Echt jetzt, REWE?

„Ich habe mir den Quatsch nicht ausgedacht“, sagt der Mann am Postschalter, wo ich vergeblich versucht hatte, ein Buch in die Schweiz zu versenden. „Keine Briefsendung möglich!“ Ich müsse den Umschlag in ein Paket packen, eine Zollerklärung ausfüllen und dann werde das ganze etwa 15 Euro kosten. Ich greife mir aus dem Ständer die kleinste Kartonage. „Die ist zu klein!“, sagt er. Also nehme ich ein Riesenteil und verziehe mich zu einem Stehpult. Aber ach, ich habe keine Lesebrille, um den verflixten Zollerklärungsvordruck zu lesen. Ich muss es also zu Hause erledigen. Inzwischen hat sich in der Post eine Schlange gebildet, und ich müsste mich anstellen, um die Kartonage zu bezahlen. Draußen kündigt sich ein Gewitter an. Plötzlich drückende Schwüle. Ich kriege Hitzewallungen. Schnell nach Hause, bevor der Himmel birst. Unterwegs fluchen: 15 Euro für ein Buch zu 9.99 Euro? Jetzt bin ich auch noch schuldlos zum Kartonagendieb geworden. Brauch‘ den Karton sowieso nicht. Ich bring’s selber hin – ohne scheiß Karton. Und die Zollerklärung spare ich mir auch. Wo ist die Schweiz noch mal?

Im Sanitätshaus spinnt die Computerkasse. Gut zehn Minuten versuchen zwei Angestellte, zwei paar Reisestrümpfe zu kassieren, scannen immer wieder den Code, geben ihn dann mehrmals manuell ein, ich erwäge, mir derweil nebenan die Nägel machen zu lassen, aber will die Damen nicht noch mehr unter Druck setzen. Sie entschuldigen sich mehrmals, das System sei neu und habe noch Tücken. Ich beschwichtige: „Mit Computer geht alles schneller, dauert nur länger.“ Die Damen lachen erleichtert auf. Und ich merke mir, der Spruch ist auch nach 50 Jahren EDV noch gut.

40 Zentimeter lang ist der Kassenzettel von REWE. Er weist aus, was ich gekauft habe und zahlen musste. Das sollte reichen, tuts aber nicht. Da steht noch allerlei redundantes Zeug. Auch blöde Chiffren sind aufgedruckt. Die Sinnentleerung der Schrift! Der Zettel trägt die Bon-Nummer 9890. Um 15:52 Uhr bin ich da gewesen, dann ist wohl davon auszugehen, dass ich in den neun Stunden von 7:00 Uhr morgens an der beinah tausendste Kunde des Tages gewesen bin. 0,40 Meter x 9890 = 3956 Meter Kassenbon. Bei Geschäftsschluss um 24 Uhr und insgesamt 17 Stunden Öffnungszeit ergibt das 3856/9×17=7472 Meter Kassenbon pro Tag x 26 Geschäftstage 194283 Meter = 194 Kilometer Kassenbon im Monat, das sind im Jahr 2331,402 Kilometer. In nur 17 Jahren reicht der REWE-Bon um den ganzen Erdball. Es gibt etwa 3600 REWE-Spupermärkte in Deutschland. Macht bei acht Zentimetern Breite … Hallo REWE! Derlei Irrsinn muss aufhören.

Die Hannoveraner sind höflich, aber man kann es ihnen nicht recht machen. Du bist eingeladen, bedankst dich geflissentlich, und was kriegst du zu hören? „Da nich für!“ Sofort hast du ein schlechtes Gewissen. Hätte man sich am Ende für etwas anderes bedanken müssen, für eine riesige, weltbewegende Sache, die einem zuteil wurde, aber man hat’s nicht gemerkt, ist einfach zu blöd? Nachdem ich nun 12 Jahre in Hannover lebe, habe ich mich an „Da nich für!“ gewöhnt. Woanders sagt man: „Nichts zu danken“, und jeder weiß, was gemeint ist. „Da nich für“ dagegen ist wie ein Stoß vor den Kopf, bedeutet aber so gut wie nichts. Ich weiß, woher diese Unsitte stammt. Hier meine Erklärungssage:

    Auf dem Bahnhofplatz Hannovers steht das Reiterstandbild von König Ernst August I. Wenn sich Hannoveraner verabreden, dann am liebsten „Unter dem Schwanz“ seines Pferdes. Offenbar gefällt ihnen die Vorstellung, sich vom königlichen Ross bekötteln zu lassen. Als Ernst August noch lebte, hat man die dampfenden Köttel nämlich gesammelt, um sich im kalten Winter die Hände darüber zu wärmen. Wenn der König durch die Stadt ritt und sein Pferd kötteln ließ, dann jubelten seine Untertanen: „Gott schütze den König!“ Und Ernst August antwortete generös: „Ach, da nich für!“

Mit der Linie 200 „Zurück zum Glück“

In Kurt Schwitters: „Ursachen und Beginn der großen Revolution von Revon“ beginnt die große Revolution, indem ein spielendes Kind einen Mann sieht und ruft: „Mama, da steht ein Mann.“ Wir errreichen die nächste Haltestelle der 200 an einer stark befahrenen Kreuzung, dem Kurt-Schwitters-Platz. Was haben sich Hannovers Stadtmütter und -väter wohl dabei gedacht, Schwitters nur eine Kreuzung zu gönnen? Sie wussten, dass Revon eigentlich Hannover meint, wenn man es von hinten liest. Darum haben Hannovers Stadtmütter und -väter gedacht, auf dem Kurt-Schwitters-Platz soll sicherheitshalber kein Mann stehen können, höchstens ein Verkehrspolizist.

Wir stehen auch nicht lang herum am schnöden „Platz“ des größten Künstlers, den Hannover bislang hervorgebracht hat, sondern wir steigen wieder in die Linie 200 und lassen das Sprengelmuseum hinter uns. Im und am Sprengel habe ich mich schon mehrmals mit Freund Merzmensch getroffen, zuletzt in den Jahren 2015 und 2019.

Vladimir Alekseev alias Merzmensch hatte im Rahmen seiner kunstwissenschaftlichen Forschungen an Kurt-Schwitters-Symposien des Sprengel-Museums teilgenomen und wir haben die Gelegenheit zum analogen Treffen genutzt. Kurios war der Besuch des Sprengel-Museums mit HaCK-Mitglied Filipe d’accord und Freunden:

Ich hätte mehr Fliegen erwartet

Der Bus fährt jetzt am Maschpark und am eklektizistischen Rathaus vorbei. Es ist an der Rückfront eingerüstet. Vermutlich restaurieren Zuckerbäcker den Protz. Wir fahren am Glaspalast der Nord-LB vorbei zum Verkehrsknotenpunkt Aegidientorplatz. Ab hier ist mir die Streckenführung der 200 nicht vertraut. Wie es weitergeht ins vornehme Südviertel weiß ich nicht.

Natürlich! Wir fahren durch Hannovers Bankenviertel ein Stück der Georgstraße und biegen vor der Oper in die Theaterstraße. Jetzt muss grüne Strickmütze aussteigen, wenn er zum Bahnhof will. Wir unterqueren die Bahnlinie und kurz hinterm Tunnel sind im vornehmen Südviertel. Irgendwo hier muss Altkanzler Schröder gewohnt haben. Unweit der Haltestelle Neues Haus liegt das Café „Zurück zum Glück.“ Hier trifft sich, wenn es die Corona-Maßnahmen erlauben, unter der Leitung eines Literaturwissenschaftlers alle 14 Tage die Schreibgruppe, deren Mitglied ich seit einigen Jahren bin. Derzeit finden die Treffen aber wieder online statt. Im „Glück“ wurde Schröder schon gesehen, nicht von mir – und der Pianist Igor Levit, denn nebenan liegt die Musikhochschule, wo er eine Professur hat. Ich habe ihn gesehen, aber nicht erkannt. Erst als die anderen ehrfürchtig über ihn redeten, wusste ich, wen ich ignoriert hatte, eine meiner leichtesten Übungen.

Wird fortgesetzt (letzte Etappe, in der es um junge Menschen geht)

Mal gucken, ob die Stadt noch steht – 2. Etappe

Im gestrigen Beitrag war von einer Ladesäule und einem Stromabnehmer die Rede. Aus einem Informationsblatt der ÜSTRA weiß ich inzwischen, dass es „Lademast“ und „Panthograph“ heißen muss. Der neue Bus hat etwas Steriles. Vertraut von außen ist das Farbkonzept, Lindgrün mit Grau. Dieses Lindgründ findet sich als verstreutes Akzent auch im Inneren. Die Sitze sind sparsam gepolstert, aber haben einen anthrazitfarbenen Plastikbezug. Gut zu reinigen, aber nicht besonders einladend. Mit mir ist eine junge Frau eingestiegen. Bis zum Siloah-Krankenhaus bleiben wir die einzigen Fahrgäste. Den Namen Siloah trug das Krankenhaus seit seiner Gründung im 19. Jahrhundert.

Das Wort „Siloah“ stammt aus dem Hebräischen und bedeutet „ausgesendet“. In der Nazizeit hieß die Klinik Krankenhaus Ricklingen. Im Jahr 2012 wurde ich erstmals zum Cyborg, als mir in der Klinik nach einem Herzinfarkt ein Stent ins Herz gepflanzt wurde. Damals war das Siloah im Umbau. Inzwischen sind im westlichen Klinikgelände eine Reihe von Neubauten fertiggestellt, und der Haupteingang wurde nach hier verlegt. Am Siloah steigen zwei Leute zu, ein Mann und eine Frau. Der Mann trägt eine Strickmütze in Lindgrün, so dass ich ihn für einen ÜSTRA-Mitarbeiter halte. Er scheint aber von außerhalb zu sein, denn er erkundigt sich später, wo er aussteigen müsse, um zum Bahnhof zu kommen. Wir fahren über die Stadionbrücke und überqueren die Ihme. Sie hat Hochwasser und leckt breit und behäbig über die Uferwiesen.

Um Hannovers Altstadt vor Hochwasser zu schützen, wird das Wasser der Leine auf Höhe des Maschsees über den Schnellen Graben in die Ihme geleitet, die vorher nichts als ein friedlich dahin murmelndes Bächlein ist. Als würde ein Säugling sich schlagartig verwandeln in einen Koloss von einem Mann, weitet sich das Bächlein unvermittelt zu einer schiffbaren Bundeswasserstraße.

Die Stürme der vergangenen Tage müssen am Oberlauf viel Regen gebracht haben. In Hannover hat es wie immer nur mäßig geregnet. Deshalb staune ich über soviel Wasser. Beim Schnellen Graben gibt es im Sommer einen Bootsverleih für Kanutouren über Leine und Ihme. Im Jahr 2017 haben mir Freunde eine solche Kanutour zum Geburtstag geschenkt. (Teestübchen berichtete)

Der Bus biegt vorher ab und nimmt schmale Wege, die hinter der HDI-Arena vorbeiführen, wo es Eingänge für Fans und eine Zufahrt für Mannschaftsbusse gibt. Im Jahr 2002 vermietete der Fußballclub Hannover 96 die Namensrechte für das ursprüngliche Niedersachsenstadion an Carsten Maschmeyers Finanzdienstleister AWD. Später gingen die Namensrechte an die Versicherungsgruppe HDI. Ab dem 1. Juli 2022 wird das Stadion den Sponsorennamen Heinz von Heiden-Arena bekommen. Das Isernhagener Unternehmen „Heinz von Heiden Massivhäuser“ hat für fünf Jahre die Namensrechte erworben. Für kurze Zeit fährt der Bus parallel zur Leine, die auch hier viel Wasser führt. Es ist trüb und hat offenbar wieder eine Menge Humus von überfluteten Feldern weggeschwemmt. Wir passieren die Robert-Enke-Straße, benannt nach dem populären 96-Torwart, der sich im November 2009 an einem Bahnübergang das Leben nahm. Die Straße heißt passender Weise vor der Einmündung in die Straße Arthur-Menge-Ufer auch Seufzerallee. Seufzend steigen wir aus und bummeln an der Maschseepromenade entlang zum Kurt-Schwitters-Platz.

Wird fortgesetzt

Immer Sitzen im Wartehäuschen

Aus Gründen bin ich in letzter Zeit öfter mit der Straßenbahn gefahren. Dabei habe ich wieder das Phänomen erlebt, dass die Straßenbahn immer dann heranrollt, wenn ich von meiner Straße auf die Straße mit dem Gleis einbiege. Kaum will ich die Straße an der Einmündung überqueren, rollt die Bahn heran. Manchmal narrt sie mich. Ich sehe auch in der Ferne noch keine Bahn, gehe ein Weile Richtung Haltestelle, und während ich hoffe, die Haltestelle beizeiten zu erreichen, da höre ich die Bahn hinterrücks herankommen, und schon überholt sie mich gleichgültig. Weiterlesen

Große Entdecker feiern – sich

Im August 2018 durfte sich der Bezirksstadtrat von Berlin Mitte für die Entdeckung eines 20 Meter langen Stücks der Berliner Mauer feiern, denn das war mal klar: „Die Mauer? Konnt ja keener wissen, wo det Ding jestanden hat.“

Im Herbst 2021 dürfen sich die Amtsträger aus Hannovers Stadtbezirk Mitte für eine noch überraschendere Entdeckung feiern. Schon 73 Jahre nach dem Tod des größten Künstlers der Stadt, Kurt Schwitters (* 20. Juni 1887 – † 8. Januar 1948), hat man sein Geburtshaus gefunden. JUHU! Bezirksbürgermeisterin Cornelia Kupsch berichtet der Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ): „Unser Stadtarchivar ist leider in Elternzeit.Trotz Doppelbelastung gelang es ihm herauszufinden, wo genau der berühmte Sohn das Licht der Weltstadt Hannover – Kuckuck! – erblickt hat, nämlich in der Rumannstraße 8. Ich habe mir einen Knoten ins Ohr habe natürlich sofort eine Gedenktafel aufstellen lassen, damit wir’s nicht wieder vergessen.“

HAZ vom 11. November 2021 – größer: Klicken

Der Ehrenpreis der Freunde verschmockter Zeitungsfotografie (FvZf) geht an die Fotografin Samantha Franson. Sie hat den Moment der Gedenktafelenthüllung kongenial im Bild festgehalten.

Im Vordergrund des prämierten Bildes sehen wir die üppig mit roten Bändern geschmückte noch verhüllte Gedenktafel, daneben Bezirksbürgermeisterin Cornelia Kupsch. Sie trotzt dem Regen allein mit einer Brille auf dem Kopf und liest vom Zettel, was ihre frierende Gehilfin (mit Rucksack) bei Wikipedia abgeschrieben hat. Links etwas zurück stehen vier Kulturschranzen „Honoratioren“ (HAZ) unter drei aufgespannten Schirmen in rot, grau und bleu (von links), eine sich ehrlich schämende fünfte Person hat sich hinter einem desinteressierten Würdenträger verborgen und muss zur Strafe im Regen stehen. Die Harmonie des Bildes wird gestört durch abgestellte Dinge, eine Tasche und drei Fahrräder, was schon mal zeigt, wie der Text auf der Gedenktafel lauten muss, nämlich: „Kurt Schwitters sein Geburtshaus. Fahrrad abstellen verboten – und Taschen auch!“ Am linken Bildrand ragt ein linker Fuß ins Bild, der hoffentlich ein rechtes Gegenstück hat. Sonst gehört der auch verboten. Der Text im Bildkasten ist überschrieben mit „Für Schwitters im Regen.“ Kurt Schwitters (z.Zt. Stadtfriedhof Engesohde) freut sich einen Keks.

Samantha Franson: 4 Punkte auf der nach oben offenen Humorskala!

Prima Aktion, Überlandwerke und Straßenbahnen Hannover AG (ÜSTRA)!

In Aachen hatte ich einen Kommilitonen, der nannte sich Benno Ohnesorg – nach dem Studenten, der am 2. Juni 1967 in Berlin vom Polizisten Karl-Heinz Kurras durch einen aufgesetzten Pistolenschuss in den Hinterkopf ermordet worden war. Ohnesorg war Teilnehmer einer Demonstration gegen den Staatsbesuch von Schah Mohammad Reza Pahlavi gewesen.
Mein Kommilitone war einige Semester über mir. Vermutlich war sein Nachname wirklich Ohnesorg, mit Vornamen hieß er vielleicht Franz, Klaus oder Josef. Ich bewunderte ihn für seinen Schritt, sich konsequent Benno zu nennen, und als lebendiges Denkmal an den echten Benno Ohnesorg zu erinnern.

Der reale Benno ist am 15. Oktober 1940 in Hannover-Bothfeld geboren. Die Stadt Hannover hat eine Brücke nach ihm benannt. Sie überspannt den Fluss Ihme und verbindet die einst selbstständige Stadt Linden mit Hannover. Die Straßenbahnlinie 9 von Empelde bis Fasanenkrug und zurück fährt derzeit nur bis und ab Benno-Ohnesorg-Brücke. Die Passage Linden bis Empelde wird im Schienenersatzverkehr gefahren. Die ÜSTRA lässt hier zwei lange Gelenkbusse hintereinander fahren.

Gestern kam ich mit der Straßenbahn aus Bothfeld, musste am Hochbahnsteig auf der Benno-Ohnesorg-Brücke aussteigen und über die Straße gehen zur Bushaltestelle. Da ich mit Stock langsamer bin als alle, war der Pulk der Passagiere aus der Straßenbahn vor mir da und drängte in den wartenden Bus. Ich hörte noch, wie ein herumstehender ÜSTRA-Mitarbeiter sagte: „Da kommt noch ein zweiter Bus“, so dass ich vermeiden konnte, mich in die drangvolle Enge des ersten Busses zu zwängen. Der erste Bus fuhr ab, der zweite fuhr vor, und ich stieg ein, war der einzige Fahrgast in einem großen Gelenkbus.

Derlei beobachte ich immer wieder: Ein voll besetzter Bus wird gefolgt von einem leeren Bus. Zu Stoßzeiten wird es anders sein. Doch ich frage mich, ob es nicht sinnvoll gewesen wäre, den Bedarf zu ermitteln, bevor der aufwändige „Schienenersatzverkehr“ eingerichtet wurde. Ich glaube, es gibt dafür sogar ein Fachwort: Fahrgasterhebung. Ich beschwere mich nicht, von einem sonst leeren Gelenkbus nach Hause gefahren zu werden, finde jedoch die Lösung, stumpfsinnig zwei Busse fahren zu lassen, wo manchmal einer genügt, nicht zeitgemäß.

Warum alle Fahrgäste an der Benno-Ohnesorg-Brücke aus- und umsteigen müssen, erschließt sich übrigens nicht. An der Strecke sind keine Baumaßnahmen zu sehen. Vielleicht will die ÜSTRA einfach den Bothfelder Studenten Benno Ohnesorg ehren, der am vergangenen 15. Oktober 81 Jahre hätte werden können.

Der Abschleppdienst muss abgeschleppt werden

Im Winter 2013/2014 ist das russische Kreuzfahrt- und Forschungsschiff Akademik Shokalskiy in der antarktischen See mit 74 Personen an Bord im Eis eingeschlossen worden, dann fuhr sich der zur Rettung herbeigeeilte chinesische Eisbrecher Xue Long (Schneedrache) im Packeis fest, und auch der australische Eisbrecher Aurora Australis konnte nicht zu den Eingeschlossenen vordringen.

Im arktischen Wintereinbruch unserer Tage spielte sich vor meinen Fenstern eine ähnliche Kuriosität ab. Zugegeben wars weniger dramatisch. Beim Versuch, einen geparkten PKW aus dem Schnee zu befreien, hatte sich ein Abschleppwagen des ADAC selber festgefahren und versuchte gut eine halbe Stunde wegzukommen. Ich hörte seinen Motor und die durchdrehenden Räder für die Dauer meines Mittagsschlafes. Als ich danach ans Fenster trat, war ein weiterer Abschleppwagen vorgefahren und versuchte den Kollegen freizuschleppen.

Doch das wirklich Ulkige war eine Dreiergruppe, die sich eingefunden hatte: Ein Kamera-, ein Tonmann und was der dritte tat, konnte ich nicht sehen. Der Kameramann eilte jeweils den ADAC-Fahrern hinterher, die gewichtig zwischen den beiden Fahrzeugen hin- und hergingen, der Tonmann folgte, der andere auch, drei eifrige Leute vom Fernsehen umschwärmten die Situation, damit man heute Abend in den Nachrichten zeigen kann, wie der Wintereinbruch sogar den ADAC in Schwierigkeiten gebracht hat.

ADAC steckt im Schnee – Foto: JvdL – größer: Klicken!

Dass ich mir gestern in ungewohnten Winterschuhen blutige Blasen lief, wird nur hier berichtet. Das kam so: Normalerweise kann ich mit der Linie 9 der Überlandwerke und Straßenbahnen Hannover AG (ÜSTRA) aus einer Randgemeinde bis fast vor meine Haustür fahren. Doch am Nachmittag war der Schienenverkehr aus dem Vorort eingestellt. Da stapfte ich gut zwei Kilometer durch den Schnee zu einer Straßenbahnlinie, auf der noch Bahnen fuhren, teils als U-Bahnen. Dann versuchte ich in der U-Bahnstation der Innenstadt in die Linie 9 umzusteigen. Sie wurde über die elektronische Anzeige angekündigt. Die Minuten zählten herab auf Null, aber die Bahn kam nicht. Stattdessen verschwand sie aus der Anzeige und eine andere wurde angekündigt. Eine Frau fragte bei der Informationssäule an. Der ÜSTRA-Mitarbeiter am anderen Ende vernahm erstaunt die Botschaft, dass die Bahn nicht gekommen war, stellte dann fest, dass er sie ebenfalls nicht mehr in seinem Computersystem hatte. Immerhin war er jetzt auch informiert, was zeigte, wozu Informationssäulen eigentlich gut sind. Nach kurzer Recherche sagte er, dass die Linie 9 vermutlich und gegebenfalls gar nicht mehr führe. Trotzdem kündigte das System fröhlich weitere Bahnen an.

Auf meinem erzwungenen Fußweg nach Hause warnte ich einen jungen Mann, der gerade einen Fahrschein ziehen wollte: „Das Geld können Sie sich sparen. Die Bahn fährt nicht.“
„Trotzdem danke!“, sagte er grimmig, als hätte ich den Bahnverkehr eingestellt. Wo an Haltestellen keine elektronischen Anzeigentafeln installiert sind, wartete man im Schneetreiben vergeblich auf die Bahn. Selbst die Üstra-App zeigte keine Ausfälle an, und ich konnte nicht jedem Bescheid geben, zumal die Überbringer schlechter Nachrichten sich den Zorn der Betroffenen zuziehen. Als ich an der Haltestelle nah meiner Wohnung vorbeiging, wurde endlich über Lautsprecher durchgesagt, dass der Linienverkehr eingestellt sei.
„Wir bitten um Verständnis.“

Na klar. Im Februar schneit es immer völlig überraschend. Außerdem sind die ÜSTRA-Verantwortlichen ja erst gestern von hinterm Mond eingewandert und konnten von den Warnungen der Wetterdienste nichts wissen. Und wenn sogar der ADAC im Schnee steckenbleibt, macht die ÜSTRA sich völlig zu Recht einen schlanken Fuß.

Teestunde – Der wahre Keks

Der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz war der erste Nichtadelige, dem ein Denkmal errichtet wurde, und zwar um das Jahr 1790. Ein Nachguss der Büste wurde vor einigen Jahren im Leibniztempel des Hannoverschen Georgengarten aufgestellt. Bekannter als dieses Denkmal ist der Leibnizkeks der Keksfabrik Bahlsen. Das Unternehmen schmückt die Fassade seines historischen Firmengebäudes mit einem 20 Kilogramm schweren vergoldeten Leibnizkeks aus Messing. Im Jahr 2013 wurde er von Unbekannten entwendete, die sich darauf mit einer Erpresserforderung meldeten. Nachdem Bahlsen die Forderungen der Erpresser erfüllt hatte, wurde der Keks zurückgegeben. Der ganze Vorgang geriet sogar in die internationale Presse und hat einen eigenen Wikipedia-Eintrag, obwohl Diebstahl, Erpressung und „Lösegeld“ verdächtig nach einem Marketing-Gag riechen.

Auf der offiziellen Internetseite der Stadt Hannover steht die charmante Lüge: „Der hannoversche Zuckerhändler Hermann Bahlsen erfand 1891 den Butterkeks. Dem knusprigen Kleingebäck gab er den Namen „Leibniz Cakes“ zu Ehren des berühmtesten Bürgers seiner Heimatstadt – Gottfried Wilhelm Leibniz.“ Zum Ende des 19. Jahrhunderts war es Mode, Produkte mit den Namen berühmter Personen zu schmücken, [Mozartkugeln, Bismarckhering, Leibnizkeks]. Leibniz war da schon lange tot, konnte sich also nicht wehren. Auch wurde der Keks im französischen Nantes schon fünf Jahre gebacken, bevor ihn Hermann Bahlsen „erfunden“ hat, und zwar ab dem Jahr 1886 vom französischen Zuckerbäcker Louis Lefèvre-Utile. Der nannte den identischen Keks Petit-Beurre und vertrieb ihn über das kleine Unternehmen Lefèvre Utile (LU).

Aus dem Slogan von LU : „Vier Ohren und achtundvierzig Zähne“, machte Bahlsen „Nur echt mit 52 Zähnen“, denn er übernahm zwar fast alle formalen Merkmale des Petit Beurre, nicht aber deren zahlenmagische Bedeutung.

Fünf Jahre vor seiner Erfindung schon gebacken: der Leibnizkeks – Fotos: JvdL – größer: Bitte klicken!

Die vier größeren Eckzähne des Petit beurre symbolisieren die vier Jahreszeiten, die insgesamt 52 Zähne die 52 Wochen des Jahres. Statt der 24 Löcher beim Petit beurre, die den 24 Stunden des Tages entsprechen, hat der Bahlsen-Keks nur innovative 15. Im Selbstversuch konnte Teestübchen Chefredakteur Julius Trittenheim feststellen, dass die beiden Kekse trotzdem identisch schmecken.

Schlechte Manieren am Kanal

Quer über den Mittellandkanal hinweg zeigte ich einem Paar am anderen Ufer den gereckten Mittelfinger – aus Gründen. Meine Freundin und ich waren mit den Rädern an der Schleuse Anderten. Der Weg dorthin am Kanal entlang ist steinig und uneben, eine Tortour für Mensch und Material.
„Zurück fahren wir auf der anderen Seite. Dort ist der Weg besser“, sagte sie. Er war aber nicht besser, sogar noch steiniger, so dass ich Mühe hatte, auf dem losen Schotter nicht wegzugleiten. Nach etwa drei Kilometern passierten wir ein junges Paar, das in trauter Zweisamkeit rechts vom Weg in der Böschung saß und den Sonnenuntergang genoss.

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Besoffen in Unterhosen

Was typisch für die Flamen sei, versuchte ein holländischer Kabarettist in Flandern herauszufinden und sprach darüber mit einer Moderatorin von Studio Brussel, einem öffentlich-rechtlichen Musiksender. Typisch sei, dass Flamen zu Hause in Unterhose umherlaufen, sagte sie. Man komme nach Hause und entledige sich zuerst der Hose. Daran wurde ich erinnert, als mir gestern eine liebe Freundin unten zu sehende Karte mit einem finnischen Verb schenkte, wobei das keine Anspielung auf meine Gewohnheiten war. Was skurril ist an meinen Gewohnheiten, dafür haben noch nicht mal die Finnen ein Verb.

Die Karte stammt aus dem Museums-Shop des Hannoveraner Landesmuseums. Wir hatten uns dort eine Multimedia-Show über Leonardo da Vinci angesehen und waren überwältigt. Kalsarikännit wäre durchaus angebracht gewesen. Ich habe mir verkniffen, im Museum zu fragen, wer die Show verbrochen hatte, eine Leihgabe aus Mailand übrigens. Den Menschen will ich lieber nicht kennen, obwohl es gewiss große Kunst ist, das umfangreiche Werk eines Universalgenies hinter eigenen Ambitionen verschwinden zu lassen. Mir schwirrte der Kopf vor lauter visuellem und akustischem Bombast, immer hart an der Grenze zum Kitsch, für den die Hannoversche Allgemeine (HAZ) die freundlichen Worte fand: „Die Inszenierung ist ein synästhetisches Gesamtkunstwerk. Kraft ihrer multimedialen Wucht überwältigt sie die Besucher – und zeigt in ihrer futuristischen Ästhetik wie zeitlos sich der Genius Leonardos ausnimmt.“ Mir raubte es den Atem, was aber an der geforderten Mund-Nasen-Bedeckung (Maske) lag. Die multimediale Show wurde sicher ins Museum verlegt, weil die Rummelplätze noch geschlossen sind.

Was bedeutet „futuristische Ästhetik?“ Die Begrifflichkeit überhöht die Sache, oder sollte die Gemeinsamkeit mit dem Futurismus darin bestehen, dass die multimediale Da-Vinci-Show von einem Italiener geschaffen wurde? Profan ausgedrückt: Hier hat sich einer selbst verwirklicht und war schlicht besoffen von seinem Werk, wobei nicht klar ist, ob er bei der Planung der Show wenigstens eine Unterhose getragen hat.