Live aus der Hölle – Xavier, Wetterpaten und die ARD

Alwin Franz Drees heißt der Mann, nach dem Tief Xavier benannt war, das in Deutschlands Norden den Bahnverkehr lahmgelegt hat, Flugzeuge zu spektakulären Landungen zwang und sogar Todesopfer gefordert hat. In Hamburg, wurde mir berichtet, hat der Sturm für sein Zerstörungswerk nur 20 Minuten gebraucht. Es muss ja alles schnell gehen heutzutage. Ich saß derweil mit einer Freundin bei Fräulein Schlicht und sah, wie plötzlich der massive Sonnenschirm, der zwei Tische beschatten und gegen Regen beschirmen kann, wie er aus seinem Fuß gehoben wurde und davonsegelte.

Zu Hause wurde mir erst klar, dass Tief Xavier vorbeigekommen war, derweil wir friedlich unsere Suppe gelöffelt haben. Ich dachte gleich, den kennst du doch. Der hat im Dezember 2013 schon mal gewütet, hieß aber nicht Xavier, sondern Xaver. Sein Wüten hatte für mich auch so harmlos begonnen. Ich las damals vom NDR unter Tagesschau aktuell: „Onkel Xaver wird immer stärker“, und habe noch gedacht, wovon denn? Frisst er so viele Schweinshaxen und Weißwürschtel, dass er vor Kraft nicht mehr in die Lederhos passt? Und wenn der Onkel Xaver noch ein Weizen hinterher stemmt, platzen ihm alle Knöpfe vom Wams und erschießen darunten leichtsinnige Weibsbilder? Davor muss natürlich gewarnt werden. Das hätte meine Lieblingsschlagzeile 2013 werden können. Sie hat mindestens eine Viertelstunde meine Phantasie hüpfen lassen.

Dann erkannte ich meinen Lesefehler. Es hieß nicht „Onkel“, sondern „Orkan.“ Wieso denn Orkan Xaver? Xaver? Was hat denn ein Xaver im Norden verloren? Machte wohl eine Sause, um ganze Landstriche zu verwüsten. Wetterpatenschaften – werden ja von der TU Berlin vergeben – für damals 199 Euro. Dieses Geld hatte Herr Xaver Mayer (www.stormsmoker.de) vom Zigarrenhaus Sturm in 87700 Memmingen investiert. Ein Fall für die Witzpolizei haben die Leute vielleicht gedacht, als ihnen mal eben die Schindeln vom Dach gefegt wurden. „Das Loch im Dach präsentierte Ihnen Ihr Zigarrenhaus Sturm aus Memmingen.“ Memmingen ist schön weit weg. Da gab sich Tief Xaver schon lammfromm.

Diesmal ist also Herr Alwin Franz Drees verantwortlich, musste aber „Xavier“ nehmen, weil gerade der Buchstabe X wieder dran war. Denn es geht in Deutschland auch beim „Chaos“  immer schön nach dem Alphabet. „Sie wollen mal eben Deutschland verwüsten? Bitteschön alphabetisch hinten anstellen. Über Alwin Franz Drees ist bei der Internetrecherche nicht viel herauszufinden. Ein Franz Drees nahe Osnabrück hat eine Sargtischlerei, möchte aber nicht mit Xavier in Verbindung gebracht werden und wiegelt ab: „Xaver ist ja ein Orkan gewesen, mein Xavier war nur ein Sturm.“

Quelle: Tagesschau.de, höllische Animation: JvdL

„In Berlin ist die Hölle los!“, freut sich dagegen eine Viktoria Kleber vom rbb im Morgenmagazin der ARD, hat zum sardonischen Grinsen extra die apokalyptische Brille aufgesetzt, denn Höllisches will auch formal angemessen in Szene gesetzt werden. Trotzdem denkt der Betrachter: Hm Hölle? Gar nicht mal so schlecht. Man darf Gepäck mitbringen, das Smartphone auch, Radio Berlin Brandenburg hat da unten Reporterinnen und mittags darf man wieder abreisen. Wenns weiter nichts ist, buche  ich mal ein Ticket.

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Upps, ein Erklärbär

Väter von Söhnen und mit großem Ego neigen dazu, als Erklärbären aufzutreten. Es gilt, die Söhne nach dem eigenen Vorbild zu formen, aber nicht im stillen Kämmerlein, sondern gerne vor Publikum, falls nämlich das Ego größer ist als der Verstand. Gestern erlebte ich im Supermarkt einen Erklärbär mit Sohn und eine ergeben schweigende Frau. Seine Erklärungen schallten aus allen Gängen. Dann standen sie  an der Kasse nebenan und der Sohn, dem das erkennbar peinlich war, musste sich anhören, dass er vom begehrten Schokoriegel die Preise zu vergleichen habe bei Penny, Lidl und Rewe, der arme Junge.

Da zeigt sich der Erklärbär als Problembär. Einen solchen Problembär habe ich mal abgeschossen. Es war bei einer Bundestagswahl, bei der ich Wahlvorstand war. Man hörte den Erklärbär schon im Treppenhaus der Schule und dann trat er mit zwei kleinen Söhnen und einer Ehefrau im Schlepp in den zum Wahllokal umfunktionierten Klassenraum, kam heran, zeigte seine Wahlbenachrichtigung und erklärte: „Das sind die Wahlhelfer. Sie schauen im Wählerverzeichnis nach, ob man wahlberechtigt ist, und haken den jeweiligen Namen ab, damit keiner zweimal wählen kann. Wenn alles korrekt ist, gibt einer den Stimmzettel aus. Damit betritt man diese Wahlkabine hier.“

Ich rief aus purer Bosheit: „Hallo! Sie dürfen Ihre Söhne nicht mit in die Wahlkabine nehmen. Sonst ist Ihre Stimme ungültig!“ Steckt er den Kopf raus und sagt: „Aber ich muss denen doch erklären, wie demokratische Wahlen gehen.“
„Dann zeigen Sie ihnen jetzt, was eine geheime Wahl ist und schicken sie aus der Wahlkabine!“
Es war natürlich übertrieben, denn die Söhne konnten vermutlich beide noch nicht lesen. Aber mir war es eine Genugtuung und seiner Frau hat es auch gefallen. Sie lächelte zufrieden und ich las in ihrer Miene: „Endlich zeigt’s dem einer!“

Herr Ober! Der Kaffee hat Kork!

Zu Mittag bei Fräulein Schlicht sah ich durchs Fenster auf der anderen Straßenseite einige I-Dötzchen nach Hause hüpfen. Ein etwas größerer Junge ging vorbei, hielt den Kopf gesenkt und drehte seinen Pullover verstörend um seine Hände. Ich fragte mich, wann und warum Kinder aufhören zu hüpfen. Das Wann hat sicherlich etwas mit dem Wachstum zu tun. Erwachsene, wenn sie nicht Sportler oder Tänzer sind, hüpfen nicht mehr, weil sie zu schwer sind. Meine früher woanders aufgestellte Behauptung, mit zunehmendem Alter erhöhe sich die Schwerkraft, verdreht den Sachverhalt. Das Körpergewicht erhöht sich. Ich erinnere mich, wie sich bei einer Trainingsfahrt durch die Ardennen ein Radsportler uns anschloss und von sich sagte, 90 Kilogramm zu wiegen. Wir bewunderten, dass er dieses Gewicht in unserem Tempo den Berg hochwuchten konnte. Heute wiege ich 92 statt damals 72 Kilogramm, also jedes Jahr ein Kilo zugelegt, und käme nicht mal mehr auf die Idee zu hüpfen, weil mich die Erdenschwere gefangen hält.

Metaphorisch betrachtet, ist Erdenschwere die Sorgenlast des Menschen. Wann beginnt die kindliche Sorgenlast? Im April 2008 habe ich Am Hof, einem beliebten Platz der Aachener Altstadt, die hier zu sehenden Zettel vom Kopfsteinpflaster aufgesammelt. Kinder im Vorschulalter orientieren sich beim Zeichnen an der Grundlinie, und das ist der untere Papierrand. Doch da die Sonne so freundlich schien und für den nächsten Tag ein Spaziergang durch den frühlingshaften Wald geplant war, hatte das Kind die vertraute Grundlinie mit einem Bein verlassen und ließ sein Männlein fröhlich tanzen, die zeichnerische Entsprechung zum kindlichen Hüpfen.

Ich saß an diesem Apriltag vor dem Café Mohren und trank einen Milchkaffee. Derweil holten gutsituierte Mütter ihre Kinder vom anliegenden Kindergarten ab und zogen plaudernd an mir vorbei. Da war von Eis die Rede, das man beim Café Mohren zu kaufen gedenke und von derlei harmlosen Sachen.

Zwischendrin gab es auch eine erkennbar sorgenvolle Mutter. Das Kind an ihrer Hand trug einen Schulranzen und war offenbar in der Nachmittagsbetreuung des Kindergartens gewesen. Beide waren ein wenig übergewichtig. Zwischen Mutter und Kind wurde nicht gesprochen, und man zog eilig davon, ohne dem Eisverkauf des Cafés einen Blick zu gönnen. Die beiden sind mir nicht aus dem Kopf gegangen, weil sie in so krassem Gegensatz standen zu den gutgelaunten Müßiggängern an den besonnten Cafétischen und den anderen Mutter-Kind-Paaren.

Damals habe ich darüber nachgedacht, wieso man in Aachens Innenstadt eher selten solche Kontraste sieht. Ähnliches gilt für den gentrifizierten Stadtteil Hannovers, in dem ich jetzt lebe. Unsere Gesellschaft sortiert sich. Wo es schön ist, sind die Plätze gut besetzt von Menschen, denen die Gesellschaft Chancen bietet. Die Armen müssen sich bescheiden, und schon aus Schutz vor dem Gefühl der Erniedrigung bleiben sie meist in ihrem Umfeld. Diese schädliche und schändliche Sortierung unseres Gemeinwesens beginnt für ein Kind bereits vor dem Kindergarten. Arme Kinder lernen bald, dass sie wenig Grund haben, fröhlich zu hüpfen oder die Männlein auf ihrem Papier hüpfen zu lassen.

Derzeit betrifft es im reichen Deutschland 2,5 Millionen Kinder. Diese Zahl stammt aus einer Veröffentlichung des Deutschen Bundestages. Die Verursacher zeigen hier das Ergebnis ihrer neoliberalen Politik. Die verantwortlichen Parteien, CDU/CSU und SPD sollten sich was schämen.

„Wo bist du?“ Einiges über Fernkommunikation

Auf der Ecke unten hat mal eine Telefonzelle gestanden. Die Telecom hat sie abgebaut, obwohl sie rege genutzt wurde. Ihre Nutzer waren Zwecktelefonierer, denn eine Telefonzelle suchte man nur auf, wenn es sein musste, zumal es wohl Leute gab, die Telefonzellen sogar ausdrücklich aufgesucht haben, wenn sie mal mussten. Telefonzellen werden bald vergessen und mit ihren angeketteten Telefonbüchern nur noch Exponate im Technikmuseum sein. Smartphonebesitzer werden staunen, dass es mal solche Häuschen gab, in die man sich schamhaft zurückzog, um ein Privatgespräch zu führen.

Staunen wird man auch über eine Erscheinung jugendlicher Folklore, die mit der Telefonzelle verloren gegangen ist: Wir sehen den übermütigen Versuch, 18 Personen in eine Tefonzelle zu pressen, im Jahr 2007 auf dem Aachener Markt, hier von mir mehr schlecht als recht dokumentiert.

Kaum zu glauben, aber selbst gesehen: 18 Jugendliche in einer Telefonzelle, Aachen, August 2007 – Foto: JvdL


Zeitsprung in die Zeit der Smartphones: Einmal sah ich drei junge Männer nebeneinander gehen, und ein jeder hielt sein Mobilfunkgerät ans Ohr. Theoretisch sprachen sie also mit drei anderen Personen, die sich an unterschiedlichen Orten aufhielten. Es hätte aber auch sein können, dass die drei mit drei anderen redeten, die ebenfalls nebeneinander her gingen, und die drei könnten sogar sie selbst gewesen sein, in einer Konferenzschaltung miteinander verbunden. Ich habe das noch nicht ausprobiert, aber vermutlich ergäbe sich eine Dehnung der Gegenwart durch die Zerstörung der Synchronizität. A ruft B und C an und fragt, was als Telefonphrase erst mit dem Mobilfunk entstanden ist: „Wo bist du?!“ B antwortet: „Nieschlagstraße.“ C ergänzt: „Nieschlagstraße.“ A: „Ich auch.“ Und so weiter. Man kann sich so eine gehaltvolle Konferenzschaltung gar nicht ausdenken.

Kommunikationsmedien sind in erster Linie Gefühlsvermittler, und bedeutende Inhalte müssen ihnen abgerungen werden, sind aber trotzdem nur Mittel zum Zweck. Paul Watzlawick unterscheidet zwischen Inhalts- und Beziehungsaspekt der Kommunikation. Diese Begrifflichkeit ist ebenso sinnverstellend wie die Unterscheidung Zwecktelefonierer und Lusttelefonierer. Letztendlich geht es bei menschlichem Sprachhandeln immer um Gefühle, um Lusterzeugung oder Frustvermeidung. Inhalte sind nur Hemd und Hose, mit denen wir unsere bloßen Gefühle bedecken. Fernkommunikation suggeriert Nähe, kann aber den unmittelbaren Kontakt zwischen Menschen nicht ersetzen.

Denn in seinem Kopf ist der Mensch allein, der einzige Bewohner eines ständig wachsenden Universums. In diesem Universum kann er sich verlieren und irrewerden an der Einsamkeit. Es gibt nur ein Gegenmittel, den regelmäßigen Kontakt mit vertrauten Köpfen. Die soziale Gruppe holt den Einzelnen aus seinem Universum zurück auf den gemeinsamen Teppich der physikalischen Realität und erdet ihn durch das Gemeinschaftserlebnis, den Austausch von Gefühlen, Wahrnehmungen und Erfahrungen. Dies geschieht im menschlichen Maß. Es reicht von der sexuellen Verschmelzung, dem Hautkontakt über die Armeslänge bis hin zur Ruf- und Sichtweite. Berührung, Gestik, Mimik und Lautsprache sind die natürlichen Austauschmittel. Die entsprechenden Sozialverbände sind das Paar, die Familie, die Gruppe, der Stamm oder die Dorfgemeinschaft.

Jedes Mittel der Fernkommunikation schwächt den Kontakt zum direkten Sozialverband und führt zur Individualisierung. Wer nur noch von Universum zu Universum funkt, ist sogar ständig vom Gefühl der Einsamkeit bedroht, denn Fernkommunikation ist beschränkt auf die vom Menschen abgelösten Zeichensysteme. In einer Welt, die von der Fernkommunikation bestimmt ist, sind auch die Sozialverbünde geschwächt, weil sie sich die Aufmerksamkeit teilen müssen mit Menschen, die an anderen Orten sind.

Drei junge Männer, die telefonierend nebeneinander ausschreiten, bieten ein surreales, aber trauriges Bild. Ein jeder ist seine eigene Telefonzelle und riecht nach Notdurft.

Einiges über Freundlichkeit aus der Dose

Seit acht Jahren kaufe ich gelegentlich im Lidl-Markt in meiner Nachbarschaft ein. Das Personal sollte mich also kennen. Trotzdem habe ich noch nie erlebt, dass auch nur einer eine Regung des Wiedererkennens gezeigt hätte. Offenbar gehört es zur Geschäftspolitik von Lidl, dass Kundenkontakte über das „Hallo“ an der Kasse und das papageienartige „Danke für Ihren Einkauf“ nicht hinausgehen dürfen. Vermutlich kommt abends ein Abgesandter der Zentrale und löscht dem versammelten Personal die Erinnerungen, um das Wiedererkennen von Kunden auszuschließen.

Da beim Discounter die Kosten immer niedrig gehalten werden, wird man zum Löschen der Kunden in den Hirnen des Lidl-Personals kein teures Blitzdings benutzen, sondern einfach jedem was zwischen die Hörner geben, damit er weiß, wo der Hammer hängt. Freundlichkeit brauchts nicht. Die kommt bei Lidl nach Knopfdruck aus Konserven, eingesprochen von einer wohltemperierten Frauenstimme. Es tönt, bevor eine weitere Kasse besetzt wird:

„Sehr geehrte Kunden! Wir öffnen Kasse X für Sie.“

Aber wenn eine Kasse geschlossen wird, weil kein Andrang herrscht und ein Mitarbeiter/eine Mitarbeiterin länger als fünf Sekunden tatenlos herumsitzt, heißt es nur:

„Sehr geehrte Kunden! Wir schließen Kasse  X.“

Über das fehlende „…für Sie.“ ist gewiss lang nachgedacht. Bei „Wir schließen Kasse fünf für Sie“ könnte ein am Leben verzweifelter Kunde sich ausgeschlossen fühlen und denken: „Hallo? Geht’s noch? Warum schließen die Kasse fünf ausgerechnet für mich? Mein Geld ist den Herrschaften wohl nicht gut genug! Unfassbar! Muss ich mich jetzt auch noch vom Billigen Jakob mobben lassen?! Ja, hören Sie mal, Herr Lidl! Dann behalte ich eben mein Geld! Ich pack meinen Kram ein und geh einfach weiter. Und wenn’s am Ausgang piept wie bekloppt, dann ruf ich: „Das habt ihr jetzt davon, ihr dämlichen Arschkrampen!“

Und niemand von den Mitarbeitern, denen Lidl die Sozialkompetenz systematisch abtrainiert hat, wüsste den Kunden zu beruhigen. Darum heißt es zwar: „Sehr geehrte Kunden! Wir öffnen Kasse fünf für Sie“, aber „Sehr geehrte Kunden! Wir schließen Kasse fünf. in wohlkalkulierter, asozialer Discounter-Dosenfreundlichkeit.

„Hilfloser Küchenmensch“


Neulich wurde ich in einem Kochblog „hilfloser Küchenmensch“ genannt, geeignet, den Beschützerinstinkt für mich oder eine von mir falsch behandelte Aubergine zu wecken. Das traf mich sehr. Ich musste an den isländischen Skalden Egil denken. Als er alt und fast blind war, ging er mit einem Freund über den Markt und stolperte, worauf ihn die Marktfrauen auslachten. Da sagte Egil: „Minder verhöhnten uns die Weiber, als wir noch jung waren.“ Ein wahres Wort. Aber ich wollte die Schmähung nicht so hinnehmen und beschloss, mehr für mein praktisches Handgeschick zu tun. Letztens hatte ich schon als Therapie gegen die Vernachlässigung der Handschrift das neue Format „Gekritzelt“ begonnen, mit dem Ziel, möglichst getreu in die Tastatur zu hauen, wie es im Notizbüchlein steht, womit ich mich zur sorgfältigen Handschrift zwinge.

Gestern habe ich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder gezeichnet. Denn ich hatte eine Bildidee, nachdem ich die Werbung gesehen hatte „Abnehmen mit Bananen. Ist zwar nur ein Wortwitz mit dem Homonym Abnehmen, aber wenn die Zeichnung gut wäre … Zuerst zog ich die Schublade mit den Zeichenutensilien heraus, um zu sichten, was überhaupt noch da war. Dann stach ich mich versehentlich in der Zeichenfeder, was aber keine Spuren hinterließ, anders als auf dem Knöchel des linken Ringfingers, den schon seit ewigen Zeiten ein bläulicher Punkt ziert, vermutlich Tusche unter der Haut. Der Napf mit schwarzer Tusche enthielt zu meinem Erstaunen Ultramarinblau.
Das wollte ich nicht wahrhaben und führte meinen Bleistiftentwurf damit aus, war aber nicht zufrieden – zu krakelig und „Überraschung!“ zu blau. In der Papierschublade hatte ich einen noch eingeschweißten Entwurfblock mit Transparentpapier gefunden, der da gewiss acht Jahre gelegen hatte. Auf dem Blog hatte ich meine Zeichnung entworfen. Obwohl ich die Rückseite schon mit Graphit geschwärzt hatte, um den Entwurf auf Zeichenkarton übertragen zu können, zog ich die Linien des Entwurfs mit Schwarz nach, radierte die Rückseite und scannte den Entwurf. Der Rest ist mit Photoshop bearbeitet.

Dass ich einen noch unberührten Entwurfblog in der Schublade hatte, wird die Papierindustrie auch nicht retten. Vor gut zehn Jahren sprach ich mit Managern einer Dürener Papiermühle. Man hatte früher mit dem weichen Wasser der Eifeler Rur Transparentpapiere gemacht, also Skizzenpapier für Künstler, Architekten und Ingenieure. Die Manager sagten, der Bedarf für Transparentpapiere sei rapide zurückgegangen. Denn die Grafiker-Designer, Architekten und Ingenieure zeichnen nicht mehr. Das hatte ich mir vorher gar nicht klar gemacht. Dabei hatte mir schon in den 1990-er Jahren der Chef einer Werbeagentur gesagt: „Sie finden hier bei uns im Haus keinen einzigen Bleistift mehr.“

Ich weiß nicht, ob er wirklich froh darüber war. Doch man kann sich als Unternehmer nicht aus nostalgischen Gründen dem technischen Fortschritt verweigern. Und die logische Folge: Keine Bleistifte – kein Transparentpapier. Das sind nur zwei Dinge, die voneinander abhängen. Ich glaube, man könnte noch längere Ketten finden. Beispielsweise: Tastatur, Maus und Photoshop – kein praktisches Handgeschick und ich ein „hilfloser Küchenmensch.“ Aber viel schlechter konnte ich kochen, als ich noch jung war.

Fünf schmutzige Männer im Nacken

Obwohl ich die Lebensbedingungen meiner Kindheit auf dem Land nicht idealisieren will, kann ich sagen, dass wir so gut wie keinen Müll produziert haben, no, Sir. Was wir aßen, kam aus Stall, Garten oder vom Feld, und die ungenießbaren Essensreste wurden in einem lebendigen Müllschlucker geparkt, das war ein Schwein. Wenn es sich an den Abfällen dick und rund gefressen hatte, wurde es an den Ohren aus dem Stall gezerrt, kriegte einen Bolzenschuss an den Kopf, und nach einigen Stunden war es komplett zu verschiedenen Lebensmitteln verarbeitet.

Plastikverpackungen gab es in unserem Haushalt nicht, und sie wurden auch nicht vermisst. Wie ich überhaupt viele Dinge nicht vermisst habe, die mich heute umgeben. Einmal hat Lehrer Ruß mit uns in den großen Ferien Segelflugzeugmodelle gebaut. Das Modell hieß: Der kleine Uhu. Anschließend gab es einen Wettbewerb, wessen Modell am längsten in der Luft blieb. Mit meinem „kleinen Uhu“ belegte ich den zweiten Platz und gewann eine Stoppuhr. Ich freute mich so, dass ich dachte, ich sei der glücklichste Mensch der Welt. Da saß ich gerade auf dem Plumpsklo. Zum Wischen lag da Zeitungspapier. Weniger geeignetes Papier verbrannten wir im Ofen, die Asche kam auf den Mist und wurde zusammen mit den Ausscheidungen von Tier und Mensch wieder zu Dünger. Zugegeben, das war eine karge Welt, doch irgendwie war alles in Kreisläufen von Entstehen, Vergehen und Wiedererstehen organisiert, ohne dass die Natur nennenswert belastet wurde.

Das änderte sich rasch, denn die Welt meiner Kindheit wandelte sich quasi über Nacht zur Wohlstandsgesellschaft. Plötzlich war allenthalben Überfluss. Mit dem Überfluss kamen neue Bedürfnisse, verpackte Waren und Güter von außerhalb, und mit ihnen kam der Müll. Da wir an die alten Kreisläufe gewöhnt waren, dachten wir gar nicht daran, dass die Natur den zusätzlichen Müll nicht verkraften könnte. Über viele Jahre hinweg gab es in dieser Hinsicht kein Problembewusstsein. Es wuchs erst Ende der 1970-er Jahre, als die Umwelt schon ziemlich verdreckt war. Doch so richtig bewusst sind wir uns heute noch nicht, wie sehr unser Lebensstil des Überflusses den Planeten belastet.

Zeitsprung in die Gegenwart. Ich habe keinen aufwendigen Lebensstil, und trotzdem fallen in meinem Ein-Personen-Haushalt täglich etwa drei bis vier Liter Müll an. Das Volumen sagt nichts über das Gewicht, und ich weiß auch nicht, ob ich damit über oder unter dem Durchschnitt liege. Laut Statistik von 2015 kommen auf jeden von uns jährlich 455 Kilogramm Müll. Das ist etwa das Fünffache meines Körpergewichts. Ich habe also am Jahresende fünf Schattenmänner aus Müll bei mir. Heute kaufte ich verpacktes Brot. Was vorne im Regal lag, war schon ein wenig trocken. Ich langte nach einem weiter hinten liegenden Paket, und im selben Moment wurde mir klar, dass das von mir verschmähte Brot vermutlich kein anderer kaufen würde. Das Brot würde im Müll landen. Mein Problem zeigt sich also nicht nur im Müll, den ich zu Hause produziere, sondern auch in den Abfallcontainern der Supermärkte. Demgemäß ist mein Lebensstil nach wie vor verschwenderisch, und meine Bedürfnisse sind nach vernünftigen Maßstäben maßlos. Trotzdem habe ich seit meiner Kindheit nie mehr von mir sagen können, ich sei der glücklichste Mensch der Welt. Warum nicht? Es gibt keine monokausale Erklärung, aber fünf Müllmänner im Nacken wiegen unsäglich schwer.