Ein Vogel flog über den Plattenbau – Typografie vom Schuster und PS-starke Dummheit

Letztens schrieb ich über die voranschreitende Verblödung des Menschen. In einem Kommentar machte mich Christian Dümmler (CD) auf den SF-Film Idiocracy aufmerksam, eine Dystopie über eine total verblödete Menschheit. Den Film habe ich jetzt im TV gesehen. Er lief auf einem privaten Kanal. Eigentlich meide ich das Privatfernsehen, wegen der Werbung – und um nichts Ungutes durch meine Aufmerksamkeit aufzuwerten. Doch CD hatte mich neugierig auf den Film gemacht. Jedenfalls habe ich bei den obligatorischen Werbeeinblendungen gedacht, angenommen, die Welt wie sie in den Werbespots präsentiert wird, wäre eine korrekte Darstellung unserer Lebenswirklichkeit, dann sind wir bezüglich Blödheit gar nicht so weit weg von der Debilität im Film. Die Handlung ist im Jahre 2505 angesiedelt, aber wir haben keinesfalls den Sicherheitsabstand von einem halben Jahrtausend.

Wenn beispielsweise in einer Werbung für den Ford Mustang ein mittelaltes Paar sinnlos durch eine menschenleere Gebirgslandschaft brettert und die halbwüchsige Tochter auf dem Mobiltelefon anruft, sagt Frau: „Hundert pro ruft sie wegen der Wäsche an.“ Mann selbstgefällig griemelnd, während er das Gaspedal tritt und die Räder im Schotter durchdrehen: „Hundert pro.“ Man möchte dazwischenrufen: “ Es heißt ‚Hundert Prozent‘, du Honk!“ Nach einer Weile sie: „Jetzt müsste die Wäsche eigentlich durch sein. Er wieder: „Hundert pro.“

Wir sehen ein Paar aus dem Debilenmuseum. Die präemanzipatorische Frau auf dem Beifahrersitz, (wo sonst?) genießt es, dass ihr Mann wie ein Depp durch die Landschaft heizt. Passend zum geistig armen Vergnügen hat er nur einen winzigen Wortschatz: „Hundert pro.“ Die Tochter weiß schon, dass Wäsche Frauensache ist („Mama, machst du heute noch die Wäsche?!“) Jetzt muss sie nur noch lernen, sich selbst drum zu kümmern. Zur Belohnung winkt ihr ein Leben mit einem PS-Idioten.

Typografie vom Schuster

Da ich kein Fußballfan bin, habe ich erst kürzlich die aktuellen Trikots der Nationalmannschaft gesehen mit den rückwärtig aufgedruckten Namen. Ich dachte: „Bah! Was ist das für eine potthässliche Schrift?! – und suchte im Netz nach den Verursachern dieser visuellen Umweltverschmutzung. Hersteller der WM-Trikots ist Adidas, hat folglich auch die Schrift verbrochen. Bei Sport1.de wird Adidas-Sprecher Oliver Brüggen zitiert: „Inspiration für die Typografie waren kubistische Häuserblöcke, gesehen aus der Vogelperspektive.“

Yep, Plattenbauten sind sehr sehr inspirierend, besonders aus der Vogelperspektive. Das muss reizvoll sein für Leute, die als Schuhhersteller vornehmlich die Froschperspektive kennen und rechtfertigt natürlich, Spielernamen in einer schwer lesbare Schrift ohne Fernwirkung auf Trikots drucken zu lassen. Nach dem Vorrunden-Aus der Nationalmannschaft kann man sagen, die hässliche Schrift ziert historische Verlierertrikots. Das kam so: Passend zur disfunktionalen Plattenbau-Typografie hatte Adidas die deutsche Nationalmannschaft mit Klompen aus Beton ausgerüstet. In der 2. Halbzeit ließ man die Spieler auf Stöckelschuhen einlaufen, mit 25 Zentimeter hohen Stilettos. Es war also Sabotage, ist aber jetzt eh egal.

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Post von Hans

An einem heißen Sommertag im Juli 2013 besuchte ich den Altstadtflohmarkt Hannover am Hohen Ufer der Leine und schob mich unter einer brennenden Sonne durch die Menschenmassen zwischen den Buden. Ich suchte einen Stand mit antiquarischen Ansichtskarten, weil ich mich am archäologischen Literaturprojekt „Inspiring Voyeurism“ beteiligen wollte, einem Mitmachprojekt aus Blog.de-Zeiten, zu dem Freund Merzmensch aufgerufen hatte. Die Idee: antiquarische Ansichtskarten regen zu Untersuchungen und Spekulationen an.

Wer? … hat die Karte, Wann, von Wo, an Wen verschickt?
Warum? … Was bedeutet der Text der Karte?

Da bietet ein Händler Ansichtskarten feil, eng gestapelt in zwei Kartons. Die Sonne im Nacken blättere ich mit schwitzigen Fingern in den Karten. Soweit sie rückseitig keine Aufschriften haben, sind sie uninteressant. Obwohl meine Suche in der Hitze ungeduldig ist, finde ich zehn Karten. Der Trödler kommt heran, blättert meine Auswahl durch und will elf Euro. Da wären schließlich ein paar besondere bei. „Was? höchstens fünf Euro!“ „Acht Euro, um Ihnen entgegen zu kommen.“ Ich schaue in meine Geldbörse und sage: „Ich habe sieben Euro klein. Mehr können Sie nicht haben!“ Er gibt mir die Karten. Später setze ich mich in den Schatten und betrachte meine Beute. Einige der Karten sind ein Glücksgriff für meinen Projektbeitrag. Er sollte bald im Blog des Hannover Cünstler Kollektivs (HaCK) erscheinen. Leider ist das Blog mit der Plattform im digitalen Orkus versunken und auch nur rudimentär im Internet Archiv gespeichert. Das leider unvollständige Manuskript ist mir mehrmals schon in meinem Festplattenarchiv wieder begegnet. Es heißt: Der liebe Hans.

Hans hat im Abstand von drei Jahren zwei Ansichtskarten an seine Eltern geschickt, die erste 1954 aus Bonn, die zweite 1957 aus Berlin. Ich habe die Karten hintereinander gestapelt gefunden, ein Glücksgriff. Denn so erzählen die Karten eine längere Geschichte aus dem Leben von uns unbekannten Personen. Wäre es nicht so heiß gewesen am Stand des Trödlers, hätte ich gern weitere Karten von Hans gesucht. Aber so ist auch schön:

Die erste Karte zeigt im Vordergrund den Rhein, am jenseitigen Ufer das Bundeshaus in Bonn, eine Aufnahme aus den frühen 1950-er Jahren. Über dem schlichten Gebäude ist eine Fahne gehisst. Sonst könnte es auch ein simples Bürohaus sein. Trotzdem handelt es sich um das Parlament, und es scheint Hans wichtig gewesen zu sein, den Eltern diesen Eindruck zu vermitteln, mehr noch, er schreibt:

Liebe Eltern!
Herzliche Grüße aus dem Bundeshaus in Bonn
sendet Euch Euer Hans

Hans ist also im Bundeshaus gewesen und hat nicht etwa im Rhein gestanden, wie das Foto nahelegt. Vermutlich konnten Besucher die Ansichtskarte im Foyer des Bundeshauses erwerben. Abgeschickt ist die Karte laut Poststempel in Bonn, am 20. Oktober 1954.
Was war am 20. Oktober 1954 im Bundestag?

„Einstimmig beschloss der Bundestag, dass Bürger Ost-Berlins, die im Westteil der Stadt einen Arbeitsplatz hatten und diesen verloren, ein Anrecht auf Arbeitslosenunterstützung haben sollten. Die SPD warf in einer Bundestagsdebatte über Probleme der Jugend der Regierungskoalition vor, mangelndes Interesse an der Jugend zu haben.“

(Nachweis von hier.) Es ist unwahrscheinlich, dass Hans als Jugendlicher von Hannover aus einen Ausflug nach Bonn gemacht hat, um sich den Vorwurf der SPD anzuhören. Seine gut entwickelte, selbstbewusste Handschrift weist ihn als jungen Mann aus. Der exzentrische Schnörkel beim großen H zeigt einen infantilen Hang zur Eitelkeit. Vielleicht ist Hans in Bonn, um Jura zu studieren, mit dem Ziel, später in einer Bundesbehörde Karriere zu machen. Schließlich hat der Vater es in Niedersachsen schon zum Oberregierungsrat gebracht, wie die Adresse ausweist, und erwartet, dass sein einziger Sohn etwas aus sich macht. Die Anschrift weist eine Auffälligkeit aus:

Herrn
Oberreg.Rat O. Bxxxxxxxx
Hannover

Obwohl der Kartengruß an die Eltern gerichtet ist, taucht die Mutter in der Anschrift gar nicht auf, getreu der damaligen Konvention, dass die Ehefrau im Hintergrund zu stehen hat und nur über den Berufsstand des Mannes etwas gilt. Dass Hans dieser Konvention auch im Familiären folgt, weist ihn als hochgradig konservativ aus. Vermutlich ist er ein angepasster gelackter Schnösel und wie schon sein Vater Mitglied der Burschenschaft der Norddeutschen und Niedersachsen zu Bonn, einer schlagenden Verbindung. Man kann sich sein Elternhaus vorstellen. In der schummrigen Eingangsdiele der Stadtvilla im Jugendstil riecht es nach Bohnerwachs. Die Dielen sind spiegelig gewienert, die Wände mit dunkler Eiche vertäfelt. Die Eingangstür hat farbiges Glas, durch das Tageslicht nur milde hereinsickert. Über die Treppe zum Obergeschoss erstreckt sich ein weinroter Läufer, der in den Stufenecken mit goldglänzenden Messingstangen justiert ist. Auf einer Anrichte liegt ein gehäkeltes Spitzendeckchen. Darauf steht ein schwarzes Telefon. In einer Schale liegt die Post vom Tage, damit der Hausherr sie sogleich beim Heimkommen inspizieren kann … Sie ruft: „Ach, Hans hat geschrieben!“ Er: „Wurde auch Zeit.“

Drei Jahre später. Der Vater ist inzwischen pensioniert. In der Anschrift fehlt sein alter Titel, was nicht bedeutet, dass die Mutter jetzt genannt würde. Es heißt schlicht:

Herrn Otto Bxxxxxxxx und Frau

Zumindest das große überragende F von Frau zeigt, dass ihre Stellung sich entwickelt hat. Klar, er ist Pensionär und hat seine Reputation eingebüßt. Der Schnörkel, den Sohn Hans beim großen H macht, ist jetzt noch ausgeprägter. Hans hat die ihm gemäße Form gefunden, auch wenn es aus heutiger Sicht eine lächerliche Form ist. Das Gespräch zwischen ihm und den Eltern ist jedoch verstummt. Er hatte vor, einiges zu schreiben, hat sehr weit oben angefangen, sogar die Trennlinie überschritten. Dem herzlichen Auftakt:

Liebe Eltern!

Folgt nur ein lakonisches …

„Herzliche Grüße aus Berlin
Euer Hans“

Die Absicht war da, aber es ist ihm nicht mehr eingefallen. Trotz raumgreifender Schrift bleibt die Karte im unteren Drittel leer. Was steht da nicht? Warum schreibt er überhaupt? Hofft er auf finanzielle Unterstützung? Ist er dem Berliner Nachtleben verfallen, wie das Kartenmotiv nahelegt? Oder gab es ein Zerwürfnis? Die Tinte ist grün, weist auf einen gehobenen Berufsstand. Sachbearbeiter schreiben Rot, leitende Herrschaften Grün. Was ist passiert im Leben von Hans? Weitere Nachricht haben wir nicht. Gerade ist er vor uns aufgetaucht, nahm Gestalt an, die Eltern ebenso. Schon zerfließen die drei im Nebel der Zeit.

Danke, lieber Merzmensch, für das inspirierende archäologische Literaturprojekt!

Tischkamin statt Journalistenpreis – Vom Elend der Lohnschreiber

Kürzlich hat mein Türnachbar mir eine Fernsehzeitung in den Briefkasten gesteckt, weil er sie doppelt hatte. Ich hatte schon gut zwanzig Jahre in keiner Fernsehzeitschrift geblättert. Seit es gefühlt tausend TV-Sender gibt, ist mir der Aufwand des Blätterns und Lesens zu groß. Doch ich konnte mich überreden, weil es schon aus alltagsethnologischen Gründen gut ist, mal zu schauen, was die Fernsehzeitschrift den Leuten bietet. Aber es war so mühsam; schon auf den ersten Seiten im vorderen Teil mit den großen Bildberichten zu Stars, Filmen und Serien befiel mich heftige Langeweile.

Ein zweiseitiger Bildbericht getitelt „Das Glück der kleinen Freunde“, über „Haselmaus“, Eichhörnchen, Kaninchen und Küken, deren Anblick laut Text einer Anja Schuberth nicht nur „glücklich“ machen soll, sondern „auch Konzentration und Produktivität“ fördert, stürzte mich ob seiner schamlosen Verlogenheit in bodenlosen Grimm. Puh, schnell überblättern den klebrigen Hirnschiss.

Letzte Innenseiten: Das Kreuzworträtsel lachte mich an. Vielmehr lachte mich eine blondgelockte „Haselmaus“ an. „Star-Rätsel mit Jennifer Lawrence“ Wer zum Teufel ist das? Und was heißt hier „Rätsel mit …?“ Dem Namen nach spricht sie vermutlich kein Deutsch, könnte also gar nicht helfen, weil sie die Fragen nicht versteht. Soll ihre Betrachtung mich nur „glücklich“ machen sowie meine „Konzentration und Produktivität“ steigern, damit ich das Rätsel löse und mir ein Designer-Tischkamin winkt oder lacht, wobei lachende oder winkende Designer-Tischkamine reichlich surreal sind. Puh, ich schaffe nicht mehr als die drei Buchstaben „TIE.“

Beide Abb. aus: TV direkt, Nr. 7 2018

Woran hat’s gelegen? Hatte ich den Kopf nicht frei, weil ich nicht wusste, wer diese Jennifer ist, bis ich es ergoogelt hatte? (Ich kannte sie übrigens nur brünett und mit Flitzebogen.) Oder lag es daran, dass ich immer noch an die putzigen Küken, „das Glück der kleinen Freunde“, und die barbarische Realität des millionenfachen Kükenschredderns denken musste?

Am Abend kommt Kreuzworträtselredakteur Carsten Schmock nach Hause und setzt gleich die Wodkaflasche an den Hals. „War es so schlimm heute?“, fragt Melanie Schmock mitfühlend. „Wieder nur Star-Rätsel gebastelt? Das wird in diesem Leben wohl nichts mehr mit dem Nannen Preis. Immerhin gibts kostenlose Designer-Sachen.“
„Weißt du, was das Schlimmste ist?“
„Nein.“
„Wenn einem die eigene Ehefrau, das Elend aufs Butterbrot schmiert.“
Und höhnisch blakt der Designer-Tischkamin.

Brett vorm Kopf

Jüngst war in „jetzt“ (Beilage der SZ) zu lesen, dass die Anzahl der Toten durch Schusswaffen in den USA höher ist als die Zahl von Kriegsopfern, und wenn wieder mal jemand in einer Schule Amok gelaufen ist, schütteln wir den Kopf über diese Amerikaner, denen der private Schusswaffenbesitz wichtiger ist als das Leben ihrer Kinder. Als ich eben vom Brötchenholen nach Hause ging, kam ich an einer langen Reihe geparkter Autos vorbei. Ein stumpfgrauer Mustang, ein böse aussehendes, offenbar tiefergelegtes Kabrio wies mir sein Heck zu, ragte noch ein ganzes Stück in den Bürgersteig hinein, und ich sah links und rechts in je ein dickes Auspuffrohr, schwarz von Rußpartikeln. Eigentlich, dachte ich, ist die Selbstverständlichkeit, mit der die Deutschen den öffentlichen Raum mit ihren Autos zustellen, alle mit ihrem Lärm belästigen und Ruß und Abgase in die Atemluft blasen, eine irrsinnige kulturelle Prägung, die dem Schusswaffenwahn der Amis ebenbürtig ist.

338.784 Verkehrstote in Deutschland zählte ich eben aus dieser Statistik zusammen. Bei NDR.de las ich „In der EU sterben demnach 11.400 Menschen, weil die Autos in Wirklichkeit mehr verbrauchen als auf den offiziellen Messständen.“ Wohlgemerkt, es sind nur die wegen der betrügerischen Abgasmessungen zusätzlich auftretenden Todesfälle. Auch wenn die willkürlich festgesetzten Abgasnormen eingehalten würden, werden Mitmenschen an Schadstoffen aus Auspuffrohren verröcheln. Es ist das alles kaum zu beziffern. Gesamtzahlen sind nirgends zu finden, und alle Statistiken, selbst die offizielle der EU, machen mit der frohen, aber widersinnigen Botschaft auf: Zahl der Verkehrstoten gegenüber X gesunken! Hier, ein aus dem Twoday-Teppichhaus geretteter Text von 2009 zum Irrsinn der geltenden Sprachregelung:

Dass es so schwer ist, Gesamtzahlen der Toten zu finden, die auf das Konto das Straßenverkehrs gehen, ist sicher ein Erfolg der Autolobby. Sie ist keinen Deut besser als die zu Recht gescholtene Waffenlobby National Rifle Association (NRA) in den USA. Und wir sind in der Bereitschaft, dem Auto Kinder und überhaupt jeden zu opfern, nicht weniger idiotisch als unsere amerikanischen „Freunde.“ Über dieses gigantische Brett vorm Kopf empfehle ich mal nachzudenken, und wenn ich mich hundert Mal damit unbeliebt mache. Schönen Sonntag.

Wertegemeinschaft Egomanie und Gleichgültigkeit – ein Jammer

Man glaubt es kaum, die Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der Berliner CDU (MIT) glänzte jüngst mit dem christlichen Vorschlag, Hartz-IV-Empfängern unter 50 die staatliche Unterstützung zu streichen. Es wäre ein Grund gewesen, sich zu empören. Doch es geschieht nicht. Denn Hartz-IV-Empfänger sind unsere neuen Aussätzigen. Zur neoliberalen Strategie gehört, die Verlierer der Agenda 2010 verächtlich zu machen, ihre Nöte herabzuwürdigen in medialen Kampagnen der Springer-Presse und mit Gallionsfiguren wie Thilo Sarrazin und Jens Spahn. Auch das „Deutschland-geht- es-gut-Geschwafel“ der Bundeskanzlerin spart einen Teil der Gesellschaft aus und erklärt Verlierer zu Unpersonen. Das Bild des faulen Hartz-IV-Empfängers, der nichts Ordentliches schafft, sondern den ganzen Tag im Bademantel herumläuft, an der Bierflasche nuckelt und dummes Zeug verzapft, wird auch entscheidend geprägt durch die populäre Kunstfigur „Ditsche“ des Olli Dittrich, die passend zum Start von Schröders Agenda 2010 seit 2004 die öffentlich-rechtlichen Programme rauf- und runtergesendet wird. Dieser inhumane, würdelose Mist wird mit Medienpreisen überhäuft, was nur geht, wenn man einen entscheidenden Unterschied vergessen hat: Guter Witz ist, mit den Schwachen zu lachen und nicht über sie. Inzwischen sind wir derart verroht, dass uns das Zerrbild der Schwachen in unserer Wertegemeinschaft gar nicht mehr störend auffällt, wobei „Wertegemeinschaft“ ein verlogener Euphemismus ist, der eigentlich Werte- und Unwertegemeinschaft bedeutet. Die Unwerte werden uns nicht nur vorgelebt wie jüngst durch die Akteure im VW-Abgasskandal, sondern auch, indem eine Figur wie der Cum-Ex-Betrüger Carsten Maschmeyer hemdsärmlich von Plakatwänden grüßt und in TV-Sendungen hofiert wird. Das Wortspiel „ärmlich“ muss hier leider sein.

Die gewollte Armut in Deutschland wird durch Initiativen wie die Tafel unterstützend begleitet, dass aber in Deutschland die Menschen nicht protestierend auf die Straße gehen, ist letztlich ein Verdienst der „Alles-Billig“-Discounter. Discounter kaufen unter anderem auch Ware aus dem Ausland, und indem sie fast nichts dafür bezahlen („Das Geld wird im Einkauf verdient, hehe!“), importieren sie Waren und exportieren die deutsche Armut. Das gilt auch und besonders für Discounter der Modebranche wie KIK und Primark.

Ein weiterer Unwert ist durch die „Geiz-ist-geil“-Kampagne eines Elektronik-Discounters verbreitet worden. Wer „Geiz ist geil“ in Ordnung findet, findet auch nichts dabei, dass es Menschen gibt, die für ihre Arbeit nicht richtig bezahlt werden, dass es nicht nur in Deutschland, sondern weltweit ein Heer erbärmlich schuftender Billiglöhner gibt. Der „Geiz-ist-geil“-Verblendete findet es nicht skandalös, dass Deutschland den größten Billiglohnsektor Europas hat, sondern konsumiert fröhlich, was andere Menschen mit bitteren Existenzsorgen bezahlen. Das herumschleichende Gespenst heißt Entsolidarisierung und verseucht alle, die seinen Ungeist einatmen.

Anstiftung zur Spaßverblödung, Foto: JvdL

Dabei trifft es auf die weit aufgerissenen, schnappenden Mäuler der „Hauptsache-ihr-habt-Spaß“-Infantilen, und weil ein aufgerissenes Maul das menschliche Antlitz zum Zerrbild macht, schaut von denen niemand mehr in den Spiegel und reflektiert mal sein tägliches Handeln. Stattdessen posiert man für Selfies. Im TV wurde über Wasserknappheit in der Region Stade berichtet. Der Trinkwasserverband appellierte an seine Kunden, auf Rasen sprengen und Auto waschen zu verzichten. Ein Bauer, bei dem nur noch ein Rinnsal aus dem Wasserhahn tropfte, so dass die Melkmaschine nicht funktioniert und er seine Kühe nicht tränken konnte, fand befremdlich, dass Leute sich „bei Facebook abfeiern, sie würden ihren Rasen trotzdem weiter sprengen.“ Der Mann sprach von „sozialen Medien.“

Im Mikrobloggin dieser „sozialen Medien“, wo nicht weiter gedacht werden muss als bis zur eigenen Nasenspitze, finden wir einen Gradmesser für den verheerenden Zustand unserer Gesellschaft. Denn seit Jahren wird sie unter dem neoliberalen Credo umgebaut zu etwas Hässlichem. Ihre Hässlichkeit färbt leider ab, und so sind weite Teile unserer Eliten sehr sehr hässlich. In deren Raubtierwelt, wie sie uns mustergültig vorgeführt wird im TV-Format „Die Höhle der Löwen“ ist Solidarität nicht opportun. Jeder sei nur auf seinen Vorteil bedacht. Wenn einer aus der Herde gerissen wird, sieht der Rest der Herde gleichmütig mampfend zu. Genauso gleichgültig schaufelt der tumbe Gierhals, der wenigstens in seiner Freizeit auch mal Löwe sein will, Billigfleisch auf seinen Tankstellengrill, obwohl er schon von den barbarischen Bedingungen der Billigfleisch-Erzeugung und -Verarbeitung gehört hat. Der Pestvirus, an dem die Menschheit zugrunde gehen wird, heißt Spaß, Egomanie und Entsolidarisierung.

Aufforderung zur Solidarisierung, klick mich, verbreite mich! Grafik: JvdL

Zum neoliberalen Umbau der Gesellschaften gehört auch die DSGVO, die mit der Impressumspflicht für Blogs exakt das Gegenteil der erklärten Absicht bewirkt. Man stelle sich nur vor, wie es den ungarischen Bloggerinnen und Bloggern in Orbanland ergeht oder denen in Polen oder auf Malta. Dort Widerstand zu leisten, bedroht mehr als die Geldbörse, was ja bei uns den größten Schrecken verbreitet. Man wünscht sich eine wache Zivilgesellschaft wie in den 1980-er Jahren, die durch massenhafte Verweigerung die Volkszählung verhindert hat. Kollege Pantoufle verlinkte in einem Kommentar zum Nettesheim-Dialog zu einer Liste von 320 bereits aufgegebenen Blogs. Völlig ignoriert vom herrschenden Kulturbetrieb, verbrennen Tausende digitaler Bibliotheken. Es stirbt eine bunte lebendige Netzkultur, und Blogs werden in naher Zukunft nur noch eine Fußnote der Mediengeschichte sein, wenn wir keine Lösung des Problems finden. Eigentlich hülfe Solidarität aller Bloggerinnen und Blogger. Ersatzweise eine Klage vor dem Menschenrechtsgerichtshof der EU.

Anleitung zur Sorgsamkeit

Der nächtliche Regen hat auf dem Asphalt eine Pfütze hinterlassen. Mittendrin hockt eine Krähe und wässert einen Leckerbissen, nahebei steht ein Mann mit Kopfglatze auf dem Gehweg, trippelt mal vor und wieder zurück. Dabei schaut er angestrengt die Straße hinunter. In der Rechten hält er vermutlich einen Schlüssel, von dem ein langes Schlüsselband baumelt. Ein Pritschenwagen von der Stadtreinigung kommt heran und parkt hinter dem Mann auf dem Gehsteig. Der Fahrer in Arbeitskluft steigt aus und begibt sich auf den Spielplatz. Er geht wie einer, der sich krumm gesessen hat und dessen Glieder sich nur unwillig strecken mögen. Die Schultern und Hüften ganz aus dem Lot strebt er den Sitzbänken mit Tisch zu, richtet den Müllsack im Abfallkorb und geht dann zur Hecke, um sich zu erleichtern. Dabei steigt er vorsichtig über Abfallpapier am Boden, als wäre es eine vom Aussterben bedrohte Pflanze. Ich stehe hinterm Fenster und beobachte alles. In meinem Kopf ein Bild, das mich seit Tagen verfolgt: Auf einem laufenden Fließband unzählige Küken, flauschige gelbe Wesen, allesamt putzig. Das Fließband befördert sie vorwärts in den Schlund eines Schredders. Ein Küken macht einen ängstlichen Trippelschritt zurück, um dem drohenden Unheil zu entgehen. Schon fällt es kopfüber hinab.

Welch Glück, nicht in einem fremden Körper aufzuwachen und ein Küken beim Sturz zwischen die stoisch drehenden Walzen eines Schredders zu sein. Oder plötzlich ein Wurm zu sein, der von einem Krähenschnabel aufgespießt und zerteilt wird. Ein Glück auch, kein Mann von der Stadtreinigung mit Rückenschmerzen zu sein. Warum ist das so? Was gibt uns die Gewissheit der eigenen Identität? Allein die Erinnerung. Aber würdest du plötzlich wach in einem Körper, den Folterknechte aus seiner Zelle schleppen, dann wüsstest du, was dir droht, hättest du die Erinnerung an den Schmerz und wüsstest, wie und wie oft man dich schon gemartert hat, und wüsstest nicht, dass du gestern ein Mann mit Kopfglatze warst, der trippelnd die Straße hinunter geschaut hat. Das ist die Konsequenz der Idee, dass alles mit allem zusammenhängt.

Das turmhohe Butterbrot in der Wüste des Schmeckens

Die Erinnerung malt meist mit goldenem Pinsel, lautet eine chinesische Weisheit. Was ich zu schreiben gedenke, könnte man als die rückwärts gewandte Idealisierung „Früher-war-alles-besser“ abtun. Aber es ist der Versuch, mich zu erinnern an Geschmack. Natürlich sind die Begleitumstände beinah idyllisch. Da wende ich ein, dass der Zeitpunkt der Handlung der frühe Sonntagabend ist. Schon ab Mittag hatte die anstehende Fron der Arbeitswoche wie ein Schatten auf meiner Seele gelegen, so ein herbstlich wehes Gefühl. Das Wochenende musste ich ziehen lassen wie einen prächtigen Sommer. Weiterlesen