Alles Bio – Über Töne vom Erzeuger

Gelegentlich esse ich in einem Biosupermarkt zu Mittag. Das an der Bäckereitheke angebotene Menü ist meistens vegetarisch, preiswert, und ich sitze an einem der fünf Tische ruhiger als etwa im Marktcafé oder in der Mensa. Die Fachverkäuferin freut sich immer, mich zu sehen. Außerdem kann ich den Bio-Supermarkt fußläufig erreichen. Sonst gehöre ich nicht zu den Käufern im Biomarkt, sondern kaufe kleine Besorgungen im Supermarkt gegenüber, also nicht mehr bei Edeka, weil ich da die Verkäuferin mit den schönsten Augen nördlich der Alpen vermisse.

Die typischen Kunden des Biomarkts wirken auf mich ziemlich egozentrisch und benehmen sich im Selbstverständnis, eine bessere Sorte Mensch zu sein. Man wird unter denen niemanden im popeligen Pitbullsmoking treffen, an dessen Hosennaht in Riesenlettern ADIDAS steht. Die männlichen Kunden bevorzugen, einen gewissen Jack Wolfskin auf dem Buckel zu tragen.

Kürzlich, ich löffelte meinen feurigen Bohneneintopf, trat einer an die Theke, der trug auf seiner arschlangen schwarzen Jacke ein seltsames Logo. Der Mensch verfügt ja über drei Körperöffnungen zum Hervorbringen von Tönen, Nase, Mund und das Schallloch hinten unten. Just über dem Gesäß hatte die Jacke drei geschwungene Linien, mit denen gemeinhin Schall gekennzeichnet wird.

Ich weiß nicht, was der Designer der Jacke sich dabei gedacht hat. Ist das Symbol als Warnung zu verstehen? VORSICHT ARSCH TÖNT! Zeigen die drei Bögen Pupser an, von laut nach leise? Oder kann man mit der Jacke telefonieren, muss dazu aber das Ohr an den Hintern ihres Trägers halten? Dann sollte man sich besonders vor den leisen Tönen in Acht nehmen. Ich hörte zur Sicherheit auf zu essen, denn er stand höchstens drei Schritte vor mir und kaufte irgendein schwer verdauliches Brot, quasi neues Betriebsmittel für seinen speziellen Lautsprecher. Indem ich das Logo in mein Moleskinbuch zeichnete, fragte ich mich, welcher Clown ihn wohl geritten hatte, sich diese Jacke zu kaufen. Wer findet das gut? Analfixierte? Wikipedia belehrt: „Der ‚anale Charakter’ ist penibel, ordnungsliebend, zwanghaft, sparsam, starrsinnig usw.“ Dieses „usw.“ bedeutet vielleicht im speziellen Fall: “manischer Kunstfurzer” Zum Glück alles Bio.

Werbeanzeigen

Reich durch Handtaschen und trotzdem nackt

Die Georgstraße in Hannovers Innenstadt ist eine belebte Einkaufsstraße zwischen Aegidientorplatz und dem Steintor. Sie ist sehr breit, hat, wo sie Fußgängerzone ist, in der Mitte noch Platz für eine als Allee angelegte Fahrradstraße. Von etwa ihrer Mitte, dem Kröpcke, bis zum Steintor verändert die Georgstraße ihren Charakter. Das liegt an den Läden. Gegen Ende der Georgstraße verkauft man mehr Ramschware. Zum anderen Ende streift die Georgstraße die Oper und das Bankenviertel mit teuren Geschäften. Entsprechend sortiert sich das Publikum.

Es ist ungefähr fünf Uhr, da sitze ich eine Weile auf einer der weißen Bänke, die entlang der breiten Fahrradstraße aufgestellt sind. Um diese Zeit dürfen hier keine Radfahrer fahren, hätten aber auch keinen Platz zwischen den vielen Menschen. Hinter mir ist das Gebäude von Karstadt. Es hat eine Arkade, und darunter sind große Grabbeltische aufgestellt, übervoll mit Taschen und Geldbörsen. Eine Vertreterin rennt dazwischen auf und ab wie eine aufgescheuchte Ballerina und redet reißerisch in ihr Mikrophon:

    „Preise wie zu DM-Zeiten, meine Damen! Sie zahlen nur die Hälfte des angegebenen Preises. Und jetzt geht’s los. In den nächsten 20 Minuten bekommen Sie an der Kasse noch mal 20 Prozent von dieser Hälfte! Wenn die Tasche 60 Euro kostet, zahlen Sie die Hälfte, also 30 Euro. Und davon gehen an der Kasse noch einmal 20 Prozent ab! Sie zahlen nur 24 Euro!“

Das klingt besser als 60 Prozent Preisnachlass, ist werbewirksamer und anschaulicher. Man bekommt nicht einen Preisnachlass auf die Tasche, sondern zwei. Da will ich mir glatt eine schöne große Damenhandtasche kaufen, wenn mir quasi noch 36 Euro obendrauf geschenkt werden. Ich weiß aber nicht, wie viel Zeit schon vorbei ist von den 20 Minuten. Am Ende komme ich mit meiner aus den Tiefen der Grabbeltische erbeuteten Damenhandtasche zur Kasse, und da guckt die Kassiererin ostentativ auf ihre Uhr und sagt: Eine Minute drüber, die 20 Prozent auf die Hälfte können wir Ihnen leider nicht schenken.“ Das, stelle ich bald fest, ist eine überflüssige Befürchtung, denn die Frau mit dem Mikrophon kommt alle 10 Minuten und ruft 20 Minuten aus. Die Preisnachlassminuten gehen also von morgens bis abends, ja, sind sogar eine Verdoppelung der Zeit. Und du sagst doch immer: „Zeit ist Geld!“

Ich wurde also reich, als ich mit dem Rücken zum Karstadt-Gebäude saß. Habe nichts ausgeben, und dann hat mir die Vertreterin noch 40 Minuten geschenkt, davon die Hälfte und noch mal 20 Prozent Abzug. Weil dadurch aber mein Zeitkontinuum ein wenig durcheinander geriet, bin ich jetzt vom Thema abgekommen …

Fotomontage: JvdL

Ach so: In der Minute gingen Hunderte an mir vorbei oder querten die Straße von einem Geschäft ins andere. Es ist unfassbar, welche Spielarten der Natur es unter Menschen gibt. Und alle hatten ja am Morgen ihre Kleidungsstücke aus dem Schrank genommen und sich damit bedeckt. Es gibt Moden, aber auch Vielfalt. Für einen Augenblick erinnerte ich mich an die schrecklichen Brände in Textilfabriken von Bangladesh und hatte die Vision, alle Kleidungsstücke, die in Ostasien gefertigt wurden, würden brennen und dann ganz verschwinden. Dann wären die Tausende, die ich in den 40 Minuten sah, allesamt nackt gewesen. Und die Taschen wären natürlich auch weg. Bekleidet hingegen wäre man vielleicht noch auf dem Teilstück der Georgstraße, jenseits vom Kröpcke, wo die feineren Geschäfte locken. Zumindest hätte der eine oder andere noch ein Trigema-Hemdchen an.

Der letzte Tag im Juli

In der Nacht drei, vier, fünf unwirkliche Donnerschläge, als wäre die himmlische Pauke zu straff gespannt. Ein Aufblitzen am Himmel. Ich liege wach und vermisse den passenden Donner. Beim Gewitter nur Coitus Interruptus. Die Bäume stehen still wie vorwurfsvoll und vermissen den erlösenden Regen. Ganz sicher fällt nicht ein Tropfen, denke ich vor dem Einschlafen, erwache mit dem gleichen Gedanken und bin überrascht, dass mindestens fünf Tropfen niedergegangen sind und die Welt ein wenig befeuchtet haben. Beim Bäcker muss ich einen Euro, drei Cent bezahlen. Ich gebe 73 Cent, weil ich mal wieder eine Zwanzigcentmünze mit der 50-er verwechselt habe. Die Bäckereifachverkäuferin nimmt es mir nicht übel. Vermutlich sieht sie mir den Schussel schon seit längerem an. Aber schuld sind die gewiss fürstlich entlohnten Geistesriesen, die es nicht hingekriegt haben, den Eurocentmünzen ein unverwechselbares Aussehen zu geben. Man gibt sich halt nicht gern mit Kleingeld ab.

Freundin Anna schenkte mir einst einen Stoffbeutel für die Brötchen. Ich nehme ihn allmorgendlich mit, vergesse ihn aber oft, in der Bäckerei vorzulegen. Nicht so heute morgen. Da legte ich ihn stumm auf die Theke, und die Bäckereifrau stopfte ungefragt zwei Brötchen hinein. „Ich brauche gar nichts mehr zu sagen“, sagte ich.
„Nein, es ist prima für den Fall, dass Sie mal heiser werden und die Stimme verlieren.“
Ich muss an meinen dramatischen Stimmverlust vor nun mehr sechs Jahren denken.

Am frühen Nachmittag nehme ich den Fußweg durch den Grünstreifen entlang der Rampenstraße. Zu meinen Füßen raschelt vertrocknetes Laub der Kastanien wie im Herbst.
„Darf ich Sie mal etwas Persönliches fragen“, fragt ein junger Mann. Er ist vermutlich türkischstämmig und ein durchweg schöner Mensch.
„Ja.“
„Glauben Sie an Gott?“
„Nein, ich glaube an gar nichts.“
„Siehst du“, sagte er zum anderen hingewandt, der auf einem Mäuerchen sitzt.
„Dann glauben Sie an sich. An irgendwas glaubt jeder Mensch.“
Ich bin unschlüssig. Nach Herzinfarkt und Schlaganfall hatte ich mir eine Weile nicht mehr vertraut. Aber heute, ja, ich glaube wieder an mich, obwohl es etwas anderes ist als transzendenter Glaube an einen imaginären Gott.“
„Sie sind ja … nicht mehr jung…“
„Ja, ich bin schon alt.“
„Machen Sie sich keine Gedanken über den Tod?“
„Nicht über das danach. Ich glaube, dass danach gar nichts mehr kommt.“
„Da irren Sie sich. Glauben Sie auch nicht an die Hölle, an den Teufel?“
„Nein.“
„Das ist seine stärkste Waffe.“
Ich könnte ihm jetzt sagen, dass das ein Zirkelschluss ist, aber lasse es lieber, weil ich fürchte, dass er das nicht versteht. Mein Vorurteil gegen schöne junge Männer, wie es mir die Schülerin Isabel in den Kopf gesetzt hat. Ich verabschiede mich und gehe einkaufen. Unterwegs denke ich, dass der Iman, der ihm eingeredet hat, des Teufels stärkste Waffe sei der Unglaube, doch wissen müsste, dass Gläubige durch derlei Scheinbeweise buchstäblich in einen Teufelskreis geraten. Wenn er es trotzdem predigt – das finde ich mindestens unethisch.

Tschelick tschelick – Plüschtierchen am Rucksack

Manche Wetten sind einfach zu gewinnen. Wenn eine untersetzte Frau mittleren bis gesetzten Alters in beiger Wetterjacke und mit Rucksack auf dich zukommt, kannst du darauf wetten, dass am Rücksack ein Bärchen oder anderes Plüschtierchen befestigt ist. Es baumelt seitlich an der Klappe und hat da die besondere Funktion, keine zu haben außer der Tatsache, dass es baumelt. Vielleicht ist das seitlich am Rucksack baumelnde Plüschtierchen aber auch ein geheimes Zeichen. Vielleicht bedeutet es: Die Trägerin dieses Zeichens ist Mitglied des deutschlandweiten Vereins der Harmlosen und Unbedarften. Wir tun nix. Wir wollen nur wandern.

Die Frau, die in Hannovers Georgengarten an mir vorbei geht, hat auch so ein Plüschtier am Rucksack. Sie tut wohl etwas. Bei den großen Blumenrabatten gegenüber dem Wilhelm-Busch-Museum bleibt sie stehen, holt eine kleine Digitalkamera hervor und fotografiert die eine oder andere Blume. Das geht scheinbar mühelos.

Wie sie weg ist, wird mir bald zu langweilig da auf meiner Parkbank, und weil die Blumenrabatte mir gegenüber so prächtig ist, beschließe ich, ebenfalls die Kamera hervorzuholen und Blumen zu knipsen. Ich habe das vorher noch nie gemacht, bin vermutlich einer der letzten, der je Blumen geknipst hat. Oder frei nach Karl Valentin: „Es ist schon alles geknipst, nur nicht von allen.“ Jetzt wohl.

Endlich auch ein Blumenknipsbild von mir

Die meisten Leute fotografieren nicht, sie knipsen. Wer auf das Motiv zielt und einfach nur den Auslöser drückt, alles andere aber der Kameratechnik überlässt, der knipst. Vermutlich ist „knipsen“ onomatopoetisch, es ahmt den Laut nach. Es ist der Laut alter Kameramechanik. Digitalkameras oder Smartphones ahmen den Laut der Spiegelreflexkamera nach, nämlich den des Objektivverschlusses. Man hört tschelick. Digitalkameras können tschlicken, obwohl sie gar keinen Objektivverschluss haben. Das vermittelt die Illusion, nicht zu knipsen, sondern zu fotografieren.

Zwei befreundete Fotografen, die ich kannte, wetteiferten darum, wer bei einem Motiv die richtige Blende und Verschlusszeit nennen konnte, ohne den Belichtungsmesser einzusetzen. Natürlich lagen sie meistens überein mit ihrer Einschätzung. Das machte die Berufserfahrung. Solche Spezialistenerfahrung steckt in moderner Kameratechnik.

Solange die Kameratechnik einfach ist, hängt die Qualität einer Fotografie vom Können des Fotografen ab. Einige Menschen machen bessere Fotos als andere, und indem sie mit der zur Verfügung stehenden Technik zu Höchstleistungen finden, professionalisieren sie ihr Tun. Langfristig münden die Erfahrungen aus professionellem Fotografieren in Ansprüche an eine verbesserte Apparatur. Sobald Techniker den Apparat wunschgemäß verbessert haben, enthebt es die Nutzer bestimmter Qualifikationen. Die Qualifikationen sind jetzt Bestandteile des Apparates und steht allen Fotografen zur Verfügung, auch jenen, die vorher über die Kenntnisse, Erfahrung und Fertigkeiten nicht verfügt haben.

Wir kennen das von der Schrift. Früher hat man sie selbst schreiben müssen, und in besonderen Fällen hat man besonders schöne Buchstaben schreiben müssen. Das musste man können. Dieser Text hier vermittelt sich über Druckbuchstaben. Ein Schriftdesigner hat jeden einzelnen Buchstaben entworfen und darauf geachtet, dass die Schrifttypen sich stilistisch vertragen, hübsch aussehen und klar lesbar sind. Ich kann die Tasten drücken wie ich will, schludrig, lässig, konzentriert, verbissen, locker und ungenau, das Ergebnis ist immer gleichförmig.

Anders gesagt: Um hier Bild und Text in technisch einwandfreier Qualität zu veröffentlichen, muss ich nicht viel können. Es wäre sogar eher hinderlich gewesen, wenn ich Kenntnisse hätte einbringen wollen, denn ich hätte nicht gewusst wie und lange nach Möglichkeiten suchen müssen. Zumindest was die visuelle Kommunikation betrifft, verhalten wir uns alle wie Hochstapler. Um etwas darstellen zu können, brauchen wir ein Heer unsichtbarer Helfer. Hochqualifizierte Dienstboten erlauben uns den Luxus des semiprofessionellen Publizierens. Die hochqualifizierten Dienstboten begleiten uns durch den gesamten Alltag. Wir Nutzer können getrost immer mehr vertrotteln, ohne dass es auffällt. Mental haben wir alle ein Plüschtierchen am Rucksack.

Teestübchen-Technikmuseum: Automaten und Diener

Vor beinah 27 Jahren, am 25. November 1992, stellte die Süddeutsche Zeitung diesen Fahrkartenautomaten vor, der zu Testzwecken am Münchner Hauptbahnhof aufgestellt worden war. (Zum Vergrößern bitte klicken!) Ich notierte mir damals:

„Endlich! Wenn sie jetzt noch einen Automaten aufstellen, der für mich eine Fahrkarte zieht und dann nach Castrop-Rauxel fährt, wo ich sowieso nicht hinwill …“

Aus heutiger Sicht ungewollt komisch wirkt im Begleittext der Satz: „Der Fachmann nennt diese Technik Touch-Screen.“ Wie der zickige Automat zu bedienen war, musste der Fahrgast halt lernen. Damit wurde ein wesentlicher Sachverhalt umgedreht. Vorher bediente ein Schalterbeamter den Fahrgast, jetzt muss der Fahrgast einen Automaten bedienen. Mit der deutschlandweiten Einführung der Automaten wurde der klassische Schalterbeamte abgeschafft. Es entstand ein ulkiger neuer Beruf, der Automatenguide. Automatenguides sind bis heute gefragt, besonders wenn man als Fahrgast in Eile ist. Auf diese Weise kehrt der Mensch in die schöne neue Automatenwelt zurück, wenngleich nur als Dienstbote eines digitalen Herrn.

Nahezu wunderbar finde ich den mit Edding gezeichneten Automatenguide auf diesem Parkscheinautomaten, den ich in Aachen fotografierte (Zum Vergrößern bitte klicken!) Mir gefällt besonders, dass er so hübsch die Klappe aufreißt. Die Buchstaben in der Sprechblase sind vermutlich linksläufig zu lesen. Das große C am Wortende und das gespiegelte a deuten darauf hin. Linkshänder schreiben gern von rechts nach links, denn es ist die ihnen gemäße Schreibrichtung. Bei der üblichen rechtsläufigen Schreibweise verdeckt die Schreibhand stets die vorangegangenen Buchstaben, weshalb Linkshänder gern den Stift von oben ansetzen. In der Sprechblase steht „Cabot.“ Im ripuarischen Dialekt, zu dem Kölsch und Öcher Platt gehören, bedeutet „kapott“ soviel wie defekt, kaputt. Da es für eine Mundart keine allgemein bekannte Orthographie gibt, könnte man die Schreibweise „Cabot“ gelten lassen, da sie schön vollmundig klingt. Automat spuckt keinen Parkschein aus? Danke für den Tipp! Oder wird hier ein Automat aus Protest mit dem Edding zurückgestuft.

Automat, komm sprich mit mir!

Manchmal sind Wörter besonders faszinierend, bei denen man sich verlesen hat. Lang ist’s her, da hatte ich einen Kollegen mit Sprachfehler. Er war Buchdrucker und bediente die große Rotationsmaschine. Einmal glaubte er, im satirischen Magazin Pardon das Wort „Karwenmänner“ gelesen zu haben, kam in die Setzerei, mit dem Finger auf der aufgeschlagenen Zeitschrift, um sich mit mir über die „Ka-ka-kar-wenmänner“ zu amüsieren. Da stand aber nicht das seltsame „Karwenmänner“, sondern „Kaventsmänner“, was übertragen viel Großes und Dickes meinte. Eigentlich ist Kaventsmann der seemännische Ausdruck für eine Riesenwelle, so hoch und schwer, dass sie ein Schiff überrollen und zum Kentern bringen kann.

Zu dieser Zeit lag meine damalige Liebste im Krankenhaus. Früher gab es in Krankenhäusern strenge Besuchszeiten. Damit ich sie täglich besuchen konnte, erlaubte mir mein Chef einen Teil der Arbeitstunden auf den späten Abend zu verlegen. Ich hatte eigentlich nie viel zu tun. Was an Arbeit anfiel, war am Vormittag zu schaffen. So stand ich abends in einer verlassenen Druckerei einsam zwischen den Setzkastenregalen und langweilte mich. Keine Maschine lief, kein Kollege kam vorbei, um mit mir über Karwenmänner zu lachen, und in dieser lähmenden Stille war nur das eintönige Brummen der Neonlampen über mir. Die Zeit wollte und wollte nicht vorbeigehen. Neben dem Eingang zum Druckereisaal stand ein klobiges schwarzes Telefon. So eines mit Wählscheibe. Man musste eine Eins vorwählen, um eine Leitung nach draußen zu bekommen.

Weil ich keine Uhr hatte, rief ich die Zeitansage an, wählte die Eins, wartete bis das Freizeichen kam und wählte dann 119, um an der Hörermuschel zu lauschen. Eine Frauenstimme sagte: „Beim nächsten Ton ist es 20 Uhr, 19 Minuten und 50 Sekunden.“ Aufgelegt, ein paar Schritte gegangen, wieder 119 gewählt: „Beim nächsten Ton ist es 20 Uhr 21 Minuten und 0 Sekunden. PIEP. Beim nächsten Ton ist es 20 Uhr 21 Minuten und 10 Sekunden.“ Die Zeit verging, wie mir schien, dadurch noch langsamer. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn die Dame angefangen hätte, rückwärts zu zählen, mindestens aber nicht über die Minute hinausgehen würde. Natürlich wusste ich, dass da am anderen Ende nicht das Fräulein vom Amt die Uhr ablas. Aber die mechanisierte Stimme bot mir in dieser großen, menschenleeren Druckerei zumindest die Gewähr, nicht von Gott und aller Welt verlassen zu sein. So einfach bin ich gestrickt, dass mir diese kaum verborgene Illusion zum Trost reichen konnte.
Zeitansage anhören

Bei Lidl haben sie seit geraumer Zeit schon automatisierte Ansagen. Eine professionelle, wohl modulierte Frauenstimme sagt:

    „Sehr geehrte Kunden! Wir öffnen Kasse drei für Sie!
    Bitte legen Sie Ihre Ware auf das Kassenband!

    „Sehr geehrte Kunden! Wir schließen Kasse eins!“

„…für Sie!“, ergänze ich bei mir, weils hier geflissentlich weggelassen wurde. Die sehr geehrten Kunden könnten sich sonst veralbert vorkommen. Was man nicht automatisiert hat, ist: „Dankeschön für Ihren Einkauf!“ Es kommt noch immer papageienartig aus Kassierer- oder Kassiererinnenmund. Obwohl, es wäre zu überdenken. Manche vernuscheln die obligatorische Abschiedsformel auch und man versteht nur „Ka-ka-karwenmänner“. Da wäre so eine professionelle, wohl modulierte Frauenstimme vielleicht wirkungsvoller. Allerdings müsste das Personal dann in Playback geschult werden. Und man bräuchte auch eine Männerstimme, denn es wäre strange, wenn der Deutschrusse an Kasse vier plötzlich mit einer wohl modulierten Frauenstimmer reden würde. Es wäre aber auch befremdlich, wenn er den Mund zur Playbackansage bewegen würde, aber die Ansage gar nicht käme, weil der verantwortliche Computer sich aufgehängt hat, bzw. sein Programmierer.

Drei kuriose Alltagsmythen

Genau eine Woche, nachdem ich zu Rauchen aufgehört hatte, erfuhr ich, wie ich mich quasi mühelos in den Besitz von einem Prozent der Marlboro-Aktien hätte setzen können. Dazu muss man bloß zwölf kleine Rauchringe durch einen großen Rauchring blasen. Mein Gewährsmann lieferte sogar die Anleitung für die Rauchringe mit.
So geht’s: Den großen Ring muss man mit gerundetem Mund hinten aus dem Hals heraus hauchen, für die kleinen Ringe schließe man die Lippen zu einem Rund und klopfe rasch mit den Fingerkuppen auf eine Wange.

Wie das Kunststück zu dokumentieren wäre, wusste mein Gewähsmann nicht genau. Ich vermute, man sucht am besten einen Notar auf, zündet sich eine an und bläst unter seinen staunenden Augen zwölf kleine Rauchringe durch einen großen. Mir Nichtraucher war dieser Weg, zu sehr viel Geld zu kommen, leider versperrt. Doch falls es jemand versuchen wollte, nur zu. Die Anleitung ist gemeinfrei.

In meiner Kindheit sammelten wir Laschen aus weggeworfenen Zigarettenpackungen, und zwar jene mit einer aufgedruckten kleinen Nummer. Es kursierte das Gerücht, für einhundert dieser Laschen bekäme man von der Zigarettenfirma einen Fußball. Tatsächlich galt es in jener Zeit unter den rauchenden Erwachsenen als politisch durchaus korrekt, leere Zigarettenschachteln in die Botanik zu werfen, so dass wir Laschen genug sammeln konnten. Allerdings wusste niemand, welche Firma den Fußball ausgelobt hatte. Und nie hörte ich von einem Glücklichen, der den Fußball wirklich bekommen hätte.

Der Autor Hans Reimann berichtet in einem Buch von 1922, dass schon im Jahre 1914 ein gewisser Adolf Alfred Neumann an den Hannoveraner Verleger Paul Steegemann fünfhundert Streichholz-Etiketten geschickt hatte und dafür einen Fußball haben wollte. Wenn diese Kinderträume auch nicht in Erfüllung gegangen sind, so kann sich der zukünftige Besitzer von einem Prozent der Marlboro-Aktien natürlich einen langen Güterzug voller Fußbälle leisten.