message from mars

Vor Tagen ging ich die Straße lang, als vor mir einer aus der Haustür trat und etwas Seltsames tat. Ich konnte keinen Sinn darin sehen, weshalb ich dachte, die Begebenheit verschweigst du lieber. Am Ende steckt irgendein Quatsch dahinter, der Typ war ein ganz normaler Abgesandter der Quatschwelt, und ich bin darauf reingefallen. Gestern überholte mich eine junge Frau, lief mit eiligen Schritten davon und tat das Gleiche wie der Kerl, den ich lieber verschwiegen hätte. Sie war schon zu weit weg, so dass ich nur unscharf sehen konnte, was sie tat.

Sie hielt ihr Smartphone waagerecht an ihren Kopf, als wollte sie eine Schublade hineinschieben. Waagerecht vor dem Mund gehalten, das habe ich schon gesehen. Aber waagerecht an den Kopf? Gibt es solche Smartphones, die man in ein Kopfschubfach hineinschieben kann? Oder was habe ich da zum zweiten Mal gesehen? Es wäre sicher bequemer, als ein Smartphone waagerecht außen an den Kopf zu halten, wie es auch der Kerl getan hat, der vor mir aus der Haustür trat. Er musste schon drinnen damit begonnen haben, Vielleicht hatte er bereits so gefrühstückt oder war schon so aufgewacht – mit dem Smartphone an der Birne. Man weiß es nicht. Ich glaube inzwischen sowieso, alle um mich herum leben in einer parallelen Quatschwelt alternativen Realität.

Ich erinnere mich genau, wann meine und die alternative Welt begonnen haben auseinanderzudriften. Das war in den 1990-er Jahren in Aachen. In der zur Straße offenen Front eines Modeladens standen drehbare Ständer mit Herrenhemden. Ein junger Mann drehte lustlos am Ständer und befummelte Hemden. Mit der Rechten hielt er ein Mobiltelefon ans Ohr, aber senkrecht, wie es damals üblich war, und sprach mit einer fernen, vielleicht auch imaginären Person. Er sagte: „Was weiß ich, was ich für eine scheiß Hemdengröße hab‘.“

So hat alles angefangen. Ich habe gelesen, die seltenen Erden, die zum Bau von Mobilfunkgeräten benötigt werden, kommen aus Afrika. Kleinwüchsige, rachitische Kinder kriechen in enge Stollen, die durch nichts gesichert sind, und graben das Zeug mit bloßen Händen aus, damit im fernen Aachen jemand mitteilen kann, dass er seine „scheiß Hemdengröße“ nicht kennt.

Schade um den milden König

Mitten in der Nacht wachte ich auf. Mir war kalt. Im Dämmer des Schlafzimmers schaute ich aus nach meiner Zudecke. Sie hatte sich zu einem unförmigen Knäuel geballt und schien so verbleiben zu wollen, denn mir war es schier unmöglich, sie zu entwirren und zu glätten. In einer Pause zwischen den vergeblichen Bemühungen muss ich wieder eingeschlafen sein. Ich erwachte frierend am hellen Tag. Die Zudecke lag friedlich ausgestreckt neben mir. Nun gibt es ja durchaus Eigenleben in menschlichen Betten. Man weiß von mikroskopisch kleinen Spinnmilben, die sich in menschlichen Betten wohlfühlen, ja dort ganze Weltreiche bevölkern. Die Idee, dass ein dicker fetter Milbenkönig, ein mitleidloser Despot, sich einen zusammengeraubten Harem der Schönsten des Landes halten könnte, weil er auf einem Schatz meiner Hautschuppen sitzt, hatte mich schon eine Weile verfolgt. Just wegen dieser Vorstellung hatte ich die neue Zudecke gekauft, denn es dürfte eine Weile dauern, bis auch sie besiedelt wäre. Zumindest am Anfang wären demokratische Verhältnisse unter einem gerechten Herrscher, einem milden König, in der neu entstehenden Population möglich.

Die Widerspenstigkeit der Zudecke schien mir nicht mit derlei Welten zu tun zu haben, sondern auf eine höhere Ebene des Lebens zurückzugehen. Indem ich darüber nachsann, wurde mir klar, dass es sich nicht um Eigenleben handeln konnte. Dafür war diese Zudecke nicht komplex genug. Wenn sie nächtens tat, was sie nicht tun sollte, musste es sich um eine Manifestation handeln, bei der die Zudecke das Medium war, dessen sich eine Kraft bediente.

Aus der Literatur ist mir ein solcher Fall bekannt. Bei einem Strandgang findet ein Mann eine Pfeife, die er von Verstopfungen durch Salz- und Sandkrusten säubert. Die Pfeife hat eine bedrohliche Inschrift. Er bläst trotzdem hinein, bringt aber keinen hörbaren Ton heraus. Ihm ist, als hätte er eine flatternde Gestalt herbeigepfiffen, die aus weiter Ferne heraneilt. Nächtens vermerkt er Unruhe im leeren zweiten Bett in seiner finsteren Kammer. Er glaubt, ein Freund, mit dem er den Urlaub verbringen wollte, sei spät eingetroffen und habe sich ins Bett gelegt, ohne ihn zu wecken. Doch der Freund ist nicht da. im Bettzeug hat sich eine gespenstige Gestalt manifestiert.

In der nächsten Nacht erwachte ich mit Beklemmungen. Die Zudecke hatte sich um meine Brust gewickelt, reichte mir bis unters Kinn. Das war aus zweierlei Gründen nicht gut. Mein Bett war von meiner Brust abwärts ausgekühlt. Ich fürchtete um das Reich des milden Herrschers. Auch kam ich ins fruchtlose Grübeln, ob und wie ich in letzter Zeit gepfiffen hätte.

Voller Sorge legte ich mich am nächsten Abend ins Bett, träumte unruhig. „Jetzt ist alles in Ordnung“, sagte eine Frauenstimme. Das fand ich aber gar nicht. Unter der ausgestreckten Zudecke hatte ich derart geschwitzt, dass mein Schlafanzug unangenehm an mir klebte. Ich wagte nicht, mich zu rühren, denn jede Bewegung verstärkte das Gefühl der Nässe. Wo ich lag, war das Bett durchnässt, das Kopfkissen, die Zudecke auch.

Der milde König wird wohl ertrunken sein, sein treues Volk desgleichen.

Aus dem Jenseits

Ich bin zweifellos tot. Bei 25 Grad Körpertemperatur lebt kein Mensch mehr. Um mich herum, ich staune kaum, hat sich nichts verändert. Noch immer schaue ich in die mit Rauhfaser chaotisch tapezierte kleine Dachgaube. Noch immer beschäftigt mich die Frage, in welcher Abfolge die zugeschnittenen Fetzen wohl geklebt worden sind und wer es getan hat. Hat sich ein ausgewachsener Tapezierer in die Gaube gekrümmt oder wurde sie von einem klein gewachsenen Lehrling tapeziert? Enttäuschung keimt in mir auf. Warum denke ich mit dem letzten Aufmerksamkeitsfunken meines sterbenden Gehirns derlei müßigen Kram? Wo bleibt der Film meines Lebens, der dem Sterbenden die letzten Sekunden versüßt. Entschuldigung, unscharf formuliert. Ach, jetzt muss ich das auch noch aufdröseln. Vor den Augen anderer Sterbenden zieht natürlich nicht der Film meines Lebens vorbei, sondern deren eigener Film. Obwohl, gegen eine Schutzgebühr würde ich meinen Film teilen. Schon allein der vielen ekstatischen Momente wegen könnte mein Lebensfilm ein Renner … Wenn ich allein an die Kollegen denke, deren größte Verzückung darin bestanden hat, beim Mensch-ärgere-dich-nicht das vierte Männchen als erster ins Häuschen setzen zu können. Doch jetzt bin ich tot und muss nicht mal mehr an diese beamteten Langweiler denken. Das ist die schöne Seite am tot sein. Köstlich!

Ich schlage den Weg ein, der ins Nirgendwo zu führen scheint. Mir folgt eine ganze Heerschar. Unfassbar, wie viele Menschen zeitgleich mit mir gestorben sind. Auch eine große Zahl Kinder ist dabei. Ich setze mich an die Spitze des Zugs. Ein Mann kommt an meine Seite und sagt: „Ich bin froh, dass ich die Kinder nicht allein beaufsichtigen muss.“ „Warum? Die Kinder sind tot.“

Der Weg verengt sich, steigt leicht an und knickt nach links ab. Plötzlich brandet zu unseren Füßen der Verkehr einer sechsspurigen Autobahn. Von der Seite wird langsam eine Fußgängerbrücke heran geschwenkt. Der Mann neben mir macht einen Schritt nach vorn. Ich halte ihn zurück: „Warum so eilig, Kollege? Das Jenseits rennt dir nicht davon.“ Vor uns klafft eine Lücke. Er wäre auf die Autobahn gestürzt. Ob es nötig war, ihn daran zu hindern? Kann man toter als tot sein? Über den Schwenkarm der Brücke schleppt ein Alter ein Brett heran. Er schiebt es in die Lücke zu unseren Füßen. Jetzt können wir die Brücke betreten.

Wir gehen hinüber.

Einiges über unerklärliche Ereignisse

Auf dem Gehweg schiebt ein androgyn wirkender Mann sein mit dem Einkauf bepacktes Fahrrad an mir vorbei. Obwohl die Sonne durch diverse Wolkenlöcher lacht, trägt er Regenhose und Regenjacke. Vor einer Stunde ist ein kleiner Regenguss niedergegangen, vermutlich just als er zu Hause aufgebrochen ist. Vorsorglich hat er sich gegen das Nasswerden geschützt. Ich hätte ihm abgeraten, denn mit Regenhose und Regenjacke verbinde ich Erfahrungen, die ich magisch zu nennen wage, obwohl der Leiter unserer Schreibgruppe das Wort auf die rote Liste gesetzt hat.

Einst bin ich mit einem Freund die Kaiserroute von Aachen nach Paderborn geradelt. Ab Tag zwei hat es ununterbrochen geregnet. Am 3. Tag, als wir unter einer Brücke einen heftigen Schauer abwarteten, fand mein Begleiter ein Zaubermittel. Er zog eine Regenhose über, und danach hat es keinen Tropfen mehr geregnet. Es ist also etwas Magisches mit Regenjacken und -hosen. Sie sollen vor Regen schützen, doch hüllt man sich darin, regnet’s nimmer, sondern die Sonne lacht und zaubert ein tropisches Klima in die Regenhülle. Der Mensch beginnt zu triefen und ist bald von eigenen Körpersäften durchnässt. [Zeichnung → von mir]

Als ich noch ein Auto besaß, konnte ich Regen machen. Wenn ich mein Auto gewaschen habe, was nicht oft vorkam, wenn es also frischgeputzt da stand, verzeichnete die Untere Aachener Kanalbehörde ein Regenereignis, das die DIN-Normen für ergiebigen Landregen weit überschritt und für das die Kapazitäten der Kanalisation nicht berechnet worden waren, weshalb das Wasser fröhlich aus den Gullys sprudelte. Hatten sie ein Garten- oder Grillfest geplant, luden Nachbarn mich ein und quatschten mir ein Ohr ab, damit ich eventuell gehegte Autowaschgelüste vergaß. Auch bei anhaltender Trockenheit waren meine Dienste begehrt. Dann hieß es: „Ihr Auto hat wieder mal eine Wäsche nötig. In der Zeitung stand, der jüngst herüber gewehte Saharastaub greife den Lack an und müsse dringend abgewaschen werden.“ So nötigte man mich zum Autowaschen, obwohl es wegen Wasserknappheit längst verboten war.

Wenns nun am Tag der „versoichten Sophie“ immer regnet, wie eine Teestübchenbesucherin gestern geschrieben hat, haben wir es wieder mit Ursache-Wirkungs-Phänomenen abseits rationaler Erklärungen zu tun, mit Phänomen, die hier schon öfter „Fehler im galaktischen Betriebssystem“ genannt worden sind, landläufig aber auch als magisch bezeichnet werden können.

Ein Bettabenteuer

    „Ich kenne einen Schriftsteller, der, nachdem er sich Wochen hindurch vergeblich abgemüht hatte, einen geeigneten Stoff aufzutreiben, endlich auf den possierlichen Gedanken kam, eine Entdeckungsreise unter seine Bettstelle zu veranstalten. Das Ergebnis des waghalsigen und gefährlichen Unternehmens war jedoch, wie jedermann ihm, der es bewerkstelligte, zum voraus hätte sagen können, gleich Null.“
    (Robert Walser, Das Zimmerstück)

Ich habe unter meinem Bett nachgesehen, aber nicht um ein Thema zu finden, sondern weil das undankbare Teil erneut unter mir eingebrochen ist. Vor nun fast elf Jahren ist es schon einmal geschehen. Ich kam von einer pataphysischen Forschungsreise zurück und hatte im ICE gesprächeshalber den ägyptischen Sonnengott Re beleidigt, dessen Name bei Nacht nicht genannt werden darf. Die unbotmäßige Namensnennung war eher versehentlich geschehen, so dass ich hoffte, Re oder Ra würde sie nicht rachsüchtig ahnden. Was dann geschah, hier im O-Ton:

    Gegen zwei Uhr in der Nacht legte ich mich ins Bett und war der Meinung, meine pataphysische Forschungsreise sei nicht nur erfolgreich gewesen, sondern auch ohne nennenswerte Zwischenfälle verlaufen. Sollte der ägyptische Sonnengott, dessen Namen ich vorsichtshalber jetzt nicht erwähne, sollte er einen Groll auf mich gehabt haben, so hatte er mich offenbar nicht gefunden. Im selben Augenblick gab mein Bett Geräusche. Obwohl ich mich nicht bewegte, begann es mehr und mehr zu knarren. Das Knarren ging in ein Knarzen über, dem Geräusch von brechendem Holz. Dann eine Sekunde des Verharrens, und indem ich aufatmete, brach mein Bett ein. Die Matratze sackte unter mir nach unten und blieb dann in der Schwebe.

    Ich machte Licht, stand auf und betrachtete den Schaden. Dazu musste ich das Bettzeug ausräumen und die Matratze hochstellen. Unter der Mitte meines Bettes hatten sich zwei breite Stützen befunden. Beide waren abgebrochen und hatten mir damit einen leisen Schrecken eingejagt. Da musste ich schmunzeln. Offenbar war die verderbliche Anweisung des ägyptischen Sonnengottes nicht ordentlich ausgeführt worden war, als er selbst die Sache nicht überwachen konnte, weil er bekanntlich bei Nacht nicht da ist. Da ich nicht mitten in der Nacht zu tischlern anfangen wollte, schob ich einen alten Setzkasten mitten unter mein Bett und erhöhte ihn durch zwei Versandhauskataloge und die beiden abgebrochenen Bretter. Das hält, und ich schlief ziemlich gut auf dem Relikt der Schwarzen Kunst, den tausendfachen Verheißungen der Kataloge und zwei stabilen Stützbrettern.

Vor einigen Jahren schon hatte mein Sohn den Schaden repariert. Vorgestern am hellen Tag nun dachte ich nichts Böses, erst recht nicht an den ägyptischen Sonnengott. Es bestand keine Veranlassung, denn jede Schmach verjährt doch einmal. Ich ließ mich also arglos auf eine Bettkante sinken. Die Seite brach ohne Weiteres ein. Was heißt hier „ohne Weiteres?“ Ich erwarte nicht, dass mein Bett onomatopoetische Gedichte rezitiert, bevor es einbricht. Aber ein warnendes Knarzen wird man doch wohl verlangen dürfen. Alles ging holterdiepolter, zackzack, ratzfatz – die gesamte Leiste, die das Lattenrost tragen sollte, riss auf voller Länge ab und ließ die Matratze absacken. Wer mir jetzt unterstellt, ich hätte zuviel Bettgymnastik betrieben, erkläre mal bitte, wieso mir tags zuvor am Ende einer wirklich schönen Radtour die Kette gerissen ist, weshalb meine aparte Begleiterin und ich gut vier Kilometer zu Fuß gehen mussten. Plausibler ist, hier eine erneute Bestätigung von Murphys Gesetz anzunehmen: „Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen.“ Gemäß der tröstlichen Erweiterung: „[…] und man findet immer jemanden, der es wieder in Ordnung bringt“, brachte mir meine fürsorgliche Begleiterin gestern sechs Klinkersteine und half mir, die Leiste damit abzustützen. Das brachte Entspannung an der Bettenfront, denn ich kann mir jetzt Zeit lassen, bis die Läden wieder öffnen, um ein neues Bett zu kaufen.

Unkeusches Geld und ein Gottesräuber

Ein Gottesräuber ist keiner, der Kirchen ausraubt. Obwohl das Wort nicht mal im Duden steht, weiß ich Gottesräuber, was das ist, denn ich habe keinen irdischen Gegenstand aus der Kirche mitgehen lassen, ich habe Gott höchstpersönlich geraubt. Zum Zeitpunkt meiner Erstkommunion war ich etwa zehn Jahre alt und hatte in der Vorbereitung gelernt, wie man als guter Katholik zu beichten hat. Die Beichte muss aufrichtig sein, sonst ist sie ungültig. Wer nach einer ungültigen Beichte zur Kommunion geht, ist ein Gottesräuber. Meine Erstbeichte war ungültig, und das kam so:

Der alte Fünf-Markschein trug auf seiner Rückseite ein Abbild der nackten Europa auf dem Stier. Ich hatte ich mir die nackten Brüste der Europa angeschaut. Das habe ich gebeichtet, denn mir schien, das fiel unter das 6. Gebot „Unkeuschheit“, zumal ich neuartige, durchaus schöne Regungen in mir verspürt hatte. Ich weiß noch, wie ich im hölzernen Beichtstuhl kniete, meine Beichte herunterleierte, bis ich ans fürchterliche sechste Gebot kam, auf das die Priester immer so neugierig waren. Mit Herzklopfen flüsterte ich meine Todsünde. Der Priester fragte nach: „Hast du das denn absichtlich getan?“ Ich traute mich nicht mit der Wahrheit heraus, sondern sagte: „Nein.“ Er sagte „dann ist es nicht so schlimm“, und erteilte mir die Absolution.

Todsünde! Heidnische Schweinerei auf Geld

Er hätte natürlich sagen können, Abbildungen auf Geld sind nicht unkeusch, Geld überhaupt ist unkeusch, aber weil jeder es irgendwann in die Hand bekommt, ist dessen Betrachtung keine Todsünde. Aber er war genau wie ich völlig verkorkst durch die verklemmte katholische Sexualmoral, ja, er hatte sie mir sogar eingetrichtert und meine kindliche Seele in Gefahr gebracht. Dann, als es am Tag meiner Erstkommunion ununterbrochen geregnet hat, dachte ich folgerichtig, das wäre ein Zeichen göttlichen Unmuts über meinen Gottesraub. Die Strafe war aber irgendwie unlogisch, denn wenn ich Gott geraubt hatte, wurde er ja selber nass.

In unserer Nachbarschaft gab es einen Jungen, der noch mit 17 Jahren Angst vor allem Weiblichen hatte. Wenn die Rede auf Kontakte mit Mädchen kam, schrie er „Küssen? Todsünde!“ Ein Freund von mir hat ihn Jahre später wieder getroffen, als beide in Kiel studierten. Mein Freund sagte, er habe im Leben noch nicht so einen versoffenen, verhurten Kerl gesehen. Mir scheint das die logische Folge von zu lange aufgestauter sexueller Energie zu sein. Wenn der Damm der katholischen Sexualmoral einmal bricht, sind die Folgen verheerend. Vor einer Weile hat Der Bund der Katholischen Jugend in einer vom Papst beauftragten Studie herausgefunden, dass die katholische Sexualmoral für neun von zehn katholischen Jugendlichen keine Rolle spielt. Man kann das aus Sicherheitsgründen nur begrüßen, weil gewiss nicht alle Opfer der verklemmten katholischen Sexualerziehung so manierliche, verantwortungsvolle und artige Menschen werden wie ich.

    „Ich danke es dem lieben Gott tausendmal, dass er mich zum Atheisten hat werden lassen.“ (Georg Christoph Lichtenberg)

Mindestabstand zu mir

Wie ich den Mindestabstand zu mir selbst einhalte? In der katholischen Ohrenbeichte kann man sich von all seinen Übeltaten distanzieren. (Zum Thema Beichte erzähle ich morgen die Geschichte meines Urgroßvaters, wie er den Beichtstuhl samt Pastor umgeworfen hat.) Da ich aus der Kirche längst ausgetreten bin, distanziere ich mich auf eigene Hand von allem, was ich wissentlich oder unwissentlich meinen Mitmenschen angetan habe. Eine andere Form der sozialen Distanz von mir selbst praktizierte ich gestern beim Zahnarzt, wo ich wegen einer entzündeten Zahnwurzel war.

Wie ich machtlos auf dem Zahnarztstuhl lag, der ja mehr eine höhenverstellbare Pritsche ist, als ich den Mund öffnete, damit die Zahnärztin und ihr Assistent darin hantieren konnten, verlegte ich mein Ich in den Mann, den ich bei meiner Ankunft gesehen hatte. Die Praxis erreicht man durch ein Gärtchen mit einem kleinen Teich. Dort stand ein Mann und fischte mit einem Kescher die herabgefallenen Kirschblüten aus dem Wasser.

„Besser das tun als gar keine Arbeit zu haben“, dachte er. Da war ich die mahnende Stimme in seinem Hinterkopf:
„Hat dich deine liebende Mutter an ihrer Brust genährt, damit du im Hinterhofgärtlein einer Zahnarztpraxis einen Teich reinigst? AUA! Ich würde meinen, diese Arbeit ist für einen müden Gaul, der sein Gnadenbrot verdienen muss, und nicht für ein kraftstrotzenden jungen Mann.“
„Lass meine Mutter aus dem Spiel!“
„Sie hatte wohl andere Hoffnungen für dich.“
„Hallo? Ich muss mich konzentrieren.“
„Was gibt es denn da zu konzentrieren? Zählst du etwa jedes Blütenblatt einzeln? AAAARGH!
Sorry, ich muss mal zurück auf den Stuhl, mir wird grad schlecht.“
So einfach war die soziale Distanz von mir selbst dann doch nicht.
ÄÄÄCHZ!
Geschafft. Ein Teil von mir hält für immer Abstand. Der Zahn liegt auf einer Ablage. Die Zahnärztin triumphiert: „Ein Siebener! Da wird sich meine Schwester freuen, der fehlt noch in ihrer Sammlung.“
Und ich wurde nicht mal gefragt, ob ich ein Stück von mir für die dubiose Sammlung ihrer Schwester stiften wollte.

Zwischen vier und sechs

Er zog sich nur ein frisches Hemd an und ging ungeduscht ins Institut, um einen Termin zu vereinbaren. Die Tür zur Anmeldung war zu. Vor der Praxistür der Ärztin lehnte ein kleines Brett. Zwei Arbeiter kamen daher und fragten was. Er beachtete sie nicht. Auf dem Parkplatz traf er die Ärztin. Er sagte, dass er Schmerzen habe. Sie sagte: „Ich fliege um 15:15 Uhr nach Moskau.“
„Können Sie nicht vorher nach meinem Zahn schauen? Ich war in dieser Sache vor einem halben Jahr bei einem Zahnarzt in einer anderen Stadt. Er hat ihn nur gesäubert und ein Medikament reingelegt.“

Sie fühlte ihm einfach in den Mund und tastete nach dem schmerzenden Zahn. Er wunderte sich, denn sie trug keine Handschuh. Hauptsächlich ärgerte er sich, dass er noch ungeduscht war. Es schien ihr nichts aus zumachen. Eine Weile waren sie zusammen unterwegs, wie er dachte, zu ihrer Praxis. Sie schäkerten miteinander und er duzte sie, entschuldigte sich aber, das wäre ihm rausgerutscht. Als sie lachte, zeigten sich bei ihr einige Zahnlücken. Sie duzte ihn später ebenfalls und küsste ihn auf den Mund. Er sagte: „Sie dürfen mich nicht duzen. Ich bin eine Respektsperson.“

Auf einem Platz waren Bänke aufgestellt. Eine improvisierte Veranstaltung wurde vorbereitet. Eine Gruppe Mensch kam daher und strebte in ein großes Veranstaltungszelt, mit ihnen ein Hauptfeldwebel in Uniform, dem der komplette Unterleib fehlte, ein offenbar Kriegsversehrter. Er sagte über den Hauptfeldwebel: „Wenn man mir im Einsatz den Unterleib weg geschossen hätte, würde ich nicht weiter in Uniform rumlaufen.“ Später tat ihm leid, so unsensibel gewesen zu sein, von rumlaufen konnte ja keine Rede sein, und er schränkte ein: „Naja, vielleicht ist die Bundeswehr sein einziger Halt.“ In der Nähe stand sein Fahrrad. Er holte es und radelte los zu ihrer Praxis. Überall standen riesige Wasserlachen, die er durchfahren musste. Sie brauste mit ihrem BMW davon.

    Ein Traum zwischen der Stunde des Wolfes und sechs Uhr. Der Termin ist um 10:30 Uhr. „Wir machen nur Notfallbehandlung“, sagte Frau Doktor am Telefon.

Schreiben in der Linie 100

An einen unreinen Reim meiner Mutter muss ich denken, indem ich mein Notizbuch aufschlage: „Ich bin ein dummer Esel, kann schreiben und es selbst nicht lesen.“ Es wird wohl ein Vers aus ihrer Schulzeit gewesen sein, als Lehrer Tiervergleiche bemühten, um eine unleserliche Handschrift anzuprangern. Meine Notizen sehen aus, „als wäre ein Hahn übers Papier gelaufen.“ Entschuldigung? Ich schrieb im Bus mit dem Notizbuch auf den Knien. Neben mir saß Anna und machte es genauso. Ihre Idee: „Wir schweigen zehn Minuten und schreiben auf, was wir in dieser Zeit sehen.“

Start am Lindener Markt. Montagnachmittag etwa 17:10 Uhr. Vor dem Eisladen stehen Leute mit Eis. Den Fußweg blockiert ein E-Roller. Im Beet rund um einen Baum, der Fachbegriff ist „Baumscheibe“, prunken die gelben Osterglocken. Ich bin immer geneigt zu denken, das sollen die noch nicht. Zu kalt und zu früh. Wenn du mich fragst, wer die Welt so beschleunigt, dass der Frühling ins Jagen kommt, dann sind es die Osterglocken. Osterglocken treiben den Frühling voran wie Peitschen einen Kutschgaul. Trotzdem bitte ich darum, keine Osterglocken niederzutrampeln. Keiner sagt, dass diese Barbarei den Frühling verlangsamt.

Aber was zum Teufel heißt das? Ich hätte nicht fünf Tage bis zur Niederschrift warten sollen. Am darauffolgenden Dienstag hätte ich alles noch erinnert.

Frau drückt Kippe aus, am Ihmezentrum. Vermutlich an einem überquellenden Mülleimer. Ein Mann trinkt eine Flasche leer und stellt sie sorgsam an eine Hausecke, seine milde Gabe für Flaschensammler. Weiter unten (nicht im Bild) steht etwas von einem Mann mit Mietfahrrad, das nachfolgende Verb unleserlich. „Trithemius, setzen, sechs!“

Damit Anna und ich überhaupt zusammen im Bus sitzen konnten, ging dem etwas Kurioses voraus: Wir waren auf dem Weg zu Bushaltestelle, als der Bus von der Seite einbog und weiter voraus hielt. Anna lief vor, ich aber lief nicht. Es geziemt sich nicht in meinem Alter, einem Bus hinterherzulaufen. Ich sah sie einsteigen, zischend schlossen sich die Türen, doch als ich an der hinteren anlangte, öffnete sie sich. Anna hatte dem Busfahrer gesagt:

    „Der ältere Herr müsste bitte auch noch mit.
    Sonst weiß ich nicht, wo ich aussteigen soll.“

Hast du dafür Worte?

    UPDATE 08.03. Die letzte Notiz auf dem Zettel bedeutet:
    „Vor dem Café Safran sitzen schon Leute … in der Sonne.“

Geschnarrt, geschellt und geklingelt

    Wenn, als ich jung war, geklingelt oder geklopft wurde, ward ich vergnügt, denn ich dachte, nun käme es. Jetzt, wenn es klopft, erschrecke ich, denn ich denke: “da kommt’s”
    (Arthur Schopenhauer, 1822)

Seit ich vor 12 Jahren meine Wohnung bezogen habe, erschreckte ich regelmäßig vor meiner Türklingel. Sie klingelte gar nicht, sondern gab einen heftig schnarrenden Ton von sich. „Schnarren“ trifft es auch nicht. Hättest du noch ein paar onomatopoetische Wörter bereit, dass ich den Klingelton wenigstens verbal konservieren kann? Warum? Gibt es nichts Wichtigeres auf der Welt als meine Türschnarre? Vielleicht. Wer will das entscheiden? Zumindest wäre ihr kurz nachzurufen, denn gestern wurde bei uns an der Haustür ein schickes neues Klingelbrett installiert. Im ganzen Haus bekamen wir neue Haustelefone mit Türöffner. Ich musste den Monteur in meiner Wohnung alleine lassen, denn ich hatte einen Termin. Als ich zurückkam, war das neue Teil an der Wand, so dass ich das alte nicht einmal hätte fotografieren können. Bevor ich ging, hatte mir der Elektriker noch die „Bedienungsanleitung für den Endkunden“ in die Hand gedrückt. Wieso „Endkunde?“ Früher wäre ich mit dieser Frage unruhig zu Bett gegangen und hätte schlecht geträumt von einem Endgegner oder so. Dank Internet konnte ich vor dem Schlafengehen die Antwort in einem Wirtschaftswiki lesen:

    „Endkunde ist der letzte Käufer bzw. Verwender eines Gutes. Da Käufer und Verwender auseinanderfallen können, zeigt sich wieder einmal, dass viele Begriffe im Marketing nicht eindeutig sind.“

Jaha! Uneindeutig. Ist halt BWL-Chinesisch. Aber kein Grund, mir das Auseinanderfallen nachzusagen. Unverschämtheit! Nochmal zurück. Alleweil ändert sich was, und wie es zuvor war, das versinkt sang- und klanglos im Orkus. Ich gestatte mir, daran zu erinnern, wie ich mal völlig unberechtigte Angst vor meiner Türschnarre hatte:

    Neun Uhr morgens. Unten auf der Ecke wartete ein Taxi. Ich schaute eine Weile hin, aber es kommt kein Fahrgast. Für einen Augenblick überlegte ich, ob ich ein Taxi bestellt hätte. Dann wunderte ich mich, dass ich, noch im Schlafanzug hinterm Fenster stehend, mir überhaupt eine derartige Frage stelle. Wie lange wird der Taxifahrer dort unten warten, bevor er ungeduldig wird, aussteigt und irgendwo Sturm klingelt, womöglich brutal meine Schelle presst, so dass ich mitmuss wie ich grad bin. Wo lasse ich mich hinfahren? Im Schlafanzug könnte ich mich höchstens auf der Limmerstraße zeigen. Da würde ich im Schlafanzug nicht auffallen. Allein die Durchgeknallten, die Lindener Sumpfblüten würden mich für ihresgleichen halten wie die Penner damals in Aachen, als ich in den Eingang ihres Sauftreffs gefallen bin.

    Da kam ich Abends mit dem Rad aus der Stadt, hatte was getrunken und kein Licht am Rad. Ich radelte die Trierer Straße hoch. Plötzlich überholte mich ein Polizeiauto. Damit sie mich nicht drankriegten, hielt ich an, wollte meinen rechten Fuß auf den Bordstein setzen, trat daneben und fiel der Länge nach in den zur Straße offenen Eingang einer Trinkhalle, wo sich die Berber des nahen Bahnhofs Rothe Erde trafen, um Bierflaschen und Jägermeisterfläschchen leerzulutschen.

    Ich fiel also in den Eingang und wurde von den anwesenden Pennern mit freundlichem „Hohoho!“ und „Hallohallo!“ begrüßt. Offenbar war das Hineinfallen die angemessene Weise, die Trinkhalle zu besuchen, und ich hatte mich schon im Sturz als einer der ihren qualifiziert.

    Aufgerappelt und nochmal zurück. Wieso kann ich mich fragen, Männer, ob ich ein Taxi bestellt habe, nur weil es vor dem Haus wartet? Wieso sagt mir die innere Gewissheit nicht, dass ich derlei nicht zu denken brauche? Zweifel an der Gewissheit sind ja nach Wittgenstein nur im Sprachspiel möglich.
    „Hoho, der feine Herr fährt Taxi und zitiert Wittgenstein!“
    „Hat nur den Schlafanzug am Hintern, aber lässt sich hochherrschaftlich kutschieren!“
    „Pah! Wittgenstein! Nach John Locke gründet zwar alle Erkenntnis auf Erfahrung, aber alle Gewissheit auf Intuition.“
    „Entschuldigt! Darüber muss ich erst in Ruhe nachdenken. Bis später dann!“

Upps, nochmal Glück gehabt. Und der Taxifahrer? Meine neue Klingel lässt sich abstellen. Soll er getrost meine Schelle pressen, ich hörs ja nicht, hehe.