Abfallwirtschaft, Nichtorte und prollige Regungen

Als Hannoveraner Neubürger bekam ich bei der Anmeldung ein Begrüßungspaket geschenkt. Das enthielt eine Hochglanzbroschüre vom „Zweckverband Abfallwirtschaft Region Hannover“ (aha), eine Rolle gelber Säcke vom Dualen System und einen Abfallabholkalender. Da wusste ich sofort, in Hannover wird Müll geschätzt. Man kriegt ihn gleich zur Begrüßung. Damals war das Entsorgen von sperrigen Verpackungen, Elektroschrott und dergleichen ganz leicht. Ich schleppte den Müll einfach die Straße entlang, überquerte die Davenstedter Straße und hatte schon vor mir den aha-Betriebshof mit diversen Containern, deren Mäuler hungrig geöffnet waren. Wo ich früher den Müll entsorgt habe, darf ich heute nur noch meine Wählerstimme abgegeben. Was das über den Wert meiner Wahlentscheidung sagt, wäre zu reflektieren. Anfangs war das Wahllokal in einer kleinen Baracke. Sie wurde vor einigen Jahren durch ein neues Bürogebäude der Abfallwirtschaft ersetzt, wo ich immer noch wählen darf, die Container sind aber weg. Sie stehen jetzt irgendwo weit draußen hinter dem Lindener Hafen. Auch die Glascontainer in meiner Nachbarschaft wurden abgebaut und benutzerfreundlich weiter draußen aufgestellt.

Bei schönstem Oktoberwetter habe ich mir leere Weinflaschen in einen alten Rucksack gepackt und bin in lauer Luft und mit leichtem Rückenwind zweimal zu den Containern geradelt, um Glas loszuwerden. Die Container stehen auf einem großen Platz hinter Getränkemarkt und einem Betten- und Sofa-Outlet. Es gibt Fahrstraßen zu deren Rückfronten, zudem weiter hinten einen schmucklosen mehrstöckigen Gebäudeklotz gegenüber den Verladerampen eines Schuhdiscounters und eines Supermarktes, in denen vielleicht verhuschte Menschen dubiosen Beschäftigungen nachgehen. Das trostlose Gebäude mit seinen beinah erblindeten Fenstern könnte aber auch leer stehen, und nur einer vom Wachdienst kommt ab und zu her und scheucht mit seiner Taschenlampe ein paar Kakerlaken auf. Die ganze Szenerie ist ein typischer Nichtort, eine soziale Brache, im hellen Sonnenlicht zwar befremdlich, aber niemand bei Trost würde sich nach Einbruch der Dunkelheit hinbegeben. Surreal war auch die stämmige Frau, die neue Matratzen auf einem Hubwagen aufgestapelt hatte und ins rückwärtige Gebäude fuhr. In dieser Ladezone lehnten noch in Folie gehüllte Matratzen abwartend an einem Container. An diesem Nichtort scheint es mir fast legitim, herumlungernde Matratzen zu klauen, ja, würden sie hübsch drapiert im Verkaufsraum liegen und hätten ein heischendes Preisschild, wäre es was anderes.

Ich rolle im Bogen über den Platz und halte bei den drei Containern der Kleidersammlung, um den Glassplittern zu entgehen, die weiträumig vor der langen Reihe der Glascontainer liegen. Nichtorte locken asoziale Neigungen hervor. Vor dem Container für Grünglas hat jemand einen Haufen Kinderbücher entsorgt. Warum? Plötzlich kein Kind mehr im Haus? Wurde ein Leseverbot verhängt oder Schlimmeres? „Wenn du nicht brav bist, werfen wir deine liebsten Bücher zum Altglas!“

Ein Buch lacht mich an: Edgar Allan Poe „Der Goldkäfer und andere phantastische Geschichten.“ Ich besitze die 10-bändige Poe-Gesamtausgabe im Schuber, übersetzt von Hans Wollschläger und Arno Schmidt. Trotzdem nehme ich das Buch mit, weil es eine gebundene Ausgabe ist und zu schade für den Müll. Sie stammt vom Kinderbuchverlag Berlin. Das Buch ist also eine DDR-Produktion. Das Inhaltsverzeichnis finde ich nach langem Suchen ganz hinten*, ich kann also nicht auf Anhieb sehen, welche Texte von Poe man in der DDR für Kinderliteratur gehalten hat. Hinten hat das Buch ein Glossar, in dem Begriffe erklärt werden, die ein Kind vermutlich nicht kennt. Wir haben es mit einem didaktischen Werk zu tun. Hier wird über spannende Erzählungen Allgemeinwissen vermittelt. Mit einem solchen Glossar wird Poe zum Lehrmeister. Es war nicht alles schlecht in der DDR. Um die Qualität der Übersetzung zu vergleichen, habe ich jeweils die erste Seite der bekannten Erzählung „The Fall of the House of Usher“ gescannt, Wollschläger/Schmidt versus ungenannter DDR-Übersetzer. Eingangs der Originaltext [mit Dank an Feldlilie für den Nachweis].


*) Über die blöde Attitüde, das Inhaltsverzeichnis an den Schluss eines Buches zu setzten, möchte ich mich mal aufregen. Meine zehnbändige Poe-Gesamtausgabe hat auch das Inhaltsverzeichnis hinten im 10. Band. Das ist disfunktional und vielleicht von den Papyrusrollen der Antike ohne Sinn und Verstand übernommen worden. Papyrusrollen hatten Titel und Inhaltsverzeichnis sinnvoller Weise am Schluss, denn der Leser fand die Buchrollen immer bis zum Schluss gerollt vor. Aber im Buch ist das großer Blödsinn, meine Damen und Herren Verleger! In der sozialen Brache hätte ich gute Lust, ein paar Watschen zu verteilen. Aber ich mache es natürlich nicht, denn sitze inzwischen wieder manierlich zu Hause.

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Besser als Karaoke

Mein lieber Herr Gesangsverein! Letzte Nacht habe ich doch tatsächlich einige Stunden im Bürostuhl geschlafen! Das kam so: Die Treffen des Hannover-Cünstler-Kollektivs (HaCK) verschieben sich wie die Gezeiten. Anfangs haben wir uns dienstags getroffen, denn mittwochs, dann wegen Filipe nur noch donnerstags, was nicht bedeutet, dass er seither öfter kommt als sonst. Obwohl er uns höchst selten mit seiner Anwesenheit beehrt, hat er bei den Kellnerinnen des Leinau3 nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Seine exotischen Getränkewünsche sind berüchtigt, weshalb er als einziger von uns je in die Getränkekarte geschaut hat. Er liest stundenlang darin herum, um dann einen Kakao zu bestellen. Herr Leisetöne, der die Termine unserer HaCK-Treffen macht, hatte diesmal für Freitag eingeladen, weil sie mich um 23 Uhr in ein berüchtigtes Karaokelokal schleppen wollten, der reiferen Frauen wegen, die man dort antreffen kann. Mir war morgens schon mulmig gewesen, denn ich hatte quasi versehentlich zugesagt, seine diesbezügliche SMS ohne Lesebrille gelesen, also nicht gelesen, sondern nur auf verschwommene Buchstaben hin mein „Okay“ geschickt.

Wir saßen gesellig zu Fünft im Raucherbereich auf der ersten Etage, das Kölsch aus unserem Elferkranz schmeckte wieder vorzüglich, als die attraktive Wirtin zu uns kam. Sie setzte sich vertraulich zu mir und ließ sich von mir helfen, den Text im Teestübchen aufzufinden, in dem ich sie letztens wieder erwähnt hatte. Eine Kellnerin und ihr kurz nach dem Rechten schauender Freund mussten bestätigen, dass sie drei Stunden vergeblich auf ihrem Smartphone nach diesem Text gesucht hatte. Über die Suchfunktion fanden wir den Text, und vor Freude herzte und küsste sie mich ausgiebig, wodurch der Abend aus meiner Sicht bereits gelungen war. Meinetwegen können andere mit ihren Texten Preise gewinnen oder sich von Lohnschreibern im Feuilleton beklatschen lassen, mein Preis war ihre herzliche Zuneigung. Das unmittelbar Zwischenmenschliche ist doch noch immer der schönste Lohn, natürlich dichtgefolgt vom mittelbar Zwischenmenschlichen beim interaktiven Schreiben und Lesen in der Blogosphäre. Die Sympathie der Wirtin strahlte auf unsere ganze Runde. Sie blieb eine Weile bei uns, sagte, wenn es heiße „der Gast ist König“, dann komme den Gästen dieses Privileg nicht automatisch zu. Sie müssten sich auch entsprechend verhalten. Wir aber dürften uns mit Fug und Recht Könige nennen, und spendierte einen neuen Elferkranz.

Da ich vorher schon einige Kölsch getrunken, dann bei zwei Elferkränzen kräftig zugelangt hatte, war ich gerade so hübsch angeschickert, wie es ausreicht, im Bürostuhl einzuschlafen. Die Lücke im Text bitte ich zu entschuldigen, denn von unserem Abschied und meiner Heimfahrt mit dem Rad weiß ich nicht mehr viel. Jedenfalls fand ich mich in aufgekratzter Stimmung in meinem Bürostuhl und sah mir in der Mediathek die Heute-Show an, die ich am Abend verpasst hatte. Als ich erwachte, war der Bildschirm dunkel und mein Rechner in den Schlafmodus gefallen. Ich suchte mein Bett auf und schlief wie ein Prinz.

Man sollte viel öfter über Wirtinnen schreiben.

Schuld war nur der Plastikeimer – Wie es mich von Aachen nach Hannover verschlug

Ich habe noch nie von einem Wasserfall geträumt. No, Sir. Doch eines Nachts so gegen Morgen, da plätscherte es in meine süßesten Träume, dass ich schon dachte: Endlich ist es soweit, mein erster geträumter Wasserfall! Da lief ich hin, denn ich wollte sehen, wie hoch der Sturzbach war. Er kam aus gut vier Metern Höhe herab, – und zwar hauptsächlich von der Zimmerdecke im Nebenraum. Und ich schlief auch nicht, sondern torkelte umher, als wäre ich just aus dem Tiefschlaf gerissen worden, in dem man bekanntlich gar nicht träumt.

Da traf es sich gut, dass ich im Nu durchnässt war, denn nichts weckt die Lebensgeister besser als eine kalte Dusche. Weil das Wasser leicht getrübt war, blieb ich nicht darunter stehen, sondern holte einen Eimer, um das kostbare Nass aufzufangen. Dann eilte ich die Treppe hinauf zu meinem Obernachbarn, klopfte und klingelte, hörte ein Grunzen und dann nichts mehr, klopfte und klingelte, rief durch die Tür. Auf ein neuerliches Grunzen konnte ich nicht mehr warten. Unten lief gerade der Eimer über. Ach, und wo war die Telefonnummer der Hausbesitzer? Der nässende Obernachbar war nämlich ihr Sohn, und sie würden eventuell wissen, was man tun muss, um ihn wach zu kriegen. Ich konnte die rettende Telefonnummer nicht finden, zumal ich dauernd Eimer ausgießen musste. Derweil der Sturzbach in einen zweiten Eimer pladderte, lief ich wieder hoch, und auf mein Klopfen öffnete nicht der grunzende Sohn, sondern sein Freund und Türnachbar nebenan. Er reichte mir sein Telefon mit der gewählten Nummer und holte eine Wanne, derweil ich Frau Hausbesitzerin alarmierte. Sie war nicht wirklich erfreut, versprach bald zu kommen und sagte, ich solle den Haupthahn schließen.
„Ja, wo ist denn der?“
„Sie haben einen in der Wohnung!“
„Ach, ich kann mit meinem Haupthahn das Wasser von oben stoppen?“
Das ist ja nicht völlig absurd, denn mit dem Haupthahn im Keller kann man sogar das Wasser der Dachetage abdrehen. Sie beschrieb mir, wo ich diesen Oberhaupthahn finden könnte, und er ließ sich auch tatsächlich schließen, was meinen Sturzbach allerdings nicht kümmerte. Es triefte und pladderte noch eine halbe Stunde weiter.

Von der 1. Etage dieses Hauses wurde ich durch einen versoffenen Studenten und seinen Eimer vertrieben – Foto: JvdL

Die Hausbesitzerin trat ein und beguckte sich die nasse Zimmerdecke. Sie holte eine Trittleiter und riss die nassen Rauhfaserbahnen herunter, was mir das Zimmer schön dekorierte, denn die Placken abgeplatzter Farbe schwammen hübsch über die Dielen. Draußen stand der verkaterte Sohn und guckte zu. Er bewegte sich erst, als ich provozierend sagte: „Und Mama macht den Dreck weg.“ Da zischte sie ihm etwas zu, worauf er sich bequemte und zu wischen begann. Später fragte ich ihn, was passiert sei, und er sagte, dass er im Rausch einen Eimer in die laufende Dusche gestellt habe. Am Nachmittag rollten Hausbesitzers zwei Raumentfeuchter in Kühlschrankgröße in meine Wohnung, deren Lärm mir in erster Linie die Energie absaugte. Mir war klar, dass ich die nächsten Wochen nicht in der Wohnung würde leben können.

Zu jener Zeit pendelte ich schon ein halbes Jahr zu einer Liebschaft in Hannover. Also fuhr ich jetzt für zwei Wochen hin, derweil Hausbesitzers meine Wohnung renovieren wollten. Die Frau organisierte für das nächste Wochenende acht Besichtigungstermine. Und bald darauf war mein Umzug nach Hannover perfekt. Rückblickend ist der Eimer, der mich aus Aachen vertrieb, übrigens klein und blassrosa.

Man könnte sagen, dass ich vor nun zehn Jahren meine Heimat leichtfertig verlassen habe – von den freundlichen Rheinländern zu den stieseligen Niedersachsen. Das ist wahr, allerdings reizte mich das Abenteuer, eine neue Stadt kennen zu lernen, die Stadt, in der Kurt Schwitters gelebt hatte. Außerdem war ich die Pendelei leid und konnte, wenn ich zu Gast in Hannover war, nicht schreiben. Selbst nach meiner Heimkehr dauerte es gut drei Tage, bis es wieder ging. Zudem war die Aachener Innenstadt voller schmerzlicher Erinnerungen für mich, und die hoffte ich, hinter mir zu lassen.

Allgemeine und spezielle Bemerkungen über Zugreisen

Bevor die schreckliche Plage Hartmut Mehdorn mit unausgegorenen Börsenplänen über die Deutsche Bahn gekommen ist und sie kaputt gespart hat, gab es eine tägliche IC-Verbindung Aachen – Berlin. Ich erinnere mich an eine Fahrt von Aachen aus, die statt über Hannover über Hildesheim umgeleitet wurde und ich wunderte mich, denn Hildesheim hatte ich irgendwo in Süddeutschland vermutet. Der Zug hatte enorme Verspätung. Ein grimmiger junger Mann mit verdächtigem Aktenkoffer beleidigte darum die Zugbegleiterin aufs Übelste und zeterte, er müsse unbedingt dann und dann in Berlin sein. Ich ergänzte seine wütend hervorgestoßene Tirade meinem Reisegefährten: „Er muss da nämlich pünktlich einen erschießen.“ Das Opfer hat überlebt – dank Deutsche Bahn.

Freitags gibt es eine direkte IC-Verbindung Hannover – Aachen. Drum stieg ich letzten Freitag um 8:56 Uhr frohgemut in den Zug und genoss die Aussicht, nicht in Köln umsteigen zu müssen, diesem Bahnhof, der stets so überlaufen ist, dass man denken könnte, die halbe Welt hat kein Zuhause. Das schlimmste ist jedoch der Lärm in der Bahnhofshalle. Zwischen dem Dröhnen wartender ICE, dem Getöse an- und abfahrender Züge ist immer mal wieder eine komplett unverständliche Durchsage zu hören, die vermutlich vom bahneigenen Lärmdirigenten nur eingestreut wird, um die infernalische Kakophonie durch die Obertöne heller Frauenstimmen anzureichern.

In Köln stiegen viele Reisende aus, aber kaum welche zu, denn Berufspendler dürfen den IC nicht nehmen. Offenbar hatte es aber einen Personalwechsel gegeben. Ein gutgelaunter Rheinländer begrüßte per Durchsage die Fahrgäste „im IC der Deutschen Bahn zur Weiterfahrt nach Aachen. Unser nächster Halt ist der Weltbahnhof Düren.“ Da mussten die verbliebenen Mitreisenden schon lachen. Düren kennen Eingeweihte als Kaff, wo man nicht tot überm Zaun hängen möchte. Dann eine erneute Durchsage: „Wenn Sie Fragen oder Probleme haben, kommen Sie in Wagen fünf. Da sitze ich nämlich“, kurze Pause, „aber nur bei Problemen.“ Nachdem wir den Weltbahnhof hinter uns gelassen hatten, näherten wir uns Aachen, und der Zugbegleiter, der nach Meinung einer jungen Frau wohl einen Clown gefrühstückt hatte, sagte:

„Meine Damen und Herren, in wenigen Minuten erreichen wir Aachen Hauptbahnhof. Unser Zug endet dort. Bitte denken Sie daran, beim Verlassen des Zuges Gepäckstücke und Kinder mitzunehmen.“

Sagt die junge Frau zu ihrer Mutter: „Da bekommt man doch gleich gute Laune.“ Oja, schön ists im Rheinland. Vor Aachen saust der Zug noch durch den Nirmer Tunnel.
Ein Kollege erzählte am Abend, sein alter Lateinlehrer habe immer gesagt: „Hinter dem Nirmer Tunnel beginnt die eurasische Steppe“, also von Aachen aus gesehen. Ein anderer Kollege nannte mich „liebe Jong.“
„Das hat schon lange niemand zu mir gesagt.“
„Wenn du auch so selten nach Aachen kommst.“

„Liebe Jong“ wäre ich auch diesseits des Nirmer Tunnels. Für mich beginnt die eurasische Steppe auf der rechten Rheinseite, „op de schäl Sick“ wie der Kölner sagt. Sobald mein Zug von der schäl Sick über die Hohenzollernbrücke auf die linke Rheinseite rollt, fühle ich mich zu Hause. Und das, obwohl ich doch schon 12 Jahre in Hannover lebe. Die Rückfahrt ist dann immer ein wenig befremdlich. In den dreieinhalb Stunden von Köln bis Hannover muss ich ein anderer werden, was sich auch zeigt in der Namensänderung. In der eurasischen Steppe kennt mich kaum jemand mit meinem richtigen Namen, sondern nur mit dem, der ich auch im Internet bin. Schon seltsam. Dabei habe ich die Frau, deretwegen ich hergezogen bin, nicht mal geliebt. Bei der Rückfahrt stieg übrigens im Weltbahnhof Düren eine Horde junger Frauen zu. Zwei unterhielten sich über ihre deutlich älteren Männer. 13 Jahre älter war der Freund der einen. Sie sagte altklug: „Das Problem bei älteren Männern ist … du kannst sie nicht mehr erziehen.“ Ja, vielen Dank. Das ist genau der Fehler, Fräulein. Dass ich mich nicht erziehen lassen wollte, daran ist auch die Beziehung gescheitert, deretwegen ich in Hannover gestrandet bin. Kann es überhaupt ein vernünftiges Ziel sein, den oder die BeziehungspartnerIn erziehen zu wollen? Das klappt doch nicht mal in der Weltstadt Düren.

Zwitschern, Zirpen, Flöten, Gurren, Buchstabieren – Der Merzkünstler Kurt Schwitters und sein Werk

Irgendwann in den 1950-er Jahren, ich war noch sehr klein und spielte in unserer Wohnküche, derweil das Radio lief. Plötzlich horchte ich auf, denn aus dem Radiolautsprecher kamen höchst merkwürdige Töne, menschliche Laute ohne Sinn, aber melodisch. Vermutlich war es die „Ursonate“, vorgetragen von Kurt Schwitters. Erst 20 Jahre später im Kunststudium bin ich dem phänomenalen Werk wieder begegnet. Die einzig existierende Originalaufnahme, von Schwitters selbst intoniert, wurde heute vor 86 Jahren, am 5. Mai 1932 in Stuttgart von der Reichsrundfunkgesellschaft aufgezeichnet. Der Hannoveraner Dadaist Kurt Schwitters ist seit Januar 70 Jahre tot, aber durch Kollegin Karfunkelfees Kommentar zu meinem Eintrag über Vogelgesang wurde ich wieder an ihn, seine Ursonate, die Stare und überhaupt an sein Werk erinnert.

Man weiß von Staren, dass einige das Zwitschern von Handys nachahmen. Ich habe bereits in den 1990-er Jahren von einem Dänen gelesen, der einen Star in seinem Garten auf den Namen Nokia getauft hatte, weil der Vogel das Handyklingeln täuschend echt imitieren konnte. Stare sind gelehrige Vögel, und sollten sie zufällig auf der norwegischen Insel Hjertøya leben, dann intonieren sie vielleicht immer noch die Ursonate von Kurt Schwitters. Schwitters lebte dort von 1933 bis 1936 in einer Hütte im Exil, wo er an seinem zweiten Merzbau arbeitete. Sein Freund, der elsässische Dadaist Hans Arp, berichtete einmal, wie er Schwitters auf der Insel Föhr erlebt hatte. „In der Krone einer alten Kiefer am Strande von Wyk auf Föhr hörte ich Schwitters jeden Morgen seine Lautsonate üben. Er zischte, sauste, zirpte, flötete, gurrte, buchstabierte.“

Möglicherweise hörten also die Stare von Hjertøya interessiert zu, wenn Schwitters so ganz für sich die Ursonate intonierte. Und eventuell gaben sie die neuen Laute von Generation zu Generation weiter. Jedenfalls staunte der Berliner Künstler Wolfgang Müller nicht schlecht, als er 2001 die Insel besuchte und von den Staren die Ursonate gezwitschert bekam. Er nahm sie auf Tonkassette auf und veröffentlichte später eine CD mit dem Titel: „Hausmusik – Stare aus Hjertøya singen Kurt Schwitters.“ Müller bekam damals Urheberrechtsprobleme mit den Rechteverwaltern der Schwitters-Erben. Sie sind ungefähr so freundlich wie die Disney-Erben, die ja auch jede kleine Schülerzeitung abmahnen, die einmal einen Donald abdruckt. Doch am Ende ließ man Müller gewähren, denn es war juristisch zweifelhaft, ob man den Staren verbieten kann, eine CD herauszubringen, worauf sie Schwitters imitieren. Müllers Aktion war jedenfalls durchaus verdienstvoll. Auf diese Weise geriet ja nicht nur er, sondern auch Kurt Schwitters wieder in die Presse. Denn gemeinhin kennt und schätzt man Schwitters im Ausland mehr als bei uns.

Vor nun zehn Jahren bin ich von Aachen nach Hannover gezogen, einer Beziehung wegen, aber es reizte mich auch, in der Stadt zu leben, in der Kurt Schwitters gelebt und gearbeitet hat. In den 1990-er Jahren, als ich noch Tagebuch schrieb, habe ich es gemacht wie Schwitters, wenn ich durch die Stadt bummelte, nur war ich dabei nicht so konsequent wie er. Schwitters hob ständig Papierobjekte von der Straße auf, sammelte so gut wie alles, was ihm in die Finger kam. Vieles davon verarbeitete er in seinen Collagen und Assemblagen. Größere Objekte fanden ihren Platz in seinem berühmten Merzbau.

Anfangs hieß die Skulptur „Kathedrale des erotischen Elends.“ Da stand sie noch auf einem Sockel. Schwitters war verheiratet, und man kann sich denken, warum die Skulptur so hieß. Wer bei Schwitters zu Besuch war, musste irgend etwas von sich dalassen. Schwitters richtete beleuchtete Kammern für die Objekte ein. Es befand sich auch ein Fläschchen Urin darunter. Von wem diese Körperausscheidung stammte, weiß ich leider nicht mehr. Die Kathedrale wuchs, und irgendwann ließ Schwitters die Decke durchbrechen, damit sein Merzbau weiter wachsen konnte. Dann wuchs der Bau auch in einen Nebenraum. Später ließ Schwitters den gesamten Merzbau kubistisch verkleiden und weiß anstreichen. Teile davon waren begehbar. Leider existieren nur wenige Fotografien davon, denn der Merzbau ist bei einem Bombenangriff verbrannt. Im hannoverschen Sprengelmuseum gibt es einen Nachbau, auf der Grundlage von wenigen Fotografien. Man kann den Merzbau betreten. Er wird in Intervallen unterschiedlich beleuchtet. Das ist auf jeden Fall beeindruckend, obwohl der Bau kein Innenleben hat wie der echte. (Gif-Animation: JvdL)

Wenn eine Sprache in Wörterbüchern verzeichnet ist, sterben manche Wörter nicht völlig aus, sondern sind nur eine Weile scheintot. In den 50er Jahren galt das Wort Kommerz als ausgestorben. Der Duden verzeichnete es nicht mehr, denn es war nicht mehr im Gebrauch. Ende der 60er tauchte Kommerz wieder auf, und zwar in der Verbindung Kunst & Kommerz. Die deutsche Commerzbank trägt das Wort in ihrem Namen. Kurt Schwitters hat den Schriftzug der Commerzbank genommen, zerschnippelt und „merz“ in eine seiner Collagen eingebaut. So bekam seine Kunst ihren Namen. Er wirkt freundlich wie Schwitters selbst. Die Assoziation zu dem Wort März ist durchaus gewollt. Denn es steckt etwas von Frühling und Aufbruch in der Merzkunst. Es passt, dass Stare die Ursonate trällern.

Merz ist von der Anlage her keine Antikunst wie der Dadaismus. Schwitters hatte etwas anderes im Sinn: „Im übrigen wissen wir, daß wir den Begriff Kunst erst los werden müssen, um zur Kunst zu gelangen.“ Ihm ging es also um eine neue Form der Kunst. Das Material für die Merzkunst stammt aus dem Alltag. Da ist kein vorgefundener Fetzen zu gering. Er wird in Form gebracht und fügt sich ein in die Bildkomposition. Diese Collagetechnik wendet Schwitters auch auf die Laute an. Die Laute der menschlichen Sprache werden bei ihm zu Klangelementen ohne inhaltliche Bedeutung. Bei Youtube fand ich die Originalaufnahme der Ursonate, die Schwitters am heutigen 5. Mai vor 86 Jahren aufnahm.

Tretet dAdA rein!

Friederike, blas mich nach Bermuda!

Friederike ist die weibliche Form von Friedrich zu ahd. fridu=schutz; rich= mächtig. Unter Friederike stelle ich mir ein nahezu ätherisches Wesen vor, dessen liebliches Gemüt seine ganze Umgebung in ein mildes Licht zu tauchen beliebt. Wenn Friederike zürnt, was eigentlich nie vorkommt, aber wenn, dann fehlen ihr dazu mangels Übung einfach die Ausdrucksmittel.

Das Sturmtief Friederike ist weniger harmlos. Die Polizei in NRW, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen warnte am Nachmittag vor tieffliegenden Pendlern, die überdies schwer geladen seien, weil die Deutsche Bahn AG den Zugbetrieb eingestellt hat, obwohl diese Maßnahme absolut nachvollziehbar ist, angesichts Bildern von Flugzeugen im Landeanflug, die von Sturmböen zum Schwanken gebracht werden. Und wie man weiß, eifert die Deutsche Bahn seit Mehdorn dem Luftverkehr nach.

Sturmschäden auch im sonst so beständigen Teestübchen. Als Chefredakteur Julius Trittenheim anhub, eine saftige Polemik auf die Bahn zu verfassen, sind ihm alle behauchten Konsonanten einfach davongeflogen.

Seine Entscheidung, auf wirklich schwere Wörter auszuweichen wie Amboss, Anker, Bagger erwies sich als wenig hilfreich, einerseit, weil sich nur schwer eine Polemik auf die Bahn oder sonst ein sinnvoller Text außerhalb von Schmieden, schwerer See und Tiefbau damit schreiben lässt, andererseits weil auch diese dicken fetten Wörter einfach weggepustet wurden.

Selbst die allseits beliebten und geschätzten Vollpfosten boten nur unzureichenden Halt. Glücklicher Weise schläft jedes Unwetter, ja, jedes Wetter überhaupt vor Langeweile über Hannover ein, so auch die wütende Friederike, so dass zumindest dieser launige Beitrag fertiggestellt werden konnte, ohne auf Bleilettern zurückgreifen zu müssen. Wie die Deutsche Bahn Ag mitteilte, sollen Fernzüge bei Wetter künfig nur noch in Hannover fahren.

Kleine Lektion in Fremdschämen

Auf dem Dorf meiner Kindheit kannte ich den Sohn eines Gärtners, zwei Jahre älter als ich, Feltens Karl-Richard. Nach Abschluss der Volksschule besuchte Karl-Richard das Internat einer Landwirtschaftsschule irgendwo weit weg in Deutschland. Einmal zu Besuch im Dorf erklärte er uns erstaunten Kindern: „Mir spreche jo nit richtisch Deutsch, mir sare „isch.“ Ävver et heeß nit „isch“, et heeß: „Üs.“ Seine rheinische Zunge weigerte sich, hochdeutsch „ich“ zu sprechen. Auch neue Versuche brachten nur „üs, üs.“ Es war sehr ulkig, wie er darin scheiterte, seine sprachlichen Wurzeln zu verleugnen.
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