Freundinnen verschmockter Zeitungsfotografie

Zu den versunkenen Highlights des Blogs Teppichhaus Trithemius bei Blog.de gehört die Rubrik „Standfoto der Woche.“ Dazu wurde wöchentlich ein Zeitungsfoto aus der Aachener Lokalpresse prämiert, um die schwierige Arbeit der Fotografierenden für die Lokalpresse zu würdigen. Der Auftrag lautet Leserbindung, und die formalen Vorgaben sind klar: Die wichtigsten Personen müssen mit dem Anlass der Abbildung zu sehen sein. Diese Zeitungsfotos zeigen inszenierte Wirklichkeit und sind oft ungewollt komisch. Mit dem gestrigen Beitrag über die Kurt-Schwitters-Gedenktafel habe ich den Verein der Freundinnen verschmockter Zeitungsfotografie wiederbelebt und rufe hiermit zur Mitwirkung auf.

Werden Sie Mitglied im Verein, indem Sie ein verschmocktes Foto aus Ihrer Lokalpresse scannen und zusammen mit den wichtigsten Daten (Bildanlass, abgebildete Personen, fotografiert von, Bildquelle Zeitung) an die Redaktion des Teestübchens senden. (Mailadresse im Impressum) Wenn Sie mögen, begründen Sie noch, warum das Foto preiswürdig ist. Zur Anregung ein hübsches Beispiel aus dem Jahr 2008:

Standfoto der Woche – Flotter Dreier mit Schubkarre

Bildanlass:
Ende der Renovierungsarbeiten am Aachener Eurogress.

Abgebildet:
Eurogress-Geschäftsführer Eugen Rinder,
Betriebsausschuss-Vorsitzender Claus Haase,

fotografiert von:
Michael Jaspers

abgedruckt in:
Aachener Zeitung

Laudatio: Das Ende von Modernisierungs- arbeiten ins Bild zu setzen, ist grundsätzlich einfach. Man braucht nur die fleißigen Handwerker dabei zu fotografieren, wie sie die Baustelle aufräumen. Da ließen sich die angespannten Arme eines Mannes zeigen, der gerade etwas Schweres hinaus trägt. Schwierig, fast unmöglich ist es, wenn dem Fotografen aufgetragen wird, er solle zwei wichtige Männer abbilden, die während der Modernisierungsarbeiten hie und da einen Bleistift gestemmt haben, um sich anschließend beim Kaffee zu erholen. Dabei wollten die Honoratioren nicht fotografiert werden, und auch der Vorschlag, sie beim Bleistiftstemmen zu zeigen, findet keine Gnade. Es gibt nur einen Ort: Die aufgeräumte Baustelle. Bitteschön hat sich der Fotograf gedacht, dann stellt euch mal in Positur. Welche Utensilien sind möglich? Schaufeln kommen nicht in Frage, die gehören auf ein Foto vom Spatenstich. Dann eben eine Schubkarre mit Inhalt, – Kabeltrommel, Fliesenschneider und eine Restrolle breites Isolierband.

Dem Fotografen Michael Jaspers ist mit dieser Bildidee ein herausragend komisches Standfoto gelungen. Es ist nicht allein sein Verdienst. Die beiden Honoratioren hätten verabreden können, wer die Schubkarre schiebt und wer vor Freude applaudiert. Da jedoch die Eitelkeit der Herren größer war als ihre Klugheit, wollte jeder ran an die Schubkarre. Natürlich würde sie sofort umkippen, wenn die beiden versuchen würden, sie nach draußen zu schieben, wo ehrliche Männer darauf warten, den Kram auf die Pritsche des Transporters zu laden, damit sie nach Hause können. Gut, die können ja noch eine rauchen. Gleich ist das Foto gemacht. Beide beugen sich nieder und fassen mit beiden Händen je einen Schubkarrengriff. Sie halten die Griffstangen wie Minigolfschläger und schauen lächelnd Richtung Ausgang. Allerdings bewegen sie sich nicht von der Stelle, und das würde der Betrachter auch sehen, wenn ihnen ein gnädiger Retuscheur bei der Zeitung je einen Kondensstreifen an den rausgestreckten Hintern montiert hätte. Es ist allerdings absolut nicht nötig, dieses herrliche Foto noch zu bearbeiten.

Michel Jaspers, herzlichen Glückwunsch zu dieser Meisterleistung!
Fünf Punkte auf der nach oben offenen Humorskala


(Freunde verschmockter Zeitungsfotografie, FvZf)

4 Kommentare zu “Freundinnen verschmockter Zeitungsfotografie

  1. In der Münchner Residenz gestaltete man mit viel Geld und erheblichem Zeitaufwand vor einigen Jahren den sogenannten Fünf-Säulen-Saal zu einem Museum für barocke Bronzestatuen um. Kurz vor Ende der Bauarbeiten setzte man die vier bronzenen Löwen, die zuvor jahrhundertelang den Eingang zum Kaiser- und zum Brunnenhof bewacht hatten, vorsichtig auf ihre steinernen Podeste im Eingangsbereich des Saals. Man wollte dies eigentlich recht zügig erledigen, doch dann kündigte sich der damalige bayerische Finanzminister Markus Söder an, der wegen seiner Effektheischerei, Arroganz und Wichtigtuerei bei den Arbeiter:Innen in der Residenz höchst unbeliebt war. Über zwei Stunden lang mussten die Arbeiten ruhen, bis Herr Söder endlich mit zahlreicher Entourage eintraf, und sich samt Löwe so positionierte, als würde er höchstpersönlich die bronzene Raubkatze auf dem neuen Podest platzieren. Das Bild erschien damals in sämtlichen größeren Printmedien Bayerns selbstredend auf der ersten Seite. Nicht eine einzige jener Personen, die in Wahrheit die ganze Arbeit geleistet hatten, war auf dem Foto zu sehen. Man hat mir kurz danach erzählt, dass Marggus I. sich nicht einmal dazu herabgelassen hätte, die Anwesenden zu grüßen, geschweige denn ihnen für die gute Arbeit zu danken…

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    • Hier ein bizarres Exempel, Herr Söder inszeniert sich als Eröffnungs-Popanz:

      Oder Söder als Schlüsselmeister:

      »Finanz- und Heimatminister Dr. Söder hat einen Bocksbeutel Wein mitgebracht und lässt die Honoratioren ein Glas davon kosten, diese machen süffisante Mienen zum bösen Spiel. Er selber braucht kein Glas, er trinkt aus der Flasche.«

      Gefällt 2 Personen

  2. Pingback: Teestunde mit Bettina

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