Ein Herr des Stoffbeutels

Schräg links hinweg über den Gang des ICE, kann ich einen kräftigen Mann von etwa Ende 30 sehen. Er kommt wohl aus dem Urlaub, denn sein Gepäck ist ein riesiger Rucksack, ein Teil, vor dem ich Angst hätte. Wollte ich es schultern, würde es mich zu Boden reißen und erdrücken. Nachdem sein Sitznachbar in Bielefeld ausgestiegen ist, wuchtet er den Rucksack neben sich auf den Boden und kramt darin. Da kommt allerlei Zeug zum Vorschein, von dem ich weiß, man braucht’s nur, um es hervorzuholen, anzuschauen und wieder wegzupacken.

Während ich das noch bestaune, zieht er einen weißen Stoffbeutel aus dem Rucksack, legt ihn neben sich auf den freien Sitz und holt einen Stapel Kataloge und Prospekte hervor. Man weiß schon, diese reich bebilderten Druckwerke auf Kunstdruckpapier, die es überall zum Mitnehmen gibt, beispielsweise in Tourismuszentralen von Urlaubsorten. Jeder hat derlei schon irgendwo mitgenommen. Spätestens zu Hause weiß man nicht mehr, wohin damit. Angeschaut hat man das Zeug sowieso nicht. Wenns wenigstens Faltblätter, Prospekte, Broschüren und Kataloge aus Museen wären.

Was er sorgfältigst betrachtet, ja, sogar liest, sind Kunstdruckdevotionalien von Urlaubsorten offenbar aus den Alpen. Er nimmt noch das läppischste Faltblatt, studiert es ganz genau und stapelt es auf dem Schoß, orientiert an der rechten und oberen Kante. Die Pedanterie, in der das geschieht, macht mich ganz kirre, vor allem, weil es komplett sinnlos erscheint, verschieden große Druckwerke auf Kante zu stapeln, wie es sinnlos ist, einen Tourismusprospekt genau durchzulesen, wenn man auf der Heimreise ist. Vor allem dachte ich, hätte ich schon einen so großen Rucksack zu schleppen, würde ich nicht noch 25 Kilogramm Prospektmaterial mitschleppen. Schon der Sammelbegriff „Prospektmaterial“ zeigt doch, dass man komplett unbeachtet lassen kann, womit das Papier bedruckt ist. Es ist Material, letztlich nur Gewicht. Eine Schande, dass dafür grüne Bäume sterben mussten. Kein vernünftiger Mensch sammelt derlei Druckerzeugnisse. Der vernünftige Mensch, der das schreibt, muss freilich zugeben, dass er aus ethnologischem Interesse eine Weile die aufregend typografierten Werbeprospekte von Supermärkten und Discountern gesammelt hat, beispielsweise den Aldi-Informiert-Pospekt von Aldi Süd, der in der Fotomontage im Blogheader zu sehen ist. Der Fachbegriff für derlei Material ist „Graue Literatur.“ Das Zeug gehört zum kulturellen Erbe wie ein Roman von Peter Handke.

Wie heutige Archäologen glücklich sind, wenn sie in einer versunkenen antiken Stadt Graffiti von Klosprüchen finden wie beispielsweise in den Ruinen von Pompeji, werden zukünftige Archäologen glücklich sein über den Otto-Katalog. Er ist schon Geschichte seit der letzten Druckauflage im Jahr 2018. Man wäre heute schon froh, hätte man den ersten Otto-Katalog von 1950. Desgleichen wird die Plastiktüte bald museal sein, heute schon zu bestaunen in Andrea Hemings Projekt „Tüte der Woche.

Vor Hannover beginnt der Mann alles einzupacken, schultert sein Hab und Gut, steigt dann vor mir aus. Hannover ist um hundert Prospekte reicher. Juhu.

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Brötchenproblem

Eine Freundin schenkte mir einen leichten Stoffbeutel. Ich gehe zur Bäckerei, grüße freundlich und lege ihn auf die Theke. Die Bäckereifachverkäuferin packt mir ein Brötchen und ein Rosenbrötchen hinein. Falls jemand fragt, was sind denn Rosenbrötchen? In zivilisierten Gegenden heißen die Milchbrötchen. Rosenbrötchen sind quasi Rosinenbrötchen ohne Rosinen. Am Wochenende gibt es keine Rosenbrötchen, sondern nur Rosinenbrötchen, weil es offenbar leichter ist, Rosinen in den Teig zu geben als wegzulassen. Der Bäcker braucht schließlich auch mal Feierabend. Aber das ist ein anderes Problem. Heute Morgen wollte ich den wortlosen Zustand nicht und sagte: „Ich hätte gerne dasselbe wie gestern.“ Das war sprachlich natürlich nicht korrekt, denn die Brötchen von gestern hatte ich ja schon gegessen. Wenn das gleiche nicht dasselbe sein kann, weil dasselbe nicht mehr da ist, behilft sich der Volksmund mit der Wendung: „Dasselbe in Grün.“ Im Falle der Brötchen geht das natürlich nicht, denn grün können sie höchstens werden, wenn sie verschimmelt sind. Also besser nicht danach fragen. Meine ich nicht konkrete Brötchen, sondern nur die Idee der Brötchen, also die  Universalien, könnte ich trotzdem „dasselbe wie gestern“ verlangen. Denk mal darüber nach!

Ex oriente lux*

Gerade habe ich die letzte Münze in den Münzschlitz gefingert, im Fahrscheinautomat setzt der Registrier- und Druckvorgang ein, da fährt der Bus vor. Als endlich mein Fahrschein in die Ausgabe fällt, schließen am Bus wieder die Türen. Halbherzig eilte ich hin, denn ich will das blöde Gefühl vermeiden, erfolglos einem öffentlichen Verkehrsmittel hinterherzulaufen. Der Bus fährt ab ohne mich. Der nächste wird in tröstlichen 12 Minuten kommen. Während er mich schier endlos durch Hannovers Straßen schaukelt, sehe ich, dass ich in 15 Minuten am Ziel sein muss. Das ist unmöglich zu schaffen. Ich hatte mir die lokalen Bedingungen im Internet angeschaut und weiß, dass ich von der Haltestelle an der Musikhochschule noch etwas zu laufen hätte. Als ich dort aussteige, zeigt die Uhr 18:10. Und ich bin gerade orientierungslos, weil die Haltestelle ist, wo ich sie nicht erwartet hätte. Um mich zu vergewissern, frage ich einen herumstehenden Jugendlichen.
„Wo ist denn die Hindenburgstraße?“
„Tut mir leid, das weiß ich nicht.“
Kinder und Jugendliche sollte man nicht nach dem Weg fragen, schreibt schon der Kolumnist Max Goldt. Ich habe das so oft bestätigt gefunden und auch jetzt wieder. Ein gutsituiert wirkenden Mann kommt heran. In der Hand trägt er einen geschlossenen Regenschirm. Ein methodische Mensch, denke ich und frage ihn. Er zeigt mir den Weg, ich will los, da ruft er: „Moment, bevor ich Sie in die falsche Richtung schicke, wozu hat man ein Smartphone? Zückt es und gibt „h i n d e n b u r g s t r a ß e“ in die Maske ein. Ich sehe ihm zu, auf heißen Kohlen stehend, denn mir ist klar, dass sein erster Hinweis zutrifft. Gleich ist auch das akademische Viertel abgelaufen. Endlich erteilt mir sein Smartphone die Erlaubnis zu gehen. Derweil ich die Straße überquere, ruft er mir hinterher: „Haben Sie ein Handy?!“
„Ja.“
„Dann laden Sie sich mal Google maps herunter!“
„Okay!“
Die Wahrheit ist, ich habe das Smartphone bei mir, da auch den Zugriff auf Google maps. Ich wäre nur nicht auf die Idee gekommen, das zu nutzen. Ich ziehe es vor, mich selbst zu orientieren. Und statt einer frigiden App einen Menschen zu fragen, ist wesentlich kommunikativer. Dass aber der freundliche Mann seiner Ortskenntnis nicht traut, sondern die Bestätigung durch die Navigationssoftware braucht, lässt mich noch mehr zu spät kommen.

Das Wort „sich orientieren“ stammt aus dem Französischen „(s‘)orienter, zu: orient = Orient, ursprünglich = die Himmelsrichtung nach der aufgehenden Sonne bestimmen.“ (Duden) Im christlichen Sinne war die Ausrichtung nach Jerusalem gemeint. Google ist ortlos. Sich danach auszurichten ist kopflos.

*) Aus dem Osten Licht.

Von der Kontextabhängigkeit des Denkens

Kürzlich hat mich ein Aachener Freund besucht. Eines Abends saßen wir in meinem Viertel vor einem Restaurant. Plötzlich kam ein beschwingtes Paar die Straße herunter. Neben dem großgewachsenen Mann erkannte ich vage meine Ärztin. Eigentlich erkannte ich sie nicht, nur eine Ähnlichkeit. Sie wirkte auf mich wie ihre jüngere Schwester. An einer Fußgängerampel blieben beide stehen. Sie hatte mich auch entdeckt und schaute herüber. Ich war zu verblüfft, ihr zuzuwinken, was ich gerne getan hätte, zweifelte aber zu lange an ihrer Identität, denn ich hatte sie noch nie außerhalb ihrer Praxis gesehen. Wochen später kam mir auf meinem Nachhauseweg eine Frau in senfgelber Uniformjacke entgegen. Erst als wir aneinander vorbeigingen, erkannte ich sie, wusste aber erst nach unserem Gruß, wer sie war, nämlich die Arthelferin in der Praxis von besagter Ärztin. Hier kam die senfgelbe Uniformjacke erschwerend hinzu, denn ich musste zuerst realisieren, dass in Hannover-Linden Schützenfest war, was ich bislang ignoriert hatte. Senfgelb ist zudem nicht unbedingt die Farbe der Schützen. Die Jacken sind gemeinhin grün, unterscheiden sich allenfalls in der Schattierung.

Die Beispiele zeigen, was vermutlich jede/jeder schon erlebt hat, wie schwer Menschen zu erkennen sind, wenn sie außerhalb gewohnter Kontexte auftreten. Bei uns eng vertrauten Menschen fällt das nicht auf, weil wir sie in vielen Kontexten kennen.

Schon der britische Kognitions- und Kreativitätsforscher Edward de Bono hat modellhaft gezeigt, wie sich menschliches Denken in Mustern organisiert. Diese Muster sind nicht räumlicher Art, sondern miteinander vernetzte Informationen. Sie ergeben ein Gesamtbild, so dass der Aufmerksamkeitsfluss des Denkens nur eine Information berühren muss, um das Gesamtbild zu aktivieren.

Vor einer Weile habe ich einen Berufstouristen geschildert, der mir mit seinen Reiseberichten auf den Nerv ging. Nach allen Ferien lungerte der Kollege herum auf der Suche nach Opfern, denen er seine verbale Diashow vorführen konnte. Oft dachte ich, wie kommt es wohl, dass du nach all den Reisen noch den gleichen dummen Kopf hast? Natürlich ist mein Urteil dem Kontext geschuldet, der Wahrnehmung des Mannes als jemand, der nie zu Hause ist, sondern geistig in der letzten Reise verharrt oder schon die nächste Reise vorwegnimmt. An mir selbst merke ich, dass ich nach jeder Reise gedanklich wirr im Kopf bin.

Als ich kürzlich ein Geschenk einpacken wollte, habe ich mit Papier, Klebeband, Stiften, Lineal, Schere, Cutter und Klebestick ein unglaubliches Chaos angerichtet, ohne erfolgreich gewesen zu sein. Statt die erforderliche Geduld aufzubringen, bin ich am Ende noch zu einem Kaufhaus gerannt und habe eine Geschenktüte gekauft. Als ich dann zu Hause alles notdürftig beschriftet und eingetütet hatte und endlich aufbrechen konnte, sah ich fassungslos auf das Durcheinander, das ich angerichtet hatte. Eigentlich kann man meine Wohnung nur noch sprengen, dachte ich. Oder ich schiebe alles unters Sofa wie die sprichwörtlichen Hempels. Wie unter deren Sofa sieht es aus in meinem Kopf, wenn ich von einer Reise zurückkehre. Meine Aufmerksamkeitsfluss hoppelt kurzatmig von einer Ideeninsel zur nächsten, aber nichts will sich fügen. Es braucht Wochen, bis sich alle Eindrücke sortiert haben und ich wieder in gewohnten Kontexten denken und wahrnehmen kann. Sie haben sich dann naturgemäß erweitert, und wenn es landläufig heißt, dass Reisen bildet, dann geht es um die Erweiterung von Wahrnehmungs- und Denkmustern. Eine Überfülle an Erlebnissen erfordert große Muße zur inneren Sammlung und Verortung der neuen Informationen.

Wahrnehmen in Kontexten findet seine Entsprechung im Denken in Kontexten. An anderer Stelle habe ich schon darauf hingewiesen, dass der Mensch nicht nur mit seinem Kopf denkt, sondern mit seinem ganzen Körper. Die Idee zu erweitern, hieße, dass der Mensch mit seinem gesamten Umfeld denkt. Deshalb mag ich das gewohnte Umfeld kaum verlassen. Es bereitet mir nämlich Verdruss, wenn es in meinem Kopf so unaufgeräumt aussieht. Daher konnte ich das hier leider nicht kürzer sagen.

Herumfliegende Worte

Vermutlich werde ich das kluge Kind in einem Jahr erst wiedersehen. Hab ihm noch rasch einen Floh ins Ohr gesetzt, sich ein Notizbüchlein anzulegen und darin zufällig gehörte Gesprächsfetzen zu sammeln. Diese Sammlung wäre hübsch zu lesen. Meine Freundin Lisette war beim Stadtbummel nicht ansprechbar, sobald sie irgendwo in der Nähe ein paar Gesprächsfetzen erhaschen konnte. Meist bleib sie dann stehen und tat so, als müsse sie an Ort und Stelle etwas Wichtiges tun, um in Wahrheit noch mehr vom Gespräch zu erlauschen.

Einmal habe ich kurz hintereinander drei Gesprächsfetzen aufgefangen. Danach war ich in Sorge, einen Bekannten zu treffen oder etwas Ungewöhnliches zu sehen, – dann würden die Gesprächfetzen unweigerlich im Orkus des Vergessens versacken. Diese Sorge zwang mich, die Zitate im Stehen zu notieren und ich vermisste dabei eine Unterlage. Es wäre prima, wenn in den Innenstädten hier und dort Stehpulte angebracht wären. Ein solches Stadtmöbel für Notizen fehlt.

Meinen liebsten Gesprächsfetzen hörte ich einmal auf der Kölner Domplatte. Ein junger Mann sagte zu einem alten: „Reg dich nicht auf, Onkel Franz, ich mach das schon.“ Aus irgendeinem Grund ist dieser Satz für mich wie Poesie. Einen anderen Gesprächsfetzen sammelte ich am Aachener Markt auf. Vor dem Lokal Postwagen, gleich neben dem Standesamt, hatte sich eine staatsgemachte Hochzeitsgesellschaft versammelt. Ein Mitvierziger sprach auf zwei Frauen und einen Mann ein, zeigte einer imaginären Person mit heftiger Geste einen Vogel, beugte sich vor und sagte empört: „… und feiert da Silvester!“ Warf sich in die Brust und fuhr fort: „ Ja gut, Okay, dat issss ..!“ Die Worte, der Mann, man hätte die Rolle nicht besser besetzen können. Jedenfalls dachte ich mir, egal, um wen es geht, man sollte als Außenstehender nie so heftig urteilen. Man ist dann grundsätzlich im Irrtum.

Im Regionalexpress nach Aachen sagte eine lebhafte Oberstufenschülerin über eine als bedrohlich empfundene Lehrerin: „Die guckt mich an, und alle Gedanken, die in meinem Kopf waren, sind einfach weg!“ Das wirft die Frage auf, ob man überhaupt Gedanken auf Vorrat im Kopf hat gleich Kartoffeln in einem Korb – und ob man die Lehrerin besser zwangspensionieren sollte.

Professor Coster hat sich mal keine Hose kaufen können, weil er ungewollt Zeuge eines Gesprächs zweier Hosenverkäufer wurde, von denen der eine dem anderen gesagt hatte: „Ich sage dir mal, was sie mir per SMS geschrieben hat: Sie findet schön, dass ich träume, sie mag wie ich sie ansehe, …“ – hier in Gänze zu lesen:

Im Cafe sprach eine alte Dame mit einer Kellnerin, die ihr mit den Krücken half. „Ne, ne, dat jehört sich nicht!“, sagte die Alte immer wieder. Was genau sich nicht gehörte, konnte ich nicht herausfinden. „Das gehört sich nicht“, wird sowieso mit den derzeit Alten aussterben. Die nachfolgenden Generationen haben nämlich sehr divergierende Ansichten darüber, was sich wie gehört. „Das gehört sich nicht“ gehört in eine Welt des Anstands. Diese Welt ist dabei, im Orkus des Vergessens zu verschwinden. Der Soziologe Herr Putzig würde sagen, dass andere Formen des Anstands gültig werden. Was sich gehört, wäre eine Frage der kulturellen Vereinbarung. Da hätte er auch wieder Recht.

Lesefrüchtchen, Bier und schöne Schultern


Auf den Straßen der Stadt brandet ohne Unterlass der Autoverkehr, auf den Gehwegen ist ein Kommen und Gehen, unzählige Sonnenhungrige bevölkern den weitläufigen Georgengarten, liegen lustvoll im Gras oder scharen sich um einen qualmenden Grill, doch irgendwo nahebei im hannoverschen Universitätsviertel sitzt eine kleine magere Frau über den alten Briefen des Dichters Johann Paul Friedrich Richter, besser bekannt als Jean Paul (1763 – 1825) und versucht, seine mühsam zu lesende Kurrentschrift zu entziffern.

Man kann sich den Zauber vorstellen, der sie umfängt, wenn sie die Briefe von der Hand eines bedeutenden Schriftstellers des 18. Jahrhunderts studiert und eintaucht in die Vergangenheit, in die Gedankenwelt Jean Pauls, die sich in seinen privaten Nachrichten enthüllt. Manchmal wird sie lange über einem Wort sitzen und versuchen, die Bedeutung zu entschlüsseln. Das ist eine schwierige Angelegenheit, denn die Orthographie weicht stark von der unsrigen ab, und viele der Wortschöpfungen Jean Pauls sind kryptisch. Man muss wissen, worauf er anspielt, muss die Verhältnisse und die geistigen Ideen seiner Zeit kennen, um den gemeinten Sinn zu erschließen. Beispielsweise schreibt Jean Paul über hungernde Schreibermönche:

    (…) wenige von uns standen noch den Hunger der Mönche aus, deren Abschreiben durch die Erfindung der Buchdruckerkunst entbehrlich wurde; daher sie mit Recht sagen, den Erfinder derselben, den Doktor Faustus, hätte leider der Teufel unstreitig geholet (…).“ Aus: Jean Paul; Untertänigste Vorstellung unser, der sämtlichen Spieler und redenden Damen in Europa, entgegen der Kempelischen Spiel- und Sprachmaschinen; in: Klaus Völker (Hrsg.): Künstliche Menschen, München 1971, (S. 99 f)

Jean Paul setzt hier irrtümlich den Mainzer Anwalt und Geldverleiher Johannes Fust mit dem Doktor Faustus der Volkssage gleich. Im 18. Jahrhundert wusste man nichts von Johannes Gutenberg, weil sich Johannes Fust in den Besitz von Gutenbergs Druckerei gesetzt und als Erfinder des Buchdrucks ausgegeben hatte. Dass nicht Fust, sondern der Goldschmied Gutenberg den Buchdruck erfunden hat, wurde erst durch neuere Forschungen bekannt. [Näheres über den Wirtschaftskrimi hier:]

Unter Schwierigkeiten mit der Handschrift Jean Pauls und mit seinen Anspielungen auf das Wissen seiner Zeit vergisst Frau Dr. Meier die Welt da draußen, vergisst vielleicht auch zu essen und ist stolz und glücklich, wenn sie den Briefen wieder einen Schatz abgerungen hat, beispielsweise eine launige Bemerkung Jean Pauls über Leibniz und seine Monadologie. Wer schon selbst einen schwierigen Acker bearbeitet hat, weiß die Ergebnisse zu schätzen, die Frau Dr. Meier in einer Vorlesung den interessierten Fachkollegen vorträgt. Und so sparen sie nicht mit Lob, wenngleich mein Freund Konrad Fischer und ich froh sind, dass sie endlich fertig ist mit ihrem papierdünnen Vortrag, der vom prachtvollen Hörsaal fast verschluckt wurde.

Trotzdem, es war inspirierend, wie wir später merkten, als wir in einer Lindener Kneipe ein Bier nach dem anderen kippten und uns angeregt unterhielten. Allerdings war ich bald abgelenkt durch eine hübsche junge Frau, die in meinem Blickfeld saß und ihre wohl gerundeten Schultern zeigte, erst eine, und da ihr Gesprächspartner offenbar noch nicht verwirrt genug war, ließ sie ihr Oberteil verrutschen und entblößte wie zufällig auch ihre zweite Schulter. Worüber sie mit ihrem Partner sprach, konnte ich nicht hören. Aber es ging bestimmt nicht um die beinahe mauskleine geistige Beziehung Jean Pauls zu dem gut hundert Jahre früher lebenden Gottfried Wilhelm Leibniz, die Frau Doktor Meier in mühevollster Kleinarbeit aus den Briefen Jean Pauls herausgefiddelt hat. Doch: „Kultur ist Reichtum an Problemen“, schreibt Egon Friedell. Ob er damit auch die Probleme meint, die eine schöne Frau mit entblößten Schultern bereiten kann, weiß ich freilich nicht.

Die Wahrheit über den Eiermann

Gegen Morgen erzählte ich einen mir peinlichen Witz. Und gegen Schluss hin hatte ich schon die Pointe vergessen, vielmehr verdünnisierte sie sich, so dass ich den Witz nur zu Ende erzählte aus Gründen der Vollständigkeit und um meine Mutter zu widerlegen, die oft gesagt hatte, ich würde die Dinge nicht fertig machen. Die ganze Schöpfung scheint mir so ein Witz zu sein, dessen Pointe sich leise verdünnisiert. Und sie wird nur der Vollständigkeit halber zu Ende erzählt, bevor die Unterbeamten der galaktischen Registratur alles dicht machen und sich polnisch verabschieden. Keiner lacht. Wir haben ja nur die offizielle Version der Welterzählung. Auf Arte war der inzwischen 78 Jahre alte Eric Burdon zu sehen. Er wurde gefragt, was er mit dem Beatles-Song „I Am the Walrus“ zu tun habe. „Ich war der Eiermann“, sagte Burdon. Er sei mit John Lennon auf einer Sexorgie gewesen. „In einem Kühlschrank lagen Eier.“ Beim Sex habe er einen großen Hintern vor Augen gehabt. John Lennon habe gesagt: “Go on, go get it, Eggman!” Dann habe er, Burdon, auf dem Hintern ein rohes Ei zerbrochen.

Als Jugendlicher war ich begeistert von der B-Seite der Single „Hello, Goodbye“, worin der Eggman besungen wird, und da die offizielle Erzählung damals die sexuellen Eskapaden der Beatmusiker schamhaft verschwieg, verstand ich nur Unsinn, wurde vom Unsinn inspiriert und wurde der Mensch, der ich heute bin. Hätte ich mal gewusst, was es mit dem Eiermann auf sich hat, wäre ich heute ein anderer. So ist das. Wir alle kennen nur die A-Seite der Welterzählung und bauen unser Weltbild aus dieser offiziellen Version, die quasi im rechten Winkel zum wahren Geschehen steht. Und da es nie anders gewesen sein kann, hat sich im rechten Winkel zu den Tatsachen über Jahrtausende dieses gigantische Lügengebäude aufgetürmt, in dem die scheinphilosophischen Einfaltspinsel peripatetisch umherwandeln und was von der neuen Erscheinung „Fake News“ schwafeln.