Erinnerung an Menschen und Dinge (2)

Am Lichtenbergplatz in Hannover-Linden, wo ich manchmal Kölsch kaufe, beginnt die Wittekindstraße. Eine martialische Skulptur des Grafen Wittekind bewacht den Platz. Im Jahr 1115 wurde der Graf Gerichtsherr des Flecken Linden, wie einer Urkunde zu entnehmen ist. Die erste urkundliche Erwähnung gilt als Geburtsurkunde einer Siedlung. Vermutlich ist Linden älter, denn es muss schon etwas da sein, damit sich ein adeliger Parasit draufsetzen und Gerichtsherr spielen kann. Auch eine Gerichtslinde muss wachsen, bevor man renitente Bauernsöhne dran aufhängen kann.

Jedenfalls feierte die einstige Arbeiterstadt Linden, jetzt ein hipper Stadtteil Hannovers, dank Wittekind im Jahr 2015 stolze 900 Jahre ihres Bestehens. Zu jener Zeit radelte ich jeden Mittag zu einem Biosupermarkt, um eine angebotene Suppe zu löffeln. Eines Tages hatte dort ein freundlicher Mann einen Stand aufgebaut und hat mir einen in Folie eingeschweißten Würfel mit einem quadratisch zugeschnittenen Papierstapel verkauft, die Lindener Zettelbox. Die Boxen dazu hat eine Lindener Buchbinderin aus Karton gefaltet. Gert Schmidt war der Koordinator einer Initiative, die zum Lindener Jubiläum „nicht mehr genutztes und von Abfall bedrohtes Papier“ eingesammelt hat mit dem Ziel, „das Papier weiterzunutzen und den innewohnenden Wert der Bilder, Texte einer breiten Öffentlichkeit zukommen zu lassen.“ Teil dieser Öffentlichkeit wurde ich, denn „innewohnende Werte“ haben mich schon immer interessiert.

Steht sonst auf meinem Schreibtisch: Die Lindener Zettelbox vor Costers Altar – Foto: JvdL (Größer: klicken!)

Nachspiel I:
Beate La-mamma, eine Blogfreundin aus Wien, wünschte sich per Kommentar im Teppichhaus Trithemius eine solche Zettelbox zu besitzen. Zwischen ihr und Gert Schmidt entspann sich ein Kontakt. Auf seinem Weg in den Urlaub auf dem Balkan ist er in Wien gewesen, hat Beate eine Box gebracht und für eine Nacht ihre Gastfreundschaft genießen dürfen.

Naxchspiel II:
Der umtriebige Gert Schmidt hat mit dem Lindener Kulturtaler ein Regionalgeld geschaffen. Er bat mich, die 120 Geldscheine zu unterschreiben, um sie einerseits gegen Fälschung abzusichern und sie andererseits zum Kunstobjekt zu machen. Auf Seite 2 ein Beispiel für den „innewohnenden Wert“ der Zettelbox, von mir beschrieben: Weiterlesen

Dinge des Lebens (3) – Neugieriger Schokoladenkuchen

Sonntagabend, ich will einen Gast vom Bahnhof abholen. Nachdem ich in die Straßenbahn der Linie 9 gestiegen bin, sehe ich einen leeren Vierersitz und setzte mich in Fahrtrichtung auf den Fensterplatz. Erst jetzt nehme ich wahr, dass auf dem Platz neben mir ein halbkugelig belegter Teller spazieren fährt. Er ist mit einer Alufolie abgedeckt. Jemand hat sie ein wenig aufgerissen, offenbar um zu sehen, was sich unter der Alufolie verbirgt. Ich sehe etwas Schokobraunes, vermutlich Kuchen. Nachdem ich meine Gästin abgeholt habe, fahren wir mit der Straßenbahn zu mir. Der Teller ist immer noch unterwegs. Aber jemand hatte ihn auf einen Zweiersitz gestellt. Oder der Teller ist bis zur Endhaltestelle Fasanenkrug mitgefahren, stellte dann fest, dass die Bahn dort auf einem Gleisrund dreht und die gleiche Strecke zurückfährt. Da beschloss der Kuchenteller, sich umzusetzen, der neuen Eindrücke wegen. In diesem Fall jedoch hätte der vorwitzige Schokoladenkuchen die Alufolie selbst aufgerissen, um zu sehen, wo man ihn schnöde vergessen hat.

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Freund Nebenmann sandte mir eine E-Mail und berichtete von einem „Tragikomischen“ Erlebnis bei einem Baumaschinenverleih und Handel für Baumaterial und -Werkzeuge:
Er suchte nach einer bestimmten Rost-Grundierfarbe, als er ein paar Regalreihen weiter lautes Geschrei vernahm: „Nein, Atemschutz haben wir nicht mehr, alle Atemschutzmasken sind verkauft! Nutzt sowieso nichts! Ist alles nur Psychologie! Ist reine Psychologie!“
Nebenmann fuhr fort: „Da waren einige tatsächlich auf die Idee gekommen, weil in den Apotheken nichts mehr zu haben war, Arbeitsschutzmasken zu hamstern. Grotesk!“

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Auf dem Aldi-Parkplatz geht eine Frau telefonierend auf und ab. Im Vorbeigehen höre ich: „Du weißt ja, nett ist der kleine Bruder von Arschloch!“ Diese Variante hatte ich zuvor noch nicht gehört. Entweder ist die Wandlung von „Schwester“ zu „Bruder“ sowie die Umdeutung von „scheiße“ zu „Arschloch“ sinnvoll, was sich nicht entscheiden lässt, weil wir nur einen Dialogpart kennen, oder es handelt sich um gehört, vergessen und falsch zusammengereimt, was ja ein kräftiger Motor der Sprachentwicklung ist.

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Mir ist übrigens ein Aufstieg des Wortes „tatsächlich“ aufgefallen. Mit der Betonung auf der zweiten Silbe wird es immer häufiger in die Rede eingestreut. Erstmals fiel mir das auf vor einem Jahr in einem Beitrag der ARD-Tagesthemen über den Brand der Kathedrale von Notre Dame. Eine junge Touristin berichtete gut gelaunt folgendes: „Wir haben das gestern im Flugzeug, gerade als wir gelandet sind, erst erfahren, haben das aus dem Flugzeug auch schon gesehen, dass das gebrannt hat, tatsächlich, und eh, ja, natürlich schade. Eine Sehenswürdigkeit, die natürlich sehr wichtig ist als – Kulturerbe.“

[Klick aufs Bild führt zur ARD-Mediathek, zu sehen ab 3:10]

Offenbar bietet in Zeiten von Fake News das mit eigenen Augen/Ohren Gesehene/Gehörte tatsächlich den erstrebten Halt. Ich bitte die werte Leserschaft ihrerseits auf „tatsächlich“ in der wörtlichen Rede zu achten und mir davon zu berichten, wie und wo, in welchem Kontext „tatsächlich“ aufgetaucht ist.

Die Dinge des Lebens – Ich kaufe den letzten Holzleim

Die Fenster des Busses sind von außen mit einem Werbeposter beklebt. Es ist von innen fast transparent, bewirkt aber einen Spiegeleffekt. Ich sitze mit dem Rücken zur Fahrtrichtung und sehe in das schöne Gesicht einer jungen Frau. Sie telefoniert lächelnd und hat sich dabei zum Fenster gewandt. Ihr Gesicht spiegelt sich, so dass es wirkt, als würde sie mit sich selbst telefonieren.
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Im gut sortierten Schreibwarengeschäft, geführt von Vater und Sohn, frage ich den freundlichen Alten nach Holzleim. Er geht in einen Nebenraum und kommt zurück mit einer Flasche Ponal. „Jetzt kann alles wieder gerichtet werden“, sagt er. Ich verschweige ihm, dass ich eine Schublade kleben muss, deren Inhalt aus mir wichtigen Papierartefakten meiner kreativen Vergangenheit besteht. Als ich den Schreibwarenladen verlasse, höre ich ihn zum Sohn sagen: „Wir müssen neues Ponal bestellen.“ Schön, wenn die Warenhaltung noch durch Augenschein und mündliche Nachricht organisiert wird und nicht durch einen frigiden RFID-Code.
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Aus dem türkischen Supermarkt an der Limmerstraße weht türkische Musik. Mich überholt ein groß gewachsener weißhaariger Mann und sagt im Vorbeigehen etwas Despektierliches über seine Schulter weg. Einige Schritte darauf erneut. Ich scheine gemeint zu sein und sage:
„Was reden Sie da?“
„Türkische Musik in Deutschland!“, sagt er verächtlich.
„Das ist ein türkischer Laden, da passt es doch.“
Er antwortet nicht, sondern eilt davon. Ich denke: „Du Depp, hier am unteren Ende der Limmerstraße solltest du dich an türkische Mitbürger längst gewöhnt haben.“ Alt genug ist er auch. Das Alter bringt nicht nur körperliche Einschränkungen, sondern manchmal auch geistige Beschränktheit. Mir ist peinlich, dass er dachte, ich würde ihm beipflichten.
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Eine gute Freundin, sandte mir die Fotografie eines kurzen Textes von Friedrich Karl Waechter. Die witzige Kurzgeschichte ist die genaue Beschreibung einer Cartoon-Bildserie, wie sie F.K. Waechter hätte zeichnen können, wenn er nicht im Jahr 1992 aufgehört hätte zu zeichnen. Den Grund erzählte mir einst sein Freund und Weggefährte Robert Gernhardt.
[Zum Lesen der Kurzgeschichte bitte klicken!]

Nachrichten aus einer jüngst versunkenen Zeit


Es gab eine Zeit, da fühlte ich mich in Hannover wie ein Außerirdischer, den es unglücklicherweise auf einen fremden Planeten verschlagen hatte. Ich saß beispielsweise in der belebten Fußgängerzone der Georgstraße im Stadtzentrum und dachte, all die Menschen und kein einziges bekanntes Gesicht. Lauter Fremde und keine einfache Gelegenheit, es zu ändern. Aus dieser Isolation auszubrechen, war nicht einfach, zumal die Hannoveraner zwar freundlich, aber nicht kontaktfreudig sind.

Prinzipiell sollte es passen, denn ich bin ebenfalls freundlich, aber nicht besonders kontaktfreudig, zumindest nicht, was Niedersachsen betrifft. So habe ich hier inzwischen einen Freundeskreis, aber keine einzige, kein einziger ist gebürtig aus Hannover. Eben auf dem Parkplatz eines Discounters kam mir die ehemalige Wirtin unseres geliebten Stammlokals Leinau3 entgegen und umarmte mich herzlich. Wir waren uns immer schon zugetan gewesen, auch bevor sie meinen Text über das Leinau im Internet entdeckt hatte. Indem unser Stammlokal schloss, ist unglücklicherweise auch die HaCK-Gemeinschaft zerfallen, weil fast zeitgleich zwei wichtige Mitglieder weggezogen sind. (Im legendären Gif  unter dem verlinkten Beitrag noch zu sehen). So war die heutige Begegnung die reine Freude, weil Erinnerung an eine schöne Zeit. Im gemütlichen Leinau-Raucherzimmer, in dem wir oft gesessen und Elferkränze Kölsch geleert haben, gab es einen Schaukelstuhl, dessen rechte Armlehne lose war. Ich bedauere, dass ich in all der Zeit immer wieder den Holzleim vergessen habe, den Stuhl zu reparieren. Eine Sache, die ich hätte tun wollen in meinem Leben, aber nicht verwirklicht habe. Der Lauf der Welt hätte sich verändert mehr noch als damals, als ich zwei Teller von meinem Tisch in die Küche getragen habe.

Die Wirtin, von der Last des Leinau befreit, sah allerliebst aus, hatte sich aber Silvester verletzt. So dreht sich deren Welt auch weiter, wenn man Menschen aus den Augen verloren hat, auch wenn das hier im Blog an anderer Stelle schon bestritten oder zumindest angezweifelt worden ist.

Von der Musik der Schnellwege in Hannover

Im Von-Alten-Garten sehe ich seit Wochen eine Gruppe junger Mütter mit Kinderwägen bei der Gymnastik. Kürzlich standen sie alle auf einem Bein und hoben beidhändig kleine Hanteln. Ich finde das überaus löblich, weniger die Gymnastik, mehr noch dass die Übungsleiterin für ihre Gymnastikgruppe immerzu eine Stelle nah am Westschnellweg wählt. Am anderen Ende des Parks würde der Autolärm nicht mehr so ungebremst herüber branden. Für die Säuglinge in den Wägen ist es besser, wenn ihre Mütter sie direkt neben dem Schnellweg abstellen. So werden sie schon früh an Hannovers Autolärm gewöhnt, so dass sie später ihre Erholung nah an einem der unzähligen Schnellwege finden können. Wie gut die Anpassung gelingt, beweisen Hannovers Jugendliche. In den Leineauen liegend, reichern sie den Lärm des nahen Schnellwegs noch durch Musik kraftvolles Wummern aus dem Ghettoblaster an. Das richtige Wohlgefühl stellt sich nämlich nur ein, wenn die ätzenden Geräusche der Natur nicht störend dazwischenfunken, sollte sich im Verkehrslärm einmal eine kriminelle Lücke auftun.

Doch zurück zur lärmpädagogischen Früherziehung. Hannovers fürsorgliche Stadtmütter und -väter haben keine planerische Anstrengung gescheut und im dicht besiedelten Gebiet vom Von-Alten-Garten bis zur Leinebrücke am Schnellweg entlang nicht weniger als fünf (!) Kinderspielplätze, zwei Kindergärten, eine Kindertagesstätte und drei Schulen erbaut. Man möge mich korrigieren, wenn es mehr sind.

„Wie bitte?! Aufs Stadtgebiet gerechnet, sind es natürlich deutlich mehr!“, tönt ein Sprecher der Stadtverwaltung stolz. Schließlich habe man die gesamte Stadt einschließlich aller Parks, Landschaftsgärten und dem Stadtwald durch ein ausgeklügeltes System von Schnellwegen lärmtechnisch erschlossen. Aber man könne von einem Zugezogenen wie mir nicht erwarten, dass er in Gänze überblickt, worin das Alleinstellungsmerkmal der Stadt Hannover gründet. Lärmwissenschaftler hätten Hannover nicht umsonst das Prädikat „lauteste Stadt Deutschlands“ verliehen. Man habe von Seiten der Stadtverwaltung jedenfalls sichergestellt, dass Hannovers Kinder beizeiten taub werden. Passenderweise beherberge man in der Stadt einen weltweit führenden Hörgerätehersteller mit dem treffenden Namen „Kind.“ „Ein bisschen Wirtschaftsförderung muss sein“, grinste der Sprecher der Stadtverwaltung schlau. Schließlich sei der Besitzer dieses segensreichen Unternehmens in Hannover ein wichtiger Mäzen. Sprachs, drehte den Regler seines Ghettoblasters auf und balancierte geschickt auf einem Bein, um beidhändig kleine Hanteln zu heben.

Reich durch Handtaschen und trotzdem nackt

Die Georgstraße in Hannovers Innenstadt ist eine belebte Einkaufsstraße zwischen Aegidientorplatz und dem Steintor. Sie ist sehr breit, hat, wo sie Fußgängerzone ist, in der Mitte noch Platz für eine als Allee angelegte Fahrradstraße. Von etwa ihrer Mitte, dem Kröpcke, bis zum Steintor verändert die Georgstraße ihren Charakter. Das liegt an den Läden. Gegen Ende der Georgstraße verkauft man mehr Ramschware. Zum anderen Ende streift die Georgstraße die Oper und das Bankenviertel mit teuren Geschäften. Entsprechend sortiert sich das Publikum.

Es ist ungefähr fünf Uhr, da sitze ich eine Weile auf einer der weißen Bänke, die entlang der breiten Fahrradstraße aufgestellt sind. Um diese Zeit dürfen hier keine Radfahrer fahren, hätten aber auch keinen Platz zwischen den vielen Menschen. Hinter mir ist das Gebäude von Karstadt. Es hat eine Arkade, und darunter sind große Grabbeltische aufgestellt, übervoll mit Taschen und Geldbörsen. Eine Vertreterin rennt dazwischen auf und ab wie eine aufgescheuchte Ballerina und redet reißerisch in ihr Mikrophon:

    „Preise wie zu DM-Zeiten, meine Damen! Sie zahlen nur die Hälfte des angegebenen Preises. Und jetzt geht’s los. In den nächsten 20 Minuten bekommen Sie an der Kasse noch mal 20 Prozent von dieser Hälfte! Wenn die Tasche 60 Euro kostet, zahlen Sie die Hälfte, also 30 Euro. Und davon gehen an der Kasse noch einmal 20 Prozent ab! Sie zahlen nur 24 Euro!“

Das klingt besser als 60 Prozent Preisnachlass, ist werbewirksamer und anschaulicher. Man bekommt nicht einen Preisnachlass auf die Tasche, sondern zwei. Da will ich mir glatt eine schöne große Damenhandtasche kaufen, wenn mir quasi noch 36 Euro obendrauf geschenkt werden. Ich weiß aber nicht, wie viel Zeit schon vorbei ist von den 20 Minuten. Am Ende komme ich mit meiner aus den Tiefen der Grabbeltische erbeuteten Damenhandtasche zur Kasse, und da guckt die Kassiererin ostentativ auf ihre Uhr und sagt: Eine Minute drüber, die 20 Prozent auf die Hälfte können wir Ihnen leider nicht schenken.“ Das, stelle ich bald fest, ist eine überflüssige Befürchtung, denn die Frau mit dem Mikrophon kommt alle 10 Minuten und ruft 20 Minuten aus. Die Preisnachlassminuten gehen also von morgens bis abends, ja, sind sogar eine Verdoppelung der Zeit. Und du sagst doch immer: „Zeit ist Geld!“

Ich wurde also reich, als ich mit dem Rücken zum Karstadt-Gebäude saß. Habe nichts ausgeben, und dann hat mir die Vertreterin noch 40 Minuten geschenkt, davon die Hälfte und noch mal 20 Prozent Abzug. Weil dadurch aber mein Zeitkontinuum ein wenig durcheinander geriet, bin ich jetzt vom Thema abgekommen …

Fotomontage: JvdL

Ach so: In der Minute gingen Hunderte an mir vorbei oder querten die Straße von einem Geschäft ins andere. Es ist unfassbar, welche Spielarten der Natur es unter Menschen gibt. Und alle hatten ja am Morgen ihre Kleidungsstücke aus dem Schrank genommen und sich damit bedeckt. Es gibt Moden, aber auch Vielfalt. Für einen Augenblick erinnerte ich mich an die schrecklichen Brände in Textilfabriken von Bangladesh und hatte die Vision, alle Kleidungsstücke, die in Ostasien gefertigt wurden, würden brennen und dann ganz verschwinden. Dann wären die Tausende, die ich in den 40 Minuten sah, allesamt nackt gewesen. Und die Taschen wären natürlich auch weg. Bekleidet hingegen wäre man vielleicht noch auf dem Teilstück der Georgstraße, jenseits vom Kröpcke, wo die feineren Geschäfte locken. Zumindest hätte der eine oder andere noch ein Trigema-Hemdchen an.

Trocken gefallen

Dieser Text ist unter der Sonne eingetrocknet, versumpft quasi ohne Pointe. Anfangs noch nass: Das System der Teiche und Kanäle im hannoverschen Georgengarten ist aus einem Altarm der Leine entstanden, nicht durch Austrocknung, sondern vermutlich bei der Anlage des Parks im 19. Jahrhundert. Ein Altarm, aus dem ein Teich gemacht wurde, ist von allen Gewässern die traurigste Erscheinung. Was einst stolz geflossen und manchmal frech über die Ufer getreten ist, kann jetzt nicht mehr weiter, ist abgeschnitten von Erneuerung, steht nur noch da, trübt sich ein und verschlammt.

Wäre ich Wasser, wollte ich niemals Teich sein und kackende Enten auf dem Rücken tragen. Am liebsten wäre ich ein Gebirgsbach, der am Fuße eines Gletschers entspringt. Ich wäre kalt und glasklar und würde derzeit besonders wild zu Tale schäumen, weil nach Auskunft von Glaziologen die Gletscher grad dramatisch rasch abtauen, was aber nichts mit der Mittagshitze zu tun hat, die sich am Teich im Georgengarten staut.

(Georgengarten und Leine in Hannover – Quelle: Google Maps) Was ich an München sehr geschätzt habe, ist sein Eisbach, der satt und klar durch den Englischen Garten strömt. Obwohl der Georgengarten auch ein englischer Landschaftspark ist, hat er nur diese trüben Tümpel. Man denkt, die müssten mal gewaschen werden.

Die beiden Mädchen vor mir störts nicht. Sie sitzen im Schatten auf einer Decke und teilen sich ihr Picknick, derweil sie unentwegt plaudern. Ich kann dieses friedliche Bild nicht unbeschwert betrachten, denn ich sitze, um ebenfalls Schatten zu haben, auf einer Bank genau hinter den beiden, und immer wenn ich aufschaue, schaue ich den beiden auf den Rücken. Zum Glück sind sie so innerlich, da merken sie es nicht. Die Sonne kommt herum und lässt mir den Schatten schwinden. Puh, mir wird zu heiß! Deshalb muss ich mein Schreiben nach der Natur beenden und rasch nach Hause radeln. Uff, die Kette knarzt. Ich komm k a u m v o r a. Wenn jetzt noch eine Ente auffliegen würde und auf meinem Buckel landen wollt, ch knnt gr nchts mchn …