorausgesetzt, man kreist jetzt nicht nur um Klaus Siebenhaar. Sein Nachbar in der Leiste, Wilfried F. Schoeller wäre gewiss froh um sieben Haar auf der Platte. Namen (oder Haare) können so ungerecht verteilt sein. Und Google zeigt das auch noch!

Das Verzeichnis – zweiter Tag

Zweiter Tag – Fatales kam aus Gras

ußer der Postbotin kannte er niemanden. Denn obwohl er den Dialekt der Stadt längst verstand, weigerte sich seine Zunge, ihn zu sprechen. Einem verirrten Besucher würde sich hinter der Tür zur dritten Etage der Bierbrouwerij ein langer Gang auftun, dessen Wände aus gestapelten Prospekten bestehen. Diese Abteilung der grauen Literatur ist gut 20 Meter tief, hat an ihrer Basis Kataloge und Telefonbücher und hoch oben nur dünne Prospekte, von denen das eine oder andere herunter auf die Dielen geweht ist. Der Gang endet an einer Gabelung. Rechts gelangt man zwischen hohe Buchstapel, die sich bedenklich nach innen neigen. Es gibt alberne Weisen, zu Tode zu kommen. Von religiösen Büchern erschlagen und verschüttet zu werden, ist eine davon, weshalb sich der Besucher besser nicht rechts halten würde, wenn’s auch im metaphorischen Sinne hundertmal gut und richtig ist, den rechten Weg zu nehmen. Der linke Gang führt zwischen hohen Holzregalen hindurch, in denen sich Zeitungen und Zeitschriften jeglicher Couleur stapeln. Und da zu fragen ist, ob diese Printerzeugnis in ihrer Summe nicht wesentlich besser Auskunft geben über das menschliche Dasein als philosophische oder religiöse Werke, wendet sich der kluge Besucher nach links, zumal die Presseerzeugnisse durch die rohen Regalgitter gehalten werden. Bald türmen Schränke und andere Möbel sich auf und bilden ein schier undurchdringliches Labyrinth, in dem sich der Besucher verirren würde. Daher ist es besser, nicht weiter vorzudringen, sondern zu rufen und zu hoffen, dass von irgendwo Antwort kommt oder ein Schrank zur Seite gerückt wird, was vermutlich nicht geschehen wird, wenn man nicht ausdrücklich gebeten wurde. Meines Wissens ist das seit Jahren nicht geschehen.

Einmal war er nicht ganz bei Sinnen, denn er hatte sich mit Grasrauchen betäubt. Weil es ihm an Koordination mangelte, drückte er auf seinem Laptop versehentlich eine Tastenkombination, die ein seltsames Tool aufgehen ließ. Das Tool spiegelte den Grundriss seiner Etage, und klickte er eine beliebige Stelle an, blendete sich ein kleines Fenster ein, in dem eine Nachricht stand, mal „dieser Platz ist leer“, mal eine Liste der Dinge, die sich an diesem Platz befanden. In den nächsten Tagen entdeckte er, dass sich das Verzeichnis der Dinge fortschrieb, als säße irgendwo ein stummer Sekretär, der alle neuen Gegenstände getreulich archivierte. Ein solches Wesen bekam er aber nie zu Gesicht, weshalb er den Glauben an dessen Existenz bald verwarf. Trotzdem setzte sich diese Idee in ihm fest, denn von allen möglichen Erklärungen des Phänomens war es doch die am leichtesten fassliche. Der Mensch braucht Bilder, vor allem dort, wo sich die Welt nicht erklären mag. Er stellte sich den Sekretär als hageren verknöcherten Mann vor, der von der Last seiner Jahre ein bisschen krumm geworden. Nie verzog der Sekretär eine Miene. Stumm ging er seiner Arbeit nach, saß am Rechner wie ein Schreiber, der sich nicht mit der Tastatur der Schreibmaschine anfreunden mag und viel lieber an einem Stehpult mit der Spitzfeder übers Papier kratzen würde.

Es gefiel ihm, sich den Sekretär vorzustellen, und er gab seinem unsichtbaren Faktotum Anweisungen, fragte nach seinem Befinden oder tadelte dessen ungeschicktes Hämmern auf der mechanischen Tastatur. Nein, dieser verknöcherte Kerl würde es nicht mehr lernen, konnte die technische Entwicklung offenbar nicht nachvollziehen. Die mechanische Schreibmaschine war nichts für ihn, die braucht geschickte Frauenhände. Daher stellte der Bewohner der Bierbrouwerij seinem imaginären Sekretär ein Stehpult hin und legte die alten Schreibutensilien für ihn bereit, die in den Kantoren des 19. Jahrhundert im Gebrauch gewesen waren, bevor die Tippmamsells die Bürowelt eroberten. Gewiss war auf der 3. Etage der Bierbrouwerij einst die Verwaltung gewesen, und ebenso gewiss hatten solche Schreiber dort an Stehpulten gestanden, hatten die Geschäftsbriefe geschrieben und Listen geführt.

Tatsächlich konnte er auf seinem Verzeichnis-Tool Kurrentschrift einstellen, was eine hübsche optische Bekräftigung seiner Idee war, das Verzeichnis würde sich nicht selbsttätig fortführen, sondern von einem stummen Archivar verwaltet, der mit einer Spitzfeder Kurrentbuchstaben schrieb wie gestochen. „Meine Frau duldet keine weitere Einbringung von Gegenständen in unseren gemeinsamen Haushalt“, sagte 1996 der scheidende Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel, als man ihn beschenken wollte. Dahinter steckte Vernunft, denn in einen geordneten Haushalt dürfen nicht wahllos die Dinge eindringen. Es bedarf der ständigen Erwägung, welche Dinge man zulassen will und welche nicht. Denn Haushalte scheinen die Dinge magisch anzuziehen, und sie sind erfahrungsgemäß unersättliche Sammler, was jedoch eher eine Eigenschaft ihrer Bewohner ist. Eine natürliche Grenze ergibt sich durch das Praktische. Wenn Ordnung zur beständigen Unordnung verkommt, beginnt eine Behausung unkontrollierbar zuzuwachsen.

Lag es am Verzeichnis-Tool, dass er das Zuwachsen der dritten Etage zugelassen hatte? Gab es ihm eine trügerische Sicherheit, dass ja alles zu finden wäre, egal wo es verschüttgegangen? Er brauchte ja nur sein Verzeichnis zu fragen, wo sich gerade die Knoblauchpresse befand, wo die Schuhbürste abgeblieben war oder sich der Rasierpinsel aufhielt. Vielleicht lag es auch am Verzeichnis, dass er aufgehört hatte, auf eine gewisse Ordnung mancher Dinge zu achten. Er konnte sich zwar stets gut erinnern, wo ein von ihm gesuchtes Zitat auf einer Buchseite stand, war jedoch gänzlich hilflos geworden, was die Dinge seines natürlichen Bedarfs betraf. Die Ernährung zum Beispiel war ein einziges Ärgernis, denn er konnte die zum Kochen und Bruzzeln benötigten Gegenstände zwar im Verzeichnis orten, kam jedoch häufig nicht an sie heran, weil sie verschüttet waren. Daher aß er meistens auswärts, saß stumm am Fenster eines Restaurants und schob sich gedankenvoll irgendwas zwischen die Zähne.

Als später das Stehpult unter anderen Gegenständen verschwand, kam auch der Archivar nicht mehr. Manchmal ertönte noch ganz in der Nähe sein trockenes Husten, doch da sich das Stehpult nicht mehr frei räumen ließ, ohne andere Stapel zu gefährden, war da kein Platz mehr für den Archivar, obwohl er nur ein Eckchen benötigte. Das war eine üble Sache, denn der Archivar war doch längst zu seinem Gegenüber geworden und hatte ihm auch in den nächtlichen Stunden inneren Halt gegeben, da er doch nie zu schlafen schien, sondern stets sofort heranschlurfte, wenn er sich gerufen fühlte.

Sich mit ungezählten Dingen zu umgeben, die allesamt ihre eigene Geschichte haben, im Kontext mit anderen ihrer Zeit stehen, so dass sich die Vergangenheiten unentwirrbar mit der Gegenwart vermischen, das ist nicht gut für den menschlichen Geist. Nicht umsonst umgibt sich der Mensch mit Hecken, Wänden und Mauern. Selbst der Berber am Fluss kriecht bei Nacht in einen Karton, um der weiten Welt den Schrecken zu nehmen. Und schluckt er vor dem Einschlafen eine halbe Flasche Fusel, errichtet er eine Wand gegen seine elende Vergangenheit, so dass ihm die Träume Hoffnung bringen können. Es war schon ein Fehler gewesen, dass der Bewohner die Büroetage der Bierbrouwerij De Keizer hatte ihrer Wände berauben lassen. Die alten Mauern hätten seinem Dasein eine Gliederung angeboten, hätten ihm gleichsam eine geistige Ordnung vorgegeben und verhindert, dass er bald aus der Welt rutschten würde.

Fortsetzung 3. Tag

Das Verzeichnis – erster Tag


Erster Tag – Horror vacui

style=”margin-bottom: -10px;” or vielen Jahren war er beim Bummel durch jene fremde Stadt in die Wycker Grachtstraat geraten, ohne rechten Grund, denn besonders ansehnlich ist die Wycker Grachtstraat trotz ihrer alten Häuserreihen nicht. Da war auch ein düsteres Ziegelgebäude, das die anderen Dächer mächtig überragt. Von weitem schon rätselte er, welchem Zweck es wohl dienen mochte, erst spät entdeckte er neben der geschlossenen Toreinfahrt ein dunkles Schild aus Messingblech, auf dem sich das Gebäude als „Bierbrouwerij De Keizer“ auswies. Es schien, als läge ein Schatten auf dem Gebäude, was wohl von den dunklen Ziegeln herrührte. Auch schauten die vier Fensterreihen düster drein, obwohl sie allesamt artige Fensterbögen hatten und von aufwendig gemauerten Friesen gesäumt waren. Die Scheiben der zwölf großen Fenster waren stumpf. Eine Sonne hatten sie jedoch nie gespiegelt, denn die Fassade zeigte nach Norden. Als man die Fenster noch putzte, war das große Tor gewiss den ganzen Tag über offen gestanden. Schon früh morgens wurde es aufgezogen, damit der Bierwagen herauskonnte, gezogen von vier keizerlichen Kaltblütlern. Und den ganzen Tag war ein Kommen und Gehen gewesen, so dass es auf dem Pflaster der Wycker Grachtstraat unentwegt rumpelte und klapperte.

Jetzt war es still in der Wycker Grachtstraat, so still, dass aus einem der Häuser das Rufen heller Stimmen zu hören war, ein lauter Disput im kakophonen Dialekt der Stadt, den er nicht verstand, ja, auch eigentlich nicht verstehen wollte, denn es ist ja unbestreitbar, dass eine misstönende Sprache auch einen Missklang in den Charakter ihrer Sprecher bringt. Sie selbst merken freilich das eine wie das andere nicht. Sie kennen es nicht anders. Jedenfalls war etwas Befremdliches in den Stimmen, und das sagte: Wir sind hier unter uns und streiten so laut, wie wir lustig sind. Sogleich fühlte er sich als Eindringling, konnte jedoch seinen Blick nicht von der Fassade der „Bierboruwerij De Keizer“ losreißen. Ja, er nahm sein Notizbuch und begann sie zu zeichnen. Und weil er sich dabei beobachtet fühlte, missriet ihm die Zeichnung, war so krakelig, dass er sie später nachbearbeiten musste, wobei ihn sein schlechtes visuelles Gedächtnis immer wieder in Schwierigkeiten brachte. Dann war er noch einmal zurückgegangen und hatte die Hausnummer neben der Toreinfahrt abgeschrieben. Die schrieb er groß an die Seite der Zeichnung. Wenige Monate später war er in die Stadt zurückgekehrt, hatte einen Makler aufgesucht, ihm die Zeichnung unter die Nase gehalten und gesagt: Dieses Gebäude, Wycker Grachtstraße Nummer 26, will ich haben.

Sein Bett hatte er auf der dritten Etage der entkernten Bierbrouwerij aufgeschlagen, irgendwo inmitten des schier endlosen Raumes. Da schien der Lichtkreis seiner Nachtlampe wie eine Insel, an deren Ufern die Dunkelheit brandet. Doch langsam begann er, die Halle zu erobern, weitete sein Reich aus, indem er sich mit Dingen des täglichen Lebens umgab. Dann wuchsen die Papierstapel, die sich später zu engen lichtlosen Gassen reihten. Es hatte damit begonnen, dass ihn die fixe Idee anflog, Rezensionen über philosophische und religiöse Werke zu verfassen, und zwar in so großer Zahl, dass täglich die diversen Paketdienste bei der Brouwerij vorfuhren und Rezensionsexemplare der Neuerscheinungen brachten. Deshalb ließ er bei Tag das große Hoftor offen stehen gleich einem gefräßigen Maul. Jeden Werktag pünklich um acht entriegelte er die Torflügel und stemmte sie auf. Und hatte sich das Tor für den Tag sattgefressen, dann begann er mit dem Verdauen der Buchstapel, las, las quer, notierte, verzettelte und exzerpierte, und das stets bis 00:40 Uhr in der Nacht. Es hatte eine Weile gedauert, bis er diesen Zwang entdeckte, denn oft hatte er nicht auf die Uhr geschaut, wenn er die Arbeit nieder sinken ließ. Was es mit dieser magischen Uhrzeit auf sich hatte, und welche innere Uhreinstellung ihn stets zu dieser Zeit aus der Arbeit riss, entzog sich seiner Erkenntnis.

Er konnte sich nicht daran erinnern, wann die Bierbrouwerij begonnen hatte zuzuwachsen, könnte es jedoch leicht herausfinden. Um an die Anfänge zu gelangen, müsste er nicht einmal die übermannshohen Papierstapel in einem der Laufgänge abräumen, Sedimentschicht um Sedimentschicht, wie es ein Archäologe tun würde. Nein, wenn er wirklich wissen wollte, wann seine Heimstatt zuzuwachsen begann, könnte er einfach nachschauen. Auf seinem Notebook existierte ein Verzeichnis aller Gegenstände und Schriftstücke, die in den letzten 15 Jahren den Weg in das Gebäude gefunden hatten. Das Verzeichnis hatte er entdeckt, lange bevor das Zuwachsen seiner Behausung begann. Und wie die Dinge um ihn herum sich wie von selbst zu vermehren schienen, schrieb sich auch das Verzeichnis ohne sein eigenes Zutun fort. Den Rechner allerdings müsste er suchen, denn er ist seit kurzem untergetaucht. Sein Mobiltelefon hatte er häufig gefunden, indem er es vom Festnetz anrief. Auf ähnliche Weise würde er auch sein Notebook wiederfinden, denn es würde Laut geben, sobald eine E-Mail eintrudelt.

Fortsetzung zweiter Tag