Modischer Trübsinn

„Soll ich Ihnen das Modell ‚Winterdepression und Todessehnsucht‘ einpacken?“, fragt die Verkäuferin.
„Och nein, schneiden Sie nur die Etiketten ab, die geht so mit“, sage ich und schlüpfe in die neue schwarze Winterjacke.
Sie unterscheidet sich kaum von der Vorgängerin, denn ich will nicht aus der Masse herausstechen, mit etwa einer roten Jacke. Ich weiß nicht, ob es überhaupt erlaubt ist. Das Verhaltensmuster, in der dunklen Jahreszeit mit einer ebenso dunklen Jacke zu laufen, grenzt nicht etwa an eine Psychose, sondern gehört zum kulturellen Erbe unserer Gegenwart wie Glühwein, Salzgebäck und Mettigel und prägt unsere Sozialbeziehungen.

Einmal bei einer Geburtstagsfeier traf ich früh ein und hängte meine Jacke leichtsinnig an den Garderobenhaken. Als ich gehen wollte, war meine Jacke unter den schwarzen Jacken späterer Gäste verschwunden. Ein freundlicher junger Mann half mir aus der Not, indem er sich den wachsenden schwarzen Jackenberg auflud. Unter der Last schien er zu schrumpfen, bekundete aber, dass er sich glücklich schätze, mich wenigstens bei dieser Gelegenheit kennenzulernen, der ich ja wohl nach Hause wolle. Es war nicht die geringste Ironie in seinen Worten,- aber er kannte mich ja nicht wirklich, hehe, und tat aus einem durchaus dubiosem Grund, was der Titanic-Autor Eugen Egner sowieso anregt: „Nehmen Sie sich Zeit für den größten Mist, heben Sie die schweren Winterjacken wildfremder Leute hoch.“

Thema Todessehnsucht: Bei Dunkelheit im Straßenverkehr fand sich mancher schon aufgegabelt auf einer Motorhaube. Wem das zu unsicher ist, der lasse sich von einem SUV unter die Räder nehmen. Glücklicherweise fahre ich kein Auto, muss demgemäß nicht bei Dunkelheit auf herumstolpernde schwarze Schatten achten. Gibt es rationale Gründe dafür, im Winter dunkle Jacken zu tragen? Natürlich würden sie bei klirrender Kälte und Sonnenlicht wärmen, denn Schwarz absorbiert alle Farben des Spektrums und wandelt sie in der Jacke in Wärme um. Aber Sonnenlicht? In letzter Zeit keins gesehen. Schwarze Jacken machen trübsinnig. Eine ganze Bevölkerung kleidet sich wie für eine Beerdigung. Es ist, als hätten sich ModeschöpferInnen gegen die Menschheit unserer Breiten verschworen. Früher gings nur gegen Frauen [im Bild, Schuhmode vom Frauenhasser, Teestübchen Archiv], heute auch hier Gleichberechtigung.
[Ein Beitrag zum anstehenden Blue Monday, dem traurigsten Tag des Jahres.]

Süßer Fernsehschlummer

Vor dem Fernsehgerät einzuschlafen, gefällt mir in letzter Zeit immer besser. Wenn ich während einer abendlichen Magazinsendung, Kulturzeit, nano (3SAT), DAS, Hallo Niedersachsen (NDR), Lokalzeit (WDR) weggenickt bin und wieder aufwache, dann hat mein Schlummer die selbstgefälligen Akteure des Mediums auf ihre wahre Bedeutung zurückgestuft. Ihr Anspruch, in meiner Wohnstube den Ton anzugeben, hat sich als Anmaßung erwiesen. Was wann gesendet wurde, ist so gut, als wäre es nicht gesagt und gezeigt worden. Das rührt an die Frage, ob eine nicht verfolgte Fernsehbotschaft überhaupt existiert, wie ja auch ein nicht gelesenes Buch, die nicht aufgeschlagene Zeitung/Zeitschrift nur Totholz sind.

Und die freie Bedeutungsgebung erst. Bei der einen Sendung einzuschlafen und der Folgesendung aufzuwachen, erzwingt für den Augenblick einen überraschenden Kontextbezug. Hat man zuvor die uneigentlichen Aussagen einer satirischen Botschaft verfolgt, erweist sich der finstere Unhold der Nachfolgesendung als Komiker. Alle genannten Aspekte lassen sich mit dem Finger auf dem Weiter-Knopf der Fernbedienung erleben, aber von einer Sendung zur anderen zu schlummern, ist viel süßer.

Vor einer Weile habe ich im Teestübchen-Blog einen vermeintlichen PR-Beitrag des NDR-Fernsehens kritisiert und der Redaktion von „Hallo Niedersachsen“ den Link zugesandt. Man erklärte sich per E-Mail und schrieb abschließend:

    „Wir hoffen, Ihnen mit diesen Erläuterungen geholfen zu haben. Allerdings halten wir Bemerkungen wie „Warum machst du das, du Depp? (…) Ich musste nicht schmunzeln und wollte leider brechen.“ für keine gute Grundlage für einen Austausch über redaktionelle Entscheidungen.“

Holla! Die Majestäten des Verkündigungsmediums „Wir erklären die Welt, und ihr zieht euch das rein“ waren „not amused“, dass sich da einer anmaßt, mit deutlichen Worten zu kritisieren, was man ihm ohne Vorwarnung in die gute Stube gekübelt hat. Ja, tut mir leid. Ich bitte herzlich um Entschuldigung. Leider versäumte ich, beizeiten einzuschlafen.

Doppeldecker-IC 2435

Der Doppeldecker-IC von Emden nach Leipzig über Oldenburg, Bremen und Hannover ist überfüllt. Die Bahn hatte schon gewarnt: „Hohe Auslastung erwartet.“ Wie geht das? Wie kann die Bahn die Auslastung vorhersagen, obwohl sie nicht weiß, wer an diesem Tag, zu dieser Zeit in die Schuhe springt, Frau, Kind oder andere Lieben verlässt, um nach Leipzig oder sonst wo zu fahren? Der Doppeldecker-IC von Emden nach Leipzig über Oldenburg, Bremen und Hannover muss sonntags regelmäßig überfüllt sein. Schon oft müssen die ohne Sitzplatz dicht an dicht auf den Treppenstufen gesessen haben, so dass kein Durchsteigen ist, ohne den einen oder anderen mit dem Fuß in die Weichteile oder am Kopf zu treffen.

Seit längerem haben Zugbegleiter einer fernen Bahnzentrale gemeldet: „Puh! Der IC 2435 war wieder pickepackevoll.“ Die Bahn reagiert darauf mit Warnungen. Sie könnte natürlich einen zusätzlichen Waggon anhängen. Aber man gönnt den Leuten die Sonntagsunterhaltung, weil es gewiss welche gibt, die sich über diese drangvolle Enge nen Keks freuen. Sie können sich an anderen reiben, bekommen von unbeholfenen Fahrgästen den einen oder anderen Tritt, und wenn sich der extra für den IC 2435 ausgesuchte kugelrunde Zugbegleiter durchquetscht, werden sie schön an die Seite gepresst und jappen wie ein auf die Planken eines Krabbenkutters geworfener Beifangfisch. Manche wählen einen überfüllten Zug in freudiger Erwartung, wie es ja auch Leute gibt, die absichtlich in einen Stau fahren oder sich zu ihrer Befriedigung mit Ruten schlagen lassen.

Übrigens ist man bei der Bahn kein Fahrgast mehr; nach neuer Sprachregelung ist man nur noch Gast, vielleicht weil die Bahn manchmal steht statt zu fahren: „Verehrte Gäste, leider fehlt in unserem Zug der Wagen X. Gäste mit Reservierungen für diesen Wagen verteilen sich bitte auf die anderen Wagen!“ Also je nach Platz Füße in Wagen 12, Arme und Beine in Wagen 13, ach nein, der fehlt auch wegen der Triskaidekaphobie, in 14, den Hintern in 15 – weitere Teile nach Belieben.

Im IC 2435 saß hinter mir eine Frauenstimme. Also, ich nahm sie zunächst nur als Stimme wahr, vermutete allerdings, dass eine ganze Frau dazu gehörte. Indem sie sprach, wuchs in mir der Wunsch, sie unbedingt beim Aussteigen in Hannover anzuschauen, der Revolverschnauze wegen. Damit meine ich nichts Derbes, sondern, dass sie die Wörter in rascher Folge wie aus einem Trommelrevolver abfeuerte. Sie sprach etwa 10 mal schneller als die neben mir sitzende Schwäbin und 20 mal schneller als ich. Am anderen Ort zu anderer Zeit war ich schon vom munter dahin plätschernden Reden gleich einem sprudelnden Bächlein fasziniert gewesen. Die Stimme hinter mir war zwar ähnlich wohlklingend, doch eher wie ein dahin schießendes Schmelzwasser, das Menschen, Autos, Baumstämme und sogar Brücken mitreißt. Der Redefluss wurde von einem eilfertig zustimmenden Mann angetrieben. Es ging um Juristerei, Arbeit für ein Ministerium, juristische Prüfung von Gesetzesvorlagen, so dass ich mich wunderte, dass derlei wichtige Persönlichkeiten wie die Stimmenbesitzer in der 2. Klasse mitfuhren. Vermutlich fehlte der für sie reservierte 1.-Klasse-Wagen, so dass die beiden sich unters gemeine Volk hatten verteilen müssen.

Beim Aussteigen warf ich einen Blick auf die Stimmenbesitzerin und fand sie unscheinbar. Das einzig interessante an ihr war ihre Stimme, weshalb sie auch damit prunkte im vollbesetzten IC 2435.

Ein finsterer Charakter lässt sich kaum verbergen

Ein Fahrer des Bäckereikette rollt einen Palettenstapel mit Backwarenrohlingen vom Lieferwagen zur Bäckerei. Aus dem Laden kommen drei junge Frauen, vermutlich Schülerinnen des benachbarten Gymnasiums und steigen die Stufen hinab an den Paletten vorbei. Eine wirft einen Blick in die obere offene Palette und fragt: „Was ist das?“
„Das ist Eis, tiefgefroren,“ sagt der Fahrer grinsend, und dann im Laden zur Verkäuferin: „Das hat sie mir nicht geglaubt, Beate.“
„Du hättest ihr welche hinterherwerfen sollen, dann glaubt sie es“, antwortet Beate. Erwischt, denke ich und muss trotz ihrer Bosheit lachen. Diese Verkäuferin ist mir monatelang unangenehm gewesen, weil sie stets unfreundlich war. Offenbar hat man sich über sie beschwert, denn seit Wochen staune ich darüber, wie sie sich die freundlichen Floskeln „danke, bitte“, sogar „Schönen Tag!“ herausquetscht, ohne dass man eine innere Beteiligung hätte spüren können. Ebensogut könnte ein dressierter Papagei derlei Floskeln sagen, nur nicht so deutlich.

Ich hatte spekuliert, die Arbeit wäre der Frau unangenehm und vermutlich zu schlecht bezahlt. Aber wenn sie darauf angewiesen ist, wäre Freundlichkeit ihr Kapital, das die Kunden anlockt und somit ihren Arbeitsplatz sichert. Erst kürzlich war im Lokalblatt die Klage eines Bäckereikettenbesitzers zu lesen, wie schlecht es dem Handwerk ginge, weil die Kunden wegblieben und sich lieber beim Discounter versorgen würden. Um die gestiegenen Kosten und wegbleibende Kundschaft zu kompensieren, müsste ein Brot regulär 10 Euro kosten, was er aber nicht verlangen könnte, um die Spirale nicht weiter nach unten zu drehen.

Vielleicht liegt es auch daran, dass Bäckereiketten das „Handwerk“ des Bäckers zu sehr automatisiert haben und nicht mehr selbst backen, sondern nur noch Rohlinge von ungelernten und schlecht bezahlten Arbeitskräften aufbacken lassen. Das können Discounter genausogut und billiger, weil sie größere Mengen abnehmen. Ich habe mal gehört, die ganzen Rohlinge kämen aus China, also, es geht um Backwaren. Menschliche Rohlinge brauchen wir nicht zu importieren, die haben wir selbst. Eine hegt die finstere Phantasie, Kundinnen mit tiefgefrorenen Brötchen zu bewerfen.

Rücksichtsloses Selbsteinladen

„In aller Bescheidemheit möchte ich mir den Hinweis erlauben, dass auch und gerade in den Vor-Telefonzeiten das überraschende Klingeln an der Haustür, also das rücksichtslose Selbsteinladen bei einem Nachbarn oder Bekannten, nicht unüblich war, wie ich von Zeitzeugen weiß“, schrieb mir ein Freund, nachdem er meinen Telefonhassertext gelesen hatte.
Tatsächlich kenne ich das Verhalten auch noch gut aus der Zeit von Kindheit und Jugend in den 1950-1960-er Jahren. Beispielsweise luden wir Kinder der Bruchstraße uns am Samstagnachmittag beim Bauern Balzer ins Wohnzimmer ein. Balzers hatten als einzige in der Nachbarschaft ein Fernsehgerät.

Nach und nach trudelten die Kinder dort ein, suchten sich wortlos einen Sitzplatz, um die Kindersendung „Samstagnachmittag zu Hause“ anzuschauen. Intro war ein kurzer Zeichentrickfilm, in dem eine mütterlich dicke Frau vors Haus trat und die Straße hinauf und hinab rief. Von links und rechts kamen die Kinder angerannt und versammelten sich in perfekter Übereinstimmung mit der Realität vor dem Fernsehgerät. Innerhalb dieses Sendeformats wurde jeweils eine Folge von Lassie gezeigt, glaube ich mich zu erinnern.

Auch die Erwachsenen besuchten sich gegenseitig ohne Voranmeldung, drückten einfach die Türklinken der nie abgeschlossenen Wohnungen hinunter und traten ein. Noch in den 1980-er Jahren erlebte ich etwas Ähnliches. Ich war mit Frau und Kindern im niederländischen Mergelland unterwegs, steuerte den Familienbus leichtsinnig zu einem Picknickplatz auf einer abschüssigen Wiese und fuhr mich im unteren sumpfigen Stück fest. An der wenig befahrenen Straße bat ich einen einsamen Spaziergänger um Hilfe. Er sagte, er kenne einen Bauern der Gegend und werde mich hinbringen. Das Gehöft lag in sonntäglicher Ruhe. Der Mann ging trotzdem einfach ins Haus und suchte den Bauern. Wir fanden ihn später auf dem Feld, und er half mir mit seinem Trecker aus der Patsche.

Sich vor einem Besuch anzumelden, muss eine neuartige Sitte sein. Die Radiomoderatorin Siska Schoeters hatte einmal einen niederländischen Kabarettisten zu Gast in ihrer Sendung beim flämischen Musiksender Studio Brussel. Der interessierte sich für spezielle Verhaltensweisen der Flamen, denn Niederländer und Flamen haben zwar eine gemeinsame Schriftsprache, doch ganz unterschiedliche Sitten und Gebräuche. Siska Schoeters sagte, bei den Flamen sei es üblich, sich nach dem Heimkommen Hose oder Rock auszuziehen und in der Wohnung in Unterhose bzw. Slip umherzulaufen. Die Aussage wurde nie dementiert.

Privat ist der Flame/die Flämin also in Unterhose. Das ginge ja nicht, wenn man jederzeit mit dem Eindringen Fremder zu rechnen hätte, die grad ein bisschen Fernsehen möchten oder abgeschleppt werden wollen.

Männer, die mit Schachteln winken

Vor mir auf dem besonnten Gehweg geht ein kleiner älterer Mann. In der Linken trägt er eine flache Kartonage. Plötzlich glaubt er, in der Straßeneinmündung einen Bekannten gesehen zu haben. Er winkt dem vorbeirollenden Radfahrer mit der Schachtel zu. Der reagiert nicht, denkt wohl: Männer, die mit Schachteln winken, kenne ich nicht. Man ignoriert sie am besten. Vielleicht war das Winken mit der Schachtel sowieso ein Versehen wie damals, als ich meinem Hausarzt mit einem Strumpf gewinkt habe. Es heißt übrigens standardmäßig „ich winke, ich winkte, ich habe gewinkt. „Gewunken“ ist eine irrtümliche Analogiebildung. Es heißt zwar „sinken, sank, gesunken“ doch nicht „winken, wank, gewunken.“

Eine junge Frau im Sportdress reckt im Gehen beide Arme gen Himmel als würde sie für kommende sportliche Aktivitäten den Beistand der Götter herabwünschen. Machen die sowas? Stehen die Götter den Flehenden bei? Eher nicht, und zwar deshalb:

    Einem Bauern im alten Griechenland ist die einzige Hacke in den Fluss gefallen. Er beklagt es lauthals, will nicht aufhören mit seinem Jammer. Irgendwann geht er den Göttern so auf die Nerven, dass sie ihm eine goldene Hacke zuwerfen, um endlich Ruhe zu haben. Darob werfen auch andere Bauern ihre Hacken in den Fluss. Das Jammern will kein Ende nehmen, und die Götter schwören einander, niemals mehr zu reagieren, wenn Menschen ihre Hände flehend gen Himmel strecken.

Auf dem Grau des Gehwegs viele dunkle Flatschen, offenbar festgetretene Kaugummis, einst achtlos in die Botanik gespuckt. Macht man’s noch? Oder ist der Umweltgedanke auch in die dümmsten Gehirne gesickert. Sollte es in Zehntausend Jahren noch Archäologen geben und sollten sie asphaltierte Gehwege aus zehn Metern Tiefe (alle tausend Jahre sinkt eine Stadt um einen Meter) freilegen, werden sie sich vielleicht wundern über diese platt getretenen Gummiflecken. In einer Million Jahren, wird der Despot einer unterirdisch lebenden fernen Spezies, den und die ich lieber nicht kennen wollte, vielleicht seine Zwangsherrschaft darauf gründen, dass ihm lange Gehwege voller Kaugummiflatschen gehören, woraus sich ein seltenes Mineral gewinnen lässt, mit dem er alle Weiber gefügig machen kann. Sollte sich jetzt eine(r) aufregen wegen „Weiber“ und „gefügig“, wende ich ein, dass uns geschlechtsspezifische Diskriminierung bei dieser ekelhaften Spezies doch egal sein kann.

„Alte Kaugimmiflatschen“ – wie eklig ist das denn. Ich habe als Kind mal versehentlich einen Stuhl an der Sitzfläche umfasst, um ihn vorzurücken, und fühlte in einen alten Kaugummi. Dabei schüttelt’s mich heute noch. Eine mutige Regierung würde von Kaugummiproduzenten übrigens die Reinigung der Gehwege verlangen. Und die sollen auch unter Stühlen saubermachen! Verursacherprinzip. Schließlich hat man mit dem Verkauf der Kaumasse gute Geschäfte gemacht. Mit dieser Maßnahme ließe sich auch die ekelhafte nichtmenschliche Spezies verhindern, die sich an unseren unerfreulichen Hinterlassenschaften aufgeilt.

Digitales Geld in Deppenhand

Eine sehr junge Frau steht vor mir in der Bäckerei und kauft ein Brötchen. Dann zahlt sie den Minibetrag mit ihrem Smartphone. Hält das Ding ans Lesegerät, dreht sich auf dem Absatz herum und eilt davon. „Halt!“, ruft die immer mürrische Verkäuferin, zieht den Bon aus dem Drucker und indem sie ihn verächtlich wegwirft, erlaubt sie: „Jetzt können Sie gehen.“ Die junge Frau hat Deutsch mit Akzent gesprochen, ist wohl aus einem slawischen Land zugewandert und wähnt sich jetzt auf der Höhe der Zeit, in der man Brötchen mit Smartphone, also mit digitalem Geld kauft. Sie bekommt etwas Materielles, ohne zu erleben, was da im Kontakt zwischen ihrem Smartphone und dem Kartenleser geschieht.

Damit liefert sie sich einem völlig unwägbaren Vorgang aus. Niemand, weder sie, die Verkäuferin noch ich, der Beobachter, hat eine Vorstellung davon. Eine gewaltige energiefressende Infrastruktur ist nötig, damit derlei Bezahlvorgänge möglich sind. Und zwischen jeder Zahloperation und dem Bezahlenden greift ein digitaler Wegelagerer eine Gebühr ab. Elon Musk hat sein Vermögen mit derlei Wegelagerei gemacht, indem er 1999 den Bezahldienst PayPal gründete. Bei der digitalen Wegelagerei muss niemandem der Schädel einschlagen werden. Aber man schaut unwägbar für den Betroffenen in seine Jacke, kennt seine Kleidergröße, seine Aufenthaltsorte, seine Routinen, Kaufakte, Vorlieben, handelt mit diesen Daten oder leitet sie an Geheimdienste.

Mit dem Verschwinden des materiellen Geldes verschwindet auch seine Wertigkeit in unserer Wahrnehmung. Goldmedaillengewinner wurden eine Zeitlang fotografiert, indem sie ihre Zähne in die Medaille schlugen, was gewiss auf Zeiten rekurriert, als die Bissprobe echtes von Falschgold unterscheiden half. Nicht beißbar, nicht einmal greifbar und darum unbegreiflich ist digitales Geld. Ein Instrument, mit dem Regierungen willfähriges Verhalten erzwingen können, ist es auch, wie in den vergangenen Jahren, als PayPal das US-Embargo weltweit gegen Kuba durchsetzte.

Ich sehe die junge Frau nochmals auf dem Gehweg, wo sie ihr Fahrrad schiebt, und denke: Du bist die Vorhut unbedarfter hipper Deppen, die das Bargeld und ihre Selbstbestimmung verlieren werden.

Als die Glocken nach Rom geflogen waren

Wie die Glocken nach Rom geflogen sind, habe ich nicht gesehen, obwohl meine Mutter meinen Blick in den bewölkten Himmel gelenkt hatte. „Da!“, sie hätte die Glocken gesehen, sagte sie. Weil sie mich auf dem Arm hielt, und weil wir Wange an Wange durchs Dachflächenfenster geschaut hatten, glaubte ich kaum, dass die Glocken über unser Haus geflogen waren.
Die Glocken wären in Rom, um beim Papst Milchbrei zu essen, so wurde auf dem Dorf erklärt, warum die Glocken der katholischen Kirche von Gründonnerstag bis zum Ostersonntag schwiegen. Stattdessen zogen die Messdiener dreimal täglich mit Rasseln durchs Dorf.
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Mein fünf Jahre älterer Bruder war Messdiener. An einem Karfreitagmorgen durfte ich an seiner Statt mit dem Fahrrad unsere Straße bis zur Ortsgrenze hochfahren und die Rassel schwingen. Es hatte gerade geregnet. Ein milder Frühlingsregen war das gewesen. Die Natur hatte ihn bereitwillig aufgesogen. Ich erinnere mich an den erdigen Duft, der von der Straße aufstieg. Sie war zu dieser Zeit noch nicht asphaltiert und von den Regentropfen feucht gesprenkelt. Ich wusste, dass meine Aufgabe wichtig war und schwang die Rassel voller Inbrunst. Aus heutiger Sicht nichts Besonderes, doch für mich im Alter von fünf Jahren ein kleines Hochamt.

Aus meinem Tagebuch vom März 1997

(Der Beitrag ist eine Wiederveröffentlichung vom 25. März 2016)

Wenn Frauen in der Haustür zagen

Manchmal, wenn Frau Claudia Kleinert im Fernsehen wort- und gestenreich das Wetter moderiert hat, bin ich beim Schluss versucht zu fragen: „Und wie wird jetzt das Wetter?“ Da muss ich wohl während ihrer Dampfplauderei komplett abgeschaltet haben. Aber nicht nur Frau Kleinert, sondern auch die Herren Sven Plöger und Karsten Schwanke stehen dafür, dass der Wetterbericht im Fernsehen zur Unterhaltungsshow verkommen ist, so dass ich mich sehnsuchtsvoll an die Zeiten erinnere, da im Fernsehen das zukünftige Wetter ganz schlicht durch zwei Figürchen vor einem geschnitzten Wetterhäuschen angezeigt wurde. Für die Jüngeren unter uns eine Beschreibung:

Das Wetterhäuschen hatte zwei Türen und war bewohnt von Mann und Frau. Diese beiden stellten die Luftfeuchtigkeit bildhaft dar. Sie wurde von einem Hygrometer gemessen. War die Luft trocken, schob ein ans Messgerät angeschlossener Mechanismus die Frau vor die Tür, bei Feuchtigkeit den Mann. Die beiden Figürchen waren auf einem gemeinsamen Achselement montiert, so dass der Rückzug des einen, das Vortreten des anderen bedeutete. Das abzufilmen und zu senden, reichte völlig als Wetterbericht und bildete zudem ganz korrekt die gesellschaftliche Vorstellung ab: Frau gleich eitler Sonnenschein, Mann gleich Sauwetter, korrekt gegendert: Eberwetter. Und das Beste war: Weder Männchen noch Fräuchen konnten übers Wetter plaudern.

Windows meldete heute Morgen über Stunden „Regen kommt auf!“ Immer wenn mir das Ikon mit dem blauen Regenschirm und dem roten Warnpunkt in den Blick geriet und ich las „Regen kommt auf“ schickte ich meinen Blick aus dem echten Fenster und es regnete – nicht, und schaute ich hinunter auf die Straße, standen da keine Frauen zagend in Hauseingängen, unsicher, ob sie wieder ins Haus gehen sollten oder hurtig auf die Straße in aufkommenden Regen.

Aber vielleicht gibt es ein Universum, in der Windows-Meldungen mit der beobachtbaren Welt übereinstimmen. Mein Universum ist es nicht. Wenn die unmittelbare Wahrnehmung derart abweicht von der medial vermittelten, ja, dann vertraue man im Zweifel dem Medium. Denn da steht’s geschrieben. Derzeit sehe ich draußen blauen Himmel, aber Windows meldet „Regen setzt ein“. Ich gehe dann mal vor die Tür.

Deppen der Surrogate

In der vollen Stadtbahn hat fast jeder Dritte den Nacken gebeugt und wischt oder tippt auf seinem Smartphone. Ich bin sicher, dass mit der Wischbarkeit von Informationen auch eine Entwertung der Inhalte einhergeht. Digitale Schrift- und Bildinhalte werden zwar auf Bildschirmen sichtbar, sind aber ortlose, nirgendwo festgeschriebene Simulationen. Wo sie aufscheinen, können sie weg -gescrollt oder -gewischt werden, sogar spurlos getilgt oder verändert werden. Entwertet wird ein Text-, Ton- oder Bildinhalt auch, indem er so leicht aufgerufen, also herbeizitiert werden kann. „Alexa! Spiel: Conny Froboess, Pack die Badehose ein!“ Den Aufruf erlebte ich jüngst bei Freunden. Der Algorithmus namens Alexa tat wie ihm geheißen, hatte also, um das zu können, die ganze Zeit unser Gespräch belauscht. Eine der Stimme nach blutjunge Cornelia Froboess musste darauf von der Badehose singen. „Alexa, aus!“, brachte sie zum Schweigen. Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als ich Musik über das Radioprogramm hörte. Wie freute ich mich über lange vergessene und nicht gehörte Musik. Niemals hätte ich sie überdrüssig ausgeknipst, abgesehen vom Badehosenlied vielleicht.

Jüngst berichtet eine Freundin, bei einem aufwändigen Frühstücksbuffet habe es unter anderem gefüllte Avocados gegeben. Eine Weile später wurden ihr auf dem Smartphone Rezepte für gefüllt Avocados angezeigt. Derlei Informationen, die nicht einmal herbeizitiert wurden, sind noch stärker dem Entwertungsprozess unterworfen. Sie sind wie lästige Fremde, die sich in ein Gespräch einmischen und ungefragt Auskunft geben.

Der Konsum ortloser Informationen entwertet auch die Anwesenheit an Orten. Ein Tagestourist in Steinhude war letzten Sonntag nicht am Steinhuder Meer, sondern erzählte amüsiert vom „einzigen offenen Bäcker auf Zypern“, womit wohl kein aufgeschnittener Bäcker, sondern eine geöffnete Bäckerei gemeint war. Ich hörte nur den Satzfetzen. Er musste der Höhepunkt eines launigen Erlebnisberichts gewesen sein. Er und seine Gesellschaft hatte dem Steinhuder Meer bereits den Rücken gekehrt, was angesichts der stürmischen Kälte verständlich war, auch dass er sich lieber an eine Episode auf einer wärmeren Insel erinnerte. Sich bei Kälte warme Gedanken zu machen, ist ein oft empfohlenes Verfahren. Trotzdem habe ich dem Mann das hier schon beschriebene „Touristische Gemüt“ unterstellt.

Zurück in der Stadtbahn. Manche der Smartphone-Nutzer sind aus-, andere eingestiegen. Sofort verneigen sich einige der neuen Fahrgäste wieder vor ihrem Smartphone. Sie entwerten den Ort ihrer Anwesenheit und richten ihre Aufmerksamkeit auf entwertete Informationen. In einer fatalen Wechselwirkung entwerten sie auch sich. Wir sehen Deppen der Surrogate.