Teestübchen intern (2) – Alpträume

„Bin ich durch’n Wind!“, stöhnte Chefredakteur Julius Trittenheim.

„Man sieht’s“, versetzte Volontär Hanno P. Schmock und zeichnete mit den Fingerspitzen unter seinen Augen Trittenheims Augenringe nach.  „Woran liegts?“

„Schlecht geträumt: Ich sollte eine Unterrichtsstunde halten. Vor mir ganz erwartungsvoll etwa 25 mir noch unbekannte Kolleginnen und Kollegen und eine Handvoll Schüler. Zu Beginn waren meine Unterlagen verschwunden. Nach einigem Suchen tauchte ein dicker Ordner auf. Ich blätterte ihn durch – von hinten nach vorne, von vorne nach hinten, aber fand mich nicht zurecht. Das Auditorium verfolgte all meine Handlungen aufmerksam. Ich wusste nicht, was tun und erzählte zunächst etwas Belangloses, kündigte aber an, wir würden theoretisch und praktisch arbeiten. Dann fand ein aufmerksamer Schüler unter meinem Ordner eine gelbe Mappe. Sie enthielt offenbar das handschriftliche Konzept der Stunde, doch ich hatte nicht die geringste Ahnung, sah nur, dass eine Folie dabei lag und fragte nach einem Tageslichtprojektor. Den musste der Schüler aus einem Nachbarraum holen. Da fehlte aber das Kabel. In einer Vitrine stand ebenfalls ein Projektor sogar mit weißem Kabel. Ich tauchte mit Kopf und Schultern in die Vitrine ein, um den Stecker vom Projektor abzuziehen. Da sah ich, dass das andere Ende keinen Stecker für die Steckdose hatte, sondern in ein nutzloses Teil aus Messing in Form einer langen Patrone mit Kugelkopf auslief. Was für eine vergebliche Handlung und quälende Verzögerung, und gnadenlos verrann die Zeit.

Nachdem ich meinen Kopf aus der Vitrine gezogen hatte, fand ich in der Mappe bei meinen Unterlagen einen Haufen Zeitungsausschnitte, Texte und Fotos, hatte aber nicht die geringste Ahnung wozu. Jedenfalls teilte ich die aus, um die aufkommende Unruhe zu beschwichtigen, damit jeder erst mal beschäftigt war. Da ich die Menge an Ausschnitten deutlich überschätzte, die ersten aber ganz klein waren, manche bestanden nur aus einem Satz oder sogar nur aus einer Zeile, gab ich den Schülern jeweils eine Handvoll, doch für manche Kollegen hatte ich nichts. Ich musste dem ersten Schüler wieder einige Ausschnitte abnehmen. Der murrte, denn er hatte inzwischen völlig sinnfrei an alle, selbst an die kleinsten Textausschnitte schmale Halter aus Pappe geklebt. Als ich den Kollegen die Zettel mit Haltern austeilte, sah ich auf einem Tisch einen eingeschalteten Tageslichtprojektor, der zur linken Wand strahlte. Ich schimpfte, den hätte man mir doch zeigen können. Inzwischen hatte sich mir nicht die geringste Vorstellung eingestellt, was die Leute mit den Ausschnitten tun sollten. Das Konzept dieser Stunde war mir völlig entfallen, als hätte ein Fremder es aufgeschrieben. Bevor ich also die Folie auflegen konnte, erwachte ich, und mir war klar, dass ich vor gehabt hatte, den Projektor fälschlich an die Rückwand zu richten. Immerhin war mir noch ein Arbeitsauftrag eingefallen. Jeder sollte eine kurze Beschreibung seines Ausschnitts machen. Genauso sinnvoll wäre gewesen, an jeden weiteren Ausschnitt einen kleinen Halter aus Pappe zu kleben. War das peinlich. Noch völlig beschämt stand ich auf und wankte ins Bad, fühlte mich wie ein Betrunkener. Dann goss ich eine Kanne Tee auf und setzte mich hin, den Traum aufzuschreiben.“

„Das hätte ich doch tun können!“, sagte Marion Erlenberg, „schließlich haben Sie mich als Maschinenfräulein eingestellt.“

„Ich konnte nicht warten, denn ich wollte aufschreiben, solange die Eindrücke meines peinlichen Alptraums noch frisch waren“, sagte Trittenheim.

„Wohl am Abend zu sehr gezecht, Chef?“, sagte Volontär Schmock und grinste wissend.

„Überhaupt nicht, hatte keinen Tropfen Alkohol getrunken. Höchstens war da noch Restalkohol vom Hack-Treffen am Freitagabend, hatte sich in einem Winkel meines Körpers verborgen und war erst in dieser Nacht aufgespürt und in die Blutbahn geschwemmt worden.“

„Unwahrscheinlich!“, befand Frau Kirchheim-Unterstadt.

„Glaube ich selbst nicht“, sagte Trittenheim. „Vielmehr glaube ich, dass ich besoffen von eigenen Stresshormonen war. Gestern Abend habe ich mir im Fernsehen zwei dumme Filme angeschaut, einen irrsinnigen von einer chinesischen Mumie und später einen voller Gewalt. Da wurde geprügelt und geschossen, dass ich mich mittendrin mehrmals gefragt habe: Trittenheim, was guckst du dir fürn Mist an? Aber ich konnte mich der Gewaltorgie nicht entziehen. Die Faszination des Dummen. In der Nacht vermischte sich der Quark und bescherte mir quälende Alpträume, von denen ich den letzten erzählt habe.“

„Dabei wollten Sie noch von Ihrer Hamburgfahrt berichten“, mahnte die Kirchheim-Unterstadt.

„Ja, von der menschenleeren Hafencity, Klitschko, dem Huhn und Ihrem Linksdrall“, ergänzte Marion Erlenberg.

„Muss warten. Bin zu groggy.“

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Teestübchen intern – Der Trittenheim ist erschöpft

„Als ich gestern Abend gemütlich im Sessel saß und das schön dicke Buch auf dem Schoß hielt, das ich geschenkt bekommen habe, dachte ich mit einem Mal, dass ich aufhören sollte zu bloggen. Einfach aufhören und nichts tun, beziehungsweise stapje voor stapje, voetje voor voetje dieses Gebirgsmassiv aus Worten erwandern“, sagte Teestübchen-Chef Julius Trittenheim düster.

„Das gibt sich wieder, Chef“, sagte Volontär Schmock. Es sollte tröstend wirken, aber es klang ein wenig erschrocken.

„Genau!“, pflichtete ihm Redaktionsassistentin Marion Erlenberg bei. „Sie sind vermutlich nur erschöpft von Ihrem täglichen Kampf mit dem Adventskalender. Jetzt ist er quasi sang- und klanglos abgefrühstückt und …“

„… das Beste ist von mir ab“, ergänzte Trittenheim, „es gibt doch keine treffendere Metapher dafür als ein achtlos geplünderter Adventskalender, dessen Türchen weit offen stehen.“

„Schnöde entleert und bereit für die Tonne“, nickte die Erlenberg.

„Ihre zwanghafte Neigung, jedem Recht zu geben, der gerade spricht, wird Ihnen noch mal den Hals brechen, Marion“, sagte Redakteurin Andrea Kirchheim-Unterstadt.

„Beipflichteritis kann tödlich sein“, ergänzte Schmock.

„Also, sehen Sie sich vor, Schmock!“, sagte Trittenheim. Er grinste heischend hinüber zu Frau Kirchheim-Unterstadt. „Wie ich immer sage: ‚Paarung wirkt auf die Partner’“, fuhr er fort, auf das längst nicht mehr heimliche Verhältnis zwischen der Erlenberg und Schmock anspielend.

„Wie war es eigentlich in Hamburg, Chef?“, versuchte der abzulenken.

„Später!“, sagte Trittenheim. „Wie gesagt, ich saß da mit dem Buch und erinnerte mich, was die Kollegin Kulturredakteurin der NGZ gesagt hatte. Sie habe mal meine Berufe gezählt und wäre auf acht gekommen. Da hatte sie wohl den Blogger mitgezählt. Und in der Tat, ich betreibe das wie einen Beruf. Sechs Uhr morgens aufstehen, ins Bad, dann Tee aufgießen und rein in die Tretmühle. Das kann ja nicht einfach immer so weiter gehen.“

„Ich habe meine guten Knochen auch nicht gestohlen“, sagte Maschinenfräulein Erlenberg.

„Und noch was war, als ich so da saß“, fuhr Trittenheim fort. „Von der Heizung her kam ein schweres Atmen, als würde einer dahinter hocken mit all der Schwernis der Welt auf dem Buckel. Aber ich konnte natürlich sehen, dass da gar nicht genug Platz ist für so einen geplagten Mann. Es muss also mein Gemütsecho gewesen sein.“

„Das ist im Heizkörper!“, stellte die Kirchheim-Unterstadt fest. “Seit der Monteur etwas an der Therme ausgetauscht hat, schnaufen die Heizkörper. Ist richtig unheimlich. Man denkt, da atmet einer ganz schwer.“

„Die Bestätigung kam, als mein ältester Sohn mir die Fotos schickte, die er Heiligabend an der Elbphilharmonie gemacht hatte. Mein Gott! Ich sehe ausgebrannt aus“, sagte Trittenheim.

„Nein, Chef, unter der Asche ist noch Glut“, widersprach Schmock mit Blick auf Trittenheims grauen Haare.

„Wir werden alle nicht jünger“, seufzte Frau Kirchheim-Unterstadt in ihren Schminkspiegel.

„Sie waren Heiligabend in der Elbphilharmonie, Chef?“, fragte Schmock.


„Nicht drinnen. Es gibt oben auf dem alten Ziegelsockel einen Rundgang. Man fährt auf einer 80 Meter langen, leicht gewölbt Rolltreppe durch eine weißverputzte Tunnelröhre hinauf. Das Licht strahlt aus unzähligen kreisrunden Glasfenstern, die in die Wand eingelassen sind. Und dann standen wir vor einer großen entspiegelten Glasscheibe, und ich traute mich nicht näher, weil erst die prüfende Hand die Sicherheit gab, dass ich nicht hinunter segeln könnte in die kabbelige Elbe. Wir sind dann einmal rund gelaufen und haben die Aussicht über Hafen und Hafencity mit ihren Luxusbauten genossen. Da trafen wir wieder und wieder auf ein Brautpaar mit Gefolge, umschwärmt von zwei Hochzeitsfotografen. Die Braut mit ihren nackten Schultern und Armen im weißen Hochzeitskleid tat mir Leid, weil der Wind doch so eisig war. Es war surreal, wie sie dirigiert wurde. Eine der Brautjungfern in schwerer Abendrobe und Pelzstola befahl, ‚Dreh dich mal! Nein, Blickrichtung nach da!‘, und die frierende Braut drehte sich wie eine willenlose Anziehpuppe!“

„Verdammt, Schmock, Sie Gauner! Jetzt haben Sie mich trotz Adventskalender-Blues zum Bloggen verführt!“, unterbrach sich Trittenheim, griff nach dem dicken Buch und versenkte sich in seinen Sessel.