Das Institut – Ein Wiedersehen

Einige Wochen gingen ins Land, die ich mit albernen Tätigkeiten verbrachte, deren Sinn sich mir nicht erschlossen. Ich hatte die Hoffnung aufgegeben, das Fräulein wieder zu sehen, als Sie eines Morgens vor mir durch den Park aufs Institut zu ging. Mein Herz hüpfte. Ich eilte ihr nach, und als sie den Paternoster bestieg, beschloss ich hinterher zu fahren.

Es war kein wirklicher Entschluss gewesen, denn nachgedacht hatte ich nicht, als ich den Schritt in die unter ihr auftauchende Kabine tat. Leise knarrten die eingefetteten Ketten des Aufzugs in ihrer Führung, während wir langsam aufstiegen. Ich wähnte das Fräulein über mir, glaubte das Scharren ihrer Pumps zu hören, was natürlich nur dem Wunschdenken entsprang, denn im Pasternoster hängen einzelne Kabinen an den zwei Umlaufketten. Der Fußboden der oberen Kabine ist demnach nicht die Decke der unteren. Trotzdem war ich glücklich, ihr so nah zu sein. Etage um Etage zog an mir vorbei. Als wir uns der fünften Etage näherten, beschleunigte sich mein Herzschlag. Auf dem dortigen Treppenabsatz stand wartend Dr. Spiegel. Erstaunt sperrte er den Mund auf, als ich an ihm vorbei fuhr. Ebenso verdattert war ich. Mir entrang sich nur ein zaghaftes: „Guten Morgen, Herr Dr. Spiegel!“ Ich hörte ihn noch rufen: „Erlenberg! Was tun Sie da?!“, da verschwand er zu meinen Füßen.
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Das Institut – Vom Fräulein träumen

[Folge 1]
Delhey saß über einen Stapel Zeitungen gebeugt und schnitt mit einer Papierschere Artikel aus. „Na, wie war’s?“, fragte er, ohne aufzusehen.
„Yooo. So lala. Dr. Spiegel hat mir das Wesen von Hierarchien erklärt. Ich soll seinen Vortrag zusammenfassen und heute noch einsenden.“
„Dann mal los! Ich hoffe, Sie haben genug aufgeschrieben, denn ich habe weder Zeit noch Lust, die Lücken in Ihren Notizen zu ergänzen.“
„Wie kommen Sie darauf, dass meine Notizen lückenhaft sind?“
„Wir werden sehen.“

Ich setzte mich an das Tischlein, spannte einen Bogen in die Schreibmaschine, holte die Notizen hervor und begann zu tippen. Gegen Mittag war mein Bericht fertig, so dass ich ihn an Delhey weiter reichen konnte. Der überflog ihn, grinste hämisch, rollte ihn wortlos und schob ihn in eine zylindrische Rohrpostkapsel.
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Das Institut – Das System des Dr. Spiegel

[Folge 1] „Stellen Sie sich ein großes Haus vor, genauer ein Anwesen mit vielen Fenstern. Man braucht Heerscharen helfender Hände, um Gardinen und Vorhänge abzuhängen, zu waschen und wieder aufzuhängen. Da stehen die Mägde tagelang im feuchten Nebel des Waschhauses, breiten die Tuche zum Trocknen über Hecken und plätten sie anschließend mit heißen Eisen. Dann müssen Wäschekörbe und Leitern treppauf, treppab getragen werden, entlang der weitläufigen Gänge im Haupthaus und in den Seitenflügeln, und die längsten unter den Dienstboten recken sich hoch zu den unzähligen Vorhangstangen.“ Er redete schnell, so dass ich nur Stichworte notieren konnte.

„Die Vielzahl solcher niederen Aufgaben im Herrenhaus erfordert eine kleine Gesellschaft dienstbarer Geister. Es gibt unter den Dienstboten eine straffe Hierarchie, denn es wäre sehr mühsam, sie selber anzuweisen und ihre Arbeiten zu kontrollieren. Gerade unter den Knechten und Mägden ist eine strenge Abfolge von Befehlenden und Befehlsempfängern nötig. An ihrer Spitze steht der Verwalter, und nur er allein muss sich jenen verantworten, die in einem Herrenhaus mit so vielen Fenstern zu leben belieben. Die Hierarchie drückt sich aus in der Zahl derer, die jedem einzelnen untergeordnet sind, was wiederum die Höhe der Entlohnung bestimmt. Jedermann wird verstehen, dass den geringsten Lohn verdient, wer niemanden mehr unter sich zu befehligen hat.
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Das Institut – Paternoster

„Erlenberg, zum Verwalter! Auf die fünfte Etage, sofort!“, herrschte mich Kollege Norbert Delhey an, als ich pünktlich um 7:55 Uhr unser Kellergelass betrat. „Aber nehmen Sie die Treppe! Der Paternoster ist für Sie tabu. Herr Dr. Spiegel wird Ihnen einiges sagen. Machen Sie sich unbedingt Notizen!“
Ich kramte aus der Schublade Block und Stift hervor, ging zum Treppenhaus und stieg hinauf. Hinter mir knarrte der langsam auf- und abfahrende Paternoster. Auf jedem Treppenabsatz konnte ich sehen, wie sich Leute befördern ließen, sah jeweils ihre Köpfe oder ihre Füße zuerst. Die Füße kennzeichneten den Abstieg, die Köpfe den Aufstieg.

Plötzlich fuhr ein schönes Fräulein im grünen Kostüm von unten herauf. Ihr Blick streifte mich achtlos. Ich sah sie aufwärts schwinden, betrachtete fasziniert ihr hübschen Beine, was ich ungeniert tun konnte, derweil sie in der Geschossdecke verschwand, hastete die Treppe hinauf, um sie nochmals in ganzer Schönheit bewundern zu können. Zuerst erschien ihr rotblonder Haarschopf, dann ihr schöner Kopf mit dem ebenmäßigen Gesicht, dann ihre schlanke Gestalt bis hin zu den hübsch bestrumpften Beinen. Sie stand in roten Pumps, scharrte ungeduldig mit ihnen auf dem Paternosterboden, ein Geräusch, das ich sehr erotisch fand und mich in Kombination mit den Pumps entzückte. Es gelang mir, sie dreimal zu sehen. Mit diesem Spiel gelangte ich fast mühelos auf die fünfte Etage. Bedauernd musste ich sie nach oben entschwinden lassen.
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