Große Entdecker feiern – sich

Im August 2018 durfte sich der Bezirksstadtrat von Berlin Mitte für die Entdeckung eines 20 Meter langen Stücks der Berliner Mauer feiern, denn das war mal klar: „Die Mauer? Konnt ja keener wissen, wo det Ding jestanden hat.“

Im Herbst 2021 dürfen sich die Amtsträger aus Hannovers Stadtbezirk Mitte für eine noch überraschendere Entdeckung feiern. Schon 73 Jahre nach dem Tod des größten Künstlers der Stadt, Kurt Schwitters (* 20. Juni 1887 – † 8. Januar 1948), hat man sein Geburtshaus gefunden. JUHU! Bezirksbürgermeisterin Cornelia Kupsch berichtet der Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ): „Unser Stadtarchivar ist leider in Elternzeit.Trotz Doppelbelastung gelang es ihm herauszufinden, wo genau der berühmte Sohn das Licht der Weltstadt Hannover – Kuckuck! – erblickt hat, nämlich in der Rumannstraße 8. Ich habe mir einen Knoten ins Ohr habe natürlich sofort eine Gedenktafel aufstellen lassen, damit wir’s nicht wieder vergessen.“

HAZ vom 11. November 2021 – größer: Klicken

Der Ehrenpreis der Freunde verschmockter Zeitungsfotografie (FvZf) geht an die Fotografin Samantha Franson. Sie hat den Moment der Gedenktafelenthüllung kongenial im Bild festgehalten.

Im Vordergrund des prämierten Bildes sehen wir die üppig mit roten Bändern geschmückte noch verhüllte Gedenktafel, daneben Bezirksbürgermeisterin Cornelia Kupsch. Sie trotzt dem Regen allein mit einer Brille auf dem Kopf und liest vom Zettel, was ihre frierende Gehilfin (mit Rucksack) bei Wikipedia abgeschrieben hat. Links etwas zurück stehen vier Kulturschranzen „Honoratioren“ (HAZ) unter drei aufgespannten Schirmen in rot, grau und bleu (von links), eine sich ehrlich schämende fünfte Person hat sich hinter einem desinteressierten Würdenträger verborgen und muss zur Strafe im Regen stehen. Die Harmonie des Bildes wird gestört durch abgestellte Dinge, eine Tasche und drei Fahrräder, was schon mal zeigt, wie der Text auf der Gedenktafel lauten muss, nämlich: „Kurt Schwitters sein Geburtshaus. Fahrrad abstellen verboten – und Taschen auch!“ Am linken Bildrand ragt ein linker Fuß ins Bild, der hoffentlich ein rechtes Gegenstück hat. Sonst gehört der auch verboten. Der Text im Bildkasten ist überschrieben mit „Für Schwitters im Regen.“ Kurt Schwitters (z.Zt. Stadtfriedhof Engesohde) freut sich einen Keks.

Samantha Franson: 4 Punkte auf der nach oben offenen Humorskala!

Besoffen in Unterhosen

Was typisch für die Flamen sei, versuchte ein holländischer Kabarettist in Flandern herauszufinden und sprach darüber mit einer Moderatorin von Studio Brussel, einem öffentlich-rechtlichen Musiksender. Typisch sei, dass Flamen zu Hause in Unterhose umherlaufen, sagte sie. Man komme nach Hause und entledige sich zuerst der Hose. Daran wurde ich erinnert, als mir gestern eine liebe Freundin unten zu sehende Karte mit einem finnischen Verb schenkte, wobei das keine Anspielung auf meine Gewohnheiten war. Was skurril ist an meinen Gewohnheiten, dafür haben noch nicht mal die Finnen ein Verb.

Die Karte stammt aus dem Museums-Shop des Hannoveraner Landesmuseums. Wir hatten uns dort eine Multimedia-Show über Leonardo da Vinci angesehen und waren überwältigt. Kalsarikännit wäre durchaus angebracht gewesen. Ich habe mir verkniffen, im Museum zu fragen, wer die Show verbrochen hatte, eine Leihgabe aus Mailand übrigens. Den Menschen will ich lieber nicht kennen, obwohl es gewiss große Kunst ist, das umfangreiche Werk eines Universalgenies hinter eigenen Ambitionen verschwinden zu lassen. Mir schwirrte der Kopf vor lauter visuellem und akustischem Bombast, immer hart an der Grenze zum Kitsch, für den die Hannoversche Allgemeine (HAZ) die freundlichen Worte fand: „Die Inszenierung ist ein synästhetisches Gesamtkunstwerk. Kraft ihrer multimedialen Wucht überwältigt sie die Besucher – und zeigt in ihrer futuristischen Ästhetik wie zeitlos sich der Genius Leonardos ausnimmt.“ Mir raubte es den Atem, was aber an der geforderten Mund-Nasen-Bedeckung (Maske) lag. Die multimediale Show wurde sicher ins Museum verlegt, weil die Rummelplätze noch geschlossen sind.

Was bedeutet „futuristische Ästhetik?“ Die Begrifflichkeit überhöht die Sache, oder sollte die Gemeinsamkeit mit dem Futurismus darin bestehen, dass die multimediale Da-Vinci-Show von einem Italiener geschaffen wurde? Profan ausgedrückt: Hier hat sich einer selbst verwirklicht und war schlicht besoffen von seinem Werk, wobei nicht klar ist, ob er bei der Planung der Show wenigstens eine Unterhose getragen hat.