Die Frau auf der Treppe

Ich schlafe auf dem Rücken, aber vor dem Einschlafen muss ich einmal für kurze Zeit auf der rechten Seite gelegen haben. Dann wende ich der Fensterfront den Rücken zu. Gestern Nacht, ich habe mich gerade auf die rechte Seite gedreht, höre ich von den Fenstern her ein leises Knistern, viel weiter weg, als dass es im Schlafzimmer hätte sein können. Da sehe ich hinter mir eine herrschaftliche Eichentreppe. Auf dem Absatz oben steht eine Frau im waldgrünen Dirndl, auf dessen Brustpartie ein großes rotes Herz platziert ist. Sie sagt: „Es stürmt und stürmt, und jetzt ist auch noch der Linienspender umgefallen.“

„Ein Moment, bitte. Wo Sie stehen, gnädige Frau, dürfte überhaupt keine Treppe sein. Was haben Sie mit der Fensterfront meines Schlafzimmers gemacht? Das ist doch zunächst zu klären, bevor ich mich geistig mit Ihrem umgefallenen Linienspender beschäftige.“

„Ebensogut könnte ich fragen, wieso Sie Ihr Bett auf meinem Treppenabsatz aufstellen. Soll ich etwa hindurch steigen, wenn ich hinunter in die Halle will?“

„Unterstehen Sie sich!“

„Was bleibt mir anderes übrig, wenn ganz offenbar die allgemeine Ordnung zerfällt? Übrigens ist mein Linienspender nicht umgefallen. Er wurde umgeblasen. Hören Sie nicht, wie der Wind das Haus umtost? Das geht schon den ganzen Tag so und jetzt in der Nacht hat er noch zugenommen.“

„Ich höre nichts.“

„Sein anhaltendes Dröhnen ist zu stark, als dass ich noch ein An- oder Abschwellen hätte wahrnehmen können. Wenn man fragt, woher das Unerbittliche in manchen Menschen stammt, hier ist das Vorbild in der Natur. Wie der Wind durch alle Ecken dieses Hauses pfeift, sogar den Linienspender umwirft und draußen stattliche Bäume entwurzeln und auf Hausdächer schleudern kann oder wie eine Flut unentwegt steigt und steigt und Mensch und Tier ersäuft oder bitterster Frost durch Mark und Bein geht und das Blut erstarren lässt, wie zuweilen die Erde bebt und Häuser zum Einsturz bringt, dass alles lebendig begraben wird – all diese furchtbaren Dinge hat die menschliche Natur in sich aufgenommen, und darum kann der Mensch so schrecklich sein, ohne seine eigene Bosheit wahrzunehmen. Er schwimmt ja wie selbstverständlich darin, sie ist sein Innen und sein Außen.“

„Du liebe Güte! Gehen Sie lieber zu Bett“, murmele ich, indem ich mich auf den Rücken drehe, „ich bin schon ganz woanders.“
Und was ist überhaupt ein Linienspender?

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Abenteuer mit Josie

Ich kann mich nicht sattsehen an den Grüntönen vor meinen Fenstern. Der Weißdornbusch ist grün geworden, als die Eiche noch schlief. Nach dem Aufwachen trieb sie zuerst orangefarbene Blätter, die erst langsam über Gelb zu Hellgrün übergingen. Noch immer ist ein Anflug von Orange zusehen. Als wären noch herbstliche Säfte im Holz gewesen, die damals die Blätter Rotbraun gefärbt haben. Deutlicher zeigt das der Spitzahorn vor dem östlichen Fenster. Seine Blätter beginnen mit Rotbraun, etwas kräftiger als vor ihrem Abfallen im letzten Herbst. Sie werden erst viel später grün.

Vom frühlingshaften Austreiben ungerührt ist meine Zimmerpalme Josie. Ihr gilt eine andere Zeitrechnung. Aber ihr Anblick ist derzeit wieder spektakulär. Wenn ich morgens das Zimmer betrete, erfreut sie mich mit stattlichen Wedeln, mehr noch mit deren Überscheidungen. Es ergeben sich prächtige grafische Strukturen. Das ist es, weshalb ich Zimmerpalmen so liebe. Aus diesem Grund wurden mir schon einige geschenkt. Eine bekam ich von der Klasse, deren Klassenlehrer ich gewesen war. Ich ließ sie zunächst im Lehrerzimmer, wo eine Kollegin mit grünem Daumen sie in ihre Obhut nahm. Selbst in den Ferien fuhr sie zur Schule, um Blumen und meine Palme zu gießen. Sie gedieh so prächtig, dass ich mich gar nicht mehr als der Eigentümer sah. Ich mochte sie auch nicht von ihrem angestammten Platz entfernen, wo sie sich so offenbar wohl fühlte. Irgendwann vergaß ich, dass es meine Palme war.

Meine derzeitige Zimmerpalme schenkte mir Lisette. Das war noch in Aachen. An meinem Geburtstag schaute ich in ungeduldiger Erwartung aus dem Fenster und sah auf der Straße unten, wie Lisette ihr rotes Auto einparkte. Dann stieg sie aus und holte eine stattliche Palme hervor. Ich sehe noch heute, wie ihr rotblonder Haarschopf im Gleichtakt mit den Palmenwedeln wippte, als sie mit der Palme heraneilte. Ich taufte die Palme Josie und entwickelte eine symbiotische Beziehung zu ihr. Meine besseren Texte sind entstanden, nachdem ich Josie angefasst und mit ihr geredet hatte.

Josie 2011

Aus Gründen musste ich mich von Lisette trennen, obschon es war, als würde ich mir einen Arm absägen. Eines Morgens hatte sich Josie in ihrem Topf ganz zur Seite gelegt. Offenbar hatte auch Lisette die Trennung für sich vollzogen. Tags darauf sah ich sie mit einem neuen Mann. Josie erholte sich nur langsam, nachdem ich sie wieder aufgerichtet hatte. Meinen Umzug nach Hannover verkraftete sie gut und wuchs zunächst prächtig.

Beim Schlaganfall im Jahr 2013 war ich linksseitig betroffen. Auch Josie kümmerte linksseitig. Man sagte mir, ich solle sie drehen, aber das brachte ich nicht übers Herz. Mit meiner Genesung erstarkte auch Josie, wuchs zu rechten Seite derart, dass ein Stamm sich neigte und ihre größten Wedel den Boden berührten.

Vor einer Woche habe ich einen größeren Topf besorgt und zusammen mit meiner Putzhilfe und ihrem Freund, der sie hatte herfahren müssen, weil die Verkehrsbetriebe bestreikt wurden, wir drei haben Josie umgetopft, dabei aufgerichtet und an einen in den Topf gesteckten Schlagzeugstock gebunden. Ich dachte schon, sie hätte die Operation überstanden und wäre dabei, sich mit der neuen Situation zurechtzufinden. In der Nacht zum Freitag, in der Stunde des Wolfes, also gegen 4 Uhr morgens, hörte ich einen lauten Knall, dass ich dachte, meiner Obernachbarin wäre ein Ziegelstein aus dem Bett gefallen. Aber ich wunderte mich schon, denn die Sitte, im Backofen erhitzte Steine in klamme Betten zu legen, ist ja mit der Zentralheizung längst überflüssig geworden. Als ich am Morgen ins Wohnzimmer kam, war dann auch kein Stein über mir gefallen. Vielmehr lag Josie am Boden, hatte den Topf mit 25 Zentimetern Durchmesser und zehn Litern zusätzlicher Blumenerde umgerissen.

Daher besorgte ich gestern einen 30-Zentimeter-Topf und setzte Josie aufgerichtet hinein. Aber es fehlte Blumenerde. Josie stand unsicher, und eine lange Wurzel lag frei. Bevor ich weitere Blumenerde besorgen konnte, wurde ich von großer Schwäche geplagt und musste mich zuerst ausruhen, dass ich dachte, etwas in mir spiegelt Josies Situation. Inzwischen steht sie – nicht ganz aufrecht, was ich ohne helfende Hand nicht hinbekam, aber einigermaßen fest. Ganz so wie ich.

Über die Schwierigkeit, nach Hause zu finden

Ich bin nicht immer mit mir einverstanden. Wenn ich zum Beispiel nach einem Bummel mich nach Hause wenden will, dann kann ich mich manchmal nicht dazu überreden, den direkten Weg zu nehmen. Zu oft bin ich die Straßen schon gegangen. Da grüßen mich sogar die Kaugummis vom Bürgersteig her. Darum muss ich große Umwege machen und drifte auf der Suche nach einer neuen Einfallschneise immer weiter zur Stadt hinaus. Die Füße werden mir schwer, die Schuhe drücken, und irgendwann bricht die Dunkelheit herein, so dass ich die Nacht in einer Pension am Stadtrand verbringen muss.

Am nächsten Morgen muss ich weiter hinaus ins Land. Die Unlust auf den langen Heimweg treibt mich voran. Bald finde ich mich unter Menschen, die in fremden Zungen reden. Erst dann gebe ich die Hoffnung auf, eine mir unbekannte Straße zu finden, die mich nach einer Weile völlig unerwartet vor meine Haustür trägt. Es nutzt mir auch nichts umzuziehen. Am Anfang bin ich voller Zuversicht, doch nach kurzer Zeit beginne ich wieder Umwege zu laufen, zuerst kleine, dann größere, und dann das gleiche Programm wie zuvor: Müde Füße, Pension, fremde Zungen. Anders gesagt: Es ist zu viel Redundanz in meiner Welt, und das liegt nicht an der Welt, sondern an der Wahrnehmung, und die ist beim Menschen geprägt durch die Organisation des Denkens. Damit mich meine Gedankengänge nicht anöden wie mein Heimweg, nehme ich gerne Umwege, denn glücklicher Weise findet man bei gedanklichen Umwegen beliebig nach Hause.

Einmal habe ich mich beim Radsport in der Voreifel verirrt, weil ich den direkten Weg nach Hause nicht fahren wollte. Das Dorf vor mir hieß Thum, und von Thum hatte ich noch nie etwas gehört. Schon die Schreibweise mit Th schien mir durchaus fremdländisch. Da trat einer mit seinem Rennrad aus dem Haus, um seine Trainingstour zu starten. Ich fragte ihn nach dem Weg, und er bot sich an, mich eine Weile zu begleiten und mir dabei eine schöne Strecke zu zeigen. Bald tauchte das Ortsschild des nächsten Dorfes auf. Da stand: Thuir. Da rief der Mann aus Thum fröhlich aus: Thum, Thuir, Tokio! Das war eine dreiste Zusammenstellung, alliterierte hübsch und zeigte exakt die Richtung an, denn nach meinem Gefühl fuhren wir nach Osten. Da war ich bereit zu glauben, dass sogleich hinter dem nächsten Anstieg die Skyline von Tokio auftauchen würde. So fuhren wir beschwingt nebeneinander, obwohl ich doch eigentlich gen Westen fahren musste. Doch „Thum, Thuir, Tokio“ beflügelt die Phantasie.

Die Füße werden mir schwer. Längst habe ich die Stadtgrenze hinter mir und hätte mich schon vor Stunden nach Osten wenden müssen, wenn ich heute noch nach Hause wollte. Dazu konnte ich mich leider nicht durchringen, und darum schicke ich diesen Text ins heimische Teestübchen aus einer finsteren Pension, deren unwirsche Wirtin eine mir fremde Zunge spricht, die klingt wie der Dialekt der Hölle.

Wer wollte da wach bleiben?

Sieh an, ich träume, dachte er, ich träume und denke dabei. Wie hübsch! Er träumte, US-Präsident Trump wäre zu Gast. Der wirkte vernünftiger als man ihn gemeinhin schmäht, als er verlangte, die seit Jahren leeren und verwahrlosten Kaugummiautomaten an deutschen Hauswänden wieder aufzufüllen, Ja, viele bunte Kaugummikugeln sollten ganz frisch in die Automaten eingefüllt werden, verlangte Präsident Trump, damit man sie wieder ziehen kann für einen Groschen – als probates Mittel gegen Sven Plöger und die nächtlichen Verwüstungen durch die Pfeile der Tagesschau-Strömungsfilme.

Er ist nicht so dumm, wie viele sagen und auch sympathischer als man glaubt. Man hätte es längst wissen können. Immerhin hat der Präsident nach Meinung namhafter Illiteraten die zweitschönste Unterschrift nach – G O t t.

Und Frau Trump? Er wunderte sich, von ihr zu träumen, denn er hatte sie noch nie bewusst zur Kenntnis genommen. Und jetzt spazierte sie ganz selbstverständlich durch seinen Traum und verlangte sogar, sich zu ihm ins Bett zu legen. Ins Bett! Aber nackt sollten sie beide sein, das verlangte sie. Zum Glück hatte sie diese künstlichen Brüste nicht, an denen man sich Prellungen holen kann, wie ihm ein Gewährsmann einst berichtete, der sich schon übel an Silikonbrüsten gestoßen hatte. Sie könne leider nicht mit blauen Flecken dienen, entschuldigte sich Frau Trump ganz arglos. Mein Präsident hat die künstlichen Brüste versehentlich in kluger Voraussicht von der präsidialen Flugbereitschaft nach Hause fliegen lassen, eskortiert von einem Jagdgeschwader, als bekannt wurde, dass doch die EU alle Plastiktüten längst verboten hat und jede einzelne mit tonnenschweren Strafzöllen belegt. Das und manches mehr träumte er, dachte dabei einiges – und wunderte sich über alles.

Meine alltägliche Reise mit der Zeitmaschine

Ich habe eine Zeitmaschine. Sie funktioniert leider nur in eine Richtung, nämlich in die Zukunft. Angenommen, ich steige Samstagabend hinein, und wenn ich wieder aussteige, ist zuverlässig Sonntagmorgen. So gings heute. Obwohl meine Zeitmaschine über keinerlei technische Finessen verfügt, arbeitet sie sehr zuverlässig, lässt mich immerzu von einem Tag auf den anderen reisen. Früher habe ich mir schon mal vorgestellt, sie würde mich versehentlich zu einem Tag zwischen den Tagen bringen, etwa zu einem, der zwischen Mittwoch und Donnerstag liegt. Das aber ist nie geschehen.

Vermutlich liegt es daran, dass ich keinen Namen für einen solchen Tag habe, denn die Welt wie wir sie kennen, konstituiert sich wesentlich über die Namen für die Erscheinungen. Ein Ding, ein Sachverhalt oder eine Idee existieren nicht, wenn wir keine Bezeichnung dafür haben.

Drei Gedanken noch – a, b, c, c, d und e:

a) Obwohl die Zeitmaschine nur in Richtung Zukunft funktioniert, versucht sie auch immer wieder, mich in die Vergangenheit zu bringen, aber präsentiert mir nur ein furchtbares Durcheinander, so dass ich meine Vergangenheit kaum wiedererkenne. Ich glaube jedenfalls nicht, dass meine Tage so chaotisch verlaufen sind. Vielleicht ist die Idee meiner nach gängigen Ordnungsprinzipien strukturierten Vergangenheit aber nur eine nachträgliche Interpretation.

c) Bevor ich morgens die Zeitmaschine verlasse, durchziehen meinen Kopf seltsame Ereignisse. So habe ich heute morgen beispielsweise mit einem Pferdemädchen Fleißkärtchen und Glanzbildchen fürs Striegeln getauscht, aber sobald ich die Füße auf den Boden stellte, wusste ich, dass es nicht sein konnte, dass ich einer bin, zu dem ein Pferdemädchen Sie sagen würde. Kurz darauf war es auch ganz weg, hatte die Zigarrenschachtel mit Glanzbildchen mitgenommen, und hätte ich es nicht aufgeschrieben, wüsste ich nicht mal, dass es da gewesen ist. Wo „da“ überhaupt, etwa in meinem Kopf? Ich hätte nicht gedacht, dass ein Pferdestall mit unzähligen Pferden in ihren Boxen und einem Pferdemädchen mitsamt einer Zigarrenschachtel voller Glanzbildchen und Fleißkärtchen in meinen Kopf hineinpassen würde. Höchstens der Haufen Mist beim offenen Eingang, der in der Kühle des Frühlingsmorgens in der Sonne dampft.

c) Die Welt, in die ich von Tag zu Tag reise, ist enorm fest, scheint ununterbrochen nach den gleichen Gesetzen zu funktionieren. Nur wenn ich nicht bei der Sache bin, wackelt meine Welt. Gestern trug ich beispielsweise in der linken Hand einen Teller, in der rechten eine halbvolle Tasse mit abgestandenem Kaffee in die Küche, kippte den Teller in die Spüle und goss den Kaffee auf den Tisch. Derweil es auf den Boden tropfte, fiel mir erst auf, dass es in dieser Welt nicht üblich ist, abgestandenen Kaffee auf den Tisch zu gießen.

d) Gemeinhin wird angenommen, dass Kleinkinder eine magische Vorstellung von der Welt haben. Die legen sie im Alter von fünf bis sechs Jahren ab. In dieser Zeit ist auch die sprachliche Entwicklung abgeschlossen, haben sie ihre innere Grammatik entwickelt, die sich kennzeichnet durch die Fähigkeit, theoretisch endlos viele grammatisch richtige Sätze hervorzubringen.

e) Wenn sich unsere Idee von der Wirklichkeit wesentlich durch Sprache konstituiert, hängt die Festigkeit der Wirklichkeitsvorstellung vermutlich davon ab, wie tief sich die innere Grammatik auf unsere Wahrnehmung auswirkt. Dann käme es nicht allein auf die Namen und Bezeichnungen an, wie sie ein Wörterbuch bereitstellt, sondern auf die Kenntnis der Verhältnisbeziehungen, wie sie in der Grammatik verankert ist.

Mach was draus.

PS: Das aus der Traumwelt hinüber gerettete Fleißkärtchen weist eine hübsche Besonderheit auf. Wir sehen im Wort „Fleiße“ ein lange S und dahinter ein rundes S und erkennen die Vorform unseres ß „Eszett“, dessen Name ein Versehen ist.

Aber bitte mit Schaum!

Herr Leisetöne weiß mal wieder Bescheid. Als die Kellnerin unsere Bestellung aufnimmt, sagt er mir:
„Du kannst auch Kölsch bestellen.“
„Hier gibt es neuerdings Kölsch? Dann ändere ich meine Bestellung von vorhin.“
Ob wir dann gleich einen „Elferkranz“ nehmen wollen, fragt sie.
„Lieber nicht. Ich trinke nur zwei Kölsch, und was die anderen gleich trinken wollen, weiß ich nicht.“ Mäßig Alkohol, war mein Vorsatz für den Abend gewesen, denn seit Januar bin ich quasi alkoholfrei, und man will seine Leber ja nicht gleich schocken.
„Dann nehme ich auch zwei“, sagt Herr Leisetöne, weil die kleinen Gläser so rasch leer seien. Also bringt sie uns je zwei Kölschstangen, alle ohne Schaum gezapft. Beim nächsten Mal bestelle ich ausdrücklich: „Aber mit Schaum.“
„Ich dachte, Kölsch wird ohne Schaum getrunken“, sagt sie.
„Ganz und gar nicht. Ich komme aus Köln, daher weiß ich das.“

Oje, Hannover ist wirklich die Kölsch-Diaspora. Als ich vor Jahren herzog, war Kölsch nur an exotischen Orten zu bekommen. Dann überredete Herr Leisetöne den türkischen Kioskbetreiber seines Viertels, Kölsch zu führen. Bei diesem echten Freundschaftsdienst musste er einiges an Überzeugungsarbeit leisten, musste dem freundlichen Mann zuerst erklären, dass Kölsch eine Biersorte ist. Der sagte: „Ich bin jahrelang Fernfahrer gewesen und überall in Deutschland rumgekommen, aber von ‚Kölsch‘ habe ich nirgendwo gehört.“

Ich bin dann eine Weile abends zu diesem Kiosk in Linden Nord gebummelt, um etwas flüssige Heimat zu kaufen, einmal abends spät. Es tröpfelte leicht. Ich hatte einen Schirm bei mir. Im Kioskladen war noch ein Kunde, ein schöner, unglaublich smarter Typ. Der kaufte sein Abendessen ein, lauter exotische Sachen, die ich nicht mal kennen möchte. Als ich mein Bier hatte, stand er wartend unter der Markise vor der Tür, denn es ging ein Wolkenbruch runter, kein schwerer Landregen, sondern so einer, bei dem der Regen auf dem Asphalt dicke Blasen schlägt und die Gullydeckel hochkommen. Der Regen spritzte sogar unter die Markise. Der Mann fröstelte in seinem Kaschmirpullover und sprach wie zu sich hinaus in den Regen: „Ich habe meinen Schirm im Auto, und das steht weiter weg geparkt als bis zu meiner Wohnungstür.“
„Der Schirm würde Ihnen jetzt auch nicht helfen.“
Er guckte mich an und erwiderte: „SIE haben wenigstens einen Schirm!“, und sagte das in einem derart vorwurfsvollen Ton, dass ich versuchte war, mich zu entschuldigen, dass mein Schirm diesen unbändigen Neid in ihm entfacht hatte, dieses bittere Gefühl, wie ungerecht es zugehe in der Welt. Schon stürzte auch ich in tiefen Kummer, trotz oder wegen des Schirms. Wahrscheinlich habe ich auf dem Nachhauseweg das mitleidige Weinen nicht unterdrücken können, aber genau weiß ich das nicht mehr, weil es ja sowieso Rotz und Wasser geregnet hat.

Später, als Herr Putzig und zwei weitere Freunde im Leinau 3 eingetroffen waren, bestellen wir doch noch einen Elferkranz, und schon wieder wird einer nass. Herr Putzig ist aus der Reihe getanzt und hat ein großes Pils bestellt. Das aber rutscht dem jungen Kellner, einem unerfahrenen Praktikanten, vom Tablett. Das meiste ergießt sich über Herrn Putzigs Jacke, die hinter ihm über der Stuhllehne hängt. Die junge Wirtin tritt hinzu und bietet an, Herrn Putzig die Reinigung zu bezahlen. Er aber lehnt dankend ab. Er werde die Jacke in die Waschmaschine stecken, und was die Wäsche koste, lasse sich ja kaum beziffern. Das gefällt der Wirtin so gut, dass sie erneut eine Runde Kölsch bringen lässt, sogar mit Schaum. Später verabschiedet sie jeden von uns mit Handschlag, und zu mir sagt sie: “Tschüs, mein Freund“ – wegen der gastro-ethnologischen Nachhilfe in Sachen Schaum vermutlich.

Einiges über Superlative, Handschrift und Fußleisten

Mir träumte, eine junge Frau werde von der Bildzeitung gefeiert als Hannovers klügste Studentin, weil sie ihre Examensklausur auf die Fußleiste des Hörsaals geschrieben hatte. So sehr wurde sie von Bild in den Himmel gehoben, als wäre sie die Erfinderin und Bewahrerin der Handschrift zugleich. Das ärgerte mich und ich dachte, was fällt denen ein? Jedenfalls war ich mindesten sehr ungehalten darüber, dass die Studentin von Bild derart gefeiert wurde. Darum sagte ich ihr, darauf brauche sie sich nichts einzubilden. Auf die Fußleiste zu schreiben, wäre ja keine Kunst und ganz und gar nichts Besonderes.

Schon allein, wie sie habe auf dem Boden kriechen und sich bäuchlings winden müssen, um die Fußleiste überhaupt beschreiben zu können, das hätte doch etwas ziemlich Würdeloses. Man könnte das keiner jungen Frau zur Nachahmung empfehlen, so sehr würde es unser sittliches Gefühl verletzen und gegen den wissenschaftlichen Geist verstoßen. Zumal sie weder mir noch irgendeinem erklären könnte, was damit eigentlich gewonnen ist, wenn man nicht in sein Schreibheft, sondern auf die Fußleiste schreibt. Ich als ihr Prüfer hätte jedenfalls keine Lust, mich zum Lesen und Korrigieren ihrer Examensklausur ebenfalls auf dem Bauch zu winden. Das könnten die Deppen von Bild ja machen. Die seien daran gewöhnt, im Dreck herumzukriechen. Ich jedenfalls würde mich nicht so weit herablassen. Und die Fußleisten abzureißen, nur um sie bequem vor sich auf den Schreibtisch legen zu können, das würde die Stadt Hannover als Eigentümerin des Gebäudes gewiss nicht gutheißen. Am Ende sind die Wände noch mit Asbest belastet, der durch das Abreißen der Fußleisten erst recht aufgewirbelt würde.

„Wenn man das alles bedenkt“, sagte ich abschließend, „können Sie froh sein, dass Bild Sie gefeiert hat und Sie nicht etwa betitelt hat mit ‚Hannovers blödeste Studentin!‘ Das jedenfalls würde ich in Ihrem Fall sofort unterschreiben.“