Alleweil wird irgendwas gesagt

Als im Jahr 2010 die damals 38-jährige Krankenschwester Alex Cotton aus Coventry (England) vom Fußballabend mit Freunden zurückkam, traf sie beinahe der Schlag. Am unteren Ende der hauseigenen Regenrinne war ihr still und heimlich Jesus erschienen. Ergriffen zeigte sie den etwa zehn Zentimeter langen Rostfleck-Jesus ihren Freunden Graham Morriss (33) und Alan Downer (40), worauf die auch nur noch eines sagen konnten, nämlich: „Wow!“
„Für mich sind die Dornenkrone und der Bart deutlich zu erkennen“, sagte Cotton der herbei eilenden Presse.

Bildquelle: VRT.NWS

Unklar bleibt, wann Jesus in das Regenrohr hineingefahren war. Man muss auf allen Vieren kriechen, um ihn zu entdecken, was eine Krankenschwester nicht alle Tage tut. An diesem Abend hat sie sich betrinken müssen, weil der Schiedsrichter den Engländern im WM-Spiel gegen Deutschland ein reguläres Tor verweigert hatte. Deutschland-England 4:1! Da hat sich nicht nur Alex Cotton gefragt: „Wo, um Himmels Willen, war Gott?!“
Gott saß fest – in ihrem Regenrohr.

Genug gescherzt. Alex Cottons Fall ist einer von Pareidolie (Hineinsehen). Das Teestübchen Ihres Vertrauens hat davon vor fünf Jahren schon kompetent berichtet und eine Reihe guter Beispiele gezeigt. Hineinsehen ist beinah jedem vertraut. Was aber ist mit Hineinhören und wie lautet das Fachwort? Als ich heute Morgen den Wasserkocher befüllt hatte und ihn hinstellte, hörte ich in den begleitenden Geräuschen: „Ich hab mich tödlich gelangweilt.“ Verständlich, dachte ich, geradezu selbstverständlich, wenn man das beschränkte Dasein eines Wasserkochers bedenkt. Meistens steht er nur unbeachtet rum, bis ich am Morgen komme, ihn packe, unter dem Wasserhahn befülle, auf die Bodenplatte zurückstelle und einschalte. Wenn das Wasser in ihm zu wallen beginnt, nehme ich ihn und gieße heißes Wasser in eine Kanne, um Tee zu bereiten. Laaangweilig!

In letzter Zeit scheinen die Dinge vermehrt zu sprechen, so meinten die Bratkartoffeln im heißen Öl: „Auf ähnliche Weise.“ Im Knistern einer Plastikverpackung hörte ich: „Nicht der Rede wert .“ Als ich einmal nach dem Händewaschen den Wasserhahn schloss und das Wasser gurgelnd im Abfluss verschwand, sagte es am Abfluss-Sieb undeutlich: „Rührei!“ Auch mein Ikea-Wäschesack hat schon zu mir gesprochen. „Tschirch“ seufzte er laut und deutlich. Was er damit gemeint hat, kann ich nicht sagen, denn Tschirch ist meines Wissens kein deutsches Wort. Es gibt freilich einen bekannten deutschen Germanisten, der heißt Fritz Tschirch. Aber woher sollte mein Wäschekorb deutsche Germanisten kennen? Also wertete ich seine Bemerkung als kulturellen Bluff, nichts als Namedropping. Bisher hat nämlich noch kein Ikea-Wäsche-Aufbewahrungssack etwas Wesentliches zur Germanistik beigetragen.

Nachdem ich nun darüber geschrieben habe, soll Schluss sein mit dem sinnlosen Gequatsche. Am Ende wird’s noch biblisch, Jesus erscheint auf meinem Butterbrot und mein Toaster verlangt, dass ich eine Arche baue.

Immer Sitzen im Wartehäuschen

Aus Gründen bin ich in letzter Zeit öfter mit der Straßenbahn gefahren. Dabei habe ich wieder das Phänomen erlebt, dass die Straßenbahn immer dann heranrollt, wenn ich von meiner Straße auf die Straße mit dem Gleis einbiege. Kaum will ich die Straße an der Einmündung überqueren, rollt die Bahn heran. Manchmal narrt sie mich. Ich sehe auch in der Ferne noch keine Bahn, gehe ein Weile Richtung Haltestelle, und während ich hoffe, die Haltestelle beizeiten zu erreichen, da höre ich die Bahn hinterrücks herankommen, und schon überholt sie mich gleichgültig. Weiterlesen

Salzbrecher

Leider werde ich immer noch um 6 Uhr morgens wach. Als Schriftsetzer musste ich um diese Zeit aufstehen, während des Studiums nicht, aber dann als Lehrer wieder. In der Computertechnik gibt es Eprom-Speicherbausteine, die nicht gelöscht werden können. Ihre Inhalte werden gebrannt. Nach 35 Jahren Gewöhnung ist mir 6 Uhr wie bei einem Eprom eingebrannt. Nach der Zeitumstellung bin ich eine Weile um 5 Uhr wach geworden. Doch es pendelt sich langsam ein, nur gestern bin ich nach dem Aufwachen um 5 nochmals eingeschlafen und träumte einen langen Traum.

Der Salzbrecher-Traum
Ich bin mit einem Freund irgendwo in Köln auf einer Feier. Es ist 11 Uhr morgens. Mir fällt ein, dass ich gegen 12 Uhr einen Arzttermin habe und sage dem Freund, ich würde rasch nach Hause fahren, um zu duschen und mich umzuziehen. Schon als ich auf mein Fahrrad steige, ahne ich, dass ich nicht rechtzeitig zum Arzt kommen werde, zumal ich nicht weiß, in welche Richtung ich fahren müsste, um aus der Stadt hinauszukommen. Auf den Straßen herrscht der Autoverkehr. An einem Fußgängerüberweg wartet eine große Menschenmenge. Die Fußgängerampel ist wohl lange nicht auf Grün gesprungen, so dass die ungeduldige Menge schon auf den Fahrradweg brandet. Ich muss sie im großen Bogen umfahren.

Ich gerate in einen Park und einen Pulk Kinder. Um weiterzukommen, muss ich mein Fahrrad über eine Absperrung heben. In einem Kiosk frage ich nach dem Weg zum Stadtrand, weiß aber nicht mehr, wie der westliche Ortsteil heißt, über den ich Köln verlassen will. Später gelange ich an eine Ypsilongabel. Ich frage eine Frau, wohin die Straßen führen. Sie sagt: „Rechts geht es nach Orken, links ans Rheinufer.“ Orken sagt mir nichts. Die Straße steigt auch an und hat Kopfsteinpflaster. Also nehme ich den bequemen Weg und rolle hinab zum Rheinufer. Dort gerate ich auf einen Kirmesplatz. Plötzlich liege ich rücklings in einem Fahrgeschäft namens Salzbrecher.

Von oben saust ein auf die Kante gestelltes Brett herab und trifft schmerzhaft die Beine. Man wird im Fahrgeschäft weiter geschoben, und schon fällt das nächste Brett herab. Um meine Beine zu schützen, setze ich mich hin und fange die Bretter mit den Armen auf. Weitere Bretter fallen in meinen Arm und werden so schwer, das ich mich geschlagen geben muss. Der Salzbrecher lässt stoisch immer mehr Bretter auf meine Beine fallen, bis ich erwache.
Weiterlesen

Wer bist denn du?

Ich bin jeden Tag ein anderer. Eigentlich wechsele ich nur hin und her zwischen zwei Persönlichkeiten wie damals Dr. Jekyll und Mr. Hyde, nur ist meine zweite Persönlichkeit nicht besser als die erste. Jeder kennt den Effekt, je nach sozialer Gruppe eine andere Spielart der eigenen Persönlichkeit zeigen zu müssen. Bei einer Familienfeier hat man vor Onkeln und Tanten einen Witz gemacht, und schon gilt man als witziger Kopf, von dem Bespaßung erwartet wird. Bei einer Nichte ist man als einfühlsamer Ratgeber gefragt. Jede/jeder möge für sich behalten, welche soziale Rolle wo von ihr/von ihm verlangt ist.

Derlei Gruppenzwang ist nur gering wirksam, wenn ich die Persönlichkeit wechsele. Ich habe zwei amtliche Existenzen, mithin zwei amtliche Namen. Sie stehen auf meinem Personalausweis, auf meinem Briefkasten und auf meiner Türklingel. Daher wäre es falsch zu behaupten, die eine wäre meine analoge, die andere meine digitale Existenz. Ein Name ist nur in der fassbaren Realität im Gebrauch, der andere zudem in der Realität des Digitalen. Der eine Name wurde mir auferlegt, den anderen habe ich mehr oder weniger frei gewählt. Weiterlesen

Termindruck

Soeben fiel mir ein, dass ich morgen früh einen Termin habe. Sogleich wurde es mir eng ums Herz. Ein Termin! Ich würde zu einer bestimmten Zeit aufstehen müssen, was rückwärts strahlen würde auf meine Nachtruhe. Sie kann nur unruhig sein. Dabei war die letzte Nacht schon unruihig. Ich wälzte mich hin und her, weil ich diesen elenden Traum geträumt habe, der nicht von der Stelle kam. Vielmehr war kein Platz für ihn, weil ein Vorgängertraum nicht weichen wollte. Mir drängt sich das Bild eines Bahnhofs auf, wo ein Zug hält und hält. Die Reisenden haben längst Platz genommen und ihre Brote ausgepackt. Sie wollen das Abfahren ihres Zugs genießen, wollen sich genüsslich zurücklehnen und sich fahren lassen über Gleise, derweil sie ihren Reiseproviant verzehren. Natürlich haben sie ein Recht darauf, dass ihr Zug fährt, nachdem sie pünktlich eingetroffen sind, den Stress des Einstiegs und der Platzsuche erfolgreich bewältigt haben. Die Koffer sind glücklich verstaut, das Brot ist ausgepackt, aber der Zug fährt und fährt nicht.

Derweil wartet der andere draußen auf der Brücke auf ein Signal, dass er in den Bahnhof einlaufen darf. Solcher Art waren die elenden Träume. Ich ging im ersten unruhig umher wie ein Zugbegleiter, der weiß, dass sein Zug längst hätte fahren müssen und die Ungeduld der Fahrgäste schmerzhaft zu spüren bekommt. „Warum fahren wir nicht?“, fragen die Fahrgäste ungeduldig und bewerfen den Zugbegleiter mit Brot.

„Ja, warum nicht? Ich habe morgen früh einen Termin und muss zeitig eintreffen!“

Reise durch zehn Betten – Ende gut, alles gut

Bett fünf war der Tiefpunkt meiner Reise. In ihm wurde mir klar, dass der Verlust der Autonomie durch einen Beinbruch bislang ungeahnte Gefahren birgt. Das Prinzip „Paarung wirkt auf die Partner“ galt auch hier. Da die Hausärzte der Einrichtung überwiegend mit dementen Bewohner zu tun hatten, entschieden sie auch über meinen Kopf hinweg und verordneten vorsorglich ein Medikament, das geeignet war, aus mir einen anhaltenden Pflegefall zu machen. Indikation „Bei Unruhe.“ Hätte ich dem Impuls nachgegeben, den hässlichen Putz von den Wänden zu kratzen, wäre es passiert. Für diesen Fall hielten die Pflegekräfte eine chemische Keule vor. Ich entkam glücklich in eine andere Einrichtung, fühlte mich wohl aufgehoben im sechsten Bett, bloggte, schaute Tour de France und plante meine Reha. In Stunden der Verzweiflung war der ferne Lichtblick gewesen, zur Anschlussheilbehandlung nach Aachen zu fahren, in eine vertraute Umgebung, zu Familie, Freunden und Exkollegen. Diese Aussicht hatte mir die geistige Gesundheit bewahrt.

Bett sieben war gar kein Bett, sondern eine Couch im Wohnzimmer meiner Tochter und Familie in Aachen, wo ich von Sonntag auf Montag übernachtete, um pünktlich am Morgen die Reha anzutreten.

Meine Unterkunft in der Reha glich einem Hotelzimmer. Demgemäß war auch Bett acht dem allgemeinen Design angepasst, wirkte kaum noch wie ein Pflegebett, hatte aber die diversen Funktionen der Höhenverstellung und einen Galgen. Hatte ich Bett sechs noch aus Langeweile auf und ab gefahren, wurde in acht nötig, Kopf- und vor allem Fußteil zu verstellen, um mein inzwischen heftig schmerzendes Bein hoch zu lagern. Im Ohr habe ich noch das entsetzliche Jaulen, wenn der Elektromotor das Bett auf und ab fuhr, eine Funktion, die mein Enkel weidlich nutzte, bis seine Mutter ihm Einhalt gebot, weil eine Unterhaltung unmöglich war.

Wenn einer in der Kurklinik um Urlaub fragt, steckt sich die Dame an der Rezeption die Finger in die Ohren und singt „Na-nanaa-na-naaa-na!“ Sie darf nämlich nicht wissen, dass jemand die Einrichtung verlässt, ein Versicherungsding, versteht man. Das Verbot aushäusiger Aktivitäten ist zwar abseits der Lebenswirklichkeit, aber es muss alles seine Richtigkeit haben in Deutschland. Die Exkollegin eines Exkollegen ist zu einem 80. Geburtstag eingeladen, und ich erwarte Besuch. Die Schwäbin reist an, und wir wollen die Gelegenheit nutzen, nach acht Wochen mal wieder gemeinsam zu übernachten. Ich buchte ein Zimmer in einem anonymen Hotel, genoss das Wiedersehen, konnte das bequeme Bett neun aber nicht richtig genießen, denn zu dieser Zeit litt ich schon Schmerzen, weil sich aus der Verschraubung des Nagels in meinem Bein ein Bolzen herausgedreht hatte. Vielmehr hatte mein Körper diesen Bolzen herausgedreht, ein mir rätselhafter Vorgang. Man weiß ja, dass der menschliche Körper Fremdkörper abstößt, aber dass er dazu auch eine Gewindeschraube drehen kann, wusste ich nicht. Am Morgen beim Frühstück im Hotel wunderte ich mich über die vielen leichtfüßigen Zweibeiner. Ich war nur noch Leute mit Rollator oder Krücken gewohnt.

Bett zehn war das kürzeste von allen und wurde erst nach mehrstündiger Suche gefunden, nicht weil es so kurz war, sondern weil man in der Abteilung für orthopädische Chirurgie des Aachener Marienhospitals keinen Platz für mich hatte. Fündig wurde man zwei Etagen höher in der Frauenabteilung. „Keine große Sache“, sei meine OP, meinte der coole Chirurg, aber es ist wohl ein Unterschied, ob man in ein Bein hineinschneidet oder der Eigentümer des geschnittenen Beins ist.

Trotz meiner Befürchtung, es wäre doch eine größere Sache, wurde ich nach drei Tagen wieder entlassen und durfte das operierte Bein voll belasten. Mein Zimmer und mein Bett standen mir noch zur Verfügung, und zwei Wochen später kehrte ich nach Hannover ins eigene Bett zurück. Meine Odyssee durch zehn Betten hatte gut vier Monate gedauert.

„Waren Sie im Urlaub?“, fragte meine Unternachbarin, als wir uns zufällig begeneten. „Ich habe sie so lange nicht gesehen.“
„Nein, ich hatte mir das Bein gebrochen“, sagte ich und schilderte kurz die Gründe meiner Abwesenheit. Da sprach sie das passende Schlusswort: „Schön, dass Sie wieder da sind.“

Musiktipp
dEUS – Bad Timing

Reise durch zehn Betten

Manch einer wird denken, unter der Überschrift würden ihn frivole Bettgeschichten erwarten, Erzählungen von amourösen Ereignissen etwa im Bett eines verschwiegenen Hotels, in dem ein Liebhaber eine leichtfertige Frau erwartet, die heran geradelt käme in einem luftigen Sommerkleid, unter dem sie nichts trüge als aufregende Dessous. Sie hätte sich zeigefreudig erhitzt beim Gedanken, dass der laue Fahrtwind ihr gelegentlich unter den Rock gefahren war, und frech entblößt hatte, wofür Männer ihre Automobile in die Straßengräben lenken. Nein, nein, nein!

Wer solche Phantasien erwartet, lese hier nicht weiter. Unsere Altvorderen wussten schon, warum sie den emanzipierten Radfahrerinnen der frühen Stunde Bleikugeln in die Rocksäume genäht haben, wie wir sie heute noch beschwerend in den Gardinen besserer Häuser finden. Diese Bleikugeln hinderten die Kleider am Hochfliegen und befreien quasi jetzt noch unsere Gedanken von anzüglichen Assoziationen. „Reise durch zehn Betten“ soll nämlich sein ein bewegender Tatsachenbericht. Er kündet von Ereignissen, deren Beschreibung es nötig gemacht haben, schönere Imaginationen voranzustellen, um potenzielle Leserinnen/Leser nicht abzuschrecken. Weiterlesen

Aus dem Sitzhimmel

Besonders am Anfang meiner Schriftsetzerlehre ist mir das Stehen den ganzen achtstündigen Arbeitstag schwer gefallen. Im Jahr 1967, ich war inzwischen Schriftsetzergeselle, sah ich in Düsseldorf auf der Messe der Printmedien, drupa, eine moderne Setzerei, in der die Schriftsetzer im Sitzen arbeiteten. Sie saßen auf schwenkbaren Stühlen, mit denen sie sich in der Setzereigasse frei bewegen konnten, indem sie sich mit den Füßen abstießen. Die schweren Setzkästen wurden über ein Transportsystem angeliefert. Mir schien, ich hätte einen Schriftsetzerhimmel gesehen.

Nachdem ich seit dem 5. Juni 2021 sieben Wochen gelegen oder im Rollstuhl gesessen habe, weiß ich, dass derartiges Sitzen gar nichts Himmlisches an sich hat. Ich habe meinen Geburtstag im Rollstuhl gefeiert und musste mich hinschieben, bzw. fahren lassen, konnte überhaupt jeden längeren Weg, so den in den kleinen Park der Pflegeeinrichtung, nur mit Hilfe bewältigen. Zur körperlichen Unterstützung war auch die psychische wichtig, denn als Mann in der Kurzzeitpflege belastete mich das Elend der anderen Bewohner ringsum. Grüße wurden nicht erwidert, sondern ich fühlte mich mit offenem Mund angestarrt, als wäre ich ein Außerirdischer. Dazu gehören wollte ich keinesfalls. Vom Freizeitangebot hielt ich mich fern. Es wurde aus Kinderbüchern vorgelesen oder wurden Kinderreime ersetzt. Dann lieber einsam. Der Gedanke, das Pflegeheim könnte der letzte Ort sein, aus dem ich dieses Dasein verlasse, hat mich manche Nacht schlaflos gelassen.

Besonders in den ersten Wochen konnte ich mich der Verzweiflung kaum erwehren, wenn beispielsweise die demente Frau X wieder mitten in der Nacht in mein Zimmer eingedrungen war und ich mich zu Tode erschreckt hatte oder ich bei den einfachsten Verrichtungen Hilfe brauchte, sie aber nicht kam. Deprimierend die nächtlichen Hilferufe, wo es Hilfe nicht mehr geben kann. Schlimm war auch, gefragt zu werden, ob ich eine Windel bräuchte, obwohl ich nur ein gebrochenes Bein hatte. Bei diesem Thema war man nicht zimperlich. Hilflose Bewohner wurden bei offener Tür gewickelt und in ihrem Elend zur Schau gestellt. Pflegenotstand ist nicht nur Personalmangel. Pflege geht einher mit dem Schwund der Intimsphäre auf der einen und Schwund der Empathie auf der anderen Seite. Weil aus praktischen Gründen alle über einen Kamm geschoren werden, droht den zu Pflegenden ein deprimierender Verlust an Würde. Sich die zu bewahren, kostet Kraft.

Kraft gaben mir die Besuche meiner Lebensgefährtin, zweier meiner Söhne mit Schwiegertöchtern und eines jungen iranischen Paars, dem ich zeitweise kostenlos Deutschunterricht gegeben hatte. Es kam schöne Post von Christian Dümmler (CD) und anderen, darüber hinaus waren die zahlreichen Genesungswünsche von Freunden, Nachbarn und der Teestübchen-Community mir eine große Hilfe. Der Wunsch „gute Besserung!“ mag etwas hilflos klingen, wenn bekannt ist, dass die Besserung nicht beschleunigt werden kann. Es dauert halt sechs bis acht Wochen, bis ein Bruch verheilt ist, manchmal viel länger. Nach sieben überstandenen Wochen kann ich sagen, dass ein jeder Besserungswunsch eine moralische Hilfe war und somit zur Heilung beigetragen hat.
Dafür danke ich euch allen recht herzlich.

Derzeit lerne ich zum dritten Mal das Gehen, als Kleinkind, nach dem Schlaganfall und jetzt nach dem Beinbruch. Diesmal fehlt nicht das Gleichgewicht. Diesmal ist da noch zuviel Sorge, das Bein könnte die Belastung nicht halten. Auch die Muskulatur muss sich wieder an die übliche Beanspruchung gewöhnen. Trotzdem ist der aufrechte Gang erhebend, und ich fühle mich wieder als kompletter Mensch. Also nochmals herzlichen Dank allen, die mich Anteil nehmend unterstützt haben, als an Aufrichtung nicht zu denken war, Ihr und euer

Professionelle Krankmacher

An einem frostigen Tag im Januar 2011, kurz nachdem ich nach Hannover gezogen war, lernte ich Frau Hantschi, meine Unternachbarin kennen. Die alte Frau klingelte bei mir und stand freundlich lächelnd vor meiner Wohnungstür, stand im Nachthemd im eiskalten Treppenhaus und wirkte verwirrt. Ich bat sie herein, setzte sie in meinen bequemsten Sessel und versuchte heraus zu bekommen, weshalb sie ihre Wohnung im Nachthemd verlassen hatte. Wie sich ergab, hatte sie keinen Schlüssel für die Wohnungstür, worüber sie sich aber nicht besorgte. Sie schwärmte von Olympia und dass sie im Fernsehen so gerne Skispringen anschaue. Über meinen Hausbesitzer erfuhr ich von einem Pflegedienst, der sie betreute. Dort rief ich an, und man versprach, jemanden mit dem Wohnungsschlüssel vorbeizuschicken.

Als ich Frau Hantschi Wochen später im Hausflur traf, wirkte sie gar nicht mehr verwirrt. Sie erzählte, sie sei im Januar für kurze Zeit in einem Pflegeheim gewesen, wo man ihr die falschen Medikamente verabreicht habe. Natürlich konnte ich das nicht prüfen, aber ihr geistiger Zustand hatte sich offenbar stabilisiert. Bei allen Begegnungen bis zu ihrem Tod wirkte sie geistig klar, so dass ihr Verdacht wegen der Medikamente sich zu bestätigen schien. Inzwischen haben eigene Erfahrungen mir gezeigt, dass ihr Fall vielleicht keine Seltenheit ist.

In den ersten vier Wochen nach dem Krankenhausaufenthalt bin ich einer Pflegeeinrichtung gewesen, die sich rückblickend als Horrorhaus darstellt. Dem zuständigen Arzt vertraute ich von der ersten Begegnung an nicht. Er behandelte mich von oben herab, als hätte er wie üblich einen Dementen vor sich. Es schien ihm nicht zu genügen, dass ich nur ein gebrochenes Bein hatte. Er ließ mich einen Tag auf Diabetes testen, obwohl meine Blutwerte vor dem Unfall in Ordnung gewesen waren, und ich fürchtete, er werde mich zusätzlich krank machen wollen. Demgemäß vertraute ich nicht der von ihm veranlassten Medikation. Es ist üblich, dass einem die Medikamente in kleinen Bechern gebracht werden, so dass man nicht prüfen kann, was man bekommt. Einmal fand ich bei den Schmerztabletten eine verdächtige kleine Pille. Ich zeigte sie der Stationsschwester und fragte, was das sei. Sie nahm die Pille mit und erklärte am nächsten Tag, das habe sie nicht feststellen können.

Inzwischen habe ich eine neue Einrichtung bezogen, wo ich mich gut aufgehoben fühle. Als die Stationsschwester den Medikamentenplan sah, den man mir mitgegeben hatte, fragte sie, weshalb mir denn als Bedarfsmedikation Haloperidol, ein Mittel gegen schwere Schizophrenie, verschrieben worden sei. „Bei Unruhe“ hatte der Arzt dem Pflegeheim erlaubt, mich damit ruhig zu stellen. Glücklicherweise ist der Fall nicht aufgetreten. Obwohl ich manchmal verzweifelt war, habe ich zu keiner Zeit randaliert. Ich bin froh, von denen mir angekündigten sechs bis acht Wochen Heilung, jetzt sechs Wochen glücklich überstanden zu haben und hege die begründete Hoffnung, bald wieder mit beiden Beinen im Leben zu stehen.

Mein Leben als Cyborg

Heute vor fünf Wochen wurde ich am Beinbruch operiert. Morgens wurde ich auf den OP-Tisch geschoben, dann wieder zurück ins Bett und aufs Zimmer, weil das einzige OP-Team vom Sonntag einen Notfall behandeln musste. Ich wartete auf meine OP bis 17 Uhr. Früher hat man Beinbrüche gerichtet und mit Gips stabilisiert. Man kennt das Bild eines gewaltigen Gipsbeins noch aus Hitchcocks „Fenster zum Hof.“ Der arme Patient hatte extra einen Kratzer gegen das Jucken am Bein. Wurde der Gips nach sechs Wochen entfernt, war das Bein nur noch Haut und Knochen.

Heute löst die Medizin das eleganter. Den Gips habe ich quasi im Bein, nämlich einen 30 Zentimeter langen, mit zwei Schrauben stabilisierten Nagel. Der Chirurg sagte, er habe es so gut gemacht wie für den eigenen Vater. Inzwischen sind die drei kleinen Wunden der minimalinvasiven OP verheilt, ich bin fast schmerzfrei, darf aber das rechte Bein nur bis 20 Kilogramm belasten. Wenn alles gut geht, werde ich Anfang August in Aachen die Reha antreten. In schmerzvollen Tagen nach der Operation, als ich zur Untätigkeit verurteilt war und die vom Arzt prognostizierten sechs bis acht Wochen sich wie ein gewaltiger Berg vor mir erhoben und mich zu erdrücken drohten, stahl sich ein Hoffnungsschimmer zu mir durch und hielt mich aufrecht, nämlich am Ende der Leidenszeit drei Wochen in meiner alten Heimat verbringen zu dürfen.

Übrigens bin ich jetzt ein Cyborg, also ein Mensch mit dauerhaft künstlichen Bauteilen im Körper. Ich besitze einen Implantats-Ausweis, in dem sieben Bauteile aufgeführt sind, hergestellt im Schleswig-Holsteinischen Schönkirchen. Die Bescheinigung muss ich mitführen, falls ich einmal in einer Sicherheitsschleuse unangenehm auffalle. Ob mein Bein auch magnetisch ist, weiß ich nicht. Aber es schadet ja nichts, anziehend zu sein.