Rücksichtsloses Selbsteinladen

„In aller Bescheidemheit möchte ich mir den Hinweis erlauben, dass auch und gerade in den Vor-Telefonzeiten das überraschende Klingeln an der Haustür, also das rücksichtslose Selbsteinladen bei einem Nachbarn oder Bekannten, nicht unüblich war, wie ich von Zeitzeugen weiß“, schrieb mir ein Freund, nachdem er meinen Telefonhassertext gelesen hatte.
Tatsächlich kenne ich das Verhalten auch noch gut aus der Zeit von Kindheit und Jugend in den 1950-1960-er Jahren. Beispielsweise luden wir Kinder der Bruchstraße uns am Samstagnachmittag beim Bauern Balzer ins Wohnzimmer ein. Balzers hatten als einzige in der Nachbarschaft ein Fernsehgerät.

Nach und nach trudelten die Kinder dort ein, suchten sich wortlos einen Sitzplatz, um die Kindersendung „Samstagnachmittag zu Hause“ anzuschauen. Intro war ein kurzer Zeichentrickfilm, in dem eine mütterlich dicke Frau vors Haus trat und die Straße hinauf und hinab rief. Von links und rechts kamen die Kinder angerannt und versammelten sich in perfekter Übereinstimmung mit der Realität vor dem Fernsehgerät. Innerhalb dieses Sendeformats wurde jeweils eine Folge von Lassie gezeigt, glaube ich mich zu erinnern.

Auch die Erwachsenen besuchten sich gegenseitig ohne Voranmeldung, drückten einfach die Türklinken der nie abgeschlossenen Wohnungen hinunter und traten ein. Noch in den 1980-er Jahren erlebte ich etwas Ähnliches. Ich war mit Frau und Kindern im niederländischen Mergelland unterwegs, steuerte den Familienbus leichtsinnig zu einem Picknickplatz auf einer abschüssigen Wiese und fuhr mich im unteren sumpfigen Stück fest. An der wenig befahrenen Straße bat ich einen einsamen Spaziergänger um Hilfe. Er sagte, er kenne einen Bauern der Gegend und werde mich hinbringen. Das Gehöft lag in sonntäglicher Ruhe. Der Mann ging trotzdem einfach ins Haus und suchte den Bauern. Wir fanden ihn später auf dem Feld, und er half mir mit seinem Trecker aus der Patsche.

Sich vor einem Besuch anzumelden, muss eine neuartige Sitte sein. Die Radiomoderatorin Siska Schoeters hatte einmal einen niederländischen Kabarettisten zu Gast in ihrer Sendung beim flämischen Musiksender Studio Brussel. Der interessierte sich für spezielle Verhaltensweisen der Flamen, denn Niederländer und Flamen haben zwar eine gemeinsame Schriftsprache, doch ganz unterschiedliche Sitten und Gebräuche. Siska Schoeters sagte, bei den Flamen sei es üblich, sich nach dem Heimkommen Hose oder Rock auszuziehen und in der Wohnung in Unterhose bzw. Slip umherzulaufen. Die Aussage wurde nie dementiert.

Privat ist der Flame/die Flämin also in Unterhose. Das ginge ja nicht, wenn man jederzeit mit dem Eindringen Fremder zu rechnen hätte, die grad ein bisschen Fernsehen möchten oder abgeschleppt werden wollen.

Männer, die mit Schachteln winken

Vor mir auf dem besonnten Gehweg geht ein kleiner älterer Mann. In der Linken trägt er eine flache Kartonage. Plötzlich glaubt er, in der Straßeneinmündung einen Bekannten gesehen zu haben. Er winkt dem vorbeirollenden Radfahrer mit der Schachtel zu. Der reagiert nicht, denkt wohl: Männer, die mit Schachteln winken, kenne ich nicht. Man ignoriert sie am besten. Vielleicht war das Winken mit der Schachtel sowieso ein Versehen wie damals, als ich meinem Hausarzt mit einem Strumpf gewinkt habe. Es heißt übrigens standardmäßig „ich winke, ich winkte, ich habe gewinkt. „Gewunken“ ist eine irrtümliche Analogiebildung. Es heißt zwar „sinken, sank, gesunken“ doch nicht „winken, wank, gewunken.“

Eine junge Frau im Sportdress reckt im Gehen beide Arme gen Himmel als würde sie für kommende sportliche Aktivitäten den Beistand der Götter herabwünschen. Machen die sowas? Stehen die Götter den Flehenden bei? Eher nicht, und zwar deshalb:

    Einem Bauern im alten Griechenland ist die einzige Hacke in den Fluss gefallen. Er beklagt es lauthals, will nicht aufhören mit seinem Jammer. Irgendwann geht er den Göttern so auf die Nerven, dass sie ihm eine goldene Hacke zuwerfen, um endlich Ruhe zu haben. Darob werfen auch andere Bauern ihre Hacken in den Fluss. Das Jammern will kein Ende nehmen, und die Götter schwören einander, niemals mehr zu reagieren, wenn Menschen ihre Hände flehend gen Himmel strecken.

Auf dem Grau des Gehwegs viele dunkle Flatschen, offenbar festgetretene Kaugummis, einst achtlos in die Botanik gespuckt. Macht man’s noch? Oder ist der Umweltgedanke auch in die dümmsten Gehirne gesickert. Sollte es in Zehntausend Jahren noch Archäologen geben und sollten sie asphaltierte Gehwege aus zehn Metern Tiefe (alle tausend Jahre sinkt eine Stadt um einen Meter) freilegen, werden sie sich vielleicht wundern über diese platt getretenen Gummiflecken. In einer Million Jahren, wird der Despot einer unterirdisch lebenden fernen Spezies, den und die ich lieber nicht kennen wollte, vielleicht seine Zwangsherrschaft darauf gründen, dass ihm lange Gehwege voller Kaugummiflatschen gehören, woraus sich ein seltenes Mineral gewinnen lässt, mit dem er alle Weiber gefügig machen kann. Sollte sich jetzt eine(r) aufregen wegen „Weiber“ und „gefügig“, wende ich ein, dass uns geschlechtsspezifische Diskriminierung bei dieser ekelhaften Spezies doch egal sein kann.

„Alte Kaugimmiflatschen“ – wie eklig ist das denn. Ich habe als Kind mal versehentlich einen Stuhl an der Sitzfläche umfasst, um ihn vorzurücken, und fühlte in einen alten Kaugummi. Dabei schüttelt’s mich heute noch. Eine mutige Regierung würde von Kaugummiproduzenten übrigens die Reinigung der Gehwege verlangen. Und die sollen auch unter Stühlen saubermachen! Verursacherprinzip. Schließlich hat man mit dem Verkauf der Kaumasse gute Geschäfte gemacht. Mit dieser Maßnahme ließe sich auch die ekelhafte nichtmenschliche Spezies verhindern, die sich an unseren unerfreulichen Hinterlassenschaften aufgeilt.

Digitales Geld in Deppenhand

Eine sehr junge Frau steht vor mir in der Bäckerei und kauft ein Brötchen. Dann zahlt sie den Minibetrag mit ihrem Smartphone. Hält das Ding ans Lesegerät, dreht sich auf dem Absatz herum und eilt davon. „Halt!“, ruft die immer mürrische Verkäuferin, zieht den Bon aus dem Drucker und indem sie ihn verächtlich wegwirft, erlaubt sie: „Jetzt können Sie gehen.“ Die junge Frau hat Deutsch mit Akzent gesprochen, ist wohl aus einem slawischen Land zugewandert und wähnt sich jetzt auf der Höhe der Zeit, in der man Brötchen mit Smartphone, also mit digitalem Geld kauft. Sie bekommt etwas Materielles, ohne zu erleben, was da im Kontakt zwischen ihrem Smartphone und dem Kartenleser geschieht.

Damit liefert sie sich einem völlig unwägbaren Vorgang aus. Niemand, weder sie, die Verkäuferin noch ich, der Beobachter, hat eine Vorstellung davon. Eine gewaltige energiefressende Infrastruktur ist nötig, damit derlei Bezahlvorgänge möglich sind. Und zwischen jeder Zahloperation und dem Bezahlenden greift ein digitaler Wegelagerer eine Gebühr ab. Elon Musk hat sein Vermögen mit derlei Wegelagerei gemacht, indem er 1999 den Bezahldienst PayPal gründete. Bei der digitalen Wegelagerei muss niemandem der Schädel einschlagen werden. Aber man schaut unwägbar für den Betroffenen in seine Jacke, kennt seine Kleidergröße, seine Aufenthaltsorte, seine Routinen, Kaufakte, Vorlieben, handelt mit diesen Daten oder leitet sie an Geheimdienste.

Mit dem Verschwinden des materiellen Geldes verschwindet auch seine Wertigkeit in unserer Wahrnehmung. Goldmedaillengewinner wurden eine Zeitlang fotografiert, indem sie ihre Zähne in die Medaille schlugen, was gewiss auf Zeiten rekurriert, als die Bissprobe echtes von Falschgold unterscheiden half. Nicht beißbar, nicht einmal greifbar und darum unbegreiflich ist digitales Geld. Ein Instrument, mit dem Regierungen willfähriges Verhalten erzwingen können, ist es auch, wie in den vergangenen Jahren, als PayPal das US-Embargo weltweit gegen Kuba durchsetzte.

Ich sehe die junge Frau nochmals auf dem Gehweg, wo sie ihr Fahrrad schiebt, und denke: Du bist die Vorhut unbedarfter hipper Deppen, die das Bargeld und ihre Selbstbestimmung verlieren werden.

Als die Glocken nach Rom geflogen waren

Wie die Glocken nach Rom geflogen sind, habe ich nicht gesehen, obwohl meine Mutter meinen Blick in den bewölkten Himmel gelenkt hatte. „Da!“, sie hätte die Glocken gesehen, sagte sie. Weil sie mich auf dem Arm hielt, und weil wir Wange an Wange durchs Dachflächenfenster geschaut hatten, glaubte ich kaum, dass die Glocken über unser Haus geflogen waren.
Die Glocken wären in Rom, um beim Papst Milchbrei zu essen, so wurde auf dem Dorf erklärt, warum die Glocken der katholischen Kirche von Gründonnerstag bis zum Ostersonntag schwiegen. Stattdessen zogen die Messdiener dreimal täglich mit Rasseln durchs Dorf.
.

Mein fünf Jahre älterer Bruder war Messdiener. An einem Karfreitagmorgen durfte ich an seiner Statt mit dem Fahrrad unsere Straße bis zur Ortsgrenze hochfahren und die Rassel schwingen. Es hatte gerade geregnet. Ein milder Frühlingsregen war das gewesen. Die Natur hatte ihn bereitwillig aufgesogen. Ich erinnere mich an den erdigen Duft, der von der Straße aufstieg. Sie war zu dieser Zeit noch nicht asphaltiert und von den Regentropfen feucht gesprenkelt. Ich wusste, dass meine Aufgabe wichtig war und schwang die Rassel voller Inbrunst. Aus heutiger Sicht nichts Besonderes, doch für mich im Alter von fünf Jahren ein kleines Hochamt.

Aus meinem Tagebuch vom März 1997

(Der Beitrag ist eine Wiederveröffentlichung vom 25. März 2016)

Wenn Frauen in der Haustür zagen

Manchmal, wenn Frau Claudia Kleinert im Fernsehen wort- und gestenreich das Wetter moderiert hat, bin ich beim Schluss versucht zu fragen: „Und wie wird jetzt das Wetter?“ Da muss ich wohl während ihrer Dampfplauderei komplett abgeschaltet haben. Aber nicht nur Frau Kleinert, sondern auch die Herren Sven Plöger und Karsten Schwanke stehen dafür, dass der Wetterbericht im Fernsehen zur Unterhaltungsshow verkommen ist, so dass ich mich sehnsuchtsvoll an die Zeiten erinnere, da im Fernsehen das zukünftige Wetter ganz schlicht durch zwei Figürchen vor einem geschnitzten Wetterhäuschen angezeigt wurde. Für die Jüngeren unter uns eine Beschreibung:

Das Wetterhäuschen hatte zwei Türen und war bewohnt von Mann und Frau. Diese beiden stellten die Luftfeuchtigkeit bildhaft dar. Sie wurde von einem Hygrometer gemessen. War die Luft trocken, schob ein ans Messgerät angeschlossener Mechanismus die Frau vor die Tür, bei Feuchtigkeit den Mann. Die beiden Figürchen waren auf einem gemeinsamen Achselement montiert, so dass der Rückzug des einen, das Vortreten des anderen bedeutete. Das abzufilmen und zu senden, reichte völlig als Wetterbericht und bildete zudem ganz korrekt die gesellschaftliche Vorstellung ab: Frau gleich eitler Sonnenschein, Mann gleich Sauwetter, korrekt gegendert: Eberwetter. Und das Beste war: Weder Männchen noch Fräuchen konnten übers Wetter plaudern.

Windows meldete heute Morgen über Stunden „Regen kommt auf!“ Immer wenn mir das Ikon mit dem blauen Regenschirm und dem roten Warnpunkt in den Blick geriet und ich las „Regen kommt auf“ schickte ich meinen Blick aus dem echten Fenster und es regnete – nicht, und schaute ich hinunter auf die Straße, standen da keine Frauen zagend in Hauseingängen, unsicher, ob sie wieder ins Haus gehen sollten oder hurtig auf die Straße in aufkommenden Regen.

Aber vielleicht gibt es ein Universum, in der Windows-Meldungen mit der beobachtbaren Welt übereinstimmen. Mein Universum ist es nicht. Wenn die unmittelbare Wahrnehmung derart abweicht von der medial vermittelten, ja, dann vertraue man im Zweifel dem Medium. Denn da steht’s geschrieben. Derzeit sehe ich draußen blauen Himmel, aber Windows meldet „Regen setzt ein“. Ich gehe dann mal vor die Tür.

Deppen der Surrogate

In der vollen Stadtbahn hat fast jeder Dritte den Nacken gebeugt und wischt oder tippt auf seinem Smartphone. Ich bin sicher, dass mit der Wischbarkeit von Informationen auch eine Entwertung der Inhalte einhergeht. Digitale Schrift- und Bildinhalte werden zwar auf Bildschirmen sichtbar, sind aber ortlose, nirgendwo festgeschriebene Simulationen. Wo sie aufscheinen, können sie weg -gescrollt oder -gewischt werden, sogar spurlos getilgt oder verändert werden. Entwertet wird ein Text-, Ton- oder Bildinhalt auch, indem er so leicht aufgerufen, also herbeizitiert werden kann. „Alexa! Spiel: Conny Froboess, Pack die Badehose ein!“ Den Aufruf erlebte ich jüngst bei Freunden. Der Algorithmus namens Alexa tat wie ihm geheißen, hatte also, um das zu können, die ganze Zeit unser Gespräch belauscht. Eine der Stimme nach blutjunge Cornelia Froboess musste darauf von der Badehose singen. „Alexa, aus!“, brachte sie zum Schweigen. Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als ich Musik über das Radioprogramm hörte. Wie freute ich mich über lange vergessene und nicht gehörte Musik. Niemals hätte ich sie überdrüssig ausgeknipst, abgesehen vom Badehosenlied vielleicht.

Jüngst berichtet eine Freundin, bei einem aufwändigen Frühstücksbuffet habe es unter anderem gefüllte Avocados gegeben. Eine Weile später wurden ihr auf dem Smartphone Rezepte für gefüllt Avocados angezeigt. Derlei Informationen, die nicht einmal herbeizitiert wurden, sind noch stärker dem Entwertungsprozess unterworfen. Sie sind wie lästige Fremde, die sich in ein Gespräch einmischen und ungefragt Auskunft geben.

Der Konsum ortloser Informationen entwertet auch die Anwesenheit an Orten. Ein Tagestourist in Steinhude war letzten Sonntag nicht am Steinhuder Meer, sondern erzählte amüsiert vom „einzigen offenen Bäcker auf Zypern“, womit wohl kein aufgeschnittener Bäcker, sondern eine geöffnete Bäckerei gemeint war. Ich hörte nur den Satzfetzen. Er musste der Höhepunkt eines launigen Erlebnisberichts gewesen sein. Er und seine Gesellschaft hatte dem Steinhuder Meer bereits den Rücken gekehrt, was angesichts der stürmischen Kälte verständlich war, auch dass er sich lieber an eine Episode auf einer wärmeren Insel erinnerte. Sich bei Kälte warme Gedanken zu machen, ist ein oft empfohlenes Verfahren. Trotzdem habe ich dem Mann das hier schon beschriebene „Touristische Gemüt“ unterstellt.

Zurück in der Stadtbahn. Manche der Smartphone-Nutzer sind aus-, andere eingestiegen. Sofort verneigen sich einige der neuen Fahrgäste wieder vor ihrem Smartphone. Sie entwerten den Ort ihrer Anwesenheit und richten ihre Aufmerksamkeit auf entwertete Informationen. In einer fatalen Wechselwirkung entwerten sie auch sich. Wir sehen Deppen der Surrogate.

Mit dem Einkaufswagen durch ein verschwundenes Kaufhaus – nichts für Fußlahme

Für mich als Kind war der Wald der Inbegriff des Beständigen. Dass auch der Wald sich durch Bewirtschaftung verändert, erschloss sich mir erst, nachdem ich größere Zeitspannen überblicken konnte. Inzwischen weiß ich, dass nichts in der Welt von Dauer ist. Alleweil ändert sich was. Auch was uns heute selbstverständlich erscheint, verändert sich über Nacht oder verschwindet. Im vergangenen Sommer war ich wegen des Spiralbruchs meines Unterschenkels nach Krankenhaus, Kurzzeitpflege und Reha mehr als drei Monate nicht zu Hause. In der Zwischenzeit sind drei mir vertraute Obernachbarinnen weggezogen und das Real-Kaufhaus in meiner Nachbarschaft hat geschlossen.

Real war mir immer unsympathisch, aber für mich bequem zu erreichen. Er lag nämlich nur vier Gehminuten entfernt. Daher habe ich dort gelegentlich eingekauft. Den Monitor, auf den ich gerade schaue, habe ich dort an einem Samstag gekauft, nachdem der alte am Morgen kaputt gegangen war. Während des Lockdowns war Real die Rettung, denn der Markt bot nicht nur Lebensmittel, sondern auf der ersten Etage fast alles für den täglichen Bedarf. Mein im Unmut gekauftes Kochmesser stammt da her.

Inzwischen ist der Gebäudekomplex eine soziale Brache. Nicht nur die Verkaufshalle ist leer, sondern auch alle Geschäfte im Vorkassenbereich sind geräumt. Der gläserne Eingangsbereich wirkt verwahrlost. Auf jeder Hälfte der Automatikschiebetür ist noch das hübsche lebensgroße Paar zu sehen, das sich mit gespitztem Mund einander zuneigt, um sich bei jedem Öffnen der Türen zu trennen und beim Schließen einen Kuss zu geben. Das muss eine Bützerei gewesen sein, den lieben Tag lang. Denn der Markt war stets gut besucht. Nie wurden sie einander müde und jetzt sind sie bis zum Gebäudeabriss im Kuss vereint.
Weiterlesen

Soll man herrenlose Koffer gendern?

Durch 61 Tunnel rast der ICE auf der Bahnstrecke Hannover – Würzburg, unter anderem durch den Landrückentunnel, dem mit fast 11 Kilometern längsten Tunnel Deutschlands. Der Reisende kann dem Fahrgastbildschirm eine Geschwindigkeit von 240 Stundenkilometern entnehmen. Wenn der ICE aus den Tunnelröhren hinausschießt, eröffnet sich der Blick in hübsche Täler mit putzigen Dörfern, und ich wundere mich, dass da auch Leben ist, so abseits der Hochgeschwindigkeitstrasse. Gefahr kündigt sich an. Zuerst wird durchgesagt, aus Gründen der Sicherheit möchten die Reisenden ihr Gepäck nicht im Eingangsbereich abstellen. Fünf Minuten später heißt es:

    „Der Besitzer des schwarzen Koffers im Eingangsbereich von Wagen 22 möchte sich dringend zu seinem Gepäckstück begeben!“

Und wenn es eine Besitzerin ist? Dann fühlt sie sich vielleicht nicht angesprochen. Findet: „Ich verlange eine gendergerechte Ansprache. Sonst könnt ihr Deppen lange warten, dass ich mich zu meinem Koffer bekenne.“ Da bleibt dem Zugchef keine Wahl. Man hat schließlich Vorschriften. Er benachrichtigt die Polizei, wieder nicht korrekt gendernd:

    „Im Eingangsbereich des Wagens 22 steht ein herrenloser schwarzer Koffer.“

Bitte! Das klingt bedrohlicher als „damenloser schwarzer Koffer.“ Noch. Wenn spätere Generationen „damenloser schwarzer Koffer“ hören, werden sie sich in Erwartung einer Detonation zu Boden werfen und die Finger in die Ohren stecken. Moment. Werden Sprengstoffattentate nicht überwiegend von Männern verübt? Und kann man sich derlei Bosheit von Damen vorstellen? Vielleicht muss ein herrenloser Koffer überhaupt nicht gegendert werden.

In Würzburg werden alle Reisenden aus Wagen 22 gebeten, sich in den Wagen 21 zu verfügen. Es dauert 40 Minuten, bis die Polizei den Koffer kontrolliert gesprengt hat. Es regnete zerfetzte Unterhosen und löchrige Socken. Spaß. Ich weiß nicht, was sie mit dem Koffer getan hat und ob nicht zumindest die Löcher schon vorher in den Socken waren. Ich sitze in Wagen 36, und obwohl mich die Neugier auf den Bahnsteig getrieben hat, bin ich zu weit weg.

Mit der Linie 200 „Zurück zum Glück“

In Kurt Schwitters: „Ursachen und Beginn der großen Revolution von Revon“ beginnt die große Revolution, indem ein spielendes Kind einen Mann sieht und ruft: „Mama, da steht ein Mann.“ Wir errreichen die nächste Haltestelle der 200 an einer stark befahrenen Kreuzung, dem Kurt-Schwitters-Platz. Was haben sich Hannovers Stadtmütter und -väter wohl dabei gedacht, Schwitters nur eine Kreuzung zu gönnen? Sie wussten, dass Revon eigentlich Hannover meint, wenn man es von hinten liest. Darum haben Hannovers Stadtmütter und -väter gedacht, auf dem Kurt-Schwitters-Platz soll sicherheitshalber kein Mann stehen können, höchstens ein Verkehrspolizist.

Wir stehen auch nicht lang herum am schnöden „Platz“ des größten Künstlers, den Hannover bislang hervorgebracht hat, sondern wir steigen wieder in die Linie 200 und lassen das Sprengelmuseum hinter uns. Im und am Sprengel habe ich mich schon mehrmals mit Freund Merzmensch getroffen, zuletzt in den Jahren 2015 und 2019.

Vladimir Alekseev alias Merzmensch hatte im Rahmen seiner kunstwissenschaftlichen Forschungen an Kurt-Schwitters-Symposien des Sprengel-Museums teilgenomen und wir haben die Gelegenheit zum analogen Treffen genutzt. Kurios war der Besuch des Sprengel-Museums mit HaCK-Mitglied Filipe d’accord und Freunden:

Ich hätte mehr Fliegen erwartet

Der Bus fährt jetzt am Maschpark und am eklektizistischen Rathaus vorbei. Es ist an der Rückfront eingerüstet. Vermutlich restaurieren Zuckerbäcker den Protz. Wir fahren am Glaspalast der Nord-LB vorbei zum Verkehrsknotenpunkt Aegidientorplatz. Ab hier ist mir die Streckenführung der 200 nicht vertraut. Wie es weitergeht ins vornehme Südviertel weiß ich nicht.

Natürlich! Wir fahren durch Hannovers Bankenviertel ein Stück der Georgstraße und biegen vor der Oper in die Theaterstraße. Jetzt muss grüne Strickmütze aussteigen, wenn er zum Bahnhof will. Wir unterqueren die Bahnlinie und kurz hinterm Tunnel sind im vornehmen Südviertel. Irgendwo hier muss Altkanzler Schröder gewohnt haben. Unweit der Haltestelle Neues Haus liegt das Café „Zurück zum Glück.“ Hier trifft sich, wenn es die Corona-Maßnahmen erlauben, unter der Leitung eines Literaturwissenschaftlers alle 14 Tage die Schreibgruppe, deren Mitglied ich seit einigen Jahren bin. Derzeit finden die Treffen aber wieder online statt. Im „Glück“ wurde Schröder schon gesehen, nicht von mir – und der Pianist Igor Levit, denn nebenan liegt die Musikhochschule, wo er eine Professur hat. Ich habe ihn gesehen, aber nicht erkannt. Erst als die anderen ehrfürchtig über ihn redeten, wusste ich, wen ich ignoriert hatte, eine meiner leichtesten Übungen.

Wird fortgesetzt (letzte Etappe, in der es um junge Menschen geht)

Mal gucken, ob die Stadt noch steht – 2. Etappe

Im gestrigen Beitrag war von einer Ladesäule und einem Stromabnehmer die Rede. Aus einem Informationsblatt der ÜSTRA weiß ich inzwischen, dass es „Lademast“ und „Panthograph“ heißen muss. Der neue Bus hat etwas Steriles. Vertraut von außen ist das Farbkonzept, Lindgrün mit Grau. Dieses Lindgründ findet sich als verstreutes Akzent auch im Inneren. Die Sitze sind sparsam gepolstert, aber haben einen anthrazitfarbenen Plastikbezug. Gut zu reinigen, aber nicht besonders einladend. Mit mir ist eine junge Frau eingestiegen. Bis zum Siloah-Krankenhaus bleiben wir die einzigen Fahrgäste. Den Namen Siloah trug das Krankenhaus seit seiner Gründung im 19. Jahrhundert.

Das Wort „Siloah“ stammt aus dem Hebräischen und bedeutet „ausgesendet“. In der Nazizeit hieß die Klinik Krankenhaus Ricklingen. Im Jahr 2012 wurde ich erstmals zum Cyborg, als mir in der Klinik nach einem Herzinfarkt ein Stent ins Herz gepflanzt wurde. Damals war das Siloah im Umbau. Inzwischen sind im westlichen Klinikgelände eine Reihe von Neubauten fertiggestellt, und der Haupteingang wurde nach hier verlegt. Am Siloah steigen zwei Leute zu, ein Mann und eine Frau. Der Mann trägt eine Strickmütze in Lindgrün, so dass ich ihn für einen ÜSTRA-Mitarbeiter halte. Er scheint aber von außerhalb zu sein, denn er erkundigt sich später, wo er aussteigen müsse, um zum Bahnhof zu kommen. Wir fahren über die Stadionbrücke und überqueren die Ihme. Sie hat Hochwasser und leckt breit und behäbig über die Uferwiesen.

Um Hannovers Altstadt vor Hochwasser zu schützen, wird das Wasser der Leine auf Höhe des Maschsees über den Schnellen Graben in die Ihme geleitet, die vorher nichts als ein friedlich dahin murmelndes Bächlein ist. Als würde ein Säugling sich schlagartig verwandeln in einen Koloss von einem Mann, weitet sich das Bächlein unvermittelt zu einer schiffbaren Bundeswasserstraße.

Die Stürme der vergangenen Tage müssen am Oberlauf viel Regen gebracht haben. In Hannover hat es wie immer nur mäßig geregnet. Deshalb staune ich über soviel Wasser. Beim Schnellen Graben gibt es im Sommer einen Bootsverleih für Kanutouren über Leine und Ihme. Im Jahr 2017 haben mir Freunde eine solche Kanutour zum Geburtstag geschenkt. (Teestübchen berichtete)

Der Bus biegt vorher ab und nimmt schmale Wege, die hinter der HDI-Arena vorbeiführen, wo es Eingänge für Fans und eine Zufahrt für Mannschaftsbusse gibt. Im Jahr 2002 vermietete der Fußballclub Hannover 96 die Namensrechte für das ursprüngliche Niedersachsenstadion an Carsten Maschmeyers Finanzdienstleister AWD. Später gingen die Namensrechte an die Versicherungsgruppe HDI. Ab dem 1. Juli 2022 wird das Stadion den Sponsorennamen Heinz von Heiden-Arena bekommen. Das Isernhagener Unternehmen „Heinz von Heiden Massivhäuser“ hat für fünf Jahre die Namensrechte erworben. Für kurze Zeit fährt der Bus parallel zur Leine, die auch hier viel Wasser führt. Es ist trüb und hat offenbar wieder eine Menge Humus von überfluteten Feldern weggeschwemmt. Wir passieren die Robert-Enke-Straße, benannt nach dem populären 96-Torwart, der sich im November 2009 an einem Bahnübergang das Leben nahm. Die Straße heißt passender Weise vor der Einmündung in die Straße Arthur-Menge-Ufer auch Seufzerallee. Seufzend steigen wir aus und bummeln an der Maschseepromenade entlang zum Kurt-Schwitters-Platz.

Wird fortgesetzt