Besinnungsaufsatz – Meine erste große Liebe

Ich erinnere mich, schon früh in ein Mädchen verliebt gewesen zu sein. Als meine Freunde noch alle Mädchen doof fanden, hatte ich die schönsten Gefühle, wenn ein Mädchen namens Helen in der Nähe war. Allein ihre Stimme reichte, mich zu beglücken. Diese kaum bestimmbaren Gefühle hielten noch an, wenn ich Helen nur kurz gesehen oder gehört hatte und den Freunden bedauernd zu wichtigeren Aktivitäten folgen musste. Folglich wagte ich nicht zuzugeben, dass mich ein Mädchen interessierte.

Das erste Mädchen, in das ich richtig verliebt war, hieß Hilly. Da war ich etwa zwölf Jahre alt. Hilly war bei Nachbarn in den großen Ferien. Damals verdiente das Wort „Große Ferien“ noch seinen Namen. Man tauchte kopfüber in die Augusthitze ein und kam ewig nicht mehr hervor. Ich vermute, dass die Welt zu dieser Zeit stillstand, wie das schier endlose Zwitschern der Feldlerchen über den Stoppelfeldern.

Leider war der Sinn für Mädchen inzwischen auch bei meinen Freunden erwacht. Sie strichen um Hilly herum wie junge Hunde, waren mir jedenfalls dauernd im Weg. Noch immer traute ich mich nicht, mein Interesse an Hilly deutlich zu zeigen. Ich bin nicht sicher, ob es geholfen hätte, wenigsten die Nebenbuhler abzuschrecken. Der hartnäckigste war Adrian von Wallenburg. Adrian war ein Jahr älter als ich und weniger schüchtern. O, könnte ich nur meine Schüchternheit überwinden, dachte ich, dann würde ich jedes Mädchenherz erringen. Abends blätterte ich in den Ausgaben „Das Beste aus Readers Digest“, die zahlreich in einer Vitrine meines jüngsten Onkels standen, in dessen verwaisten Zimmer ich schlief. Da gab es Werbeanzeigen zur Entwicklung von Selbstbewusstsein, immer als Fallbeispiel beschrieben. Aber nie fand sich einen Hinweis, wie etwa der gehemmte John Weismuller seine Schüchternheit überwunden hatte und erfolgreicher Leuteverdummer oder Mädchenschwarm geworden war. Mein Freund Neuhaus hatte derlei Probleme nicht, obwohl er nicht besonders hübsch war. Neuhaus wusste Bescheid. Er hatte zwei ältere Schwestern und hatte uns alle aufgeklärt. Natürlich wusste Neuhaus auch, wie man mit Mädchen redet.

Wir radeln in großer Zahl durch die Felder nach Grevenbroich zum Freibad, meine Freunde und ich, einige Mädchen und natürlich Hilly. Über den Stoppelfeldern flimmert die Hitze. Die Lerchen zwitschern ihre eintöniges Lied in den blauen Himmel. Ich bin glücklich, obwohl ich mich fürchte vor dem Geschrei das immer über dem vollen Freibad hängt. Auch kann ich nicht schwimmen und bin ein wenig wasserscheu, traue mich aber trotzdem, ins Wasser zu köppen, um nicht hinten anzustehen.

Hilly sitzt im Badeanzug auf der Decke und will nicht in Wasser. Warum? „Muschi hat Nasenbluten?“, sagt der Neuhaus wissend und bleckt grinsend seine großen Zähne. Das ist ungehörig, aber scheint außer mir niemanden mehr zu stören. Wieso? Bis vor kurzem ist „Camelia“ noch ein Tabuwort gewesen. Wer es sagte, wurde rot dabei. Die Packungen mit „Damenbinden“ lagerten für Kinderaugen unsichtbar über dem Eingang unseres kleinen Edeka-Ladens.

Ich war sehr verliebt in Hilly aus Geilenkirchen, vermied aber jeden Verdacht, hielt mich deshalb eher abseits und musste mit ansehen, wie Adrian und Neuhaus um ihre Aufmerksamkeit wetteiferten. Als ich ein Jahr später in Neuss die Schriftsetzerlehre begann, gehörte zu meinen Tagträumen, sie werde eines Tages ebenfalls in Neuss auftauchen. Dieser Tagtraum bewahrheitete sich tatsächlich. Als hätte ich sie herbei gewünscht, traf ich Hilly auf der Oberstraße, wo sie die Handelsschule besuchte. Natürlich war ich immer noch viel zu schüchtern, ihr näher zu kommen. Nachdem ich Hilly dreimal vom Bahnhof abgeholt hatte und schweigend neben ihr hergetrottet war, sagte Hilly, ich solle das nicht mehr tun. So endete meine erste große Liebe, bevor sie begonnen hatte.

Die Welt ist Hammer und du bist Amboss

Grafik: JvdL

arum sollte ein Ufo nicht die Form eines Containers haben? Was wissen wir schon darüber. Jedenfalls zieht ein Container unter den sich ballenden Kumuluswolken dahin und kreist über der fernen Stadt. Mal blitzt er silbrig im Sonnenlicht, mal verschmilzt er mit dem Schatten einer Wolke, verschwindet und taucht wieder auf. Die Sicht ist gut, am südöstlichen Horizont erhebt sich blaugrau die Eifel, doch die Stadt selbst ist nicht zu sehen. Sie liegt ja in einem Kessel, und ich schaue von der deutsch-niederländischen Grenze vergeblich nach ihren Türmen aus. Eigentlich sollte man sich nicht dauernd umsehen, wenn man vorwärts will. Das gilt beim Radfahren wie im Leben überhaupt, denn man neigt in die Richtung zu lenken, in die man schaut. Außerdem ist das hier keine gute Gegend, und ich bin fremd. Da gilt es vorauszuschauen. Doch jetzt führt die Straße eine Weile an der Grenze entlang. So kann ich während des Fahrens sehen, dass der außerirdische Container gerade den Lousberg überfliegt. Das gibt mir einen Größenvergleich. Demnach wäre der Container etwa 75 Meter lang. Das ist nicht viel für ein außerirdisches Flugobjekt. Es ist damit nicht länger als ein modernes Uboot.
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Das Familiengeheimnis – Die Wahrheit über die Familie Oberberg

Ich verrate das Familiengeheimnis jetzt, ohne Rücksicht auf den Rest meiner weitverzweigten Familie, auch wenn meine Verwandten alles ableugnen, sogar alles als erfunden abtun werden. Das gehört natürlich dazu, ist quasi ein tragendes Element der Lügengebäude, die in meiner Familie errichtet sind. Also: Meine Mutter ist eine geborene Oberberg. Unter den Oberbergs kursiert in der Familie ein Hochstapler- und Schwindler-Gen. Damit meine ich nicht die bei Menschen übliche Flunkerei, sondern schon eine pathologische Sucht, falsche Tatsachen vorzuspiegeln. Mein Onkel Johannes beispielsweise behauptet, in unserer Ahnenreihe habe es einen Oberberg gegeben, der Kämmerer beim Sachsenkönig August gewesen sei. Da auch bei Onkel Johannes das Schwindler-Gen nachweislich wirksam ist, glaube ich die Geschichte nicht. Vermutlich war dieser Oberberg bei August nicht Finanzminister, sondern hat nur die Nachttöpfe geputzt. Weiterlesen

Speed Dating, Teil 3

Speed Dating Teil 1

    O Gott, welch ein Stress! Andere Frau, und wieder der gleiche Schmarrn. Und das Schlimmste, diese gefällt mir, gefällt mir sogar sehr mit ihren glatten grauen Haaren, dem Bob mit Männerfanglocken und den klugen Augen. Und wie sie die Lesebrille zwischen den Fingern baumeln lässt, nachdem sie die Karte studiert hat. Hätte dieses aparte Weib mal bei mir geklingelt. Aber hier in dieser Situation werde ich es gewiss versieben.

„Hallo, ich bin Franz, und wer sind Sie?“

„Gina.“

    Upps! Beinah das Bierglas umgekippt.

„Gina? Das ist beinah hübsch.“

„Beinah hübsch? Haben Sie je gehört oder gelesen, wie ein Mann einer Frau sagt, ihr Name sei beinah hübsch?“

„Gina ist eben nur eine Kurzform, irgendwie rausgeschnitten aus dem eigentlichen Namen. Und in Ihrem Fall sind vorne zwei Buchstaben abgehackt, nämlich Re. Das ist bekanntlich der ägyptische Sonnengott. Sein Name durfte bei Nacht niemals ausgesprochen werden. Vielleicht haben Ihre Eltern das Re der Bequemlichkeit wegen gestrichen, denn es wäre doch lästig, Sie tagsüber Regina zu rufen, nachts aber Gina.“

„Glauben Sie, meine Eltern hätten sich gesagt, ach, wir nennen das Kindlein Gina, damit wir es in tiefer Nacht aus dem Bett rufen können? Was unterstehen Sie sich, meine guten Eltern zu beleidigen?“

„Wenn kleine Kinder einen Alptraum haben, dann schrecken sie hoch und rufen, so dass die Eltern mitten aus den süßesten Träumen gerissen werden. So wäre es nur ausgleichende Gerechtigkeit, wenn die Eltern es umgekehrt auch machen dürften.“

„Eine solche Barbarei nennen Sie Gerechtigkeit? Ich habe den Eindruck, dass Sie die Sache immer schlimmer machen. Ihre Antwort ging daneben. Sie hätten sagen können: ‚Gina, bitte verzeihen Sie mir. Als ich Ihren hübschen Namen hörte, stieß ich versehentlich an unseren Tisch, und beinah wäre mein Bierglas umgefallen. Dabei ist mir dummerweise das ‚beinah’ in den Satz gerutscht. Eigentlich wäre es aber überaus schade gewesen, wenn ich meine Gesprächspartnerin mit Bier übergossen hätte. Und ‚überaus’ müsste in den Satz hinein, nicht ‚beinah’. ‚Der Name Gina ist überaus hübsch.’ Das hätten Sie sagen können.“

„Ich …“

„Stattdessen rufen Sie den altägyptischen Sonnengott zur Hilfe, dessen Name bei Nacht niemals genannt werden darf. Schauen Sie doch mal zum Fenster hinaus, da IST finstre Nacht. Nun haben Sie es an Ehrfurcht fehlen lassen, ein Tabu gebrochen, die Majestät dieses Gottes geschmäht, wodurch Sie gegebenenfalls der göttlichen Bestrafung anheim fallen.“

„Wohl kaum! Wenn ich Sie anschaue, ist es taghell. Ihre Schönheit überstrahlt alles. Und überhaupt, wieso kennen Sie sich in ägyptischer Mythologie aus? Zufällig habe ich am Nebentisch mitgehört, wie Sie meinem Vorgänger gesagt haben, Sie wären Professorin für Visuelle Kommunikation.“

„An eine solche Aussage kann ich mich nicht erinnern. Ich bin Ethnologin und nie etwas anderes gewesen.“

„Als Kind schon.“

„Und übrigens, Ihre Spekulationen über meinen Namen sind eitle und ungeschickte Wissenschaft. ‚Regina’ ist Latein und bedeutet ‚Königin’. Gina ist demnach eine Prinzessin. Das ist Ihr Glück, Franz. Sie genießen meinen Schutz, sonst hätten Sie soeben den Zorn des Sonnengottes auf sich gezogen, und er würde Sie rachsüchtig verfolgen von hier bis in die Steinzeit und zurück. Ihre Ausflüchte sind nämlich nur Wortgeklingel. ‚Ich habe mich leider versprochen’, hätte zwar auch nicht geholfen, aber es wäre kürzer gewesen, und wir hätten das Thema wechseln können. Ich fürchte, unsere Zeit ist gleich um, und ich muss gehen.“

„Ich hatte mich sowieso schon über Ihre Anwesenheit beim Speed-Dating gewundert.“

„Warum?“

„Ich dachte, dass eine aparte, überaus kluge Frau wie Sie es nicht nötig hat. Aber wenn Sie Ethnologin sind, dann ist das für Sie eine Sorte Feldforschung, oder?“

    Beim alten Knigge gelesen: ‚Sag einer schönen Frau, dass sie klug ist und einer klugen, dass sie schön ist.‘ Zur Sicherheit beides, hehe. Himmel! Jetzt legt sie ihre Hand auf meine und dieses Lächeln! Ich bin hin und weg. Meine Ataraxie schiebt sich verstohlen zur Tür, um sich polnisch zu verabschieden.

„Sie hätten das auch nicht nötig, Franz. Eigentlich sollten Sie zu Hause sitzen und warten, bis das Glück bei Ihnen klingelt. Wu wei, verstehen Sie?“

„Ja, ein daoistisches Prinzip. Aber ich wohne auf der 5. Etage.“

„Was soll’s? Die Klingel ist unten.“

Speed Dating, Teil 2

„Ich heiße Johanna und bin Cellistin im Rundfunkorchester des NDR. Was machst du beruflich, Franz?“
„Ich bin wissenschaftlicher Autor.“
„Cool! Ich kannte noch nie einen Schreiberling.“
„Ich auch nicht. Wer will schon einen Schreiberling kennen?“
„Was ist schlimm an einem Schreiberling?“
„Ich sage ja auch nicht über dich, du wärst Musikantin. Die von der Straße wie einst die Kelly-Family, das sind Musikanten. Und Boulevardjournalisten wie die Schmocks von der Bildzeitung sind Schreiberlinge.
„Oh! Tut mir leid, ‚Schreiberling‘ hatte ich freundlich gemeint.“
„Schreiberling“ ist leider abwertend. Überhaupt sind die meisten Wörter mit dem Suffix -ling abwertend.“
„Ach ja? Das ist mir neu.“
„Feigling, Finsterling …“
„Und was ist mit Liebling, Säugling, Schützling?“
„Fiesling, Fremdling, Günstling, Häftling.“
„Jüngling, Sprössling, Winzling, Lehrling, Sperling?“
„Lüstling, Naivling, Primitivling, Schönling, Schwächling, Sträfling.“
„Beinling, Bratling, Bückling, Däumling, Steckling, Täufling, Zögling?“
„Weichling, Wüstling, Eindringling, Emporkömmling, Frechling, Mischling, Rohling, Schädling, Sonderling, Schreiberling.“
„Du machst mich schwindling! Fäustling, Fingerling, Findling, Frischling, Frühling, Häuptling, Keimling, Pfifferling, Riesling… äh … mir fällt kein Positiv-Beispiel mehr ein.“
„Mir keine negativen mehr.“
„Das wäre schon mal eine Übereinstimmling. Ach Herrjeh, ich bin ganz verwirrt! Ein Glück, dass uns der Gong gleich erlöst. Was schreibst du eigentlich, Franz?“
„Sachthemen.“
„Beispielsweise?“
„Über die Gaumenform der alten Inkas und wie sie das Wort Rasierpinsel ausgesprochen hätten, wenn sie es gekannt hätten.“
„Uff!“
„War nur Spaß, hehe.“

Fortsetzung

Speed-Dating, Teil 1

„Du kannst Lisette nicht ewig nachtrauern.“
„Mach ich ja gar nicht. Langsam kommt meine Ataraxie zurück.“
„Ataraxie?“
„Die Seelenruhe.Warum sollte ich sie für eine neue Frau aufs Spiel setzen? Ich kenne die ja nicht mal, hehe.“
„Allmählich wirst du kauzig. Du bist doch gerade erst 55 und viel zu jung für ein Leben als Einsiedler. Und du kannst nicht erwarten, dass eines Tages eine passende Frau bei dir klingelt, sich bis zur fünften Etage hinauf quält, um dich kennenzulernen.“
„Warum nicht?“
„Weil man dem Schicksal schon mal auf die Sprünge helfen muss.“
„Sagst du.“
„Ja, sage ich als deine Schwester. Weil ich mir Sorgen mache. Und deshalb habe ich dich zum Speed-Dating angemeldet.“
„Speed-Dating. Schon vom Wort kriege ich Herpes. Speed-Dating gehört für mich zur Prollkultur wie Essen vom Bringdienst und das „Manni“-Schild hinter der Windschutzscheibe eines LKW. Und das Geschehen erst. Da sitzen langweilige Menschen, krampfhaft darauf bedacht, ihre Einsamkeit zu verbergen und reden Blabla. Ich heiße Franz und du? Blablabla. Wohnst du auch in Münster? Blablabla. Warum bist du beim Speed-Dating? Blablabla.“
„Ist dir aufgefallen, dass nur die Antworten bei dir aus Blablabla bestehen? Man muss sich schon für sein Gegenüber interessieren.“
„Ich muss mich überhaupt nicht für wildfremde Frauen interessieren.“
„Du sollst sie ja auch kennenlernen.“
„Nervensäge!“
„Lieber Franz, bitte tu mir den Gefallen und geh da hin!“

„Ich heiße Franz und du?“
„Ich bin die Gundula.“

„Du schreckst zurück. Gefällt dir mein Name nicht?“
„Doch! Gundula. Warum nicht? Aber ‚Ich bin die Gundula‘ verstößt gegen mein Sprachgefühl.“
„Warum?“
„Das willst du nicht wissen.“
„Doch! Sags mir!“
„Aber nicht, dass es nachher Beschwerden gibt“
„Ich beschwere mich nicht. Wir müssen die Zeit ja irgendwie rumkriegen.“
„Also: Die Konkreta des deutschen Substantivs haben zwei Untergruppen: Name und Klassenbezeichnung. Klassenbezeichnungen wie: Frau, Bömmelmütze, Marderhund, Pelztierfarm können mit einem Artikel versehen werden. Personennamen jedoch bezeichnen Einzelwesen und keine Klasse von Wesen. Deshalb benötigen sie keinen Artikel. Es ist irreführend, wenn eine Frau sich vorstellt: „Ich bin die Sandra.“ Gehört sie also einer Klasse der Sandras an? Was kennzeichnet diese Klasse? Sind alle Sandras blond, aufgebrezelt und arbeiten in einem Fingernagelstudio?“
„Klingt, als hättest du heute Morgen den Duden gefrühstückt.“
„Besser als einen Clown.“
„Aber du bist schon ein komischer Kauz, gell?“
„Sagt meine Schwester auch. Ihretwegen bin ich überhaupt hier. Wenn sie mich nicht so gedrängt hätte …“

    Es gongt.

„Unsere Zeit ist um, Franz. Machs gut. Und vielen Dank an deine Schwester für die spezielle Erfahrung.“
„Hast du Lust, dass wir uns wiedersehen? Ich soll das fragen, hat sie mir aufgetragen.“
„Sag ihr einen schönen Gruß, bevor ich mich mit dir treffe, lackiere ich mir lieber mal in Ruhe die Fußnägel.“

Fortsetzung

Herr Kaspar missbilligt

Eine Freundin war zu Besuch, meine Freundin, wie ich dachte. Am Abend gingen wir aus. In der Stadt wurde gefeiert. Auf dem Marktplatz waren Tischreihen mit langen Bänken aufgestellt. Ich sah Herrn Kaspar mit Gattin auf einer Bank Platz nehmen. Herr Kaspar grüßte huldvoll, als er mich sah. Er winkte uns nicht heran, aber vermutlich erwartete er, dass wir uns zu ihnen setzten. Mir schien das verdrießlich, aber ich wagte nicht, Herrn Kaspar zu enttäuschen, bugsierte die Freundin in die Bank und stellt sie vor.

Es dauerte nicht lange, da wurde die Tischreihe vor uns von zwei Bischöfen besetzt, die als Matrosen verkleidet waren. Sie wandten dem Markt den Rücken zu, so dass sie zu uns herüberschauen konnten. Natürlich fand die Freundin die Gesellschaft von Herrn Kaspar und Gemahlin langweilig. Sie nutzte einen Augenblick meiner Unaufmerksamkeit und wechselte zu den Bischöfen hinüber. Wie das flatterhafte Weib das angestellt hatte, ohne sich an mir vorbei zu zwängen, war mir ein Rätsel. Ich rückte zu Herrn und Frau Kaspar auf und musste mit ansehen, wie die Bischöfe, ihre Matrosenverkleidung ausnutzend, sich gegenüber der Freundin allerlei lose Gesten und Reden erlaubten. Es schien ihr zu gefallen, denn sie lachte aufreizend und amüsierte sich prächtig. Das vor meine Augen zu veranstalten, fand ich nicht nett. Warum musste sie mich so brüskieren? Ohne es zu wollen, beobachtete ich das enthemmte Juckjacken. In mir keimte Eifersucht. Anders als seine Gattin, die dem Geschehen den Rücken zuwandte, konnte auch Herr Kaspar alles mitansehen. Er sagte missbilligend: „Dass Sie aber auch immer so lose Frauenzimmer anschleppen müssen. Wieder eine Schauspielerin?“
„Nein, sie steht gemeinhin auf dem Rummel in der Schießbude und lädt die Gewehre“, sagte ich nicht ohne Stolz, denn sie war augenscheinlich die Schönste von allen.

Es kam der Moment ihrer Abreise. Ihr Zug würde bald fahren, und sie musste noch in meine Wohnung, um ihren Koffer zu holen. Ich blieb stur neben Herrn Kaspar sitzen. Sollte sie alleine gehen. Ich musste ja nicht wegfahren. Erst spät fiel mir ein, dass sie mir ihren Schlüssel zurückgegeben hatte. Wohl oder übel musste ich ihr folgen. Zu Herrn Kaspar sagte ich: „Sollte ich die junge Frau verpassen und sie zurückkommen, sagen Sie ihr bitte, sie möge hier bei ihnen warten. Ich komme wieder.“ Als ich ging, feixten die Bischöfe. Die sollten sich was schämen.

Anstiftung zum Zweifel

Ich wünschte, die Orthographie wäre vom Himmel gefallen. Oder irgendein Moses wäre vom Berg Sinai herabgestiegen und hätte orthographische Gesetzestafeln herangeschleppt, worauf Gott mit roter Kreide allerlei Fehler angestrichen hatte. Moses hätte sieben Jahre auf dem Berg Sinai gesessen und mit einem putzigen Meißel und desgleichen Hämmerchen die ehernen Gesetze der Rechtschreibung in die Gesetzestafeln geschlagen, und am Ende hätte Gott einen flüchtigen Blick drauf geworfen und dann mit roter Kreide darüber gesaut.

Jeder vernünftige Mensch wird einsehen, dass es so nicht gewesen sein kann, auch anders nicht. Wäre es so oder ähnlich gewesen, hätte Gott ebensogut für die Korrektur Sprühlack statt Kreide nehmen können, oder Edding oder Tipp-Ex flüssig. Jede Festlegung auf ein Verfahren ist eine blasphemische Verleugnung von Gottes Allmacht.

Als erklärter Heide kann ich Gottes Allmacht leugnen und sagen, dass mir die Tipp-Ex-Variante am besten gefällt. Wie Moses die ehernen orthographischen Gesetzestafeln den Berg herunter schleppt, sind sie übersät mit weißen Tipp-Ex-Flecken.

Leider muss ich vor den Kindern tun, als wäre es so oder ähnlich gewesen. Da ihr Glaube daran und die Einhaltung der Gesetze für eine erfolgreiche Schullaufbahn unerlässlich sind, weil ihr Lebensweg davon abhängt, fügen sie sich und wagen nicht zu zweifeln. Denn wer zweifelt, bekommt zur Strafe ein Scheißleben und muss bei RTL II  den  Deppen machen.

Dabei ist doch alles Menschenwerk. Die ganze Wissenschaft ist Menschenwerk. Irgendwo hat irgendeiner einen Pflock eingeschlagen und bestimmt: „Ab hier teile ich die Erscheinungen der Welt, benenne und vermesse sie. Zwar hat jede Wissenschaft ihren eigenen Pflock, aber auf der Metaebene menschlicher Erkenntnis geht alle Wissenschaft von nur einem Pflock aus. Zieht man den heraus, ergibt eins plus eins nicht mehr zwei, sondern irgendeine andere Zahl. Einige Äpfel fallen vom Baum, einige kreisen um den Erdball, und einige steigen in den Himmel auf.

intergalaktische flaschenpost

Fluch der verschrobenen landessprache mit ihren wahnwitzigen ausnahmeregeln! Was heißt regeln? nein, es geht ja alles weitgehend regellos zu in ihr. Trotzdem habe ich sie inzwischen gelernt, bin ja notgedrungen lange genug hier, und kann meinen bericht in ihr verfassen, und zwar indem ich mit einem finger auf einem tastenbord tippe. Der verrückten landessitte, bestimmte wörter mit großen buchstaben zu schreiben, die sich erzeugen lassen, indem man mit einer taste zu ihnen umschaltet, werde ich mich jedoch entziehen. Denn mein bericht ist doch eher nicht für die augen der heimischen spezies gedacht, wenngleich mir nur deren winziger wortschatz zur verfügung steht. Weshalb ich auch freiweg meinen unwillen loswerden kann. Fluch über dich, du miser galaktischer kontrolleur, du sohn eines stinkenden raketenwurms, der du mich in diesem raumsektor vor die tür gesetzt hast, nur weil ich versehentlich den falschen beförderungsschein gelöst hatte. Möge das große loch dich verschlingen. Woher hätte ich wissen sollen, du uniformierter clown, dass ich für mein angestrebtes reiseziel ein anthrazitfarbenes interzonenticket benötige, mein rosafarbenes aber nur bis zu diesem gelumpe von einem planeten erde reicht, wo man mich gezwungen hat auszusteigen. Dazu mir „intergalaktische beförderungserschleichung“ vorzuwerfen, ist der gipfel der impotenz, äh, impertinenz. Ich könnte .. 3wesän@rw axgwu0 … und sage äeaxgkwxjwb!!!

natürlich gibt es auch auf diesem planeten eine nebenstelle der galaktischen registratur. Ich musste, um sie aufzusuchen, auf dem bauch in einen sich trichterförmig verjüngenden dachsbau kriechen, wobei ich platzangst bekam und mich erbrach, weshalb ich dann völlig derrangiert vor den zuständigen unterbeamten trat. Dieser kerl interessierte sich jedoch kaum für mein problem, sagte jedoch, dass es auf diesem planeten jeder zu reichtum bringen könne und zwar durch tellerwaschen.
„VOM TELLERWÄSCHER ZUM MILLIONÄR“
„Nur teller?“, habe ich gefragt.
„No, sir, tassen und anderes essbesteck natürlich auch.“
„Wie soll das gehen“, fragte ich. Genau wisse er das auch nicht, aber er könne sich das wohl so vorstellen. Angenommen, da wäre ein berg von geschirr und besteck. dann bekäme ich für jedes teil, das ich abwasche, den doppelten betrag von x, also 1+2+4+8+16 usw. Wenn die letzten löffel abzuwaschen sind, würde mir jeder löffel, den ich noch aus dem spülwasser fische, bereits mehr millionen bringen, als ich überhaupt für die passage zu meinem heimatplaneten bräuchte. Bei 27 teilen hätte ich bereits über 67 millionen.

„Das ist die theorie“, sagte er.
„Und die praxis?“
„Die muss von ihnen kommen. spülen sie, spülen sie, dann können sie eine interstellare fahrkarte für die spiralnebelzone 2 bald locker bezahlen.“

[Wie ich mir versüßte, dass ich heute Nachmittag endlich den Berg schmutziges Geschirr abgewaschen habe.]

Kinobesuch mit Tina – eine Groteske


Im Ruhebereich des ICE beschweren sich Fahrgäste über ein nerviges Ticken. Die Zugbegleiterin macht sich auf die Suche – und findet mich, baut sich vor mir auf und sagt: „Mein Herr, Sie ticken! Ist das eine Bombe?“ „Nein“, sage ich, „die Sache verhält sich so: Allabendlich packe ich meine Wanduhr in die Sockenschublade, um bei Nacht das sinnlose Ticken nicht hören zu müssen. Offenbar ist das blöde Ticken auf meine Socken übergegangen. Die Socken haben ein unerfreuliches Tickgedächtnis. Hören Sie selbst!“ Ich halte ihr den Fuß hin, und sie horcht daran.
„Tatsächlich, Ihre Socken ticken. Wie spät ist es? – äh – Wie kommt das wohl?“
„Ich vermute, ein hippes Berliner Startup-Unternehmen hat diese Textilfasern mit Gedächtnisfunktion erfunden. Und Maschmeyer, der Halunke, hat das Bubenstück finanziert. Man weiß noch nicht, wofür es gut ist, welche negativen Folgen diese Textilien haben, aber man drückt sie schon in den Markt. Der wird’s schon richten. Sie lässt sich neben mir auf den freien Platz sinken. „Oach! Das macht mich fertig!“
Mir ist ihre Anwesenheit angenehm. Sie ist hübsch, und wir können uns offenbar riechen.
„Hören Sie!“, sage ich, „wenn Sie eine Pause brauchen, würde ich Ihnen gerne meinen Traum erzählen, aus dem Sie mich eben gerissen haben.“
„Na gut, wenn’s sein muss.“

      „Ich war mit meiner viel zu jungen Freundin Tina unterwegs in Köln, um ins Kino zu gehen. An der Kasse rannte ich vor und rief zurück: ‚Ich lade dich ein!‘, damit sie nicht sah, dass ich auf meinen Ausweis eine Altersermäßigung bekommen würde. Ein Mann zeigte uns den Weg zum Kino. Da waren zwei. Versehentlich stellte ich mich beim falschen Film an, bemerkte aber flott meinen Irrtum. Ich wähnte Tina hinter mir, aber als ich mich von der falschen Eingangsschlange abwandte, war sie nicht da. Offenbar war sie mal wieder zu klug gewesen, hatte direkt gesehen, dass dies das falsche Kino war und war zum richtigen gegangen. Ich eilte zum richtigen, sah sie aber nirgends. Unterwegs gabelte ich eine ältere Platzanweiserin auf. Sie war bestrebt mir zu helfen. Am richtigen Kino riss man meine Karte ab, und ich ging hinein. Dort sah ich Tina auch nicht. Ich fragte die Platzanweiserin, ob sie eine Durchsage machen könne. Sie verneinte, das könne nur die Frau im Eiskeller. Dieser Eiskeller hatte ein aus Klinkern gemauertes Tonnengewölbe, war mehr eine Röhre, in dem einige Leute in Stuhlreihen saßen und auf ein Bett an der rückwärtigen Wand blickten. Darin lag die Frau. Sie war blass und schnatterte. ‚Das hier ist der Eiskeller!‘, sagte sie wie zur Erklärung. Das wusste ich ja schon, ich war ja ausdrücklich hergekommen. Ich sagte: ‚Ich vermisse meine Freundin. Können Sie bitte eine Durchsage machen!‘ Sie sagte: ‚Nein, das kann ich nicht.‘

      Ich hatte nichts anderes erwartet. Wie sollte das auch gehen aus dem Krankenbett heraus. Also stieg ich die Stufen wieder hinauf zum Foyer. Die Platzanweiserin schaute mich entschuldigend an und sagte: ‚Ihre Freundin wird gewiss das tun, was man in den Medien bei RTL und überall rät, zurückzugehen zu dem Punkt, wo man sich verloren hat.‘

      RTL also. Ich hätte nie gedacht, dass vom Drecksfernsehen mal die Rettung käme, machte mich aber auf den Weg zum besagten Punkt. Er führte mich durch ein verwinkeltes Neubaugebiet. Plötzlich kam Tina um die Ecke, sah im Augenblick sehr gestresst und alt aus. Wir sanken uns in die Arme. ‚Lass uns das vergessen und wieder zusammenspannen‘, sagte Tina. Das war klug. Ich strich ihr über die blaugefärbten Haare und fand, dass ein grauer Schleier darüber lag. Wir gingen zum Kino, und ich hoffte, der Film hätte noch nicht angefangen.“

    Ich schaue die Zugbegleiterin an, die inzwischen im Sitz zusammengesunken war. „Können Sie mir den Traum deuten?“
    „Nein“, sagt sie, „aber ich glaube, Sie ticken nicht richtig.“
    „Dann ist es quasi amtlich?“