TV-Kritik – Bares für Rares – Wir verramschen alles

Eine komplett hirn- und kulturlose Unterhaltungsshow sendet das ZDF derzeit auf seinen Kanälen rauf und runter. Die Sendung gilt bereits als Nachrichtenquelle, über die der Kölner Express oder das boulevardeske Blatt Der Westen gerne berichten. „Bares für Rares“ moderiert der geschäftstüchtige Exfernsehkoch Horst Lichter. Für die Sendung schleppen alltägliche Menschen Gegenstände heran, um sie von Expertinnen und Experten schätzen zu lassen, um sie anschließend einer Gruppe von Händlern zum Kauf anzubieten, getreu der neoliberalen Ideologie, dass alles zur Ware werden kann.

Die Show gehört in das Genre Scripted Reality. Was aussieht wie ein abgefilmtes Geschehen, zeigt sich schon beim Auftritt der potentiellen Verkäufer als genau geplant. Eingangs einer Fallszene sieht man die Leute mit den Dingen herankommen, die sie meistbietend verschachern wollen, vorgestellt von einer sonoren Stimme aus dem Off. Gezeigt werden auch Leute, die nicht in der Sendung als Verkäufer auftreten, sondern in den Räumen der Show in Schlange anstehen, und man weiß schon, dass sind die Arschnasen, die von Lichters Redaktion nur als Staffage gebraucht werden. Gewährsleute berichten, sie hätten für die kurze Szene des Eintreffens derart oft ankommen müssen, dass sie die Lust verloren hätten und nach Hause gegangen wären, wobei eine derartige Souveränität schon preiswürdig ist. Bei den meisten überwiegt jedoch die Eitelkeit, mal im TV auftreten zu können. Dann ist es auch egal, was mir ebenfalls von einem Gewährsmann berichtet wurde, dass manch einem einfach ein Gegenstand in die Hand gedrückt worden wäre, zusammen mit der Geschichte, die er erzählen sollte. Das alles abgekartet ist, zeigt sich auch bei der sogenannten „Expertenschätzung.“ Was die durchweg kompetent wirkenden Experten scheinbar aus dem Kopf an Detailwissen über einen Gegenstand abspulen, ist das Ergebnis ausführlicher Recherche, darum auch so erstaunlich zuverlässig als Expertise und beim Schätzwert.

Höhepunkt der Expertenschätzung, Horst „dann bin ich der Horst“ Lichter zieht „die begehrte Händlerkarte“ (O-Ton Lichter) von irgendwo hinten, möglicherweise aus der Gesäßtasche, doch es könnte genauso gut ein gerade eingetroffenes Arschfax sein. Auch das stereotype Statement der Anbieter „Ich freue mich, dass ich die Händlerkarte bekommen habe“ lässt den Betrachter schaudern. Obwohl wer einem Prominenten mal die Hand geschüttelt hat, sie stolz vorzeigt mit „Ungewaschen!“, wäre doch ein „Hier, direkt vom Hintern von Horst Lichter!“ ein bisschen extravagant. In dieser sonst so sorgsam geskripteten Realityshow wird nicht gezeigt, was nach dem Verkaufsakt mit der „begehrten Händlerkarte“ geschieht. Wandert sie zurück an/in Lichters Hintern? Das könnte lästig werden, denn sie scheint aus hartem Karton zu sein und ist wohl unten noch mit einer Leiste verstärkt. Zumindest müsste „die begehrte Händlerkarte“ aus Hygienegründen immer wieder erneuert werden, denn nie ist sie von Lichter etwa krumm gesessen oder glänzt schmantig von den vielen Fingern durch sie gegangen ist.

„Die begehrte Händlerkarte“ ist die Eintrittskarte zum Händlerraum. Dort sitzt ein Panoptikum fünf skurriler Typen aufgereiht, bereit zum Kauf der Dinge und dabei die geringstmögliche Summe zu bieten, um daraus erklärtermaßen den größten Profit zu schlagen. Nach Begutachtung des Gegenstands hebt ein erbärmliches und absolut würdeloses Schachern an. Außen in der Reihe der Krämerseelen sitzt ein kleinwüchsiger Mann aus Bayern, Ludwig Hofmaier – genannt Handstand-Lucki, der als junger Mann schon mal auf den Händen nach Rom gelaufen ist und jetzt mit Antiquitäten handelt. Sein Antipode ist am anderen Ende der Pferdehändler Walter Heinrich Lehnertz, Spitzname Waldi, der durch betont prolentenhaften Auftritt seine Heimatregion Eifel authentisch zu vertreten glaubt. Wie Lichter kokettiert er mit seiner Kulturlosigkeit. Was zählt, ist Kohle. Gemälde, deren künstlerischen Wert Waldi nicht erkennt, heißen bei ihm sinnfrei „Prügel.“ „Gib mir mal den Prügel rüber!“ Das sogenannte „Bietergefecht“ zwischen den Händlern scheint nicht getürkt zu sein. Hier ergeben sich manchmal Situationen, wie sie sich kaum planen lassen, zumal die Händler im realen Leben wirklich mit Antiquitäten handeln und einschätzen können, welche Käufer in ihrem Handel wie viel zu geben bereit wären. Kommt ein Kauf zu Stande, wird das Geldzählen auf dem Tresen als Ritual inszeniert, wodurch der schändliche Charakter des Schacherns um und Verramschens von Werten noch einmal ungeschminkt hervortritt.

Die potentiellen Verkäufer entstammen allen Schichten. Da werden Funde vom Sperrmüll genauso angeboten wie Familienerbstücke, von den Vorfahren getreulich bewahrt, damit ein missratener Spross sie verhökern kann. „Wir verkaufen unsrer Oma ihr klein Häuschen.“ Das wird gerne euphemistisch verbrämt mit der stereotypen Aussage: „Damit es in gute Hände kommt.“ Auf den Altar der Geldgier und Publicity-Geilheit kommt Schmuck, an denen einst das Herzblut von Menschen hing, genauso wie überteuert gekaufte Schmuckstücke, von denen man erfährt, dass sie im häuslichen Tresor gelagert waren. Lichter behandelt vor der Kamera die Tresorbesitzer wie die Habenichtse gleichermaßen mit ausgesuchter Freundlichkeit. Die Rolle des einfachen Gillbacher Jong, der relativ talentfrei durch Glücksfälle, Getue und Schnäuzer zu Fernsehruhm gekommen ist, macht sein ganzes Kapital aus, denn es signalisiert, dass jeder dahin gelangen kann, ganz zufällig – als banaler Flohmarktfund, wenn er nur bereit ist, seinen Hintern zu verkaufen.

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Fan und Fußball

Im Linienbus Richtung Aachen stieg an einem Samstagmittag bei Würselen ein schmaler Junge zu und saß hinfort mir schräg gegenüber. Ich konnte die Augen nicht von ihm lassen, denn der Junge war auf eine rührende Weise kümmerlich. Er mochte vielleicht 17 Jahre alt sein und schien noch nicht viel Freude erlebt zu haben. Das Leben hatte ihn im Gegenteil bereits ordentlich durchgewalkt. Das stand so deutlich in sein Gesicht geschrieben, dass mich tiefes Mitgefühl erfasste. Vor allem eines schlug mich in den Bann. Der Junge trug einen schwarz-gelben Fan-Schal von Alemannia Aachen um den Hals.

Diesem Schal galt seine ganze Aufmerksamkeit. Er nahm ihn immer wieder auf Brusthöhe mit den spitzen Fingern beider Hände, hob ihn ein wenig vor und ließ ihn auspendeln, damit sich die Fransen des Schals sauber legten. Dann wiederum kämmte er die Fransen mit den Fingern, wodurch sie kaum durcheinander gerieten, so dass er mit dem Auspendeln wieder Ordnung schaffen mussten. Der Schal verkörperte seine Fan-Existenz, und die war offenbar das Gegenteil dessen, was sein herber Alltag für ihn bereithielt. Dieser Junge veränderte meinen Blick auf die Fußball-Fankultur. Man muss selbst kein Fan sein, um sie als Phänomen unseres Alltags zu betrachten. Was man mitbekommt über die Medien sind große Inszenierungen in Stadien, entrollte Banner mit diversen Botschaften, Pyrotechnik, deren Rauchschwaden über den Rängen hängen und übers Spielfeld wabern, Fangesänge und Sprechchöre, gelegentlich Gewaltausbrüche und Hooligans, die von der Polizei vom Bahnhof zum Stadion eskortiert werden. Auch habe ich schon erlebt, wie eine größere Fangruppe eine Straßenbahn erstürmte und während der Fahrt zu hüpfen begann, so dass der Waggon in bedrohliche Schwingung geriet. Im Zug habe ich Fans auch schon erlebt, hier erzählt.

Lang ist es her, das habe ich in Aachen bei leichtem Schneefall oben auf dem Lousberg gestanden. Aus dem Tal der Soers drangen die Schlachtrufe der Fußballfans an mein Ohr. Alemannia spielte gegen FC Wasweißichwas. Ein Aufschrei, ein kollektives Aufstöhnen, – es muss eine Lust sein, das Maul aufzureißen, und es kommt der gleiche Laut heraus wie aus dem Nachbarmaul, und links und rechts, oben und unten, zehntausendfach. Es ist die geballte Energie von Gleichgesinnten, die ins Stadion donnert und wieder heraus, aus dem Tal über den Lousberg hinweg, dass mir die Ohren schallen. Der Schuss war wohl vorbeigegangen, das Tor lag im Schneetreiben, doch sofort gingen die Pauken wieder, die Sprechchöre zu takten für den neuen Angriff, den neuen Ansturm. Da werden sie gebibbert haben, die Spieler vom FC WirhabendieHosenvoll.

Stell dir vor, du bist ein Fußballer, dort unten auf dem Platz. Du bist mitten im Spiel, forderst den Ball und kriegst ihn, nimmst an, tunnelst deinen Gegenspieler, hast den Ball wieder am Fuß, guckst einmal auf, ziehst ab, und die Kirsche plumpst ins Netz. Der Torwart ist albern daneben gesprungen, die Verteidiger raufen sich das Haar. Dann kriegst du die Begeisterung aus zehntausend Kehlen. Kannst du dir vorstellen, was das mit dir macht? Du musst stabil sein, damit du nicht abhebst. Auf jeden Fall, wirst du süchtig danach. Du willst es noch mal und immer wieder, dieses Bad in sozialer Energie. Doch dann hat es eine Weile mal nicht gepasst, du bekommst Entzugserscheinungen und wirst unruhig. Du strengst dich an, doch weil du grad die Seuche hast, will einfach nichts mehr gelingen. Dann gilt die Fußballweisheit des Andreas Brehme „Hast du Scheiße am Fuß, hast du Scheiße am Fuß.“

Hat eine ganze Mannschaft „Scheiße am Fuß“, leidet der Fan. Denn mit der Mannschaft ist er eng verbunden. Sie ist Teil seiner Identität, beispielsweise symbolisiert durch den Fanschal des Jungen.

Nix is esu schläch, dat et net och för jet joot wör

Fast drei Stunden sitze ich in der Notaufnahme der Klinik, neben mir hockt schon gut zwei Stunden ein alter Mann mit Kopfverband. „Ihnen läuft immer mehr Blut übers Gesicht“, sagt ihm ein junger Migrant, der mit wachen Augen umherschaut. Er ist ein alter Hase. Nachdem ihm eine Stahlplatte auf den Kopf gefallen war, habe er fünf Stunden in der Notaufnahme gewartet. „Und niemand hat mal gefragt, wie es mir geht.“ Seine Gesprächsfreude bezieht alle im vollen Wartebereich ein, so dass es fast gesellig wird. Ich schweige, denn ich kann vor Schmerzen kaum reden. In der Ecke sitzen zwei wirklich dicke Frauen und verbreiten eine beinah gemütliche Stimmung. Die ältere strickt, die jüngere gefällt sich in lakonischen Bemerkungen über das Gesundheitswesen und über gesellschaftliche Entwicklungen, spricht vom Fachkräftemangel in den Krankenhäusern und dass gut ausgebildete Fachkräfte lieber im Ausland arbeiten würden. „In der Schweiz“, bestätigt der Migrant. Glaubt man den beiden, steht das Gesundheitssystem kurz vor dem Kollaps. Es hockt also hohläugig und schwer angeschlagen mit uns im Warteraum. „Und die Beiträge steigen immer weiter“, klagt der Migrant. Er sei mal selbstständig gewesen und habe sich die Beiträge zur privaten Krankenversicherung nicht mehr leisten können. „Auch die Pächter kleiner Gaststätten müssen deshalb aufgeben“, bestätigt die junge Dicke. Sie meint auch, dass der Euro nichts mehr wert sei. „In fünf Jahren bezahlen wir alle mit dem Handy.“

In der anderen Ecke sitzt ein schmaler Mann von Mitte 40 mit einem Mullpflaster am Kinn. Er ist bestens präpariert für die Notaufnahme, hat eine Thermosflasche hevorgeholt, zwei Butterbrotdosen, hält seinen Klapprechner auf den Knien und scheint zu arbeiten. Er trägt einen auffällig großen Ehering, wird zwischendurch mal angerufen. Ich beneide ihn ein wenig. Gut angetroffen hat es der, den zu Hause eine sich sorgende Ehefrau erwartet. Eine ältere Spanierin ist mit ihrer Tochter da, die als einzige in den ausliegenden Zeitschriften blättert, dann sogar das Kreuzworträtsel in einer Frauenzeitschrift bearbeitet. Neben mir sitzt mein mittlerer Sohn. Ich dränge ihn bald, nicht mehr mit mir zu warten, sondern zum Bahnhof zu fahren. Er hat mir schon prima durch den Tag geholfen und muss am Abend noch nach Leipzig zurück. Der Alte neben mir trägt auch nichts zum Gespräch bei. Dreimal hallt der Rufton seines Smartphones durch den Raum. Wie die Posaunen von Jericho, denke ich.

Jedesmal erschrickt der Alte vor dem martialischen Getöse. Und keinmal gelingt es ihm, das Gespräch anzunehmen. Mit zittrigen Fingern tappt er vergeblich herum, ruft danach verschiedene Leute an und fragt sich durch, ob sie ihn angerufen hätten. Ende der 1990-er Jahre veröffentlichte ich in der Titanic eine Satire über den aufkommenden Handy-Wahn. Die dort genannte Single-Button-Funktion ist heute innovativ. Ein einfaches Smartphone, das immer genau das tut, was sein Benutzer wünscht, statt Hänneschen-Theater zu veranstalten. So ein narrensicheres Smartphone hätte sicher einen Markt in unserer alternden Gesellschaft. In der Überalterung liegt ein Grund für explodierende Gesundheitskosten und ein System an der Leistungsgrenze. Leute wie ich und der neben mir wären vor 50 Jahren längst tot gewesen und würden nicht in der Notaufnahme hocken. Mein Vater ist mit 49 am Herzinfarkt verstorben.

Als ich endlich zu einem Arzt vorgelassen werde, tastet er mich ab, findet auf Anhieb, wo ich scheints ein Messer zwischen den Rippen habe, hört sich meine Lunge an und offeriert mir eine weitere Stunde Wartezeit fürs Röntgen und für das anschließende Gespräch.
O nein! Solange schaffe ich nicht mehr zu warten.“
„Tut mir Leid, aber Sie sehen ja, was hier los ist.“
„Ich hatte schon gelesen, dass die Notaufnahmen so überlaufen sind.“
„In ganz Deutschland ist das so, weil auch die Leute kommen, die gar keine Notfälle sind.“
„Mich hat der Hausarzt geschickt.“
„Sie haben ja auch alles richtig gemacht.“
Ich beschließe zu gehen, sage, dass ich am nächsten Morgen einen regulären Termin beim Orthopäden hätte und der käme ja langsam näher. „Ich kann Sie nicht zwingen zu bleiben“, sagt er. Ich wünsche noch einen ruhigen Arbeitstag, und er sagt: „Danke, der geht noch die ganze Nacht.“ Die Nacht habe ich im TV-Sessel sitzend verbracht. Ein wenig sogar geschlafen.

Nix is esu schläch, dat et net och för jet joot wör. (Nichts ist so schlecht, dass es nicht auch für etwas gut wäre), sagt der optimistische Kölner. Meinen gestrigen Unfallbericht haben Blogfreundinnen und -freunde kommentiert, von denen ich lange nichts mehr gehört hatte. Ich mag das gar nicht, wenn freundschaftliche Kontakte einschlafen. Auch digitale Bindungen sind einem wichtig. Blöd nur, wenn man sich dafür ganz analog den Hals brechen muss.

Vom Aufräumen – Verzeichnis eines Papierstapels

Als NRW-Beamter bin ich privat versichert und bekomme alle Rechnungen nach Hause, muss dann die Beträge sowohl von der privaten Krankenkasse als auch von der Beihilfestelle per Antrag einfordern. Zur Überwindung der Spätfolgen des Schlaganfalls habe ich jahrelang viele Therapien besucht und bekam entsprechend viele Rechnungen. Zeitweise wuchs mir der Verwaltungskram über den Kopf, und ich habe ankommende Post nur noch gestapelt. Vor drei Jahren besuchten mich mein ältester Sohn und seine Lebensgefährtin, um Ordnung in meine Unterlagen zu bringen. Sie sortierten alles in Ordner, schredderten überflüssige Papiere, und für eine Weile war ich entlastet. „Du darfst nur nicht wieder Haufen bilden“, mahnte mich noch mein Sohn. Leider ist das wieder geschehen. Seit einiger Zeit wachsen an meinem Arbeitsplatz Stapel verschiedenster Dinge,zum Teil aus dem Umfeld meines Bloggens. Nun hat sich Besuch angesagt, und ich will aufräumen. Wie aber mich motivieren? Vielleicht durch Aufschreiben, obwohl es den Aufräumvorgang enorm verlangsamt:

  •  Ein Bogen Transparent-Entwurfpapier von einem DIN-A4-Block, und ein weiteres Blatt, worauf ich mit der Kalligrafiefeder „Lob der Handschrift“ geschrieben habe.
  •  eine leicht zerknüllte Serviette und ein Zuckertütchen von Nobis, dem Bäckereicafé am Aachener Münsterplatz, mitgebracht September 2018,
  • ein Bleistiftentwurf aus den 1980-er Jahren einer Computerspielfigur für ein Atari-Basic-Programm, das ich schreiben wollte,
  • die Bedienungsanleitung für mein TV-Gerät, worin ich im Bett liegend mit Bleistift einige Fieberphantasien gekritzelt habe, kaum lesbar.
  • Ein blasser Nadeldrucker-Ausdruck auf Endlospapier, „De Bonos Geleemodell“ getiteltet, worin ich vor vielen Jahren aufgeschrieben habe, wie sich mit diesem Modell die Anlage und Ausprägung von Denkstrukturen verbildlichen lassen. Ich habe vergeblich versucht, den Text zu scannen und mit OCR-Software umzuwandeln. Links oben ist der Rostabdruck einer Büroklammer zu sehen,
  • eine „Happy Birthday“-Klappkarte von meiner Münchner Blogfreundin Mitzi,
  • die Geburtstagskarte eines Versandhauses, das mir 7,77 Euro schenken wollte
  • mehrere Kettenbrief-Originale,
  • der spaßige Erpresserbrief einer Schülerin der 8. Klasse, unterzeichnet mit „Arno Nyhm“,
  • eine Papp-Mappe mit Kartenmotiven, gestaltet von meiner Tochter, die Diplomgrafikdesignerin ist,
  • die sparsame Kinderzeichnung ihres Söhnchen, meines Enkels,
  • ein 80-Blatt-Schreibblock „Student“, liniert, Spiralbindung, mit Notizen zum neuen pataphysischen Institut fürs Teestübchen,
  • ein weiterer 80-Blatt-Schreibblock „Student“, liniert, Spiralbindung, mit Notizen für ein medienkundliches Seminar „Jugend und Umwelt“ vom 09.06.2008,
  • ein selbstgeklebter DIN-A5-Umschlag von meinem Nürnberger Blogfreund Christian Dümmler (CD), worauf sich 0,5 mm Linien befinden, eine Anspielung auf meine Behauptung, es gebe keine Anreiblinien mehr, weil der Bedarf mit dem Computer verschwunden ist. Den Umschlag hat er aus einer 1:50.000 Wanderkarte vom Naturpark Dübener Heide geklebt. Nachdem ich den Umschlag aufgemacht und entfaltet habe, kann ich sehen, wie ich von Schwemsal über Tornau nach Söllichau komme – falls das mal nötig wird,
  • eine Rechnung von e-publi über ein Exemplar „Die schönsten Augen nördlich der Alpen“ zum Autorenrabatt, worauf Lottozahlen notiert sind, das Buch ein Geschenk für den Nürnberger Kabarettisten Matthias Egersdörfer,  vermittelt durch CD,
  • drei Karteikarten zum Thema Schreibgeschwindigkeit im Mittelater, aufgeklebte Fotopien aus Wilhelm Wattenbach „Das Schriftwesen im Mittelalter“,
  • eine fast quadratische Klappkarte mit dem Aufdruck „ÉCHTE POST IS ZOVEEL leuker“, innen linkseitig vollflächig oranje gestrichen, rechts ein handschriftlicher Feriengruß auf Niederländisch uit Zeeland von meiner Nürnberger Blogfreundin Anna,
  • ein herausgerissener Zettel aus einem DIN -A7-Notizbüchlein rautiert, worauf Herr Leistöne in SAS-Schreibschrift (Schulausgangsschrift der DDR) geschrieben hat (in der Kneipe am Biertisch): „Ich kann das noch richtig schreiben“ sowie drei Versuche des kleinen b,
  • ein vergilbtes KellnerInnen-Blöckchen von Bad Pyrmonter Wasser aus der Kneipe „Das kleine Museum“, das ich an der Theke sitzend mit einem ebenfalls erbetenen Kugelschreiber vollgekritzelt habe, weil ich mich einsam fühlte. Da krabbelte ein Krokodil  über die Decke.

(Wird fortgesetzt)

Besser als Karaoke

Mein lieber Herr Gesangsverein! Letzte Nacht habe ich doch tatsächlich einige Stunden im Bürostuhl geschlafen! Das kam so: Die Treffen des Hannover-Cünstler-Kollektivs (HaCK) verschieben sich wie die Gezeiten. Anfangs haben wir uns dienstags getroffen, denn mittwochs, dann wegen Filipe nur noch donnerstags, was nicht bedeutet, dass er seither öfter kommt als sonst. Obwohl er uns höchst selten mit seiner Anwesenheit beehrt, hat er bei den Kellnerinnen des Leinau3 nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Seine exotischen Getränkewünsche sind berüchtigt, weshalb er als einziger von uns je in die Getränkekarte geschaut hat. Er liest stundenlang darin herum, um dann einen Kakao zu bestellen. Herr Leisetöne, der die Termine unserer HaCK-Treffen macht, hatte diesmal für Freitag eingeladen, weil sie mich um 23 Uhr in ein berüchtigtes Karaokelokal schleppen wollten, der reiferen Frauen wegen, die man dort antreffen kann. Mir war morgens schon mulmig gewesen, denn ich hatte quasi versehentlich zugesagt, seine diesbezügliche SMS ohne Lesebrille gelesen, also nicht gelesen, sondern nur auf verschwommene Buchstaben hin mein „Okay“ geschickt.

Wir saßen gesellig zu Fünft im Raucherbereich auf der ersten Etage, das Kölsch aus unserem Elferkranz schmeckte wieder vorzüglich, als die attraktive Wirtin zu uns kam. Sie setzte sich vertraulich zu mir und ließ sich von mir helfen, den Text im Teestübchen aufzufinden, in dem ich sie letztens wieder erwähnt hatte. Eine Kellnerin und ihr kurz nach dem Rechten schauender Freund mussten bestätigen, dass sie drei Stunden vergeblich auf ihrem Smartphone nach diesem Text gesucht hatte. Über die Suchfunktion fanden wir den Text, und vor Freude herzte und küsste sie mich ausgiebig, wodurch der Abend aus meiner Sicht bereits gelungen war. Meinetwegen können andere mit ihren Texten Preise gewinnen oder sich von Lohnschreibern im Feuilleton beklatschen lassen, mein Preis war ihre herzliche Zuneigung. Das unmittelbar Zwischenmenschliche ist doch noch immer der schönste Lohn, natürlich dichtgefolgt vom mittelbar Zwischenmenschlichen beim interaktiven Schreiben und Lesen in der Blogosphäre. Die Sympathie der Wirtin strahlte auf unsere ganze Runde. Sie blieb eine Weile bei uns, sagte, wenn es heiße „der Gast ist König“, dann komme den Gästen dieses Privileg nicht automatisch zu. Sie müssten sich auch entsprechend verhalten. Wir aber dürften uns mit Fug und Recht Könige nennen, und spendierte einen neuen Elferkranz.

Da ich vorher schon einige Kölsch getrunken, dann bei zwei Elferkränzen kräftig zugelangt hatte, war ich gerade so hübsch angeschickert, wie es ausreicht, im Bürostuhl einzuschlafen. Die Lücke im Text bitte ich zu entschuldigen, denn von unserem Abschied und meiner Heimfahrt mit dem Rad weiß ich nicht mehr viel. Jedenfalls fand ich mich in aufgekratzter Stimmung in meinem Bürostuhl und sah mir in der Mediathek die Heute-Show an, die ich am Abend verpasst hatte. Als ich erwachte, war der Bildschirm dunkel und mein Rechner in den Schlafmodus gefallen. Ich suchte mein Bett auf und schlief wie ein Prinz.

Man sollte viel öfter über Wirtinnen schreiben.

Allgemeine und spezielle Bemerkungen über Zugreisen

Bevor die schreckliche Plage Hartmut Mehdorn mit unausgegorenen Börsenplänen über die Deutsche Bahn gekommen ist und sie kaputt gespart hat, gab es eine tägliche IC-Verbindung Aachen – Berlin. Ich erinnere mich an eine Fahrt von Aachen aus, die statt über Hannover über Hildesheim umgeleitet wurde und ich wunderte mich, denn Hildesheim hatte ich irgendwo in Süddeutschland vermutet. Der Zug hatte enorme Verspätung. Ein grimmiger junger Mann mit verdächtigem Aktenkoffer beleidigte darum die Zugbegleiterin aufs Übelste und zeterte, er müsse unbedingt dann und dann in Berlin sein. Ich ergänzte seine wütend hervorgestoßene Tirade meinem Reisegefährten: „Er muss da nämlich pünktlich einen erschießen.“ Das Opfer hat überlebt – dank Deutsche Bahn.

Freitags gibt es eine direkte IC-Verbindung Hannover – Aachen. Drum stieg ich letzten Freitag um 8:56 Uhr frohgemut in den Zug und genoss die Aussicht, nicht in Köln umsteigen zu müssen, diesem Bahnhof, der stets so überlaufen ist, dass man denken könnte, die halbe Welt hat kein Zuhause. Das schlimmste ist jedoch der Lärm in der Bahnhofshalle. Zwischen dem Dröhnen wartender ICE, dem Getöse an- und abfahrender Züge ist immer mal wieder eine komplett unverständliche Durchsage zu hören, die vermutlich vom bahneigenen Lärmdirigenten nur eingestreut wird, um die infernalische Kakophonie durch die Obertöne heller Frauenstimmen anzureichern.

In Köln stiegen viele Reisende aus, aber kaum welche zu, denn Berufspendler dürfen den IC nicht nehmen. Offenbar hatte es aber einen Personalwechsel gegeben. Ein gutgelaunter Rheinländer begrüßte per Durchsage die Fahrgäste „im IC der Deutschen Bahn zur Weiterfahrt nach Aachen. Unser nächster Halt ist der Weltbahnhof Düren.“ Da mussten die verbliebenen Mitreisenden schon lachen. Düren kennen Eingeweihte als Kaff, wo man nicht tot überm Zaun hängen möchte. Dann eine erneute Durchsage: „Wenn Sie Fragen oder Probleme haben, kommen Sie in Wagen fünf. Da sitze ich nämlich“, kurze Pause, „aber nur bei Problemen.“ Nachdem wir den Weltbahnhof hinter uns gelassen hatten, näherten wir uns Aachen, und der Zugbegleiter, der nach Meinung einer jungen Frau wohl einen Clown gefrühstückt hatte, sagte:

„Meine Damen und Herren, in wenigen Minuten erreichen wir Aachen Hauptbahnhof. Unser Zug endet dort. Bitte denken Sie daran, beim Verlassen des Zuges Gepäckstücke und Kinder mitzunehmen.“

Sagt die junge Frau zu ihrer Mutter: „Da bekommt man doch gleich gute Laune.“ Oja, schön ists im Rheinland. Vor Aachen saust der Zug noch durch den Nirmer Tunnel.
Ein Kollege erzählte am Abend, sein alter Lateinlehrer habe immer gesagt: „Hinter dem Nirmer Tunnel beginnt die eurasische Steppe“, also von Aachen aus gesehen. Ein anderer Kollege nannte mich „liebe Jong.“
„Das hat schon lange niemand zu mir gesagt.“
„Wenn du auch so selten nach Aachen kommst.“

„Liebe Jong“ wäre ich auch diesseits des Nirmer Tunnels. Für mich beginnt die eurasische Steppe auf der rechten Rheinseite, „op de schäl Sick“ wie der Kölner sagt. Sobald mein Zug von der schäl Sick über die Hohenzollernbrücke auf die linke Rheinseite rollt, fühle ich mich zu Hause. Und das, obwohl ich doch schon 12 Jahre in Hannover lebe. Die Rückfahrt ist dann immer ein wenig befremdlich. In den dreieinhalb Stunden von Köln bis Hannover muss ich ein anderer werden, was sich auch zeigt in der Namensänderung. In der eurasischen Steppe kennt mich kaum jemand mit meinem richtigen Namen, sondern nur mit dem, der ich auch im Internet bin. Schon seltsam. Dabei habe ich die Frau, deretwegen ich hergezogen bin, nicht mal geliebt. Bei der Rückfahrt stieg übrigens im Weltbahnhof Düren eine Horde junger Frauen zu. Zwei unterhielten sich über ihre deutlich älteren Männer. 13 Jahre älter war der Freund der einen. Sie sagte altklug: „Das Problem bei älteren Männern ist … du kannst sie nicht mehr erziehen.“ Ja, vielen Dank. Das ist genau der Fehler, Fräulein. Dass ich mich nicht erziehen lassen wollte, daran ist auch die Beziehung gescheitert, deretwegen ich in Hannover gestrandet bin. Kann es überhaupt ein vernünftiges Ziel sein, den oder die BeziehungspartnerIn erziehen zu wollen? Das klappt doch nicht mal in der Weltstadt Düren.

Vom Himmelsbrief zum Hermann-Kuchen – Kurze Geschichte des Kettenbriefs

HIMMELSBRIEF, der, göttliche Luftpost, Offenbarung, die vom Himmel gefallen ist. Einen Himmelsbrief besaß auch Aldebert aus Gallien, der schon zu Lebzeiten im 8. Jh. vom Volk als Heiliger verehrt wurde, den der Hl. Bonifatius aber einen „betrügerischen Geistlichen, Irrlehrer, Schismatiker, Diener des Satans und Vorläufer des Antichrists“ nannte. Aldebert, dem besonders viele Frauen nachliefen, dessen Nägel und Haare von seinen Anhängern als Heiligtümer verteilt wurden, verfügte über ein Schreiben von Jesus Christus, das in Jerusalem vom Himmel gefallen und vom Erzengel Michael aufgehoben worden sei. Weiterlesen