Verlorene Formen

Hast du den Tod des guten Freundes verwunden?
Nein, gar nicht. Die Menschen fehlen ja so, wenn sie tot sind.
Dann am meisten.
Warum ist das so? Wenn du es weißt, dann sag es mir doch!
Es liegt daran, wie ein Mensch im Raum ist und an der speziellen Art, wie sein Körper den Raum teilt, gleich einem Guss in einer Sandform. Niemand kann es genauso. Niemals wird eine Raumproportion derart geteilt werden, hie Körper, dort Leere wie vom geliebten Freund.
Nur ein Körper? Hätte man zu Lebzeiten seine Figur gegossen oder ganz lebensecht mit einem 3D-Drucker gedruckt, wäre es doch nicht gleich?
Klar, denn es fehlt die Dynamik der ständigen Veränderung, also sein Dasein in der Zeit. Eine Gießfigur ist der Zeit enthoben. Und zusätzlich zur körperlichen ist der geliebte Mensch noch auf einer unsichtbaren Ebene im Raum gewesen, nämlich auf die Weise, wie er sich selbst im Raum erlebt hat, und etwas davon wurde sichtbar, wenn er sprach.
Du meinst hörbar?
Auch sichtbar.

Das sprachen wir über das Geländer der Dornröschenbrücke gelehnt, derweil die Leine unter uns hervordrang und sich breit und die Ufer verschlingend nach Norden wälzte. Sie führte den einen oder anderen Baumstamm mit, und kleine gurgelnde Strudel zogen mit der starken Strömung. Es ist nicht der Fluss anderer Tage, der aufhören will zu fließen, der zu stehen scheint und so schwach ist in seinem Vorwärtsdrang, dass der Nordwind die Wellen flussaufwärts blasen kann, so dass man denken könnte, die Leine fließt nach Süden zurück in die Stadt, wo sie etwas vergessen hat zu erledigen. Nein, heute ist die Leine ein gewaltiger Fluss. Ihre Wasser hat die Farbe von Kaffee mit viel Milch und, pardon, einem Schuss Urin der Kühe – der gelben Pigmente wegen, nicht um den Geschmack zu verfeinern. Wir wollen ja keine Blechtasse an einer Kordel hinabblassen, um Wasser zu schöpfen und zu trinken. Aber diese Tasse mit ein wenig Wasser der Leine, die zeigt es: So ein Fluss ist keine Sache, kein greifbares Ding, sondern eine Vorstellung, eine geistige Konstruktion, auch wenn er sich plätschernd und gurgelnd durch die Landschaft wälzt. Myriaden von Regentropfen sind chaotisch auf die Erde geprasselt, haben sich in Pfützen und Tümpeln versammelt, versickern, treten wieder zu Tage, und wo die Landschaft ein Gefälle aufweist, rinnen sie versammelt talwärts.

Der Mensch erkennt im chaotischen Vorwärtsdrängen bald eine Struktur, nennt sie zuerst Rinnsal, dann Bach, später Fluss, gibt ihr überdies einen Namen und trägt ihren Verlauf in Landkarten ein. Die Bezeichnung Fluss verleiht der Struktur etwas scheinbar Festes, ihr jeweiliger Name hilft, verschiedene dieser Strukturen gleicher Art voneinander zu unterscheiden. Genau betrachtet ist jede dieser Strukturen Chaos. Das wird sofort deutlich, wenn ein Fluss zu viele Wassertropfen versammelt. Dann droht die Struktur chaotisch zu verlaufen. Wo der Mensch jedoch eine Struktur erkannt und benannt hat, duldet er keine Auflösung im Chaos, weshalb er Deiche baut, um zukünftig drohendes Chaos auszuschließen.

Die Namen unserer Flüsse sind keltischen oder indogermanischen Ursprungs und bedeuteten eigentlich nur „Wasser“ (wenn sie mit Vokalen anlauten) oder „Fluss“. Jeder Begriff, jeder Name ist ein Damm gegen das Chaos und soll helfen, eine chaotische Welt begreifbar zu machen. Auf diese Weise orientiert sich der Mensch. Aber diese Form der Orientierung kann sich gegen ihn wenden, besonders wenn Sprache noch als Aneignung von Welt empfunden wird und Namen magischen Charakter haben, nämlich nicht nur eine Idee benennen, sondern stellvertretend für die Sache stehen.

In der keltischen Mythologie gibt es negative oder positive Verpflichtungen, Verbote oder Tabus, die „Geis“ heißen. Meist werden spätere Herrscher oder  Helden bei ihrer Geburt mit einem Geis belegt. Dem keltischen Sagenheld Fionn mac Cumhaill war das Geis auferlegt, er dürfe niemals aus einem Horn trinken. Fionn beachtete das Geis ein Leben lang gewissenhaft. Auf seiner letzten Wanderung trank er lieber zur Sicherheit aus dem Bach, sank aber tot zu Boden, nachdem er den Namen des Flusses erfahren hatte, er hieß „Horn.“ Wie hätte er das wissen können? Es standen ja zu seiner Zeit keine Namensschilder an Flüssen. Pech für Fionn. Vielleicht hätte er nicht aus dem Horn getrunken, wäre er so schlammig gewesen wie derzeit die Leine. Aber ganz egal, er wäre jetzt so oder so längst tot. Das tröstet.

Kein intergalaktischer Weltfriede für Friseure

Gestern Mittag, ich liege so auf dem Sofa und gucke ein bisschen in die Luft, da fliegt ein winziger schwarzer Punkt vor meiner Nase vorbei. Ich versuche, mit den Augen zu folgen, aber der Punkt verschwindet im Dunst unter meiner Zimmerdecke. Also, da hängt nicht wirklich Dunst. Aber angenommen man flöge mit einem winzigen schwarzen Punkt durch die Gegend, dann wäre meine Zimmerdecke ja nicht zweieinhalb Meter von meiner liegenden Nase entfernt, sondern ungefähr viertausend Meter und eventuell gegebenenfalls vorhandene Luftfeuchtigkeit würde sich wie Dunst ausnehmen. Der Punkt ist jedenfalls verschwunden. Aber wie ich in der Küche stehe, um mir einen Kaffee zu machen, gondelt der winzige schwarze Punkt schon wieder vorbei, und nachdem er, derweil ich das aufschreibe, erneut vorbei zischt, muss ich mir eingestehen, dass es keine zufällige Begegnung ist. Das ist ein Kontaktversuch, ganz klar.

Ich öffne also meinen Geist und lausche. Bald habe ich ein winziges Stimmchen im Kopf, das zuerst ein bisschen fremdländisch klingt, ein bisschen so wie nie zuvor gehört.
Ich sage: „Häh?!“ und bereue es im nächsten Augenblick. „Häh?!“ muss sich ja für winzige Stimmchenbesitzer ausnehmen wie Donnerhall. Außerdem ist es nicht wirklich eine sprachliche Äußerung zu nennen, sondern gilt selbst unter Menschen nur als nicht besonders höfliche Interjektion. Die Antwort ist aufgeregtes Geblubber, jetzt offenbar von mehreren Stimmchen.
Mir ist klar, dass ich überhaupt keine Schallwellen erzeugen muss. Sie würden den winzigen schwarzen Punkt nur unkontrolliert herumschleudern.
Ich reiße mich zusammen und denke ganz leise, „Wie bitte? Ich habe nichts verstanden, mein Fehler, gewiss!“
„Abl nn“, blubbert es zurück, „unser Kommunikationsexperte konnte leider Ihre Sprache nicht rechtzeitig analysieren. Es tut uns Leid, dabei ist sie so simpel, und bei Ihrem winzig kleinen Wortschatz…“
„Wie bitte?! Ich habe studiert!“
„Sehen Sie: Ihre erste Äußerung lautete: ‚Wie bitte? Ich habe nichts verstanden…‘,
die zweite: ‚Wie bitte!? Ich habe studiert!‘ Wo ist denn da der Unterschied?“
„Äh! Haben Sie Kontakt zu mir aufgenommen, um mich zu beleidigen? Worum geht’s eigentlich?“
„Wir sind Botschafter der intergalaktischen Vereinsmeierei.“
„Ihr seht nicht aus wie Botschafter.“
„Wie müssten wir denn aussehen, um Ihren Vorstellungen von intergalaktischen Botschaftern zu entsprechen?“
„Irgendwie größer und mächtiger. Vielleicht wie Bademeister mit lauter Muskel- und Samensträngen. Halt! Das war nur Spaß! Irgendwie prächtig, vielleicht mit bunten Uniformen wie die Beatles auf dem Sgt.-Pepper’s-Album?“
Bautz.
Schon habe ich die Beatles in Phantasie-Uniformen im Kopf.
„Und jetzt?“
„Hallo Erdbewohner!“, sagt Ringo, „Wir grüßen euch und bieten euch den intergalaktischen Weltfrieden! Gehet hin und verbreitet die frohe Botschaft!“
„Wie bitte? Soll ich etwa damit an die Öffentlichkeit gehen? Die Leute werden sagen, was kümmern uns Friedensangebote von Außerirdischen, deren Raumschiffe wie winzige Fruchtfliegen aussehen?“
„Unser Raumschiff ist leider im Wurmloch geschrumpft, ein unangenehmer Nebeneffekt von Reisen durch die 4. Dimension.“
„Sorry, Ringo, sowas traue ich mich nicht mal, meinem Friseur zu erzählen, obwohl es hübsch wäre, wenn wenigstens die Friseure intergalaktischen Weltfrieden hätten.“
„Dann muss ich unsere Mission leider als gescheitert ansehen“, sagt Ringo. „Wir reisen ab, und eure Scheiß-Friseure können uns mal!“
“Ich hätte nichts anderes gedacht, Ringo! Genauso seht ihr doch aus! GENAUSO!“

Hätte ich mal besser die Bademeister genommen.

Aus dem Off – Die schönsten Augen nördlich der Alpen

Hallo?! Wie peinlich ist das denn?! Unter dem Gejohle der Punker, die immer vor dem Edeka-Supermarkt lagern, werde ich in Handschellen über die Limmerstraße abgeführt. Und just, als die beiden Polizisten mit mir warten, um eine Straßenbahn vorbeizulassen, just in diesem peinlichen Augenblick kommt Frau Schewardnadse mit dem Fahrrad angefahren. Rundet im erstaunten Wiedererkennen ihre schönen Augen, und gerade kann ich noch stammeln: „Es ist nicht das, wonach es aussieht!“, da zerren mich die Bullen auch schon zum Polizeiwagen hin.

Jetzt sitze ich auf dem Polizeirevier in der Ausnüchterungszelle für Akademiker und andere Strolche und warte auf den Polizeipsychologen.

Es hat alles ganz harmlos begonnen. Monatelang war ich nur zu Edeka gegangen in der Hoffnung, Frau Schewardnadse säße an der Kasse. Eigentlich sieht sie aus wie eine ganz gewöhnliche Frau Anfang 40, mit blonden Strähnchen in den braunen halblangen Haaren. Aber wenn sie mich anschaut und lächelt, falle ich aus den Schuhen. Sie hat mindestens die schönsten Augen nördlich der Alpen. Und wenn sie mir das Wechselgeld zurückgibt, streicht sie jedes Mal wie unabsichtlich meine Hand. Da dachte ich schon: Man muss sich vorsehen bei den slawischen Weibern. Sie haben allerlei kokette Tricks in petto.

Leider war Frau Schewardnadse schon wieder nicht da. Vielleicht hat sie ja eine andere Stelle gefunden, denn eigentlich ist Frau Schewardnadse nicht einfach eine Frau an der Supermarktkasse, sondern war in Georgien eine Astrophysikerin gewesen. Sagt jedenfalls mein Freund Konrad Fischer. Alle Frauen, die aus dem tiefen Osten kämen und bei uns im Westen an den Supermarktkassen sitzen, wären in ihrer Heimat arbeitslose Astrophysikerinnen mit einem Doktortitel in Quantenphysik oder mindestens Lehrerin gewesen.

Statt Frau Schewardnadse sitzt ein junges Kassenfräulein da, zieht meine Waren über den Scanner, lächelt und sagt:
„Neun Euro 50 hätte ich gerne!“
Ich bin bitter enttäuscht und sage fest: „Wir haben nicht vereinbart, dass ich Ihnen für diese Dienstleistung ein Honorar bezahle.“
„Wie jetzt…?“
„Fast zehn Euro für ein Lächeln, nö! Ja, und dann haben Sie natürlich ein paar Waren über den Scanner gezogen. Das ist doch keine Leistung!“
„Hallo…? Geht’s noch? Sitzen Sie hier mal acht Stunden und fertigen jeden Idioten ab.“
„Sind Sie grad ein bisschen ausfallend geworden? Erst lächeln, dann schimpfen, und alles für neun Euro 50.“
„Sie bezahlen doch mich nicht für irgendwelche Höflichkeitsgesten.“
„Das nennen Sie also ‘Höflichkeitsgeste’. Ganz umsonst werden Sie die Idioten aber auch nicht abfertigen.“
„Mein Lohn ist in den Waren enthalten.“
„In meinem Kartoffelsalat? Ja, ist denn das erlaubt?“
„In den Preisen Ihres Einkaufs.“
„Meines Einkaufs?“
„Ja, Sie stehen hier nämlich an der Supermarktkasse. Ich habe Ihre Waren über den Scanner gezogen, die Computerkasse hat die Preise registriert, zusammengezählt und die Kaufsumme von neun Euro 50 ausgegeben, und jetzt ist es üblich, dass der Kunde bezahlt. Sagt ja schon das Wort: ’Einkaufen’ mit Betonung auf Kaufen.“
„Üblich? Ich komme aus dem Rheinland. Da kaufen wir nicht ein, sondern holen uns alles.“
„Aber in Hannover ist es üblich, dass der Kunde kauft, also zahlt.“
„Ja, wo ist er denn?“
„Wer jetzt?“
„Der Kunde, der meine Waren bezahlt?“
„Jetzt rück schon die Kohle raus, Alta“, brummt mein zotteliger Hintermann, der nur eine Flasche Wodka aufs Band gelegt hatte, „ich hab nicht ewig Zeit.“
„Ach, eilt es bei dir so mit dem Saufen? Zahl du doch!”
“Herr Huschke, Kasse bitte!”, sagt das Kassenfräulein ins Mikrophon. Und wie aus dem Nichts steht Herr Huschke neben mir, erkennbar an dem Namensschild an seinem Kittel.
Ich sage: „Hallo, Herr Huschke, sind Sie nicht so ein kleiner Dicker mit Brille?
„Nein, das ist die Frau Haubentreter. Was gibt’s?“
„Der Herr hinter mir hat nicht ewig Zeit, sagt er.“
„Wer hat das schon. Sehen Sie, ich bin schon 58, und noch ist völlig unklar, ob ich es bis zur Rente schaffe…“

Das wird traurig, weiß ich sofort und sage: „Einen Moment, bitte, Herr Huschke“, greife mir die Wodkaflasche, schraube sie auf und setze sie an den Hals. Ah, das Zeug läuft runter wie Wasser. Ich hab Riesendurst. Derweil wird mein Hintermann renitent und will mir die Flasche entwinden. Im allgemeinen Gerangel fängt das Kassenfräulein an zu schreien, und Herr Huschke geht zu Boden. Muss man da gleich die Polizei rufen?

Jetzt bin ich schon fünf Stunden in der Ausnüchterungszelle. Seit meiner Einlieferung habe ich keine Menschenseele mehr gesehen. In der Ferne höre ich den Straßenverkehr rauschen. Wo mag nur Frau Schewardnadse jetzt sein?

Upcycelt: Erstveröffentlichung am 27. August 2015 im Teestübchen

Aus dem Off – Weckerchen Holger und der Zauber des Schreibens

Als ich heute Morgen sah, was für ein trübes, nasses Grau mir als Tageslicht geboten wurde, erfasste mich bodenloser Grimm. Ich schimpfte und tobte. Sogar das rote Kontrolllämpchen am Kaffeeautomaten zitterte, obwohl es als einziges einen tröstenden Schein spendete. Alles ringsum bedrohte ich, fuchtelte mit dem gestreckten Zeigefinger herum, als wärs mein schwerer Trommelrevolver. Die Bilder, der Fernseher, die Lampen, sie müssten dran glauben, stieß ich hervor. Sogar in den Vorhang drohte ich zu schießen, worauf er freilich nur höhnisch wehte.

Als erstes verlor Weckerchen Holger die Nerven und hub gleich an zu jammern. Es wär ja noch so jung, hätte längst nicht so viele Stunden gezählt wie seine Großmutter, die gute 50er-Jahre Wanduhr, von der es bedauerlicher Weise fast nichts wüsste, nur dass sie Jahrzehnte im linksrheinischen Dorfe Ramrath in einer Bauernküche im Kochdunst gehangen, bevor sie, o Schmach, von einem levantinischen Händler, vermutlich einem windigen Türken, auf dem Flohmarkt verkauft wurde. Das ging zu weit! Wenn Weckerchen anfangen, von ihrer schmantigen Oma zu erzählen und ausländische Mitbürger mit hässlichen Adjektivattributen belegen … Ich hob Weckerchen Holger mit zwei Fingern der Linken hoch und schoss ihm genau ins Ziffernblatt. Mittenrein! Ein Blattschuss!

Jetzt war klar, dass ich es ernst meinte. Nur die gelbe Engeltasse Cornelié, aus der ich morgens meinen Kaffee trinke, die blieb ganz ruhig. Sie hatte erfahren, dass Hitze sich irgendwann naturgemäß abkühlt, hatte schon oft zuerst heißen, dann lauen und zuletzt kalten Kaffee erlebt. Außerdem wusste sie um ihre seit Jahren unangefochtene Sonderstellung, weil ich sie zu behandeln pflege wie ein rohes Ei, was schon so manche versteckte Eifersucht hatte aufkeimen lassen. Tatsächlich wurde ich bald darauf schon wieder friedlich, derweil ich die Ereignisse aufschrieb. Der Zauber des Schreibens! Anfangs hatten die Tasten im Tastenboard sich noch ängstlich unter dem heftigen Anschlag meiner Finger geduckt. Doch hatte ich sie einmal erniedrigt, hoben sie wieder ihre Köpfe. Ganz schön kess, die jungen Dinger! So nahm der Morgen seinen gewohnten Gang. Nur Weckerchen Holger wird leider nie mehr ticken.

Upcycelt: Erstveröffentlichung am 28. August 2015 im Teestübchen

Aus dem Off: Wissenswertes über den Blogger-Dutt

Um vier Uhr morgens werde ich wach, stehe kurz auf, gucke aus dem Fenster, stelle fest, dass es noch regnet, sinke zurück ins Bett, aber kann nicht wieder einschlafen, egal wie ich mich drehe, obwohl ich sonst bei Regen gut schlafen kann. Die ganze Zeit muss ich über ein Wort nachdenken, dass ich gestern gelernt habe und wozu mir auch prompt die entsprechende Erscheinung in der Dingwelt untergekommen ist, so dass ich dachte, hättest du jetzt die Kamera bei dir und wärest dreist genug, könntest du das Ding fotografieren. Ich wälze also das Wort durch meinen Kopf, betrachte es von allen Seiten, und wie Körper und Geist miteinander korrespondieren, so muss ich mich auch im Bett hin und her wälzen, wälze diesen Text quasi in mein Bettzeug, aber kriege ihn nicht auf die Reihe, so dass er als fertiges Produkt zu nehmen wäre und flugs aufzuschreiben. Also ergebe ich mich, stehe auf, mache mir einen Kaffee, packe mir den Klapprechner auf den Schoß und versuche schreibend Struktur in meine Gedanken zu bringen. Inzwischen ist es 5:37 und mir ist es noch nicht gelungen, mit dem Wort rauszurücken.

Eben, als ich mit meinem Kaffee von der Küche ins Arbeitszimmer gegangen bin, da sah ich im Flurspiegel, dass ich sowas Zerwühltes auf dem Kopf hatte, ein Durcheinander als Resultat quälender Vorüberlegungen. Dieses willkürlich in Richtungen ragende Gestrüpp, nennt man gemeinhin Bettfrisur.

Es wird langsam hell und Zeit für das Wort, das mich nicht schlafen ließ. Ich habe es gestern bei Spiegel online gelesen, im Text einer Kunsthistorikerin namens Tabea Mußgnug. Das klingt anders als Billa Schmitz, gell? Wenn der Spiegel den Text einer ungelernten Autorin veröffentlicht, muss sie wenigstens Tabea Mußgnug heißen und auch so verquast schreiben, vor allem, wenns quasi um nichts geht, nämlich um Modetratsch. In ihrem Text „Studenten-Outfits: Zeig mir, was du trägst, und ich sag dir, was du studierst“ habe ich jedenfalls das Wort gelesen, weshalb ich eben aufstehen musste, nämlich: Blogger-Dutt. Häh? Blogger-Dutt? Die Google-Bildersuche brachte Licht. Ein Blogger-Dutt ist was für Mädels, müsste also korrekt gegendert Bloggerinnen-Dutt heißen.

Man stelle sich ein Mädel mit langen Haaren vor. Es wird um vier Uhr morgens wach, wälzt sich herum, kann nicht mehr schlafen und steht endlich auf, um ihren neusten Modetratsch zu bloggen. Da sieht sie im Flurspiegel ihre Bettfrisur, packt das lange Gezubbels und dreht es auf dem Kopf zu einem unordentlichen Dutt ein. Fixieren mit einer Haarnadel, fertig. Jetzt kann gebloggt werden. Halt! So einfach geht es nicht, wie ich hier lese. Volumenpuder vergessen!:

Anleitung: Blogger-Dutt

1. Für mehr Griffigkeit Haare mit Volumenpuder bestäuben und gut einarbeiten. Alternativ funktioniert auch Trockenshampoo
2. Das Haar zusammennehmen und am Oberkopf eindrehen.
3. Mit einer großen offenen Haarnadel kann man den Blogger-Dutt ganz leicht und trotzdem richtig fest fixieren.
4. Wer mag, zupft noch ein paar Strähnchen raus. Der Blogger-Dutt soll schließlich nicht zu ordentlich aussehen.
5. Man kann den Blogger-Dutt auch mit einem Haargummi feststecken. Durch die Haarklammer bekommt er aber eine schön zerzauste Form.

Diese schön zerzauste Form signalisiert: wir sehen eine Kopfarbeiterin, keine, die morgens per Smartphone ein paar Smileys rumschickt oder bei Facebook den Daumen hoch, sondern eine, die hat nicht Hände genug, eine ganze Kompanie putziger Buchstaben zu bändigen und keine Zeit für ihre vielen Haare.

So, das wars. Falls es im Text gestaubt hat, bitte ich um Entschuldigung. Das war Volumenpuder.

Upcycelt: Erstveröffentlichung 22. August 2015. Außer Manfred Voita und Willi hatte den Text noch kein aktueller Besucher des Teestübchens gelesen. Ich bin, man möge es mir nachsehen, gerade ein bisschen schreibfaul, sah aber in den letzten Tagen ungezählte Blogger-Dutts. Die Haarmode scheint sich erst jetzt zu verbreiten. Daher dieses Text-Upcycling.

Ich und mein innerer Diskjockey

Seit einiger Zeit werde ich morgens wach mit einem Lied im Ohr, das mich dann in den Tag begleitet, als wäre mir die Platte von einem inneren Diskjockey aufgelegt worden und er würde sie gnadenlos dudeln, bis …, ja bis wann eigentlich? Es handelt sich nie um ein Lied, das ich mir aussuchen würde. Meistens ist es eines, dessen ich mich schäme zuzugeben, es zu kennen. Heute morgen war es „Lady Bump“, ein grauenvoller Nr.1-Hit aus dem Jahr 1978 von Penny McLean, Sängerin der Münchner Disco-Formation Silver Convention. Bump war auch ein populärer Tanzstil.

„Der Bump ist ein Musikstyle und Modetanz aus den 1970er Jahren, bei dem sich die Tanzpartner im Rhythmus mit den Hintern, bzw. der Hüfte anstoßen, sich aber sonst nicht berühren.“ (Wikipedia)

Penny McLeans bürgerlicher Name war und ist Gertrude Wirschinger. So um das Jahr 2005 habe ich Frau Wirschinger mal in Aachen gesehen. Da trat sie als Numerologin auf. Ich war hingegangen aus journalistischem Interesse. Es war noch ein bisschen schrecklicher als der Gesang. Gertrude Wirschinger ist eine beherrschende Person, numerologisch nach eigener Angabe eine Eins. Ich hatte ein bisschen Angst, sie würde Zweien wie mich mit dem Hintern anstoßen, saß besorgt mitten unter etwa 100 gläubigen Numerologen, die gebannt Frau Wirschingers esoterischen Erkenntnissen folgten und am Schluss mit ihrem Buch in der Hand um Signierung anstanden.

Heute Morgen also „Lady Bump.“ Warum? Ich dachte zunächst, Frau Penny wäre vielleicht gestorben wie gestern Herr Kohl, was mir mein Smartphone als „Eilmeldung“ mitteilte. Wieso „Eilmeldung?“ Der Mann ist doch morgen immer noch tot. Man versetze sich in die Zeit der Postreiter. Käme da einer mit schnaubendem Ross angeprescht, dem der Schaum von den Lefzen fliegt, er springt ab, und derweil er Sturm bei mir klingelt, bricht der erschöpfte Gaul tot zusammen, und wie ich „Ja, bitte?“ in den Hörer der Sprechanlage sage; schreit der Kerl mit sich überschlagender Stimme: “Eilmeldung! Helmut Kohl ist tot!“
Ja, aber das Pferd könnte noch leben.

Ich weiß übrigens genau, dass ich schon mal vor zehn Jahren über Frau Wirschinger geschrieben habe, rief auf meinem alten Rechner den Suchhund auf und gab der Bequemlichkeit wegen die Suchphrase „Penny“ ein. Er fand unter anderem auch „Penny Lane“. Ich suchte es bei You Tube und zeige es hier, quasi als Palimpsest über Lady Bump. Damit mich keiner wegen Lady Bump auf Schmerzensgeld verklagt.

Schönes Wochenende!

Ursache, Wirkung und falscher Schein

Beim realen Gegenstand sind die speziellen Eigenschaften Bestandteile des Objektes, also untrennbar mit ihm verbunden. Das Objekt definiert sich durch seine Eigenschaften. Trete ich gegen einen Ball, sind es die Bündel der Eigenschaften meines Fußes, meines Schuhes, des Untergrundes, der physikalischen Bedingungen wie Schwerkraft, der aufgewandten Kraft, Elastizität des Balls, der Weise, wo und wie mein Fuß ihn trifft, der umgebenden Luft und andere mehr, die den Effekt des Fliegens bestimmen.

Anders beim virtuellen Objekt auf dem Computerbildschirm. Wenn ich für den Computer einen Ball definiere und einen Fuß, der ihn treten kann, so sind durchaus nicht die Eigenschaften eines realen Balls oder Fußes erforderlich, um den Ball zum Fliegen zu bringen. Ich kann beispielsweise festlegen, dass der Ball fortfliegt, wenn der Fuß eine bestimmte Bildschirmposition erreicht hat. Diese Position kann völlig willkürlich gewählt werden. Ich kann gar den Fuß in die falsche Richtung bewegen und den Ball fortfliegen lassen. Möglich wäre auch, die Ballbewegung davon abhängig zu machen, dass die Farbe des Fußes sich mit der des Balls überdeckt. Ich könnte auch den Zufall ins Spiel bringen oder zwei Bedingungen miteinander verknüpfen. Auch könnte die Ballbewegung allein von der verstrichenen Zeit abhängig sein oder ein internes Kollisionsregister abfragen. All diese Möglichkeiten wären akzeptabel, solange sie in den Augen des Betrachters mit der Fußbewegung im Einklang stünden. Es reicht in allen Fällen eine Bedingung; wenn die Position der beiden Objekte zueinander abgefragt würde, wäre eine zusätzliche Abfrage des Kollisionsregisters oder einer Farbüberdeckung überflüssig. In diesem Sinne benötigt der Computer keine Redundanz.

In der physikalisch realen Welt genügt nicht das Eintreffen einer beliebigen Bedingung. Eine optische Überdeckung von Fuß und Ball wäre keine ausreichende Bedingung, den Ball zum Fliegen zu bringen. Es müssen ganz spezielle Bedingungen eintreten, damit ein Ereignis stattfinden kann. Fraglich ist nur, ob die Bedingung, die wir für ausschlaggebend halten, jeweils wirklich das Ereignis herbeigeführt hat. Vielleicht existiert eine Art kosmisches Kollisions- und Steuerungsregister, und alle unsere Erkenntnisse laufen auf den falschen Schein hinaus, wie er uns vom Computermodell bekannt ist.