Wer bist denn du?

Ich bin jeden Tag ein anderer. Eigentlich wechsele ich nur hin und her zwischen zwei Persönlichkeiten wie damals Dr. Jekyll und Mr. Hyde, nur ist meine zweite Persönlichkeit nicht besser als die erste. Jeder kennt den Effekt, je nach sozialer Gruppe eine andere Spielart der eigenen Persönlichkeit zeigen zu müssen. Bei einer Familienfeier hat man vor Onkeln und Tanten einen Witz gemacht, und schon gilt man als witziger Kopf, von dem Bespaßung erwartet wird. Bei einer Nichte ist man als einfühlsamer Ratgeber gefragt. Jede/jeder möge für sich behalten, welche soziale Rolle wo von ihr/von ihm verlangt ist.

Derlei Gruppenzwang ist nur gering wirksam, wenn ich die Persönlichkeit wechsele. Ich habe zwei amtliche Existenzen, mithin zwei amtliche Namen. Sie stehen auf meinem Personalausweis, auf meinem Briefkasten und auf meiner Türklingel. Daher wäre es falsch zu behaupten, die eine wäre meine analoge, die andere meine digitale Existenz. Ein Name ist nur in der fassbaren Realität im Gebrauch, der andere zudem in der Realität des Digitalen. Der eine Name wurde mir auferlegt, den anderen habe ich mehr oder weniger frei gewählt. Weiterlesen

Termindruck

Soeben fiel mir ein, dass ich morgen früh einen Termin habe. Sogleich wurde es mir eng ums Herz. Ein Termin! Ich würde zu einer bestimmten Zeit aufstehen müssen, was rückwärts strahlen würde auf meine Nachtruhe. Sie kann nur unruhig sein. Dabei war die letzte Nacht schon unruihig. Ich wälzte mich hin und her, weil ich diesen elenden Traum geträumt habe, der nicht von der Stelle kam. Vielmehr war kein Platz für ihn, weil ein Vorgängertraum nicht weichen wollte. Mir drängt sich das Bild eines Bahnhofs auf, wo ein Zug hält und hält. Die Reisenden haben längst Platz genommen und ihre Brote ausgepackt. Sie wollen das Abfahren ihres Zugs genießen, wollen sich genüsslich zurücklehnen und sich fahren lassen über Gleise, derweil sie ihren Reiseproviant verzehren. Natürlich haben sie ein Recht darauf, dass ihr Zug fährt, nachdem sie pünktlich eingetroffen sind, den Stress des Einstiegs und der Platzsuche erfolgreich bewältigt haben. Die Koffer sind glücklich verstaut, das Brot ist ausgepackt, aber der Zug fährt und fährt nicht.

Derweil wartet der andere draußen auf der Brücke auf ein Signal, dass er in den Bahnhof einlaufen darf. Solcher Art waren die elenden Träume. Ich ging im ersten unruhig umher wie ein Zugbegleiter, der weiß, dass sein Zug längst hätte fahren müssen und die Ungeduld der Fahrgäste schmerzhaft zu spüren bekommt. „Warum fahren wir nicht?“, fragen die Fahrgäste ungeduldig und bewerfen den Zugbegleiter mit Brot.

„Ja, warum nicht? Ich habe morgen früh einen Termin und muss zeitig eintreffen!“

Reise durch zehn Betten – Ende gut, alles gut

Bett fünf war der Tiefpunkt meiner Reise. In ihm wurde mir klar, dass der Verlust der Autonomie durch einen Beinbruch bislang ungeahnte Gefahren birgt. Das Prinzip „Paarung wirkt auf die Partner“ galt auch hier. Da die Hausärzte der Einrichtung überwiegend mit dementen Bewohner zu tun hatten, entschieden sie auch über meinen Kopf hinweg und verordneten vorsorglich ein Medikament, das geeignet war, aus mir einen anhaltenden Pflegefall zu machen. Indikation „Bei Unruhe.“ Hätte ich dem Impuls nachgegeben, den hässlichen Putz von den Wänden zu kratzen, wäre es passiert. Für diesen Fall hielten die Pflegekräfte eine chemische Keule vor. Ich entkam glücklich in eine andere Einrichtung, fühlte mich wohl aufgehoben im sechsten Bett, bloggte, schaute Tour de France und plante meine Reha. In Stunden der Verzweiflung war der ferne Lichtblick gewesen, zur Anschlussheilbehandlung nach Aachen zu fahren, in eine vertraute Umgebung, zu Familie, Freunden und Exkollegen. Diese Aussicht hatte mir die geistige Gesundheit bewahrt.

Bett sieben war gar kein Bett, sondern eine Couch im Wohnzimmer meiner Tochter und Familie in Aachen, wo ich von Sonntag auf Montag übernachtete, um pünktlich am Morgen die Reha anzutreten.

Meine Unterkunft in der Reha glich einem Hotelzimmer. Demgemäß war auch Bett acht dem allgemeinen Design angepasst, wirkte kaum noch wie ein Pflegebett, hatte aber die diversen Funktionen der Höhenverstellung und einen Galgen. Hatte ich Bett sechs noch aus Langeweile auf und ab gefahren, wurde in acht nötig, Kopf- und vor allem Fußteil zu verstellen, um mein inzwischen heftig schmerzendes Bein hoch zu lagern. Im Ohr habe ich noch das entsetzliche Jaulen, wenn der Elektromotor das Bett auf und ab fuhr, eine Funktion, die mein Enkel weidlich nutzte, bis seine Mutter ihm Einhalt gebot, weil eine Unterhaltung unmöglich war.

Wenn einer in der Kurklinik um Urlaub fragt, steckt sich die Dame an der Rezeption die Finger in die Ohren und singt „Na-nanaa-na-naaa-na!“ Sie darf nämlich nicht wissen, dass jemand die Einrichtung verlässt, ein Versicherungsding, versteht man. Das Verbot aushäusiger Aktivitäten ist zwar abseits der Lebenswirklichkeit, aber es muss alles seine Richtigkeit haben in Deutschland. Die Exkollegin eines Exkollegen ist zu einem 80. Geburtstag eingeladen, und ich erwarte Besuch. Die Schwäbin reist an, und wir wollen die Gelegenheit nutzen, nach acht Wochen mal wieder gemeinsam zu übernachten. Ich buchte ein Zimmer in einem anonymen Hotel, genoss das Wiedersehen, konnte das bequeme Bett neun aber nicht richtig genießen, denn zu dieser Zeit litt ich schon Schmerzen, weil sich aus der Verschraubung des Nagels in meinem Bein ein Bolzen herausgedreht hatte. Vielmehr hatte mein Körper diesen Bolzen herausgedreht, ein mir rätselhafter Vorgang. Man weiß ja, dass der menschliche Körper Fremdkörper abstößt, aber dass er dazu auch eine Gewindeschraube drehen kann, wusste ich nicht. Am Morgen beim Frühstück im Hotel wunderte ich mich über die vielen leichtfüßigen Zweibeiner. Ich war nur noch Leute mit Rollator oder Krücken gewohnt.

Bett zehn war das kürzeste von allen und wurde erst nach mehrstündiger Suche gefunden, nicht weil es so kurz war, sondern weil man in der Abteilung für orthopädische Chirurgie des Aachener Marienhospitals keinen Platz für mich hatte. Fündig wurde man zwei Etagen höher in der Frauenabteilung. „Keine große Sache“, sei meine OP, meinte der coole Chirurg, aber es ist wohl ein Unterschied, ob man in ein Bein hineinschneidet oder der Eigentümer des geschnittenen Beins ist.

Trotz meiner Befürchtung, es wäre doch eine größere Sache, wurde ich nach drei Tagen wieder entlassen und durfte das operierte Bein voll belasten. Mein Zimmer und mein Bett standen mir noch zur Verfügung, und zwei Wochen später kehrte ich nach Hannover ins eigene Bett zurück. Meine Odyssee durch zehn Betten hatte gut vier Monate gedauert.

„Waren Sie im Urlaub?“, fragte meine Unternachbarin, als wir uns zufällig begeneten. „Ich habe sie so lange nicht gesehen.“
„Nein, ich hatte mir das Bein gebrochen“, sagte ich und schilderte kurz die Gründe meiner Abwesenheit. Da sprach sie das passende Schlusswort: „Schön, dass Sie wieder da sind.“

Musiktipp
dEUS – Bad Timing

Reise durch zehn Betten

Manch einer wird denken, unter der Überschrift würden ihn frivole Bettgeschichten erwarten, Erzählungen von amourösen Ereignissen etwa im Bett eines verschwiegenen Hotels, in dem ein Liebhaber eine leichtfertige Frau erwartet, die heran geradelt käme in einem luftigen Sommerkleid, unter dem sie nichts trüge als aufregende Dessous. Sie hätte sich zeigefreudig erhitzt beim Gedanken, dass der laue Fahrtwind ihr gelegentlich unter den Rock gefahren war, und frech entblößt hatte, wofür Männer ihre Automobile in die Straßengräben lenken. Nein, nein, nein!

Wer solche Phantasien erwartet, lese hier nicht weiter. Unsere Altvorderen wussten schon, warum sie den emanzipierten Radfahrerinnen der frühen Stunde Bleikugeln in die Rocksäume genäht haben, wie wir sie heute noch beschwerend in den Gardinen besserer Häuser finden. Diese Bleikugeln hinderten die Kleider am Hochfliegen und befreien quasi jetzt noch unsere Gedanken von anzüglichen Assoziationen. „Reise durch zehn Betten“ soll nämlich sein ein bewegender Tatsachenbericht. Er kündet von Ereignissen, deren Beschreibung es nötig gemacht haben, schönere Imaginationen voranzustellen, um potenzielle Leserinnen/Leser nicht abzuschrecken. Weiterlesen

Aus dem Sitzhimmel

Besonders am Anfang meiner Schriftsetzerlehre ist mir das Stehen den ganzen achtstündigen Arbeitstag schwer gefallen. Im Jahr 1967, ich war inzwischen Schriftsetzergeselle, sah ich in Düsseldorf auf der Messe der Printmedien, drupa, eine moderne Setzerei, in der die Schriftsetzer im Sitzen arbeiteten. Sie saßen auf schwenkbaren Stühlen, mit denen sie sich in der Setzereigasse frei bewegen konnten, indem sie sich mit den Füßen abstießen. Die schweren Setzkästen wurden über ein Transportsystem angeliefert. Mir schien, ich hätte einen Schriftsetzerhimmel gesehen.

Nachdem ich seit dem 5. Juni 2021 sieben Wochen gelegen oder im Rollstuhl gesessen habe, weiß ich, dass derartiges Sitzen gar nichts Himmlisches an sich hat. Ich habe meinen Geburtstag im Rollstuhl gefeiert und musste mich hinschieben, bzw. fahren lassen, konnte überhaupt jeden längeren Weg, so den in den kleinen Park der Pflegeeinrichtung, nur mit Hilfe bewältigen. Zur körperlichen Unterstützung war auch die psychische wichtig, denn als Mann in der Kurzzeitpflege belastete mich das Elend der anderen Bewohner ringsum. Grüße wurden nicht erwidert, sondern ich fühlte mich mit offenem Mund angestarrt, als wäre ich ein Außerirdischer. Dazu gehören wollte ich keinesfalls. Vom Freizeitangebot hielt ich mich fern. Es wurde aus Kinderbüchern vorgelesen oder wurden Kinderreime ersetzt. Dann lieber einsam. Der Gedanke, das Pflegeheim könnte der letzte Ort sein, aus dem ich dieses Dasein verlasse, hat mich manche Nacht schlaflos gelassen.

Besonders in den ersten Wochen konnte ich mich der Verzweiflung kaum erwehren, wenn beispielsweise die demente Frau X wieder mitten in der Nacht in mein Zimmer eingedrungen war und ich mich zu Tode erschreckt hatte oder ich bei den einfachsten Verrichtungen Hilfe brauchte, sie aber nicht kam. Deprimierend die nächtlichen Hilferufe, wo es Hilfe nicht mehr geben kann. Schlimm war auch, gefragt zu werden, ob ich eine Windel bräuchte, obwohl ich nur ein gebrochenes Bein hatte. Bei diesem Thema war man nicht zimperlich. Hilflose Bewohner wurden bei offener Tür gewickelt und in ihrem Elend zur Schau gestellt. Pflegenotstand ist nicht nur Personalmangel. Pflege geht einher mit dem Schwund der Intimsphäre auf der einen und Schwund der Empathie auf der anderen Seite. Weil aus praktischen Gründen alle über einen Kamm geschoren werden, droht den zu Pflegenden ein deprimierender Verlust an Würde. Sich die zu bewahren, kostet Kraft.

Kraft gaben mir die Besuche meiner Lebensgefährtin, zweier meiner Söhne mit Schwiegertöchtern und eines jungen iranischen Paars, dem ich zeitweise kostenlos Deutschunterricht gegeben hatte. Es kam schöne Post von Christian Dümmler (CD) und anderen, darüber hinaus waren die zahlreichen Genesungswünsche von Freunden, Nachbarn und der Teestübchen-Community mir eine große Hilfe. Der Wunsch „gute Besserung!“ mag etwas hilflos klingen, wenn bekannt ist, dass die Besserung nicht beschleunigt werden kann. Es dauert halt sechs bis acht Wochen, bis ein Bruch verheilt ist, manchmal viel länger. Nach sieben überstandenen Wochen kann ich sagen, dass ein jeder Besserungswunsch eine moralische Hilfe war und somit zur Heilung beigetragen hat.
Dafür danke ich euch allen recht herzlich.

Derzeit lerne ich zum dritten Mal das Gehen, als Kleinkind, nach dem Schlaganfall und jetzt nach dem Beinbruch. Diesmal fehlt nicht das Gleichgewicht. Diesmal ist da noch zuviel Sorge, das Bein könnte die Belastung nicht halten. Auch die Muskulatur muss sich wieder an die übliche Beanspruchung gewöhnen. Trotzdem ist der aufrechte Gang erhebend, und ich fühle mich wieder als kompletter Mensch. Also nochmals herzlichen Dank allen, die mich Anteil nehmend unterstützt haben, als an Aufrichtung nicht zu denken war, Ihr und euer

Professionelle Krankmacher

An einem frostigen Tag im Januar 2011, kurz nachdem ich nach Hannover gezogen war, lernte ich Frau Hantschi, meine Unternachbarin kennen. Die alte Frau klingelte bei mir und stand freundlich lächelnd vor meiner Wohnungstür, stand im Nachthemd im eiskalten Treppenhaus und wirkte verwirrt. Ich bat sie herein, setzte sie in meinen bequemsten Sessel und versuchte heraus zu bekommen, weshalb sie ihre Wohnung im Nachthemd verlassen hatte. Wie sich ergab, hatte sie keinen Schlüssel für die Wohnungstür, worüber sie sich aber nicht besorgte. Sie schwärmte von Olympia und dass sie im Fernsehen so gerne Skispringen anschaue. Über meinen Hausbesitzer erfuhr ich von einem Pflegedienst, der sie betreute. Dort rief ich an, und man versprach, jemanden mit dem Wohnungsschlüssel vorbeizuschicken.

Als ich Frau Hantschi Wochen später im Hausflur traf, wirkte sie gar nicht mehr verwirrt. Sie erzählte, sie sei im Januar für kurze Zeit in einem Pflegeheim gewesen, wo man ihr die falschen Medikamente verabreicht habe. Natürlich konnte ich das nicht prüfen, aber ihr geistiger Zustand hatte sich offenbar stabilisiert. Bei allen Begegnungen bis zu ihrem Tod wirkte sie geistig klar, so dass ihr Verdacht wegen der Medikamente sich zu bestätigen schien. Inzwischen haben eigene Erfahrungen mir gezeigt, dass ihr Fall vielleicht keine Seltenheit ist.

In den ersten vier Wochen nach dem Krankenhausaufenthalt bin ich einer Pflegeeinrichtung gewesen, die sich rückblickend als Horrorhaus darstellt. Dem zuständigen Arzt vertraute ich von der ersten Begegnung an nicht. Er behandelte mich von oben herab, als hätte er wie üblich einen Dementen vor sich. Es schien ihm nicht zu genügen, dass ich nur ein gebrochenes Bein hatte. Er ließ mich einen Tag auf Diabetes testen, obwohl meine Blutwerte vor dem Unfall in Ordnung gewesen waren, und ich fürchtete, er werde mich zusätzlich krank machen wollen. Demgemäß vertraute ich nicht der von ihm veranlassten Medikation. Es ist üblich, dass einem die Medikamente in kleinen Bechern gebracht werden, so dass man nicht prüfen kann, was man bekommt. Einmal fand ich bei den Schmerztabletten eine verdächtige kleine Pille. Ich zeigte sie der Stationsschwester und fragte, was das sei. Sie nahm die Pille mit und erklärte am nächsten Tag, das habe sie nicht feststellen können.

Inzwischen habe ich eine neue Einrichtung bezogen, wo ich mich gut aufgehoben fühle. Als die Stationsschwester den Medikamentenplan sah, den man mir mitgegeben hatte, fragte sie, weshalb mir denn als Bedarfsmedikation Haloperidol, ein Mittel gegen schwere Schizophrenie, verschrieben worden sei. „Bei Unruhe“ hatte der Arzt dem Pflegeheim erlaubt, mich damit ruhig zu stellen. Glücklicherweise ist der Fall nicht aufgetreten. Obwohl ich manchmal verzweifelt war, habe ich zu keiner Zeit randaliert. Ich bin froh, von denen mir angekündigten sechs bis acht Wochen Heilung, jetzt sechs Wochen glücklich überstanden zu haben und hege die begründete Hoffnung, bald wieder mit beiden Beinen im Leben zu stehen.

Mein Leben als Cyborg

Heute vor fünf Wochen wurde ich am Beinbruch operiert. Morgens wurde ich auf den OP-Tisch geschoben, dann wieder zurück ins Bett und aufs Zimmer, weil das einzige OP-Team vom Sonntag einen Notfall behandeln musste. Ich wartete auf meine OP bis 17 Uhr. Früher hat man Beinbrüche gerichtet und mit Gips stabilisiert. Man kennt das Bild eines gewaltigen Gipsbeins noch aus Hitchcocks „Fenster zum Hof.“ Der arme Patient hatte extra einen Kratzer gegen das Jucken am Bein. Wurde der Gips nach sechs Wochen entfernt, war das Bein nur noch Haut und Knochen.

Heute löst die Medizin das eleganter. Den Gips habe ich quasi im Bein, nämlich einen 30 Zentimeter langen, mit zwei Schrauben stabilisierten Nagel. Der Chirurg sagte, er habe es so gut gemacht wie für den eigenen Vater. Inzwischen sind die drei kleinen Wunden der minimalinvasiven OP verheilt, ich bin fast schmerzfrei, darf aber das rechte Bein nur bis 20 Kilogramm belasten. Wenn alles gut geht, werde ich Anfang August in Aachen die Reha antreten. In schmerzvollen Tagen nach der Operation, als ich zur Untätigkeit verurteilt war und die vom Arzt prognostizierten sechs bis acht Wochen sich wie ein gewaltiger Berg vor mir erhoben und mich zu erdrücken drohten, stahl sich ein Hoffnungsschimmer zu mir durch und hielt mich aufrecht, nämlich am Ende der Leidenszeit drei Wochen in meiner alten Heimat verbringen zu dürfen.

Übrigens bin ich jetzt ein Cyborg, also ein Mensch mit dauerhaft künstlichen Bauteilen im Körper. Ich besitze einen Implantats-Ausweis, in dem sieben Bauteile aufgeführt sind, hergestellt im Schleswig-Holsteinischen Schönkirchen. Die Bescheinigung muss ich mitführen, falls ich einmal in einer Sicherheitsschleuse unangenehm auffalle. Ob mein Bein auch magnetisch ist, weiß ich nicht. Aber es schadet ja nichts, anziehend zu sein.

Häuser machen Leute

Ende der 1980-er Jahre hat man bei uns begonnen, klebrige Architektur zu bauen, als hätten die Architekten ihre Pläne und Modelle vor Baubeginn noch rasch mit Honig übergossen, um ihnen den letzten Schliff zu geben, wobei ich natürlich auch weiß, dass Honig nicht schleift. „Letzter Schliff“ ist hier metaphorisch zu verstehen, obwohl es erfreulich gewesen wäre, hätten sie einen Schleifklotz mit grobem Sandpapier genommen und all die nutzlosen, eklektizistischen Elemente, mit denen sie ihre geistlosen Entwürfe aufgehübscht haben, gnadenlos abgeschmirgelt.

In einem derart klebrigen Gebäudekomplex halte ich mich gezwungener Weise auf. Er sieht auf den ersten Blick ganz hübsch aus, offenbart aber das Klebrige auf den zweiten. Im Aufenthaltsraum stehen acht riesige weinrote Plüschsessel, die niemand will, denn sie sehen nicht nur bescheuert aus, sind zudem unbequem und „lassen sich nicht abwaschen“, wie eine Pflegerin sagte, stellen also zudem ein Hygieneproblem dar. Falschgoldene Wandleuchten auf apricot Wandfarbe, Möbel in Nussbaumoptik. Das gesamte Interieur ist mit per Container aus Dubai angeliefert worden, denn „wenn sie tief genug graben nach den Besitzern der Firmengruppe, die dieses und andere Pflegeheime besitzt, landen Sie in Dubai“, sagt eine der wenigen deutschsprachigen Angestellten.
Nicht nur „Kleider machen Leute“ wie in Gottfried Kellers Novelle geschildert, sondern auch „Häuser machen Leute.“ Sie haben etwas Falsches, als stünden sie im schiefen Winkel zum Leben. Es kostet Kraft, dem zu widerstehen. Gestern beispielsweise tritt einer in der blauen Regenjacke an mein Lager und sagt: „Ich muss Ihnen eben Blut abnehmen.“

Ich denke, da könnte ja jeder kommen, und frage: „Und wer sind Sie?“
„Ich bin Doktor Sowieso. Dr. Wolf ist gestern bei Ihnen zur Visite gewesen und hat gesagt, dass ich Ihnen Blut abnehmen soll.“

Aha, er ist also der dritte Arzt aus der Gemeinschaftspraxis, die in dieser Einrichtung ein und aus geht. Aber gestern Visite? „Dr. Wolf ist gestern keineswegs bei mir gewesen. Warum sollen Sie mir Blut abnehmen?“

„Gute Frage, das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich weiß gar nicht, was Sie haben, kenne auch Ihre Akte nicht.“

„Das ist aber keine ärztliche Sorgfalt.“

„Ich gucke mir Ihre Akte gleich nochmal an“, versprach er und band meinen Arm ab, zwecks Blutabnahme. Man hat in der Einrichtung viel mit Dementen zu tun, entsprechend die Nonchalance gegenüber den „Bewohnern“ genannten Patienten. Denen kann man viel erzählen, braucht sich für nichts zu rechtfertigen.

Dr. Wolf findet bedenklich, dass ich Zucker in den Kaffee gebe und lässt mich einen Tag per Fingerpiekser auf Diabetes testen, aber man verteilt hier Orangenlimonade und nachmittags Kuchen oder Stutenschnitte mit Marmelade, heute sogar zum Frühstück. So schafft man ein Problem, das der Arzt dann mit Behandlung löst.

Die Blutuntersuchung hat vermutlich einen erhöhten Cholesterin-Wert ergeben, kein Wunder, wenn man mir hier ständig Butter als Streichfett serviert. Gestern nun hatte ich bei meinen Tabletten eine kleine mir unbekannte Pille. Ich nahm sie nicht, sondern zeigte sie der Stationsschwester und fragte, was das wäre. Sie tat erstaunt, meinte, sie müsse nachsehen und nahm sie mit. Heute behauptete sie, sie wisse nicht, welche Tablette das sei. Ich sagte: „Egal was. Man kann nicht hinter meinem Rücken den Medikamentenplan ändern. Ich bin noch nicht entmündigt, habe lediglich ein gebrochenes Bein.“

In der Nacht wieder Alptraum. Ich habe kalte Füße, weil das Laken nach oben gerutscht ist. Am Fußende hat sich eine Frau aus Celle niedergelassen und achtet darauf, dass die Füße draußen bleiben. Man wird sagen, das alles habe nichts mit der Architektur zu tun. Da entgegne ich: Einheit von Form und Inhalt.

Der Planet Heterotopia

Die Leute vom Planeten Heterotopia werden „Bewohner“ genannt. Sie sind allesamt nicht auf Heterotopia geboren, sondern wurden aus ihrer Heimat abgeschoben. Heterotopia ist ihr letzter Aufenthaltsort, bevor sie zu den Sternen reisen. Die meisten von ihnen sind hinfällig, wenn sie auf Heterotopia landen. Sie müssen rundum gepflegt werden, weshalb es auf Heterotopia noch andere Leute gibt, die Versorger. Wenn die Bewohner angeliefert werden, liegen sie meist in großen kastenförmigen Transportern, und liegend treten sie die letzte Sternenreise an. Dazu werden sie in enge Kisten gepackt.

Nach einem folgenschweren Fehltritt langte ich auf Heterotopia an. Ich wurde sitzend angeliefert, und man versprach mir, ich dürfe den Planeten nach Wochenfrist verlassen, sobald ich wieder auf zwei Beinen stehen könne. Mein Gelass hat zuvor eine Frau Wevelshoven beherbergt. Beiläufig erfuhr ich, dass sie vor ihrer letzten Reise nur 40 Kilogramm gewogen hat.

Trotzdem war ihre Matratze einseitig ausgeleiert, so dass ich nur schräg darauf liegen konnte, als ob mich das Bett nicht beherbergen wollte. Ein Versorger namens Hausmeister hat es gerichtet. Hausmeister brachte mir zu meiner Unterhaltung ein Fernsehgerät und stellte es auf, dass ich die gängigen Zerstreuungsangebote vom Bett aus schauen kann. Das Gerät steht nun unter einem kleinen falschgoldenen Kronleuchter, so einem für Arme, der nur in kleine Wohnungen passt. Er ist nicht ans Stromnetz angeschlossen. Ich vermute, er gehörte einst Frau Wevelshoven, eine Erinnerung an ihren Heimatplaneten. Er bedrückt mich. Ähnlich das Fernsehgerät. Hausmeister sammelt alle Fernseher von verstorbenen Bewohnern ein, weil die Angehörigen sie nicht mehr abholen wollen. Zwar kenne ich die Vorstellung, jeder Atemzug sei der letzte Hauch eines Menschen, aber der Leuchter erscheint mir wie der materialisierte letzte Atemzug von Bewohnerin Wevelshoven, der den Raum nicht verlassen mag.

Ich bitte um Entschuldigung für meinen befremdlichen Bericht, aber der Planet Heterotopia ist befremdlich. Ich habe von derlei Planeten gehört, dass manche sogenannte Trughaltestellen haben. Verwirrte Bewohner suchen sie auf und hoffen, von dort nach Hause reisen zu dürfen. Aber niemals kommt ein Beförderungsmittel.

Holz

Mit einem Mal war alles aus Holz. Die Dinge ringsum waren aus Holz, aber auch die gesamte Kommunikation war Holz. Er selbst war auch aus Holz. Seine Gedanken waren Holz, wie aus verschieden großen Plakatschriften typografisch zusammengestellt. Durch seinen Holzkopf zogen Wörter aus dem Sachbereich Holz. Selbst die Wörter waren aus Holz. Holzhammer, Holzwurm, Holzstapel, Holzklotz, Holz vor der Hütten, Holztisch, Holzhaus, Holzverkleidung, Holzweg, das hölzerne Bengele. Und Lieder auch: „Mit einer hölzern Wurzel, Wurzel, Wurzel , Wuhurzel …“