Hart an der Wirklichkeit: Krieg mit den Killerkeimen – ein SF-Kurzroman

Wahnsinnige Wissenschaftler, wer sonst, erfinden in einem Geheimlabor winzige Killerkeime. Die Killerkeime entkommen dem Labor, schwärmen aus und machen sich über die Menschheit her. Sie betrachten uns lediglich als Nahrungsmittel. Nichts kann sie stoppen, nicht einmal eine Atombombe kann sie vernichten, nicht die todesmutige Bundeswehr. Aber ein evangelischer Pastor erzählt den Killerkeimen, dass es Gott gibt, worauf sie sich in scheußliche Schleimklumpen verwandeln und hinfort nur noch die Hirne von Boulevard-Redakteuren zerfressen. Die befallenen Zeitungsschreiber können glücklicher Weise leicht vertrieben werden, in Hamburg durch die Küstenwache, in Österreich durch die fliegende Gebirgsmarine und sonst wo durch eine Schar Bauern mit Fackeln und Dreschflegeln. Und wir alle sind gerettet.

Geschrieben nach einem Plot-Generator von Gahan Wilson – Ende-Grafik: JvdL

Alljährlich das gleiche Gedöns – Zwei Anrufe im Bus

Im vollbesetzten Bus der Linie 100 telefoniert einer.
„Reg dich nicht auf, Schatz, am 19. kommt die Fußbodenheizung rein.“
Ich frage die Frau neben mir: „Wann kommt die Fußbodenheizung rein?“
„Ich weiß nicht“, sagt sie, weil sie offenbar in Gedanken gewesen ist.
„Am 19.“, sagt der Mann, der neben uns im Gang steht.
„Wieso erst am 19.?“, fragt die Frau mit Kinderwagen.
Die Busfahrerin bläst ins Mikrophon: „Ich finde es auch knapp, so kurz vor Weihnachten. Kein Wunder, dass Frau Schatz in Panik gerät.“

Alle gucken Herrn Schatz an, der rasch sein Smartphone wegsteckt und sich im Sitz aufrichtet:
„Ich heiße überhaupt nicht Schatz!“
„Aber Ihre Frau!“, sage ich.
„Nein, ich nenne sie nur Schatz. Ein Kosenamen!“
„Nennt sie Schatz und mutet ihr vor Weihnachten so einen Dreck zu!“, sagt die Frau mit Kinderwagen kämpferisch.
„Ja, genau!“, rufe ich. „In der Vorweihnachtszeit will Frau es doch gemütlich haben und Plätzchen backen!“
„Und keine staubigen Handwerker mit dreckigen Schuhen im Haus haben“, pflichtet der Mann im Gang mir bei.
„Handwerker mit dreckigen Schuhen oder Handwerkerinnen mit dreckigen Schuhen!”, korrigiert Frau Kinderwagen, „soviel Zeit muss sein!”
„Wieso sollte nur die Frau immer Plätzchen backen?“, fragt meine Sitznachbarin jetzt auch noch keck. „Sie haben ja altmodische Vorstellungen.“
„Wieso ich? Herr Schatz ist es doch, der sich nicht um die Plätzchenbäckerei kümmert, sondern kurz vor Weihnachten noch eine Fußbodenheizung einbauen lässt.“
„Soll meine Familie Weihnachten denn frieren?“, fragt Herr Schatz, der ganz anders heißt, aufgebracht.
„Das hätten Sie sich auch früher überlegen können!“, sagt Frau Kinderwagen.
„Aber die Finanzierung war vorher nicht gesichert“, sagt der Schatz kleinlaut.
Da tönt die Busfahrerin über alle Lautsprecher im Bus: „Wer im Sommer nicht spart, dem ist der Winter zu hart!“
„Äsop“, murmelt der graumelierte Herr im teuren Mantel.
„Das hat sie wohl eher aus einer Fabel von La Fontaine“, sagt Herr Schatz, der froh ist, von sich ablenken zu können. “Die Heuschrecke fiedelt den ganzen Sommer und …”
„Ich wüsste nicht, dass unser Oskar Fabeln geschrieben hätte“, mischt sich jetzt der Mann in Anstreicherhose ein.
„Mischen Sie sich nicht ein, mischen Sie besser Farbe“, sagt Frau Kinderwagen spitz, „Herr Schatz meint nicht Ihren Oskar Lafontaine, sondern den französischen Dichter Jean de La Fontaine.“
„Und backen Sie besser Plätzchen, aber das können Sie Kampfemanze vermutlich nicht!“, sagt der Anstreicher.
„Ich kann Ihnen aber eine langen“, sagt Frau Kinderwagen, „Macho, Frechdachs, Banause und wer weiß was!“
„Ruhe im Bus!“ herrscht die Busfahrerin, „sonst halte ich die Luft an, bis ich blau im Gesicht bin.“
„Der Mann hat angefangen!“, rufen alle und zeigen auf mich.
Das Telefon von Herrn Schatz klingelt wieder.
“Schatz”, meldet er sich, “jetzt hör auf, im Bus rumzunerven! Die Heilige Familie hatte auch keine Fußbodenheizung!”

Das war ein ganz neues Argument, dem ich mich gern gewidmet hätte. Leider fiept mein Smartphone Wecker und ich muss aussteigen, äh, aufstehen, um den Bus zu kriegen. Da ging natürlich alles wieder von vorne los.

Einiges über Jack

Wenn auf dem Gehweg einer hinter mir herläuft, gehe ich langsamer, damit die aufdringliche Person überholen kann. Heute ließ ich mich wieder überholen. Es war ein stämmiger Mann in Jeans. Seine feisten Oberschenkel rieben aneinander, aber das schleifende Geräusch, das ihn begleitete, kam von seiner Jacke. Sie war nämlich künstlich. Auf der rechten Schulter trug der dickliche Mann ein Monogramm. Er hieß Jack Wolfskin. Das ist ein Allerweltsname wie Hans Meier. Ich habe schon Hunderte mit dem Namen Jack Wolfskin gesehen. Sie werden in einer Fabrik am Stadtrand aus Fleischklopsen geklont.

Das ist natürlich Quatsch. In Wahrheit sind es ganz normale Männer. Sie betreten in der Innenstadt einen Laden als sagen wir Hans Schafspelz und kommen wieder heraus als Jack Wolfskin. Für das Privileg, Jack Wolfskin zu heißen, bezahlen sie Geld. Dieses Phänomen hat etwas mit Mimikry zu tun. Das bedeutet: Harmlose Tiere ahmen das Aussehen von gefährlichen Tieren nach, um Fressfeinde abzuhalten. Welche Fressfeinde vom Monogramm Jack Wolfskin abgehalten werden, weiß ich nicht. Wir können aber von der Mimikry auf die Fressfeinde schließen. Sie müssen viel größer sein als ein dicklicher Mann mit feisten Oberschenkeln, damit sie ihn fressen können. Vermutlich handelt es sich um außerirdische Monster. Sie können Lateinschrift lesen und verstehen Englisch. Wenn sie auch noch mit der Konnotation englischer Namen vertraut sind, denken sie, dass Jack ein zäher Naturbursche aus lauter Muskeln und Samensträngen ist (Lumberjack). Seine Jacke sieht zwar nicht aus wie ein Wolfspelz, ist aber einer. Die außerirdischen Fressfeinde sind also ziemlich dumm, wenn sie glauben, ein Jack im synthetischen Wolfpelz wäre ungenießbar. Auf die Idee, einen aus der Haut zu pellen, sind sie offenbar noch nie gekommen. Vielleicht wäre ein Jack ohne synthetischen Tierpelz sogar ziemlich lecker.

Die Jack-Wolfskin-Mimikry hat einen erheblich positiven Nebeneffekt, nämlich die Begünstigung bei der Partnerwahl. Weibchen finden Jack-Wolfskin-Männchen besonders attraktiv und paaren sich gern mit ihnen, weil sie hoffen, dass man ihnen kleine Jacks macht, die ebenfalls nicht gefressen werden. Auf diese Weise findet eine natürliche Selektion statt. In wenigen Jahrzehnten wird man auf den Straßen und Plätzen nur noch synthetische Wolfshäuter sehen, die Jack heißen. Dann sind die außerirdischen Monster gekniffen.

Nicht mehr mein Land

Ein bedauerlicher Effekt des Klimawandels ist das schamhafte Schweigen der Laubbläser. Vorbei die Zeiten, als schon im September die Männer mit Laubbläsern anrückten und die ersten dürren Blätter mit Lärm bekämpft haben. Da wurde dem Laub das faule Herumliegen gründlich ausgetrieben, auch das unverschämt laffe Kleben auf feuchten Gehwegen nicht länger geduldet. Wir können unseren Kindeskindern nur unzulänglich vorschwärmen, wie spätestens im Oktober das dürre Laub in Wellen davon geblasen wurde, wie tapfere Männer inmitten von Laubschwaden sich behauptet haben, die Gebläse todesmutig hineingehalten haben in dickste Laubhaufen, ohne je am Sinn ihres Tuns zu zweifeln. Echte Kerle eben, nicht solche Luschen mit „Flugscham“ und derlei lachhafter Klimabesorgnis. Wenn schon die Städte den Schwanz einziehen und das Laubblasen kaum noch wagen, wo sind die mutigen Besitzer privater Laubbläser? Hat der liebe Gott alle beim Scheißen erschlagen? Das wollen wir doch nicht hoffen. Ein Land ohne die vertraute Bigband der Laubbläser, ist das noch unser Land?

Man wird doch hier wohl noch laubblasen dürfen.

Als im Land noch zur Ordnung geblasen wurde, Bilder aus dem Jahr 2012 – Fotos und Gifanimation: jvdl