Entstehung aus dem Fragment (4) – Beichte des Vaters

Brisantes Material: Costers Büchlein, Foto: JvdL

Die Beichte des alten Klippenhagen

„Komm näher, Renate, was ich dir jetzt sage, darf diese vier Wände nicht verlassen!

Zur Zeit des Nationalsozialismus hat ein junger Literaturwissenschaftler aus Königsberg namens Hans Ernst Schneider eine steile Karriere in der verbrecherischen Organisation Ahnenerbe gemacht. Er war Abteilungsleiter im persönlichen Stab des Reichsführers SS Heinrich Himmler und an den medizinischen Fakultäten in den besetzten Niederlanden unter anderem dafür zuständig, Laboreinrichtungen zu beschlagnahmen, die für Menschenversuche an KZ-Häftlingen in Dachau benötigt wurden. Ob er persönlich an diesen grausamen Vivisektionen ohne Narkose beteiligt war, konnte nie geklärt werden. Dass er jedoch nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus untertauchte, werte ich als Schuldeingeständnis. Seine Ehefrau ließ ihn für tot erklären, behauptete, ihr Mann sei bei den Kämpfen um Berlin gefallen. Ein Jahr später tauchte Schneider als Hans Schwerte wieder auf, angeblich ein Cousin  Schneiders aus Hildesheim. Seine vermeintliche Witwe heiratete ihn erneut. Schwerte promovierte nochmals in Literaturwissenschaft, wurde wissenschaftlicher Assitent und bekam bald darauf eine Professur an der RWTH. Als begnadeter Opportunist erkannte er früh die Zeichen der Zeit und gab sich als linker Professor. Bei seinen Studierenden war er überaus beliebt und anerkannt. Das sicherte ihm die studentischen Stimmen bei Wahlen innerhalb der Entscheidungsgremien, und er stieg auf bis zum Rektor der RWTH Aachen und wurde sogar mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Noch während Schwerte Karriere machte, war ein Angestellter der TH-Verwaltung zu mir gekommen und hatte um ein vertrauliches Gespräch gebeten. Er teilte mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit mit, dass er in Professor Dr. Hans Schwerte den sadistischen Nazi Hans Ernst Schneider wiedererkannt hatte. Er war nämlich in Berlin im persönlichen Stab des Reichsführers SS Heinrich Himmler Fahrer der Fahrbereitschaft gewesen und hatte Schneider/Schwerte einige Male nach Dachau fahren müssen. Ob er mit seinem Wissen an die Öffentlichkeit gehen sollte, wollte der Mann wissen. Ich riet ihm dringend ab. Das könnte für ihn als kleinen Angestellten nur die Kündigung, den völligen Ruin und die Vertreibung aus der Stadt bedeuten. Denn Schwerte habe in allen wichtigen Institutionen der Stadt mächtige Freunde.

Jetzt kommt es, Renate, merke gut auf! Zu dieser Zeit hatte ich mich um den vakanten Lehrstuhl für Komparatistik bemüht. Mir war jedoch klar gewesen, dass ich gegen die anderen Bewerber keine Chance hatte. Es mangelte nicht an Qualifikation, mir fehlten die nötigen Beziehungen, denn es war allgemein bekannt, dass im Senat der Hochschule die alten Seilschaften aus der Nazizeit das Sagen hatten, die Alten Herren mächtiger Schlagender Verbindungen teilten den Kuchen gewohnheitsmäßig unter sich auf und protegierten wechselseitig ihre missratenen Zöglinge. Ich war nie Mitglied einer Verbindung gewesen. Meine Eltern, deine Großeltern, Renate, sind auch in der Nazizeit überzeugte Sozialdemokraten geblieben. Sollte ich wegen fehlender brauner Färbung auf irgendeinem wissenschaftlichen Abstellgleis versauern? Also wandte ich mich an Schwerte, teilte ihm kurzerhand mit, was ich über seine Vergangenheit erfahren hatte und verlangte als Tribut für mein Schweigen den Lehrstuhl für Komparatistik.

Obwohl Schwerte Jahre später von Reportern des niederländischen Fernsehens enttarnt worden ist, gilt die Vereinbarung weiterhin. Weil Schwertes Mitwisser im Professorenkollegium nicht genannt werden wollen, weil nicht herauskommen soll, wer ihn über Jahrzehnte gedeckt hatte, kann und will ich den Lehrstuhl an dich weitergeben.“

Renate Klippenhagen war eine Frau von Grundsätzen. Es erfüllte sie mit Genugtuung, dass Schneider/Schwerte letztlich doch noch hatte für seine Taten büßen müssen. Im hohen Alter war ihm das Bundesverdienstkreuz aberkannt worden, er verlor seine Beamtenpension und war verarmt und einsam im Altersheim gestorben. Dieses Unrecht war also aus der Welt. Ihrem Vater den letzten Willen abzuschlagen, brachte sie nicht übers Herz. „Aber Erpressung bleibt auch über Generationen hinweg Erpressung“, sagte sie sich. „Wenn ich schon Nutznießerin dieser Erpressung sein muss, will ich zum Ausgleich etwas Gutes tun und Jeremias Coster seinen Herzenswunsch erfüllen. Ich werde im Senat für die Einrichtung des Instituts für Pataphysik stimmen.“

Eine folgenschwere Entscheidung.

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Entstehung aus dem Fragment (3) – Costers Büchlein

Jeremias Costers Büchlein

Über alle Geschehnisse von den Zeiten der Galerie Gegenverkehr an hatte Jeremias Coster getreulich Tagebuch geführt. Es waren etwa 250 Moleskinebüchlein. Diese Büchlein hatte er mir für den Fall seines Todes versprochen, denn ich sah in ihnen zeitgeschichtliche Dokumente, die es zu wahren, zu sichten und auszuwerten galt. Tatsächlich bekam ich nach Costers Freitod vor nunmehr vier Jahren Post vom Testament vollstreckenden Amtsgericht Köln, dass ich die Tagebücher geerbt hatte. Doch ein mit Coster eng befreundeter Kriminalbeamter vom Dezernat für Bandenkriminalität hatte die Büchlein in Absprache mit Costers erwachsenen Töchtern längst schreddern lassen. Sie waren darin einig geworden, dass deren Inhalt nicht an die Öffentlichkeit kommen dürfte, da vieles, was dort notiert war, noch lebende Personen betraf.

In weiser Voraussicht hatte mir Coster bei seinem letzten Besuch bereits 40 Büchlein mitgebracht, mit der Maßgabe, ich solle sie „vorerst in den Giftschrank stellen.“ Nun habe ich einen derartigen Giftschrank nicht, sondern nur eine Truhe, in der ich einen Wust Papiere bewahre, die ich im Frühjahr 2005 in einem Anflug von Schreibwahn bekifft und quasi besinnungslos vor Liebeskummer um Lisette vollgekritzelt habe. Costers Büchlein bilden sozusagen die schützende Deckschicht, so dass ich seither nicht in Versuchung geriet, diese Dokumente meiner geistigen Verwirrung nochmals anzuschauen. Mit einer gewissen inneren Ruhe blätterte ich jedoch stichprobenartig in einigen seiner Tagebücher und stieß auf Notizen, aus denen die Umstände der Gründung des Instituts für Pataphysik an der RWTH Aachen hervorgehen. Vorausgegangen war Costers Versuch, Liana Zanfrisco für sich zu gewinnen. Er wollte ihr mit einem Institut für Pataphysik imponieren, hatte zunächst eine private Einrichtung, finanziert durch eine Stiftung erwogen, hatte dann aber durch günstige Umstände die Gelegenheit bekommen, das Institut der RWTH Aachen anzugliedern.

Eine zentrale Rolle spielte dabei die bereits erwähnte Professorin Dr. Renate Klippenhagen. Sie hatte eigentlich ein Diplom in Textildesign gemacht, doch an seinem Sterbebett hatte der Vater ihr mitgeteilt, dass sie den Lehrstuhl für Komparatistik erben würde. „Diese Familientradition bitte ich dich weiterzuführen, auch wenn du mehr vom Schürzennähen verstehst als von vergleichender Linguistik.“ Renate Klippenhagen war entgeistert. Nie zuvor hatte sie gehört, dass Lehrstühle an Universitäten vererbt werden könnten. Der alte Klippenhagen bat sie, ihm in Ruhe zuzuhören, damit sie verstünde. Zuvor jedoch verlangte er, dass man das Sterbezimmer mit Richard Wagners Walkürenritt beschallt, worauf Renate Klippenhagen ahnte, dass sie passend zu dieser Musik etwas ganz Krankes zu hören bekommen würde.

Es folgt nun die Beichte des alten Klippenhagen, die er am Sterbebett seiner Tochter ins Ohr raunte:

Entstehung aus dem Fragment (2)

Rückblick auf die Ära Jeremias Coster

Bekanntlich hat Jeremias Coster 15 Jahre den Lehrstuhl für Pataphysik innegehabt. In den letzten Jahren vor seinem Freitod hatte er allerdings die Institutsgeschäfte sträflich vernachlässigt. Schon als man ihm seitens der RWTH die Wohnung im Dachgeschoss des Kerstenschen Pavillon zuwies, hatte sich Coster zunehmend den Genüssen des Lebens zugewandt, hatte die Schlieren in seiner leeren Espressotasse fotografiert und seine Zukunft daraus gelesen, hatte kugelförmige Objekte gesammelt, diverse Liebschaften gepflegt, hatte sich mit mir herumgetrieben und sich höchst selten im alten Gebäude des Pataphysischen Instituts sehen lassen. Durch das quasi führungslose Institut war die Wissenschaft der Pataphysik immer mehr an den Rand gerückt und hatte enorm an Bedeutung eingebüßt. Immer häufiger war in Senatskreisen die Ansicht zu hören gewesen, es handele sich bei der Pataphysik mitnichten um eine ernst zu nehmende Wissenschaft. Sie sei vielmehr ein literarisches Konzept, das sich aber seit seiner Formulierung durch Alfred Jarry nicht nennenswert weiterentwickelt hätte, und erst recht nicht durch Professor Jeremias Coster. Man lästerte über Costers Tomatenphilosophie, bei der er Tomaten nach der Anzahl ihrer Kammern gruppierte.


„Wenn Sie eine Dreikammertomate aufschneiden, sehen Sie einen Mercedesstern“, hatte Coster in seiner letzten Vorlesung gesagt. Dabei hatte er eine Schautafel an die Wand des Hörsaals projiziert, wo er auf einzelnen Zeichnungen die Tomaten selbst und die Schnitte durch die verschiedenen Tomaten zeigte. Mit einer kleinen, gezielten Handschrift war dabei die gesamte Costersche Tomatenphilosophie erklärt. Etwas Ähnliches hatte er mit Sektkorken gemacht. Er zeigte auch eine Bildserie mit den kleinen Kaffeemilch-Plastikdöschen, deren Aludeckel man auf- oder abreißen muss. Coster hatte untersucht und gezeichnet, wie es am besten geht.

„Also hören Sie mal, Plastikdöschen mit Aludeckel, ganz abgesehen vom Umweltaspekt“, sagte der Kanzler der RWTH in die Runde der Senatoren, „das ist doch keine Wissenschaft!“ Schon wurde die Frage erörtert, wie es Jeremias Coster überhaupt möglich gewesen war, an der RWTH Aachen das Institut für Pataphysik zu etablieren und dem Institut für Nachrichtengeräte im alten Institutsgebäude am Königshügel Räumlichkeiten abzutrotzen. Da fühlte sich Professorin Dr. Renate Klippenhagen, die den Lehrstuhl für Komparatistik inne hatte, zu einem schwachen Widerspruch genötigt. Schließlich war sie in ihrer frühen Jugend wie „jede, aber wirklich jede Frau ein bisschen in Jeremias Coster verliebt“ gewesen, damals in den 1960-er Jahren, als der junge Coster als Student der Architektur charmanter „Hausmeister“ in der legendären Galerie Gegenverkehr gewesen war. Coster bewohnte nämlich eine kleine unbeheizte Wohnung im Dachgeschoss des Gebäudes im Hinterhaus der Aachener Theaterstraße, Hausnummer 50, zahlte fast keine Miete, weil er die Aufgabe übernommen hatte, die Galerie auf- und abzuschließen. Auf diese Weise hatte er Zugang zu avantgardistischen künstlerischen Kreisen gefunden, denn im Gegenverkehr verkehrten nicht nur die aufstrebenden Maler Gerhard Richter und Mel Ramos, sondern die wichtigsten Vertreter der neodadaistischen Fluxusbewegung wie Joseph Beuys, Wolf Vostell, Nam June Paik, die barbusige Cellistin Charlotte Moorman und der selbsternannte Kunst- und Ästhetikschwätzer Bazon Brock.

Ende der 1990-er Jahre hatte Coster in der Villa eines befreundeten Künstlers nahe Verviers anlässlicher einer Feier mit 100 Gästen die beiden letzten lebenden Vertreter der ersten Generation der Pataphysiker getroffen, das Ehepaar Odette und André Blavier. Freilich, was heißt „getroffen?“ Er hatte nur Augen für die schöne italienische Künstlerin Liana Zanfrisco gehabt, deren 40. Geburtstag gefeiert wurde und die ihn bezauberte, weil sie sich mit ausgewählten männlichen Gästen fotografieren ließ, indem sie sich halb auf deren Schoß setzte und sie mit einem Arm locker umhalste. Coster war unter ihrer Umarmung dahingeschmolzen und hütete diese Fotografie wie einen Schatz. Möglicher Weise waren ihm die Blaviers vorgestellt worden, aber so richtig elektrisiert hatte ihn die Pataphysik erst, nachdem zuerst André, dann Odette Blavier gestorben waren und Liana Zanfrisco das Werk Odettes in einer Art Retrospektive in einem Lütticher Museum vorstellte. Er war mit dieser Liana im Auto von Aachen zur Ausstellungseröffnung gefahren und noch Tage wie verzaubert herumgelaufen.

In der Fortsetzung wird erzählt werden, unter welch dubiosen Bedingungen das Aachener Institut für Pataphysik entstand.

Entstehung aus dem Fragment

1. Kapitel Neubeginn

Kürzlich wurde der Neubau des Instituts für Pataphysik der RWTH Aachen am Königshügel eröffnet. Seine spektakuläre Form erregt Aufsehen und sogar Missbehagen sowohl in der Bevölkerung als auch bei einer Reihe von altehrwürdigen Instituten, die unterhalb des Königshügels liegen. Das Werk des Lütticher Star-Architekten Jean-Marie Dobbelstein lässt jede Ähnlichkeit mit einem üblichen Institutsgebäude vermissen. Seine Form erinnert an einen gigantischen Harz- oder Honigtropfen, der das untere Steilstück des Königshügels hinunterzulaufen droht. Dieser Eindruck ist neben seiner Tropfenform der bernsteinfarbenen gläsernen Fassade geschuldet. Die Oberseite des Tropfens ist nahezu waagerecht. Auf dieser Seite liegt dem Königshügel zugewandt das ebenerdige Portal. Betritt man das Gebäude, tut sich ein langer Flur auf, dessen Ende in fernen Dunst eintaucht. Den Besucher verlässt der Mut, den Flur bewältigen zu können. Das ist ein Grund, wenn nicht der einzige, warum die Studierenden des 1. Semesters ausschließlich das Fahren mit dem Longboard üben. Für Besucher stehen 150 Zentimeter lange Boards zur Verfügung. Ungeübten ist jedoch nicht erlaubt, das Board auf einer der tieferen Etagen zu benutzen. Die Flure sind Rampen, deren Steilheitsgrad kontinuierlich zunimmt. Auf dem unteren Flur haben selbst Geübte Schwierigkeiten, das Board zu steuern. Demnach sind Studierende und Lehrende der Pataphysik innerhalb des Tropfens schwerkraftbedingt beständig unterwegs nach unten, was der Wissenschaft der Pataphysik schon in architektonischer Hinsicht neues Gewicht verleiht. Der gesamte untere Bereich des Tropfens wird über alle Etagen in kompletter Breite vom Hörsaal eingenommen, der wiederum durch beliebig zu erzeugende Längswände aus Infraschall unterteilt werden kann.

Die Lehrstuhlinhaber anderer Institute haben in einem offenen Brief, abgedruckt in beiden Aachener Zeitungen, sowie der Zeitschrift „In arte voluptas“ ihrer Besorgnis Ausdruck verliehen, ihre Institute, ja ihre ganze Wissenschaft könnte von der Pataphysik überrollt werden, wenn der Harztropfen mal in Bewegung geriete und nicht sicher am Hang des Königshügels kleben bliebe.

Ein niederländischer Künstler des magischen Realismus hatte die Idee aufgegriffen und zeigte auf der Weihnachtsausstellung des Aachener Kunstvereins ein zweieinhalb mal fünf Quadratmeter großes Gemälde in fotorealistischer Manier, das prominente Vertreter der ehrwürdigen Professorenschaft darstellt, wie sie gleich toten Fliegen in Bernstein erstarrt auf dem Rücken liegen und alle Viere von sich strecken. Nur einen, scheint es, hatte der Einschluss beim Nachdenken erwischt. [siehe Bildausschnitt – zum Vergrößern bitte klicken] Doch bei genauer Betrachtung entpuppen sich der Gegenstand seiner Aufmerksamkeit als Reiseprospekt und -unterlagen einer Kreuzfahrschiffs-Reederei.

In der Tat ist die Statik ein Schwachpunkt des Gebäudes. Es wird kolportiert, dass den Architekten Jean-Marie Dobbelstein nach einem durchzechten Abend und einer überaus unruhigen, ja lebhaften Nacht am frühen Morgen in seinem Bett eine Vision des Gebäudes überkommen war. Er hatte verzweifelt nach Papier gesucht, um seine Vision zu skizzieren, denn sein Atelier, wo noch Papierreste lagerten, war von einigen weiblichen Schlafgästen belegt gewesen, die er so früh nicht stören wollte. In der Not torkelte er in die Küche und riss von einer Schachtel mit Teebeuteln den Deckel ab, taumelte zum Bett zurück und sank wieder hinein. Seine Vision kritzelte er im Liegen, musste dabei feststellen, dass es ihm bedingt durch jahrelange Vernachlässigung händischen Zeichnens gepaart mit der liegenden Position fast unmöglich war, eine klare Vorstellung zu skizzieren. Andererseits fürchtete er die Klarheit der Vision zu verlieren, würde er sich aufrichten, denn sie war ja unzweifelhaft ein Ergebnis seines Liegens. Der Deckel des Teebeutelkartons war zudem höchst seltsam abgerissen, hatte noch Teile der Seitenwand mitgenommen. Seine fragmentarische Form bedingte alles, was darauf niedergelegt wurde.

2. Kapitel – Rückblick auf die Ära Jeremias Coster

Über menschliche Spuren und spurloses Verschwinden

Die Davenstedter Straße ist eine der Hauptausfallstraßen von Hannover-Linden und führt ziemlich genau nach West-Südwest Richtung Lindener Hafen. Am jungen Sonntagmorgen gleißt die noch tiefstehende Sonne auf den Schienen der Straßenbahnlinie 9. Dieses silbrig- glänzendende Band folgt exakt dem Straßenverlauf. Dabei zeigt sich, dass er eben nicht wie mit dem Lineal gezogen ist, sondern ganz kleine unmotivierte Windungen macht. Welche Gründe liegen hier vor? Sie müssen älter sein als die dichte Bebauung links und rechts, die sich ja ebenfalls am Straßenverlauf ausrichtet und seine sanften Windungen durch die Ausrichtung der Hausfronten nachzeichnet. Mir scheint, dass hier Spuren eines alten Wegs aufscheinen, der in ferner Vergangenheit vielleicht als Trampelpfad begonnen hat, der großen Pfützen und kleinen Bodenwellen auswich und eben nicht schnurgerade verlief, wie halt tierische und menschliche Trampelpfade sind, dass man dann diesen Fußweg verbreiterte für Eselskarren. Später wurde er für Pferdefuhrwerke eventuell etwas begradigt und vielleicht mit Pflastersteinen befestigt, und in jüngerer Vergangenheit hat man die so entstandene Straße für den Autoverkehr asphaltiert und Straßenbahngleise verlegt. Auf dem Weg zur Bäckerei gefällt mir der Gedanke, dass sich im Straßenverlauf eine spezielle Geschichtsschreibung zeigt.

Die junge muslimische Bäckereifachverkäuferin ist aus dem Urlaub zurück und hat vermutlich geheiratet, wie ich einem Wortfetzen entnahm zwischen ihr und einem Mann am Tisch, der dort seinen Kaffee trank. Er gratulierte ihr jedenfalls. Dann brachte ihre ältere Kollegin die Rede auf zahllose WhatsApp-Nachrichten, die wohl eingegangen waren, und die Muslima bestätigte, es seien so viele gewesen, dass sie die gar nicht alle beantworten konnte. Ich hatte eine Braut vor Augen, die bei einem hübsch mit Blumen geschmückten Tischlein sitzt und einen Stapel Glückwunschkarten in Umschlägen vor sich hat. Alle zu sichten und die Absender zu registrieren, würde eine Zeit in Anspruch nehmen. Dann gilt es, allen zu danken. Als Schriftsetzerlehrling habe ich noch viele solcher Danksagungen gesetzt, die dann 50 mal auf Büttenpapier gedruckt wurden, um vom beglückwünschten Brautpaar couvertiert, adressiert und per Post verschickt zu werden.

Es steckt im WhatsApp-Glückwunsch ja noch die Sitte aus der Zeit der analogen Kommunikation. Irgendwann wird man es nicht mehr anders kennen, nur noch Glückwünsche per WhatsApp versenden und erhalten, aber es führt so gut wie keine Spur mehr zurück zum Ursprung dieser Tradition. Das Digitale ist geschichts- und spurlos.

In eigener Sache – Teestübchen Relaunch

Meine lieben Damen und Herren,

das Malheur, als im Jahr 1991 aus dem Karamell-Keks-Schokoriegel Raider Twix wurde, hat sich ins kollektive Gedächtnis eingegraben. Eine eingeführte Marke zu ändern, enttäuscht Erwartungen. Das gilt auch für ein vertraut gewordenes Erscheinungsbild. Obwohl ich das weiß, habe ich mich zu einem neuen Header für das Teestübchen entschlossen. Aufmerksamen Beobachterinnen war nicht entgangen, dass die Monate in letzter Zeit nur nachlässig ausgetauscht wurden.

Auch fand ich den Witz der Unterzeile nach drei Jahren abgedroschen. Hauptgrund für den Relaunch war, dass ich den Header ständig an die Zeitläufte anpassen musste durch den alle vier Wochen auszutauschenden Monatsnamen. Ich konnte mich leider immer seltener überreden, das zu tun. Zu schnell rasten mir die Monate dahin. Sollte ich diese Unverschämtheit etwa weiterhin brav dokumentieren und somit die illegale Raserei im öffentlichen Zeitkontinuum gutheißen? Auch war ich es leid, Monat für Monat Tortenschicht auf Tortenschicht zu türmen und befürchtete zuletzt in den Fokus radikaler Feministinnen zu geraten, weils doch gegen Jahresende immer schwerer würde für die arme Frau, die das monatliche Tortendiagramm halten musste. Sie verdreht ja schon bei der Juli-Last die Augen.


Bekanntlich existierte auf der versinkenden Plattform twoday.net noch ein weiteres Trithemius-Blog. Dem zu Gedenken habe ich Elemente des alten Teppichhaus-Headers in das neue Teestübchenlogo übernommen. Die Wendung „Nur unscharf berechenbare Randzone“ verdanke ich übrigens dem Wiener Musiker Martin Kratochwil, der als Martin Kurzweil einige Jahre zu den engen Blogfreunden des Teppichhauses Trithemius gehörte, zu lesen in seinem Kommentar unter diesem Text im Teppichhaus-Archiv. Da steht: „Mensch, Hund und Pferd hatten die selbstverständliche Schönheit der Karrenspurpfützen zertrampelt. Wusstest du eigentlich, dass man die chaotischen Randzonen zertrampelter Pfützen mathematisch gar nicht recht beschreiben kann? Es gibt eine Mathematik, mit der es annähernd geht. Man macht, glaube ich, auch Mandelbrotgrafiken mit ihr.“ Martin Kurzweil schreibt:

hallo jules, mir gefällt ja, dass man diese randzonen nicht genau berechnen kann. und der begriff randzone selbst, der gefällt mir erst recht – in letzter zeit interessiert mich wieder verstärkt die kultur, die in sogenannten kulturellen randzonen – also abseits des mainstream und der mega-events – stattfindet.
mit lieben grüssen aus der nur unscharf berechenbaren randzone
martin

Qualität abseits des Mainstreams, das ist schon lange das Programm Ihres Teestübchens und soll auch so bleiben. Genauso ist die Unterzeile des Teestübchenheaders gemeint.
Beste Grüße

kopje koffie zur Musik von Martin Kurzweil?

In die Hände gefallen – Antwort auf Menschheitsfrage


In einem seit Jahren verschollenen Essay über „Die analytische Sprache John Wilkins”, es geht um eine sogenannte Plansprache, übermittelt der argentinische Schriftsteller und Bibliothekar Jorge Francisco Isidoro Luis Acevedo Borges folgende Einteilung der Tierwelt, die er in einer alten chinesischen Enzyklopädie mit dem blumigen Titel „Himmlischer Warenschatz wohltätiger Erkenntnisse“ gefunden haben will. Demnach lassen sich Tiere wie folgt gruppieren:

a) Tiere, die dem Kaiser gehören,
b) einbalsamierte Tiere,
c) gezähmte,
d) Milchschweine,
e) Sirenen,
f) Fabeltiere,
g) herrenlose Hunde,
h) in diese Gruppierung gehörige,
i) die sich wie Tolle gebärden,
k) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind,
I) und so weiter,
m) die den Wasserkrug zerbrochen haben,
n) die von weitem wie Fliegen aussehen.

Vor einigen Tagen fiel mir ein anderer wissenschaftlicher Aufsatz in die Hände, – sagt man doch so. Ich trat vor die Haustür unter offenen Himmel, und gerade konnte ich noch die Hände ausbreiten, fiel auch schon der Aufsatz hinein. Nein, das ist natürlich ein Scherz. In der Zeit meiner überaus entbehrungsreichen Forschungen legte ich für die Sammlung von Dokumenten sieben Schachteln an, anfänglich gut geordnet und katalogisiert. Indem ich die gesammelten Dokumente jedoch für diverse Vorträge, Abhandlungen und ein Buchmanuskript rege genutzt habe, es aber in unruhigen Zeiten beim Wiederablegen an Disziplin habe fehlen lassen, hat der Inhalt der Schachteln leider jede Ordnung eingebüßt.

Ich bete darum, im Lotto zu gewinnen, dass ich eine Hilfskraft einstellen kann, die Ordnung in meine Unterlagen bringt. Einstweilen ist die Situation so, dass ich einen Text mit Anschauungsmaterial ausstatten möchte – wie etwa den gestern veröffentlichten Text über Kettenbriefe, ich ziemlich genau vor Augen habe, welche Kettenbrief-Originale sich in meinem Besitz befinden, aber die Ochsentour vor mir liegt, den Inhalt von sieben Schachteln Blatt für Blatt umzuwenden, um die Dokumente zu finden. Dabei fallen mir naturgemäß längst vergessene Dokumente in die Hände. So ist’s richtig. Also auch dieser mit einer verrosteten Büroklammer gehaltene Aufsatz.

Fotobeweis rostige Büroklammer

Gottfried vom Dorp, Astronom und Astropataphysiker ist Verfasser des Manuskripts einer Vorlesung, die er vor Jahren im Institut für Pataphysik der RWTH Aachen gehalten hat. Es geht um intergalaktisches Reisen, bei der man eine Art von Raumzeitloch nutzen könnte, „das mit Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie konsistent ist: ein Wurmloch, eine Art Tunnel, der entfernte Orte in der Raumzeit miteinander verbindet.“

Vom Dorp postuliert, dass sich derlei Wurmlöcher an beliebiger Stelle in unserem Kosmos auftun könnten, dass aber bei Reisen durch diese Wurmlöcher die Größenkonstanz nicht gegeben wäre. Mit anderen Worten: Die Wurmloch-Reisenden würden geschrumpft. Vom Dorp schreibt, dass diese intergalaktischen Reiserouten zwar noch nicht vom Menschen genutzt werden können, weil die menschliche Raumfahrt sich mit lächerlich kleinen Entfernungen abgibt wie der zum Mond oder noch kleiner zur Raumstation ISS. Dass jedoch intelligente Lebewesen, die gewohnt wären, in größeren Dimensionen zu denken, munter auf diesen intergalaktischen Reiserouten unterwegs wären. Wir könnten es nicht wahrnehmen, wenn sich Endpunkte solcher Wurmlöcher irgendwo in den Weiten unserer Welt auftun würden. Aber ihre Existenz sei nicht zu leugnen, wenn ein solches Wurmloch sich in unserer Küche befinde, dem Lebewesen der Kategorie n) unentwegt entströmen. Aber es gäbe keinen Grund zur Sorge und keinen Anlass für eventuelle Vernichtungsaktionen. Die intergalaktischen Touristen wären nur auf der Durchreise. Sobald sie in ein neues Wurmloch eintauchen würden, wären sie einem erneuten Verkleinerungsprozess ausgesetzt und würden in den für sie neuen Weiten des Mikrokosmos verschwinden. Nun wäre endlich der Titel des Aufsatzes nachzureichen. Er lautet: „Warum wir in unseren Küchen so viele Fruchtfliegen haben.“

Demgemäß hätte der Verfasser der chinesischen Enzyklopädie mal besser hinschauen sollen, was die Lebewesen der Kategorie n) betrifft. Seit ziemlich genau einem Jahr wissen Leserinnen und Leser des Teestübchens sowie dieses Buches jedenfalls, dass es sich bei Kategorie n) keinesfalls um Tiere handelt, sondern um Außerirdische, die uns den Weltfrieden bringen wollen.