„Ist hier irgendwo Schwarz?“

Ziemlich genau zwölf lange Jahre ist es her, da waren im Teppichhaus Trithemius bei Blog.de ein Dutzend Kurzfilm-Videos zu sehen, die von Blogger*Innen meiner damaligen Community für die Mitmach-Aktion „Kurzfilmtage im Teppichhaus“ gedreht worden sind. An einen surrealen Beitrag von Freund Merzmensch wurde ich am letzten Sonntag erinnert, als ich während einer Radtour mit meiner Liebsten in der Sonne pausierte. Wir hatten eine freie Bank auf einem Spielplatz gefunden und saßen dort, als würden wir unsere Enkel beaufsichtigen. Da gab es exakt die kurios geformte Federwippe, die im Video „Der Alltag eines Ethnologen“ schier aus dem Häuschen gerät, damals so von mir anmoderiert:

    Die Weltformel? Ein Mann hatte im Mescalinrausch stets einen Satz vor Augen, in dem alle Weisheit der Welt enthalten schien. Doch wenn er aus dem Rausch erwachte, war die Antwort verflogen. Deshalb legte er sich Bleistift und Papier zurecht, um die Weltformel festzuhalten. Und tatsächlich gelang es ihm, den Satz aufzuschreiben. Beim Erwachen langte er nach dem Zettel und las die Weltformel. Da stand in krakeligen Buchstaben: „Die Banane ist gelb.“
    Dass die Dinge sind, wie sie sind, ist das wirklich die Weltformel? Die Banane ist gelb und nirgendwo schwarz? Auf diese Frage hat der Blogger Merzmensch in seinem Film „DER ALLTAG EINES ETHNOLOGEN“ eine „ethnologisch-ontologische Antwort“ gegeben: Die Welt ist MERZ. Sehenswert!

Verkehrt

„Als ich erwachte, lag das elterliche Schlafzimmer im Dämmer. Die Sonne des frühen Nachmittags schien durch den verschlissenen gelben Vorhang. Das Zimmer im warmen Schummerlicht war mir vertraut. An der Wand hing mein ganzer Stolz, die Weltkarte eines Margarineherstellers, auf der kleine Zeichnungen anzeigten, aus welchem Land die Rohstoffe für die Margarineherstellung kamen. In der gläsernen Lampenschale an der Decke krabbelte eine Fliege. Wenn sie gelegentlich summend aufflog, wurde ihr Schatten unsichtbar. Nach einer Weile Irrflug, bei dem sie mehrfach leise knallend gegen die Decke stieß, plumpste sie wieder in die Schale und wurde erneut sichtbar. Ich wandte den Blick ab, schaute hinunter und erstarrte.

Zu meinen Füßen lag ein Löwe und beobachtete mich regungslos. Er war weinrot. Ich wusste, es war nur der Faltenwurf der Steppdecke, der zufällig die Form eines liegenden Löwen hatte, aber wusste es der Löwe auch? Meine Angst wich nicht, und ich rührte mich nicht, bis meine Mutter das Zimmer betrat und mich aus der Gefahr erlöste.“

    „Wie alt bist du gewesen?“, fragte Coster.
    „Schätzungsweise fünf Jahre.“
    „Dann hast du eine frühkindliche Erfahrung geschildert, als du noch im magischen Denken befangen warst. Es regt sich allerdings schon die Erinnerung an die Wirklichkeitserzählung, in der Löwen nicht aus Steppdecken gemacht sind.“
    „Wirklichkeitserzählung?“
    „Die in einer Kultur übliche Weltsicht. Sie wird dominant, wenn die Sprachentwicklung abgeschlossen ist. Die Sprache gibt das Interpretationsraster vor. Aus ihr ist die Wirklichkeitserzählung gemacht und durch sie wird sie gefestigt. Was bislang außerhalb der Erzählung möglich war, wird nun ausgeschlossen und zum Bestandteil des magischen Denkens erklärt.“
    „Geben Sie ein Beispiel für die Wirklichkeitserzählung!“
    „Ein grundlegendes Element unserer Wirklichkeitserzählung ist die Rechtshändigkeit. Es werden auch Linkshänder geboren wie du weißt.“
    „10 bis 15 Prozent der Neugeborenen sind Linkshänder.“
    „Ja, doch unsere Sprache schließt sie aus. Es jemandem recht machen, Rechtes tun enthält einen moralischem Anspruch, recht im Sinne von richtig ist die herkömmlich Lebensordnung und Recht ist die staatliche Gesetzgebung. Rechtgläubig ist bei uns der Christenmensch, im Straßenverkehr gilt die Rechts-vor-Links-Regel. Kinder werden aufgefordert: „Gib das gute Händchen!“ Auch die Linkshänder unter ihnen lernen, dass die rechte Hand gemeint ist. Und nicht zuletzt bestimmt die Rechtschreibung die Form der schriftlichen Kommunikation. Da liegt die Idee nah, dass man Linkshänder beim Schreibenlernen auf Rechtshändigkeit umtrainiert.“
    „Es hat auch praktische Gründe: Linkshänder verdecken mit der Schreibhand das jüngst Geschriebene und verwischen es sogar.“
    „Deshalb ist ihnen linksläufige Schrift angemessen, linksläufige Spiegelschrift wie Leonardo da Vinci sie schrieb. Zum Glück haben ihn tumbe Schulmeister nicht umtrainiert. Er wäre nicht das Genie, als das er uns bekannt geworden ist.“
    „Das ist reine Spekulation, Coster. Es fehlt ein vergleichendes System, um das beweisen zu können. Zudem sind Leonardos Aufzeichnungen schwer zu lesen. Wenn man Linkshänder Spiegelschrift schreiben lässt, erschwert es die Kommunikation mit ihnen.“
    „Besser als die körperliche und psychische Gewalt des Umerziehens. Aber egal, es geht um die Wirklichkeitserzählung und wie sie Erscheinungen der Wirklichkeit einteilt in richtig und falsch, existent und nichtexistent. Nicht immer ist die Wirklichkeitserzählung beständig. Manche Menschen können sie bewusst ignorieren. Dann lässt sich das Alltägliche kritisch betrachten und neu bewerten. Eine nützliche Sache für Schriftsteller und Künstler. Doch wenn die Wirklichkeitserzählung unwillkürlich vergessen wird, geschehen den Betroffenen seltsame Dinge. Die Psychologie hat einen Namen dafür: Derealisationserleben. Umtrainierte Linkshänder erleben plötzlich ihre Gliedmaßen nicht mehr als ihre eigenen. Eine Freundin, eine umerzogene Linkshänderin, betrat mal einen ihr sonst vertrauten Supermarkt und fand ihn spiegelverkehrt.“
    „Hat sie wieder herausgefunden?“
    „Ja, aber sie musste an bedrohlichen Löwen aus Steppdecken vorbei.“
    T U P P E S !

Alptraum von Agenten

Unter Agenten gibt es den Fall des sogenannten Schläfers, also eines schädlichen Agitateurs, der eine Weile unauffällig und unerkannt unter einer bürgerlichen Tarnung lebt, um dann irgendwann aktiviert zu werden. Der bekannteste Fall ist der des Kanzlerspions Günter Guillaume.

Im Traum war ich in ein großes Mietshaus in der Endzeit der Nazidiktatur versetzt. Ich war ohne Zutun Mitglied einer Gruppe, die sich dem heimlichen Erhalt alter Nazistrukturen verschrieben hatte. Das wurde nicht offen ausgesprochen, aber ich sah es, sobald ich darauf aufmerksam geworden war. Man besaß und verwendete beispielsweise nur deutsche Produkte und vermied Fremdwörter, lehnte also überhaupt kulturelle Einflüsse von anderen Völkern ab. Mir war bald klar, dass es in all den Häusern der Stadt ähnliche Schläferzellen geben musste, wusste aber nicht, was dagegen zu tun wäre. Hier versickerte mein Traum, gab mir aber zu denken.

Nur scheinbar beruhigend wäre die Vorstellung, die Mitglieder der Schläferzellen würden alt und gebrechlich oder würden wegsterben, bevor sie gesellschaftliche Bedeutung erlangen könnten, entsprechend der Parabel, die Bert Brecht durch Herrn Keuner erzählen lässt in „Maßnamen gegen die Gewalt“:

    „In die Wohnung des Herrn Egge, der gelernt hatte, nein zu sagen, kam eines Tages in der Zeit der Illegalität ein Agent, der zeigte einen Schein vor, welcher ausgestellt war im Namen derer, die die Stadt beherrschten, und auf dem stand, daß ihm gehören solle jede Wohnung, in die er seinen Fuß setzte; ebenso sollte ihm auch jedes Essen gehören, das er verlange; ebenso sollte ihm auch jeder Mann dienen, den er sähe. Der Agent setzte sich in einen Stuhl, verlangte Essen, wusch sich, legte sich nieder und fragte mit dem Gesicht zur Wand vor dem Einschlafen: „Wirst du mir dienen?“ Herr Egge deckte ihn mit einer Decke zu, vertrieb die Fliegen, bewachte seinen Schlaf, und wie an diesem Tage gehorchte er ihm sieben Jahre lang. Aber was immer er für ihn tat, eines zu tun hütete er sich wohl: das war, ein Wort zu sagen. Als nun die sieben Jahre herum waren und der Agent dick geworden war vom vielen Essen, Schlafen und Befehlen, starb der Agent. Da wickelte ihn Herr Egge in die verdorbene Decke, schleifte ihn aus dem Haus, wusch das Lager, tünchte die Wände, atmete auf und antwortete: „Nein.““

Dass man irgendwann „Nein“ würde sagen können und die Sache wäre erledigt, ist sicher eine trügerische Hoffnung. Die Schläferagenten haben Nachkommen, unschuldige Kindlein, die mit der Zeit verdorben werden. Und sind sie bereit, Macht zu übernehmen, beherrschen sie all die schmutzigen Kniffe sowie die schädlichen rhetorischen Mittel und setzen die Skrupellosigkeit ihre empathielosen Eltern mit der Kraft ihrer Jugend ein, sind also noch schrecklicher und bösartiger als ihre fett und faul gewordenen Vorfahren. Also wird das Verderbte, das Asoziale weiterleben in den Häusern und nach gesellschaftlicher und politischer Macht streben, um genau dort weiterzumachen, wo die Großväter gescheitert sind.

Wintersonne, ein Versehen

Auf der Nordseite meiner Wohn- und Arbeitsstube habe ich zwei Fenster, eines ist zweiflüglig. Wenn ich im Sommer den Kopf wende und hinausschaue, sehe ich in das dichte Laub einiger Bäume, so dass es nicht viel Vorstellung bedarf zu glauben, dort wäre der Waldrand. Wenn die Bäume jedoch kahl sind wie derzeit, sehe ich durch sie hindurch wie durch einen unsauber gezimmerten Knüppelverhau. Weit hinten ziehen Autos über den Schnellweg, und just dahinter scheinen sich Häuser zu erheben. Ich schreibe bewusst „scheinen sich zu erheben“, denn ich habe diese Häuser noch nie gefunden. Bei Tag und bei Nacht bin ich in ihre Richtung gegangen, fand eine wenig verlockende Straße, die durch den Tunnel einer Unterführung strebt als hätte sie ein Ziel, fand Zäune und Ziegelmauern, einen weitläufigen Parkplatz, der durch ein stählernes Tor versperrt ist, große Plakatwände, noch mehr Plakatwände, doch warum? Wo sind Augen, sie zu sehen? Menschen leben hier nicht. Ich will es nicht wahr haben.

Und wieder schaue ich hinüber, sehe die Dächer, die roten Dachschindeln und kann mir darunter einen Dachboden denken, wo zwischen aufgespannten weißen Bettlaken junge Menschen sitzen und Plakate malen. Welch ein Idyll, so hoffnungsfroh. Doch da! Es poltern Schritte die Stiegen hinauf. Die Jugendlichen räumen rasch ihre Sachen weg. Zu spät. Grimmige Schergen stürmen herein und ergreifen sie. Die sich wehren, werden von schweren Stiefeln zu Boden getreten. Dann zerrt man sie hinaus und hinab.

Die Dächer wieder so friedlich unter der Wintersonne. Ich habe versehentlich eine Taste berührt, so dass ich ab -sonne in Fettschrift schreibe. Kurios.

Neue Nachrichten vom Nichtstun

Südkoreaner hätten keine Zeit für Hobbys, wurde in einer Arte-Dokumentation gesagt, weil die Gesellschaft derart vom Konkurrenz- und Leistungsgedanken durchdrungen sei. Da bin ich heilfroh, kein Koreaner zu sein. Mein Hobby ist, einfach nur dazusitzen. Eigentlich ist mir die Sache nicht geheuer. Indem ich sie zum Hobby erkläre, ist sie weniger unheimlich. Hier passt das eingewanderte Wort „Hobby“ besser als das deutsche „Steckenpferd.“ Ein Steckenpferd muss geritten werden. Zwar ist Reiten eine sitzende Tätigkeit, aber es verlangt körperlichen Einsatz. Wer hätte nicht schon einen herangaloppierenden Westernhelden vor Augen gehabt, wie er sich über den Hals seines Gauls hängt und ihn mit den Zügeln drischt oder eine Dressur-Reiterin in Frack und Zylinder, die albern mit dem Unterkörper wippt. Das alles will ich einfach nicht. Ich will nur da sitzen. Aber es ist nicht wirklich ein Willensakt. Immer öfter wüsste ich, was zu wollen ist, tue es aber nicht, sondern sitze da und bin unfähig, mich zu erheben, auch aus misslicher Lage nicht, wenn mir der Sitz unbequem wird, ein Fuß einschläft oder beides oder türelürelü.

Mein Blick gleitet dann zum Fenster hinaus ins nun kahle Geäst der Eiche und ich ertappe mich dabei, eine Ordnungsstruktur zu suchen. Unordentliches Gestrüpp mag ich nicht. Es beschäftigt meinen Geist, wenn ich eigentlich gar nichts tun will, nicht einmal Ordnungsstrukturen sehen. Meine Liebste hat eine Zimmerpflanze, die völlig wirr dahin wächst. Noch nie zuvor habe ich so ein Durcheinander im Blattwuchs gesehen, schlimmer als die zerwühlteste Bettfrisur. Mit Rücksicht auf mich wurde das Chaosgewächs in eine Ecke verbannt. Da auch in meinem Sprachsystem keine unaufgeräumten Stellen geduldet sind, habe ich eben nachgesehen, wie die Pflanze heißt, nämlich Beaucarnea recurvata, zu Deutsch „Elefantenfuß.“

Dieser Text hier könnte viel viel witziger sein. Ich könnte die Angelegenheit stärker ausmalen, kuriose Aspekte aufsuchen und sprühende Pointen zur Erheiterung der geneigten Leserschaft einbauen. Das aber widerstrebt meinem Hobby. Es tut mir nicht mal leid für die erwartungsfrohe Leserschaft, denn eigentlich will ich nichts anderes als Nichtstun.

Woher kommt nur mein Hang zum Nichtstun? Meinen Großvater habe ich in Erinnerung, wie er in seinem Lehnstuhl neben dem Ofen saß und gar nichts tat. Allein seine Finger trommelten leise auf den hölzernen Lehnen. Ich bin gewiss ein würdiger Nachfahre. Nur mit den Fingern trommle ich nicht. Ich sitze einfach nur da und verkörpere die Evolution der Tatenlosigkeit.

Lastkahn vor Wien

Ein Lastkahn glitt über die Donau Richtung Wien. Über die Ladeluken des Kahns waren wie Zeltdächer schwarze Plastikfolien gespannt. Der Regen der Nacht hatte in der Bespannung längliche Pfützen hinterlassen, wo das Wasser nicht abgelaufen war und sein Gewicht die Planen niederdrückte. Entlang dieser Pfützen saßen auf Hockern 12 attraktive Frauen, die Faktencheckerinnen eines Rundfunksenders. Sie mussten sich in den Pfützen spiegeln, um zu beweisen, dass sie keine Vampire waren. Was sie checkten, war streng geheim. Es war klar, dass bei der täglich aufkommenden Nachrichtenflut nur ein Bruchteil der Informationen gecheckt werden konnten, zumal der Sender nur die 12 Faktencheckerinnen beschäftigte. Aber der streng geheime Algorithmus des Zufallsprinzips stellte sicher, dass die Produzenten von Fakenews niemals wissen konnten, ob ihre Lügen aufgespürt und im Netz hängen bleiben würden. Jede Falschnachricht wurde an Ort und Stelle in Plastik verschweißt und hinterrücks in den Fluss geworfen, so dass der Lastkahn eine lange Spur dümpelnder Plastikpakete hinter sich herzog.

Damit die 12 Damen ob ihrer verantwortungsvollen und gewaltigen Aufgabe nicht verzagten, strich hinter ihnen der Intendant persönlich vorbei und fasste jede einzelne liebkosend an. Ja, die Welt hatte sich verändert. Alte kulturelle Errungenschaften wie die Ächtung sexueller Belästigung durch Vorgesetzte und die Vermeidung von Plastikmüll waren über Bord gegangen.

„Das war mein Traum heute Morgen, kurz vor dem Aufstehen“, sagte ich.
„Wieso Wien?“, fragte Frau Dr. Barmen, meine Therapeutin.
„Keine Ahnung. Ich denke selten an Wien und war noch nie dort. Mein Lexikon der Traumsymbole weiß nichts über Wien. Vermutlich ist es nur ein Verdreher und meint eigentlich Wein. Das bedeutet laut Lexikon: Eine Wandlung oder Belebung des Geistes lässt sich an.
Frau Dr. Barmen seufzte: „Ihren Kopf möchte ich ja lieber nicht haben.“

Herbstabend in Moll

Die bequeme Zufahrt zum Überweg ist durch fünf Exemplare der Scheuer-Idiotie verstellt. Ich halte seitlich ein wenig oberhalb, von wo ich die beiden Fahrspuren und die Straßenbahngleise überblicken kann. Als frei ist, rolle ich hinüber. Vom Herrenhausener Schloss donnert ein Lastenfahrrad heran. Dem lasse ich lieber die Vorfahrt. Eine Kollision wäre fatal. Der sonst belebte Vorplatz des Großen Gartens ist verwaist. Auch die Straße zwischen Georgengarten und der Graft des Großen Gartens scheint menschenleer zu sein. Doch da! Auf Höhe des Kassenhäuschens quert plötzlich ein Brautpaar die Straße, als wären sie geradewegs aus dem siebten Himmel gefallen.

Wo, zum Teufel, kommen die her? Die Kasse ist längst geschlossen. Im Weiterfahren schaue ich dem Paar hinterher. Das weiße Brautkleid wirkt im Dämmer fast grau, und er sieht in seinem schwarzen Frack aus wie ein Leichenbitter. Selten habe ich so ein trauriges Bild gesehen. Als wären schon am „schönsten Tag des Lebens“ alle Hoffnungen und Illusionen von ihnen abgefallen und vom Dämmer verschluckt worden. Vielleicht sind sie einbestellt gewesen von einem boshaften Hochzeitsfotografen. Jedenfalls sind ihr die Füße schwer und auch er kriegt sie nicht ordentlich hoch. Was jetzt noch kommen kann, ist Tristesse.

Jene Stunde der Dämmerung an einem stillen Herbstabend, wenn aus den Niederungen der Dunst aufstiegt und die Luft die Töne in Moll überträgt, mag ich nicht. Es ist jedenfalls keine Zeit für Hochzeitsfotografie.

Ich nähere mich der Autobahn. Wie ein zäher Brei aus unerschöpflicher Quelle zieht der Autolärm dahin, völlig gleichmäßig und eintönig, ohne je abzuebben oder anzuschwellen. Da möchte man gar nicht glauben, dass der Klangbrei von verschiedenen Automobilen erzeugt wird, die von einander völlig fremden Fahrern gesteuert werden. Wie viele müssen dicht auf dicht folgen, um gerade den Lärmbrei mit just dieser Konsistenz zu formen? Wer rührt den Brei an? Wer überwacht seine Klangfarbe? Wer ruft den sorgenden Familienvater weg vom Abendtisch und befiehlt ihm, seinen Platz in der Reihe einzunehmen? Jede Sekunde muss doch einer „Du bist gleich dran!“ hören, den Löffel auf den Esstisch fallen lassen oder von sonst wo sich erheben und in sein Auto springen, wo er den Zündschlüssel dreht und das Gaspedal trampelt, um seine gesellschaftliche Pflicht als Autofahrer zu erfüllen und Teil des Breis zu werden.

Glücklich zu Hause. Ich zünde ein Lichtlein an.

Unmut zur Unzeit

Ein Angebot von diversen Messern im Supermarkt zu 59,50 Euro. Das finde ich für ein Kochmesser nicht teuer. Da ich schon immer eines besitzen wollte, wodurch meine geringen Kochkünste geadelt würden, und gerade etwas Geld übrig habe, war ich bereit, den Betrag zu zahlen. Die Frau an der Kasse stutzte und fragte: „Haben Sie kein Heft?“ Ich hatte vorab gesehen, dass es das Messer mit einem Heft voller Rabattmarken, hier „Treuepunkte“ genannt, wesentlich günstiger geben würde, nämlich zu 19,50 Euro. Aber ich sammle keine Treuepunkte oder dergleichen, also „nein.“

Sie fragte ungläubig, aber mit mehr Nachdruck: „Haben Sie kein Heft?!“
„Nein!“
„Mal die Frau fragen.“ Gemeint war die Frau an meiner Seite, die gerade weg gewesen war, um nachträglich Süßkartoffeln abzuwiegen.
„Haben Sie kein Heft?!“
„Nein“, sagte sie irritiert.
„Nun lassen Sie mich doch einfach das Messer kaufen! Das ist doch nicht Ihr Geld“, sagte ich und klang schon weit ungehaltener als mir lieb war. Sie aber griff zum Telefon und rief den Abteilungsleiter an, schilderte den Fall und bekam das Okay, mir das Messer zu 19,50 Euro zu verkaufen.
„40 Euro gespart!“, sagte sie triumphierend, und mein gesamter Einkauf inklusiv Messer kostete jetzt soviel wie das Kochmesser alleine gekostet hätte. Ich bedankte mich, zahlte und packte beschämt meine Sachen ein. Mir tut noch heute Leid, dass ich nicht mit der Freundlichkeit der Kassiererin gerechnet habe und so ungehalten gewesen bin. Zum Glück hat die dumme Maske das meiste geschluckt.

message from mars

Vor Tagen ging ich die Straße lang, als vor mir einer aus der Haustür trat und etwas Seltsames tat. Ich konnte keinen Sinn darin sehen, weshalb ich dachte, die Begebenheit verschweigst du lieber. Am Ende steckt irgendein Quatsch dahinter, der Typ war ein ganz normaler Abgesandter der Quatschwelt, und ich bin darauf reingefallen. Gestern überholte mich eine junge Frau, lief mit eiligen Schritten davon und tat das Gleiche wie der Kerl, den ich lieber verschwiegen hätte. Sie war schon zu weit weg, so dass ich nur unscharf sehen konnte, was sie tat.

Sie hielt ihr Smartphone waagerecht an ihren Kopf, als wollte sie eine Schublade hineinschieben. Waagerecht vor dem Mund gehalten, das habe ich schon gesehen. Aber waagerecht an den Kopf? Gibt es solche Smartphones, die man in ein Kopfschubfach hineinschieben kann? Oder was habe ich da zum zweiten Mal gesehen? Es wäre sicher bequemer, als ein Smartphone waagerecht außen an den Kopf zu halten, wie es auch der Kerl getan hat, der vor mir aus der Haustür trat. Er musste schon drinnen damit begonnen haben, Vielleicht hatte er bereits so gefrühstückt oder war schon so aufgewacht – mit dem Smartphone an der Birne. Man weiß es nicht. Ich glaube inzwischen sowieso, alle um mich herum leben in einer parallelen Quatschwelt alternativen Realität.

Ich erinnere mich genau, wann meine und die alternative Welt begonnen haben auseinanderzudriften. Das war in den 1990-er Jahren in Aachen. In der zur Straße offenen Front eines Modeladens standen drehbare Ständer mit Herrenhemden. Ein junger Mann drehte lustlos am Ständer und befummelte Hemden. Mit der Rechten hielt er ein Mobiltelefon ans Ohr, aber senkrecht, wie es damals üblich war, und sprach mit einer fernen, vielleicht auch imaginären Person. Er sagte: „Was weiß ich, was ich für eine scheiß Hemdengröße hab‘.“

So hat alles angefangen. Ich habe gelesen, die seltenen Erden, die zum Bau von Mobilfunkgeräten benötigt werden, kommen aus Afrika. Kleinwüchsige, rachitische Kinder kriechen in enge Stollen, die durch nichts gesichert sind, und graben das Zeug mit bloßen Händen aus, damit im fernen Aachen jemand mitteilen kann, dass er seine „scheiß Hemdengröße“ nicht kennt.