Schlägt den Sack und meint den Esel – Der Prügel Datenschutzverordnung (DSGVO)

Um unsere privaten Daten zu schützen, setzt die Europäische Union (EU) am 25. Mai 2018 eine weitreichende Datenschutzverordnung in Kraft und droht bei Verstößen immense Bußgelder an. Das ziele vor allem auf die großen Datensammler wie Google, Amazon, Facebook oder Microsoft. Die will man endlich einem einheitlichen europäischen Datenschutzrecht unterwerfen. Denn bislang hätten die Unternehmen ihren Firmensitz innerhalb der EU beliebig in Länder mit schwachen Datenschutzrichtlinien verlegen können, beispielsweise nach Irland, um schärfere Bestimmungen zu unterlaufen. Klingt löblich.

Da ist die Rede von Big Data, von ungehemmter Datensammelei, von Auswertung solcher Daten, um Wahlen zu manipulieren, wie es bei Obamas Wahl zum US-Präsidenten schon geschehen ist und bei Trumps Wahl durch ausländische Kräfte vermutet wird. Indem die Daten von Millionen Menschen zu deren Persönlichkeitsprofilen verknüpft werden, könne man sie gezielt beeinflussen und ihre Meinung und ihr Wahlverhalten manipulieren. Dessen brüstete sich unlängst das inzwischen insolvente Unternehmen Cambrigde analytica.
Das alles sind Vorgänge, die dem Einzelnen weitgehend verborgen bleiben und nicht als Bedrohung angesehen werden, denn Wahlwerbung betreiben alle politischen Parteien. Im engeren Sinne sind sogar Wahlplakate mit ihren diffusen Botschaften manipulativ.

Betroffen durch die DSGVO ist auch jedes Kleinunternehmen, jeder Verein, jede Bloggerin, jeder Blogger, hier vor allem durch die Pflicht, die durch die Blogsoftware erhobenen Daten und deren Abfluss in irgendwelche Kanäle zu kontrollieren, über deren Speicherung Auskunft zu geben und die Daten auf Wunsch zu löschen. Weil das die Kenntnisse und Möglichkeiten durchschnittlicher Bloggerinnen und Blogger überschreitet, fürchten viele, ungewollt gegen die DSGVO zu verstoßen und dadurch ins Visier einer neu entstehenden Abmahnindustrie zu geraten. Nützliche Informationen hier.

Ans Presserecht habe ich mich schon immer gehalten, beispielsweise was die Veröffentlichung von Fotos mit Personen betrifft. Dass man deren Erlaubnis braucht, wenn sie zu erkennen sind, ist für mich selbstverständlich. Grundsätzlich habe ich auch nichts gegen ein Impressum, finde sogar gut zu wissen, mit wem ich es zu tun habe, wenn ich etwas lese. Was also ist gegen den Zwang zu sagen, bei Blogs den Klarnamen und eine ladungsfähige Adresse im Impressum anzugeben? Erst durch eine Bemerkung des Kollegen Videbitis ist mir ein Problem vor Augen getreten, das geeignet ist, den Datenschutz ins Gegenteil zu verkehren: Wer ein Blog betreibt, muss damit rechnen, dass derzeitige oder künftige Arbeitgeber es im Internet finden und dort lesen, was einem zum Nachteil ausgelegt werden kann.

Die wirklich schützenswerten Daten sind doch nicht unser Einkaufsverhalten. Das kann jeder beobachten, der mit uns an der Kassenschlange steht. Die wirklich schützenswerten Daten sind unsere intimsten Gefühle und Bekenntnisse, unsere Werthaltung, unsere politische Überzeugung, was wir denken über die Entwicklungen in unserer Gesellschaft. Dies bislang zu bekennen, in Blogs und Kommentaren zu veröffentlichen und damit in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen, diese Form der gesellschaftlichen Teilhabe, ohne Nachteile befürchten zu müssen, wird jetzt handstreichartig abgeschafft.

Was die großen „Datenkraken“ wie Amazon und Facebook bislang abgreifen konnten, waren reine Verhaltensdaten, wo und was kaufe ich ein, wo halte ich mich auf, welche Bücher lese ich, welche Filme betrachte ich? Dank DSGVO kann jeder mitlesen, was ich denke. Mittels Analyse der schriftlichen Äußerungen eines Menschen lässt sich dessen Persönlichkeitsprofil wunderbar vervollständigen. Das DSGVO schützt die Bloggerin, den Blogger vielleicht vor der ungehemmten Weitergabe seiner Bewegungsdaten, reißt ihm aber eine Flanke auf, besser noch, klebt ihm ein Namensschild an den Kopf und installiert ein Fenster in seine Schädeldecke, durch das jeder Einblick ins Denken bekommen kann. Man wird hier einwenden, dass niemand gezwungen ist, im Blog sein Denken und Fühlen zu offenbaren. Natürlich nicht. Jeder wird sich ab jetzt zweimal überlegen müssen, ob er seine Meinung noch frei offenbaren will. So markiert das Datum 25. Mai das Ende der unbefangenen Meinungsäußerung im Internet.

Dieser Aspekt findet bei den Kolleginnen und Kollegen Journalisten bislang keine Beachtung. Warum nicht? Im professionellen Journalismus ist man daran gewöhnt, mit der Zensurschere im Kopf zu arbeiten. Wer dort noch Karriere machen will, traut sich nicht, die „Blattlinie“ zu verlassen und seine eventuell davon abweichende Meinung zu äußern. Diese Uniformiertheit in der Presse wird nun ergänzt durch eine Uniformiertheit in der Blogosphäre. Wenn man das unter politischen Gesichtspunkten betrachtet, muss man fragen, wen oder was die DSGVO eigentlich schützt? Die Meinungsfreiheit killt sie jedenfalls. Die durch den Sack geprügelten Esel sind wir – im Zirkus des schlechten Geschmacks.

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Shakespeare, Ben und Gott – Ein Treffen großer Geister

Wenn man ein Indiz sucht für die Verblödungsfunktion des Fernsehens, dann ist es zu finden im Tsunami der Quizsendungen, worin mit sinnfreien Fragen per Multiple Choice irgendein fragmentarischer Blödsinn abgefragt wird. Derlei Quizformate erwecken den Anschein, dieses aus Kontexten gerissene Pseudowissen hätte was mit Bildung zu tun; sie erfüllen aber in Wahrheit Adornos Merkmale der Halbbildung. Bei der Verbreitung dieser Gehirnpest mischt das ZDF fleißig mit, möchte möglichst schon junge Zuschauer infizieren.

In seinem Ableger ZDF neo gibt es das neue Quizformat „Entweder – oder?“ In der Folge vom 28. Februar las der hippe Quizmaster Ben den beiden Kandidaten folgendes Zitat vor: „Wer ist der größere Tor? Der Tor oder der Tor, der ihm folgt?“ Shakespeare oder Star Wars? Die Kandidaten tippten übereinstimmend auf Shakespeare. Ben löste auf: „Obi-Wan Kenobi sagt das in Episode IV von Star Wars.“ Aber bevor Quizmaster Ben seine Entweder-oder-Frage auflöste, sagte er mit Kennermiene:

„Shakespeare – übrigens brutal erfolgreich – nach Gott mit der Bibel der zweiterfolgreichste Schriftsteller der Welt, unglaublich.“

Da musste ich mich erst mal setzen – aber ich saß leider schon. Huhu Ben?! Ich dachte die Bibel hätte Klaus Kinsky geschrieben? Ach nein, der war nur damit auf Tour. Genau wie Ben Becker, der hat die Bibel auch gecovert. Aber geschrieben hat sie Gott. Entweder – oder, Ben: Hat Gott diktiert (ihr geilen Engelchen hopphopp zum Diktat, harrharr!) oder selbst geschrieben? In Babylonischer Keilschrift oder konnte er schon Latein? Am sechsten Tag schuf Gott sich eine Remington-Schreibmaschine und hämmerte die Bibel in die Tasten, dass es nur so qualmte. Harter Stoff übrigens. Noch Martin Luther hatte in Erfurt die Bibel „angekettet gefunden wie ein Hofhund.“ Aus gutem Grund. Gegen Gottes Altes Testament ist Fifty Shades of Grey Kinderkram, unglaublich.

Wer ist denn dieser Ben, der in Gott einen Bestseller-Autor sieht, der sich durchaus mit Shakespeare messen kann? Eine kurze Internetrecherche brachte es an den Tag. Der Mann heißt Blümel und ist Sänger. Und ich hatte immer gedacht, Blümel wäre der schluckfreudige Weinvertreter zu Besuch bei Hoppenstedts: „Abgezapft und original verkork(s)t von Pahlhuber und Söhne!“ Du lieber Gott, jetzt ist alles durcheinander. Her mit dem Messwein!

Teestübchen Humorkritik – Tata, tata, tataaa! Karneval

Morgens werde ich wach, ist mein Humor weg, die heitere Gelassenheit zog gerade als letzte die Tür hinter sich zu. Es war wie der Auszug der Israeliten aus Ägypten. Ich habe das Pack aber nicht verfolgt. Man weiß ja, wie das endet. Mittwochs wird bei uns im Haus die Treppe geputzt. Ich habe keine Lust mit einem Eimer Putzwasser kaltgestellt zu werden, während die Ironie, der Nonsens, die Albernheit und die heitere Gelassenheit quasi trockenen Fußes in den Keller talpen. Der heiteren Gelassenheit habe ich noch hinterher gerufen: „Was soll der Quatsch? Warum schließt du dich diesen Weicheiern an?!“

Ich gebe zu, es gibt in dieser Welt nicht mehr viel zu lachen. Aber das war Fahnenflucht. Ach, wie schön die Zeit, als ich an jedem Abend bekifft war und mich köstlich amüsieren konnte über alles im TV, wenn ich einfach den Ton weggeschaltet habe. Nun trinke ich seit Neujahr nicht mal mehr Alkohol und kann seit Wochen das abendliche TV-Programm kaum noch ertragen. Dabei meide ich die Privatsender grundsätzlich. Es geht um das öffentlich-rechtliche Angebot. Sehenswertes wird immer seltener, wenn man nicht auf Tierfilme, Quiz und Talk, Kochsendungen, Produktvergleiche oder die Flut der Krimiserien steht. In den letzten Wochen war den Karnevals-Sitzungen nicht zu entkommen, die, wenn man wie ich im protestantischen Hannover lebt, Berichte aus einer Parallelwelt sind. Ich beschloss, dem mit ethnologischem Interesse zu folgen, denn Karneval ist durchaus ein kultureller Faktor in unserer Gesellschaft, das müssen auch die Bewohner karnevalsbefreiter Zonen zugeben.

Ich habe mich durch die dritten Programme die Rheinschiene rauf und runter gezappt, nichts notiert, sondern schildere nur meine Eindrücke. Auf der Südschiene SWR, HR und Saarländischer Rundfunk sind die Witze flach, die tänzerischen Darbietungen dagegen dominant, was der plausiblen Logik folgt: Wenn wir schon zu bräsig sind, gute Witze zu machen, sollen die Mädels wenigstens gut tanzen. Fette Karnvalisten stecken ihre Töchter in hübsche Gardeunifomen und lassen sie in Formation über die Bühne hüpfen, wie dressierte Ponys marschieren, herumwirbeln, in den Spagat springen, dass es einen in der Leiste zerrt allein beim Zuschauen. Die Perfektion des Formationstanzes lässt harte, zeitaufwändige Übung vermuten, dass den Mädels kaum Zeit bleibt sich zu fragen, in welche wahnwitzige Mühle sie da geraten sind und wozu überhaupt.

Eine gestandene Frau erzählte in ihrer Büttenrede, wie ihr nackter Mann vor dem Badspiegel posiert und sie fragt: „Sehe ich nicht aus wie ein griechischer Gott?“ Achtung der Gag: „Was glauben Sie, wie lange ich gebraucht habe, ihm klarzumachen, dass Buddha kein griechischer Gott war?“ Tataaa! Das kam aus der Gegend von Mainz. Woanders stand eine etwa 14-jährige Nachwuchsrednerin auf der Bühne und erzählte denselben Witz, nur dass der fette, nackte Mann im Bad ihr Vater war. Dass niemandem in der Redaktion aufgefallen war, wie verfänglich aus dem Mund einer 14-jährigen ist, wenn ihr nackter Vater im Bad vor ihr posiert, lässt ahnen, wer diese Sitzung übertrug: der Saarländische Rundfunk.

Das Widerlichste aber kam aus einer anderen Randzone, dem Grenzort Aachen. Niemand wanzt sich derart schamlos an die herrschenden Eliten ran wie die Lackschuhkarnevalisten vom Aachener Karnevalsverein (AKV) bei der „Verleihung des Ordens wider den tierischen Ernst“, wo Aachens High Society fade Witze vornehmlich über Schwächere bejubelt wie den einen, vermutlich aus einer Vorjahrssendung, den ich beim Vorbeizappen auffing. Der Möchtegernkabarettist Ingo Appelt machte sich über Flüchtlinge lustig. Gegen deren Treck über die Balkanroute solle man an der Grenze ein Schild aufstellen:“Wir sind umgezogen“, und dann stimmte er das Karnevalslied der Kölner Gruppe „Die Höhner“ an: „Die Karawane zieht weiter…“ Herrgott, hatten die besseren Herrschaften einen Spass.

Derlei Töne hört man in Düsseldorf nicht, allenfalls die Bestätigung dessen, was Ambrose Bierce in Des Teufels Wörterbuch schreibt:

„Eozän, das: Erste der drei großen Perioden, in die Geologen das Alter der Welt unterteilt haben. Aus dem Eozän stammen die meisten bekannten Witze“,

wie auch der von der schwerhörigen Fee, die im Keller einer Kneipe hockt und Wünsche erfüllt, aber immer falsch versteht, so dass der Wirt in seiner Kneipe einen 20 Zentimeter langen Schimmel hat. Früher wurde der Gag erzählt mit einem 20 Zentimeter langen Mario Simmel, der über die Theke lief, aber der professionelle Witzerzähler ging wohl davon aus, dass man sich in Düsseldorf nichts mehr unter Simmel vorstellen kann.

Was auch immer gut kommt, sind Veganerwitze, wie ich einen vom blond gewordenen Dauergrinsen Guido Cantz hörte: Ab und zu gönne er sich einen Gyros-Teller, und wie ihm vorher das Wasser im Munde zusammenläuft, wenn das krosse Fleisch mit dem Motormesser vom Spieß abgesäbelt würde, frage er sich, ob Veganer das auch hätten, wenn sie mit der Motorschere die Hecke stutzen. Cantz kann man im Kölner Karneval nicht entgehen, wo er wie ein Conferencier mit dem Publikum interagiert, gerne mit anwesenden Politikern wie dem NRW-Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU). Laschet durfte sich königlich amüsieren, als Cantz von jungen Politikern schwärmte wie dem österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz, der so jung sei, dass, als er auf Staatsbesuch bei Angela Merkel war, ihr die Milch eingeschossen sei. Da hielt sich Laschet kichernd den Bauch, verlor die gute Laune aber, als ein politischer Redner namens Rumpelstilzchen heftig über Alexander Gauland von der AfD herzog. Schließlich war der mal CDU-Mitglied. Als Rumpelstilzchen dann auch noch die Kölner Spitzenpolitiker schalt, von Problemen nie was zu wissen, aber bei der Prinzenproklamation in der ersten Reihe sitzen zu wollen, hat der brave Regisseur die Reaktion der anwesenden Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker lieber erst gar nicht gezeigt.

Es gibt noch das Anarcho-Element im traditionellen Karneval, aber man braucht ein dickes Fell, um es zu entdecken. Selbst der Alternative Karneval hat seine Ekelnote, so die Duftmarke der Caroline Kebekus. In ihrer Karnevalssitzung „Deine Sitzung“ wird hemmungslos das Mett verehrt mit dem ritualisierten Ruf: „Backeen! … Hackeen! … Mett!“

Hier fehlte unbedingt der Sicherheitshinweis: Nach dem Toilettengang bekennender Rohfleischesserinnen wie Kebekus und Sangesschwestern sollte man in der Nähe kein offenes Feuer entzünden. Helau!

Wo bleibt das Positive? Nahezu verliebt habe ich mich in die reizende Präsidentin der Kölner Mädchensitzung (ZDF), Martina Kratz, im Zivilberuf Dr. der Rechtswissenschaft an der Uni Köln.

Den Affen gehts gut – sind glücklich tot

„Eine Affenschande“ titel heute die Bildzeitung. Und Tagesschau.de veröffentlicht das Bild eines zerknirscht schauenden Volkswagen-Vorstandsvorsitzenden Matthias Müller mit der frohen Botschaft: „VW kündigte an, in Zukunft auf Tierversuche zu verzichten.“ Das klingt nebenbei, als wären Tierversuche bei VW in der Vergangenheit immer üblich gewesen. Ein neuerdings um das Wohl von Affen besorgter Tagesschau.de-Forist fragt: „Wie geht es denen eigentlich???“, während sich ein anderer zu der komplett ahnungslosen Behauptung aufschwingt „Keiner ist dabei gestorben.“

Quelle: Tagesschau.de


Die scheinheilige Aufregungsunkultur bei der Bildzeitung, ein Vorstandsvorsitzender, der mal wieder nichts gewusst hat, oder die Naivität der Foristen, alles ist gleichermaßen deprimierend. Vivisektion bedeutet, dass nach Abschluss einer Versuchsreihe sämtliche Versuchstiere getötet werden, auch wenn sie körperlich unversehrt geblieben sind und nicht durch bestialische Eingriffe dauerhaft geschädigt wurden. Man tötet die Versuchstiere, weil sie in wissenschaftlicher Hinsicht verbraucht sind. Ihr erneuter Einsatz in einer Versuchsreihe könnte das Ergebnis verfälschen, wobei die Aussagekraft von Tierversuchen ohnehin umstritten ist, nicht nur, wenn Affen Dieselabgase einatmen müssen.

Ein Wort noch zur Bildzeitung. Im Februar 2014 stellte Bild einen „herzlosen Zoochef zur Rede“, den Dänen, der die Tötung des „Giraffen-Jungen Marius“ und dessen Verfütterung an die Raubtiere zu verantworten hatte. Wie hier die Volksseele zum Sieden gebracht und wieder heruntergekühlt wird, ist ekelhaft. Es hilft nichts, sich von Bild was in die Tasche lügen zu lassen. Letztlich scheint es doch so zu sein, dass der Verzehr von Fleisch den Menschen abstumpft gegenüber dem Leid anderer Lebewesen, und er ist bereit, zu seinem Genuss jegliche Barbarei zu akzeptieren. So ist der brutale Umgang mit dem Tier alltägliche Praxis in unseren Gesellschaften. Wer eingekerkerte Raubtiere im Zoo besichtigen möchte, ist auch Täter, nicht allein ein Zoodirektor, der ihm das ermöglicht. Wer Huhn essen will, begünstigt auch das Kükenschreddern. Wer sich um das Wohlergehen der VW-Versuchsaffen sorgt, glaubt auch, dass Raubtiere im Zoo oder Zirkus mit Reiswaffeln gefüttert werden. All dieser unfassbare Selbstbetrug, man denkt nicht, es mit vernunftbegabten Erwachsenen zu tun zu haben.

Letztlich wird die „Affenschande“ VW nicht schaden. Es hat einen morbiden Charme, ein Auto aus einem Konzern zu fahren, der aus Nazi-Ungeist entstanden ist und in schauerlicher Tradition VerBegasungen anordnet, ohne dass sich irgendein Verantwortlicher findet – im Zirkus des schlechten Geschmacks.

Die Fraktur und die Kritiker der sächsischen Polizei

Viele Leute haben sich aufgeregt über ein Logo, das die sächsische Polizei auf den Kopfstützen ihres neuen Panzerfahrzeugs hat aufbringen lassen. Man sieht in der im Schriftzug verwendeten Frakturschrift Ähnlichkeit zur Symbolik des Nationalsozialismus. Es ist wohl tatsächlich so, dass unbedarfte Neonazis und ein Gutteil der Aufreger die Fraktur fälschlich mit dem Nationalsozialismus in Verbindung bringen, ungeachtet der historischen Tatsache, dass just diese Nationalsozialisten die Fraktur 1941 per Erlass verboten und als „Schwabacher Judenletter“ verunglimpft haben.

Die im Barock als Gebetbuchschrift entstandene Fraktur galt allerdings über Jahrhunderte als deutsche Schrift. Auch wurde in den Anfängen der Nazizeit das Eckige der Fraktur, mehr noch ihrer Vorform, der gotischen Textura, mit dem deutschen Nationalcharakter gleichgesetzt. Diese Deutschtümler werden nicht schlecht gestaunt haben, als der von Martin Bormann gezeichnete Erlass am 3.1.1941 ein Verbot der Schrift brachte. Einige Fakten über die Fraktur finden sich im verlinkten Teestübchenbeitrag und ausführlicher in der Teestübchen-Publikation „Buchkultur im Abendrot.“

Verbot der Fraktur (größer: Bitte klicken)

Auf Kosten der Steuerzahler wird der beanstandete Schriftzug nun von den Kopfstützen entfernt werden. Der eigentliche Skandal aber besteht weiter. Warum muss unsere Polizei paramilitärisch aufrüsten? Es ist doch gleichgültig gegen welche Kopfstützen die behelmten Polizistenschädel schlagen, wenn sie mit ihren, von Tagesschau.de vornehm „Polizeieinsatzfahrzeug“ genannten Panzern über hingefallene Demonstranten rollen. Möglicherweise entzündet sich die Kritik am leisen Unbehagen, dass die sächsische Polizei sich für ihr Sondereinsatzkommando (SEK) Panzerwagen vom Rüstungskonzern Rheinmetall bestellt hat. Aber dann muss man diese Tatsache hinterfragen und nicht ein postfaktisches Spiegelgefecht vom Zaun brechen. Was haben Panzer im Inneren zu suchen? Welche Überlegungen stecken dahinter? Rüstet man auf für bürgerkriegsartige Zustände?

TV-Kritik: Lauter Löcher und destroyed Jeans

Vorgestern Abend habe ich aus lauter Verzweiflung einige Minuten der Sendung mit Markus Lanz angesehen. Da saß nämlich Helge Schneider, und ich wollte wissen, ob er etwas Subversives sagen würde. Doch Lanz fragte ihn die sattsam bekannten Dinge, und brav erzählte Schneider das Wiedergekäute, wie unbändig er in seiner Kindheit gewesen war bis hin zur Pubertät, als er sich die Haare hat wachsen lassen und der Vater sich nachts mit der Schere angeschlichen habe, um die Matte abzuschneiden. Was für eine saublöde Geschichte, aber Lanz wäre nicht Lanz, wenn ihm nicht noch was Blöderes einfallen würde. Er gab kund, dass er seine Mutter dabei erwischt habe, als sie seine löchrigen Jeans in kleine Stücke schnitt. Ja, geht’s noch? Was interessieren denn dem Lanz seine pubertären Löcherjeans und seine verwirrte Mutter? Das ist doch unerträglich! Sitzt da wie ein geschniegelter Affe und schwafelt was von uralten Löchern, dass alle denken sollen: Was für ein toller Hecht, der Lanz, da überweise ich demnächst freiwillig doppelte Zwangsgebühren. Über diese Löcher will man mehr wissen! Erst recht über die Lanz-Mutter, die aus lauter Verzweiflung Löcher zerschnitten hat.

Ich wusste gar nicht, dass es in Lanzens Jugend schon modisch war, mit löchrigen Hosen rumzulaufen. Wie blöd muss man eigentlich sein, mit Löchern in den Jeans anzugeben? Wer schon früh so bescheuert war, braucht dringend eine Therapie, ersatzweise eine abendliche Quasselshow im ZDF, wo man sich im Folgenden darüber ausließ, wie man es denn bei den eigenen Kindern halte, wenn sie etwa auf Bäume klettern. Sagt der Lanz, in seiner Sendung sei mal ein skandinavischer Pädagoge gewesen. Der habe geraten, man solle sich nicht aufregen, sondern fragen: „Was siehst du denn von da oben?“ Aua! Das tat weh und mich rettete der Ausschaltknopf. Derlei Rezeptepädagogik findet einer wie Lanz gut. Mir fällt dazu ein Witz ein:

Ein Finne, ein Schwede und ein Däne sollen hingerichtet werden und haben einen letzten Wunsch frei. Der Finne will sich noch einmal besinnungslos besaufen. Der Schwede erklärt: „Ich habe im Gefängnis Erziehungswissenschaft studiert, und möchte vor meinem Tod einen Vortrag halten über die sittliche Verbesserung des Menschen durch Pädagogik.“ Da sagt der Däne: „Und ich will hingerichtet werden, bevor der Schwede seinen Vortrag hält.“

Wer nicht genug im Kopf hat, seinen Kindern gegenüber aus eigener Einsicht vernünftig zu handeln, dem helfen auch keine Rezepte. Denn da kommen oft genug Situationen, für die kein Fernsehpädagoge schon Rezepte verkündet hat. Wenn im öffentlich-rechtlichen Fernsehen derartige Verblödung zelebriert wird, muss man sich da wundern, dass Jugendliche für ihren Protest nicht mehr selbst Hand anlegen, sondern Jeans mit fabrikmäßig vorfabrizierten Löchern an den Knien kaufen, um damit bei Nässe und Kälte herumzulaufen – im Zirkus des schlechten Geschmacks?