Immerhin behalten wir die Zacken

Es ist noch dunkel, als wir zur Rückreise aufbrechen. Am Abend und die ganze Nacht über hat es gestürmt. Beim Abendbummel war der Wind über meine Stirn unter die Strickmütze gefahren und hatte sie abgestreift, auch jetzt, als wir mit Koffern an der Bushaltestelle stehen, bläst er noch heftig durch die Straße. Eine Frau im Mantel quert sie, um die Stufen zur matt beleuchteten Bäckerei hinauf zu steigen. „Gute Heimfahrt!“, ruft sie uns zu. An den letzten Tagen habe ich immer wieder Rückreisende mit Koffern an den Haltestellen gesehen und ein leises Gefühl des Triumphs verspürt, es ihnen noch nicht gleich tun zu müssen, habe aber nichts gesagt. Die Frau hat das Gefühl beispielhaft sublimiert.

Der Bus erscheint pünktlich, dreht auf dem Weg zum Hafen seine Runde durch den Ort und sammelt wie ein Lumpensammler Heimreisende mit Gepäck ein. In der Abfahrtshalle der Fähre versperrt eine Reihe von Drehkreuzen den Weg. Sie geben ihn frei, wenn man die Rückfahrkarte unter einen Scanner hält und auch nur dem, der die Kurtaxe auf den Fahrschein gebucht hat. Es soll sich keiner drum drücken, findet die Kurverwaltung. In der Halle ein Drehständer mit kostenlosen Ansichtskarten. „Wieder nicht daran gedacht, Ansichtskarten zu schreiben?“, steht dran. Gute Marketing-Idee der Kurverwaltung. Wir decken uns mit den verschiedenen Motiven ein. Es ist hübsch, auf der im Seegang sanft schaukelnden Fähre, Ansichtskarten zu schreiben. Zum neuen Jahr ist das Porto erhöht worden. Das zwingt zur Doppelfrankierung mit Postkartenmarken oder mit denen für Briefe.

Die neuen Marken haben seitlich einen QR-Code. Er macht das Tracking von Briefsendungen möglich. Der Kunde kann den Code scannen und den Weg der Post verfolgen. Ob eine Sendung eingetroffen ist, lässt sich allerdings nicht feststellen. Dafür ist noch immer das Einschreiben erforderlich. Der Nutzen für Postkunden ist eher gering. Der Code soll die Mehrfachnutzung einer versehentlich ungestempelten Marke verhindern. Was die Post sonst noch mit den anfallenden Daten macht, gibt sie nicht bekannt. Immerhin werden die Adressaten mit den Handydaten der Absender verknüpft, wodurch auf Dauer ein gigantisches Soziogramm entsteht. So dringen QR-Codes immer mehr in unser Leben ein und killen das Private.

Der in die Öffentlichkeit gezerrte Philatelist kann allerdings mit dem Code Information über das Markenmotiv abrufen. Bemerkung am Rande über Ränder: Einst waren die Marken auf Bögen gedruckt und mit einer Lochperforation getrennt. Beim Abreißen entstanden die typischen Briefmarkenzacken. Die selbstklebenden Marken sind durch einen Steg voneinander getrennt und einzeln perforiert. So behalten sie ihre Zacken, obwohl es technisch überflüssig ist, ein Zugeständnis an alte Formgewohnheiten.

Über unsere Rückreise mit der Bahn und eine weitere Begegnung mit QR-Codes ist schon hier berichtet.

Das touristische Gemüt lebt im Nirgendwo

„Das touristische Gemüt findet sich bei denen, die viel- und weitgereist sind“, sagte Coster, der dubiose Professor für Pataphysik in der RWTH Aachen, und fuhr fort: „Bei meinem Radsportfreund Wolfgang ist es mir erstmals aufgefallen. Wir fuhren die sanften Hügel des niederländischen Mergellands hinauf und hinab. Es war Frühling, die Sonne schien, die Vögel sangen, und ich hätte mit ihnen jubilieren mögen, denn wenn der liebe Gott ein Holländer ist, dann ist das Mergelland mit seinen herausgeputzten Dörfern, Flecken und den blühenden Apfelplantagen sein liebliches Vorgärtlein. Du kennst das, Trithemius, wenn der Mensch eine schöne Erfahrung macht, möchte er sich darüber austauschen.

Leider hatte Wolfgang hatte keinen Blick für das ihn umgebende Land. Er hatte eine entfernte Ähnlichkeit mit der Toskana oder Provence, was weiß ich, festgestellt und schwärmte unentwegt von einem Urlaub in diesem Landstrich. Seine Sätze beendete er mit ‚und eh…‘, womit er anzeigte, dass er noch nicht fertig war mit Schwärmen von dem anderen Ort, und eh .. wehe mir, wenn ich ihn unterbrach. Dann war er sogleich eingeschnappt, wie man bei uns sagt, und viele Pedaltritte später beschwerte er sich: ‚Es war nicht nett, Jeremias, dass du mich eben unterbrochen hast. Was ich sagen wollte, war mir wichtig.’“
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Uhrenvergleich – Einiges über Zeit und Fernkontakte

Heute Morgen ist die Sonne in Görlitz um 7:06 Uhr aufgegangen, in Aachen jedoch erst um 7:41 Uhr, also etwas mehr als eine halbe Stunde später. Eine Sonnenuhr in Görlitz im äußersten Osten Deutschlands zeigt den Höchststand der Sonne 35 Minuten früher an als eine in Aachen, der westlichsten Stadt Deutschlands. Denn eine Sonnenuhr zeigt die Ortszeit. Das heißt, wenn die Sonne an einem bestimmten Ort im Zenit steht, wirft sie den Schatten des Stabes genau auf die Zwölf der Sonnenuhr. In alter Zeit entsprach die Mitte des Tages, der Mittag, genau dem Augenblick, wenn die Sonne im Zenit stand. Die innere Uhr der Menschen war nach dem Sonnenstand getaktet, was bedeutet, dass der Takt sich zum Beispiel bei Aachenern und Görlitzern deutlich unterschied. Aber sie merkten es nicht, denn ihre Lebenswelten waren ja nicht miteinander verbunden. Wenn je nach Sonnenstand die Dämmerung einbrach, endete der Tag. Dann begaben sich die Eulen auf die Jagd, weshalb die Dämmerung einst „Eulenflucht“ hieß. Das anschauliche Wort Eulenflucht ist leider versunken wie die Orientierung des Menschen am Sonnenstand.

Erst die Fernkommunikation bringt die Idee der Einheitszeit mit sich. Die Notwendigkeit einer Einheitszeit entstand im Jahr 1830 mit der heute weitgehend vergessenen optischen Telegrafie. Die etwa 550 Kilometer lange preußische Telegrafenlinie reichte von Berlin bis Koblenz. Diese frühe Form der Telegrafie bestand aus Türmen mit Signalmasten. Sie waren im Sichtabstand von etwa sechs Kilometern auf Anhöhen errichtet, meistens außerhalb von Ortschaften, weshalb die Turmbesatzung, zwei Telegrafisten, mit ihren Familien in Wohngebäuden beim Turm lebten. Auf der Telegrafenlinie galt Berliner Ortszeit. Sie wurde allmorgendlich mit dem Kode B4 durchtelegrafiert und auf Schwarzwälder Kuckucksuhren eingestellt. Die Telegrafenbesatzungen waren also nicht nur räumlich isoliert, sondern auch zeitlich, lebten in einer fiktiven Einheitszeit, während die Menschen in den Ortschaften ringsum ihre Kirchturmuhren nach dem Sonnenstand stellten. Die Einheitszeit ist eine technische Idee, eine Idee der Fernkommunikation und später der Eisenbahn, die ja einen einheitlichen Fahrplan benötigt. Die Einheitszeit entspricht nicht dem menschlichen Maß, sondern ist ein Kompromiss, dessen Nützlichkeit man nicht bestreiten kann.

UhrenvergleichFotomontage: Trithemius

Doch in keiner Weise nützlich ist das alljährliche Hin und Her der Zeitumstellung von Sommerzeit auf Winterzeit und zurück. Der Mensch benötigt vier Tage bis zu vier Wochen, um seine Innere Uhr umzustellen, weshalb auch an den Montagen nach der Zeitumstellung die Zahl der Verkehrsunfälle deutlich ansteigt. Die Idee, mit der Sommerzeit ließe sich Energie sparen, hat sich als trügerisch erwiesen. Es wird sogar mehr Energie verbraucht.

Laut einer aktuellen repräsentativen Forsa-Umfrage im Auftrag der Krankenkasse DAK sind nur 26 Prozent der Bevölkerung für die Zeitumstellung, aber 71 Prozent wollen diesen Humbug nicht. Ein Kompromiss wäre doch, die Uhren ein für alle mal eine halbe Stunde vor- oder zurückzustellen. Dann entspräche zwar der Sonnenstand noch immer nicht der einheitlichen Uhrzeit, doch wir müssten uns nicht zweimal im Jahr quälen.

Leider neigen einmal eingeführte Systeme dazu, sich zu erhalten, auch wenn ihre Nützlichkeit fragwürdig ist. Und natürlich sind es immer die Herrschenden, die uns die Zeit diktieren. Diese technokratische Arroganz der EU erinnert an den rumänischen Diktator Ceauşescu, der in einem harten Winter sogar die offiziellen Temperaturangaben nach oben korrigieren ließ, als sein Volk wegen des Ölmangels fror.

Den Eulen ist übrigens egal, was die Uhr des Menschen anzeigt. Sie fliegen nach wie vor bei Einbruch der Dämmerung. Doch alle Haustiere leiden unter dem willkürlichen Eingriff des Menschen, was der Bauer vor allem bei seinen Kühen erkennt, die einfach nicht einsehen wollen, dass es plötzlich eine Stunde später zum Melken geht. Wie soll die Kuh auch verstehen, dass dem Menschen nach und nach jedes natürliche Maß abhanden kommt.


    Literatur: Herbarth, Dieter; Die Entwicklung der optischen Telegraphie in Preussen, Köln 1978

Prima Aktion, Überlandwerke und Straßenbahnen Hannover AG (ÜSTRA)!

In Aachen hatte ich einen Kommilitonen, der nannte sich Benno Ohnesorg – nach dem Studenten, der am 2. Juni 1967 in Berlin vom Polizisten Karl-Heinz Kurras durch einen aufgesetzten Pistolenschuss in den Hinterkopf ermordet worden war. Ohnesorg war Teilnehmer einer Demonstration gegen den Staatsbesuch von Schah Mohammad Reza Pahlavi gewesen.
Mein Kommilitone war einige Semester über mir. Vermutlich war sein Nachname wirklich Ohnesorg, mit Vornamen hieß er vielleicht Franz, Klaus oder Josef. Ich bewunderte ihn für seinen Schritt, sich konsequent Benno zu nennen, und als lebendiges Denkmal an den echten Benno Ohnesorg zu erinnern.

Der reale Benno ist am 15. Oktober 1940 in Hannover-Bothfeld geboren. Die Stadt Hannover hat eine Brücke nach ihm benannt. Sie überspannt den Fluss Ihme und verbindet die einst selbstständige Stadt Linden mit Hannover. Die Straßenbahnlinie 9 von Empelde bis Fasanenkrug und zurück fährt derzeit nur bis und ab Benno-Ohnesorg-Brücke. Die Passage Linden bis Empelde wird im Schienenersatzverkehr gefahren. Die ÜSTRA lässt hier zwei lange Gelenkbusse hintereinander fahren.

Gestern kam ich mit der Straßenbahn aus Bothfeld, musste am Hochbahnsteig auf der Benno-Ohnesorg-Brücke aussteigen und über die Straße gehen zur Bushaltestelle. Da ich mit Stock langsamer bin als alle, war der Pulk der Passagiere aus der Straßenbahn vor mir da und drängte in den wartenden Bus. Ich hörte noch, wie ein herumstehender ÜSTRA-Mitarbeiter sagte: „Da kommt noch ein zweiter Bus“, so dass ich vermeiden konnte, mich in die drangvolle Enge des ersten Busses zu zwängen. Der erste Bus fuhr ab, der zweite fuhr vor, und ich stieg ein, war der einzige Fahrgast in einem großen Gelenkbus.

Derlei beobachte ich immer wieder: Ein voll besetzter Bus wird gefolgt von einem leeren Bus. Zu Stoßzeiten wird es anders sein. Doch ich frage mich, ob es nicht sinnvoll gewesen wäre, den Bedarf zu ermitteln, bevor der aufwändige „Schienenersatzverkehr“ eingerichtet wurde. Ich glaube, es gibt dafür sogar ein Fachwort: Fahrgasterhebung. Ich beschwere mich nicht, von einem sonst leeren Gelenkbus nach Hause gefahren zu werden, finde jedoch die Lösung, stumpfsinnig zwei Busse fahren zu lassen, wo manchmal einer genügt, nicht zeitgemäß.

Warum alle Fahrgäste an der Benno-Ohnesorg-Brücke aus- und umsteigen müssen, erschließt sich übrigens nicht. An der Strecke sind keine Baumaßnahmen zu sehen. Vielleicht will die ÜSTRA einfach den Bothfelder Studenten Benno Ohnesorg ehren, der am vergangenen 15. Oktober 81 Jahre hätte werden können.

Auf dem Sofa des Lebens

Im Jahr 2012 war ich Referent bei einem Seminar der Bundesstiftung Umwelt. Ich sollte einer deutsch-türkischen Schüleraustauschgruppe das Bloggen beibringen. Weil ich nach einem Herzinfarkt geradewegs aus der Reha kam, hatte meine fürsorgliche Chefin mir einen jungen Mann zur Unterstützung an die Seite gestellt. Er wurde mir angekündigt als Informatiker, der in den USA studiert hatte und nach seiner Rückkehr nicht wieder Fuß hat fassen können. Er habe bei seinen Eltern gewohnt und im alten Kinderzimmer drei Jahre lang auf einer Matratze gelegen. Die Referententätigkeit sei seine erste Aktivität außerhalb und deshalb gleichsam ein gutes Werk. Zum ersten Mal hörte ich von einem Phänomen, das in Japan Hikikomori heißt.

In einer frühen Phase meiner Jugend hatte ich ähnliche Bedürfnisse gehegt. Es war mir allerdings unmöglich, sie auszuleben, denn meine beiden Geschwister und ich mussten arbeiten gehen, um unsere verwitwete Mutter zu unterstützen. Mein Hikikomori fand sonntags statt. Ich lieh mir in der Bücherei fünf Romane aus, legte mich damit aufs Sofa, drehte meiner Welt den Rücken zu und tauchte in die Leben der diversen Protagonisten ein, war mal ein englischer Junge, der an einem verwunschenen Fluss lebte, mal ein Eskimojunge, der zum ersten Mal auf Robbenjagd ging, mal ein junger Berliner Boxer, dessen Mutter beim Kampf am Ring stand und „Aufwärtshaken! Aufwärtshaken!“ schrie. Geradezu wunderbar war die Geschichte des New Yorker Zeitungsjungen John Workman, der täglich seine geringe Habe ausbreitete, in der festen Überzeugung, den Grundstock zur ersten Million zu sichten. Meine Realitätsflucht ging nicht so weit, an den amerikanischen Traum zu glauben. Spätestens am Montagmorgen wurde mir gezeigt, wo mein Platz war. Eher würde ich Robben per Aufwärtshaken erlegen als dort wegzukommen, und erst recht nicht durch Hikikomori.

Hikikomori ist ein Phänomen gutsituierter Schichten. Schließlich müssen Eltern die Grundversorgung sichern, damit ihr Kind sich separieren kann. Heute unterstützen seinen Eskapismus nicht unbedingt Romane. Das Internet ist ihr Fenster zur Welt. So auch für meinen Zufallskollegen. Nach dem Seminar fuhr er mit mir nach Hannover, um von dort den Flieger nach Madrid zu nehmen, wo er als Delegierter der Piratenpartei an einem Kongress teilnehmen wollte. Ich staunte, dass sich derlei von der Matratze im Kinderzimmer aus organisieren lässt.

Über Unfreundlichkeit

Grobiane gibt es überall, Choleriker, worin das Wort Kleriker sich verbirgt, und Wüteriche, auch wenn sie gar nicht Erich heißen. Unser Pastor beispielsweise war so ein Choleriker. Er unterwies uns in Religionslehre. Wenn es ihm in der Klasse zu laut wurde, geriet er in Wut, riss den Deckel des Eichenpults hoch und donnerte ihn wieder zu. Das Pult stand auf einem Podest, das man als Schüler nur betrat wie die heiligen Stufen des Altarraums. Irgendwann bekam die Schule neue Möbel, auch ein Pult mit Schubladen, aber ohne Tischklappe. Dem Pastor schien das nicht aufgefallen zu sein, denn als er mal wieder in Rage geriet, den Deckel des Pults anheben wollte, wandte er soviel Kraft auf, die vermeintlich widerspenstige Klappe zu bezwingen, da warf er das unschuldige Pult vom Podest herab in den Klassenraum. Damals schon war mir die katholische Religion unheimlich, denn wie konnte ein liebender Gott so wüste irdische Vertreter haben.

Entschuldigung, dieser Text soll von der Unfreundlichkeit handeln. Leider hat mich schon die müßige Sprachspielerei im ersten Satz aus der Kurve getragen. Genauer, es geht um die Unfreundlichkeit einer Verkäuferin der Bäckerei in meiner Nachbarschaft. Nachdem ich seit Anfang Juni nicht zu Hause war, zuletzt gar fünf Wochen in Aachen verbrachte, wo die Bäckereikultur auf ihrem Zenit ist, muss ich mich in vielen Dingen erst wieder erinnern, auch daran, dass ich in der Nachbarsbäckerei grundlos unfreundlich behandelt werde.

Ich betrat die Bäckerei, grüßte freundlich und wünschte zerstreut „ein Laugenbrötchen.“
„Laugenbrötchen habe ich nicht.“
„Was ist das denn?“, fragte ich und zeigte auf ein Auslagenfach, wo derlei Backwaren lagen.
„Laugenecken.“
„Dann nehme ich eine Laugenecke.“
Ich verstand spontan, warum die Schaufenster mit Plakaten zuklebt sind, auf denen freundliche VerkäuferInnen gesucht werden, doch ich hätte kein Verständnis zeigen und fragen sollen: „Warum so unfreundlich? Sie hätten bei sich Brötchen in Ecke übersetzen können, was natürlich eine gewisse Intelligenz erfordert hätte, die Fähigkeit nämlich des Transfers. Bei intellektueller Überforderung hätten Sie immerhin zurückfragen können: ‚Meinen Sie eine Laugenecke?‘ Beides war Ihnen nicht möglich, weil Sie unzufrieden mit sich, Ihrem Brotherrn und der Welt sind. Aber warum Sie das mich spüren lassen, der durch seinen Einkauf dazu beiträgt, dass Ihnen ein Lohn gezahlt werden kann, ist damit nicht erklärt.“

Doch so roh wie sie mir erschien, ist sie nicht. Heute Morgen ging ich hin, um ein weiteres Beispiel ihrer Unfreundlichkeit zu sammeln. Als hätte sie es geahnt, bediente sie mich mit freundlichen Worten, die zwar nach Papageienart ihren Mund verließen, aber als sie sich abwandte, um in die Küche zu gehen, quetschte sie sich tatsächlich „Noch einen schönen Tag“ aus dem Schnabel, was hiermit ebenfalls vermeldet wird, um der Wahrheit die Ehre zu geben.

Lassen Sie uns Herr zueinander sagen

Zu Zeiten vielfältiger Pflichten in Beruf und Familie gehörte nur der Sonntagmorgen mir. Dann wusste ich nicht wo anfangen vor lauter faszinierender Dinge, denen ich mich widmen konnte. Derzeit ist mein Leben ein immerwährender Sonntagmorgen. Das ist ein Luxus, von dem ich einst geträumt habe. Doch die Welt ist zudringlich. Von überall dringt Lärm an mein Ohr. Ebenso will ich nichts hören vom Getöse im Internet. Manchmal kappe ich die Verbindung, sonst dringt das aufgeregte Tuten und Blasen sogar zu mir durch, wenn der Internetbrowser geschlossen ist. Ob es hilft, wenn ich der Welt das Sie anbiete? Lassen Sie uns Herr zueinander sagen!

Seit Tagen kann ich mich nicht auf mein Romanprojekt konzentrieren, an dem ich schon zu lange schreibe. Derzeit wird daraus nichts wegen der Frühlingssonne. Vor der Parkbank liegen auf dem Boden kreuz und quer nicht abgebrannte Streichhölzer. Die roten Köpfchen wirken, als würden die Hölzer sich schämen, dass sie nicht Kopf an Kopf nebeneinander in der Schachtel liegen wie es sich gehört. Ein Mann macht laut: „BUH!“, und ein Haufen Tauben fliegt auf. Zwei junge Männer von der Nachbarbank spüren einen Impuls und gehen gemeinsam fort. Jeder führt einen Hund an der Leine. Ein Jogger im orangefarbenen Outfit läuft an ihnen vorbei und schaut sich vorwurfsvoll um. Ich kann unter der hellen Sonne die feine Webstruktur meiner Hose genau erkennen und frage mich, wo und unter welchen Bedingungen der Stoff wohl gewebt wurde. Zu viele Dinge, deren Herkunft fragwürdig ist. Die Kirchturmglocke schlägt dreimal.

    „Müssen Sie immer so lang schreiben?
    Können Sie nicht mal kurz schreiben?“, fragt die Welt.
    „Doch.“

Als die Glocken nach Rom geflogen waren

Wie die Glocken nach Rom geflogen sind, habe ich nicht gesehen, obwohl meine Mutter meinen Blick in den bewölkten Himmel gelenkt hatte. „Da!“, sie hätte die Glocken gesehen, sagte sie. Weil sie mich auf dem Arm hielt und wir Wange an Wange durchs Dachflächenfenster geschaut hatten, glaubte ich kaum, dass die Glocken über unser Haus geflogen waren. Die Glocken wären in Rom, um beim Papst Milchbrei zu essen, so wurde auf dem Dorf erklärt, warum die Glocken von Gründonnerstag bis zum Ostersonntag schwiegen. Stattdessen zogen die Messdiener dreimal täglich mit Rasseln durchs Dorf.

Mein fünf Jahre älterer Bruder war Messdiener. An einem Karfreitagmorgen durfte ich an seiner Statt mit dem Fahrrad unsere Straße hochfahren und die Rassel schwingen. Es hatte gerade geregnet. Ein milder Frühlingsregen war das gewesen. Die Natur hatte ihn bereitwillig aufgesogen. Ich erinnere mich an den erdigen Duft, der von der Straße aufstieg. Sie war zu dieser Zeit noch nicht asphaltiert und von den Regentropfen feucht gesprenkelt. Ich wusste, dass meine Aufgabe wichtig war und schwang die Rassel voller Inbrunst. Aus heutiger Sicht nichts Besonderes, doch für mich im Alter von fünf Jahren ein kleines Hochamt.

Aus meinem Tagebuch vom März 1997

(Der Beitrag ist eine Wiederveröffentlichung vom 25. März 2016)

Fragen Sie mich ruhig nach Tomaten!

Vor langer Zeit, als die Frankfurter Rundschau (FR) noch eine große linksliberale Tageszeitung war, nahm ich teil an einem zeitungskundlichen Seminar für Lehrer im FR-Verlagsgebäude in Neu-Isenburg. An einem Samstagmorgen wurden wir per Bus zu einem Neu-Isenburger Einkaufszentrum gefahren, um dort jede/jeder für sich das Thema für eine Reportage zu finden. Neben mir im Bus saß eine flotte Kollegin aus Essen. Sie erzählte mir von einer Anmachstrategie in Supermärkten. Mann sieht eine ihn interessierende Frau und fragt: „Wissen Sie, wo hier das Öl ist?“
Sie: „Kochöl oder Körperöl?“
Er: „Körperöl.“

Natürlich funktioniere das auch mit Rollentausch, sagte die Kollegin. Wichtig sei das Signal, die Aufmerksamkeit vom Kochen auf den Körper zu lenken. Ich hatte derlei noch nie gehört, kam auch nicht auf die Idee, eine derartige Recherche im Neu-Isenburger Einkaufszentrum zu beginnen, sondern schrieb lieber über einen alten Duden aus dem Schaufenster einer Buchhandlung. Die Seelenruhe ist ein hohes Gut.

Heute vormittag war ich einkaufen. In der Gemüseabteilung fragte mich eine ältere Dame:
„Darf ich Sie mal ansprechen?“
„Ja?“
„Ich suche die preiswertesten Tomaten.“
„Da kann ich Ihnen leider nicht helfen.“
Sie wandte sich ab und fand abgepackte Tomaten zu 1,29 Euro.

Auf dem Heimweg rätselte ich über ihr Begehr. Ich trug einen Mantel. Sie konnte mich also nicht mit einem Marktmitarbeiter verwechselt haben. Es ging nicht um Öle, also hatte sie kein weitergehendes Interesse. Sie hatte nach den preiswertesten, nicht nach den billigsten Tomaten gefragt. Beides ist nicht verlockend. Vielleicht wollte sie nur mal wieder die Stimme gegen wen erheben, wahrgenommen werden und für ein Sekündchen der lockdown-bedingten Isolation entkommen.

Über Wasserkocher, Hirsebrei und Zauberbesen

Vor einiger Zeit kaufte ich einen Wasserkocher, der das Wasser blau beleuchtet, was besonders ansprechend ist, derweil das Wasser kocht, blubbert und wallt.

Neben dieser hübschen, doch unnötigen Funktion entwickelte der Kocher bald zwei Macken: Der Kippschalter rastet nicht mehr zuverlässig ein; die Kochfunktion, erkennbar am blauen Licht, lässt sich nicht immer aktivieren. Diese Macken verschlimmern sich. Als ich heute das Gerät durch allerlei diffizile Verrichtungen zum Arbeiten bringen wollte und nicht direkt erfolgreich war, fiel mir ein Spruch aus meiner Heimat ein: „Do muss me jet bej sare“ (Dabei muss man etwas sagen), was bedeutet, dass hier eine Beschwörungsformel erforderlich ist. Manche Dinge funktionieren nur, wenn man etwas dabei sagt. „Jet“ oder „etwas“ verschleiert die damit verbundene magische Vorstellung. Vielleicht ist mir die sprachmagische Idee dahinter deshalb eben erst aufgefallen.

Dass keine Formel genannt wird, dafür sehe ich drei mögliche Gründe:

    – sie ist in Vergessenheit geraten;
    – es gibt keine Formel, die für alle Zwecke gültig ist;
    – sie wird nicht verraten, damit sie kein Unheil anrichtet.

Letzteres finde ich besonders plausibel. Zu einer Beschwörungsformel gehört auch die Kenntnis, wie sie zu lösen ist. Im Märchen „Der süße Brei“ fehlt der Mutter die Formel, um das einmal in Kochgang gesetzte Töpfchen zu stoppen; Goethes „Zauberlehrling“ weiß die Besen nicht zu bändigen.

Gemeinhin reicht es, eine Zauberformel rückwärts zu lesen. Demgemäß schreibt der Theologe Gottfried Holtz: “in den Sagen wimmelt es von Berichten, dass der Zauber nicht wieder gelöst werden konnte, weil ein Lehrling, ein halber Könner nichts vom Rückwärtslesen der Formel wusste.” Selbst dieses Wissen reicht nicht, wenn die Beschwörungsformel die Form eines Palindroms hat.

Meinen Wasserkocher werde ich wohl bald ersetzen müssen, denn was man dazu sagen muss, wurde mir nicht mitgeteilt – trotz Anleitung in allen Weltsprachen.