Morgenstund hat Geld im Mund – Ein Fall von geplanter Verschwendung und ein Witz mit Verspätung

Cartoon: JvdL, (größer: klicken)

In seinem Buch „Geplanter Verschleiß: Wie die Industrie uns zu immer mehr und immer schnellerem Konsum antreibt – und wie wir uns dagegen wehren können“, schreibt der Ökonom Christian Kreiß, eine Beratungsfirma habe dem Zahnpastahersteller Colgate geraten, die Tubenöffnung zu vergrößern, worauf sich der Umsatz um 30 Prozent erhöht habe. Jetzt verstehe ich mein Cartoon, das ich einst der Titanic angeboten habe, das dort aber so lange „auf Halde“ gelegen hat, dass ich es zurückgefordert habe. Der Witz zündet erst Jahre später im Kontext mit der zu großen Austrittsöffnung bei Zahnpastatuben. Darüber habe ich mich schon oft geärgert, dass immer zuviel Zahnpasta austritt. Wie wir jetzt wissen, exakt 30 Prozent pladdert sinnlos in den Abfluss. Sauerei. Gewiss gibt es die geplante Verschwendung auch bei anderen Produkten.

Von beleckten Buntstiften und zermanschten Kartoffeln

Kürzlich hat sich der Journalist und Titanic-Kollege Bernd Fritz das Leben genommen. Er wurde 71 Jahre alt und hat in seinem Leben Beachtliches geleistet. Den medialen Nachrufen war zu entnehmen, worin seine wichtigste Lebensleistung bestand. Er hat im Fernsehen an Buntstiften gelutscht und deren Farbe angeblich am Geschmack erkannt. Damit habe er sich ins „kognitive Gedächtnis der Deutschen gemogelt“, hat ein Fernsehmoderator namens Thomas Gottschalk der Bildzeitung gesagt. Ich kann bei Bild aus Gründen nicht nachschauen, habe deshalb aus der Stuttgarter Zeitung zitiert. Vielleicht stammt der Fehler von dort, denn sinnvoll ist in dem Zusammenhang doch nur das „kollektive Gedächtnis.“ Die Kollegen der anderen Blätter zitieren übereinstimmend denselben Quatsch. Vielleicht verstehen aber Gottschalck und die komplette Journaille nicht den Unterschied zwischen kognitiv und kollektiv. Zum Mitschreiben: „Kognitiv“ bedeutet grob „die Erkenntnis betreffend.“ Ein dressierter Affe kann erkennen, ob einer an Buntstiften lutscht. Eine derart schwache Verstandesleistung kann nicht gemeint sein. „Kollektiv“ bedeutet „gemeinschaftlich.“ Wie es das „kognitive Gedächtnis der Deutschen“ nicht geben kann, höchstens „eines Deutschen“, ist das „kollektive Gedächtnis der Deutschen“ zwar sinnvoll, aber ein Konstrukt, eine Metapher. Es gibt keine Entsprechung in der Dingwelt. Gemeint ist, woran sich eine Gemeinschaft erinnert. Diese Gemeinschaft scheint leider nur so verständig zu sein, wie ihre dümmsten Mitglieder, denn das „kollektive Gedächtnis“ speichert nur kindliche Sachen wie Buntstiftlutschen.

Anderes Beispiel: Wenn sich noch jemand an den Schauspieler Raimund Harmstorf erinnert, dann vermutlich, weil er in dem TV-Mehrteiler „Der Seewolf“ vom Dezember 1971 mit der bloßen Hand eine Kartoffel zerdrückt hat. Schon hatte das kollektive Gedächtnis Harmstorf auf die Rolle des Kraftmeiers festgelegt, obwohl später bekannt wurde, dass die Kartoffel gekocht gewesen war. Auch Harmstorf ist freiwillig aus dem Leben geschieden. Das Drehbuch dieser Tragödie haben die Bildzeitung und RTL geschrieben.

Am 2. Mai 1998 hatte die Bildzeitung in großen Lettern getitelt: „Seewolf Raimund Harmstorf in der Psychiatrie“ und weiter: „Mit aufgeschnittenem Handgelenk von der Polizei aufgegriffen.“ Die Falschmeldung war am Abend vom RTL-Magazin „Explosiv“ aufgegriffen und einem Millionenpublikum ins kollektive Gedächtnis gedrückt worden, ein schweres Stigma für einen Seewolf. „Das ist mein Todesurteil“, soll Harmstorf zu seiner Lebensgefährtin gesagt haben. Stunden später, am 3. Mai 1998, erhängte er sich. Die Einzelheiten hier.

Derzeit vernebelt man das kollektive Gedächtnis mit Warnungen vor Fake News im Internet. Es wäre zu wünschen, die Deutschen würden mal nachhaltig speichern, welches Drecksblatt die Bildzeitung ist, und sie nicht mehr kaufen, noch anfassen. Populäre TV-Moderatoren sollten sich schämen, sich von der Bildzeitung, der charakterlosen Mutter aller Fake News, zitieren zu lassen und Bundesinnenminister Lothar de Maizière sollte nicht ausgerechnet dort seine fragwürdigen Grundsätze unserer Leitkultur veröffentlichen. Nach dem gestalttheoretischen Prinzip: „Paarung wirkt auf die Partner“ lautet die Botschaft: Die Deutschen sind rundum unerfreuliche Menschen, nämlich kollektiv gewissenlos, sensationsgeil, blutrünstig, menschenverachtend, schlicht doof. Von solchen kulturellen Ideen möchte man sich schon aus kognitiven Gründen lieber nicht leiten lassen.

Zum Geburtstag ein paar Schecks

scheck-titanicEs gilt schon lange nicht mehr als anrüchig, sich in der Öffentlichkeit als Wohltäter feiern zu lassen. Diese Unsitte hat ihren ungewollt komischen Ausdruck gefunden in der Übergabe symbolischer Riesenschecks, ein beliebtes Motiv in der verschmockten Lokalpresse. Schon im Titanic-Magazin August 1993 habe ich mich auf einer Doppelseite darüber lustig gemacht (Startbild, zum Vergrößern bitte klicken). Wer glaubt, die Sitte habe sich längst erledigt, möge in der Google-Bildersuche nur nach „Scheckübergabe“ suchen.

Da ich mich heute nicht dem naheliegenden Thema Freitag, der 13. widmen wollte, schaute ich nach, wer denn am 13. Januar alles Geburtstag hat – und fand den ehemaligen Aachener Oberbürgermeister (1989 – 2009) Jürgen Linden, im Teestübchen kein Unbekannter. Er wird heute 70 Jahre. Als er noch Oberbürgermeister war, verging kein Tag, an dem er nicht in der Lokalpresse abgebildet war, oft auch in der Nachbarschaft von Riesenschecks. Daher zeige ich ihn in der Neubearbeitung einer Gif-Animation, die ich erstmals im März 2008 im Teppichhaus Trithemius veröffentlicht habe. Viel Vergnügen!

 Fotos aus: Aachener Nachrichten, Aachener Zeitung, Super Sonntag - Gif-Animation und Text: JvdL

Fotos aus: Aachener Nachrichten, Aachener Zeitung, Super Sonntag – Gif-Animation und Text: JvdL

Hillary Clintons Pizzaladen – Neues über Fake News

Kategorie zirkusGerade haben die Kleingeistergärtner der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) unter dem Applaus unserer Medien das dumme Modewort „postfaktisch“ zum „Wort des Jahres“ gekürt. Der Jubel ist verständlich, denn einem strunzblöden Publikum, das weder zwischen wahr und falsch unterscheiden mag noch kann, kann man jeden Dreck andrehen, was im Sinne der Politik sein sollte. Auch unseren Leitmedien erleichtert es das Geschäft der Meinungsmache. Statt zufrieden zu sein, dass die eigene verzerrte Weltsicht ihren prämierten Ausdruck gefunden hat, serviert man uns als neuste Bratwurst: „Fake News“, was soviel bedeutet wie gefälschte Neuigkeiten.

Durch Jens Berger von den Nachdenkseiten wurde ich auf einen Tagesthemen-Kommentar der WDR-Chefredakteurin Sonia Seymour Mikich aufmerksam, gesendet am 12.12.2016

Quelle: Tagesschau.de - Zum Lesen und Anhören des Kommentars Bild klicken

Quelle: Tagesschau.de – Zum Lesen und Anhören des Kommentars Bild klicken

Zunächst fällt der absurd hochmütige Gebrauch der Berufsbezeichnung „Journalist“ auf. Journalisten sollen plötzlich die Garanten für die Verbreitung von Wahrheit sein. Die Wahrheit ist doch: Unter dem Banner „Journalisten“ marschieren täglich Heerscharen von Lügnern und Betrügern in ihr Redaktion genanntes Bergwerk, um Katzengold zu fördern, das man den über Jahrzehnte gezielt verblödeten Lesern als bare Münze verkauft. Diese Lügner arbeiten bei der Bildzeitung, in der vielfältigen Regenbogenpresse, aber auch in den kriecherischen Lokalredaktionen, in den verschmockten Politik- und Wirtschaftsressorts großer Medienanstalten, wo seit Jahr und Tag die neoliberale Unkultur gefeiert wird.

Ich bin kein Freund von Facebook, habe dort auch keinen Account. Schon lange regt mich auf, wie gedankenlos die Öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten mit Facebook kooperieren, also kostenlose und nicht deklarierte Werbung für diesen Konzern machen. Jetzt soll dieser Konzern sogar nach dem Willen von Chefredakteurin Mikich die Einträge zensieren. Schauen wir uns ein Beispiel für Fake-News an, deretwegen Frau Mikich Zensur einfordert.

Ein Pizzaladen ist Tarnadresse für einen pädophilen Sex-Ring von Hillary Clinton.

Jaja, und der Papst boxt wieder. Schon die skurrile Kombination Clinton und Pizzaladen macht stutzig. Klingt erfunden. Früher hat sich die Sagenforschung mit derlei urban legends beschäftigt. Der Sagenforscher Rolf Wilhelm Brednich sieht als ein Charakteristikum die mündliche Verbreitung an. Indem sich im Mikroblogging die Schriftsprache immer stärker dem Mündlichen annähert, sollte nicht verwundern, dass urban legends sich auch über dieses Medium verbreiten. Welche Funktion haben derlei moderne Sagen? „Wie kaum eine andere mündliche Überlieferung sind Sagen Ausdruck von Angst“, hat der Sagenforscher Lutz Röhrich gefunden. Brednich ergänzt: „Gleiches gilt – cum grano salis – auch für die modernen Sagenerzählungen, nur lauert das Unvorhergesehene, Bedrohliche und Unbegreifliche nicht mehr in der magischen Welt von Dämonen, Teufeln und Hexen, sondern in unserer eigenen Umwelt.“ (Die Spinne in der Yuccapalme; München 1991) Was ist nun bedrohlich an Hillary Clinton? Wer außer Bill müsste sie fürchten? Was unsere wunderbaren Journalisten gerne unterschlagen haben, aber hier im Magazin Monitor zur Sprache kam, ist Clintons kriegstreiberische Politik.

Monitor zitiert den Militäranalysten Daniel L. Davis: „Wenn Hillary Clinton ins Weiße Haus einzieht, werden wir eine wesentlich aggressivere und militarisiertere Außenpolitik der Vereinigten Staaten erleben. Vor allem wenn wir uns anschauen, wie sich Clinton in den letzten 20 Jahren verhalten hat. Als Präsidentin wird sie dann wesentlich mehr Macht haben und es gibt nichts, das sie hindert.“

Man kann das als friedliebender Mensch menschenverachtend finden, und wenn uns die Lohnschreiber nicht eindrücklich genug hinweisen auf Clintons dunkle Seite, wird es in der Sagenerfindung heruntergebrochen auf ein fassbares Bild.

Bevor die USA unter dem alten Bush in den ersten Golfkrieg eingetreten sind, verbreiteten die Journalisten unserer Medienanstalten den Bericht einer weinenden kuweitischen Krankenschwester, dass irakische Soldaten nach dem Überfall auf ein Krankenhaus Säuglinge aus den Brutkästen gerissen und auf den Boden geworfen hätten. Man lese hier unter dem Stichwort Brutkastenlüge wie die Öffentlichkeit getäuscht wurde. Diese Fake News stammte nicht von erzählfreudigen Amateuren, nicht von Putin, dem Hans Muff der Neuzeit, sondern von der PR-Agentur Hill & Knowlton.

Regierungen beauftragen PR-Agenturen, derlei Propaganda zu erfinden, um ihre geopolitischen Machtinteressen durchzusetzen. Auch der zweite Golfkrieg begann mit einer Lüge, der von den angeblichen Massenvernichtungswaffen Saddams, massenhaft verbreitet durch unsere Medien. Aber wir sollen uns aufregen über die Fake News genannten urban legends, die nicht von den Leitmedien verbreitet werden. Hier ist Zensur gefordert. Das wirkt wie Eifersüchtelei derart: „Für die Verbreitung von Fake News sind immer noch wir Journalisten zuständig.“

Da wir alle, du und ich, nach Meinung von Politik und Medien gar nicht mehr an Fakten interessiert sind, gehen uns natürlich auch Fake News hinten rum vorbei.

postfaktisch – dümmste unter den prämierten Würsten

Kategorie zirkusMein in Leipzig lebender Sohn teilte mir am Telefon mit, „postfaktisch“ sei Internationales Wort des Jahres geworden. Ich hatte keinen Grund, an seinen Worten zu zweifeln. Trotzdem steht seine Aussage im Konjunktiv I, einer sogenannten „Distanzform.“ Es gibt im Deutschen deren vier insgesamt. Mit einer Distanzform zeigen wir an, dass wir die Aussage eines anderen zitieren. Da mein Sohn mir keine Quelle genannt hat, habe ich ein wenig recherchiert. Spiegel.de meldete hier: „Die britische Wörterbuchreihe Oxford Dictionaries hat am Mittwoch auf ihrer Webseite ihr internationales Wort des Jahres bekannt gegeben. Es handelt sich um den Begriff „post-truth“, auf Deutsch übersetzt mit ‚postfaktisch‘.“ Und weiter: „Oxford Dictionaries definieren den Begriff als Beschreibung von „Umständen, in denen objektive Fakten weniger Einfluss auf die Bildung der öffentlichen Meinung haben als Bezüge zu Gefühlen und persönlichem Glauben.“

Das ist die hübsch einseitige Definition von „postfaktisch“, die sowohl unseren Medien gefällt als auch Politikern wie Frau Merkel. Um dahinter zu kommen, was daran grundsätzlich zu kritisieren ist, sehen wir uns an, was „faktisch“ bedeutet oder genauer, was ein Faktum ist. Das aus dem Lateinischen entlehnte Wort meint „etwas Tatsächliches, Verifiziertes.“ Verifizierung (von lat. veritas ‚Wahrheit‘) ist der Nachweis, dass ein vermuteter oder behaupteter Sachverhalt wahr ist.

Wir kennen aus dem Alltag Tatsachen unserer physikalischen Wirklichkeit. Ans Fenster prasselt der Regen. Ich öffne es, sehe hinaus, werde nass, und habe die audiovisuellen Wahrnehmungen um eine haptische ergänzt, womit die Beobachtung mit allen Sinnen überprüft wäre und somit die faktische Feststellung ist, dass es regnet. Angenommen, mein Sohn teilt mir am Telefon mit, dass es in Leipzig stark regnet, und ich traue ihm, obwohl ich nicht selbst verifizieren kann, ist auch seine Mitteilung für mich faktisch. Wenn am nächsten Tag in der Zeitung stünde, dass für Leipzig weiterer Starkregen angekündigt sei, dann würde ich für eine geplante Reise nach Leipzig einen Schirm mitnehmen, denn der Wetterbericht ist eine Nachricht im etymologischen Wortsinne: Nachricht = „Wonach man sich zu richten hat.“

Der Mensch richtet sich nach dem selbst Erlebten und nach den Berichten, denen ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit zukommt. Wer den Wetterbericht verwerfen würde und deshalb ohne Schirm in einen Starkregen geriete, verhielte sich im oben definierten Wortsinne postfaktisch. Aber wer tut das? Wohl kaum jemand.

Aber in der Definition heißt es „objektive Fakten“ hätten weniger Einfluss auf die Bildung der öffentlichen Meinung. „Objektive Fakten“ sind jene, die man durch eigenes Erleben oder durch Nachrichten vertrauenswürdiger Personen gewinnt. Ob es regnet oder nicht, ist ein einfacher Sachverhalt. Was aber beispielsweise auf einem entfernten Kriegsschauplatz geschieht, und wie das Geschehen zu bewerten ist, ist hochkomplex. Dem kalifornischen Senator (von 1917-1945) Hiram Warren Johnson wird das geflügelte Wort zugeschrieben: „Das erste Opfer eines jeden Krieges ist die Wahrheit.“ Es ist also klug, allen Berichten, die uns medial aus einem Kriegsgebiet erreichen, zu misstrauen. Dieses Misstrauen hat sich ausgedehnt auf viele Bereiche, nicht zuletzt, weil uns durch das Internet inzwischen andere Quellen als die TV-Nachrichten oder Zeitungen zur Verfügung stehen, etwa Augenzeugenberichte aus aller Welt. Die klingen manchmal anders als das, was in der Zeitung steht. Doch die Skepsis gegenüber Zeitungen ist keine junge Erscheinung. Der amerikanische Journalist und Schriftsteller Ambrose Bierce (1842 – 1914) höhnte schon Anfang des 20. Jahrhunderts in seinem sarkastischen Wörterbuch: The Devil’s Dictionary

„Erfrischend: Einen Menschen treffen, der alles glaubt, was in den Zeitungen steht.“

Derart erfrischend naive Menschen sind selten geworden. Doch verleugnen die weniger Naiven die Fakten? Laufen sie vor den Bus, weil der Automobilverkehr nicht in ihr Weltbild passt? Natürlich gibt es Eiferer, die sogar das Offensichtliche leugnen.

postfaktisch im Duden - Scan und Schriftmontage JVDL (größer: Bitte klicken)

postfaktisch im Duden – Scan und Schriftmontage JVDL (größer: Bitte klicken)

Doch in der Regel ist Misstrauen gegenüber jeder Information aus zweiter und dritter Hand angebracht, sogar vernünftig. Das Modewort „postfaktisch“ stellt die Verhältnisse auf den Kopf. Medien und Politik schieben ihren Glaubwürdigkeitsverlust den Leuten in die Schuhe. Spiegel.de wundert sich, dass der Duden das Wort noch nicht in die Wortliste aufgenommen hat. Abgesehen davon, dass ein Wort nicht wichtig ist, weil es prämiert wurde wie eine Thüringer Wurst, hätte ich einen Vorschlag, wie der Duden das Wort verzeichnen und erklären sollte. Zu sehen links – ein fake, denn der Duden verzeichnet kein Dummdeutsch.

Von wegen postfaktisch – Über die Herren der Lüge

Kategorie MedienSeit Wochen geistert ein Modewort durch die Medien. Sogar Frau Merkel kennt es schon und sagte: „Es heißt ja neuerdings, wir lebten in postfaktischen Zeiten. Das soll wohl heißen, die Menschen interessieren sich nicht mehr für Fakten, sie folgen allein den Gefühlen.“
Im Fernsehen zerrt man einen Hilflosen vor die Kamera und lässt ihn etwas Idiotisches von sich geben, wovon der Bildungsbürger glaubt, es besser zu wissen, und kräht dann zur Erklärung für den Quatsch: „Wir leben im Postfaktischen. Es zählt nicht mehr, was ist, sondern die gefühlte Wirklichkeit.“

Abgesehen vom philosophischen Problem, dass über die Art der Wirklichkeit, über „das, was ist“ nur eine verlässliche Aussage möglich wäre, wenn man die Wirklichkeit von außen betrachten könnte, verschiebt sich hier die Perspektive. Der Bedeutungsgehalt des Wortes ist nämlich etwas anders, als Frau Merkel und die intellektuell schwachbrüstige Journaille meinen. Weiterlesen

Immer nur Ärger mit den Schlitzaugen

Kategorie zirkusDer Münchener Autor Herbert Rosendorfer schreibt in der Erzählung „Das letzte Beben“, ein Luxemburger Futurologe habe eine Analyse veröffentlicht, in der er anhand „bekannter und berechenbarer Fakten“ nachwies, dass die Länder der Dritten Welt keine Chance hätten, „den Entwicklungsvorsprung der Industrienationen jemals aufzuholen“, weil die Industrienationen vorher bereits alle Rohstoffe aufgebraucht haben würden. Auch China teile das Schicksal der Dritten Welt und werde trotz aller Anstrengungen, noch auf den ablegenden Dampfer der Industrienationen zu springen, „zwischen Kaimauer und Bordwand ins Wasser fallen.“

Wie kommt es, dass eine alte und reiche Kulturnation wie China derart ins Hintertreffen geraten konnte? Ein Blick auf den 29. August 1842 hilft zu verstehen. Da nämlich schloss das britische Empire mit dem chinesischen Kaiserreich den Vertrag von Nanking. Der Vertrag sicherte den Engländern das Recht auf Opiumhandel, was sich als verheerend für die Entwicklung des chinesischen Kaiserreichs erwies. Er war einer der sogenannten „Ungleichen Verträge“, mit denen die Vereinigten acht Staaten, als da waren das Deutsche Reich, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Österreich-Ungarn, Russland und USA sich Mitte des 19. Jahrhunderts das Recht sicherten, das Land auszuplündern, und hätte es nicht um die Jahrhundertwende den Boxeraufstand gegeben, säßen die Herrenmenschen heute noch da und ließen sich vom vermeintlich schlitzäugigen Untermenschen die Füße waschen und derlei Dienstleistungen erbringen.

Wie das Deutsche Reich bereit war, in China zu wüten, davon zeugt die berüchtigte Hunnenrede des deutschen Kaisers Wilhelm II, mit denen er deutsche Truppen am 27. Juli 1900 auf eine Strafexpedition nach China schickte (Auszug):

„Kommt ihr vor den Feind, so wird er geschlagen. Pardon wird nicht gegeben, Gefangene nicht gemacht. Wer euch in die Hände fällt, sei in eurer Hand. Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in der Überlieferung gewaltig erscheinen läßt, so möge der Name Deutschlands in China in einer solchen Weise bekannt werden, daß niemals wieder ein Chinese es wagt, etwa einen Deutschen auch nur scheel anzusehen!“

wenn-ein-aff-hineinschaut-kann-kein-apostel-herausschauenDie Morde, Plünderungen und Vergewaltigungen durch die „Hunnen“, der brutale Terror der alliierten Truppen an der chinesischen Bevölkerung haben kaum 100 Jahre abgeschreckt. Wie ein Spiegeltitel vom August 2007 zeigt, wagt der Chinese den scheelen Blick wieder. Auf 16 Seiten jammerte der SPIEGEL darüber, wie chinesische Schlitzaugen westliche Technologien ausspähen, auf dem Titel hübsch ins Bild gesetzt: Zwei Schlitzaugen schauen scheel durch einen Schlitz, hehe. Und was erblickten sie im OFF? Baupläne für den Transrapid oder für Motorsägen, die einfach so in deutschen Büros herumlagen oder von vertrauensseligen deutschen Managern gar nach China getragen und vor der Nase des Chinesen ausgebreitet wurden. Der aber merkte sich frecher Weise, was er gesehen hatte. Um die bigotte Entrüstung aufzuheizen, berichtete der SPIEGEL, dass einem deutschen Manager bei einem Geschäftsessen in China gar ein lebendiges Äffchen serviert wurde, dem er mit einem Hämmerchen den Schädel einschlagen musste, um das Hirn auszulöffeln. Da wird der ehrbare deutsche Kaufmann vielleicht Schlitzaugen gemacht haben, doch gar so wichtig war das Vieh dann auch nicht, denn es galt, Verträge abzuschließen, und zumindest im übertragenen Sinne ist einem deutschen Manager das Auslutschen fremder Hirne vertraut.

Die über Affenhirn besprochenen Verträge allerdings, betont der SPIEGEL, werden von den Chinesen in der Regel nicht eingehalten. Denn eigentlich hat der Affenhirn löffelnde Chinese nur eines im Sinn: Er will alles nachmachen. Sichten wir die Fakten: Der Deutsche darf keine chinesischen Ressourcen mehr rauben, und in Ermangelung eigener Ressourcen legt er seinem einstigen Opfer feinste deutsche Technologie vor. Der Chinese nimmt die Wiedergutmachung dankend an und baut deutsche Technologie nach. Dazu löffelt er Affenhirn, was wiederum der Deutsche nachmacht. Was, bitteschön, gibt es da zu meckern? Ist das nicht Ausdruck einer wunderbaren Beziehung zwischen ehrbaren Hirnaussaugern und eifrigen Nachahmern?

„In keiner Weisen respektlos gegenüber China gemeint“, ließ der deutsche EU-Kommissars Günther Oettinger verlauten, nachdem er in einer Rede vor Unternehmern in Hamburg von Chinesen als „Schlitzohren und Schlitzaugen“ gesprochen hatte. Ja, wie denn  sonst? Beim Thema Zukunft Europas warnte er laut Tagesschau.de mit einem umstrittenen Beispiel vor der politischen Schwächung der EU. „Letzte Woche waren die chinesischen Minister bei uns, zum Jahresgipfel ‚China-EU‘. Neun Männer, eine Partei. Keine Demokratie, keine Frauenquote, keine Frau – folgerichtig.“ Und er fügt hinzu: „Alle: Anzug, Einreiher dunkelblau, alle Haare von links nach rechts mit schwarzer Schuhcreme gekämmt.“ Gestern meldete Tagesschau.de „Oettingers „Schlitzaugen“-Spruch verärgert Peking“ Warum nur? Vielleicht sind die „Schlitzaugen“ einfach nicht so geschichtsvergessen wie Herr Oettinger oder unser fetter Wirtschaftsminister, der gerade in China auf dicke Hose macht – im Zirkus des schlechten Geschmacks.