Nachtbummel über den Königshügel

Einmal im Zustand innerer Aufruhr sei er in die frostklare Nachtluft hinaus und den Königshügel hinaufgelaufen, sagte Jeremias Coster, der dubiose Professor für Pataphysik und Leiter des Instituts für Nachrichtengeräte an der Technischen Hochschule Aachen. Er sei so lange auf den hübschen Straßen dort oben unterwegs gewesen, bis sich seine Aufregung gelegt habe. Einiges mehr aber sei nötig gewesen, seinen Blick wieder von innen nach außen zu richten, ihn also innerlich neutral zu machen.

Die glitzernde Stadt unten in ihrem Talkessel habe ihn beeindruckt. Und er habe durchaus den Sternenhimmel gewürdigt, der sich über ihm wölbte. Doch zwischen den lockeren Reihen kaum noch beleuchteter Häuser des Königshügels habe er sich gedacht, so ein Sternenhimmel könnte ebenso gut ein nachtdunkles Tuch sein, in das man feine Löcher gestochen hat, durch die ein Licht fällt. Diese Theaterkulisse sei also nur beeindruckend, da wir dank neugieriger Wissenschaftler wüssten, dass die Sterne keine Löcher in einer nachtblauen Decke sind. Eigentlich aber wüssten wir nicht wirklich etwas darüber, soweit wir keine Astronomen wären. Wir müssten deren Angaben glauben, was wiederum zeige, dass Wissenschaft für den Laien eine Sache des Glaubens ist, wodurch sie sich kaum von Religion unterscheide.

Über die nächtlich glitzernde Stadt habe er gedacht, sie entziehe sich durch ihre Entfernung ja lediglich seinem feineren Urteilsvermögen. Wenn einem Menschen nur der Sinn des Fernsehens erlaubt sei, könne man ihm die schlimmsten Verbrechen wie eine blinkende und funkelnde Kulturäußerung vorführen.

„Wie meine Sie das, Coster?“, fragte ich.

„So ein aus der Ferne romantisch funkelndes Lichtlein bescheint vielleicht gerade eine Szenerie, in der jemand überfallen und seines Lebens beraubt wird.“

„Denken Sie nicht, dass das eher in dunklen Ecken passiert?“

„Ach, Schmarrn, dann verabreden eben drei Obergauner im Schein eines Kronleuchters, den Staat um Millionen zu betrügen. Kann ich jetzt fortfahren in meinem Bericht vom Nachtbummel, ohne mich der Gefahr deiner unqualifizierten Einwürfe auszusetzen?“

“Nur zu!“

„Wenn einem die nächtlich funkelnde Stadt ihren durchaus anheimelnden Anschein präsentiert, liegt das nur daran, dass die Betrachtung aus der Ferne keine näheren Einblicke ins Geschehen erlaubt. Die großen Inszenierungen – Wissenschaft, nächtlicher Sternenhimmel und glitzernde Stadt habe ich also beim Nachtbummmel philosophisch widerlegt. Dadurch hat er mir die innere Ruhe zurückgebracht.“

Ich sagte: „Es kann ebensogut an der kalten Nachtluft und der Mühe gelegen haben, die Steilheit der Straßen zu bewältigen. Dann wären die philosophischen Widerlegungen der Wissenschaft, der glitzernden Stadt und des Sternenhimmels nicht nötig gewesen.“

„Das ist das, was du glaubst“, entgegnete Coster und verschwand.

Es wird immer schwieriger, mit ihm zu diskutieren, seitdem er tot ist, dachte ich.

Aus dem Digitalen in die Natur und zurück

Die Sonne scheint. Ich fahre Richtung Niederlande. In de laage landen. Tatsächlich geht es auf der Maastrichter Laan eine Weile bergab. Der Wind kommt von West. So werde ich beim Heimweg Rückenwind haben. Wenn ich den Grenzort Vaals hinter mir habe und die Maastrichter Laan entlangsause, schalte ich ab. Es ist, als würde ich an der Grenze meinen Packen abgegeben. Ich brauche mir deswegen keine Sorgen zu machen. Er liegt noch da, wenn ich zurückkomme. Den lädt sich keiner freiwillig auf, der noch bei Sinnen ist.

Ein schöner Weg biegt von der befahrenen Maastrichter Laan ab, führt bald durch einen kleinen Ort, wo vor der Kirche die pfingstlichen gelb-weißen Fahnen flattern, dann zwischen Wiesen eine Anhöhe hinauf. An der Flanke säumt sattes Gras den Weg; groß wie Getreide wogt es im Wind. Bald werden die Samen fliegen. Der Weg führt steil aus dem Tal hinauf. Unten zwischen den fetten Wiesen schlängelt sich ein Bach Richtung Göhl. Darüber staune ich immer wieder, dass ein kleiner Bach über die Jahrtausende ein so weites Tal ausspülen kann. Weiter oben steht doch eine Bank? Oder habe ich sie übersehen, weil sie vom Gras überwuchert ist? In einer Biegung taucht sie auf. Sie ist weinrot angestrichen. Erst kürzlich muss jemand mit einem Topf Goldbronze hier gewesen sein. Er hat die acht Nietnägel, je vier links und rechts, nachlässig damit angepinselt. Das Holz rund um die Nägel ist ein bisschen übermalt. Doch es macht nichts – dieses Gold auf Weinrot inmitten von Grün sieht einfach prima aus. Die Holländer wissen Akzente zu setzen.
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Unter Gemüseschnitzern (3) – Kein Glück ohne Schatten

„Warum noch darüber reden? Das alles macht mir Weltschmerz. All den Lug und Betrug aus den Reihen der machtgeilen Politik, das Leid, dass diese Leute im Dienste eines angeblichen Infektionsschutz bei Alten, Kranken, Familien und Kinder angerichtet haben, die Ignoranz unserer Medien, die inquisitorische Weise, in der man Kritiker mundtot machen will, kann ich kaum ertragen. Und mich schmerzt, dass Freunde und Freundinnen, deren Intelligenz und Urteil ich geschätzt habe, der Panikmache und Angstmacherei zum Opfer gefallen sind.“

„Ich heule gleich“, sagte der Schriftsteller.

„Na na, der Lockdown war nötig, stand in meiner geliebten FAZ“, sagte Frau Spangenberg.

„Aber unser Gesundheitssystem war zu keiner Zeit überlastet. Und die alberne Maskenpflicht wurde erst eingeführt, als der magische „R-Wert“ weit unter 1 war und die Intensivstationen in unseren Krankenhäusern leer standen.“

Der Weg führte nun steil bergab. Inzwischen sahen wir unter uns in die Mauereinfassung der Grabanlage mit der zentralen Pyramide, die der Graf von Münster sich hatte erbauen lassen.

„Wie glücklich die Zeiten, als die Eliten sich mit derlei Quatsch begnügt haben“, sagte ich.

„Das werden die Dienstboten anders gesehen haben, als sie dem Fürsten zu Lebzeiten die Genüsse den Berg hinaufschaffen und servieren mussten, nur damit er Tee schlürfend den Blick auf sein Anwesen und die Ländereien genießen konnte“, wandte der Schriftsteller ein,

„Da sind sie wenigstens fit geblieben“, sagte Frau Spangenberg,

„Inzwischen ist auch der die Fitteste von ihnen längst tot“, sagte der Schriftsteller düster und ließ sich auf eine Bank sinken. „Fitness wird total überschätzt. Ich gehe keinen Schritt mehr weiter.“

„Ob sich aber ein Dummer findet und Ihnen das Abendessen bringt?, lachte Frau Spangenberg.

„Der Hunger treibt ihn schon rein“, sagte ich und ging weiter. Die Aussicht, mit Sibylle Spangenberg alleine weiter zu bummeln, war höchst erfreulich. Zum Glück blieb der Dicke sitzen.

„Sie hätten ihn ruhig ermuntern können“, rügte sie.

„Warum sollte ich? Ihre aparte Gesellschaft reicht mir.“

„Mich beunruhigt, dass Sie so düstere Gedanken denken. Können Sie auch anders?“, fragte Sibylle Spangenberg.

„Oja. Es gibt auch bei mir seltene Minuten, da ich von innerer Zufriedenheit durchdrungen bin, dass mir nichts zu fehlen scheint.“

Der Weg folgte nun den Windungen eines Baches. Im dichten Buschwerk der Uferböschung erhob sich ein Kirschbaum mit leuchtend roten Früchten.

„Die hängen leider zu hoch“, sagte ich.

„Wieso?“ Frau Spangenberg stieg in die Böschung, reckte sich zu einem Zweig hin, der voller Kirschen hing und pflückte sie.

„Mein Bruder hat gesagt: ‚Mit einer großen Frau ist nicht gut Kirschen essen‘.“

„Ihr Bruder hatte wohl keine Ahnung“; sagte sie lachend und gab mir ihre Handvoll Kirschen. Sie schmeckten köstlich. Aber ich biss mir auf die Zunge und schmeckte Kirschsaft mit einer Ahnung von Blut. Kein Glück ohne Schatten.

Links: Die gesponserte Pandemie

Die Ballerman-Hysterie

Covid19-Entscheidungen und -Debatte sind wie der Offenbarungseid einer beschränkten Politik und abnickender Medien


Unter Gemüseschnitzern (2) – Weltschmerz

Wie warteten, bis Frau Spangenberg heran gekommen war, nahmen sie in die Mitte und stiegen gemeinsam hinan. Im Wald hatte man im großen Stil Bäume gefällt, die Stämme seitlich des Wegs aufgestapelt, das Knüppelholz aber achtlos im Wald und sogar über den Weg verstreut. Stellenweise mussten wir hintereinander gehen. Ich hatte Mühe, nicht zu straucheln, während die Spangenberg hurtig bergan eilte und scheinbar mühelos wie das göttliche Kind über alle Hindernisse hinweg schritt.

„Ich möchte nicht wissen, wie es bei dem Förster zu Hause aussieht, der das Chaos hier zu verantworten hat“, sagte ich.

Frau Spangenberg lachte. Bringst du eine Frau zum Lachen, hast du schon gewonnen, freute ich mich. Der korpulente Schriftsteller blieb schnaufend zurück und schien aufgeben zu wollen. Frau Spangenberg wusste ihn zu motivieren. „Oben am Teehaus gibt es eine Bank. Da können Sie verschnaufen und uns erzählen, was sie schreiben.“

„Meistens schreibe ich Dystopien“, sagte der SF-Schriftsteller düster.

„Gibt es nicht genug? Das Genre ist doch schon voll von Dystopien“, wandte ich ein.

„Man kann sich schlechte Welten einfach besser vorstellen, wenn man derzeitige negative Entwicklungen weiter in die Zukunft denkt.“

Wir erreichten die Bank und setzten uns. Vor uns erhob sich auf einem Sockel das unförmige Teehaus, einem dorischen Tempel nachempfunden, den der Hannoveraner Architekt Georg Ludwig Friedrich Laves im Jahr 1827 dem Grafen auf den Berg baute. Sagt man so, obwohl Laves keine Steine geschleppt haben wird.

„Hauptsache plausibel. Die Menschen mögen es, wenn die Entwicklungen so dargestellt sind, dass jeder mitkommt“, sagte ich.

„Ich weiß nicht“, widersprach Frau Sprangenberg. „Die menschliche Erfahrung lehrt etwas anderes. Schon der Blick in die Vergangenheit zeigt genau das Gegenteil von Plausibilität: “ Sie deutete mit ihrer schönen Hand in die Runde: „Der griechische Tempel hier, die Grabpyramide im Tal und die Fischerhäuser an der Straße. Das architektonische Ensemble mit dem Schloss und den weitläufigen Gebäuden der Meierei. Plausibel ist doch nur das umgebende Idyll. Wenn wir nicht wüssten, dass die Anlage einst ein Zisterzienserkloster gewesen ist und ein Fürst es im 19. Jahrhundert der Kirche entrissen hat, um das Haupthaus im Tudorstil zum Schloss umzubauen, stünden wir vor einem Rätsel und würden nichts mit unserer Gegenwart zusammenbringen können.“

„Das deprimiert mich ja so“, sagte der Schriftsteller. „Wenn man die derzeitige Entwicklung unserer Gesellschaft zur Gesundheitsdiktatur betrachtet, so ist auch nichts plausibel. Schon die handelnden Figuren sind es nicht. Die Charaktere sind so schlecht entwickelt, einfach dumm. Kein Verlag würde mir ein Manuskript abnehmen mit Figuren wie Frau Merkel, Jens Spahn, Karl Lauterbach und so weiter. Dass derlei banale Menschen die Akteure sind, hätte ich nie erwartet. Und dass es kaum gesellschaftlichen Widerstand gibt, das völlige Versagen der Leitmedien als kontrollierende Vierte Gewalt, ihr arrogantes Ignorieren der Fakten, das alles ist nicht plausibel. Einzig wie sie Abweichler, Zweifler und Kritiker dämonisieren, das erinnert an längst bekannten religiösen Eifer.“

„Plausibel ist die Entwicklung schon“, sagte ich. „Ich muss immer denken an Warren Buffetts Befund, dass die Klasse der Superreichen einen Klassenkampf begonnen hätten.’There’s class warfare, all right, but it’s my class, the rich class, that’s making war, and we’re winning.‘ Waren das nur Worte des zweitreichsten Mannes der Welt oder gab es konkrete Kriegshandlungen?“

Müde bestätigte der Schriftsteller: „Er hat das anlässlich der Finanzkrise gesagt. Banken wurden mit Steuergeldern gerettet, und am Ende waren die Superreichen noch reicher geworden. Das Geld wurde also von unten nach oben geschaufelt.“

„Hinsichtlich der Kriegsmetapher war die Finanzkrise ein Scharmützel“, warf Frau Spangenberg ein.

„Ja, die nächste Kampfhandlung, der nächste Angriff muss heftiger sein. Wie könnte es weitergehen? Entwickeln Sie ihre Dystopie, Herr Schriftsteller!“, sagte ich.

„Zuerst bringt die Pharmaindustrie die WHO dazu, die Definition der Pandemie zu ändern, damit man eine ausrufen kann trotz geringer Todesfälle wie damals bei der Schweinegrippe. Dann versetzt man die Leute durch geschicktes Marketing in Todesangst, so dass sie nicht mehr geradeaus denken können. Dann macht man mit Shotdowns und Lockdowns den Mittelstand kaputt, so dass die großen Wirtschaftsplayer sich deren Marktanteile unter den Nagel reißen können.“

„Nicht besonders originell“, sagte ich. Genau das ist doch passiert oder passiert derzeit. Die Auswirkungen können wir jetzt schon sehen an Amazon und dem Bankrott von Karstadt/Galeria Kaufhof.“

„Ich bin halt müde. Wie kann ich mir eine eigenständige Dystopie ausdenken, wenn die Welt erkennbar auf eine zustrebt?“, fragte der Schriftsteller. „Wenn der Krieg bereits im Gange ist und in so großem Stil geführt wird, wie Sie sagen, ist eh alles verloren. Dann bleibt uns nur Gemüseschnitzen und sonstiger Eskapismus. Warum sollten wir noch über die derzeitige Entwicklung reden?“

Fortsetzung: Kein Glück ohne Schatten

Unter Gemüseschnitzern – eine Erzählung aus unseren Tagen in drei Folgen

„Das weiß doch inzwischen jeder Dorfdepp, dass man eine Dame nicht nach ihrem Falter fragen darf“, sagte Referent Carlo Mobenbach und schaute streng in die Runde. Als sein eisiger Blick an mir hängen blieb, zuckte ich schuldbewusst zusammen und fragte: „Auch Stubenmädchen nicht?“

Mobenbach schnaubte: „die Hausdame ist kein Stubenmädchen. Den Unterschied sollte ebenfalls jeder Dorftrottel kennen.“

„Entschuldigung, ich bin nicht von hier und übernachtete nie zuvor in einem Etablissement, in dem die Stubenmädchen Hausdamen sind und oder umgekehrt.“

Die aparte Kulturwissenschaftlerin, die mir seit Beginn des Seminars „Lebensart und Gemüseschnitzen“ schöne Augen gemacht hatte, eine gewisse Sibylle Spangenberg, sprang mir bei. „Heute Morgen habe ich einen großen Nachtfalter auf meinem Handtuch gefunden und keinen Moment gezögert, die Hausdame zu rufen und zu fragen, wie sich der Falter in mein Bad hat verirren können. Das ist doch die natürlichste Reaktion der Welt.“

Carlo Mobenbach geriet für einen Moment aus dem Konzept, stieß seine Manuskriptseiten mit den Kanten auf dem Tisch auf, griff an seine Brille und sagte: „Wer wäre ich, Ihnen, Frau Doktor Spangenberg, zu widersprechen. Äh, ich korrigiere. Ein Tippfehler offenbar. Gemeint ist nicht ‚Falter‘. Es muss natürlich ‚Falten‘ heißen. Eine Dame fragt man nicht nach ihren Falten, merken Sie sich das, Herr Trittenheim!“

„Aaalter:“

„Wie bitte?“

„Da wo ich herkomme, fragt niemand eine Dame nach ihren Falten. Vielmehr wissen wir, dass man eine Dame nicht nach ihrem Alter fragen darf. Hingegen ist es ratsam, sich nach ihrem Alten zu erkundigen.“ Ich zwinkerte der Dame Spangenberg zu.

„Der ist auf Geschäftsreise in Porno.., äh, Portugal“, sagte Frau Sibylle errötend.

„Nachdem jetzt alle Missverständnisse geklärt sind, entlasse ich Sie in die Pause“, sagte Carlo Mobenbach. „Abendessen gibt es in zwei Stunden. Sie haben also Zeit genug, die idyllische Umgebung zu erkunden.“

Das Auditorium, 15 Leute an der Zahl, rückte die auf Lücke gesellten Stühle und begab sich nach draußen auf den sonnigen Schlosshof. Bedauernd sah ich, dass Frau Spangenberg von der kleinen Sterneköchin vereinnahmt worden war. Ich hörte sie sagen: „Ich bin gespannt auf das Gemüsesschnitzen. Bisher kann ich nur Röschen aus Tomaten gestalten. Habe ich von meiner Mutter gelernt. Und die hat es von ihrer Mutter. Unsere ganze Familie kann Tomatenrosen schnitzen.“

„Aha“, sagte Frau Spangenberg. „Sie wollen also das karge Familienvermögen bereichern.“

Ich wandte mich ab und gabelte den trübsinnigen Sciencefiction-Autor auf, der in seiner ganzen Pummeligkeit wie ein Trottel da stand und seine Fußspitzen betrachtete. „Kommen Sie mit auf den Hügel? Ich will mir das griechische Teehaus des Grafen anschauen.“

„Diese Geschmacksverirrung schreckt mich nicht. Mir ist eh alles egal“, sagte der Mann und folgte mir zum Wald. Am Weg zum Teehaus wies ein windschiefes Schild den Laves-Kulturpfad aus. Gerade als wir in den steilen Pfad einbogen, rief Frau Spangenberg von der Toreinfahrt herüber: „Huhu! Ich komme mit Ihnen!“

Fortsetzung: Weltschmerz am griechischen Tempelbau

Besinnungsaufsatz – Meine erste große Liebe

Ich erinnere mich, schon früh in ein Mädchen verliebt gewesen zu sein. Als meine Freunde noch alle Mädchen doof fanden, hatte ich die schönsten Gefühle, wenn ein Mädchen namens Helen in der Nähe war. Allein ihre Stimme reichte, mich zu beglücken. Diese kaum bestimmbaren Gefühle hielten noch an, wenn ich Helen nur kurz gesehen oder gehört hatte und den Freunden bedauernd zu wichtigeren Aktivitäten folgen musste. Folglich wagte ich nicht zuzugeben, dass mich ein Mädchen interessierte.

Das erste Mädchen, in das ich richtig verliebt war, hieß Hilly. Da war ich etwa zwölf Jahre alt. Hilly war bei Nachbarn in den großen Ferien. Damals verdiente das Wort „Große Ferien“ noch seinen Namen. Man tauchte kopfüber in die Augusthitze ein und kam ewig nicht mehr hervor. Ich vermute, dass die Welt zu dieser Zeit stillstand, wie das schier endlose Zwitschern der Feldlerchen über den Stoppelfeldern.

Leider war der Sinn für Mädchen inzwischen auch bei meinen Freunden erwacht. Sie strichen um Hilly herum wie junge Hunde, waren mir jedenfalls dauernd im Weg. Noch immer traute ich mich nicht, mein Interesse an Hilly deutlich zu zeigen. Ich bin nicht sicher, ob es geholfen hätte, wenigsten die Nebenbuhler abzuschrecken. Der hartnäckigste war Adrian von Wallenburg. Adrian war ein Jahr älter als ich und weniger schüchtern. O, könnte ich nur meine Schüchternheit überwinden, dachte ich, dann würde ich jedes Mädchenherz erringen. Abends blätterte ich in den Ausgaben „Das Beste aus Readers Digest“, die zahlreich in einer Vitrine meines jüngsten Onkels standen, in dessen verwaisten Zimmer ich schlief. Da gab es Werbeanzeigen zur Entwicklung von Selbstbewusstsein, immer als Fallbeispiel beschrieben. Aber nie fand sich einen Hinweis, wie etwa der gehemmte John Weismuller seine Schüchternheit überwunden hatte und erfolgreicher Leuteverdummer oder Mädchenschwarm geworden war. Mein Freund Neuhaus hatte derlei Probleme nicht, obwohl er nicht besonders hübsch war. Neuhaus wusste Bescheid. Er hatte zwei ältere Schwestern und hatte uns alle aufgeklärt. Natürlich wusste Neuhaus auch, wie man mit Mädchen redet.

Wir radeln in großer Zahl durch die Felder nach Grevenbroich zum Freibad, meine Freunde und ich, einige Mädchen und natürlich Hilly. Über den Stoppelfeldern flimmert die Hitze. Die Lerchen zwitschern ihre eintöniges Lied in den blauen Himmel. Ich bin glücklich, obwohl ich mich fürchte vor dem Geschrei das immer über dem vollen Freibad hängt. Auch kann ich nicht schwimmen und bin ein wenig wasserscheu, traue mich aber trotzdem, ins Wasser zu köppen, um nicht hinten anzustehen.

Hilly sitzt im Badeanzug auf der Decke und will nicht in Wasser. Warum? „Muschi hat Nasenbluten?“, sagt der Neuhaus wissend und bleckt grinsend seine großen Zähne. Das ist ungehörig, aber scheint außer mir niemanden mehr zu stören. Wieso? Bis vor kurzem ist „Camelia“ noch ein Tabuwort gewesen. Wer es sagte, wurde rot dabei. Die Packungen mit „Damenbinden“ lagerten für Kinderaugen unsichtbar über dem Eingang unseres kleinen Edeka-Ladens.

Ich war sehr verliebt in Hilly aus Geilenkirchen, vermied aber jeden Verdacht, hielt mich deshalb eher abseits und musste mit ansehen, wie Adrian und Neuhaus um ihre Aufmerksamkeit wetteiferten. Als ich ein Jahr später in Neuss die Schriftsetzerlehre begann, gehörte zu meinen Tagträumen, sie werde eines Tages ebenfalls in Neuss auftauchen. Dieser Tagtraum bewahrheitete sich tatsächlich. Als hätte ich sie herbei gewünscht, traf ich Hilly auf der Oberstraße, wo sie die Handelsschule besuchte. Natürlich war ich immer noch viel zu schüchtern, ihr näher zu kommen. Nachdem ich Hilly dreimal vom Bahnhof abgeholt hatte und schweigend neben ihr hergetrottet war, sagte Hilly, ich solle das nicht mehr tun. So endete meine erste große Liebe, bevor sie begonnen hatte.

Die Welt ist Hammer und du bist Amboss

Grafik: JvdL

arum sollte ein Ufo nicht die Form eines Containers haben? Was wissen wir schon darüber. Jedenfalls zieht ein Container unter den sich ballenden Kumuluswolken dahin und kreist über der fernen Stadt. Mal blitzt er silbrig im Sonnenlicht, mal verschmilzt er mit dem Schatten einer Wolke, verschwindet und taucht wieder auf. Die Sicht ist gut, am südöstlichen Horizont erhebt sich blaugrau die Eifel, doch die Stadt selbst ist nicht zu sehen. Sie liegt ja in einem Kessel, und ich schaue von der deutsch-niederländischen Grenze vergeblich nach ihren Türmen aus. Eigentlich sollte man sich nicht dauernd umsehen, wenn man vorwärts will. Das gilt beim Radfahren wie im Leben überhaupt, denn man neigt in die Richtung zu lenken, in die man schaut. Außerdem ist das hier keine gute Gegend, und ich bin fremd. Da gilt es vorauszuschauen. Doch jetzt führt die Straße eine Weile an der Grenze entlang. So kann ich während des Fahrens sehen, dass der außerirdische Container gerade den Lousberg überfliegt. Das gibt mir einen Größenvergleich. Demnach wäre der Container etwa 75 Meter lang. Das ist nicht viel für ein außerirdisches Flugobjekt. Es ist damit nicht länger als ein modernes Uboot.
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Das Familiengeheimnis – Die Wahrheit über die Familie Oberberg

Ich verrate das Familiengeheimnis jetzt, ohne Rücksicht auf den Rest meiner weitverzweigten Familie, auch wenn meine Verwandten alles ableugnen, sogar alles als erfunden abtun werden. Das gehört natürlich dazu, ist quasi ein tragendes Element der Lügengebäude, die in meiner Familie errichtet sind. Also: Meine Mutter ist eine geborene Oberberg. Unter den Oberbergs kursiert in der Familie ein Hochstapler- und Schwindler-Gen. Damit meine ich nicht die bei Menschen übliche Flunkerei, sondern schon eine pathologische Sucht, falsche Tatsachen vorzuspiegeln. Mein Onkel Johannes beispielsweise behauptet, in unserer Ahnenreihe habe es einen Oberberg gegeben, der Kämmerer beim Sachsenkönig August gewesen sei. Da auch bei Onkel Johannes das Schwindler-Gen nachweislich wirksam ist, glaube ich die Geschichte nicht. Vermutlich war dieser Oberberg bei August nicht Finanzminister, sondern hat nur die Nachttöpfe geputzt. Weiterlesen

Speed Dating, Teil 3

Speed Dating Teil 1

    O Gott, welch ein Stress! Andere Frau, und wieder der gleiche Schmarrn. Und das Schlimmste, diese gefällt mir, gefällt mir sogar sehr mit ihren glatten grauen Haaren, dem Bob mit Männerfanglocken und den klugen Augen. Und wie sie die Lesebrille zwischen den Fingern baumeln lässt, nachdem sie die Karte studiert hat. Hätte dieses aparte Weib mal bei mir geklingelt. Aber hier in dieser Situation werde ich es gewiss versieben.

„Hallo, ich bin Franz, und wer sind Sie?“

„Gina.“

    Upps! Beinah das Bierglas umgekippt.

„Gina? Das ist beinah hübsch.“

„Beinah hübsch? Haben Sie je gehört oder gelesen, wie ein Mann einer Frau sagt, ihr Name sei beinah hübsch?“

„Gina ist eben nur eine Kurzform, irgendwie rausgeschnitten aus dem eigentlichen Namen. Und in Ihrem Fall sind vorne zwei Buchstaben abgehackt, nämlich Re. Das ist bekanntlich der ägyptische Sonnengott. Sein Name durfte bei Nacht niemals ausgesprochen werden. Vielleicht haben Ihre Eltern das Re der Bequemlichkeit wegen gestrichen, denn es wäre doch lästig, Sie tagsüber Regina zu rufen, nachts aber Gina.“

„Glauben Sie, meine Eltern hätten sich gesagt, ach, wir nennen das Kindlein Gina, damit wir es in tiefer Nacht aus dem Bett rufen können? Was unterstehen Sie sich, meine guten Eltern zu beleidigen?“

„Wenn kleine Kinder einen Alptraum haben, dann schrecken sie hoch und rufen, so dass die Eltern mitten aus den süßesten Träumen gerissen werden. So wäre es nur ausgleichende Gerechtigkeit, wenn die Eltern es umgekehrt auch machen dürften.“

„Eine solche Barbarei nennen Sie Gerechtigkeit? Ich habe den Eindruck, dass Sie die Sache immer schlimmer machen. Ihre Antwort ging daneben. Sie hätten sagen können: ‚Gina, bitte verzeihen Sie mir. Als ich Ihren hübschen Namen hörte, stieß ich versehentlich an unseren Tisch, und beinah wäre mein Bierglas umgefallen. Dabei ist mir dummerweise das ‚beinah’ in den Satz gerutscht. Eigentlich wäre es aber überaus schade gewesen, wenn ich meine Gesprächspartnerin mit Bier übergossen hätte. Und ‚überaus’ müsste in den Satz hinein, nicht ‚beinah’. ‚Der Name Gina ist überaus hübsch.’ Das hätten Sie sagen können.“

„Ich …“

„Stattdessen rufen Sie den altägyptischen Sonnengott zur Hilfe, dessen Name bei Nacht niemals genannt werden darf. Schauen Sie doch mal zum Fenster hinaus, da IST finstre Nacht. Nun haben Sie es an Ehrfurcht fehlen lassen, ein Tabu gebrochen, die Majestät dieses Gottes geschmäht, wodurch Sie gegebenenfalls der göttlichen Bestrafung anheim fallen.“

„Wohl kaum! Wenn ich Sie anschaue, ist es taghell. Ihre Schönheit überstrahlt alles. Und überhaupt, wieso kennen Sie sich in ägyptischer Mythologie aus? Zufällig habe ich am Nebentisch mitgehört, wie Sie meinem Vorgänger gesagt haben, Sie wären Professorin für Visuelle Kommunikation.“

„An eine solche Aussage kann ich mich nicht erinnern. Ich bin Ethnologin und nie etwas anderes gewesen.“

„Als Kind schon.“

„Und übrigens, Ihre Spekulationen über meinen Namen sind eitle und ungeschickte Wissenschaft. ‚Regina’ ist Latein und bedeutet ‚Königin’. Gina ist demnach eine Prinzessin. Das ist Ihr Glück, Franz. Sie genießen meinen Schutz, sonst hätten Sie soeben den Zorn des Sonnengottes auf sich gezogen, und er würde Sie rachsüchtig verfolgen von hier bis in die Steinzeit und zurück. Ihre Ausflüchte sind nämlich nur Wortgeklingel. ‚Ich habe mich leider versprochen’, hätte zwar auch nicht geholfen, aber es wäre kürzer gewesen, und wir hätten das Thema wechseln können. Ich fürchte, unsere Zeit ist gleich um, und ich muss gehen.“

„Ich hatte mich sowieso schon über Ihre Anwesenheit beim Speed-Dating gewundert.“

„Warum?“

„Ich dachte, dass eine aparte, überaus kluge Frau wie Sie es nicht nötig hat. Aber wenn Sie Ethnologin sind, dann ist das für Sie eine Sorte Feldforschung, oder?“

    Beim alten Knigge gelesen: ‚Sag einer schönen Frau, dass sie klug ist und einer klugen, dass sie schön ist.‘ Zur Sicherheit beides, hehe. Himmel! Jetzt legt sie ihre Hand auf meine und dieses Lächeln! Ich bin hin und weg. Meine Ataraxie schiebt sich verstohlen zur Tür, um sich polnisch zu verabschieden.

„Sie hätten das auch nicht nötig, Franz. Eigentlich sollten Sie zu Hause sitzen und warten, bis das Glück bei Ihnen klingelt. Wu wei, verstehen Sie?“

„Ja, ein daoistisches Prinzip. Aber ich wohne auf der 5. Etage.“

„Was soll’s? Die Klingel ist unten.“

Speed Dating, Teil 2

„Ich heiße Johanna und bin Cellistin im Rundfunkorchester des NDR. Was machst du beruflich, Franz?“
„Ich bin wissenschaftlicher Autor.“
„Cool! Ich kannte noch nie einen Schreiberling.“
„Ich auch nicht. Wer will schon einen Schreiberling kennen?“
„Was ist schlimm an einem Schreiberling?“
„Ich sage ja auch nicht über dich, du wärst Musikantin. Die von der Straße wie einst die Kelly-Family, das sind Musikanten. Und Boulevardjournalisten wie die Schmocks von der Bildzeitung sind Schreiberlinge.
„Oh! Tut mir leid, ‚Schreiberling‘ hatte ich freundlich gemeint.“
„Schreiberling“ ist leider abwertend. Überhaupt sind die meisten Wörter mit dem Suffix -ling abwertend.“
„Ach ja? Das ist mir neu.“
„Feigling, Finsterling …“
„Und was ist mit Liebling, Säugling, Schützling?“
„Fiesling, Fremdling, Günstling, Häftling.“
„Jüngling, Sprössling, Winzling, Lehrling, Sperling?“
„Lüstling, Naivling, Primitivling, Schönling, Schwächling, Sträfling.“
„Beinling, Bratling, Bückling, Däumling, Steckling, Täufling, Zögling?“
„Weichling, Wüstling, Eindringling, Emporkömmling, Frechling, Mischling, Rohling, Schädling, Sonderling, Schreiberling.“
„Du machst mich schwindling! Fäustling, Fingerling, Findling, Frischling, Frühling, Häuptling, Keimling, Pfifferling, Riesling… äh … mir fällt kein Positiv-Beispiel mehr ein.“
„Mir keine negativen mehr.“
„Das wäre schon mal eine Übereinstimmling. Ach Herrjeh, ich bin ganz verwirrt! Ein Glück, dass uns der Gong gleich erlöst. Was schreibst du eigentlich, Franz?“
„Sachthemen.“
„Beispielsweise?“
„Über die Gaumenform der alten Inkas und wie sie das Wort Rasierpinsel ausgesprochen hätten, wenn sie es gekannt hätten.“
„Uff!“
„War nur Spaß, hehe.“

Fortsetzung