Der Abschleppdienst muss abgeschleppt werden

Im Winter 2013/2014 ist das russische Kreuzfahrt- und Forschungsschiff Akademik Shokalskiy in der antarktischen See mit 74 Personen an Bord im Eis eingeschlossen worden, dann fuhr sich der zur Rettung herbeigeeilte chinesische Eisbrecher Xue Long (Schneedrache) im Packeis fest, und auch der australische Eisbrecher Aurora Australis konnte nicht zu den Eingeschlossenen vordringen.

Im arktischen Wintereinbruch unserer Tage spielte sich vor meinen Fenstern eine ähnliche Kuriosität ab. Zugegeben wars weniger dramatisch. Beim Versuch, einen geparkten PKW aus dem Schnee zu befreien, hatte sich ein Abschleppwagen des ADAC selber festgefahren und versuchte gut eine halbe Stunde wegzukommen. Ich hörte seinen Motor und die durchdrehenden Räder für die Dauer meines Mittagsschlafes. Als ich danach ans Fenster trat, war ein weiterer Abschleppwagen vorgefahren und versuchte den Kollegen freizuschleppen.

Doch das wirklich Ulkige war eine Dreiergruppe, die sich eingefunden hatte: Ein Kamera-, ein Tonmann und was der dritte tat, konnte ich nicht sehen. Der Kameramann eilte jeweils den ADAC-Fahrern hinterher, die gewichtig zwischen den beiden Fahrzeugen hin- und hergingen, der Tonmann folgte, der andere auch, drei eifrige Leute vom Fernsehen umschwärmten die Situation, damit man heute Abend in den Nachrichten zeigen kann, wie der Wintereinbruch sogar den ADAC in Schwierigkeiten gebracht hat.

ADAC steckt im Schnee – Foto: JvdL – größer: Klicken!

Dass ich mir gestern in ungewohnten Winterschuhen blutige Blasen lief, wird nur hier berichtet. Das kam so: Normalerweise kann ich mit der Linie 9 der Überlandwerke und Straßenbahnen Hannover AG (ÜSTRA) aus einer Randgemeinde bis fast vor meine Haustür fahren. Doch am Nachmittag war der Schienenverkehr aus dem Vorort eingestellt. Da stapfte ich gut zwei Kilometer durch den Schnee zu einer Straßenbahnlinie, auf der noch Bahnen fuhren, teils als U-Bahnen. Dann versuchte ich in der U-Bahnstation der Innenstadt in die Linie 9 umzusteigen. Sie wurde über die elektronische Anzeige angekündigt. Die Minuten zählten herab auf Null, aber die Bahn kam nicht. Stattdessen verschwand sie aus der Anzeige und eine andere wurde angekündigt. Eine Frau fragte bei der Informationssäule an. Der ÜSTRA-Mitarbeiter am anderen Ende vernahm erstaunt die Botschaft, dass die Bahn nicht gekommen war, stellte dann fest, dass er sie ebenfalls nicht mehr in seinem Computersystem hatte. Immerhin war er jetzt auch informiert, was zeigte, wozu Informationssäulen eigentlich gut sind. Nach kurzer Recherche sagte er, dass die Linie 9 vermutlich und gegebenfalls gar nicht mehr führe. Trotzdem kündigte das System fröhlich weitere Bahnen an.

Auf meinem erzwungenen Fußweg nach Hause warnte ich einen jungen Mann, der gerade einen Fahrschein ziehen wollte: „Das Geld können Sie sich sparen. Die Bahn fährt nicht.“
„Trotzdem danke!“, sagte er grimmig, als hätte ich den Bahnverkehr eingestellt. Wo an Haltestellen keine elektronischen Anzeigentafeln installiert sind, wartete man im Schneetreiben vergeblich auf die Bahn. Selbst die Üstra-App zeigte keine Ausfälle an, und ich konnte nicht jedem Bescheid geben, zumal die Überbringer schlechter Nachrichten sich den Zorn der Betroffenen zuziehen. Als ich an der Haltestelle nah meiner Wohnung vorbeiging, wurde endlich über Lautsprecher durchgesagt, dass der Linienverkehr eingestellt sei.
„Wir bitten um Verständnis.“

Na klar. Im Februar schneit es immer völlig überraschend. Außerdem sind die ÜSTRA-Verantwortlichen ja erst gestern von hinterm Mond eingewandert und konnten von den Warnungen der Wetterdienste nichts wissen. Und wenn sogar der ADAC im Schnee steckenbleibt, macht die ÜSTRA sich völlig zu Recht einen schlanken Fuß.

Teestunde – Der wahre Keks

Der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz war der erste Nichtadelige, dem ein Denkmal errichtet wurde, und zwar um das Jahr 1790. Ein Nachguss der Büste wurde vor einigen Jahren im Leibniztempel des Hannoverschen Georgengarten aufgestellt. Bekannter als dieses Denkmal ist der Leibnizkeks der Keksfabrik Bahlsen. Das Unternehmen schmückt die Fassade seines historischen Firmengebäudes mit einem 20 Kilogramm schweren vergoldeten Leibnizkeks aus Messing. Im Jahr 2013 wurde er von Unbekannten entwendete, die sich darauf mit einer Erpresserforderung meldeten. Nachdem Bahlsen die Forderungen der Erpresser erfüllt hatte, wurde der Keks zurückgegeben. Der ganze Vorgang geriet sogar in die internationale Presse und hat einen eigenen Wikipedia-Eintrag, obwohl Diebstahl, Erpressung und „Lösegeld“ verdächtig nach einem Marketing-Gag riechen.

Auf der offiziellen Internetseite der Stadt Hannover steht die charmante Lüge: „Der hannoversche Zuckerhändler Hermann Bahlsen erfand 1891 den Butterkeks. Dem knusprigen Kleingebäck gab er den Namen „Leibniz Cakes“ zu Ehren des berühmtesten Bürgers seiner Heimatstadt – Gottfried Wilhelm Leibniz.“ Zum Ende des 19. Jahrhunderts war es Mode, Produkte mit den Namen berühmter Personen zu schmücken, [Mozartkugeln, Bismarckhering, Leibnizkeks]. Leibniz war da schon lange tot, konnte sich also nicht wehren. Auch wurde der Keks im französischen Nantes schon fünf Jahre gebacken, bevor ihn Hermann Bahlsen „erfunden“ hat, und zwar ab dem Jahr 1886 vom französischen Zuckerbäcker Louis Lefèvre-Utile. Der nannte den identischen Keks Petit-Beurre und vertrieb ihn über das kleine Unternehmen Lefèvre Utile (LU).

Aus dem Slogan von LU : „Vier Ohren und achtundvierzig Zähne“, machte Bahlsen „Nur echt mit 52 Zähnen“, denn er übernahm zwar fast alle formalen Merkmale des Petit Beurre, nicht aber deren zahlenmagische Bedeutung.

Fünf Jahre vor seiner Erfindung schon gebacken: der Leibnizkeks – Fotos: JvdL – größer: Bitte klicken!

Die vier größeren Eckzähne des Petit beurre symbolisieren die vier Jahreszeiten, die insgesamt 52 Zähne die 52 Wochen des Jahres. Statt der 24 Löcher beim Petit beurre, die den 24 Stunden des Tages entsprechen, hat der Bahlsen-Keks nur innovative 15. Im Selbstversuch konnte Teestübchen Chefredakteur Julius Trittenheim feststellen, dass die beiden Kekse trotzdem identisch schmecken.

Schlechte Manieren am Kanal

Quer über den Mittellandkanal hinweg zeigte ich einem Paar am anderen Ufer den gereckten Mittelfinger – aus Gründen. Meine Freundin und ich waren mit den Rädern an der Schleuse Anderten. Der Weg dorthin am Kanal entlang ist steinig und uneben, eine Tortour für Mensch und Material.
„Zurück fahren wir auf der anderen Seite. Dort ist der Weg besser“, sagte sie. Er war aber nicht besser, sogar noch steiniger, so dass ich Mühe hatte, auf dem losen Schotter nicht wegzugleiten. Nach etwa drei Kilometern passierten wir ein junges Paar, das in trauter Zweisamkeit rechts vom Weg in der Böschung saß und den Sonnenuntergang genoss.

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Besoffen in Unterhosen

Was typisch für die Flamen sei, versuchte ein holländischer Kabarettist in Flandern herauszufinden und sprach darüber mit einer Moderatorin von Studio Brussel, einem öffentlich-rechtlichen Musiksender. Typisch sei, dass Flamen zu Hause in Unterhose umherlaufen, sagte sie. Man komme nach Hause und entledige sich zuerst der Hose. Daran wurde ich erinnert, als mir gestern eine liebe Freundin unten zu sehende Karte mit einem finnischen Verb schenkte, wobei das keine Anspielung auf meine Gewohnheiten war. Was skurril ist an meinen Gewohnheiten, dafür haben noch nicht mal die Finnen ein Verb.

Die Karte stammt aus dem Museums-Shop des Hannoveraner Landesmuseums. Wir hatten uns dort eine Multimedia-Show über Leonardo da Vinci angesehen und waren überwältigt. Kalsarikännit wäre durchaus angebracht gewesen. Ich habe mir verkniffen, im Museum zu fragen, wer die Show verbrochen hatte, eine Leihgabe aus Mailand übrigens. Den Menschen will ich lieber nicht kennen, obwohl es gewiss große Kunst ist, das umfangreiche Werk eines Universalgenies hinter eigenen Ambitionen verschwinden zu lassen. Mir schwirrte der Kopf vor lauter visuellem und akustischem Bombast, immer hart an der Grenze zum Kitsch, für den die Hannoversche Allgemeine (HAZ) die freundlichen Worte fand: „Die Inszenierung ist ein synästhetisches Gesamtkunstwerk. Kraft ihrer multimedialen Wucht überwältigt sie die Besucher – und zeigt in ihrer futuristischen Ästhetik wie zeitlos sich der Genius Leonardos ausnimmt.“ Mir raubte es den Atem, was aber an der geforderten Mund-Nasen-Bedeckung (Maske) lag. Die multimediale Show wurde sicher ins Museum verlegt, weil die Rummelplätze noch geschlossen sind.

Was bedeutet „futuristische Ästhetik?“ Die Begrifflichkeit überhöht die Sache, oder sollte die Gemeinsamkeit mit dem Futurismus darin bestehen, dass die multimediale Da-Vinci-Show von einem Italiener geschaffen wurde? Profan ausgedrückt: Hier hat sich einer selbst verwirklicht und war schlicht besoffen von seinem Werk, wobei nicht klar ist, ob er bei der Planung der Show wenigstens eine Unterhose getragen hat.

Die Menschen, die Menschen!

Wie VORNE von hinten aussieht, zeigte der legendäre F. W. Bernstein. An das Cartoon, gesehen und abfotografiert im Wilhelm-Busch-Museum, wurde ich gestern im Hinüberschen Garten erinnert. Dort zeigte eine Installation aus schulterhohen rostigen Metallbuchstaben von Nadine Köpper und Claudia Wollkopf, wie Humanität von hinten aussieht. Der Parkgründer, Anton Hinüber, war Mitglied der Freimaurerloge Friedrich, Hannover. Im von ihm veranlassten englischen Landschaftsgarten finden sich überall Spuren des Freimaurertums.

So ist auch der Schriftzug „Humanität“ zu verstehen. Allerdings ist nicht ganz klar, welche Blickachse den Schöpferinnen vorschwebte. Von zwei Hauptwegen aus sieht der Betrachter, wie Humanität von hinten aussieht. Das ist befremdlich und lässt erwägen, ob so ein hehrer Begriff nicht auch ein komisches Element hat.

Humanität von hinten und vorne – Fotos: Susanne Braun

Mensch ist ein Gattungsbegriff. Das bedeutet, jede/jeder, die/der die entsprechenden körperlichen Merkmale aufweist, wird der Gattung zugeordnet, ist also menschlich, kann aber nicht automatisch jene Menschlichkeit für sich reklamieren, die mit Humanität gemeint ist. Humanität enthält eine moralische Wertung. Der Mensch kann menschlich oder unmenschlich handeln, entsprechend dem Begriffspaar human und inhuman. Ist also Humanität von hinten Inhumanität, quasi ihr eigenes Gegenteil oder die Humanität auf Links gedreht wie ein Pullover? Das ergäbe, dass Humanität immer auch eine Seite der Inhumanität hat.

„Mein Eindruck ist, dass die Botschaft bei den Menschen angekommen ist und dass sie die Verantwortung für sich und andere übernehmen“, sagte ein Polizeisprecher im NDR Fernsehen. Vorher wurde gezeigt, wie Polizeistreifen sich in illegale Menschenansammlungen begaben, um sie verbal auseinander zu treiben. Ein ähnliches Die-Menschen-Gerede legen Politiker an den Tag. Hier werden ungute verbale Fronten aufgebaut. Gewählte Politiker beschließen Kontaktsperren, ihre Organe setzten sie durch, und wer soll sich fügen? „Die Menschen“, als hätten humanoide Aliens heimlich die Macht übernommen und würden uns Menschen mit der unsichtbaren Corona-Fuchtel vor sich hertreiben. Das hat etwas entschieden Komisches.

Erinnerung an Menschen und Dinge (2)

Am Lichtenbergplatz in Hannover-Linden, wo ich manchmal Kölsch kaufe, beginnt die Wittekindstraße. Eine martialische Skulptur des Grafen Wittekind bewacht den Platz. Im Jahr 1115 wurde der Graf Gerichtsherr des Flecken Linden, wie einer Urkunde zu entnehmen ist. Die erste urkundliche Erwähnung gilt als Geburtsurkunde einer Siedlung. Vermutlich ist Linden älter, denn es muss schon etwas da sein, damit sich ein adeliger Parasit draufsetzen und Gerichtsherr spielen kann. Auch eine Gerichtslinde muss wachsen, bevor man renitente Bauernsöhne dran aufhängen kann.

Jedenfalls feierte die einstige Arbeiterstadt Linden, jetzt ein hipper Stadtteil Hannovers, dank Wittekind im Jahr 2015 stolze 900 Jahre ihres Bestehens. Zu jener Zeit radelte ich jeden Mittag zu einem Biosupermarkt, um eine angebotene Suppe zu löffeln. Eines Tages hatte dort ein freundlicher Mann einen Stand aufgebaut und hat mir einen in Folie eingeschweißten Würfel mit einem quadratisch zugeschnittenen Papierstapel verkauft, die Lindener Zettelbox. Die Boxen dazu hat eine Lindener Buchbinderin aus Karton gefaltet. Gert Schmidt war der Koordinator einer Initiative, die zum Lindener Jubiläum „nicht mehr genutztes und von Abfall bedrohtes Papier“ eingesammelt hat mit dem Ziel, „das Papier weiterzunutzen und den innewohnenden Wert der Bilder, Texte einer breiten Öffentlichkeit zukommen zu lassen.“ Teil dieser Öffentlichkeit wurde ich, denn „innewohnende Werte“ haben mich schon immer interessiert.

Steht sonst auf meinem Schreibtisch: Die Lindener Zettelbox vor Costers Altar – Foto: JvdL (Größer: klicken!)

Nachspiel I:
Beate La-mamma, eine Blogfreundin aus Wien, wünschte sich per Kommentar im Teppichhaus Trithemius eine solche Zettelbox zu besitzen. Zwischen ihr und Gert Schmidt entspann sich ein Kontakt. Auf seinem Weg in den Urlaub auf dem Balkan ist er in Wien gewesen, hat Beate eine Box gebracht und für eine Nacht ihre Gastfreundschaft genießen dürfen.

Naxchspiel II:
Der umtriebige Gert Schmidt hat mit dem Lindener Kulturtaler ein Regionalgeld geschaffen. Er bat mich, die 120 Geldscheine zu unterschreiben, um sie einerseits gegen Fälschung abzusichern und sie andererseits zum Kunstobjekt zu machen. Auf Seite 2 ein Beispiel für den „innewohnenden Wert“ der Zettelbox, von mir beschrieben: Weiterlesen

Dinge des Lebens (3) – Neugieriger Schokoladenkuchen

Sonntagabend, ich will einen Gast vom Bahnhof abholen. Nachdem ich in die Straßenbahn der Linie 9 gestiegen bin, sehe ich einen leeren Vierersitz und setzte mich in Fahrtrichtung auf den Fensterplatz. Erst jetzt nehme ich wahr, dass auf dem Platz neben mir ein halbkugelig belegter Teller spazieren fährt. Er ist mit einer Alufolie abgedeckt. Jemand hat sie ein wenig aufgerissen, offenbar um zu sehen, was sich unter der Alufolie verbirgt. Ich sehe etwas Schokobraunes, vermutlich Kuchen. Nachdem ich meine Gästin abgeholt habe, fahren wir mit der Straßenbahn zu mir. Der Teller ist immer noch unterwegs. Aber jemand hatte ihn auf einen Zweiersitz gestellt. Oder der Teller ist bis zur Endhaltestelle Fasanenkrug mitgefahren, stellte dann fest, dass die Bahn dort auf einem Gleisrund dreht und die gleiche Strecke zurückfährt. Da beschloss der Kuchenteller, sich umzusetzen, der neuen Eindrücke wegen. In diesem Fall jedoch hätte der vorwitzige Schokoladenkuchen die Alufolie selbst aufgerissen, um zu sehen, wo man ihn schnöde vergessen hat.

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Freund Nebenmann sandte mir eine E-Mail und berichtete von einem „Tragikomischen“ Erlebnis bei einem Baumaschinenverleih und Handel für Baumaterial und -Werkzeuge:
Er suchte nach einer bestimmten Rost-Grundierfarbe, als er ein paar Regalreihen weiter lautes Geschrei vernahm: „Nein, Atemschutz haben wir nicht mehr, alle Atemschutzmasken sind verkauft! Nutzt sowieso nichts! Ist alles nur Psychologie! Ist reine Psychologie!“
Nebenmann fuhr fort: „Da waren einige tatsächlich auf die Idee gekommen, weil in den Apotheken nichts mehr zu haben war, Arbeitsschutzmasken zu hamstern. Grotesk!“

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Auf dem Aldi-Parkplatz geht eine Frau telefonierend auf und ab. Im Vorbeigehen höre ich: „Du weißt ja, nett ist der kleine Bruder von Arschloch!“ Diese Variante hatte ich zuvor noch nicht gehört. Entweder ist die Wandlung von „Schwester“ zu „Bruder“ sowie die Umdeutung von „scheiße“ zu „Arschloch“ sinnvoll, was sich nicht entscheiden lässt, weil wir nur einen Dialogpart kennen, oder es handelt sich um gehört, vergessen und falsch zusammengereimt, was ja ein kräftiger Motor der Sprachentwicklung ist.

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Mir ist übrigens ein Aufstieg des Wortes „tatsächlich“ aufgefallen. Mit der Betonung auf der zweiten Silbe wird es immer häufiger in die Rede eingestreut. Erstmals fiel mir das auf vor einem Jahr in einem Beitrag der ARD-Tagesthemen über den Brand der Kathedrale von Notre Dame. Eine junge Touristin berichtete gut gelaunt folgendes: „Wir haben das gestern im Flugzeug, gerade als wir gelandet sind, erst erfahren, haben das aus dem Flugzeug auch schon gesehen, dass das gebrannt hat, tatsächlich, und eh, ja, natürlich schade. Eine Sehenswürdigkeit, die natürlich sehr wichtig ist als – Kulturerbe.“

[Klick aufs Bild führt zur ARD-Mediathek, zu sehen ab 3:10]

Offenbar bietet in Zeiten von Fake News das mit eigenen Augen/Ohren Gesehene/Gehörte tatsächlich den erstrebten Halt. Ich bitte die werte Leserschaft ihrerseits auf „tatsächlich“ in der wörtlichen Rede zu achten und mir davon zu berichten, wie und wo, in welchem Kontext „tatsächlich“ aufgetaucht ist.

Die Dinge des Lebens – Ich kaufe den letzten Holzleim

Die Fenster des Busses sind von außen mit einem Werbeposter beklebt. Es ist von innen fast transparent, bewirkt aber einen Spiegeleffekt. Ich sitze mit dem Rücken zur Fahrtrichtung und sehe in das schöne Gesicht einer jungen Frau. Sie telefoniert lächelnd und hat sich dabei zum Fenster gewandt. Ihr Gesicht spiegelt sich, so dass es wirkt, als würde sie mit sich selbst telefonieren.
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Im gut sortierten Schreibwarengeschäft, geführt von Vater und Sohn, frage ich den freundlichen Alten nach Holzleim. Er geht in einen Nebenraum und kommt zurück mit einer Flasche Ponal. „Jetzt kann alles wieder gerichtet werden“, sagt er. Ich verschweige ihm, dass ich eine Schublade kleben muss, deren Inhalt aus mir wichtigen Papierartefakten meiner kreativen Vergangenheit besteht. Als ich den Schreibwarenladen verlasse, höre ich ihn zum Sohn sagen: „Wir müssen neues Ponal bestellen.“ Schön, wenn die Warenhaltung noch durch Augenschein und mündliche Nachricht organisiert wird und nicht durch einen frigiden RFID-Code.
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Aus dem türkischen Supermarkt an der Limmerstraße weht türkische Musik. Mich überholt ein groß gewachsener weißhaariger Mann und sagt im Vorbeigehen etwas Despektierliches über seine Schulter weg. Einige Schritte darauf erneut. Ich scheine gemeint zu sein und sage:
„Was reden Sie da?“
„Türkische Musik in Deutschland!“, sagt er verächtlich.
„Das ist ein türkischer Laden, da passt es doch.“
Er antwortet nicht, sondern eilt davon. Ich denke: „Du Depp, hier am unteren Ende der Limmerstraße solltest du dich an türkische Mitbürger längst gewöhnt haben.“ Alt genug ist er auch. Das Alter bringt nicht nur körperliche Einschränkungen, sondern manchmal auch geistige Beschränktheit. Mir ist peinlich, dass er dachte, ich würde ihm beipflichten.
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Eine gute Freundin, sandte mir die Fotografie eines kurzen Textes von Friedrich Karl Waechter. Die witzige Kurzgeschichte ist die genaue Beschreibung einer Cartoon-Bildserie, wie sie F.K. Waechter hätte zeichnen können, wenn er nicht im Jahr 1992 aufgehört hätte zu zeichnen. Den Grund erzählte mir einst sein Freund und Weggefährte Robert Gernhardt.
[Zum Lesen der Kurzgeschichte bitte klicken!]

Nachrichten aus einer jüngst versunkenen Zeit


Es gab eine Zeit, da fühlte ich mich in Hannover wie ein Außerirdischer, den es unglücklicherweise auf einen fremden Planeten verschlagen hatte. Ich saß beispielsweise in der belebten Fußgängerzone der Georgstraße im Stadtzentrum und dachte, all die Menschen und kein einziges bekanntes Gesicht. Lauter Fremde und keine einfache Gelegenheit, es zu ändern. Aus dieser Isolation auszubrechen, war nicht einfach, zumal die Hannoveraner zwar freundlich, aber nicht kontaktfreudig sind.

Prinzipiell sollte es passen, denn ich bin ebenfalls freundlich, aber nicht besonders kontaktfreudig, zumindest nicht, was Niedersachsen betrifft. So habe ich hier inzwischen einen Freundeskreis, aber keine einzige, kein einziger ist gebürtig aus Hannover. Eben auf dem Parkplatz eines Discounters kam mir die ehemalige Wirtin unseres geliebten Stammlokals Leinau3 entgegen und umarmte mich herzlich. Wir waren uns immer schon zugetan gewesen, auch bevor sie meinen Text über das Leinau im Internet entdeckt hatte. Indem unser Stammlokal schloss, ist unglücklicherweise auch die HaCK-Gemeinschaft zerfallen, weil fast zeitgleich zwei wichtige Mitglieder weggezogen sind. (Im legendären Gif  unter dem verlinkten Beitrag noch zu sehen). So war die heutige Begegnung die reine Freude, weil Erinnerung an eine schöne Zeit. Im gemütlichen Leinau-Raucherzimmer, in dem wir oft gesessen und Elferkränze Kölsch geleert haben, gab es einen Schaukelstuhl, dessen rechte Armlehne lose war. Ich bedauere, dass ich in all der Zeit immer wieder den Holzleim vergessen habe, den Stuhl zu reparieren. Eine Sache, die ich hätte tun wollen in meinem Leben, aber nicht verwirklicht habe. Der Lauf der Welt hätte sich verändert mehr noch als damals, als ich zwei Teller von meinem Tisch in die Küche getragen habe.

Die Wirtin, von der Last des Leinau befreit, sah allerliebst aus, hatte sich aber Silvester verletzt. So dreht sich deren Welt auch weiter, wenn man Menschen aus den Augen verloren hat, auch wenn das hier im Blog an anderer Stelle schon bestritten oder zumindest angezweifelt worden ist.

Von der Musik der Schnellwege in Hannover

Im Von-Alten-Garten sehe ich seit Wochen eine Gruppe junger Mütter mit Kinderwägen bei der Gymnastik. Kürzlich standen sie alle auf einem Bein und hoben beidhändig kleine Hanteln. Ich finde das überaus löblich, weniger die Gymnastik, mehr noch dass die Übungsleiterin für ihre Gymnastikgruppe immerzu eine Stelle nah am Westschnellweg wählt. Am anderen Ende des Parks würde der Autolärm nicht mehr so ungebremst herüber branden. Für die Säuglinge in den Wägen ist es besser, wenn ihre Mütter sie direkt neben dem Schnellweg abstellen. So werden sie schon früh an Hannovers Autolärm gewöhnt, so dass sie später ihre Erholung nah an einem der unzähligen Schnellwege finden können. Wie gut die Anpassung gelingt, beweisen Hannovers Jugendliche. In den Leineauen liegend, reichern sie den Lärm des nahen Schnellwegs noch durch Musik kraftvolles Wummern aus dem Ghettoblaster an. Das richtige Wohlgefühl stellt sich nämlich nur ein, wenn die ätzenden Geräusche der Natur nicht störend dazwischenfunken, sollte sich im Verkehrslärm einmal eine kriminelle Lücke auftun.

Doch zurück zur lärmpädagogischen Früherziehung. Hannovers fürsorgliche Stadtmütter und -väter haben keine planerische Anstrengung gescheut und im dicht besiedelten Gebiet vom Von-Alten-Garten bis zur Leinebrücke am Schnellweg entlang nicht weniger als fünf (!) Kinderspielplätze, zwei Kindergärten, eine Kindertagesstätte und drei Schulen erbaut. Man möge mich korrigieren, wenn es mehr sind.

„Wie bitte?! Aufs Stadtgebiet gerechnet, sind es natürlich deutlich mehr!“, tönt ein Sprecher der Stadtverwaltung stolz. Schließlich habe man die gesamte Stadt einschließlich aller Parks, Landschaftsgärten und dem Stadtwald durch ein ausgeklügeltes System von Schnellwegen lärmtechnisch erschlossen. Aber man könne von einem Zugezogenen wie mir nicht erwarten, dass er in Gänze überblickt, worin das Alleinstellungsmerkmal der Stadt Hannover gründet. Lärmwissenschaftler hätten Hannover nicht umsonst das Prädikat „lauteste Stadt Deutschlands“ verliehen. Man habe von Seiten der Stadtverwaltung jedenfalls sichergestellt, dass Hannovers Kinder beizeiten taub werden. Passenderweise beherberge man in der Stadt einen weltweit führenden Hörgerätehersteller mit dem treffenden Namen „Kind.“ „Ein bisschen Wirtschaftsförderung muss sein“, grinste der Sprecher der Stadtverwaltung schlau. Schließlich sei der Besitzer dieses segensreichen Unternehmens in Hannover ein wichtiger Mäzen. Sprachs, drehte den Regler seines Ghettoblasters auf und balancierte geschickt auf einem Bein, um beidhändig kleine Hanteln zu heben.