Holz

Mit einem Mal war alles aus Holz. Die Dinge ringsum waren aus Holz, aber auch die gesamte Kommunikation war Holz. Er selbst war auch aus Holz. Seine Gedanken waren Holz, wie aus verschieden großen Plakatschriften typografisch zusammengestellt. Durch seinen Holzkopf zogen Wörter aus dem Sachbereich Holz. Selbst die Wörter waren aus Holz. Holzhammer, Holzwurm, Holzstapel, Holzklotz, Holz vor der Hütten, Holztisch, Holzhaus, Holzverkleidung, Holzweg, das hölzerne Bengele. Und Lieder auch: „Mit einer hölzern Wurzel, Wurzel, Wurzel , Wuhurzel …“

Bagatelle – Wo Weckeruhren reden

In der Nacht, in der ich nicht schlief, mich nur unruhig im Bett herum wälzte, in jener Nacht stellte ich plötzlich fest, dass der Stecker meiner Nachtlampe gezogen war. Er lag nutzlos am Boden, so dass ich im Notfall nicht Licht machen konnte. Ich lag grübelnd da, wer das wohl getan haben mochte. Ob es aus Bosheit geschah? War es der Auftakt gewesen zu einer lichtscheuen Schandtat, die ich in letzter Sekunde vereitelt hatte? Mich beunruhigte, dass mir entgangen war, wie sich jemand neben meinem Bett zu schaffen gemacht hatte. Dann raffte ich mich auf und schob den Stecker wieder in die Steckdose zwischen meinem Bett und dem Nachtschrank. War es nötig, Licht zu machen? Sollte ich mich überzeugen, dass ich allein im Zimmer war? Darüber muss ich wohl eingeschlafen sein.

Ich erwachte aus unruhigem Schlummer. Durch den Vorhangspalt sickerte der junge Morgen. Ich richtete mich auf und stellte meine Füße auf den Teppich. Um mich herum schien alles in Ordnung zu sein. Nicht sogleich dachte ich an die leere Steckdose und den gezogenen Stecker. Zuerst musste ich mich in dem Durcheinander im meinem Kopf zurecht finden. Aha, ich bin also kein Seehund, sondern der und der, habe kaum geschlafen, erst auf Morgen zu, draußen ist die Stadt, mit der ich langsam vertraut werde. Ich höre die üblichen Geräusche. Gleich habe ich einen Termin. Ich hole den Wecker aus der Schublade und sehe nach der Uhrzeit. Den hatte ich in der Nacht wieder zwischen meine Socken legen müssen. Anfangs war er ganz leise gewesen, und ich hatte ihn gekauft, weil er nicht tickte. Doch inzwischen hat er zu flüstern begonnen, flüstert unentwegt „BagatelleBagatelleBagatelle“ und zwar so schnell nur ein Automat flüstern kann, mindestens dreimal in einer Sekunde, eigentlich aber diese Zeiteinheit missachtend. Es könnte durchaus sein, dass nur zweieinhalb Bagatellen in die Sekunde passen, die letzte etwa bis „Baga“ oder „Bagatel“, mit oder ohne Doppel-L. Diese komplizierten Überlegungen hielten mich eine Weile gefangen, so dass ich erst später einen Kontrollblick auf die Steckdose an der Wand zwischen meinem Bett und dem Nachtschränkchen warf.

Sie war weg. Es gab dort keine Steckdose. Das weiße Kabel der Lampe verschwand hinter meinem Bett und steckte verborgen in einer am Boden liegenden Doppelsteckdose. Ich hatte die Verkabelung selbst verlegt, als mein neues Bett aufgebaut war. Denn zwischen dem leicht schrägen Kopfende des Bettes und der Wand befindet sich ein Spalt, in dem gerade Platz genug ist für Kabel und Doppelsteckdose. Von ihr bekommen auch zwei Wandleuchten links und rechts des Kopfendes bei Bedarf Strom.

Jetzt stehe ich vor der Frage, ob ich nach der unruhigen Nacht in meiner vertrauten Welt aufgestanden bin, die genug Ordnung und Symmetrie hat und sauber verkabelt ist, so dass ich im Bett liegend sogar zwei Lichtschalter bequem erreichen könnte, ob ich aber in der Nacht ganz woanders war, in einer Welt der leisen Bedrohung, in der ich eine Steckdose zwischen meinem Bett und dem Nachtschränkchen und nächtliche Besucher habe, die mir den Stecker aus der Dose ziehen und mir schaden wollen. Das zu akzeptieren, fiele mir nicht schwer. Für die Konstanz der Welt, in der wir leben, gibt es keinen Beweis, nur den Glauben, dass sie so ist, wie wir sie erleben. Fatal wäre es nur, wenn zwischen diesen meinen Welten eine Art Pendeltür bestünde, und ich könnte ungewollt hindurch fallen in einer unruhigen Nacht.

Mit Strümpfen winken

Es ist reichlich albern, einem Arzt mit einem Strumpf zu winken. Ich habe das getan. Die Frage, ob ich vielleicht das eine oder andere Rad ab hätte, kann ich vorsorglich verneinen. Ich winke sonst nie mit Strümpfen, kann mir auch keinen vernünftigen Grund dafür denken. Die Tat ist aus einem Überschwang an Dankbarkeit entstanden, und das kam so: Am vergangenen Freitag ist mir beim Abtrocknen ein Weinglas zu Boden gefallen und zerbrochen. Ich sammelte die Scherben auf, übersah allerdings ein paar Splitter. Samstagmorgen sagte, was in mir klüger ist als ich, ich könnte doch meinen Staubsaugerroboter mal durch die Küche fahren lassen. Das ist eine gute Idee, dachte ich, vergaß aber, sie in die Tat umzusetzen.

Am Nachmittag kochte ich einen aufwändigen Auflauf, für dessen Vorbereitung ich in der Küche umhergehen musste und trat achtlos in einen Glassplitter. Der schlitzte mir ein Loch in den Socken und setzte sich fest in meiner Fußsohle. Aua! Besser nicht darauf rumlaufen, um ihn nicht noch tiefer hineinzutreiben. Am Ende gerät er noch in die Blutbahn und fährt mir wie das Mini-U-Boot im SF-Film „Die phantastische Reise“ pfeilgrad ins Hirn.

Trotzdem musste ich natürlich umherhumpeln. Man glaubt gar nicht, wie viele Gänge für die alltäglichen Verrichtungen nötig sind. Ich konnte mir den Schaden ansehen, konnte den Splitter sogar fühlen, doch es war mir unmöglich, ihn zu entfernen. Gelenkigere Leute als ich, also kleine Kinder und Schlangenmenschen, können sich ihre Fußsohle unter die Nase halten. Ich nicht, obwohl kein olfaktorischer Hinderungsgrund vorlag. Die in vielen Dingen kompetente Frau an meiner Seite hat in ihrer Jugend sogar eine staatliche Prüfung als Schwesternhelferin abgelegt, doch sie war leider nicht an meiner Seite, sondern aus Gründen unerreichbar fern. Ich habe verschiedenes ausprobiert und kann mitteilen, was nicht funktioniert, beispielsweise eine Sohle aus Luftpolsterfolie zu schneiden. Als sie gut saß, fein mit einer Leukoplastbindung justiert, platzten die Luftpolster beim ersten Schritt. Eine junge Dame hat mal bei mir einen Haargummi hinterlassen. Den wie einen Ring um die Stelle gelegt und befestigt, kann man sich auch sparen. Er drückt sich einfach platt. Also musste ich das Wochenende so verbringen und auf einen frühen Termin in der Arztpraxis meines Vertrauens hoffen. Die Ärztin, zu der ich immer gehe, war leider erst um 10:30 Uhr verfügbar, aber um 10:20 Uhr hatte ich bereits einen Termin bei meiner Zahnärztin, weil mir ein Stück vom Zahn abgebrochen war.

Man könnte sagen, ich hätte eine kleine Pechsträhne, aber zumindest das Pech mit dem Glassplitter hatte ich selbst verschuldet, weil ich mal wieder ein Bruder Leichtfuß gewesen war. Obwohl ich sonst nur Ärztinnen an mich heranlasse, hielt ich um 8:45 Uhr einem Kollegen den Fuß hin. Der brauchte nur fünf Minuten, um mit der Pinzette zwei Glassplitter aus meiner Fußsohle zu ziehen. Er zeigte sie mir stolz, aber ohne Brille sah ich gar nichts.
„Das nenne ich ärztliche Kunst!“, rief ich erleichtert, nachdem er die kleine Wunde verpflastert hatte. Im Rausgehen sagte er noch: „Sie sollten davon keine Beschwerden mehr haben. Ich glaube, ich habe alles erwischt.“

Ich wollte ihm zum Dank winken, aber vergaß, dass ich meinen Strumpf in der Hand hielt. Es war mir im Augenblick peinlich, doch ich sagte mir, dass ein Arzt in seinem Berufsleben mancherlei Absonderlichkeit erlebt. Da kann ihn ein Wink mit einem Socken nicht schocken, zumal er ganz frisch und sauber war.

Impulswerkstatt – traumhaftes Schlüsselerlebnis

Nachdem mein Vater gestorben war, schliefen meine jüngere Schwester und ich im verwaisten Ehebett. Abwechselnd durften wir zur Mutter ins Bett. Irgendwann, ich muss etwa zehn Jahre alt gewesen sein, entschied meine Mutter, dass ich nicht mehr mit im Bett schlafen dürfte. Es war wie die Vertreibung aus dem Paradies der Geborgenheit.
Zu dieser Zeit war das Zimmer meines jüngsten Onkels im Haus meiner Großeltern verwaist, weil er in Bonn Jura studierte und dort eine Studentenbude hatte. In seinem Zimmer sollte ich hinfort schlafen. Ich fühlte mich wie ausgesetzt.

Das Zimmer lag allein auf der ersten Etage und hatte noch einen Vorraum. Die offene Verbindungstür war durch einen Vorhang abgetrennt. Das angrenzende Zimmer stand leer. Ich hatte im Zimmer meines Onkels große Angst, starrte bis zum Einschlafen auf den Vorhang und oft narrte er mich durch eine scheinbare Bewegung. Eines Nachts wurde ich wach mit dem Gedanken, ich hätte keinen Schlüssel, um zu Hause aufzuschließen. Wie im Tran stand ich auf und tappte, nur mit dem Schlafanzug bekleidet, die dunkle Treppe hinunter in den Hausflur. Ich erinnere mich, dass der Hausschlüssel meiner Großeltern von innen steckte, so dass ich aufschließen konnte. Die Landstraße lag ruhig. Das Licht der Gasolin-Tankstelle drüben warf einen trauten Schein. Ich querte die Straße und ging die wenigen Schritte bis zur elterlichen Wohnung. Dort stellte ich mich unters Schlafzimmerfenster und rief. Nach einer Weile kam meine Mutter ans Fenster und fragte entsetzt:
„Hannes, was machst du denn hier?“
„Ich habe doch keinen Schlüssel“, sagte ich und wusste im selben Moment, dass ich keinen Schlüssel brauchte, um nach Hause zu gehen. Da erst kam ich zur Besinnung, spürte die nächtliche Kälte und dass ich barfuß war.

Schlüsselbild als Schreibimpuls – Foto: Myriade

Im Haus meiner Großeltern war große Aufregung. Sie hatten gehört, wie ich aufgeschlossen hatte und gegangen war. Ich war froh, wieder in mein Bett kriechen zu können. Am nächsten Morgen hörte ich, dass ich geschlafwandelt hatte. Noch heute bin ich mir unsicher, ob es wirklich Schlafwandeln gewesen ist. Denn ich habe in dieser Nacht durchaus wahrgenommen, was ich tat.

Mein Beitrag zu Myriades Impulswerkstatt.

„Ist hier irgendwo Schwarz?“

Ziemlich genau zwölf lange Jahre ist es her, da waren im Teppichhaus Trithemius bei Blog.de ein Dutzend Kurzfilm-Videos zu sehen, die von Blogger*Innen meiner damaligen Community für die Mitmach-Aktion „Kurzfilmtage im Teppichhaus“ gedreht worden sind. An einen surrealen Beitrag von Freund Merzmensch wurde ich am letzten Sonntag erinnert, als ich während einer Radtour mit meiner Liebsten in der Sonne pausierte. Wir hatten eine freie Bank auf einem Spielplatz gefunden und saßen dort, als würden wir unsere Enkel beaufsichtigen. Da gab es exakt die kurios geformte Federwippe, die im Video „Der Alltag eines Ethnologen“ schier aus dem Häuschen gerät, damals so von mir anmoderiert:

    Die Weltformel? Ein Mann hatte im Mescalinrausch stets einen Satz vor Augen, in dem alle Weisheit der Welt enthalten schien. Doch wenn er aus dem Rausch erwachte, war die Antwort verflogen. Deshalb legte er sich Bleistift und Papier zurecht, um die Weltformel festzuhalten. Und tatsächlich gelang es ihm, den Satz aufzuschreiben. Beim Erwachen langte er nach dem Zettel und las die Weltformel. Da stand in krakeligen Buchstaben: „Die Banane ist gelb.“
    Dass die Dinge sind, wie sie sind, ist das wirklich die Weltformel? Die Banane ist gelb und nirgendwo schwarz? Auf diese Frage hat der Blogger Merzmensch in seinem Film „DER ALLTAG EINES ETHNOLOGEN“ eine „ethnologisch-ontologische Antwort“ gegeben: Die Welt ist MERZ. Sehenswert!

Verkehrt

„Als ich erwachte, lag das elterliche Schlafzimmer im Dämmer. Die Sonne des frühen Nachmittags schien durch den verschlissenen gelben Vorhang. Das Zimmer im warmen Schummerlicht war mir vertraut. An der Wand hing mein ganzer Stolz, die Weltkarte eines Margarineherstellers, auf der kleine Zeichnungen anzeigten, aus welchem Land die Rohstoffe für die Margarineherstellung kamen. In der gläsernen Lampenschale an der Decke krabbelte eine Fliege. Wenn sie gelegentlich summend aufflog, wurde ihr Schatten unsichtbar. Nach einer Weile Irrflug, bei dem sie mehrfach leise knallend gegen die Decke stieß, plumpste sie wieder in die Schale und wurde erneut sichtbar. Ich wandte den Blick ab, schaute hinunter und erstarrte.

Zu meinen Füßen lag ein Löwe und beobachtete mich regungslos. Er war weinrot. Ich wusste, es war nur der Faltenwurf der Steppdecke, der zufällig die Form eines liegenden Löwen hatte, aber wusste es der Löwe auch? Meine Angst wich nicht, und ich rührte mich nicht, bis meine Mutter das Zimmer betrat und mich aus der Gefahr erlöste.“

    „Wie alt bist du gewesen?“, fragte Coster.
    „Schätzungsweise fünf Jahre.“
    „Dann hast du eine frühkindliche Erfahrung geschildert, als du noch im magischen Denken befangen warst. Es regt sich allerdings schon die Erinnerung an die Wirklichkeitserzählung, in der Löwen nicht aus Steppdecken gemacht sind.“
    „Wirklichkeitserzählung?“
    „Die in einer Kultur übliche Weltsicht. Sie wird dominant, wenn die Sprachentwicklung abgeschlossen ist. Die Sprache gibt das Interpretationsraster vor. Aus ihr ist die Wirklichkeitserzählung gemacht und durch sie wird sie gefestigt. Was bislang außerhalb der Erzählung möglich war, wird nun ausgeschlossen und zum Bestandteil des magischen Denkens erklärt.“
    „Geben Sie ein Beispiel für die Wirklichkeitserzählung!“
    „Ein grundlegendes Element unserer Wirklichkeitserzählung ist die Rechtshändigkeit. Es werden auch Linkshänder geboren wie du weißt.“
    „10 bis 15 Prozent der Neugeborenen sind Linkshänder.“
    „Ja, doch unsere Sprache schließt sie aus. Es jemandem recht machen, Rechtes tun enthält einen moralischem Anspruch, recht im Sinne von richtig ist die herkömmlich Lebensordnung und Recht ist die staatliche Gesetzgebung. Rechtgläubig ist bei uns der Christenmensch, im Straßenverkehr gilt die Rechts-vor-Links-Regel. Kinder werden aufgefordert: „Gib das gute Händchen!“ Auch die Linkshänder unter ihnen lernen, dass die rechte Hand gemeint ist. Und nicht zuletzt bestimmt die Rechtschreibung die Form der schriftlichen Kommunikation. Da liegt die Idee nah, dass man Linkshänder beim Schreibenlernen auf Rechtshändigkeit umtrainiert.“
    „Es hat auch praktische Gründe: Linkshänder verdecken mit der Schreibhand das jüngst Geschriebene und verwischen es sogar.“
    „Deshalb ist ihnen linksläufige Schrift angemessen, linksläufige Spiegelschrift wie Leonardo da Vinci sie schrieb. Zum Glück haben ihn tumbe Schulmeister nicht umtrainiert. Er wäre nicht das Genie, als das er uns bekannt geworden ist.“
    „Das ist reine Spekulation, Coster. Es fehlt ein vergleichendes System, um das beweisen zu können. Zudem sind Leonardos Aufzeichnungen schwer zu lesen. Wenn man Linkshänder Spiegelschrift schreiben lässt, erschwert es die Kommunikation mit ihnen.“
    „Besser als die körperliche und psychische Gewalt des Umerziehens. Aber egal, es geht um die Wirklichkeitserzählung und wie sie Erscheinungen der Wirklichkeit einteilt in richtig und falsch, existent und nichtexistent. Nicht immer ist die Wirklichkeitserzählung beständig. Manche Menschen können sie bewusst ignorieren. Dann lässt sich das Alltägliche kritisch betrachten und neu bewerten. Eine nützliche Sache für Schriftsteller und Künstler. Doch wenn die Wirklichkeitserzählung unwillkürlich vergessen wird, geschehen den Betroffenen seltsame Dinge. Die Psychologie hat einen Namen dafür: Derealisationserleben. Umtrainierte Linkshänder erleben plötzlich ihre Gliedmaßen nicht mehr als ihre eigenen. Eine Freundin, eine umerzogene Linkshänderin, betrat mal einen ihr sonst vertrauten Supermarkt und fand ihn spiegelverkehrt.“
    „Hat sie wieder herausgefunden?“
    „Ja, aber sie musste an bedrohlichen Löwen aus Steppdecken vorbei.“
    T U P P E S !

Alptraum von Agenten

Unter Agenten gibt es den Fall des sogenannten Schläfers, also eines schädlichen Agitateurs, der eine Weile unauffällig und unerkannt unter einer bürgerlichen Tarnung lebt, um dann irgendwann aktiviert zu werden. Der bekannteste Fall ist der des Kanzlerspions Günter Guillaume.

Im Traum war ich in ein großes Mietshaus in der Endzeit der Nazidiktatur versetzt. Ich war ohne Zutun Mitglied einer Gruppe, die sich dem heimlichen Erhalt alter Nazistrukturen verschrieben hatte. Das wurde nicht offen ausgesprochen, aber ich sah es, sobald ich darauf aufmerksam geworden war. Man besaß und verwendete beispielsweise nur deutsche Produkte und vermied Fremdwörter, lehnte also überhaupt kulturelle Einflüsse von anderen Völkern ab. Mir war bald klar, dass es in all den Häusern der Stadt ähnliche Schläferzellen geben musste, wusste aber nicht, was dagegen zu tun wäre. Hier versickerte mein Traum, gab mir aber zu denken.

Nur scheinbar beruhigend wäre die Vorstellung, die Mitglieder der Schläferzellen würden alt und gebrechlich oder würden wegsterben, bevor sie gesellschaftliche Bedeutung erlangen könnten, entsprechend der Parabel, die Bert Brecht durch Herrn Keuner erzählen lässt in „Maßnamen gegen die Gewalt“:

    „In die Wohnung des Herrn Egge, der gelernt hatte, nein zu sagen, kam eines Tages in der Zeit der Illegalität ein Agent, der zeigte einen Schein vor, welcher ausgestellt war im Namen derer, die die Stadt beherrschten, und auf dem stand, daß ihm gehören solle jede Wohnung, in die er seinen Fuß setzte; ebenso sollte ihm auch jedes Essen gehören, das er verlange; ebenso sollte ihm auch jeder Mann dienen, den er sähe. Der Agent setzte sich in einen Stuhl, verlangte Essen, wusch sich, legte sich nieder und fragte mit dem Gesicht zur Wand vor dem Einschlafen: „Wirst du mir dienen?“ Herr Egge deckte ihn mit einer Decke zu, vertrieb die Fliegen, bewachte seinen Schlaf, und wie an diesem Tage gehorchte er ihm sieben Jahre lang. Aber was immer er für ihn tat, eines zu tun hütete er sich wohl: das war, ein Wort zu sagen. Als nun die sieben Jahre herum waren und der Agent dick geworden war vom vielen Essen, Schlafen und Befehlen, starb der Agent. Da wickelte ihn Herr Egge in die verdorbene Decke, schleifte ihn aus dem Haus, wusch das Lager, tünchte die Wände, atmete auf und antwortete: „Nein.““

Dass man irgendwann „Nein“ würde sagen können und die Sache wäre erledigt, ist sicher eine trügerische Hoffnung. Die Schläferagenten haben Nachkommen, unschuldige Kindlein, die mit der Zeit verdorben werden. Und sind sie bereit, Macht zu übernehmen, beherrschen sie all die schmutzigen Kniffe sowie die schädlichen rhetorischen Mittel und setzen die Skrupellosigkeit ihre empathielosen Eltern mit der Kraft ihrer Jugend ein, sind also noch schrecklicher und bösartiger als ihre fett und faul gewordenen Vorfahren. Also wird das Verderbte, das Asoziale weiterleben in den Häusern und nach gesellschaftlicher und politischer Macht streben, um genau dort weiterzumachen, wo die Großväter gescheitert sind.

Wintersonne, ein Versehen

Auf der Nordseite meiner Wohn- und Arbeitsstube habe ich zwei Fenster, eines ist zweiflüglig. Wenn ich im Sommer den Kopf wende und hinausschaue, sehe ich in das dichte Laub einiger Bäume, so dass es nicht viel Vorstellung bedarf zu glauben, dort wäre der Waldrand. Wenn die Bäume jedoch kahl sind wie derzeit, sehe ich durch sie hindurch wie durch einen unsauber gezimmerten Knüppelverhau. Weit hinten ziehen Autos über den Schnellweg, und just dahinter scheinen sich Häuser zu erheben. Ich schreibe bewusst „scheinen sich zu erheben“, denn ich habe diese Häuser noch nie gefunden. Bei Tag und bei Nacht bin ich in ihre Richtung gegangen, fand eine wenig verlockende Straße, die durch den Tunnel einer Unterführung strebt als hätte sie ein Ziel, fand Zäune und Ziegelmauern, einen weitläufigen Parkplatz, der durch ein stählernes Tor versperrt ist, große Plakatwände, noch mehr Plakatwände, doch warum? Wo sind Augen, sie zu sehen? Menschen leben hier nicht. Ich will es nicht wahr haben.

Und wieder schaue ich hinüber, sehe die Dächer, die roten Dachschindeln und kann mir darunter einen Dachboden denken, wo zwischen aufgespannten weißen Bettlaken junge Menschen sitzen und Plakate malen. Welch ein Idyll, so hoffnungsfroh. Doch da! Es poltern Schritte die Stiegen hinauf. Die Jugendlichen räumen rasch ihre Sachen weg. Zu spät. Grimmige Schergen stürmen herein und ergreifen sie. Die sich wehren, werden von schweren Stiefeln zu Boden getreten. Dann zerrt man sie hinaus und hinab.

Die Dächer wieder so friedlich unter der Wintersonne. Ich habe versehentlich eine Taste berührt, so dass ich ab -sonne in Fettschrift schreibe. Kurios.

Neue Nachrichten vom Nichtstun

Südkoreaner hätten keine Zeit für Hobbys, wurde in einer Arte-Dokumentation gesagt, weil die Gesellschaft derart vom Konkurrenz- und Leistungsgedanken durchdrungen sei. Da bin ich heilfroh, kein Koreaner zu sein. Mein Hobby ist, einfach nur dazusitzen. Eigentlich ist mir die Sache nicht geheuer. Indem ich sie zum Hobby erkläre, ist sie weniger unheimlich. Hier passt das eingewanderte Wort „Hobby“ besser als das deutsche „Steckenpferd.“ Ein Steckenpferd muss geritten werden. Zwar ist Reiten eine sitzende Tätigkeit, aber es verlangt körperlichen Einsatz. Wer hätte nicht schon einen herangaloppierenden Westernhelden vor Augen gehabt, wie er sich über den Hals seines Gauls hängt und ihn mit den Zügeln drischt oder eine Dressur-Reiterin in Frack und Zylinder, die albern mit dem Unterkörper wippt. Das alles will ich einfach nicht. Ich will nur da sitzen. Aber es ist nicht wirklich ein Willensakt. Immer öfter wüsste ich, was zu wollen ist, tue es aber nicht, sondern sitze da und bin unfähig, mich zu erheben, auch aus misslicher Lage nicht, wenn mir der Sitz unbequem wird, ein Fuß einschläft oder beides oder türelürelü.

Mein Blick gleitet dann zum Fenster hinaus ins nun kahle Geäst der Eiche und ich ertappe mich dabei, eine Ordnungsstruktur zu suchen. Unordentliches Gestrüpp mag ich nicht. Es beschäftigt meinen Geist, wenn ich eigentlich gar nichts tun will, nicht einmal Ordnungsstrukturen sehen. Meine Liebste hat eine Zimmerpflanze, die völlig wirr dahin wächst. Noch nie zuvor habe ich so ein Durcheinander im Blattwuchs gesehen, schlimmer als die zerwühlteste Bettfrisur. Mit Rücksicht auf mich wurde das Chaosgewächs in eine Ecke verbannt. Da auch in meinem Sprachsystem keine unaufgeräumten Stellen geduldet sind, habe ich eben nachgesehen, wie die Pflanze heißt, nämlich Beaucarnea recurvata, zu Deutsch „Elefantenfuß.“

Dieser Text hier könnte viel viel witziger sein. Ich könnte die Angelegenheit stärker ausmalen, kuriose Aspekte aufsuchen und sprühende Pointen zur Erheiterung der geneigten Leserschaft einbauen. Das aber widerstrebt meinem Hobby. Es tut mir nicht mal leid für die erwartungsfrohe Leserschaft, denn eigentlich will ich nichts anderes als Nichtstun.

Woher kommt nur mein Hang zum Nichtstun? Meinen Großvater habe ich in Erinnerung, wie er in seinem Lehnstuhl neben dem Ofen saß und gar nichts tat. Allein seine Finger trommelten leise auf den hölzernen Lehnen. Ich bin gewiss ein würdiger Nachfahre. Nur mit den Fingern trommle ich nicht. Ich sitze einfach nur da und verkörpere die Evolution der Tatenlosigkeit.