Unterhaltung am Wochenende – Halloween special – Eine Nacht im Reiffmuseum – (Folge 4)

Zum Anfang des Textes
nacht im reiffmuseumEintrichtern

Man weiß als Außenstehender nichts von dem, was man die Studenten lehrt. Ständig ändern sich die Erkenntnisse, und daher müssen Inhalte und Lehrmethoden angepasst werden. Was man dich vor 30 Jahren lehrte, dafür schnippst heute der unterste der unteren Assistenten nicht einmal mehr seine Kippe weg. Ich kann also nicht erklären, was ich in diesem Raum sah. Man nahm mich auch nicht zur Kenntnis. Deshalb war ich den Studierenden nicht böse, denn wenn man den Kopf in einem Trichter hat und von oben beschallt wird mit den neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft, kann man nicht auf zufällige Besucher achten. Ich hätte nur gerne gefragt, seit wann es diese neue Lehrmethode gibt. Später gebe ich mir selbst die Antwort. Man zappe einmal durchs TV-Programm oder lese eine große Tageszeitung. Dann weiß man, diese Lehrmethode gibt es schon lange.
reiffmuseum trichter
Ach, ich bin noch nicht zu Hause. Im Geiste sah ich mich den Aufzug betätigen, hinabfahren, aussteigen und das Gebäude verlassen. Es ist ein mächtiger Aufzug, geeignet die Modelle ganzer Stadtteile zu transportieren. Ich habe Platz hin und her zu gehen, während ich gleichzeitig nach unten fahre. An der Aufzugswand ein Graffito, über das ich schmunzeln muss: „Hier sind nur Faulenzer“. Na gut, denke ich, dann nichts wie nach Hause. Der Aufzug rumpelt und zeigt mir das Erdgeschoss an. Doch indem ich die Tür aufstoßen will, wird er wieder nach oben gerufen. Da vergeht mir das Schmunzeln. Die zweite und dritte Etage ziehen vorbei. Bitte, ich will nicht mehr so hoch hinauf!

Der Aufzug hält. Eine Sekunde wartet die Tür, dann schwingt sie zur Seite. Da ist eine weitere Metalltür. Ich warte darauf, dass sie aufgerissen wird.

Ohnmacht

Hoch über mir im Aufzugschacht springt der Motor wieder an. Die Tür schließt sich, und es geht erneut hinab. Ich trete nah an die Tür. Diesmal werde ich rascher sein.

Ja, ich bin rasch. Trotzdem ist die Tür ein bisschen schneller als ich. Ich sehe sie auf mich zu schwingen, und dann explodiert mein Kopf. …

Erwachst du aus einer plötzlichen Ohnmacht, dann wäre es recht schön, wenn eine schmucke Frau sich zu dir niederbeugen würde, dich früge, ob alles in Ordnung sei. Und hast du tapfer genickt, dann hilft sie dir auf. Du spürst ihre Wärme, und da du selber kalt bist bis in die Zehen, ziehst du gierig ihr die Wärme ab. Welche Freude ist es da, wieder bei Sinnen zu sein, und lange lässt du dich in dem Glauben, du wärest im Paradies.

So hübsch war mein Erwachen leider nicht. Es war kalt und schnöde. Nur der Schmerz in meinem Kopf ist irgendwie grell. Auf dem Flur hat man das Licht gelöscht. Und läge ich nicht in der offenen Aufzugtür, wäre da nur die bittere Finsternis. Die Aufzugsleuchte wirft einen Lichtblock auf den Boden, doch ich weiß nicht, welche Flure sich da links und rechts im Dunkeln verlieren.

Nur ein Traum, ein Traum

Ich kann nicht ewig in der Aufzugstür sitzen. Gebe ich sie frei, nur so zum Versuch, da schnappt sie auch schon zu, und das Licht zieht in den Keller.

Sag, hast du schon einmal gehört, wie ein trockenes Ahornblatt wispert? Du gehst die nächtliche Straße entlang, und plötzlich wispert es hinter dir. Ach, denkst du, es ist nur ein Blatt. Doch bist du nicht aufmerksam genug, ja, dann werden aus dem Ahornblatt leise Schritte. Du weißt, es ist nur der Wind. Er schiebt das Blatt vor sich her. Warum aber muss es klingen, als wäre dir jemand auf den Fersen?

Und kannst du mir plausibel erklären, wie ein Ahornblatt einen Weg auf diesen finsteren Flur gefunden hat? Ist es bei Tag zur offenen Tür hereingeweht, die Treppen hoch und dann in den Flur hinein? Spürst du hier einen Luftzug, der das Blatt vor sich hertreiben kann, so dass du denken könntest, da ist dir jemand auf den Fersen?

Der Gang ist finster, und da du dich nur langsam vortasten kannst, erscheint er dir unendlich lang. Wohin er dich führt, und ob das Wispern dich bald erreichen wird, weißt du nicht. Ich rate dir gut, wenn dir etwas Ähnliches im Leben widerfährt, dann denke ganz fest an eines: Es ist alles nur ein Traum.

Ende
Gute Nacht

Advertisements

Unterhaltung am Wochenende – Halloween special – Eine Nacht im Reiffmuseum – (Folge 3)

reiffmuseum gangHier gehts zu Folge 1Folge 2

Du kennst das Reiff-Museum nicht? Hast du dir noch nie das zyklopenhafte Gebäude angesehen, gleich neben dem Hauptgebäude der Universität? Es ist gewiss das Verkommenste und Elendste unter allen Gebäuden der Hochschule. Seine brutale Architektur lässt dich schaudern, wenn du einen Sinn für Formen hast. Wie zum Hohn ist in diesem Moloch die Fakultät für Architektur untergebracht.

Das Hauptportal wird nicht mehr genutzt. Hoch oben steht in klotzigen Buchstaben „Reiff-Museum“. Schrift und Bauform: selten habe ich solch einen düster-morbiden Einklang gesehen. Der Flur ist erleuchtet, und die hässliche gläserne Seitentür steht offen. Leider wartet hier niemand mehr. Der Film hat längst begonnen. Ich gehe hinein. Wohin soll ich mich wenden? Bis zur Hochparterre hinauf sind die Wände gepflastert mit Aushängen. Da sind Studienreisen zu buchen, Arbeitsräume für Studenten zu haben, werden Studentenjobs angeboten, halbnackte Weibsen werben für eine Band, er sucht Wohnung, sie bietet Wohnung, dringend Nachmieter gesucht – da trifft sich gut, was sauber auf einem A4-Zettel steht:

„Der Schornsteinfeger möchte in Ihre Wohnung!“

Nein, das ist wohl ein Scherz, diesen Zettel habe ich in den letzten Tagen an Haustüren gesehen. Er ist gruselig. “Der Schornsteinfeger möchte in Ihre Wohnung.” Will der schwarze Mann sie besetzen, gar okkupieren und einziehen, wobei das eine so schlimm wäre wie das andere? Im Flur wird er seine eiserne Kaminbürste abstellen, die schwarze Kugel, die schon mit rasselnder Kette in manchen Kamin hinabgedonnnert ist, wird er sorgsam in deinem Bett verstauen, und alles wird er schwarz machen und überall den Geruch nach feuchtem Ruß verbreiten.

Die Zettel branden die Treppe hinauf wie eine heftige Flutwelle, die alles zu ersäufen droht. Überall buhlen Adressenabschnitte um Abriss. Nur einen Hinweiszettel auf den Andalusischen Hund finde ich nicht. Ich würde mich ja gerne durchfragen. Doch das Gebäude liegt still und scheint menschenleer.

Badewannen voller Ochsenblut

Im letzten Winter träumte ich mir Stiefel. Und nun verfluche ich, dass ich sie trage. Sie verraten jeden meiner Schritte und geben mir das Gefühl, die Stille zu stören. Nun, man hat auf den Fluren Licht gemacht, dann wird auch irgendwo der andalusische Hund auf mich warten. Ob das Rasiermesser schon durchs Auge gefahren ist? Ich lege keinen Wert darauf, es zu sehen. Die Bischöfe will ich nicht verpassen, wie sie plötzlich zu Skeletten werden und in ihren sinkenden Roben zu Staub zerfallen.

Man wird den Film gewiss in einem Hörsaal zeigen. Ich muss also nur die Klinken niederdrücken, bis sich eine Tür auftut. Natürlich muss ich mich gegen die Gesichter wappnen, die sich mir stumm zuwenden werden, wenn ich eintrete und die Bischöfe beim Verstauben störe.

Den Gang hinunter hat man Architekturmodelle in Vitrinen ausgestellt. An der Wand das Motto der Arbeiten: „Ein Turm für Berlin“. Welch schauderhafte Türme! Wenn man Bunuel verfluchen möchte, dass er den andalusischen Hund gedreht hat, der Epigonen wegen, die in ihren Filmen Badewannen voller Ochsenblut vergießen, Menschen häuten und vernähen, all das Schauderhafte also, was die Filmwelt bietet, wenn man Bunuel und Dali verfluchen mag, weil sie die Tür aufgestoßen haben, dann muss man auch die Architekten des Bauhaus verfluchen, die den rechten Winkel in die Architektur betoniert haben, so dass diese „Türme für Berlin“ denkbar wurden.

Ein Hockauf auf einem Hockauf

Eben, unter all den Fremden auf der Straße, da habe ich gedacht, dass ich über Nacht wohl geschrumpft sein muss. Gestern noch gehörte ich zu den Großgewachsenen. Heute überragen mich die jungen Männer um einiges. Wie konnte das geschehen? Meine Proportionen sind mir weiterhin vertraut. Also müssen die Menschen gewachsen sein. Während ich mich in meinem Traum durchs Leben schlug, sind sie still und heimlich höher gewachsen. Und trotzdem, auch diese groß gewachsenen Kerle von der Straße, sie wären Winzlinge in den Fluren. Spränge jetzt von der Decke ein Hockauf in meinem Nacken und würde er einen zweiten in seinen eigenen Nacken rufen, auf dass wir wären wie Gebrüder einer Zirkusnummer, ja, auch der Hockauf auf dem Hockauf müsste nicht den Kopf einziehen, wenn wir durch eine Tür kämen. Welch gewaltige Flure die Alten bauten. Und wie hoch führen ihre Treppen hinauf! Es fällt mir schwer, sie zu steigen. Ihre Größe ermüdet mich.

Sag, ist es nötig, dass sich hinter einer verschlossenen Tür überhaupt ein Raum befindet? Vielleicht ist der kosmische Plan viel einfacher und plumper als wir denken. Vielleicht lässt er einen Raum erst in dem Augenblick entstehen, in dem eine Tür sich auftut. Dann wäre hier nirgends ein Raum, und kein Mensch würde artig im Hörsaal sitzen, und niemand würde auf einer Leinwand sehen, wie sich die Brüste einer Frau unter den Händen eines Mannes in ein Gesäß verwandeln.

Alle Klinken der ersten und zweiten Etage habe ich vergeblich niedergedrückt, und auch die dritte Etage zeigt unter ihrem Gewölbe nur einen langen, kahlen Flur. Ich höre mich. Das Haus hört mich.

30 Jahre Verspätung

Es wird keinen Film geben. Er ist mir verwehrt. Ich bin zu spät gekommen, bin 30 Jahre zu spät gekommen. Das ist eine mächtige Verspätung. Warum haben Dali und Bunuel den andalusischen Hund nicht dreißig Jahre lang gemacht? Das wäre ein surrealistischer Film nach meinem Geschmack. Dreißig Jahre zöge ein Rasiermesser durch ein weit geöffnetes Auge. Sähe man die Bewegung? Alle paar Monate käme man vorbei, um das Fortschreiten dieser Untat zu sehen. Und im Laufe der Jahre sähe man den Filmvorführer altern. Gerade noch sprang er hurtig in seine Vorführbude, schon schlurft er nur noch müde umher. Längst hat er die Hoffnung aufgegeben, dass sich der erlösende Schnitt endlich vollzöge, damit er die Lichter löschen darf und nach Hause gehen zu Frau und Kind. Doch was hätte er davon. Er wüsste nichts mehr vom Leben draußen, und unten an der gläsernen Seitentür würde er sich besinnen und in seinen Vorführraum zurückkehren.

Unterm Dach bin ich noch nicht gewesen. Die Architektur ist hier anders. Offenbar hat man das Dachgeschoss nachträglich aufgestockt. Oben schaue ich in einen Gang. Er läuft tot, und an seinem toten Ende sitzt eine Frauenfigur aus Gips. Sie ist irgendwie hin gegossen und wirkt wenig tröstlich. Beim Abstieg sehe ich auf dem Treppensturz eine Inschrift in vier Sprachen. Dreimal Lateinschrift, einmal kyrillisch: „Sie verlassen jetzt das Architektur-Planungs-Areal“ Ein Architektenscherz. Wo sind diese Kerle, die mich so freundlich vor dem Abstieg warnen?

Eins tiefer werde ich den Aufzug nehmen. Die Türklinke neben dem Aufzugschacht habe ich nur nebenbei niedergedrückt, fast ohne Absicht. Sie geht auf. Ein fahles Licht…

Fortsetzung

Unterhaltung am Wochenende – Halloween special – Eine Nacht im Reiffmuseum – (Folge 2)

nacht im reiffmuseumHier geht es zu Folge 1

Auf dem Weg

Wenn man die Erde mit Google Earth aus dem Weltall betrachtet, sieht sie eigentlich ganz hübsch aus. Der Wechsel von Wasser und Landmassen, die Farben und Schattierungen der Täler und Gebirge, auch die Siedlungen und Städte, – von oben ist alles friedlich und artig. Und fährst du hinunter und schaust auf eine Stadt wie diese, dann zeigen sich dir ganz harmlos und still die Straßen und Häuser. Zoome einmal auf diese Ecke hier. Da im Eckhaus wohnt ein alter Mann. Tagein, tagaus liegt er im Fenster seiner Parterrewohnung mit den Armen auf einem Sofakissen. Kannst du dir vorstellen, welch gruseliges Ding auf seinem Bett auf ihn wartet? Sein Schlafzimmer ist vom Nebenzimmer aus schwach erleuchtet, man kann von der Straße hineinsehen. Über einem sauber gemachten Bett liegt eine Tagesdecke, und auf dieser Tagesdecke sitzt eine übergroße Puppe. Sie hält die leicht angewinkelten Arme erwartungsvoll nach vorn gestreckt.

Ich weiß nicht, wo man solche Puppen kaufen kann. Vielleicht gibt es sie auf der Kirmes an der Losbude. Jedenfalls habe ich eine derart große Puppe noch nie gesehen. Es gibt viele Strategien, sich die Einsamkeit eines leeren Bettes erträglich zu machen. Diese hier wirkt auf eine Weise obszön, dass es mich schüttelt. Was Kinder dürfen, ist auch Erwachsenen nicht verboten, und trotzdem rührt es mich seltsam an. Ich muss meine Blicke zügeln und darf nicht mehr zu den erleuchteten Fenstern hineinsehen. Denn noch immer stehe ich unter dem Eindruck des Traums. Er bedrückt mich. Und schaue ich genau, zeigt sich mir nicht ein Grund, nein, ich erinnere ungefähr 21 Gründe bedrückt zu sein.

Man darf so nicht denken! Seneca würde mir entgegenhalten, dass meine Bilanz nicht stimmt, denn ich hätte viel mehr Grund, mich für das Gegebene in meinem Traum zu bedanken als mich über das Entgangene zu beklagen. Er hat natürlich Recht. Doch hilft es tatsächlich, sich über zwei gesunde Beine zu freuen angesichts der Tatsache, dass es Menschen mit einem Bein oder gar ohne Beine gibt? Verflucht! Ich werde zu spät kommen.

Süßes oder Saures!

Heute Nachmittag sah ich auf dem Rücksitz eines Autos ein bleiches Kind mit Wundmalen im Gesicht. Seine grausamen Entstellungen erschreckten mich. Sie standen im grotesken Gegensatz zur Gelassenheit der Mutter hinterm Steuer. Wer weiß, wo sie ihr Kind hinkarrt, dachte ich noch, und jetzt kommt mir ein ebensolches Kind entgegen. Es ist in einen schwarzen Umhang gehüllt, und schattengleich folgt ihm eine schwarz gekleidete Frau. Das Kind bleibt unter dem Fenster des Alten stehen, reckt sich hinauf zu seinen Armen und pustet ihm „Süßes oder Saures!“ ins Gesicht. Ich höre die Stimme des Alten, doch verstehe ihn nicht.

„Süßes oder Saures!“ ruft das Kind. Endlich erschließt sich mir der Sinn. „Süßes“ ist eine Forderung, und „Saures!“ eine Drohung. Gib Süßes oder koste Saures! Was könnte der Alte dem Kind wohl Süßes geben? Hat er etwas Süßes im Haus? “Soll ich dir einmal eine süße Puppe zeigen, mein Kind?”

Ich kann mich gar nicht lösen, obwohl ich längst am Reiffmuseum sein müsste. Und ich frage mich, ob man darauf vorbereitet sein muss, dass im Gesicht entstellte Kinder an Fenstern und Türen rappeln und kryptische Botschaften rufen? Ist es Sitte, ist es Gebrauch? Hört der Alte, dass ihm Verletzungen angedroht werden? Dann wird er wohl gleich die Kohlenschaufel holen, um sich zu wehren. Der Spuk hat ein End. Ein Schatten tritt ans Kind heran, die Mutter wohl, und zieht ihre arme Kreatur vom Fenster fort.

Folge 3

Unterhaltung am Wochenende – Halloween special – Eine Nacht im Reiffmuseum – (Folge 1)

nacht im reiffmuseum
Der Morgen

Es stimmt was nicht mit mir. Ich hatte eine unruhige Nacht und wurde von heftigen Träumen geplagt, so dass ich heute morgen wie gerädert war. Und dann war mir, als wäre ich noch gar nicht erwacht, denn ich lag allein in einem fremden Bett. Über mir eine hohe Decke, seitlich drei hohe Fenster, Bücherregale in einem Erker.

Wo bin ich, was tue ich hier, dachte ich. Indem ich mich erhob, kannte ich mich plötzlich in der fremden Wohnung aus. Da war die zweiflügelige Tür meines Schlafzimmers, an der ich mir einmal in der Eile den kleinen Zeh des linken Fußes eingehakt hatte, weshalb ich taglang nicht laufen konnte. Dieses Wiedererkennen ließ mich entsetzt zurücksinken. Eine Weile lag ich wie erschlagen. Dann raffte ich mich auf und wankte ins Bad. Im Spiegel war ich mir fremdvertraut. Doch Haar und Stoppelbart grau! Und in mein Gesicht schienen all die Dinge eingegraben, die mir im Traum begegnet waren. Ich fand mich um 30 Jahre gealtert.

Mir fehlt ein Zahn. Meine Zunge fühlt eine Lücke. Ja, klar, Dr. Dr. Kopf hat mir den Zahn herausgemeißelt. Es dauerte elend lang, und am Ende war er über und über mit Blut bespritzt. Er hatte mir den Kiefer angebohrt. Eine üble Sache, zum Glück lange verheilt. Wieso lange verheilt? Wo ist das Hier und Jetzt, das ich gestern Abend verlassen habe?

Ein andalusischer Hund

Die Plakate in der Unterführung und an den Hochschulgebäuden – sie sollten meine sein, von meiner Hand gestaltet! Ich finanziere mir das Studium damit. Und was ist das für ein visuelles Unglück dort an der Wand? Niemals hätte ich es auf diese Weise gemacht. Welch ein Verfall der Plakatkunst!

Und seltsam ist die Hast auf den Straßen. Wer seid ihr? Ich kenne euch nicht. 1000 Gesichter, und nicht ein vertrautes ist darunter. Gewiss werde ich meine Kommilitonen vor dem Reiffmuseum treffen. Jeremias Coster, Professor für Pataphysik und Leiter des Instituts für Nachrichtengeräte, hat uns hinbestellt. Wir sollen uns „Ein andalusischer Hund“ von Bunuel ansehen, diesen surrealen Meilenstein der Filmgeschichte. Du kennst ihn doch? Es gibt da die berühmte Szene, wo ein Rasiermesser durch ein geöffnetes Auge geht. Willst du einmal meine Theorie zu diesem Film hören?

Ich glaube „Ein andalusischer Hund“ hat all die späteren Horror- und Splatterfilme erst möglich gemacht. Bunuel war der Vordenker, und mit seinem Film rief er die Nachahmer auf den Plan. So geht es immer, oder? Zuerst hast du das originäre Werk, dann fallen die Epigonen wie die losgelassenen Kettenhunde darüber her. Sie ahmen die Vorlage nach, ohne sie wirklich verstanden zu haben. Dabei verhunzen sie die Ursprungsidee derart, dass du dir wünschst, es hätte den Ursprung nie gegeben. Wieso weiß ich das? Woher weiß ich, was kommen wird? Es war alles in meinem gestrigen Traum. Wie schrecklich!

Folge 2

Einiges über Herren, Knechte und Freie

Und erst die vielen Fenster. Man braucht Heerscharen helfender Hände, um Gardinen und Vorhänge abzuhängen, zu waschen und wieder aufzuhängen. Da stehen die Mägde tagelang im feuchten Nebel des Waschhauses, breiten die Tuche zum Trocknen über Hecken und plätten sie anschließend mit heißen Eisen. Dann müssen Wäschekörbe und Leitern treppauf, treppab getragen werden, entlang der weitläufigen Gänge im Haupthaus und in den Seitenflügeln, und die längsten unter den Dienstboten recken sich hoch zu den unzähligen Vorhangstangen.

Die Vielzahl solcher niederen Aufgaben im Herrenhaus erfordert eine kleine Dorfgemeinschaft dienstbarer Geister. Es gibt unter den Dienstboten eine straffe Hierarchie, denn es wäre sehr mühsam, sie selber anzuweisen und ihre Arbeiten zu kontrollieren. Gerade unter den Knechten und Mägden ist eine strenge Abfolge von Befehlenden und Befehlsempfängern nötig. An ihrer Spitze steht der Verwalter, und nur er allein muss sich jenem verantworten, der in einem Herrenhaus mit so vielen Fenstern zu leben beliebt. Die Hierarchie drückt sich aus in der Zahl derer, die jedem einzelnen untergeordnet sind, was wiederum die Höhe der Entlohnung bestimmt. Jedermann wird verstehen, dass den geringsten Lohn verdient, wer niemanden mehr unter sich zu befehligen hat.

Herrenhaus

Die Aufgaben auf der untersten Hierarchieebene verlangen starke und oder geschickte Hände, jedoch wenig Verstand. Jene Dienstboten benötigen ihren Verstand nur für sich selbst und die ihnen aufgetragenen Tätigkeiten. Auf der mittleren Ebene sind Hand und Verstand gleichermaßen erforderlich, denn wer Anweisungen ausführt und zugleich andere anweist und kontrolliert, muss nicht nur für sich denken, sondern auch für die ihm Unterstellten. Auf der obersten Hierarchieebene muss überwiegend Verstandesarbeit geleistet werden, die Hand dient nur noch den notwendigen Hinweisen und Fingerzeigen. So erweckt es den Anschein, dass der Verwalter gar nichts tut, abgesehen vom Herumgehen, Zeigen und Reden. Da er jedoch für die Heerscharen unter sich mitdenken muss, arbeitet er am meisten, denn das Gehirn ist der größte Energieverbraucher.

Allen jedoch, vom Verwalter über die Köche bis hinab zu Wäscherinnen und Stallburschen zahle man den geringsten Lohn, nämlich immer etwas weniger als sie eigentlich benötigen. Das wird ihre Bescheidenheit befördern, und mit der Bescheidenheit kommt die Demut daher. Denn wer als Herr oder Herrin in einem Haus mit ungezählten Fenstern gut leben will, sorge sich nicht um die Lebensumstände seiner Dienerschaft. Es ist besser, allen mit leiser Geringschätzung zu begegnen, die man gelegentlich zu verbergen versteht. Dann werden die Dienstboten ihre Herren zwar nicht lieben, jedoch um ihrer sparsamen Gesten willen achten und daher insgesamt folgsam sein.

Diese Regeln gelten für jede Herrschaft, auch für die in einem Staatswesen. Stets halte man das Volk kurz, stelle ihm jedoch gelegentlich eine baldige Verbesserung der Lebensumstände in Aussicht, wenn alle nur fleißig und folgsam sind und sich mit dem Platz bescheiden, der ihnen von oben zugewiesen ist. Nur so lässt sich die ganze Machtfülle erhalten. Allgemeine Wohlfahrt darf es schon deshalb nicht geben, weil ein sattes Volk erlahmt.

Indem die erfolgreiche Ausübung von Herrschaft solche Maßnahmen verlangt, erhebt sich die Frage, ob es erstrebenswert ist, in einem Haus mit ungezählten Fenstern zu leben und Heerscharen von Dienstboten oder gar ein ganzes Volk zu befehligen. Da Herren stets auf den gebührenden Abstand und die Einhaltung von Befehlsstrukturen achten müssen, dürfen sie weder Mitmenschen sein noch ein ausgewogenes Leben führen, in dem Herz, Hand und Verstand gleichermaßen gefordert sind. So findet man unter den Mächtigen meist unerquickliche und zerrissene Geister. Sie sind Gefangene ihrer eigenen Machtfülle. Wirklich frei ist nur, wer niemandem befiehlt und sich von niemandem befehlen lässt. Der Freie wohne in einem Haus, das nur so viele Fenster hat, wie er Vorhänge mit seinen eigenen Händen aufhängen, abhängen und waschen kann, ohne das zu seiner Haupttätigkeit zu machen.

Wenn Philosophen die Blätter ordnen

teestunde im teestübchen
Derzeit bin ich ein bisschen beunruhigt. Ich vermisse die Kakophonie der Laubbläser. Wann geht es endlich los mit der furchtbaren Laubbläserei? Das ist doch unverantwortlich. Die Bäume haben bereits Tonnen von Laub abgeworfen und müssten mal ordentlich angebrüllt werden.
zwei-Männer-schaufeln-LaubIn Hamburg sollen es im Jahr 2009 an die 15.000 Tonnen gewesen sein. Vom Wort „Laub“ gibt es keine Mehrzahl. Es bezeichnet selber die Mehrzahl der Blätter. 15.000 Tonnen Laub. Dabei schwebt ein einzelnes Blatt so leicht zu Boden, dass man denken könnte, mit ein bisschen Thermik würde es glatt der Schwerkraft trotzen und in die Wolken entschwinden. Wie hängt unser Blatt Papier mit dem Blatt des Baums zusammen?
Weiterlesen

Ethnologie des Alltags – Schreiben wie der Ochse pflügt

Kleine Geschichten

Die Schreibrichtung der Vorformen unseres Alphabets ist furchenwendig. Boustrophedon´,wie der Ochse pflügt“, heißt diese frühe Form des Schreibens. Deren Schriftzeugnisse findet man auf Vasen aus dem heute griechischen Mittelmeerraum. Oft ist auch der Sprecher dargestellt, und aus seinem Mund kommt die Rede wie ein endloses Band. Die Sprache floss also wie Wasser aus seinem Mund. Die Idee, den Fluss der Rede in Zeilen zu unterteilen, einen harten Schnitt am Zeilenende zu machen und einfach wieder vorne zu beginnen, taucht erst viel später auf. Dazu gehört ja das Verständnis, dass das Ende der Zeile keine Unterbrechung der Rede anzeigt, sondern eigentlich nichts bedeutet. Zu schreiben wie der Ochse pflügt heißt, dass das Schriftband am Ende des Beschreibstoffes einen Bogen beschreibt, die Buchstaben kippen in die andere Richtung, sind also gespiegelt, wenn die Schrift in die Gegenrichtung läuft. Man schrieb abwechselnd rechtsläufig und linksläufig.

Doch was es mit der Weise zu tun hat, wie der Ochse pflügt, habe ich erst verstanden, als ich in Kirchheim nach einem Fronleichnamskapellchen recherchierte. Ich hatte im Ort gehört, dass ein Bauer einst zu Fronleichnam eine hölzerne Kapelle vor seinem Haus errichtet hat, die zwischen zwei Zierkirschbäumchen links und rechts des Hauseingangs gebunden wurde.

„Nein, das Kapellchen haben wir nicht mehr. Wir haben es vor Jahren an das Freilichtmuseum Kommern verkauft“, sagte Frau Balzer (Name geändert). Wir haben noch irgendwo ein Foto davon, doch ich kann es Ihnen jetzt nicht heraussuchen, ich habe nämlich einen Hexenschuss. Am besten kommen Sie in zwei Stunden wieder. Dann ist mein Mann vom Getränkemarkt zurück.“

Als ich später wieder an der Haustür des Bauernhofes klingelte, öffnete mir der Mann. Seine Frau lag auf den Knien vor dem Wohnzimmerschrank und hatte einen Stapel Fotoalben auf den Boden geschichtet. Und trotz ihres Hexenschusses tauchte sie gerade tief ins untere Schrankfach ein. Als sie sich aufrichtete, hielt sie ein kleines Foto in der Hand. Es war grünstichig und aus gebührender Entfernung aufgenommen. Das Kapellchen sah jedenfalls ziemlich mickrig aus. Dann jedoch kam ihr Mann mit einem hölzernen Modell des Kapellchens zurück, das er selbst getischlert hatte. Die beiden vermuteten, ihr Kapellchen würde zu Fronleichnam im Freiluftmuseum aufgebaut, und ich versprach, mal nach ihrem Kapellchen zu recherchieren.

Herr Balzer, ein Landwirt im Ruhestand, führte mich auch auf seinen Hof. In der schön restaurierten offenen Scheune hatte er ein kleines privates Museum für Ackergeräte. An den Wänden hingen diverse Gerätschaften, und natürlich stand da auch ein polierter Pflug. Hinter diesem Pflug war er einst gegangen. Zwei Ackergäule waren nötig, ihn zu ziehen. Doch als der 2. Weltkrieg anbrach, wurden nicht nur die Männer, sondern auch die Pferde eingezogen. Da blieben ihm und seinem Vater nur ein alter Gaul und ein Ochse.

„Pferd und Ochse, das geht nicht gut zusammen“, sagte er. „Das Pferd geht im Halfter, der Ochse geht im Joch. Wenn Sie am Ende der Furche sind und beim Ochsen am Zügel ziehen, dann macht der zuerst gar nichts, der dreht nur ein bisschen den Kopf. Mit einem Ochsen vorm Pflug können Sie nur im weiten Bogen wenden. Aber das Pferd, das will auf der Stelle herum. Man braucht viel Geduld mit so einem ungleichen Gespann, weil die immer wieder das Geschirr durcheinander bringen.“

So musste ich also einmal in die Scheune eines Bauern gehen, um zu erfahren, warum das Schreiben in großen Schleifen „Boustrophedon“ heißt.

Übrigens wusste man im Freilichtmuseum Kommern nichts mehr von der Fronleichnamskapelle. Sie gaben mir die Telefonnummer des inzwischen pensionierten Museumsleiters, der den Bauern damals das Kapellchen abgeschwatzt hatte. Ich rief ihn an, doch auch er konnte sich nicht daran erinnern. Da dachte ich, wie schade. Die Bauern hatten doch das Kapellchen im guten Glauben gestiftet, es werde im Freilichtmuseum aufgestellt und somit der Bildung und Erbauung dienen. Doch man hatte es angekauft und dann in einem Depot vergammeln lassen, bis niemand mehr wusste, was es war, geschweige denn, wie man es aufbauen musste.

Manchmal schreibt der Mensch, wie der Ochse pflügt, und manchmal ist er selbst der Ochse.

Bild oben: Pfarrhaus in Kirchheim mit Friedhof – Foto: Gudrun Petersen