Aus dem Sitzhimmel

Besonders am Anfang meiner Schriftsetzerlehre ist mir das Stehen den ganzen achtstündigen Arbeitstag schwer gefallen. Im Jahr 1967, ich war inzwischen Schriftsetzergeselle, sah ich in Düsseldorf auf der Messe der Printmedien, drupa, eine moderne Setzerei, in der die Schriftsetzer im Sitzen arbeiteten. Sie saßen auf schwenkbaren Stühlen, mit denen sie sich in der Setzereigasse frei bewegen konnten, indem sie sich mit den Füßen abstießen. Die schweren Setzkästen wurden über ein Transportsystem angeliefert. Mir schien, ich hätte einen Schriftsetzerhimmel gesehen.

Nachdem ich seit dem 5. Juni 2021 sieben Wochen gelegen oder im Rollstuhl gesessen habe, weiß ich, dass derartiges Sitzen gar nichts Himmlisches an sich hat. Ich habe meinen Geburtstag im Rollstuhl gefeiert und musste mich hinschieben, bzw. fahren lassen, konnte überhaupt jeden längeren Weg, so den in den kleinen Park der Pflegeeinrichtung, nur mit Hilfe bewältigen. Zur körperlichen Unterstützung war auch die psychische wichtig, denn als Mann in der Kurzzeitpflege belastete mich das Elend der anderen Bewohner ringsum. Grüße wurden nicht erwidert, sondern ich fühlte mich mit offenem Mund angestarrt, als wäre ich ein Außerirdischer. Dazu gehören wollte ich keinesfalls. Vom Freizeitangebot hielt ich mich fern. Es wurde aus Kinderbüchern vorgelesen oder wurden Kinderreime ersetzt. Dann lieber einsam. Der Gedanke, das Pflegeheim könnte der letzte Ort sein, aus dem ich dieses Dasein verlasse, hat mich manche Nacht schlaflos gelassen.

Besonders in den ersten Wochen konnte ich mich der Verzweiflung kaum erwehren, wenn beispielsweise die demente Frau X wieder mitten in der Nacht in mein Zimmer eingedrungen war und ich mich zu Tode erschreckt hatte oder ich bei den einfachsten Verrichtungen Hilfe brauchte, sie aber nicht kam. Deprimierend die nächtlichen Hilferufe, wo es Hilfe nicht mehr geben kann. Schlimm war auch, gefragt zu werden, ob ich eine Windel bräuchte, obwohl ich nur ein gebrochenes Bein hatte. Bei diesem Thema war man nicht zimperlich. Hilflose Bewohner wurden bei offener Tür gewickelt und in ihrem Elend zur Schau gestellt. Pflegenotstand ist nicht nur Personalmangel. Pflege geht einher mit dem Schwund der Intimsphäre auf der einen und Schwund der Empathie auf der anderen Seite. Weil aus praktischen Gründen alle über einen Kamm geschoren werden, droht den zu Pflegenden ein deprimierender Verlust an Würde. Sich die zu bewahren, kostet Kraft.

Kraft gaben mir die Besuche meiner Lebensgefährtin, zweier meiner Söhne mit Schwiegertöchtern und eines jungen iranischen Paars, dem ich zeitweise kostenlos Deutschunterricht gegeben hatte. Es kam schöne Post von Christian Dümmler (CD) und anderen, darüber hinaus waren die zahlreichen Genesungswünsche von Freunden, Nachbarn und der Teestübchen-Community mir eine große Hilfe. Der Wunsch „gute Besserung!“ mag etwas hilflos klingen, wenn bekannt ist, dass die Besserung nicht beschleunigt werden kann. Es dauert halt sechs bis acht Wochen, bis ein Bruch verheilt ist, manchmal viel länger. Nach sieben überstandenen Wochen kann ich sagen, dass ein jeder Besserungswunsch eine moralische Hilfe war und somit zur Heilung beigetragen hat.
Dafür danke ich euch allen recht herzlich.

Derzeit lerne ich zum dritten Mal das Gehen, als Kleinkind, nach dem Schlaganfall und jetzt nach dem Beinbruch. Diesmal fehlt nicht das Gleichgewicht. Diesmal ist da noch zuviel Sorge, das Bein könnte die Belastung nicht halten. Auch die Muskulatur muss sich wieder an die übliche Beanspruchung gewöhnen. Trotzdem ist der aufrechte Gang erhebend, und ich fühle mich wieder als kompletter Mensch. Also nochmals herzlichen Dank allen, die mich Anteil nehmend unterstützt haben, als an Aufrichtung nicht zu denken war, Ihr und euer

Professionelle Krankmacher

An einem frostigen Tag im Januar 2011, kurz nachdem ich nach Hannover gezogen war, lernte ich Frau Hantschi, meine Unternachbarin kennen. Die alte Frau klingelte bei mir und stand freundlich lächelnd vor meiner Wohnungstür, stand im Nachthemd im eiskalten Treppenhaus und wirkte verwirrt. Ich bat sie herein, setzte sie in meinen bequemsten Sessel und versuchte heraus zu bekommen, weshalb sie ihre Wohnung im Nachthemd verlassen hatte. Wie sich ergab, hatte sie keinen Schlüssel für die Wohnungstür, worüber sie sich aber nicht besorgte. Sie schwärmte von Olympia und dass sie im Fernsehen so gerne Skispringen anschaue. Über meinen Hausbesitzer erfuhr ich von einem Pflegedienst, der sie betreute. Dort rief ich an, und man versprach, jemanden mit dem Wohnungsschlüssel vorbeizuschicken.

Als ich Frau Hantschi Wochen später im Hausflur traf, wirkte sie gar nicht mehr verwirrt. Sie erzählte, sie sei im Januar für kurze Zeit in einem Pflegeheim gewesen, wo man ihr die falschen Medikamente verabreicht habe. Natürlich konnte ich das nicht prüfen, aber ihr geistiger Zustand hatte sich offenbar stabilisiert. Bei allen Begegnungen bis zu ihrem Tod wirkte sie geistig klar, so dass ihr Verdacht wegen der Medikamente sich zu bestätigen schien. Inzwischen haben eigene Erfahrungen mir gezeigt, dass ihr Fall vielleicht keine Seltenheit ist.

In den ersten vier Wochen nach dem Krankenhausaufenthalt bin ich einer Pflegeeinrichtung gewesen, die sich rückblickend als Horrorhaus darstellt. Dem zuständigen Arzt vertraute ich von der ersten Begegnung an nicht. Er behandelte mich von oben herab, als hätte er wie üblich einen Dementen vor sich. Es schien ihm nicht zu genügen, dass ich nur ein gebrochenes Bein hatte. Er ließ mich einen Tag auf Diabetes testen, obwohl meine Blutwerte vor dem Unfall in Ordnung gewesen waren, und ich fürchtete, er werde mich zusätzlich krank machen wollen. Demgemäß vertraute ich nicht der von ihm veranlassten Medikation. Es ist üblich, dass einem die Medikamente in kleinen Bechern gebracht werden, so dass man nicht prüfen kann, was man bekommt. Einmal fand ich bei den Schmerztabletten eine verdächtige kleine Pille. Ich zeigte sie der Stationsschwester und fragte, was das sei. Sie nahm die Pille mit und erklärte am nächsten Tag, das habe sie nicht feststellen können.

Inzwischen habe ich eine neue Einrichtung bezogen, wo ich mich gut aufgehoben fühle. Als die Stationsschwester den Medikamentenplan sah, den man mir mitgegeben hatte, fragte sie, weshalb mir denn als Bedarfsmedikation Haloperidol, ein Mittel gegen schwere Schizophrenie, verschrieben worden sei. „Bei Unruhe“ hatte der Arzt dem Pflegeheim erlaubt, mich damit ruhig zu stellen. Glücklicherweise ist der Fall nicht aufgetreten. Obwohl ich manchmal verzweifelt war, habe ich zu keiner Zeit randaliert. Ich bin froh, von denen mir angekündigten sechs bis acht Wochen Heilung, jetzt sechs Wochen glücklich überstanden zu haben und hege die begründete Hoffnung, bald wieder mit beiden Beinen im Leben zu stehen.

Mein Leben als Cyborg

Heute vor fünf Wochen wurde ich am Beinbruch operiert. Morgens wurde ich auf den OP-Tisch geschoben, dann wieder zurück ins Bett und aufs Zimmer, weil das einzige OP-Team vom Sonntag einen Notfall behandeln musste. Ich wartete auf meine OP bis 17 Uhr. Früher hat man Beinbrüche gerichtet und mit Gips stabilisiert. Man kennt das Bild eines gewaltigen Gipsbeins noch aus Hitchcocks „Fenster zum Hof.“ Der arme Patient hatte extra einen Kratzer gegen das Jucken am Bein. Wurde der Gips nach sechs Wochen entfernt, war das Bein nur noch Haut und Knochen.

Heute löst die Medizin das eleganter. Den Gips habe ich quasi im Bein, nämlich einen 30 Zentimeter langen, mit zwei Schrauben stabilisierten Nagel. Der Chirurg sagte, er habe es so gut gemacht wie für den eigenen Vater. Inzwischen sind die drei kleinen Wunden der minimalinvasiven OP verheilt, ich bin fast schmerzfrei, darf aber das rechte Bein nur bis 20 Kilogramm belasten. Wenn alles gut geht, werde ich Anfang August in Aachen die Reha antreten. In schmerzvollen Tagen nach der Operation, als ich zur Untätigkeit verurteilt war und die vom Arzt prognostizierten sechs bis acht Wochen sich wie ein gewaltiger Berg vor mir erhoben und mich zu erdrücken drohten, stahl sich ein Hoffnungsschimmer zu mir durch und hielt mich aufrecht, nämlich am Ende der Leidenszeit drei Wochen in meiner alten Heimat verbringen zu dürfen.

Übrigens bin ich jetzt ein Cyborg, also ein Mensch mit dauerhaft künstlichen Bauteilen im Körper. Ich besitze einen Implantats-Ausweis, in dem sieben Bauteile aufgeführt sind, hergestellt im Schleswig-Holsteinischen Schönkirchen. Die Bescheinigung muss ich mitführen, falls ich einmal in einer Sicherheitsschleuse unangenehm auffalle. Ob mein Bein auch magnetisch ist, weiß ich nicht. Aber es schadet ja nichts, anziehend zu sein.

Häuser machen Leute

Ende der 1980-er Jahre hat man bei uns begonnen, klebrige Architektur zu bauen, als hätten die Architekten ihre Pläne und Modelle vor Baubeginn noch rasch mit Honig übergossen, um ihnen den letzten Schliff zu geben, wobei ich natürlich auch weiß, dass Honig nicht schleift. „Letzter Schliff“ ist hier metaphorisch zu verstehen, obwohl es erfreulich gewesen wäre, hätten sie einen Schleifklotz mit grobem Sandpapier genommen und all die nutzlosen, eklektizistischen Elemente, mit denen sie ihre geistlosen Entwürfe aufgehübscht haben, gnadenlos abgeschmirgelt.

In einem derart klebrigen Gebäudekomplex halte ich mich gezwungener Weise auf. Er sieht auf den ersten Blick ganz hübsch aus, offenbart aber das Klebrige auf den zweiten. Im Aufenthaltsraum stehen acht riesige weinrote Plüschsessel, die niemand will, denn sie sehen nicht nur bescheuert aus, sind zudem unbequem und „lassen sich nicht abwaschen“, wie eine Pflegerin sagte, stellen also zudem ein Hygieneproblem dar. Falschgoldene Wandleuchten auf apricot Wandfarbe, Möbel in Nussbaumoptik. Das gesamte Interieur ist mit per Container aus Dubai angeliefert worden, denn „wenn sie tief genug graben nach den Besitzern der Firmengruppe, die dieses und andere Pflegeheime besitzt, landen Sie in Dubai“, sagt eine der wenigen deutschsprachigen Angestellten.
Nicht nur „Kleider machen Leute“ wie in Gottfried Kellers Novelle geschildert, sondern auch „Häuser machen Leute.“ Sie haben etwas Falsches, als stünden sie im schiefen Winkel zum Leben. Es kostet Kraft, dem zu widerstehen. Gestern beispielsweise tritt einer in der blauen Regenjacke an mein Lager und sagt: „Ich muss Ihnen eben Blut abnehmen.“

Ich denke, da könnte ja jeder kommen, und frage: „Und wer sind Sie?“
„Ich bin Doktor Sowieso. Dr. Wolf ist gestern bei Ihnen zur Visite gewesen und hat gesagt, dass ich Ihnen Blut abnehmen soll.“

Aha, er ist also der dritte Arzt aus der Gemeinschaftspraxis, die in dieser Einrichtung ein und aus geht. Aber gestern Visite? „Dr. Wolf ist gestern keineswegs bei mir gewesen. Warum sollen Sie mir Blut abnehmen?“

„Gute Frage, das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich weiß gar nicht, was Sie haben, kenne auch Ihre Akte nicht.“

„Das ist aber keine ärztliche Sorgfalt.“

„Ich gucke mir Ihre Akte gleich nochmal an“, versprach er und band meinen Arm ab, zwecks Blutabnahme. Man hat in der Einrichtung viel mit Dementen zu tun, entsprechend die Nonchalance gegenüber den „Bewohnern“ genannten Patienten. Denen kann man viel erzählen, braucht sich für nichts zu rechtfertigen.

Dr. Wolf findet bedenklich, dass ich Zucker in den Kaffee gebe und lässt mich einen Tag per Fingerpiekser auf Diabetes testen, aber man verteilt hier Orangenlimonade und nachmittags Kuchen oder Stutenschnitte mit Marmelade, heute sogar zum Frühstück. So schafft man ein Problem, das der Arzt dann mit Behandlung löst.

Die Blutuntersuchung hat vermutlich einen erhöhten Cholesterin-Wert ergeben, kein Wunder, wenn man mir hier ständig Butter als Streichfett serviert. Gestern nun hatte ich bei meinen Tabletten eine kleine mir unbekannte Pille. Ich nahm sie nicht, sondern zeigte sie der Stationsschwester und fragte, was das wäre. Sie tat erstaunt, meinte, sie müsse nachsehen und nahm sie mit. Heute behauptete sie, sie wisse nicht, welche Tablette das sei. Ich sagte: „Egal was. Man kann nicht hinter meinem Rücken den Medikamentenplan ändern. Ich bin noch nicht entmündigt, habe lediglich ein gebrochenes Bein.“

In der Nacht wieder Alptraum. Ich habe kalte Füße, weil das Laken nach oben gerutscht ist. Am Fußende hat sich eine Frau aus Celle niedergelassen und achtet darauf, dass die Füße draußen bleiben. Man wird sagen, das alles habe nichts mit der Architektur zu tun. Da entgegne ich: Einheit von Form und Inhalt.

Der Planet Heterotopia

Die Leute vom Planeten Heterotopia werden „Bewohner“ genannt. Sie sind allesamt nicht auf Heterotopia geboren, sondern wurden aus ihrer Heimat abgeschoben. Heterotopia ist ihr letzter Aufenthaltsort, bevor sie zu den Sternen reisen. Die meisten von ihnen sind hinfällig, wenn sie auf Heterotopia landen. Sie müssen rundum gepflegt werden, weshalb es auf Heterotopia noch andere Leute gibt, die Versorger. Wenn die Bewohner angeliefert werden, liegen sie meist in großen kastenförmigen Transportern, und liegend treten sie die letzte Sternenreise an. Dazu werden sie in enge Kisten gepackt.

Nach einem folgenschweren Fehltritt langte ich auf Heterotopia an. Ich wurde sitzend angeliefert, und man versprach mir, ich dürfe den Planeten nach Wochenfrist verlassen, sobald ich wieder auf zwei Beinen stehen könne. Mein Gelass hat zuvor eine Frau Wevelshoven beherbergt. Beiläufig erfuhr ich, dass sie vor ihrer letzten Reise nur 40 Kilogramm gewogen hat.

Trotzdem war ihre Matratze einseitig ausgeleiert, so dass ich nur schräg darauf liegen konnte, als ob mich das Bett nicht beherbergen wollte. Ein Versorger namens Hausmeister hat es gerichtet. Hausmeister brachte mir zu meiner Unterhaltung ein Fernsehgerät und stellte es auf, dass ich die gängigen Zerstreuungsangebote vom Bett aus schauen kann. Das Gerät steht nun unter einem kleinen falschgoldenen Kronleuchter, so einem für Arme, der nur in kleine Wohnungen passt. Er ist nicht ans Stromnetz angeschlossen. Ich vermute, er gehörte einst Frau Wevelshoven, eine Erinnerung an ihren Heimatplaneten. Er bedrückt mich. Ähnlich das Fernsehgerät. Hausmeister sammelt alle Fernseher von verstorbenen Bewohnern ein, weil die Angehörigen sie nicht mehr abholen wollen. Zwar kenne ich die Vorstellung, jeder Atemzug sei der letzte Hauch eines Menschen, aber der Leuchter erscheint mir wie der materialisierte letzte Atemzug von Bewohnerin Wevelshoven, der den Raum nicht verlassen mag.

Ich bitte um Entschuldigung für meinen befremdlichen Bericht, aber der Planet Heterotopia ist befremdlich. Ich habe von derlei Planeten gehört, dass manche sogenannte Trughaltestellen haben. Verwirrte Bewohner suchen sie auf und hoffen, von dort nach Hause reisen zu dürfen. Aber niemals kommt ein Beförderungsmittel.

Holz

Mit einem Mal war alles aus Holz. Die Dinge ringsum waren aus Holz, aber auch die gesamte Kommunikation war Holz. Er selbst war auch aus Holz. Seine Gedanken waren Holz, wie aus verschieden großen Plakatschriften typografisch zusammengestellt. Durch seinen Holzkopf zogen Wörter aus dem Sachbereich Holz. Selbst die Wörter waren aus Holz. Holzhammer, Holzwurm, Holzstapel, Holzklotz, Holz vor der Hütten, Holztisch, Holzhaus, Holzverkleidung, Holzweg, das hölzerne Bengele. Und Lieder auch: „Mit einer hölzern Wurzel, Wurzel, Wurzel , Wuhurzel …“

Bagatelle – Wo Weckeruhren reden

In der Nacht, in der ich nicht schlief, mich nur unruhig im Bett herum wälzte, in jener Nacht stellte ich plötzlich fest, dass der Stecker meiner Nachtlampe gezogen war. Er lag nutzlos am Boden, so dass ich im Notfall nicht Licht machen konnte. Ich lag grübelnd da, wer das wohl getan haben mochte. Ob es aus Bosheit geschah? War es der Auftakt gewesen zu einer lichtscheuen Schandtat, die ich in letzter Sekunde vereitelt hatte? Mich beunruhigte, dass mir entgangen war, wie sich jemand neben meinem Bett zu schaffen gemacht hatte. Dann raffte ich mich auf und schob den Stecker wieder in die Steckdose zwischen meinem Bett und dem Nachtschrank. War es nötig, Licht zu machen? Sollte ich mich überzeugen, dass ich allein im Zimmer war? Darüber muss ich wohl eingeschlafen sein.

Ich erwachte aus unruhigem Schlummer. Durch den Vorhangspalt sickerte der junge Morgen. Ich richtete mich auf und stellte meine Füße auf den Teppich. Um mich herum schien alles in Ordnung zu sein. Nicht sogleich dachte ich an die leere Steckdose und den gezogenen Stecker. Zuerst musste ich mich in dem Durcheinander im meinem Kopf zurecht finden. Aha, ich bin also kein Seehund, sondern der und der, habe kaum geschlafen, erst auf Morgen zu, draußen ist die Stadt, mit der ich langsam vertraut werde. Ich höre die üblichen Geräusche. Gleich habe ich einen Termin. Ich hole den Wecker aus der Schublade und sehe nach der Uhrzeit. Den hatte ich in der Nacht wieder zwischen meine Socken legen müssen. Anfangs war er ganz leise gewesen, und ich hatte ihn gekauft, weil er nicht tickte. Doch inzwischen hat er zu flüstern begonnen, flüstert unentwegt „BagatelleBagatelleBagatelle“ und zwar so schnell nur ein Automat flüstern kann, mindestens dreimal in einer Sekunde, eigentlich aber diese Zeiteinheit missachtend. Es könnte durchaus sein, dass nur zweieinhalb Bagatellen in die Sekunde passen, die letzte etwa bis „Baga“ oder „Bagatel“, mit oder ohne Doppel-L. Diese komplizierten Überlegungen hielten mich eine Weile gefangen, so dass ich erst später einen Kontrollblick auf die Steckdose an der Wand zwischen meinem Bett und dem Nachtschränkchen warf.

Sie war weg. Es gab dort keine Steckdose. Das weiße Kabel der Lampe verschwand hinter meinem Bett und steckte verborgen in einer am Boden liegenden Doppelsteckdose. Ich hatte die Verkabelung selbst verlegt, als mein neues Bett aufgebaut war. Denn zwischen dem leicht schrägen Kopfende des Bettes und der Wand befindet sich ein Spalt, in dem gerade Platz genug ist für Kabel und Doppelsteckdose. Von ihr bekommen auch zwei Wandleuchten links und rechts des Kopfendes bei Bedarf Strom.

Jetzt stehe ich vor der Frage, ob ich nach der unruhigen Nacht in meiner vertrauten Welt aufgestanden bin, die genug Ordnung und Symmetrie hat und sauber verkabelt ist, so dass ich im Bett liegend sogar zwei Lichtschalter bequem erreichen könnte, ob ich aber in der Nacht ganz woanders war, in einer Welt der leisen Bedrohung, in der ich eine Steckdose zwischen meinem Bett und dem Nachtschränkchen und nächtliche Besucher habe, die mir den Stecker aus der Dose ziehen und mir schaden wollen. Das zu akzeptieren, fiele mir nicht schwer. Für die Konstanz der Welt, in der wir leben, gibt es keinen Beweis, nur den Glauben, dass sie so ist, wie wir sie erleben. Fatal wäre es nur, wenn zwischen diesen meinen Welten eine Art Pendeltür bestünde, und ich könnte ungewollt hindurch fallen in einer unruhigen Nacht.

Mit Strümpfen winken

Es ist reichlich albern, einem Arzt mit einem Strumpf zu winken. Ich habe das getan. Die Frage, ob ich vielleicht das eine oder andere Rad ab hätte, kann ich vorsorglich verneinen. Ich winke sonst nie mit Strümpfen, kann mir auch keinen vernünftigen Grund dafür denken. Die Tat ist aus einem Überschwang an Dankbarkeit entstanden, und das kam so: Am vergangenen Freitag ist mir beim Abtrocknen ein Weinglas zu Boden gefallen und zerbrochen. Ich sammelte die Scherben auf, übersah allerdings ein paar Splitter. Samstagmorgen sagte, was in mir klüger ist als ich, ich könnte doch meinen Staubsaugerroboter mal durch die Küche fahren lassen. Das ist eine gute Idee, dachte ich, vergaß aber, sie in die Tat umzusetzen.

Am Nachmittag kochte ich einen aufwändigen Auflauf, für dessen Vorbereitung ich in der Küche umhergehen musste und trat achtlos in einen Glassplitter. Der schlitzte mir ein Loch in den Socken und setzte sich fest in meiner Fußsohle. Aua! Besser nicht darauf rumlaufen, um ihn nicht noch tiefer hineinzutreiben. Am Ende gerät er noch in die Blutbahn und fährt mir wie das Mini-U-Boot im SF-Film „Die phantastische Reise“ pfeilgrad ins Hirn.

Trotzdem musste ich natürlich umherhumpeln. Man glaubt gar nicht, wie viele Gänge für die alltäglichen Verrichtungen nötig sind. Ich konnte mir den Schaden ansehen, konnte den Splitter sogar fühlen, doch es war mir unmöglich, ihn zu entfernen. Gelenkigere Leute als ich, also kleine Kinder und Schlangenmenschen, können sich ihre Fußsohle unter die Nase halten. Ich nicht, obwohl kein olfaktorischer Hinderungsgrund vorlag. Die in vielen Dingen kompetente Frau an meiner Seite hat in ihrer Jugend sogar eine staatliche Prüfung als Schwesternhelferin abgelegt, doch sie war leider nicht an meiner Seite, sondern aus Gründen unerreichbar fern. Ich habe verschiedenes ausprobiert und kann mitteilen, was nicht funktioniert, beispielsweise eine Sohle aus Luftpolsterfolie zu schneiden. Als sie gut saß, fein mit einer Leukoplastbindung justiert, platzten die Luftpolster beim ersten Schritt. Eine junge Dame hat mal bei mir einen Haargummi hinterlassen. Den wie einen Ring um die Stelle gelegt und befestigt, kann man sich auch sparen. Er drückt sich einfach platt. Also musste ich das Wochenende so verbringen und auf einen frühen Termin in der Arztpraxis meines Vertrauens hoffen. Die Ärztin, zu der ich immer gehe, war leider erst um 10:30 Uhr verfügbar, aber um 10:20 Uhr hatte ich bereits einen Termin bei meiner Zahnärztin, weil mir ein Stück vom Zahn abgebrochen war.

Man könnte sagen, ich hätte eine kleine Pechsträhne, aber zumindest das Pech mit dem Glassplitter hatte ich selbst verschuldet, weil ich mal wieder ein Bruder Leichtfuß gewesen war. Obwohl ich sonst nur Ärztinnen an mich heranlasse, hielt ich um 8:45 Uhr einem Kollegen den Fuß hin. Der brauchte nur fünf Minuten, um mit der Pinzette zwei Glassplitter aus meiner Fußsohle zu ziehen. Er zeigte sie mir stolz, aber ohne Brille sah ich gar nichts.
„Das nenne ich ärztliche Kunst!“, rief ich erleichtert, nachdem er die kleine Wunde verpflastert hatte. Im Rausgehen sagte er noch: „Sie sollten davon keine Beschwerden mehr haben. Ich glaube, ich habe alles erwischt.“

Ich wollte ihm zum Dank winken, aber vergaß, dass ich meinen Strumpf in der Hand hielt. Es war mir im Augenblick peinlich, doch ich sagte mir, dass ein Arzt in seinem Berufsleben mancherlei Absonderlichkeit erlebt. Da kann ihn ein Wink mit einem Socken nicht schocken, zumal er ganz frisch und sauber war.

Impulswerkstatt – traumhaftes Schlüsselerlebnis

Nachdem mein Vater gestorben war, schliefen meine jüngere Schwester und ich im verwaisten Ehebett. Abwechselnd durften wir zur Mutter ins Bett. Irgendwann, ich muss etwa zehn Jahre alt gewesen sein, entschied meine Mutter, dass ich nicht mehr mit im Bett schlafen dürfte. Es war wie die Vertreibung aus dem Paradies der Geborgenheit.
Zu dieser Zeit war das Zimmer meines jüngsten Onkels im Haus meiner Großeltern verwaist, weil er in Bonn Jura studierte und dort eine Studentenbude hatte. In seinem Zimmer sollte ich hinfort schlafen. Ich fühlte mich wie ausgesetzt.

Das Zimmer lag allein auf der ersten Etage und hatte noch einen Vorraum. Die offene Verbindungstür war durch einen Vorhang abgetrennt. Das angrenzende Zimmer stand leer. Ich hatte im Zimmer meines Onkels große Angst, starrte bis zum Einschlafen auf den Vorhang und oft narrte er mich durch eine scheinbare Bewegung. Eines Nachts wurde ich wach mit dem Gedanken, ich hätte keinen Schlüssel, um zu Hause aufzuschließen. Wie im Tran stand ich auf und tappte, nur mit dem Schlafanzug bekleidet, die dunkle Treppe hinunter in den Hausflur. Ich erinnere mich, dass der Hausschlüssel meiner Großeltern von innen steckte, so dass ich aufschließen konnte. Die Landstraße lag ruhig. Das Licht der Gasolin-Tankstelle drüben warf einen trauten Schein. Ich querte die Straße und ging die wenigen Schritte bis zur elterlichen Wohnung. Dort stellte ich mich unters Schlafzimmerfenster und rief. Nach einer Weile kam meine Mutter ans Fenster und fragte entsetzt:
„Hannes, was machst du denn hier?“
„Ich habe doch keinen Schlüssel“, sagte ich und wusste im selben Moment, dass ich keinen Schlüssel brauchte, um nach Hause zu gehen. Da erst kam ich zur Besinnung, spürte die nächtliche Kälte und dass ich barfuß war.

Schlüsselbild als Schreibimpuls – Foto: Myriade

Im Haus meiner Großeltern war große Aufregung. Sie hatten gehört, wie ich aufgeschlossen hatte und gegangen war. Ich war froh, wieder in mein Bett kriechen zu können. Am nächsten Morgen hörte ich, dass ich geschlafwandelt hatte. Noch heute bin ich mir unsicher, ob es wirklich Schlafwandeln gewesen ist. Denn ich habe in dieser Nacht durchaus wahrgenommen, was ich tat.

Mein Beitrag zu Myriades Impulswerkstatt.

„Ist hier irgendwo Schwarz?“

Ziemlich genau zwölf lange Jahre ist es her, da waren im Teppichhaus Trithemius bei Blog.de ein Dutzend Kurzfilm-Videos zu sehen, die von Blogger*Innen meiner damaligen Community für die Mitmach-Aktion „Kurzfilmtage im Teppichhaus“ gedreht worden sind. An einen surrealen Beitrag von Freund Merzmensch wurde ich am letzten Sonntag erinnert, als ich während einer Radtour mit meiner Liebsten in der Sonne pausierte. Wir hatten eine freie Bank auf einem Spielplatz gefunden und saßen dort, als würden wir unsere Enkel beaufsichtigen. Da gab es exakt die kurios geformte Federwippe, die im Video „Der Alltag eines Ethnologen“ schier aus dem Häuschen gerät, damals so von mir anmoderiert:

    Die Weltformel? Ein Mann hatte im Mescalinrausch stets einen Satz vor Augen, in dem alle Weisheit der Welt enthalten schien. Doch wenn er aus dem Rausch erwachte, war die Antwort verflogen. Deshalb legte er sich Bleistift und Papier zurecht, um die Weltformel festzuhalten. Und tatsächlich gelang es ihm, den Satz aufzuschreiben. Beim Erwachen langte er nach dem Zettel und las die Weltformel. Da stand in krakeligen Buchstaben: „Die Banane ist gelb.“
    Dass die Dinge sind, wie sie sind, ist das wirklich die Weltformel? Die Banane ist gelb und nirgendwo schwarz? Auf diese Frage hat der Blogger Merzmensch in seinem Film „DER ALLTAG EINES ETHNOLOGEN“ eine „ethnologisch-ontologische Antwort“ gegeben: Die Welt ist MERZ. Sehenswert!