Ein einfaches und ein normales Brötchen

Um 8:00 Uhr musste ich mich zu einer Routineuntersuchung bereits in der Praxis meiner Ärztin einfinden, durfte wegen der anstehenden Blutabnahme vorher nichts essen, trat nach dem Gespräch mit Frau Doktor wie runderneuert wieder vor die Tür und fuhr bei der Bäckerei vorbei, um mir zwei Brötchen zum späten Frühstück zu holen. Die Bäckereifachverkäuferin fragte nach meinem Begehr.
„Ich hätte gerne ein normales und ein einfaches Brötchen.“
Sie hielt ratlos inne. „Ein Normales und ein Einfaches?“
„Äh, ich korrigiere: Ein Normales und ein Mohnbrötchen.“

Bitte, ich hatte Blut gelassen und noch keinen Kaffee getrunken. Aber eigentlich bot ich der Bäckereifachverkäuferin in meiner Schusseligkeit ein feines Kōan, mit dessen Hilfe sie zum erstrebenswerten Zustand der Erleuchtung hätte finden können. „Das ist doch kein Kōan“, wird mancher sagen, der sich ein bisschen mit Zen-Buddhismus auskennt. Was ich gesagt hätte, wäre mit Logik aufzulösen. Ein „einfaches Brötchen“ ist gleichbedeutend mit einem „normalen Brötchen“, das lernt jede Bäckereifachverkäuferin im ersten Lehrjahr. Aber vermutlich war die Frau nur eine angelernte Hilfskraft, denn sonst hätte sie selbstbewusst beide Forderungen als Synonym verstanden und hätte mir zwei normale vulgo einfache Brötchen eingepackt. Da meine Forderung für sie widersprüchlich war und eine unlösbare Frage im Sinne des Zen-Buddhismus aufwarf, hätte sie an diesem Morgen durch mein Kōan zur Erleuchtung kommen können, genauso als hätte ich gefragt: „Wie klingt das Klatschen einer Hand? Sprich, sprich!“ und hätte sie mit einem Stock bedroht.

Natürlich wäre zu diskutieren, ob es überhaupt wünschenswert ist, dass eine 400-Euro-Hilfskraft zur Erleuchtung kommt. Würde sie dann nicht erstaunt aufblicken hinter ihrer Bäckereitheke und sich fragen: „Was mache ich hier eigentlich? Hat meine gute Mutter mich geboren und liebevoll an ihrer Brust genährt, damit ich für einen Hungerlohn Bleche mit  tiefgefrorenen Brötchenrohlingen aus China in den Backautomaten schiebe?“ Würde eine derartige Erleuchtung ihr nicht die Arbeit unmöglich machen und ihr Los erschweren?

Das glaube ich nicht, denn im Zustand der Erleuchtung würde sie das hinter die Bäckereitheke Geworfensein leicht ertragen. Selbst indem sie mit der Hand in den Plastikhandschuh schlüpft, um eine Backware aus der Auslage zu nehmen, würde sie das Wesen der Dinge erkennen und eins werden mit ihrem Tun. Zen wäre für sie eine Sorte geistiges Valium. Ich hätte ihr geholfen wie ein guter Arzt. Sie hätte aufhören können, an sich selbst zu leiden, wie es die meisten von uns tun. Schade, dass die Frau durch mich nicht erleuchtet wurde. Es fehlte vermutlich der Stock. Aber ginge ich absichtsvoll in Bäckereien, um unlösbare Fragen zu stellen und dabei mit drohend erhobenem Stock: „Sprich, sprich!“ zu rufen, ich fürchte, meine lieben Damen und Herren, dann würde man mich bald aus dem Verkehr ziehen. Also ist von mir leiderleider keine Erleuchtung zu erwarten.

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Retrofuturismus: Historische Reise mit dem Hochgeschwindigkeitszug Thalys

Der Hochgeschwindigkeitszug Thalys verbindet die Städte Paris, Brüssel, Amsterdam und Köln, betrieben von der Thalys-International mit Sitz in Brüssel. Im Jahr 1995 rollte der erste Thalys von Brüssel aus in den Aachener Bahnhof. Die Aachener Presse feierte das Ereignis, denn man sah es als Ehre an, dass der Aachener Hauptbahnhof ein Haltepunkt im Thalys-Netzwerk sein durfte. Der Thalys hatte für die 1990-er Jahre ein ungewöhnliches, futuristisches Design. Der Stil ist inzwischen auf einem Nebengleis gelandet. Heute wirkt der Thalys wie ein Produkt der veralteten Science Fiction, genannt Retrofuturismus.

Im Thalys gibt es nur reservierte Plätze. Für die kurze Strecke zwischen Aachen und Köln kann man von Deutschland aus nicht reservieren. Bis 2011 wies ein Reiseplan der Deutschen Bahn AG den Thalys manchmal als Zugverbindung aus. Seitdem die Deutsche Bahn ihre Anteile am Thalys verkauft hat, geschieht das nicht mehr. Vorher durfte der Zugreisende aus Deutschland in den Wagen 28 direkt beim Triebwagen einsteigen, in ein kleines Abteil für die wenigen Reisenden ohne Reservierung. Es hat acht Plätze an zwei Sitzgruppen. Der Thalys ist sehr eng. Man kann kaum zu den Fenstern hinausschauen, denn sie sind schmal und länglich mit breiten Holmen dazwischen. Sie liegen waagerecht, aber nur sehr kleine Menschen haben sie auf Augenhöhe. In Wagen 28 sind die Fenster nur schmale Schlitze. Was sich die Designer der 1990-er dabei gedacht haben, erschließt sich nicht. Nach jetzt fast 30 Jahren lässt sich sagen, dass die Entwicklung der menschlichen Art nicht den Vorstellungen der Thalysdesigner gefolgt ist.

An einem Novembertag bestieg ich um 18:39 Uhr auf Gleis 9 des Aachener Hauptbahnhofs den Thalys 9450 von Brüssel mit Endhalt in Köln Hauptbahnhof um 19:15 Uhr. Im engen Abteil 28 saßen an den beiden Tischgruppen bereits zwei Männer und eine Frau. Ich schob mich auf den Fensterplatz der Frau schräg gegenüber. Trotz der beklemmenden Enge in Abteil 28 ist die Fahrt im Thalys ein wundersames Erlebnis. Schon der Blick in die anderen Wagen zeigt ein buntes Publikum, Menschen aller Nationalitäten sitzen dort und tun, als wäre es selbstverständlich, mit dem Thalys durch ein stattliches, aber exklusives Netzwerk zu sausen, und dabei nichts, bei Dunkelheit gar nichts von der Welt da draußen zu sehen. Alles nutzt sich im Leben ab, auch das Ungewöhnliche wird irgendwann Alltag und gewöhnlich. Gewöhnlich war auch die Sprache der Frau. Das freilich hörte ich erst, als der Thalys in den Kölner Hauptbahnhof einfuhr und aus den Türen die Pressluft stoßartig zischend entwich.

Vorher, während der Zug durch eine nicht erkennbare Landschaft sauste, als hätte er sich von der irdischen Welt in eine andere Dimension entzogen, hatte die Frau zunächst gelesen, dann geschlafen. Ich las in Samuel Pepys Tagebuch. Es umfasst den Zeitraum von 1661 bis 1669. So reiste ich mit dem Thalys durch das London des 17. Jahrhunderts. Pepys begann mit 24 Jahren eine steile Karriere als königlicher Beamter. Er arbeitete für das Schiffsamt und war später für die königliche Flotte verantwortlich. Sein Tagebuch ist ein pralles Bilderbuch seiner Zeit. Ich musste schmunzeln über den  Eintrag vom  6. April 1661: „Mr. Townsend erzählte mir ein Missgeschick, dass er nämlich kürzlich mit beiden Beinen durch ein Hosenbein gestiegen und so den ganzen Tag herumgelaufen ist.“

Obwohl von der Landschaft nicht zu sehen war, wusste ich in etwa, wo der Thalys sich gerade befinden müsste, unterwegs zwischen Aachen und Köln. Da gibt es auf halber Strecke einen fernen Höhenrücken der Eifel zu sehen, auf dem ich als Radsportler viel herumgefahren war, mit oftmals schönem Blick hinab auf Aachen und das Dürener Land. Das alles war wie weggewischt, der Thalys fuhr jeden einzelnen Passagier durch eine eigene Dimension.

Wo die junge Blondine mir gegenüber fuhr, hinter ihrer hohen Stirn, weiß ich nicht. Ich habe nicht auf den Titel ihres Buches geachtet. Der Umschlaggestaltung nach war es kein Buch, in dem ich hätte unterwegs sein mögen. Um dem Buch kein Unrecht zu tun: Mein Urteil kam aus der Kombination zwischen dem Buch und ihr. Obschon sie teuer gekleidet war, sogar recht hübsch, hatte sie etwas geschäftsmäßig Hartes im Gesicht. Das offenbarte sich erst recht, als sie schlief und ihr die Züge etwas entglitten. Wenn ich dann die Wahl gehabt hätte, entweder ihr Buch lesen zu müssen oder mich mit ihr zu unterhalten, hätte ich das Buch gewählt.

Kurz vor Köln stand ich als erster auf und ließ die Frau und die Männer am 2. Tisch zurück. Doch ich bekam die Tür nicht auf. Es nutzt nämlich nichts, am Griff zu ziehen. Dann ertönt ebenfalls nur ein lautes Pressluftgeräusch. Die Tür blieb zu. Da fragte einer der Männer: „Sollen wir es ihm sagen?“ „Nein“, sagte die Geschäftsblondine. Trotzdem sagte der Mann mir, ich müsste einen grünen Knopf über der Schiebetür drücken. Durch die offene Tür hörte ich den Mann noch etwas sagen. Da rief die Blonde: „Ach, du Scheiße!“, und das klang aus ihrem Mund wie der Dialekt der Hölle ihrer Jugend.


Zum Spiel der Gleisharfe verlässt der Thalys den Kölner Hauptbahnhof, Video: JvdL

Die Thalys International betreibt ein Graues Netz, mit Zentrum in Brüssel. Sie fährt Menschen, die dafür bezahlen, über die Köpfe der anderen hinweg. Im Netz gibt es nur wenige Haltepunkte. Daher sind graue Netze gefährlich. Sie entfernen die Menschen voneinander, obwohl sie verbinden. Man weiß nur nicht was oder wen.

Beobachtung auf Höhe der Hasenpfote

Zuerst sei er nur überrascht gewesen von der Ähnlichkeit der Frau im Publikum der Kabarettsendung mit seiner verflossenen Geliebten. So ein Gesicht gäbe es vermutlich nicht zweimal. Ihr Gesicht sei „zierlich“, hatte der Optiker vor mehr als vier Jahren im Schwabinger Brillenstudio gesagt, als er ihr von einem zu mächtigen Brillengestell abriet. „Ein zierliches Gesicht“, das habe er damals gedacht, sei ein zutreffendes Attribut. Vier Jahre habe er sie nicht mehr gesehen. Jetzt habe da eine im Publikum gesessen, halb verdeckt hinter den auftretenden Kabarettisten mit eben so einem zierlichen Gesicht, aber mit langen blonden Haaren. Er habe sie als Brünette gekannt. Und kurz vor ihrer Trennung habe sie sich einen Bob schneiden lassen, ich wisse schon, die Haarspitzen bis zum Kinn. Ob ich wüsste, wie lang die Haare des Menschen im Jahr wachsen könnten? 15 Zentimeter? Das wären ja 60 Zentimeter in vier Jahren! Die Länge könnte hinkommen, und aus einer Brünetten könne mit Hilfe der Friseurhandwerkskunst leicht eine Blonde werden.

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Isolierverglast schaudern

Die Isolierverglasung meiner Fenster schließt mich weitgehend aus von den Vorgängen draußen, die auf irgendeine Weise Laut geben. Isolierverglasung isoliert das Innen vom Außen, lässt von draußen nur das Licht durch, das von den Objekten vor den Fenstern reflektiert wird. Selbst das Licht des offenen Himmels ist ja Reflexion. Wenn die Atmosphäre nicht das Licht reflektieren würde, wäre unser Himmel schwarz. Aus einem erstaunlich hellen Himmel fällt lautlos der Regen. Seine Tropfen glänzen. Es ist mehr ein Aufblitzen und nicht einfach Tropfen, sondern Triefen.

Als isolierverglaster Mensch fehlt mir am meisten, den Regen zu hören. Zu einer anderen Zeit am anderen Ort habe ich mit einer geliebten Frau im Bett gelegen und wurde wach, als es gerade dämmerte. Die Tür zu Veranda und Garten stand offen. Drinnen und Draußen wurde nur durch eine bodenlange weiße Gardine getrennt. Ich hörte, dass ergiebiger Regen niederging, sah, wie die Gardine sich zum Garten hin bauschte, also wie vom Regen hinausgezogen wurde, aber nicht gänzlich Folge leistete. Oben hing sie an der Gardinenstange fest und unten widerstand das auf dem Boden aufliegende Stück der Gardine der Sogwirkung des Regens. So blähte sie sich wie ein Segel. Ich fröstelte. Aber meine linke Flanke war warm, wo ich die nackte Frau neben mir berührte. Sie hatte unser Laken ganz zu sich herübergezogen, und dort war es halb zu Boden geglitten. Ich hörte dem Regen zu, spürte schaudernd die nasse Kälte, die von außen auf mich eindrang. Für einen Augenblick durchströmte mich ein Glücksgefühl, grad so lang, wie da noch ein Ausgleich war zwischen Wärme an meiner linken Seite und Kälte rechts, dann schmiegt ich mich an das schlafwarme Weib und zog das Laken wieder über uns. Der Regen mochte ewig weiter rauschen. Doch die Welt stünde für eine Weile still.

Mikroben (3)

Folge 1Folge 2

Wie kommen Sie dazu, sich die Schuld an Minnas Tod zu geben?“
„Wegen der Mikroben, die Dr. Ehrenfelder in seinem Labor aufbewahrt hat. Es war wohl ein besonders aggressiver Mikrobenstamm, der in Höhlen lebt, genau an den Orten, wo auch die ersten Menschen gelebt haben. Das steht alles in seinem Aufsatz. Ich hatte bei meinem Sturz eine Flasche zerstört und dabei jene speziellen Krankheitserreger freigesetzt. Sie hatten mich angefallen, aber auch Minna, als sie mich verarztete. Alles war also die Folge meiner Unkeuschheit gewesen. Meine unverzeihliche Todsünde hat Minna getötet.“

„Woher wollen Sie das wissen? Sie haben keinerlei Hinweise, woran Minna gestorben ist, noch wissen sie ihren Todeszeitpunkt. Was Sie plagt, sind Fieberphantasien und Vermutungen. Das alles speist sich aus einem schlechten Gewissen. Dabei ist Ihr Verhalten doch nichts Schlimmes gewesen und aus heutiger Sicht verständlich. Nacktheit war bis in die 1970-er Jahre tabuisiert. Wo hätten Sie als Junge eine nackte Frau sehen können, wenn nicht heimlich in der Badewanne?“

„Auf dem Fünfmarkschein. Da war die nackte Europa abgebildet. Ich habe sie mir oft genug angeschaut, wie sie da mit kleinen spitzen Brüsten auf dem Stier liegt und sich von ihm davontragen lässt, um sich mit ihm zu paaren. Unkeusch! Sodomie! Todsünde!“
„Wenn ich mich recht erinnere, war das Zeus! Er hatte sich in einen Stier verwandelt. Vor der Paarung mit Europa hat er seine Stiergestalt wieder abgelegt.“

„Lüge! Hat sich mit einem Stier gepaart! Todsünde! Todsünde!“, schrie Erlenberger erneut.

Ich spürte, wie ein Unwille in mir hochstieg, und ich ahnte, dass die Schwärze, von der Erlenberger umwabert war, sich wohl größtenteils aus der verklemmten katholischen Sexualmoral speiste. Indem er mir wie fiebrig weitere Beweise seiner Schuld an Minnas Tod darlegte, dabei einen Pater Arnold aus dem Kloster zum Zeugen aufrief, dem er seine unkeuschen Absichten und die schrecklichen Folgen gebeichtet hatte, wurde seine Stimme immer höher, begann sich zu überschlagen, und artete zum Schluss in ein heiseres Bellen aus. Erlenberger war mir dabei immer näher gerückt, als wäre es dann einfacher, mich von seiner Schuld zu überzeugen. Dabei flog Schaum von seinen Lippen, und als etwas davon meine Unterlippe benetzte, überkam mich ein Ekel, den ich kaum zu unterdrücken vermochte. Ich sollte diesen Speicheltropfen noch bereuen. Verstohlen wischte ich meine Lippen mit dem Handrücken ab. Mir schien, dass es gut wäre, die Sprechstunde zu beenden, zumal Erlenberger sich von der menschlichen Sprache weit entfernt hatte und nur noch jaulte.

Ich stand auf und rüttelte ihn bei der Schulter. „Sie gehen jetzt besser!“, sagte ich, doch als Erlenberger aufschaute und mich sein irrer Blick traf, war mir klar, dass ich ihn so nicht gehen lassen konnte. Ich wählte die Notrufnummer der Feuerwehr und klärte rasch ab, dass man Erlenberger in die Psychiatrie bringen müsste. Erlenberger war auf seinem Stuhl zusammengesunken und wimmerte leise. Eine Weile saß ich noch schweigend bei ihm und war erleichtert, als ich schwere Feuerwehrstiefel auf der Treppe poltern hörte. Erlenberger hatte sich beruhigt und fragte ängstlich: „Holen die mich ab?“
„Ja.“
„Aber ich muss Ihnen doch noch von Dr. Ehrenfelders Theorie erzählen.“
„Später.“

Wird fortgesetzt

Mikroben (2)

Folge 1

Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, es kam ein Lichtschimmer unter der Tür durch, gewahrte ich im Raum hinter mir Gegenstände, die ich noch nie gesehen hatte, Vitrinen mit Glasbehältern, Tische mit seltsamen Apparaturen, mitten im Raum erhob sich ein gefliester Waschtisch. Da war auch ein Käfig, in dem etwas lag. Plötzlich ertönte ein Wimmern. Ich schreckte zurück und warf eine Flasche um, die auf den Fliesen zerschellte und auslief, stolperte rücklings und stürzte in die Scherben.

Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf einem Sofa, Minna beugte sich zu mir herab und betupfte die Schnittwunden an meinen Händen. Ihr Bademantel klaffte, und bei dem Anblick, den er gewährte, wähnte ich mich im Himmel. Noch als ich mit meiner Großmutter im Zug saß, der irre heimwärts dampfte, war ich wie in Trance. Am Tag darauf wurde ich sehr krank. Ich bekam hohes Fieber mit Schüttelfrost, Kopfschmerzen, dass ich nicht mehr aus den Augen gucken konnte, behielt kein Essen in mir und fühlte mich derart schwach und elend, dass ich wünschte, meine besorgte Mutter würde mich sterben lassen. Ich brauchte Wochen zu genesen und mehr als einmal hat unser Hausarzt meiner Mutter gesagt: ‚Machen Sie sich darauf gefasst, dass ihr Sohn diese Nacht nicht übersteht.‘ Ich bin mir nicht sicher, ob es eine Fieberphantasie war, aber einmal stand auch Onkel Doktor Ehrenfelder an meinem Bett und sprach leise mit unserem Hausarzt. Im Fieberwahn sah ich Minna bleich da liegen, und eine Stimme flüsterte: „Das ist Minna. Sie stirbt.“

„Dieses Labor von Dr. Ehrenfelder lag doch nicht in einem Keller, oder? Warum zählen sie es zu den Höhlen, Kellern und Grotten, in denen die Mikroben ihnen auflauern?“

„Das verstehen Sie später. Die gleichen Symptome, nur ins Erwachsene gesteigert, fing ich mir in den Grotten von Remouchamps ein. Schon beim Verlassen der Höhle war mir elend. Ich konnte mich aus dem Kahn kaum erheben, fiel am Anleger auf die Knie und kam nicht mehr hoch. Der kalte Schweiß stand mir auf der Stirn und ich fühlte mich entsetzlich dünnhäutig, so als könnte mir jeder Eindruck wie ein Meteorit auf den Seelengrund einschlagen und ihn verheeren. Ein Einschlag, auf gewisse Weise schauerlich, hat sich in meinen Seelengrund eingebrannt. Die alte Frau, die am Eingang der Höhle im Kassenhäuschen gesessen und uns die Tickets verkauft hatte, ging nun am Ausgang herum. Sie hatte nur ein Bein und stützte den Stumpf ihres Knies auf ein Brettchen, das oben auf einer Stelze angebracht war und von knieumschlingenden Lederbändern gehalten wurde. Die Alte ging umher, als wollte sie jedem zeigen: Seht her, wie schön ich mit dieser Gehhilfe gehen kann, diesem Zerrbild einer Prothese. Man musste mich in den Bus bugsieren, wo ich elendig in meiner Sitzbank am Fenster lehnte und fror. Da schon überkam mich der Schüttelfrost, bei dem meine Zähne klapperten, dass ich fürchtete, sie würden zerbrechen. Besorgte Kollegen begruben mich unter Jacken, ahnten wohl schon, dass ich für längere Zeit ausfallen würde. Die ganzen Wochen meines Leidens erinnerte ich mich mit Schaudern an die Höhle von Remouchamps, an die Frau mit der armseligen Prothese und dass mich dort etwas angefallen hatte, das Äonen schon auf mich lauerte.“

„Äonen? So alt sind Sie noch nicht“, wandte ich ein.
„Ja, ich nicht. Aber meine Vorfahren.“
„Wie meinen?“

„Vor einigen Jahren schickte mir meine Mutter, Gott hab sie selig, eine obskure medizinische Zeitschrift. Dr. Ehrenfelder hatte darin einen Aufsatz veröffentlicht: ‚Über die Vergesellschaftung des Frühmenschen unter dem Einfluss von Mikroben.‘ Die Zeitschrift war schon ganz zerfleddert, denn sie war in der ganzen Familie rumgereicht worden. Der Ehrenfelder Rainer war nämlich der Stolz der gesamten Familie. Niemand sprach über seine theoretischen Annahmen, alle fanden nur, dass in der Zeitschrift ein schönes Foto von ihm abgedruckt war. Angetan mit einem weißen Kittel stand er stolz aufgerichtet in seinem Laboratorium. Schlagartig erkannte ich die Szenerie wieder als den Raum, in dem ich mir als Kind eine schwere Krankheit eingefangen hatte, ja, mich überkam sogleich ein Schüttelfrost. Eine ähnliche Wirkung hat übrigens der Name Remouchamps. Ich fürchte mich, ihn auszusprechen.“

„Was geschah mit Minna?“

„Sie ist tot, starb kurz nach meinem Unfall im Laboratorium. Aber mehr weiß ich nicht. Es wurde nicht über sie gesprochen. All die Jahre mochte ich nicht darüber nachdenken, dass Minna gestorben war, weil ich sie nackt in der Badewanne sehen wollte.

„Wie kommen Sie darauf?“

Folge 3

Mikroben

„Die Mikroben sind hinter mir her“, sagte Erlenberg düster.

„Welche Mikroben?“

„Das weiß ich eben nicht genau, vielleicht ein Bakterienstamm, außerirdische Bazillen, Viren, jedenfalls geeignet, mich umzubringen. Sie lauern auf mich in Kellern, Höhlen und Gruften.“

„Erzählen Sie mehr!“

Erlenberg war zum ersten Mal in meine Sprechstunde gekommen. Als er den Raum betreten hatte, war ich erschrocken und hatte Mühe gehabt, mir nichts anmerken zu lassen. Als Arzt darf man nicht erschrecken, wenn Patienten mit den seltsamsten Symptomen kommen, beispielsweise von einer gnadenlosen Natur mit den grauenhaften Verwachsungen der Elefantitis geschlagen sind oder sich unter einem Verband eine faulende, übel riechende Wunde offenbart, in der schon Fliegenlarven wimmeln. Ich habe schon einer alten Frau einen armlangen, schmarotzenden Wurm aus dem Auge gezogen, habe in meiner Zeit als Unfallarzt zerschmetterte und abgetrennte Gliedmaßen zuhauf gesehen, Flaschen, Messer, gar eine Schüttelkugel, es schneite über dem Eiffelturm, aus einem Enddarm entfernt. „Ich dachte, der Eiffelturm steht an der Seine und nicht am Po“, frozzelte ein Kollege, aber diese Schüttelkugel gab mir den Anstoß aufzuhören mit dem stressigen Geschäft der Unfallmedizin. Ich war schon lange nicht mehr einverstanden damit, als übermüdeter Arzt in der Ambulanz, Patienten am Fließband abzufertigen, und wollte keinesfalls dem Zynismus verfallen, den ältere Kollegen zeigen.

Auch konnte ich den Versprechungen der Pharmakonzerne nicht mehr trauen. Wer mir anbietet, mich mit der ganzen Familie FirstClass nach Dubai zu fliegen, uns im 7-Sterne-Hotel Burj Al Arab unterzubringen, nur um ein neues Medikament zur Blutstillung vorzustellen, kann doch keine lauteren Absichten haben. Irgendwer muss den schändlichen Aufwand bezahlen, mit dem neue Medikamente in den Markt gedrückt werden, die keinen aber auch keinen Zugewinn an therapeutischer Wirkung bringen, nur deutlich teurer sind als bewehrte Medikamente. Inzwischen hatte ich mich von der Schulmedizin ganz abgewandt und betrieb eine kleine Praxis für Homöopathie, hatte keine Sprechstundenhilfe und nur wenige Patienten.

An diesem Novembertag, an dem es den ganzen Tag nicht hatte richtig hell werden wollen, hatte ich nur einen Patienten, Karl-Hermann Erlenberg. Er war von einem eisigen Luftzug begleitet und von einer Schwärze umgeben, die sich unmittelbar auf mein Gemüt legen wollte. Erlenberg hatte mich nach dem Eintreten lauernd beobachtet, als wollte er sehen, ob ich seiner Aura gewachsen wäre oder einknicken würde. Ich dachte an das Schneegestöber überm Eiffelturm und konnte den ersten Ansturm negativer Energie schmunzelnd abwehren.

„Haben Sie Zeit, meine Geschichte zu hören?“
„Für die Erstanamnese eine ganze Stunde, also erzählen Sie!“

„Zum ersten Mal haben mich die Mikroben in den Höhlen von Remouchamps angefallen. Ich war mit einer Reisegruppe dort. Schon als wir auf unseren Kahn warteten, mit dem uns ein Führer über den Fluss Rubicon durch die Tropfsteinhöhle staken sollte …, nein, das war das zweite Mal. Das erste Mal geschah in meiner Kindheit: Seit dem Tod meines Vaters waren wir arme Leute, aber es gab in der Familie einen entfernten Onkel, der in Köln ein stattliches Patrizierhaus besaß und ein Dienstmädchen beschäftigte. Der Onkel war ein Cousin meiner Großmutter und ihr vertrauter Arzt. Ab und zu machte meine Großmutter sich fein, streifte weiße, spitzenbesetzte Handschuhe über, nahm ihr bestes Handtäschchen in die Armbeuge und fuhr mit dem Zug nach Köln zum „Ehrenfelder Rainer.“ Manchmal durfte ich mit. Ich war erst sechs oder sieben Jahre alt, aber seit dem ersten Besuch bei Onkel Rainer verliebt in Minna, sein Dienstmädchen. Ich erinnere mich, dass ich mir ausrechnete, wie lange es noch dauern würde, dass ich die schöne Minna küssen könnte, ohne auf einen Stuhl steigen zu müssen.

Es gab da in Parterre ein Badezimmer, mit schwarz-weißen Bodenfliesen, einer Badewanne auf Löwenfüßen, in der in alten Buchstaben „Kaldewei“ stand, und vergoldeten Armaturen. Wer die Treppe hinunter kam, hätte von den Stufen aus durch ein  Fenster in der Tür ins Bad schauen können, weshalb im Fensterchen Gardinen gespannt waren. Einmal, derweil Onkel Rainer meine Oma untersuchte, streunte ich durchs Haus. Aus dem Badezimmer hörte ich ein Plätschern und leises Summen. Durch die Spanngardinen sah ich, dass im Bad eine Kerze brannte, und ich ahnte mehr als ich sah, die angebetete Minna nackt in der Wanne. Unten dreht ich mich um und stieg wieder hinauf, kehrte noch mehrmals um und spähte ins Fenster. Plötzlich rief Minna von drinnen: „Willst du mich in der Badewanne sitzen sehen?“

Ich traute mich nicht, ja zu sagen, sondern stammelte, „ich suche das Klo“ und rannte beschämt treppauf.
„Im Treppenhaus!“ rief Minna mir belustigt hinterher.

Auf der halben Treppe sah ich eine Tür, auf der ein Schlüssel stak. Ich schloss auf und flüchte hinein, obwohl ich sogleich erkannte, dass dies nicht das Klosett sein konnte. Ich hörte Minna noch rufen: „Da nicht!“, da fiel bereits die Tür hinter mir zu. Es war stockfinster. Ängstlich betastete ich die Tür, doch hier fehlte die Türklinke. Die Tür war von innen nicht zu öffnen

Folge 2