Huhu! Wir sinds, die Menschen!

Aus einem offenen Fenster schallte eine Opernarie auf die Straße, derweil ich vorbeischlenderte. Was da in mir mehr weiß als ich, sagte: „Aha, Edda Moser.“ Da fiel mir ein, dass Edda Mosers Sopran nicht nur ganz unpassend als Straßenmusik ertönt, sondern auch auf vergoldeten Kupferplatten an Bord der interstellaren Raumkapseln Voyager I und II. Edda Moser ist zu hören mit einer Arie aus Mozarts Zauberflöte. Wenn das mal kein fataler Fehler ist, dachte ich, derweil ich weiter zur Bäckerei ging. Die Idee der interstellar reisenden Raumfähren mit ihren Botschaften „Huhu, wir sinds, die Menschen!“ geht ganz naiv davon aus, dass unbekannte außerirdische Empfänger sich über die menschliche Botschaft freuen.

Edda Mosers „vornehme“ Singmanier entfaltet ihren Zauber in einem Opernhaus. Schon aus einem leicht schäbigen Mietshaus auf eine hannoversche Nebenstraße geworfen, wirkt sie befremdlich. Eventuell wird Edda Mosers Gesang in einem fernen interstellaren Winkel als feindlicher Akt empfunden. Edda Moser singt, und Aliens wälzen sich mit blutenden Ohren am Boden, verfallen dem Wahn und müssen daran gehindert werden, sich selbst zu entleiben, bis dem dunklen Herrscher des Galaktischen Imperiums der Kragen platzt und er seinem Todesstern befiehlt, die Erde aufzusuchen und zu pulverisieren.

Mein besseres Ich mahnt, was teilst du hier gegen Edda Moser aus? Du verstehst doch gar nichts von klassischer Musik. Na, wenn schon! Sie versteht ja auch nichts von Sprache. Trotzdem geriert sie sich seit Jahren als Sprachpflegerin und durfte in der FAZ behaupten: „Unsere Sprache ist im Begriff, wie ein krankes Tier zu verenden.“ Nun ist aber Sprache kein Tier, sondern eine demokratische Angelegenheit, an der alle teilhaben wie an einem großen Wasserkunstwerk, das über Pipelines und kommunizierende Röhren mit jedem Haushalt verbunden ist, sogar mit den Straßen und Plätzen. Eine derart lebendige Sprache hat natürlich Erscheinungen, die man in Kreisen der Feinschmecker, Kulturschranzen und Pudernasen degoutant finden mag.

Als Edda Mosers Stimme hinter mir versank, dachte ich, erst wenn sie den Schmäh vom „kranken Tier“ zurücknimmt, nehme ich den Todesstern zurück.

Gestörte Briefzustellung

Komplizierte Welt. Ich möchte unter Mitzi Irsajs Text „Nichts hinterfragen“ kommentieren und darf nicht. Als ich den Kommentar absenden will, poppt eine Anmeldemaske auf und die Nachricht, ich wäre unter meinem Namen nicht angemeldet. Ich bins aber, sonst könnte ich ja hier nichts veröffentlichen. All meine Versuche, werden nicht akzeptiert, bis ich ganz rausgeschmissen werde, weil ich die Anzahl der Versuche überschritten hätte. Der Kommentar ist natürlich auch weg. Zwar habe ich ihn vorsorglich in der Zwischenablage gespeichert, doch von da flutschte er in den digitalen Orkus. Mitzi wird denken, jetzt habe ich so einen klugen Text über Glücksmomente geschrieben, und der Klotz kommentiert nicht.

Dabei achten wir gegenseitig darauf, die Aufmerksamkeit zwischen uns zu bewahren. Es ist eine Kommunikationsstörung, für die ich nichts kann. Ich weiß nicht, wie viele Sozialbeziehungen an derlei Kommunikationsstörungen kranken. Mir fällt der Fall der Frau ein, die aus Kummer und Enttäuschung mit 18 Jahren ins Kloster eingetreten ist, weil ein sehnlichst erwarteter Brief ihres Liebsten ausblieb. Als man nach 50 Jahren das Postgebäude abriss, fand man den Brief zwischen den Dielenbrettern, wo er wohl hingerutscht war. Da war es der Nonne auch egal. Sie hatte ihr Glück anderweitig gefunden.

Wenn Technik im Spiel ist, muss man immer mit Kommunikationsstörungen rechnen. Sogar die Sprache ist so etwas wie ein technisches Hilfsmittel der Verständigung. Natürlich darf man mit dem Wort Technik keinen Stabilbaukasten assoziieren, sondern es geht um die Kenntnis von Verfahrensweisen und die Fähigkeit sich derer zu bedienen. Mit Sprache versucht der Mensch seine komplexe Erlebnis- und Gefühlswelt für andere nachvollziehbar zu übersetzen. Da er sich nicht mal mit der eigenen Erlebnis- und Gefühlswelt richtig auskennt, gelingt ihm die Übersetzung nur unzureichend. Dauernd rutschen ihm Briefe in Dielenritzen. Und fingert man sie hervor, sind sie in Teilen unleserlich und missverständlich. Kompliziert, sag‘ ich doch.

Von der Erschließung des Unbekannten

Mein Zug rollte in den schäbigen Bahnhof. Am Bahnsteig einige Hinweisschilder. Ich hatte Zeit, sie zu lesen und dachte, dass derlei Hinweisschilder auf einem menschenleeren Bahnhof dem ortsunkundigen Reisenden zwar Orientierung bieten, aber in unserer Zeit eigentlich Ausdruck sozialer Verwahrlosung sind. Doch es kommt auf den Kontext an. Anderorts sind Wegweiser eine soziale Errungenschaft. Jeder verirrte Wanderer dürfte innerlich jubeln, wenn er an einer einsamen Kreuzung von Waldwegen einen Wegweiser entdeckt, diesen stilisierten Arm mit zeigender Hand. Über die kulturelle und soziale Funktion von Wegweisern gilt es nachzudenken:

Als die Menschen noch nicht sinnlos reisten, kam es nur auf die Handelswege an. Soweit sie nicht über Flüsse, sondern über Land gingen, orientierte man sich an den Spuren der Vorgänger. In Europa werden das alte Römerstraßen gewesen sein, die wegen ihrer Gradlinigkeit geschätzt wurden. Die Kenntnis abseitiger Wege wird ein Wissen gewesen sein, das gehütet und vererbt wurde. In unruhigen Zeiten, wenn feindliche Heere oder marodierende Horden über Land zogen, wird man aus Sicherheitsgründen keine Wegweiser aufgestellt haben.

Außer Kriegsherrn und Händlern benötigte noch das Fahrende Volk Kenntnis der gangbaren Routen. Dieser Teil der Bevölkerung, im 18. Jahrhundert fünf bis zehn Prozent, musste unter anderem wissen, wo die sicheren Bleiben, die sogenannten „Kochemer Dörfer“ zu finden waren. Man tauschte die Informationen mit Gaunerzinken auf handgezeichneten Karten aus.
Das Wort „Kunde“, in der frühneuhochdeutschen Bedeutung „Bekannter, Vertrauter“ benennt in der Gaunersprache, dem Rotwelschen, einen „Fahrender, der eine Gegend zum 2. Mal bereist hat“, oft über geheime Pfade, die nur die Fahrenden kannten.

Napoleon ließ die besetzten Gebiete erstmals genau vermessen und kartographieren. Wie berichtet, hatte der preußische Staat nach dem Abzug der Besatzung wenig Interesse an der Kartographierung und ließ sie nicht mehr aktualisieren. Kartenwerk ist Herrschaftswissen, Kartenwerk in Feindeshand ist Fernkommunikation ohne Firewall. Wegweiser gehören demnach nur in sichere Zeiten und demokratisierte Gesellschaften. Vermutlich hat aber erst das Aufkommen des Autoverkehrs eine Ausschilderung der Gegenden nötig gemacht. Wegweiser abseits der Fahrstraßen wurden erst erforderlich, als der Tourismus begann. [Im Bild: Karte meiner Heimatumgebung aus der Zeit Napoleons]

Was ist jetzt so schäbig an Hinweisschildern auf einem menschenleeren Bahnhof? Sie ersetzen den menschlichen Rat, den Arm des Menschen, der einen Weg weist. Da wären Menschen genug, diese Aufgabe zu übernehmen. Einst haben solche Menschen bei der Deutschen Bahn ihren Dienst getan. Ein hilfsbereiter Schalterbeamter mit Dienstmütze gehört so weit in die Vergangenheit, dass die Rechtschreibprüfung meines Schreibprogramms, ihn rot unterkringelt. Man wird die Aufgabe eines Schalterbeamten nicht verlockend finden. Denn in der langen Wartezeit zwischen den Zügen, die einen entlegenen Haltepunkt anfahren, würde er nur tatenlos herumsitzen. Da ist es ökonomischer, ihn wegzurationalisieren. Tatenlos herumsitzen kann er auch zu Hause. Dann kostet er nur noch wenig.

Unter ökonomischen Gesichtspunkten verbietet sich ebenfalls eine leere Bahn, die stoisch nach Fahrplan fährt, obwohl zu später Stunde niemand einsteigen will. Beides, der hilfsbereite Bahnbeamte, der kaum je gefragt ist und die leere Bahn gehören zu dem, was ich „soziale Redundanz“ nennen möchte. Je mehr soziale Redundanz eine Gesellschaft hat, desto liebenswürdiger ist sie. Als die Deutsche Bahn die Fahrkartenautomaten einführte, stellte man ihnen bald Menschen an die Seite, die den überforderten Kunden bei der Bedienung halfen. So ein Automatenguide ist ebenfalls Ausdruck der sozialen Verwahrlosung, aber eine perfidere Spielart, der Mensch als Dienstbote einer Maschine.

Die Archivare des Entlegenen

Wer genötigt ist, einen Artikel für eine große Zeitung zu schreiben, dem stellt deren Dokumentationsabteilung eine Mappe mit Artikeln zusammen, die zu diesem Thema bereits erschienen sind. Die gilt es zu sichten und beim Schreiben auswertend heranzuziehen. Beim Denken scheint es mir ähnlich zu sein. Man hat ein Thema gewählt, und sogleich eilen willfährige Archivhelfer umher und sammeln ein, was im eigenen Kopf über das Thema zu finden ist. Besonders lieb sind mir jene, die etwas Entlegenes anschleppen, egal, ob es zu gebrauchen ist. Es darf auch verstaubt sein oder nur noch in Fetzen vorliegen wie ein Jahrhunderte Jahre altes Schriftstück.

Möglicherweise regt es ja Gedanken an, auf die man sonst nicht gekommen wäre. Darum ist es ratsam, in der Sammelphase offen zu sein und nicht etwas sofort zu verwerfen, nur weil es auf den ersten Blick unnütz erscheint.

Man darf nämlich die Archivare des Entlegenen nicht vor den Kopf stoßen. Lässt man sie gleichberechtigt hantieren, stärkt das ihr Selbstbewusstsein und fördert ihren Arbeitswillen. Ich habe mich Zeit meines Lebens für das Entlegene interessiert, auch und besonders in den Jahrzehnten der Forschung zum Thema „Buchkultur.“ Heraus kam ein Werk, das die Gegenstände und Phänomene durchaus plausibel beschreibt, quasi von ihren Grenzbereichen her.

Geht es denn hier noch weiter im Text? Leider ist den Archivaren zu warm, und das Entlegene herbeizuschaffen, ist ihnen heute zu mühsam. Man wird sich gedulden müssen.

Frau Wülles, Jakob und die Buben

Kürzlich bin ich zur kulturellen Landpartie im Wendland gewesen und habe gestaunt über die Fülle skurriler Ortsnamen wie Dickfeitzen, Salderatzen, Tolstefanz Thunpadel, Waddeweit. Sie gehen wohl auf die Sprache der Wenden zurück. Das ist ein slawischer Volksstamm, der sich einst unweit der Elbe niedergelassen hat und inzwischen assimiliert ist. Skurrile Ortsnamen gibt es auch in meiner ripuarischen Heimat, in der Gegend zwischen Köln und Aachen. Während die wendischen Ortsnamen allenfalls Poesie für mich sind, verbinde ich mit den ripuarischen eine Vorstellung, Diese Vorstellung existiert unabhängig von Tatsachen. Sie bringt etwas zum Klingen und beflügelt die Fantasie.

Einst sind wir, mein Freund Wolf und ich, mit den Rennfietsen von Aachen aus ins Eifelvorland nahe Düren gefahren. Wir starteten morgens bei niedrigen Temperaturen. Der Wind blies kräftig aus Süd-West. Ich hatte die Karte Naturpark Nordeifel eingesteckt und auch einige Ortsnamen auf ein Zettelchen gekritzelt, die bei der letzten RTF zur 115-Kilometer-Tour gehört hatten. Dort wollten wir hin. Wir wurden förmlich ostwärts geblasen, konnten uns aber nicht richtig freuen, denn diesen Wind würden wir bei der Rückfahrt gegen uns haben. Hinter Kreuzau holten wir einen Radsportler ein. Er schloss sich uns kurzzeitig an und wollte uns einen schönen Weg nach Thum zeigen. „Thum, Thuir, Tokio!“, rief er vergnügt; das schien ein geflügeltes Wort zu sein. Mich faszinierte die Vorstellung, gleich hinter Thum und Thuir würde sich aus den Rübenfeldern Tokio erheben. Da lag aber nur Froitzheim. Die Vokale werden nicht wie in Tokio getrennt gesprochen. Bei der Folge „oi“ wie in auch in Grevenbroich oder Broichweiden ist i ein Dehnungszeichen. Im ausgedehnten Froitzheimer Wald regnete es gelegentlich, aber der Wind verblies die Tropfen, so dass wir niemals nass wurden.

Dorfnamen wie ein Gedicht. Wie mager dagegen Girbelsrath, Echtz, Eich, Geich und so weiter, wo wir später herumfuhren. Darüber hatte ich zu Hause schon nachgedacht: Dass ja auch in Frauwüllesheim sich Dinge abspielen derart, dass ein junger Mann in sehnsüchtigem Verlangen zur Nachbarstochter entbrennt, das Haus umschleicht, Blicke wirft, Gelegenheiten sucht … und das geht vielleicht schon 1000 Jahre so, ohne dass man in der Weltgeschichte davon Kenntnis genommen hätte. Oder doch? Hat vielleicht ein Frauwüllesheimer die Fliegenklatsche erfunden, den beleuchteten Nachttopf, das Zerschneiden?
Jakobwüllesheim durchfuhren wir zügig, wurden durch eine Baustelle fehlgeleitet und kamen versehentlich nach Stockheim. Ein Junge auf einem Fahrrad erwies sich auf Befragen als „ortsfremd.“ „Ja bist du denn etwa aus Frauwüllesheim?“, fragte ich streng. „Nein, aus Aachen.“ Das waren wir selbst. Deshalb sahen wir auf der Karte nach. Wenn wir nicht zurückfahren wollten, müssten wir über Bubenheim fahren, einem Ort mit nur wenigen Häusern und einer Burg. Dorthin führte ein Wirtschaftsweg. Da er auf der Karte weiter hinten einseitig gestrichelt war, argwöhnten wir, der Weg sei nicht überall asphaltiert und ungeeignet für unsere Reifen.

Da kam ein faltiges Frauchen daher. Die fragte ich, indem ich ihr den Plan zeigte, ob der Weg befahrbar sei. Sie aber fand sich nicht zurecht. Offenbar hatte sie Stockheim noch nie von oben gesehen. Vermutlich war ihr der Gedanke gänzlich fremd, man könnte sich mit ihrer Welt kartografisch, also quasi theoretisch vertraut machen. Trotzdem erhob sie mutig ihre Stimme:

    „Hören Sie mal! Der Weg war früher asphaltiert, aber ob der dat immer noch is, dat weiß ich nicht. Fahren Sie besser über Jakobwüllesheim!“

Demnach war früher mal alles asphaltiert, Mac Adam oder Makadam, du verstehst – die ganze Gegend war voll davon, aber heute, na ja, da hat man vielleicht manche Stellen freigekratzt. „Unterm Pflaster ist der Strand“, haben sich die ausgeschlafenen Stockheimer gesagt. Nachdem die Frau so gesprochen hatte, begab sie sich auf den nahen Friedhof. Wir aber klickten in die Pedale ein und fuhren gegen ihren Rat los. Kaum auf dem Weg erkannten wir fern die Karrenspur, wo der Asphalt aufhörte.

In Bubenheim rollten wir auf die Burganlage zu. Der Torbogen der Meierei gähnte verlockend, und so lenkte ich hinein, ganz langsam, mehr tastend. Denn ich argwöhnte, hinter der Ecke lauere ein Hofhund. Da rief auch Wolf etwas von einem Hofhund hinter mir her, und ich sagte im hallenden Torbau: „Du kannst Gedanken lesen, aber hoffentlich nicht in die Zukunft schauen!“ Der Hund hielt wohl ein Mittagsschlöfli. Die aus Feldbrandsteinen erbaute Burg ist Ruine. Aus seltsamen Assoziationsketten wand sich Wolf etwas von „Weihnachten“ heraus, und wieder auf der Landstraße nach Frauwüllesheim sprach er vom Bedauern, wegen der Klimaerwärmung niemals mehr weiße Weihnachten zu erleben, allenfalls „in Form eines Blizzards.“ Das konnte ich mir nun gar nicht vorstellen. Ein Blizzard in Bubenheim? Das wäre doch sehr gewagt.

Wie ist es wohl zum Namen Frauwüllesheim gekommen? Vielleicht war da eine verwitwete Frau Wülles, und ihr Sohn Jakob siedelte später etwas abseits. Und waren es seine Buben, die eine Burg errichtet haben? Natürlich ist in Wahrheit alles ganz anders, aber nicht so hübsch. In Frauwüllesheim sah ich an der Bushaltestelle einen Aushang, der, DIN-A4 groß, eine ambulante Disco für die Jugend ankündigte. Ich war kurz versucht, ihn zu stehlen, ihn als volkskundliches Beutestück mitzunehmen, aber tat es nicht. So konnte sich in der Dorfjugend das Liebesgeplänkel ungehindert entfalten. Man wird noch von ihren Blagen hören! Oder eben vom Blizzard in Bubenheim.
[Bildmaterial aus einem Tagebucheintrag Juni 1993]

Äbtissin hat die Händlerkarte

„Ich freue mich, dass ich die Händlerkarte bekommen habe“, freut sich Elisabeth Vaterodt, Äbtissin des Klosters Marienthal in Ostritz. Sie ist wild entschlossen, Kunstschätze aus der Klosterbibliothek zu verscherbeln. „Bares für Rares.“ Wertvollstes Objekt ist der Marienthaler Psalter, ein prachtvoll illustriertes, handgeschriebenes Gebetsbuch vom Beginn des 13. Jahrhunderts. Nicht Horst Lichter, sondern der Schweizer Kunsthändler Jörn Günther soll den Verkauf des Kunstschatzes einfädeln. Experten schätzen den Wert auf vier Millionen Euro. Das Geld solle dazu dienen, so die Äbtissin, Schäden aus dem Neiße-Hochwasser 2010 zu beseitigen und den Bestand des Klosters zu sichern.

Einige Zeit hatte ich beruflich mit dem Kloster Marienthal zu tun. Die großen Nebengebäude sind nämlich mit Mitteln der Bundesstiftung Umwelt zum internationalen Begegnungszentrum (IBZ) mit Seminarräumen und Gästezimmern ausgebaut worden. Da die Stiftung auch Schüleraustauschprojekte wie „Jugend und Umwelt“ fördert, trafen sich dort regelmäßig Schulklassen aus östlichen Ländern der Europäischen Union mit deutschen Schulkassen. Die Schülerinnen/Schüler recherchierten Umweltthemen und schrieben Artikel für örtliche Zeitungen. Dazu fanden medienkundliche Seminare unter meiner Leitung statt. Diese und ähnliche Veranstaltungen sind im Corona-Lockdown ausgefallen, weshalb dem Kloster Einnahmen fehlen. Deshalb jetzt der skandalöse Ausverkauf von Kulturgütern, auf den der Archivar der RWTH Aachen, Klaus Graf, auf seinem Archivalia-Blog aufmerksam gemacht hat.

Wenn ein missratener Spross in der TV-Sendung „Bares für Rares“, wertvolle Erbstücke verramscht, wird das oft euphemistisch verbrämt mit der stereotypen Aussage: „Damit es in gute Hände kommt“, und man versteht die ehrliche Selbsteinschätzung, wer verramscht, was Generationen getreulich verwahrt haben, hat keine guten Hände. Wenn der Marienthaler Psalter in „bessere Hände“ gerät, verschwindet er vielleicht im Safe der Villa eines Oligarchen. Dann ist er so gut wie verbrannt.

Die Alten im Jammerholz und unterm Hammer

Im kafkaesken Film „Traumstadt“ von Johannes Schaaf nach dem 1909 erschienenen Roman „Die andere Seite“ von Alfred Kubin, gibt es eine verstörende Szene, deren Sinn ich mir erst seit einigen Tagen deuten kann. Die kranke Lebensgefährtin des Protagonisten wird von einem Pferdefuhrwerk abgeholt und außerhalb der Stadt in einen Baum gebunden. So weit der Film. Bei einer Geburtstagsfeier lernte ich ein Paar aus dem Wendland kennen. Das Gebiet nahe der Elbe ist der Siedlungsraum der Wenden, einem slawischen Volksstamm, identisch mit den südöstlich in der Niederlausitz lebenden Sorben.

Ich befragte den Mann aus dem Wendland, ob in seiner Heimatregion noch wendische Bräuche gepflegt würden. Er berichtete eher scherzhaft vom Jammerholz. Dahin würden die Alten gebracht und an oder in die Bäume gebunden. Dieser schreckliche Brauch entstand vermutlich in Notzeiten, als hinfällige Alte entsorgt werden mussten, um die dörfliche Gemeinschaft nicht durch Versorgungsfälle zu schwächen und in ihrem Fortbestand zu gefährden. Befremdlich in unserer Gesellschaft, deren Errungenschaft eine ausreichende Altersversorgung ist. Zwar sind auch bei uns viele Geringverdiener von Altersarmut bedroht, aber unsere reiche Gesellschaft könnte sie auskömmlich ausstatten.

Dass Altersversorgung eine Erscheinung der Neuzeit ist, zeigt auch Jacob Grimm, der sich mit germanischen Rechtsaltertümern beschäftigt hat. Er berichtet von einem ähnlich derben Brauch, um zu verhindern, dass aus eigener Schuld in Not geratene Alte der Allgemeinheit zur Last fielen. An Kirchen, Stadttoren und Häusern fand sich in alter Zeit eine Keule oder ein Hammer angebracht. Die Bedeutung dieses Symbols wird in folgender Inschrift deutlich:

    Wer den Kindern gibt das Brot
    Und selber dabei leidet Not,
    Den soll man schlagen mit dieser Keule tot.

Bei Hans Sachs findet sich eine ähnliche Formel:

    Wer sein Kindern bei seinem Leben
    Sein Hab und Gut thut übergeben.
    Den soll man denn zu schand und spot
    Mit dem Kolben schlagen zu todt.

Zuletzt ein drastischer Beleg aus einer alten Handschrift:

    da was geschriben‚ swer der si,
    der ere habe unde gout,
    da bi so nerrisch muot
    daz er alle sine habe gebe
    sinen kinden unde selber lebe
    mit noete und mit gebrestenn,
    den sol man zem lesten
    slahen an die Hirnbollen
    mit diesem slegel envollen,
    daz im daz hirn mit alle
    uf die Zunge valle.

Alle Beispiele zeigen, dass dem Alten die Schuld gegeben wird, weshalb ihm der Tod zukommen soll, „gleichsam als strafe für die thorheit, sich allzu früh seiner habe zum besten der kinder abgethan zu haben“, schreibt Jacob Grimm. Grimm vermutet, dass derartig brutale Strafen nicht tatsächlich angewandt wurden, sondern als Drohung gemeint waren. Um in dieser Sache jemanden zu mahnen, war es sicher hilfreich, ihm zu zeigen,
wo der Hammer hängt.

So richtich ›pattsch‹?! – Zu Besuch bei Arno Schmidt

„Hier!“, rief Holzwurm und wedelte mit der Hand, welche ihm angeblich Playboy Gunter Sachs gedrückt hatte, „Ungewaschen! Uuungewaschen!“ Mit seinem Kabrio, einem kleinen, hässlichen Auto ohne Klasse, war der Berusschullehrer tanken gewesen und hatte an der Tankstelle Gunter Sachs getroffen. Gunter Sachs war direkt von den Titelseiten der Hochglanz-Schmockpress herabgestiegen in Holzwurms enge Welt und betankte seinen Porsche, worin sich eine blonde Schönheit langweilte. Betankte den Porsche genau wie Holzwurm sein Holzwurmkabrio betankte, nur dass ihm die blonde Schönheit fehlte. Aber dafür hatte Gunter Sachs einen Maßanzug aus Sackleinen getragen. Da hatte sich Holzwurm ein Herz gefasst und gefragt:
„Entschuldigen Sie, dass ich Sie so einfach anspreche, aber sind Sie Herr Gunter Sachs persönlich? Und ist Ihr Anzug etwa aus Sackleinen?“ Und Gunter Sachs hatte gönnerhaft bestätigt: „Ja, ich bin Gunter Sachs, und mein Anzug ist aus Jute.“

„“Ungewaschen!“ kann ich leider nicht rufen. Den Zeigefinger, den ich auf Arno Schmidts Schreibmaschinentastatur gelegt habe, habe ich wegen der Hygieneempfehlungen unserer fürsorglichen Bundesregierung längst waschen müssen. Und umgekehrt ist meine Fingerkuppe durchaus propper gewesen. Trotzdem denke ich inzwischen, Hallo! Wenn das jeder machen würde! Wenn jeder hergelaufene Heinrich und Konrad vulgo Hinz und Kunz in Arno Schmidts letztem Wohnhaus in Bargfeld herumlatschen und seinen Finger auf die Schreibmaschinentasten legen würde, ja, wo bliebe dann Arno Schmidts DNA? Am Ende sind noch dreiste Zehnfingerschreiber darunter, nicht so bescheidne wie ich, der ich nach dem polizeibekannten Terroristensystem schreibe: „Jede Sekunde ist mit einem Anschlag zu rechnen.“

Angeschlagen habe ich sowieso keine Taste, denn es war ja kein Papier eingespannt. Ich habe die Buchstaben meines Namens nur ein klein bisschen heruntergedrückt, dass die Typenhebel sich anhoben. Hab mich quasi auf Arno Schmidts Schreibmaschine in die Luft geschrieben. Auf die blanke Walze zu schlagen, hätte ich mich nicht getraut. Schließlich lag Schmidts strenge Brille noch neben der Maschine, als würde er gleich zurückkommen und maulen: „Wie kann er es wagen, am Hause der Herrschaft sein Wasser abzuschlagen?!“
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Friedrich Commerz

Vom Schriftzug der Commerzbank, also von Commerz schnitt Kurt Schwitters um 1920 die vier Buchstaben MERZ ab und nannte hinfort seine Spielart von Dada so. Da nun über hundert Jahre später der erklärte Kapitalist Friedrich Merz häufig in den Medien erwähnt wird, besteht die Gefahr der Verwechslung. Ich schlage vor, dem genannten Herrn den frei herumliegenden Schnipsel „Com“ zu schenken, ihn also fortan Friedrich Commerz zu schreiben. Tretet Dada rein!

Winterbilder

Raureif, Raureif,
Macht das Tau steif
Wind aus Ost
Nächtens Frost

Badeanstalt
Wasser eiskalt
Baggersee
Eis und Schnee

Angestellte
In der Kälte
Brief im Kasten
Steuerlasten

Polizei hört
Dass ein Schrei stört
Nackt im Nachtwind
Findelkind

Durch den Weltraum
Saust ein Christbaum
Astronaut ist
Adventist

(Jules van der Ley 2007)