Simonskall – ein Fahrtbericht

Simonskall lag wie im Mittagsschlaf. Wir hielten und setzten uns vor ein Café auf die Sonnenterrasse unter einen der Sonnenschirme. Ein einsamer Kellner, Inder oder Pakistani, knibbelte versonnen an seiner Nase, dann nahm er unsere Bestellung entgegen. Simonskall hat Liebreiz. Ich hätte dort, den steil aufragenden Südhang des Kalltals vor Augen, noch lange sitzen mögen. Einige Meter seitwärts war ein Springbrunnen. Große Brocken Naturstein, wie absichtslos aufgetürmt, lagen inmitten eines Beckens und wurden von oben begossen, so dass das Wasser an allen Seiten herablief. Es kam aus dem Maul einer stilisierten Schlange, die sich über die Steinbrocken hinaus erhob.

Während wir still dort saßen und unsere Cola süffelten, wurde es plötzlich laut am Becken. Ein junges Paar kühlte sich darin ab. Sie waren mit Mountain-Bikes gekommen und trugen beide nur Badesachen, sie eine dralle rothaarige Belgierin, er ein Draht. Sie lärmten ziemlich, und er spritzte sie reichlich nass. Da wurde der Kellner unruhig und bewegte sich auf den Springbrunnen zu. Jetzt hatten die zwei genug, sprangen auf ihre Räder und fuhren weg. Ich sah noch die Spannung in ihrem schönen kräftigen Rücken, wie sie sich in die Pedale stemmte. Warum der Kellner nervös geworden war, verstand ich, als ich meine Arme ins Becken tauchte, bevor wir weiterfuhren. Es waren Fische im Becken, Goldfische und Forellen, große schwarze Viecher und wenige Schritte weiter war noch ein langes, rechteckiges Bassin, darin ein großer Forellenschwarm, offenbar für eine Spezialität des Restaurants.

Der Weg aus dem tief eingeschnittenen Kalltal wurde bald schlechter. Hinter der Mestrenger Mühle bogen wir falsch ab und gerieten in ein südöstlich verlaufendes Seitental, worin der Weg so steil bergan führte, dass wir vom Rad absteigen und schieben mussten. So steil war der Anstieg, dass wir mit unseren glatten Radsportschuhen kaum Halt fanden. Wolf, mein Begleiter flippte bald aus, vielleicht auch wegen der Hitze, denn es gab keinen Schatten, und die Sonne knallte ungehemmt ins Tal. Er war etwas zurückgeblieben und rief mir von unterhalb zu: „Ich kann hier nicht gehen!“
„Wieso denn nicht?“
„Meine Sohlen rutschen!“
Das rief er in diesem ungnädigen, vorwurfsvollen Ton, als hätte ich persönlich seine Sohlen mit rutschenden Sohlen beschlagen oder das Tal aus purer Gemeinheit gewählt.
„Meine Sohlen rutschen auch!“, rief ich zurück und stapfte weiter.
„Nein, du hast Gummisohlen“, quengelte er.
„Ich habe Plastiksohlen wie du“, sagte ich und hob einen Fuß, damit er drunter sehen konnte. Mir ist peinlich, wenn sich mein Freund und Trainingspartner so mimosenhaft anstellt und tut, als hätte er allein unerträgliche Bedingungen und Schwierigkeiten zu bewältigen, die andere durch die Gnade der Geburt nie ankommen. Dann rutschte ich aus, kam fast zu Fall, und er rief: „Also gut, ich glaube, dass deine Sohlen auch rutschen!“, als hätte ich mich absichtlich beinah hingelegt, nur um ihm die Glätte meiner Sohlen zu demonstrieren. Zweimal versuchte ich aufs Rad zu kommen, fuhr ein Stück bergab, um auf den 21-er zu schalten, aber sobald ich bergan lenkte, krachte die Kette, dass ich Angst hatte, sie könnte reißen.

Oben sah ich Wolf noch gar nicht kommen. Der Weg kam zwischen Getreidefeldern aus, und etwa 100 Meter weiter begann ein Dorf. Ich rollte hin und las das Ortsschild „Bergstein.“ Als Wolf kam, fuhren wir in den Ort, der zunächst menschenleer schien. Dann aber trat eine Frau aus einem Haus an den haltenden Lieferwagen eines Bäckers. Ich fragte: „Wo geht’s nach Hürtgenwald?“, und sie sagte: „Die Hauptstraße lang, dann rechts. Aber hier ist auch Hürtgenwald!“ Dann fanden wir uns in welligem Gelände, die Nideggener Straße entlang. Sie führte uns endlich nach Kleinhau/Großhau. Ab Birger mussten wir gegen den Wind fahren, und das zehrte ziemlich an meinen Kräften. Zwar kaufte ich in Langerwehe an einer schmuddeligen Imbissbude noch eine Cola, aber die hielt nicht lange vor. Hunger und Durst, Durst, Durst. Zu Hause hatte ich auf den 114 Kilometern unserer Ausfahrt dreieinhalb Kilo Gewicht verloren.

Maries Spiegel

Mit 14 Jahren hatte Marie in ihr Tagebuch geschrieben:

    „Meine Hobbys, Lesen, Mode und Schminken.“

Das galt noch, als Marie nach dem Abitur ihr Heimatdorf im Westerwald verließ, um in Aachen Maschinenbau zu studieren. Diese Fachrichtung stand in so krassem Gegensatz zu ihrer feingliedrigen Gestalt, dass alle, die davon hörten, ungläubig nachfragten: „Wieso denn Maschinenbau?“ Wenn überhaupt eine Frau sich in dieses Fach verirrte, hätte man eine stämmige Bauerntochter erwartet, die zu Hause die schweren Landmaschinen in Ordnung hielt, keine wie Marie, die dem nächstbesten Modemagazin entsprungen schien. Doch die zielbewusste junge Frau wollte in das mittelständische Unternehmen ihrer Eltern eintreten, das sich auf Präzisionsmaschinen spezialisiert hatte. Die Sache war dringend. Ihr Vater, dem der sehnlichst gewünschte Sohn versagt geblieben war, hatte kürzlich einen Herzinfarkt erlitten und brauchte Unterstützung.

Marie hatte eine bezahlbare Ein-Zimmer-Wohnung in einer alten Stadtvilla nahe der Universität gefunden, deren größter Nachteil war, dass eine Güterbahnlinie vorbeiführte. Aus ihrem Erkerfenster schaute sie auf einen aus groben Bruchsteinen gemauerten Bahndamm und hatte die Güterzüge, gezogen von schweren belgischen Dieselloks, unmittelbar vor Augen. Doch Marie gewöhnte sich bald an den sporadischen Lärm und die Erschütterungen des Hauses, wäre da nicht ein zweiter Nachteil gewesen, ihr Türnachbar, ein finsterer aufgedunsener Säufer. Marie gruselte sich vor ihm, weil er ihren Gruß bei zufälligen Begegnungen im Treppenhaus nicht erwiderte, sondern sie stumm anstarrte, als würde er sie mit seinen Blicken ausziehen.

Doch die Vorteile der Wohnung überwogen. Sie war lichtdurchflutet, hatte hohe Decken mit prächtigem Putz und als Schmuckstück einen großen gerahmten Kristallspiegel an der Wand. Marie hatte ihren Schminktisch vor ihm aufgestellt, und wenn sie weiter zurücktrat, konnte sie sich in ganzer Schönheit im Spiegel bewundern. Oft posierte sie in wechselnder Garderobe vor ihm, und kam sie aus der Dusche, ließ sie ihren Bademantel zu Boden sinken, drehte, reckte und streckte sich und fand sich schön genug für eine Karriere als Topmodell. Dann wieder schalt sie sich eine narzisstische Träumerin, mahnte sich zur Ernsthaftigkeit, die sie ihren Eltern schuldete, und widmete sich den Fachbüchern, den Mitschriften aus Vorlesungen und den Klausurvorbereitungen. Leider nahmen die Klausuren im Multiple-Choice-Verfahren zu.
„Man kann überhaupt keine eigenen Gedanken formulieren“, klagte sie einmal vor Kommilitonen. Das war schlimm für eine Frau mit eigenem Kopf.

Auf diesem Kopf hatte sie sich einen nachlässigen Bloggerdutt gedreht, nachdem sie aus der Dusche gekommen war, saß halbnackt vor ihrem geliebten Spiegel, als im Treppenhaus Stimmengewirr ertönte. Sie zog den Bademantel über und schlich zur Wohnungstür, um durch den Türspion zu sehen, was los war. Ihr Türnachbar stritt mit jemandem. Marie erkannte den Schornsteinfeger, der kürzlich bei ihr gewesen war, die Gastherme überprüft und in der Decke die alten Gasleitungen für die einstigen Gaslampen höchst bedenklich gefunden hatte.
„Die sind ein Sicherheitsrisiko, aber niemand wagt sich daran, sie zu entfernen“, hatte er gesagt. Ihr Nachbar, fett und abstoßend im Unterhemd und am frühen Morgen schon betrunken, weigerte sich offenbar, den Schornsteinfeger in die Wohnung zu lassen. Der hatte zwei Polizisten dazugeholt. Der Nachbar wurde handgreiflich. Marie erschrak vor dem Tumult und war froh, als die Polizisten den Mann endlich gebändigt hatten und abführten. Sie hörte noch das Poltern der Schritte auf der Treppe, die Proteste des Säufers, und plötzlich war es ruhig. Marie hatte nicht sehen können, wo der Schornsteinfeger abgeblieben war. Sie öffnete die Wohnungstür und schaute hinaus. Die Tür zur Nachbarwohnung stand offen. Neugierig trat Marie vor, lugte hinein und zuckte zusammen. Im Zimmer des Säufers stand der Schornsteinfeger und starrte fassungslos auf ein Fenster in der Wand, die an ihre Wohnung grenzte. Marie durchfuhr es siedend heiß. In der plötzlichen Erkenntnis stieß sie einen Laut des Schreckens aus. Von Grauen gepackt sah sie durch das falsche Fenster – in ihr eigenes Zimmer.

Flauscher II

Ich führte sein Aufblühen zunächst auf die regelmäßigen Mahlzeiten zurück, wobei ich noch nie gehört hatte, dass unser Mensaessen etwa besonders gehaltvoll wäre. Aber vielleicht hatte Flauscher sich zuvor nur ungesund von Fastfood ernährt, hatte sich, über seine Studien gebeugt, nur eilig einen Hamburger oder Döner hineingedrückt. Was weiß ich. Über meine Lebensumstände wusste er bald alles, von seinen wusste ich so gut wie nichts. Nach dem überraschenden Bekenntnis seiner bevorstehenden Sterilisation, sprach er niemals mehr von sich, berichtete auch nicht, ob er sich dieser Maßnahme unterzogen habe. Mir war, dass er ein leeres Leben führte, also auch nichts zu erzählen hätte.“

„Aber Coster! Als Institutsleiter müssen Sie doch wenigstens wissen, welche Aufgaben er am Institut hatte“, warf ich ein.

„Eben nicht! Die Planstelle war eigens für ihn geschaffen worden, und niemand wusste genau, womit er sich beschäftigen sollte. Flauscher suchte die Nähe zu Studierenden und schien eine Art Lebensberatung anzubieten. Aber nichts war offiziell. Sein Angebot erreichte die Studierenden per Mundpropaganda. Allerdings schilderte mir meine vertraute Adeptin Susanna, dass bald vor Flauscher gewarnt wurde. Bei den Studierenden hieß er nur noch Dr. Lauscher. Aber konkrete Vorwürfe konnte auch Susanna mir nicht berichten. Sie selbst war einmal bei ihm gewesen und hatte sich – o Wunder – ausgehorcht gefühlt. Die kluge Susanna erst brachte mich auf die Idee, dass Flauscher sich offenbar von fremden Leben ernährte, dass er die Hirne seiner Mitmenschen anstach und gleich einem Vampir aussaugte.

Zu jener Zeit war ich unglücklich, nicht nur in der Beziehung mit der viel zu jungen Frau aus Mainz, die ich leichtsinniger Weise geehelicht hatte, sondern und vor allem darüber, dass meine Ideenwelt einschrumpelte. Die Assoziationsketten meines Denkens wurden kurz und kürzer, und ich dachte nur noch banale Dinge, die sich um Konkretes in meinem Alltag rankten. Ich führte das zunächst auf die Gewöhnung an Cannabis zurück, wechselte die Sorten – von Santa Maria zu Northern Light, steigerte die Dosis, nichts half. Auch meine handverlesenen Studenten zeigten eine mir neue geistige Trägheit, selbst Susanna war wie ausgewechselt. Als ich sie zur Rede stellte, gestand sie, heimlich weiter zu Flauscher gegangen zu sein. Eine unerklärliche Macht ziehe sie zu ihm in die Lebensberatung. Ich schimpfte mit ihr, konnte aber nachvollziehen, was der klugen Frau geschah. Auch ich brannte darauf, mich Flauscher zu offenbaren.

Du erinnerst dich, Trithemius, dass ich dich um ein Treffen im Café Mohren bat, als wir uns kaum kannten?“

„Ja, ich erinnere mich gut. Sie erwarteten mich auf der ersten Etage, hatten vor sich einen Printenlikör und haben mir ein Eheproblem geschildert. Sie wollten meine unbefangene Expertise, eben weil wir uns nur flüchtig kannten. Sie waren mit Ihrer jungen Frau auf einer Feier im Ruhrgebiet gewesen und hatten dort, wie es Ihre Gewohnheit ist, mit der hübschen Kellnerin geflirtet. Ihre erboste Frau hatte Ihnen ein Glas an den Kopf geworfen und war dann mit Ihrem Auto nach Mainz abgerauscht, so dass Sie sich ein Taxi nehmen mussten.“

„Genauso. Ich war aufgewühlt, trug mich mit dem Gedanken an Scheidung, fürchtete aber, ich würde am Montag alles dem Flauscher erzählen und danach leer und handlungsunfähig sein. Von dir dachte ich, dass du ein eher schlechter Zuhörer bist, somit eine Sorte Gegengift zu Flauscher. Hätte ich die Sache dir erzählt, brauchte ich sie Flauscher nicht mehr zu erzählen.“

„Dieser eigennützige Gedanke stand also am Anfang unserer Freundschaft, Coster? Enttäuschend! Und ich dachte ganz naiv, es wäre Sympathie.“

„War’s ja auch, eben nicht nur. Jedenfalls war ich froh, mich Flauscher entzogen zu haben. Montagmittag ging ich nicht zur Mensa, verbot auch meinen Studierenden, weiterhin zu Flauscher zu gehen, und wir konnten beobachten, wie Flauscher unter diesem Entzug mehr und mehr verfiel. Irgendwann war er ganz weg. Inzwischen habe ich meinen Gedankenreichtum zurück.“

Ich nahm einen Schuh vom Fuß, schüttelte ihn aus und sagte: „Gedankenreichtum? Ich habe Sand in den Schuhen. Hier streut einer mal wieder. Was wurde aus Flauscher?“

„Wie ich hörte, ist er unter Kohl Regierungsberater geworden und derzeit Staatssekretär im Innenministerium.“

Flauscher

„Es gibt ja verschiedene Formen, einem Mitmenschen zuzuhören“, sagte Jeremias Coster, der dubiose Professor für Pataphysik an der RWTH Aachen.

„Mehr noch des Hörens“, wandte ich ein, „denn Zuhören enthält ja schon den Hinweis auf Zuwendung, also auf konzentriertes Hören, wobei in Hören ohne Präfix noch Nebenbedeutungen mitschwingen. Auf jemanden hören, im Sinne von gehorchen und in der abseitigen Steigerung im Sinne von jemandem hörig sein.“

„Interessante Überlegung, aber ich wollte auf etwas anderes hinaus, nämlich auf die Grade des Zuhörens. Da gibt es das angebliche Zuhören, eigentlich ein Weghören, wenn jemand von Äußerungen genervt ist; das gleichgültige Zuhören der geteilten Aufmerksamkeit, wenn etwa die Frau ihrem Mann etwas erzählt, während er Zeitung liest; das aufmerksame Zuhören und das teilnehmende Zuhören.“

„Was soll das sein, teilnehmendes Zuhören?“

„Wenn nachgefragt wird.“

„Das ist dann aber kein reines Zuhören, sondern ein Interagieren.“

„In deinem Fall ein störendes dazwischen Quatschen. Wenn hingegen jemand die Gabe besitzt, aufmerksam zuzuhören, sagt man landläufig, er sei ein guter Zuhörer. Er ist ganz Ohr. Nun, ich kannte einen Mann, der stets „ganz Ohr“ war, aber auf eine schädliche, aggressive Weise. Dieser Mann hieß Hartmut Flauscher und kam irgendwann als wissenschaftlicher Mitarbeiter an unser Institut. Ich hatte ihn nicht eingestellt, sondern er wurde vom Rektor der RWTH protegiert. Folglich begegnete ich ihm erstmals informell, nämlich auf dem Weg zur Mensa. Als ich an seiner Bürotür vorbei ging, kam er auf den Flur, als ob er mich abgepasst hätte, grüßte, nahm wie selbstverständlich meinen Schritt auf und stellte sich vor. Er war ein hagerer Mann von jener ungesunden Hautfarbe, die an den nahenden Tod denken lässt. Wie wir gemeinsam den langen Gang übers quietschende Balatum schritten, zeigte er sich interessiert am Gerede, das landläufig Flurfunk genannt wird.
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Beinah ohne Hose – aus einem Büroalltag

Frau Walden rief zu ungünstiger Stunde bei Erlenberg an und sagte: „Wir haben einen neuen Mitarbeiter, den Doktor Mobenbach. Der soll ein Buch machen, weiß aber nicht, wie das geht. Sie müssen ihm helfen!“
Erlenberg sagte, er habe noch einen Termin und verabredete, um 15 Uhr ins Institut zu kommen. Sein Termin war, mit Helen in ein Wäldchen südlich der Stadt zu fahren, wo sie an einem Teich in der schon wärmenden Frühlingssonne sitzen wollten. Helen freute sich wie ein Kind auf die Kaulquappen, die sie im letzten Jahr dort gesehen hatten. Aber wie das immer ist, auch kleine Sensationen lassen sich nicht beliebig wiederholen. Rasch verlor sie das Interesse, wollte unbedingt kiffen, und was sie danach taten, führte dazu, dass sie mit seiner Hose weglaufen konnte. Es dauerte eine Weile, bis er sie überredet hatte, die Hose nicht hoch in einen Baum zu werfen, sondern rauszurücken, so dass er ziemlich abgehetzt und derangiert im Institut eintraf. Frau Walden und Dr. Mobenbach erwarteten ihn im kleinen Konferenzraum. Weiterlesen

Die Weihnachtskarte – Aus einem Büroalltag

Das Telefon klingelte und Frau Walden bat ihn zu sich. Erlenberg schloss die Datei, an der er gerade arbeitete, stieg die Wendeltreppe hinauf und hoffte, ungesehen durch die zweite Etage zu kommen, denn er hatte keine Lust auf ein Gespräch mit Herrn Walden, der dort sein Büro hatte. Zu oft hatte sich Walden als distanzlos erwiesen. Helen, Erlenbergs Freundin, arbeitete als Kamerafrau beim WDR. Ein einziges Mal hatte sie als Komparsin in einer Soap mitgespielt. Nachdem Erlenberg das arglos erzählt hatte, fragte Walden bei jeder Gelegenheit: „Sind Sie noch mit der Schauspielerin zusammen?“, wobei er verstand dem Wort „Schauspielerin“ den Beiklang von „Hure“ zu geben. Erlenbergs Einwand, sie sei nur Komparsin gewesen und im seriösen Beruf Kamerafrau beim WDR, ignorierte er einfach. Leider war Erlenberg Beziehung eine Achterbahnfahrt und kostete ihn viel Kraft, was bei Walden den Eindruck verstärkt, dass Erlenberg einer losen Person, einer „Schauspielerin“ eben, in die Hände gefallen war, die nichts anderes im Sinn hatte, als ihn zu verderben. Weiterlesen

Kaspar Hausers Traum

„Wie Kaspar Hauser ich war“, sagte der Mann, den seine Eltern gezwungen hatten, ins Maler- und Tapezierer-Geschäft einzutreten. Kaum konnte er laufen, hatte er besonders kleine Dachgauben tapezieren müssen, in die weder sein Vater noch die Gesellen hatten kriechen können, und statt Lesen und Schreiben brachte man ihm bei, wieviel Teile Tapetenkleister auf einen Liter Wasser kommen. Weil er immer in die kleinen Dachgauben habe kriechen müssen, sei er kaum gewachsen. Dieser Mann erzählte mir einen Traum:

„Ich hatte eine Frau aus Köln kennen- und lieben gelernt. Sie lud mich zu sich nach Hause ein, wo ich ihre Eltern und kleinen Geschwister traf. Ihre Familie hatte mich sogleich ins Herz geschlossen. Ich spielte mit den Kinder, war quasi mit ihnen auf Augenhöhe, was mir aufgrund meiner geringen Körpergröße gut gelang. Plötzlich erfuhr ich, es wurde gesagt, dass meine Liebste bereits einen Freund in Köln habe, und er warte vor der Tür. Ich sagte ihr: „Beende das! Sofort!“ Doch sie wand sich. Wir traten vor die Haustür und sahen den Freund traurig an der Straßenecke stehen. Er trug so einen albernen Sombrero, völlig unpassend für die Jahreszeit. Meine Freundin begann ihm zu winken, mit so einer seltsamen kreisförmigen Armbewegung, die sowohl Komm! und Geh! bedeuten konnte. Weiterlesen

Das Geheimnis der Wyckgasse

Parallel zur südlichen Grenze unseres Dorfes verläuft die abschüssige Wyckgasse. Ich bin sie sicher tausendmal gegangen, auf dem Weg von oder zu meiner Stammkneipe oben an der Chaussee. Trotzdem blieb sie mir fremd. Wenn wir in Kindertagen in der Dunkelheit der Novemberabende im Dorf Klingelmännchen spielten, war die Wyckgasse besonders aufregend, denn sie bot nur geringen Schutz. Zu eng lehnten sich die alten Häuser der Wyckgasse aneinander. Sie waren wie das Dicht-an-dicht einer Stadtmauer. Obwohl unser Dorf nicht groß war und sich im Lauf der Generationen ein Netz von Verwandtschaftsbeziehungen darüber gelegt hatte, von denen ich schon als Kind wusste, war die Wyckgasse wie ausgespart. Ich kannte nur eine Person aus der Wyckgasse, meinen Mitschüler Volker Harms. „Kennen“ ist hier ein zu großes Wort, denn Volker Harms hielt auf Abstand, war mit niemandem befreundet, und nie ist jemand von uns auf die Idee gekommen, ihn in ein Spiel einzubeziehen. Er war die Fleisch gewordene Unauffälligkeit und Zurückhaltung. Weiterlesen

Heiligabend im Teestübchen – eine Zeitreise

Was wäre eigentlich, ich stelle es mir vor… was wäre, du würdest einmal vom Blitz getroffen? Du stündest allein im weiten Feld, kein Haus in der Nähe, kein Baum. Eigentlich ist es ein Hügel. Ziemlich flach, doch dafür weit. Sanft wölbt er sich aus der Landschaft empor. Auf der Kuppe stündest du. Es schneit schon eine Weile. Du hast die Orientierung verloren. Die Richtung ist weg und dir ist kalt. Plötzlich ein Grollen und dann folgt ein Licht. Ein Gewitter, auch das noch, doch du willst es nicht wahrhaben. Es könnte auch etwas anderes gewesen sein. Weißt du, was irgendwo in der Nähe ist, das vielleicht ein wenig gegrollt hat? Auch das Licht ist eigentlich erfreulich, dann bist du in die richtige Richtung gegangen. Gerade hast du dich mit Licht und Grollen versöhnt, bist weiter getappt, hast gerade einmal fünf Gramm Mut, da donnert es, dass dein Herz ins Poltern kommt, Schnee wird zu Eis, und der Wind treibt dir Graupelkörner ins Gesicht. Du kannst dich nicht schützen, du musst ja vorwärts, du weißt, wenn ich stehen bleibe, bin ich verloren.

Ich will dich erlösen aus dieser Not, und lasse jetzt einfach einen Blitz auf dich zucken.
Er jagt durch dich hindurch, du spürst ihn kaum, doch irgendetwas ist mit dir geschehen. Du siehst noch auf den Augenwinkeln, wie der Boden sich hebt. Die hart gefroren Muttererde klappt hoch und klatscht dir ins Gesicht. Du bist in Wahrheit zu Boden gestürzt, es war einfach der Sinn des Sehens, der zuletzt in Ohnmacht fiel.

Du wirst wach. Was ist das? Du schaust an dir hinab und trägst die Uniform eines königlich preußischen Unter-Telegraphisten. Sie ist blau und hat silberne Litzen, denn du bist nur der Untertelegraphist. Der mit den goldenen Litzen steht neben dir. Er neigt sich zur Wand und schaut durch ein Fernglas. Du siehst auf seinen gebeugten Rücken.

Das Fernglas ist in die Außenwand eingelassen. Ihr beide steht in einem Turmzimmer. An der Wand hängt eine Schwarzwälder Kuckucksuhr. Wo bin ich hier, denkst du erschrocken. Doch im gleichen Augenblick weißt du es. In der Mitte des Raumes ist ein enges Gestänge. Es hat Hebel und ragt durch die Decke des Turmzimmers und darüber hinaus in den Himmel. Das jedoch siehst du nur, wenn du ein Haus am Fuße des Turms verlässt und zum Dienst gehst. Zum Haus gehört ein Garten mit Stall und Kleinvieh. Weit und breit steht kein anderes Haus. Aus diesem Bestand müsst ihr euch selbst verpflegen. Ihr beide habt Frauen, die mit euch dort leben.

Neben der Schwarzwälder Kuckucksuhr mit Schlagwerk hängt an der Wand ein Kalender. Heute ist der Morgen des 24. Dezembers 1848. Im folgenden Jahr wird eine Horde aufgebrachter Bürger von Iserlohn heranziehen und den Turm besetzen. Sie werden die gesamte Einrichtung zerstören. Doch an diesem Morgen des 24. Dezembers weißt du das noch nicht. Im Gegenteil, du fühlst dich wohl. Obwohl es seit gestern unaufhörlich stürmt und schneit, habt ihr es warm im Turmzimmer. Der eiserne Kaminofen in der Ecke der Stube heizt mächtig ein.

Du wirst jetzt deine Arbeit machen. Es ist Heiligabend ohne Zweifel. Doch arbeiten musst du, denn du bist ein königlich-preußischer Untertelegrafist. Du musst jetzt acht geben. Dein Vorgesetzter hält auf dem Stehpult ein Logbuch bereit. Irgendwann in den nächsten Minuten, wird er dir rasch eine Kombination zurufen. „B4!“, wird er rufen. Mach dich gefasst. Denn im selben Augenblick, wenn der Stationsvorsteher ruft, wirst du die richtigen Hebel ziehen. B4, das ist unten links und mit der rechten Hand nimmst du den oberen. Du schaust dann lustigerweise immer zur Zimmerdecke. Obwohl du nicht sehen kannst, was die Hebel bewirken. Du siehst nur, dass sich zwei der dünnen Stangen weiter durch die Zimmerdecke geschoben haben.

Warum tut ihr das eigentlich?, hat dich deine Frau gefragt, als sie dich gerade frisch geheiratet hat. Du hast gesagt, wir sind die Boten, wir schicken Nachrichten in die Welt. Es heißt „Optische Telegraphie“, was wir machen. Wir stehen in den Diensten des höchsten Mannes dieses Landes. Dem König und der preußischen Regierung dienen wir. Der Turm sorgt dafür, dass seine Befehle fliegen. Sie kommen aus Berlin und fliegen dank uns durch das ganze Reich. Deine Frau ist natürlich noch nie in Berlin gewesen. Und was „Das ganze Reich“ bedeutet, woher soll sie das wissen?

Wann kommt denn die Nachricht, denkst du schon zum zehnten Mal. Ist es endlich so weit? Irgendwann in den nächsten Minuten wird der Obertelegrafist durch sein Fernrohr etwas Wunderbares sehen. Die Nachricht fliegt heran, die Nachricht: B4! Er sieht sie auf dem vier Kilometer entfernten östlichen Hügel. Dort steht ebenfalls ein preußischer Telegrafenturm. Sein Signalmast ragt hoch in den Himmel. Er hat je drei lange Signalblätter links und rechts am Mast. Wie sich die Signalblätter bei der Nachricht B4 stellen, weißt du nicht. Du bist ja nur der Untertelegrafist. Dein Vorgesetzter weiß Bescheid. Er schaut durch das Fernglas und erkennt B4 sofort. Wenn er B4 sieht, ruft er es. Deshalb schaut er alle zwei Minuten einmal gründlich hinaus. Beim heutigen Schneetreiben wird er es schwerer haben als sonst. Doch du bist sicher, er wird B4 erkennen. Er ruft, du stellst die Hebel, und dann ist es getan. Ihr beide habt die Nachricht an den nächsten Turm weitergegeben. Dort wartet man auch auf B4.

Der Stationsvorsteher wird B4 ins Logbuch notieren, sich umdrehen und gemessenen Schrittes den Raum durchqueren. Vor der Schwarzwälder Kuckucksuhr mit Schlagwerk bleibt er stehen. Er streckt den rechten Zeigefinger aus und dreht die Zeiger genau auf Berliner Ortszeit. Denn B4 bedeutet: „Achtung, die Uhren werden gestellt!“ Wenn eure Nachricht weitergeflogen ist, habt ihr verlässliche Berliner Ortszeit auf den Zeigern eurer königlich preußischen Schwarzwälder Schlagwerkuhr. Im Land ringsum haben sie ihre eigene Ortszeit. Sie stellen die Kirchturmuhr nach der Sonne. Wenn sie am höchsten steht, ist 12 Uhr. Die Uhr des preußischen Königs dagegen die richtet sich danach, wann ihm in Berlin die Sonne am höchsten steht. Ihr Beamten der optischen Telegrafie sorgt für Berliner Ortszeit auf der gesamten Telegrafenlinie, die doch tatsächlich von Potsdam bis Aachen und Koblenz reicht! Unzählige Türme unterwegs, eine stattliche Schar von Telegrafisten …

Warum jedoch wird der Turm im Juni des Sommers 1849 gestürmt? Die Menschen lehnten sich auf gegen die Flüsterpost zu ihren Köpfen. Die geheime Fernkommunikation war ein Instrument der Macht. Und schon bist du zurück aus dem Jahr 1848. Fernkommunikation ist auch im Jahr 2020 noch ein Machtinstrument.

Weihnachtskarte in Groß bitte klicken!
(Gestaltung: JvdL)

Mensch im Mantel – Etwas über drinnen und draußen

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Cartoon: JvdL, abgedruckt in Aachener Prisma 1978

Fast war noch Nacht. Der Sturm heulte im Schornstein, tobte und pfiff, bog die schlanken Masten der Laternen, trieb den glitzernden Schnee durch ihre Lichtkegel, ließ die kahlen Äste der Straßenbäume erzittern und fegte die Vögel von den Dächern. Im Fallen sind sie schon steif gefroren, polterten wie steinerne Kugeln über die Dachziegel, gewannen Tempo im freien Fall und zerbarsten auf dem Bürgersteig. Einige Leute hasteten geduckt vorbei, schwangen eilends die Hufe, soweit es die Glätte zuließ. Wo alles Leben erstarrt, durften sie nicht lange sein. Und in dem Sausen und Brausen ist ganz stoisch die erste Straßenbahn vorüber gezogen und hat ein paar Leute zum Erfrieren stadtauswärts gebracht. Draußen vor der Stadt war nichts, was dem Schneesturm Einhalt bieten konnte. Da geriet er in Raserei, peitschte die nackten Rücken der Felder und drosch die Hasen aus ihren Mulden. Und als wäre er wundgeprügelt, zeigte sich am Horizont ein blutroter Streif. Wohl dem, der irgendwo hin gehört, ein Dach überm Kopf hat und ein Feuer im Kamin, wo man ihn erwartet und sitzen lässt.

Am Mount Everest, K2 und an anderen hohen Gipfeln nimmt der Bergtourismus zu. Banker, Finanzjongleure, Investoren, solche, die neuerdings zu Geld gekommen sind, suchen dort oben sich selbst, wollen ihre Grenzbereiche erkunden, außerhalb der alltäglichen Erfahrung. Sie mieten Ausrüstung, Sherpas, Bergführer und steigen in Seilschaften hinauf ins ewige Eis, ohne es je geübt zu haben, außer an Klimmwänden in Fitnesscentern. Im Berg sind die Grenzbereiche rasch durchdrungen, und sie erfahren, dass ihre Allmacht nur unter schwachen Menschen besteht, nicht aber in der eisigen Natur, stürzen in Felsspalten, erstarren in ihren Schlafsäcken, sinken stumm in den Schnee und vereisen. Gehts noch kälter?

mensch-im-mantel2Es gibt im Himalaja einen tibetanischen Mönchsorden, der sich auf eine wundersame Übung versteht in eiskalter Nacht. Sie führen einen der ihren nackt hinaus, er hockt sich in den Schnee, und sie behängen ihn mit Decken. Andere eilen mit Wassereimern herbei und leeren sie über seinem Kopf. Augenblicklich frieren die Decken ein und erstarren zum Eispanzer. Dann lassen sie ihn allein, und der im Eis wird die Nacht über versuchen, die Decken an seinem Körper aufzutauen und zu trocknen.

An einem frostigen Sonntag traf ich im Weiler Mamelis ein. Die letzten zwei Kilometer hatte ich rollend bewältigt, ohne selbst treten zu müssen, denn ich kam vom niederländischen Grenzort Vaals herunter und fuhr in die Niederlande Richtung Maastricht. Dabei war mir im Fahrtwind schon lausig kalt geworden. Auf der Höhe von Mamelis bog ich von der Maastrichter Laan ab und rollte hinunter zum Gehöft van Mamelis. Bei seiner Hauswiese am Selzerbeek schloss ich mein Rad an ein Eisengitter, was ich später bereuen sollte.

mensch-im-mantel3Von Orsbach kam Freund Erlenberger herunter und überquerte den zugefrorenen Selzerbeek, der hier Grenzbach ist. Wir waren für eine Winterwanderung durchs schöne Mergelland verabredet. Es schien eine prächtige Sonne, doch wo unser Weg durch sanfte Täler, über Hügel und Höhenrücken der weithin mit Reif bedeckten Landschaft führte, zehrte ein eisiger Ostwind an unseren Kräften. Ich war erschöpft und müde, als wir das Dorf Mechelen am Kehrpunkt unserer Wanderung erreichten.

Die niederländischen Dörfer im Mergelland mit ihren restaurierten Fachwerkhäusern sind allesamt touristisch herausgeputzt. Ich sagte: „Wenn der liebe Gott völlig verkitscht ist, dann ist hier sein Vorgärtlein.“ Erlenberger nickte, denn anders als ich war er noch nicht vom Glauben abgefallen. Wir beschlossen, uns in einem Café aufzuwärmen. Als wir eintraten, fanden wir das halbe Dorf, Oma, Opa, Mama, Papa und Kinder allen Alters in drangvoller Enge versammelt. Das Stimmengewirr wurde übertönt von Schnulzen aus den 60er Jahren. Gerade lief Little Green Bag von der George Baker Selection. Es war wirklich hyggelig, obwohl das dänische Wort nicht ganz die spezielle Form der holländischen Gemütlichkeit trifft. Auch der Fremde ist rasch vereinnahmt. Wir tranken heißen Kaffee, aßen appeltaart met slagroom und genossen, dass wir nicht fragen mussten, ob man deutsches Geld nehmen würde, sondern zahlten erstmals mit Euro-Münzen. Es wird also im Winter 2002 gewesen sein. Auf unserem Rückweg mussten wir gegen den Wind an. Die Dämmerung fiel herab, und als wir wieder in Mamelis eintrafen, war es bereits stockfinster.

mensch-im-mantel4Mein Fahrradschloss war eingefroren. Als ich den Schlüssel zu heftig drehte, brach er im Schloss ab. Wir gingen durchs Tor ins Gehöft und fanden nur Licht im Kuhstall, wo die Bäuerin bei der Arbeit war. Sie fühlte sich gestört und war mürrisch, finster wie das ganze Gehöft. Widerwillig holte sie einen Werkzeugkasten und gab mir eine Eisensäge. Als Fahrtraddieb bin ich eine Niete, desgleichen Erlenberger. Wir haben sicher eine halbe Stunde am Schlosskabel gesägt.

Nachdem wir mein Fahrrad befreit hatten, begleitete ich Erlenberger nach Hause. Schon vom Schieben bergauf war mir wieder warm geworden. Doch so richtig hyggelig war es an Erlenbergers Kaminofen, in dem die Holzscheite knackten und loderten und auf dessen Herdplatte zwischen dicken Kieselsteinen der Wasserkessel zischte. Für kurze Zeit war die unwirtliche Natur ausgesperrt.

[Überarbeitete und gekürzte Fassung der Erstveröffentlichung vom 20. Dezember 2016]