Herr Overath

Ich träumte, mein Name wäre Overath, und ich wäre Verkäufer im Kaufhof, dem an der Marktkirche in Hannover, ging durch den Ausgang hinaus, der auf die Große Packhofstraße mündet, um zu rauchen. Auf dem dortigen Platz waren einige Menschen unterwegs. Plötzlich klingelte mein Mobiltelefon. Der Abteilungsleiter war dran und fragte: „Herr Overath, was machen Sie? Sie können doch nicht einfach während der Arbeitszeit hinausgehen und rauchen.“
Ich schaute mich um und entdeckte zwischen den Passanten den Abteilungsleiter mit dem Mobiltelefon am Ohr.

Advertisements

Intuition. Man muss drauf hören

Ich weiß nicht genau, was dazu führte, dass ich vor etwa sechs Wochen beschloss, nur noch vegan zu leben. Mein Körper hat anfangs protestiert. Aber ich gewöhnte ihn um. Mir war schon aufgefallen, dass ich in letzter Zeit ziemlich kraftlos gewesen bin. Beim Lesen oder Fernsehen nickte ich ständig ein. Aber besonders zeigte sich das beim Gehen. Es fiel mir immer schwerer, schnell zu gehen, und das, obwohl ich deutlich abgenommen habe. Beim Frühstück dachte ich, dass ich gerne mal wieder Camenbert auf meinem Brötchen hätte, nicht nur zum Ansehen, sondern auch um herzhaft reinzubeißen.

Nun ergab eine Blutuntersuchung vor ein paar Tagen, dass ich einen Mangel an Vitamin B 12 habe, typisch für Veganer. Und da die Apotheke die mir verschriebenen B-12-Tabletten nicht vorrätig hatte, sah ich im Internet nach, welche Lebensmittel B12 enthalten, und siehe da, Camenbert ist auch dabei. Schon früher war mir aufgefallen, dass etwas in mir klüger ist als ich. Da ich aus dem Veganismus keine Religion machen will, hatte ich keine Skrupel, Brötchen mit Camenbert zu essen. Seither fällt mir das schnelle Gehen leicht, und ich habe mein Intervalltraining wieder aufgenommen.

„Moooment!“, werden Neunmalkluge Skeptiker rufen und meinen Gang bremsen. „Sooo schnell können sich ein paar Brötchen mit Camenbert nicht auswirken. Das ist richtig, aber leider falsch. Der menschliche Organismus ist unter physiologischen Gesichtspunkten allein nicht zu verstehen. Vieles wird von der Psyche gesteuert. Wenn ich weiß, dass ich etwas gegen einen B12-Mangel getan habe, der Nervenimpulse verlangsamt und müde macht, wenn ich also spüre, dass mein Körper die Ernährungsumstellung begrüßt, setzt das, was klüger ist in mir, die nötigen Energien frei, mich in meiner Entscheidung zu bestärken.

Was klüger ist in mir staunte, nein, zürnte sogar, als mir gestern unmotivierte Ablehnung entgegenschlug. Ich erlebe, wenn überhaupt, meistens das Gegenteil, also unmotivierte Zuneigung. Die unmotivierte Ablehnung wurde mir in einer Apotheke zuteil. Eine hübsche junge Frau nahm meinen Abholzettel entgegen und holte aus dem rückwärtigen Lager mein Medikament. Sie benahm sich nicht unfreundlich, aber in allem was sie tat, war ein widerwilliges Zögern. 49,95 Euro wollte sie von mir haben, und ich fragte, ob sie mir vom Rezept eine Kopie machen könne. Sie schaute mich gleichmütig an, bis ich begriff und einen 50-Euro-Schein zückte. Sie gab mir fünf Cent zurück und kopierte das Rezept. Dann holte sie die Kopie aus dem rückwärtigen Raum und legte Rezept und Kopie auf den Tresen. Ich sagte: „Müssen Sie die Kopie nicht unterschreiben?“
„Kann ich machen“, sagte sie und kritzelte einen Schnubbel hin. Nichts war gegen mich gerichtet, aber etwas in mir war froh, der Frau den Rücken kehren zu können. Und am liebsten wäre ich zurückgegangen und hätte die Scheibe eingetreten.

„Warum haben Sie das getan?“, fragt der Polizist. „Scheibe eintreten. In Ihrem Alter, dz, dz!“
„Intuition. Man muss drauf hören.“
„Wie jetzt?“
„Die Apothekerin hat mich innerlich abgelehnt. Dabei hatte ich ihr keinen Grund gegeben. Ich wollte nur meine Tabletten abholen.“

In sich gekrümmte Räume und Lob des Rauschs

Derweil er durch den Regen eilte, hatte er seinen Weg vor Augen, der noch zu gehen wäre, bevor er sich ins Trockene retten konnte. Er sah sich entlang von Hausfronten streben, vor der Haustür den Schlüssel zücken und aufschließen, sah sich auf der Treppe und wie er die Wohnungstür aufschloss und sah sich endlich ankommen. Inzwischen hatte er sich dem Haus genähert, stand bald vor der Haustür, hastete die Treppe hinauf und schloss erleichtert die Wohnungstür auf. Endlich die nasse Mütze absetzen, sie auf die Heizung legen, sich der Schuhe entledigen. Seine Strümpfe waren an den Zehenspitzen völlig durchnässt, weil seine Sneakers natürlich nichts waren, um durch regennasse Straßen zu eilen. Während er seine Kleidung gegen trockene Sachen tauschte, dachte er über das Seltsame der Zeitdimension nach. Es war doch alles so unglaublich dicht beieinander, sein Gang durch den Regen, seine geistige Vorwegnahme des Ankommens, der Wechsel seiner Befindlichkeit von durchnässt und frierend zum behaglich Trockenen. Noch unterwegs zu sein auf der Straße unten war weiterhin greifbar nah. Schaudernd versetzte er sich zurück auf die Straße in den strömenden Regen.

Wie oft schon hatte er beim Erklimmen einer Steigung mit dem Rad, wenn die Muskeln längst übersäuert waren, sein Körper protestierte, weil er ihn die brutale Steigung in einer Haarnadelkehre hinauf zwang, wie oft hatte er sehnsüchtig zur Kuppe oben geschaut und sich gewünscht, er wäre schon dort. Und kurze Zeit später war er dort, als wäre alles gleichzeitig vorhanden und nur eine Illusion würde sein Ich in der Haarnadelkurve von dem Ich auf der Kuppe trennen.

Aus der Küche trug er sein Frühstück zum Wohnzimmertisch. Er musste zweimal gehen, weil er die Kaffeetasse vergessen hatte. „In der 4. Dimension liegt die Küche direkt neben meinem Esstisch im Wohnzimmer“, dachte er. Just hatte er eine Grafik von Maurits Cornelis Escher vor Augen, der mit fast mathematischer Genauigkeit solche in sich gekrümmten Räume gezeichnet hatte. Als hätte Escher Zugang zur 4. Dimension gehabt, entweder durch eine Schwachstelle in seiner Wirklichkeitsauffassung oder durch Einwirkung von außen. H.P. Lovecraft hatte eine solche äußere Einwirkung in „Die Musik des Erich Zann“ beschrieben. Der Geiger Erich Zann fidelt irrwitzige Weisen, die nicht von dieser Welt stammen. In seiner Dachstube muss ein Fenster in eine andere Dimension sein. Aber das ist Literatur. Ernsthaft hätte er, Trithemius, durchaus Grund anzunehmen, dass der Raum um ihn herum in sich gekrümmt ist, was natürlich nur metaphorisch zu verstehen ist. Es ist eine sprachliche Hilfskonstruktion, die erlaubt, das scheinbar Unmögliche zu denken. Die vierte Dimension ist in unserer Welt existent, wie die zweite und die erste Dimension auch. Es muss einem nur gelingen, das beschränkte dreidimensionale Wirklichkeitserleben aufzubrechen.

Herr Putzig staunt über das Objekt in seinen Händen, das es nicht geben dürfte – Foto: Sandra Klieman – Fotomontage: JvdL


Im Rausch hatte er schon Ahnungen von der 4. Dimension gehabt. Wenn die Welt sich zu drehen schien, dann drehte sie von rechts nach links, immer die gleiche Szenerie drehte und drehte sich von rechts nach links weg, ohne je an den Ausgangspunkt zurückzudrehen, was ja in der 3. Dimension ein Ding der Unmöglichkeit ist. Vielleicht sind nur unsere auf euklidische Logik getrimmten Wahrnehmungskategorien verantwortlich dafür, dass wir die dreidimensionale Welt erleben wie sie uns normal erscheint. Die vierte Dimension ist gleichzeitig vorhanden, aber wir nehmen sie nur wahr, wenn die Logik durch Rauschzustände ausgeschaltet ist. Loben wir also den Rausch. Und Erich Zann soll aufspielen!

Den Falschen zu predigen, ist auch keine Lösung

Es fällt schwer, in der Maserung der Dielenbretter keine Gesichter zu sehen. Pareidolie=Hineinsehen heißt das Wahrnehmungsphänomen. Wo in meinen Dielen zwei Astlöcher dicht beieinander stehen, sehe ich Augen. Jeder Mensch sieht das. Es ist eine anthropologische Konstante. Sie geht vermutlich auf frühkindliche Eindrücke zurück, nämlich auf den ersten Eindruck, den der Säugling vom Gesicht der Mutter gewinnt. Wir finden die Konstante in der einfachen Zeichnung: „Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Mondgesicht“ wie auch in der modernen Form, dem Smiley.

Seit einigen Tage sehe ich in den Dielenbretter vor meiner Badkammer das Gesicht eines treuherzig nach oben blickenden kleinen Fuchses und frage mich, wen er wohl anblicken mag. Ignorieren möchte ich die Zwiesprache des kleinen Prinzen mit dem Fuchs, dessen Worte „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“ durch tausendfaches Zitieren gänzlich banal geworden sind. Nein, dieser fabelhafte Dialog ist bereits zu abgedroschen. Ich erinnere mich vielmehr an den Heiligen Franz von Assisi. Dieser merkwürdige Heilige trat niemals auf ein Stück Papier, das am Boden lag. Egal wie unscheinbar der Fetzen, es könnte der Name Gottes darauf stehen. Und es verbietet sich, darauf zu treten. In dieser Vorstellung sind die Schriftzeichen des Namens gleich gesetzt mit der Sache, also Gott, womit ich nicht gesagt haben will, dass Gott eine Sache ist. Nicht dass man mir das Teestübchen abfackelt.

Franz predigte den Tieren zu Lande, den Fischen im Wasser, den Vögeln in der Luft. Zu diesem Heiligen sieht der Fuchs auf. Er muss bereits eine Weile der Predigt gelauscht haben, denn seine Augen wirken wach wie nach einer gewonnenen Erkenntnis. Welche Erkenntnis mag das sein? Wenn Franz ihm vom Schöpfergott gepredigt hat, geht die Erkenntnis über das Fuchsdasein hinaus. Wie schrecklich. Ab nun ist es ihm verwehrt, seiner Fuchsnatur gemäß ein Huhn bei der Kehle zu packen, es tief bis ins Blut zu beißen und zu schütteln, bis es aufhört zu zappeln. Im schönsten Blutrausch hält der Fuchs inne und fragt sich, was tue ich hier? Ist nicht das Huhn ein Geschöpf Gottes so wie ich? Und da ihm die vegane Ernährung noch unbekannt ist, muss er leider voller Selbstzweifel verhungern. Glücklicherweise ist er nur eine Zeichnung meiner Dielen.

Interssantes zum Thema Pareidolie

Zwei Worte für und gegen den Schmerz

„Gute Besserung!“, haben mir liebe Menschen gewünscht, nachdem ich mir eine Rippe gebrochen hatte. „Gute Besserung“ steht auf der Packung Papiertaschentücher, die mir die Apothekerin schenkte. Ärzte wünschen einem nie „gute Besserung!“ Ihr Geschäft ist das Kranksein, nicht die gute Besserung. Auch wenn sie über die professionelle Haltung hinaus ein wenig Anteil nehmen, kommt ihnen „gute Besserung!“ nicht über die Lippen. Dass es Wochen dauert, bis ich beschwerdefrei bin, haben mir alle gesagt. Da sie wissen, dass diese Geschichte ihre Zeit braucht, sparen sie sich die Floskel.

Ich las, als es mir einmal sehr schlecht ging, eine andere Floskel: Meine Schmerzen glichen denen der gebrochenen Rippe. Man glaubt es kaum, aber wann immer derzeit der Schmerz die Schmerzmittel glutheiß überstrahlt, dann denke ich, dass ich solche Schmerzen, diese sengenden Stiche zwischen den Rippen, schon einmal zuvor erlebt habe. Aus Gründen hatte ich mich im Sommer 2005 von Lisette getrennt und all ihre Versuche, mich zurückzugewinnen abgewehrt.

Bei der Bundestagswahl im September war ich Wahlvorstand, musste nach der Stimmauszählung den Koffer mit den Stimmzetteln und Wahlunterlagen ins Verwaltungsgebäude der Stadt Aachen bringen. Danach bummelte ich zum Rathaus. Dort war ich mit meinem jüngsten Sohn verabredet. Wir wollten im Krönungssaal zusammen die Wahlpartie erleben. Er kam nicht. Nachdem ich etwa eine Stunde gewartet hatte, beschloss ich zu gehen, stieg die Treppe hinab, und da kam mir entgegen – Lisette! Wir hatten uns Wochen nicht gesehen und waren elektrisiert. Wie selbstverständlich begleitete ich sie zurück in den Krönungssaal, wo wir einige Stunden verzaubert nebeneinander standen. Auf großen Bildschirmen lief die „Elefantenrunde“ mit den Spitzenkandidaten der Parteien. Gerhard Schröders arroganter Auftritt sollte legendär werden, in dessen Folge Angela Merkel Bundskanzlerin wurde. Ich habe gelegentlich zu den Bildschirmen hochgeschaut, doch nichts, aber auch nichts mitbekommen.
Weiterlesen

Protokoll einer besinnungslosen Nacht

Ich kam mir schon wie ein Simulant vor, als ich am Nachmittag bei meiner Ärztin saß. „Lange nicht gesehen“, hatte sie mich begrüßt. Und ich hatte gesagt: „Ja, mir ging’s zu gut. Drum habe ich mich mit einem Fahrradsturz selber ausgeknockt.“
„Tja, passiert“, sagte sie. Überhaupt taten alle Ärzte so, als wäre es das selbstverständlichste der Welt, sich eine Rippe zu brechen.
„Sie sollten das nicht zum Anlass nehmen, auf Radfahren zu verzichten“, sagte sie noch. Da war ich fast schmerzfrei und hätte mich glatt wieder aufs Rad setzen wollen.

Am Abend jedoch, hatte eine unbedachte Bewegung erneut einen höllischen Schmerz freigesetzt, den ich in keiner Stellung lindern konnte. Da wusste ich nicht, mich zu lassen. Einzig mein TV-Sessel bot mir Halt genug. Ich schaute mir das beknackte Programm an, zog mir einige Wiederholungen rein, wartete und hoffte auf „extra3“, aber als ein gutgelaunter Christian Ehring vors begeistert applaudierende Studiopublikum trat, bin ich eingeschlafen, nicht ohne vorher zu denken, diese professionellen Anheizer, Warmupper genannt, die aus vernünftigen Menschen Füße stampfende, wild klatschende und johlende Idioten machen, gehören standrechtlich erschossen. Aufgeheiztes Studiopublikum in Satiresendungen wie extra3 oder schlimmer noch in der heute show ist der wahre Irrsinn, denn wenn in den Sendungen politischer Unverstand und politisches Versagen, gesellschaftlicher und bürokratischer Schwachsinn satirisch aufgespießt werden, das Publikum anschließend klatscht und johlt, wirkt es immer wie Begeisterung über das aufgespießte Übel. Klar lässt gedankliche Trennschärfe erkennen, dass nicht die devoten Kratzfüße unserer Bundesregierung vor der Autoindustrie etwa bejubelt werden, sondern die Formen der satirisch vorgebrachten Kritik, aber indem die Bilder die beherrschende Botschaft sind, entlarvt sich im törichten Publikumsgetue, das ja stellvertretend für uns alle da sitzt, was sind wir doch für Idioten, dass wir das alles mit uns machen lassen. Klar, den Bürgern geht’s wie mir, sie können sich drehen und wenden wie sie wollen. Es tut immer weh und wird nicht besser.

Meine lieben Damen und Herren, bitte vergegenwärtigen Sie, dass ich oben bei Christian Ehrings Auftritt schon eingeschlafen bin, alles was danach kam und kommt im halbbewussten Zustand geschieht. An die Oberfläche kam noch der bizarre Auftritt der Bayern-München-Bosse, vermutlich bei ZAPP gesehen. Die Herren Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge, ein verurteilter Steuerhinterzieher und ein ertappter Schmuggler von Rolex-Uhren, beklagten sich bei einer Pressekonferenz über kritische Medienberichte, und Rummenigge untermauerte seine Klage mit dem Verweis auf Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Journalisten hätten dagegen verstoßen, indem sie die Leistung einiger Spieler von Bayern München kritisierten. Oje, das tut weh. Weh hatte mir schon Tage zuvor getan, als in der Zeit folgendes zu lesen war. (Zum gesamten Text bitte Bild anklicken!)

Nun sind ja Sportjournalisten nicht die hellsten Kerzen auf der Redaktionstorte. Aber hätte nicht ein wachsamer Kollege mit einem Rest an Sprachgefühl dem Oliver Fritsch sagen können, das obengenannte Halunkenpack besser nicht „derart hochrangig“ zu nennen? Natürlich gibt es in der Hierarchie von Ganoven welche, die das Sagen haben. Da könnte die Zeit genauso unbedarft schreiben: „Die Pressekonferenz der Hamburger St.-Pauli-Zuhälter war mit Louis Mädchenhirt und Lude Stenz erstaunlich hochrangig besetzt.“ Um Rummenigge zu zitieren: „Geht’s eigentlich noch?“ Immerhin schlafe ich schon und berichte von Alpträumen, die mir die schmerzende Rippe beschert.

Gegen Morgen war allerorten die Rede von irgendwelchen Paketbomben in den USA, die zwar nicht hoch gegangen waren, über die die tumbe ARD aber gewiss noch einen „Brennpunkt“ hinter die Tagesschau schieben wird. Irgendwann fand ich glücklich die Ausschalttaste und träumte schön von meiner jüngsten Exfreundin, das einzig Positive, wovon ich unter jetzt wieder erwachten Schmerzen berichten kann. Kollege Glumm forderte mich kürzlich zu mehr Jammern auf. Aber mehr ging beim besten Willen nicht. Bin einfach zu geschwächt.

Aua, gestürzt

Beim Radsport bin ich ab und zu schmerzhaft gestürzt und auch mehrfach mit dem Alltagsrad. Vorgestern wieder. Es gibt beim Fahrradsturz diesen Moment des Kontrollverlustes, der durchaus etwas Leichtes hat. Man fliegt ja. Aber ins schöne Fliegen mischen sich zwei Gefühle, Ärger, dass man nicht aufgepasst hat und Angst vor dem unweigerlichen Aufprall. Möglicherweise mischt sich auch noch ein Fünkchen Hoffnung ein, dass der Aufprall glimpflich verlaufen werde, aber sich dessen ganz bewusst zu werden, dazu ist der Augenblick zu kurz. Wie ich am Boden liege, ist da auch Scham, weil andere Verkehrsteilnehmer mich hatten stürzen sehen und auch noch zwei Frauen herbeieilen, um mir aufzuhelfen und sich nach meinem Befinden zu erkundigen. Ein Radsportler hat angehalten, richtet mein Fahrrad auf und lehnt es an die Mauer. „Alles in Ordnung?“, werde ich gefragt. Bei dieser beliebten, aber unpassenden Floskel, bin ich versucht zu antworten: „Jaja, so fahre ich immer, alle 50 Meter ein Purzelbaum ist in Ordnung“, aber eigentlich bin ich überfragt, bin geschockt und muss zuerst die verschiedenen Schmerzmeldungen verzeichnen, die mein Körper mir sendet. Wo tuts weh? Wie sind die Schäden? Man steckt in sich selbst, kann aber nichts Genaues sagen, zumal der Schock die Schmerzbotschaften nur zögernd passieren lässt. Wäre man eine Maschine, hätte man ein Diagnosetool. Man fragt mich, ob ein Krankenwagen erforderlich sei. Ich sage mühsam: „Nein! Ich bin Privatpatient …“ „Da haben die Ärzte schon die Dollarzeichen in den Augen“, unterbricht mich einsichtig die Frau, die mir aufgeholfen hat. „… dann drehen die mich wieder mal durch die diagnostische Mühle“, beende ich meinen Satz. Ist ja alles sinnvoll, was dann getestet, abgefragt und gemessen wird, aber oftmals zu aufwändig und für die Klinik lukrativ, für den Patienten langwierig und wenig hilfreich. Ich habe da schon seltsame Erfahrungen hinter mir.

Äußere Verletzungen habe ich nicht. Da ich langsam war vor dem Sturz, ist der Aufprall um so heftiger gewesen. Offenbar habe ich den mit der Hand zu mildern versucht. Ich spüre Schmerzen im Handgelenk. Für einen Augenblick ist mir die Luft weggeblieben, denn ich bin auf den Brustkorb gestürzt. Das wird schmerzhaft, weiß ich schon, obwohl der Schmerz sich noch in Grenzen hält, aber das sollte noch kommen – ein Alptraum beim Liegen. Man sagt mir, ich solle mich einen Moment auf die Treppe des Hauseingangs hinter mir setzen und verlässt mich mit guten Wünschen.
Erst jetzt rekapituliere ich, was mir wie geschehen ist. Zurück auf Anfang. Ich bin nach dem Einkauf nicht den kürzesten Weg nach Hause gefahren, sondern habe einen Umweg zur Post gemacht, um zwei Briefe einzuwerfen. Aber ich fahre hier auch, wenn ich nicht zur Post muss. Der Weg hat kaum Verkehr, steigt leicht an zum Von-Alten-Garten, streift den Park und mündet bei der Schule oben in eine Kreuzung, wo ich links abbiegen muss. Dort fühle ich mich unsicher, denn bei der Grünphase muss ich den Geradeausverkehr der Gegenrichtung passieren lassen, rechts von mir brandet der Geradeausverkehr in Fahrtrichtung, und just von diesen von hinten kommenden Autos fühle ich mich bedroht, weil ich sie nicht sehen kann und nicht weiß, ob die Autofahrer mich mitten auf der Kreuzung sehen. Also nutze ich verkehrswidrig das Fußgänger-Grün vor mir, um auf den linksseitigen Radweg zu fahren, muss dann aber auf den abbiegenden Verkehr achten. Das habe ich getan. Der Radweg wird dort im leichten Bogen zur Fahrbahn geführt, folglich müsste ich weit ausholen, um über die abgesenkte Stelle einzubiegen. Diesen Bogen nahm ich zu kurz, weil ein Auto einbiegen wollte, stieß deshalb an einen nur halb abgeschrägten Bordstein und stürzte über den Lenker. Da ich langsam war, prallte ich fast senkrecht auf, wodurch mein Körper die ganze Fallenergie abbekam. Fährt man schneller, fällt man im flachen Winkel, wodurch die Aufprallenergie seitlich weggeht. Das gibt zwar Schürfwunden, aber selten Prellungen.

Meine lieben Damen und Herren, ich weiß, was ich falsch gemacht habe, bitte also von derlei Anmerkungen abzusehen. Auch möge man mir nicht vorschlagen, lieber aufs Radfahren zu verzichten. Ich verlöre einen wesentlichen Teil meiner Autonomie und vor allem Lebensfreude.
Die sinnvolle Alternative wäre eine für Radfahrer sichere Verkehrsführung. Doch noch immer gibt die Straßenverkehrsordnung den Autos Vorrang vor Fußgängern und Radfahrern. Der Autolobby und dem ADAC sei Dank.