Beschämende Wolken

kategorie Mensch & NaturAls ich noch rauchte, saß ich mal auf dem Aachener Markt vor einem Café. Am Nebentisch nahmen zwei Mütter Platz und parkten die Kinder in ihren Kinderwägen zum Markt hin. Eine Rauchschwade von meiner Zigarette zog zu den Müttern hinüber. Da sahen sie mich missbilligend an, und ich drückte bald meine Kippe aus. Den verkehrsberuhigten Aachener Markt dürfen nur Taxen queren. Just vor uns hielt mit laufendem Motor eines und stieß seine Abgase genau in Höhe der Kinderwagen aus. Ich sah die Mütter nicht protestieren oder etwa ihre Kinder umparken. Dachten sie, eine ordentliche Nase Dieselabgas ist gesund? Dachten Sie überhaupt? Weiterlesen

Eine Ankündigung und ein Nachruf

Kategorie editorialMeine lieben Damen und Herren,

wie angekündigt ist im benachbarten Teppichhaus Trithemius eine weitere Folge von „Die Straße meiner Kindheit“ erschienen. Eventuelle Kommentare dazu bitte ich, hier unter diesem Editorial zu hinterlassen. Es ist bequemer, glauben Sie mir, weil Sie sich, um zu kommentieren, auf der Seite Trithemius.de anmelden und auch einer strengen Menschenprüfung unterziehen müssten. Sie ist dort als Schutz gegen sogenannte Spambots notwendig geworden.

Eine „Ich-war-hier-Marke“, hier als „Gefällt mir“ bekannt, können Sie ebenfalls nur hier im Teestübchen Trithemius hinterlassen. Das Teppichhaus Trithemius betreibe ich zwar ebenfalls mit wordpress-Software, aber dort findet sich diese hübsche Funktion nicht. Jetzt lade ich ein zu einem Sonntagsspaziergang in und über die geheimnisvolle Bruchstraße und wünsche viel Vergnügen beim Lesen.

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Aquarell

kategorie surrealer-AlltagMan kann ja tausend Sachen haben und Schubladen, die sich vor Zeug kaum noch bewegen lassen. Das schützt nicht davor, dass man just das nicht hat, was man gerade braucht. Ich will eine Straßenszene aquarellieren und habe kein kürschnerrot mehr. Glücklicher Weise bin ich vor acht Jahren, als ich mal einen Radiergummi gebraucht habe, da bin ich Mitglied in einem exklusiven Fachgeschäft für Künstlerbedarf geworden. In diesem sündteuren Geschäft residiert eine aparte Dame von ätherischer Schönheit an einem beinah quadratischen Infostand hinter der Theke und lächelt mich erwartungsvoll an.

„Wo finde ich denn kürschnerrot?“
Kunstvoll lackierte Fingernägel, jeder Fingernagel eine Miniaturlandschaft, eilen über eine Computertastatur. Mit Blick auf den Computerbildschirm verzieht sie ihren sorgsam geschminkten Mund zur Schnute.
„Hm, kürschnerrot fehlt! Seltsam, wir haben erst vorige Woche eine neue Charge bekommen.“
„Charge? Wie groß ist denn so eine Charge?“
„Fünfundzwanzig Näpfchen!“
„Nur fünfundzwanzig Näpfchen?! Warum bestellen Sie nicht mehr?”
„Sie hören mich seufzen. Kürschnerrot ist in letzter Zeit immer schwerer zu bekommen.“
„Warum?“
„Dieser wunderschöne Rot-Ton wird ja aus überfahrenen Kürschnern gewonnen. Die werden halt immer seltener.“
„Die Kürschner oder überfahren?“
„Kürschner! Ach, diesen ehrbaren Handwerkern wird ja von fanatischen Tierschützern so das Leben schwer gemacht!“
„Wir brauchen sie ja auch tot.“
„Ein aussterbendes Handwerk, zweifellos.“
„Bei den jährlich gut 4.000 Verkehrstoten sollten doch ein paar Kürschner sein.“
„Offenbar nicht oft genug.“
„Warum ausgerechnet Kürschner? Marderhaarpinsel gibt es ja inzwischen auch als Kunstmarderhaar.“
„Nur Kürschner haben den speziellen Unterhautton. Er lässt sich nicht künstlich synthetisieren.“
„Unterhautton?“
„Wenn die Haut abgezogen ist.“
„Was ist mit überfahrenen Bankstern oder Finanzmaklern?“
„Unter der Haut kotzgrün.“
„Politikern?“
„Kackbraun.“
„Journalisten?“
„Rotzwichsgelb.“
„Dass so schöne Lippen derart hässliche Wörter formen können, hätte ich nie gedacht.“
„O, ich kenne noch andere! Was halten Sie von ‚Geschlechtsorgananomalien’? Darüber haben wir uns gestern noch in der Sauna unterhalten, als ein wirklich bizarrer Kerl vorbeikam.“
„Brrr! Ach, wissen Sie was? Lassen wir das mit kürschnerrot. Ich will dann lieber doch keinen Verkehrsunfall aquarellieren. Mir ist grad ein bisschen schlecht.“

Straße meiner Kindheit (7) – Tauwetter – Ein Interview

Blick in die erste Bruchstraße

Blick in die erste Bruchstraße

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Was geschah, als du aus dem Schwarzwald zurück warst?

Ich glaube, in diesem Jahr hatte es in ganz Deutschland sieben Wochen Dauerfrost gegeben. Und genau in dieser Zeit bin ich im Schwarzwald gewesen. Ich war noch nicht ganz wieder zu Hause, setzte plötzlich Tauwetter ein. Es war wunderbar. Das Schmelzwasser von Unmengen Schnee konnte nicht im noch gefrorenen Boden versickern, sondern sammelte sich überall auf den Feldern zu großen Wasserflächen. Gräben, in denen ich noch nie Wasser gesehen hatte, verwandelten sich über Nacht zu reißenden Bächen. Die Landschaft ist ja gegen Osten nicht völlig flach, sondern hat ziemliche Wellen. Als Kind habe ich mir nie Gedanken gemacht, warum. Aber alles hat der Rhein geformt.

Ja, das feste Bett, das wir heute kennen, ist die Folge von Eindeichungen und Flussbegradigungen. Einst hat sich der Rhein in der Kölner Bucht breit gemacht und zu verschiedenen Armen verzweigt, die je nach Wasserstand überflutet waren und wieder trocken fielen.

Ich weiß! Es wurde erzählt, zwischen der ersten und zweiten Bruchstraße habe mal ein Dorf gelegen, das aber versunken ist. Genaues wusste niemand. Aber es gab Spuren. Die Bauern pflügten manchmal Keramikscherben nach oben.

Vielleicht aus vorgeschichtlicher Zeit.

Und hinter der zweiten Bruchstraße gibt es Kiesgruben. Den Kies hat doch auch der Rhein abgelagert?

Ja, und wenn du bedenkst, dass alle Steine aus den Alpen stammen. Der Rhein hat sie immer weiter befördert, dabei zerkleinert und die Kanten abgeschliffen, bis das entstanden ist, was wir heute Kies nennen. An der Flussmündung ist nur noch feiner Sand übrig.

Was ergibt sieben mal sieben, Herr Trittenheim?

Äh, etwa 49?

Nein, sieben mal sieben gibt feinen Sand!

Hihi, reingefallen. Willst du weiter vom Schmelzwasser erzählen?

Ich glaube, ich war mit Georg, Rosies kleinem Bruder, unterwegs. Er war eineinhalb Jahre jünger als ich, und wir hatten uns angefreundet. Wir liefen über die Felder, um alles anzusehen. An den Hängen hinter der ersten Bruchstraße strömte das Wasser in breiter Front herab, unentwegt. Es war nicht auszumachen, wo so viel Wasser herkam. Jedenfalls sammelte sich alles in alten Entwässerungsgräben. Die verbreiterten sich an manchen Stellen zu kleinen Flüssen. Wir mussten lange nach flachen Stellen suchen, um sie überqueren zu können. Selbst die flacheren Stellen waren so tief, dass mir das Wasser in die Gummistiefeln schwappte. Der linke hatte zum Glück vorne ein kleines Loch, das ich spreizen konnte, wenn ich die Zehen bewegte. Damit konnte ich das Wasser aus meinem Stiefel abpumpen. Sah lustig aus, wenn da immer kleine Fontänen rausgespritzt sind. Mitten in einem Strom stand ein Schifferkarren. Wissen Sie, was das ist, Herr Trittenheim?

Ja, die Wanderschäfer hatten Schifferkarren. Schäfer heißt im Landkölschen „Schiffer“, manchmal auch „Schiefer „oder „Schieffer“ geschrieben.“

Ach so. Wir sind zum Schifferkarren hingewatet und haben uns hineingesetzt. Es war einer auf zwei Rädern. Der stand nach vorne gekippt auf die Deichsel gestützt. Ringsum strömte Schmelzwasser vorbei. Wir kamen uns vor wie auf einem Schiff mitten im Rhein. Wir wussten ja damals nicht, was das Wort eigentlich bedeutet. Als ich aus dem Schwarzwald nach Hause gefahren bin, habe ich gedacht, dass es in meiner Heimat langweilig wäre, aber das Gegenteil war der Fall.

Da hattest du Glück, das sich deine Heimat mit dir verändert hatte und sich von einer neuen Seite zeigte.

Eigentlich war es sowieso ungerecht. Ich bin meistens glücklich gewesen als Kind in der Bruchstraße. Aber das große Tauwasser hat mir geholfen, mich wieder einzugewöhnen.

Was ist eigentlich aus Klaus Remy geworden?

Editorische Notiz: Hier eine vorläufige Zäsur. Damit ich wieder die gewohnte Teestübchen-Vielfalt bieten kann, werden Fortsetzungen dieses größer angelegten Erzählprojektes demnächst in loser Folgen im „Teppichhaus Trithemius“ erscheinen, hier aber angekündigt und verlinkt werden. Später, falls ich nicht die Lust verliere, wird vielleicht alles zu einem E-Book zusammengefasst. Da wäre Gelegenheit, vieles zu entfalten, was im Teestübchen nur angerissen ist, weil der Blograhmen sonst gesprengt würde. Vorerst lieben Dank für dein/euer anhaltendes Interesse!
Jules

Lauter Artigkeiten im Plausch mit Frau Nettesheim

Frau Nettesheim
Warum kramen Sie so hektisch in der Schublade, Trithemius?

Trithemius
Wie Sie gerade das Teestübchen betreten haben, Frau Nettesheim, dachte ich, schnell die Schneebrille! Sonst werde ich von ihrer strahlenden Schönheit geblendet.

Frau Nettesheim
Quatschkopp! Sie haben nie eine Schneebrille besessen.

Trithemius
Ach, wie wunderbar diese Worte von Ihren Lippen tropfen. Ich liebe die Stellung Ihres Mundes beim Spotten. Bitte kommen Sie nicht näher, damit ich in Ihrer berückenden Aura nicht verbruzzele.

Frau Nettesheim
Haben Sie einen Clown gefrühstückt?

Trithemius
Nein, dieser Witz auf meine Kosten! Göttlich. Ich schmelze dahin, Sie bezauberndes Weib.

Frau Nettesheim
Da spricht der Masochist in Ihnen.

Trithemius
Haha, der masochistische Clown. Köstlich! Ein herrliches Bild, Sie Königin der … der … überraschenden Metapher.

Frau Nettesheim
Hören Sie schon auf, Sie Einhandsegler auf dem Ozean der Plattitüden.

Trithemius
Hier, ich werfe meinen grauen Kittel aus, auf dass Ihr zierlicher Fuß nicht davon benetzt werde.

Frau Nettesheim
Der ist zu klein.

Trithemius
O nein, Frau Nettesheim, Ihr Fuß ist beileibe nicht zu klein, sondern hat exakt das goldene Maß.

Frau Nettesheim
Ihr Kittel, Sie Depp.

Trithemius
Nach diesen goldenen Worten, werte, verehrungswürdige, liebe, entzückende Frau Nettesheim, wird wohl jeder verstehen, warum wir beide uns mit Artigkeiten überhäufen.

Frau Nettesheim
Weil Sie endlich völlig durchgeknallt sind?

Trithemius
Ja, ausgelöst durch Ihre anmutige Erscheinung – am heutigen Internationalen Tag der Komplimente.

Straße der Kindheit (6) – Schnee – Ein Interview

Blick in die erste Bruchstraße

Blick in die erste Bruchstraße

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Obwohl Melzer kaum mit euch sprach, verdankst du ihm die besten Rodelfahrten deines Lebens?

Mindestens, was die Bruchstraße betrifft. Wenn Schnee gefallen war und die Bruchstraße eine geschlossene Schneedecke hatte, entdeckte Melzer sein Herz für Kinder. Irgendwann am Tag fuhr er seinen Deutz-Traktor auf die Straße, band Rosies Schlitten an die Anhängerkupplung und hängte den von Georg, Rosies kleinem Bruder, hinter Rosies Schlitten. Im Nu strömten alle Kinder mit ihren Schlitten herbei und banden sie hintereinander. Und los ging die wilde Schlittenfahrt. Bauer Melzer gab Gas, ein Ruck, und die Schlittenreihe setzte sich in Bewegung. Das ging gut, bis zur Kreuzung oben. Da war der Schnee noch von den Reifen der Traktoren festgefahren, und die Schlitten holperten hurtig über die vereiste Piste, dass man Mühe hatte, sich festzuhalten. Doch spätestens, wo die Straße in die Winterlandschaft des Hohlwegs eintauchte, lag Tiefschnee. Und spätestens hier, kippte einer mit seinem Schlitten um, und das Schlittengespann riss auseinander. Die Kindermeute schrie „Halt!“, und wenn dann wieder alles gerichtet war, wurde „Schnee fassen!“ gerufen, und jeder nahm zur Stärkung eine Handvoll Schnee in den Mund. Weiterlesen

Straße meiner Kindheit (5) – Ein Interview

Blick in die erste Bruchstraße

Blick in die erste Bruchstraße

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Später war ich noch oft auf dem Hof der Melzers, aber mehr geduldet als willkommen.

Wie äußerte sich das?

Als ich noch klein war, sprachen die Erwachsenen selten mit uns. Wir musten überall herum, wurden mal erwischt und ausgeschimpft, aber sonst kaum oder gar nicht beachtet. Ohne besonderen Grund richtete niemand ein Wort an uns. Bauer Melzer war Kindern gegenüber schweigsam und mürrisch, sprach auch nicht viel mit den eigenen Kindern. In all den Jahren hat er nicht drei Sätze zu mir gesagt. Man hätte denken können, dass Kinder für ihn keine ebenbürtigen Menschen waren. Ich erst recht nicht.

Wie kommst du darauf?
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