Neue Nachrichten vom Nichtstun

Südkoreaner hätten keine Zeit für Hobbys, wurde in einer Arte-Dokumentation gesagt, weil die Gesellschaft derart vom Konkurrenz- und Leistungsgedanken durchdrungen sei. Da bin ich heilfroh, kein Koreaner zu sein. Mein Hobby ist, einfach nur dazusitzen. Eigentlich ist mir die Sache nicht geheuer. Indem ich sie zum Hobby erkläre, ist sie weniger unheimlich. Hier passt das eingewanderte Wort „Hobby“ besser als das deutsche „Steckenpferd.“ Ein Steckenpferd muss geritten werden. Zwar ist Reiten eine sitzende Tätigkeit, aber es verlangt körperlichen Einsatz. Wer hätte nicht schon einen herangaloppierenden Westernhelden vor Augen gehabt, wie er sich über den Hals seines Gauls hängt und ihn mit den Zügeln drischt oder eine Dressur-Reiterin in Frack und Zylinder, die albern mit dem Unterkörper wippt. Das alles will ich einfach nicht. Ich will nur da sitzen. Aber es ist nicht wirklich ein Willensakt. Immer öfter wüsste ich, was zu wollen ist, tue es aber nicht, sondern sitze da und bin unfähig, mich zu erheben, auch aus misslicher Lage nicht, wenn mir der Sitz unbequem wird, ein Fuß einschläft oder beides oder türelürelü.

Mein Blick gleitet dann zum Fenster hinaus ins nun kahle Geäst der Eiche und ich ertappe mich dabei, eine Ordnungsstruktur zu suchen. Unordentliches Gestrüpp mag ich nicht. Es beschäftigt meinen Geist, wenn ich eigentlich gar nichts tun will, nicht einmal Ordnungsstrukturen sehen. Meine Liebste hat eine Zimmerpflanze, die völlig wirr dahin wächst. Noch nie zuvor habe ich so ein Durcheinander im Blattwuchs gesehen, schlimmer als die zerwühlteste Bettfrisur. Mit Rücksicht auf mich wurde das Chaosgewächs in eine Ecke verbannt. Da auch in meinem Sprachsystem keine unaufgeräumten Stellen geduldet sind, habe ich eben nachgesehen, wie die Pflanze heißt, nämlich Beaucarnea recurvata, zu Deutsch „Elefantenfuß.“

Dieser Text hier könnte viel viel witziger sein. Ich könnte die Angelegenheit stärker ausmalen, kuriose Aspekte aufsuchen und sprühende Pointen zur Erheiterung der geneigten Leserschaft einbauen. Das aber widerstrebt meinem Hobby. Es tut mir nicht mal leid für die erwartungsfrohe Leserschaft, denn eigentlich will ich nichts anderes als Nichtstun.

Woher kommt nur mein Hang zum Nichtstun? Meinen Großvater habe ich in Erinnerung, wie er in seinem Lehnstuhl neben dem Ofen saß und gar nichts tat. Allein seine Finger trommelten leise auf den hölzernen Lehnen. Ich bin gewiss ein würdiger Nachfahre. Nur mit den Fingern trommle ich nicht. Ich sitze einfach nur da und verkörpere die Evolution der Tatenlosigkeit.

Lastkahn vor Wien

Ein Lastkahn glitt über die Donau Richtung Wien. Über die Ladeluken des Kahns waren wie Zeltdächer schwarze Plastikfolien gespannt. Der Regen der Nacht hatte in der Bespannung längliche Pfützen hinterlassen, wo das Wasser nicht abgelaufen war und sein Gewicht die Planen niederdrückte. Entlang dieser Pfützen saßen auf Hockern 12 attraktive Frauen, die Faktencheckerinnen eines Rundfunksenders. Sie mussten sich in den Pfützen spiegeln, um zu beweisen, dass sie keine Vampire waren. Was sie checkten, war streng geheim. Es war klar, dass bei der täglich aufkommenden Nachrichtenflut nur ein Bruchteil der Informationen gecheckt werden konnten, zumal der Sender nur die 12 Faktencheckerinnen beschäftigte. Aber der streng geheime Algorithmus des Zufallsprinzips stellte sicher, dass die Produzenten von Fakenews niemals wissen konnten, ob ihre Lügen aufgespürt und im Netz hängen bleiben würden. Jede Falschnachricht wurde an Ort und Stelle in Plastik verschweißt und hinterrücks in den Fluss geworfen, so dass der Lastkahn eine lange Spur dümpelnder Plastikpakete hinter sich herzog.

Damit die 12 Damen ob ihrer verantwortungsvollen und gewaltigen Aufgabe nicht verzagten, strich hinter ihnen der Intendant persönlich vorbei und fasste jede einzelne liebkosend an. Ja, die Welt hatte sich verändert. Alte kulturelle Errungenschaften wie die Ächtung sexueller Belästigung durch Vorgesetzte und die Vermeidung von Plastikmüll waren über Bord gegangen.

„Das war mein Traum heute Morgen, kurz vor dem Aufstehen“, sagte ich.
„Wieso Wien?“, fragte Frau Dr. Barmen, meine Therapeutin.
„Keine Ahnung. Ich denke selten an Wien und war noch nie dort. Mein Lexikon der Traumsymbole weiß nichts über Wien. Vermutlich ist es nur ein Verdreher und meint eigentlich Wein. Das bedeutet laut Lexikon: Eine Wandlung oder Belebung des Geistes lässt sich an.
Frau Dr. Barmen seufzte: „Ihren Kopf möchte ich ja lieber nicht haben.“

Herbstabend in Moll

Die bequeme Zufahrt zum Überweg ist durch fünf Exemplare der Scheuer-Idiotie verstellt. Ich halte seitlich ein wenig oberhalb, von wo ich die beiden Fahrspuren und die Straßenbahngleise überblicken kann. Als frei ist, rolle ich hinüber. Vom Herrenhausener Schloss donnert ein Lastenfahrrad heran. Dem lasse ich lieber die Vorfahrt. Eine Kollision wäre fatal. Der sonst belebte Vorplatz des Großen Gartens ist verwaist. Auch die Straße zwischen Georgengarten und der Graft des Großen Gartens scheint menschenleer zu sein. Doch da! Auf Höhe des Kassenhäuschens quert plötzlich ein Brautpaar die Straße, als wären sie geradewegs aus dem siebten Himmel gefallen.

Wo, zum Teufel, kommen die her? Die Kasse ist längst geschlossen. Im Weiterfahren schaue ich dem Paar hinterher. Das weiße Brautkleid wirkt im Dämmer fast grau, und er sieht in seinem schwarzen Frack aus wie ein Leichenbitter. Selten habe ich so ein trauriges Bild gesehen. Als wären schon am „schönsten Tag des Lebens“ alle Hoffnungen und Illusionen von ihnen abgefallen und vom Dämmer verschluckt worden. Vielleicht sind sie einbestellt gewesen von einem boshaften Hochzeitsfotografen. Jedenfalls sind ihr die Füße schwer und auch er kriegt sie nicht ordentlich hoch. Was jetzt noch kommen kann, ist Tristesse.

Jene Stunde der Dämmerung an einem stillen Herbstabend, wenn aus den Niederungen der Dunst aufstiegt und die Luft die Töne in Moll überträgt, mag ich nicht. Es ist jedenfalls keine Zeit für Hochzeitsfotografie.

Ich nähere mich der Autobahn. Wie ein zäher Brei aus unerschöpflicher Quelle zieht der Autolärm dahin, völlig gleichmäßig und eintönig, ohne je abzuebben oder anzuschwellen. Da möchte man gar nicht glauben, dass der Klangbrei von verschiedenen Automobilen erzeugt wird, die von einander völlig fremden Fahrern gesteuert werden. Wie viele müssen dicht auf dicht folgen, um gerade den Lärmbrei mit just dieser Konsistenz zu formen? Wer rührt den Brei an? Wer überwacht seine Klangfarbe? Wer ruft den sorgenden Familienvater weg vom Abendtisch und befiehlt ihm, seinen Platz in der Reihe einzunehmen? Jede Sekunde muss doch einer „Du bist gleich dran!“ hören, den Löffel auf den Esstisch fallen lassen oder von sonst wo sich erheben und in sein Auto springen, wo er den Zündschlüssel dreht und das Gaspedal trampelt, um seine gesellschaftliche Pflicht als Autofahrer zu erfüllen und Teil des Breis zu werden.

Glücklich zu Hause. Ich zünde ein Lichtlein an.

Unmut zur Unzeit

Ein Angebot von diversen Messern im Supermarkt zu 59,50 Euro. Das finde ich für ein Kochmesser nicht teuer. Da ich schon immer eines besitzen wollte, wodurch meine geringen Kochkünste geadelt würden, und gerade etwas Geld übrig habe, war ich bereit, den Betrag zu zahlen. Die Frau an der Kasse stutzte und fragte: „Haben Sie kein Heft?“ Ich hatte vorab gesehen, dass es das Messer mit einem Heft voller Rabattmarken, hier „Treuepunkte“ genannt, wesentlich günstiger geben würde, nämlich zu 19,50 Euro. Aber ich sammle keine Treuepunkte oder dergleichen, also „nein.“

Sie fragte ungläubig, aber mit mehr Nachdruck: „Haben Sie kein Heft?!“
„Nein!“
„Mal die Frau fragen.“ Gemeint war die Frau an meiner Seite, die gerade weg gewesen war, um nachträglich Süßkartoffeln abzuwiegen.
„Haben Sie kein Heft?!“
„Nein“, sagte sie irritiert.
„Nun lassen Sie mich doch einfach das Messer kaufen! Das ist doch nicht Ihr Geld“, sagte ich und klang schon weit ungehaltener als mir lieb war. Sie aber griff zum Telefon und rief den Abteilungsleiter an, schilderte den Fall und bekam das Okay, mir das Messer zu 19,50 Euro zu verkaufen.
„40 Euro gespart!“, sagte sie triumphierend, und mein gesamter Einkauf inklusiv Messer kostete jetzt soviel wie das Kochmesser alleine gekostet hätte. Ich bedankte mich, zahlte und packte beschämt meine Sachen ein. Mir tut noch heute Leid, dass ich nicht mit der Freundlichkeit der Kassiererin gerechnet habe und so ungehalten gewesen bin. Zum Glück hat die dumme Maske das meiste geschluckt.

message from mars

Vor Tagen ging ich die Straße lang, als vor mir einer aus der Haustür trat und etwas Seltsames tat. Ich konnte keinen Sinn darin sehen, weshalb ich dachte, die Begebenheit verschweigst du lieber. Am Ende steckt irgendein Quatsch dahinter, der Typ war ein ganz normaler Abgesandter der Quatschwelt, und ich bin darauf reingefallen. Gestern überholte mich eine junge Frau, lief mit eiligen Schritten davon und tat das Gleiche wie der Kerl, den ich lieber verschwiegen hätte. Sie war schon zu weit weg, so dass ich nur unscharf sehen konnte, was sie tat.

Sie hielt ihr Smartphone waagerecht an ihren Kopf, als wollte sie eine Schublade hineinschieben. Waagerecht vor dem Mund gehalten, das habe ich schon gesehen. Aber waagerecht an den Kopf? Gibt es solche Smartphones, die man in ein Kopfschubfach hineinschieben kann? Oder was habe ich da zum zweiten Mal gesehen? Es wäre sicher bequemer, als ein Smartphone waagerecht außen an den Kopf zu halten, wie es auch der Kerl getan hat, der vor mir aus der Haustür trat. Er musste schon drinnen damit begonnen haben, Vielleicht hatte er bereits so gefrühstückt oder war schon so aufgewacht – mit dem Smartphone an der Birne. Man weiß es nicht. Ich glaube inzwischen sowieso, alle um mich herum leben in einer parallelen Quatschwelt alternativen Realität.

Ich erinnere mich genau, wann meine und die alternative Welt begonnen haben auseinanderzudriften. Das war in den 1990-er Jahren in Aachen. In der zur Straße offenen Front eines Modeladens standen drehbare Ständer mit Herrenhemden. Ein junger Mann drehte lustlos am Ständer und befummelte Hemden. Mit der Rechten hielt er ein Mobiltelefon ans Ohr, aber senkrecht, wie es damals üblich war, und sprach mit einer fernen, vielleicht auch imaginären Person. Er sagte: „Was weiß ich, was ich für eine scheiß Hemdengröße hab‘.“

So hat alles angefangen. Ich habe gelesen, die seltenen Erden, die zum Bau von Mobilfunkgeräten benötigt werden, kommen aus Afrika. Kleinwüchsige, rachitische Kinder kriechen in enge Stollen, die durch nichts gesichert sind, und graben das Zeug mit bloßen Händen aus, damit im fernen Aachen jemand mitteilen kann, dass er seine „scheiß Hemdengröße“ nicht kennt.

Schade um den milden König

Mitten in der Nacht wachte ich auf. Mir war kalt. Im Dämmer des Schlafzimmers schaute ich aus nach meiner Zudecke. Sie hatte sich zu einem unförmigen Knäuel geballt und schien so verbleiben zu wollen, denn mir war es schier unmöglich, sie zu entwirren und zu glätten. In einer Pause zwischen den vergeblichen Bemühungen muss ich wieder eingeschlafen sein. Ich erwachte frierend am hellen Tag. Die Zudecke lag friedlich ausgestreckt neben mir. Nun gibt es ja durchaus Eigenleben in menschlichen Betten. Man weiß von mikroskopisch kleinen Spinnmilben, die sich in menschlichen Betten wohlfühlen, ja dort ganze Weltreiche bevölkern. Die Idee, dass ein dicker fetter Milbenkönig, ein mitleidloser Despot, sich einen zusammengeraubten Harem der Schönsten des Landes halten könnte, weil er auf einem Schatz meiner Hautschuppen sitzt, hatte mich schon eine Weile verfolgt. Just wegen dieser Vorstellung hatte ich die neue Zudecke gekauft, denn es dürfte eine Weile dauern, bis auch sie besiedelt wäre. Zumindest am Anfang wären demokratische Verhältnisse unter einem gerechten Herrscher, einem milden König, in der neu entstehenden Population möglich.

Die Widerspenstigkeit der Zudecke schien mir nicht mit derlei Welten zu tun zu haben, sondern auf eine höhere Ebene des Lebens zurückzugehen. Indem ich darüber nachsann, wurde mir klar, dass es sich nicht um Eigenleben handeln konnte. Dafür war diese Zudecke nicht komplex genug. Wenn sie nächtens tat, was sie nicht tun sollte, musste es sich um eine Manifestation handeln, bei der die Zudecke das Medium war, dessen sich eine Kraft bediente.

Aus der Literatur ist mir ein solcher Fall bekannt. Bei einem Strandgang findet ein Mann eine Pfeife, die er von Verstopfungen durch Salz- und Sandkrusten säubert. Die Pfeife hat eine bedrohliche Inschrift. Er bläst trotzdem hinein, bringt aber keinen hörbaren Ton heraus. Ihm ist, als hätte er eine flatternde Gestalt herbeigepfiffen, die aus weiter Ferne heraneilt. Nächtens vermerkt er Unruhe im leeren zweiten Bett in seiner finsteren Kammer. Er glaubt, ein Freund, mit dem er den Urlaub verbringen wollte, sei spät eingetroffen und habe sich ins Bett gelegt, ohne ihn zu wecken. Doch der Freund ist nicht da. im Bettzeug hat sich eine gespenstige Gestalt manifestiert.

In der nächsten Nacht erwachte ich mit Beklemmungen. Die Zudecke hatte sich um meine Brust gewickelt, reichte mir bis unters Kinn. Das war aus zweierlei Gründen nicht gut. Mein Bett war von meiner Brust abwärts ausgekühlt. Ich fürchtete um das Reich des milden Herrschers. Auch kam ich ins fruchtlose Grübeln, ob und wie ich in letzter Zeit gepfiffen hätte.

Voller Sorge legte ich mich am nächsten Abend ins Bett, träumte unruhig. „Jetzt ist alles in Ordnung“, sagte eine Frauenstimme. Das fand ich aber gar nicht. Unter der ausgestreckten Zudecke hatte ich derart geschwitzt, dass mein Schlafanzug unangenehm an mir klebte. Ich wagte nicht, mich zu rühren, denn jede Bewegung verstärkte das Gefühl der Nässe. Wo ich lag, war das Bett durchnässt, das Kopfkissen, die Zudecke auch.

Der milde König wird wohl ertrunken sein, sein treues Volk desgleichen.

Aus dem Jenseits

Ich bin zweifellos tot. Bei 25 Grad Körpertemperatur lebt kein Mensch mehr. Um mich herum, ich staune kaum, hat sich nichts verändert. Noch immer schaue ich in die mit Rauhfaser chaotisch tapezierte kleine Dachgaube. Noch immer beschäftigt mich die Frage, in welcher Abfolge die zugeschnittenen Fetzen wohl geklebt worden sind und wer es getan hat. Hat sich ein ausgewachsener Tapezierer in die Gaube gekrümmt oder wurde sie von einem klein gewachsenen Lehrling tapeziert? Enttäuschung keimt in mir auf. Warum denke ich mit dem letzten Aufmerksamkeitsfunken meines sterbenden Gehirns derlei müßigen Kram? Wo bleibt der Film meines Lebens, der dem Sterbenden die letzten Sekunden versüßt. Entschuldigung, unscharf formuliert. Ach, jetzt muss ich das auch noch aufdröseln. Vor den Augen anderer Sterbenden zieht natürlich nicht der Film meines Lebens vorbei, sondern deren eigener Film. Obwohl, gegen eine Schutzgebühr würde ich meinen Film teilen. Schon allein der vielen ekstatischen Momente wegen könnte mein Lebensfilm ein Renner … Wenn ich allein an die Kollegen denke, deren größte Verzückung darin bestanden hat, beim Mensch-ärgere-dich-nicht das vierte Männchen als erster ins Häuschen setzen zu können. Doch jetzt bin ich tot und muss nicht mal mehr an diese beamteten Langweiler denken. Das ist die schöne Seite am tot sein. Köstlich!

Ich schlage den Weg ein, der ins Nirgendwo zu führen scheint. Mir folgt eine ganze Heerschar. Unfassbar, wie viele Menschen zeitgleich mit mir gestorben sind. Auch eine große Zahl Kinder ist dabei. Ich setze mich an die Spitze des Zugs. Ein Mann kommt an meine Seite und sagt: „Ich bin froh, dass ich die Kinder nicht allein beaufsichtigen muss.“ „Warum? Die Kinder sind tot.“

Der Weg verengt sich, steigt leicht an und knickt nach links ab. Plötzlich brandet zu unseren Füßen der Verkehr einer sechsspurigen Autobahn. Von der Seite wird langsam eine Fußgängerbrücke heran geschwenkt. Der Mann neben mir macht einen Schritt nach vorn. Ich halte ihn zurück: „Warum so eilig, Kollege? Das Jenseits rennt dir nicht davon.“ Vor uns klafft eine Lücke. Er wäre auf die Autobahn gestürzt. Ob es nötig war, ihn daran zu hindern? Kann man toter als tot sein? Über den Schwenkarm der Brücke schleppt ein Alter ein Brett heran. Er schiebt es in die Lücke zu unseren Füßen. Jetzt können wir die Brücke betreten.

Wir gehen hinüber.

Einiges über unerklärliche Ereignisse

Auf dem Gehweg schiebt ein androgyn wirkender Mann sein mit dem Einkauf bepacktes Fahrrad an mir vorbei. Obwohl die Sonne durch diverse Wolkenlöcher lacht, trägt er Regenhose und Regenjacke. Vor einer Stunde ist ein kleiner Regenguss niedergegangen, vermutlich just als er zu Hause aufgebrochen ist. Vorsorglich hat er sich gegen das Nasswerden geschützt. Ich hätte ihm abgeraten, denn mit Regenhose und Regenjacke verbinde ich Erfahrungen, die ich magisch zu nennen wage, obwohl der Leiter unserer Schreibgruppe das Wort auf die rote Liste gesetzt hat.

Einst bin ich mit einem Freund die Kaiserroute von Aachen nach Paderborn geradelt. Ab Tag zwei hat es ununterbrochen geregnet. Am 3. Tag, als wir unter einer Brücke einen heftigen Schauer abwarteten, fand mein Begleiter ein Zaubermittel. Er zog eine Regenhose über, und danach hat es keinen Tropfen mehr geregnet. Es ist also etwas Magisches mit Regenjacken und -hosen. Sie sollen vor Regen schützen, doch hüllt man sich darin, regnet’s nimmer, sondern die Sonne lacht und zaubert ein tropisches Klima in die Regenhülle. Der Mensch beginnt zu triefen und ist bald von eigenen Körpersäften durchnässt. [Zeichnung → von mir]

Als ich noch ein Auto besaß, konnte ich Regen machen. Wenn ich mein Auto gewaschen habe, was nicht oft vorkam, wenn es also frischgeputzt da stand, verzeichnete die Untere Aachener Kanalbehörde ein Regenereignis, das die DIN-Normen für ergiebigen Landregen weit überschritt und für das die Kapazitäten der Kanalisation nicht berechnet worden waren, weshalb das Wasser fröhlich aus den Gullys sprudelte. Hatten sie ein Garten- oder Grillfest geplant, luden Nachbarn mich ein und quatschten mir ein Ohr ab, damit ich eventuell gehegte Autowaschgelüste vergaß. Auch bei anhaltender Trockenheit waren meine Dienste begehrt. Dann hieß es: „Ihr Auto hat wieder mal eine Wäsche nötig. In der Zeitung stand, der jüngst herüber gewehte Saharastaub greife den Lack an und müsse dringend abgewaschen werden.“ So nötigte man mich zum Autowaschen, obwohl es wegen Wasserknappheit längst verboten war.

Wenns nun am Tag der „versoichten Sophie“ immer regnet, wie eine Teestübchenbesucherin gestern geschrieben hat, haben wir es wieder mit Ursache-Wirkungs-Phänomenen abseits rationaler Erklärungen zu tun, mit Phänomen, die hier schon öfter „Fehler im galaktischen Betriebssystem“ genannt worden sind, landläufig aber auch als magisch bezeichnet werden können.

Ein Bettabenteuer

    „Ich kenne einen Schriftsteller, der, nachdem er sich Wochen hindurch vergeblich abgemüht hatte, einen geeigneten Stoff aufzutreiben, endlich auf den possierlichen Gedanken kam, eine Entdeckungsreise unter seine Bettstelle zu veranstalten. Das Ergebnis des waghalsigen und gefährlichen Unternehmens war jedoch, wie jedermann ihm, der es bewerkstelligte, zum voraus hätte sagen können, gleich Null.“
    (Robert Walser, Das Zimmerstück)

Ich habe unter meinem Bett nachgesehen, aber nicht um ein Thema zu finden, sondern weil das undankbare Teil erneut unter mir eingebrochen ist. Vor nun fast elf Jahren ist es schon einmal geschehen. Ich kam von einer pataphysischen Forschungsreise zurück und hatte im ICE gesprächeshalber den ägyptischen Sonnengott Re beleidigt, dessen Name bei Nacht nicht genannt werden darf. Die unbotmäßige Namensnennung war eher versehentlich geschehen, so dass ich hoffte, Re oder Ra würde sie nicht rachsüchtig ahnden. Was dann geschah, hier im O-Ton:

    Gegen zwei Uhr in der Nacht legte ich mich ins Bett und war der Meinung, meine pataphysische Forschungsreise sei nicht nur erfolgreich gewesen, sondern auch ohne nennenswerte Zwischenfälle verlaufen. Sollte der ägyptische Sonnengott, dessen Namen ich vorsichtshalber jetzt nicht erwähne, sollte er einen Groll auf mich gehabt haben, so hatte er mich offenbar nicht gefunden. Im selben Augenblick gab mein Bett Geräusche. Obwohl ich mich nicht bewegte, begann es mehr und mehr zu knarren. Das Knarren ging in ein Knarzen über, dem Geräusch von brechendem Holz. Dann eine Sekunde des Verharrens, und indem ich aufatmete, brach mein Bett ein. Die Matratze sackte unter mir nach unten und blieb dann in der Schwebe.

    Ich machte Licht, stand auf und betrachtete den Schaden. Dazu musste ich das Bettzeug ausräumen und die Matratze hochstellen. Unter der Mitte meines Bettes hatten sich zwei breite Stützen befunden. Beide waren abgebrochen und hatten mir damit einen leisen Schrecken eingejagt. Da musste ich schmunzeln. Offenbar war die verderbliche Anweisung des ägyptischen Sonnengottes nicht ordentlich ausgeführt worden war, als er selbst die Sache nicht überwachen konnte, weil er bekanntlich bei Nacht nicht da ist. Da ich nicht mitten in der Nacht zu tischlern anfangen wollte, schob ich einen alten Setzkasten mitten unter mein Bett und erhöhte ihn durch zwei Versandhauskataloge und die beiden abgebrochenen Bretter. Das hält, und ich schlief ziemlich gut auf dem Relikt der Schwarzen Kunst, den tausendfachen Verheißungen der Kataloge und zwei stabilen Stützbrettern.

Vor einigen Jahren schon hatte mein Sohn den Schaden repariert. Vorgestern am hellen Tag nun dachte ich nichts Böses, erst recht nicht an den ägyptischen Sonnengott. Es bestand keine Veranlassung, denn jede Schmach verjährt doch einmal. Ich ließ mich also arglos auf eine Bettkante sinken. Die Seite brach ohne Weiteres ein. Was heißt hier „ohne Weiteres?“ Ich erwarte nicht, dass mein Bett onomatopoetische Gedichte rezitiert, bevor es einbricht. Aber ein warnendes Knarzen wird man doch wohl verlangen dürfen. Alles ging holterdiepolter, zackzack, ratzfatz – die gesamte Leiste, die das Lattenrost tragen sollte, riss auf voller Länge ab und ließ die Matratze absacken. Wer mir jetzt unterstellt, ich hätte zuviel Bettgymnastik betrieben, erkläre mal bitte, wieso mir tags zuvor am Ende einer wirklich schönen Radtour die Kette gerissen ist, weshalb meine aparte Begleiterin und ich gut vier Kilometer zu Fuß gehen mussten. Plausibler ist, hier eine erneute Bestätigung von Murphys Gesetz anzunehmen: „Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen.“ Gemäß der tröstlichen Erweiterung: „[…] und man findet immer jemanden, der es wieder in Ordnung bringt“, brachte mir meine fürsorgliche Begleiterin gestern sechs Klinkersteine und half mir, die Leiste damit abzustützen. Das brachte Entspannung an der Bettenfront, denn ich kann mir jetzt Zeit lassen, bis die Läden wieder öffnen, um ein neues Bett zu kaufen.