Ein Traum

In einem Hochhaus bestieg ich einen Aufzug, ohne zu wissen, wohin ich musste, vermutlich auf die 4. Etage. Der Aufzug war groß wie ein Klassenzimmer und an drei Seiten verglast. Überall standen Leute in kleinen Gruppen herum und gaben sich gleichgültig. Einige wandten uns den Rücken zu, als wäre es ihnen egal, wann und wohin der Aufzug fahren würde. Vermutlich wollten sie sich nicht um die Bezahlung kümmern. Mir ging es ähnlich, denn ich hätte eigentlich die Treppe nehmen können. Da ich noch immer schwankte, war ich nicht gewillt, für die geringe Passage Geld zu opfern. Ein Student erbarmte sich, schob eine 50-Cent-Münze in einen Schlitz, zog einen Hebel hinab und presste den Knopf für die 10. Etage. Für mich viel zu hoch. Als der Aufzug sich in Bewegung setzte, überlegte ich, ob ich wohl unterwegs würde aussteigen können. Die übrigen Leute taten weiterhin gleichgültig. Die Gewissheit, dass es nicht zur Seite, sondern aufwärtsgehen würde, schien ihnen zu reichen.

Auf der 10. Etage verließ der Student den Aufzug. Einige folgten ihm, doch die meisten standen abwartend herum. Da ich beobachtet hatte, wie der Aufzug zu bedienen war, erbarmte ich mich, steckte 50 Cent in den Schlitz, zog den Hebel und presste den Knopf für die 4. Etage. Mir schien, als würde der Hebel nichts bewirken. Offenbar hatte ich es an Nachdruck fehlen lassen, denn der Aufzug bewegte sich nicht. Ein Blick nach draußen zeigte umliegende Gebäude im Licht der herauf dämmernden Sonne und eine sich fortwindende Straße. Unten tauchte ein Mann mit Krücken auf. Er hielt den bandagierten rechten Fuß in die Luft gestreckt und eilte trotz Krücken erstaunlich schnell von dannen.

Mir näherte sich ein anderer Student und sagte, der Aufzug habe mal wieder eine Macke, klappte geschickt ein Bedienungspaneel auf, legte eine gedruckte Schaltung frei und stocherte mit einem Schraubenzieher darin herum, bis Funken sprühten und der Aufzug sich rumpelnd in Bewegung setzte, diesmal abwärts. Auf der 4. Etage stieg ich aus und setzte mich in einen Wartebereich. Am anderen Ende des Gangs, noch mausklein, tauchte der Mann mit dem Gipsbein auf und eilte mit seinen Krücken auf mich zu. Obwohl er wie zuvor kraftvoll ausschritt, dauerte es eine Weile, bis er mich erreichte, grüßte und schnaufend neben mir Platz nahm. Ich sagte: „Auch guten Tag! Aber bitte, was haben Sie in meinem Traum verloren?“
„Ich hatte einen Sportunfall, denn wie Sie an meinem kraftvollen Ausschreiten ablesen können, bin ich ein Sportler.“
„Ja, gut. Aber warum sind Sie die Straße hinab so davongeeilt, schneller als ich ohne Krücken laufen könnte?“
„Ich musste Geld in die Parkuhr werfen. Obwohl ich schon vor Stunden einen Termin hatte, verzögert sich mein Aufrufen, so dass ich fürchtete, einen Strafzettel zu bekommen.“
„In meinem Traum sollte kein Sportler, der an Krücken geht und obendrein ein Gipsbein hat, in meinem Traum sollte so einer keinen Strafzettel fürchten.“
„Die Politessen sind da gnadenlos.“
„Ich beschäftige im Traum keine Politessen.“

Da wurde ich aufgerufen und ging hinein. Ich sollte nur still da sitzen und einer Dame bei der Arbeit zuzusehen. Sie verschwand fast hinter einem Stapel Formulare und beeilte sich, Aufkleber mit meinen Daten von einem Bogen abzuziehen und jeweils rechts oben auf ein Formular zu pappen, den beklebten Bogen umzuwenden und neben den Formularpacken zu stapeln. Sie arbeitete wortlos und zügig. Der eine Packen wuchs, der andere schrumpfte, nur dass der wachsende Packen ein bisschen unordentlich war, so dass ich mich sorgte, er könnte irgendwann umkippen. Plötzlich lag Schnee. Ich zog zwei Mützen übereinander.

Ein Traum wird wahr

Einmal in meinem ganzen Leben habe ich einen Wahrtraum geträumt, also träumerisch vorweggenommen, was noch gar nicht geschehen war. Wie so etwas möglich ist, weiß ich nicht. Denn gemeinhin folgen Ereignisse chronologisch aufeinander und es tritt nicht eines vom Kopf der Reihe ab und mogelt sich irgendwo nach hinten. Aber die Erinnerung ist über die Jahre frisch geblieben, denn ein Wahrtraum ist eine derart erstaunliche Erfahrung, dass man sie nicht mehr vergisst. Ich war noch ein kleines Kind. Damals lebten wir zur Miete auf einem alten Gehöft, das der ältlichen Jungfrau Cäcilia Küttelwäsch gehörte. Wir hatten dort nur zweieinhalb Zimmer.

Das halbe Zimmer war ein kleines Gelass unter der Dachschräge, in dem gerade Platz für ein Bett und eine Kommode war. An der rückwärtigen Seite hatte es eine verschlossene Türluke, durch die man in den Raum über der Toreinfahrt gelangen konnte. Die Tür war wie der Rest des Zimmers tapeziert und hatte ein Schlüsselloch, in dem ein Schlüssel stak. Ich habe die Luke aber nie offen gesehen. Trotzdem gab sie dem Zimmerchen die Aura eines Durchgangs. Man konnte sich darin nicht wirklich wohlfühlen.

Mein fünf Jahre älterer Bruder war einst der alleinige Bewohner gewesen. Nachdem ich aus dem Kinderbettchen im Elternschlafzimmer verbannt worden war, musste mein Bruder Bett und Gelass mit mir teilen. Er wird nicht ganz traurig über seinen neuen Mitbewohner gewesen sein, denn rückblickend glaube ich, dass er dort Angst hatte. Das Zimmer bot nur einen tröstlichen Luxus, einen Lichtschalter direkt an der Wand neben dem Bett. Mein Vater hatte ihn dorthin verlegt, damit mein Bruder jederzeit Licht machen konnte, wenn ein nächtliches Knistern, Knacken und Huschen ihn geweckt und erschreckt hatte. Daher vertrugen wir uns gut im gemeinsamen Bett, obwohl er mir sonst keinen weiteren Platz im Zimmer zugestand.

Im wesentlich größeren Dachzimmer nebenan wohnte das Ehepaar Köhn, er ein sehniger, schweigsamer Mann, auf dessen rechten Unterarm ein Indianer mit prächtigem Kopfschmuck tätowiert war. Von Beruf war er Eisenbieger. Wenn Herr Köhn seine Unterarmmuskeln spielen ließ, zog der Indianer Grimassen. Frau Köhn war eine lebensfrohe, attraktive, mollige Dresdnerin und arbeitete als Sekretärin bei der Genossenschaft. Beide waren sogenannte Flüchtlinge.

Eines Abends schenkte mir Frau Köhn eine Aprikose. Ich hatte noch nie eine Aprikose gesehen und hielt sie für eine unbekannte Sorte Pfirsich. Meine Mutter schlug vor, die Aprikose für den nächsten Morgen zu verwahren. Sie legte sie auf die Kommode, wo ich sie ansah, bis es dunkel geworden war. In der Nacht räumte ich von der Aprikose, biss hinein und war enttäuscht, dass sie nicht die erwartete Süße eines Pfirsichs hatte, sondern säuerlich schmeckte, mit einem bitteren Unterton. Diese Geschmackserfahrung im Traum war ziemlich deutlich. Als ich am Morgen in die Aprikose biss, schmeckte sie genau wie erträumt.

Es muss ein Wahrtraum gewesen sein. Wie konnte ich den Geschmack träumen, obwohl ich zuvor noch nie eine Aprikose gegessen hatte? War in der Nacht das Raum-Zeit-Kontinuum durcheinander geraten? Eine Störung der Kausalität? Oder hatte ich im Traum Anteil am kollektiven Weltwissen der Menschheit? In jedem Fall glaube ich, dass man derlei Erfahrungen nur in Dachstuben machen kann. Weiterlesen

Bügelfrei

Okay, dachte ich, jetzt werde ich also ein Hemd bügeln, obwohl Hemden bügeln ja längst verboten ist. Überhaupt sollten Bügeleisen längst bei den Sammelstellen abgegeben sein. Ich hatte aber noch eines im Schrank versteckt, der in einem ungenutzten Zimmer mit dem Gesicht zur Wand steht und nicht so leicht mehr geöffnet werden kann. Niemals hätte ich gedacht, dass Hemden bügeln einmal zur subversiven Tätigkeit werden könnte, aber nachdem ein Talkshowmoderator zusammen mit fünf Gästen eine gewerbsmäßige Büglerin in Grund und Boden geredet hat, traut sich keiner mehr, sich zum Bügeln zu bekennen. Bügeln gilt jetzt als moralisch verderbt.

Ich werde so tun müssen, als hätte ich das Hemd am eigenen Körper gebügelt, indem ich es unter den Augen anderer stramm ziehe und mich dabei aufblähe. Sich aufblähen statt zu bügeln? Es ist unbedingt nötig, um Energie zu sparen. Vorbei die Zeiten, als man im Winter die Außenfensterbänke mit dem Föhn vom Schnee frei gepustet hat. Derlei Verschwendung war gestern. Heute geht es den Energievertilgern an den Kragen, auch wenn sie gar keinen Kragen haben. Den haben freilich die Nutzer von Bügeleisen. Es ist gut, solche Leute als abschreckendes Beispiel vorzuführen.

Zuerst mal den Schrank so weit drehen, dass sich die Schranktür spaltbreit öffnen lässt. Mutig hineinlangen in die Finsternis. Hm? Wo ist’s denn? Ich hoffe, es wird mich nicht beißen. In der jüngeren Vergangenheit habe ich einen Freund angestiftet, mir ein Hemd zu bügeln und ihn dabei gefilmt. Ich habe sozusagen aus heutiger Sicht einen Hemdenbügel-Porno gemacht. Der Freund war ahnungslos. Jetzt ist er tot. Jedenfalls kann ich seine Anleitung jetzt noch memorieren und werde mein Hemd genauso bügeln. Ich muss mich vorsehen, keine Falte ins Hemd zu bügeln. Sie würde mich verraten, denn durch Aufblähen können keine Bügelfalten entstehen, vor allem die versehentlichen nicht. Das richtige Aufblähen muss ich noch üben, sonst glaubt mir keiner, dass ich mein Hemd bügelfrei geglättet hätte.

Was falsch machen

Es galt bislang für mich ausgemacht, dass magische Erscheinungen und Fügungen nicht wirklich übersinnlichen Ursprungs sind, weil genau dieser Ursprung eine verborgene Welt zu unseren Köpfen voraussetzt – wie etwa in den Mythologien der verschiedenen Völker ein Ort der Götter angenommen wird, wo das irdische Geschehen quasi verhandelt wird. Die Annahme eines Olymps, Wahalls oder Himmels, in dem die Götter durchaus menschlichen Geschäften nachgehen, wirft ja die Frage auf, warum da Schluss sein sollte, warum nicht über dieser Welt der Götter eine weitere Welt existieren sollte, quasi ein Metahimmel mit Metagöttern und so weiter – immer höher hinauf, Götterwelten gestapelt wie Teetassen, wobei jede Teetasse im Stapel besser und schöner ist als die jeweils untere. Eine Welt der Magie ohne Götter, etwa in der Vorstellung von Atheisten, würfe die gleiche Frage auf. Deshalb glaubte ich bislang nicht an magische Phänomene.

Seit vorgestern nun, das muss hier gestanden werden, mache ich einiges falsch. Beispielsweise drängte es mich, mal wieder bei Lidl einzukaufen, was höheren Orts vielleicht schon als Fehler gilt. An der einzig offenen Kasse saß der vierschrötige Mann, seiner Rede nach aus Osteuropa, mit dem mich eine stille Abneigung verbindet. Sie äußerte sich vor Jahren schon, als er meinen Gruß nicht oder nur maulfaul erwiderte. Man kennt solche oberflächlich unbegründete Abneigung, wie es ja auch das Gegenteil gibt, nämlich anlasslose Zuneigung.

Mit gewissem Widerwillen stellte ich mich an der Kasse an, lud meinen Einkauf aufs Band, auch ein Glas Arrabbiata-Tomatensoße. Da die Frau vor mir nur zögerlich vortrat, konnte ich das Kassenband nur mit gerecktem Arm beladen, legte das Glas Tomatensoße an den Rand, von wo es mit Vorrücken des Förderbands zur Seite rollte und hinunterfiel. Es stürzte zu Boden, zerbarst, und die Tomatensoße spritzte sogar an die Wand des angrenzenden Regals, verschonte aber meinen Schuh.

Mein insgeheimer Feind sah das Unglück und rief nach einer Kollegin, weil er die Kasse schließen und sauber machen müsse. Nun frage ich mich, ob es in mir eine geheime übergeordnete Instanz gibt, in der entschieden wurde, dem Mann an der Kasse durch ungeschicktes Verhalten zu schaden und ihn somit abzustrafen. Es bedarf sicher keiner weiteren Beispiele, um die Frage nach einer solchen Instanz zu illustrieren. Wenn es also Magie gäbe, wäre sie im Menschen selbst zu suchen, nämlich in dem, das landläufig das Unbewusste heißt.

Derzeit bin ich sehr beschäftigt, Fehler und Unfälle zu vermeiden, weil das Magische in mir derlei herbeizuführen trachtet. Ich werfe am Frühstückstisch volle Kaffeetassen um, kippe mein Abendessen auf die offene Klappe des Backofens und dergleichen. Abends falle ich erschöpft ins Bett und schlafe ungewöhnlich lang. Im Sinne des Spruchs: „Benannt, gebannt“ hoffe ich, mein Unbewusstes mit diesem Text zur Räson gebracht zu haben. Man möge mir die Daumen drücken.

Trommeln

Die Frau an meiner Seite sieht zu mir herüber und nimmt schmunzelnd meine Hand. Ich hatte gehofft, im dunklen Kino könnte ich ungesehen den Tränen freien Lauf lassen. Als ich ihr auf dem Nachhauseweg von meiner fast nicht zu kontrollierenden Rührseligkeit klage, meint sie: „Das ist doch unschädlich.“
Ist es das? Es belastet mich, vor allem, weil ich vermute, dass es schlimmer wird, genauer, dass die Schwelle der auslösenden Reize sinkt. Seit meinem Schlaganfall vor gut neun Jahren sinkt meine Impulskontrolle. Alles Unwillkürliche scheint zu erstarken und will sich ungefiltert Bahn brechen. Meine Tränen der Rührung sind dabei das Harmloseste.

Ich erinnere mich, wann mich zum ersten Mal die Rührung übermannte. Nach Jahrzehnten der Abwesenheit hatte ich zum Schützenfest mein Heimatdorf besucht. Ich stand mit vielen Dorfbewohnern am Straßenrand und wollte die Schützenparade sehen. Unter all den fremden Gesichtern hatte ich ein vertrautes entdeckt. Es gehörte Hilgers Juppi, dem Dachdecker des Dorfes. Wir waren in einem Schuljahr gewesen. Juppi war der Tradition gemäß ins Dachdeckergeschäft seines Vaters eingetreten. Schon sein Großvater war Dachdecker gewesen. Folglich hatte Juppi das Dorf nie verlassen.

Da zum Sprengel unserer Dorfkirche drei Dörfer gehören, ist der sonntägliche Schützenzug ziemlich lang. Drei Tambourcorps, gefolgt von je einer Musikkapelle stellten sich auf, um sich bei der Parade abzulösen. Sie marschieren mit klingendem Spiel heran, schwenken zum Signal des Tambourmajors auf Höhe der Tribüne zur Seite und bilden gegenüber den drei Schützenkönigspaaren ein Spalier. Die Musik mündet in den Parademarsch, den Tambourcorps und Musikkapelle gemeinsam spielen. Dazu marschieren die Schützenzüge ihres Dorfes im Stechschritt vorbei. Dieses anachronistische Schauspiel hatte Hilgers Juppi vermutlich schon zigmal gesehen und kommentierte demgemäß fachkundig. „Die Ansteler sind zu früh eingeschwenkt“ und „die Frixheimer haben es richtig gemacht.“ Kein Wunder, dachte ich, das Frixheimer Tambourcorps ist schon zu meiner Jugendzeit besonders zackig gewesen. Beim Einklang von Musik, Rhythmus und Gleichschritt überkam mich ein Weinkrampf. Ihn konnte ich gerade so unterdrücken. Aber die Tränen nicht. Sie flossen unkontrolliert über meine Wangen. Was war das nur?

Warum war ich so gerührt? In meiner frühen Jugend habe ich eine Weile im Tambourcorps getrommelt. Es war meine erste Erfahrung mitzuwirken, wo das Gesamte größer ist als die Summe seiner Teile. Obwohl die älteren Mitglieder uns junges Volk kaum beachteten, so lange wir richtig spielten, zumindest nicht störend herauszuhören waren, hatte ich das erhebende Gefühl, Teil dieses Ganzen zu sein. Wir taten etwas zusammen, ergänzten uns in der Musik, trommelten im selben Rhythmuns, trugen die gleiche Uniform und gingen im Gleichschritt. Später bei der Bundeswehr habe ich Uniform und Gleichschritt gehasst, denn ich erkannte darin das Missbräuchliche, aber zwischen Kindheit und Jugend war ich empfänglich für dieses Gefühl von totalem Einklang.

In unserer Zeit, die den Individualismus verehrt und zur Religion erhoben hat, will man allenfalls im Einklang mit der Natur leben. Nie hörte ich wen sagen, er wolle im Einklang mit den Menschen leben. Aber mir scheint da in mir, in uns allen etwas Atavistisches zu sein, das sich unter bestimmten Bedingungen Bahn bricht, der Wunsch sich zu vereinen in der uralten Echolalie. Sich im Einklang zu verlieren, heißt die Einsamkeit des eigenen Universums zu verlassen und auf einer höheren Ebene eins zu werden mit anderen. Wenn derlei nur angedeutet ist, in Zweierbeziehungen oder in Gruppen, packt mich die Rührseligkeit. Es rührt an meine Seele, und ich muss weinen.

Alleweil wird irgendwas gesagt

Als im Jahr 2010 die damals 38-jährige Krankenschwester Alex Cotton aus Coventry (England) vom Fußballabend mit Freunden zurückkam, traf sie beinahe der Schlag. Am unteren Ende der hauseigenen Regenrinne war ihr still und heimlich Jesus erschienen. Ergriffen zeigte sie den etwa zehn Zentimeter langen Rostfleck-Jesus ihren Freunden Graham Morriss (33) und Alan Downer (40), worauf die auch nur noch eines sagen konnten, nämlich: „Wow!“
„Für mich sind die Dornenkrone und der Bart deutlich zu erkennen“, sagte Cotton der herbei eilenden Presse.

Bildquelle: VRT.NWS

Unklar bleibt, wann Jesus in das Regenrohr hineingefahren war. Man muss auf allen Vieren kriechen, um ihn zu entdecken, was eine Krankenschwester nicht alle Tage tut. An diesem Abend hat sie sich betrinken müssen, weil der Schiedsrichter den Engländern im WM-Spiel gegen Deutschland ein reguläres Tor verweigert hatte. Deutschland-England 4:1! Da hat sich nicht nur Alex Cotton gefragt: „Wo, um Himmels Willen, war Gott?!“
Gott saß fest – in ihrem Regenrohr.

Genug gescherzt. Alex Cottons Fall ist einer von Pareidolie (Hineinsehen). Das Teestübchen Ihres Vertrauens hat davon vor fünf Jahren schon kompetent berichtet und eine Reihe guter Beispiele gezeigt. Hineinsehen ist beinah jedem vertraut. Was aber ist mit Hineinhören und wie lautet das Fachwort? Als ich heute Morgen den Wasserkocher befüllt hatte und ihn hinstellte, hörte ich in den begleitenden Geräuschen: „Ich hab mich tödlich gelangweilt.“ Verständlich, dachte ich, geradezu selbstverständlich, wenn man das beschränkte Dasein eines Wasserkochers bedenkt. Meistens steht er nur unbeachtet rum, bis ich am Morgen komme, ihn packe, unter dem Wasserhahn befülle, auf die Bodenplatte zurückstelle und einschalte. Wenn das Wasser in ihm zu wallen beginnt, nehme ich ihn und gieße heißes Wasser in eine Kanne, um Tee zu bereiten. Laaangweilig!

In letzter Zeit scheinen die Dinge vermehrt zu sprechen, so meinten die Bratkartoffeln im heißen Öl: „Auf ähnliche Weise.“ Im Knistern einer Plastikverpackung hörte ich: „Nicht der Rede wert .“ Als ich einmal nach dem Händewaschen den Wasserhahn schloss und das Wasser gurgelnd im Abfluss verschwand, sagte es am Abfluss-Sieb undeutlich: „Rührei!“ Auch mein Ikea-Wäschesack hat schon zu mir gesprochen. „Tschirch“ seufzte er laut und deutlich. Was er damit gemeint hat, kann ich nicht sagen, denn Tschirch ist meines Wissens kein deutsches Wort. Es gibt freilich einen bekannten deutschen Germanisten, der heißt Fritz Tschirch. Aber woher sollte mein Wäschekorb deutsche Germanisten kennen? Also wertete ich seine Bemerkung als kulturellen Bluff, nichts als Namedropping. Bisher hat nämlich noch kein Ikea-Wäsche-Aufbewahrungssack etwas Wesentliches zur Germanistik beigetragen.

Nachdem ich nun darüber geschrieben habe, soll Schluss sein mit dem sinnlosen Gequatsche. Am Ende wird’s noch biblisch, Jesus erscheint auf meinem Butterbrot und mein Toaster verlangt, dass ich eine Arche baue.

Immer Sitzen im Wartehäuschen

Aus Gründen bin ich in letzter Zeit öfter mit der Straßenbahn gefahren. Dabei habe ich wieder das Phänomen erlebt, dass die Straßenbahn immer dann heranrollt, wenn ich von meiner Straße auf die Straße mit dem Gleis einbiege. Kaum will ich die Straße an der Einmündung überqueren, rollt die Bahn heran. Manchmal narrt sie mich. Ich sehe auch in der Ferne noch keine Bahn, gehe ein Weile Richtung Haltestelle, und während ich hoffe, die Haltestelle beizeiten zu erreichen, da höre ich die Bahn hinterrücks herankommen, und schon überholt sie mich gleichgültig. Weiterlesen

Salzbrecher

Leider werde ich immer noch um 6 Uhr morgens wach. Als Schriftsetzer musste ich um diese Zeit aufstehen, während des Studiums nicht, aber dann als Lehrer wieder. In der Computertechnik gibt es Eprom-Speicherbausteine, die nicht gelöscht werden können. Ihre Inhalte werden gebrannt. Nach 35 Jahren Gewöhnung ist mir 6 Uhr wie bei einem Eprom eingebrannt. Nach der Zeitumstellung bin ich eine Weile um 5 Uhr wach geworden. Doch es pendelt sich langsam ein, nur gestern bin ich nach dem Aufwachen um 5 nochmals eingeschlafen und träumte einen langen Traum.

Der Salzbrecher-Traum
Ich bin mit einem Freund irgendwo in Köln auf einer Feier. Es ist 11 Uhr morgens. Mir fällt ein, dass ich gegen 12 Uhr einen Arzttermin habe und sage dem Freund, ich würde rasch nach Hause fahren, um zu duschen und mich umzuziehen. Schon als ich auf mein Fahrrad steige, ahne ich, dass ich nicht rechtzeitig zum Arzt kommen werde, zumal ich nicht weiß, in welche Richtung ich fahren müsste, um aus der Stadt hinauszukommen. Auf den Straßen herrscht der Autoverkehr. An einem Fußgängerüberweg wartet eine große Menschenmenge. Die Fußgängerampel ist wohl lange nicht auf Grün gesprungen, so dass die ungeduldige Menge schon auf den Fahrradweg brandet. Ich muss sie im großen Bogen umfahren.

Ich gerate in einen Park und einen Pulk Kinder. Um weiterzukommen, muss ich mein Fahrrad über eine Absperrung heben. In einem Kiosk frage ich nach dem Weg zum Stadtrand, weiß aber nicht mehr, wie der westliche Ortsteil heißt, über den ich Köln verlassen will. Später gelange ich an eine Ypsilongabel. Ich frage eine Frau, wohin die Straßen führen. Sie sagt: „Rechts geht es nach Orken, links ans Rheinufer.“ Orken sagt mir nichts. Die Straße steigt auch an und hat Kopfsteinpflaster. Also nehme ich den bequemen Weg und rolle hinab zum Rheinufer. Dort gerate ich auf einen Kirmesplatz. Plötzlich liege ich rücklings in einem Fahrgeschäft namens Salzbrecher.

Von oben saust ein auf die Kante gestelltes Brett herab und trifft schmerzhaft die Beine. Man wird im Fahrgeschäft weiter geschoben, und schon fällt das nächste Brett herab. Um meine Beine zu schützen, setze ich mich hin und fange die Bretter mit den Armen auf. Weitere Bretter fallen in meinen Arm und werden so schwer, das ich mich geschlagen geben muss. Der Salzbrecher lässt stoisch immer mehr Bretter auf meine Beine fallen, bis ich erwache.
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Wer bist denn du?

Ich bin jeden Tag ein anderer. Eigentlich wechsele ich nur hin und her zwischen zwei Persönlichkeiten wie damals Dr. Jekyll und Mr. Hyde, nur ist meine zweite Persönlichkeit nicht besser als die erste. Jeder kennt den Effekt, je nach sozialer Gruppe eine andere Spielart der eigenen Persönlichkeit zeigen zu müssen. Bei einer Familienfeier hat man vor Onkeln und Tanten einen Witz gemacht, und schon gilt man als witziger Kopf, von dem Bespaßung erwartet wird. Bei einer Nichte ist man als einfühlsamer Ratgeber gefragt. Jede/jeder möge für sich behalten, welche soziale Rolle wo von ihr/von ihm verlangt ist.

Derlei Gruppenzwang ist nur gering wirksam, wenn ich die Persönlichkeit wechsele. Ich habe zwei amtliche Existenzen, mithin zwei amtliche Namen. Sie stehen auf meinem Personalausweis, auf meinem Briefkasten und auf meiner Türklingel. Daher wäre es falsch zu behaupten, die eine wäre meine analoge, die andere meine digitale Existenz. Ein Name ist nur in der fassbaren Realität im Gebrauch, der andere zudem in der Realität des Digitalen. Der eine Name wurde mir auferlegt, den anderen habe ich mehr oder weniger frei gewählt. Weiterlesen

Termindruck

Soeben fiel mir ein, dass ich morgen früh einen Termin habe. Sogleich wurde es mir eng ums Herz. Ein Termin! Ich würde zu einer bestimmten Zeit aufstehen müssen, was rückwärts strahlen würde auf meine Nachtruhe. Sie kann nur unruhig sein. Dabei war die letzte Nacht schon unruihig. Ich wälzte mich hin und her, weil ich diesen elenden Traum geträumt habe, der nicht von der Stelle kam. Vielmehr war kein Platz für ihn, weil ein Vorgängertraum nicht weichen wollte. Mir drängt sich das Bild eines Bahnhofs auf, wo ein Zug hält und hält. Die Reisenden haben längst Platz genommen und ihre Brote ausgepackt. Sie wollen das Abfahren ihres Zugs genießen, wollen sich genüsslich zurücklehnen und sich fahren lassen über Gleise, derweil sie ihren Reiseproviant verzehren. Natürlich haben sie ein Recht darauf, dass ihr Zug fährt, nachdem sie pünktlich eingetroffen sind, den Stress des Einstiegs und der Platzsuche erfolgreich bewältigt haben. Die Koffer sind glücklich verstaut, das Brot ist ausgepackt, aber der Zug fährt und fährt nicht.

Derweil wartet der andere draußen auf der Brücke auf ein Signal, dass er in den Bahnhof einlaufen darf. Solcher Art waren die elenden Träume. Ich ging im ersten unruhig umher wie ein Zugbegleiter, der weiß, dass sein Zug längst hätte fahren müssen und die Ungeduld der Fahrgäste schmerzhaft zu spüren bekommt. „Warum fahren wir nicht?“, fragen die Fahrgäste ungeduldig und bewerfen den Zugbegleiter mit Brot.

„Ja, warum nicht? Ich habe morgen früh einen Termin und muss zeitig eintreffen!“