Besoffen in Unterhosen

Was typisch für die Flamen sei, versuchte ein holländischer Kabarettist in Flandern herauszufinden und sprach darüber mit einer Moderatorin von Studio Brussel, einem öffentlich-rechtlichen Musiksender. Typisch sei, dass Flamen zu Hause in Unterhose umherlaufen, sagte sie. Man komme nach Hause und entledige sich zuerst der Hose. Daran wurde ich erinnert, als mir gestern eine liebe Freundin unten zu sehende Karte mit einem finnischen Verb schenkte, wobei das keine Anspielung auf meine Gewohnheiten war. Was skurril ist an meinen Gewohnheiten, dafür haben noch nicht mal die Finnen ein Verb.

Die Karte stammt aus dem Museums-Shop des Hannoveraner Landesmuseums. Wir hatten uns dort eine Multimedia-Show über Leonardo da Vinci angesehen und waren überwältigt. Kalsarikännit wäre durchaus angebracht gewesen. Ich habe mir verkniffen, im Museum zu fragen, wer die Show verbrochen hatte, eine Leihgabe aus Mailand übrigens. Den Menschen will ich lieber nicht kennen, obwohl es gewiss große Kunst ist, das umfangreiche Werk eines Universalgenies hinter eigenen Ambitionen verschwinden zu lassen. Mir schwirrte der Kopf vor lauter visuellem und akustischem Bombast, immer hart an der Grenze zum Kitsch, für den die Hannoversche Allgemeine (HAZ) die freundlichen Worte fand: „Die Inszenierung ist ein synästhetisches Gesamtkunstwerk. Kraft ihrer multimedialen Wucht überwältigt sie die Besucher – und zeigt in ihrer futuristischen Ästhetik wie zeitlos sich der Genius Leonardos ausnimmt.“ Mir raubte es den Atem, was aber an der geforderten Mund-Nasen-Bedeckung (Maske) lag. Die multimediale Show wurde sicher ins Museum verlegt, weil die Rummelplätze noch geschlossen sind.

Was bedeutet „futuristische Ästhetik?“ Die Begrifflichkeit überhöht die Sache, oder sollte die Gemeinsamkeit mit dem Futurismus darin bestehen, dass die multimediale Da-Vinci-Show von einem Italiener geschaffen wurde? Profan ausgedrückt: Hier hat sich einer selbst verwirklicht und war schlicht besoffen von seinem Werk, wobei nicht klar ist, ob er bei der Planung der Show wenigstens eine Unterhose getragen hat.

Zirkus des schlechten Geschmacks – Weißes Fähnchen

Seit 15 Jahren schreibe ich in meinen Blogs in dieser Rubrik gelegentlich meine Meinung zu gesellschaftspolitischen Themen. Zum ersten Mal wünsche ich mir, völlig falsch zu liegen, wünsche mir, bald von den Entwicklungen widerlegt zu werden. Liege ich falsch, macht es nichts, denn so oder so wird mein Text wie ein weißes Fähnchen sein, das im medialen Sperrfeuer untergeht. Seit Beginn der sogenannten Corona-Krise, habe ich alle Maßnahmen gegen die ausgerufene Pandemie misstrauisch beäugt, habe mich innerlich aufgelehnt gegen die plötzliche Erhebung von Virologen zu medialen Popstars. Für mich waren diese Leute die falschen Propheten der Apokalypse. Dabei sind sie vermutlich nur die nützlichen Fachidioten einer weltweiten sozialen Krise und sich der Tragweite ihrer nassforsch ausgeplauderten Weisheiten nicht bewusst. Wie sollten sie auch? Die Vorlesungen zur medizinischen Soziologie haben sie vermutlich geschwänzt, und niemand hat ihnen beigebracht, den Verlockungen medialer Aufmerksamkeit zu widerstehen. Ich würde den Drohszenarien der Virologen und epidemiologischen Mathematiker gerne vertrauen, wie sie täglich von den durchgeknallten Medien getrommelt werden, wenn durch sie nicht die Abschaffung demokratischer Rechte in erschreckendem Ausmaß legitimiert würden.

Wenn es einst hieß, dass unsere Kampagnenjournalisten mal wieder eine Sau durchs Dorf treiben, so war ein Ende des Leidenswegs abzusehen, doch derzeit wird die arme geschundene Sau von einem Ende zum anderen gepeitscht, so dass sie kopflos hin und her prescht. Unklar ist, wer in der Rolle der Sau steckt, vielleicht die meisten von uns.

Derzeit wird bundesweit eine Maskenpflicht eingeführt. Zehntausende sitzen zu Hause und nähen Masken, deren Wirksamkeit umstritten ist. Kürzlich berichtete ein Publizist von zwei Leuten im Auto. Beide trugen einen Mund-Nasen-Schutz. Er fand das Szenario dadaistisch. Dada ist unschuldig, aber Gaga könnte man die absurdistischen Geschehnisse nennen. Sie sind Ausdruck einer gigantischen Desorientierung. Ich würde glauben, dass es bei allem um den Schutz unserer Gesundheit geht. Doch kann man das glauben, wenn unsere Regierenden Maßnahmen beschließen, die sich mit unfassbarer Brutalität gegen die Schwächsten in unserer Gesellschaft richten? Ist nicht der Schutz der Familie sowie der Schutz des Kindes ein ebenso hohes Gut? Alles wäre weniger verdächtig, wenn es nicht daherkäme wie aus dem Drehbuch des Neoliberalismus zur Abschaffung der lästigen Demokratie. Dazu gehören die propagierte „soziale Distanz“, Apps zum Bewegungstracking, das zunehmende Diktat der bargeldlosen Bezahlung, die Knechtung der Armen. (Vergl. den Kommentar von Arno Luik) An ein Drehbuch des Neoliberalismus dachte ich von Beginn der Corona-Krise an, aber konnte mir die Frage „cui bono?“ nicht beantworten. Wenn man liest, dass große Unternehmen Milliarden Staatshilfen kassieren, doch Dividenden in ebensolcher Höhe zahlen wollen, wissen wir, wer die Nutznießer sind.

Die apokalyptischen Reiter und eine Reiterin, (die in der Johannes-Offenbarung vergessen wurde), (Fotomontage aus der HAZ)

Ein Virologe namens Drosten beobachtet nach eigenem Bekunden, dass die Covid-Fälle in der Berliner Charité zunehmen, das gerade, wenn es überall heißt, dass die berühmte Kennzahl „R“ der neu Infizierten zurückgegangen sei. Wäre Professor Drosten ein guter Arzt und läge es ihm tatsächlich am Gesundheitsschutz der Bevölkerung, würde er ebenso berichten, wie viele Patienten die Charité geheilt verlassen hätten. Denn ein guter Arzt verbreitet keine Panik, sondern spricht Mut zu, weil nur so die Immunabwehr gestärkt wird und die Selbstheilungskräfte von Patienten aktiviert werden. Werden die Geheilten überhaupt gezählt? Höchst verdächtig ist der Umgang unserer Medien mit den Fallzahlen, vergleichen wir mit ihren Jubelarien zu den Verkehrstoten. Da heißt es alljährlich: „Zahl der Verkehrstoten gesunken!“ Warum lesen wir nicht „Zahl der Geheilten von Covid 19 auf Höchstwert gestiegen!“? Warum gibt es nicht ein verlässliches Medium, das Zuversicht verbreitet? Selbst auf die Satiriker ist kein Verlass. Auf dem öffentlich-rechtliche 3Sat macht allabendlich ein Berufszyniker namens Puffpaff den Kaspar und alle lächerlich, die es wagen, den medial verbreiteten Coronawahn zu hinterfragen. Satire tritt nicht nach unten, habe ich gelernt.

In der Sendung Extra3 tritt Satiriker Christian Ehring tatsächlich nicht nach unten, sondern völlig folgenlos nach Donald Trump. Als ob dessen hirnrissige Ideen eine Bemerkung wert wären. Satire soll auch nicht banal sein, keinen Witz machen, den jeder machen könnte, sondern wachen Blickes das Handeln der Mächtigen beobachten. Da reicht es nicht, ihnen per Photoshop eine Pappnase zu verpassen.

Die härtesten Maßnahmen gegen die eigene Bevölkerung beschließt und vertritt Bayerns Ministerpräsident Markus Söder. Sehe ich sein durchaus sympathisches Durchschnittsgesicht im Fernsehen, finde ich, dass er die perfekte Verkörperung von Orwells Big Brother ist. Die verdächtigen Floskeln des Neusprech kamen aber von anderen. Da war die Rede von “Wiedereröffnungs-Diskussions-Orgien“ (Angela Merkel) und „neuer Normalität“, an die wir uns gewöhnen müssten (Jens Span, Olaf Scholz). Es darf also laut Merkel nicht diskutiert werden, was Verfassungsrechtler fordern, dass nämlich jede Beschneidung demokratischer Rechte überprüft werden muss hinsichtlich der Nützlichkeit im erklärten Sinne. Damit ist nicht die Nützlichkeit im Sinne einer Abschaffung unserer Demokratie gemeint. Ich hätte nie gedacht, dass mal ein Jens oder ein Olaf versuchen würde, mir Diktatur als „Normalität“ zu verkaufen – im Zirkus des schlechten Geschmacks.

 

Wer hat uns betrogen? Mediengeile Virologen

Schon vor fünf (!) Jahren hat im visionären Teestübchen Ihres Vertrauens eine Warnung vor den Ampeldruckknöpfen gestanden. So lange schon bin ich der warnende Rufer in der Wüste, dass diese Warnung schon ins Buch „Die schönsten Augen nördlich der Alpen“ eingeflossen ist. Auf diesen Ampeldruckknöpfen wimmelt es nur so vor reiselustiger Mikroben, Pappnase Corona ist auch dabei und streckt den Daumen raus. Der Freund, dessen Asche ich aufbewahre, ist in Aachen Stadtplaner gewesen. Da war es seine Profession, sich Gedanken zu machen über Fußgängerströme und wie sie zu leiten wären. Er hat mir verraten, dass die meisten Druckknöpfe an Ampeln funktionslos sind und nur zur Beruhigung der Wartenden blinken.

Man kann sich vorstellen, dass viele Mikroben sich an der menschlichen Hand aufhalten. Ein öffentlich angebrachter Schaltknopf, der mit der Hand berührt werden soll, wird naturgemäß mit Mikroben kontaminiert. Eine weitere Hand nimmt einen Teil der Mikroben wieder auf und transportiert sie zu anderen Wirten an einem ganz anderen Ende der Stadt. So sind also die Ampeldruckknöpfe mikrobiotischen Reisezentren, auf denen ein Gedränge herrscht wie im Kölner Hauptbahnhof vor Corona Zeiten bei perfektem Reisewetter. Solange keine lästigen Antikörper in der Nähe sind, besuchen Coronaviren lustig Ausflugsorte und vermehren sich glücklich unter der Sonne ihrer befallenen Wirte.

Warum werden öffentliche Tischtennisplatten mit einem rotweißen Absperrband versehen, die Ampeldruckknöpfe aber nicht? Neuerdings werden wir mit Bußgeldkatalogen darauf eingeschworen, der Obrigkeit zu gehorchen. Verunsicherte Mitbürger stehen händeringend an der Fußgängerampel, können ihre Hände kaum bei sich lassen. Man will ja alles richtig machen. Besonders der ältere Mensch, schon ein bisschen ängstlich im Straßenverkehr, traut sich nicht, die Aufforderung „Bitte berühren“ zu ignorieren. Am Ende heißt es wieder, die Alten hören den Schuss nicht mehr. Die müssen entmündigt werden. Hallo, Herr Spahn!  Hier hülfe nur, die Ampeldruckknöpfe zu sperren. Warum geschieht das nicht? Letztens erklärte ein professoraler Fernsehvirologe, der mit der schönen Frisur, wie viele virale Tröpfchen aus der Atemluft wie lange in der Raumluft stehen. Man habe die in zwei Studien gezählt. Hallo! Klopfklopf! Jemand zu Hause?! Die meisten Corona-Tröpfchen stehen nicht rum; sie sitzen bequem auf dem Ampeldruckknopf und warten auf den nächsten Tünnes! Und kein Virologe in der Nähe, der mahnend den Zeigefinger hebt. Sie zählen lieber Tröpfchen in der Atemluft. Bei allem Verständnis für deren Selbstbezogenheit wegen tieftrauriger Früherfahrungen, „narzistische Kränkung“, nennt es die Psychologie.  Wer hat schon früher einem Virologen zugehört? „Statt mich mit einem Virologen zu verabreden, lackiere ich mir lieber die Fußnägel“, sagte meine Referendarin Marion und ging mit mir Pataphysiker aus.

Gif-Animation aus Schlaraffia-Filmmaterial: JvdL

In Belgien, hörte ich im Rundfunk, werden Ampeldruckknöpfe automatisch geschaltet, damit niemand mehr diese Mikrobenverschiebebahnhöfe berühren muss. Von Absperrband wurde nichts gesagt. Die Mikroben müssen mächtigen Einfluss auf unsere Entscheidungsträger haben. Alle Welt steht wegen Corona still, und letztlich müssen alle Fußgänger sterben wegen Millionen überflüssiger Ampeldruckknöpfe. Hauptsache, der Autoverkehr kann rollen. Hand drauf!

Nachrichten aus der Parallelwelt

Beim Fernsehen weiß man nicht so recht, was tun. Nach der Corona-Nachrichten- und Besprechungsflut sendet man zur Entspannung große Spiel- oder Quizshows mit Saalpublikum, und wenn die „Schwenkfutter“ genannten Leute begeistert irgendeinem Quatsch applaudieren, fragt sich der TV-Kritiker, ob es nicht klüger wäre, dieses tumbe Auf- und Aneinanderhocken nicht mehr zu zeigen, denn wiewohl derlei Veranstaltungen sowieso etwas Absurdes, beinah Surreales haben, vermitteln sie jetzt den Eindruck, einer Parallelwelt zu entstammen, die neben unserer Realität existiert. Nun soll ja Saalpublikum nicht nur einen Mitmacheffekt vortäuschen, sondern den vereinzelt zu Hause sitzenden Zuschauern das Gefühl vermitteln, dabei zu sein. Dieses Gefühl muss er jetzt abstrahieren, weil das Saalpublikum tut, wovon längst abgeraten wird. So entlarven sich derlei Formate als abgehoben, aus der Zeit gefallen, wie von einer Gegenerde, die ein halbes Jahr zurückhängt. Sie sind der tumbe Anachronismus, der hoffentlich nie mehr neu produziert werden wird.

Nach Corona wird nämlich die Welt eine andere sein. Wie uns derzeit die soziale Distanz empfohlen wird, soziale Distanz, der feuchte Traum neoliberaler Demokratiefeinde, regt sich allerorten Widerstand. Erzwungene soziale Distanz wirkt glücklicherweise nicht wie Brandbeschleunigung der Individualisierung und Endsolidarisierung. Die Schraube wurde überdreht. „Nach fest kommt lose“, um eine Erkenntnis der Mechaniker ins Soziologische zu überführen. Auf den Gehsteigen zeigt sich das Lose in kindlichen Kreidemalereien: „Liebe Freunde, alles wird gut!“ Auf den Treppenstufen der Grundschule: „Schule, wir vermissen dich!“, in einem weiträumig aufgemalten Spielfeld ein hübsches „Hoffnung!“

Foto: Susanne Braun

Doch zurück zum Fernsehen. Es gäbe jetzt die Chance, Formate zu entwickeln, die der Situation angemessen sind. Stattdessen war gestern auf dem WDR ein Best Off der Mitternachtsspitzen zu sehen. Das war durchaus die Rede von einer Krise, aber es ging um die Finanzkrise von 2009. Nichts wirkt so lahm und erbärmlich wie die kabarettistische Überspitzung vergangener Verhältnisse. Muss nicht anschauen, wer sich keine Depression einhandeln will. Stattdessen gab es beim BR eine sehenswerte Ausgabe von Helmut Schleichs Schleichfernsehen, wo ausgesprochen wurde, warum unsere Politiker jetzt fürchten, eine Welle von Corona-Infizierten könnte unser Gesundheitssystem zum Kollaps bringen und die stumpfsinnige Privatisierung der Kliniken, das Kaputtsparen des Gesundheitssystems könnte ihnen jetzt auf die Füße fallen.

Letztlich müssen wir Abstand von unseren Mitmenschen halten, weil unsere Regierungen die öffentliche Daseinsfürsorge dem Profitstreben von Investoren ausgeliefert haben. Unsere Leitmedien, allen voran das öffentlich-rechtliche Fernsehen, geben sich derzeit lammfromm und systemtreu. Trotzdem wird man nach überstandener Krise ein Gesundheitssystem kritisch betrachten müssen, das es nicht einmal schafft, Schutzmasken und Desinfektionsmittel in ausreichendem Umfang bereitzustellen.

Gegen Blödheit hilft kein Händewaschen

Vorsicht, dieser Text beginnt flapsig und endet im blutigen Ernst. Es hat mich nämlich unterwegs schreibend aus der Kurve getragen. Eingangs gestehe ich, den Untergang dieses Planeten leichtfertig mit verschuldet, wenn nicht hauptsächlich sogar herbeigeführt zu haben. Vor gut drei Jahren besuchten mich winzige intergalaktische Botschafter und ich habe sie düpiert. Als mir diese Botschaft zuteil wurde: „Hallo Erdbewohner! Wir grüßen euch und bieten euch den intergalaktischen Weltfrieden! Gehet hin und verbreitet die frohe Botschaft!“, habe ich gesagt:

    „Wie bitte? Soll ich etwa damit an die Öffentlichkeit gehen? Die Leute werden sagen, was kümmern uns Friedensangebote von Außerirdischen, deren Raumschiffe wie winzige Fruchtfliegen aussehen?“

Lag es an der latenten Lust am Untergang, die nicht nur in meinem Unterbewusstsein schwelt, sondern unter Erdbewohnern weit verbreitet ist? Friedensangebot ausgeschlagen, und jetzt haben wir den Salat: Winzige außerirdische Invasoren okkupieren die Erde und meucheln die Menschheit. Unsere komplett ahnungslosen Eliten in Medizin, Medien und Politik schwafeln vom Corona-Virus. Alle machen sich zu den Handlangern der Aliens, indem sie Panik verbreiten, so dass die verunsicherten Menschen weltweit wie bekloppt Klopapier kaufen. Warum? Aus Schiss. In Australien, wurde gemeldet, erschien jüngst die Lokalzeitung NT News mit acht leeren Extraseiten zum Zurechtschneiden als Arschwisch. Prächtige Selbsteinschätzung dieser Zeitung, der heimischen Dreckspress zur Nachahmung empfohlen. Hier hört der Spaß auf.

Tagesschau.de vom 27.02.2020 Klick aufs Bild ist Link zur Seite

Lebensbedrohliches wie etwa der Straßenverkehr wird in unserer Kultur von den Presseabteilungen der Autoindustrie bzw. von den Handlangern und Speichelleckern in unseren Redaktionen grundsätzlich als Erfolg gemeldet. Da heißt es nicht etwa, „Leute meidet die Straßen, bleibt lieber zu Hause, um euch und eure Lieben gegen den schrecklichen und rundum tragischen Unfalltod im Straßenverkehr zu bewahren!“ Es werden keine Großveranstaltungen abgesagt. Da tritt kein Minister vor die Kamera und verkündet Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung, sondern es gibt Jubelmeldungen wie hier von Tagesschau.de mit dem Tenor: Kein Grund zur Sorge. „So wenige Verkehrstote wie noch nie!“ Das ist auch der Mutter ein Trost, wenn ihr hoffnungsfrohes Kindlein von einem abbiegenden LKW zerquetscht wurde und auf dem Asphalt in seinem Blute liegt: „Gott sei Dank!“, wird die Mutter ausrufen, „mein Kind ist tot, aber es gibt einen rundum erfreulichen Tiefstand bei Verkehrstoten. Halleluja!“

Wichtigtuerische Medienschranzen, Apologeten des Untergangs „Hallo Frau Will!“ haben nicht den leisten Schimmer, wo die tatsächliche Bedrohung für die Menschheit sitzt, nämlich in der selbstmörderischen Antiquiertheit ihres Denkens. Alljährlich ärgere ich mich über die Verkehrstoten-Erfolgsmeldungen und frage mich, wie schafft es die Autoindustrie nur, sämtliche Redaktionen zu schmieren, dass alle unisono die Statistik der Verkehrstoten bejubeln? Sie müssen nicht geschmiert werden. Das selbstmörderisch antiquierte Denken rumpelt durch derart tiefeingefahrene Karrenspuren, ist quasi ein Selbstläufer des Schon-immer-so-gedacht und Immer-so-gemacht. Verkehrstod ist die selbstverständlich geduldete Gewalt gegen Menschen zum Segen der Aktionäre unserer Autoindustrie. Alljährlich Tausende Opfer, Millionen weltweit! Aber mit Corona machen sie die Leute jeck.

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Die WordPress-Horror-Sekretärin

Derweil die meisten Bloggerinnen/Blogger die WordPress-Software als Werkzeug ansehen, mit dem sie ihre Arbeiten veröffentlichen können, und froh sind, wenn sie die dazu notwendigen Verfahrensweisen kennen, schrauben offenbar unterbeschäftigte Programmierer beständig an der Blogsoftware herum. Seit einigen Tagen finde ich mich mit einer neuen Startseite beglückt. Ihr Design erscheint mir wie eine hämische Fußnote zum internationalen Frauentag.
[Als Schreenshot und beschnitten weiter unten – zum Vergrößern bitte klicken]:

Juhu! Das habe ich mir erträumt. Eine dauergewellte Sekretärin mit weißer Hornbrille, die mit dem Stenoblock unterm Arm, rund um die Uhr auf der Matte steht, bereit zum Diktat. Da freut sich der Mann, dass im Jahr 2020 das 1950-er-Jahre-Weltbild neu aufgelegt wird.
Bei genauer Betrachtung ist’s freilich eher eine Horrorfigur, womit ich nicht die misslungene Grafik meine, die bei flüchtiger Betrachtung ungute Gefühle freisetzt, sondern den Begleittext. Die Frau mit der weißen Hornbrille verlangt von mir zu lernen und zu wachsen. Ganz im Sinne der neoliberalen Idee des lebenslangen Lernens ist das ein perfides nach oben offenes Konzept. Gerade kennt man sich mit der Software aus, dann wird wieder etwas „verbessert“, so dass ich umlernen muss. Himmi Sacklzement! Das will ich nicht! Mir würde reichen, wenn die Software keine Fehler mehr hätte und wenn nützliche Abläufe nicht dauernd geändert und verschlimmbessert würden.

    HUHU WORDPRESS! Mich interessiert das von euch diktierte Lernen und Wachsen nicht. Bin quasi ausgewachsen und lerne als emanzipierter Mensch nur, was ich mir aussuche. Ich möchte mich auch nicht ständig mit eurer Software beschäftigen müssen, sondern meine Texte anderen Inhalten widmen. Woanders ist meine Aufmerksamkeit wichtiger – im derzeit durchdrehenden Zirkus des schlechten Geschmacks.

Teestübchen TV-Kritik – „Wer weiß denn sowas?“

Eine sehr gute Quizshow läuft derzeit fast täglich im Vorabendprogramm der ARD: „Wer weiß denn sowas?“, moderiert von einem launigen Herrn namens Pflaume. Zwei Rateduos kämpfen gegeneinander, wählen Fragen aus diversen Kategorien und müssen aus aberwitzigen Multiple-choice-Antworten eine auswählen, haben hinter sich aufgestapelt eine je Sendung wechselnd sich aufteilende Anzahl Zuschauer von insgesamt wohl 100 Personen, je nachdem, wem die Leute größere Gewinnchancen zutrauen, Team Elton oder Team (Hab den Namen vergessen). Das ist insofern schade, weil dieser glatzköpfige Mann schon mit einem für seinen Körper zu großen Ego geschlagen ist. Muss denn mein Geist sich auch noch hartnäckig weigern, den Namen rauszurücken? Also die Personen setzen sich hinter die Teams in freudiger Gewinnerwartung, denn die vom Gewinnerduo erspielte Geldsumme wird hernach unter ihnen aufgeteilt. Zum Schluss können beide Teams einen Teil ihres Gewinnbetrags einsetzen, um gegeneinander die sogenannte „Masterfrage“ zu beantworten. Während dieser stillen Phase wird eine Musik eingespielt.

Aus ethnologischem Interesse habe ich mehrmals versucht, die weitere Entwicklung zu verfolgen, bin aber entnervt gescheitert am Mitklatschen des Studiopublikums. Wenn Deutsche ab etwa 12 Personen aufwärts Musik hören, werden sie zur tumben Horde und verfallen in die immer gleiche Rhythmik, klatschen zwanghaft auf den ersten und dritten Takt. Ob die alle mit Attest vom Musikunterricht befreit waren oder der Drang zu Marschieren einfach nicht zu bändigen ist, wer weiß denn sowas? Jedenfalls sind an auf Eins-und-Drei-Klatschmarsch schon stärkere Bande zerrissen als mein zarter Aufmerksamkeitsfaden, wie hier [auf die Eins und die Drei geklatscht] zu hören:


Einmal habe ich mir ein Herz gefasst und nicht ausgeschaltet, habe mir gesagt: Wenn dem Ethnologen von einem indogenen Stamm eine Schale wimmelnder Engerlinge angeboten wird, kann er sie auch nicht ausschlagen, sondern muss tapfer zulangen, die fettesten Engerlinge zerkauen und schlucken. Drum weiß ich jetzt, wie es weiter geht.

Also nach dem Klatschmarsch folgt vor der Verkündigung der Sieger ein kurzer Werbeblock. Es wird geworben für die medikamentöse Abschaltung von allerlei Gebrechen. Das lässt auf die Verfasstheit der Zielgruppe der sehr guten Quizsendung schließen, die treue Leserschaft der Rentner-Bravo. Sie leidet an nächtlichem Harndrang, Inkontinenz, Ohrgeräuschen, Vergesslichkeit und glaubt, dass gegen jede körperliche Unzulänglichkeit Medikamente geschluckt werden müssen. Ob aber all die Medikamente nötig sind? Zumindest Vergesslichkeit ist nach dem Anschauen von „Wer weiß denn sowas?“ wirklich segensreich.

Schwerer Hirnriss im Menschenverstand dank Corona

Brav melden unsere Medien jährlich die Zahl der Verkehrstoten und finden’s gut. So frohlockte der Tagesspiegel im Jahr 2009: „Berlins Straßen sind die sichersten Deutschlands – Jedes Jahr ein neuer Rekord: Die Zahl der Verkehrstoten sinkt seit Jahren. 2009 registrierte die Polizei nur 48 Tote, so wenig wie nie zuvor seit dem Krieg. Zum Vergleich: 1999 waren es 103 Tote, 2008 noch 59.“
Wir spüren die Macht der Autoindustrie. Jährlich werden in ganz Deutschland etwa 3000 Menschen im Straßenverkehr getötet, aber immer finden die Medien einen freudigen Anlass: Für das Jahr 2019 jauchzt die Zeitschrift Auto Motor Sport: „Neuer Tiefststand erwartet – Im November 2019 sind in Deutschland 218 Menschen bei Straßenverkehrsunfällen ums Leben gekommen, 18 Personen weniger als im November 2018. Für das Gesamtjahr gehen die Statistiker von einem neuen Tiefststand aus.“

Um etwa 3000 Verkehrstote jährlich zu toppen, müssten wir mindestens eine Kompanie Selbstmordattentäter ins Land holen. Aber warum ausländische Arbeitskräfte für eine Sache anwerben, die wir selber viel besser können, zumal ein paar verstreute Sprengsätze zwar saftige Kollateralschäden anrichten, aber nicht geeignet sind, eine Dunstglocke aus Abgasen über die Städte zu stülpen. Bei ausgedehnten Wanderungen oder Radtouren durch den Wald bekomme ich häufig Kopfschmerzen. Da sind einfach nicht genug Abgase in der Luft, weshalb Selbstmordattentäter für mich keine Alternative sind. ADAC-Mitglieder sind zuverlässiger. Das ist noch gute deutsche Wertarbeit. Und so gesehen, bin ich doch ziemlich froh, dass die Autoindustrie weiterhin kein Tempolimit auf deutschen Autobahnen erlaubt.

Gerade hat der Europäische Verkehrssicherheitsrat alarmierende Zahlen veröffentlicht. Zwischen 2010 und 2018 sind europaweit im Straßenverkehr 70.000 Fußgänger und Radfahrer getötet worden, 24 Mitmenschen pro Tag. Dazu sendet die ARD keinen Brennpunkt, Maybrit Illner lädt keine durchgeknallten Experten, auch sonst leiden unsere Qualitätsmedien unter selektiver Wahrnehmung. Woran liegts? Das Corona Virus hat nicht nur fünf (5!) deutsche Mitbürger erkranken lassen, darüber hinaus verursacht es ein einziges Chaos in den Redaktionsoberstübchen, und zu den von ihm verursachten Krankheitssymptomen müssen unbedingt schwerer Hirnriss und fortgeschrittene Hysterie gezählt werden.

In einem Land, in dem die Autoindustrie den Ton angibt, wird die Meldung von mehr als 70.000 Verkehrstoten rasch beiseite gewischt oder aber witzig euphemistisch umschrieben. Die Menschen, die zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs waren und seien sie „bei Unfällen gestorben, an denen ein Motorfahrzeug beteiligt war.“ (Tagesspiegel) Dass Menschen einfach so bei Unfällen sterben, gibt es ja, vom Zusehen etwa – vor lauter Aufregung. Wenn „Motorfahrzeuge“ beteiligt waren, dann wurden die 70.000 Fußgänger und Radfahrer wieder mal von diesen saugefährlichen Rasenmähern gekillt.

„Nächster Kunde Kasse 1!“

Vor 15 Jahren habe ich einen Text geschrieben, der hieß: „Die Fahnen der Kaufleute flattern viel schöner.“ Ich finde ihn nicht mehr, aber es ging schon um die Herrschaft des Handels über unsere Gesellschaft. Wenn ich zum Fenster hinaus schaue, dann schimmert durch das Gestrüpp der kahlen Bäume eine gelbe Sonne, wo keine sein kann, weil ich nach Norden schaue. Es ist ein riesiges beleuchtetes Reklameschild des Discounters Lidl, das auch nachts nicht erlöscht. So frech, so penetrant wird hier mit Lichtverschmutzung weit über die Ladenöffnungszeiten hinaus Herrschaft demonstriert.

Kein Wunder in Frau Merkels marktkonformer Demokratie. Ich frage mich, ob ich das dürfte. Dürfte ich mir eine riesige beleuchtete Reklametafel basteln mit der Botschaft: „Leute lest meine kostenfreien Texte im Teestübchen Trithemius!“ Natürlich müsste ein schmissiger Slogan her, aber darum geht’s nicht. Würden Vertreter des OIrdnungsamtes verlangen, dass ich mein Ladenschild abbaue, weil es die öffentliche Ordnung stört? Wenn ich einwenden würde: „Lidl tut das auch“, würde man mir sagen: „Das ist etwas anderes. Lidl will verkaufen, Sie aber nehmen als Publizist kostenloser Texte nicht am Marktgeschehen teil. Folglich dürfen Sie nicht mit Lichtverschmutzung aufwarten.“ Genauso.

Heute Nachmittag besuchte ich einen neuen Supermarkt der Handelskette Edeka. Hier hat man wie auch in anderen Edeka-Läden Hannovers ein Kassen-Aufrufsystem, so dass man als Kunde nicht mehr die Kassiererin, den Kassierer sich aussuchen kann, wie ich das schon immer gerne getan habe, nein, man steht wie ein Depp in der Schlange an und wird von einer automatischen Ansage als „nächster Kunde“ zur Kasse 1, 2 oder folgende befohlen. Ich fühle mich dabei vom Händler zugerichtet, marktkonform gemacht.

Im Rewe-Supermarkt gehe ich immer zur selben Kassiererin und flirte ein bisschen mit ihr. Bei Edeka habe ich das einst auch getan. Vorbei damit, Sympathie und menschliche Wärme sind keine Handelsware, also überflüssig. Was bleibt sind die papageienartig aufgesagten Sprüche „Dankeschön für Ihren Einkauf!“, diese sinnentlernten Floskeln als Sinnbild  der völligen Entfremdung zwischen Kunde und Verkaufspersonal.

Wohin wird das führen? Wird bald verlangt, dass ich mit Karte bezahle und somit meine Identität preisgeben muss, so dass der Händler mein Einkaufverhalten kennt und analysieren kann? Stehe ich am Ende da als komplett entmündigter marktkonformer Idiot? Ich glaube, ich möchte das alles nicht. Man muss derlei Entwicklungen aufmerksam beobachten.

Digitale Verblödungsversuche

Leider kann ich mich nicht dazu durchringen, ein Ärgernis aus meinem Leben zu entfernen. Mir fehlen die nötigen Kenntnisse. Vermutlich gibt es im Internet eine Anleitung, wie es zu tun ist – oder auch nicht. Würde ich nach einer Anleitung suchen und sie wäre dann zu kompliziert für mich oder deren Ausführung würde mir mehr Lebenszeit abverlangen als mich das Schreiben dieses Textes kostet, wäre ich doppelt frustriert. Und eigentlich reicht mir das einfache Ärgernis, das mich jedesmal begrüßt, wenn ich meinen Rechner nutzen will. Worum geht es?

Wie man sich denken kann, nutze ich diese Gerätschaft hauptsächlich zum Schreiben, Gestalten, Publizieren und für Fernkommunikation. Ich schalte den Rechner nie einfach so ein, sondern immer mit einem konkreten Ziel vor Augen. Die Windows-Oberfläche empfängt mich stets mit einem Postkartenmotiv, wobei das Wort ein wenig aus der Zeit gerutscht ist, denn die prächtigen Ansichten diverser Landschaften unseres Planeten, die grandiosen Sonnenauf- und Untergänge sind ja längst nicht mehr nur auf kitschigen Postkarten abgedruckt, sondern in riesigen digitalen Stockfotosammlungen zu finden.

Windows zeigt mir also allmorgendlich den touristischen Blick auf die Welt. Der ekelt mich an. Ich will das nicht. Es werden Fragen eingeblendet oder Infohäppchen angeboten, um mich neugierig zu machen, damit ich dem nachgehe, aber erstens gestehe ich einem tumben Algorithmus kein Fragerecht zu, wie ich hier schon mal dargelegt habe , zweitens möchte ich mich nicht geschmäcklerisch mit Postkartenkitsch beschäftigen. Der Massentourismus ist mir zuwider und noch mehr ist mir zuwider, mir anzuschauen, was geistlose Touristen irgendwo an einem angesagten Fotostandpunkt geknipst haben, vom Selfiewahn ganz abgesehen.

Am meisten ärgert mich die tumbe Hartnäckigkeit, mit der Windows mich immer wieder zu ködern versucht. Vor einer Weile hat sich ja der Programmierer bei der Weltgemeinschaft für die Erfindung der Pop-up-fenster entschuldigt, und wie ich hörte, hat auch der Mensch sich entschuldigt, der das unendliche Scrollen von Info-Material erfunden hat, so dass man nie ans Ende einer Seite gelangen kann. Ich wünschte, die würden sich vorher überlegen, welchen hinterhältigen Anschlag auf menschlichen Geist sie einfach so daherprogrammieren. Von der Entschuldigung hat man doch nichts. Ich würde mich hingegen freuen, wenn jemand eine simple Postkartenkitsch- Abschaltmöglichkeit programmieren würde. Man kann das hier als Jammern auf hohem Niveau abtun. Doch ist mein Wunsch nicht tatsächlich nötig zum Zwecke der Psychohygiene?