Der letzte Gast ist dem Tode geweiht

Am 1. Januar 1990 um 20 Uhr hörte ich im Radio auf WDR I das Hörspiel „D’r letzte Gass“ in kölscher Mundart von Theo Rausch, das im 19. Jahrhundert angesiedelt ist. Es hat mir so gut gefallen, dass ich mich hernach hingesetzt und eine Inhaltsangabe in mein Tagebuch geschrieben habe. Das WDR-Hörspielarchiv listet das Hörspiel zwar auf, aber leider gibt es keine Tondatei. Daher kann ich zum anstehenden Jahreswechsel nur meine Aufzeichnungen bieten.

dr-letzte-gass-11. Szene
Aufwartefrau und Stadtrat Fröschlein am Silvesterabend. Aus der Unterhaltung ergibt sich, dass Fröschlein sehr abergläubisch ist. Die Aufwartefrau näht ihm noch rasch einen Knopf an, bevor sie geht. Da fällt ihr die Schere zu Boden und bleibt mit der Spitze darin stecken. Der Stadtrat ist außer sich: Die Schere im Boden, das bedeutet späten Besuch, und ihm ist klar, wer das nur sein kann, die gestrenge Erbtante. Um ihr zu entgehen, beschließt er, in das Mattesbildchen zu gehen.

2.Szene
Im Mattesbildchen wirft der Wirt gerade den letzten Gast hinaus, einen Maurer. Der will aber noch rasch im alten Jahr reinen Tisch machen und fordert den Wirt auf, die Schröm seiner Bierdeckel zusammenzurechnen. Der Wirt fragt verwundert, ob er denn etwa seine Schulden bezahlen wolle. Daran sei kein Denken, sei er als Maurer im Winter doch zahlungsunfähig, denn: „Im Winter müsse mir Mürer uns zu zehn Mann de Fengere an enem Perdsköttel wärme!“ (Im Winter müssen wir Maurer uns zu zehnt die Finger an einem Pferdeapfel wärmen.)

dr-letzte-gass23. Szene
Der Wirt will die Kneipe schließen, denn er ist bei seinen zukünftigen Schwiegereltern eingeladen zwecks Verlobung. Gerade ist der Maurer gegangen, da kommt der Stadtrat und verkündigt leutselig, er werde Silvester mit ihm, dem Wirt feiern. Der ist ratlos, wie soll er den Herrn loswerden? Seine Bediente ist im Aufbruch begriffen und lässt sich nicht zum Bleiben überreden. Sie erzählt nur noch, dass gerade eben die zukünftige Verlobte zum Küchenfenster hineingeschaut habe und außer sich vor Zorn gewesen sei. Sie lasse ihm ausrichten, wenn er jetzt nicht unmittelbar komme, sei die Verlobung geplatzt. In seiner Not erzählt der Wirt dem Stadtrat, auf der Kneipe laste ein Fluch. Jeweils der letzte Gast am Silvesterabend müsse im kommenden Jahr sterben. Fröschlein ist entsetzt und bricht sofort auf. Gerade will der erleichterte Wirt die Kneipe abschließen, da kommt Fröschlein aber zurück und ruft: „Wat, do wills zomache? Wills de misch ömbrenge?“ Natürlich muss dafür gesorgt sein, dass nach ihm noch ein weiterer Gast die Kneipe besucht. Es werden zwei Kandidaten von der Straße hereingerufen, doch der eine hat neun Kinder, und der andere, ein Bäckerjunge, ist erst 16 Jahre alt. Da hat der Stadtrat doch zu große Gewissensbisse, beiden will er das Verhängnis nicht aufbürden. Der Wirt schlägt vor, er könne jemanden holen, der sei ohnehin so krank, dass er froh wäre, vom Tod erlöst zu werden. Er holt also den Maurer und verspricht ihm Geld. Beide amüsieren sich köstlich über den dummen Stadtrat. Der Maurer spielt ihm seine Szene vor und erhält von Fröschlein 500 Taler. Dann geht der Stadtrat, den Maurer als vermeintliches Opfer zurücklassend. Wirt und Maurer freuen sich königlich. Für beide ist die Sache gut ausgegangen.

dr-letzte-gass3Letzte Szene
Kurz vor dem Silvesterläuten dringt der Stadtrat mit Gewalt in die geschlossene Kneipe ein. Er will trotz des bezahlten Geldes nicht, dass ein anderer statt seiner dem Schicksal ausgeliefert sei. Das Hörspiel endet mit einem herrlich philosophischen Schlusswort vom ihm. Ich habe es leider nicht behalten.

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Von der Klage der Texte wider ihren Erzeuger – Teestübchen Jahresrückblick 2017

Seit dem Start im August 2015 sind im Teestübchen 580 Beiträge erschienen, doch einmal von der Startseite verdrängt, sind sie im digitalen Orkus verschwunden. Diese Beiträge klagen an: „Unser eigener Autor vergisst uns bald, und würde man ihn fragen, was hast du da und dort geschrieben, würde er leugnen, uns überhaupt zu kennen, der Lump. Drum erheben wir unsere Stimme wie einst die Bücher im Philobiblon, als sie gegen wohlbestallte Geistliche folgende Worte sprachen: ‚Schlangengezücht, das die eigenen Erzeuger mordet, nichtswürdige, undankbare Kuckucksbrut, welche zu Kräften gekommen, die Geber dieser Kräfte umbringt. Gehet in euch, Verräter, und rechnet euch einmal vor, was wir Bücher euch gegeben haben (..)‘ Ersetz‘ er nun, Trithemius, die Bücher durch uns digitale Abkömmlinge und …“
„Genug, genug! Ich beuge mich der Übermacht und will einen Jahresrückblick machen, damit wenigstens einige von euch keinen Grund mehr zur Klage haben.“

Teestübchen Jahresrückblick 2017

Das Jahr 2017 erfreute gleich Anfang Januar mit einer Schnapsidee von Minister Christian Schmidt, dem sympathischen Hans Wurst der Fleischindustrie. Im Teestübchen startet die nostalgische Serie „Die Straße meiner Kindheit“

Im Februar erinnert das Teestübchen an eine versinkende Kulturtechnik, die Frottage. Kann man mal wieder machen.

Der März startet mit einer neuen Rubrik, dem Feuilleton.

Im April geht’s um ethnologische Vermutungen zum Gebrauch von Untertellern.

Trauriges im Mai. Über den Tod des Journalisten Bernd Fritz, ehedem Chefredakteur des satirischen Magazins Titanic.

Wo Häuser gebaut, umgebaut oder renoviert werden, sind ambulante Häuschen obligatorisch: Dixiklo-Alarm im Juni

Im Juli ist Dauerregen Thema. Trithemius stellt den Sommer zur Rede und zur Aufheiterung trübnasser Tage kümmert sich der Teestübchen-Chefredakteur um den intergalaktischen Weltfrieden, leider erfolglos.

Drei Männer in einem Boot und auch noch der Schwamm – im August findet eine Flussfahrt statt und wird prompt geschildert.

„Schön ist die Jugend“, der September bringt eine Erinnerung an eine Nachtfahrt nahe der Weinstraße.

Der Oktober verführt zum Nachdenken über digitale Kommunikation.

Fast jeder kennt seine Handschrift, doch ihn kennt man kaum . Im November erinnert Teestübchen an den 100. Todestag von Ludwig Sütterlin.

Wo im Dezember überall die Lichter erstrahlen, ist die Erleuchtung nicht weit.

Karges Traumgesicht

Die Besiedlung alter Kulturlandschaften ist bestimmt durch die Fruchtbarkeit der Böden. Wo die Erde fruchtbar ist, siedeln die Menschen so dicht beieinander, wie es geht. Es gibt Regionen, wo ein Abstand von etwa zwei Kilometern reicht, die Dörfer und Flecken zu ernähren. Anders die Lüneburger Heide. Dort wo arme Böden kaum Landwirtschaft erlauben, wo über viele Quadratkilometer nur Flechten und Moose, karges Gras, Gestrüpp und Krüppelholz wachsen, siedeln nur wenige Menschen.

Es erfreut und beruhigt den Reisenden, dass sein Zug das unfruchtbare Land mit 200 Stundenkilometern durcheilt und erst halten wird in der großen Stadt, deren Bewohner sich vom Fernhandel ernähren. Eine Weile schaut er durchs Fenster auf das Eintönige hinaus. Eine Landschaft in Grau-Grün-Dreckigbraun. Weitere Farbakzente fehlen, und auch sonst ist in allem eine ständige Wiederkehr der gleichen krüppeligen Birken und schlammigen Waldwege, die von Rädern zerfurcht und zerfahren ins Nirgendwo zu führen scheinen, mal im großen Bogen zur Seite weichen und sich aufschwingen zu einer Brücke, die niemand braucht. Abseits der Gleise ist rückständiges Land, ein einschläferndes Einerlei.

Drei, fünf, acht quadratisch angelegte Fischteiche hintereinander sind schon der zivilisatorische Höhepunkt. An deren Zufahrt parkt ein dunkelgrünes Auto, ein Kescher liegt da, der Mensch dazu aber ist weit und breit nicht zu sehen, wie verschluckt vom schwarzen Wasser der Teiche, wo der Reisende ihn ahnt, wie er inmitten seiner fetten Karpfen dahintreibt, deren kalte Leiber er mehr spürt als sieht, aber dieses glitschige Spratteln ringsum drückt ihn hinunter zum schlammigen Grund, es trachtet ihm nach dem Leben als perfekte Spiegelung der gleichgültigen Gnadenlosigkeit, mit der er einige Karpfen fürs Weihnachtsessen hatte abfischen und schlachten wollen. Da treibt auch der Reisende hinter dem Fenster unter Wasser dahin und sein zur Seite ans Fenster lehnender Kopf durchdringt die Scheibe so wenig wie den Wasserspiegel.

Da jedoch wird die Luft ihm knapp, ihn drängt es nach oben, und er steigt, die glitschigen Leiber tretend wie Treppenstufen, vom Teichgrund auf, fährt prustend an die Oberfläche und rettet sich an Land. Er ist sich keiner Schuld bewusst, als er sich triefend und durch den Schlamm kriechend in sein Auto schleppt. Vor Kälte zitternd, lenkt er heimwärts. Er hatte doch nur den Speiseplan seiner geladenen Großfamilie ein wenig bereichern wollen. Seine schöne Frau Nora, wie sehr ist sie es leid, sich von Flechten und Moosen zu ernähren, und obwohl nicht von hier, beginnt auch bei ihr schon der Bewuchs. Und es dauert sie der Anblick ihrer hier geborenen Kinder, die inzwischen selbst von Flechten und Moosen überzogen sind. Irgendwann werden sie Teil dieser Heide sein, knorrig und vom Moos bepelzt in den torfigen Boden gerammt werden.

Zu Weihnachten großer Auftrieb in der kleinen Klause der Familie Strauch. Die weitverzweigte Verwandtschaft hat sich angesagt. Seit Tagen karrt Vater Strauch bereits Essen heran, das meiste aus der fernen Stadt, schwer genug und kompliziert. Seit Tagen steht Nora Strauch in der Küche und macht und tut für die drangvolle Runde da am Tisch der Klause direkt beim krüppeligen Weihnachtsbaum, jeder redet, und keiner hört zu. Als Nora das Tablett mit dem Korn herumreicht, lehnt Schwippschwager Baltus ab: „Mein Arzt sagt zu mir, Herr Wingens, Sie haben einen kaputten Magen, Sie müssen alle scharfen Getränke weglassen!
Tante Liesl kippt erst ihren, dann seinen Korn hinterher und widerspricht: „Ich nicht, ich soll sogar trinken!“
Seien Sie vorsichtig mit dem Trinken, besonders mit scharfen Sachen, hat er gesagt“, fährt Onkel Baltus fort.
Tante Liesl hat jetzt die Bosheit gepackt: „Mein Arzt sagt: Trinken Sie nur, Bier, Wein … und ein Schnäpschen in Ehren kann niemand verwehren.
„Meiner nicht. Auch Bier nicht, Herr Wingens, lassen Sie bloß das Bier aus dem Leib!, sagt er. Am besten lassen Sie die Finger ganz vom Alkohol weg!
„Meiner sagt: Trinken Sie nur! Sie müssen jeden Tag zwei Liter Flüssigkeit trinken!
„Was ist mit Cola? Cola trinke ich doch so gern, Herr Doktor.“
Cola? Ganz schlecht!, sagt er, kennen Sie das Fleisch-Experiment? Legen Sie mal ein Stückchen Fleisch über Nacht in eine Cola, dann sehen Sie am nächsten Morgen, was die Cola mit Ihrem Magen machen kann!
Zwei Liter Flüssigkeit müssen Sie trinken, Frau Blum, egal was es ist, von mir aus Cola, Cola ist gut und Kaffee, Bier, Hauptsache, Sie trinken!
„Ich frage, was ist mit Kaffee?“ Kaffee, Herr Wingens? Trinken Sie um Gottes Willen keinen Kaffee!
Trinken, trinken, trinken, Frau Blum.
„Auch keinen schwarzen Tee?, frage ich. Nein, Tee ist ganz schlecht.
„… was gerade da ist, Kaffee, schwarzer Tee, Sprudel, Limonade
Und alles, was Kohlesäure enthält, ist Gift für Sie, Herr Wingens!
„Ich vertrage ja nichts Glutenfreies“, ruft Tante Hubertine.
„Nora! Nora! Ist die Wurst auch BSE-reduziert?!“
„Ich brauche Lactose“, ruft Nachbarin Gundula, „ohne Lactose habe ich kein Weihnachten. Da bin ich intolerant!“

„Wünschen Sie Kaffee, Cappuccino, ein Kaltgetränk?“
„Nein, danke“, murmelt der Reisende im Halbschlaf, „der Arzt hat es verboten.“
Er schaut auf. Die Zivilisation hat ihn wieder. Er nimmt den letzten Schluck aus der mitgebrachten Wasserflasche. Er schmeckt torfig.

Der Weihnachtsstern ist ein kleines Licht

Weihnachtliche Innerlichkeit – zuletzt habe ich sie als 10-jähriges Kind empfunden. Meine Familie lebte auf einem katholischen Dorf im Rheinland. Am Heiligabend nach der Bescherung, so gegen 12 Uhr nachts, gingen wir zur Pfarrkirche in die Christmette, wo sich versammelte, wer schon oder noch laufen konnte. Diese Mette dauerte fast die ganze Nacht hindurch. Man musste in den harten Holzbänken knien, stehend singen, durfte zur Predigt sitzen, dann wieder knien, stehen, knien, derweil Priester und Messdiener am Altar ihre rituellen Verrichtungen vollzogen – Latein brabbelten und uns zur brausenden Orgel singen hießen. Die Knie schmerzten mir schon bald, die Krippe seitlich des Altars hatte ich mir über alle Hirten bis zum kleinsten Schaf längst angesehen, aber die Mette wollte und wollte nicht zu Ende gehen. Dann endlich gegen 4 Uhr am Morgen sangen wir erleichtert das Schlusslied, und als wir vor das Kirchenportal in die eiskalte Nacht hinaus traten, da hatte es geschneit. Wir stapften frierend aber froh durch den Neuschnee nach Hause, wo schon bald der Weihnachtsbaum erstrahlte, die Wohnung nach Kaffee duftete und der Christstollen zum Frühstück angeschnitten wurde. Was man sich so hart hatte verdienen müssen, verlieh dem jungen Weihnachtsmorgen einen fast überirdischen Glanz. Schon bald zog sich jeder in eine Ecke zurück und widmete sich den Geschenken.

Kann das weg? Fotos: Archiv

Diese weihnachtliche Innerlichkeit ging mir bald verloren. Wieder gefunden habe ich sie nie mehr, obwohl die Geschenke größer und teurer wurden. Als ich selbst Familie hatte, tauchte das Wort Stress auf, vorweihnachtlicher Stress der unzähligen Besorgungen, die Weihnachten erforderte, und mit den Jahren wurde rundum die Klage über Konsumstress immer lauter. Inzwischen aber hat sich die Klage verloren. Vor sechs Jahren habe ich mit meiner damaligen Freundin in München einen mordsmäßig großen Kleiderschrank aufgebaut. Zwei Tage waren wir damit beschäftigt. Nebenbei hörten wir Radio, einen dieser privaten Sender, die das Wort „Antenne“ im Namen führen und in ganz Deutschland die gleiche Klangfarbe, ähnliche Jingles und bescheuerte Werbung, ähnlich durchgeknallte Moderatoren haben. Diese Moderatoren plapperten den ganzen Tag vom Weihnachtsstress, aber es war keine Klage darin, sondern es ging darum, die Kauflust aufzuheizen, einen kollektiven Kaufzwang aufzubauen in Hörertelefonaten, Weihnachtsbaumverschenkaktionen und dergleichen lustvoll ächzendem Gerede über noch zu besorgende Geschenke, zu planendes Weihnachtsessen und überhaupt um die Segnungen des Konsums.
Der Technikmarkt Conrad, schickte mir eine Werbe-Postkarte mit dem dummen Wortspiel: „Merry tech-mas“ Besser lässt sich die Okkupation und Sinnentleerung von Weihnachten durch Handel und Gewerbe kaum zeigen.

In der Straßenbahn sitzt mir gegenüber ein kleiner alter Mann mit zerfurchtem Gesicht und Altersflecken auf der hohen Stirn. Die schlohweißen Haare hat er akkurat nach hinten gekämmt, er trägt einen Rautenpullover, darüber ein dunkelbraunes Jackett, an den Beinen hat er eine hellbraune Hose. Seine Füße stehen in braunen etwas abgelatschten Halbschuhen. Mit Todesverachtung schlägt er eine Zeitung auf und beginnt halblaut zu kommentieren, was er liest. Dann sieht er auf und sagt: „49 Prozent der Deutschen haben keinen Weihnachtsbaum, steht hier. Ich habe noch nie einen Weihnachtsbaum gehabt – so’n Scheißdreck!“

Irgendwo zwischen anachronistischer Innerlichkeit, Tech-mas-Geschenkgeramsche und Scheißdreck mag jeder sein Weihnachten ansiedeln wo er will. Ich wünsche Ihnen und euch von Herzen ein schönes und besinnliches Weihnachtsfest.

Ihr und euer

Die polnische Gans, ein Geburtstag und Diverses

Über mein vom Kontext verfälschtes Urteil musste ich gestern schmunzeln. „Möchten Sie einen Kalender?“, fragte mich der Apotheker, und ich sagte ja. „Sie können wählen. Möchten Sie Pflanzen oder Rezepte?“ Rezepte? Wer will denn einen Rezeptkalender?, dachte ich und hatte just ein solches Rezept für Jodsalbe vor Augen, wie ich gerade über die Ladentheke gereicht hatte. Erst zu Hause fiel mir ein, dass ich einen Kalender mit Kochrezepten verschmäht hatte. Naja, es wären vermutlich Fleischgerichte gewesen oder welche mit Gänseschmalz.

„Gänseschmalz, wo haben Sie Gänseschmalz!“, fragte ein großformatiger Mann im Supermarkt. Und man hörte förmlich, wie ihm beim Wort das Wasser im Mund zusammenlief. Ich konnte nicht umhin zu denken: „Du großer unbedarfter Esel!“, was natürlich ungerecht war, denn Gänsebraten gehört für viele zum Weihnachtsfest, und es muss erlaubt sein, am Fest der Liebe sich so richtig unreflektiert an Blut und Schmalz der Tiere zu berauschen. Was muss die dumme polnische Gans auch so lecker schmecken.

Herr Putzig hatte gestern Geburtstag und alle waren da, auch der Mann, der demnächst am Lindener Markt sein Beerdigungsinstitut eröffnen wird, in dem er, wie er sagte, Kunst zeigen will, um das Tabuisierte um Tod und Sterben aufzubrechen und ins Leben zu holen. Das hat mich schwer beeindruckt. Ich finde, dass dem Lindener Markt ein Beerdigungsinstitut fehlt. Er wird in Folge reicher und lebendiger sein. Und der Mann, der mich vor Jahren „Alterspräsident“ getauft hat, der war auch da, kam aus Dänemark angereist, wo er eine Professur ergattert hat, saß nachher sogar in meinem Stuhl, den Filipe d’Accord für mich organisiert hatte, und den ich wegen seiner Armlehnen den „Präsidentenstuhl“ getauft hatte. Konrad Fischer war beauftragt, ihn zu verteidigen, als ich mit Filipe zum Schreiben der Geburtstagskarte in die Küche gegangen bin, also Filipe hat getextet und geschrieben und ich habe die Verantwortung getragen. Filipe kann sowas stehend freihändig, ich nicht. Außerdem schreiben Präsidenten nicht, sie lassen schreiben. Als wir zurückkamen, hob Konrad Fischer nur bedauernd die Hände, aber es war auch ein unverschämtes Ansinnen von mir gewesen, ihn einen leeren Stuhl verteidigen zu lassen, angesichts der drangvollen Enge im Raum und immer noch neu eintreffender Gäste, zumal Konrad gerade erst die schlechteste Zeit „ever“ mit Examensstress erfolgreich hinter sich gelassen hat. Wir sind jetzt Berufskollegen, wobei ich meine Arbeit hinter mir, er sie noch vor sich hat.

Später redete ich mit einem weiteren Berufskollegen, der zeitlich befristet an einer deutschen Schule in Stockholm unterrichtet. Filipe hatte mich ermuntert, mit dem zu reden. Der Stockholmer sagte, er sei auf einer meiner Lesungen gewesen, aber sonst blieb das Gespräch einseitig, also er ließ sich befragen über seine Arbeit in Stockholm, fragte aber nichts zurück, so dass unser Gespräch irgendwann verebbte. In seiner Selbstbezogenheit konnte er auch nicht wissen, dass ich mich zur Geduld mahnen musste, weil ich aus den bundesweiten Zeitungsprojekten Fachkollegen Deutsch seiner Sorte zu Genüge kenne, und zwar die Republik rauf und runter. Dabei gab es durchaus Unterschiede zwischen Deutschlehrern, die ein Projekt mit der damals noch stolzen Frankfurter Rundschau machten und denen mit der FAZ. Alle waren Primus in ihrem Fach, aber FAZ-Lehrer waren durch die Bank Korinthenkacker, solche, die am Morgen nach einem gemütlichen Abend auf die Frage, ob’s amüsant gewesen war, quer durch den Frühstücksraum des Hotels rufen: „Oja, wir haben uns noch über Stiller unterhalten!“ Urgs! Ich brach auf gegen 2 Uhr, als immer noch neue Gäste eintrafen; und bummelte mit Konrad Fischer durch die ruhige Nacht nach Hause.

Der Weihnachtsbaumverkäufer auf dem Parkplatz vor Real liegt mit den Unterarmen auf seinem Stehpult und wischt gelangweilt über den Bildschirm seines Smartphones. Klar, auch arme Weihnachtsbaumverkäufer haben irgendwelche Sozialkontakte, gestiftet durch die Smartphonetechnologie. Ich ertappe mich dabei, mir den Namen seiner Facebookgruppe auszudenken. Seine heißt WswWdfaSadiPiAGsddgEzWsGksesd (Was sind wir Weihnachtsbaumverkäufer doch für arme Socken, aber die in Polen im Akkord Gänse schlachten, damit der große Esel zu Weihnachten sein Gänseschmalz kriegt, sind echt schlimmer dran.)

Guten Abend

Der letzte Patient – kein Lächeln und kein Kratzen

Die Frau mit dem süßesten Lächeln, das mir in Hannover je begegnet ist, lächelt nicht. Ich tue mein Bestes und sage:
„Jetzt sitze ich vor Ihnen mit heruntergelassener Hose, Frau L.“
„Und auch noch als mein letzter Patient im alten Jahr.“
„Haben Sie zwischen den Tagen frei?“
„Ja, ich habe Urlaub und freue mich, obwohl ich gerne arbeite.“
„Man darf sich auch mal über freie Tage freuen“, sage ich, mit den Hosen auf den Köcheln.

Sie legt mir ein Stück Gaze mit Jodsalbe aufs immer noch nässende Knie und verbindet mich. Ich bedanke und verabschiede mich, wünsche ihr schöne Weihnachtstage, aber als sie antwortet, lächelt sie auch nicht richtig. Das war anders gewesen, als ich gestern ein Rezept abholte. Da hatte sie mich derart zuckersüß angelächelt, dass ich glatt vergaß, meinen Namen zu sagen und warum ich gekommen war. Allmählich erschließt sich mir, warum sie heute nicht gelächelt, sondern nur ein bisschen geschmunzelt hat. Sie wird einen anstrengenden Vormittag hinter sich gehabt haben. Wenn eine zudem über ein derartiges Lächeln verfügt, darf sie es nicht durch inflationäres Auftreten verschleißen.

Das erinnert mich an ein legendäres Kratzen, das ich ebenfalls nicht zu sehen bekam. Einmal war ich mit einem Freund in Lüttich gewesen. Wir hatten uns in einem hübschen Lütticher Viertel vor ein Café gesetzt. Er hatte Hunger und orderte ein Baguette. Dann aß er noch eines, denn er aß alles, was groß und dick macht. Allerdings gestand er dann, dass er unser Sitzen vor dem Café noch hatte hinauszögern wollen. Denn eigentlich kam er nur einer bestimmten Kellnerin wegen her, die sich so wunderbar kratzen könne. Nach seinem zweitem Baguette tauchte auch die Kellnerin auf. Sie war wohl schon außer Dienst und stand dann eine ganze Weile einfach so an den Mast einer Markise gelehnt, angetan mit einem dunkelgrünen T-Shirt, dessen kurze Ärmel hoch oben unterhalb ihrer Schultern endeten, wodurch ihre wirklich ausnehmend schönen Arme zur Geltung kamen. Die Kellnerin machte allerlei selbstvergessene Gesten, sprach auch gelegentlich ein paar Worte mit dem Kollegen, wenn er vorbeikam, aber wollte sich zu unserer Enttäuschung einfach nicht kratzen.

Ein Frauenlob: Da bevölkern so schmucke Wesen unseren Planeten, und statt sich ihrer zu erfreuen, macht der Mann die Erde unwirtlich, lässt die Muskeln spielen und zettelt Kriege an. Früher ging es dabei wenigstens um Frauen wie beim trojanische Krieg. Der wurde bekanntlich durch die Entführung der Helena ausgelöst. Heute geht es um Öl, um Macht oder eine fanatische Religionsauffassung und imaginäre Jungfrauen. Ich bin mir sicher, dass ein bezauberndes Lächeln oder ein versonnenes Kratzen nichts, aber auch gar nichts mit Jungfräulichkeit zu tun haben.

Heute erinnert die Neue Züricher Zeitung an ein außergewöhnliches Weihnachtslied, das mich stets zu Tränen rührt:

Heiligabend in der Bahn

Erstaunlich wenig Betrieb im Reisezentrum der Deutschen Bahn. Ich ziehe die Aufrufnummer 1093 und habe laut Anzeige nur noch drei Bahnkunden vor mir. Die Anzeige springt um, ich werde zu Schalter acht gerufen, wo mich eine gemütlich dicke Frau empfängt. Sie sitzt bequem zurückgelehnt und macht auf den ersten Blick nicht den Eindruck, als wollte sie sich besonders engagieren. Dann aber sucht sie die gewünschte Verbindung für mich raus, bestätigt den günstigen Sparpreis, und als ich noch eine Reservierung wünsche, schlägt sie vor, ich solle doch ein 1. Klasse-Ticket nehmen, das wäre als Sparpreis nur 13 Euro teurer, und da sei die Reservierung schon enthalten. „Weihnachten darf man sich schon mal was gönnen“, meint sie. Tatsächlich gönne ich mir nur vier Euro zusätzlich, denn die eingesparte Reservierung würde neun Euro kosten. Bei mir staune ich, dass Ersteklassemenschen nicht reservieren müssen. Warum ginge das nicht auch in der 2. Klasse? Es gibt da natürlich immer Reisende, meist junge Männer, die die neun Euro für die Reservierung sparen wollen. Einerseits sind sie dadurch völlig frei in der Wahl ihres Zuges; erwachen sie am Reisemorgen mit einem Brummschädel, fahren sie einfach ein paar Stunden später. Sie nehmen auch gern in Kauf, mit ihrem ganzen Kram, Laptop, Kopfhörer, belegtem Brötchen, Kaffeebecher, Jacke und Rucksack umzuziehen, wenn jemand kommt und den von ihm reservierten Platz beansprucht. Ja, solchen jungen Männer gehen die gesparten neun Euro über alles. Selbst wenn sie auf der Fahrt von München nach Hamburg dreimal umziehen müssen, dann haben sie pro Umzug immer noch drei Euro im Sack.

Für diese smarten Typen, denen es auch überhaupt nichts ausmacht, ihre Mitmenschen zu nerven, indem sie ihre Geduld strapazieren, weil so ein Umzug natürlich in aller Ruhe vollzogen werden will, für diese Gemütsmenschen sollte die Bahn in der zweiten Klasse einen extra Wagen einrichten, wo sie unter Gleichgesinnten in völliger Eintracht dahinreisen könnten. Alle anderen aber hätten reservierte Plätze wie die Ersteklassemenschen. Das setzt natürlich voraus, dass die Bahn auch mit den angegebenen Waggons vorfährt und nicht etwa ein Wagen fehlt, so dass verwirrte, verirrte Reisende den Wagen der jungen Männer okkupieren.

Ich habe schon Dramen um fehlende Wagen erlebt, also eigentlich habe ich mich mal herzlich amüsiert darüber, wie ein paar Sachsen einstiegen und die falsche Reihenfolge des Wagen 10 beklagten. Und ich dachte noch: „Beschwert euch, Ihr seid verdammt noch mal das Volk!“ Dann hatte das Volk aber erst recht was zu maulen, als sie nämlich hinter mir ihre reservierten Plätze nicht fanden; sie hatten im IC nach Dresden vier Plätze an einer Tischgruppe gebucht, die es nicht gab und knubbelten sich trotzig auf der Stelle, wo die Tischgruppe hätte sein sollen, offenbar in der Hoffnung, die Tischgruppe würde sich ihrem Trotz ergeben und noch materialisieren, bis der Schaffner ihnen erklärte, es wäre ein anderes Wagenmodell als vorgesehen angehängt worden. Und so etwas Unzüchtiges wie Materialisierungen ganzer Tischgruppen gäbe es nicht bei der Deutschen Bahn. Dann war ich froh, dass er ihnen alternative Plätze in einem vorderen Wagen anbot. Gekränkt und erbost über die Ungerechtigkeit der Welt und speziell über die Diskriminierung durch die Bahn – „Nü, wür hapen de Blätze toch pezahld!“ – folgten sie nur widerwillig, ein älteres Ehepaar, von dem die Frau am lautesten war, während der Mann nur das krakelende Echo abgab, dahinter ein kümmerliches schwarzhaariges Männlein mit Fuselbart und schwarzem T-Shirt mit dem weißen Aufdruck „Böhse Onkelz“, offenbar der Sohn, der ein bedauernswertes kleines blondes Mädchen mitschleppte. Das wünscht man sich ja als Kind, von einem böhsen Onkel zu völlig unbekannten Tischgruppen verschleppt zu werden.

Ähem, vom Thema abgekommen. Ich gönne mir also Heiligabend etwas Preiswertes und werde 1. Klasse nach Hamburg reisen. Man soll nicht denken, dass ich noch nie 1. Klasse gereist bin. Als ich noch Seminare für das Aachener Medien-Institut abgehalten habe, bin ich immer in der 1.Klasse gereist, quer durch die Republik. Allerdings ist es an Werktagen nicht wirklich vergnüglich, weil dann die Geschäftsreisenden ringsum unermüdlich telefonieren, ja geradezu ihre Energie daraus ziehen, dass man ihren überaus wichtigen Gesprächen zuhören muss. Wer hingegen in der 2. Klasse in beruflichen Dingen telefoniert, schindet keinen Eindruck, sondern outet sich als geschäftlich marginale Person.

„Wollen Sie am Tisch sitzen oder telefonieren?“, fragt mich die freundliche Bahnbedienstete. „Nein, ich möchte nur meine Ruhe haben.“ Also bucht sie mir den Ruhebereich. Es braucht mich da auch niemand anzurufen, während ich versonnen aus dem Fenster schaue, derweil draußen die Ödnis der Lüneburger Heide vorbeizuziehen scheint und ich mich schaudernd daran erfreue, dass ich mich an dieser oder jener unwirtlichen Stelle draußen niemals werde befinden müssen. Erst recht nicht an Heiligabend.