Den Falschen zu predigen, ist auch keine Lösung

Es fällt schwer, in der Maserung der Dielenbretter keine Gesichter zu sehen. Pareidolie=Hineinsehen heißt das Wahrnehmungsphänomen. Wo in meinen Dielen zwei Astlöcher dicht beieinander stehen, sehe ich Augen. Jeder Mensch sieht das. Es ist eine anthropologische Konstante. Sie geht vermutlich auf frühkindliche Eindrücke zurück, nämlich auf den ersten Eindruck, den der Säugling vom Gesicht der Mutter gewinnt. Wir finden die Konstante in der einfachen Zeichnung: „Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Mondgesicht“ wie auch in der modernen Form, dem Smiley.

Seit einigen Tage sehe ich in den Dielenbretter vor meiner Badkammer das Gesicht eines treuherzig nach oben blickenden kleinen Fuchses und frage mich, wen er wohl anblicken mag. Ignorieren möchte ich die Zwiesprache des kleinen Prinzen mit dem Fuchs, dessen Worte „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“ durch tausendfaches Zitieren gänzlich banal geworden sind. Nein, dieser fabelhafte Dialog ist bereits zu abgedroschen. Ich erinnere mich vielmehr an den Heiligen Franz von Assisi. Dieser merkwürdige Heilige trat niemals auf ein Stück Papier, das am Boden lag. Egal wie unscheinbar der Fetzen, es könnte der Name Gottes darauf stehen. Und es verbietet sich, darauf zu treten. In dieser Vorstellung sind die Schriftzeichen des Namens gleich gesetzt mit der Sache, also Gott, womit ich nicht gesagt haben will, dass Gott eine Sache ist. Nicht dass man mir das Teestübchen abfackelt.

Franz predigte den Tieren zu Lande, den Fischen im Wasser, den Vögeln in der Luft. Zu diesem Heiligen sieht der Fuchs auf. Er muss bereits eine Weile der Predigt gelauscht haben, denn seine Augen wirken wach wie nach einer gewonnenen Erkenntnis. Welche Erkenntnis mag das sein? Wenn Franz ihm vom Schöpfergott gepredigt hat, geht die Erkenntnis über das Fuchsdasein hinaus. Wie schrecklich. Ab nun ist es ihm verwehrt, seiner Fuchsnatur gemäß ein Huhn bei der Kehle zu packen, es tief bis ins Blut zu beißen und zu schütteln, bis es aufhört zu zappeln. Im schönsten Blutrausch hält der Fuchs inne und fragt sich, was tue ich hier? Ist nicht das Huhn ein Geschöpf Gottes so wie ich? Und da ihm die vegane Ernährung noch unbekannt ist, muss er leider voller Selbstzweifel verhungern. Glücklicherweise ist er nur eine Zeichnung meiner Dielen.

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Zwei Worte für und gegen den Schmerz

„Gute Besserung!“, haben mir liebe Menschen gewünscht, nachdem ich mir eine Rippe gebrochen hatte. „Gute Besserung“ steht auf der Packung Papiertaschentücher, die mir die Apothekerin schenkte. Ärzte wünschen einem nie „gute Besserung!“ Ihr Geschäft ist das Kranksein, nicht die gute Besserung. Auch wenn sie über die professionelle Haltung hinaus ein wenig Anteil nehmen, kommt ihnen „gute Besserung!“ nicht über die Lippen. Dass es Wochen dauert, bis ich beschwerdefrei bin, haben mir alle gesagt. Da sie wissen, dass diese Geschichte ihre Zeit braucht, sparen sie sich die Floskel.

Ich las, als es mir einmal sehr schlecht ging, eine andere Floskel: Meine Schmerzen glichen denen der gebrochenen Rippe. Man glaubt es kaum, aber wann immer derzeit der Schmerz die Schmerzmittel glutheiß überstrahlt, dann denke ich, dass ich solche Schmerzen, diese sengenden Stiche zwischen den Rippen, schon einmal zuvor erlebt habe. Aus Gründen hatte ich mich im Sommer 2005 von Lisette getrennt und all ihre Versuche, mich zurückzugewinnen abgewehrt.

Bei der Bundestagswahl im September war ich Wahlvorstand, musste nach der Stimmauszählung den Koffer mit den Stimmzetteln und Wahlunterlagen ins Verwaltungsgebäude der Stadt Aachen bringen. Danach bummelte ich zum Rathaus. Dort war ich mit meinem jüngsten Sohn verabredet. Wir wollten im Krönungssaal zusammen die Wahlpartie erleben. Er kam nicht. Nachdem ich etwa eine Stunde gewartet hatte, beschloss ich zu gehen, stieg die Treppe hinab, und da kam mir entgegen – Lisette! Wir hatten uns Wochen nicht gesehen und waren elektrisiert. Wie selbstverständlich begleitete ich sie zurück in den Krönungssaal, wo wir einige Stunden verzaubert nebeneinander standen. Auf großen Bildschirmen lief die „Elefantenrunde“ mit den Spitzenkandidaten der Parteien. Gerhard Schröders arroganter Auftritt sollte legendär werden, in dessen Folge Angela Merkel Bundskanzlerin wurde. Ich habe gelegentlich zu den Bildschirmen hochgeschaut, doch nichts, aber auch nichts mitbekommen.
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Protokoll einer besinnungslosen Nacht

Ich kam mir schon wie ein Simulant vor, als ich am Nachmittag bei meiner Ärztin saß. „Lange nicht gesehen“, hatte sie mich begrüßt. Und ich hatte gesagt: „Ja, mir ging’s zu gut. Drum habe ich mich mit einem Fahrradsturz selber ausgeknockt.“
„Tja, passiert“, sagte sie. Überhaupt taten alle Ärzte so, als wäre es das selbstverständlichste der Welt, sich eine Rippe zu brechen.
„Sie sollten das nicht zum Anlass nehmen, auf Radfahren zu verzichten“, sagte sie noch. Da war ich fast schmerzfrei und hätte mich glatt wieder aufs Rad setzen wollen.

Am Abend jedoch, hatte eine unbedachte Bewegung erneut einen höllischen Schmerz freigesetzt, den ich in keiner Stellung lindern konnte. Da wusste ich nicht, mich zu lassen. Einzig mein TV-Sessel bot mir Halt genug. Ich schaute mir das beknackte Programm an, zog mir einige Wiederholungen rein, wartete und hoffte auf „extra3“, aber als ein gutgelaunter Christian Ehring vors begeistert applaudierende Studiopublikum trat, bin ich eingeschlafen, nicht ohne vorher zu denken, diese professionellen Anheizer, Warmupper genannt, die aus vernünftigen Menschen Füße stampfende, wild klatschende und johlende Idioten machen, gehören standrechtlich erschossen. Aufgeheiztes Studiopublikum in Satiresendungen wie extra3 oder schlimmer noch in der heute show ist der wahre Irrsinn, denn wenn in den Sendungen politischer Unverstand und politisches Versagen, gesellschaftlicher und bürokratischer Schwachsinn satirisch aufgespießt werden, das Publikum anschließend klatscht und johlt, wirkt es immer wie Begeisterung über das aufgespießte Übel. Klar lässt gedankliche Trennschärfe erkennen, dass nicht die devoten Kratzfüße unserer Bundesregierung vor der Autoindustrie etwa bejubelt werden, sondern die Formen der satirisch vorgebrachten Kritik, aber indem die Bilder die beherrschende Botschaft sind, entlarvt sich im törichten Publikumsgetue, das ja stellvertretend für uns alle da sitzt, was sind wir doch für Idioten, dass wir das alles mit uns machen lassen. Klar, den Bürgern geht’s wie mir, sie können sich drehen und wenden wie sie wollen. Es tut immer weh und wird nicht besser.

Meine lieben Damen und Herren, bitte vergegenwärtigen Sie, dass ich oben bei Christian Ehrings Auftritt schon eingeschlafen bin, alles was danach kam und kommt im halbbewussten Zustand geschieht. An die Oberfläche kam noch der bizarre Auftritt der Bayern-München-Bosse, vermutlich bei ZAPP gesehen. Die Herren Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge, ein verurteilter Steuerhinterzieher und ein ertappter Schmuggler von Rolex-Uhren, beklagten sich bei einer Pressekonferenz über kritische Medienberichte, und Rummenigge untermauerte seine Klage mit dem Verweis auf Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Journalisten hätten dagegen verstoßen, indem sie die Leistung einiger Spieler von Bayern München kritisierten. Oje, das tut weh. Weh hatte mir schon Tage zuvor getan, als in der Zeit folgendes zu lesen war. (Zum gesamten Text bitte Bild anklicken!)

Nun sind ja Sportjournalisten nicht die hellsten Kerzen auf der Redaktionstorte. Aber hätte nicht ein wachsamer Kollege mit einem Rest an Sprachgefühl dem Oliver Fritsch sagen können, das obengenannte Halunkenpack besser nicht „derart hochrangig“ zu nennen? Natürlich gibt es in der Hierarchie von Ganoven welche, die das Sagen haben. Da könnte die Zeit genauso unbedarft schreiben: „Die Pressekonferenz der Hamburger St.-Pauli-Zuhälter war mit Louis Mädchenhirt und Lude Stenz erstaunlich hochrangig besetzt.“ Um Rummenigge zu zitieren: „Geht’s eigentlich noch?“ Immerhin schlafe ich schon und berichte von Alpträumen, die mir die schmerzende Rippe beschert.

Gegen Morgen war allerorten die Rede von irgendwelchen Paketbomben in den USA, die zwar nicht hoch gegangen waren, über die die tumbe ARD aber gewiss noch einen „Brennpunkt“ hinter die Tagesschau schieben wird. Irgendwann fand ich glücklich die Ausschalttaste und träumte schön von meiner jüngsten Exfreundin, das einzig Positive, wovon ich unter jetzt wieder erwachten Schmerzen berichten kann. Kollege Glumm forderte mich kürzlich zu mehr Jammern auf. Aber mehr ging beim besten Willen nicht. Bin einfach zu geschwächt.

Aua, gestürzt

Beim Radsport bin ich ab und zu schmerzhaft gestürzt und auch mehrfach mit dem Alltagsrad. Vorgestern wieder. Es gibt beim Fahrradsturz diesen Moment des Kontrollverlustes, der durchaus etwas Leichtes hat. Man fliegt ja. Aber ins schöne Fliegen mischen sich zwei Gefühle, Ärger, dass man nicht aufgepasst hat und Angst vor dem unweigerlichen Aufprall. Möglicherweise mischt sich auch noch ein Fünkchen Hoffnung ein, dass der Aufprall glimpflich verlaufen werde, aber sich dessen ganz bewusst zu werden, dazu ist der Augenblick zu kurz. Wie ich am Boden liege, ist da auch Scham, weil andere Verkehrsteilnehmer mich hatten stürzen sehen und auch noch zwei Frauen herbeieilen, um mir aufzuhelfen und sich nach meinem Befinden zu erkundigen. Ein Radsportler hat angehalten, richtet mein Fahrrad auf und lehnt es an die Mauer. „Alles in Ordnung?“, werde ich gefragt. Bei dieser beliebten, aber unpassenden Floskel, bin ich versucht zu antworten: „Jaja, so fahre ich immer, alle 50 Meter ein Purzelbaum ist in Ordnung“, aber eigentlich bin ich überfragt, bin geschockt und muss zuerst die verschiedenen Schmerzmeldungen verzeichnen, die mein Körper mir sendet. Wo tuts weh? Wie sind die Schäden? Man steckt in sich selbst, kann aber nichts Genaues sagen, zumal der Schock die Schmerzbotschaften nur zögernd passieren lässt. Wäre man eine Maschine, hätte man ein Diagnosetool. Man fragt mich, ob ein Krankenwagen erforderlich sei. Ich sage mühsam: „Nein! Ich bin Privatpatient …“ „Da haben die Ärzte schon die Dollarzeichen in den Augen“, unterbricht mich einsichtig die Frau, die mir aufgeholfen hat. „… dann drehen die mich wieder mal durch die diagnostische Mühle“, beende ich meinen Satz. Ist ja alles sinnvoll, was dann getestet, abgefragt und gemessen wird, aber oftmals zu aufwändig und für die Klinik lukrativ, für den Patienten langwierig und wenig hilfreich. Ich habe da schon seltsame Erfahrungen hinter mir.

Äußere Verletzungen habe ich nicht. Da ich langsam war vor dem Sturz, ist der Aufprall um so heftiger gewesen. Offenbar habe ich den mit der Hand zu mildern versucht. Ich spüre Schmerzen im Handgelenk. Für einen Augenblick ist mir die Luft weggeblieben, denn ich bin auf den Brustkorb gestürzt. Das wird schmerzhaft, weiß ich schon, obwohl der Schmerz sich noch in Grenzen hält, aber das sollte noch kommen – ein Alptraum beim Liegen. Man sagt mir, ich solle mich einen Moment auf die Treppe des Hauseingangs hinter mir setzen und verlässt mich mit guten Wünschen.
Erst jetzt rekapituliere ich, was mir wie geschehen ist. Zurück auf Anfang. Ich bin nach dem Einkauf nicht den kürzesten Weg nach Hause gefahren, sondern habe einen Umweg zur Post gemacht, um zwei Briefe einzuwerfen. Aber ich fahre hier auch, wenn ich nicht zur Post muss. Der Weg hat kaum Verkehr, steigt leicht an zum Von-Alten-Garten, streift den Park und mündet bei der Schule oben in eine Kreuzung, wo ich links abbiegen muss. Dort fühle ich mich unsicher, denn bei der Grünphase muss ich den Geradeausverkehr der Gegenrichtung passieren lassen, rechts von mir brandet der Geradeausverkehr in Fahrtrichtung, und just von diesen von hinten kommenden Autos fühle ich mich bedroht, weil ich sie nicht sehen kann und nicht weiß, ob die Autofahrer mich mitten auf der Kreuzung sehen. Also nutze ich verkehrswidrig das Fußgänger-Grün vor mir, um auf den linksseitigen Radweg zu fahren, muss dann aber auf den abbiegenden Verkehr achten. Das habe ich getan. Der Radweg wird dort im leichten Bogen zur Fahrbahn geführt, folglich müsste ich weit ausholen, um über die abgesenkte Stelle einzubiegen. Diesen Bogen nahm ich zu kurz, weil ein Auto einbiegen wollte, stieß deshalb an einen nur halb abgeschrägten Bordstein und stürzte über den Lenker. Da ich langsam war, prallte ich fast senkrecht auf, wodurch mein Körper die ganze Fallenergie abbekam. Fährt man schneller, fällt man im flachen Winkel, wodurch die Aufprallenergie seitlich weggeht. Das gibt zwar Schürfwunden, aber selten Prellungen.

Meine lieben Damen und Herren, ich weiß, was ich falsch gemacht habe, bitte also von derlei Anmerkungen abzusehen. Auch möge man mir nicht vorschlagen, lieber aufs Radfahren zu verzichten. Ich verlöre einen wesentlichen Teil meiner Autonomie und vor allem Lebensfreude.
Die sinnvolle Alternative wäre eine für Radfahrer sichere Verkehrsführung. Doch noch immer gibt die Straßenverkehrsordnung den Autos Vorrang vor Fußgängern und Radfahrern. Der Autolobby und dem ADAC sei Dank.

Abwarten zum Tee trinken

eil ich erst ab 10 Uhr frühstücke, trinke ich nach dem Aufstehen Tee. Kürzlich waren meine Vorräte aufgebraucht. Da griff ich auf eine hübsche Blech-Teedose zurück, die mir vor gut sechs Jahren meine damalige Freundin geschenkt hat. Das Haltbarkeitsdatum des Tees war jetzt um vier Jahre überschritten, aber ich füllte ihn mutig in Teefilterbeutel und goss ihn auf. Er war wohlschmeckend und ungemein anregend. Ich war erstaunt, dass ich diesen Rolls Royce unter den Tees vorher nicht zu würdigen gewusst hatte, bat meine verflossene Liebste still um Vergebung für meine Ignoranz und trank diesen Tee hinfort allmorgendlich, bis er aufgebraucht war. Eine kurze Recherche ergab, dass man den sündteuren französischen Tee in Hannover nur in einer in einem einzigen Kaufhaus kaufen kann. Da ich mich nicht überreden konnte in die Innenstadt zu fahren, um dann eventuell festzustellen, dass man den Tee nicht vorhält, bestellte ich ihn gegen meine Gewohnheit im Internet. Gestern sollte er geliefert werden. Nun saß ich den halben Tag und länger in der Wohnung, wartete und schrieb nur äußerst dubiose Texte – wie auch diesen hier, der mich in der Nacht peinigte, weil ich quasi im redaktionellen Teil Werbung gemacht hatte, was nicht nur gegen den Pressekodex verstößt, sondern auch noch dumm ist, da mir der Hersteller nichts bezahlt, so dass ich um 7:00 Uhr aufstehen musste, um den Text umzuschreiben, was hiermit [Stand 7:35] geschehen ist.

Gestern gegen 18 Uhr gab ich das Warten auf, denn es fiel mir ein, dass ich vor dem Feiertag noch einkaufen musste. Ich zog mich versehentlich zu warm an und wurde darum hektisch, so dass alles, was ich im Supermarkt und auf den Wegen hin und zurück tat, beinah schief ging. Das im Einzelnen zu beschreiben, erspare ich uns. Es würde sowieso beinah schief gehen.

Übrigens das opulente Initial-W habe ich vor langer Zeit nach der Troy-Type des Buchkünstlers William Morris gezeichnet, der am 3. Oktober 1896, also genau vor 122 Jahren gestorben ist. Wer sich für Jugendstil begeistert, dem dürfte gefallen, was Morris geschaffen hat, nicht nur als Buchkünstler. Ganz im Sinne der Präraffaeliten, wollte Morris die handwerklichen Traditionen des späten Mittelalters wiederbeleben. Er entwarf Schriften für seine legendäre Kelmscott Press, erneuerte die im 19. Jahrhundert verkommene Typografie, indem er heute noch gültige typografische Regeln aufstellte. Morris entwarf auch Wandteppiche, Inneneinrichtungen, die Architektur ganzer Häuser, war in gestalterischer Hinsicht ein Universalist.

Der zittrige Strich meiner W-Zeichnung liegt am grobfaserigen Papier, in dem meine spitze Zeichenfeder immer hängen blieb, zeigt also nicht, wenn mir das Zeichnen beinah schief geht.

Pareidolie – Köpfe im Blattwerk

Derweil ich früh am Morgen an meinem Arbeitsplatz saß, hörte ich das vertraute leise Raunen der Heizung, was mir zu denken erlaubte, das ferne Dröhnen des Galaktischen Betriebssystems zu vernehmen, wobei diese Weltmaschine nur nebenher damit beschäftigt wäre, meine Räume angenehm zu temperieren. Gerade würde sie nämlich das Himmelsblau erschaffen, die ersten Sonnenstrahlen bündeln und in die Baumkronen senden, so dass Blatt für Blatt in Form und Farbe unterscheidbar gemalt wäre. Selbst die roten Beeren der Vogelkirsche scheinen auf. In der Nacht ist nämlich alles anders gewesen. Als ich im Bett lag und in die Baumkronen schaute, das zeichnete sich das Blattwerk schwarz vor dem dunkelgrauen Himmel ab, und ich brauchte nicht viel Phantasie mir vorzustellen, dass einzelne Bereiche des Blattwerks große Köpfe formten. Dicht beieinander neigten sie sich meinem Fenster zu und schauten auf mich herab. Ich dreht den Riesen den Rücken zu, denn ich dachte, falls sie zu mir sprechen würden, sollten sie mir lieber in den Nacken reden. Wenn Riesen auf dich herabschauen, hat man das Recht, ihnen mit Ignoranz zu begegnen. Das gilt für alle Götter und sonstigen Bewohner des Olymp. Es ist ratsam, sich zu behaupten. Genau genommen sind sie doch nichts anderes als Menschenwerk. Existieren nur, wenn der Mensch ihnen erlaubt, sich in seinem Kopf zu manifestieren. Köpfe aus Blattwerk, Ausgeburten der Dunkelheit, hineingesehen, nichts weiter.

Derweil ich den obigen ersten Satz schrieb, anfing wie hier mit dem Wort „derweil“, wusste ich nicht, wohin er führen würde. Der Satz war wie ein unbekannter Weg, auf den man seinen Fuß setzt, bereit seinen Windungen zu folgen. Der Weg verliert sich just hier im hohen Gras. Dazwischen Dornenranken. Wir straucheln. In der Ferne ein Haus. Du näherst dich mühsam. Schaust durchs Fenster ins Zimmer, beschattest das Glas mit beiden Händen. Da sitzt an seinem Arbeitsplatz ein Mann. Du drückst die offenen Fensterflügel auf und grüßt ins Zimmer hinein, doch er wendet sich ab, lässt sich in den Nacken reden. Wir hören die Weltmaschine dröhnen. So wird das nichts. Wir sind im Kreis gegangen.

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Bei der Zahnärztin

Aus Gründen musste ich gestern und vorgestern meine Zahnärztin aufsuchen. Mir waren nämlich vor einiger Zeit zwei Zahnfüllungen abgebrochen. Ich hatte es lange ignoriert, aber irgendwann war nicht mehr zu leugnen, dass ich mir an einer scharfkantigen Abbruchkante sowohl beim Reden als auch beim Essen die Zunge ritzte. Am Sonntag waren mein Sohn aus Hamburg und seine Lebensgefährtin bei mir gewesen, so dass ich mehr redete als gewöhnlich. Ich merkte, dass es immer schmerzhafter wurde, bat Montag um einen Termin bei der Zahnärztin und bekam auch sogleich einen für den Folgetag, 8:00 Uhr.

Gewöhnlich gehe ich ja nicht gerne in eine derartige Behandlungspraxis. Doch da es nun unumgänglich war, freute ich mich sogar auf den Besuch, denn die Aussicht, bald wieder schmerzfrei reden und essen zu können, war nicht schlecht; hauptsächlich mag ich aber die Zahnärztin. Sie war mir einst von einem Kieferchirurgen empfohlen worden. Er sagte, was er von ihr und ihrer ebenfalls praktizierenden Schwester in den Mündern seiner Patienten gesehen hätte, habe durchweg handwerkliche Qualität.

Derlei Aussagen muss man mit Vorsicht nehmen. Aus der Psychologie wissen wir, dass man geneigt ist, die Leistung attraktiver Menschen besonders positiv zu bewerten. Da ist irgendwas im Menschen ziemlich dumm. Das sollte man bedenken. Wie es um das Urteilsvermögen des Kieferchirurgen bestellt ist, weiß ich nicht, wollte und will ihm aber gern glauben.

Als ich am Dienstag in der Praxis eintraf, fand ich meine Zahnärztin apart wie eh und je. Zuletzt war ich vor zwei Jahren bei ihr gewesen. Damals hatte sie gerade einen Fahrradunfall gehabt und einige üble Schrammen im Gesicht. Ein Autofahrer habe sie umgefahren, sagte sie. An der Wand neben dem Behandlungsstuhl hat sie ein Schild mit der Aufschrift „Herrin der Lage.“ Was hilft es, Herrin der Lage zu sein, wenn ein anderer die Herrschaft nicht akzeptiert. Ich schon, gab mich vertrauensvoll in ihre Hände, und nach etwa 35 Minuten hatte sie meine Zahnruinen wieder hochgezogen. Meine Zunge konnte sich an einer perfekten Rekonstruktion erfreuen. Zwischendurch fiel ihr ein Instrument zu Boden. Sie kickte es weg und sagte: „Was bei uns zu Boden fällt, wird in die Ecke geschossen“, denn sie habe einmal erlebt, dass ein Kommilitone ihr ein hinuntergefallenes Besteck wieder auf den Tisch gelegt habe.

Mittags sah man mich schon wieder am Lindener Markt, wo ich eine leckere Suppe löffelte. Mein Genuss wurde aber getrübt durch das nicht zu ignorierende Stimmengewirr des an diesem Tag zu dieser Uhrzeit überfüllten Lokals, und nebenan erklärte ein großsprecherischer Mensch seinem Kollegen, den er „Herr Schuster“ nannte, wie er mit ihrem gemeinsamem Chef zu reden habe. Ich dachte noch, wenn du so ein Schlaumeier bist, warum immer noch in offenbar untergeordneter Position und nicht selbst auf der Chefetage? Darüber sollte Herr Schuster auch mal nachdenken. Meine negative Einschätzung hing aber damit zusammen, dass der Mensch sein Geschwätz nervig abgehackt hervorbrachte, weil er es nicht schaffte, Reden und seine Bissen zu koordinieren. Mein Bissen traf auf etwas Hartes, und zum Glück versuchte ich nicht, es zu zermalmen, es war nämlich ein Stück meiner neuen Füllung. Ich sicherte das kleine Teil in der Serviette und ging wieder über den Markt zur Zahnarztpraxis. Die Ärztin wollte gerade in die Mittagspause aufbrechen, konnte mir zum Glück für den Folgetag einen Termin geben, weil jemand abgesagt hatte.

Die neue Zahnfüllung hält sich an die Aussage des Kieferchirurgen. Ich bin der hochgelobten Zahnärztin nicht gram, dass ich zweimal auf ihrem Behandlungsstuhl hatte liegen müssen. Jeder hat mal einen schlechten Tag. Und meine waren trotzdem gut.