Das Verzeichnis – dritter und letzter Tag


Dritter Tag – Trügerische Erdung

ie tiefen Kellergewölbe der Bierbrouwerij hatte er nie genutzt. Ja, er scheute sich hinab zu steigen, denn beim Restaurieren des Gebäudes hatten die Arbeiter im Keller einen vermauerten Gang freigelegt. Er führte als Rampe hinab in das Gangsystem, das sich unter der Stadt erstreckte, denn die gesamte Stadt war unterhöhlt, ja, es führten sogar Gänge unter dem Fluss hindurch auf die andere Seite. Da die Straßen der Stadt sich in ihrem Untergrund zu spiegeln schienen wie ein negatives Abbild der Oberwelt, drängte sich ihm die Vorstellung auf, dass auch ein jeder Bewohner der Stadt in der Unterwelt als Schattenwesen gespiegelt wäre, wo er als Antipode kopfüber jede Bewegung seines positiven Abbilds nachvollzog. So musste es dort unten auch sein eigenes negatives Abbild geben. Manchmal ertappte er sich dabei, dass er durch die Irrwege seiner Behausung streifte, allein um seinen schattigen Gegenfüßler ein wenig umherzuscheuchen.
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Eingefahrene Karrenspuren des Denkens

Aus Sicherheitsgründen habe ich das Gehen wieder entdeckt, laufe all die Strecken zu Fuß, die ich früher mit dem Fahrrad gefahren bin. Drum wunderte ich mich nicht, als ich am Überweg Küchengarten – Limmerstraße mich ganz in Gedanken auf der Radfahrerspur eingeordnet habe. Über die Jahre hat sich ein Wahrnehmungsmuster eingegraben wie eine tiefe Karrenspur in einen schlammigen Feldweg. Solche Karrenspuren sind schwer zu verlassen, und ich fürchte, in Wahrnehmung und Denken mehr davon zu haben als mir lieb ist. Es wäre mindestens hilfreich, ein Luftbild zu haben, um zu sehen, wo all die eingefahrenen Spuren verlaufen und welche Regionen von ihnen ausgespart werden. Dann könnte man sich vornehmen, einmal quer durch zu denken, ach, wäre das hübsch.

An ein uralt Muster, dessen Herkunft ich nicht kenne, wurde ich erinnert durch die Litfaßsäule unweit meiner Wohnung. Das Wort Litfaßsäule wird übrigens auch nach der Orthographiereform nicht etwa wie das Fass, sondern weiter mit Eszett geschrieben, weil sie nach ihrem Erfinder, dem Berliner Buchdrucker Ernst Litfaß, so heißt. Und Namen werden von der Orthographiereform nicht erfasst. Das Namenrecht der Familien ist quasi unantastbar. Also „Litfaßsäule.“ An der Litfaßsäule hängt ein Plakat, das ein Konzert von Mark Knopfler (Dire Straits) ankündigt. Knopfler ist gewiss ein guter Gitarrist und schuldlos daran, dass ich nur ein paar Akkorde von seiner Hand hören muss und mich umfängt eine schier tödliche Langeweile. Auch so ein Wahrnehmungs- und Denkmuster.

Ich wollte übrigens eben von Ernst Litfaß die Lebensdaten wissen. Google blendete mir das links ein. (Screenshot). Warum soll ich wissen, dass „andere auch nach“ nach Klaus Siebenhaar „suchten?“ Wer jetzt neugierig geworden ist, möge das Bild anklicken. Dann müsste eigentlich das gleiche Ergebnis wie im Screenshot erscheinen. Es ist eine durchaus nützliche Funktion gegen eingefahrene Karrenspuren des Denkens. Vorausgesetzt, man kreist jetzt nicht nur um Klaus Siebenhaar. Sein Nachbar in der Leiste, Wilfried F. Schoeller wäre gewiss froh um sieben Haar auf der Platte. Namen (oder Haare) können so ungerecht verteilt sein. Und Google zeigt das auch noch!

Das Verzeichnis – zweiter Tag

Zweiter Tag – Fatales kam aus Gras

ußer der Postbotin kannte er niemanden. Denn obwohl er den Dialekt der Stadt längst verstand, weigerte sich seine Zunge, ihn zu sprechen. Einem verirrten Besucher würde sich hinter der Tür zur dritten Etage der Bierbrouwerij ein langer Gang auftun, dessen Wände aus gestapelten Prospekten bestehen. Diese Abteilung der grauen Literatur ist gut 20 Meter tief, hat an ihrer Basis Kataloge und Telefonbücher und hoch oben nur dünne Prospekte, von denen das eine oder andere herunter auf die Dielen geweht ist. Der Gang endet an einer Gabelung. Rechts gelangt man zwischen hohe Buchstapel, die sich bedenklich nach innen neigen. Es gibt alberne Weisen, zu Tode zu kommen. Von religiösen Büchern erschlagen und verschüttet zu werden, ist eine davon, weshalb sich der Besucher besser nicht rechts halten würde, wenn’s auch im metaphorischen Sinne hundertmal gut und richtig ist, den rechten Weg zu nehmen. Der linke Gang führt zwischen hohen Holzregalen hindurch, in denen sich Zeitungen und Zeitschriften jeglicher Couleur stapeln. Und da zu fragen ist, ob diese Printerzeugnis in ihrer Summe nicht wesentlich besser Auskunft geben über das menschliche Dasein als philosophische oder religiöse Werke, wendet sich der kluge Besucher nach links, zumal die Presseerzeugnisse durch die rohen Regalgitter gehalten werden. Bald türmen Schränke und andere Möbel sich auf und bilden ein schier undurchdringliches Labyrinth, in dem sich der Besucher verirren würde. Daher ist es besser, nicht weiter vorzudringen, sondern zu rufen und zu hoffen, dass von irgendwo Antwort kommt oder ein Schrank zur Seite gerückt wird, was vermutlich nicht geschehen wird, wenn man nicht ausdrücklich gebeten wurde. Meines Wissens ist das seit Jahren nicht geschehen.

Einmal war er nicht ganz bei Sinnen, denn er hatte sich mit Grasrauchen betäubt. Weil es ihm an Koordination mangelte, drückte er auf seinem Laptop versehentlich eine Tastenkombination, die ein seltsames Tool aufgehen ließ. Das Tool spiegelte den Grundriss seiner Etage, und klickte er eine beliebige Stelle an, blendete sich ein kleines Fenster ein, in dem eine Nachricht stand, mal „dieser Platz ist leer“, mal eine Liste der Dinge, die sich an diesem Platz befanden. In den nächsten Tagen entdeckte er, dass sich das Verzeichnis der Dinge fortschrieb, als säße irgendwo ein stummer Sekretär, der alle neuen Gegenstände getreulich archivierte. Ein solches Wesen bekam er aber nie zu Gesicht, weshalb er den Glauben an dessen Existenz bald verwarf. Trotzdem setzte sich diese Idee in ihm fest, denn von allen möglichen Erklärungen des Phänomens war es doch die am leichtesten fassliche. Der Mensch braucht Bilder, vor allem dort, wo sich die Welt nicht erklären mag. Er stellte sich den Sekretär als hageren verknöcherten Mann vor, der von der Last seiner Jahre ein bisschen krumm geworden. Nie verzog der Sekretär eine Miene. Stumm ging er seiner Arbeit nach, saß am Rechner wie ein Schreiber, der sich nicht mit der Tastatur der Schreibmaschine anfreunden mag und viel lieber an einem Stehpult mit der Spitzfeder übers Papier kratzen würde.

Es gefiel ihm, sich den Sekretär vorzustellen, und er gab seinem unsichtbaren Faktotum Anweisungen, fragte nach seinem Befinden oder tadelte dessen ungeschicktes Hämmern auf der mechanischen Tastatur. Nein, dieser verknöcherte Kerl würde es nicht mehr lernen, konnte die technische Entwicklung offenbar nicht nachvollziehen. Die mechanische Schreibmaschine war nichts für ihn, die braucht geschickte Frauenhände. Daher stellte der Bewohner der Bierbrouwerij seinem imaginären Sekretär ein Stehpult hin und legte die alten Schreibutensilien für ihn bereit, die in den Kantoren des 19. Jahrhundert im Gebrauch gewesen waren, bevor die Tippmamsells die Bürowelt eroberten. Gewiss war auf der 3. Etage der Bierbrouwerij einst die Verwaltung gewesen, und ebenso gewiss hatten solche Schreiber dort an Stehpulten gestanden, hatten die Geschäftsbriefe geschrieben und Listen geführt.

Tatsächlich konnte er auf seinem Verzeichnis-Tool Kurrentschrift einstellen, was eine hübsche optische Bekräftigung seiner Idee war, das Verzeichnis würde sich nicht selbsttätig fortführen, sondern von einem stummen Archivar verwaltet, der mit einer Spitzfeder Kurrentbuchstaben schrieb wie gestochen. „Meine Frau duldet keine weitere Einbringung von Gegenständen in unseren gemeinsamen Haushalt“, sagte 1996 der scheidende Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel, als man ihn beschenken wollte. Dahinter steckte Vernunft, denn in einen geordneten Haushalt dürfen nicht wahllos die Dinge eindringen. Es bedarf der ständigen Erwägung, welche Dinge man zulassen will und welche nicht. Denn Haushalte scheinen die Dinge magisch anzuziehen, und sie sind erfahrungsgemäß unersättliche Sammler, was jedoch eher eine Eigenschaft ihrer Bewohner ist. Eine natürliche Grenze ergibt sich durch das Praktische. Wenn Ordnung zur beständigen Unordnung verkommt, beginnt eine Behausung unkontrollierbar zuzuwachsen.

Lag es am Verzeichnis-Tool, dass er das Zuwachsen der dritten Etage zugelassen hatte? Gab es ihm eine trügerische Sicherheit, dass ja alles zu finden wäre, egal wo es verschüttgegangen? Er brauchte ja nur sein Verzeichnis zu fragen, wo sich gerade die Knoblauchpresse befand, wo die Schuhbürste abgeblieben war oder sich der Rasierpinsel aufhielt. Vielleicht lag es auch am Verzeichnis, dass er aufgehört hatte, auf eine gewisse Ordnung mancher Dinge zu achten. Er konnte sich zwar stets gut erinnern, wo ein von ihm gesuchtes Zitat auf einer Buchseite stand, war jedoch gänzlich hilflos geworden, was die Dinge seines natürlichen Bedarfs betraf. Die Ernährung zum Beispiel war ein einziges Ärgernis, denn er konnte die zum Kochen und Bruzzeln benötigten Gegenstände zwar im Verzeichnis orten, kam jedoch häufig nicht an sie heran, weil sie verschüttet waren. Daher aß er meistens auswärts, saß stumm am Fenster eines Restaurants und schob sich gedankenvoll irgendwas zwischen die Zähne.

Als später das Stehpult unter anderen Gegenständen verschwand, kam auch der Archivar nicht mehr. Manchmal ertönte noch ganz in der Nähe sein trockenes Husten, doch da sich das Stehpult nicht mehr frei räumen ließ, ohne andere Stapel zu gefährden, war da kein Platz mehr für den Archivar, obwohl er nur ein Eckchen benötigte. Das war eine üble Sache, denn der Archivar war doch längst zu seinem Gegenüber geworden und hatte ihm auch in den nächtlichen Stunden inneren Halt gegeben, da er doch nie zu schlafen schien, sondern stets sofort heranschlurfte, wenn er sich gerufen fühlte.

Sich mit ungezählten Dingen zu umgeben, die allesamt ihre eigene Geschichte haben, im Kontext mit anderen ihrer Zeit stehen, so dass sich die Vergangenheiten unentwirrbar mit der Gegenwart vermischen, das ist nicht gut für den menschlichen Geist. Nicht umsonst umgibt sich der Mensch mit Hecken, Wänden und Mauern. Selbst der Berber am Fluss kriecht bei Nacht in einen Karton, um der weiten Welt den Schrecken zu nehmen. Und schluckt er vor dem Einschlafen eine halbe Flasche Fusel, errichtet er eine Wand gegen seine elende Vergangenheit, so dass ihm die Träume Hoffnung bringen können. Es war schon ein Fehler gewesen, dass der Bewohner die Büroetage der Bierbrouwerij De Keizer hatte ihrer Wände berauben lassen. Die alten Mauern hätten seinem Dasein eine Gliederung angeboten, hätten ihm gleichsam eine geistige Ordnung vorgegeben und verhindert, dass er bald aus der Welt rutschten würde.

Fortsetzung 3. Tag

Das Verzeichnis – erster Tag


Erster Tag – Horror vacui

style=”margin-bottom: -10px;” or vielen Jahren war er beim Bummel durch jene fremde Stadt in die Wycker Grachtstraat geraten, ohne rechten Grund, denn besonders ansehnlich ist die Wycker Grachtstraat trotz ihrer alten Häuserreihen nicht. Da war auch ein düsteres Ziegelgebäude, das die anderen Dächer mächtig überragt. Von weitem schon rätselte er, welchem Zweck es wohl dienen mochte, erst spät entdeckte er neben der geschlossenen Toreinfahrt ein dunkles Schild aus Messingblech, auf dem sich das Gebäude als „Bierbrouwerij De Keizer“ auswies. Es schien, als läge ein Schatten auf dem Gebäude, was wohl von den dunklen Ziegeln herrührte. Auch schauten die vier Fensterreihen düster drein, obwohl sie allesamt artige Fensterbögen hatten und von aufwendig gemauerten Friesen gesäumt waren. Die Scheiben der zwölf großen Fenster waren stumpf. Eine Sonne hatten sie jedoch nie gespiegelt, denn die Fassade zeigte nach Norden. Als man die Fenster noch putzte, war das große Tor gewiss den ganzen Tag über offen gestanden. Schon früh morgens wurde es aufgezogen, damit der Bierwagen herauskonnte, gezogen von vier keizerlichen Kaltblütlern. Und den ganzen Tag war ein Kommen und Gehen gewesen, so dass es auf dem Pflaster der Wycker Grachtstraat unentwegt rumpelte und klapperte.

Jetzt war es still in der Wycker Grachtstraat, so still, dass aus einem der Häuser das Rufen heller Stimmen zu hören war, ein lauter Disput im kakophonen Dialekt der Stadt, den er nicht verstand, ja, auch eigentlich nicht verstehen wollte, denn es ist ja unbestreitbar, dass eine misstönende Sprache auch einen Missklang in den Charakter ihrer Sprecher bringt. Sie selbst merken freilich das eine wie das andere nicht. Sie kennen es nicht anders. Jedenfalls war etwas Befremdliches in den Stimmen, und das sagte: Wir sind hier unter uns und streiten so laut, wie wir lustig sind. Sogleich fühlte er sich als Eindringling, konnte jedoch seinen Blick nicht von der Fassade der „Bierboruwerij De Keizer“ losreißen. Ja, er nahm sein Notizbuch und begann sie zu zeichnen. Und weil er sich dabei beobachtet fühlte, missriet ihm die Zeichnung, war so krakelig, dass er sie später nachbearbeiten musste, wobei ihn sein schlechtes visuelles Gedächtnis immer wieder in Schwierigkeiten brachte. Dann war er noch einmal zurückgegangen und hatte die Hausnummer neben der Toreinfahrt abgeschrieben. Die schrieb er groß an die Seite der Zeichnung. Wenige Monate später war er in die Stadt zurückgekehrt, hatte einen Makler aufgesucht, ihm die Zeichnung unter die Nase gehalten und gesagt: Dieses Gebäude, Wycker Grachtstraße Nummer 26, will ich haben.

Sein Bett hatte er auf der dritten Etage der entkernten Bierbrouwerij aufgeschlagen, irgendwo inmitten des schier endlosen Raumes. Da schien der Lichtkreis seiner Nachtlampe wie eine Insel, an deren Ufern die Dunkelheit brandet. Doch langsam begann er, die Halle zu erobern, weitete sein Reich aus, indem er sich mit Dingen des täglichen Lebens umgab. Dann wuchsen die Papierstapel, die sich später zu engen lichtlosen Gassen reihten. Es hatte damit begonnen, dass ihn die fixe Idee anflog, Rezensionen über philosophische und religiöse Werke zu verfassen, und zwar in so großer Zahl, dass täglich die diversen Paketdienste bei der Brouwerij vorfuhren und Rezensionsexemplare der Neuerscheinungen brachten. Deshalb ließ er bei Tag das große Hoftor offen stehen gleich einem gefräßigen Maul. Jeden Werktag pünklich um acht entriegelte er die Torflügel und stemmte sie auf. Und hatte sich das Tor für den Tag sattgefressen, dann begann er mit dem Verdauen der Buchstapel, las, las quer, notierte, verzettelte und exzerpierte, und das stets bis 00:40 Uhr in der Nacht. Es hatte eine Weile gedauert, bis er diesen Zwang entdeckte, denn oft hatte er nicht auf die Uhr geschaut, wenn er die Arbeit nieder sinken ließ. Was es mit dieser magischen Uhrzeit auf sich hatte, und welche innere Uhreinstellung ihn stets zu dieser Zeit aus der Arbeit riss, entzog sich seiner Erkenntnis.

Er konnte sich nicht daran erinnern, wann die Bierbrouwerij begonnen hatte zuzuwachsen, könnte es jedoch leicht herausfinden. Um an die Anfänge zu gelangen, müsste er nicht einmal die übermannshohen Papierstapel in einem der Laufgänge abräumen, Sedimentschicht um Sedimentschicht, wie es ein Archäologe tun würde. Nein, wenn er wirklich wissen wollte, wann seine Heimstatt zuzuwachsen begann, könnte er einfach nachschauen. Auf seinem Notebook existierte ein Verzeichnis aller Gegenstände und Schriftstücke, die in den letzten 15 Jahren den Weg in das Gebäude gefunden hatten. Das Verzeichnis hatte er entdeckt, lange bevor das Zuwachsen seiner Behausung begann. Und wie die Dinge um ihn herum sich wie von selbst zu vermehren schienen, schrieb sich auch das Verzeichnis ohne sein eigenes Zutun fort. Den Rechner allerdings müsste er suchen, denn er ist seit kurzem untergetaucht. Sein Mobiltelefon hatte er häufig gefunden, indem er es vom Festnetz anrief. Auf ähnliche Weise würde er auch sein Notebook wiederfinden, denn es würde Laut geben, sobald eine E-Mail eintrudelt.

Fortsetzung zweiter Tag

Grenzerfahrungen

In den tropischen Nächten des vergangenen Sommers, als wer konnte die aufgeheizte Wohnung zum Schlafen verlassen hat, um auf dem Balkon, auf der Terrasse, im Garten, in den Dünen zu liegen, wo man zum Zudecken nur das Himmelszelt brauchte, da hat man sich nicht vorstellen können, wie es ist, sich über das leise Bullern der Heizung, über knisternde Holzscheite im Kamin und siedende Wasserkessel zu freuen, wie ja der Mensch nur schwer über seine derzeitige Lebenssituation hinauszuschauen vermag. Immerzu ist er gebannt an derzeitige Gefühlszustände – an Wohlbehagen wie auch an Schmerz. Die Grenzbereiche zwischen zwei gegensätzlichen Zuständen entziehen sich meist der Wahrnehmung. Grad ist da noch ein heißer Schmerz als würde einem ein glühender Nagel zwischen die Rippen getrieben, dann hat er sich kaum merklich verzogen und ist nur noch Erinnerung.

Als ich von Aachen nach Hannover umzog, da habe ich mancherlei zurückgelassen, auch gute Freunde wie meinen Mentor Rudolf und seine Frau Margret. Die beiden leben in einem Haus an Grenzen, an der Ortsgrenze des Dorfes Orsbach. Im Talgrund unten mäandert der Senserbach, der die Grenze zu den Niederlanden markiert. Ihr Haus liegt zudem an der Grenze zum Wald, der sich den Hang hinauf erstreckt. Gerne denke ich an Besuche zurück. Wann immer ich geschwächt war, bin ich hingefahren und habe neue Kraft getankt. Hab besonders gern bei ihnen am Kaminofen gesessen, auf dessen Herdplatte ein zischender Wasserkessel stand zwischen mächtigen Kieseln, die Rudolf aus irgendeinem Flussbett der Alpen geklaubt hatte. Die Scheite im Ofen stammen aus dem angrenzenden Wald.

Vor einigen Jahrzehnten hat ein findiger Orsbacher eine mittelalterliche Urkunde entdeckt. Darin wird den Bürgern von Orsbach für ewige Zeiten ein Holzrecht eingeräumt. Die Stadt Aachen musste sich fügen, und das städtische Forstamt übernimmt seither die Organisation. Orsbacher, die den Wunsch äußern, im Wald Holz zu schlagen, beteiligen sich an einem Losverfahren, das ihnen eine der Parzellen zuspricht.

Orsbacher Holzrechtsstapel, Foto: JvdL – größer: Klicken


Der Geschichtswissenschaftler Horst Fuhrmann nennt das Mittelalter „Zeit der Fälschungen“. Als nur wenige des Schreibens mächtig waren, konnte man Urkunden leicht fälschen. Die „Konstantinische Schenkung“, die den Bischof von Rom zum Papst erhebt, ist eine solche Fälschung. An einem feuchtkalten Wintertag, der Wind pfiff eisig durch das dürre Gesträuch, war ich mit Rudolf im Wald, um Holz zu schlagen. Er sägte, ich trug zusammen und stapelte. Am Ende, so dachte ich, als ich den Holzstapel richtete, am Ende ist die Orsbacher Holzrechturkunde auch gefälscht. Das ist eine hübsche Vorstellung, denn gemeinhin waren es die Mächtigen, die von Urkundenfälschungen profitiert haben. Ich habe mich noch viel lieber an Rudolfs Kaminofen gewärmt, bei der Vorstellung, die Sache mit dem Holzrecht wäre getürkt. Heute wärs nötig, aber es geht nur digital.

Sich aufwärmen am digitalen Herdfeuer – Gif-Animation JvdL

Abfallwirtschaft, Nichtorte und prollige Regungen

Als Hannoveraner Neubürger bekam ich bei der Anmeldung ein Begrüßungspaket geschenkt. Das enthielt eine Hochglanzbroschüre vom „Zweckverband Abfallwirtschaft Region Hannover“ (aha), eine Rolle gelber Säcke vom Dualen System und einen Abfallabholkalender. Da wusste ich sofort, in Hannover wird Müll geschätzt. Man kriegt ihn gleich zur Begrüßung. Damals war das Entsorgen von sperrigen Verpackungen, Elektroschrott und dergleichen ganz leicht. Ich schleppte den Müll einfach die Straße entlang, überquerte die Davenstedter Straße und hatte schon vor mir den aha-Betriebshof mit diversen Containern, deren Mäuler hungrig geöffnet waren. Wo ich früher den Müll entsorgt habe, darf ich heute nur noch meine Wählerstimme abgegeben. Was das über den Wert meiner Wahlentscheidung sagt, wäre zu reflektieren. Anfangs war das Wahllokal in einer kleinen Baracke. Sie wurde vor einigen Jahren durch ein neues Bürogebäude der Abfallwirtschaft ersetzt, wo ich immer noch wählen darf, die Container sind aber weg. Sie stehen jetzt irgendwo weit draußen hinter dem Lindener Hafen. Auch die Glascontainer in meiner Nachbarschaft wurden abgebaut und benutzerfreundlich weiter draußen aufgestellt.

Bei schönstem Oktoberwetter habe ich mir leere Weinflaschen in einen alten Rucksack gepackt und bin in lauer Luft und mit leichtem Rückenwind zweimal zu den Containern geradelt, um Glas loszuwerden. Die Container stehen auf einem großen Platz hinter Getränkemarkt und einem Betten- und Sofa-Outlet. Es gibt Fahrstraßen zu deren Rückfronten, zudem weiter hinten einen schmucklosen mehrstöckigen Gebäudeklotz gegenüber den Verladerampen eines Schuhdiscounters und eines Supermarktes, in denen vielleicht verhuschte Menschen dubiosen Beschäftigungen nachgehen. Das trostlose Gebäude mit seinen beinah erblindeten Fenstern könnte aber auch leer stehen, und nur einer vom Wachdienst kommt ab und zu her und scheucht mit seiner Taschenlampe ein paar Kakerlaken auf. Die ganze Szenerie ist ein typischer Nichtort, eine soziale Brache, im hellen Sonnenlicht zwar befremdlich, aber niemand bei Trost würde sich nach Einbruch der Dunkelheit hinbegeben. Surreal war auch die stämmige Frau, die neue Matratzen auf einem Hubwagen aufgestapelt hatte und ins rückwärtige Gebäude fuhr. In dieser Ladezone lehnten noch in Folie gehüllte Matratzen abwartend an einem Container. An diesem Nichtort scheint es mir fast legitim, herumlungernde Matratzen zu klauen, ja, würden sie hübsch drapiert im Verkaufsraum liegen und hätten ein heischendes Preisschild, wäre es was anderes.

Ich rolle im Bogen über den Platz und halte bei den drei Containern der Kleidersammlung, um den Glassplittern zu entgehen, die weiträumig vor der langen Reihe der Glascontainer liegen. Nichtorte locken asoziale Neigungen hervor. Vor dem Container für Grünglas hat jemand einen Haufen Kinderbücher entsorgt. Warum? Plötzlich kein Kind mehr im Haus? Wurde ein Leseverbot verhängt oder Schlimmeres? „Wenn du nicht brav bist, werfen wir deine liebsten Bücher zum Altglas!“

Ein Buch lacht mich an: Edgar Allan Poe „Der Goldkäfer und andere phantastische Geschichten.“ Ich besitze die 10-bändige Poe-Gesamtausgabe im Schuber, übersetzt von Hans Wollschläger und Arno Schmidt. Trotzdem nehme ich das Buch mit, weil es eine gebundene Ausgabe ist und zu schade für den Müll. Sie stammt vom Kinderbuchverlag Berlin. Das Buch ist also eine DDR-Produktion. Das Inhaltsverzeichnis finde ich nach langem Suchen ganz hinten*, ich kann also nicht auf Anhieb sehen, welche Texte von Poe man in der DDR für Kinderliteratur gehalten hat. Hinten hat das Buch ein Glossar, in dem Begriffe erklärt werden, die ein Kind vermutlich nicht kennt. Wir haben es mit einem didaktischen Werk zu tun. Hier wird über spannende Erzählungen Allgemeinwissen vermittelt. Mit einem solchen Glossar wird Poe zum Lehrmeister. Es war nicht alles schlecht in der DDR. Um die Qualität der Übersetzung zu vergleichen, habe ich jeweils die erste Seite der bekannten Erzählung „The Fall of the House of Usher“ gescannt, Wollschläger/Schmidt versus ungenannter DDR-Übersetzer. Eingangs der Originaltext [mit Dank an Feldlilie für den Nachweis].


*) Über die blöde Attitüde, das Inhaltsverzeichnis an den Schluss eines Buches zu setzten, möchte ich mich mal aufregen. Meine zehnbändige Poe-Gesamtausgabe hat auch das Inhaltsverzeichnis hinten im 10. Band. Das ist disfunktional und vielleicht von den Papyrusrollen der Antike ohne Sinn und Verstand übernommen worden. Papyrusrollen hatten Titel und Inhaltsverzeichnis sinnvoller Weise am Schluss, denn der Leser fand die Buchrollen immer bis zum Schluss gerollt vor. Aber im Buch ist das großer Blödsinn, meine Damen und Herren Verleger! In der sozialen Brache hätte ich gute Lust, ein paar Watschen zu verteilen. Aber ich mache es natürlich nicht, denn sitze inzwischen wieder manierlich zu Hause.

Tischnotizen

Mein weißer Arbeitstisch ist voller Bleistiftnotizen. Die meisten kann ich nicht mehr lesen, zu krakelig oder verwischt. Ein Passwort ist da notiert, ein Geburtstag, auch „5. Mai“ steht dort ohne Bezug. „Konrad Zuse 22. Juni 1910“, ist deutlich zu lesen, wurde aber als Schreibanlass von mir verpasst wie auch der „* 17. Mai Vilém Flusser.“ Über „Neutral-Moresnet 1816“ wollte ich unbedingt mal schreiben, wurde wieder daran erinnert, als ich kürzlich in Aachen war. Mein Schwiegersohn, ein Filmemacher und Kameramann beim WDR, erzählte mir von einem Schülerprojekt, in dessen Rahmen sie einen Film über Neutral Moresnet gedreht hätten, über dieses Stückchen Niemandsland der reichen Zinkvorkommen zwischen Belgien, den Niederlanden und Preußen, die Zuflucht der ungewollt schwangeren Dienstmädchen, der jungen Männer, die sich im 19. Jahrhundert dem Kriegsdienst entziehen wollten, wo der Grubenarzt Wilhelm Molly († 1919) den ersten Esperanto-Staat der Welt ausrufen wollte, genannt Amikejo [Esperanto für Ort der Freunde]. Just sein Todesjahr könnte ein kommender Erzählanlass sein – wenn ich ihn nicht wieder vergesse. Die Notizen auf dem Tisch bieten offenbar keine Gewähr.

Aachener Münsterplatz 9/2018 – Foto: JvdL

Dieser mein Schwiegersohn erzählt immer Dinge, die mich anregen, so auch, dass es nur in Aachen Streuselbrötchen zu kaufen gibt, wie er jüngst gehört hatte. In Hannover und anderswo kennt man die ähnlichen Streuseltaler, aber Streuselbrötchen gibt es nur in Aachen. Als ich dort war, habe ich wieder im Bäckereicafé Nobis gesessen, wo man durch die Fensterfront auf den belebten Münsterplatz schauen kann, hab den Trubel der Touristenströme genossen, von denen immer wieder Wellen ins Café hinein schwappten und sich hinter mir an der Theke knubbelten. Wer draußen an den Tischen saß, bot mir Fotomotiv für lustige Gif-Animationen wie hier und hier oder Erzählanlässe wie diese Impression:

Wenn man einen kleinen dicken Musikanten sieht in einem hellen Parka mit einer alten blauen Gitarre und daneben einen großen schmalen Musikanten in schwarzer Lederjacke mit einer Handtrommel und daneben einen kräftigen Musikanten auf einem Klapp-Rohrstuhl mit einem Akkordeon vorm Bauch, – falls man eine solche Musikantengruppe vor dem prächtigen Sparkassengebäude auf dem Münsterplatz sieht, dann ist es zusätzlich noch sehr hübsch, wenn sich zwischen dir und den drei Musikanten eine schallschluckende Fensterscheibe befindet.