Die goldenen Schuhe des Banalen oder – eine Welt in Ausbaustufen

Eine Weile habe ich im Fach Kunst einen Schüler der 7. Klasse unterrichtet, der zutraulich, aber seltsam ängstlich war. Das Zutrauliche zeigte sich darin, dass er in kurzen Abständen zu mir ans Pult kam und mir das Bild zeigte, an dem er gerade malte. Wenn ich dann nur einatmete und bevor ich auch nur irgend etwas sagen konnte, haspelte er: „Ich weiß, ich muss alles noch verbessern, ich muss alles noch viel schöner machen!“ und eilte auf seinen Platz zurück. Woher er das mit dem Schöner machen hatte, weiß ich nicht, von mir jedenfalls nicht. Aber er war offenbar ein Visionär.

Alles noch viel schöner zu machen, ist der neuste Trend, der ganz heiße Scheiß. Derweil ich gestern meine Suppe löffelte, fiel mein Blick auf die Schuhe zweier Frauen, die sich einträchtig gegenüber saßen und angesagte Limo tranken. Die Turnschuh der einen waren nicht rot, was früher nur den Königen vorbehalten war, sie hatten sogar golden glänzendes Obermaterial. Und auch die Sandaletten der anderen hatten goldfarbene Riemchen.

Bei Computerspielen gibt es Ähnliches, beispielsweise in einem der beliebten Wimmelbild-Spiele, mit dem ich mir auf dem Tablet die Zeit vertreibe. Da kehrt der Spieler nach jeder erfolgreich gespielten Wimmelbild-Szene zu einer Basis zurück, die als Insel-Landschaft gestaltet ist. Auf dieser Insel kann man Gebäude errichten, die wiederum mehrere Ausbaustufen haben und dabei immer prächtiger werden, hier an drei verschiedenen Ausbaustufen eines Leuchtturms zu sehen. Bei der Kapelle kenne ich vorerst nur zwei, von schlicht zu prächtig, womit denn auch schon das Ende der Fahnenstange erreicht ist. Wer jetzt noch nicht katholisch/evangelisch/Heiliger der letzten Tage oder sonstwas werden will, dem ist formal nicht zu helfen.

Die Welt in Ausbaustufen – Screenshots aus „June’s Journey“ – größer: Klicken

Bei der ARD lief letztens eine neue Folge der jahrelang auf den dritten Kanälen rauf und runter gesendeten Kriminalkomödien-Serie „Mord mit Aussicht.“ Auch hier das Stilelement „Alles schöner machen.“ Der Plot der Folge hatte eine ganze Reihe Rückblenden, bei denen je subjektive Erinnerungen der Protagonisten ins Bild gesetzt waren. Die Rückblenden der Erinnerung waren in knalligen Bonbonfarben überzeichnet. Das war ein Regie-Einfall ganz am Tatsächlichen vorbei, denn von Erinnerungen weiß jeder, dass sie selten so deutlich sind wie das augenblickliche Erleben, weshalb das übliche Stilmittel des Films ist, Rückblenden durch reduzierte Farbgebung zu kennzeichnen. Natürlich ist legitim auszuprobieren, ob es auch anders geht. Ich finde, es war schön aber disfunktional, bietet jedoch ein weiteres Beispiel für den formalen Trend.

Mord mit Aussicht – Ereignis (l) und Rückblende (r)- aus: ARD Mediathek – Screenshots: JvdL

Die kürzlich im Teestübchen angesprochenen modischen (!) Tätowierungen werden auch immer knalliger ausgeführt. Die Welt scheint vom Drang beseelt, alles beständig noch viel schöner zu machen. Je hohler sie wird unsere Welt, je mehr Surrogat sie für das Echte vortäuscht, desto prächtiger wird sie ausgeführt. Die Dörfer des Grafen Potemkin waren nichts gegen die knallbunte oder goldfarben strahlende Kulissenwelt, die um den staunenden Betrachter aufgebaut wird. Dazu passt die sprachliche Hochglanzpolitur der Grußfloskel „Guten Abend!“ Wo Sportmoderator Heribert Faßbender einst mit einem schlichten ’n Abend allerseits Kultstatus erlangte, heißt es jetzt im Fernsehen immer öfter: „Einen wunderschönen guten Abend!“ Schon lehnt sich der Stilist in mir auf und fragt: „Habt ihr es auch eine Nummer kleiner?“ Wieso reicht ein guter Abend nicht mehr? Ein schöner Abend wäre bereits ganz fein. Soll ich etwa tagein-tagaus so einen wunderschönen guten Abend haben, weil’s gutgelaunte Deppen im Fernsehen befehlen? Ich will euer Discounter-Wunderschön nicht! Täglich wunderschön macht blöd.

Mit Kanonen der Form nach den Spatzen des Inhalts schießen oder wie Gottfried Benn sagt: „Nichts – und darüber Glasur.” Was dieser Trend zum medialen Overdress über unsere Gesellschaft sagt, wäre noch gedanklich zu durchdringen, will sagen auch diesen Text müssen wir noch verbessern und viel schöner machen.

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Die Wildheit des Gesichts – kurze Horrorgeschichte

Man kann sich vorstellen, dass ein zügelloses verderbtes Leben, abgrundtiefe Bosheit und lustvoll verübte grausame Verbrechen ihre Spuren im Gesicht eines Menschen hinterlassen. Dass sich die boshafte Lebenshaltung quasi in ein Gesicht schreibt, so dass jeder vernünftige Mensch die Person meidet. Das schließt natürlich nicht aus, dass auch hinter harmlosen Gesichtszügen sich Abgründe von Niedertracht auftun können. Genauso kann es umgekehrt sein. Es gibt beispielsweise eine Wildheit der Gesichtszüge, die nichts mit schlechter Lebenshaltung zu tun hat.

Ein solches Gesicht kannte ich einmal. Ich hatte es schon ganz vergessen, wenn nicht ein Kind geboren wäre und anlässlich der Taufe die weitläufige Verwandtschaft des Kindsvaters angereist wäre, worunter auch zwei Cousins waren, Brüder offenbar, die aus dem fernen Missouri herüber geflogen waren und sich jetzt stolz um die Wiege drängten, als wären sie die Erzeuger des kleinen Mädchens höchstselbst. Just diese Brüder hatten die Wildheit in ihren Gesichtern, die ich schon vergessen hatte. Ich hatte vergessen, dass die menschliche Gesichtslandschaft solche Verwüstungen aufweisen kann, obwohl doch alles wie zufällig an seinem Platz war, auch keine Verletzungen, Narben oder Male die Gesichter entstellten. Nein, Augen, Mund, Nase, Ohren waren geformt wie bei allen Menschen, waren Durchschnittsformen, als hätte man die Bilder aller menschlichen Gesichter übereinander gelegt und deren gemeinsame Schnittmenge zur Vorlage erhoben, genau wie ein Kind es erfasst mit Punkt, Punkt, Komma, Strich – fertig ist das Mondgesicht.

Vielleicht gab die Potenzierung der Durchschnittlichkeit den Gesichtern die groteske Wildheit, so dass der arglose Betrachter Abgründe der Verderbtheit vermuten mochte? Etwas beunruhigte mich, als ich die beiden Cousins dicht bei der Wiege sah. Das wilde Gesicht, dass ich einmal gekannt hatte, gehörte einem jungen Mann in der Straße meiner Kindheit. Er lebte mit seinen alten Eltern zurückgezogen in einem einsamen Haus auf dem Hügel und war früh gestorben, ohne dass je eine andere Frau in sein Leben getreten war als seine Mutter. Aber wieso war dieses Gesicht noch in der Welt? Er hatte es nicht vererben können. Wieso waren im fernen Missouri zwei Brüder aufgewachsen mit exakt dieser Wildnis im Gesicht? Wurde sie gar nicht vererbt, sondern durch mikrobiotische Parasiten übertragen? Und die beiden sabbernden Hillbillys direkt beim Gesicht des Säuglings waren die feixenden Zwischenwirte? Holt sie vom Kind weg, um Himmels Willen!

Kurzer Hosenbericht

Meine Aachener Radsport-Trainingsstrecke führte durch das belgische Grenzdorf Raeren. Nach einer Abfahrt an einem Bächlein entlang ging es scharf nach rechts und unvermittelt einen kurzen steilen Anstieg hoch, in dessen Kurve eine Bruchsteinmauer aufragte, in Radsportkreisen „Klagemauer“ genannt. Einmal fuhr ich an der Klagemauer hoch und zwei Jungen oberhalb der Mauer riefen mir zu: Schneller, schneller!“ und der eine ergänzte: „Du schaffst es, Junge!“ Ich schrieb in mein Tagebuch, „Junge!“ genannt zu werden, sei die Konsequenz, wenn ein Mann mit 44 in kurzen Hosen herumfährt.

Inzwischen habe ich den Radsport längst aufgegeben und lange Zeit nicht mal kurze Hosen besessen, musste mich aber zu Beginn der Hitzewelle 2018 ergeben und mir zwei kurze Hosen zulegen, die ich dann auch getragen habe, weil ich keinem Hitzschlag erliegen wollte. Bei solch extremen Wetterlagen müssen die Gesetze der Ästhetik und die Konventionen hinter der Daseinsvorsorge zurückstehen. Inzwischen bedauere ich fast, dass die Entschuldigung Hitzewelle nicht mehr gegeben ist. Ich hatte mich an die kurze Hose gewöhnt, aber die deutliche Abkühlung ist auch schön. Überdies schützen lange Hosen vor einem Malheur, von dem Samuel Pepys am 6. April 1661 berichtet:

„Mr. Townsend erzählte mir ein Missgeschick, dass er nämlich kürzlich mit beiden Beinen durch ein Hosenbein gestiegen und so den ganzen Tag herumgelaufen ist.“

Gekritzelt – Schreien und Nadeln im Sommerloch

Legendäre Mauer

In Berlin jibbet nüscht, wat es nich jibt. Am vergangenen Sonntag haben Spaziergänger ein 20 Meter langes unbekanntes Stück der Berliner Mauer gefunden. dpa zitiert einen Bezirksstadtrat von Berlin Mitte: „Ich war total überrascht, dass es noch Unentdecktes gibt.“ Hehe! Die Überraschung ist verständlich. Die komplette Bezirksverwaltung von Berlin Mitte ist ja erst gestern von hinterm Mond eingewandert und hatte natürlich keine genaue Vorstellung, wo sich die Mauer zu DDR-Zeiten befunden hat. „Konnt ja keener wissen, wo det Ding jestanden hat.“ Eigentlich wusste in der Bezirksverwaltung niemand genau, ob es diese Mauer überhaupt gab oder ob es sich bei Berichten über die Mauer um urban legends handelt. Man hat das überraschend aufgetauchte Mauerstück natürlich sofort unter Denkmalschutz gestellt, damit es nicht wieder unsichtbar wird. In Berlin jibbet nüscht, wat es nich jibt. Wenn man ein Sommerloch hat, findet man eine 20 Meter lange Mauer, um sie davor zu stellen.

Vermutung aus dem Niederländischen

Das deutsche Wort „ich fürchte“ im übertragenen Sinne heißt im Niederländischen „ik vrees. Als das letztens ein flämischer Reporter sagte, erkannte ich die lautlich Nähe von nl für „es friert“ „het is bevriezen.“ VREES und der Wortstamm VRIES scheinen mir verwandt zu sein, was die Furcht in die Nähe von Frost rückt, ganz entsprechend der Wahrnehmung, dass der Mensch bei Furcht eine Gänsehaut bekommt, vergleichbar der Gänsehaut bei Kälte. Dass FROST einmal weiblich war, darauf verweist das Deutsche Wörterbuch. DIE FROST und DIE FURCHT – die Verwandtschaft ist unverkennbar.

Menschliche Kommunikation

In Niedersachsen sind die Ferien beendet. Ich hörte es, als ich zum Marktcafé fuhr. Vom Pausenhof der Grundschule erscholl das typische Geschrei. Wie kommt das zustande? In den Ferien hörte man fast nie Kindergeschrei. In häuslicher Umgebung schreien Kinder eher selten. Aber sobald man sie in großer Zahl irgendwo zusammenpfercht, kommunizieren sie durch Geschrei. Ob das die ursprüngliche Weise ist, sich miteinander auszutauschen? Dann hätte sich menschliche Sprache aus Geschrei entwickelt, quasi aus dem verbalen Urschrei. Nachdem der Mensch gelernt hatte, seinen Mitmenschen anzuschreien, gab er sich Regeln, um das Geschrei einzudämmen. Sie gelten noch heute:
– Nicht alle gleichzeitig reden,
– den anderen nicht an die Wand reden wollen,
– beim Thema bleiben,
– sich um Verstehen bemühen,
– kein neues Fass aufmachen und darauf beharren,
– freundlich und respektvoll sein,
– des anderen Leistung anerkennen und nicht herumkritteln
(Übertragen auf das Schriftliche auch für Kommentare gut zu gebrauchen.)

Weihnachtsbaumerzeuger warnen

Während der sommerlichen Dürre sah ich bei „Hallo Niedersachsen“ (NDR) einen Bericht über riesige Monokulturen vertrockneter Weihnachtsbäume. Besonders die kleinen Bäume waren betroffen. Weihnachtsbäume würden heuer deutlich teurer werden, warnte der „Verband der Weihnachtsbaumerzeuger“, über dessen Existenz ich mich wunderte und dachte, jetzt stopft der NDR schon Weihnachtsbaumerzeuger ins Sommerloch.

Mein kaputtes Bullerbü

An meine Kindheit und Jugend auf dem Dorf denke ich gern zurück, obwohl mein Vater früh gestorben ist und wir in der Folge arme Leute waren. Das Dorf zeigte sich in der Beschaulichkeit des schwedischen Bullerbü, wie man es aus den Spielfilmen nach Astrid Lindgren kennt. Über das Schreckliche der Nazizeit wurde nicht oder nur ungern gesprochen. Heute denke ich, dass es um Verdrängung eigener Schuld ging, aber dass man uns Nachgeborenen auch davor bewahren wollte zu erfahren, was da Grauenvolles passiert war.

Zu allen Zeiten versuchen Eltern zu kontrollieren und zu filtern, welche Informationen zu den eigenen Kindern durchdringen. Ich wusste, dass ein Onkel mütterlicherseits bei der Waffen-SS gewesen war. Als die US-Armee anrückte, soll er Uniform, Orden und dergleichen im Garten vergraben haben, offenbar tief genug, dass hinfort Kartoffeln und Möhren darüber wachsen konnten. Wie dieser vergrabene Plunder waren auch die Erinnerungen vergraben. Der Onkel war der Lustigste von allen, nach dem Tod meines Vaters immer hilfsbereit und wie fast alle im Dorf glühender CDU-Wähler, wie es vor den Wahlen sogar von der Kanzel empfohlen wurde.

Am Samstagabend vor dem Schützenfest hielt der Bürgermeister jährlich eine Rede am Denkmal. Da wurde der Gefallenen zweier Weltkriege gedacht, doch nie erinnerte er daran, dass im Dorf jüdische Mitbürger gelebt hatten, die man in Konzentrations- und Vernichtungslager abtransportiert hatte. Meine Mutter hörte ich einmal sagen, dass es nicht richtig gewesen wäre, was die Nazis mit den Juden gemacht haben. In meiner Kindheit stand noch die ausgebrannte Ruine der Synagoge mit ihren gruselig finsteren Fensterhöhlen wie ein Mahnmal, aber die Erwachsenen gaben keine Auskunft darüber. Dass es einen Judenfriedhof an der Dorfgrenze gab, erfuhr ich erst in den 1990-er Jahren:

Mein fünf Jahre älterer Bruder erzählte mir von einem Acker, den unser Großvater da beim Judenfriedhof besessen habe. Als Kind habe er den Opa oft dahin begleitet. Ich fragte entgeistert: „Wo ist denn der Judenfriedhof?“ Wir waren mit dem Auto unterwegs, und mein Bruder lenkte es dorthin. Den kleinen Friedhof umschloss eine Mauer. Das schmiedeeiserne Tor war zugeschweißt. Zwischen hohem Gras und Gestrüpp sah ich einige umgestürzte Grabsteine. Ich konnte gar nicht fassen, dass ich nie zuvor etwas von diesem Judenfriedhof gehört hatte. Offenbar hatte über allem einvernehmliches Schweigen gelegen. Ein Eingeständnis der Mitschuld.

Von dieser Mitschuld sollte ich erst kürzlich lesen. Als hätte eine höhere Macht befunden, ich wäre jetzt alt genug, die schreckliche Wahrheit über mein kindliches Bullerbü zu erfahren: Letztens googelte ich nach der Ziegelei im Nachbardorf Anstel und stieß auf einen Zeitungsartikel der Neuß-Grevenbroicher Zeitung vom 28. August 2007. Es geht um die Ermordung eines polnischen Zwangsarbeiters durch die Staatspolizei. Weil er eine Liebesbeziehung zu einem 18-jährigen deutschen Mädchen hatte, wurde er öffentlich erhängt:

(aus Neuß-Grevenbroicher Zeitung – größer bitte klicken)

Ich meinte mich sogar zu erinnern, dass der am Verbrechen beteiligte dicke Dorfpolizist noch Jahre stolz zu Ross beim Schützenzug mitritt. Wenn er es war, kannte er keine Reue. Aber die anderen waren zumindest beschämt. Mein Waffen-SS-Onkel war kein schlechter Mensch, jedenfalls nicht zu der Zeit, als ich ihn kannte. Ich verdanke ihm einiges, meine Schriftsetzerlehre und die Halda-Schreibmaschine. Auch dem Bürgermeister, der kein Wort für die deportierten und ermordeten Mitbürger fand, verdankte ich was. Wenn er erfuhr, dass mein Schwager meine Mutter zu mir nach Aachen fahren werde, lud er ihm einen Sack Kartoffeln in den Kofferraum, damit ich armer Student etwas zu essen hatte. Man befolgte moralische Grundsätze im Dorf, und doch hatte man im 3. Reich himmelschreiende Barbarei zugelassen. Wer sich alles schuldig gemacht hat, weiß ich nicht. Nur von einem Gärtner wurde erzählt, er habe seine polnischen Zwangsarbeiter so brutal geschunden, dass die US-Soldaten ihn mit einer Scheinhinrichtung bestraft hätten. Sie zwangen ihn im Feld, sein eigenes Grab auszuheben. Das wurde in meiner Familie nicht ohne Genugtuung berichtet.

Als Reporterin des Eichmannprozesses hat die Soziologin Hannah Arendt von der „Banalität des Bösen“ geschrieben. Arendt charakterisierte den millionenfachen Mörder Eichmann als normalen Menschen. Es ist das Erschreckende, dass „normale Menschen“ bei einer Pegida-Demonstration „Absaufen! Absaufen!“ rufen, wenn der Redner von Bootflüchtlingen auf dem Mittelmeer spricht. Normale Menschen wählen sich „christlich“ nennende Politiker, die mit einem gnadenlose Zynismus von Schutzsuchenden sprechen, weil sie ihre Macht erhalten wollen. Das Inhumane, das abgrundtief Böse kann so harmlos daherkommen. Normale Menschen können Schreckliches tun. Um mit Matthias Egersdörfer zu sprechen: „Überlegen Sie sich das einmal!“

Tätowierung, die modische Pest

Um heimisch zu werden in Hannover bin ich anfangs viel mit dem Fahrrad ins Umland gefahren. Als ich einmal über die Felder rollte, sah ich in der Ferne einen Radfahrer hinter mir her fahren. Wann immer der Weg abknickte, sah ich ihn näher kommen und erkannte bald einen stämmigen jungen Mann mit einem stampfenden Fahrstil. Als er mich einholte, kamen wir ins Gespräch. Er plauderte drauf los und erzählte arglos, dass er von einer Grafik-Fortbildung komme. Das Arbeitsamt zahle ihm eine Umschulung zum Tätowierer. Er konnte ja nicht ahnen, dass ich Tattoos für eine moderne Pest halte.

In genau dieser Gegend hatte ich mich mal verfahren. Ich hatte nichts zu essen mitgenommen, wollte mich unterwegs verpflegen, aber auf den Dörfern gibt es keine Geschäfte mehr. Jedenfalls fürchtete ich bald, dem Mann mit dem Hammer zu begegnen. Da sah ich vor mir eine junge Frau mit Hund, und als ich auf ihrer Höhe war, fragte ich sie, ob es im Dorf eine Bäckerei gebe. „Nein“, sagte sie, „wir haben hier gar nichts.“ Sie war ziemlich hübsch, wie ich im Vorbeirollen sah. Aber über ihrem Ausschnitt prangte eine keltische Flechtbandornamentik, quer über das Dekolletee tätowiert. Da dachte ich schon, wer es über sich bringt, ein entzückendes Dekolletee mit einem Verhau aus dreckigblauer Tinte zu verschandeln, muss das Gemüt eines Fleischerhunds haben. Ich drehte mich noch mal um und rief: „Was esst ihr denn?“ Seufzend hob und senkte sich die keltische Hecke: „Wir fahren in den Supermarkt!“

Diesen verschandelten Busen vor Augen, behandelte ich den zukünftigen Tätowierer ein bisschen von oben herab, weshalb er sich befleißigte, mir atemlos mitzuteilen, dass er durchaus ein kulturelles Wesen sei, beispielsweise etwas von einer Kirche seines Heimatortes wusste, die wegen ihrer Deckengemälde sogar (!) bei Wikipedia erwähnt wäre.
(Das Gespräch Im Video etwa bei 3:40 – es startet dort)

Der Ort hieß Leveste, und wir hatten an seinem Rand gehalten mit Blick auf einen Gutshof mit Teich und Enten inmitten alten Baumbestands. Das sei das Anwesen der Knigges, sagte der Fleischerhund, und die alte Baronin lebe immer noch dort. Ihr Vorfahr Adolph Freiherr Knigge (1752 – 1796) ist uns als der Schöpfer von Benimmregeln bekannt, begründet durch sein Hauptwerk „Über den Umgang mit Menschen“, erschienen 1788.

Das Buch ist aus der Perspektive des vom Leben enttäuschten Kleinadeligen geschrieben, dem es trotz seiner Einsichten in die menschliche Natur nicht gelang, gesellschaftlich aufzusteigen. So schildert er fast verbittert, dass er einem Grafen ein Gemälde geschenkt habe, um sich der Gunst des Grafen zu versichern. Bei einem späteren Besuch erlebte Knigge, wie der Graf voller Stolz das Bild herum zeigte und vergessen hatte, wie er in den Besitz gekommen war, denn er behauptete, er habe das Gemälde irgendwo spottbillig erstanden. Dass Knigges umfassenden Ratschläge über den Umgang mit sich und den Mitmenschen später reduziert wurden auf Benimmregeln, hat etwas mit der devoten Geisteshaltung Knigges zu tun. Daher konnten Knigges kluge Ratschläge zu den starren Bildern von Etikette umgedeutet werden, zu Vorschriften, wie man sich in der besseren Gesellschaft zu benehmen habe – als unterwürfige Anpassung an die Gegebenheiten.

Eine Weile trug ich ein kleines Buch mit mir herum, das gut in die Hand passt: „Handorakel und Kunst der Weltklugheit“ von Baltasar Gracián (1601 – 1658). Die Originalausgabe: Gracian’s Oraculo manual y arte de prudencia erschien 1633. Arthur Schopenhauer hat das Handorakel im frühen 19. Jahrhundert „treu und sorgfältig übersetzt.“ Dieses Büchlein begleitet mich schon gut 15 Jahre, und vieles daraus habe ich verinnerlicht, denn ich kann Gracians Worte noch heute verknüpfen mit eigenen Erfahrungen. Balthazar Gracián schreibt bündiger und klarer als sein Epigone Knigge. Gracián gibt nicht nur Ratschläge, wie man mit sich selbst umgehen, wie man sich vervollkommnen und wie man seinen Mitmenschen begegnen sollte, er gibt auch Anleitung zur Entfaltung von Macht über sich und andere (hier online zu lesen). Es fehlt ihm aber eine soziale Haltung, die den Eigennutz übersteigende Einsicht, dass der Mensch ein Sozialwesen ist und sich auch als ein solches zu verhalten hat. Das Leben ist für ihn ein Kampf, die Oberhand zu gewinnen.

Weder Gracians Machtmittel noch Knigges Umgangsformen helfen, die Gesellschaft klug zu gestalten. Herrschaften mit strategischen Fähigkeiten und vorzüglichen Manieren verdienen am schändlichen Unterschichtsfernsehen, verhindern echte Bildung, bringen Menschen um Hoffnung, Brot und Arbeit, führen Kriege, befehlen Folter und Mord, plündern bedenkenlos unsere Gesellschaften aus. Die Liste ihrer Schandtaten ist endlos. Und täglich offenbart sich aufs Neue, wie verkommen die Geisteshaltung ist hinter den geleckten Fassaden unserer Eliten.

Für mich gehört Tätowiert sein zur Prollkultur und ist Sklavenart, also nichts für stolze Freie. Indem die Menschen unserer Zeit sich zunehmend machtlos und unterworfen erleben, lassen sie sich mit Tätowierung als die Sklaven markieren, die sie sind. Da passt es, dass die Arbeitsagentur Umschulungen zum Tätowierer bezahlt. Der Bedarf steigt.

Hobbybastelei in Zeiten der Dürre

Als Kind habe ich viel gebastelt. Es gab im Hof eine „Serch“ genannte, rechteckig gemauerte Zisterne unter dem Vordach der leeren Ställe. Einst war wohl die Regenrinne zum Serch geführt worden, weil aber kein Vieh mehr in den Ställen stand, das getränkt werden musste, war die Zuleitung unterbrochen. Der Serch lag trocken und enthielt verstaubtes Gerümpel, das man sah, wenn die Abdeckung aus dicken Bohlen angehoben wurde. Diese Abdeckung war mein stabiler Basteltisch. Wenn es im Sommer zu regnen begann, wenn ein ergiebiger Landregen niederging, stand ich geschützt unterm Vordach, genoss das Prasseln des Regens und schnitzte mir aus einem Stück Holz ein Schiffchen. Denn ich wusste, da kommt gleich eine Flut die Straße hinunter, der die Gosse vor unserem Haus in einen reißenden Sturzbach verwandeln würde, worin ich mein Schiffchen wassern könnte, das dann ruderlos taumelnd mitgerissen wurde, und ich würde nebenher laufen, um es unten an der Straßeneinmündung zu retten, im spannenden Moment, bevor der Sturzbach dort in den Gully gurgelte.

Einmal in langweiligen ewig langen Ferien hat es viele Tage nicht geregnet. Ich verlor die Lust am Schiffchenschnitzen. Irgendwo fand ich einen alten Ziegelstein, von dem schon ein Stück abgebrochen war, so dass er aussah wie ein Indianerkopf im Profil. Ich legte den Ziegel auf meinen Basteltisch und bearbeitete ihn mit Hammer und Meißel, um der Rothaut mehr Kontur zu geben. Bald hörte man die Straße rauf und runter das Hämmern und Klingen von Meißeln, denn andere Jungs wollten auch einen Indianer haben, und Ziegelsteine gab es offenbar genug.

Kürzlich hat im Städtchen Haßloch, eine Zahnarztgattin zu malen begonnen und ganz hübsche Ergebnisse erzielt. Eine Boutique in der Nachbarschaft hat sogar mit drei prächtigen Blumenbildern ihr Schaufenster dekoriert, so dass sich der Wunsch zu malen im Kreis der betuchten Kundinnen verbreitete. Es wurde eifrig in Öl gespachtelt und gepinselt, dass die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) nicht umhin konnte, eine neue Lust am Malen zu registrieren. Die GfK hat vor langer Zeit schon Haßloch zum Testmarkt erhoben. Hier werden Produkte vor ihrer Markteinführung getestet. Denn was die 19.000 Haßlocher mögen, mögen alle anderen Deutschen auch. Folglich bietet ein Discounter derzeit bespannte und grundierte Leinwände in verschiedenen Größen und diverse Farben an, offenbar mit wenig Erfolg. Kaum einer der Lidl-Kunden weiß etwas damit anzufangen, zumal die Blumen in Deutschland längst vertrocknet sind, und wer will schon Gestrüpp malen? Vielleicht käme ein Set mit Ziegelstein, Hammer, Meißel und Schutzbrille besser an?