Orientierungshilfen

Vor einer Weile sandte mir der Nürnberger Buchgestalter, mein Freund Christian Dümmler (CD), ein Paket. Als ich die Kartonage entsorgen wollte, entdeckte ich diese launige Aufschrift. Der Paketbote wird die Orientierungshilfe übersehen haben. Ernst gemeinte Nachrichten an Paketboten hängen mitunter an Türen. Meistens sind es lange Episteln, in denen jemand erklärt, dass er zu Hause ist und Pakete in Empfang nehmen kann. Sonst würden Nachbarn … und so weiter. Je länger der Text, desto unwahrscheinlicher, dass er überhaupt gelesen wird, außer von mir natürlich, sollte ich vorbeikommen, aber ich bringe keine Pakete. Wie kommen die Verfasser auf die Idee, sie müssten in langen Texten erklären, wie ein Paketbote seine Arbeit machen soll? Der Mann ist in Eile, will ausliefern und keine Episteln lesen.

Das kann sich denken, wer nicht völlig ichbezogen lebt. Auch zur Zeit der guten alten Bundespost war der Bote geringgeschätzt. Man hatte keine Bedenken, ihm Beine zu machen. „Briefträger lauf, Hans-Peter wartet drauf“, schrieb mancher auf Briefumschläge, als es in der Fernkommunikation noch Wartezeiten gab. Der Name ist natürlich Platzhalter. Franz, Heinz, Karl Hermann, Marie-Therese, Susanne, Ingrid und viele andere waren möglich, abgesehen von Namen, die damals noch nicht in der Welt waren. Aber der beamtete Postbote wurde wenigstens anständig entlohnt. Heute sind Boten die modernen Arbeitssklaven, weitgehend rechtlos und schändlich unterbezahlt. Dass an Liefersystemen mit Drohnen gearbeitet wird, signalisiert ihnen überdies ihre Ersetzbarkeit.

Im Wort Roboter scheint der Bote schon zu stecken, aber das ist wohl eine zufällige Übereinstimmung. „Roboter“ wurde vom tschechischen Autor Karel Čapek geprägt. Das Wort stammt aus dem Slawischen und bedeutet Arbeit oder „Fronarbeit.“ Wenn man berücksichtigt, dass „Sklave“ ebenfalls von Slawe abstammt, schließt sich der Kreis. Ich habe mir auf Rat meiner Lebensgefährtin einen Robot, einen Maschinensklaven geholt. Der Rheinländer kauft ja nicht, er holt. Der Robot soll bei mir Staubsaugen. Noch ruht er in seinem Paket. Bin gespannt, wie er sich in meiner Wohnung orientiert.

Alltagsgefahren

Eine meiner Schülerinnen, Balletttänzerin, trat einmal mit dem Blick auf den Rubik-Cube in den Händen auf die Fahrbahn, und ein vorbeifahrender LKW fuhr ihr über die Zehen. Da war es aus mit dem Ballett. Mit Schaudern hörte ich den Bericht.

Derzeit erschrecke ich beim Radfahren, wenn urplötzlich jemand aus einer Haustür tritt und im Vorwärtsgehen den Kopf gesenkt hat, um irgend eine unglaublich wichtige Nachricht auf seinem Smartphone zu lesen. Mir ist das in den letzten Tagen dreimal passiert, dass ich fürchten musste, der Realitätsblinde würde den Fahrradweg betreten, und ich müsste ihn leider umfahren.

Da nicht ausgemacht ist, dass ich selbst unverletzt bleiben würde, bremse ich ab und umfahre ihn, beschreibe einen Bogen so weit, dass ich gerade noch nicht auf die Fahrbahn gerate, wo in einer Art Kettenreaktion ein Autofahrer sein Steuer verreißt, ein Auto auf der Gegenfahrbahn rammt, das wiederum eine Oma erfasst, die ahnungslos ihren Rollator über den Gehweg schiebt. Und der Smartphone-Zombie bekommt davon gar nichts mit, so perfide ist das. Da immer mehr unserer Mitmenschen sich dem Sog des Smartphones nicht entziehen können, sehe ich schwarz für die Zukunft des Radfahrens und des Rollatorschiebens.

hässlich, hässlicher, am hässlichsten

Zeit meines Lebens habe ich mir bei anderen etwas abgeschaut, besonders in Beziehungen. Eine Exfreundin hatte die Gewohnheit, Münzgeld in einem großen Glas zu sammeln. Da hatte sie immer eine leichte Geldbörse und musste an der Kasse nie nach Kleingeld kramen. Bevor sie nach München umzog, schleppten wir ihre Sammlung von Euro-Centmünzen zur Sparkasse in der Nachbarschaft, wo man einen Zählapparat hatte, in den die Münzen hineingekippt werden konnten. Das war noch in Aachen. Das Verb „schleppen“ ist hier angemessen, denn Münzgeld hat ein ordentliches Gewicht. Inzwischen haben die Sparkassen diesen Service eingestellt.

In Hannover bietet ihn nur noch die Filiale der Bundesbank an. Sie liegt im Bankenviertel an der oberen Georgstraße, also in der Nähe des Stadtzentrums, was für mich eine weite Anfahrt mit dem Fahrrad bedeutet. Ich sammle das Kleingeld in einer Kaffeedose. Diesmal hatte ich zu lange gesammelt. Die Kaffeedose quoll über, und ich musste für den Transport weitere Behältnisse organisieren. Die Sammlung war so schwer, dass ich fürchtete, der Tragbügel meiner Radtasche würde reißen. Wie in den Jahren zuvor fuhr ich mit meiner Sammlung zur Filiale der Bundesbank. Man muss in diesem martialischen Bauwerk, das mal die Deutsche Reichsbank beherbergt hat, an einem Pförtner hinter Panzerglas vorbei. Er grüßte schon von weitem, brannte wohl auf den inneren Vorbeimarsch, mir sagen zu können, dass Zutritt nur nach Anmeldung im Internet möglich wäre. Außerdem wäre die Kasse schon zu. Es war gerade elf Uhr! Er gab mir einen Zettel mit einer Webadresse für die Terminvorgabe. Zu Hause stellte ich fest, dass sie nicht funktioniert bzw. mich auf die Seite der Bundesbankzentrale leitete. Nach einigen Fehlversuchen fand ich die Option Terminvergabe auf der Seite der Hannoverschen Bundesbank. Man kann in einem Kalender freie Termine suchen, für die Zeit von werktags 9 Uhr bis 11 Uhr. Der nächstmögliche Termin ist der 3. November!

Die geschilderten Schwierigkeiten hängen wohl mit dem Bestreben zusammen, das lästige Bargeld abzuschaffen. Die Option des Münzeintauschs wurde nach meiner Beobachtung von Menschen aus allen Schichten genutzt, auch von Obdachlosen, Straßenmusikanten, Straßenmalern und anderen Kleinkünstlern. Menschen vom unterem Rand der Gesellschaft wird durch die Onlineterminvergabe der Zutritt erschwert. Überhaupt wird ihr Geschäft ohne Bargeld unmöglich gemacht. Digitales Bezahlen wird immer bequemer, und die Gesellschaft wird immer hässlicher. In der schönen neuen Welt des Digitalen ist kein Platz für die Bewohner der Randzonen.

Mobilfunk zur Steigerung der Arbeitsmoral

Ein großer Wohnkomplex in meiner Nachbarschaft wird seit über einem Jahr aufwändig saniert. Ich komme vom Einkauf und sehe einen Mann in Anstreicher-Kleidung wie er das Straßenschild mit seinem Smartphone fotografiert. Einen Moment denke ich, dass sein Interesse dem Schild gilt. Aber daran ist nichts Besonderes. Es wird keine Fotokunst im Entstehen sein, obwohl man einem Anstreicher nicht leichtfertig den Willen zur Kunst absprechen darf. Ich kenne einen renommierten Künstler, der Malermeister im elterlichen Anstreicherbetrieb war, bevor er sich vom Handwerk abwandte und an der Düsseldorfer Kunstakademie studierte, später dort sogar einen Lehrauftrag bekam.

Ein Blick auf den Mann, zeigt mir, dass er kein Fotokunstprojekt betreibt, was auch während der Arbeitszeit gewiss unerlaubt wäre. Die herumstehenden Firmenwagen eines Anstreicherbetriebs tragen eine Delmenhorster Nummer. Man ist also am Morgen von Delmenhorst angereist, und jetzt dokumentiert der Vorarbeiter seinem Chef den Zeitpunkt ihrer Ankunft per Foto und Messenger. Genau weiß ich das freilich nicht. Ich habe es mir zusammengereimt. Ich weiß auch nicht, ob der Delmenhorster Chef einen Grund hat, seinen Leuten zu misstrauen. Bestünde die Gefahr, dass sie statt legal anzustreichen vom Weg abkommen, um vielleicht irgendwo illegal zu pinseln bzw. unzüchtig herum zu juckjacken?

Ich jedenfalls würde nicht gerne arbeiten, wenn ich mich selbst erniedrigen und mein Smartphone wie eine fotografische Stechuhr nutzen müsste, sondern danach erst mal  in aller Ruhe die Bildzeitung studieren. Das hätte der Chef dann davon.

Vagabundierende Texte – Ethnologie des Alltags

Textvagabunden sind von mir so genannte launige, auch erotische Texte ohne Autorenkennzeichnung. In der Zeit vor dem Internet kursierten sie in getippter Form, später wurden sie als Fotokopien weitergegeben. Ich habe in den 1990-er Jahren solche Zeugnisse der Volkskultur gesammelt.

Das erste Beispiel eines vagabundierenden Textes habe ich in den 1960-er Jahren während meiner Schriftsetzerlehre gesehen. Der Juniorchef der Druckerei war unser Setzereileiter. Nachmittags hängte er seinen grauen Kittel an den Haken, zog ein Jackett an und begab sich auf Kundenbesuch, um neue Aufträge zu akquirieren. Die Gesellen machten sich dann über seinen Kittel her, denn in der Brusttasche klemmten hinter ein paar Papiermustern ein pornografisches Foto, und dahinter ein zusammengefaltetes DIN-A4-Blatt, worauf mit Schreibmaschine ein pornografischer Text geschrieben war. Es ging um die sexuellen Abenteuer einer Frau namens Rosi. Das Blatt war so oft geöffnet und wieder gefaltet worden, dass die Kanten schon Risse hatten. Solche Blätter waren immer Originale, denn wer sie weitergeben wollte, musste sie abtippen.

Das änderte sich, als der Fotokopierer in die Büros einzog. Es wurden natürlich nicht nur pornografische Texte kopiert und per Hand weitergegeben. In vielen Büros der Verwaltungen hingen launige Sprüche oder längere Texte an der Wand, an der Tür oder am Schwarzen Brett, mit denen man sich den Büroalltag versüßt. Inzwischen werden solche Texte auch per E-Mail, über Messenger wie WhatsApp, Telegram usw. weitergereicht und verbreiten sich im Internet, so beispielsweise die Typbeschreibung des Trabbis 601 S auf Sächsisch, die Geschichte vom Hund des Gewerkschafters [in den 1980-er Jahren am Schwarzen Brett unserer Schule gesehen] oder die Anleitung Wie man andere in den Wahnsinn treibt. Hier nun ein authentisches Beispiel in Papierform:

Eigentlich habe ich heute die Betriebsanleitung für meine Heizungsterme gesucht, bekam aber plötzlich Lust, selten geöffnete Schubladen aufzuziehen und deren Inhalt anzuschauen. Ich fand mancherley Interessantes, unter anderem einen Textvagabund. Diesen Textvagabund hat mir eine Schülerin aus der siebten Jahrgangsstufe gegeben. Er trägt die Datumsangabe 1980, wäre demnach mindestens 40 Jahre alt. Wie die umseitige Quellenangabe zeigt, bekam ich den Brief am 26.September 1994. Zu diesem Zeitpunkt kursierte der Brief bereits 14 Jahre. Möglicherweise ist er noch älter, war ursprünglich handschriftlich, wurde später getippt und wieder abgetippt und erst im Jahr 1980 fotokopiert. Mich faszinieren daran die verhaltene Komik und surrealen Elemente.
Viel Vergnügen beim Lesen.

    Nachtrag: Am Freitagabend in geselliger HaCK-Runde sprachen wir kurz über den vor einem Monat gestorbenen Komiker Fips Asmussen. Herr Putzig wusste noch etwas über Asmussens Witztechnik. Ich erinnerte mich gar nicht, fand aber bei Youtube einige Beiträge. Sein Witz, in Erzählhandlungen eingebettet, erinnert stark an den Witz des Briefes.

Forschungsreise (6) – Aachener Wasser und Datenschutz

Im völlig leeren Zug nach Rheydt erwischt mich die junge Zugbegleiterin zweimal mit herunter geschobener Mund-Nasen-Bedeckung und droht: „Beim nächsten Mal hole ich die Polizei!“
„Und was passiert dann?“
„Das kostet 25.000 Euro!“
Da werde ich wohl einen Kredit aufnehmen müssen. Die Überreaktion der Schaffnerin ist zu erklären, weil wir uns der besonders von Corona betroffenen Region Heinsberg nähern. Selber schuld, wird mancher denken. Wieso fährt einer auch ohne Not nach Rheydt? Ging nicht anders. Umsteigen in Rheydt ist die kürzeste Verbindung von Rommerskirchen-Eckum nach Aachen.

Wenigstens gibt es unterwegs etwas Kurioses zu sehen, ein hässliches gelettertes Graffito, dessen derbe Aussage noch durch die nicht minder derbe Orthographie unterstrichen wird. Einheit von Form und Inhalt. Der bedauerliche Sprühschriftverfall der Wandbeschriftung wirft jedenfalls ein bezeichnendes Licht auf die Region. Der Bützer soll uns trotzdem noch eine Weile erheitern, nicht zuletzt wegen der Darstellung eines schuldbewusst aus einem Gebüsch hervorlinsenden Mannes, der leider aus dieser Perspektive nicht gut zu sehen ist.

Foto: Susanne B.

Man könnte ja glauben, die Wendung „Alles rennet, rettet, flüchtet“ wäre von der legendären Donald-Duck-Übersetzerin Erika Fuchs, aber es war mal wieder Friedrich Schiller. Unser erster Abend in Aachen plagt uns mit einem heftigen Gewitter und Regen wie aus Eimern. Wir flüchten in die Wandelhalle des Elisenbrunnens. Das Wasser der 46 Grad heißen Kaiserquelle sprudelt aus zwei Löwenmäulern in Granitschalen. Einst kamen die gekrönten Häupter Europas her, um es zu trinken. Ihre Namen sind auf Steintafeln verweigt. Mir wurde einmal zugetragen, dass das Thermalwasser als Heilmittel gegen Syphilis galt. Demnach verrät die Tafel, wer davon befallen war. Heute warnt ein Schild: „Kein Trinkwasser.“ Wer trotzdem kostet, wird nicht mehr amtlich erfasst, schon aus Gründen des Datenschutzes.

Aachener Regen – Foto: JvdL


Die Bedeutung des Aachener Regens hat ultimativ der damalige Aachener Oberbürgermeister Jürgen Linden im Jahr 2008 kundgetan, als nämlich unsere geliebte Bundeskanzlin A. Merkel die begehrte Händlerkarte den begehrten Karlspreis an den Hals bekam. Derweil die illustre Gesellschaft geladener Ehrengäste auf die Bühne hinterm Rathaus trat, um sich bejubeln zu lassen, kam ein ordentlicher Guss von oben. Da gab der Aachener Oberbürgermeister Jürgen Linden ein Beispiel des Aachener Minderwertigkeitskomplexes und rief:

    „Ich kann Ihnen versichern, werte gekrönte Häupter, Staatspräsidenten, Wirtschaftskapitäne und geehelichte Büromiezen – äh – Kindermädchen, wenn es in Aachen regnet, dann ist es der schönste Regen überhaupt!“

Es war Hagel. Derweil sich die Köpfe staunend nach oben richteten in den durchaus heftig durchnässenden Hagelschauer, kam es beinah zu einem Eklat. Der spanische König Juan Carlos ließ dolmetschen, er wolle den besonderen Aachener Regen gern mit nach Spanien nehmen. Sogleich rückten aufmerksame Polizeikräfte zusammen, „Gruppe sechs hierher!“ wurde gerufen, und bald schloss Gruppe sechs den Kordon der Polizisten und Polizistinnen, und man sicherte Seit an Seit die Sperrgitter gegen die Begehrlichkeiten des spanischen Königs. Wasserdiebstahl ist ein beliebter Sport in Spanien.

Meine aufmerksame Begleiterin hat im Aachener Rathaus übrigens festgestellt, dass unter den 61 dort verewigten Karlspreisträgern nur fünf Frauen sind, wobei das Adverb „unter“ natürlich nicht wörtlich zu nehmen ist, da sei der schöne Hut der niederländischen Königin Königin Beatrix vor.

Forschungsreise (5) – Heimat im Tomatenglühen

Fritz, meine Begleiterin und ich stehen am Schulgebäude, wo meine Familie in den 1960-er Jahren zunächst die Dachwohnung, später auch die Lehrerwohnung auf der ersten Etage bewohnt hat. Mehr darüber findet sich in diesem Text. [Vorsicht, ist ein bisschen gruselig]. Fritzens [Name geändert] Elternhaus lag schräg gegenüber. Abends kam er gerne vorbei, setzte sich zu uns, sprach wenig und ging bald wieder. Indem wir gut 50 Jahre später vor dem Schulgebäude stehen, erinnere ich daran. Fritz weiß das kaum noch und erklärt, dass er sich damals wohl dessen gar nicht bewusst war. Vermutlich habe er als Einzelkind die Lebendigkeit einer größeren Familie genossen.

Wir fahren wieder zurück in den Ort, in die Straße, wo wir bei Fritz zu Gast sind. Unweit bin ich als Jugendlicher in der Nacht zum ersten Mai beschossen worden. In meiner Heimat ist diese Nacht eine Freinacht. Man darf dann allerhand Dinge, die man üblicherweise nicht darf, beispielsweise Fensterläden und Hoftüren aushängen und aufs Maifeuer legen und natürlich Maibäume setzen. Uns war gegen Morgen eingefallen, dass wir einem Mädchen in Rommerskirchen noch einen Maibaum setzen mussten. Fritz besaß damals einen VW-Käfer. Wir fuhren also im Morgengrauen nach Rommerskirchen. Dort versuchte ich im Vorgarten eines Hauses, ein Bäumchen zu besorgen. Der Baum war hartnäckig, ich bekam ihn nicht ab, da ich nur eine kleine Axt hatte. Da trat der Hausbesitzer im Schlafanzug auf den Balkon, in der Hand eine Flobert. Er legte wortlos sein Luftgewehr an und beschoss mich – aus heutiger Sicht mit einem gewissen Recht. Zum Glück hat er mich Flüchtenden in der Dämmerung nicht getroffen. Das Mädchen bekam dann leider keinen Maibaum. Das Setzen von Maibäumen ist ein altes Fruchtbarkeitsritual. Sie wird wohl kinderlos geblieben sein. (Foto oben: Susanne B.)

KW Neurath 2 vorne [Foto Wikipedia]
Das Land wir überragt von den neuen 172 Meter hohen Kühltürmen des Neurather Kraftwerks – oben auf der Hühnerberg heißenden Anhöhe. Dieses zweitgrößte Braunkohlekraftwerk Europas ist fast von überall her zu sehen, zumindest aber die Wolkenfahne aus den Kühltürmen. Wer gerne Kinder anlügt, könnte ihnen hier glaubhaft machen, dass mit diesen gewaltigen Maschinen unser Wetter gemacht wird. Je nach Wetterlage lässt der sorgsam auf Farb-Luft-Perspektive kalkulierte Anstrich die riesigen Kesselhäuser beinah mit dem Horizont verschmelzen. In Zeiten der massiven Kritik an der Braunkohleverstromung, macht der Betreiber RWE sich und seine Kraftwerkmonster lieber unsichtbar oder fördert nebenher ökologische Projekte. Unweit vom Kraftwerk liegen die Gewächshäuser der Neurather Gärtner.

Mit der Abwärme des Kraftwerks produziert man auf 16 Hektar jährlich 6000 Tonnen Tomaten für die Supermärkte der Region. Das Unvorstellbare einmal anschaulich gemacht, bitteschön: Der Mensch isst durchschnittlich 240 Kilogramm Tomaten jährlich, müsste also 525 Jahre leben, um 6000 Tonnen Tomaten mit einem Gewicht von je 200 Gramm zu verzehren. Aufeinandergestapelt reichen 6000 Tonnen Tomaten von hier bis zum Mond, wenn sie nicht unter ihrem Eigengewicht zu Mus werden. Dann schwappt der Tomatenbrei bis Timbuktu oder eben bis hier, falls Sie das hier in Timbuktu lesen. Noch stärker verzagt die Vorstellung vor den unmenschlichen Dimensionen des Braunkohleabbaus, was schon alleine ein guter Grund wäre, ihn ganz zu verbieten. Übrigens, im Hambacher Forst wurden von der Polizei wieder Baumhäuser geräumt. Sie hat ja sonst nichts zu tun.

Das geheimnisvolle Tomatenleuchten – Foto: Ulrike S.

Nachzutragen wäre das wundersame Tomatenleuchten, was angeblich vom Mond aus zu sehen war oder jedenfalls sogar bis Holland. Schuld waren Studenten einer Kölner Filmhochschule. Die wollten einfach ein bisschen Quatsch mit der Beleuchtung von Tomaten machen.

Forschungsreise Rheinland (4) – Am Gillbach

Fritz ist uns so weit wie möglich entgegen gefahren. Im Wolkenbruch geben meine Sneakers auf und lassen die Nässe durch, links und rechts, beide gleichzeitig. Ein Fall von Quantenmechanik? Vor nun 27 Jahren bin ich mit dem Rennrad hier gewesen und stand am Eingang des Hohlwegs, wo Fritz uns erwartet. Einmal im Sommer fuhr ich damals von Aachen die 85 Kilometer zur Zollfeste Zons am Rhein. Dazu wartete ich eine stabile Wetterlage mit Ostwind ab, damit ich bei der Heimfahrt Rückenwind hatte. Damals schrieb ich diese Notiz in mein Tagebuch, spekulierte auch, ob nach so langer Zeit noch ein Molekül aus der Vergangenheit von mir rumschwirrte, sammelte einen Holundertrieb auf, den ich unter Folie konservierte.

Ich habe im Sommer 1993 auch am Grab meiner Eltern gestanden. Nach so vielen Jahren ist es aufgehoben. Wo das Grab gewesen ist, zeigt der Friedhof heute eine Wiese. Ich bin betroffen, schelte mich, dass ich mich nie gekümmert und alles meinen Geschwistern überlassen habe. Im Zentrum des Dorfes fließt noch das künstliche Bächlein, das der Künstler Anatol Herzfeld gestaltet hat. Im Untergrund gurgelt der kräftige Gillbach, der einst Grenzbach zwischen den Dörfern Butzheim/Nettesheim war. Damals verband die Dörfer eine Brücke „Tollbrücke“ genannt, was gewiss „Zollbrücke“ bedeutet hat. Eventuell gehörten beide Dörfer einst verschiedenen Verwaltungsbezirken an, und es wurde Zoll erhoben.

Krankenhaus Maria-Hilf Nettesheim, gestiftet 1889, inzwischen abgerissen – von einer alten Ansichtskarte

Der Gillbach tritt erst weiter nördlich wieder ans Tageslicht. Gleich nebenan erhob sich früher das Nettesheimer Krankenhaus, in dem ich geboren bin. Meine Großmutter erzählte oftmals die Geschichte von einem verheerenden Hochwasser:

    Nach tagelangen Regenfällen hatte der Gillbach die ans Krankenhaus angrenzenden Wiesen überschwemmt. Nur ein kleine Insel ragte noch hervor. Darauf drängten sich die Kühe des Gutshofes von gegenüber. Die Kühe muhten gar jämmerlich, weil sie schon Tage nicht gemolken worden waren. Der Bauer hatte sie auf der Anhöhe im Stich gelassen. Im Nettesheimer Krankenhaus lag ein junger Mann, der gerade am Blinddarm operiert worden war. Er konnte in seinem Krankenbett das jammervolle Blöken nicht mehr mit anhören, stand auf, ging im Schlafanzug hinaus in den Regen, stieg in die Fluten und schwamm hinüber zu den Kühen. Dann führte er sie aufs Trockene. Der Gutsbesitzer soll ihn Tags darauf im Krankenhaus besucht haben und ihm mit einem Fünfmarkstück gedankt haben. Das wurde allgemein als schäbig angesehen.

Fortsetzung

Forschungsreise Rheinland (3) – Ein altes Heimatlied

Die Straße meiner Kindheit heißt jetzt Am Eichelberg. Die Umbenennung wurde nötig, weil mehrere Dörfer, auch das Doppeldorf Butzheim/Nettesheim zur Gemeinde Rommerskirchen zusammengefasst wurden. Einige Dörfer hatten eine „Bruchstraße“ gehabt. Fritz [Name geändert], mein Freund aus Kinder- und Jugendtagen fährt uns die Straße hoch zu der Stelle, wo sie in einen Hohlweg eintaucht. Er wird hier auf uns warten, denn der Hohlweg kann schon lange nicht mehr befahren werden. Die Natur ist dabei, ihn zurückzuerobern. Ich erinnere mich, dass einst die Gespanne der Bauern durch den Hohlweg schaukelten. Da war die Straße noch breit und festgefügt. Inzwischen ist die Bruchstraße sich selbst überlassen.

Die Bruchstraße ist ein langer Weg mit wechselnden Gesichtern. Sie beginnt an der Landstraße am Ortsrand und stößt genau nach Osten. In einem der Häuser nahe bei der Landstraße bin ich aufgewachsen. Am letzten Gehöft auf der linken Seite endete für mich der heimische Bereich. Es war Rufweite. Dahinter steigt die Straße leicht an, bis sie an der Wegkreuzung oben im Feld wieder abschüssig wird. Von dort konnte ich unser Haus noch sehen. Dann taucht die Straße zweimal in tiefe Gräben, deren Hänge dicht mit Holunder, Hasel und Brombeere bewachsen sind. Hier begann das kleine Abenteuer. Die Mutter eines Jungen hatte eine Trillerpfeife. Die konnten wir manchmal hören, und dann rannte er flugs nach Hause.

In den fernen Hohlweg trauten wir uns erst, als wir größer waren. Doch selten waren wir an seinem Ende, wo die Straße auf einem Damm ein altes Moor überquert, das im 19. Jahrhundert trocken gelegt wurde. Ein Kanal mit brackigem Wasser erinnert daran. Ein kurzes Stück durchzieht die Straße den schmalen Ausläufer eines alten Auwaldes. Er gehört zu einem verschwundenen Altarm des Rheins. Dann ein Gehöft. Wenige Meter hinter dessen Hauswiese stößt die Bruchstraße an ein Feld und ist einfach weg, als hätte man sie umgepflügt. Als Junge habe ich dort manchmal mit dem Fahrrad gestanden und bedauert, dass unsere Straße nach so vielen zielstrebigen Kilometern gen Osten ohne Sinn und Verstand ein sang- und klangloses Ende im Acker fand. Mir war, als wäre sie unter der Ackerkrume noch zu finden.

Da wusste ich nicht, dass ich auf einer alten Römerstraße stand. Dort wo ich zu Hause war, zweigte sie von der römischen Fernstraße ab, die von den südlichen Provinzen zur Nordsee führte. Die Bruchstraße war die Verbindung zu einem römischen Kastell am Rhein gewesen. Vielleicht rührte daher ihr seltsamer Zauber, den ich immer gespürt habe, und der wuchs, je weiter ich von zu Hause fort war. Dass es eine Heeresstraße war, erklärt auch ihr seltsames Ende. Nachdem der letzte römische Legionär durchgezogen war, hatten die Leute dort den Weg verlegt, und später untergepflügt. Sie hatten einfach das Tor geschlossen, wie es sich gehört, wenn der letzte Gast gegangen ist.

Was ich als Kind nicht wusste – Infotafel zum Vergrößern klicken – Foto Susanne B.

An den Hängen der Hohlwege steht der Mergel an, auch Löß genannt, wie die Informationstafel ausweist. Da und dort leuchtet er gelb zwischen Holunderbüschen, Brennnesseln und Brombeerranken. Im Mergel kann man prächtig graben und Höhlen ausschachten. Dachs und Fuchs hatten es uns vorgemacht. Doch wir schachteten rechteckige Kammern. Darin saßen wir und bewachten den Hohlweg. Pfeil und Bogen hielten wir bereit. Nur die ahnungslosen Legionäre in leichter Marschordnung kamen nicht.

Ich möchte meiner Begleiterin das Tal zeigen, das die beiden Hohlwege trennt. Ein alter Rheinarm hat es ausgeschwemmt, als der Rhein noch nicht gebändigt war. An seinen Ufern hatte eine Siedlung gelegen, die längst versunken ist und deren Namen niemand recht weiß. Nur Scherben pflügen die Bauern dort aus dem Boden.

Es ist ein bekanntes Phänomen, dass dem erwachsenen Besucher die Straßen und Häuser der Kindheit klein vorkommen. Die Bruchstraße trotzt dem. Sie streckt und längt sich, dass wir eilen müssen, denn am Himmel hinter uns ballt sich eine tiefgraue Gewitterformation. Als wir das Tal erreichen, brennt uns die Sonne noch heiß in den Nacken, doch mit einem Mal ist die Formation über uns und verfinstert das Land. Wir erblicken das Tal und den fernen Einschnitt des zweiten Hohlwegs, da geht auch schon ein heftiger Schauer nieder. Meine Begleiterin ist eine geschwinde Geherin. Obwohl ich hinter ihr her jogge, bleibe ich bald zurück. Na, macht nichts, ist ja meine Bruchstraße und vertrauter Regen.

Fortsetzung

Forschungsreise Rheinland (2) – Bonner Geschichte

„Man glaubt es nicht“, sagt die Frau hinter mir, “wenn das alles stimmt, was in dem Buch steht, dann ist die ganze Politik eine einzige Korruption, bis hinauf zum Bundesverfassungsgericht. Wenn da ein Staatsanwalt anfängt zu ermitteln, wird der sofort von seinem Fall abgezogen.“ (Entschuldigung, kleine Panne: Falscher Notizzettel. Die Worte hörte ich nicht im Bonner Haus der deutschen Geschichte, sondern irgendwann in einem Café. Und nochmals Pardon: Die Erklärung ist so ausführlich geraten, damit der Text so hoch ist wie das Kategoriebild, was natürlich nur auf einem Computerbildschirm passt, nicht auf Tablet oder Smartphone. Als Typograf ignoriere ich gern die Ortlosigkeit der digitalen Schrift.)

Obwohl wir natürlich nicht wissen, was da alles im ungenannten Buch enthüllt worden ist, Buch und Frau schon längst im Orkus des Vergessens verschwunden sind, geben ihre Worte auf dem falschen Notizzettel einen wichtigen Fingerzeig zur Beurteilung einer positivistischen Ausstellung, wie sie im Bonner „Haus der deutschen Geschichte“ präsentiert wird. Zu sehen ist die Oberfläche: der Salonwagen auf einem Abstellgleis, mit dem die Bundeskanzler von Adenauer bis Brand durch die Republik geschaukelt sind und natürlich ein schwarzes Bakelit-Telefon mit Wählscheibe zur Hand hatten.

Ich setze mich auch in eine enge Hinterbank des Bonner Plenarsaals, quetsche mir beim Hinsetzen den Oberschenkel und spüre genau, dass der sprichwörtliche Hinterbänkler ein hartes Los hatte, auch wenn er sich geschickter in die Bank gedrückt hat als ich. Wenigstens das sollte er gekonnt haben. Im Pult vor sich hatte er wie alle Abgeordnete vier Tasten für Abstimmungen, doch wie und warum abgestimmt wurde, von den Vorgängen hinter den Kulissen, der Kungelei in den Fraktionen, den inzwischen aktenkundigen Bestechungen wie etwa beim gescheiterten Misstrauensvotum gegen Willy Brandt, von den Einflüssen durch Lobbyisten auf politische Entscheidungen erfährt der staunende Betrachter nichts, wie uns ja auch heute nur die offizielle Lesart präsentiert wird und unsere Medien sich brav zu regierungsamtlichen Verlautbarungsorganen herabgestuft haben.

Trotzdem lohnt sich der Besuch, der Fülle von Artefakten wegen, die Auskunft geben darüber, was mal ganz nomales Leben war. Die Rückschau zeigt die Plastizität des Normalen, dass nämlich das scheinbar alltäglich Festgefügte im ständigen Wandel ist, der sich an den Ecken und Rändern vollzieht und deshalb kaum wahrgenommen wird. Es gehörten zu diesen versunkenen Zeiten andere Menschen. Noch in den 1980-er Jahren wollten sie sich nicht zählen lassen und hätten die medial gefeierte Corona-Tracking-App unserer fürsorglichen Bundesregierung in die Tonne getreten.

Nebenher: Wer sich über die Rechten und Neonazis in deutschen Parlamenten beunruhigt, die eine solche App hoffentlich nie in die Hände bekommen, damals saßen unsere Parlamente voller Altnazis. Mit Kurt Georg Kiesinger war sogar ein Blockwart der NSDAP Bundeskanzler, vom KZ-Bauten-Planer Heinrich Bundespräsident Lübke ganz zu schweigen. Dass die alten Nazis inzwischen glücklich verröchelt sind, beruhigt natürlich nicht wirklich, denn Seilschaften und Netzwerke sind beständiger als die Personen. Ehemalige Nazis saßen auch in den Redaktionen der Zeitungen.

In der Ausstellung halte ich die erste Ausgabe der Aachner Nachrichten in Händen. Sie hat vier Seiten. Aachen als westlichste deutsche Großstadt hatte mit den Aachener Nachrichten am 24. Januar 1945 das erste freie Publikationsorgan, lizensiert von den Allierten. Nach dem endgültigen Zusammenbruch des 3. Reiches schufen die westlichen Alliierten in ihrem Einflussbereich eine Presselandschaft, mit der sie ein Mindestmaß an Meinungsvielfalt sichern wollten, indem sie in den Städten und Regionen je eine rechtskonservative und eine linksliberale Zeitung ins Leben riefen. So wurde den von der Nazi-Propaganda geistig und moralisch paralysierten Deutschen eine Ahnung von Meinungsvielfalt beigebracht. Leider ist das Konzept in unserer Zeit durch Verlagsfusionen, Blatteinstellungen und Redaktionsnetzwerke verloren gegangen. Mehr zum Wesen und Unwesen unserer Medien bietet folgender Auszug aus meinem Buch Buchkultur im Abendrot:

Exkurs Medien von der frühen Bundesrepublik bis heute Weiterlesen