Zwei Worte für und gegen den Schmerz

„Gute Besserung!“, haben mir liebe Menschen gewünscht, nachdem ich mir eine Rippe gebrochen hatte. „Gute Besserung“ steht auf der Packung Papiertaschentücher, die mir die Apothekerin schenkte. Ärzte wünschen einem nie „gute Besserung!“ Ihr Geschäft ist das Kranksein, nicht die gute Besserung. Auch wenn sie über die professionelle Haltung hinaus ein wenig Anteil nehmen, kommt ihnen „gute Besserung!“ nicht über die Lippen. Dass es Wochen dauert, bis ich beschwerdefrei bin, haben mir alle gesagt. Da sie wissen, dass diese Geschichte ihre Zeit braucht, sparen sie sich die Floskel.

Ich las, als es mir einmal sehr schlecht ging, eine andere Floskel: Meine Schmerzen glichen denen der gebrochenen Rippe. Man glaubt es kaum, aber wann immer derzeit der Schmerz die Schmerzmittel glutheiß überstrahlt, dann denke ich, dass ich solche Schmerzen, diese sengenden Stiche zwischen den Rippen, schon einmal zuvor erlebt habe. Aus Gründen hatte ich mich im Sommer 2005 von Lisette getrennt und all ihre Versuche, mich zurückzugewinnen abgewehrt.

Bei der Bundestagswahl im September war ich Wahlvorstand, musste nach der Stimmauszählung den Koffer mit den Stimmzetteln und Wahlunterlagen ins Verwaltungsgebäude der Stadt Aachen bringen. Danach bummelte ich zum Rathaus. Dort war ich mit meinem jüngsten Sohn verabredet. Wir wollten im Krönungssaal zusammen die Wahlpartie erleben. Er kam nicht. Nachdem ich etwa eine Stunde gewartet hatte, beschloss ich zu gehen, stieg die Treppe hinab, und da kam mir entgegen – Lisette! Wir hatten uns Wochen nicht gesehen und waren elektrisiert. Wie selbstverständlich begleitete ich sie zurück in den Krönungssaal, wo wir einige Stunden verzaubert nebeneinander standen. Auf großen Bildschirmen lief die „Elefantenrunde“ mit den Spitzenkandidaten der Parteien. Gerhard Schröders arroganter Auftritt sollte legendär werden, in dessen Folge Angela Merkel Bundskanzlerin wurde. Ich habe gelegentlich zu den Bildschirmen hochgeschaut, doch nichts, aber auch nichts mitbekommen.
Weiterlesen

Advertisements

Grenzerfahrungen

In den tropischen Nächten des vergangenen Sommers, als wer konnte die aufgeheizte Wohnung zum Schlafen verlassen hat, um auf dem Balkon, auf der Terrasse, im Garten, in den Dünen zu liegen, wo man zum Zudecken nur das Himmelszelt brauchte, da hat man sich nicht vorstellen können, wie es ist, sich über das leise Bullern der Heizung, über knisternde Holzscheite im Kamin und siedende Wasserkessel zu freuen, wie ja der Mensch nur schwer über seine derzeitige Lebenssituation hinauszuschauen vermag. Immerzu ist er gebannt an derzeitige Gefühlszustände – an Wohlbehagen wie auch an Schmerz. Die Grenzbereiche zwischen zwei gegensätzlichen Zuständen entziehen sich meist der Wahrnehmung. Grad ist da noch ein heißer Schmerz als würde einem ein glühender Nagel zwischen die Rippen getrieben, dann hat er sich kaum merklich verzogen und ist nur noch Erinnerung.

Als ich von Aachen nach Hannover umzog, da habe ich mancherlei zurückgelassen, auch gute Freunde wie meinen Mentor Rudolf und seine Frau Margret. Die beiden leben in einem Haus an Grenzen, an der Ortsgrenze des Dorfes Orsbach. Im Talgrund unten mäandert der Senserbach, der die Grenze zu den Niederlanden markiert. Ihr Haus liegt zudem an der Grenze zum Wald, der sich den Hang hinauf erstreckt. Gerne denke ich an Besuche zurück. Wann immer ich geschwächt war, bin ich hingefahren und habe neue Kraft getankt. Hab besonders gern bei ihnen am Kaminofen gesessen, auf dessen Herdplatte ein zischender Wasserkessel stand zwischen mächtigen Kieseln, die Rudolf aus irgendeinem Flussbett der Alpen geklaubt hatte. Die Scheite im Ofen stammen aus dem angrenzenden Wald.

Vor einigen Jahrzehnten hat ein findiger Orsbacher eine mittelalterliche Urkunde entdeckt. Darin wird den Bürgern von Orsbach für ewige Zeiten ein Holzrecht eingeräumt. Die Stadt Aachen musste sich fügen, und das städtische Forstamt übernimmt seither die Organisation. Orsbacher, die den Wunsch äußern, im Wald Holz zu schlagen, beteiligen sich an einem Losverfahren, das ihnen eine der Parzellen zuspricht.

Orsbacher Holzrechtsstapel, Foto: JvdL – größer: Klicken


Der Geschichtswissenschaftler Horst Fuhrmann nennt das Mittelalter „Zeit der Fälschungen“. Als nur wenige des Schreibens mächtig waren, konnte man Urkunden leicht fälschen. Die „Konstantinische Schenkung“, die den Bischof von Rom zum Papst erhebt, ist eine solche Fälschung. An einem feuchtkalten Wintertag, der Wind pfiff eisig durch das dürre Gesträuch, war ich mit Rudolf im Wald, um Holz zu schlagen. Er sägte, ich trug zusammen und stapelte. Am Ende, so dachte ich, als ich den Holzstapel richtete, am Ende ist die Orsbacher Holzrechturkunde auch gefälscht. Das ist eine hübsche Vorstellung, denn gemeinhin waren es die Mächtigen, die von Urkundenfälschungen profitiert haben. Ich habe mich noch viel lieber an Rudolfs Kaminofen gewärmt, bei der Vorstellung, die Sache mit dem Holzrecht wäre getürkt. Heute wärs nötig, aber es geht nur digital.

Sich aufwärmen am digitalen Herdfeuer – Gif-Animation JvdL

Protokoll einer besinnungslosen Nacht

Ich kam mir schon wie ein Simulant vor, als ich am Nachmittag bei meiner Ärztin saß. „Lange nicht gesehen“, hatte sie mich begrüßt. Und ich hatte gesagt: „Ja, mir ging’s zu gut. Drum habe ich mich mit einem Fahrradsturz selber ausgeknockt.“
„Tja, passiert“, sagte sie. Überhaupt taten alle Ärzte so, als wäre es das selbstverständlichste der Welt, sich eine Rippe zu brechen.
„Sie sollten das nicht zum Anlass nehmen, auf Radfahren zu verzichten“, sagte sie noch. Da war ich fast schmerzfrei und hätte mich glatt wieder aufs Rad setzen wollen.

Am Abend jedoch, hatte eine unbedachte Bewegung erneut einen höllischen Schmerz freigesetzt, den ich in keiner Stellung lindern konnte. Da wusste ich nicht, mich zu lassen. Einzig mein TV-Sessel bot mir Halt genug. Ich schaute mir das beknackte Programm an, zog mir einige Wiederholungen rein, wartete und hoffte auf „extra3“, aber als ein gutgelaunter Christian Ehring vors begeistert applaudierende Studiopublikum trat, bin ich eingeschlafen, nicht ohne vorher zu denken, diese professionellen Anheizer, Warmupper genannt, die aus vernünftigen Menschen Füße stampfende, wild klatschende und johlende Idioten machen, gehören standrechtlich erschossen. Aufgeheiztes Studiopublikum in Satiresendungen wie extra3 oder schlimmer noch in der heute show ist der wahre Irrsinn, denn wenn in den Sendungen politischer Unverstand und politisches Versagen, gesellschaftlicher und bürokratischer Schwachsinn satirisch aufgespießt werden, das Publikum anschließend klatscht und johlt, wirkt es immer wie Begeisterung über das aufgespießte Übel. Klar lässt gedankliche Trennschärfe erkennen, dass nicht die devoten Kratzfüße unserer Bundesregierung vor der Autoindustrie etwa bejubelt werden, sondern die Formen der satirisch vorgebrachten Kritik, aber indem die Bilder die beherrschende Botschaft sind, entlarvt sich im törichten Publikumsgetue, das ja stellvertretend für uns alle da sitzt, was sind wir doch für Idioten, dass wir das alles mit uns machen lassen. Klar, den Bürgern geht’s wie mir, sie können sich drehen und wenden wie sie wollen. Es tut immer weh und wird nicht besser.

Meine lieben Damen und Herren, bitte vergegenwärtigen Sie, dass ich oben bei Christian Ehrings Auftritt schon eingeschlafen bin, alles was danach kam und kommt im halbbewussten Zustand geschieht. An die Oberfläche kam noch der bizarre Auftritt der Bayern-München-Bosse, vermutlich bei ZAPP gesehen. Die Herren Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge, ein verurteilter Steuerhinterzieher und ein ertappter Schmuggler von Rolex-Uhren, beklagten sich bei einer Pressekonferenz über kritische Medienberichte, und Rummenigge untermauerte seine Klage mit dem Verweis auf Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Journalisten hätten dagegen verstoßen, indem sie die Leistung einiger Spieler von Bayern München kritisierten. Oje, das tut weh. Weh hatte mir schon Tage zuvor getan, als in der Zeit folgendes zu lesen war. (Zum gesamten Text bitte Bild anklicken!)

Nun sind ja Sportjournalisten nicht die hellsten Kerzen auf der Redaktionstorte. Aber hätte nicht ein wachsamer Kollege mit einem Rest an Sprachgefühl dem Oliver Fritsch sagen können, das obengenannte Halunkenpack besser nicht „derart hochrangig“ zu nennen? Natürlich gibt es in der Hierarchie von Ganoven welche, die das Sagen haben. Da könnte die Zeit genauso unbedarft schreiben: „Die Pressekonferenz der Hamburger St.-Pauli-Zuhälter war mit Louis Mädchenhirt und Lude Stenz erstaunlich hochrangig besetzt.“ Um Rummenigge zu zitieren: „Geht’s eigentlich noch?“ Immerhin schlafe ich schon und berichte von Alpträumen, die mir die schmerzende Rippe beschert.

Gegen Morgen war allerorten die Rede von irgendwelchen Paketbomben in den USA, die zwar nicht hoch gegangen waren, über die die tumbe ARD aber gewiss noch einen „Brennpunkt“ hinter die Tagesschau schieben wird. Irgendwann fand ich glücklich die Ausschalttaste und träumte schön von meiner jüngsten Exfreundin, das einzig Positive, wovon ich unter jetzt wieder erwachten Schmerzen berichten kann. Kollege Glumm forderte mich kürzlich zu mehr Jammern auf. Aber mehr ging beim besten Willen nicht. Bin einfach zu geschwächt.

Immer diese Machenschaften

Um sich abzulenken, greift er gern nach einem Wörterbuch, schlägt es wahllos auf und liest sich fest. Diesmal ist es der Duden-Band „Richtige Wortwahl.“ Er liest den Eintrag „Machenschaft“ und muss kurz lachen. „Machenschaften“ gehört in seinen passiven Wortschatz, will sagen, er kennt es, ohne es je benutzt zu haben. Die Bedeutung (Denotation) des Wortes ist im Wörterbuch umschrieben. Woher kommen jedoch die Gefühlswerte und Assoziationen (Konnotation), die ihn lachen ließen, ohne dass er das Wort je aktiv benutzt hätte?

Es gibt in Beziehungen den Unglücksfall, dass flammende Liebe einseitig in Gleichgültigkeit und sogar Abneigung umschlagen kann. Was man zuvor anziehend fand, verliert den Reiz, und am Ende kann man nicht mal mehr des Partners unwillkürlichen Lebensäußerungen ertragen, etwa hören, wie er atmet.

aus: Duden, richtige Wortwahl

Als die Mutter seiner Kinder sich von ihm abzuwenden begann, immer schlechter auf ihn zu sprechen war, ohne dass er ihr einen konkreten Grund gegeben hatte, begann sie, ihm „Machenschaften“ zu unterstellen. Der Vorwurf „Deine Machenschaften!“ machte ihn ratlos, weil er nicht wusste, was gemeint war. Besonders irritierte ihn, dass sie nie von einer Machenschaft sprach, sondern immer von Machenschaften. Eine Machenschaft hätte er noch in den selten besuchten Abgründen seiner Seele finden können, aber gleich ein ganzes Bündel dunkler Unternehmungen, da wusste er beim besten Willen nicht, was gemeint war. Sie half ihm nicht, indem sie seine angeblichen Machenschaften spezifizierte, so dass er sich hätte vor den Kopf schlagen können und erleichtert ausrufen: „Ach, das meinst du! Das muss ja auch nicht sein“, und fortan hätte er diese Machenschaft vermieden. Zum Schluss wurde ihm der Pauschalvorwurf „Deine Machenschaften“ egal, denn die Wortbedeutung hatte sich durch ständige Wiederholung entleert. Die Machenschaften hatten sich in eine Horde Gespenster verwandelt. Und gegen nichtstoffliche Wesen ist bekanntlich kein Kraut gewachsen. Sie jedoch war verliebt in diese Gespenster, verliebte sich aber bald wieder in ein stoffliches Wesen.

Er hatte die Sache schon vergessen, aber das Wörterbuch rief die Konnotationen wach. Sie trudelten durch sein Denken wie ein Stein im Gebirg, den ein unachtsamer Wanderer losgetreten hat. Auch nicht ohne Komik: Der Brocken hätte ihn eigentlich treffen und verletzen können, aber war an seinem unfreiwilligen Humor abgeprallt.

Nix is esu schläch, dat et net och för jet joot wör

Fast drei Stunden sitze ich in der Notaufnahme der Klinik, neben mir hockt schon gut zwei Stunden ein alter Mann mit Kopfverband. „Ihnen läuft immer mehr Blut übers Gesicht“, sagt ihm ein junger Migrant, der mit wachen Augen umherschaut. Er ist ein alter Hase. Nachdem ihm eine Stahlplatte auf den Kopf gefallen war, habe er fünf Stunden in der Notaufnahme gewartet. „Und niemand hat mal gefragt, wie es mir geht.“ Seine Gesprächsfreude bezieht alle im vollen Wartebereich ein, so dass es fast gesellig wird. Ich schweige, denn ich kann vor Schmerzen kaum reden. In der Ecke sitzen zwei wirklich dicke Frauen und verbreiten eine beinah gemütliche Stimmung. Die ältere strickt, die jüngere gefällt sich in lakonischen Bemerkungen über das Gesundheitswesen und über gesellschaftliche Entwicklungen, spricht vom Fachkräftemangel in den Krankenhäusern und dass gut ausgebildete Fachkräfte lieber im Ausland arbeiten würden. „In der Schweiz“, bestätigt der Migrant. Glaubt man den beiden, steht das Gesundheitssystem kurz vor dem Kollaps. Es hockt also hohläugig und schwer angeschlagen mit uns im Warteraum. „Und die Beiträge steigen immer weiter“, klagt der Migrant. Er sei mal selbstständig gewesen und habe sich die Beiträge zur privaten Krankenversicherung nicht mehr leisten können. „Auch die Pächter kleiner Gaststätten müssen deshalb aufgeben“, bestätigt die junge Dicke. Sie meint auch, dass der Euro nichts mehr wert sei. „In fünf Jahren bezahlen wir alle mit dem Handy.“

In der anderen Ecke sitzt ein schmaler Mann von Mitte 40 mit einem Mullpflaster am Kinn. Er ist bestens präpariert für die Notaufnahme, hat eine Thermosflasche hevorgeholt, zwei Butterbrotdosen, hält seinen Klapprechner auf den Knien und scheint zu arbeiten. Er trägt einen auffällig großen Ehering, wird zwischendurch mal angerufen. Ich beneide ihn ein wenig. Gut angetroffen hat es der, den zu Hause eine sich sorgende Ehefrau erwartet. Eine ältere Spanierin ist mit ihrer Tochter da, die als einzige in den ausliegenden Zeitschriften blättert, dann sogar das Kreuzworträtsel in einer Frauenzeitschrift bearbeitet. Neben mir sitzt mein mittlerer Sohn. Ich dränge ihn bald, nicht mehr mit mir zu warten, sondern zum Bahnhof zu fahren. Er hat mir schon prima durch den Tag geholfen und muss am Abend noch nach Leipzig zurück. Der Alte neben mir trägt auch nichts zum Gespräch bei. Dreimal hallt der Rufton seines Smartphones durch den Raum. Wie die Posaunen von Jericho, denke ich.

Jedesmal erschrickt der Alte vor dem martialischen Getöse. Und keinmal gelingt es ihm, das Gespräch anzunehmen. Mit zittrigen Fingern tappt er vergeblich herum, ruft danach verschiedene Leute an und fragt sich durch, ob sie ihn angerufen hätten. Ende der 1990-er Jahre veröffentlichte ich in der Titanic eine Satire über den aufkommenden Handy-Wahn. Die dort genannte Single-Button-Funktion ist heute innovativ. Ein einfaches Smartphone, das immer genau das tut, was sein Benutzer wünscht, statt Hänneschen-Theater zu veranstalten. So ein narrensicheres Smartphone hätte sicher einen Markt in unserer alternden Gesellschaft. In der Überalterung liegt ein Grund für explodierende Gesundheitskosten und ein System an der Leistungsgrenze. Leute wie ich und der neben mir wären vor 50 Jahren längst tot gewesen und würden nicht in der Notaufnahme hocken. Mein Vater ist mit 49 am Herzinfarkt verstorben.

Als ich endlich zu einem Arzt vorgelassen werde, tastet er mich ab, findet auf Anhieb, wo ich scheints ein Messer zwischen den Rippen habe, hört sich meine Lunge an und offeriert mir eine weitere Stunde Wartezeit fürs Röntgen und für das anschließende Gespräch.
O nein! Solange schaffe ich nicht mehr zu warten.“
„Tut mir Leid, aber Sie sehen ja, was hier los ist.“
„Ich hatte schon gelesen, dass die Notaufnahmen so überlaufen sind.“
„In ganz Deutschland ist das so, weil auch die Leute kommen, die gar keine Notfälle sind.“
„Mich hat der Hausarzt geschickt.“
„Sie haben ja auch alles richtig gemacht.“
Ich beschließe zu gehen, sage, dass ich am nächsten Morgen einen regulären Termin beim Orthopäden hätte und der käme ja langsam näher. „Ich kann Sie nicht zwingen zu bleiben“, sagt er. Ich wünsche noch einen ruhigen Arbeitstag, und er sagt: „Danke, der geht noch die ganze Nacht.“ Die Nacht habe ich im TV-Sessel sitzend verbracht. Ein wenig sogar geschlafen.

Nix is esu schläch, dat et net och för jet joot wör. (Nichts ist so schlecht, dass es nicht auch für etwas gut wäre), sagt der optimistische Kölner. Meinen gestrigen Unfallbericht haben Blogfreundinnen und -freunde kommentiert, von denen ich lange nichts mehr gehört hatte. Ich mag das gar nicht, wenn freundschaftliche Kontakte einschlafen. Auch digitale Bindungen sind einem wichtig. Blöd nur, wenn man sich dafür ganz analog den Hals brechen muss.

Aua, gestürzt

Beim Radsport bin ich ab und zu schmerzhaft gestürzt und auch mehrfach mit dem Alltagsrad. Vorgestern wieder. Es gibt beim Fahrradsturz diesen Moment des Kontrollverlustes, der durchaus etwas Leichtes hat. Man fliegt ja. Aber ins schöne Fliegen mischen sich zwei Gefühle, Ärger, dass man nicht aufgepasst hat und Angst vor dem unweigerlichen Aufprall. Möglicherweise mischt sich auch noch ein Fünkchen Hoffnung ein, dass der Aufprall glimpflich verlaufen werde, aber sich dessen ganz bewusst zu werden, dazu ist der Augenblick zu kurz. Wie ich am Boden liege, ist da auch Scham, weil andere Verkehrsteilnehmer mich hatten stürzen sehen und auch noch zwei Frauen herbeieilen, um mir aufzuhelfen und sich nach meinem Befinden zu erkundigen. Ein Radsportler hat angehalten, richtet mein Fahrrad auf und lehnt es an die Mauer. „Alles in Ordnung?“, werde ich gefragt. Bei dieser beliebten, aber unpassenden Floskel, bin ich versucht zu antworten: „Jaja, so fahre ich immer, alle 50 Meter ein Purzelbaum ist in Ordnung“, aber eigentlich bin ich überfragt, bin geschockt und muss zuerst die verschiedenen Schmerzmeldungen verzeichnen, die mein Körper mir sendet. Wo tuts weh? Wie sind die Schäden? Man steckt in sich selbst, kann aber nichts Genaues sagen, zumal der Schock die Schmerzbotschaften nur zögernd passieren lässt. Wäre man eine Maschine, hätte man ein Diagnosetool. Man fragt mich, ob ein Krankenwagen erforderlich sei. Ich sage mühsam: „Nein! Ich bin Privatpatient …“ „Da haben die Ärzte schon die Dollarzeichen in den Augen“, unterbricht mich einsichtig die Frau, die mir aufgeholfen hat. „… dann drehen die mich wieder mal durch die diagnostische Mühle“, beende ich meinen Satz. Ist ja alles sinnvoll, was dann getestet, abgefragt und gemessen wird, aber oftmals zu aufwändig und für die Klinik lukrativ, für den Patienten langwierig und wenig hilfreich. Ich habe da schon seltsame Erfahrungen hinter mir.

Äußere Verletzungen habe ich nicht. Da ich langsam war vor dem Sturz, ist der Aufprall um so heftiger gewesen. Offenbar habe ich den mit der Hand zu mildern versucht. Ich spüre Schmerzen im Handgelenk. Für einen Augenblick ist mir die Luft weggeblieben, denn ich bin auf den Brustkorb gestürzt. Das wird schmerzhaft, weiß ich schon, obwohl der Schmerz sich noch in Grenzen hält, aber das sollte noch kommen – ein Alptraum beim Liegen. Man sagt mir, ich solle mich einen Moment auf die Treppe des Hauseingangs hinter mir setzen und verlässt mich mit guten Wünschen.
Erst jetzt rekapituliere ich, was mir wie geschehen ist. Zurück auf Anfang. Ich bin nach dem Einkauf nicht den kürzesten Weg nach Hause gefahren, sondern habe einen Umweg zur Post gemacht, um zwei Briefe einzuwerfen. Aber ich fahre hier auch, wenn ich nicht zur Post muss. Der Weg hat kaum Verkehr, steigt leicht an zum Von-Alten-Garten, streift den Park und mündet bei der Schule oben in eine Kreuzung, wo ich links abbiegen muss. Dort fühle ich mich unsicher, denn bei der Grünphase muss ich den Geradeausverkehr der Gegenrichtung passieren lassen, rechts von mir brandet der Geradeausverkehr in Fahrtrichtung, und just von diesen von hinten kommenden Autos fühle ich mich bedroht, weil ich sie nicht sehen kann und nicht weiß, ob die Autofahrer mich mitten auf der Kreuzung sehen. Also nutze ich verkehrswidrig das Fußgänger-Grün vor mir, um auf den linksseitigen Radweg zu fahren, muss dann aber auf den abbiegenden Verkehr achten. Das habe ich getan. Der Radweg wird dort im leichten Bogen zur Fahrbahn geführt, folglich müsste ich weit ausholen, um über die abgesenkte Stelle einzubiegen. Diesen Bogen nahm ich zu kurz, weil ein Auto einbiegen wollte, stieß deshalb an einen nur halb abgeschrägten Bordstein und stürzte über den Lenker. Da ich langsam war, prallte ich fast senkrecht auf, wodurch mein Körper die ganze Fallenergie abbekam. Fährt man schneller, fällt man im flachen Winkel, wodurch die Aufprallenergie seitlich weggeht. Das gibt zwar Schürfwunden, aber selten Prellungen.

Meine lieben Damen und Herren, ich weiß, was ich falsch gemacht habe, bitte also von derlei Anmerkungen abzusehen. Auch möge man mir nicht vorschlagen, lieber aufs Radfahren zu verzichten. Ich verlöre einen wesentlichen Teil meiner Autonomie und vor allem Lebensfreude.
Die sinnvolle Alternative wäre eine für Radfahrer sichere Verkehrsführung. Doch noch immer gibt die Straßenverkehrsordnung den Autos Vorrang vor Fußgängern und Radfahrern. Der Autolobby und dem ADAC sei Dank.

O! Etwas über das kleinste Wort des Deutschen

Die kleinste Wortart im Deutschen ist das Empfindungswort, auf Latein: Interjektion, eine sogenannte Partikel. Interjektionen sind: „Aua“, „ach“, „ha“, „oh“ und viele mehr. Das Deutsche kennt zwei ähnliche Interjektionen, o und oh. Sie sind schwer zu unterscheiden, da ihre Bedeutungsbereiche unklar sind und sich manchmal überschneiden. Versuchen wir es trotzdem, dann wäre „oh“ Ausdruck der Überraschung, des Erstaunens: „Oh, das wusste ich nicht!“, des Bedauerns: „Oh, das ist schade!“ oder Erschreckens. Wenn beispielsweise der Verletzte in einem schlechten Hollywood-Film sagt: „Ich kann meine Beine nicht mehr spüren!“, wissen wir, weil es schon zigmal so war: „Oh! Schlechtes Zeichen. Der nippelt gleich ab.“ Erschrecken auch bei Bertolt Brecht: „Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: ‚Sie haben sich gar nicht verändert.‘ ‚Oh!‘ sagte Herr K. und erbleichte.“ Wir sehen „Oh!“ kann alleine stehen und ist dann auch schon eine Sorte Nebensatz. Wenn da kein Ausrufezeichen steht, verbinden wir mit dem Hauptsatz per Komma.

Grafik: JvdL


Beim einfachen O erhebt sich die Seele wie bei „O du Fröhliche …“ „O Tannenbaum“ Auch bei der Anrufung Gottes steht das einfache O, wie im ebenfalls stereotypen Satz aus schlechten Filmen: „O Gott, wir werden alle sterben!“ Bei der katholischen Fürbitte heißt es: „Erhöre uns, o Herr!“ „O Haupt voll Blut und Wunden“ ist ein bekanntes Kirchenlied. „O“ kann auch das tiefe Bedauern ausdrücken: „O weh, was habe ich da zu hören bekommen.“ (Tucholsky) Ebenso in der einfachen Ansprache: „O Leserin, o Leser, wenn du magst und kannst, nenne mir weitere Anwendungsbeispiele oder Zitate und hilf zu differenzieren!“ Die in der digitalen Kommunikation gebräuchliche Abkürzung OMG bedeutet „O mein Gott“ (Nachweis Frauhemingistunterwegs); „O mein Papa war eine wunderbare Clown…“ (Nachweis Feldlilie); „Gottes Sohn, o wie lacht“ (Nachweis Noemix) Dazu ein Witz:

Ein Kind hat ein Krippenbild gemalt, mit Jesuskind, Maria und Josef, Ochs und Esel. Über allem ein großes lachendes Gesicht. Fragt man das Kind: „Wer ist denn das?“ „Ja, das ist doch Owie!“ „Welcher Owie?“ „Der aus dem Lied „…o wie lacht!“

Die Beispiele der Interjektion „o“ zeigen, dass hinter ihr kein Komma steht.