Heiner Lauterbach nimmt den Bus

Bei Fräulein Schlicht am Fenster, meine Suppe löffelnd, sehe ich einen Bus der Linie 200 vorbeirollen. An der Seite groß die Werbung einer Möbelhauseröffnung. Darauf ein Sofa und der Schauspieler Heiner Lauterbach. Er ist abgebildet bis zu seinen Oberschenkeln, was beim Film „amerikanische [Kamera-]Einstellung“ heißt, weil bei Westernhelden immer noch die Colts zu sehen sein sollen. Ob Heiner Lauterbach in der Werbung Colts umgeschnallt hat, kann ich so schnell nicht sehen, sondern werde es erst später mit Bildbeweis verifizieren. Der flüchtige Eindruck ist aber typisch für Werbung auf einem Omnibus, weshalb die Frage nach der Botschaft der Werbung zunächst anhand flüchtiger Beobachtungen geklärt werden muss. Zuerst: Warum eröffnet Heiner Lauterbach ein Möbelhaus? Erfüllt er sich einen Lebenstraum wie Loriots Lottogewinner Erwin Lindemann mit der Herrenboutique in Wuppertal? Wie heißen Sie? „Ich heiße Heiner Lottermöbel, äh, Lautermann und eröffne im Sommer in Hannover ein schönes Sofa.“ „MÖBELHAUS, Herr Lauterbach!“ Die Wahrheit finde ich erst später heraus: Ihm gehört das Sofa Möbelhaus gar nicht und man hat ihn engagiert als sogenanntes Testimonial. Auf „Nachrichten und Informationen aus der Möbelbranche“ teilt Möbelmarkt.de mit: „Für den Whos perfect Sale wirbt Heiner Lauterbach.“ Warum? Ist der Olymp einer Schauspielerkarriere der Möbel-Schlussverkauf?

Andererseits: Wenn große Schauspielkunst nötig ist, um Zufriedenheit mit den angebotenen Möbeln zu vermitteln, spricht das nicht unbedingt für die Möbel. Vielleicht sitzt man auf oder in der Sofa-Landschaft so unbequem wie ein Affe auf einem Päckchen Tabak. Und in der Möbelhausmarketingabteilung hat man gedacht, dass derlei Ungetüme sich nur verkaufen lassen mit dem leicht sardonischen Lächeln und dem Gestus eines Frauenverführers, ganz wie man Heiner Lauterbach kennt aus: „Rossini – oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief.“ Heiner Lauterbach sei so ein echter Sofa-Typ, nicht allein wegen geknautschter Gesichtsbezüge, sondern weil Frau-potentielle-Kundin dächte, „den würde ich auch nicht von der Bettkante vom Sofa schubsen. Also kauf ich ers ma ein Sofa.“

Conclusio: Bei der Buswerbung stimmen zwei Sachverhalte nicht: Erstens zeigt die „amerikanische Einstellung“ keine sitzende Position, aber beworben werden Sitz- bzw. Liegemöbel, zweitens sollte so ein toller Hecht wie Heiner Lauterbach doch im Porsche sitzen und um den Starnberger See brettern und nicht mit dem Bus Linie 200 der Überlandwerke und Straßenbahnen Hannover AG (ÜSTRA) zum August-Holweg-Platz schaukeln und nur einen Stehplatz haben. Das wirkt abgehalftert. Folglich „amerikanische Einstellung“ ohne Colts.

Abb.: Heiner an Sofalandschaft, Möbelprospekt

Verlorene Formen

Hast du den Tod des guten Freundes verwunden?
Nein, gar nicht. Die Menschen fehlen ja so, wenn sie tot sind.
Dann am meisten.
Warum ist das so? Wenn du es weißt, dann sag es mir doch!
Es liegt daran, wie ein Mensch im Raum ist und an der speziellen Art, wie sein Körper den Raum teilt, gleich einem Guss in einer Sandform. Niemand kann es genauso. Niemals wird eine Raumproportion derart geteilt werden, hie Körper, dort Leere wie vom geliebten Freund.
Nur ein Körper? Hätte man zu Lebzeiten seine Figur gegossen oder ganz lebensecht mit einem 3D-Drucker gedruckt, wäre es doch nicht gleich?
Klar, denn es fehlt die Dynamik der ständigen Veränderung, also sein Dasein in der Zeit. Eine Gießfigur ist der Zeit enthoben. Und zusätzlich zur körperlichen ist der geliebte Mensch noch auf einer unsichtbaren Ebene im Raum gewesen, nämlich auf die Weise, wie er sich selbst im Raum erlebt hat, und etwas davon wurde sichtbar, wenn er sprach.
Du meinst hörbar?
Auch sichtbar.

Das sprachen wir über das Geländer der Dornröschenbrücke gelehnt, derweil die Leine unter uns hervordrang und sich breit und die Ufer verschlingend nach Norden wälzte. Sie führte den einen oder anderen Baumstamm mit, und kleine gurgelnde Strudel zogen mit der starken Strömung. Es ist nicht der Fluss anderer Tage, der aufhören will zu fließen, der zu stehen scheint und so schwach ist in seinem Vorwärtsdrang, dass der Nordwind die Wellen flussaufwärts blasen kann, so dass man denken könnte, die Leine fließt nach Süden zurück in die Stadt, wo sie etwas vergessen hat zu erledigen. Nein, heute ist die Leine ein gewaltiger Fluss. Ihre Wasser hat die Farbe von Kaffee mit viel Milch und, pardon, einem Schuss Urin der Kühe – der gelben Pigmente wegen, nicht um den Geschmack zu verfeinern. Wir wollen ja keine Blechtasse an einer Kordel hinabblassen, um Wasser zu schöpfen und zu trinken. Aber diese Tasse mit ein wenig Wasser der Leine, die zeigt es: So ein Fluss ist keine Sache, kein greifbares Ding, sondern eine Vorstellung, eine geistige Konstruktion, auch wenn er sich plätschernd und gurgelnd durch die Landschaft wälzt. Myriaden von Regentropfen sind chaotisch auf die Erde geprasselt, haben sich in Pfützen und Tümpeln versammelt, versickern, treten wieder zu Tage, und wo die Landschaft ein Gefälle aufweist, rinnen sie versammelt talwärts.

Der Mensch erkennt im chaotischen Vorwärtsdrängen bald eine Struktur, nennt sie zuerst Rinnsal, dann Bach, später Fluss, gibt ihr überdies einen Namen und trägt ihren Verlauf in Landkarten ein. Die Bezeichnung Fluss verleiht der Struktur etwas scheinbar Festes, ihr jeweiliger Name hilft, verschiedene dieser Strukturen gleicher Art voneinander zu unterscheiden. Genau betrachtet ist jede dieser Strukturen Chaos. Das wird sofort deutlich, wenn ein Fluss zu viele Wassertropfen versammelt. Dann droht die Struktur chaotisch zu verlaufen. Wo der Mensch jedoch eine Struktur erkannt und benannt hat, duldet er keine Auflösung im Chaos, weshalb er Deiche baut, um zukünftig drohendes Chaos auszuschließen.

Die Namen unserer Flüsse sind keltischen oder indogermanischen Ursprungs und bedeuteten eigentlich nur „Wasser“ (wenn sie mit Vokalen anlauten) oder „Fluss“. Jeder Begriff, jeder Name ist ein Damm gegen das Chaos und soll helfen, eine chaotische Welt begreifbar zu machen. Auf diese Weise orientiert sich der Mensch. Aber diese Form der Orientierung kann sich gegen ihn wenden, besonders wenn Sprache noch als Aneignung von Welt empfunden wird und Namen magischen Charakter haben, nämlich nicht nur eine Idee benennen, sondern stellvertretend für die Sache stehen.

In der keltischen Mythologie gibt es negative oder positive Verpflichtungen, Verbote oder Tabus, die „Geis“ heißen. Meist werden spätere Herrscher oder  Helden bei ihrer Geburt mit einem Geis belegt. Dem keltischen Sagenheld Fionn mac Cumhaill war das Geis auferlegt, er dürfe niemals aus einem Horn trinken. Fionn beachtete das Geis ein Leben lang gewissenhaft. Auf seiner letzten Wanderung trank er lieber zur Sicherheit aus dem Bach, sank aber tot zu Boden, nachdem er den Namen des Flusses erfahren hatte, er hieß „Horn.“ Wie hätte er das wissen können? Es standen ja zu seiner Zeit keine Namensschilder an Flüssen. Pech für Fionn. Vielleicht hätte er nicht aus dem Horn getrunken, wäre er so schlammig gewesen wie derzeit die Leine. Aber ganz egal, er wäre jetzt so oder so längst tot. Das tröstet.

Dem Leibniz seine Entengemeinde

Der Leibniztempel im hannoverschen Georgengarten erhebt sich auf einer erhöhten Halbinsel. Von dort hat man einen schönen Blick auf Baumgruppen, Wiesen und Teiche. Der Tempel ist dem Mathematiker, Philosophen und Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz gewidmet. Im Rund von zwölf ionischen Säulen steht auf einem Sockel die Kopie seiner Büste, deren Original aus Carrara-Marmor der irische Bildhauer Christopher Hewetson in Italien geschaffen hat. Der Tempel trägt in goldfarbenen Lettern die Inschrift „Genio Leibnitii.“

Letztens saß ich auf den Sandsteinstufen und wollte mich inspirieren lassen. Es schrieb sich leicht, und wäre nicht die Dame auf dem Fahrrad vorbeigekommen, stünde hier vermutlich ein anderer Text. Den muss ich leider verschieben, der Enten wegen. Man stelle sich eine attraktive Frau mittleren Alters auf einem schwarzen Hollandrad vor, schwarze Pumps an den Füßen, schwarze Strümpfe, schwarzer Rock, schwarze Bluse, Sonnenbrille und eine perückenhafte Mähne aschblonder Schillerlocken. Wir haben keine Zeit zu erwägen, ob sie vielleicht einer Theaterbühne entsprungen ist, denn sie radelt schnell über den Weg heran und will den Leibniztempel umrunden. Im Vorbeifahren ruft sie mir zu:
„Die ganze Entengemeinde fehlt! Haben Sie die gegessen?!“
„Ich bin Vegetarier“, sage ich wahrheitsgemäß.
„Ich auch in solchen Momenten!“, ruft sie über ihre Schulter hinweg. Wie sie schon hinterm Säulenrund verschwunden ist, höre ich noch: „Wo sind die denn alle? Nur Boris ist hier!“ Und ich heiße noch nicht mal Boris.

Leibniztempel Hannover, Georgengarten, Foto: JvdL

Auf dem Teich unten hatte ich zuvor durchaus Enten gesehen. Sie waren panisch über die Wasserfläche geschossen, weil zwei Hundebesitzer ihre Tölen ins Wasser gescheucht hatten. Wohin die Enten sich entfernt hatten, war nicht zu sehen gewesen, weil sie unter dichtem Laub verschwunden waren. Derweil ich mich noch frage, welchen Knoten Leute im Kopf haben, die gewisse Tiere sorgenvoll suchen und andere bedenkenlos verspeisen, hat die Frau den Tempel umrundet und schickt sich an, wieder in den Weg einzubiegen. Ich bin ihr noch ein bisschen böse, weil sie mich verdächtigt hat, Enten zu verschlingen und frage: „Sind Sie etwa die Entenbeauftragte?“ Darauf antwortet sie nicht, sondern ruft aufgeregt: „Die sind reviertreu, die müssten sich hier aufhalten, treue Freunde!“ Und schon hat der Park sie samt Fahrrad verschluckt.

Eine Weile saß ich noch schreibend auf den Stufen, hielt gelegentlich Ausschau, doch Enten und Entenbeauftragte blieben verschwunden. Vermutlich wurden sie von Hunden gerissen. Die haben schließlich auch Rechte, obwohl sie ja eigentlich nichts tun, wie jeder Hundebesitzer zu versichern weiß. Leider konnte ich das nicht verifizieren, denn ich bekam plötzlich ebenfalls Hunger, verließ den Georgengarten und scheuchte im Supermarkt ein paar wehrlose Tomaten auf.

Wahrer Bericht von einer pataphysischen Forschungsreise nach Aachen und zurück

Meine lieben Damen und Herren,

Der wahre Bericht erschien erstmals im Jahr 2009 im Teppichhaus Trithemius auf der versunkenen Plattform Blog.de. Er ist eigentlich eine Fortsetzung. Den ersten Teil Gina Regina habe ich vor gut zwei Jahren im Teestübchen wiederveröffentlicht. Wer also den Zusammenhang kennen möchte, möge zuerst den Teil „Gina Regina lesen.“ Es geht aber auch umgekehrt.

Irgendwann in der Nacht, als wir schon recht viel getrunken hatten, sagte Coster:
„Zufall ist das, wenn Gott nicht unterschrieben hat.“

“Das erklärt einiges“, sagte ich. „Darum habe ich noch keine Million gewonnen, obwohl es längst fällig wäre. Vermutlich hat irgendein säumiger Unterbeamter der himmlischen Registratur die Anweisung auf die Million zwar ausgefertigt, dann aber vergessen, sie dem Chef in die Unterschriftenmappe zu legen. Die Anweisung ging raus, aber weil sie noch nicht unterschrieben ist …“

Insgeheim dachte ich, dass ich Coster bislang falsch eingeschätzt hatte. Seine früheren Äußerungen zur Gottesfrage hatten in mir die Idee versteift, Coster sei Agnostiker. Erst letztens hatte er gesagt, warum sollte er in einer Sache eine Entscheidung fällen, die sich nicht entscheiden lasse. Jetzt verstand ich, dass Coster genau anders herum dachte. Weil er die Sache nicht entscheiden konnte, glaubt er einfach an Gott und an den Atheismus. Das wiederum würde seine Magie erklären. Die rätselhaft schwebende Art, in der er durchs Leben geht.

Das war nicht immer so gewesen. Als ich ihn kennen lernte, hatte er manchmal Phasen des Zweifelns. Das aber besagt gar nichts. Alles in der Natur schwingt. Auch der Gemütszustand des Menschen ist dem unterworfen, mal mehr, mal weniger. Vielleicht hatte ich Coster anfänglich immer dann getroffen, wenn er im Zenit seiner Wetterfühligkeit war, sich die Natur aber am tiefsten Punkt ihrer Schwingung befand. In diesem Augenblick ist der Mensch am weitesten entfernt von der Natur, fühlt sich besonders fremd in seiner Welt.

Man kann nicht immer optimal getaktet sein. Wenn alles schwingt, schwingt auch das. Diesen Gedanken würde ich gerne weiterspinnen, aber das geht leider nicht, denn nachdem Coster gesagt hatte: „‚Zufall ist das, wenn Gott nicht unterschrieben hat“, und mir diese Gedanken durch den alkoholisierten Kopf gingen, war unser Gespräch längst woanders hin. In dieser Nacht nämlich sprangen wir nach Herzenslust durch die Welt unserer Themen, und es machte uns rein gar nichts, dass wir kein einziges Thema bis zum Ende verfolgten. Unser Gespräch hatte sich die ganze Zeit über netzwerkartig ausgedehnt. Vom Hölzchen aufs Stöckchen kommen, sagt der Volksmund. „„Wir ließen den einen oder anderen Hasen springen“, wie Goethe sagt,“ und irgendwer: „„Springt ein Häslein übern Steg, nehm’ ich gleich ‘nen anderen Weg.““ Diese wunderbare Form des Gesprächs hatte uns schon den ganzen Abend über durch die Themenfülle begleitet. Die Aufmerksamkeit unseres Denkens saust von einem gedanklichen Netzwerk hinüber ins andere. Das ganze entwickelte sich eher verhalten, aber spätestens, als wir am Aachener Markt im Goldenen Einhorn gesessen hatten, begannen unsere Gedanken durch beide Köpfe zu kreisen und legten neue Spuren an.

Dieser Prozess wurde begünstigt durch die Tatsache, dass Coster im Goldenen Einhorn auf Händen getragen wird. An diesem Abend liefen dort Kellner umher. Nur hinter der Theke stand eine Kellnerin. Mir war aber, als würde Coster noch aufmerksamer bedient als sonst. Von allen Seiten war man um sein Wohl bemüht, und da ich an Costers Seite saß, wurde ich ebenfalls in die größte Liebenswürdigkeit einbezogen, die einem Gast zuteil werden kann. So ging es weiter, als wir viel später im Franz eintrafen, einem Veranstaltungslokal in Costers Nachbarschaft, um einen der vielen Absacker zu trinken. In der Ecke spielte eine Jazzband. Sie machte zu ihrem Glück gerade Pause, sonst hätten sie ihre Musik vergessen können, als Coster von allen Seiten begrüßt wurde. Auch hier ging die Gunst vom muslimischen Thekenkellner, dem Pächter, der Frau neben ihm und einigen Thekengästen direkt von Coster auf mich über. Coster versteht es meisterhaft zu teilen. Es mag übertrieben klingen, aber ich habe alles leibhaftig erlebt und treulich beobachtet. Wie man weiß, war ich auf einer Forschungsreise.

Costers Glas aus dem Jahr 1770 (Foto: JvdL)

In Costers Küche saßen wir, bis die Stunde des Wolfes heraufdämmerte, also bis gegen vier Uhr, denn die Absacker wollten einfach nicht wirken. Ich spürte, wie meine Augen immer kleiner wurden, aber der Kopf blieb wach. Wir saßen nämlich in der Nachtkälte. Coster hatte die Tür zu seinem Küchenbalkon geöffnet, damit wir rauchen konnten, ohne die ganze Wohnung zu verpesten. Er raucht Zigarillos, ich drehe Halfzware Shag, das zusammen ist eine heftige Mischung. Irgendwann holte Coster zwei Gläser von 1770 aus seiner Sammlung, und wir tranken Rosé daraus. Das passte, denn wer im 18. Jahrhundert bei Nacht noch zechen wollte, musste kälteresistent sein. Ich wusste zu würdigen, aus einem Glas aus dem Jahr 1770 zu trinken. Man könnte schließlich einen umfangreichen historischen Roman schreiben, der sich nur um diese beiden Gläser rankt, bis in die Gegenwart von Costers Küche hinein. Das eingravierte Symbol blieb uns in der Nacht rätselhaft. Da sind Zirkel und Winkel der Freimaurer, oben eine Krone …

Am nächsten Morgen war ich ein wenig ungehalten mit mir. In der Nacht hatte ich gedacht, ach, das meiste aus unserem Gespräch wirst du behalten. So gibt es keine Notizen.

Um 22:34 Uhr traf ich leicht verspätet in Hannover ein. Kurz vor Hannover hatte mein Handy geklingelt wie ein Wecker, dreimal nur, und dann war niemand dran. Freilich war ich längst wach und war dabei, mich für den Ausstieg zu kramen. Dann befiel mich eine leise Unruhe. Mehrmals schon habe ich eine seltsame Erfahrung gemacht. Am Ende einer Reise, wenn ich schon dachte, alles ist gut gegangen, dann habe ich einen unglücklichen Zufall erlebt. Einmal war dieser Zufall so heftig in mein Leben gehauen, dass es auseinanderflog. Ich konnte dabei zusehen, denn diese Explosion vollzog sich in Zeitlupe und erstreckte sich über mehrere Jahre. Dabei geriet ich immer tiefer ins Unglück.

Zuletzt bei meinem Umzug nach Hannover, als mir schien, die Fahrt wäre glücklich verlaufen, passierte es erneut. Als ich den Mietwagen zurückbringen wollte, fuhr ich an einer Engstelle auf der Königsworther Straße einen Außenspiegel ab. Ich hatte den Knall freilich unbedacht herbeigepfiffen, indem ich am Morgen gesagt hatte: „Ich wollt‘, es gäbe einen Knall, und der Umzug wäre getan.“ So bekam ich in eiskalter Nacht mit der Hannoverschen Polizei zu tun. Die Folgen waren jedoch recht glimpflich, abgesehen von der Tatsache, dass ich wirklich nicht viel Zeit verloren hatte, mich polizeilich in Hannover anzumelden.

Während der ICE in den Hannoverschen Hauptbahnhof rollte, ging mir durch den Kopf, ich hätte just den ägyptischen Sonnengott beleidigt und müsste jetzt seine Rache fürchten. Trotzdem ging ich durch einen Nebenausgang des Bahnhofs nach draußen, um zu rauchen. Meine U-Bahn sollte erst 15 Minuten später kommen. Vor der Tür standen vier junge Leute und rauchten ebenfalls, zwei Männer, zwei Frauen. Ihrer Kleidung nach waren sie geschäftlich unterwegs. Dem Reden nach kannten sie einander nur flüchtig. Eine Frau ganz in schwarz sagte, sie werde sich das Rauchen abgewöhnen, wenn sie irgendwann einmal heirate, und schob nach:

„“Wenn ich im Standesamt sitze, höre ich auf zu heiraten.““

In heiterer Stimmung stieg ich aus der Bahn, meine Wohnung empfing mich freundlich, aus meinem E-Mail-Programm purzelten erfreuliche Botschaften und auch die von Coster. Gegen zwei Uhr in der Nacht legte ich mich ins Bett und war der Meinung, meine pataphysische Forschungsreise sei nicht nur erfolgreich gewesen, sondern auch ohne nennenswerte Zwischenfälle verlaufen. Sollte der ägyptische Sonnengott, dessen Namen ich vorsichtshalber jetzt nicht erwähne, sollte er einen Groll auf mich gehabt haben, so hatte er mich offenbar nicht gefunden. Im selben Augenblick gab mein Bett Geräusche. Obwohl ich mich nicht bewegte, begann es mehr und mehr zu knarren. Das Knarren ging in ein Knarzen über, dem Geräusch von brechendem Holz. Dann eine Sekunde des Verharrens, und indem ich aufatmete, brach mein Bett ein. Die Matratze sackte unter mir nach unten und blieb dann in der Schwebe.

Ich machte Licht, stand auf und betrachtete den Schaden. Dazu musste ich das Bettzeug ausräumen und die Matratze hochstellen. Unter der Mitte meines Bettes hatten sich zwei breite Stützen befunden. Beide waren abgebrochen und hatten mir damit einen leisen Schrecken eingejagt. Da musste ich schmunzeln. Offenbar war die verderbliche Anweisung des ägyptischen Sonnengottes nicht unterschrieben gewesen, so dass sein Befehl nicht ordentlich ausgeführt worden war. Und ich ahne auch, wer es verhindert hat, als er selbst die Sache nicht überwachen konnte, weil er bekanntlich bei Nacht nicht da ist.

Da ich nicht mitten in der Nacht zu tischlern anfangen wollte, schob ich einen alten Setzkasten mitten unter mein Bett und erhöhte ihn durch zwei Versandhauskataloge und die beiden abgebrochenen Bretter. Das hält, und ich schlief ziemlich gut auf dem Relikt der Schwarzen Kunst, den tausendfachen Verheißungen der Kataloge und zwei stabilen Stützbrettern.

Was zuvor geschah und wie der Sonnengott beleidigt wird: Gina Regina.

Doofes Laub und was man dagegen machen kann

kategorie alltagsethnologieHeute traf ich mehrere Arbeiter der Stadtreinigung mit Laubbläsern. Es waren neue Geräte, denn beinah wurden sie durch den Verkehrslärm übertönt. Ich habe einen der Männer zur Rede gestellt, was er sich dabei dachte, seine Arbeitszeit und meine Steuergelder mit einem wirkungslosen Gerät zu vertändeln.
„Ihr Laubbläser hat ja höchstens 120 Db“, habe ich gesagt und: „Das ist für hannöversches Laub doch gar nichts. Schließlich ist es in der lautesten Stadt Deutschlands aufgewachsen und jetzt im welken Alter längst taub. Ihr Spielzeug-Laubbläser kommt gegen diese Laubtaubheit nicht an. Er ist viel zu schwach. Da kann das tückische Laub sich doof stellen.“

„Hören Sie!“, sagte, rief, schrie, brüllte der Mann und übertönte spielend seinen Laubbläser im Leerlauf. „Hören Sie, Ihre Einwände sind durchaus berechtigt! Doch verantwortlich für die Anschaffung des viel zu leisen Geräts bin ich nicht. Meine Vorgesetzten haben es mir einfach auf den Buckel geschnallt! ‚Was soll ich damit?‘, habe ich gesagt! ‚Das Gerät bewirkt doch nichts. Es ist ja kaum lauter als ein Bus.‘ Und wissen Sie, was mein Chef gesagt hat?!“

„Woher denn?! Ich kenne Ihren Chef nicht mal!“

„Danke, danke, Herr Doktor, Herr Professor“ – Schnapsschuss: JvdL

„Er sagte, die Laubbläser mit den Düsentriebwerken seien einfach zu teuer im Verbrauch. 120 Db müssten reichen!“

„Wenn das so ist, dann bitte ich um früheres Anfangen mit der Laubbläserei, möglichst schon um vier Uhr, um die Leistungsschwäche Ihres Bläsers zu kompensieren. Wenns noch leise in der Stadt ist, hört das Laub besser und wagt es nicht länger, faul rumzuliegen. Nur, wenn es sich bequem auf einen weichen Hundehaufen gebettet hat, lassen sie es besser ruhen, wegen des Glücksfaktors, verstehen Sie?!“

„Donnerwetter, Sie kennen sich aus! Vielen Dank für Ihre hilfreichen Bemerkungen, Herr Doktor. Ich schätze mich glücklich, in Ihnen einen versierten Experten der professionellen Laubbläserei getroffen zu haben, Herr Professor!“
„Gerne! Man hilft, wo man kann.“

Von Männern, die im Weg rumstehen

kategorie surrealer-AlltagSeit langem habe ich einen Buchtitel im Kopf. Möglicherweise wäre es auch ein guter Bandname: „Männer, die im Weg rumstehen.“ Achtlos Laufwege zuzustellen ist Männersache. Gestern stand einer an der Straßenbahnbaustelle am Küchengarten und gaffte, stand mitten in der Engstelle eines viel benutzten Überwegs. Linke Spur für Radfahrer, rechte für Fußgänger. Er stand uns Radfahrern im Weg und tappte dann plötzlich los, natürlich weiter auf dem Fahrradweg. Ich konnte ihn gerade noch umkurven, ohne eine Radfahrerin anzurempeln und schimpfte: „Guck, wo du läufst, Tünnes!“ Ja, das war sehr ungehalten.

Leider bekam er ab, was der Summe aller im Weg stehenden Männer gilt. Sowieso hätte ich besser rechtzeitig geklingelt. Aber jetzt schon länger her, da ist hoch von einer Fensterbank des Nebenhauses ein Blumenkasten herab gedonnert und zerschellt. Überall im Hof lagen hellbraune Plastiksplitter, Erde und kümmerliche Pflanzen. Der Kasten hatte vermutlich meinen Fahrradlenker getroffen und mir die Klingel von der Halterung gerissen. Ich fand sie in der Blumenerde, hob sie auf und bevor ich sie wegwarf, betrauerte ich sie, das heißt, ich widmete ihr einige Gedanken. Wenn man im Zirkus vorführen wollte, mit einem Blumenkasten aus großer Höhe eine Fahrradklingel vom Lenker zu schmettern, müsste man sehr lange üben. Ob das aber einer sehen, sogar Eintritt dafür bezahlen wollte? Ich jedenfalls nicht.

Das Wort „Klingel“ ist übrigens onomatopoetisch, auf Deutsch lautmalend. Das Wort ahmt den Klang nach. In dem Suffix –el hört man förmlich die in der Klingel anschlagenden beiden Klöppel. Meine Klingel machte allerdings nur „Ping“, ähnlich wie die Schreibmaschinenzeilenendeglocke, nur war der Klang meiner Klingel reiner. Eigentlich war sie demnach keine Klingel, sondern eine Pinge. So eine Pinge hatte ich mal am Fahrrad, bevor der Sturm den nachbarlichen Blumenkasten in unseren Hof fegte. Gefegt wurde der Hof danach nicht. Nachfolgender Regen hat die Blumenerde zum Teil fortgeschwemmt. Ein Rest liegt noch da wie ein kleiner Wall. Auf seiner Kuppe sprießen schon die Birken. Wenn ich mein Fahrrad vom Hof hole, muss ich es bald durch einen Birkenhain schieben. Ich würde mich nicht wundern, wenn dann so ein gaffender Tünnes im Weg stünde. Und ich hab‘ keine Klingel.

Einmal drum herum und wieder nach Hause

kategorie alltagsethnologieDie schönsten Ausflüge beginnen nicht als Ausflug. Ich fahre los, um nahe beim Landtag ein absurdes Wahlplakat der FDP zu fotografieren, über das ich schreiben will. Es war aber schon abgebaut. Man soll sowieso nicht auf jemanden eintreten, der schon am Boden liegt, tröstete ich mich und lenke mein Rad hinunter zum Weg, der stromaufwärts an der Leine entlang führt. Das Wort „stromaufwärts“ täuscht, denn die Leine strömt hier nicht. Weiter südlich wird ein Großteil ihres Wassers über den Schnellen Graben in den Bach Ihme abgeleitet, wodurch die Ihme schlagartig zum Fluss wird. Was der Leine noch an Wasser bleibt, lässt sie zahm und träge erscheinen. Heute scheint sie sich kaum bewegen zu wollen, als hätte die Hitze des frühen Nachmittags sie gelähmt. Zwischen Büschen und Bäumen blinkt schwarz ihre kaum bewegte Wasseroberfläche. Einige Blätter schwimmen obenauf, liegen beinahe unbewegt. Da beginnen sie zu schaukeln. Ein Paddler pflügt mit seinem Kanu den Wasserspiegel. Ich beneide ihn nicht. Mich kühlt wenigstens der Fahrtwind. Ich fahre rasch, genieße das Knirschen und Britzeln, das Wegspringen der Steinchen des harten Wegs unter den prall aufgepumpten Reifen meines Fahrrads. Wo die Leine scharf nach rechts abknickt, teilt sich der Weg. Nach links geht es über eine Brücke, dann auf einen asphaltierten Fahrradweg Richtung Maschsee. Im Café an der Ecke brennt bereits eine Kette mit Glühbirnen. Es liegt komplett im Schatten der Bäume, die das Ufer der Leine säumen. Die tiefstehende Sonne ist greller zu dieser Jahreszeit, die Schatten sind schwärzer, fast zu schwarz für meine Sonnenbrille. Beim raschen Wechsel von Licht und Schatten, fahre ich öfters wie blind, einfach auf Verdacht und im Vertrauen auf glückliche Umstände. Schon blinkt silbrig vor mir der prächtige Maschsee.

Der Maschsee aus Südwest - Foto JvdL

Der Maschsee aus Südwest – Foto JvdL

Obwohl er beinah mitten in der Stadt liegt, ist er kein Tümpel. No, Sir! Ich will ihn im Uhrzeigersinn umrunden. Das ist eine Strecke von sechs Kilometern. Meist habe ich den Weg gegen den Uhrzeigersinn genommen. Der ist natürlich nicht kürzer. Man fährt halt nur linksrum, weil es einer natürliche Neigung des Menschen entspringt. Auch wer sich verirrt, läuft intuitiv links rum, angeblich weil er seinem Herzschlag folgt. Den spürt man links, aber das Herz liegt in der Mitte. Also kann ich mich frei entscheiden. Ich überquere den Kurt-Schwitters-Platz und fahre erst mal geradeaus. Linker Hand thront auf einer Anhöhe das Sprengelmuseum. Es beherbergt eine beachtliche Schwitters-Sammlung, weshalb man die verkehrsreiche Kreuzung zum Platz erklärt hat. Die Wahrheit ist: Hannover hat keinen richtigen Platz für Schwitters.

„Das Museum thront, beherbergt“, man verzeihe mir die Phrasen. Das ist Schreiben ohne Denken. Aber ich bin so herrlich denkfaul, während ich durch die Allee am See entlang rolle. Alle Bänke stehen noch in der prallen Sonne. Weiter südlich finde ich eine freie Bank im Schatten. Ich blättere in einem Büchlein und muss leise lachen über eine fiktive Goethe-Anekdote von Eckhard Henscheid:

aus: Geh mir aus der Sonne, Stuttgart 2001

aus: Geh mir aus der Sonne, Stuttgart 2001

Mir wird es auf der Bank zu laut. Hinter mir rollt der Berufsverkehr. Ich breche auf und nehme mir vor, auf der ruhigen Seite des Sees zu pausieren. Es gibt da eine Bucht, von der aus sich einem der See in voller Größe präsentiert. Hier sitze ich eine Weile, rolle dann zum Biergarten am Nordufer. Dort stehen am Weg drei lange Bänke. Links von mir sitzt eine schöne Frau mit Brille, die auf Polnisch telefoniert. Dann liest sie ein Buch. Nach einer Weile stelle ich fest, dass sie sich halblaut vorliest. Faszinierend. Ich spiele mit dem Gedanken, sie deswegen anzusprechen, lasse es aber. Zu erklären, was ich daran faszinierend finde, wäre zu mühsam. Am Ende strenge ich mich an, und sie versteht mich gar nicht, sondern glaubt an eine schräge Anmache. Es ist ein guter Ort hier unter den Bäumen mit Blick auf Biergarten, den See und seine Fontäne, hinter mir die zahme Leine, kein Platz für Komplikationen. Außerdem hätte sie Recht. Säße da ein alter Pole und würde vor sich her brabbeln, käme ich überhaupt nicht auf die Idee zu erklären, dass es die Mönche nicht anders gemacht hätten. Die frühmittelalterlichen Skriptorien waren erfüllt vom leisen Murmeln der Mönche. Von Johannes von Gorze einem besonders frommen Mönch wird berichtet, dass er so eifrig die Psalmen rezitierte, dass es einem Bienensummen glich. Das leise Lesen kam erst auf, als im 8. Jahrhundert der Wortzwischenraum eingeführt wurde. Sollte die Schöne etwa ein Buch ohne Wortzwischenraum haben? Wie sie aufsteht, um hinüber zum Biergarten zu gehen, wo sie mit einem älteren Paar zusammentrifft, fahre ich nach Hause. Ach, war das eine schöne Ausfahrt. Ich hoffe, die örtliche FDP verlangt keine Vergnügungssteuer von mir.