TV-Kritik – Bares für Rares – Wir verramschen alles

Eine komplett hirn- und kulturlose Unterhaltungsshow sendet das ZDF derzeit auf seinen Kanälen rauf und runter. Die Sendung gilt bereits als Nachrichtenquelle, über die der Kölner Express oder das boulevardeske Blatt Der Westen gerne berichten. „Bares für Rares“ moderiert der geschäftstüchtige Exfernsehkoch Horst Lichter. Für die Sendung schleppen alltägliche Menschen Gegenstände heran, um sie von Expertinnen und Experten schätzen zu lassen, um sie anschließend einer Gruppe von Händlern zum Kauf anzubieten, getreu der neoliberalen Ideologie, dass alles zur Ware werden kann.

Die Show gehört in das Genre Scripted Reality. Was aussieht wie ein abgefilmtes Geschehen, zeigt sich schon beim Auftritt der potentiellen Verkäufer als genau geplant. Eingangs einer Fallszene sieht man die Leute mit den Dingen herankommen, die sie meistbietend verschachern wollen, vorgestellt von einer sonoren Stimme aus dem Off. Gezeigt werden auch Leute, die nicht in der Sendung als Verkäufer auftreten, sondern in den Räumen der Show in Schlange anstehen, und man weiß schon, dass sind die Arschnasen, die von Lichters Redaktion nur als Staffage gebraucht werden. Gewährsleute berichten, sie hätten für die kurze Szene des Eintreffens derart oft ankommen müssen, dass sie die Lust verloren hätten und nach Hause gegangen wären, wobei eine derartige Souveränität schon preiswürdig ist. Bei den meisten überwiegt jedoch die Eitelkeit, mal im TV auftreten zu können. Dann ist es auch egal, was mir ebenfalls von einem Gewährsmann berichtet wurde, dass manch einem einfach ein Gegenstand in die Hand gedrückt worden wäre, zusammen mit der Geschichte, die er erzählen sollte. Das alles abgekartet ist, zeigt sich auch bei der sogenannten „Expertenschätzung.“ Was die durchweg kompetent wirkenden Experten scheinbar aus dem Kopf an Detailwissen über einen Gegenstand abspulen, ist das Ergebnis ausführlicher Recherche, darum auch so erstaunlich zuverlässig als Expertise und beim Schätzwert.

Höhepunkt der Expertenschätzung, Horst „dann bin ich der Horst“ Lichter zieht „die begehrte Händlerkarte“ (O-Ton Lichter) von irgendwo hinten, möglicherweise aus der Gesäßtasche, doch es könnte genauso gut ein gerade eingetroffenes Arschfax sein. Auch das stereotype Statement der Anbieter „Ich freue mich, dass ich die Händlerkarte bekommen habe“ lässt den Betrachter schaudern. Obwohl wer einem Prominenten mal die Hand geschüttelt hat, sie stolz vorzeigt mit „Ungewaschen!“, wäre doch ein „Hier, direkt vom Hintern von Horst Lichter!“ ein bisschen extravagant. In dieser sonst so sorgsam geskripteten Realityshow wird nicht gezeigt, was nach dem Verkaufsakt mit der „begehrten Händlerkarte“ geschieht. Wandert sie zurück an/in Lichters Hintern? Das könnte lästig werden, denn sie scheint aus hartem Karton zu sein und ist wohl unten noch mit einer Leiste verstärkt. Zumindest müsste „die begehrte Händlerkarte“ aus Hygienegründen immer wieder erneuert werden, denn nie ist sie von Lichter etwa krumm gesessen oder glänzt schmantig von den vielen Fingern durch sie gegangen ist.

„Die begehrte Händlerkarte“ ist die Eintrittskarte zum Händlerraum. Dort sitzt ein Panoptikum fünf skurriler Typen aufgereiht, bereit zum Kauf der Dinge und dabei die geringstmögliche Summe zu bieten, um daraus erklärtermaßen den größten Profit zu schlagen. Nach Begutachtung des Gegenstands hebt ein erbärmliches und absolut würdeloses Schachern an. Außen in der Reihe der Krämerseelen sitzt ein kleinwüchsiger Mann aus Bayern, Ludwig Hofmaier – genannt Handstand-Lucki, der als junger Mann schon mal auf den Händen nach Rom gelaufen ist und jetzt mit Antiquitäten handelt. Sein Antipode ist am anderen Ende der Pferdehändler Walter Heinrich Lehnertz, Spitzname Waldi, der durch betont prolentenhaften Auftritt seine Heimatregion Eifel authentisch zu vertreten glaubt. Wie Lichter kokettiert er mit seiner Kulturlosigkeit. Was zählt, ist Kohle. Gemälde, deren künstlerischen Wert Waldi nicht erkennt, heißen bei ihm sinnfrei „Prügel.“ „Gib mir mal den Prügel rüber!“ Das sogenannte „Bietergefecht“ zwischen den Händlern scheint nicht getürkt zu sein. Hier ergeben sich manchmal Situationen, wie sie sich kaum planen lassen, zumal die Händler im realen Leben wirklich mit Antiquitäten handeln und einschätzen können, welche Käufer in ihrem Handel wie viel zu geben bereit wären. Kommt ein Kauf zu Stande, wird das Geldzählen auf dem Tresen als Ritual inszeniert, wodurch der schändliche Charakter des Schacherns um und Verramschens von Werten noch einmal ungeschminkt hervortritt.

Die potentiellen Verkäufer entstammen allen Schichten. Da werden Funde vom Sperrmüll genauso angeboten wie Familienerbstücke, von den Vorfahren getreulich bewahrt, damit ein missratener Spross sie verhökern kann. „Wir verkaufen unsrer Oma ihr klein Häuschen.“ Das wird gerne euphemistisch verbrämt mit der stereotypen Aussage: „Damit es in gute Hände kommt.“ Auf den Altar der Geldgier und Publicity-Geilheit kommt Schmuck, an denen einst das Herzblut von Menschen hing, genauso wie überteuert gekaufte Schmuckstücke, von denen man erfährt, dass sie im häuslichen Tresor gelagert waren. Lichter behandelt vor der Kamera die Tresorbesitzer wie die Habenichtse gleichermaßen mit ausgesuchter Freundlichkeit. Die Rolle des einfachen Gillbacher Jong, der relativ talentfrei durch Glücksfälle, Getue und Schnäuzer zu Fernsehruhm gekommen ist, macht sein ganzes Kapital aus, denn es signalisiert, dass jeder dahin gelangen kann, ganz zufällig – als banaler Flohmarktfund, wenn er nur bereit ist, seinen Hintern zu verkaufen.

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Menetekel Hambacher Forst

Nachdem das Oberverwaltungsgericht Münster für den Hambacher Forst einen vorläufigen Rodungsstopp verfügt hat, ist die RWE-Aktie dramatisch eingebrochen. Das zeigt einen Grund für die hartnäckige Borniertheit, mit der RWE die Rodungspläne verfolgt hat. Die Kapitalinteressen der Aktionäre haben Vorrang. Der Börsenhandel kennt keine moralischen Prinzipien, sondern reagiert panisch auf den Machtverlust eines Konzerns. Doch hat RWE die Panik weitgehend selbst geschürt mit Behauptungen, die Rodung sei „zwingend erforderlich“, ein Verzicht würde die Stromerzeugung in den Kraftwerken in Frage stellen und einen „niedrigen dreistelligen Millionenbetrag pro Jahr“ kosten. Wer keine RWE-Aktien besitzt, könnte sich demnach freuen, dass das Kraftwerk Neurath, die zweitgrößte Dreckschleuder Europas, demnächst stillgelegt wäre.

Leider hat RWE maßlos übertrieben. Man darf ja weiterhin Braunkohle aus der Erde schaufeln, nur eben nicht die unter dem Stückchen Hambacher Forst, das noch übrig geblieben ist. Die Karte des RWE-Betriebsplans zeigt, dass vorerst nur um einen schmalen Bereich gestritten wird. Zu behaupten, dass die Stromversorgung von diesem Stücklein Wald abhängt, ist absurd. Vermutlich ist das öffentliche Gejammere keine PR-Panne, sondern wohl kalkuliert. Man hat den Wertverlust der RWE-Aktie billigend herbeigeschwafelt. 25 Prozent der Aktien befinden sich in kommunaler Hand, was bedeutet, dass ein Wertverlust die Städte und Kommunen trifft, was wiederum deren Kommunalpolitiker unter Druck setzt. Generell sind RWE und die Politik eng verbandelt, so durch den Lobbyisten Wolfgang Clement (SPD) und den CDU-Landtagsabgeordneten Gregor Golland. Die wirtschaftliche und politische Verquickung sowie die Macht der um Arbeitsplätze kämpfenden Gewerkschaften erschweren den dringend erforderlichen Stopp der Braunkohleförderung und -verstromung.

Das winzige Waldstück der Bürge, um das gestritten wird, hat überdies Symbolcharakter. Ein komplettes Rodungsverbot würde der selbstherrlichen Brutalität ein Ende setzen, mit der RWE über Jahrzehnte die dörfliche Heimat und Kultur von Millionen Menschen vernichtet hat.

Als in den letzten Wochen erstmals über die Vorgänge um den Hambacher Forst berichtet wurde, fragte ich mich, wo in meiner ehemaligen Heimat der genau liegt. Ich müsste bei meinen vielen Trainingsfahrten durch die Region schon mal dort gewesen sein, doch konnte mich nicht an einen nennenswerten Wald erinnern. Erst als in einem Fernsehbericht gezeigt wurde, dass die Braunkohlegegner am Bahnhof Buir ausstiegen, hatte ich den von der Rodung bedrohten Wald vor Augen. Ich hatte ihn nämlich viel weiter nördlich vermutet, auf Erkelenz und Mönchengladbach zu. Buir liegt auf der Strecke Köln – Aachen kurz vor dem „Weltbahnhof Düren.“ In Buir ist mein Großvater mütterlicherseits geboren. Wer den Hambacher Forst bei Google maps sucht, findet ihn nicht, denn was die Bagger noch übrig gelassen haben vom Hambacher Forst, heißt „Bürge“ oder „Bürgewald.“ Nördlich des Waldes befindet sich das riesige Loch, das die Schaufelradbagger in die Erde gegraben haben.

In Görlitz fuhr mich mal ein Taxifahrer, der zu DDR-Zeiten im Braunkohletagebau der Lausitz gearbeitet hatte. Der klagte über die Schließung der Gruben und sagte: „Die Braunkohle hier ist ergiebig, Sie räumen einen Eimer Dreck weg und bekommen zwei Eimer Kohle, anderswo in Deutschland ist es genau umgekehrt.“ Der Abraum des Hambacher Tagebaus wird seit dem Jahr 1978 nordwestlich der Grube aufgeschüttet, und die „zwei Eimer Dreck“ haben sich zu einem beachtlichen Höhenzug ausgewachsen, genannt Sophienhöhe. Sie erhebt sich auf etwa 302 Meter über NN und ist seit 1988 rekultiviert, inzwischen bewaldet und mit Teichen besetzt, ein schönes Naherholungsgebiet, auf dem ich schon mit meiner Freundin Lisette herumgewandert bin.

Am 25. September 1994, es war ein Sonntag, habe ich den Bürgewald noch mit dem Fahrrad durchquert. Damals war der Bürgewald um einiges größer. Es gab es noch keine Baumhäuser oder Protestkamps. Ich erinnere mich, dass ich beim Durchqueren schon müde war und mir die schnurgerade Landstraße durch den Wald ziemlich lang wurde. Hinter dem Waldrand rollte ich auf Etzweiler zu. Dort lief der Weg tot, und ich schaute hinab in ein Loch, für das einem Menschenkind aus dem Flachland die Wahrnehmungskategorien fehlen. Selbst die gigantischen Schaufelradbagger wirkten darin wie Spielzeug. Inzwischen haben diese Bagger Etzweiler längst weggefressen.

Immer wenn ich nördlich oder östlich von Aachen unterwegs war, stieß ich auf Braunkohletagebau, auf die Gruben Inden, Hambach und Garzweiler und auf die Dörfer, die in Zukunft in den Gruben verschwinden sollten. Hier ein Fahrbericht durch Braunkohleland vom 10. August 1995. Wer ihn liest und die Fahrt nachvollzieht, rollt über Straßen und durch Dörfer, die es gar nicht mehr gibt:
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Ist es schon wieder soweit?

Einigermaßen entsetzt war ich, als ein Exlehrerkollege glaubte, der Tischrunde einen Judenwitz erzählen zu müssen. Zuerst kam der Witz, dann echauffierte er sich, dass eine junge Frau aus seiner Verwandtschaft nicht darüber habe lachen können, sondern pikiert reagierte, woraufhin er gesagt habe:
„Ja, zeigt der Witz dann nicht, dass die Juden in allen Lebenslagen ihre Interessen durchsetzen können?“, womit er sie nicht habe gnädig stimmen können. Wider meine Absicht sagte ich:
„Verständlich, denn die Bemerkung war wohl eindeutig rassistisch.“

„Willst du sagen, dass ich ein Rassist bin?“
„Das hat er nicht gesagt“, warf die neben mir sitzende Kollegin ein.
„Nein, ich habe nur gesagt, dass die Bemerkung rassistisch ist.“
„Ja, sind denn die Juden nicht das klügste Volk der Welt?“
„Kann ich nicht beurteilen. Hört sich für mich nach einem Vorurteil an.“
„Aber wir brauchen doch Vorurteile, um uns in der Welt zu orientieren.“
„Doch gerade ging es nicht darum, sich rasch zu orientieren, sondern du hast einen Judenwitz erzählt und eine rassistische Erklärung hinterher geschoben.“
„Verstehe ich nicht.“

Der Exkollege ist bereits über 80, hat auch in jüngeren Jahren nie ein Hehl aus seiner rechten Gesinnung gemacht. Er stammt irgendwie aus einer alten Adelsfamilie, wo derlei wohl vererbt wird. Während des Wortwechsels verfluchte ich, dass ich mich zu einer Bemerkung hatte hinreißen lassen, woraus sich ein Disput zu entwickeln drohte, obwohl wir doch eigentlich einen gemütlichen Abend verbringen wollten. Wenn dieser intelligente und gebildete Mann nicht sah, dass ein Witz überhaupt nichts beweist, vor allem nicht eine Charaktereigenschaft eines Volkes, dass er im Gegenteil konstruiert wurde, um ein Beispiel dieser dem Volk zugeordneten Charaktereigenschaft zu geben, woraus dann schlichte Gemüter wiederum Rückschlüsse ziehen, wobei „schlichtes Gemüt“ auf diesen ehemaligen Englisch-, Latein- und Sportlehrer gar nicht zutrifft, ja, ist es dann klug von mir gewesen, ihm zu widersprechen? Wer mit 81 Jahren noch nicht zur Einsicht gekommen ist, wird es jetzt auch nicht mehr.

Andererseits hätte ich vermutlich nicht reagiert, wenn jemand gesagt hätte: „Ein Rumäne geht hinter dir in die Drehtür und kommt vor dir wieder heraus“, was in etwa die Qualität seiner Bemerkung hat. Aber Judenwitze sind in Deutschland übel. Während meiner Kindheit in den 1950-er Jahren wurden noch Judenwitze erzählt. Der Onkel mütterlicherseits, der in der Waffen-SS gewesen war beispielsweise, tat es bedenkenlos. Seltsamer Weise habe ich die behalten, eine mir widerliche Erinnerung, die ich nicht los werde. Dass Judenwitze in Deutschland wieder gesellschaftsfähig werden würden, hätte ich jedoch nie gedacht.

Wer hat Angst vorm grünen Mann?

Jan Philipp Albrecht, Politiker der Grünen und derzeit Minister für „Digitales und Draußen“ in Schleswig-Holstein, ein freundlich schauendes Bübchen, an dem das Erschreckende nur sein martialisch anmutendes Motto ist: »Eine neue Zeit braucht Gestaltungswillen. Für diesen Aufbruch stehe ich ein«, hat als Europapolitiker die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) entscheidend mit entwickelt und zu verantworten. Jan Philipp Albrecht ist geboren, wo wohl, in der Unstadt Braunschweig, wo vermutlich der Minderwertigkeitskomplex vom städtischen Trinkwasserversorger verbreitet wird, weshalb sich Jan Philipp mit den ganz Großen anlegen musste, Facebook, Google, Amazon und Microsoft. Auf seiner Wikipediaseite kann man ihn bei einer Podiumsdiskussion erleben, wo auch ein anderer geltungsbedürftiger Hyperaktivist sitzt, Max Schrems, der Wiener Jurastudent, der Facebook erfolgreich gezwungen hat, alle über ihn gespeicherten Daten herauszurücken. Er bekam übrigens ein 1200 Seiten starkes PDF auf CD-ROM, hat das Konvolut vermutlich ausgedruckt und von einem guten Buchbinder binden lassen. Titel des Wälzers „Ich Depp bei Facebook.“

Wer wie ich nicht bei Facebook ist, kann sich nur wundern, wie man einen Konzern, dessen Geschäftsprinzip das Datensammeln und Verhökern ist, weiterhin unterstützen kann. Hey! Man kann sie sogar dazu zwingen, die Daten herauszurücken, die sie zum Teil illegal erhoben und gespeichert haben. Facebook bei dieser illegalen Datensammelei kontrollieren zu können, ist die Großtat der DSGVO, obwohl Facebooks Lobbyisten vermutlich dafür gesorgt haben, dass genug Schlupflöcher in der DSGVO sind.

Dazu hat Jan Philipp mit dafür gesorgt, dass ganz Europa sich mit Vorschriften beschäftigen muss und verunsichert ist, hoffentlich auch die Oma, die so harmlos daherkommt, in Wahrheit aber heimlich einen Internetgiganten aufgebaut hat, mit dem sie im Stande ist, das Internet zu löschen. Gut, dass diesem gefährlichen Weib das Handwerk gelegt wurde. Die Frau ist noch geheimer als einst die Aldi-Brüder, weshalb nur das eine Foto von ihr existiert, das ich zum Zwecke der Aufklärung aus dem Internet klauen musste. (Nicht nachmachen, gefährlicher Stunt illegal!) Wie überhaupt ich niemandem empfehlen kann, mir etwas nachzumachen. Ein anonymer Kommentar, den ich jedoch nicht in die kostbaren Kommentarkästen gelassen habe, jetzt aber zitiere, was wieder zeigt, dass auch Deppen für was gut sind, dieser anonyme Mensch pöbelt mich an:

„Öffentlicher Aufruf zur Straftat. Aber das eigene Impressum brav geführt. Ist das jetzt „ziviler Ungehorsam“ oder mit den weiterführenden Überlegungen zu Backpulver und Postkastenfirmen als nur kindisch zu bewerten. Aber für Kommentare Name und Email verlangen. Ich verstehe nicht wirklich, was der Blogbetreiber hier will, wofür er steht. Wort und Handlung gehen auseinander.“

Der Blogbetreiber will wissen, ob es überhaupt eine „Straftat“ ist, im eigenen Blog kein vollständiges Impressum anzugeben? Kollege Careca schreibt in Kommentaren bei mir „nein“, und zitiert das Landgericht Köln, worüber wir ein bisschen in Streit geraten sind, weil ich es „fahrlässig“ genannt habe, als Nichtjurist juristische Ratschläge zu geben. Auf meine Frage, warum dann wohl so viele Bloggerinnen und Blogger ihr Blog schon geschlossen haben, nennt er einen für mich plausiblen Grund, nämlich Panikmache. Angst- und Panikmache freilich gehören auch zu den Instrumenten der neoliberalen Strategie, und der Aspekt hätte eigentlich noch in meinen vorherigen Beitrag gehört. Offenbar wurde ein Bedrohungsszenario aufgebaut, das höchst wirksam ist. Geht es tatsächlich um unbegründete Ängste? Ergreifen Hunderte, wenn nicht Tausende Blogger die Flucht, weil ihnen mit einem Buhmann gedroht wurde? Ist das der Grund, warum die in der Blogosphäre grassierenden Ängste in den übrigen Medien keine Beachtung finden? Nicht mal die Nachdenkseiten konnte ich für das Problem interessieren. Lediglich die wie immer hellsichtige Titanic schreibt bei Titanic.de unter „Vermischte Quadnachrichten“:

„Während die Grünen noch feiern, daß ihnen mit der DSGVO ein vernichtender Schlag gegen gemeingefährliche Webauftritte von Näherinnen und freiwilligen Feuerwehren gelungen ist, denkt der Vorzeigekretin der Partei Jan „Kill it“ Albrecht bereits weiter. Mit der sogenannten Quadenschutzgrundverordnung möchte der alerte Schmierlap (Beitrag aus Quadenschutzgründen abgebrochen, die Red.)“

„Quadenschutzgründe“ alleine sind es nicht. Die öffentliche Ignoranz zeigt, dass man basisdemokratische Erscheinungen wie Blogs für verzichtbar hält. Bloggerinnen und Blogger sind noch immer die Kellerkinder des Kulturbetriebs. Mit dem heutigen 31. Mai wird die beliebte Blog-Plattform twoday.net versinken. Der Termin direkt beim 25. Mai, dem Scharfschalten der DSGVO, ist nicht zufällig. Die von Österreich geführte Plattform zeichnete aus, dass überhaupt keine Informationen über die Identität der Bloggerinnen und Blogger zu finden waren. Es hat mich immer ein bisschen gestört, nicht mal zu wissen, welches Geschlecht Interaktionspartner haben oder in welcher Region sie leben. Mit Twoday.net wird auch eine Filiale des Teppichhaus Trithemius versinken. Da ich dort nur zwei Jahre aktiv war, sonst nur Beiträge als Anreißer mit Links zu meinen aktiveren Blogs veröffentlicht habe, lasse ich mein schönes dortiges Teppichhaus mit untergehen. Hier also die letzte Gelegenheit, sich mal umzusehen: http://trithemius.twoday.net/

Ethnologen zitieren gerne einen Kollegen, den malischen Schriftsteller und Ethnologen Amadou Hampâté Bâ: „Wenn in Afrika ein Greis stirbt, verbrennt eine Bibliothek“, sagt der. Der Flächenbrand in der Blogosphäre ist zumindest ebenso dramatisch wie das Versinken oralen Wissens. Einige twoday-Blogger sind jetzt bei wordpress zu finden. Dass die DSGVO sie von einem kleinen Plattformbetreiber in die Arme eines Giganten wie wordpress getrieben hat, ist ein Effekt des geistlosen „Gestaltungswillens“ des Jan Philipp Albrecht. Danke für nichts! Aber den Neuen bei WordPress trotzdem ein herzliches Willkommen.

Wertegemeinschaft Egomanie und Gleichgültigkeit – ein Jammer

Man glaubt es kaum, die Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der Berliner CDU (MIT) glänzte jüngst mit dem christlichen Vorschlag, Hartz-IV-Empfängern unter 50 die staatliche Unterstützung zu streichen. Es wäre ein Grund gewesen, sich zu empören. Doch es geschieht nicht. Denn Hartz-IV-Empfänger sind unsere neuen Aussätzigen. Zur neoliberalen Strategie gehört, die Verlierer der Agenda 2010 verächtlich zu machen, ihre Nöte herabzuwürdigen in medialen Kampagnen der Springer-Presse und mit Gallionsfiguren wie Thilo Sarrazin und Jens Spahn. Auch das „Deutschland-geht- es-gut-Geschwafel“ der Bundeskanzlerin spart einen Teil der Gesellschaft aus und erklärt Verlierer zu Unpersonen. Das Bild des faulen Hartz-IV-Empfängers, der nichts Ordentliches schafft, sondern den ganzen Tag im Bademantel herumläuft, an der Bierflasche nuckelt und dummes Zeug verzapft, wird auch entscheidend geprägt durch die populäre Kunstfigur „Ditsche“ des Olli Dittrich, die passend zum Start von Schröders Agenda 2010 seit 2004 die öffentlich-rechtlichen Programme rauf- und runtergesendet wird. Dieser inhumane, würdelose Mist wird mit Medienpreisen überhäuft, was nur geht, wenn man einen entscheidenden Unterschied vergessen hat: Guter Witz ist, mit den Schwachen zu lachen und nicht über sie. Inzwischen sind wir derart verroht, dass uns das Zerrbild der Schwachen in unserer Wertegemeinschaft gar nicht mehr störend auffällt, wobei „Wertegemeinschaft“ ein verlogener Euphemismus ist, der eigentlich Werte- und Unwertegemeinschaft bedeutet. Die Unwerte werden uns nicht nur vorgelebt wie jüngst durch die Akteure im VW-Abgasskandal, sondern auch, indem eine Figur wie der Cum-Ex-Betrüger Carsten Maschmeyer hemdsärmlich von Plakatwänden grüßt und in TV-Sendungen hofiert wird. Das Wortspiel „ärmlich“ muss hier leider sein.

Die gewollte Armut in Deutschland wird durch Initiativen wie die Tafel unterstützend begleitet, dass aber in Deutschland die Menschen nicht protestierend auf die Straße gehen, ist letztlich ein Verdienst der „Alles-Billig“-Discounter. Discounter kaufen unter anderem auch Ware aus dem Ausland, und indem sie fast nichts dafür bezahlen („Das Geld wird im Einkauf verdient, hehe!“), importieren sie Waren und exportieren die deutsche Armut. Das gilt auch und besonders für Discounter der Modebranche wie KIK und Primark.

Ein weiterer Unwert ist durch die „Geiz-ist-geil“-Kampagne eines Elektronik-Discounters verbreitet worden. Wer „Geiz ist geil“ in Ordnung findet, findet auch nichts dabei, dass es Menschen gibt, die für ihre Arbeit nicht richtig bezahlt werden, dass es nicht nur in Deutschland, sondern weltweit ein Heer erbärmlich schuftender Billiglöhner gibt. Der „Geiz-ist-geil“-Verblendete findet es nicht skandalös, dass Deutschland den größten Billiglohnsektor Europas hat, sondern konsumiert fröhlich, was andere Menschen mit bitteren Existenzsorgen bezahlen. Das herumschleichende Gespenst heißt Entsolidarisierung und verseucht alle, die seinen Ungeist einatmen.

Anstiftung zur Spaßverblödung, Foto: JvdL

Dabei trifft es auf die weit aufgerissenen, schnappenden Mäuler der „Hauptsache-ihr-habt-Spaß“-Infantilen, und weil ein aufgerissenes Maul das menschliche Antlitz zum Zerrbild macht, schaut von denen niemand mehr in den Spiegel und reflektiert mal sein tägliches Handeln. Stattdessen posiert man für Selfies. Im TV wurde über Wasserknappheit in der Region Stade berichtet. Der Trinkwasserverband appellierte an seine Kunden, auf Rasen sprengen und Auto waschen zu verzichten. Ein Bauer, bei dem nur noch ein Rinnsal aus dem Wasserhahn tropfte, so dass die Melkmaschine nicht funktioniert und er seine Kühe nicht tränken konnte, fand befremdlich, dass Leute sich „bei Facebook abfeiern, sie würden ihren Rasen trotzdem weiter sprengen.“ Der Mann sprach von „sozialen Medien.“

Im Mikrobloggin dieser „sozialen Medien“, wo nicht weiter gedacht werden muss als bis zur eigenen Nasenspitze, finden wir einen Gradmesser für den verheerenden Zustand unserer Gesellschaft. Denn seit Jahren wird sie unter dem neoliberalen Credo umgebaut zu etwas Hässlichem. Ihre Hässlichkeit färbt leider ab, und so sind weite Teile unserer Eliten sehr sehr hässlich. In deren Raubtierwelt, wie sie uns mustergültig vorgeführt wird im TV-Format „Die Höhle der Löwen“ ist Solidarität nicht opportun. Jeder sei nur auf seinen Vorteil bedacht. Wenn einer aus der Herde gerissen wird, sieht der Rest der Herde gleichmütig mampfend zu. Genauso gleichgültig schaufelt der tumbe Gierhals, der wenigstens in seiner Freizeit auch mal Löwe sein will, Billigfleisch auf seinen Tankstellengrill, obwohl er schon von den barbarischen Bedingungen der Billigfleisch-Erzeugung und -Verarbeitung gehört hat. Der Pestvirus, an dem die Menschheit zugrunde gehen wird, heißt Spaß, Egomanie und Entsolidarisierung.

Aufforderung zur Solidarisierung, klick mich, verbreite mich! Grafik: JvdL

Zum neoliberalen Umbau der Gesellschaften gehört auch die DSGVO, die mit der Impressumspflicht für Blogs exakt das Gegenteil der erklärten Absicht bewirkt. Man stelle sich nur vor, wie es den ungarischen Bloggerinnen und Bloggern in Orbanland ergeht oder denen in Polen oder auf Malta. Dort Widerstand zu leisten, bedroht mehr als die Geldbörse, was ja bei uns den größten Schrecken verbreitet. Man wünscht sich eine wache Zivilgesellschaft wie in den 1980-er Jahren, die durch massenhafte Verweigerung die Volkszählung verhindert hat. Kollege Pantoufle verlinkte in einem Kommentar zum Nettesheim-Dialog zu einer Liste von 320 bereits aufgegebenen Blogs. Völlig ignoriert vom herrschenden Kulturbetrieb, verbrennen Tausende digitaler Bibliotheken. Es stirbt eine bunte lebendige Netzkultur, und Blogs werden in naher Zukunft nur noch eine Fußnote der Mediengeschichte sein, wenn wir keine Lösung des Problems finden. Eigentlich hülfe Solidarität aller Bloggerinnen und Blogger. Ersatzweise eine Klage vor dem Menschenrechtsgerichtshof der EU.

Demokratie kaputt – dank DSGVO

Bis zum Aufkommen des Internets wurde unser Blick auf die Welt gespeist durch Einkanalmedien. Redaktionen der Printmedien und Rundfunkanstalten sichteten das Weltgeschehen und wählten aus, was sie für wichtig hielten. Da die Presse nie wirklich frei war, sondern abhängig von großen Anzeigenkunden, Journalisten sich mit herrschenden Politikern gut stellen mussten, um Informationen aus den inneren Zirkeln der Macht zu bekommen, gelangten niemals alle Informationen an die Öffentlichkeit; Unterschlagung von Sachverhalten führte zu verzerrten Darstellungen.

Die allzu staatstragende Presse geriet erstmals in der 1968-er-Bewegung unter Druck, spektakulär durch die Proteste der Außerparlamentarischen Opposition (Apo) gegen die Springerpresse und die hetzende Bildzeitung. Aber auch die seriösere bürgerliche Presse wurde stark kritisiert mit Ausnahme der Frankfurter Rundschau, die von 1945 an sozialistische und gewerkschaftliche Positionen vertreten hatte.

Als in den 1970-er Jahren das Aufkommen der Kleinoffsetmaschine preiswerten Druck ohne großen technischen Aufwand erlaubte, entstand zuerst an den Hochschulen eine produktive Gegenbewegung zu den etablierten Medien. Bald nutzte quasi jede gesellschaftliche Gruppe diese Möglichkeit zu eigenen Veröffentlichungen. Ich erinnere mich an ein Büchlein der SPD, in dem das nötige Fachwissen dargestellt war, um eine Stadt- oder Stadtteilzeitung herzustellen und zu publizieren. Die Entwicklung wurde herausgefordert durch eine zunehmende Pressekonzentration bei der etablierten Presse. Gewinneinbußen und das Aufkommen neuer Satztechniken in den 1970-er Jahren zwangen zu Umstrukturierungen und Fusionen. Viele Zeitungen verloren ihre Eigenständigkeit oder wurden eingestellt. Ehemals politisch unterschiedlich ausgerichtete Zeitungen erschienen in einem Verlagshaus, wurden in Teilen redaktionell zusammengelegt oder bekamen sogar einen gemeinsamen Chefredakteur, beispielsweise die Aachener Nachrichten (ehedem linksliberal) und die Aachener Zeitung (ehedem und weiterhin rechts-konservativ).

Im Jahr 2003 geriet die deutsche Presselandschaft in ihre bislang schwerste wirtschaftliche Krise, in deren Folge sich die Pressekonzentration verschärfte und viele Journalisten arbeitslos wurden. Auf der Strecke blieb die Meinungsvielfalt. Die alternative Presse hatte sich inzwischen ebenfalls gewandelt. Die meisten alternativen Stadtzeitungen hatten aus wirtschaftlichen Gründen wieder aufgegeben oder sich gewandelt zu Hochglanz-Stadtillustrierten mit Gastro- und Shopping-Führern, Kleinanzeigen und Veranstaltungs-Tipps.

Das war die Situation zu Beginn des Jahrtausends. Plötzlich bot das Internet erneut die Möglichkeit einer basisdemokratischen Publikation. In großer Vielfalt entstanden journalistische Blogs und boten Weltsichten, die in der etablierten Presse nicht zu finden waren. Allerdings waren die lohnschreibenden Journalisten nicht froh über die neue Konkurrenz, sahen ihre geistige Oberhohheit in Gefahr und schmähten Blogs und Blogger. Der selbsternannte Internetexperte Andrew Keen tönte in einem Buch vom „Zeitalter der schreibenden Affen“, Bernd Graff, leitender Kulturredakteur der Süddeutschen Zeitung sah das Internet „in der Hand von Idiotae“, und Gregor Dotzauer dünkelte im Tagesspiegel unter dem Titel „Graswurzelverwilderung“ von der bloggenden „Gewaltwillkür (…) pseudonymer Existenzen“, die aus purer Selbstherrlichkeit einen „Kulturkampf angezettelt“ hätten, – um nur einige Beispiel zu nennen.

Im Sinne einer lebendigen Demokratie, getragen von mündigen Menschen, war es natürlich gut und richtig, wenn jeder sich seinen eigenen Kopf macht und sein Urteil auch veröffentlichen kann, um sich der geistigen Bevormundung durch die Massenmedien zu entziehen. Es war und ist richtig und ratsam, nicht nur den zu Zeilen geordneten Gedanken von bezahlten Schreibern zu folgen, denn wir wissen nicht, welche Ziele ihre Geldgeber verfolgen. Es tut gut, sich die Oberhoheit über den eigenen Kopf von den bezahlten Schreibern zurückzuerobern, denn die geistige Bevormundung der Köpfe ist ein Faktor kultureller und politischer Macht. Und wenn auch die bezahlten Schreiber nicht die wirklich Mächtigen sind, so sind sie doch deren Vögte und Statthalter.

Journalisten genießen den Schutz einer Redaktion in juristischer und privater Hinsicht. Diesen Schutz haben bloggende Idealisten nicht. Im Normalfall haben sie ihren Lohnerwerb woanders, sind dort in abhängigen Verhältnissen beschäftigt, wo es nicht gerne gesehen würde, wenn sich Mitarbeiter ihren eigenen Kopf machen und das auch noch dreist veröffentlichen. So war eine wichtige Voraussetzung für journalistisches Bloggen natürlich der Schutz der Anonymität. Wer traut sich schon, etwas Kritisches zu schreiben, wenn er mit beruflichen Konsequenzen rechnen muss, oder dass die Kritisierten ihm anschließend vor der Haustür auflauern bzw. mit Anwälten drohen? Eine meiner Schülerinnen hatte für ein Zeitungsprojekt mit der Frankfurter Rundschau einen Artikel über die Erfahrungen einer Tante mit Scientology geschrieben. Der verantwortliche Redakteur schrieb mir, er finde den Text gut, wolle ihn aber nicht veröffentlichen, weil man in der Redaktion schlechte Erfahrungen mit Scientology gemacht habe. Die würden sofort mit Klage drohen. Was also die Redaktion einer damals großen und stolzen Zeitung nicht wagte, wie sollte ähnlich Brisantes eine Bloggerin oder ein Blogger wagen? Es gibt Länder in der EU, da sprengt man derart Wagemutige in die Luft, wie jüngst auf Malta geschehen.

Zur freien Verfügung, Grafik: JvdL – Bezug: klicken

In diesem Kontext ist also der Zwang zum Impressum durch die DSGVO verheerend. Schwer vorstellbar, dass die verantwortlichen EU-Politiker und -Bürokraten diese Problematik nicht gesehen haben. Es gibt hier nur eines: Entweder stand dahinter Blödheit oder Bosheit. Beides wäre ein Grund, den Bettel hinzuwerfen und sich nicht noch aushalten zu lassen von der demokratischen Gesellschaft, an deren Knebelung man mitgeholfen hat, nicht wahr, Herr Jan Philipp Albrecht?

Schlägt den Sack und meint den Esel – Der Prügel Datenschutzverordnung (DSGVO)

Um unsere privaten Daten zu schützen, setzt die Europäische Union (EU) am 25. Mai 2018 eine weitreichende Datenschutzverordnung in Kraft und droht bei Verstößen immense Bußgelder an. Das ziele vor allem auf die großen Datensammler wie Google, Amazon, Facebook oder Microsoft. Die will man endlich einem einheitlichen europäischen Datenschutzrecht unterwerfen. Denn bislang hätten die Unternehmen ihren Firmensitz innerhalb der EU beliebig in Länder mit schwachen Datenschutzrichtlinien verlegen können, beispielsweise nach Irland, um schärfere Bestimmungen zu unterlaufen. Klingt löblich.

Da ist die Rede von Big Data, von ungehemmter Datensammelei, von Auswertung solcher Daten, um Wahlen zu manipulieren, wie es bei Obamas Wahl zum US-Präsidenten schon geschehen ist und bei Trumps Wahl durch ausländische Kräfte vermutet wird. Indem die Daten von Millionen Menschen zu deren Persönlichkeitsprofilen verknüpft werden, könne man sie gezielt beeinflussen und ihre Meinung und ihr Wahlverhalten manipulieren. Dessen brüstete sich unlängst das inzwischen insolvente Unternehmen Cambrigde analytica.
Das alles sind Vorgänge, die dem Einzelnen weitgehend verborgen bleiben und nicht als Bedrohung angesehen werden, denn Wahlwerbung betreiben alle politischen Parteien. Im engeren Sinne sind sogar Wahlplakate mit ihren diffusen Botschaften manipulativ.

Betroffen durch die DSGVO ist auch jedes Kleinunternehmen, jeder Verein, jede Bloggerin, jeder Blogger, hier vor allem durch die Pflicht, die durch die Blogsoftware erhobenen Daten und deren Abfluss in irgendwelche Kanäle zu kontrollieren, über deren Speicherung Auskunft zu geben und die Daten auf Wunsch zu löschen. Weil das die Kenntnisse und Möglichkeiten durchschnittlicher Bloggerinnen und Blogger überschreitet, fürchten viele, ungewollt gegen die DSGVO zu verstoßen und dadurch ins Visier einer neu entstehenden Abmahnindustrie zu geraten. Nützliche Informationen hier.

Ans Presserecht habe ich mich schon immer gehalten, beispielsweise was die Veröffentlichung von Fotos mit Personen betrifft. Dass man deren Erlaubnis braucht, wenn sie zu erkennen sind, ist für mich selbstverständlich. Grundsätzlich habe ich auch nichts gegen ein Impressum, finde sogar gut zu wissen, mit wem ich es zu tun habe, wenn ich etwas lese. Was also ist gegen den Zwang zu sagen, bei Blogs den Klarnamen und eine ladungsfähige Adresse im Impressum anzugeben? Erst durch eine Bemerkung des Kollegen Videbitis ist mir ein Problem vor Augen getreten, das geeignet ist, den Datenschutz ins Gegenteil zu verkehren: Wer ein Blog betreibt, muss damit rechnen, dass derzeitige oder künftige Arbeitgeber es im Internet finden und dort lesen, was einem zum Nachteil ausgelegt werden kann.

Die wirklich schützenswerten Daten sind doch nicht unser Einkaufsverhalten. Das kann jeder beobachten, der mit uns an der Kassenschlange steht. Die wirklich schützenswerten Daten sind unsere intimsten Gefühle und Bekenntnisse, unsere Werthaltung, unsere politische Überzeugung, was wir denken über die Entwicklungen in unserer Gesellschaft. Dies bislang zu bekennen, in Blogs und Kommentaren zu veröffentlichen und damit in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen, diese Form der gesellschaftlichen Teilhabe, ohne Nachteile befürchten zu müssen, wird jetzt handstreichartig abgeschafft.

Was die großen „Datenkraken“ wie Amazon und Facebook bislang abgreifen konnten, waren reine Verhaltensdaten, wo und was kaufe ich ein, wo halte ich mich auf, welche Bücher lese ich, welche Filme betrachte ich? Dank DSGVO kann jeder mitlesen, was ich denke. Mittels Analyse der schriftlichen Äußerungen eines Menschen lässt sich dessen Persönlichkeitsprofil wunderbar vervollständigen. Das DSGVO schützt die Bloggerin, den Blogger vielleicht vor der ungehemmten Weitergabe seiner Bewegungsdaten, reißt ihm aber eine Flanke auf, besser noch, klebt ihm ein Namensschild an den Kopf und installiert ein Fenster in seine Schädeldecke, durch das jeder Einblick ins Denken bekommen kann. Man wird hier einwenden, dass niemand gezwungen ist, im Blog sein Denken und Fühlen zu offenbaren. Natürlich nicht. Jeder wird sich ab jetzt zweimal überlegen müssen, ob er seine Meinung noch frei offenbaren will. So markiert das Datum 25. Mai das Ende der unbefangenen Meinungsäußerung im Internet.

Dieser Aspekt findet bei den Kolleginnen und Kollegen Journalisten bislang keine Beachtung. Warum nicht? Im professionellen Journalismus ist man daran gewöhnt, mit der Zensurschere im Kopf zu arbeiten. Wer dort noch Karriere machen will, traut sich nicht, die „Blattlinie“ zu verlassen und seine eventuell davon abweichende Meinung zu äußern. Diese Uniformiertheit in der Presse wird nun ergänzt durch eine Uniformiertheit in der Blogosphäre. Wenn man das unter politischen Gesichtspunkten betrachtet, muss man fragen, wen oder was die DSGVO eigentlich schützt? Die Meinungsfreiheit killt sie jedenfalls. Die durch den Sack geprügelten Esel sind wir – im Zirkus des schlechten Geschmacks.