Theorie und Praxis der Handschrift (9) – Handschrift in anderen Medien – Videobotschaft und Gif-Animation

Von der jungen Blogkollegin Anna Socopuk erreichte mich ein faszinierender Videobrief, der sich beim handschriftlichen Entstehen beobachten lässt. Anna regt weitere Videobriefe an und schrieb dazu: „Z.B. würde mich, wenn ich andere Videos von Handschriften sehen könnte, interessieren, ob die Leute die i-Punkte und t-Querstriche erst am Ende des Wortes verteilen oder direkt nach dem „Hauptteil“ des Buchstabens, oder irgendwann dazwischen. Der Duden war übrigens mein Stativ, an dem ich mein Handy mit einem Gummiband befestigt hatte – fand ich thematisch ganz passend 🙂 “
Eine gute Anregung. Wer möchte und es technisch kann … Ich würde mich über weitere Videobriefe freuen.

auf-der-orgel-kleinEtwas Ähnliches ist im untenstehenden Gif zu sehen. Das Blatt in der Animation (Original 50 x 70 Zentimeter, größer: Bitte klicken), ist schon im Jahr 1994 entstanden und geschrieben in der modernen Handschrift des englischen Schrifterneuerers Alfred Fairbank. Anders als in Annas Video ist der Schreibprozess nicht in Echtzeit gefilmt, sondern für die Gif-Animation mit Fotos verschiedener Handstellungen gefakt.
Kalligraphieren

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Seminar Theorie und Praxis der Handschrift (7) – Lob der Handschrift – Das abschließende Briefprojekt

Möglicherweise ist der Eindruck entstanden, das Seminar Theorie und Praxis der Handschrift wäre sang- und klanglos im Sande verlaufen, in der Kälte erstarrt oder klammheimlich eingestampft worden. Dem ist nicht so. Die Schwierigkeit für mich bestand darin, nicht abschätzen zu können, wer noch mit Herz, Hand und Verstand bei der Sache ist, da nicht alle, die eingangs Interesse bekundet hatten, sich regelmäßig gemeldet haben, sei es durch einen Kommentar oder ein „Gefällt mir.“ Auch weiß ich nicht, in welcher Weise und in welchem Umfang geübt wird. Es wäre auch in theoretische Hinsicht noch einiges zu sagen. Ich werde es vermutlich besser in Buchform tun, muss mir aber zuerst einen neuen Anbieter suchen, da Neobooks/e-publi offenbar Lieferschwierigkeiten hat.

Briefaktion/Teilnahmebedingung
Zum Abschluss dieses Seminars möchte ich das angekündigte Briefprojekt starten, denn Handschrift sollte nicht Selbstzweck sein, sondern angewendet werden, beispielsweise zur Belebung der Briefkultur. Teilnehmen kann, wer bereit ist, einen Brief handschriftlich und grafisch zu gestalten und an mich zu senden. Das setzt die Bereitschaft voraus, in unserem Kreis aus der Anonymität des Internets herauszutreten. Ich werde mich für jeden im Rahmen des Projekts eingesandten Brief mit einer von mir eigens gestalteten Ansichtskarte revanchieren, zwar fototechnisch reproduziert, um den Aufwand für mich überschaubar zu halten, aber handsigniert, nummeriert und handschriftlich adressiert.

Verbindliche Anmeldung

Zur Briefgestaltung werde ich im kommenden Beitrag einige Beispiele als Anregung zeigen.
Um die Auflage der Ansichtskarte bestimmen zu können, bitte ich um verbindliche Anmeldung bis zum kommenden Freitag. Sollten sich mehr als zehn Teilnehmerinnen und Teilnehmer finden, bitte ich vorsorglich um dem Brief beigelegtes Rückporto (Postkartentarif), damit ich für das Projekt keinen Kredit aufnehmen muss. 😉

An einem Sonntagmorgen im Februar

Allmorgendlich klappe ich den Tagesschau-Feadreader auf und schaue nach, was in der Welt geschehen ist, ob nicht vielleicht ein irrer Diktator meinen Planeten weggesprengt hat, derweil ich schlief. Eigentlich müsste ich keine der Schlagzeilen lesen, denn wenn das Internet noch da ist und auch der Feadreader der Tagesschauredaktion, könnte ich mich beruhigt zurücklehnen. Was da sonst noch in der Welt passiert ist, betrifft mich ja gar nicht. Es ist im ununterscheidbaren Nebeneinander von Schreckenskunde und Banalitäten reines Entertainment.

Ja, diese Schlagzeilen im Feadreader eröffnen nicht mal Nachrichten im Wortsinne von „Nachricht“ = Wonach man sich zu richten hat. Nicht mal, wenn da etwas übers Wetter stünde, müsste ich mich danach richten, denn wenn ich noch im Schlafanzug am Rechner sitze und kalte Knie habe, muss mir die Tagesschauredaktion nicht mitteilen, dass es draußen bitter kalt ist, obwohl die Sonne scheint. Andererseits wäre ganz hübsch, wenn dort stünde:

Obwohl das nicht geschieht, klappe ich allmorgendlich den Feadreader auf und werfe einen orientierenden Blick auf die Liste. Vermutlich will sich in mir etwas vergewissern, dass die ganze Welt noch steht, nicht nur Hamburg und das Gebäude der Tagesschauredaktion. Hab ich nicht mal im Braunkohletagebau ein Dorf gesehen, um das herum man alles weggebaggert hat? Nur einen schmalen Damm für den Zuweg hatte man stehengelassen. Sonst war da rundum Loch, also Abgrund. Das ginge natürlich auch mit der Tagesschauredaktion oder Hannover, also schweift mein Blick über die Schlagzeilen, nur zur Beruhigung. Gestern oder vorgestern machte mich diese Schlagzeile stutzig:

Und ich dachte: „Wer oder was ist Ledecka?“ Klar, unter Parallel-Riesenslalom kann ich mir etwas vorstellen, hab das sogar schon mal gesehen. Man fährt auf einem Brett stehend so schnell es geht einen beschneiten Hang hinunter, aber nicht geradeaus, sondern in irrwitzigen Kurven und das zu zweit, also nicht auf einem Brett wie damals diese fünf Kanadier auf einer Gitarre gespielt haben, sondern nebeneinander auf verschiedenen Strecken, die mit Stangen abgesteckt sind. Auf der Schneedecke sieht man je eine andersfarbige Linie, die quasi den Idealweg kennzeichnet. Wer zuerst unten ist, hat gewonnen. Wenn ich das richtig verstanden habe, gibt es zwei Läufe, wobei die Strecken getauscht werden, weil natürlich die Ideallinien zwar gleich lang sein können, aber die Bodenverhältnisse nicht identisch sind, und wo nur Hundertstel über Sieg oder Niederlage entscheiden, genügt ja ein kleiner Hubbel. So weit, so klug.

Aber geht so Geschichtsschreibung? Geschrieben sind ja nur die farbigen Linien, also mehr gesprüht als geschrieben, und zwar von ungenannten Helfern und nicht von Frau oder Herr Ledecka. Sie/er ist nur drauf rumgefahren. Wenn das der Tagesschauredaktion schon einen Eintrag ins Geschichtsbuch wert ist, dann sind es meine kalten Knie auch und dürfen, ja, müssen vermeldet werden. Immerhin habe ich 458 Wörter reines Deutsch darüber verfasst.
Schönen Sonntag!

Und hier nochmal der legendäre Riesenslalom der Fünf auf einer Gitarre:

Aber bitte mit Schaum!

Herr Leisetöne weiß mal wieder Bescheid. Als die Kellnerin unsere Bestellung aufnimmt, sagt er mir:
„Du kannst auch Kölsch bestellen.“
„Hier gibt es neuerdings Kölsch? Dann ändere ich meine Bestellung von vorhin.“
Ob wir dann gleich einen „Elferkranz“ nehmen wollen, fragt sie.
„Lieber nicht. Ich trinke nur zwei Kölsch, und was die anderen gleich trinken wollen, weiß ich nicht.“ Mäßig Alkohol, war mein Vorsatz für den Abend gewesen, denn seit Januar bin ich quasi alkoholfrei, und man will seine Leber ja nicht gleich schocken.
„Dann nehme ich auch zwei“, sagt Herr Leisetöne, weil die kleinen Gläser so rasch leer seien. Also bringt sie uns je zwei Kölschstangen, alle ohne Schaum gezapft. Beim nächsten Mal bestelle ich ausdrücklich: „Aber mit Schaum.“
„Ich dachte, Kölsch wird ohne Schaum getrunken“, sagt sie.
„Ganz und gar nicht. Ich komme aus Köln, daher weiß ich das.“

Oje, Hannover ist wirklich die Kölsch-Diaspora. Als ich vor Jahren herzog, war Kölsch nur an exotischen Orten zu bekommen. Dann überredete Herr Leisetöne den türkischen Kioskbetreiber seines Viertels, Kölsch zu führen. Bei diesem echten Freundschaftsdienst musste er einiges an Überzeugungsarbeit leisten, musste dem freundlichen Mann zuerst erklären, dass Kölsch eine Biersorte ist. Der sagte: „Ich bin jahrelang Fernfahrer gewesen und überall in Deutschland rumgekommen, aber von ‚Kölsch‘ habe ich nirgendwo gehört.“

Ich bin dann eine Weile abends zu diesem Kiosk in Linden Nord gebummelt, um etwas flüssige Heimat zu kaufen, einmal abends spät. Es tröpfelte leicht. Ich hatte einen Schirm bei mir. Im Kioskladen war noch ein Kunde, ein schöner, unglaublich smarter Typ. Der kaufte sein Abendessen ein, lauter exotische Sachen, die ich nicht mal kennen möchte. Als ich mein Bier hatte, stand er wartend unter der Markise vor der Tür, denn es ging ein Wolkenbruch runter, kein schwerer Landregen, sondern so einer, bei dem der Regen auf dem Asphalt dicke Blasen schlägt und die Gullydeckel hochkommen. Der Regen spritzte sogar unter die Markise. Der Mann fröstelte in seinem Kaschmirpullover und sprach wie zu sich hinaus in den Regen: „Ich habe meinen Schirm im Auto, und das steht weiter weg geparkt als bis zu meiner Wohnungstür.“
„Der Schirm würde Ihnen jetzt auch nicht helfen.“
Er guckte mich an und erwiderte: „SIE haben wenigstens einen Schirm!“, und sagte das in einem derart vorwurfsvollen Ton, dass ich versuchte war, mich zu entschuldigen, dass mein Schirm diesen unbändigen Neid in ihm entfacht hatte, dieses bittere Gefühl, wie ungerecht es zugehe in der Welt. Schon stürzte auch ich in tiefen Kummer, trotz oder wegen des Schirms. Wahrscheinlich habe ich auf dem Nachhauseweg das mitleidige Weinen nicht unterdrücken können, aber genau weiß ich das nicht mehr, weil es ja sowieso Rotz und Wasser geregnet hat.

Später, als Herr Putzig und zwei weitere Freunde im Leinau 3 eingetroffen waren, bestellen wir doch noch einen Elferkranz, und schon wieder wird einer nass. Herr Putzig ist aus der Reihe getanzt und hat ein großes Pils bestellt. Das aber rutscht dem jungen Kellner, einem unerfahrenen Praktikanten, vom Tablett. Das meiste ergießt sich über Herrn Putzigs Jacke, die hinter ihm über der Stuhllehne hängt. Die junge Wirtin tritt hinzu und bietet an, Herrn Putzig die Reinigung zu bezahlen. Er aber lehnt dankend ab. Er werde die Jacke in die Waschmaschine stecken, und was die Wäsche koste, lasse sich ja kaum beziffern. Das gefällt der Wirtin so gut, dass sie erneut eine Runde Kölsch bringen lässt, sogar mit Schaum. Später verabschiedet sie jeden von uns mit Handschlag, und zu mir sagt sie: “Tschüs, mein Freund“ – wegen der gastro-ethnologischen Nachhilfe in Sachen Schaum vermutlich.

Einiges über die Lampen der Galaktischen Registratur

Stöhnend betritt der alte Mann am Stock die Bäckerei. „Ich war zur Blutabnahme und zur Physiotherapie und bin total kaputt“, sagt er der rundlichen Bäckereifachverkäuferin, indem er an der Theke entlang humpelt. Nachdem er sich ächzend gesetzt hat, bringt sie ihm den Kaffee an den Tisch. Ich bin froh, nach meinem letzten Schluck Kaffee aufbrechen zu können, denn sein Ächzen geht weiter. Entweder will er die akustische Oberhoheit über den Raum und gibt ständig Töne von sich, wie der Hund das Bein hebt, um sein Revier zu markieren, oder er merkt es gar nicht mehr.

In den Jahren, bevor ich nach Hannover zog, war ich von einer schwierigen Beziehung in die nächste getaumelt. In dieser Zeit hörte ich mich oft seufzen. Wann immer ich meine Küche betrat, seufzte ich. Ich nannte die Küche „meine Seufzerecke.“ Es war mir unangenehm, dass ich seufzte, aber konnte nichts dagegen tun, denn es kam über mich wie Niesen. Eventuell ist Seufzen, Ächzen und Stöhnen tatsächlich zu den unwillkürlichen Lebensäußerungen zu zählen und hat eine Entlastungsfunktion wie Weinen. Garantiert werden dabei ebenfalls Glückshormone freigesetzt, die helfen, eine harte Lebenssituation leichter zu ertragen. Denn im Laufe der Evolution sollte der Mensch doch Strategien entwickelt habe, sein Leid besser zu ertragen. In der Metaphorik des irdischen Jammertals ist ein schier unendlicher Treck der Menschheit unterwegs, und über dem Straucheln, Stolpern und sich Voranschleppen hängt ein Seufzen, Stöhnen, Ächzen, dass das Tal schier davon überquillt. Und in der galaktischen Registratur fangen sie all den Jammer ein, wandeln ihn in Energie um und betreiben ihre Lampen damit.

Übrigens muss ich schon eine Weile nicht mehr seufzen. Während mein früherer Jammer reichte, ein Büro der Registratur zu bestrahlen, dass die beiden Unterbeamten darin sich mit Sonnenbrillen schützen mussten, klagen sie heute über zu wenig Licht und zünden Kerzen an. Befragt, woran es liegt, sagen sie übereinstimmend: „Die Lampen gingen aus, seit er keine Beziehung mehr hat.“

Kopfheizung

Die Druckerei, in der ich den Niedergang meines Handwerks erlebte, war ein Flachbau am oberen Ende der Aachener Pontstraße, offenbar nach dem Krieg in einer Baulücke hochgezogen. Was dem Bau an Höhe und Breite fehlte, machte er in der Länge wett. Zur Straße hin lag der Laden für den Kundenverkehr, dahinter das Büro, dann folgte ein Raum, in dem die große Offsetdruckmaschine stand, dann die Umkleiden und Toiletten, die Buchbinderei, die Druckerei und ganz am Ende lag die Setzerei, abgetrennt durch eine halbhohe Wand und eine große Glasscheibe. Am Ende der Setzerei gab es noch zwei kleinere Räume nebeneinander. In dem einen Gelass saß hinter einer Tür der Maschinensetzer vor einer Linotype-Setzmaschine, und nebenan war die Dunkelkammer für Repro-Arbeiten. Tageslicht kam durch große Oberlichter. Das gesamte Gebäude wurde beheizt durch zwei dicke Rohre an der Wand, durch die im Idealfall warmes Wasser strömte, das von einem schwächlichen Ofen im Keller erhitzt wurde. Im Winter waren die Rohre meistens nur handwarm. In der Setzerei hingen deshalb an der Decke mehrere Heizstrahler. Es heißt zwar:

“Den Kopf halt‘ kühl, die Füße warm, das macht den besten Doktor arm“,

aber da war’s grad umgekehrt, mit dem Effekt, dass zwar ständig mein Kopf erhitzt wurde, sonst aber fror ich, hatte klamme Finger und eiskalte Füße. An der Heidelberger Schnellpresse stand ein junger blonder Drucker namens Jürgen Großer. Seinem Namen alle Ehre machend, war er ein bisschen großspurig, für jeden Unsinn zu haben und mir nicht unsympathisch, obwohl Schriftsetzer sich immer für Edelhandwerker gehalten haben und grundsätzlich auf Drucker hinabsahen. Einmal, als es in der Nacht knackig gefroren hatte und das Druckereigebäude gar nicht aus der Kältestarre kommen wollte, beschlossen wir, dem Ofen im Keller mal ordentlich einzuheizen.

Jürgen Großer und ich stiegen hinab und fanden hinter der gusseisernen Ofenklappe nur ein mickriges Kohlefeuer. Es gab keinen nennenswerten Kohlevorrat mehr. Großer schlug vor, Europaletten zu verheizen. Einige Zeit verbrachten wir damit, Europaletten zu zerschlagen und ins Ofenmaul zu stopfen. Für kurze Zeit loderten die Flammen auf und ließen sogar die Temperaturanzeige der Heizung in den roten Bereich steigen. Irgendwer kam dann herunter und berichtete von einigem Qualm. Ich weiß nicht mehr, wie wir aufs Dach kamen, aber sehe uns noch zur Straße hin auf dem Flachdach stehen und nicht ohne Stolz beobachten, wie aus dem Schornstein mächtige dunkelgraue Rauchschwaden quollen, die sich die Pontstraße hinunterwälzten, um sie völlig einzunebeln.

Dass ich damit der Niedergang meines Handwerks herbeigeführt hätte oder sogar schuld an der Klimaerwärmung bin, bestreite ich aber. Gut 25 Jahre später war im ehemaligen Druckereigebäude eine Discothek. Ich weiß noch, dass ich es ein bisschen befremdlich fand, dass genau dort, wo die Setzerei gewesen war, sich die Tanzfläche befand, was mich aber nicht hinderte, dort in der Silvesternacht mit der Dame meines Herzens zu tanzen. Den heißen Kopf hatte ich allein ihr zu verdanken.