creepy

Wieder mal habe ich mein Blog mit einer längeren Erzählung in den Keller geschrieben, heute auch keine Zeit gehabt, sie weiter zu führen, bin aber auch traurig deswegen. Im Keller ist nicht gut schreiben, und sich aus dem Keller herauszuschreiben, große Kunst, die ich nicht beherrsche. Mein vertrauter Lektor schlug vor, ich sollte über Missgeschicke schreiben, wenn ich mein Blog wiederbeleben wollte. Das kann ich mal rasch. Ich war beim Friseur. Früher, wenn ich meinem Freund Coster sagte, ich sei beim Friseur gewesen, sagte er zuverlässig: „Und warum bist du nicht drangekommen?“

Diesmal könnte er das nicht mehr sagen, denn der Friseur hat mir ein Plätzchen geschnitten, will sagen, ich weiß gar nicht, wie ich die Frisur mit Würde tragen soll. Also behielt ich heute fast überall die Mütze auf. Böse Zungen werden sagen, dass ein Friseur es auch schwer hätte mit meinen Haaren und meinem Kopf. Gegenfrage: Warum müssen die einen ihnen völlig unbekannten Friseur in Schutz nehmen? Solidarität geht anders. Ich erwarte ja nicht, dass er gleich geteert und gefedert wird. Obwohl … dieser hübsche Brauch gehört wiederbelebt, besonders bei Friseuren. Aber zumindest wäre es an der Zeit, mich zu bedauern.

Die langweiligste Geschichte der Welt

Einmal saßen mein Kollege Georg und ich in einer Freistunde allein im Lehrerzimmer und unterhielten uns über die Tische hinweg, als er plötzlich nicht mehr antwortete. Erstaunt stellte ich fest, dass er selig schlummerte. Wie das? Wie kann jemand am hellen Tag und mitten im Gespräch einschlafen? Lag es etwa daran, was ich ihm erzählt hatte? Das muss dann wohl die langweiligste Geschichte der Welt gewesen sein. Daran müsste ich mich nur erinnern, dann könnte ich sie anderswo gut gebrauchen. Dann erzähle ich diese Geschichte auf die mir eigene Art, und schon schlafen alle ein.

Eine Bank könnte ich damit überfallen. Ich würde den Kassenraum der Bank betreten und rufen: „Alle mal herhören!“, und erzähle meine Geschichte. Wenn dann alle der Reihe nach in den Schlaf gesunken sind, raube ich den Laden aus. Das müsste sich aber schon beim ersten Mal lohnen, denn danach würden die Medien garantiert vor mir und meiner Geschichte warnen. Und stürme ich erneut eine Bank, legen alle vorsorglich die Hände auf die Ohren und grinsen mich triumphierend an oder stören meinen Vortrag sogar mit: „Laa lala lala laaa!“ Dann bin ich angeschmiert.

Doch es gibt kaum noch Kassenräume, die den Überfall lohnen. Vorbei die Zeiten der stattlichen Kassenhallen mit zehn und mehr Kassenschaltern, wo geschickte Hände dir das Geld vorzählen. Stattdessen unzählige Geldautomaten. Die könnte ich eventuell auch zum Einschlafen zu bringen. Wie ich hörte, laufen die meisten noch unter Windows 95. Bankraub war sowieso gestern. Banken rauben heute selbst, helfen asozialen Gierhälsen beim Cum-Ex-Betrug, berauben den Steuerzahler um Milliarden und unsere Finanzminister haben’s jahrelang verschlafen. Welch ein Glück, dass es endlich die Kassenbonpflicht gibt.

Womit wir wieder beim schlummernden Kollegen sind. Es lag nämlich gar nicht an mir und meiner Geschichte. Kollege Georg kann jederzeit und überall schlafen. In der Bäckerei sagt er: „Ich hätte gerne ein Brötchen und …“, sinkt auf einen Stuhl bei den Tischen und macht ein Nickerchen. Die Bäckereifachverkäuferin packt ein Brötchen in die viel zu große Tüte und steht unschlüssig herum. Wie lange soll sie auf die ergänzenden Worte hinter „und …“ warten. Welcher Brötchenwunsch folgt jetzt noch? Sie darf ihn ja nicht diskriminieren, sonst: Shitstorm im Internet. Dieser Herr leidet offenbar an einer neurologischen Krankheit, genannt Narkolepsie. Oje, allein vom Wort könnte ich einschlafen, also erst mal ein Nickerchen …

und träumen …

Langweilige Vertretung – Cartoon: JvdL – Zum Vergrößern bitte anklicken!

Mein morgendlicher Kontrollgang

Der ich schon früh Verantwortung übernehmen musste, bei der Geburt meines ältesten Sohnes war ich 22 Jahre jung, habe ich lange Zeit nicht geübt, auf eigene Bedürfnisse gut zu achten. Das hielt noch an, als ich die Phase des Familienlebens hinter mir hatte. Lange gelebte Verhaltensweisen lassen sich eben nicht einfach abschütteln. Für meine Freundin Lisette war ich „vom Stamme Gib“, sie „vom Stamme Nimm“, wie sie selbst eingestand. Selbst ihr offen gelebter Egoismus vermochte nicht, dass ich besser auf eigene Bedürfnisse geachtet hätte, obwohl ich mir sonst einiges von ihr abgeschaut habe.

Bei den folgenden vier Beziehungen, die überwiegend Fernbeziehungen waren, zeigte sich das alte Muster. Nur wenn die Damen bei mir zu Besuch waren, lief ich morgens zum Bäcker, um frische Brötchen zu jagen. Am fremden Ort rannte ich natürlich ebenfalls brav zum Bäcker. War ich wieder allein, kaufte ich für mich Aufbackbrötchen.

Seit nun zwei Jahren gehe ich morgens für mich zum Bäcker. Das zwingt mich schon am Morgen vor die Tür. Ich kann sehen, ob die Welt noch der vertrauten euklidischen Geometrie entspricht und sich nicht etwa in der Nacht verformt hätte wie in Bildern des Maurits Cornelis Escher. Man sollte nicht unverständlich den Kopf schütteln. Es gibt keine Gewährleistung für die Festigkeit der Welt. Für meinen Kreislauf ist der morgendliche Kontrollgang auch gut, falls ich nämlich den Rest des Tages zu beschäftigt bin und nicht mehr rausgehe.

Doch der beste Effekt dieser neu geübten Verhaltensweise: Ich stieg in meiner eigenen Wertschätzung, weil ich für mich tue, was ich früher nur für diverse Frauen getan habe. Die Folge ist, dass ich mich einfach besser leiden mag und die Wertschätzung einer Beziehungspartnerin nicht vermisse. Wer mit sich selbst unglücklich ist, sollte sich fragen, ob es nicht mit Verhaltensmustern zusammenhängt, die ich oben geschildert habe. Dann gibt’s einen einfachen Hebel, das zu ändern: Verantwortliche Selbstsorge – ein Lebenskonzept, dessen Beachtung nach Meinung antiker Schriftsteller allein berechtigt, ein gutes Leben zu führen. Aber bitte nicht gleich die ganze Welt aus den Angeln heben. Ich kontrolliere  das direkt morgen früh.

Verantwortliche Selbstsorge ist nicht Egozentrik. Es gilt weiterhin, den Mitmensch zu beachten. Bei der Selbstsorge geht es darum, die Balance in der Wertschätzung zu finden – gleichermaßen für sich und andere.

 

Bodenloser Grimm

Etwa einmal im Jahr befalle ihn ein bodenloser Grimm, sagte Jeremias Coster, der dubiose Professor für Pataphysik und Leiter des Instituts für Nachrichtengeräte der RWTH Aachen, und der sei so unbändig und wild, gleich einem muskulösen Mustang, der alle Leinen zerreiße. Denn eins wäre doch klar, indem der Grimm ihn so selten erfasse, habe er keine Strategien trainieren oder überhaupt entwickeln können, den Mustang zu bändigen. Darum wäre es besser, wenn er sich derzeit aus der menschlichen Gesellschaft zurückziehe, um Schlimmeres zu verhindern.

„Du lieber Himmel!“, sagte ich, „ist es wirklich so arg?“

„Höre meinen Bericht, Trithemius: Mit leiser Verachtung habe ich im Supermarkt meinen Einkauf in den Einkaufswagen geräumt und fand an den beiden offenen Kassen zwei Schlangen von bezahlwilligen Kunden. Leider stand ich so, dass ich querende Kunden durchlassen musste. Da kam so eine querende Kundin daher, querte aber nur halb und blieb vor mir in der Schlange stehen. Ich rief ihr in den Rücken: „Hallo, ich warte auch hier in der Schlange!“ Sie drehte sich um, sagte: „Mein Gott!“ und schob sich an mir vorbei nach hinten. Dabei schnaubte sie erneut: „Mein Gott!“ Wie sie hinter mir stand, sagte sie: „Mein Gott, kein Problem.“

Mir fuhr der teuflische Mustang in die Glieder. Was hatte Gott mit alldem zu tun? Wir anderen Kunden in den beiden Schlangen riefen auch nicht andauernd nach Gott. Was wäre das für eine elende Jammerei? Darum sagte ich zu ihr: „Warum stellen Sie sich nicht gleich hinten an, wenn es für Sie kein Problem ist?“ Da war sie still und fügte sich. Aber das gab mir keine Befriedigung. Sofort ärgerte ich mich über meine Worte und dachte: Oje, der bodenlose Grimm. Andererseits, so versuchte ich mich zu trösten, sie hatte mich dreimal „mein Gott“ genannt. Ich hatte ihren Anruf erhört und ihr gegeben, was ihr zukam.“

„Sie haben Recht, Coster, das ist arg.“

Ein Lächeln zur Unzeit

Wenn ich glaubte, etwas verloren zu haben und zu Hause meinen Irrtum bemerkte, weil friedlich auf dem Tisch lag, was ich verloren glaubte, bei diesen Gelegenheiten habe ich beobachtet, dass sich zwar Erleichterung einstellt, aber das Verlustgefühl nicht sofort weicht. Offenbar werden bei einem vermeintlichen Verlust Botenstoffe ausgeschüttet, die sich erst langsam abbauen. Es ist plausibel, dass Botenstoffe sich über den Blutkreislauf langsamer bewegen als der Gedankenfunke von Synapse zu Synapse springt. Demgemäß sind unsere tiefen Gefühle langsamer als unsere Gedanken.

Die träge Nachwirkung von Gefühlen lässt sich auch umgekehrt beobachten. Nach einer angenehmen Begegnung bringt man ein Lächeln mit und trägt es noch eine Weile vor sich her. Dies könnte einen Moment erklären, in dessen Folge mein Leben eine völlig neue Wendung nahm, so dass man diese Zeilen hier überhaupt lesen kann. Denn ich verließ meine Heimatstadt und wandte mich ganz dem Schreiben zu.

Zur Vorgeschichte: Ich war quasi versehentlich in ein Verhältnis verstrickt worden, liebte eine verheiratete Frau so sehr, dass ich die problematische und kräftezehrende Beziehung sieben Jahre ertrug. Nach vier Jahren trennte sie sich endlich von ihrem Mann, und eigentlich hätte jetzt alles gut sein können. Es war aber nicht gut. Als sie noch mit ihrem Mann zusammenlebte, fühlte sie sich berechtigt, ihn zu betrügen, weil er sie geringschätzig behandelte. Nachdem sie sich von ihm getrennt hatte, entwickelte sie moralische Bedenken, sagte: „Ich kann dir nicht geben, was ich ihm genommen habe.“ und „Man darf sein Glück nicht auf dem Unglück anderer aufbauen.“ Am Ende kam es mir gegenüber zu einen Vertrauensbruch, in dessen Folge ich die Beziehung beendete. Es fühlte sich an, als würde ich mir bei vollem Bewusstsein einen Arm absägen.

Einige Wochen nach der Trennung strich ich ruhelos durch die Straßen, auf der Suche nach Ablenkung vom Trennungsschmerz. Willkürlich nahm ich die Krämerstraße vom Markt hinunter zum Münsterplatz. Vor mir ragte der Dom auf, plötzlich bog Lisette lächelnd um die Mauerecke. Wir grüßten uns – und verharrten einen Augenblick.

„Kommst du oder gehst du?“, fragte sie.
„Ich gehe“, sagte ich und wandte mich ab.

Ich weiß, wäre sie nicht lächelnd um den Dom gebogen, hätte ich das nicht geantwortet und mich nicht abgewandt. Aber dieses Lächeln, das nicht mir gelten konnte, denn sie hatte es mitgebracht, bevor sie mich hatte sehen können, signalisierte mir, dass sie unsere Trennung längst überwunden hatte und anders als ich, wieder beschwingt unterwegs war. Es kam mir vor wie ein neuerlicher Verrat.

Dass ich mich geirrt hatte, zeigte sich in den Wochen danach, in denen sie alles tat, mich wieder zu gewinnen. Das Lächeln konnte jemandem gegolten haben, dem sie zuvor begegnet war. Es hätte auch sein können, dass sie ahnte, mich zu treffen, weil sie eine Frau mit derlei Vorahnungen war.

Die Spekulation ist müßig. Die Trennung war rückblickend dringend nötig, ja, für mich überlebenswichtig. In der Folge begann ich zu bloggen, um meinen Schmerz zu bewältigen. Das geschah im Jahr 2005. Seither habe ich gut 5000 Texte verfasst, und am Anfang war ihr Lächeln zur Unzeit.

Warum ich an der Aldi-Kasse mehrmals in die Knie ging

„Entschuldigen Sie meinen Wankelmut!“, sagte die kleine hübsche Frau mit dem Fransenpony unter der Mütze und einem guten, offenen Gesicht, nachdem sie eine Einkaufstasche unter dem Kassenband herausgenommen hatte, sich dann aber umentschied und sie zurücklegte. Als sie wieder stand, lächelte sie so entzückend, dass ich, wäre ich jünger, gesagt hätte: „Bitte heiraten Sie mich!“, ungeachtet des Risikos, dass sie eventuell gesagt hätte: „Aber ich bin schon seit 20 Jahren mit dem Prinzen von Hohenzollern verheiratet.“ „Egal“, hätte ich gesagt, „wenn Sie schon wankelmütig sind, könnten Sie sich auch in Ehedingen umentscheiden!“
„Ich weiß nicht, ich weiß nicht, ob ich an der Kasse von Aldi Nord ein Ehegesuch annehmen soll. Sie sind ja nicht mal auf die Knie gegangen. Wobei. Machen Sie’s mal! Nein, halt!, ich habe mich umentschieden. Bitte entschuldigen Sie meinen Wankelmut. Aber schön wär’s doch, würden Sie zum Antrag niederknien. Ach, kommen Sie lieber wieder hoch, ich könnte sonst schwach werden. Und wie soll ich das dem Prinzen von Hohenzollern erklären?“
„Sie könnten sagen, ein Besserer als du ist für mich an der Aldikasse auf die Knie gegangen“, sagte ich und kniete mich erneut ans Ende des Kassenbands. „Bitte, Sie wunderbar wankelmütiges Wesen, erhören Sie mich!“
„Macht 12 Euro 34“, sagte der Kassierer, der derweil ungerührt meine Ware über den Scanner gezogen hatte.
„Was reden Sie denn da, junger Mann?“, sagte sie. „Verderben Sie dem Herrn nicht seinen Antrag und mir nicht die glücklichste Stunde meines Lebens mit ihrem schnöden Geschacher!“, drängte, sich entschuldigend, an mir und den Nachstehenden vorbei und nahm eine Einkaufstasche aus dem Fach unter dem Band, lächelte erneut so entzückend und sagte: „Ich brauche doch eine, denn mein Glück kann ich sonst nicht fassen.“

Was für ein schöner Tagtraum. Ich beeilte mich mit Bezahlen und Einpacken, aber als ich aufschaute war sie weg. Auch draußen sah ich sie nie wieder. Bin ja auch leider schon älter.

Unerwünschter Wahrtraum

Unheimliche geträumt, unheimlich, weil tags drauf in der Presse zu lesen war von einer Sparkassen-Störung. Mein Traum handelte auch davon. Ich war in einer großen Sparkassenfiliale und wollte Geld aus dem Automaten ziehen. Da standen zwei neue Geräte. Ich führte meine Bankkarte ein, tippte auf der Tastatur, dass ich hundert Euro haben wollte und gab meine PIN ein. Das Gerät gab Arbeitsgeräusche von sich, aber es kam kein Geld. Da sah ich, dass zum Gerät in der Wand noch weitere gehörten, die vor dem Automaten standen. Dort gab es eine verwirrende Anzahl von Digitalanzeigen.

Ich fragte, ob jemand wüsste, was zu tun war, um Geld zu bekommen. Niemand wusste Bescheid, niemand half. Da versuchte ich es beim Nachbargerät – mit dem gleichen Ergebnis. Nach einer Weile stellte ich fest, dass zentral gegenüber dem Automaten in einer Nische ein Druckautomat stand, in dessen Auslage einige gedruckte Fotos lagen. Unter anderem auf Format geschnittene Gebetbuchzettel. Ich begriff, dass dieser Automat die Geldscheine ausdrucken würde. Obwohl ich Blatt für Blatt einzeln in die Hand nahm und umwendete, war mein 100- Euro-Schein nicht dabei. Vermutlich hatte den jemand an sich genommen. Ich wollte bei den Sparkassenoberen reklamieren und öffnete eine überdimensionale Flügeltür, die in die Wandtäfelung eingelassen war. Eine Frau wischte das Parkett und sagte: „Die sind schon alle nach Hause.“ Ich sah auf die Uhr. Es war tatsächlich schon 19:30 Uhr. Es waren Stunden verflogen, derweil ich versucht hatte, Geld zu ziehen.

Draußen hielt ein Mercedes. Eine Frau stieg an der Beifahrerseite aus und legte sich vor das Auto auf die Straße. Aus dem Mercedes wurde gerufen. Da stand sie auf und stieg wieder ins Auto, das darauf fortfuhr.

aus dem Münchener Merkur. Lieber würde ich die Lottozahlen träumen.