Prima Aktion, Überlandwerke und Straßenbahnen Hannover AG (ÜSTRA)!

In Aachen hatte ich einen Kommilitonen, der nannte sich Benno Ohnesorg – nach dem Studenten, der am 2. Juni 1967 in Berlin vom Polizisten Karl-Heinz Kurras durch einen aufgesetzten Pistolenschuss in den Hinterkopf ermordet worden war. Ohnesorg war Teilnehmer einer Demonstration gegen den Staatsbesuch von Schah Mohammad Reza Pahlavi gewesen.
Mein Kommilitone war einige Semester über mir. Vermutlich war sein Nachname wirklich Ohnesorg, mit Vornamen hieß er vielleicht Franz, Klaus oder Josef. Ich bewunderte ihn für seinen Schritt, sich konsequent Benno zu nennen, und als lebendiges Denkmal an den echten Benno Ohnesorg zu erinnern.

Der reale Benno ist am 15. Oktober 1940 in Hannover-Bothfeld geboren. Die Stadt Hannover hat eine Brücke nach ihm benannt. Sie überspannt den Fluss Ihme und verbindet die einst selbstständige Stadt Linden mit Hannover. Die Straßenbahnlinie 9 von Empelde bis Fasanenkrug und zurück fährt derzeit nur bis und ab Benno-Ohnesorg-Brücke. Die Passage Linden bis Empelde wird im Schienenersatzverkehr gefahren. Die ÜSTRA lässt hier zwei lange Gelenkbusse hintereinander fahren.

Gestern kam ich mit der Straßenbahn aus Bothfeld, musste am Hochbahnsteig auf der Benno-Ohnesorg-Brücke aussteigen und über die Straße gehen zur Bushaltestelle. Da ich mit Stock langsamer bin als alle, war der Pulk der Passagiere aus der Straßenbahn vor mir da und drängte in den wartenden Bus. Ich hörte noch, wie ein herumstehender ÜSTRA-Mitarbeiter sagte: „Da kommt noch ein zweiter Bus“, so dass ich vermeiden konnte, mich in die drangvolle Enge des ersten Busses zu zwängen. Der erste Bus fuhr ab, der zweite fuhr vor, und ich stieg ein, war der einzige Fahrgast in einem großen Gelenkbus.

Derlei beobachte ich immer wieder: Ein voll besetzter Bus wird gefolgt von einem leeren Bus. Zu Stoßzeiten wird es anders sein. Doch ich frage mich, ob es nicht sinnvoll gewesen wäre, den Bedarf zu ermitteln, bevor der aufwändige „Schienenersatzverkehr“ eingerichtet wurde. Ich glaube, es gibt dafür sogar ein Fachwort: Fahrgasterhebung. Ich beschwere mich nicht, von einem sonst leeren Gelenkbus nach Hause gefahren zu werden, finde jedoch die Lösung, stumpfsinnig zwei Busse fahren zu lassen, wo manchmal einer genügt, nicht zeitgemäß.

Warum alle Fahrgäste an der Benno-Ohnesorg-Brücke aus- und umsteigen müssen, erschließt sich übrigens nicht. An der Strecke sind keine Baumaßnahmen zu sehen. Vielleicht will die ÜSTRA einfach den Bothfelder Studenten Benno Ohnesorg ehren, der am vergangenen 15. Oktober 81 Jahre hätte werden können.

Auf dem Sofa des Lebens

Im Jahr 2012 war ich Referent bei einem Seminar der Bundesstiftung Umwelt. Ich sollte einer deutsch-türkischen Schüleraustauschgruppe das Bloggen beibringen. Weil ich nach einem Herzinfarkt geradewegs aus der Reha kam, hatte meine fürsorgliche Chefin mir einen jungen Mann zur Unterstützung an die Seite gestellt. Er wurde mir angekündigt als Informatiker, der in den USA studiert hatte und nach seiner Rückkehr nicht wieder Fuß hat fassen können. Er habe bei seinen Eltern gewohnt und im alten Kinderzimmer drei Jahre lang auf einer Matratze gelegen. Die Referententätigkeit sei seine erste Aktivität außerhalb und deshalb gleichsam ein gutes Werk. Zum ersten Mal hörte ich von einem Phänomen, das in Japan Hikikomori heißt.

In einer frühen Phase meiner Jugend hatte ich ähnliche Bedürfnisse gehegt. Es war mir allerdings unmöglich, sie auszuleben, denn meine beiden Geschwister und ich mussten arbeiten gehen, um unsere verwitwete Mutter zu unterstützen. Mein Hikikomori fand sonntags statt. Ich lieh mir in der Bücherei fünf Romane aus, legte mich damit aufs Sofa, drehte meiner Welt den Rücken zu und tauchte in die Leben der diversen Protagonisten ein, war mal ein englischer Junge, der an einem verwunschenen Fluss lebte, mal ein Eskimojunge, der zum ersten Mal auf Robbenjagd ging, mal ein junger Berliner Boxer, dessen Mutter beim Kampf am Ring stand und „Aufwärtshaken! Aufwärtshaken!“ schrie. Geradezu wunderbar war die Geschichte des New Yorker Zeitungsjungen John Workman, der täglich seine geringe Habe ausbreitete, in der festen Überzeugung, den Grundstock zur ersten Million zu sichten. Meine Realitätsflucht ging nicht so weit, an den amerikanischen Traum zu glauben. Spätestens am Montagmorgen wurde mir gezeigt, wo mein Platz war. Eher würde ich Robben per Aufwärtshaken erlegen als dort wegzukommen, und erst recht nicht durch Hikikomori.

Hikikomori ist ein Phänomen gutsituierter Schichten. Schließlich müssen Eltern die Grundversorgung sichern, damit ihr Kind sich separieren kann. Heute unterstützen seinen Eskapismus nicht unbedingt Romane. Das Internet ist ihr Fenster zur Welt. So auch für meinen Zufallskollegen. Nach dem Seminar fuhr er mit mir nach Hannover, um von dort den Flieger nach Madrid zu nehmen, wo er als Delegierter der Piratenpartei an einem Kongress teilnehmen wollte. Ich staunte, dass sich derlei von der Matratze im Kinderzimmer aus organisieren lässt.

Über Unfreundlichkeit

Grobiane gibt es überall, Choleriker, worin das Wort Kleriker sich verbirgt, und Wüteriche, auch wenn sie gar nicht Erich heißen. Unser Pastor beispielsweise war so ein Choleriker. Er unterwies uns in Religionslehre. Wenn es ihm in der Klasse zu laut wurde, geriet er in Wut, riss den Deckel des Eichenpults hoch und donnerte ihn wieder zu. Das Pult stand auf einem Podest, das man als Schüler nur betrat wie die heiligen Stufen des Altarraums. Irgendwann bekam die Schule neue Möbel, auch ein Pult mit Schubladen, aber ohne Tischklappe. Dem Pastor schien das nicht aufgefallen zu sein, denn als er mal wieder in Rage geriet, den Deckel des Pults anheben wollte, wandte er soviel Kraft auf, die vermeintlich widerspenstige Klappe zu bezwingen, da warf er das unschuldige Pult vom Podest herab in den Klassenraum. Damals schon war mir die katholische Religion unheimlich, denn wie konnte ein liebender Gott so wüste irdische Vertreter haben.

Entschuldigung, dieser Text soll von der Unfreundlichkeit handeln. Leider hat mich schon die müßige Sprachspielerei im ersten Satz aus der Kurve getragen. Genauer, es geht um die Unfreundlichkeit einer Verkäuferin der Bäckerei in meiner Nachbarschaft. Nachdem ich seit Anfang Juni nicht zu Hause war, zuletzt gar fünf Wochen in Aachen verbrachte, wo die Bäckereikultur auf ihrem Zenit ist, muss ich mich in vielen Dingen erst wieder erinnern, auch daran, dass ich in der Nachbarsbäckerei grundlos unfreundlich behandelt werde.

Ich betrat die Bäckerei, grüßte freundlich und wünschte zerstreut „ein Laugenbrötchen.“
„Laugenbrötchen habe ich nicht.“
„Was ist das denn?“, fragte ich und zeigte auf ein Auslagenfach, wo derlei Backwaren lagen.
„Laugenecken.“
„Dann nehme ich eine Laugenecke.“
Ich verstand spontan, warum die Schaufenster mit Plakaten zuklebt sind, auf denen freundliche VerkäuferInnen gesucht werden, doch ich hätte kein Verständnis zeigen und fragen sollen: „Warum so unfreundlich? Sie hätten bei sich Brötchen in Ecke übersetzen können, was natürlich eine gewisse Intelligenz erfordert hätte, die Fähigkeit nämlich des Transfers. Bei intellektueller Überforderung hätten Sie immerhin zurückfragen können: ‚Meinen Sie eine Laugenecke?‘ Beides war Ihnen nicht möglich, weil Sie unzufrieden mit sich, Ihrem Brotherrn und der Welt sind. Aber warum Sie das mich spüren lassen, der durch seinen Einkauf dazu beiträgt, dass Ihnen ein Lohn gezahlt werden kann, ist damit nicht erklärt.“

Doch so roh wie sie mir erschien, ist sie nicht. Heute Morgen ging ich hin, um ein weiteres Beispiel ihrer Unfreundlichkeit zu sammeln. Als hätte sie es geahnt, bediente sie mich mit freundlichen Worten, die zwar nach Papageienart ihren Mund verließen, aber als sie sich abwandte, um in die Küche zu gehen, quetschte sie sich tatsächlich „Noch einen schönen Tag“ aus dem Schnabel, was hiermit ebenfalls vermeldet wird, um der Wahrheit die Ehre zu geben.

Lassen Sie uns Herr zueinander sagen

Zu Zeiten vielfältiger Pflichten in Beruf und Familie gehörte nur der Sonntagmorgen mir. Dann wusste ich nicht wo anfangen vor lauter faszinierender Dinge, denen ich mich widmen konnte. Derzeit ist mein Leben ein immerwährender Sonntagmorgen. Das ist ein Luxus, von dem ich einst geträumt habe. Doch die Welt ist zudringlich. Von überall dringt Lärm an mein Ohr. Ebenso will ich nichts hören vom Getöse im Internet. Manchmal kappe ich die Verbindung, sonst dringt das aufgeregte Tuten und Blasen sogar zu mir durch, wenn der Internetbrowser geschlossen ist. Ob es hilft, wenn ich der Welt das Sie anbiete? Lassen Sie uns Herr zueinander sagen!

Seit Tagen kann ich mich nicht auf mein Romanprojekt konzentrieren, an dem ich schon zu lange schreibe. Derzeit wird daraus nichts wegen der Frühlingssonne. Vor der Parkbank liegen auf dem Boden kreuz und quer nicht abgebrannte Streichhölzer. Die roten Köpfchen wirken, als würden die Hölzer sich schämen, dass sie nicht Kopf an Kopf nebeneinander in der Schachtel liegen wie es sich gehört. Ein Mann macht laut: „BUH!“, und ein Haufen Tauben fliegt auf. Zwei junge Männer von der Nachbarbank spüren einen Impuls und gehen gemeinsam fort. Jeder führt einen Hund an der Leine. Ein Jogger im orangefarbenen Outfit läuft an ihnen vorbei und schaut sich vorwurfsvoll um. Ich kann unter der hellen Sonne die feine Webstruktur meiner Hose genau erkennen und frage mich, wo und unter welchen Bedingungen der Stoff wohl gewebt wurde. Zu viele Dinge, deren Herkunft fragwürdig ist. Die Kirchturmglocke schlägt dreimal.

    „Müssen Sie immer so lang schreiben?
    Können Sie nicht mal kurz schreiben?“, fragt die Welt.
    „Doch.“

Als die Glocken nach Rom geflogen waren

Wie die Glocken nach Rom geflogen sind, habe ich nicht gesehen, obwohl meine Mutter meinen Blick in den bewölkten Himmel gelenkt hatte. „Da!“, sie hätte die Glocken gesehen, sagte sie. Weil sie mich auf dem Arm hielt und wir Wange an Wange durchs Dachflächenfenster geschaut hatten, glaubte ich kaum, dass die Glocken über unser Haus geflogen waren. Die Glocken wären in Rom, um beim Papst Milchbrei zu essen, so wurde auf dem Dorf erklärt, warum die Glocken von Gründonnerstag bis zum Ostersonntag schwiegen. Stattdessen zogen die Messdiener dreimal täglich mit Rasseln durchs Dorf.

Mein fünf Jahre älterer Bruder war Messdiener. An einem Karfreitagmorgen durfte ich an seiner Statt mit dem Fahrrad unsere Straße hochfahren und die Rassel schwingen. Es hatte gerade geregnet. Ein milder Frühlingsregen war das gewesen. Die Natur hatte ihn bereitwillig aufgesogen. Ich erinnere mich an den erdigen Duft, der von der Straße aufstieg. Sie war zu dieser Zeit noch nicht asphaltiert und von den Regentropfen feucht gesprenkelt. Ich wusste, dass meine Aufgabe wichtig war und schwang die Rassel voller Inbrunst. Aus heutiger Sicht nichts Besonderes, doch für mich im Alter von fünf Jahren ein kleines Hochamt.

Aus meinem Tagebuch vom März 1997

(Der Beitrag ist eine Wiederveröffentlichung vom 25. März 2016)

Fragen Sie mich ruhig nach Tomaten!

Vor langer Zeit, als die Frankfurter Rundschau (FR) noch eine große linksliberale Tageszeitung war, nahm ich teil an einem zeitungskundlichen Seminar für Lehrer im FR-Verlagsgebäude in Neu-Isenburg. An einem Samstagmorgen wurden wir per Bus zu einem Neu-Isenburger Einkaufszentrum gefahren, um dort jede/jeder für sich das Thema für eine Reportage zu finden. Neben mir im Bus saß eine flotte Kollegin aus Essen. Sie erzählte mir von einer Anmachstrategie in Supermärkten. Mann sieht eine ihn interessierende Frau und fragt: „Wissen Sie, wo hier das Öl ist?“
Sie: „Kochöl oder Körperöl?“
Er: „Körperöl.“

Natürlich funktioniere das auch mit Rollentausch, sagte die Kollegin. Wichtig sei das Signal, die Aufmerksamkeit vom Kochen auf den Körper zu lenken. Ich hatte derlei noch nie gehört, kam auch nicht auf die Idee, eine derartige Recherche im Neu-Isenburger Einkaufszentrum zu beginnen, sondern schrieb lieber über einen alten Duden aus dem Schaufenster einer Buchhandlung. Die Seelenruhe ist ein hohes Gut.

Heute vormittag war ich einkaufen. In der Gemüseabteilung fragte mich eine ältere Dame:
„Darf ich Sie mal ansprechen?“
„Ja?“
„Ich suche die preiswertesten Tomaten.“
„Da kann ich Ihnen leider nicht helfen.“
Sie wandte sich ab und fand abgepackte Tomaten zu 1,29 Euro.

Auf dem Heimweg rätselte ich über ihr Begehr. Ich trug einen Mantel. Sie konnte mich also nicht mit einem Marktmitarbeiter verwechselt haben. Es ging nicht um Öle, also hatte sie kein weitergehendes Interesse. Sie hatte nach den preiswertesten, nicht nach den billigsten Tomaten gefragt. Beides ist nicht verlockend. Vielleicht wollte sie nur mal wieder die Stimme gegen wen erheben, wahrgenommen werden und für ein Sekündchen der lockdown-bedingten Isolation entkommen.

Über Wasserkocher, Hirsebrei und Zauberbesen

Vor einiger Zeit kaufte ich einen Wasserkocher, der das Wasser blau beleuchtet, was besonders ansprechend ist, derweil das Wasser kocht, blubbert und wallt.

Neben dieser hübschen, doch unnötigen Funktion entwickelte der Kocher bald zwei Macken: Der Kippschalter rastet nicht mehr zuverlässig ein; die Kochfunktion, erkennbar am blauen Licht, lässt sich nicht immer aktivieren. Diese Macken verschlimmern sich. Als ich heute das Gerät durch allerlei diffizile Verrichtungen zum Arbeiten bringen wollte und nicht direkt erfolgreich war, fiel mir ein Spruch aus meiner Heimat ein: „Do muss me jet bej sare“ (Dabei muss man etwas sagen), was bedeutet, dass hier eine Beschwörungsformel erforderlich ist. Manche Dinge funktionieren nur, wenn man etwas dabei sagt. „Jet“ oder „etwas“ verschleiert die damit verbundene magische Vorstellung. Vielleicht ist mir die sprachmagische Idee dahinter deshalb eben erst aufgefallen.

Dass keine Formel genannt wird, dafür sehe ich drei mögliche Gründe:

    – sie ist in Vergessenheit geraten;
    – es gibt keine Formel, die für alle Zwecke gültig ist;
    – sie wird nicht verraten, damit sie kein Unheil anrichtet.

Letzteres finde ich besonders plausibel. Zu einer Beschwörungsformel gehört auch die Kenntnis, wie sie zu lösen ist. Im Märchen „Der süße Brei“ fehlt der Mutter die Formel, um das einmal in Kochgang gesetzte Töpfchen zu stoppen; Goethes „Zauberlehrling“ weiß die Besen nicht zu bändigen.

Gemeinhin reicht es, eine Zauberformel rückwärts zu lesen. Demgemäß schreibt der Theologe Gottfried Holtz: “in den Sagen wimmelt es von Berichten, dass der Zauber nicht wieder gelöst werden konnte, weil ein Lehrling, ein halber Könner nichts vom Rückwärtslesen der Formel wusste.” Selbst dieses Wissen reicht nicht, wenn die Beschwörungsformel die Form eines Palindroms hat.

Meinen Wasserkocher werde ich wohl bald ersetzen müssen, denn was man dazu sagen muss, wurde mir nicht mitgeteilt – trotz Anleitung in allen Weltsprachen.

Orientierungshilfen

Vor einer Weile sandte mir der Nürnberger Buchgestalter, mein Freund Christian Dümmler (CD), ein Paket. Als ich die Kartonage entsorgen wollte, entdeckte ich diese launige Aufschrift. Der Paketbote wird die Orientierungshilfe übersehen haben. Ernst gemeinte Nachrichten an Paketboten hängen mitunter an Türen. Meistens sind es lange Episteln, in denen jemand erklärt, dass er zu Hause ist und Pakete in Empfang nehmen kann. Sonst würden Nachbarn … und so weiter. Je länger der Text, desto unwahrscheinlicher, dass er überhaupt gelesen wird, außer von mir natürlich, sollte ich vorbeikommen, aber ich bringe keine Pakete. Wie kommen die Verfasser auf die Idee, sie müssten in langen Texten erklären, wie ein Paketbote seine Arbeit machen soll? Der Mann ist in Eile, will ausliefern und keine Episteln lesen.

Das kann sich denken, wer nicht völlig ichbezogen lebt. Auch zur Zeit der guten alten Bundespost war der Bote geringgeschätzt. Man hatte keine Bedenken, ihm Beine zu machen. „Briefträger lauf, Hans-Peter wartet drauf“, schrieb mancher auf Briefumschläge, als es in der Fernkommunikation noch Wartezeiten gab. Der Name ist natürlich Platzhalter. Franz, Heinz, Karl Hermann, Marie-Therese, Susanne, Ingrid und viele andere waren möglich, abgesehen von Namen, die damals noch nicht in der Welt waren. Aber der beamtete Postbote wurde wenigstens anständig entlohnt. Heute sind Boten die modernen Arbeitssklaven, weitgehend rechtlos und schändlich unterbezahlt. Dass an Liefersystemen mit Drohnen gearbeitet wird, signalisiert ihnen überdies ihre Ersetzbarkeit.

Im Wort Roboter scheint der Bote schon zu stecken, aber das ist wohl eine zufällige Übereinstimmung. „Roboter“ wurde vom tschechischen Autor Karel Čapek geprägt. Das Wort stammt aus dem Slawischen und bedeutet Arbeit oder „Fronarbeit.“ Wenn man berücksichtigt, dass „Sklave“ ebenfalls von Slawe abstammt, schließt sich der Kreis. Ich habe mir auf Rat meiner Lebensgefährtin einen Robot, einen Maschinensklaven geholt. Der Rheinländer kauft ja nicht, er holt. Der Robot soll bei mir Staubsaugen. Noch ruht er in seinem Paket. Bin gespannt, wie er sich in meiner Wohnung orientiert.

Alltagsgefahren

Eine meiner Schülerinnen, Balletttänzerin, trat einmal mit dem Blick auf den Rubik-Cube in den Händen auf die Fahrbahn, und ein vorbeifahrender LKW fuhr ihr über die Zehen. Da war es aus mit dem Ballett. Mit Schaudern hörte ich den Bericht.

Derzeit erschrecke ich beim Radfahren, wenn urplötzlich jemand aus einer Haustür tritt und im Vorwärtsgehen den Kopf gesenkt hat, um irgend eine unglaublich wichtige Nachricht auf seinem Smartphone zu lesen. Mir ist das in den letzten Tagen dreimal passiert, dass ich fürchten musste, der Realitätsblinde würde den Fahrradweg betreten, und ich müsste ihn leider umfahren.

Da nicht ausgemacht ist, dass ich selbst unverletzt bleiben würde, bremse ich ab und umfahre ihn, beschreibe einen Bogen so weit, dass ich gerade noch nicht auf die Fahrbahn gerate, wo in einer Art Kettenreaktion ein Autofahrer sein Steuer verreißt, ein Auto auf der Gegenfahrbahn rammt, das wiederum eine Oma erfasst, die ahnungslos ihren Rollator über den Gehweg schiebt. Und der Smartphone-Zombie bekommt davon gar nichts mit, so perfide ist das. Da immer mehr unserer Mitmenschen sich dem Sog des Smartphones nicht entziehen können, sehe ich schwarz für die Zukunft des Radfahrens und des Rollatorschiebens.

hässlich, hässlicher, am hässlichsten

Zeit meines Lebens habe ich mir bei anderen etwas abgeschaut, besonders in Beziehungen. Eine Exfreundin hatte die Gewohnheit, Münzgeld in einem großen Glas zu sammeln. Da hatte sie immer eine leichte Geldbörse und musste an der Kasse nie nach Kleingeld kramen. Bevor sie nach München umzog, schleppten wir ihre Sammlung von Euro-Centmünzen zur Sparkasse in der Nachbarschaft, wo man einen Zählapparat hatte, in den die Münzen hineingekippt werden konnten. Das war noch in Aachen. Das Verb „schleppen“ ist hier angemessen, denn Münzgeld hat ein ordentliches Gewicht. Inzwischen haben die Sparkassen diesen Service eingestellt.

In Hannover bietet ihn nur noch die Filiale der Bundesbank an. Sie liegt im Bankenviertel an der oberen Georgstraße, also in der Nähe des Stadtzentrums, was für mich eine weite Anfahrt mit dem Fahrrad bedeutet. Ich sammle das Kleingeld in einer Kaffeedose. Diesmal hatte ich zu lange gesammelt. Die Kaffeedose quoll über, und ich musste für den Transport weitere Behältnisse organisieren. Die Sammlung war so schwer, dass ich fürchtete, der Tragbügel meiner Radtasche würde reißen. Wie in den Jahren zuvor fuhr ich mit meiner Sammlung zur Filiale der Bundesbank. Man muss in diesem martialischen Bauwerk, das mal die Deutsche Reichsbank beherbergt hat, an einem Pförtner hinter Panzerglas vorbei. Er grüßte schon von weitem, brannte wohl auf den inneren Vorbeimarsch, mir sagen zu können, dass Zutritt nur nach Anmeldung im Internet möglich wäre. Außerdem wäre die Kasse schon zu. Es war gerade elf Uhr! Er gab mir einen Zettel mit einer Webadresse für die Terminvorgabe. Zu Hause stellte ich fest, dass sie nicht funktioniert bzw. mich auf die Seite der Bundesbankzentrale leitete. Nach einigen Fehlversuchen fand ich die Option Terminvergabe auf der Seite der Hannoverschen Bundesbank. Man kann in einem Kalender freie Termine suchen, für die Zeit von werktags 9 Uhr bis 11 Uhr. Der nächstmögliche Termin ist der 3. November!

Die geschilderten Schwierigkeiten hängen wohl mit dem Bestreben zusammen, das lästige Bargeld abzuschaffen. Die Option des Münzeintauschs wurde nach meiner Beobachtung von Menschen aus allen Schichten genutzt, auch von Obdachlosen, Straßenmusikanten, Straßenmalern und anderen Kleinkünstlern. Menschen vom unterem Rand der Gesellschaft wird durch die Onlineterminvergabe der Zutritt erschwert. Überhaupt wird ihr Geschäft ohne Bargeld unmöglich gemacht. Digitales Bezahlen wird immer bequemer, und die Gesellschaft wird immer hässlicher. In der schönen neuen Welt des Digitalen ist kein Platz für die Bewohner der Randzonen.