Sternschnuppen im Herbst, freie Wünsche und Wurst

Meine lieben Damen und Herren! Bitte geben Sie mir einen Schubs, damit ich Ihnen ein launiges Produkt aus dem Teestübchen liefern kann. Danke. Ich hörte einen Mann sagen: „Man muss akzeptieren, dass Herbst ist“ und dachte: Früher wurden die Überbringer schlechter Nachrichten geschlagen oder sogar erschlagen, ein leider in Vergessenheit geratener Brauch. Allerdings war dieser Mann nicht der Überbringer, sondern hat nur ausgesprochen, was jeder sehen kann, wenn die Dämmerung so früh herabsinkt und die Blätter von den Bäumen tropfen.

Einmal im Herbst, zu lang ist’s her, sah ich in zauberhafter Begleitung fünf Sternschnuppen am klaren Nachthimmel. Wir waren extra zur Dornröschenbrücke gegangen, um über dem weiten Tal der Leine die angekündigten Sternschnuppen zu sehen. Eine Sternschnuppe ging so flach nieder und verlosch so spät, dass man meinen konnte, die Reste dieses streunenden Himmelskörpers wären einem auf den Kopf gefallen. Ich glaube, der Pechvogel war ich. Und es ging so schnell, dass ich vergaß, mir etwas zu wünschen, vielmehr ich wünschte mir nur noch, den Dachschaden zu begrenzen. Das zum Thema, du hast einen Wunsch frei.

Ich las mal eine Geschichte von einer Frau, die drei Wünsche frei hatte. Falls jetzt jemand die Geschichte erwartet, ich kriege sie nicht mehr zusammen. Jedenfalls hatte die Frau nach dem zweiten törichten Wunsch als Nase eine Wurst. Stellen wir uns eine dicke fette Weißwurst vor, eine aus echtem Schweinsdarm prallvoll gefüllt mit Gekröse, so eine Nase hatte die Frau. Da brauchte sie natürlich den dritten Wunsch, um ihre alte Nase zurück zu bekommen.

Man muss halt vorsichtig sein mit Wünschen. Als ich auf dem Sprung war, von Aachen nach Hannover zu ziehen, vor jetzt fast neun Jahren, dachte ich morgens beim Aufwachen, gäbe es doch einen Knall, und der Umzug wäre getan. Genauso ist es gekommen. Als der Umzug am Abend getan war und ich das Leihauto in Hannover abgeben wollte, fuhr ich mit einem Knall einem unglücklich geparkten VW-Transporter den Außenspiegel ab. Immerhin habe ich wirklich nicht lange gebraucht, in Hannover polizeilich bekannt zu werden und ein von der Polizei dokumentierter Knall war doch ein guter Auftakt.

Gestern habe ich eine durchgeknallte Frau mit Motorsäge fotografiert, vielmehr ihr Bild auf einem Umzugswagen. Mir ging es aber um den Slogan: „Wir sägen die Preise ab.“ Mir fiel nämlich ein, dass ich mal im ostbelgischen Eupen einen ähnlichen gelesen habe, der zwar grammatisch ein bisschen verhunzt, aber fast so brutal war: „Wir hauen den Preisen auf dem Kopf.“ Wer möchte da noch Preis Preuße sein.

Absägen, ja, wovon denn? Foto: JvdL

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Wie alles angefangen hat – ein Ohrenzeugenbericht

Vier Frauen, paarweise an zwei Tischen, können die akustische Oberhoheit über ein Lokal erobern und können gewohnte und über Jahre eingespielte Vorgänge durcheinanderbringen, ohne sich über ihr Handeln bewusst zu werden und ohne seine Folgen zu bemerken. Es trifft sie daher nur geringe Schuld daran, dass ich an meinem Fensterplatz vergessen wurde, den ich mich freute ergattert zu haben, weshalb ich aber mit dem Rücken zum Geschehen saß und machtlos erleben musste, wie sich alles hinter mir entwickelte. Aber Schuld trifft sie doch.

Ich bin überzeugt, dass in der Folge von hier bis Patagonien die Dinge aus dem Ruder liefen, man checke nur die Nachrichten über Sturm Xavier und seine Folgen, so dass spätere Chronisten, sollte es die Menschheit noch geben, sagen werden: „An diesen beiden unglücklicher Weise nebeneinanderstehenden Tischen hat alles angefangen, und zwar so. Wir zitieren aus einem Bericht des Mannes, der Augen- und Ohrenzeuge war:

Die beiden einander nur flüchtig bekannten Frauenpaare hatten die Tische besetzt und sich einfach nur unterhalten. Dann war etwas geschehen, dass nämlich eine Frau von ihren eigenen Worten urplötzlich emotional bewegt war und ungewollt ihre Stimme sich erhob, wodurch sich ihre Nachbarin am Nebentisch übertönt fühlte, und fürchtete, ihre Gesprächspartnerin würde glauben, sie hätte nur den Mund bewegt wie in einem schlecht synchronisierten Film, worauf wiederum sie ihre Stimme erhob, um deutlich zu machen, dass Worte aus ihrem Mund kommen, die ihre eigenen sind. Nun mussten auch die beiden bislang unschuldigen anderen Frauen lauter sprechen, um sich verständlich zu machen, worauf die Kellnerin hinter der Theke fand, dass man die Hintergrundmusik nicht mehr hörte und die Lautstärke der Players um ein weniges hinauf regelte. In der Folge schwoll im Raum, in dem man zu anderen Zeiten das Rascheln einer umgeblätterten Zeitung hören kann, schwoll der Geräuschpegel im gesamten Marktcafé an und an, Mütter konnten ihre plärrenden Kinder nicht beruhigen und flohen mitsamt Kinderwägen aus den hinteren Räumen. Derweil sie mit den Kinderwägen die geöffnete Tür blockierten, strömte vom Markt her ein kläffender Hund herein, der geflohen waren vor einem Rudel Männern mit Laubbläsern, aus dem sich zwei lösten und hereindrängten für einen Kaffee to go – und ich bekam meine Suppe nicht.

Bekam sie erst, nachdem mich die Kellnerin durch allen Lärm hindurch noch da sitzen sah und mal dies mal das tun. Ich habe ins Büchlein geschrieben, die Mails auf meinem Smartphone gecheckt, aus Verzweiflung in der HAZ gelesen, den Männer mit den wütend heulenden Laubbläsern auf dem Markt zugeschaut und mich immer wieder erstaunt umgesehen nach den vier Frauen, die nicht im geringsten zu bemerken schienen, dass sie dabei waren, die Welt mal eben aus den Fugen zu schrateln.

Weingeist, Wein und Weinen – Deutsche Demokratie

Wenn es etwas gibt wie die kollektive Seele der Deutschen, dann liegt sie vermutlich nahe Neustadt an der Weinstraße. In der Nähe erhebt sich auf dem Schlossberg das Hambacher Schloss. Dort fand am 27. Mai 1832 das Hambacher Fest statt, von dem die erste deutsche Demokratiebewegung ausging. Damals zogen etwa 30.000 Deutsche, Franzosen und Polen zur Schlossruine hinauf und hissten auf dem Schloss die schwarz-rot-goldene Fahne, die heutige Nationalflagge Deutschlands. Redner forderten Meinungs- und Pressefreiheit, Einheit und Demokratie in Deutschland und Europa.

Unweit davon liegt das Städtchen Kirchheimbolanden. Dessen Einwohner wählen laut Tagesschau.de seit vier Bundestagswahlen ziemlich genau wie das jeweilige amtliche Endergebnis der Wahlen. Nur 38 Kilometer Luftlinie entfernt liegt auch das Städtchen Hassloch, das die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) zum Testmarkt erhoben hat. Hier werden Produkte vor ihrer Markteinführung getestet. Denn was die 19.000 Haßlocher mögen, mögen alle anderen Deutschen auch. Städte wie Konz und Bingen, die laut Tagesschau.de ebenfalls nah am gesamtdeutschen Ergebnis gewählt haben, liegen in der Nähe.

Vielleicht bedeutet dieses erstaunliche Zusammentreffen gar nichts, denn die eingangs genannte kollektive Seele der Deutschen ist ein gedankliches Konstrukt, eine Metapher. Man kann auch darüber streiten, ob die von mir dargestellten Bezüge als Zufallstreffer anzusehen sind. Besonders die Beziehung zum Hambacher Schloss ist ziemlich spekulativ. Romantikern wird die Idee gefallen, dass in dem Landstrich rund um Neustadt an der Weinstraße ein besonderer Geist weht. Spötter werden sagen, es ist der Weingeist. Der „uralte“ Weinbrand, in dem angeblich der „Geist des Weines“ liegt, kommt auch aus der Gegend nahe Bingen, nämlich aus dem Weinort Rüdesheim. „Weinort“ ist hoffentlich kein Hinweis auf das Ergebnis der kommenden Bundestagswahl. Aber vermutlich wird, was die Leute in Kirchheimbolanden und mithin bundesweit wählen, zum Heulen sein und sich am besten im Suff ertragen lassen.

Drei Mann in einem Boot und auch noch ein Schwamm

Am Leinewehr rauscht und tost es. Man hört es schon von weitem. Da wälzen sich die Wassermassen der Leine hinab, und stürzen schäumend fast vier Meter hinunter und in die breit ausgebaute Ihme. Um Hannovers Altstadt vor Hochwasser zu schützen, wird das Wasser der Leine auf Höhe des Maschsees über den Schnellen Graben in die Ihme geleitet, die vorher nichts als ein friedlich dahin murmelndes Bächlein ist. Als würde ein Säugling sich schlagartig verwandeln in einen Koloss von einem Mann, weitet sich das Bächlein unvermittelt zu einer schiffbaren Bundeswasserstraße.

An diesem Sonntag ist die Sperre am Wehr völlig offen, denn die Leine muss viel Wasser loswerden, kein Wunder bei den heftigen Regenfällen dieses feuchten Sommers. Auf einer Wiese gegenüber dem Wehr haben sich etwa 50 junge Leute versammelt und lassen sich von Mitarbeitern eines Kanuverleihs einweisen für eine Kanutour über Leine und Ihme, legen orangefarbene Schwimmwesten an und tragen oder schieben dunkelgrüne Kanus zur Ablegestelle. Claus, Philipp und ihre Frauen haben mir diese Tour zum Geburtstag geschenkt. Wir hatten seit Anfang Juli auf einen passenden Termin warten müssen, denn die Ihme und selbst die um 90 Prozent ihrer Fluten gezähmte Leine sind mehrfach über die Ufer getreten, und oft hat es zu sehr geregnet.

Die erste Herausforderung ist, sicher ins schaukelnde Kanu einzusteigen. Ich lasse mir helfen. „Jules, alles geht, aber nichts muss!“, bekräftigt Philipp, will sagen, ich kann mich auch einfach paddeln lassen und bequem zurücklehnen. Von wegen. Man hockt wie ein Äpche op em Päcksche Tabak, wie der Rheinländer sagt, was bei latenten Rückenschmerzen kein Vergnügen ist (vom Affen später mehr.) Nicht hundert Meter werde ich so sitzen können. Doch nach einer Weile gewöhne ich mich an die Hocke im Schneidersitz und genieße die Fahrt.

Claus – seine Frisur und seine Schwimmweste – Foto: JvdL


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Einiges über die Magie von Träumen und Erwachen

Welch ein seltsam Ding ist das Aufwachen. Gerade noch ist der Wanderer hurtig im Kopf unterwegs, derweil der Körper sich auf dem Sofa rekelt, sich mal hier hin, mal da hin dreht – gerade hast du mit einem Pferdemädchen Fleißkärtchen fürs Striegeln getauscht, obwohl du keines dieser seltsamen Geschöpfe im realen Leben kennst und nie im Leben ein Pony gestriegelt hast und erst recht nicht einen hochrahmigen schnaubenden Hengst – da wirst du wach und weißt sogleich, du bist irgendwer, und am Ende sogar einer, zu dem ein Pferdemädchen Sie sagen würde.

Etwas in mir will liegen bleiben, schiebt nur einen Fuß lasziv übers Laken als gälte es, die Wade einer Frau zu streicheln, etwas anderes mahnt, dass am Nachmittag noch einiges zu erledigen wäre. Der Körper, eine Stunde passiv gewesen, drängt plötzlich ins Bad und gleichzeitig möchte er noch ein bisschen faul auf der Haut liegen, was letztlich beweist, dass er eigentlich handlungsunfähig wäre, wenn nicht irgendwo anders die Entscheidungen gefällt würden. Der Sinn des Sehens strebt übers Fensterkreuz hinaus und trachtet Gesichter in Wolken zu entdecken oder freut sich an Ordnungsstrukturen gerader Linien, die keine ist, sondern aus der Beschränktheit der perspektivischen Wahrnehmung entsteht.

Ach, und die Konsistenz der stillen Luft moduliert, was von der Straße sich in die Ohrmuscheln hineindreht und weitet das Herz. Nicht nur wie die Welt tönt, auch ihr Licht zeigt an, dass der Herbst sich heranschleicht. Da ist die Grenze zwischen innen und außen dünn wie ein Hauch, und schon rühren die Töne an uraltes Weh. Schluss damit! Raff dich endlich und komm mit zwei Beinen auf den Teppich. Du musst arbeiten, einkaufen, dein Tagwerk fortführen. Doch niemals den linken Fuß zuerst aufsetzen! Wer sagt das eine, wer das andere? Welcher vertrocknete Schulmeister pocht mit hartem Knöchel aufs Pult und wieso haust gleich nebenan in einer spinnwebigen Besenkammer ein abergläubisches Weib? Wer hat wann dieses Arschgespann hereingelassen?

Die Vertreter der modernen Hirnforschung sagen, es gebe weder einen freien Willen noch eine ordentliche Leitzentrale, in der das divergierende Hin und Her verwaltet, registriert und gesteuert wird. Die konkurrierenden Aufmerksamkeitsfunken sausen durch das Netz der Hirnzellen, und nach irgendeinem ererbten Plan wird eine Handlung ausgekungelt, bis ich mich also ergebe und meinen rechten Fuß auf den Boden setze, um mir zuerst einmal einen Kaffee zu machen, um dann nicht zu arbeiten, sondern etwas absolut Müßiges zu tun, nämlich diesen Text zu schreiben. Diesmal hat also die Eitelkeit gesiegt, und sie scheint überhaupt ein zentraler Antrieb menschlichen Verhaltens zu sein, unter dessen Knute auch und vor allem Hirnforscher ducken.

Denn eines haben sie offenbar beim Sondieren des menschlichen Gehirns verloren : Die Fähigkeit zu staunen darüber, dass in dem Durcheinander so etwas wie ein konsistentes Ich sich etablieren kann, das mich zum Beispiel nicht glauben lässt, dass ich bei einem Aufwachen ein Pferdemädchen bin und beim nächsten ein professorales Strichmännchen ohne freien Willen, das durch Hörsäle und Talkshows turnt. Nein, trotz irrwitziger neuronaler Prozesse in meinem Kopf, die sich der Wahrnehmung und der genauen Beschreibung entziehen, weiß ich, ich bin der und der und betreibe derzeit ein virtuelles Teestübchen. Und konzentriere ich mich darauf, vertreibt es dieses vorherbstliche Weh. Dann denke ich. Die menschliche Natur kann einen wehmütig machen, hält aber auch probate Gegenmittel bereit. Ist doch hübsch!

Botschaft aus dem Reich der Föhren

Zu den Köpfen der Einwohner der Eupener Unterstadt stauen sich 25 Millionen Kubikmeter Wasser. Zwei Bäche speisen die Wesertalsperre, die Weser und der Getzbach. Beide entspringen im Hohen Venn, einem Hochmoor in den belgischen Ardennen. Der Getzbach fließt von Süden herein. Er hat an seinem Unterlauf ein tiefes Tal gegraben, aus dem mächtige Föhren heraufragen. Vor Jahren bin ich oft mit dem Rad zur Wesertalsperre gefahren, habe ihre Staumauer überquert, fuhr dann weiter um den See oder steil hinab nach Eupens Unterstadt.

Manchmal aber folgte ich dem einsamen Getzbachtal bis hinauf ins hohe Venn. Hier bist du allein mit dir und der Natur, hörst nur das Surren der Gangschaltung, das Knirschen kleiner Steinchen unter den Reifen, deinen Atem, denn es geht steil bergan, und das immerwährende Rauschen der Föhren. Sie nötigen dir Achtung ab, wenn du ihr Reich durchquerst, denn sie waren schon hoch und mächtig, bevor deine Großeltern geboren wurden. Und kommen nicht Männer mit Motorsägen, rast keine Feuersbrunst über sie hinweg, dann werden sie noch dastehen, lange nachdem du vergangen bist. Die Föhren haben ihre eigene Zeit. Sie wiegen sich knarrend, wenn der Sturm ihre Wipfel zaust, sie trotzen dem heftigen Gewitterregen, sie tragen gewaltige Schneelasten, sie ragen geheimnisvoll in dichten Nebel. Und wenn die Sommersonne das Land grell bescheint und kleine Blasen aus dem Asphalt des Weges treibt, die leise klickend unter deinen Reifen zerplatzen, wenn der Schweiß dir unentwegt von der Stirn zu Boden tropft, bei solcher Sommerhitze verströmen die Föhren einen würzigen Duft, der dich benebelt.

Der Anstieg zwingt zur Langsamkeit, denn er ist lang und kann nur bewältigt werden, wenn man seine Kräfte einzuteilen versteht. Und immer dann auf den vielen Windungen dieses Weges durch das Getzbachtal fühlte ich mich gar nicht eins mit der Natur, sondern kam mir vor wie ein Eindringling, der die rauschende, duftende Sprache des Landes nicht versteht und auch niemals lernen wird. Unter diesen Föhren hast du nur ein kleines Leben, und was du auch machst und tust, was du auch denkst und sorgst, es ist unter ihnen ohne Belang. Sie brauchen dich nicht.

Ich weiß nicht, was man aus ihren Stämmen macht, wenn die Föhren gefällt, zerhackt und zersägt sind. Ob Brennholz daraus wird oder Zeitung mit eitlen Botschaften, die am nächsten Tag schon vergessen sind, vielleicht auch Tisch oder Stuhl. Ich weiß auch nicht, was der Hannoveraner Künstler Tom Otto sich dachte, als er einen lebendigen Baum mit totem, verbrauchtem Holz behängte, das rein zufällig zum überflüssigen Stuhl geworden ist. Stühle im Baum, das ist beinah, als würde man Gehacktes auf einer lebendigen Sau drapieren. Aber natürlich ist das ein müßiger Vergleich. Bei der Installation im Hannoverschen Georgengarten hingen 350 Stühle an und in einem Baum. „Es geht uns gut“ nannte Otto sein Werk. Vielleicht zu gut? Offenbar ist von allen Lebewesen nur der Mensch dem Wahn verfallen, sich Herr der Welt zu nennen, der sich die Erde untertan machen darf. Er hat sich selbst dazu legitimiert, indem er seine Vermessenheit dem Wort eines erfundenen Gottes zugeschrieben hat. Denn nicht ein Gott hat den Menschen nach seinem Vorbild gemacht. Es war umgekehrt. Der Mensch hat sich den Götzen nach seinem Maß gezimmert, um die eigenen Untaten zu rechtfertigen, seine Ängste zu bändigen und seine Unwissenheit zu kaschieren. Das ist Glauben, und im Glauben steckt Vermessenheit und manchmal sogar verheerender, blutiger Irrsinn.

Baum, Föhre. Das sind Wörter für eine Sache, die der Mensch nicht versteht. Alle Wörter sind nur Etiketten, die der Mensch an die Erscheinungen klebt. Wenn wir über die Welt palavern, dann tauschen wir unsere Etiketten aus wie Kinder ihre Glanzbildchen. Die Wörter erlauben uns zu begreifen, doch das hat nichts mit Verstehen zu tun. Das anzunehmen, ist purer Wortaberglaube. Unsere Wörter sind wie tote Stühle am lebendigen Baum. Der Stuhl ist ein Sitzgestell. Und Sitzen ist Besitzen. Das macht der Mensch mit dem Hintern. Anders gesagt: Ärsche machen sich die Welt untertan. Und so sieht sie auch aus.

Verlorene Formen

Hast du den Tod des guten Freundes verwunden?
Nein, gar nicht. Die Menschen fehlen ja so, wenn sie tot sind.
Dann am meisten.
Warum ist das so? Wenn du es weißt, dann sag es mir doch!
Es liegt daran, wie ein Mensch im Raum ist und an der speziellen Art, wie sein Körper den Raum teilt, gleich einem Guss in einer Sandform. Niemand kann es genauso. Niemals wird eine Raumproportion derart geteilt werden, hie Körper, dort Leere wie vom geliebten Freund.
Nur ein Körper? Hätte man zu Lebzeiten seine Figur gegossen oder ganz lebensecht mit einem 3D-Drucker gedruckt, wäre es doch nicht gleich?
Klar, denn es fehlt die Dynamik der ständigen Veränderung, also sein Dasein in der Zeit. Eine Gießfigur ist der Zeit enthoben. Und zusätzlich zur körperlichen ist der geliebte Mensch noch auf einer unsichtbaren Ebene im Raum gewesen, nämlich auf die Weise, wie er sich selbst im Raum erlebt hat, und etwas davon wurde sichtbar, wenn er sprach.
Du meinst hörbar?
Auch sichtbar.

Das sprachen wir über das Geländer der Dornröschenbrücke gelehnt, derweil die Leine unter uns hervordrang und sich breit und die Ufer verschlingend nach Norden wälzte. Sie führte den einen oder anderen Baumstamm mit, und kleine gurgelnde Strudel zogen mit der starken Strömung. Es ist nicht der Fluss anderer Tage, der aufhören will zu fließen, der zu stehen scheint und so schwach ist in seinem Vorwärtsdrang, dass der Nordwind die Wellen flussaufwärts blasen kann, so dass man denken könnte, die Leine fließt nach Süden zurück in die Stadt, wo sie etwas vergessen hat zu erledigen. Nein, heute ist die Leine ein gewaltiger Fluss. Ihre Wasser hat die Farbe von Kaffee mit viel Milch und, pardon, einem Schuss Urin der Kühe – der gelben Pigmente wegen, nicht um den Geschmack zu verfeinern. Wir wollen ja keine Blechtasse an einer Kordel hinabblassen, um Wasser zu schöpfen und zu trinken. Aber diese Tasse mit ein wenig Wasser der Leine, die zeigt es: So ein Fluss ist keine Sache, kein greifbares Ding, sondern eine Vorstellung, eine geistige Konstruktion, auch wenn er sich plätschernd und gurgelnd durch die Landschaft wälzt. Myriaden von Regentropfen sind chaotisch auf die Erde geprasselt, haben sich in Pfützen und Tümpeln versammelt, versickern, treten wieder zu Tage, und wo die Landschaft ein Gefälle aufweist, rinnen sie versammelt talwärts.

Der Mensch erkennt im chaotischen Vorwärtsdrängen bald eine Struktur, nennt sie zuerst Rinnsal, dann Bach, später Fluss, gibt ihr überdies einen Namen und trägt ihren Verlauf in Landkarten ein. Die Bezeichnung Fluss verleiht der Struktur etwas scheinbar Festes, ihr jeweiliger Name hilft, verschiedene dieser Strukturen gleicher Art voneinander zu unterscheiden. Genau betrachtet ist jede dieser Strukturen Chaos. Das wird sofort deutlich, wenn ein Fluss zu viele Wassertropfen versammelt. Dann droht die Struktur chaotisch zu verlaufen. Wo der Mensch jedoch eine Struktur erkannt und benannt hat, duldet er keine Auflösung im Chaos, weshalb er Deiche baut, um zukünftig drohendes Chaos auszuschließen.

Die Namen unserer Flüsse sind keltischen oder indogermanischen Ursprungs und bedeuteten eigentlich nur „Wasser“ (wenn sie mit Vokalen anlauten) oder „Fluss“. Jeder Begriff, jeder Name ist ein Damm gegen das Chaos und soll helfen, eine chaotische Welt begreifbar zu machen. Auf diese Weise orientiert sich der Mensch. Aber diese Form der Orientierung kann sich gegen ihn wenden, besonders wenn Sprache noch als Aneignung von Welt empfunden wird und Namen magischen Charakter haben, nämlich nicht nur eine Idee benennen, sondern stellvertretend für die Sache stehen.

In der keltischen Mythologie gibt es negative oder positive Verpflichtungen, Verbote oder Tabus, die „Geis“ heißen. Meist werden spätere Herrscher oder  Helden bei ihrer Geburt mit einem Geis belegt. Dem keltischen Sagenheld Fionn mac Cumhaill war das Geis auferlegt, er dürfe niemals aus einem Horn trinken. Fionn beachtete das Geis ein Leben lang gewissenhaft. Auf seiner letzten Wanderung trank er lieber zur Sicherheit aus dem Bach, sank aber tot zu Boden, nachdem er den Namen des Flusses erfahren hatte, er hieß „Horn.“ Wie hätte er das wissen können? Es standen ja zu seiner Zeit keine Namensschilder an Flüssen. Pech für Fionn. Vielleicht hätte er nicht aus dem Horn getrunken, wäre er so schlammig gewesen wie derzeit die Leine. Aber ganz egal, er wäre jetzt so oder so längst tot. Das tröstet.