Das Geheimnis der Wyckgasse

Parallel zur südlichen Grenze unseres Dorfes verläuft die abschüssige Wyckgasse. Ich bin sie sicher tausendmal gegangen, auf dem Weg von oder zu meiner Stammkneipe oben an der Chaussee. Trotzdem blieb sie mir fremd. Wenn wir in Kindertagen in der Dunkelheit der Novemberabende im Dorf Klingelmännchen spielten, war die Wyckgasse besonders aufregend, denn sie bot nur geringen Schutz. Zu eng lehnten sich die alten Häuser der Wyckgasse aneinander. Sie waren wie das Dicht-an-dicht einer Stadtmauer. Obwohl unser Dorf nicht groß war und sich im Lauf der Generationen ein Netz von Verwandtschaftsbeziehungen darüber gelegt hatte, von denen ich schon als Kind wusste, war die Wyckgasse wie ausgespart. Ich kannte nur eine Person aus der Wyckgasse, meinen Mitschüler Volker Harms. „Kennen“ ist hier ein zu großes Wort, denn Volker Harms hielt auf Abstand, war mit niemandem befreundet, und nie ist jemand von uns auf die Idee gekommen, ihn in ein Spiel einzubeziehen. Er war die Fleisch gewordene Unauffälligkeit und Zurückhaltung. Weiterlesen

Heiligabend im Teestübchen – eine Zeitreise

Was wäre eigentlich, ich stelle es mir vor… was wäre, du würdest einmal vom Blitz getroffen? Du stündest allein im weiten Feld, kein Haus in der Nähe, kein Baum. Eigentlich ist es ein Hügel. Ziemlich flach, doch dafür weit. Sanft wölbt er sich aus der Landschaft empor. Auf der Kuppe stündest du. Es schneit schon eine Weile. Du hast die Orientierung verloren. Die Richtung ist weg und dir ist kalt. Plötzlich ein Grollen und dann folgt ein Licht. Ein Gewitter, auch das noch, doch du willst es nicht wahrhaben. Es könnte auch etwas anderes gewesen sein. Weißt du, was irgendwo in der Nähe ist, das vielleicht ein wenig gegrollt hat? Auch das Licht ist eigentlich erfreulich, dann bist du in die richtige Richtung gegangen. Gerade hast du dich mit Licht und Grollen versöhnt, bist weiter getappt, hast gerade einmal fünf Gramm Mut, da donnert es, dass dein Herz ins Poltern kommt, Schnee wird zu Eis, und der Wind treibt dir Graupelkörner ins Gesicht. Du kannst dich nicht schützen, du musst ja vorwärts, du weißt, wenn ich stehen bleibe, bin ich verloren.

Ich will dich erlösen aus dieser Not, und lasse jetzt einfach einen Blitz auf dich zucken.
Er jagt durch dich hindurch, du spürst ihn kaum, doch irgendetwas ist mit dir geschehen. Du siehst noch auf den Augenwinkeln, wie der Boden sich hebt. Die hart gefroren Muttererde klappt hoch und klatscht dir ins Gesicht. Du bist in Wahrheit zu Boden gestürzt, es war einfach der Sinn des Sehens, der zuletzt in Ohnmacht fiel.

Du wirst wach. Was ist das? Du schaust an dir hinab und trägst die Uniform eines königlich preußischen Unter-Telegraphisten. Sie ist blau und hat silberne Litzen, denn du bist nur der Untertelegraphist. Der mit den goldenen Litzen steht neben dir. Er neigt sich zur Wand und schaut durch ein Fernglas. Du siehst auf seinen gebeugten Rücken.

Das Fernglas ist in die Außenwand eingelassen. Ihr beide steht in einem Turmzimmer. An der Wand hängt eine Schwarzwälder Kuckucksuhr. Wo bin ich hier, denkst du erschrocken. Doch im gleichen Augenblick weißt du es. In der Mitte des Raumes ist ein enges Gestänge. Es hat Hebel und ragt durch die Decke des Turmzimmers und darüber hinaus in den Himmel. Das jedoch siehst du nur, wenn du ein Haus am Fuße des Turms verlässt und zum Dienst gehst. Zum Haus gehört ein Garten mit Stall und Kleinvieh. Weit und breit steht kein anderes Haus. Aus diesem Bestand müsst ihr euch selbst verpflegen. Ihr beide habt Frauen, die mit euch dort leben.

Neben der Schwarzwälder Kuckucksuhr mit Schlagwerk hängt an der Wand ein Kalender. Heute ist der Morgen des 24. Dezembers 1848. Im folgenden Jahr wird eine Horde aufgebrachter Bürger von Iserlohn heranziehen und den Turm besetzen. Sie werden die gesamte Einrichtung zerstören. Doch an diesem Morgen des 24. Dezembers weißt du das noch nicht. Im Gegenteil, du fühlst dich wohl. Obwohl es seit gestern unaufhörlich stürmt und schneit, habt ihr es warm im Turmzimmer. Der eiserne Kaminofen in der Ecke der Stube heizt mächtig ein.

Du wirst jetzt deine Arbeit machen. Es ist Heiligabend ohne Zweifel. Doch arbeiten musst du, denn du bist ein königlich-preußischer Untertelegrafist. Du musst jetzt acht geben. Dein Vorgesetzter hält auf dem Stehpult ein Logbuch bereit. Irgendwann in den nächsten Minuten, wird er dir rasch eine Kombination zurufen. „B4!“, wird er rufen. Mach dich gefasst. Denn im selben Augenblick, wenn der Stationsvorsteher ruft, wirst du die richtigen Hebel ziehen. B4, das ist unten links und mit der rechten Hand nimmst du den oberen. Du schaust dann lustigerweise immer zur Zimmerdecke. Obwohl du nicht sehen kannst, was die Hebel bewirken. Du siehst nur, dass sich zwei der dünnen Stangen weiter durch die Zimmerdecke geschoben haben.

Warum tut ihr das eigentlich?, hat dich deine Frau gefragt, als sie dich gerade frisch geheiratet hat. Du hast gesagt, wir sind die Boten, wir schicken Nachrichten in die Welt. Es heißt „Optische Telegraphie“, was wir machen. Wir stehen in den Diensten des höchsten Mannes dieses Landes. Dem König und der preußischen Regierung dienen wir. Der Turm sorgt dafür, dass seine Befehle fliegen. Sie kommen aus Berlin und fliegen dank uns durch das ganze Reich. Deine Frau ist natürlich noch nie in Berlin gewesen. Und was „Das ganze Reich“ bedeutet, woher soll sie das wissen?

Wann kommt denn die Nachricht, denkst du schon zum zehnten Mal. Ist es endlich so weit? Irgendwann in den nächsten Minuten wird der Obertelegrafist durch sein Fernrohr etwas Wunderbares sehen. Die Nachricht fliegt heran, die Nachricht: B4! Er sieht sie auf dem vier Kilometer entfernten östlichen Hügel. Dort steht ebenfalls ein preußischer Telegrafenturm. Sein Signalmast ragt hoch in den Himmel. Er hat je drei lange Signalblätter links und rechts am Mast. Wie sich die Signalblätter bei der Nachricht B4 stellen, weißt du nicht. Du bist ja nur der Untertelegrafist. Dein Vorgesetzter weiß Bescheid. Er schaut durch das Fernglas und erkennt B4 sofort. Wenn er B4 sieht, ruft er es. Deshalb schaut er alle zwei Minuten einmal gründlich hinaus. Beim heutigen Schneetreiben wird er es schwerer haben als sonst. Doch du bist sicher, er wird B4 erkennen. Er ruft, du stellst die Hebel, und dann ist es getan. Ihr beide habt die Nachricht an den nächsten Turm weitergegeben. Dort wartet man auch auf B4.

Der Stationsvorsteher wird B4 ins Logbuch notieren, sich umdrehen und gemessenen Schrittes den Raum durchqueren. Vor der Schwarzwälder Kuckucksuhr mit Schlagwerk bleibt er stehen. Er streckt den rechten Zeigefinger aus und dreht die Zeiger genau auf Berliner Ortszeit. Denn B4 bedeutet: „Achtung, die Uhren werden gestellt!“ Wenn eure Nachricht weitergeflogen ist, habt ihr verlässliche Berliner Ortszeit auf den Zeigern eurer königlich preußischen Schwarzwälder Schlagwerkuhr. Im Land ringsum haben sie ihre eigene Ortszeit. Sie stellen die Kirchturmuhr nach der Sonne. Wenn sie am höchsten steht, ist 12 Uhr. Die Uhr des preußischen Königs dagegen die richtet sich danach, wann ihm in Berlin die Sonne am höchsten steht. Ihr Beamten der optischen Telegrafie sorgt für Berliner Ortszeit auf der gesamten Telegrafenlinie, die doch tatsächlich von Potsdam bis Aachen und Koblenz reicht! Unzählige Türme unterwegs, eine stattliche Schar von Telegrafisten …

Warum jedoch wird der Turm im Juni des Sommers 1849 gestürmt? Die Menschen lehnten sich auf gegen die Flüsterpost zu ihren Köpfen. Die geheime Fernkommunikation war ein Instrument der Macht. Und schon bist du zurück aus dem Jahr 1848. Fernkommunikation ist auch im Jahr 2020 noch ein Machtinstrument.

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(Gestaltung: JvdL)

Mensch im Mantel – Etwas über drinnen und draußen

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Cartoon: JvdL, abgedruckt in Aachener Prisma 1978

Fast war noch Nacht. Der Sturm heulte im Schornstein, tobte und pfiff, bog die schlanken Masten der Laternen, trieb den glitzernden Schnee durch ihre Lichtkegel, ließ die kahlen Äste der Straßenbäume erzittern und fegte die Vögel von den Dächern. Im Fallen sind sie schon steif gefroren, polterten wie steinerne Kugeln über die Dachziegel, gewannen Tempo im freien Fall und zerbarsten auf dem Bürgersteig. Einige Leute hasteten geduckt vorbei, schwangen eilends die Hufe, soweit es die Glätte zuließ. Wo alles Leben erstarrt, durften sie nicht lange sein. Und in dem Sausen und Brausen ist ganz stoisch die erste Straßenbahn vorüber gezogen und hat ein paar Leute zum Erfrieren stadtauswärts gebracht. Draußen vor der Stadt war nichts, was dem Schneesturm Einhalt bieten konnte. Da geriet er in Raserei, peitschte die nackten Rücken der Felder und drosch die Hasen aus ihren Mulden. Und als wäre er wundgeprügelt, zeigte sich am Horizont ein blutroter Streif. Wohl dem, der irgendwo hin gehört, ein Dach überm Kopf hat und ein Feuer im Kamin, wo man ihn erwartet und sitzen lässt.

Am Mount Everest, K2 und an anderen hohen Gipfeln nimmt der Bergtourismus zu. Banker, Finanzjongleure, Investoren, solche, die neuerdings zu Geld gekommen sind, suchen dort oben sich selbst, wollen ihre Grenzbereiche erkunden, außerhalb der alltäglichen Erfahrung. Sie mieten Ausrüstung, Sherpas, Bergführer und steigen in Seilschaften hinauf ins ewige Eis, ohne es je geübt zu haben, außer an Klimmwänden in Fitnesscentern. Im Berg sind die Grenzbereiche rasch durchdrungen, und sie erfahren, dass ihre Allmacht nur unter schwachen Menschen besteht, nicht aber in der eisigen Natur, stürzen in Felsspalten, erstarren in ihren Schlafsäcken, sinken stumm in den Schnee und vereisen. Gehts noch kälter?

mensch-im-mantel2Es gibt im Himalaja einen tibetanischen Mönchsorden, der sich auf eine wundersame Übung versteht in eiskalter Nacht. Sie führen einen der ihren nackt hinaus, er hockt sich in den Schnee, und sie behängen ihn mit Decken. Andere eilen mit Wassereimern herbei und leeren sie über seinem Kopf. Augenblicklich frieren die Decken ein und erstarren zum Eispanzer. Dann lassen sie ihn allein, und der im Eis wird die Nacht über versuchen, die Decken an seinem Körper aufzutauen und zu trocknen.

An einem frostigen Sonntag traf ich im Weiler Mamelis ein. Die letzten zwei Kilometer hatte ich rollend bewältigt, ohne selbst treten zu müssen, denn ich kam vom niederländischen Grenzort Vaals herunter und fuhr in die Niederlande Richtung Maastricht. Dabei war mir im Fahrtwind schon lausig kalt geworden. Auf der Höhe von Mamelis bog ich von der Maastrichter Laan ab und rollte hinunter zum Gehöft van Mamelis. Bei seiner Hauswiese am Selzerbeek schloss ich mein Rad an ein Eisengitter, was ich später bereuen sollte.

mensch-im-mantel3Von Orsbach kam Freund Erlenberger herunter und überquerte den zugefrorenen Selzerbeek, der hier Grenzbach ist. Wir waren für eine Winterwanderung durchs schöne Mergelland verabredet. Es schien eine prächtige Sonne, doch wo unser Weg durch sanfte Täler, über Hügel und Höhenrücken der weithin mit Reif bedeckten Landschaft führte, zehrte ein eisiger Ostwind an unseren Kräften. Ich war erschöpft und müde, als wir das Dorf Mechelen am Kehrpunkt unserer Wanderung erreichten.

Die niederländischen Dörfer im Mergelland mit ihren restaurierten Fachwerkhäusern sind allesamt touristisch herausgeputzt. Ich sagte: „Wenn der liebe Gott völlig verkitscht ist, dann ist hier sein Vorgärtlein.“ Erlenberger nickte, denn anders als ich war er noch nicht vom Glauben abgefallen. Wir beschlossen, uns in einem Café aufzuwärmen. Als wir eintraten, fanden wir das halbe Dorf, Oma, Opa, Mama, Papa und Kinder allen Alters in drangvoller Enge versammelt. Das Stimmengewirr wurde übertönt von Schnulzen aus den 60er Jahren. Gerade lief Little Green Bag von der George Baker Selection. Es war wirklich hyggelig, obwohl das dänische Wort nicht ganz die spezielle Form der holländischen Gemütlichkeit trifft. Auch der Fremde ist rasch vereinnahmt. Wir tranken heißen Kaffee, aßen appeltaart met slagroom und genossen, dass wir nicht fragen mussten, ob man deutsches Geld nehmen würde, sondern zahlten erstmals mit Euro-Münzen. Es wird also im Winter 2002 gewesen sein. Auf unserem Rückweg mussten wir gegen den Wind an. Die Dämmerung fiel herab, und als wir wieder in Mamelis eintrafen, war es bereits stockfinster.

mensch-im-mantel4Mein Fahrradschloss war eingefroren. Als ich den Schlüssel zu heftig drehte, brach er im Schloss ab. Wir gingen durchs Tor ins Gehöft und fanden nur Licht im Kuhstall, wo die Bäuerin bei der Arbeit war. Sie fühlte sich gestört und war mürrisch, finster wie das ganze Gehöft. Widerwillig holte sie einen Werkzeugkasten und gab mir eine Eisensäge. Als Fahrtraddieb bin ich eine Niete, desgleichen Erlenberger. Wir haben sicher eine halbe Stunde am Schlosskabel gesägt.

Nachdem wir mein Fahrrad befreit hatten, begleitete ich Erlenberger nach Hause. Schon vom Schieben bergauf war mir wieder warm geworden. Doch so richtig hyggelig war es an Erlenbergers Kaminofen, in dem die Holzscheite knackten und loderten und auf dessen Herdplatte zwischen dicken Kieselsteinen der Wasserkessel zischte. Für kurze Zeit war die unwirtliche Natur ausgesperrt.

[Überarbeitete und gekürzte Fassung der Erstveröffentlichung vom 20. Dezember 2016]

K wie Klotzarchitektur

Wenn man eine feine Nähnadel durch ein bisschen Haut an der Fingerkuppe schiebt, schwebt die Nadel frei am Finger. Mir träumte, dass ich an einer Schreibmaschine saß und tippte. Plötzlich verhakte sich mein rechter Zeigefinger an der K-Taste. Ich zog und zog, die Haut der Fingerkuppe zerrte sich lang, doch es nutzte nichts. Der Finger kam nicht mehr von der Taste los. Im Traum dachte ich, wenn ich das jetzt einfach in meinen Text einfüge, dieses Problem mit dem in der K-Taste verhakten Finger, wird sich manch Leser wundern.
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Nachtbummel über den Königshügel

Einmal im Zustand innerer Aufruhr sei er in die frostklare Nachtluft hinaus und den Königshügel hinaufgelaufen, sagte Jeremias Coster, der dubiose Professor für Pataphysik und Leiter des Instituts für Nachrichtengeräte an der Technischen Hochschule Aachen. Er sei so lange auf den hübschen Straßen dort oben unterwegs gewesen, bis sich seine Aufregung gelegt habe. Einiges mehr aber sei nötig gewesen, seinen Blick wieder von innen nach außen zu richten, ihn also innerlich neutral zu machen.

Die glitzernde Stadt unten in ihrem Talkessel habe ihn beeindruckt. Und er habe durchaus den Sternenhimmel gewürdigt, der sich über ihm wölbte. Doch zwischen den lockeren Reihen kaum noch beleuchteter Häuser des Königshügels habe er sich gedacht, so ein Sternenhimmel könnte ebenso gut ein nachtdunkles Tuch sein, in das man feine Löcher gestochen hat, durch die ein Licht fällt. Diese Theaterkulisse sei also nur beeindruckend, da wir dank neugieriger Wissenschaftler wüssten, dass die Sterne keine Löcher in einer nachtblauen Decke sind. Eigentlich aber wüssten wir nicht wirklich etwas darüber, soweit wir keine Astronomen wären. Wir müssten deren Angaben glauben, was wiederum zeige, dass Wissenschaft für den Laien eine Sache des Glaubens ist, wodurch sie sich kaum von Religion unterscheide.

Über die nächtlich glitzernde Stadt habe er gedacht, sie entziehe sich durch ihre Entfernung ja lediglich seinem feineren Urteilsvermögen. Wenn einem Menschen nur der Sinn des Fernsehens erlaubt sei, könne man ihm die schlimmsten Verbrechen wie eine blinkende und funkelnde Kulturäußerung vorführen.

„Wie meine Sie das, Coster?“, fragte ich.

„So ein aus der Ferne romantisch funkelndes Lichtlein bescheint vielleicht gerade eine Szenerie, in der jemand überfallen und seines Lebens beraubt wird.“

„Denken Sie nicht, dass das eher in dunklen Ecken passiert?“

„Ach, Schmarrn, dann verabreden eben drei Obergauner im Schein eines Kronleuchters, den Staat um Millionen zu betrügen. Kann ich jetzt fortfahren in meinem Bericht vom Nachtbummel, ohne mich der Gefahr deiner unqualifizierten Einwürfe auszusetzen?“

“Nur zu!“

„Wenn einem die nächtlich funkelnde Stadt ihren durchaus anheimelnden Anschein präsentiert, liegt das nur daran, dass die Betrachtung aus der Ferne keine näheren Einblicke ins Geschehen erlaubt. Die großen Inszenierungen – Wissenschaft, nächtlicher Sternenhimmel und glitzernde Stadt habe ich also beim Nachtbummmel philosophisch widerlegt. Dadurch hat er mir die innere Ruhe zurückgebracht.“

Ich sagte: „Es kann ebensogut an der kalten Nachtluft und der Mühe gelegen haben, die Steilheit der Straßen zu bewältigen. Dann wären die philosophischen Widerlegungen der Wissenschaft, der glitzernden Stadt und des Sternenhimmels nicht nötig gewesen.“

„Das ist das, was du glaubst“, entgegnete Coster und verschwand.

Es wird immer schwieriger, mit ihm zu diskutieren, seitdem er tot ist, dachte ich.

Aus dem Digitalen in die Natur und zurück

Die Sonne scheint. Ich fahre Richtung Niederlande. In de laage landen. Tatsächlich geht es auf der Maastrichter Laan eine Weile bergab. Der Wind kommt von West. So werde ich beim Heimweg Rückenwind haben. Wenn ich den Grenzort Vaals hinter mir habe und die Maastrichter Laan entlangsause, schalte ich ab. Es ist, als würde ich an der Grenze meinen Packen abgegeben. Ich brauche mir deswegen keine Sorgen zu machen. Er liegt noch da, wenn ich zurückkomme. Den lädt sich keiner freiwillig auf, der noch bei Sinnen ist.

Ein schöner Weg biegt von der befahrenen Maastrichter Laan ab, führt bald durch einen kleinen Ort, wo vor der Kirche die pfingstlichen gelb-weißen Fahnen flattern, dann zwischen Wiesen eine Anhöhe hinauf. An der Flanke säumt sattes Gras den Weg; groß wie Getreide wogt es im Wind. Bald werden die Samen fliegen. Der Weg führt steil aus dem Tal hinauf. Unten zwischen den fetten Wiesen schlängelt sich ein Bach Richtung Göhl. Darüber staune ich immer wieder, dass ein kleiner Bach über die Jahrtausende ein so weites Tal ausspülen kann. Weiter oben steht doch eine Bank? Oder habe ich sie übersehen, weil sie vom Gras überwuchert ist? In einer Biegung taucht sie auf. Sie ist weinrot angestrichen. Erst kürzlich muss jemand mit einem Topf Goldbronze hier gewesen sein. Er hat die acht Nietnägel, je vier links und rechts, nachlässig damit angepinselt. Das Holz rund um die Nägel ist ein bisschen übermalt. Doch es macht nichts – dieses Gold auf Weinrot inmitten von Grün sieht einfach prima aus. Die Holländer wissen Akzente zu setzen.
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Unter Gemüseschnitzern (3) – Kein Glück ohne Schatten

„Warum noch darüber reden? Das alles macht mir Weltschmerz. All den Lug und Betrug aus den Reihen der machtgeilen Politik, das Leid, dass diese Leute im Dienste eines angeblichen Infektionsschutz bei Alten, Kranken, Familien und Kinder angerichtet haben, die Ignoranz unserer Medien, die inquisitorische Weise, in der man Kritiker mundtot machen will, kann ich kaum ertragen. Und mich schmerzt, dass Freunde und Freundinnen, deren Intelligenz und Urteil ich geschätzt habe, der Panikmache und Angstmacherei zum Opfer gefallen sind.“

„Ich heule gleich“, sagte der Schriftsteller.

„Na na, der Lockdown war nötig, stand in meiner geliebten FAZ“, sagte Frau Spangenberg.

„Aber unser Gesundheitssystem war zu keiner Zeit überlastet. Und die alberne Maskenpflicht wurde erst eingeführt, als der magische „R-Wert“ weit unter 1 war und die Intensivstationen in unseren Krankenhäusern leer standen.“

Der Weg führte nun steil bergab. Inzwischen sahen wir unter uns in die Mauereinfassung der Grabanlage mit der zentralen Pyramide, die der Graf von Münster sich hatte erbauen lassen.

„Wie glücklich die Zeiten, als die Eliten sich mit derlei Quatsch begnügt haben“, sagte ich.

„Das werden die Dienstboten anders gesehen haben, als sie dem Fürsten zu Lebzeiten die Genüsse den Berg hinaufschaffen und servieren mussten, nur damit er Tee schlürfend den Blick auf sein Anwesen und die Ländereien genießen konnte“, wandte der Schriftsteller ein,

„Da sind sie wenigstens fit geblieben“, sagte Frau Spangenberg,

„Inzwischen ist auch der die Fitteste von ihnen längst tot“, sagte der Schriftsteller düster und ließ sich auf eine Bank sinken. „Fitness wird total überschätzt. Ich gehe keinen Schritt mehr weiter.“

„Ob sich aber ein Dummer findet und Ihnen das Abendessen bringt?, lachte Frau Spangenberg.

„Der Hunger treibt ihn schon rein“, sagte ich und ging weiter. Die Aussicht, mit Sibylle Spangenberg alleine weiter zu bummeln, war höchst erfreulich. Zum Glück blieb der Dicke sitzen.

„Sie hätten ihn ruhig ermuntern können“, rügte sie.

„Warum sollte ich? Ihre aparte Gesellschaft reicht mir.“

„Mich beunruhigt, dass Sie so düstere Gedanken denken. Können Sie auch anders?“, fragte Sibylle Spangenberg.

„Oja. Es gibt auch bei mir seltene Minuten, da ich von innerer Zufriedenheit durchdrungen bin, dass mir nichts zu fehlen scheint.“

Der Weg folgte nun den Windungen eines Baches. Im dichten Buschwerk der Uferböschung erhob sich ein Kirschbaum mit leuchtend roten Früchten.

„Die hängen leider zu hoch“, sagte ich.

„Wieso?“ Frau Spangenberg stieg in die Böschung, reckte sich zu einem Zweig hin, der voller Kirschen hing und pflückte sie.

„Mein Bruder hat gesagt: ‚Mit einer großen Frau ist nicht gut Kirschen essen‘.“

„Ihr Bruder hatte wohl keine Ahnung“; sagte sie lachend und gab mir ihre Handvoll Kirschen. Sie schmeckten köstlich. Aber ich biss mir auf die Zunge und schmeckte Kirschsaft mit einer Ahnung von Blut. Kein Glück ohne Schatten.

Links: Die gesponserte Pandemie

Die Ballerman-Hysterie

Covid19-Entscheidungen und -Debatte sind wie der Offenbarungseid einer beschränkten Politik und abnickender Medien


Unter Gemüseschnitzern (2) – Weltschmerz

Wie warteten, bis Frau Spangenberg heran gekommen war, nahmen sie in die Mitte und stiegen gemeinsam hinan. Im Wald hatte man im großen Stil Bäume gefällt, die Stämme seitlich des Wegs aufgestapelt, das Knüppelholz aber achtlos im Wald und sogar über den Weg verstreut. Stellenweise mussten wir hintereinander gehen. Ich hatte Mühe, nicht zu straucheln, während die Spangenberg hurtig bergan eilte und scheinbar mühelos wie das göttliche Kind über alle Hindernisse hinweg schritt.

„Ich möchte nicht wissen, wie es bei dem Förster zu Hause aussieht, der das Chaos hier zu verantworten hat“, sagte ich.

Frau Spangenberg lachte. Bringst du eine Frau zum Lachen, hast du schon gewonnen, freute ich mich. Der korpulente Schriftsteller blieb schnaufend zurück und schien aufgeben zu wollen. Frau Spangenberg wusste ihn zu motivieren. „Oben am Teehaus gibt es eine Bank. Da können Sie verschnaufen und uns erzählen, was sie schreiben.“

„Meistens schreibe ich Dystopien“, sagte der SF-Schriftsteller düster.

„Gibt es nicht genug? Das Genre ist doch schon voll von Dystopien“, wandte ich ein.

„Man kann sich schlechte Welten einfach besser vorstellen, wenn man derzeitige negative Entwicklungen weiter in die Zukunft denkt.“

Wir erreichten die Bank und setzten uns. Vor uns erhob sich auf einem Sockel das unförmige Teehaus, einem dorischen Tempel nachempfunden, den der Hannoveraner Architekt Georg Ludwig Friedrich Laves im Jahr 1827 dem Grafen auf den Berg baute. Sagt man so, obwohl Laves keine Steine geschleppt haben wird.

„Hauptsache plausibel. Die Menschen mögen es, wenn die Entwicklungen so dargestellt sind, dass jeder mitkommt“, sagte ich.

„Ich weiß nicht“, widersprach Frau Sprangenberg. „Die menschliche Erfahrung lehrt etwas anderes. Schon der Blick in die Vergangenheit zeigt genau das Gegenteil von Plausibilität: “ Sie deutete mit ihrer schönen Hand in die Runde: „Der griechische Tempel hier, die Grabpyramide im Tal und die Fischerhäuser an der Straße. Das architektonische Ensemble mit dem Schloss und den weitläufigen Gebäuden der Meierei. Plausibel ist doch nur das umgebende Idyll. Wenn wir nicht wüssten, dass die Anlage einst ein Zisterzienserkloster gewesen ist und ein Fürst es im 19. Jahrhundert der Kirche entrissen hat, um das Haupthaus im Tudorstil zum Schloss umzubauen, stünden wir vor einem Rätsel und würden nichts mit unserer Gegenwart zusammenbringen können.“

„Das deprimiert mich ja so“, sagte der Schriftsteller. „Wenn man die derzeitige Entwicklung unserer Gesellschaft zur Gesundheitsdiktatur betrachtet, so ist auch nichts plausibel. Schon die handelnden Figuren sind es nicht. Die Charaktere sind so schlecht entwickelt, einfach dumm. Kein Verlag würde mir ein Manuskript abnehmen mit Figuren wie Frau Merkel, Jens Spahn, Karl Lauterbach und so weiter. Dass derlei banale Menschen die Akteure sind, hätte ich nie erwartet. Und dass es kaum gesellschaftlichen Widerstand gibt, das völlige Versagen der Leitmedien als kontrollierende Vierte Gewalt, ihr arrogantes Ignorieren der Fakten, das alles ist nicht plausibel. Einzig wie sie Abweichler, Zweifler und Kritiker dämonisieren, das erinnert an längst bekannten religiösen Eifer.“

„Plausibel ist die Entwicklung schon“, sagte ich. „Ich muss immer denken an Warren Buffetts Befund, dass die Klasse der Superreichen einen Klassenkampf begonnen hätten.’There’s class warfare, all right, but it’s my class, the rich class, that’s making war, and we’re winning.‘ Waren das nur Worte des zweitreichsten Mannes der Welt oder gab es konkrete Kriegshandlungen?“

Müde bestätigte der Schriftsteller: „Er hat das anlässlich der Finanzkrise gesagt. Banken wurden mit Steuergeldern gerettet, und am Ende waren die Superreichen noch reicher geworden. Das Geld wurde also von unten nach oben geschaufelt.“

„Hinsichtlich der Kriegsmetapher war die Finanzkrise ein Scharmützel“, warf Frau Spangenberg ein.

„Ja, die nächste Kampfhandlung, der nächste Angriff muss heftiger sein. Wie könnte es weitergehen? Entwickeln Sie ihre Dystopie, Herr Schriftsteller!“, sagte ich.

„Zuerst bringt die Pharmaindustrie die WHO dazu, die Definition der Pandemie zu ändern, damit man eine ausrufen kann trotz geringer Todesfälle wie damals bei der Schweinegrippe. Dann versetzt man die Leute durch geschicktes Marketing in Todesangst, so dass sie nicht mehr geradeaus denken können. Dann macht man mit Shotdowns und Lockdowns den Mittelstand kaputt, so dass die großen Wirtschaftsplayer sich deren Marktanteile unter den Nagel reißen können.“

„Nicht besonders originell“, sagte ich. Genau das ist doch passiert oder passiert derzeit. Die Auswirkungen können wir jetzt schon sehen an Amazon und dem Bankrott von Karstadt/Galeria Kaufhof.“

„Ich bin halt müde. Wie kann ich mir eine eigenständige Dystopie ausdenken, wenn die Welt erkennbar auf eine zustrebt?“, fragte der Schriftsteller. „Wenn der Krieg bereits im Gange ist und in so großem Stil geführt wird, wie Sie sagen, ist eh alles verloren. Dann bleibt uns nur Gemüseschnitzen und sonstiger Eskapismus. Warum sollten wir noch über die derzeitige Entwicklung reden?“

Fortsetzung: Kein Glück ohne Schatten

Unter Gemüseschnitzern – eine Erzählung aus unseren Tagen in drei Folgen

„Das weiß doch inzwischen jeder Dorfdepp, dass man eine Dame nicht nach ihrem Falter fragen darf“, sagte Referent Carlo Mobenbach und schaute streng in die Runde. Als sein eisiger Blick an mir hängen blieb, zuckte ich schuldbewusst zusammen und fragte: „Auch Stubenmädchen nicht?“

Mobenbach schnaubte: „die Hausdame ist kein Stubenmädchen. Den Unterschied sollte ebenfalls jeder Dorftrottel kennen.“

„Entschuldigung, ich bin nicht von hier und übernachtete nie zuvor in einem Etablissement, in dem die Stubenmädchen Hausdamen sind und oder umgekehrt.“

Die aparte Kulturwissenschaftlerin, die mir seit Beginn des Seminars „Lebensart und Gemüseschnitzen“ schöne Augen gemacht hatte, eine gewisse Sibylle Spangenberg, sprang mir bei. „Heute Morgen habe ich einen großen Nachtfalter auf meinem Handtuch gefunden und keinen Moment gezögert, die Hausdame zu rufen und zu fragen, wie sich der Falter in mein Bad hat verirren können. Das ist doch die natürlichste Reaktion der Welt.“

Carlo Mobenbach geriet für einen Moment aus dem Konzept, stieß seine Manuskriptseiten mit den Kanten auf dem Tisch auf, griff an seine Brille und sagte: „Wer wäre ich, Ihnen, Frau Doktor Spangenberg, zu widersprechen. Äh, ich korrigiere. Ein Tippfehler offenbar. Gemeint ist nicht ‚Falter‘. Es muss natürlich ‚Falten‘ heißen. Eine Dame fragt man nicht nach ihren Falten, merken Sie sich das, Herr Trittenheim!“

„Aaalter:“

„Wie bitte?“

„Da wo ich herkomme, fragt niemand eine Dame nach ihren Falten. Vielmehr wissen wir, dass man eine Dame nicht nach ihrem Alter fragen darf. Hingegen ist es ratsam, sich nach ihrem Alten zu erkundigen.“ Ich zwinkerte der Dame Spangenberg zu.

„Der ist auf Geschäftsreise in Porno.., äh, Portugal“, sagte Frau Sibylle errötend.

„Nachdem jetzt alle Missverständnisse geklärt sind, entlasse ich Sie in die Pause“, sagte Carlo Mobenbach. „Abendessen gibt es in zwei Stunden. Sie haben also Zeit genug, die idyllische Umgebung zu erkunden.“

Das Auditorium, 15 Leute an der Zahl, rückte die auf Lücke gesellten Stühle und begab sich nach draußen auf den sonnigen Schlosshof. Bedauernd sah ich, dass Frau Spangenberg von der kleinen Sterneköchin vereinnahmt worden war. Ich hörte sie sagen: „Ich bin gespannt auf das Gemüsesschnitzen. Bisher kann ich nur Röschen aus Tomaten gestalten. Habe ich von meiner Mutter gelernt. Und die hat es von ihrer Mutter. Unsere ganze Familie kann Tomatenrosen schnitzen.“

„Aha“, sagte Frau Spangenberg. „Sie wollen also das karge Familienvermögen bereichern.“

Ich wandte mich ab und gabelte den trübsinnigen Sciencefiction-Autor auf, der in seiner ganzen Pummeligkeit wie ein Trottel da stand und seine Fußspitzen betrachtete. „Kommen Sie mit auf den Hügel? Ich will mir das griechische Teehaus des Grafen anschauen.“

„Diese Geschmacksverirrung schreckt mich nicht. Mir ist eh alles egal“, sagte der Mann und folgte mir zum Wald. Am Weg zum Teehaus wies ein windschiefes Schild den Laves-Kulturpfad aus. Gerade als wir in den steilen Pfad einbogen, rief Frau Spangenberg von der Toreinfahrt herüber: „Huhu! Ich komme mit Ihnen!“

Fortsetzung: Weltschmerz am griechischen Tempelbau

Besinnungsaufsatz – Meine erste große Liebe

Ich erinnere mich, schon früh in ein Mädchen verliebt gewesen zu sein. Als meine Freunde noch alle Mädchen doof fanden, hatte ich die schönsten Gefühle, wenn ein Mädchen namens Helen in der Nähe war. Allein ihre Stimme reichte, mich zu beglücken. Diese kaum bestimmbaren Gefühle hielten noch an, wenn ich Helen nur kurz gesehen oder gehört hatte und den Freunden bedauernd zu wichtigeren Aktivitäten folgen musste. Folglich wagte ich nicht zuzugeben, dass mich ein Mädchen interessierte.

Das erste Mädchen, in das ich richtig verliebt war, hieß Hilly. Da war ich etwa zwölf Jahre alt. Hilly war bei Nachbarn in den großen Ferien. Damals verdiente das Wort „Große Ferien“ noch seinen Namen. Man tauchte kopfüber in die Augusthitze ein und kam ewig nicht mehr hervor. Ich vermute, dass die Welt zu dieser Zeit stillstand, wie das schier endlose Zwitschern der Feldlerchen über den Stoppelfeldern.

Leider war der Sinn für Mädchen inzwischen auch bei meinen Freunden erwacht. Sie strichen um Hilly herum wie junge Hunde, waren mir jedenfalls dauernd im Weg. Noch immer traute ich mich nicht, mein Interesse an Hilly deutlich zu zeigen. Ich bin nicht sicher, ob es geholfen hätte, wenigsten die Nebenbuhler abzuschrecken. Der hartnäckigste war Adrian von Wallenburg. Adrian war ein Jahr älter als ich und weniger schüchtern. O, könnte ich nur meine Schüchternheit überwinden, dachte ich, dann würde ich jedes Mädchenherz erringen. Abends blätterte ich in den Ausgaben „Das Beste aus Readers Digest“, die zahlreich in einer Vitrine meines jüngsten Onkels standen, in dessen verwaisten Zimmer ich schlief. Da gab es Werbeanzeigen zur Entwicklung von Selbstbewusstsein, immer als Fallbeispiel beschrieben. Aber nie fand sich einen Hinweis, wie etwa der gehemmte John Weismuller seine Schüchternheit überwunden hatte und erfolgreicher Leuteverdummer oder Mädchenschwarm geworden war. Mein Freund Neuhaus hatte derlei Probleme nicht, obwohl er nicht besonders hübsch war. Neuhaus wusste Bescheid. Er hatte zwei ältere Schwestern und hatte uns alle aufgeklärt. Natürlich wusste Neuhaus auch, wie man mit Mädchen redet.

Wir radeln in großer Zahl durch die Felder nach Grevenbroich zum Freibad, meine Freunde und ich, einige Mädchen und natürlich Hilly. Über den Stoppelfeldern flimmert die Hitze. Die Lerchen zwitschern ihre eintöniges Lied in den blauen Himmel. Ich bin glücklich, obwohl ich mich fürchte vor dem Geschrei das immer über dem vollen Freibad hängt. Auch kann ich nicht schwimmen und bin ein wenig wasserscheu, traue mich aber trotzdem, ins Wasser zu köppen, um nicht hinten anzustehen.

Hilly sitzt im Badeanzug auf der Decke und will nicht in Wasser. Warum? „Muschi hat Nasenbluten?“, sagt der Neuhaus wissend und bleckt grinsend seine großen Zähne. Das ist ungehörig, aber scheint außer mir niemanden mehr zu stören. Wieso? Bis vor kurzem ist „Camelia“ noch ein Tabuwort gewesen. Wer es sagte, wurde rot dabei. Die Packungen mit „Damenbinden“ lagerten für Kinderaugen unsichtbar über dem Eingang unseres kleinen Edeka-Ladens.

Ich war sehr verliebt in Hilly aus Geilenkirchen, vermied aber jeden Verdacht, hielt mich deshalb eher abseits und musste mit ansehen, wie Adrian und Neuhaus um ihre Aufmerksamkeit wetteiferten. Als ich ein Jahr später in Neuss die Schriftsetzerlehre begann, gehörte zu meinen Tagträumen, sie werde eines Tages ebenfalls in Neuss auftauchen. Dieser Tagtraum bewahrheitete sich tatsächlich. Als hätte ich sie herbei gewünscht, traf ich Hilly auf der Oberstraße, wo sie die Handelsschule besuchte. Natürlich war ich immer noch viel zu schüchtern, ihr näher zu kommen. Nachdem ich Hilly dreimal vom Bahnhof abgeholt hatte und schweigend neben ihr hergetrottet war, sagte Hilly, ich solle das nicht mehr tun. So endete meine erste große Liebe, bevor sie begonnen hatte.