Intergalaktisches Bettenbauen

Bei der Bundeswehr lernte ich, ein Hemd auf DIN-A4 zu falten, ebenso das Bettenmachen, was dort im Jargon „Bettenbauen“ heißt. Zum Glück habe ich beides wieder vergessen. DIN-A4-Hemden sind albern und Bettenbauen, war schon mehrfach zu lesen, ist eher ungesund. Nicht weil man sich dabei verrenken oder gar tödlich verunglücken kann, nein, die Gefahr lauert im Bett selbst – mikroskopisch kleine Spinnenwesen, die Milben. In der Nacht verliert der Mensch bis zu zwei Liter Flüssigkeit. Diese Feuchtigkeit muss tagsüber wegtrocknen. Im gemachten Bett kann sie nicht entweichen. Dunkelheit und Feuchtigkeit sind die idealen Lebensbedingungen für Milben. Sauber gebaute Betten beherbergen drum ganze Milben-Universen.

Wie ich am Morgen mein Bett aufschlage, somit das Mikrobenuniversum ans Licht zerre und ihm die Feuchte entziehe, fällt mir ein, dass diese Mikrobengalaxie zwar Nachbargalaxien hat, wohin die Milben theoretisch fliehen könnten, nämlich in die anderen Betten in den Wohnungen des Hauses, dass diese Galaxien im Mikrokosmos aber so weit voneinander entfernt sind wie die Andromedagalaxis von unserer Milchstraße. Einziger Unterschied, wenn wir Menschen bei Nacht zum Himmel aufschauen, können wir benachbarte Galaxien als ferne Spiralnebel sehen, vorausgesetzt es gibt keine Lichtverschmutzung und wir haben ein Teleskop. Von Milbengalaxie zu Milbengalaxie besteht keine Sichtverbindung, außer in Bundeswehrstuben, Jugendherbergen und anderen Schlafsälen, wo große Milbenpopulationen beheimatet sind.

Angenommen in irgendeiner Milbengalaxie des Mietshauses, in dem ich lebe, geschieht plötzlich etwas Ungeheuerliches. Ein schwer alkoholisierter Nachbar hat sich hoch oben ins Bett gelegt, und seine Ausdünstungen bewirken bei den Milben die Entwicklung von Intelligenz. Da im Mikrokosmos alles schneller geht als bei uns, läuft auch die Evolution schneller ab, und im Nu haben seine Milben, das Rad, das Geld und das Rubbellos erfunden, die Raumfahrt entdeckt sowie eine Theorie von Wurmlöchern erdacht. Zuvor aber entwickeln die hochintelligenten Milben jedoch eine psychogene Technik der mentalen Beeinflussung anderer Lebewesen, von ihnen „die Macht“ genannt. Plötzlich ist mein armer Nachbar erstaunlich geschickt im Bettenbauen, hat nicht eher Ruhe, bis er sein Bett auf DIN A4 gefaltet hat … [sorry,… falsche Spur], bis er sein Bett perfekt gemacht hat, so dass sein Milbenimperium wachsen und gedeihen kann.

Sein Umfeld lobt ihn ahnungslos. Patenonkel Heinrich, ein schneidiger Offizier der Reserve, sieht sich in allem bestätigt, was ihm heilig ist, und verkündet: „Welch ein Segen, wenn einer bei der Armee gewesen ist. Da lernt er noch den korrekten Bettenbau!“, und setzt den jungen Mann zum Alleinerben ein. Alle staunen nur über sein behändes und allmorgendlich promptes Bettenbauen gleich nach dem Aufstehen, wobei er das Mantra: „Möge die Macht mit euch sein!“ murmelt. Auch hört man Wunderliches von ihm: „Größe ist nicht alles. Die kleinere Truppe wir sind, dafür größer im Geist.“ Wie sähe jetzt die großgeistige Milbenraumfahrt aus? Würden die Milben-Raketentechniker und Astrophysiker das Bett des Nachbarn umfunktionieren? Käme das plötzlich holterdipolter die Treppen herunter und würde mit Krawumm an fremde Türen klopfen? Ich würde nicht aufmachen und rate allen, Türen und Fenster geschlossen zu halten.

Dann bliebe den Milben noch die Allgemeine Relativitätstheorie und die Theorie der Wurmlöcher. Der Name Wurmloch stammt von der Analogie mit einem Wurm, der sich durch einen Apfel hindurchfrisst. Er verbindet damit zwei Seiten derselben Dimension (der Apfeloberfläche) durch einen Tunnel. Das beschreibt anschaulich die besondere Eigenschaft des Wurmlochs, da es zwei Orte im Universum, in diesem Fall zwei Betten miteinander verbindet. In meinem Bett stieße die Milben-Expedition auf brutale Lebensbedingungen, und man wird in Wissenschaftskreisen erwägen, mein Bett wegen Unwirtlichkeit auf den mikrogalaktischen Index zu setzen. Zwischen anderen Betten fände aber ein reger Milbenaustausch statt, wobei die Milben feststellen würden, dass sich die Raumfahrt nicht lohnt, denn Bett ist Bett. Man habe, wird verkündet, nichts Besonderes, nicht mal außermilbisch intelligentes Leben in den neuentdeckten Betten gefunden, außer in meinem natürlich, aber das müsse sicherheitshalber gesprengt werden.

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Don’t ask me questions! oder Wenn Maschinen Antworten verlangen … sag lieber nichts!

Fragt der Arzt den Patienten: “Wie geht’s?“
Antwortet der Patient: „Und selbst?“ Von diesem Wortwechsel wissen wir, dass er absurd ist. Die Kommunikationswissenschaft unterscheidet symmetrische und asymmetrische Kommunikationssituationen. Konkret zeigt sich das darin, welcher Kommunikationspartner das Fragerecht hat. Es liegt nämlich beim sozial Höhergestellten, wobei zu unterscheiden ist, ob eine Positionsrolle oder eine Funktionsrolle den Ausschlag gibt. Sucht eine ranghöhere Person einen Arzt (oder eine Ärztin) auf, hat der Arzt nur aufgrund seiner Funktion das Fragerecht. Wenn ein einfacher Arbeiter zum Arzt geht, vereinigt der Arzt Funktions- und Positionsrolle auf sich. Wo der soziale Rangunterschied von Kommunikationspartnern nicht eindeutig ausgemacht ist, kann sich der aggressivere Kommunikationspartner einen Vorrang erkämpfen, indem er den anderen von oben herab etwas fragt. Weil der Mensch ein deutliches Gespür für das hat, was angemessen ist, kann er antworten und sich über sich und den anderen ärgern, er kann eine Antwort verweigern oder zurückfragen und so den Gleichrang wieder herstellen.

Es geschieht nun immer öfter, dass mich Software etwas fragt, obwohl ihr das Fragerecht nicht zusteht. Wenn ich mein Smartphone entsperre, bietet mir irgendein Google(?)-Algorhitmus an: „Mit Stimme entsperren?“ Man möchte also meinen gespeicherten Personendaten mein Stimmmuster hinzufügen. Schalte ich meinen Rechner ein, erscheint das nervige Windows-Startbild, derzeit ein Vulkankratersee, und man will von mir wissen:
„Gefällt Ihnen, was Sie sehen?“ –
„Kennen Sie sich in Sachen Finanzen gut aus?“ –
„Interessieren Sie sich für Immobilien?“
und irritiert mich mit dem verschwurbelten Satz:
„Sie sich für den aktuellen Aufenthalt auf Markttrends und Aktien belohnen?“

Die Fragen wechseln mit dem Startbild. Ich erfreue mich an der naiven Vorstellung, dass hier Psychologen ganz verzweifelt sich die Haare raufen und rufen: „Auf irgendwas muss der Klotz doch antworten!“ In Wahrheit konstruiert eine Software die asymmetrische Kommunikationssituation und fragt mich stoisch immer wieder, weil meine Antworten gut zu gebrauchen wären, erklärtermaßen, um Angebote für mich zu perfektionieren, mir das Leben einfacher zu machen. Aber man muss all die Fragen unbeantwortet lassen, denn das Fragerecht ist nur ergaunert.

Vom Aufräumen – Verzeichnis eines Papierstapels

Als NRW-Beamter bin ich privat versichert und bekomme alle Rechnungen nach Hause, muss dann die Beträge sowohl von der privaten Krankenkasse als auch von der Beihilfestelle per Antrag einfordern. Zur Überwindung der Spätfolgen des Schlaganfalls habe ich jahrelang viele Therapien besucht und bekam entsprechend viele Rechnungen. Zeitweise wuchs mir der Verwaltungskram über den Kopf, und ich habe ankommende Post nur noch gestapelt. Vor drei Jahren besuchten mich mein ältester Sohn und seine Lebensgefährtin, um Ordnung in meine Unterlagen zu bringen. Sie sortierten alles in Ordner, schredderten überflüssige Papiere, und für eine Weile war ich entlastet. „Du darfst nur nicht wieder Haufen bilden“, mahnte mich noch mein Sohn. Leider ist das wieder geschehen. Seit einiger Zeit wachsen an meinem Arbeitsplatz Stapel verschiedenster Dinge,zum Teil aus dem Umfeld meines Bloggens. Nun hat sich Besuch angesagt, und ich will aufräumen. Wie aber mich motivieren? Vielleicht durch Aufschreiben, obwohl es den Aufräumvorgang enorm verlangsamt:

  •  Ein Bogen Transparent-Entwurfpapier von einem DIN-A4-Block, und ein weiteres Blatt, worauf ich mit der Kalligrafiefeder „Lob der Handschrift“ geschrieben habe.
  •  eine leicht zerknüllte Serviette und ein Zuckertütchen von Nobis, dem Bäckereicafé am Aachener Münsterplatz, mitgebracht September 2018,
  • ein Bleistiftentwurf aus den 1980-er Jahren einer Computerspielfigur für ein Atari-Basic-Programm, das ich schreiben wollte,
  • die Bedienungsanleitung für mein TV-Gerät, worin ich im Bett liegend mit Bleistift einige Fieberphantasien gekritzelt habe, kaum lesbar.
  • Ein blasser Nadeldrucker-Ausdruck auf Endlospapier, „De Bonos Geleemodell“ getiteltet, worin ich vor vielen Jahren aufgeschrieben habe, wie sich mit diesem Modell die Anlage und Ausprägung von Denkstrukturen verbildlichen lassen. Ich habe vergeblich versucht, den Text zu scannen und mit OCR-Software umzuwandeln. Links oben ist der Rostabdruck einer Büroklammer zu sehen,
  • eine „Happy Birthday“-Klappkarte von meiner Münchner Blogfreundin Mitzi,
  • die Geburtstagskarte eines Versandhauses, das mir 7,77 Euro schenken wollte
  • mehrere Kettenbrief-Originale,
  • der spaßige Erpresserbrief einer Schülerin der 8. Klasse, unterzeichnet mit „Arno Nyhm“,
  • eine Papp-Mappe mit Kartenmotiven, gestaltet von meiner Tochter, die Diplomgrafikdesignerin ist,
  • die sparsame Kinderzeichnung ihres Söhnchen, meines Enkels,
  • ein 80-Blatt-Schreibblock „Student“, liniert, Spiralbindung, mit Notizen zum neuen pataphysischen Institut fürs Teestübchen,
  • ein weiterer 80-Blatt-Schreibblock „Student“, liniert, Spiralbindung, mit Notizen für ein medienkundliches Seminar „Jugend und Umwelt“ vom 09.06.2008,
  • ein selbstgeklebter DIN-A5-Umschlag von meinem Nürnberger Blogfreund Christian Dümmler (CD), worauf sich 0,5 mm Linien befinden, eine Anspielung auf meine Behauptung, es gebe keine Anreiblinien mehr, weil der Bedarf mit dem Computer verschwunden ist. Den Umschlag hat er aus einer 1:50.000 Wanderkarte vom Naturpark Dübener Heide geklebt. Nachdem ich den Umschlag aufgemacht und entfaltet habe, kann ich sehen, wie ich von Schwemsal über Tornau nach Söllichau komme – falls das mal nötig wird,
  • eine Rechnung von e-publi über ein Exemplar „Die schönsten Augen nördlich der Alpen“ zum Autorenrabatt, worauf Lottozahlen notiert sind, das Buch ein Geschenk für den Nürnberger Kabarettisten Matthias Egersdörfer,  vermittelt durch CD,
  • drei Karteikarten zum Thema Schreibgeschwindigkeit im Mittelater, aufgeklebte Fotopien aus Wilhelm Wattenbach „Das Schriftwesen im Mittelalter“,
  • eine fast quadratische Klappkarte mit dem Aufdruck „ÉCHTE POST IS ZOVEEL leuker“, innen linkseitig vollflächig oranje gestrichen, rechts ein handschriftlicher Feriengruß auf Niederländisch uit Zeeland von meiner Nürnberger Blogfreundin Anna,
  • ein herausgerissener Zettel aus einem DIN -A7-Notizbüchlein rautiert, worauf Herr Leistöne in SAS-Schreibschrift (Schulausgangsschrift der DDR) geschrieben hat (in der Kneipe am Biertisch): „Ich kann das noch richtig schreiben“ sowie drei Versuche des kleinen b,
  • ein vergilbtes KellnerInnen-Blöckchen von Bad Pyrmonter Wasser aus der Kneipe „Das kleine Museum“, das ich an der Theke sitzend mit einem ebenfalls erbetenen Kugelschreiber vollgekritzelt habe, weil ich mich einsam fühlte. Da krabbelte ein Krokodil  über die Decke.

(Wird fortgesetzt)

Hinter der Mauer

Mauerpforten beflügeln meine Phantasie. Wenn ich vom Mittagessen nach Hause fahre, komme ich an einer langen Ziegelmauer mit Pforte vorbei. Sie hat einen gemauerten romanischen Torbogen und ist verschlossen mit einem kunstvoll geschmiedeten Eisengitter. Dahinter ist eine weitere Mauer zu sehen. Der Weg geht die Ecke rum, so dass ein Blick ins Innere der Einfriedung verwehrt bleibt. Da quietscht die Pforte in ihren Angeln, und während du noch denkst, die könnte ein paar Tropfen Öl vertragen, wird sie ganz aufgezogen, und heraus stolpern zwei nackte Gestalten. Sie hält sich noch nen Fetzen vor. Er schaut zurück, als könnte er es noch gar nicht fassen, aber da taucht ein Engel mit einem flammenden Schwert auf und versetzt ihm einen Tritt, dass er nach vorne strauchelt und über sie stolpert. Wie die beiden sich aufrappeln, fällt die Pforte krachend ins Schloss. Ich habe angehalten, weil das nackte Paar über den Fahrradweg taumelt. Sie sind ohne jede Orientierung, und ich bin, wie man sagt, baff, perplex, fürbass erstaunt, vergesse glatt, dass ich eigentlich nach Hause fahren wollte.

Das also war hinter der Mauer! Und ich habe nichts geahnt! Schon dröhnen von jenseits Motorsägen. Prächtige Bäume, deren Wipfel die Mauer überragt haben, kippen weg, und man hört sie krachend zu Boden gehen. Panisches Tiergeschrei, ein fürchterliches Gebrüll, das nach und nach Verröchelt. Mit klirrenden Ketten und bösem Röhren scheinen schwere Baumaschinen umherzufahren, Planierraupen offenbar. Mein Herz stolpert von diesem urplötzlichen Ausbruch an Gewalt. Und in all dem infernalischen Geschehen wird mir klar: Das Paradies wird abgerissen! Warum auch nicht? Die Bewohner sind weg. Soll der wertvolle Grund einfach brach liegen? Da ist sicher Platz genug für einen Vergnügungspark mit mancherlei Attraktionen und Andenkenbuden oder ein anderes Freizeitparadies, eventuell ein Nudistencamp mit Schwimmbecken, Liegewiese, Grillstation, Sauna, Türkischem Bad und allem Pipapo.

Als Pressluftmeißel sich über die Mauer hermachen, und wie sie unter dumpfen Hammerschlägen erzittert, habe ich mich aus dem Staub gemacht. Schade, wenigstens die Mauer könnte doch stehen bleiben.

Ein Traum von fleißigen Hühnern

Seit Mai 2010 propagiert der mächtige deutsche Grundschulverband eine neue Erstschrift für Grundschüler, die passender Weise „Grundschrift“ heißt. Fachlich handelt es sich um eine serifenlose Linearantiqua, eine Druckschrift, wie der Name vermuten lässt. Ziel ist es, Kindern zu ersparen, zwei verschiedene Systeme, das der Schreib- und der Druckschrift zu lernen. Da Druckschrift natürlich von der spätmittelalterlichen Schreibschrift abstammt, die Trennung von Schreib- und Druckschrift aus ökonomischen Gründen entstanden ist, die uns heute nicht mehr berühren, habe ich die Initiative des Grundschulverbands fachlich unterstützt. Die Idee ist grundsätzlich gut, die Grundschrift aber nicht. Sie ist hässlich und schrifttheoretisch fehlerhaft.

Als Lehrer habe ich das Erlernen der Kurrentschrift „Sütterlin“ angeboten und über die Begeisterung meiner Schülerinnen und Schüler gestaunt, mit der sie Sütterlin geübt haben. Ich kann mir deshalb den Fall vorstellen, dass namentlich Schülerinnen, deren Feinmotorik sich früher entwickelt als die der gleichaltrigen Mitschüler, dass es also Schülerinnen geben wird, die, nachdem sie die Grundschrift beherrschen, sie ästhetisch unbefriedigend finden und sehr gerne auch die lateinische Ausgangsschrift mit ihren hübschen Schleifen und Girlanden lernen möchten.

Gestern war ich zum Treffen des Hannover Cünstler Kombinats (HaCK) und kam leicht alkoholisiert nach Hause, habe noch etwas gelesen und dabei das Pink-Floyd-Konzeptalbum „Animals“ gehört. Ich erwähne diese Umstände nur, weil sie vielleicht erklären, warum ich gegen Morgen träumte, solche Schülerinnen, die begeistert Lateinische Ausgangsschrift lernen wollen, solche Schülerinnen wären fleißige Hühnchen. Entschuldigung, Träume sind nun mal jenseits von Logik und Moral. Ich sah Hühner bei ihren emsigen Übungen auf einer Dampflok mitfahren und fragte mich im Traum, ob man in einer Dampflok unbedingt Kohle verfeuern muss, ob man sie nicht auf Biogas umstellen könnte. Das wiederum schloss die Frage mit ein, wie viele Hühner im Zug mitfahren müssten, um genug Biogas für die Dampflok zu erzeugen, welches also aus ihren Ausscheidungen und – sind sie gestorben – aus ihren Körpern gewonnen wird. Die Waggons könnte man vielleicht aus Leichtmetall bauen. Trotzdem wäre der Zug mit gackernden Hühnern vermutlich sehr lang, die Hühner so zahlreich und insgesamt so schwer, dass die Dampflok vielleicht gar nicht von der Stelle käme. Andere, ich könnte das nicht, andere könnten vielleicht errechnen, ob man eine Dampflok überhaupt mit Hühnern betreiben könnte, wobei ich unbedingt auf Bodenhaltung, genügend Auslauf und artgerechte Ernährung Wert lege. Die Hühner dürften ganz einfach Hühner sein, bräuchten sich nicht als Teil einer Maschinerie zu erleben, bräuchten auch nicht zu wissen, dass die fauchende, zischende Dampflok nur fauchen, zischen und dahin brausen kann, wenn sie Hühnchen emsig Körnchen picken. Lateinische Ausgangsschrift bräuchten sie auch nicht zu schreiben. Obwohl es natürlich hübsch wäre. Das war mein Traum.

Abfallwirtschaft, Nichtorte und prollige Regungen

Als Hannoveraner Neubürger bekam ich bei der Anmeldung ein Begrüßungspaket geschenkt. Das enthielt eine Hochglanzbroschüre vom „Zweckverband Abfallwirtschaft Region Hannover“ (aha), eine Rolle gelber Säcke vom Dualen System und einen Abfallabholkalender. Da wusste ich sofort, in Hannover wird Müll geschätzt. Man kriegt ihn gleich zur Begrüßung. Damals war das Entsorgen von sperrigen Verpackungen, Elektroschrott und dergleichen ganz leicht. Ich schleppte den Müll einfach die Straße entlang, überquerte die Davenstedter Straße und hatte schon vor mir den aha-Betriebshof mit diversen Containern, deren Mäuler hungrig geöffnet waren. Wo ich früher den Müll entsorgt habe, darf ich heute nur noch meine Wählerstimme abgegeben. Was das über den Wert meiner Wahlentscheidung sagt, wäre zu reflektieren. Anfangs war das Wahllokal in einer kleinen Baracke. Sie wurde vor einigen Jahren durch ein neues Bürogebäude der Abfallwirtschaft ersetzt, wo ich immer noch wählen darf, die Container sind aber weg. Sie stehen jetzt irgendwo weit draußen hinter dem Lindener Hafen. Auch die Glascontainer in meiner Nachbarschaft wurden abgebaut und benutzerfreundlich weiter draußen aufgestellt.

Bei schönstem Oktoberwetter habe ich mir leere Weinflaschen in einen alten Rucksack gepackt und bin in lauer Luft und mit leichtem Rückenwind zweimal zu den Containern geradelt, um Glas loszuwerden. Die Container stehen auf einem großen Platz hinter Getränkemarkt und einem Betten- und Sofa-Outlet. Es gibt Fahrstraßen zu deren Rückfronten, zudem weiter hinten einen schmucklosen mehrstöckigen Gebäudeklotz gegenüber den Verladerampen eines Schuhdiscounters und eines Supermarktes, in denen vielleicht verhuschte Menschen dubiosen Beschäftigungen nachgehen. Das trostlose Gebäude mit seinen beinah erblindeten Fenstern könnte aber auch leer stehen, und nur einer vom Wachdienst kommt ab und zu her und scheucht mit seiner Taschenlampe ein paar Kakerlaken auf. Die ganze Szenerie ist ein typischer Nichtort, eine soziale Brache, im hellen Sonnenlicht zwar befremdlich, aber niemand bei Trost würde sich nach Einbruch der Dunkelheit hinbegeben. Surreal war auch die stämmige Frau, die neue Matratzen auf einem Hubwagen aufgestapelt hatte und ins rückwärtige Gebäude fuhr. In dieser Ladezone lehnten noch in Folie gehüllte Matratzen abwartend an einem Container. An diesem Nichtort scheint es mir fast legitim, herumlungernde Matratzen zu klauen, ja, würden sie hübsch drapiert im Verkaufsraum liegen und hätten ein heischendes Preisschild, wäre es was anderes.

Ich rolle im Bogen über den Platz und halte bei den drei Containern der Kleidersammlung, um den Glassplittern zu entgehen, die weiträumig vor der langen Reihe der Glascontainer liegen. Nichtorte locken asoziale Neigungen hervor. Vor dem Container für Grünglas hat jemand einen Haufen Kinderbücher entsorgt. Warum? Plötzlich kein Kind mehr im Haus? Wurde ein Leseverbot verhängt oder Schlimmeres? „Wenn du nicht brav bist, werfen wir deine liebsten Bücher zum Altglas!“

Ein Buch lacht mich an: Edgar Allan Poe „Der Goldkäfer und andere phantastische Geschichten.“ Ich besitze die 10-bändige Poe-Gesamtausgabe im Schuber, übersetzt von Hans Wollschläger und Arno Schmidt. Trotzdem nehme ich das Buch mit, weil es eine gebundene Ausgabe ist und zu schade für den Müll. Sie stammt vom Kinderbuchverlag Berlin. Das Buch ist also eine DDR-Produktion. Das Inhaltsverzeichnis finde ich nach langem Suchen ganz hinten*, ich kann also nicht auf Anhieb sehen, welche Texte von Poe man in der DDR für Kinderliteratur gehalten hat. Hinten hat das Buch ein Glossar, in dem Begriffe erklärt werden, die ein Kind vermutlich nicht kennt. Wir haben es mit einem didaktischen Werk zu tun. Hier wird über spannende Erzählungen Allgemeinwissen vermittelt. Mit einem solchen Glossar wird Poe zum Lehrmeister. Es war nicht alles schlecht in der DDR. Um die Qualität der Übersetzung zu vergleichen, habe ich jeweils die erste Seite der bekannten Erzählung „The Fall of the House of Usher“ gescannt, Wollschläger/Schmidt versus ungenannter DDR-Übersetzer. Eingangs der Originaltext [mit Dank an Feldlilie für den Nachweis].


*) Über die blöde Attitüde, das Inhaltsverzeichnis an den Schluss eines Buches zu setzten, möchte ich mich mal aufregen. Meine zehnbändige Poe-Gesamtausgabe hat auch das Inhaltsverzeichnis hinten im 10. Band. Das ist disfunktional und vielleicht von den Papyrusrollen der Antike ohne Sinn und Verstand übernommen worden. Papyrusrollen hatten Titel und Inhaltsverzeichnis sinnvoller Weise am Schluss, denn der Leser fand die Buchrollen immer bis zum Schluss gerollt vor. Aber im Buch ist das großer Blödsinn, meine Damen und Herren Verleger! In der sozialen Brache hätte ich gute Lust, ein paar Watschen zu verteilen. Aber ich mache es natürlich nicht, denn sitze inzwischen wieder manierlich zu Hause.

Zeh und Hund

Eine junge Frau ist mit vier kleinen Hunden und einem Schäferhund auf einem zum Fußweg offenen Spielplatz. Plötzlich beginnt der Schäferhund einen der kleinen Hunde zu jagen. Es geht rund und rund. Die Kreise der zwei streifen über den Fußweg und nähern sich dem parallel verlaufenden Fahrradweg, auf dem gerade ein Radfahrer heran rolllt. Die Frau schreit den Schäferhund an: „Sean! Sean!“ Als der Schäferhund geduckt an ihre Seite kommt, tadelt sie ihn: „Hast du nicht alle Latten am Zaun?“

Der Radfahrer hat der unberechenbaren Hunde wegen angehalten, sagt:
Ihr Hund kann das nicht verstehen. Kein Wunder, dass er nicht gehorcht. Es erfordert ein hohes Maß an Intelligenz, von ‘Hast du nicht alle Latten am Zaun’ auf den gemeinten Inhalt zu schließen. Das können Sie ja nicht mal.

Hundemama: Wie, jetzt?

Radfahrer: ’Hast du nicht alle Latten am Zaun?’, ist eine Verballhornung von ‘Hast du nicht alle Tassen im Schrank?’ Und gemeint ist die Frage, ob einer irre geworden ist.

Hundemama: Verball – was?

Radfahrer: Verballhornung, nach dem Lübecker Buchdrucker Johannes Ballhorn, der in einer Fibel einem Hahn ein paar Eier untergelegt hat.

Hundemama: Welche Eier? Ich denke, es geht um Tassen. Und was hat mein Hund damit zu tun? Er legt keine Eier und hat keine Tassen.

Radfahrer: Und keinen Lattenzaun.

Hundemama: Natürlich nicht. Er schläft in meinem Bett.

Radfahrer: Aber Sie haben gewiss einen Schrank.

Hundemama: Ja, wieso?

Radfahrer: Und? Sind noch alle Tassen drin?

Hundemama:
Arschloch! Strampelidiot! Das muss ich mir nicht gefallen lassen! Twinkie, Blinkie, Stinksocke, Leo, Sean! FASS!

Radfahrer: Nicht! Am Ende beißen die mich noch!

Hundemama: Selber schuld!

Radfahrer: Nein, Blinkie, Pfui! AUA, Stinksocke, AUA äh AUS!, Sean, du Drecksköter! HILFE! Er frisst meinen Fuß! AUAAA! AUS! AUS!

Hundemama: Na, wen verstehen meine Hunde jetzt nicht?

Radfahrer: Haben Sie noch alle Kinder im Keller?

Hundemama: Und Sie? …Zehen am Fuß?

Radfahrer [zieht seine blutverschmierte Socke aus]: Nein! Den dicken Onkel hat Sean!

Hundemama: Ach, so’n Mist! Sean, sei ein braver Hund und gib den Zeh wieder her! Wo hast du ihn hingetan, Sean? Twinkie, Blinkie, Stinksocke, Leo! Sucht den dicken Zeh!

Radfahrer [leise]: Da können die Scheißtölen lange suchen. Mein dicker Zeh ist schon seit 20 Jahre ab, hehehe! [laut]: Boah! Wenn der weg ist …!