Aufgespießte Fehler und Geburt des Druckfehlerteufels – Fehlerwoche im Teestübchen (3)

Die mittelalterliche Duldsamkeit gegenüber Schreibfehlern war keine Gleichgültigkeit. Schon die antiken Bibliothekare der Bibliothek von Alexandria trachteten danach, möglich viele Exemplare einer Buchrolle zu bekommen, um die Fassungen miteinander zu vergleichen und eine um Fehler gereinigte Fassung zu rekonstruieren. Dazu hatten sie das Recht, jedes im Hafen anlandende Schiff nach Buchrollen zu durchsuchen und sie zu beschlagnahmen. Nachdem sie kopiert worden waren, händigte man den Besitzern die Kopien aus. Schätzungen zufolge beherbergte die Bibliothek 50.000-500.000 Schriftrollen, was auch bei der untersten Schätzung eine gewaltige Buchsammlung ist. Im Mittelalter galt bereits eine Sammlung von 400 Büchern als stattliche Bibliothek. Weil eine mittelalterlichen Bibliothek äußerst selten über mehrere Exemplare eines Buches verfügte, war eine textkritische Arbeit wie in Alexandria schon technisch unmöglich.

Das Bedürfnis nach Kontrolle war jedoch vorhanden. In Freising wurden fünf Männern dafür bezahlt, 400 Exemplare eines neu gedruckten Messbuches zu vergleichen, wobei sie entdeckten, dass alle Messbücher denselben Wortlaut enthielten. Bischof Heinrich von Ahlsberg schreibt im Vorwort des Regensburger Messbuchs von 1485, er habe das Werk nach dem Druck prüfen lassen; dabei habe sich ergeben, dass die Drucke übereinstimmten.

Da bei gedruckten Büchern sich auch die Fehler vervielfachen, ist natürlich ein solcher Vergleich keine Gewährleistung. Für fehlerfreien Satz zu sorgen, lag in der Hand des Buchdruckers. Denn er hatte die Möglichkeit vor Augen, einen Fehler in der fertigen Buchseite spurlos zu korrigieren, indem er die fraglichen Buchstaben einfach austauschte, möglichst vor dem Druck der ersten Auflage. Deshalb wurde von allen Drucksachen zuerst ein Korrekturabzug gemacht. Der wurde von den Pariser Druckern des Universitätsviertels nach draußen gehängt, und vorbeikommende Studenten lasen Korrektur. Wer einen Fehler entdeckte, spießte ihn im Aushängebogen mit der Ahle auf. Wenn trotzdem ein Fehler übersehen worden war, schrieb man das dem Teufel zu. Wie der Druckfehlerteufel zu seinem Namen kam, lässt sich nicht zuverlässig sagen. Der britische Kalligraph Donald Jackson gibt in seinem lesenswerten Buch, Die Geschichte vom Schreiben, folgenden Hinweis:

„Ein Buch von 172 Seiten, das in einer Klosterdruckerei 1561 hergestellt wurde, enthielt nach dem Befund des Korrektors so viele Fehler, dass die Liste der Korrekturen ganze 15 Seiten umfasste. Der Herausgeber schrieb die Fehler den Einwirkungen des Teufels zu: Das Manuskript scheine irgendwie in einem Hundestall durchtränkt worden zu sein, ehe es den Drucker erreichte, der es dann auf Armeslänge zu lesen hatte, als er die Buchstaben setzte, was so zu den zahllosen Fehlern führte.“

Nächstens: (4) Cartoon Austreibung des Druckfehlerteufels, (5) Erziehung zum Beckmesser

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Verschnitzt – Felherwoche im Teestübchen (2)

Die Dörfer im linksrheinischen Rheinland waren in meiner Kindheit überwiegend mündliche Kulturen. Man sprach eine Mundart, das Landkölsche, und Hochdeutsch, wie man die Wörter gehört hatte. Bei dieser Form der Sprachvermittlung vom Mund zum Ohr konnten sich bedingt durch Ungenauigkeiten der Artikulation und Verhören etwas falsch Verstandenes verfestigen. So kannte ich eine alte Dame, die über einen Jungen aus der Nachbarschaft sagte:
Ich brachte es nicht über mich, sie zu korrigieren, zumal dieses „verschnitzt“ bei mir die Vorstellung anregte, der kosmische Schnitzer hätte dem Jungen ein verstohlenes Grinsen ins Gesicht gehauen, was ja der ursprünglichen Wortbedeutung von „verschmitzt“ durchaus nahe kommt.

Irgendwo las ich einmal den Hinweis, dass man in einer rein mündlich vermittelten Sprache keinen Fehler machen könne. Ich weiß, dass „Irgendwo“ keine ordentliche Quellenangabe ist, also versuche ich mit eigenen Worten zu erläutern, warum der Sprecher/die Sprecherin in einer rein mündlichen Sprache keinen Fehler machen kann. Erstens ist das Gesagte flüchtig und entzieht sich einer nachträglichen Kontrolle und zweitens stellt jede Abweichung von der Norm eine differenzierende Erweiterung des Wortschatzes dar wie am Beispiel „verschmitzt/verschnitzt“ zu sehen und wird möglicherweise ein Element des Sprachwandels. Der dem Menschen eigene Hang zum Sprachspiel und Wortwitz fügt den Versprechern und Ungenauigkeiten der Artikulation und dem falsch Verstandenen absichtsvolle Veränderungen hinzu. In einer mündlichen Kultur zählen nur Sprechabsicht und Erfolg einer Äußerung. Demgemäß schieben Fehler den Sprachwandel an, und er vollzieht sich in einer rein mündlichen Kultur rasch. Man kann sich vorstellen, dass in einer Familie mit Schwerhörigen eine sehr eigenwillige Version der Sprache gesprochen wird, die natürlich auch zurückwirkt auf die Sprache des Umfelds. Es reichen schon Besonderheiten im Sprachgebrauch eines Einzelnen. Eine mündliche „lebendige Sprache“ ist kaum zu fassen, weil sie aus unzähligen sprachlichen Varianten besteht und sich in einem ständigen Veränderungsprozess befindet.
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Ferbesserter Plausch mit Vrau Nettesheim – Felherwoche im Teestübchen (1)

Trithemius
Meine Texte werden immer besser.

Frau Nettesheim
Was Sie nicht sagen, Sie selbstgefälliger Teestübchenheini.

Trithemius
Ich muss doch sehr bitten, Frau Nettesheim. So meinte ich das nicht. Meine Texte werden besser, weil ich nach der Veröffentlichung noch so manchen Fehler finde und ihn ausmerze. Wobei „Ausmerzen“ ein durchaus hässliches Wort für eine erfreuliche Möglichkeit ist, die uns die digitale Publikationsform beschert.

Frau Nettesheim
Wegen MERZ und Ihrer Begeisterung für den Merzkünstler Kurt Schwitters.

Trithemius
Sie machen mir Spaß, Frau Nettesheim. Zuerst beleidigen Sie mich grundlos, und dann gehen Sie einfach darüber hinweg.

Frau Nettesheim
Nun haben Sie sich nicht so. Was hätten Sie denn gedacht, wenn Ihnen jemand gesagt hätte: „Meine Texte werden immer besser“?

Trithemius
Ich hätte überlegt, ob die Aussage stimmt. Er/Sie hätte schließlich Recht haben können. Wer viel im Internet publiziert, dessen/deren Texte werden zwangsläufig besser, Schreiben will trainiert sein. Wer hätte sich früher hingesetzt und einfach Text für Text geschrieben, um sie anschließend in der Schublade zu verwahren?

Frau Nettesheim

Einige haben Tagebuch geschrieben wie Sie auch.

Trithemius
Ja, aber die Tagebuchtexte sind anders, nur an einen selbst gewandt.

Frau Nettesheim
Abgesehen von den Tagebüchern eitler Schranzen, die später gedruckt werden sollen.

Trithemius
Jedes neue Medium füllt sich selbst mit Inhalten, weil es Möglichkeiten bietet, die vorher vermisst wurden. Die Demokratisierung der technischen Schrift durch das Internet provoziert neue Texte, einmal rückbezügliche, auf das Medium bezogen, einmal auf das Leben bezogen.

Frau Nettesheim
Das ist auch ein rückbezüglicher Prozess, denn das Leben verändert sich durch das Medium Internet.

Trithemius
In der Tat. Ich brauche kein Tipp-Ex mehr und muss mich nicht mehr über meine gedruckten Fehler ärgern. Der Druckfehlerteufel hat schwer an Macht eingebüßt, Frau Nettesheim. Jedes Mal wenn ich einen Fehler im Blog korrigiere, erfüllt mich das mit Genugtuung. Es ist eine Sorte Reinigung, ebenfalls rückbezüglich. Ich habe das schöne Gefühl, zusammen mit meinen Texten immer besser zu werden.

Frau Nettesheim

Jetzt fängt der schon wieder so an.

Über das Begraben der Leichen im Blei

Meine lieben Damen und Herren,
das Wort LEICHE – meint in der bildereichen Druckersprache ein vom Setzer vergessenes Wort im Drucksatz. Das nachträgliche Einfügen der versehentlichen Auslassung heißt: Eine Leiche begraben. Eine Leiche zu begraben konnte im Bleisatz mit der Hand sehr viel Zeit und Mühe kosten, wenn sie nämlich im fortlaufenden Blocksatz vergraben werden musste und der nächste Absatz in weiter Ferne lag. Eine schöne Anekdote über das Begraben einer Leiche steht in Mark Twains Autobiographie.

Twain arbeitet als Schriftsetzer in der Druckerei einer Kleinstadt. Der berühmte Gründer der Campbelliten, Alexander Campbell, aus Kentucky kommt in die Gegend und erteilt der Druckerei den Auftrag, eine seiner Predigten zu drucken. Twain berichtet:

Wir druckten die ersten acht Seiten an einem Donnerstag. Dann setzten wir die restlichen acht, legten sie in die Schließplatte und machten einen Probeabzug. Wales las ihn und stellte mit Schrecken fest, daß ihm eine „Leiche“ unterlaufen war. Es war eine ungünstige Zeit dafür, denn es war Samstag, kurz vor Mittag, und Samstagnachmittag hatten wir frei und wollten zum Angeln gehen. Ausgerechnet jetzt mußte Wales eine „Leiche“ passieren! Er zeigte uns, was geschehen war. Er hatte in einer engzeilig bedruckten Seite mit durchgehendem Text zwei Wörter ausgelassen. Erst zwei oder drei Seiten danach kam ein Absatz. Was um alles in der Welt sollten wir bloß tun? All diese Seiten neu zu umbrechen, um die zwei Wörter einzufügen? Das würde eine Stunde dauern. Dann mußte dem großen Prediger ein Korrekturabzug übersandt werden, wir mußten warten, bis er ihn gelesen hatte, und dann die Fehler korrigieren, die er eventuell entdecken würde. Es sah aus, als ob wir den halben Nachmittag drangeben müßten, bevor wir uns davonmachen konnten.

Da hatte Wales eine seiner blendenden Ideen. In der Zeile, in der er etwas ausgelassen hatte, kam der Name Jesus Christus vor. Wales kürzte ihn nach französischem Muster ab: J. C. Jetzt hatten wir Platz für die ausgelassenen Wörter, aber nun fehlten in einem besonders feierlichen Satz 99 Prozent der Feierlichkeit. Wir ließen den Korrekturabzug wegbringen und warteten. Aber nicht lange. Unter diesen Umständen hatten wir vorgehabt, zum Angeln zu gehen, bevor der Abzug zurückkam, aber wir waren nicht schnell genug. Plötzlich erschien am anderen Ende des fast zwanzig Meter langen Raumes der große Alexander Campbell mit einem Ausdruck im Gesicht, der Düsterkeit verbreitete. Er schritt auf uns zu, und was er sagte, war kurz, aber sehr streng und unmißverståndlich. Er erteilte Wales eine Lehre. Er sagte: „Solange du lebst, vermindere nie mehr den Namen des Erlösersl Schreib‘ ihn immer ausl“ Er wiederholte diese Ermahnung mehrmals, um sie stärker wirken zu lassen. Dann ging er.

Soweit Mark Twain. Die gotteslästerliche Geschichte geht noch weiter, man lese sie ganz in seiner Autobiographie, zugestellt v. Charles Neider, dt. Diogenes 1985 v. Gertrud Baruch. Heute vergraben moderne Textverarbeitungen eine Leiche so schnell, dass man gar nicht sieht, wie es geht. Schwupp ist sie weg. Alles geht so leicht, dass es schon ganz obszön ist. Diese Plastizität digitaler Texte gibt uns die Möglichkeit, unsere Tippfehler, Auslassungen und Rechtschreibfehler spurlos zu beseitigen. Die Kommentarkästen in fremden Blogs, die keine Korrektur erlauben, sind die letzten Reservate für die einst so frechen Druckfehler. Darum soll die kommende Woche im Teestübchen ganz im Zeichen des Fehlers stehen.

Schöhnes Wochenände!

Verschmähte Telefonbücher & apokalyptische Logorrhoe

In einem Kommentar zum Aus des Otto-Katalogs machte Kollege Lo auf einen ähnlichen Niedergang aufmerksam, das sinkende Interesse am Telefonbuch. Mir war schon im Jahr 2014 aufgefallen, dass die neuen Telefonbücher stapelweise herumlagen und offenbar niemand sie noch haben wollte. Natürlich habe ich damals im Tepichhaus Trithemius darüber geschrieben und veröffentliche hier eine überarbeitete und aktualisierte Fassung. Viel Vergnügen!

Samstags auf dem Wochenmarkt vor dem Lindener Rathaus kauft einer Eier und demonstriert prima Umweltbewusstsein, indem er die Eier in einen mitgebrachten Eierkarton packen lässt. Auch für Eierkartons mussten einst Bäume sterben, bevor sie ganz aus Altpapier gepresst wurden. Altpapier gibt es freilich in Hülle und Fülle. In Hauseingängen und auf Fensterbänken meiner Nachbarschaft stehen ganzjährig Kartons mit zu verschenkenden Büchern. Manch einer hat sich das gute Billyregal mit Bestsellern vollgestellt und will die peinlichen Fehlkäufe jetzt loswerden.

Schon 2013 – Läden dicht im Telefonbuch-Verlags-Gebäude in Schwabing – (Foto: Trithemius)

Ein Bestseller, den kaum noch einer mag, ist das Telefonbuch. Kürzlich war in meinem Viertel die Neuausgabe des öffentlichen Telefonbuchs stapelweise ausgeteilt worden. Manche Hausgemeinschaft hatte nicht die geringste Verwendung dafür und den noch eingeschweißten Stapel direkt zum Altpapier gelegt. Telefonbücher sind offenbar so was von out, kaum vorstellbar, dass es im nächsten Jahrzehnt noch welche gedruckt werden. Als es noch Telefonzellen gab, musste das Telefonbuch darin angekettet sein. Leider war immer just die Seite herausgerissen, auf der man hätte fündig werden können.

Der langweiligste Bestseller der Welt. Keiner will das Telefonbuch für Hannover

Im Jahr 1990 hatte ich eine der ersten Telefon-CDs, genannt D-Info. Die Telefonnummern von ganz Deutschland auf einer silbernen Scheibe, das war sensationell! Leider wurde die CD bald vom Markt genommen, einmal aus Datenschutzgründen, weil die Telefon-CD die Rückwärtssuche erlaubte, also die Identifikation eines Teilnehmers, von dem nur die Telefonnummer bekannt war, vor allem aber, weil die Telefonbuchverlage ihr Urheberrecht an den Datensätzen reklamierten und ein Kopierverbot erwirkten. Um das Verbot zu umgehen, haben die CD-Hersteller die 34 Millionen Datensätze der deutschen Telefonbücher in China abtippen lassen. Unfassbar, was Chinesen so alles können. Man stelle sich die Familiendramen vor, wenn eine deutsche Schreibkraft das Telefonbuch von Shanghai in Heimarbeit abzutippen hätte – mit ihr unbekannten chinesischen Schriftzeichen. Da würde so manches quengelnde Kind mit dem Telefonbuch erschlagen. Die bedauernswerten chinesischen Tippmamsellen mussten sich zurückhalten; sie haben ja meistens nur ein Kind. Heutige Telefonbücher enthalten Trugeinträge. Wenn fleißige Chinesinnen die abtippen oder wenn das Telefonbuch gescannt würde, ließe sich an den Trugeinträgen der Diebstahl beweisen.

Bei der Live-Aufnahme von „Give Peace A Chance“ von John Lennons Plastic-Ono-Band im „Queen Elizabeth Hotel“ in Montreal wurde der satte Rhythmus mit Telefonbüchern auf Tischen geschlagen. Das habe ich 1969 im TV gesehen. Dagegen habe ich schon lange keinen Mann mehr im TV gesehen, der ein Telefonbuch zerrissen hat. In meiner frühen Jugend konnte man damit im Fernsehen auftreten. In Österreich hat es der Kraftsportler Otto Wanz „als professioneller Telefonbuchzerreißer seinerzeit zu hohem Ansehen und Einkommen“ gebracht, wie Kollege Nömix mir mitteilte. Ein Telefonbuch zu zerreißen, ist allerdings ein Zaubertrick. Wie der geht, verrate ich lieber nicht. Vielleicht klingelt eines Tages eine bezaubernde Frau bei mir und fragt, ob ich mal ihr Telefonbuch zerreißen könne. Dann kann ich damit glänzen wie der Meeresforscher Hans Hass. Das müsste gehen. Früher waren Telefonbücher viel dicker als heute, weil quasi jeder drinstand. Erst in den 1980-er Jahren wurde es in bestimmten Kreisen üblich, sich aus dem öffentlichen Register streichen zu lassen. Damals wollte man eben seine Daten nicht so einfach öffentlich machen.

Der Meeresforscher Hans Hass begeistert die Dame, indem er ein Telefonbuch zerreißt. (Foto: Wikipedia) größer: klicken

Marlon Brando hat über Charlie Chaplin gesagt: „Mit ihm als Regisseur würde ich sogar das Telefonbuch verfilmen.“ Seither heißt es von herausragenden Schauspielern, sie könnten sogar das Telefonbuch spielen. Der Schauspieler Joachim Meyerhoff wurde einmal gefragt: „Es gibt den Spruch: Der könnte auch das Telefonbuch spielen und man würde sich das ansehen. Könnten Sie?“ Darauf sagte Meyerhoff: „Das ist so ein Quatsch! Das Telefonbuch zu spielen ist todlangweilig und hat gefälligst auch das Langweiligste zu sein, was es gibt.“

Die in der Schweiz bis 2012 erschienene Obwalden und Nidwalden Zeitung (ONZ) zitiert den Regisseur Urs Odermatt mit der „schelmischen“ Aussage: «Bekäme ich bei der Wahl der Schauspieler freie Hand, würde ich vermutlich sogar das Telefonbuch von Hannover verfilmen.» Da werden die Leser der ONZ ihrerseits schelmisch gegriemelt haben. Selbst im tiefsten Schweizer Hinterwald gilt es als ausgemacht, dass das „Telefonbuch von Hannover“ das auf den Tod langweiligste Buch der Welt ist. Das könnte vielleicht stimmen, denn ich stehe überhaupt nicht drin, wie eine mühsam im Dünndruckpapier erblätterte Recherche ergab.

Der Kölner Dadaist und Surrealist Max Ernst berichtet, der Arzt André Breton habe die Gruppe der Pariser Surrealisten zu einer Mauer geführt, gegen die Tuberkulosekranke zu spucken pflegten. Man hoffte, aus den Schlieren an der Wand gehörige Inspiration zu ziehen. Die Technik wird heute noch beim „kreativen Schreiben“ angewandt. Auswurf gibt es genug auf der Welt, und wo immer einer hingespuckt hat, steht ein anderer und schreibt einen Roman. Manche beherrschen nicht mal ihr Handwerk, wie in Autorenforen bereitwillig eingestanden, müssen aber unbedingt ein Buch schreiben. Dass Menschen ihre Wörter nicht mehr bei sich behalten können, ist nach Ansicht des Altertumsforschers Werner Ekschmitt ein Zeichen für untergehende Kulturen. Untergangs-Logorrhoe gibt es freilich schriftlich wie mündlich, wie eine Anzeige der Telekom zeigt, über die ich mich einst im Twoday-Teppichhaus lustig gemacht habe:
(Trithemius.twoday.net, September 2007)

Das alles hat man sich im Jahr 1881 nicht vorstellen können, als in Berlin das erste deutsche Telefonbuch mit dem Titel „Verzeichniss der bei der Fernsprecheinrichtung Betheiligten“ erschien.

„Im Berliner Volksmund wurde das erste Telefonbuch Deutschlands auch „Buch der Narren“ genannt, weil dem Mann auf der Straße die ersten deutschen Teilnehmer leid taten, die auf diesen „Schwindel aus Amerika“ hereingefallen waren. Firmen: „Wir haben ein gut ausgebautes Botensystem. Was soll uns da das Fernsprechen nützen?“ (Wikipedia)

Ottos Aus – Wichtiger Hinweis für spätere Zeiten

Seit einigen Jahren schlafe ich bequem auf zwei dicken Otto-Katalogen. Das kam so: Ich war eine Weile in Aachen bei meinem Freund und Mentor Jeremias Coster gewesen. Bei der nächtlichen Rückfahrt nach Hannover war mir eine Frau namens Gina begegnet. Sie saß neben mir im ICE, und im Verlaufe unseres leider verunglückten Gesprächs über ihren Vornamen habe ich versehentlich den ägyptischen Sonnengott Re beleidigt, dessen Name bei Nacht nie genannt werden darf, und hatte nun seine Rache zu fürchten. Doch ich langte unbeschadet zu Hause an.

Als ich im Bett lag und frohlockte, dass mir ja nun nichts mehr passieren könnte, begann es unterm Bett zu knistern, dann zu knarren und obwohl ich vor Schreck stocksteif lag, ging das Knarren in ein hässliches Knarzen über, in das Geräusch von brechendem Holz. Dann eine Sekunde des stillen Verharrens, und indem ich schon erleichtert aufatmete, brach das Bett ein. Die Matratze sackte unter mir nach unten und blieb dann in der Schwebe.

Ich machte Licht, stand auf und betrachtete den Schaden. Dazu musste ich das Bettzeug ausräumen und die Matratze hochstellen. Unter der Mitte meines Bettes hatten sich zwei breite Stützen befunden. Beide waren abgebrochen. Da ich nicht mitten in der Nacht zu tischlern anfangen wollte, schob ich einen alten Setzkasten mitten unter mein Bett und erhöhte ihn durch die beiden abgebrochenen Bretter und zwei Versandhauskataloge. Das hielt, und ich schlief ziemlich gut auf dem Relikt der Schwarzen Kunst, zwei Brettern und den tausendfachen Verheißungen der Kataloge.

Gestern die Nachricht: Am 4. Dezember soll nach nun 68 Jahren die letzte Auflage des Otto-Katalogs erscheinen. Die Buchkultur bröckelt zuerst an ihren Rändern. Natürlich sind Versandhauskataloge primär Bilderbücher, buchtechnische Randerscheinungen und letztlich nur als Dokumente der Volkskultur interessant. Trotzdem zeigt des Verschwinden des Otto-Katalogs mehr als sinkende Verkaufszahlen des Buchhandels das Ende der Buchkultur an.

Halldor Laxness schreibt in seinem Roman „Die Islandglocke“ von einem dänischen Gelehrten, der im 17. Jahrhundert auf den Höfen Islands nach kostbaren Handschriften sucht, um das kulturelle Erbe Islands zu bewahren. Vorbild der Figur ist vermutlich der isländische Skalde Snorri Sturleson, der im 13. Jahrhundert die sogenannte Prosa-Edda zusammentrug, wozu er ebenfalls nach alten Handschriften gesucht hat, Resten der germanischen Kultur, die die Christianisierung überstanden hatten. Snorri fand in den Betten isländischer Bauern kostbare Pergamente, halbverfault als Füllmaterial in Matratzen. Eben habe ich mich vom ordnungsgemäßen Zustand der beiden Kataloge unter meinem Bett vergewissert. Sie tun trocken und sicher ihren Dienst. Man möge das für spätere Zeiten in der kosmischen Registratur verzeichnen.
Mehr über die bröckelnde Buchkultur

TV-Doodelei – Doodle von Careca, Ann & Socopuk

Beim Fernsehen habe ich immer einen Schreibblock zur Hand, und wenns mir grad zu langweilig wird – wie beispielsweise beim lustlosen Gekicke der Nationalmannschaft, dann doodle ich – wie in der Zusammenstellung weiter unten zu sehen. Wer etwas Ähnliches tut und mitmachen möchte, möge mir sein Blatt ganz ungeschönt zusenden, 72 dpi, 660 Pixel breit. Es geht nicht um Perfektion, sondern um Authentizität. Das Thema Doodeln gab es schon mal im Teestübchen. Ergebnisse hier. Angeregt zur Neuauflage hat mich CD mit seiner „Reklame“ für die Ausstellung „Anonyme Zeichner“

Wäre wäre, Fahrradkette – Doodelei: JvdL


Und nun: Frisch ans Werk!