Teestübchen Humorkritik – Tataaa! Karneval (2)

Wer Fernsehen schaut, kann dem Elend des Sitzungskarnevals nicht entkommen. Kürzlich hörte ich in der Büttenrede eines Sitzungspräsidenten folgendes: Er ließ sich aus über die Nachteile des Wassers gegenüber dem Bier. Wasser sei ja mit Kolibakterien verseucht, die aber den Bierbrauprozess nicht überstehen. Darum trinke er niemals Wasser. „Wenn Sie mich mal in einem Biergarten hinter einem Glas Wasser sitzen sehen, dann bin ich entführt worden und will euch ein Zeichen geben.“ Was er über Bier und Wasser gesagt hatte, galt gewiss noch im Mittelalter. Heute ist’s ein Märchen, hier, um den ungehemmten Alkoholgenuss zu propagieren. Wir sollten eigentlich erwarten können, dass unsere fürsorgliche Bundesregierung nach einem solchen Witz wie bei den Zigarettenpackungen Schockbilder einblenden lässt, beispielsweise sich an einer Hausmauer abstützende junge Menschen, die sich grad die Seele aus dem Leib kotzen.

Sonst geht es in den Karnevalssitzungen aus dem Südwesten zu wie gehabt. Wo Witz fehlt, tanzen Riegen junger Mädchen in Gardeuniformen mit kurzen Röckchen, und fast all die automatenhaften tänzerischen Verrenkungen laufen darauf hinaus, dass die Mädchen ihr Höschen zeigen. Mir ist das schon im letzten Jahr störend aufgefallen, aber heuer finde ich es anachronistisch und angesichts der derzeit bekanntwerdenden Missbrauchsfälle in Kirche und Gesellschaft unvertretbar. Schlimmer als diese öffentlich-rechtlichen Darbietungen für Pädophile finde ich fast nur noch, wenn sich Büttenredner hemmungslos an im Saal anwesende Politiker ranwanzen, was man in Franken gut kann, weshalb sich kostümierte Politikerinnen und Politiker gern in der gutgelaunten Menge abfilmen lassen.

Schamloser treibens nur die Aachener Lackschuhkarnevalisten. Sie halten sich mit derlei Sperenzchen erst gar nicht auf, sondern loben gleich Elitenvertreter oder hochrangige Politiker und Politikerinnen auf die Bühne und hängen just denen einen Orden wider den tierischen Ernst an, mit denen normale Menschen lieber nicht gesehen werden möchten. Diesmal durfte sich die Ex-Weinkönigin und Bundesministerin Julia Klöckner über kostenlose Publicity freuen, vermutlich weil sie sich statt Tier- und Verbraucherschutz eins lacht. Genaues dazu kann ich beim besten Willen nichts sagen, denn wenn ich mir den Aachener Sitzungskarneval anschaue, muss ich leider brechen.

Den Schuss nicht gehört hat auch der gut gebuchte Karnevalsredner und Sänger Bernd Stelter.

Lies auch Tata, tata, tataaa! Karneval (1)

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In eitlen Köpfen sieht es unaufgeräumt aus

„Missbrauchsgipfel“, schreibt Zeit-online. Gestern stellte Anne Will in ihrer Anmoderation zum Thema „Krisengipfel im Vatikan – wie entschlossen kämpft die Kirche gegen Missbrauch?“ gleich zwei „Missbrauchsbeauftragte“ vor, den der Bundesregierung und den der deutschen Bischofskonferenz, und merkte nichts von ihrer geistlosen Begriffsverwendung. Das ist Schreiben und Reden ohne Denken.

Guten Morgen, Zeit.online!
Was ist ein Missbrauchsgipfel? Der Gipfel des Missbrauchs, etwa der sexuelle Missbrauch von mindestens 31 Kindern auf dem Campingplatz Lüdge? Kann ja nur vorläufig gelten. Wir kennen quasi nur die Spitze des Eisbergs. Wenn schlimmere Fälle bekannt werden, muss der Gipfel neu vermessen werden.

Huhu, Anne Will!
Wozu braucht die katholische Bischofskonferenz einen „Missbrauchsbeauftragten?“ Wir lernen, dass auch der Klerus nicht mehr einfach drauflos missbrauchen darf. Damit beauftragen die Bischöfe jemanden. Es muss eben alles seine Richtigkeit haben in Deutschland. Darum hat natürlich auch die Bundesregierung einen „Missbrauchsbeauftragten.“ Die Frage, warum „Missbrauchsbeauftragte“ immer Männer sind, erübrigt sich – im Zirkus des schlechten Geschmacks.

Trithemius befragt Arbeitsminister Hubertus Heil

Screenshot Spiegel.de


Trithemius
Herr Minister Heil, warum wollen Sie beim neuen Sozialgesetzbuch die 13 vermeiden?

Hubertus Heil
Ein Sozialgesetzbuch Nr. 13 riefe bei manchen Menschen Unbehagen hervor, also würde Unbehagen hervorrufen, um es für schlichte Gemüter zu sagen.

Trithemius
Wieso denn? Der größte Teil der Bevölkerung hat es nie in den Händen gehalten, weiß noch nicht mal, dass das letzte die Nummer 12 hatte und jetzt die 13 anstünde.

Hubertus Heil
Die 14, Sie Honk!

Trithemius
Warum nicht korrekterweise die 13?

Hubertus Heil
Weil ich Angst vor der Unglückszahl 13 habe, wie die meisten Menschen. Wir alle sind mehr oder minder schwer gestörte Triskaidekaphobiker. Weshalb gibt es wohl beim ICE keine Wagennummer 13?

Trithemius
Ist das so?

Hubertus Heil
Glücklicherweise! In Hotels werden Sie die 13. Etage vergeblich suchen, ein Zimmer 13 gibt’s Gottseidank auch nicht.

Trithemius
Die 13 lässt sich nicht überall vermeiden. Jeder Mensch wird in seinem Leben mindestens einmal 13.

Hubertus Heil
Als ich 13 wurde, habe ich ein Jahr nur gewixt.

Trithemius
Die Pubertät halt…

Hubertus Heil
Ich muss doch sehr bitten, Herr Trithemnius! Muss heißen „geweint.“

Trithemius
Tut mir leid. Wir haben den Drückfelherteufel im Huas!

Hubertus Heil
Ich habe geweint. Genauso wie im Unglücksjahr 2013.

Trithemius
Bei der Bundestagswahl 2013 erzielten sie in Ihrem Wahlkreis Gifhorn-Peine mit 43,2 Prozent der Erststimmen Ihr bestes Ergebnis. Allein durch wixen weinen? Das muss ja mit dem Teufel zugegangen sein.

Hubertus Heil
Um Himmels Willen, nennen Sie den Gottseibeiuns nicht beim Namen!“

Trithemius
Warum nicht? Wenn Ihnen der Satan schon bei der Wahl geholfen hat.

Hubertus Heil
(Schlägt hastig ein Pentagramm) Wenn Sie ihn beim Namen nennen, rufen Sie ihn herbei, und das könnte Teile der Bevölkerung verunsichern.

Trithemius
Am Ende haben Sie Ihre Seele längst dem Teufel verkauft. Was kommt als nächstes?

Hubertus Heil
(Hinter vorgehaltener Hand) Wir keulen alle schwarzen Katzen. Aber nicht weitersagen, das könnte Katzenbesitzer verunsichern.

Trithemius
Abgründe des Aberglaubens.

TV-Kritik – Bares für Rares – Wir verramschen alles

Eine komplett hirn- und kulturlose Unterhaltungsshow sendet das ZDF derzeit auf seinen Kanälen rauf und runter. Die Sendung gilt bereits als Nachrichtenquelle, über die der Kölner Express oder das boulevardeske Blatt Der Westen gerne berichten. „Bares für Rares“ moderiert der geschäftstüchtige Exfernsehkoch Horst Lichter. Für die Sendung schleppen alltägliche Menschen Gegenstände heran, um sie von Expertinnen und Experten schätzen zu lassen, um sie anschließend einer Gruppe von Händlern zum Kauf anzubieten, getreu der neoliberalen Ideologie, dass alles zur Ware werden kann.

Die Show gehört in das Genre Scripted Reality. Was aussieht wie ein abgefilmtes Geschehen, zeigt sich schon beim Auftritt der potentiellen Verkäufer als genau geplant. Eingangs einer Fallszene sieht man die Leute mit den Dingen herankommen, die sie meistbietend verschachern wollen, vorgestellt von einer sonoren Stimme aus dem Off. Gezeigt werden auch Leute, die nicht in der Sendung als Verkäufer auftreten, sondern in den Räumen der Show in Schlange anstehen, und man weiß schon, dass sind die Arschnasen, die von Lichters Redaktion nur als Staffage gebraucht werden. Gewährsleute berichten, sie hätten für die kurze Szene des Eintreffens derart oft ankommen müssen, dass sie die Lust verloren hätten und nach Hause gegangen wären, wobei eine derartige Souveränität schon preiswürdig ist. Bei den meisten überwiegt jedoch die Eitelkeit, mal im TV auftreten zu können. Dann ist es auch egal, was mir ebenfalls von einem Gewährsmann berichtet wurde, dass manch einem einfach ein Gegenstand in die Hand gedrückt worden wäre, zusammen mit der Geschichte, die er erzählen sollte. Das alles abgekartet ist, zeigt sich auch bei der sogenannten „Expertenschätzung.“ Was die durchweg kompetent wirkenden Experten scheinbar aus dem Kopf an Detailwissen über einen Gegenstand abspulen, ist das Ergebnis ausführlicher Recherche, darum auch so erstaunlich zuverlässig als Expertise und beim Schätzwert.

Höhepunkt der Expertenschätzung, Horst „dann bin ich der Horst“ Lichter zieht „die begehrte Händlerkarte“ (O-Ton Lichter) von irgendwo hinten, möglicherweise aus der Gesäßtasche, doch es könnte genauso gut ein gerade eingetroffenes Arschfax sein. Auch das stereotype Statement der Anbieter „Ich freue mich, dass ich die Händlerkarte bekommen habe“ lässt den Betrachter schaudern. Obwohl wer einem Prominenten mal die Hand geschüttelt hat, sie stolz vorzeigt mit „Ungewaschen!“, wäre doch ein „Hier, direkt vom Hintern von Horst Lichter!“ ein bisschen extravagant. In dieser sonst so sorgsam geskripteten Realityshow wird nicht gezeigt, was nach dem Verkaufsakt mit der „begehrten Händlerkarte“ geschieht. Wandert sie zurück an/in Lichters Hintern? Das könnte lästig werden, denn sie scheint aus hartem Karton zu sein und ist wohl unten noch mit einer Leiste verstärkt. Zumindest müsste „die begehrte Händlerkarte“ aus Hygienegründen immer wieder erneuert werden, denn nie ist sie von Lichter etwa krumm gesessen oder glänzt schmantig von den vielen Fingern durch sie gegangen ist.

„Die begehrte Händlerkarte“ ist die Eintrittskarte zum Händlerraum. Dort sitzt ein Panoptikum fünf skurriler Typen aufgereiht, bereit zum Kauf der Dinge und dabei die geringstmögliche Summe zu bieten, um daraus erklärtermaßen den größten Profit zu schlagen. Nach Begutachtung des Gegenstands hebt ein erbärmliches und absolut würdeloses Schachern an. Außen in der Reihe der Krämerseelen sitzt ein kleinwüchsiger Mann aus Bayern, Ludwig Hofmaier – genannt Handstand-Lucki, der als junger Mann schon mal auf den Händen nach Rom gelaufen ist und jetzt mit Antiquitäten handelt. Sein Antipode ist am anderen Ende der Pferdehändler Walter Heinrich Lehnertz, Spitzname Waldi, der durch betont prolentenhaften Auftritt seine Heimatregion Eifel authentisch zu vertreten glaubt. Wie Lichter kokettiert er mit seiner Kulturlosigkeit. Was zählt, ist Kohle. Gemälde, deren künstlerischen Wert Waldi nicht erkennt, heißen bei ihm sinnfrei „Prügel.“ „Gib mir mal den Prügel rüber!“ Das sogenannte „Bietergefecht“ zwischen den Händlern scheint nicht getürkt zu sein. Hier ergeben sich manchmal Situationen, wie sie sich kaum planen lassen, zumal die Händler im realen Leben wirklich mit Antiquitäten handeln und einschätzen können, welche Käufer in ihrem Handel wie viel zu geben bereit wären. Kommt ein Kauf zu Stande, wird das Geldzählen auf dem Tresen als Ritual inszeniert, wodurch der schändliche Charakter des Schacherns um und Verramschens von Werten noch einmal ungeschminkt hervortritt.

Die potentiellen Verkäufer entstammen allen Schichten. Da werden Funde vom Sperrmüll genauso angeboten wie Familienerbstücke, von den Vorfahren getreulich bewahrt, damit ein missratener Spross sie verhökern kann. „Wir verkaufen unsrer Oma ihr klein Häuschen.“ Das wird gerne euphemistisch verbrämt mit der stereotypen Aussage: „Damit es in gute Hände kommt.“ Auf den Altar der Geldgier und Publicity-Geilheit kommt Schmuck, an denen einst das Herzblut von Menschen hing, genauso wie überteuert gekaufte Schmuckstücke, von denen man erfährt, dass sie im häuslichen Tresor gelagert waren. Lichter behandelt vor der Kamera die Tresorbesitzer wie die Habenichtse gleichermaßen mit ausgesuchter Freundlichkeit. Die Rolle des einfachen Gillbacher Jong, der relativ talentfrei durch Glücksfälle, Getue und Schnäuzer zu Fernsehruhm gekommen ist, macht sein ganzes Kapital aus, denn es signalisiert, dass jeder dahin gelangen kann, ganz zufällig – als banaler Flohmarktfund, wenn er nur bereit ist, seinen Hintern zu verkaufen.

Menetekel Hambacher Forst

Nachdem das Oberverwaltungsgericht Münster für den Hambacher Forst einen vorläufigen Rodungsstopp verfügt hat, ist die RWE-Aktie dramatisch eingebrochen. Das zeigt einen Grund für die hartnäckige Borniertheit, mit der RWE die Rodungspläne verfolgt hat. Die Kapitalinteressen der Aktionäre haben Vorrang. Der Börsenhandel kennt keine moralischen Prinzipien, sondern reagiert panisch auf den Machtverlust eines Konzerns. Doch hat RWE die Panik weitgehend selbst geschürt mit Behauptungen, die Rodung sei „zwingend erforderlich“, ein Verzicht würde die Stromerzeugung in den Kraftwerken in Frage stellen und einen „niedrigen dreistelligen Millionenbetrag pro Jahr“ kosten. Wer keine RWE-Aktien besitzt, könnte sich demnach freuen, dass das Kraftwerk Neurath, die zweitgrößte Dreckschleuder Europas, demnächst stillgelegt wäre.

Leider hat RWE maßlos übertrieben. Man darf ja weiterhin Braunkohle aus der Erde schaufeln, nur eben nicht die unter dem Stückchen Hambacher Forst, das noch übrig geblieben ist. Die Karte des RWE-Betriebsplans zeigt, dass vorerst nur um einen schmalen Bereich gestritten wird. Zu behaupten, dass die Stromversorgung von diesem Stücklein Wald abhängt, ist absurd. Vermutlich ist das öffentliche Gejammere keine PR-Panne, sondern wohl kalkuliert. Man hat den Wertverlust der RWE-Aktie billigend herbeigeschwafelt. 25 Prozent der Aktien befinden sich in kommunaler Hand, was bedeutet, dass ein Wertverlust die Städte und Kommunen trifft, was wiederum deren Kommunalpolitiker unter Druck setzt. Generell sind RWE und die Politik eng verbandelt, so durch den Lobbyisten Wolfgang Clement (SPD) und den CDU-Landtagsabgeordneten Gregor Golland. Die wirtschaftliche und politische Verquickung sowie die Macht der um Arbeitsplätze kämpfenden Gewerkschaften erschweren den dringend erforderlichen Stopp der Braunkohleförderung und -verstromung.

Das winzige Waldstück der Bürge, um das gestritten wird, hat überdies Symbolcharakter. Ein komplettes Rodungsverbot würde der selbstherrlichen Brutalität ein Ende setzen, mit der RWE über Jahrzehnte die dörfliche Heimat und Kultur von Millionen Menschen vernichtet hat.

Als in den letzten Wochen erstmals über die Vorgänge um den Hambacher Forst berichtet wurde, fragte ich mich, wo in meiner ehemaligen Heimat der genau liegt. Ich müsste bei meinen vielen Trainingsfahrten durch die Region schon mal dort gewesen sein, doch konnte mich nicht an einen nennenswerten Wald erinnern. Erst als in einem Fernsehbericht gezeigt wurde, dass die Braunkohlegegner am Bahnhof Buir ausstiegen, hatte ich den von der Rodung bedrohten Wald vor Augen. Ich hatte ihn nämlich viel weiter nördlich vermutet, auf Erkelenz und Mönchengladbach zu. Buir liegt auf der Strecke Köln – Aachen kurz vor dem „Weltbahnhof Düren.“ In Buir ist mein Großvater mütterlicherseits geboren. Wer den Hambacher Forst bei Google maps sucht, findet ihn nicht, denn was die Bagger noch übrig gelassen haben vom Hambacher Forst, heißt „Bürge“ oder „Bürgewald.“ Nördlich des Waldes befindet sich das riesige Loch, das die Schaufelradbagger in die Erde gegraben haben.

In Görlitz fuhr mich mal ein Taxifahrer, der zu DDR-Zeiten im Braunkohletagebau der Lausitz gearbeitet hatte. Der klagte über die Schließung der Gruben und sagte: „Die Braunkohle hier ist ergiebig, Sie räumen einen Eimer Dreck weg und bekommen zwei Eimer Kohle, anderswo in Deutschland ist es genau umgekehrt.“ Der Abraum des Hambacher Tagebaus wird seit dem Jahr 1978 nordwestlich der Grube aufgeschüttet, und die „zwei Eimer Dreck“ haben sich zu einem beachtlichen Höhenzug ausgewachsen, genannt Sophienhöhe. Sie erhebt sich auf etwa 302 Meter über NN und ist seit 1988 rekultiviert, inzwischen bewaldet und mit Teichen besetzt, ein schönes Naherholungsgebiet, auf dem ich schon mit meiner Freundin Lisette herumgewandert bin.

Am 25. September 1994, es war ein Sonntag, habe ich den Bürgewald noch mit dem Fahrrad durchquert. Damals war der Bürgewald um einiges größer. Es gab es noch keine Baumhäuser oder Protestkamps. Ich erinnere mich, dass ich beim Durchqueren schon müde war und mir die schnurgerade Landstraße durch den Wald ziemlich lang wurde. Hinter dem Waldrand rollte ich auf Etzweiler zu. Dort lief der Weg tot, und ich schaute hinab in ein Loch, für das einem Menschenkind aus dem Flachland die Wahrnehmungskategorien fehlen. Selbst die gigantischen Schaufelradbagger wirkten darin wie Spielzeug. Inzwischen haben diese Bagger Etzweiler längst weggefressen.

Immer wenn ich nördlich oder östlich von Aachen unterwegs war, stieß ich auf Braunkohletagebau, auf die Gruben Inden, Hambach und Garzweiler und auf die Dörfer, die in Zukunft in den Gruben verschwinden sollten. Hier ein Fahrbericht durch Braunkohleland vom 10. August 1995. Wer ihn liest und die Fahrt nachvollzieht, rollt über Straßen und durch Dörfer, die es gar nicht mehr gibt:
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Ist es schon wieder soweit?

Einigermaßen entsetzt war ich, als ein Exlehrerkollege glaubte, der Tischrunde einen Judenwitz erzählen zu müssen. Zuerst kam der Witz, dann echauffierte er sich, dass eine junge Frau aus seiner Verwandtschaft nicht darüber habe lachen können, sondern pikiert reagierte, woraufhin er gesagt habe:
„Ja, zeigt der Witz dann nicht, dass die Juden in allen Lebenslagen ihre Interessen durchsetzen können?“, womit er sie nicht habe gnädig stimmen können. Wider meine Absicht sagte ich:
„Verständlich, denn die Bemerkung war wohl eindeutig rassistisch.“

„Willst du sagen, dass ich ein Rassist bin?“
„Das hat er nicht gesagt“, warf die neben mir sitzende Kollegin ein.
„Nein, ich habe nur gesagt, dass die Bemerkung rassistisch ist.“
„Ja, sind denn die Juden nicht das klügste Volk der Welt?“
„Kann ich nicht beurteilen. Hört sich für mich nach einem Vorurteil an.“
„Aber wir brauchen doch Vorurteile, um uns in der Welt zu orientieren.“
„Doch gerade ging es nicht darum, sich rasch zu orientieren, sondern du hast einen Judenwitz erzählt und eine rassistische Erklärung hinterher geschoben.“
„Verstehe ich nicht.“

Der Exkollege ist bereits über 80, hat auch in jüngeren Jahren nie ein Hehl aus seiner rechten Gesinnung gemacht. Er stammt irgendwie aus einer alten Adelsfamilie, wo derlei wohl vererbt wird. Während des Wortwechsels verfluchte ich, dass ich mich zu einer Bemerkung hatte hinreißen lassen, woraus sich ein Disput zu entwickeln drohte, obwohl wir doch eigentlich einen gemütlichen Abend verbringen wollten. Wenn dieser intelligente und gebildete Mann nicht sah, dass ein Witz überhaupt nichts beweist, vor allem nicht eine Charaktereigenschaft eines Volkes, dass er im Gegenteil konstruiert wurde, um ein Beispiel dieser dem Volk zugeordneten Charaktereigenschaft zu geben, woraus dann schlichte Gemüter wiederum Rückschlüsse ziehen, wobei „schlichtes Gemüt“ auf diesen ehemaligen Englisch-, Latein- und Sportlehrer gar nicht zutrifft, ja, ist es dann klug von mir gewesen, ihm zu widersprechen? Wer mit 81 Jahren noch nicht zur Einsicht gekommen ist, wird es jetzt auch nicht mehr.

Andererseits hätte ich vermutlich nicht reagiert, wenn jemand gesagt hätte: „Ein Rumäne geht hinter dir in die Drehtür und kommt vor dir wieder heraus“, was in etwa die Qualität seiner Bemerkung hat. Aber Judenwitze sind in Deutschland übel. Während meiner Kindheit in den 1950-er Jahren wurden noch Judenwitze erzählt. Der Onkel mütterlicherseits, der in der Waffen-SS gewesen war beispielsweise, tat es bedenkenlos. Seltsamer Weise habe ich die behalten, eine mir widerliche Erinnerung, die ich nicht los werde. Dass Judenwitze in Deutschland wieder gesellschaftsfähig werden würden, hätte ich jedoch nie gedacht.

Wer hat Angst vorm grünen Mann?

Jan Philipp Albrecht, Politiker der Grünen und derzeit Minister für „Digitales und Draußen“ in Schleswig-Holstein, ein freundlich schauendes Bübchen, an dem das Erschreckende nur sein martialisch anmutendes Motto ist: »Eine neue Zeit braucht Gestaltungswillen. Für diesen Aufbruch stehe ich ein«, hat als Europapolitiker die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) entscheidend mit entwickelt und zu verantworten. Jan Philipp Albrecht ist geboren, wo wohl, in der Unstadt Braunschweig, wo vermutlich der Minderwertigkeitskomplex vom städtischen Trinkwasserversorger verbreitet wird, weshalb sich Jan Philipp mit den ganz Großen anlegen musste, Facebook, Google, Amazon und Microsoft. Auf seiner Wikipediaseite kann man ihn bei einer Podiumsdiskussion erleben, wo auch ein anderer geltungsbedürftiger Hyperaktivist sitzt, Max Schrems, der Wiener Jurastudent, der Facebook erfolgreich gezwungen hat, alle über ihn gespeicherten Daten herauszurücken. Er bekam übrigens ein 1200 Seiten starkes PDF auf CD-ROM, hat das Konvolut vermutlich ausgedruckt und von einem guten Buchbinder binden lassen. Titel des Wälzers „Ich Depp bei Facebook.“

Wer wie ich nicht bei Facebook ist, kann sich nur wundern, wie man einen Konzern, dessen Geschäftsprinzip das Datensammeln und Verhökern ist, weiterhin unterstützen kann. Hey! Man kann sie sogar dazu zwingen, die Daten herauszurücken, die sie zum Teil illegal erhoben und gespeichert haben. Facebook bei dieser illegalen Datensammelei kontrollieren zu können, ist die Großtat der DSGVO, obwohl Facebooks Lobbyisten vermutlich dafür gesorgt haben, dass genug Schlupflöcher in der DSGVO sind.

Dazu hat Jan Philipp mit dafür gesorgt, dass ganz Europa sich mit Vorschriften beschäftigen muss und verunsichert ist, hoffentlich auch die Oma, die so harmlos daherkommt, in Wahrheit aber heimlich einen Internetgiganten aufgebaut hat, mit dem sie im Stande ist, das Internet zu löschen. Gut, dass diesem gefährlichen Weib das Handwerk gelegt wurde. Die Frau ist noch geheimer als einst die Aldi-Brüder, weshalb nur das eine Foto von ihr existiert, das ich zum Zwecke der Aufklärung aus dem Internet klauen musste. (Nicht nachmachen, gefährlicher Stunt illegal!) Wie überhaupt ich niemandem empfehlen kann, mir etwas nachzumachen. Ein anonymer Kommentar, den ich jedoch nicht in die kostbaren Kommentarkästen gelassen habe, jetzt aber zitiere, was wieder zeigt, dass auch Deppen für was gut sind, dieser anonyme Mensch pöbelt mich an:

„Öffentlicher Aufruf zur Straftat. Aber das eigene Impressum brav geführt. Ist das jetzt „ziviler Ungehorsam“ oder mit den weiterführenden Überlegungen zu Backpulver und Postkastenfirmen als nur kindisch zu bewerten. Aber für Kommentare Name und Email verlangen. Ich verstehe nicht wirklich, was der Blogbetreiber hier will, wofür er steht. Wort und Handlung gehen auseinander.“

Der Blogbetreiber will wissen, ob es überhaupt eine „Straftat“ ist, im eigenen Blog kein vollständiges Impressum anzugeben? Kollege Careca schreibt in Kommentaren bei mir „nein“, und zitiert das Landgericht Köln, worüber wir ein bisschen in Streit geraten sind, weil ich es „fahrlässig“ genannt habe, als Nichtjurist juristische Ratschläge zu geben. Auf meine Frage, warum dann wohl so viele Bloggerinnen und Blogger ihr Blog schon geschlossen haben, nennt er einen für mich plausiblen Grund, nämlich Panikmache. Angst- und Panikmache freilich gehören auch zu den Instrumenten der neoliberalen Strategie, und der Aspekt hätte eigentlich noch in meinen vorherigen Beitrag gehört. Offenbar wurde ein Bedrohungsszenario aufgebaut, das höchst wirksam ist. Geht es tatsächlich um unbegründete Ängste? Ergreifen Hunderte, wenn nicht Tausende Blogger die Flucht, weil ihnen mit einem Buhmann gedroht wurde? Ist das der Grund, warum die in der Blogosphäre grassierenden Ängste in den übrigen Medien keine Beachtung finden? Nicht mal die Nachdenkseiten konnte ich für das Problem interessieren. Lediglich die wie immer hellsichtige Titanic schreibt bei Titanic.de unter „Vermischte Quadnachrichten“:

„Während die Grünen noch feiern, daß ihnen mit der DSGVO ein vernichtender Schlag gegen gemeingefährliche Webauftritte von Näherinnen und freiwilligen Feuerwehren gelungen ist, denkt der Vorzeigekretin der Partei Jan „Kill it“ Albrecht bereits weiter. Mit der sogenannten Quadenschutzgrundverordnung möchte der alerte Schmierlap (Beitrag aus Quadenschutzgründen abgebrochen, die Red.)“

„Quadenschutzgründe“ alleine sind es nicht. Die öffentliche Ignoranz zeigt, dass man basisdemokratische Erscheinungen wie Blogs für verzichtbar hält. Bloggerinnen und Blogger sind noch immer die Kellerkinder des Kulturbetriebs. Mit dem heutigen 31. Mai wird die beliebte Blog-Plattform twoday.net versinken. Der Termin direkt beim 25. Mai, dem Scharfschalten der DSGVO, ist nicht zufällig. Die von Österreich geführte Plattform zeichnete aus, dass überhaupt keine Informationen über die Identität der Bloggerinnen und Blogger zu finden waren. Es hat mich immer ein bisschen gestört, nicht mal zu wissen, welches Geschlecht Interaktionspartner haben oder in welcher Region sie leben. Mit Twoday.net wird auch eine Filiale des Teppichhaus Trithemius versinken. Da ich dort nur zwei Jahre aktiv war, sonst nur Beiträge als Anreißer mit Links zu meinen aktiveren Blogs veröffentlicht habe, lasse ich mein schönes dortiges Teppichhaus mit untergehen. Hier also die letzte Gelegenheit, sich mal umzusehen: http://trithemius.twoday.net/

Ethnologen zitieren gerne einen Kollegen, den malischen Schriftsteller und Ethnologen Amadou Hampâté Bâ: „Wenn in Afrika ein Greis stirbt, verbrennt eine Bibliothek“, sagt der. Der Flächenbrand in der Blogosphäre ist zumindest ebenso dramatisch wie das Versinken oralen Wissens. Einige twoday-Blogger sind jetzt bei wordpress zu finden. Dass die DSGVO sie von einem kleinen Plattformbetreiber in die Arme eines Giganten wie wordpress getrieben hat, ist ein Effekt des geistlosen „Gestaltungswillens“ des Jan Philipp Albrecht. Danke für nichts! Aber den Neuen bei WordPress trotzdem ein herzliches Willkommen.