Hupfdohlen am Morgen – Ein Versuch in Gegenschall

Ich bin schon wach, ein Glück. Gegen Morgen ging mir nichts anderes als dieses Lied durch den Kopf. Ich wollte es nicht einmal kennen, aber seine albernen Verse werden beständig in meinem Kopf gesungen. In einer gerechten Welt wäre sein Schöpfer erst gar nicht geboren worden. Eine winzige Unwucht im Bett beim Zeugungsakt hätte ein anderes Spermium obsiegen lassen. Nicht der Liedermacher, sondern sein Bruder wäre geboren und der wäre meinetwegen Herrgottschnitzer in Hinterzarten, ein schweigsamer Mann, der seine schöpferischer Kraft stumm ins Schnitzwerk einfließen lassen würde.

Aber es gibt so viele üble Lieder. Grundsätzlich ist es ja eine schöne Einrichtung der menschlichen Natur, dass ich mit einem Lied aufwache, obwohl man ja nicht am Morgen schon singen soll, weiß der Volksmund: „Den Vogel, der morgens singt, holt abends die Katz.“ Andererseits ist es die Art der Vögel, morgens zu singen. Ihr Lied zu singen, das ihnen genetisch eingeprägt ist und sie unverkennbar macht. Wir hatten einmal, lang ist’s her, eine Vogeluhr. Auf ihr war abzulesen, welcher Vogel wann sein Liedchen pfeift oder tiriliert. So richtig funktioniert hat die Vogeluhr aber nie. Zu dieser Zeit haben gewisse Völker, ich will jetzt keine Namen nennen, noch Singvögel in ausgelegten Netzen gefangen, um sie als Delikatessen zu verspeisen. Sie haben quasi die halbe Vogeluhr verputzt. Andererseits, warum keine Singvögel fressen? Das Wort Singvogel enthält eine Wertung aus Menschensicht. Weil Hühnervögel für menschliche Ohren nur hässlich gackern und krähen, erlauben wir uns, ihnen den Hals umzudrehen und sie auf Bratspieße zu stecken. Ist das gerecht? Nur weil sie nicht schön genug singen? Der Hund singt auch nicht.

Die ganzen Erwägungen haben nichts genutzt. Das dumme Lied ist noch immer in meinem Kopf. Versuchen wir es mit destruktiver Interferenz. Das ist Lärmbekämpfung durch Gegenschall:

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Zerschellte Gläser, ein Sack Reis und Spurweite H0

Wir trafen uns letzte Woche Mittwoch zu einer fröhlichen Kneipenrunde im Glückskind, das neuerdings gar nicht mehr so heißt. Ich habe den Namen gelesen, weigere mich aber, ihn zu nennen, denn dass sich immer alles ändern muss, geht mir auf die Nerven. Glücklicher Weise ist wenigstens die Inneneinrichtung geblieben, sonst hätte ich gar nicht gewusst, dass ich in der richtigen Kneipe war. Herr Leisetöne kam auch bald. Er hatte einen Tisch reserviert. Der Kellner schob für uns vier zwei kleine Tische zusammen, wobei hier nur zufällig vier und zwei (42) hintereinander  stehen. Weiterlesen

Im Wohnzimmer keucht was

Quatsch! So regelmäßig keucht kein Mensch, beruhige ich mich, als aus dem Dunkel des Wohnzimmers ein anhaltendes, heiseres Keuchen ertönte. Zudem, wer nächtens in dein Wohnzimmer eingedrungen wäre und etwas Unrechtes im Sinn hätte, würde jedes Keuchen vermeiden, also leise verstohlen atmen, um niemanden zu warnen. Vor allem, ergänzte ich, müsste er ja über die Außenwand durch das offene Fenster in die erste Etage geklettert sein, bräuchte also körperliche Fitness und einer, der sich derlei Kletterkünste zutraut, wäre keiner, der derart keuchen müsste.

Der Vorsichtige wandte ein: „Und wenn das Wesen im Wohnzimmer völlig durchtrieben ist, bei Kräften und voller böser Absichten und würde einfach keuchen, um dich einzuschüchtern, wohl wissend, dass der Furchtsame kaum in der Lage ist, sich angemessen zu verteidigen?“

„Wie könnte er oder es denn ahnen, dass hier ein Hasenfuß lebt?“, entgegnete mein Widerspruchsgeist. „Genauso gut könnte ich einer sein, der den Stier bei den Hörnern packt, in jeder Sekunde also ins Wohnzimmer stürmen und mit den Worten: ‚Ich gebe dir gleich einen Grund zu keuchen!‘ der ganzen Keucherei ein gewaltsames Ende bereiten.“

„Da hat’s einen Widerspruch“, sprach der Klugscheißer, „wer Keuchen beenden will, sollte tunlichst kein neues Keuchen hervorrufen.“

„Diese ganze Diskussion ist doch müßig und hilft nicht weiter“, sagte ich, „es sei denn, ihr wolltet den Urheber des Keuchens totquatschen. Dieses Unterfangen jedoch könnte scheitern, wenn nämlich der Keucher über größere Vitalität verfügen würde als ich. Dann wäre ich längst verröchelt, er aber nicht und könnte weiter keuchen noch über mein Grab hinaus.“

„Da erhebt sich die Frage, was überhaupt daran verwerflich ist, im Wohnzimmer zu keuchen, zumal es ein offenes, ehrliches Zeichen ist. Seht her, ich bin zwar verbotener Weise in eine fremde Wohnung eingedrungen, aber das einzige, was ich hier will, ist in Ruhe eine Runde zu keuchen“, warf das übersteigerte Gerechtigkeitsempfinden ein.

„HIER IST NICHTKEUCHER!“, rufe ich ungeduldig, „und wenns ein Igel wäre.“

„Igel keuchen nicht, sie schnaufen!“, weiß der Biologe.

„Ich würde noch gerne über das Regelmaß des Keuchens nachdenken“, sagte der Bedachtsame. „Kaum zu glauben, dass ein Lebewesen dermaßen keuchen könnte, jedenfalls keines diesseits von Beteigeuze. Es klingt wie die Äußerung einer Maschine, wobei dann noch zu klären wäre, ob wir es mit einer analogen oder einer digitalen Lautäußerung zu tun haben.“

„Wo läge denn der Unterschied, wenn mans nicht hört?“, fragte der Zweifler.

„Der wäre gewaltig. Denn das erste digitale Keuchen wäre ja völlig identisch mit allen folgenden, und weil es aus elektronischen Zuständen gemacht wäre, bestünde es quasi aus nichts, wäre aber beliebig oft zu reproduzieren. Jeder digitale Keucher wäre also eine exakte Kopie von nichts. Ein analoges Keuchen, etwa hervorgebracht von einer Keuchmaschine, hingegen wäre durchaus als einzelne Äußerung anzusehen. Jeder Keucher ein Original.“

„Alles müßige Spekulationen!“, rief der Neugierige, der nachgesehen hatte, „Es keucht das Dampfbügeleisen!“

Die nie erzählte Geschichte vom großen Butterbrot

Eine Geschichte, die ich hätte schreiben wollen, aber nie geschrieben habe, wie einer ein großes Sandwich bestellt, in einem griechischen Lokal, der Wirt ein langes Brot bringt und sich zeigen lässt, wie lang das Sandwich sein soll, dann in die Küche geht, zurückkommt, sich nochmals vergewissert. Der Gast wartet. Dann geht die Tür zur Küche auf, und er sieht den Wirt sich mit seiner Frau beraten, ihm Blicke zuwerfend. Der Gast wartet weiter. Sein Sandwich kommt nicht. Andere werden bedient. Die Zeit vergeht. Der Wirt hat inzwischen eine alte Frau geholt. Die beiden tuscheln erregt. Sie zeigen auf ihn, streiten. Der Gast stellt den Wirt zur Rede. Der erklärt in gebrochenem Englisch, es gehe die Sage, dass da einer käme. Der werde die Insel von der Fremdherrschaft der christlichen Religion befreien und der sei zu erkennen daran, dass er ein riesiges Brot verzehren wolle. „Alles Unsinn!“, ruft der Gast. Das meine er auch, sagt der Wirt. Darum bekomme der Gast dieses unmäßige Sandwich auch nicht. Und weil der Mann das große Butterbrot nicht bekam, habe ich die Geschichte nie geschrieben.

Rund um den Laternenmast

In Hannover wird man selten von Fremden zurechtgewiesen, anders als im Rheinland, wo es üblich ist, Fremde anzusprechen. Rheinländern geht auch ein Schimpfwort wie „Tünnes!“ leicht von den Lippen, mein einziger Vorteil in Auseinandersetzungen. Es gilt in solchen Dingen das Gesetz der Serie. Auf der Autobahn ist es mir schon aufgefallen. Du fährst mit 160 km/h auf der Überholspur, plötzlich taucht einer hinter dir auf, der das Recht beansprucht, überall 220 km/h zu fahren. Mit Lichthupe drängt er dich zur Seite. Du lässt ihn vorbei und kannst darauf wetten, dass dem ersten Raser ein zweiter Idiot folgt.

So geht es auch sonst im Leben, beispielsweise mit Zurechtweisungen. Wirst du einmal zurechtgewiesen, wirst du zweimal zurechtgewiesen. Das erste Mal geschah an einem Sonntag. Ich kam mit dem Fahrrad die Badenstedter Straße lang, querte sie, bevor sie unter dem Westschnellweg wegtaucht und befuhr den breiten, gut ausgebauten Fahrradweg 100 Meter auf der linken Seite. Pfeile auf der Fahrbahn zeigen an, dass er in beide Richtungen befahren werden darf, falls man wie ich vor oder hinter der Brücke links abbiegen will. Da kam mir ein Paar auf Rädern entgegen und der Mann schnauzte mich an, dass ich auf der falschen Seite führe. Ich weiß nicht mehr, was er gesagt hat, aber es ist unwichtig. Vermutlich hört ihm auch sonst niemand zu, und ob er nun Blödmann, Brathahn oder sonst was sagt, ist für den Weltenlauf vorläufig unerheblich.
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Einmal ein anderer sein

Jeden Morgen beim Aufwachen staune ich, dass ich noch da bin. Und ich staune auch, dass ich mich exakt in dem Leben wiederfinde, aus dem ich mich am Abend verabschiedet habe, als ich in den Schlaf sank. Nie wird man morgens wach und ist mal ein anderer. Für einen Tag wenigstens könnte man doch aufwachen und zum Beispiel ein Seehund sein, der einen bunten Ball auf der Nase balanciert. Und hätte ich meine Sache gut gemacht, würfe man mir vom Beckenrand köstlichen Fisch zu. Freilich wüsste man nicht, was das Seehund-Ich inzwischen mit dem menschlichen Körper anstellen würde.

Man wird wieder wach im eigenen Körper und hat den Wanst voll Fisch, dass man sich kaum noch bewegen kann. Das wäre übel, denn ich bin Vegetarier. Dann müsste ich einen ganzen Schwall Fisch in die Biotonne würgen. Was sollen die Nachbarn denken? Woher die Schlammkruste an meiner Hose käme, wüsste ich auch nicht. Am Ende würde ich noch ins Polizeipräsidium geladen, weil man mich beschuldigt, im Fluss geangelt zu haben. Ohne Angelschein! Vorsorglich stelle ich mich dumm: „Wer sagt das?“
„Angler haben Sie gesehen, wie Sie am Flussufer gekniet und mit bloßen Händen Fische gefangen haben.“ „Moment! Das ist kein Angeln. Zum Angeln braucht man eine Angelrute.“
„Ach. Wie nennen Sie denn Ihre Methode?“

Gif-Animation: JvdL

„Äh, Fischen?“
„Dann haben Sie eben gegen das Fischereirecht verstoßen. Zu ihrem Glück ist das nur eine Ordnungswidrigkeit. Mit 80 Euro sind Sie dabei.“
„80 Euro?! Dieser verfluchte Seehund!“
„Welcher Seehund?“
„Ach, nichts.“
Und ich habe mich so angestrengt mit dem Ball.

Alptraum Geldtransporter

Ich mag nicht, wenn vor dem Supermarkt der Geldtransporter wartet. Gestern war ich zweimal zum Einkaufen, und jedes Mal wartete vor dem REWE-Supermarkt an der Limmerstraße der Geldtransporter, mit laufendem Motor. Das beunruhigt mich. Denn die Gefahr besteht, dass just, wenn ich mich auf den Eingang des Supermarkts zubewege, die automatische Schiebetür aufgeht, und heraus kommt einer in Geldbotenuniform mit einem metallenen Geldkoffer, der mit einer Kette an seinem Handgelenk befestigt ist. Und zwei Heinis vom ladeneigenen Sicherheitsdienst drängen eine Oma mit Rollator zur Seite, halten mit ausgebreiteten Armen mich und ein kauflustiges Pärchen zurück und bilden ein Spalier, damit der Geldbote frei hindurch schreiten kann wie ein Prinz. Plötzlich reißt sich die Oma die Gummimaske vom Gesicht und ist eigentlich ein junger, schwer tätowierter Mann aus Bulgarien oder Albanien, jedenfalls aus einem Land, in dem an den Straßen mehr Esel herumstehen als Autos. Der hat da eine ganz schwere Kindheit gehabt, lebte schon als kleiner Junge auf der Straße und musste sich mit den unzähligen Straßenkötern um die Schlachtabfälle balgen, die der Metzger vor die Tür geworfen hat. Und was er von dem Gekröse hat ergattern können, hat er roh verschlungen. Diese soeben noch harmlose Oma mit Rollator und Hackenporsche ist also eigentlich ein vom harten Leben gezeichneter junger Mann. Obwohl mir seine schwere Kindheit bitter auf der Seele liegt, nimmt er mich einfach in den Schwitzkasten, zieht eine Kanone, hält sie mir an den Kopf und schreit:

„Hrnrt Dor frm Höflpggrt jrt, dpmdz lmsöör ovj frm jort sn!“,

was unzweifelhaft heißen soll: „Geben Sie den Geldkoffer her, sonst knalle ich den hier ab!“ Aber ich bin der einzige, der überhaupt versteht, was der verrückte Bulgare will. Alle stehen da und rätseln. „Was hat der Mann gesagt?“ „Warum regt der sich so auf? Das ist doch nur der Herr Trittenheim!“ Der Geldbote derweil kümmert sich überhaupt um gar nichts, schwingt seinen Geldbotenhintern in den Geldtransporter und sein Kollege, der den Motor hat laufen lassen, lässt die Kupplung kommen, gibt Gas und rauscht mit quietschenden Reifen davon. Der Bulgare ist völlig entgeistert. Inzwischen haben die Leute das  Smartphone herausgenommen und filmen uns. Da wird ihm klar, dass er jetzt nicht mehr in die Haut der alten Oma zurück kriechen kann, und in seiner Verwirrung und panischen Angst will er mich loswerden und schießt mir eine Kugel durch den Kopf.

Im Fernsehen erzählte ein junger Komiker vom Schlimmsten, was es in seinem Leben gibt: „Pärchenabend.“ Da würde er sich lieber erschießen. Hallo?! Als Straßenkind in Bulgarien sich von Schlachtabfällen zu ernähren oder Geldbote zu sein und das Leben zu riskieren für Geld, das einem gar nicht gehört, immer in Gefahr, dass ein anderer armer Sock‘ kommt und mit einem Seitenschneider den Geldkoffer vom Handgelenk schneidet und die Hand gleich mit, oder ganz harmlos einkaufen zu wollen und dann von einem als Oma verkleideten bulgarischen Schwerverbrecher abgeknallt zu werden, ist doch alles viel schlimmer als Pärchenabend! Ich wusste bis eben nicht mal, dass es sowas gibt.