Von einem Text, der mir verloren ging

Den jungen Samstagmorgen habe ich damit vertan, einen Text zu suchen. Ich hatte ihn vor längerem zu schreiben begonnen, dann aber zur Seite gelegt, weil ich noch nicht wusste, was mit ihm anzufangen wäre. Es war so ein Text, aus einer Laune heraus geschrieben. Möglicher Weise hieß er „Von Männern, die im Weg rumstehen.“ Aber der geht anders. Zu dem hier gehört das Foto einer Band, die ich an einem Sonntagvormittag im Bahnhof von Hannover fotografiert habe. Hinter ihnen an einer Stellwand hatte gestanden:

Immer sonntags – SchlemmerJAZZ im Hauptbahnhof

Ich war mir nicht schlüssig gewesen, ob ich dem Text das Foto beigeben sollte, denn ich hatte die vierköpfige Band ziemlich genau beschrieben, namentlich die Sängerin, so dass ein Foto ja überflüssig war. Andererseits wird ein Text mit Foto vielleicht lieber gelesen, beispielsweise der Sängerin wegen. Diese junge Frau mit schulterlangen blonden Haaren trug ein leichtes ärmelloses Kleid aus hellem Stoff mit dunklen, sehr kleinen Tupfen. Um den Hals hatte sie eine lange Kette, die bis zum schmalen schwarzen Gürtel reichte, der ihre Taille betonte. Der Saum ihres Kleides umspielte ihre Waden, wenn sie im Takt der Musik ihre Hüften schwang. Sie stand in roten Pömps hinter einem Standmikrophon, vielmehr trippelte sie seltsam ungelenk auf der Stelle. Ihre durchaus elegante Erscheinung schien nicht aus dieser Zeit zu stammen, denn ist man als Sängerin heutzutage nicht auch ein bisschen im Tanz unterrichtet? Und würde nicht ein Choreograph ihr das ungelenke Trippeln auf der Stelle ausgetrieben haben? Seltsam war auch, dass sie in den Moderationen zwischen den Titeln mehrfach auf ihr Jungsein hinwies. Sie musste also spüren, aus der Zeit gefallen zu sein.

Ich glaube, ihre Band hatte ich auch beschrieben, den Saxophonisten rechts neben ihr mit weißen Hosenträgern überm schwarzen Hemd. Mit seiner Schlägerkappe, der Brille in Kassengestelloptik und dem Hipsterbart war sein Outfit deutlich auf der Höhe der Zeit. Hinter ihm verdeckt stand einer mit einem – ach, jetzt weiß ich wieder, warum ich den Text zur Seite gelegt hatte. Ich hatte nicht gewusst, wie das Instrument heißt, vielleicht Kontrabass? Jedenfalls überragte es ihn. Links der Sängerin hatte noch ein unscheinbarer Junge im dunklen Anzug und weißem Hemd ohne Krawatte auf einem Hocker gesessen und Gitarre gespielt. Über die Musik hatte ich nichts geschrieben, weil mir dazu Wörter und Kategorien fehlen. Worum es aber sonst ging im Text, weiß ich leider nicht mehr. Er ist unauffindbar, vermutlich versehentlich gelöscht bzw. überschrieben. Stell ihn dir einfach vor. Ich gehe jetzt mal duschen.

Angst vor Spinnen

Kategorie KopfkinoDer Physiotherapeut hat mich bis zum Hals eingepackt. Eine halbe Stunde werde ich wegen meiner Rückenschmerzen auf einer Fangopackung liegen. Es ist wohltuend und entspannend, so dass ich mehrmals wegdämmere. Im Halbschlaf höre ich, wie der Raum nebenan betreten wird. Die Wände müssen sehr dünn sein, denn fast alles, was die beiden Frauen sprechen, kann ich verstehen. Die jüngere Stimme gehört einer Physiotherapeutin. Sie reden über den Ekel vor Spinnen und bestätigen sich gegenseitig, wie furchtbar sie es finden, wenn eine Spinne in der Wohnung auftaucht.

Meine Gedanken driften ab. Ich erinnere mich, dass ich mal mit Lisette in der Düsseldorfer Universität gewesen bin. Per Anzeige in der Tageszeitung hatte die psychologische Fakultät nach Frauen mit Angst vor Spinnen gesucht. Lisette hatte bei der angegebenen Telefonnummer angerufen und sich einladen lassen. Sie nahm mich als Verstärkung mit. Dann saß ich als einziger Mann in einem Hörsaal mit etwa 40 Frauen. Der Psychologe projizierte Fotografien von Spinnen an die Wand. Die Frauen sollten ihre jeweilige Befindlichkeit auf einem Fragebogen ankreuzen. Einige Frauen wurden tatsächlich kreidebleich, eine hatte Atemnot, und eine rannte aus dem Raum. Nicht so Lisette. Nur beim Bild einer fiesen haarigen Spinne ist sie mal kurz in mich reingekrochen. Jedenfalls wurde Lisette zur nächsten Testreihe nicht mehr eingeladen. Sie hatte auf ihrem Fragebogen einfach zu schlecht abgeschnitten. Danach war ihre Spinnenphobie weg. Sie konnte sogar Spinnen mit der Hand nehmen und sie nach draußen tragen.

Die Physiotherapeutin erzählt gerade von ihrer probaten Methode, eine Spinne aus der Wohnung loszuwerden. Sie nimmt den Staubsauger. „Och nein“, ruft ihre Patientin, „die armen Spinne lebt doch im Staubsaugerbeutel noch!“ Ich öffne die Augen und schaue nach oben. Wie herbeigerufen taucht zwischen den Deckenpaneelen eine Spinne auf und krabbelt die Decke entlang. Stimmt es eigentlich, dass lebensmüde Spinnen sich von der Decke in den offenen Mund von Schläfern abseilen, so dass jeder Mensch im Leben durchschnittlich acht Spinnen verschluckt? Nein, stimmt nicht. Die Journalistin Lisa Holst hat diese Behauptung im Jahr 1993 in die Welt gesetzt, um zu beweisen, wie leicht sich solche Märchen verbreiten. Aber was, wenn die Spinne über mir nicht weiß, dass es eine urban legend ist? Ich bin bis zum Hals eingepackt und kann mich nicht bewegen! Denken wir an etwas anderes.

Eines Tages krabbelte eine kleine Spinne über das Tastenboard meines Computers. Ehe ich es verhindern konnte, war sie zwischen den Tasten verschwunden. Als ich Tags darauf einen längeren Text tippte, tauchte sie plötzlich zwischen ghbn auf, um zu gucken, was da für eine Hektik sei, und tauchte wieder ab. Da dachte ich, wenn sie klug ist, wird sie sich zwischen selten gebrauchten Tasten verstecken. Ich weiß ja nicht, wie lange Abfolgen sich eine Spinne merken kann, aber Wörter mit drei Buchstaben sollte sie wiedererkennen. Wenn ich beispielsweise „un“ tippe, sollt sie sich anschließend nicht unter dem „d“ verstecken. Es ist natürlich keine wahre Erkenntnis in der Spinne, wenn sie lernt, welche Buchstaben und welche Buchstabenverbindungen in der deutschen Schriftsprache wann vorkommen. Sie versteckt sich auf Deutsch, hat aber keine Idee von der Bedeutung der Buchstaben und weiß nichts vom Inhalt eines Textes, sondern reagiert rein mechanisch.

Ebenso mechanisch verfährt ein Programm, mit dessen Hilfe man die Lesbarkeit eines Textes ermitteln kann. Es beruht auf dem „Flesch-Test“. Benannt ist die Formel des Flesch-Testes nach Rudolf Flesch, einem gebürtigen Wiener, der 1938 in die USA ausgewandert ist.

FI = 206,835 – 84,6 x WL – 1,015 x SL

* FI = Flesch-Index für Leseleichtigkeit (Reading Ease, Lesbarkeit)
* WL = durchschnittliche Wortlänge in Silben (ohne Schluss-e)*
* SL = durchschnittliche Satzlänge in Wörtern

Ein sinnloser Text aus dem Blindtextgenerator hat z.B. den Fleschwert von 48, was etwa dem Berufsschulniveau entspricht. Man sieht daran, dass mit der Formel nur die äußere Form eines Textes getestet werden kann, nicht seine inhaltliche Schlüssigkeit. Wer jedoch danach strebt, einfach und verständlich zu schreiben, hat mit der Fleschformel einen guten Maßstab. Kannst du bitte mal testen, welchen Fleschwert dieser Text hier hat? Einfach kopieren und in die Maske einfügen. Inzwischen beobachte ich die Spinne über mir. Sie hat sich von der Decke gelöst und hängt grad an einem Fädchen …

Josie und die heilsame Besinnung auf Namen

Kategorie KopfkinoCatherine Douglas und Peter Rowlinson von der Universität Newcastle haben in einer Studie belegt, dass Kühe mehr Milch geben, wenn sie einen Namen haben. Das hätte ich ihnen vorher sagen können, denn wenn eine Kuh nur eine Nummer auf einem Chip im Ohr hat, wird sie vom Bauern wie eine Nummer behandelt und fühlt sich unwohl. Die Erkenntnis, dass Kühe einen Namen brauchen, ist nicht neu, sondern nur durch die Massentierhaltung verloren gegangen.

Nicht seriös wissenschaftlich erforscht ist das Verhältnis Mensch zu Pflanze. Die Theorien dazu sind esoterischer Natur und für mich nicht von Interesse. Ich werde mich hüten, mir eine Theorie auszudenken, denn es ist der Sache selbst gar nicht zuträglich. Warum soll das Leben nicht einige seiner Geheimnisse für sich behalten? Daher will ich nur von persönlichen Erfahrungen berichten.

Josie - Foto: Jvdl - größer: Bitte klicken

Josie – Foto: Jvdl – größer: Bitte klicken

Vor einigen Jahren schenkte Lisette mir eine Zimmerpalme. Zimmerpalmen gefielen mir schon immer gut. Ihr Blattwerk ist elegant geschwungen und bildet mit seinen Überschneidungen sehenswerte grafische Strukturen. Meine Zimmerpalme taufte ich Josie. Nach kurzer Zeit kümmerte Josie, obwohl sie einen hellen Platz hatte und regelmäßig gegossen wurde. Josie schien meinen eigenen Seelenzustand zu spiegeln. Eines Morgens hatte sie sich komplett zum Fenster hin geneigt, als wollte sie sich davon machen. Sie hatte allen Grund dazu, denn mir ging es von Tag zu Tag schlechter. Als sich Josie derart von mir abwandte, beschloss ich, etwa gegen mein Leid zu tun und eröffnete ein Blog. Anfangs hieß es Wolfsburggeschichten und war insgesamt so düster wie der Name verspricht. Josie hing weiterhin schräg zum Fenster und ließ einige ihrer Wedel austrocknen.

Nach etwa zwei Wochen Blogschreiben begriff ich endlich, welch ein vielfältiges künstlerisches Ausdrucks- und Kommunikationsmittel ein Blog ist, machte einen Ausverkauf der schlechten Gefühle und eröffnete das frisch renovierte Teppichhaus. Inzwischen hatte ich in Jim Krauses wunderbarem Büchlein “Creative sparks” (dt. “Funkenflug“) gelesen, man solle zur Steigerung der Kreativität ab und zu einen Baum umarmen. So stieg ich manchmal auf den Aachener Lousberg, wartete, bis keiner zusah, und umarmte mal eine Eiche, mal eine der hoch aufragenden Buchen. Zur Not tue es auch eine Zimmerpflanze, schreibt Krause. Das tat ich mit Josie. Es schien ihr zu gefallen, denn mit den Wochen richtete sie sich langsam wieder auf. Mir ging es ähnlich. Und ich fand, dass meine Texte stets  rund und schlüssig gerieten, wenn ich zuvor Josie angefasst und mit ihr geredet hatte. Aus dieser Zeit rührt meine Beziehung zu einer Zimmerpalme.

Was geschieht, wenn man sich für einen Moment einer Pflanze zuwendet? Du greifst nach einem Wesen, das zwar den Raum mit dir teilt und trotzdem in einer in sich schlüssigen Welt lebt, die völlig verschieden von deiner ist. Das klärt den Blick. Meist ist der Mensch geneigt, seine Wirklichkeit als die einzige Wirklichkeit anzusehen. Damit bestreitet er der Welt ihre Vielfalt und Tiefendimension. Sich als der Nabel der Welt zu betrachten, ist ein Anschlag auf die eigene seelische Gesundheit, denn diese Haltung macht Denken und Fühlen oberflächlich und insgesamt unzufrieden und unglücklich. Dagegen hilft ein Augenblick der Besinnung auf die stille Welt der Pflanzen. „Man kann nicht nicht kommunizieren“, sagt Paul Watzlawick in seiner Untersuchung “Menschliche Kommunikation”, denn auch Schweigen ist eine Form der Kommunikation. In diesem Sinne findet eine Interaktion zwischen dir und der Pflanze statt. Diese Interaktion ist wie ein Eintauchen in eine Zwischenwelt, die nicht ganz pflanzlich ist, nicht ganz menschlich. Das verändert beider Leben in den jeweiligen Wirklichkeiten. Denn auch die Pflanze spürt die Berührung und reagiert durch Wohlgefallen oder nicht.

Wenn ich ein Unternehmen zu leiten hätte, bekäme jeder Mitarbeiter eine Pflanze. Die Pflanze seiner Wahl würde ihm hingestellt, und er hätte sich während seiner Arbeitszeit um ihr Wohlergehen zu kümmern. Denn ich glaube, dass man am Zustand seiner Pflanze ablesen könnte, wie es um ihn bestellt ist. Würde die Pflanze dahinkümmern oder gar vertrocknen, wäre das ein Grund für ein vertrauliches Gespräch, um zu klären, ob den Mitarbeiter etwas bedrückt und ob er Hilfe benötigt. Wenn wir uns nämlich fragen, woher der derzeit desolate Zustand unserer Gesellschaft stammt, dann müssen wir auf die Unternehmen schauen, deren Schalten und Walten die Geschicke der Gesellschaft bestimmt. Viele, wenn nicht die meisten Unternehmen werden nicht ordentlich geführt. Man behandelt die Menschen wie Hochleistungsrindviecher, die keinen Namen haben, sondern eine Nummer am Ohr. Das gilt es zu ändern.

20 Jahre Warten auf die 16. Elfstedentocht

Kategorie KopfkinoAls kürzlich überall in Westeuropa Frostgrade verzeichnet wurden, wagte ich für kurze Zeit zu hoffen. Doch wie die Wetterprognosen zeigen, wird die Elfstedentocht auch in diesem Jahr nicht stattfinden können. Erstmals las ich Anfang der 1980-er Jahre als junger Deutschlehrer von der Elfstedentocht, und zwar in einem blauen Büchlein mit Übungsdiktaten. Darin war als Diktat mittleren Schwierigkeitsgrads für 5. und 6. Klassen eine Reportage abgedruckt mit dem Titel: „Fliegende Holländer auf dem Eis.“ Das Büchlein ist leider verschollen. Den Text habe ich nur einmal diktiert, denn er war für damalige Verhältnisse viel zu schwer.

Möglicher Weise hat es Zeiten gegeben, als gut geschriebene Reportagen als Diktate taugten, aber die hier taugte nur dazu, in mir romantische Stimmungen über die Elf-Steden-Tocht zu wecken. Gut 15 Jahre später, am 4. Januar 1997, wurden sie erneut geweckt. In meinem Arbeitszimmer unterm Dach unseres Hauses in Aachen konnte ich über Antenne niederländische TV-Sender empfangen. Eigentlich wollte ich Klassenarbeiten korrigieren, aber stellte mir einen kleinen SW-Antennenfernseher auf den Schreibtisch, um die Live-Übertragung der 15. Elfstedentoch zu verfolgen.

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In aller Früh, noch in der Dunkelheit, versammeln sich 16.000 dick gegen die Kälte eingemummelte Eisschnelläufer, um über die zugefrorenen Kanäle, Grachten und Seen der niederländischen Provinz Friesland zu gleiten. Den Wettkampfläufern davon folgen Seitenwagengespanne mit Kameraleuten von Studio Sport der übertragenden Nederlandse Omroep Stichting (NOS). Die Strecke führt entlang elf friesländischer Ortschaften mit historischem Stadtrecht. „Schaatsen“, für das es im Deutschen nur das sperrige Wort Schlittschuhlaufen gibt, ist ein niederländischer Nationalsport. Deshalb ist dieses 200 Kilometer lange Rennen ein nationales Ereignis, das viele Millionen Zuschauer anlockt. Die seriöse niederländische Tageszeitung De Volkskrant schrieb in einer Kolumne sogar von einem „nationalen Orgasmus.“ In den beteiligten Städten sind alle Unterkünfte, Hotels, Pensionen, Ferienwohnungen ausgebucht. An der Strecke herrscht Karneval. Am Rennen teilzunehmen, ist ein Privileg. Man muss als Mitglied im Verein Koninklijke Vereniging de Friesche Elf Steden registriert sein. Im Jahr 1986 war sogar ein W.A. van Buren angemeldet gewesen. Es war der inkognito mitlaufende niederländische Thronfolger (der heutige König Wilhelm-Alexander). Dass der einst eher als Feierbiest Prins Pilsje bekannte Thronfolger die ganze Strecke geschafft hatte, wurde in der weniger seriösen Presse angezweifelt.

Damit die Elfstedentocht stattfinden kann, muss es mindestens zwei Wochen krachenden Frost geben, bis die Eisdecke auf 15 Zentimeter Dicke angewachsen ist. Besonders unter Brücken hat das Eis häufig Schwachstellen. Dann wird Eis von anderen Stellen transplantiert. Manchmal müssen die Eisschnelläufer aber vom Eis und solche Stellen auf mit Säcken und Stroh ausgelegten Wegen umlaufen. Jede der friesischen Städte hat einen Rayonhoofd genannten Bezirks-Eishäuptling, der über die Tragfähigkeit des Eises befindet. Erst wenn alle Rayonhoofden ihr Okay geben, kann die Tour stattfinden. Livebericht der 15. Elfstedentocht aus meinem Tagebuch:
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Nachtrag: Im Sommer 2006 habe ich im friesischen Städtchen Workum an einem der Kanäle der Elfstedentocht gestanden. Er führte am Garten des Häuschen einer Jugendfreundin vorbei, in dem ich damals übernachtete. Es fiel mir schwer mir unter der warmen Sonne den vereisten Kanal vorzustellen, ebenso eine Landschaft, in der unter eisigen Winden alles Leben erstarrt scheint. Aber dann knirschen Kufen übers Eis und Tausende Schaatser trotzen der unwirtlichen Natur. Vielleicht nächstes Jahr.

 

Der letzte Gast ist dem Tode geweiht

Am 1. Januar 1990 um 20 Uhr hörte ich im Radio auf WDR I das Hörspiel „D’r letzte Gass“ in kölscher Mundart von Theo Rausch, das im 19. Jahrhundert angesiedelt ist. Es hat mir so gut gefallen, dass ich mich hernach hingesetzt und eine Inhaltsangabe in mein Tagebuch geschrieben habe. Das WDR-Hörspielarchiv listet das Hörspiel zwar auf, aber leider gibt es keine Tondatei. Daher kann ich zum anstehenden Jahreswechsel nur meine Aufzeichnungen bieten.

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Aufwartefrau und Stadtrat Fröschlein am Silvesterabend. Aus der Unterhaltung ergibt sich, dass Fröschlein sehr abergläubisch ist. Die Aufwartefrau näht ihm noch rasch einen Knopf an, bevor sie geht. Da fällt ihr die Schere zu Boden und bleibt mit der Spitze darin stecken. Der Stadtrat ist außer sich: Die Schere im Boden, das bedeutet späten Besuch, und ihm ist klar, wer das nur sein kann, die gestrenge Erbtante. Um ihr zu entgehen, beschließt er, in das Mattesbildchen zu gehen.

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Im Mattesbildchen wirft der Wirt gerade den letzten Gast hinaus, einen Maurer. Der will aber noch rasch im alten Jahr reinen Tisch machen und fordert den Wirt auf, die Schröm seiner Bierdeckel zusammenzurechnen. Der Wirt fragt verwundert, ob er denn etwa seine Schulden bezahlen wolle. Daran sei kein Denken, sei er als Maurer im Winter doch zahlungsunfähig, denn: „Im Winter müsse mir Mürer uns zu zehn Mann de Fengere an enem Perdsköttel wärme!“ (Im Winter müssen wir Maurer uns zu zehnt die Finger an einem Pferdeapfel wärmen.)

dr-letzte-gass23. Szene
Der Wirt will die Kneipe schließen, denn er ist bei seinen zukünftigen Schwiegereltern eingeladen zwecks Verlobung. Gerade ist der Maurer gegangen, da kommt der Stadtrat und verkündigt leutselig, er werde Silvester mit ihm, dem Wirt feiern. Der ist ratlos, wie soll er den Herrn loswerden? Seine Bediente ist im Aufbruch begriffen und lässt sich nicht zum Bleiben überreden. Sie erzählt nur noch, dass gerade eben die zukünftige Verlobte zum Küchenfenster hineingeschaut habe und außer sich vor Zorn gewesen sei. Sie lasse ihm ausrichten, wenn er jetzt nicht unmittelbar komme, sei die Verlobung geplatzt. In seiner Not erzählt der Wirt dem Stadtrat, auf der Kneipe laste ein Fluch. Jeweils der letzte Gast am Silvesterabend müsse im kommenden Jahr sterben. Fröschlein ist entsetzt und bricht sofort auf. Gerade will der erleichterte Wirt die Kneipe abschließen, da kommt Fröschlein aber zurück und ruft: „Wat, do wills zomache? Wills de misch ömbrenge?“ Natürlich muss dafür gesorgt sein, dass nach ihm noch ein weiterer Gast die Kneipe besucht. Es werden zwei Kandidaten von der Straße hereingerufen, doch der eine hat neun Kinder, und der andere, ein Bäckerjunge, ist erst 16 Jahre alt. Da hat der Stadtrat doch zu große Gewissensbisse, beiden will er das Verhängnis nicht aufbürden. Der Wirt schlägt vor, er könne jemanden holen, der sei ohnehin so krank, dass er froh wäre, vom Tod erlöst zu werden. Er holt also den Maurer und verspricht ihm Geld. Beide amüsieren sich köstlich über den dummen Stadtrat. Der Maurer spielt ihm seine Szene vor und erhält von Fröschlein 500 Taler. Dann geht der Stadtrat, den Maurer als vermeintliches Opfer zurücklassend. Wirt und Maurer freuen sich königlich. Für beide ist die Sache gut ausgegangen.

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Kurz vor dem Silvesterläuten dringt der Stadtrat mit Gewalt in die geschlossene Kneipe ein. Er will trotz des bezahlten Geldes nicht, dass ein anderer statt seiner dem Schicksal ausgeliefert sei. Das Hörspiel endet mit einem herrlich philosophischen Schlusswort vom ihm. Ich habe es leider nicht behalten.

Mensch im Mantel – Etwas über drinnen und draußen

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Cartoon: JvdL, abgedruckt in Aachener Prisma 1978

Diesen Strip von mir aus grauer Vorzeit, der mal Saturday Night Fever hieß, habe ich letztens wiedergefunden. Ich nahm mir vor, dazu eine Textcollage zu verfassen über den Kontrast, in der warmen Stube zu sitzen und unterwegs sein bei Eiskälte, und die Einzelbilder des Strips als Vignetten zu nutzen. Frostknackende Kälte vermissen wir derzeit noch, aber ich  wollte die Collage nicht länger zurückhalten.

mensch-im-mantel1„Hyggelig“ ist das dänische Wort für Gemütlichkeit. Die Entsprechung im Deutschen wäre „heimelig“, aber anders als heimelig ist hyggelig ein nationales Stereotyp der Dänen. Man möchte die Nordleute fast beneiden, denn hyggelig lebt vom Kontrast zwischen warmen Stuben und einer ungestüm kalten Natur. Man muss sich beeilen, die Tagesgeschäfte zu erledigen, denn derzeit geht die Sonne noch früh unter. Wenn die Dämmerung aufzieht, mache ich es mir hyggelig, hülle mich in eine bequeme Hose, schlüpfe in eine flauschige Hausjacke, entzünde freundliche Lichter, schaue an den Heizkörper gelehnt schaudernd aus dem Fenster und freue mich am Kontrast zwischen drinnen und draußen. Zwischen den beiden Umständen steht grammatisch nur die Konjunktion „und“ und physikalisch eine Fensterscheibe aus Isolierglas. Unsere germanischen Vorfahren nannten das Fenster „Windauge“, was noch weiterlebt im engl. „Window“. Das Fenster war also die erste Erweiterung des menschlichen Auges. Doch wenn der Wind kalt wurde, kam Zug auf das Auge und es musste verhängt und durch Läden verschlossen werden. Die Sitte, den eisigen Wind mit transparentem Glas fernzuhalten, kannten schon die Römer, kam aber nördlich der Alpen erst im Mittelalter auf. Weiterlesen