Im Weg rumstehen

Manchmal stelle ich mir den menschlichen Körper als Raumschiff vor. Das eigene Ich glaubt, der Kommandant zu sein, hat aber in Wahrheit keine Ahnung, was alles im Raumschiff vorgeht. Der Kommandant stolziert über die Brücke gibt Befehle wie „vorwärts“, „linksrum“, „Mach ma Kaffee!“, aber hat keine Ahnung, wer ihm das eingeflüstert hat und wer da sonst noch Befehle erteilt. Eine Ausbildung hat der Kommandant nicht, wie auch, es gibt vom Raumschiff nicht mal eine Betriebsanleitung. Ich Kommandant habe durch Versuch und Irrtum herausgefunden, welche Vorgänge ich wie beeinflussen kann. Ach, und es ist so unglaublich wenig. Gibt beispielsweise Tage, da könnte ich mich blöd schlafen, ohne erkennbaren Grund. Glücklicherweise gibt es da irgendwo ein aufmerksames Mitglied der Wartungscrew, das mich hochscheucht, bevor irreparable Schäden aufgetreten sind. Gestern war ich den Tag über so unsagbar müde, also wenn meine Müdigkeit Hunger gewesen wäre, hätte ich ein ganzes Pferd essen können. Doch dazu war ich einfach zu müde.

An solchen Tagen stehen Leute im Weg rum, bleiben vornehmlich in Engstellen stehen und erstarren in Blödheit. Du sagst jetzt, es liegt am Wetter oder an der elektrischen Ladung der Luft, und alle fühlen das ähnlich. Kann ja sein. Ich vermute, wir sind ähnlich konstruiert. Aber genausogut könnte sich ein gelangweilter Unterbeamter der galaktischen Registratur einen Spaß mit mir machen und Leute aussenden, damit sie mir im Weg stehen.

—-äh, warum geht’s hier nicht weiter?——-Ach, entschuldigen Sie, ich war ganz in Gedanken. Sie wollen gewiss zum Ende dieses Textes.

So oder so, es ist ja alles unbeweisbar. Manche munkeln, die wahren Befehlshaber wären Mikroben und würden im finstersten Rohrsystem deines Raumschiffs siedeln, und wenn da gerade Kirmes ist, gehen auf der Kommandobrücke sämtliche Lampen aus. Folglich merkst überhaupt nicht, wenn du irgendwo im Weg rumstehst mit deiner blöden sperrigen Kiste.

Semmelknödel, njam njam


„Wo haben Sie denn Semmelknödel?“, frage ich die kleine, ältere Rewe-Mitarbeiterin, die gerade den Gang entlang eilt. Sie bleibt stehen und schaut sich um. „Spontan weiß ich es auch nicht. Ich sitze normalerweise an der Kasse!“, sagt sie. Nachdem sie versuchsweise in einen Gang geeilt ist und erfolglos die Regale gemustert hat, kommt sie wieder zurück. Im Vorbeihasten sagt sie: „ Ich muss so dringend, gleich mache ich mir in die Hose.“

Ich sage: „Halt! Dafür will ich keinesfalls verantwortlich sein. Vergessen Sie die Semmelknödel!“
Doch sie gibt keine Ruhe, fühlt sich bei der Berufsehre gepackt und eilt suchend durch alle Regalgassen. Besorgt gucke ich ihr hinterher, ob sie vielleicht eine Tröpfelspur hinterlässt . . . ….. dann hätten mir die Semmelknödel auch nicht mehr geschmeckt. Zum Glück hat sie keine gefunden.

Demütigung mit hohen Absätzen

Es war noch kühl an diesem sonnigen Morgen, aber es würde heiß werden. Der landschaftlich schöne Weg, den er allmorgendlich zur Arbeit radelte, war ihm leider alltäglich geworden. Doch wenn er an die morgendlichen Staus auf den Zufahrtsstraßen in die Stadt dachte, erinnerte er sich, wie privilegiert er war, in Gegenrichtung fahren zu können. Sobald er den Stadtrand erreicht hatte, schoss er hinunter zu einem Radweg, der auf der alten Vennbahntrasse angelegt war und fernab von Autoverkehr die Abfahrten und Anstiege der hügeligen Landschaft des Münsterländchens gleichmäßig durchzog. Schon bald rollte er über einen Viadukt, dessen mächtigen Pfeilerbögen aus den Bruchsteinen der Nordeifel gemauert waren. Unten schlängelte sich ein Bachlauf durch die Wiesen. Unvorstellbar, dass dieses Rinnsal so ein tiefes Tal geformt hat. Stünde man dort unten und würde hinaufblicken, könnte man auf die Idee kommen, den Radfahrer um seinen Weg zu beneiden, dass es doch herrlich sein müsste, hoch oben über den Viadukt zu rollen.

Viadukt Vennbahntrasse Foto: JvdL (größer klicken)

Die Wahrheit ist, dachte er, man merkt kaum was von der Herrlichkeit, flucht höchstens, wenn man über die abgesackten Querfugen in der Betonfahrbahn der Brücke ruckelt. Du bist irgendwo ganz oben, aber so richtig wertschätzen könntest du es nur, wenn du unten stündest. Ob es eine menschliche Eigenart ist oder liegt es an mir, dass ich nicht zu würdigen weiß, was ich habe, fragt er sich zweifelnd. Es schadet jedenfalls nicht, die Perspektive zu wechseln. Aber da unten wartet niemand und schaut zu mir hoch. Da stehen nur rotbunte Kühe. Sie haben sich am Bächlein versammelt und mit ihren Hufen die flachen Bachufer schlammig ausgefranst. Der Bach lag noch im Schatten überhängender Büsche. Da möchte ich jetzt aber auch nicht im Schlamm stehen, dachte er.

In diesem Augenblick rauschte eine Mutter mit leerem Kindersitz auf dem Gepäckständer an ihm vorbei, und als sie auf seiner Höhe war, lächelte sie überlegen. Sie trug auch noch hohe Pömps. Da wunderte er sich, denn er war zügig gefahren. An einer Wegkreuzung verfuhr sie sich, zog eine überflüssige Schleife, so dass er sie wieder überholen konnte. Um die Schmach nicht noch einmal zu erleben, fuhr er schneller und hängte sie ab. Jedenfalls wähnte er sich bald allein auf der sonnigen Bahntrasse. Weil er nicht verschwitzt im Institut ankommen wollte, fiel er wieder in seinen alten Trott, zumal er noch ein wenig die Landschaft ringsum genießen wollte.

Diesen Teil der Bahntrasse fuhr er besonders gern. Er war ein bisschen wellig und führte leicht bergauf. Doch zunächst tauchte man oberhalb von Kornelimünster in einen schnurgeraden Abschnitt, der links und rechts von halbhohen Bruchsteinmauern begrenzt war. Darüber wölbte sich ein dichtes Blätterdach. Hier war es stets ein wenig feucht und deutlich kühler als unter dem wolkenlosen Himmel. Weit hinten lockte hell der Ausgang aus dem grünen Dämmer des Kanals. Es ging hinaus auf einen zweiten Viadukt, der in beachtlichen Bögen das Tal des kleinen Flusses Inde überspannte.

Nachtschwärmergleis der Frühlingfahrten – Foto: JvdL (größer: klicken)

Links öffnete sich der Blick auf ein zweites Tal. Da erstreckten sich die Wiesen steil hinab, und für die Pferde dort wäre es bequemer, wenn sie zur Bergseite hin kürzere Beine hätten. Auf der anderen Talseite ragten aus dem Gebüsch die rötlichen Klippen eines Steinbruchs auf. Auch dieses Tal war von einem Viadukt überspannt, denn von Stolberg im Osten schwang eine weitere Bahnlinie heran, ebenfalls stillgelegt, doch sie hatte noch den Gleiskörper. Hinter einer Biegung tauchte man erneut unter ein Blätterdach, und dann kam von links aus einer Schneise im Gebüsch das alte Gleis heran und begleitete den Radweg. Und just als er am Gleiskörper entlang fuhr, die Schwellen und den Schotter kaum noch sah und noch dachte, „bald ist alles vom Gras überwuchert, dann könnte auch die Nachtschwärmer-Draisine nicht mehr rollen“, in diesem Moment strampelte die Frau mit dem Kindersitz hinten drauf an ihm vorbei, lachte ihn an und rief: „Da bin ich wieder!“
Da erschrak er und sagte aus tiefem Herzen: „Heute sind die Frauen stark.“
„Der Wind ist stark!“ rief sie zurück. Und als sie schon ein ganzes Stück enteilt war, verstand sie erst und rief: „Ach so, die Frauen sind stark!“

Über einer kleinen Straßenbrücke kreuzte der Radweg das Gleis und führte eine steil gewundene Abfahrt zur Straße hinunter. Da musste er abbiegen. Als er unter dem Brückengewölbe hinab in den Ort sauste, wurmte ihn vor allem, dass die Frau kein bisschen verschwitzt ausgesehen hatte. Wo er schwitzte, transpirierte sie kaum, und das hatte der Fahrtwind verblasen.

Was es mit dem Nachtschwärmergleis auf sich hat – morgen mehr.

Kleines Abenteuer mit Zügen

Meine Sonn- und Feiertagsrunde führt mich nach Westen am Hafen entlang, über eine neue Straße durch ein Industriegebiet, durch ein besseres Wohnviertel und weiter zu einem Wäldchen. Es gibt darin einen kleinen Anstieg und zwar, wo die Straße über eine S-Bahnlinie geführt wird. Rechter Hand verläuft auf einem Damm eine Güterbahnlinie parallel der Straße. Just auf der Brücke über die S-Bahnlinie ist man mit dieser Güterbahnlinie auf Augenhöhe. Dann aber taucht die Straße in einer weiten Biegung hinab und man hat die Güterbahnlinie über sich.

Wenn oben auf dem Gleis ein Güterzug heranrauscht, hört es sich an, als wäre er auf der Straße hinter mir. Zum Glück bin ich schnell, denn ich sause die Abfahrt hinab. Eine ganze Weile kann ich dem Güterzug nicht entkommen, sondern habe seine wilde Musik aus Stahl und Eisen im Nacken. Obwohl ich sehe, dass auf meinem Weg keine Gleise liegen, hätschele ich die Wahrnehmungstäuschung so lange es geht, denn der Gedanke, dass mir ein Güterzug auf den Fersen ist, treibt mich als wohliger Schauer voran. Ich bin jetzt zwischen Hecken eines Schrebergartengeländes und kann nach links und rechts nicht ausweichen. Doch bald ist mein Weg so weit abgebogen, dass es sich anhört, als hätte der Güterzug enttäuscht abgedreht, weil er mich doch nicht erreichen konnte. Mensch gegen Maschine: Eins zu null. Bald ist ein Bahnübergang in Sicht für just die S-Bahnlinie, die ich eben auf der Brücke überquert habe.

Die Schranke geht nieder, hüpfte noch zwei-, dreimal auf und kommt leise klirrend zur Ruhe. Eine Weile bleibt es still. Dann beginnt die Luft zu knistern, das anschwellende Sirren der Gleise. Ein Expresszug donnert heran und vorüber. Was für eine gewaltige Kraft! Wie der rasende Zug die Luft zersägt, rauscht dir der Fahrtwind um die Ohren, zerwühlt dein Haar, lässt Hemd und Hose flattern. Sturm und das schreiende Tosen senden an jede Kreatur: Komm diesem Gewaltigen nicht in die Bahn, es wird dich zermalmen. Die Schranke hebt sich. Ich schaue dem Gewaltigen hinterher und rolle durch die Schrebergärten heimwärts.

Wahrer Bericht von einer pataphysischen Forschungsreise nach Aachen und zurück

Meine lieben Damen und Herren,

Der wahre Bericht erschien erstmals im Jahr 2009 im Teppichhaus Trithemius auf der versunkenen Plattform Blog.de. Er ist eigentlich eine Fortsetzung. Den ersten Teil Gina Regina habe ich vor gut zwei Jahren im Teestübchen wiederveröffentlicht. Wer also den Zusammenhang kennen möchte, möge zuerst den Teil „Gina Regina lesen.“ Es geht aber auch umgekehrt.

Irgendwann in der Nacht, als wir schon recht viel getrunken hatten, sagte Coster:
„Zufall ist das, wenn Gott nicht unterschrieben hat.“

“Das erklärt einiges“, sagte ich. „Darum habe ich noch keine Million gewonnen, obwohl es längst fällig wäre. Vermutlich hat irgendein säumiger Unterbeamter der himmlischen Registratur die Anweisung auf die Million zwar ausgefertigt, dann aber vergessen, sie dem Chef in die Unterschriftenmappe zu legen. Die Anweisung ging raus, aber weil sie noch nicht unterschrieben ist …“

Insgeheim dachte ich, dass ich Coster bislang falsch eingeschätzt hatte. Seine früheren Äußerungen zur Gottesfrage hatten in mir die Idee versteift, Coster sei Agnostiker. Erst letztens hatte er gesagt, warum sollte er in einer Sache eine Entscheidung fällen, die sich nicht entscheiden lasse. Jetzt verstand ich, dass Coster genau anders herum dachte. Weil er die Sache nicht entscheiden konnte, glaubt er einfach an Gott und an den Atheismus. Das wiederum würde seine Magie erklären. Die rätselhaft schwebende Art, in der er durchs Leben geht.

Das war nicht immer so gewesen. Als ich ihn kennen lernte, hatte er manchmal Phasen des Zweifelns. Das aber besagt gar nichts. Alles in der Natur schwingt. Auch der Gemütszustand des Menschen ist dem unterworfen, mal mehr, mal weniger. Vielleicht hatte ich Coster anfänglich immer dann getroffen, wenn er im Zenit seiner Wetterfühligkeit war, sich die Natur aber am tiefsten Punkt ihrer Schwingung befand. In diesem Augenblick ist der Mensch am weitesten entfernt von der Natur, fühlt sich besonders fremd in seiner Welt.

Man kann nicht immer optimal getaktet sein. Wenn alles schwingt, schwingt auch das. Diesen Gedanken würde ich gerne weiterspinnen, aber das geht leider nicht, denn nachdem Coster gesagt hatte: „‚Zufall ist das, wenn Gott nicht unterschrieben hat“, und mir diese Gedanken durch den alkoholisierten Kopf gingen, war unser Gespräch längst woanders hin. In dieser Nacht nämlich sprangen wir nach Herzenslust durch die Welt unserer Themen, und es machte uns rein gar nichts, dass wir kein einziges Thema bis zum Ende verfolgten. Unser Gespräch hatte sich die ganze Zeit über netzwerkartig ausgedehnt. Vom Hölzchen aufs Stöckchen kommen, sagt der Volksmund. „„Wir ließen den einen oder anderen Hasen springen“, wie Goethe sagt,“ und irgendwer: „„Springt ein Häslein übern Steg, nehm’ ich gleich ‘nen anderen Weg.““ Diese wunderbare Form des Gesprächs hatte uns schon den ganzen Abend über durch die Themenfülle begleitet. Die Aufmerksamkeit unseres Denkens saust von einem gedanklichen Netzwerk hinüber ins andere. Das ganze entwickelte sich eher verhalten, aber spätestens, als wir am Aachener Markt im Goldenen Einhorn gesessen hatten, begannen unsere Gedanken durch beide Köpfe zu kreisen und legten neue Spuren an.

Dieser Prozess wurde begünstigt durch die Tatsache, dass Coster im Goldenen Einhorn auf Händen getragen wird. An diesem Abend liefen dort Kellner umher. Nur hinter der Theke stand eine Kellnerin. Mir war aber, als würde Coster noch aufmerksamer bedient als sonst. Von allen Seiten war man um sein Wohl bemüht, und da ich an Costers Seite saß, wurde ich ebenfalls in die größte Liebenswürdigkeit einbezogen, die einem Gast zuteil werden kann. So ging es weiter, als wir viel später im Franz eintrafen, einem Veranstaltungslokal in Costers Nachbarschaft, um einen der vielen Absacker zu trinken. In der Ecke spielte eine Jazzband. Sie machte zu ihrem Glück gerade Pause, sonst hätten sie ihre Musik vergessen können, als Coster von allen Seiten begrüßt wurde. Auch hier ging die Gunst vom muslimischen Thekenkellner, dem Pächter, der Frau neben ihm und einigen Thekengästen direkt von Coster auf mich über. Coster versteht es meisterhaft zu teilen. Es mag übertrieben klingen, aber ich habe alles leibhaftig erlebt und treulich beobachtet. Wie man weiß, war ich auf einer Forschungsreise.

Costers Glas aus dem Jahr 1770 (Foto: JvdL)

In Costers Küche saßen wir, bis die Stunde des Wolfes heraufdämmerte, also bis gegen vier Uhr, denn die Absacker wollten einfach nicht wirken. Ich spürte, wie meine Augen immer kleiner wurden, aber der Kopf blieb wach. Wir saßen nämlich in der Nachtkälte. Coster hatte die Tür zu seinem Küchenbalkon geöffnet, damit wir rauchen konnten, ohne die ganze Wohnung zu verpesten. Er raucht Zigarillos, ich drehe Halfzware Shag, das zusammen ist eine heftige Mischung. Irgendwann holte Coster zwei Gläser von 1770 aus seiner Sammlung, und wir tranken Rosé daraus. Das passte, denn wer im 18. Jahrhundert bei Nacht noch zechen wollte, musste kälteresistent sein. Ich wusste zu würdigen, aus einem Glas aus dem Jahr 1770 zu trinken. Man könnte schließlich einen umfangreichen historischen Roman schreiben, der sich nur um diese beiden Gläser rankt, bis in die Gegenwart von Costers Küche hinein. Das eingravierte Symbol blieb uns in der Nacht rätselhaft. Da sind Zirkel und Winkel der Freimaurer, oben eine Krone …

Am nächsten Morgen war ich ein wenig ungehalten mit mir. In der Nacht hatte ich gedacht, ach, das meiste aus unserem Gespräch wirst du behalten. So gibt es keine Notizen.

Um 22:34 Uhr traf ich leicht verspätet in Hannover ein. Kurz vor Hannover hatte mein Handy geklingelt wie ein Wecker, dreimal nur, und dann war niemand dran. Freilich war ich längst wach und war dabei, mich für den Ausstieg zu kramen. Dann befiel mich eine leise Unruhe. Mehrmals schon habe ich eine seltsame Erfahrung gemacht. Am Ende einer Reise, wenn ich schon dachte, alles ist gut gegangen, dann habe ich einen unglücklichen Zufall erlebt. Einmal war dieser Zufall so heftig in mein Leben gehauen, dass es auseinanderflog. Ich konnte dabei zusehen, denn diese Explosion vollzog sich in Zeitlupe und erstreckte sich über mehrere Jahre. Dabei geriet ich immer tiefer ins Unglück.

Zuletzt bei meinem Umzug nach Hannover, als mir schien, die Fahrt wäre glücklich verlaufen, passierte es erneut. Als ich den Mietwagen zurückbringen wollte, fuhr ich an einer Engstelle auf der Königsworther Straße einen Außenspiegel ab. Ich hatte den Knall freilich unbedacht herbeigepfiffen, indem ich am Morgen gesagt hatte: „Ich wollt‘, es gäbe einen Knall, und der Umzug wäre getan.“ So bekam ich in eiskalter Nacht mit der Hannoverschen Polizei zu tun. Die Folgen waren jedoch recht glimpflich, abgesehen von der Tatsache, dass ich wirklich nicht viel Zeit verloren hatte, mich polizeilich in Hannover anzumelden.

Während der ICE in den Hannoverschen Hauptbahnhof rollte, ging mir durch den Kopf, ich hätte just den ägyptischen Sonnengott beleidigt und müsste jetzt seine Rache fürchten. Trotzdem ging ich durch einen Nebenausgang des Bahnhofs nach draußen, um zu rauchen. Meine U-Bahn sollte erst 15 Minuten später kommen. Vor der Tür standen vier junge Leute und rauchten ebenfalls, zwei Männer, zwei Frauen. Ihrer Kleidung nach waren sie geschäftlich unterwegs. Dem Reden nach kannten sie einander nur flüchtig. Eine Frau ganz in schwarz sagte, sie werde sich das Rauchen abgewöhnen, wenn sie irgendwann einmal heirate, und schob nach:

„“Wenn ich im Standesamt sitze, höre ich auf zu heiraten.““

In heiterer Stimmung stieg ich aus der Bahn, meine Wohnung empfing mich freundlich, aus meinem E-Mail-Programm purzelten erfreuliche Botschaften und auch die von Coster. Gegen zwei Uhr in der Nacht legte ich mich ins Bett und war der Meinung, meine pataphysische Forschungsreise sei nicht nur erfolgreich gewesen, sondern auch ohne nennenswerte Zwischenfälle verlaufen. Sollte der ägyptische Sonnengott, dessen Namen ich vorsichtshalber jetzt nicht erwähne, sollte er einen Groll auf mich gehabt haben, so hatte er mich offenbar nicht gefunden. Im selben Augenblick gab mein Bett Geräusche. Obwohl ich mich nicht bewegte, begann es mehr und mehr zu knarren. Das Knarren ging in ein Knarzen über, dem Geräusch von brechendem Holz. Dann eine Sekunde des Verharrens, und indem ich aufatmete, brach mein Bett ein. Die Matratze sackte unter mir nach unten und blieb dann in der Schwebe.

Ich machte Licht, stand auf und betrachtete den Schaden. Dazu musste ich das Bettzeug ausräumen und die Matratze hochstellen. Unter der Mitte meines Bettes hatten sich zwei breite Stützen befunden. Beide waren abgebrochen und hatten mir damit einen leisen Schrecken eingejagt. Da musste ich schmunzeln. Offenbar war die verderbliche Anweisung des ägyptischen Sonnengottes nicht unterschrieben gewesen, so dass sein Befehl nicht ordentlich ausgeführt worden war. Und ich ahne auch, wer es verhindert hat, als er selbst die Sache nicht überwachen konnte, weil er bekanntlich bei Nacht nicht da ist.

Da ich nicht mitten in der Nacht zu tischlern anfangen wollte, schob ich einen alten Setzkasten mitten unter mein Bett und erhöhte ihn durch zwei Versandhauskataloge und die beiden abgebrochenen Bretter. Das hält, und ich schlief ziemlich gut auf dem Relikt der Schwarzen Kunst, den tausendfachen Verheißungen der Kataloge und zwei stabilen Stützbrettern.

Was zuvor geschah und wie der Sonnengott beleidigt wird: Gina Regina.

Von einem Text, der mir verloren ging

Den jungen Samstagmorgen habe ich damit vertan, einen Text zu suchen. Ich hatte ihn vor längerem zu schreiben begonnen, dann aber zur Seite gelegt, weil ich noch nicht wusste, was mit ihm anzufangen wäre. Es war so ein Text, aus einer Laune heraus geschrieben. Möglicher Weise hieß er „Von Männern, die im Weg rumstehen.“ Aber der geht anders. Zu dem hier gehört das Foto einer Band, die ich an einem Sonntagvormittag im Bahnhof von Hannover fotografiert habe. Hinter ihnen an einer Stellwand hatte gestanden:

Immer sonntags – SchlemmerJAZZ im Hauptbahnhof

Ich war mir nicht schlüssig gewesen, ob ich dem Text das Foto beigeben sollte, denn ich hatte die vierköpfige Band ziemlich genau beschrieben, namentlich die Sängerin, so dass ein Foto ja überflüssig war. Andererseits wird ein Text mit Foto vielleicht lieber gelesen, beispielsweise der Sängerin wegen. Diese junge Frau mit schulterlangen blonden Haaren trug ein leichtes ärmelloses Kleid aus hellem Stoff mit dunklen, sehr kleinen Tupfen. Um den Hals hatte sie eine lange Kette, die bis zum schmalen schwarzen Gürtel reichte, der ihre Taille betonte. Der Saum ihres Kleides umspielte ihre Waden, wenn sie im Takt der Musik ihre Hüften schwang. Sie stand in roten Pömps hinter einem Standmikrophon, vielmehr trippelte sie seltsam ungelenk auf der Stelle. Ihre durchaus elegante Erscheinung schien nicht aus dieser Zeit zu stammen, denn ist man als Sängerin heutzutage nicht auch ein bisschen im Tanz unterrichtet? Und würde nicht ein Choreograph ihr das ungelenke Trippeln auf der Stelle ausgetrieben haben? Seltsam war auch, dass sie in den Moderationen zwischen den Titeln mehrfach auf ihr Jungsein hinwies. Sie musste also spüren, aus der Zeit gefallen zu sein.

Ich glaube, ihre Band hatte ich auch beschrieben, den Saxophonisten rechts neben ihr mit weißen Hosenträgern überm schwarzen Hemd. Mit seiner Schlägerkappe, der Brille in Kassengestelloptik und dem Hipsterbart war sein Outfit deutlich auf der Höhe der Zeit. Hinter ihm verdeckt stand einer mit einem – ach, jetzt weiß ich wieder, warum ich den Text zur Seite gelegt hatte. Ich hatte nicht gewusst, wie das Instrument heißt, vielleicht Kontrabass? Jedenfalls überragte es ihn. Links der Sängerin hatte noch ein unscheinbarer Junge im dunklen Anzug und weißem Hemd ohne Krawatte auf einem Hocker gesessen und Gitarre gespielt. Über die Musik hatte ich nichts geschrieben, weil mir dazu Wörter und Kategorien fehlen. Worum es aber sonst ging im Text, weiß ich leider nicht mehr. Er ist unauffindbar, vermutlich versehentlich gelöscht bzw. überschrieben. Stell ihn dir einfach vor. Ich gehe jetzt mal duschen.

Angst vor Spinnen

Kategorie KopfkinoDer Physiotherapeut hat mich bis zum Hals eingepackt. Eine halbe Stunde werde ich wegen meiner Rückenschmerzen auf einer Fangopackung liegen. Es ist wohltuend und entspannend, so dass ich mehrmals wegdämmere. Im Halbschlaf höre ich, wie der Raum nebenan betreten wird. Die Wände müssen sehr dünn sein, denn fast alles, was die beiden Frauen sprechen, kann ich verstehen. Die jüngere Stimme gehört einer Physiotherapeutin. Sie reden über den Ekel vor Spinnen und bestätigen sich gegenseitig, wie furchtbar sie es finden, wenn eine Spinne in der Wohnung auftaucht.

Meine Gedanken driften ab. Ich erinnere mich, dass ich mal mit Lisette in der Düsseldorfer Universität gewesen bin. Per Anzeige in der Tageszeitung hatte die psychologische Fakultät nach Frauen mit Angst vor Spinnen gesucht. Lisette hatte bei der angegebenen Telefonnummer angerufen und sich einladen lassen. Sie nahm mich als Verstärkung mit. Dann saß ich als einziger Mann in einem Hörsaal mit etwa 40 Frauen. Der Psychologe projizierte Fotografien von Spinnen an die Wand. Die Frauen sollten ihre jeweilige Befindlichkeit auf einem Fragebogen ankreuzen. Einige Frauen wurden tatsächlich kreidebleich, eine hatte Atemnot, und eine rannte aus dem Raum. Nicht so Lisette. Nur beim Bild einer fiesen haarigen Spinne ist sie mal kurz in mich reingekrochen. Jedenfalls wurde Lisette zur nächsten Testreihe nicht mehr eingeladen. Sie hatte auf ihrem Fragebogen einfach zu schlecht abgeschnitten. Danach war ihre Spinnenphobie weg. Sie konnte sogar Spinnen mit der Hand nehmen und sie nach draußen tragen.

Die Physiotherapeutin erzählt gerade von ihrer probaten Methode, eine Spinne aus der Wohnung loszuwerden. Sie nimmt den Staubsauger. „Och nein“, ruft ihre Patientin, „die armen Spinne lebt doch im Staubsaugerbeutel noch!“ Ich öffne die Augen und schaue nach oben. Wie herbeigerufen taucht zwischen den Deckenpaneelen eine Spinne auf und krabbelt die Decke entlang. Stimmt es eigentlich, dass lebensmüde Spinnen sich von der Decke in den offenen Mund von Schläfern abseilen, so dass jeder Mensch im Leben durchschnittlich acht Spinnen verschluckt? Nein, stimmt nicht. Die Journalistin Lisa Holst hat diese Behauptung im Jahr 1993 in die Welt gesetzt, um zu beweisen, wie leicht sich solche Märchen verbreiten. Aber was, wenn die Spinne über mir nicht weiß, dass es eine urban legend ist? Ich bin bis zum Hals eingepackt und kann mich nicht bewegen! Denken wir an etwas anderes.

Eines Tages krabbelte eine kleine Spinne über das Tastenboard meines Computers. Ehe ich es verhindern konnte, war sie zwischen den Tasten verschwunden. Als ich Tags darauf einen längeren Text tippte, tauchte sie plötzlich zwischen ghbn auf, um zu gucken, was da für eine Hektik sei, und tauchte wieder ab. Da dachte ich, wenn sie klug ist, wird sie sich zwischen selten gebrauchten Tasten verstecken. Ich weiß ja nicht, wie lange Abfolgen sich eine Spinne merken kann, aber Wörter mit drei Buchstaben sollte sie wiedererkennen. Wenn ich beispielsweise „un“ tippe, sollt sie sich anschließend nicht unter dem „d“ verstecken. Es ist natürlich keine wahre Erkenntnis in der Spinne, wenn sie lernt, welche Buchstaben und welche Buchstabenverbindungen in der deutschen Schriftsprache wann vorkommen. Sie versteckt sich auf Deutsch, hat aber keine Idee von der Bedeutung der Buchstaben und weiß nichts vom Inhalt eines Textes, sondern reagiert rein mechanisch.

Ebenso mechanisch verfährt ein Programm, mit dessen Hilfe man die Lesbarkeit eines Textes ermitteln kann. Es beruht auf dem „Flesch-Test“. Benannt ist die Formel des Flesch-Testes nach Rudolf Flesch, einem gebürtigen Wiener, der 1938 in die USA ausgewandert ist.

FI = 206,835 – 84,6 x WL – 1,015 x SL

* FI = Flesch-Index für Leseleichtigkeit (Reading Ease, Lesbarkeit)
* WL = durchschnittliche Wortlänge in Silben (ohne Schluss-e)*
* SL = durchschnittliche Satzlänge in Wörtern

Ein sinnloser Text aus dem Blindtextgenerator hat z.B. den Fleschwert von 48, was etwa dem Berufsschulniveau entspricht. Man sieht daran, dass mit der Formel nur die äußere Form eines Textes getestet werden kann, nicht seine inhaltliche Schlüssigkeit. Wer jedoch danach strebt, einfach und verständlich zu schreiben, hat mit der Fleschformel einen guten Maßstab. Kannst du bitte mal testen, welchen Fleschwert dieser Text hier hat? Einfach kopieren und in die Maske einfügen. Inzwischen beobachte ich die Spinne über mir. Sie hat sich von der Decke gelöst und hängt grad an einem Fädchen …