Vom Ächzen, Knirschen und Knarzen der Dinge

In alter Zeit, als ich noch jung und elastisch war, da knackte es in meinen Knien, wann immer ich mich hinhockte. Es ist bis heute quasi das einzige unorthodoxe Geräusch, das ich mache. Alles Knirschen, Ächzen, Knarren, Klappern, Knicken, Knacken und was die deutsche Onomatopoesie sonst noch an unerfreulichen Schallwörtern bereithält, all das kommt nicht von meinen morschen Knochen her, wie böse Zungen behaupten, sondern von perfiden mich umgebenden Dingen. Da ist beispielsweise mein Bürostuhl, von dem ich glaube, dass ihn Costers Geist auseinander geraggelt hat.

Jedenfalls habe ich Coster einmal dabei erwischt. Seither kann dieser Stuhl einfach nicht still sein. Soeben habe ich das Teil mühsam auf die Seite gelegt und alle Schrauben, die ich sehen konnte, mit einem Inbusschlüssel nachgezogen. Der Schweiß rann mir von der Stirn, als ich mit dem schweren Sitzmöbel hantierte, leider vergeblich. Nun wird mir bewusst, dass mich sein Ächzen schon längere Zeit gestört hat. Da ich aber ein Mann bin, der Störendes gut ausblenden kann, ist mir das eklige Ächzen meines Bürostuhls kaum ins Bewusstsein gerückt. Es ist aber nicht auszuschließen, dass es mir unbewusst als heftige Dissonanz in die Texte geraten ist. Wenn meinen Texten in letzter Zeit das lieblich Perlende gefehlt hat oder wenn die Sprache nicht floss, sondern holperte, da ächzte mein Bürostuhl hinein. Seine Rollen holperten quietschend, ächzend und knackend über das durch Missklang ausgetrocknete Flussbett der Sprache, und ich kann froh sein, dass es mir manchmal gelang, auf die seitliche Grasnarbe auszuweichen und den Text einigermaßen nach Hause zu bringen.

Manche werden fragen, ob von mir je ein lieblich perlendes Sprachflüsslein zu lesen gewesen sei. Sie könnten sich jedenfalls gar nicht erinnern, würden es folglich nicht vermissen. Ich antworte vorsorglich, dass des Menschen Erinnerung sehr sehr trügerisch ist. Da ist ja nicht nur der schwer ächzende Bürostuhl, da sind auch noch die Dielen, die nicht still sein können, im ganzen Haus nicht, denn ich höre auch die von oben, wenn meine Obernachbarin umhergeht, und sie, ich muss sie gar nicht fragen, denn sie scheut das Gespräch mit mir, sie wird quietschende Dielen von ihren Obernachbarn hören und so weiter und so weiter, das ganze Haus hinauf ächzen Dielen, bis in die obere Etage und noch weiter. So türmt sich das Ächzen der Dinge auf und auf bis ins Universum und gibt einer tief im Weltall horchenden intelligenten Spezies große Rätsel auf. Man hat die Laute längst katalogisiert und kategorisiert. Außerirdische Linguisten glauben, eine Sprache zu erkennen, wie einst der Jesuit und Universalgelehrte Athanasius Kircher glaubte, die ägyptischen Hieroglyphen entschlüsselt zu haben. Aber es war alles falsch, plausibel und doch ganz falsch, wie 150 Jahre später der Sprachwissenschaftler Jean-François Champollion am polyglotten Stein von Rosetta erkannte.

Man muss ja die außerirdischen Linguisten nicht gleich häuten und verbrennen, man kann sie immerhin noch als religiöse Lehrer verwenden, aber ich versichere und rufe es ins All hinaus, dass menschliche Sprachäußerungen in der Regel nicht vom boshaften Ächzen von Bürostühlen und Dielen begleitet werden. Da die hässlichen Töne aber unleugbar vorhanden sind, wäre eher eine kulturphilosophische Frage aufzuwerfen. Wäre diese Welt ganz anders, würde sie nicht krächzen, ächzen, quietschen, knarren? Was wäre, würde alles in ihr flutschen wie ein in Vaseline getauchter Finger?

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Lesefrüchtchen, Bier und schöne Schultern


Auf den Straßen der Stadt brandet ohne Unterlass der Autoverkehr, auf den Gehwegen ist ein Kommen und Gehen, unzählige Sonnenhungrige bevölkern den weitläufigen Georgengarten, liegen lustvoll im Gras oder scharen sich um einen qualmenden Grill, doch irgendwo nahebei im hannoverschen Universitätsviertel sitzt eine kleine magere Frau über den alten Briefen des Dichters Johann Paul Friedrich Richter, besser bekannt als Jean Paul (1763 – 1825) und versucht, seine mühsam zu lesende Kurrentschrift zu entziffern.

Man kann sich den Zauber vorstellen, der sie umfängt, wenn sie die Briefe von der Hand eines bedeutenden Schriftstellers des 18. Jahrhunderts studiert und eintaucht in die Vergangenheit, in die Gedankenwelt Jean Pauls, die sich in seinen privaten Nachrichten enthüllt. Manchmal wird sie lange über einem Wort sitzen und versuchen, die Bedeutung zu entschlüsseln. Das ist eine schwierige Angelegenheit, denn die Orthographie weicht stark von der unsrigen ab, und viele der Wortschöpfungen Jean Pauls sind kryptisch. Man muss wissen, worauf er anspielt, muss die Verhältnisse und die geistigen Ideen seiner Zeit kennen, um den gemeinten Sinn zu erschließen. Beispielsweise schreibt Jean Paul über hungernde Schreibermönche:

    (…) wenige von uns standen noch den Hunger der Mönche aus, deren Abschreiben durch die Erfindung der Buchdruckerkunst entbehrlich wurde; daher sie mit Recht sagen, den Erfinder derselben, den Doktor Faustus, hätte leider der Teufel unstreitig geholet (…).“ Aus: Jean Paul; Untertänigste Vorstellung unser, der sämtlichen Spieler und redenden Damen in Europa, entgegen der Kempelischen Spiel- und Sprachmaschinen; in: Klaus Völker (Hrsg.): Künstliche Menschen, München 1971, (S. 99 f)

Jean Paul setzt hier irrtümlich den Mainzer Anwalt und Geldverleiher Johannes Fust mit dem Doktor Faustus der Volkssage gleich. Im 18. Jahrhundert wusste man nichts von Johannes Gutenberg, weil sich Johannes Fust in den Besitz von Gutenbergs Druckerei gesetzt und als Erfinder des Buchdrucks ausgegeben hatte. Dass nicht Fust, sondern der Goldschmied Gutenberg den Buchdruck erfunden hat, wurde erst durch neuere Forschungen bekannt. [Näheres über den Wirtschaftskrimi hier:]

Unter Schwierigkeiten mit der Handschrift Jean Pauls und mit seinen Anspielungen auf das Wissen seiner Zeit vergisst Frau Dr. Meier die Welt da draußen, vergisst vielleicht auch zu essen und ist stolz und glücklich, wenn sie den Briefen wieder einen Schatz abgerungen hat, beispielsweise eine launige Bemerkung Jean Pauls über Leibniz und seine Monadologie. Wer schon selbst einen schwierigen Acker bearbeitet hat, weiß die Ergebnisse zu schätzen, die Frau Dr. Meier in einer Vorlesung den interessierten Fachkollegen vorträgt. Und so sparen sie nicht mit Lob, wenngleich mein Freund Konrad Fischer und ich froh sind, dass sie endlich fertig ist mit ihrem papierdünnen Vortrag, der vom prachtvollen Hörsaal fast verschluckt wurde.

Trotzdem, es war inspirierend, wie wir später merkten, als wir in einer Lindener Kneipe ein Bier nach dem anderen kippten und uns angeregt unterhielten. Allerdings war ich bald abgelenkt durch eine hübsche junge Frau, die in meinem Blickfeld saß und ihre wohl gerundeten Schultern zeigte, erst eine, und da ihr Gesprächspartner offenbar noch nicht verwirrt genug war, ließ sie ihr Oberteil verrutschen und entblößte wie zufällig auch ihre zweite Schulter. Worüber sie mit ihrem Partner sprach, konnte ich nicht hören. Aber es ging bestimmt nicht um die beinahe mauskleine geistige Beziehung Jean Pauls zu dem gut hundert Jahre früher lebenden Gottfried Wilhelm Leibniz, die Frau Doktor Meier in mühevollster Kleinarbeit aus den Briefen Jean Pauls herausgefiddelt hat. Doch: „Kultur ist Reichtum an Problemen“, schreibt Egon Friedell. Ob er damit auch die Probleme meint, die eine schöne Frau mit entblößten Schultern bereiten kann, weiß ich freilich nicht.

Der Wolf scheut den Faden

Die Verkäuferin im Bäckereicafé gefiel ihm. Nur ihretwegen kam Erlenberg her. Eine Weile hatte er draußen gesessen und das Mineralwasser getrunken, in das sie ihm noch Eis getan hatte. Er saß im Schatten einer Markise und beobachtete das Treiben an der Straße. Zwischendurch erwog er, sich von ihrer zarten Frauenhand ein Stück Kuchen kredenzen zu lassen, verwarf die Idee aber. Die Hitze war zu drückend. Er stand auf, brachte die leere Flasche und sein Glas hinein und ging zu seinem Fahrrad. Unterwegs traf er die Freundin, die er zwei Jahre nicht gesehen hatte, aber in den letzten Wochen schon viermal.

Sie sah ihn mit großen braunen Augen an. „Ich stimme dir ja in vielem zu“, sagte sie, „aber in einem muss ich dir widersprechen?“
„Worin?“
„Dass das Wichtigste sich beim Menschen im Kopf findet.“
„Wo dann?“
„Hier!“ sagte sie und deutete auf den rechten Fleck, wo man gemeinhin das Herz vermutet.
„Ich erinnere mich gar nicht, etwas anderes behauptet zu haben, sondern halte es mit Pestalozzi, dass Herz, Hand und Verstand sich im ausgewogenen Einklang befinden müssen.“ Und dann hob er zu einer Erzählung an, zu lang für ein Gespräch im Stehen. Er habe in einem früheren Leben Lebenshilfetexte geschrieben, eigentlich für sich selbst, worin genau das angesprochen sei. Sie habe ein wenig Zeit für einen Kaffee, sagte sie. Also steuerte Erlenberg das Café von vorhin an. Sie fanden ein freies Tischlein unter der Markise. Schon stand er wieder vor der Verkäuferin und orderte ein Stück Käsekuchen. Fasziniert schaute er zu, wie sie die Torte aus der Vitrine nahm, ein sorgfältig bemessenes Stück abschnitt und auf einen Teller gab.
„Und den Kaffee muss ich drüben bei deinem Kollegen bestellen?“
„Nein, den bestellst und bezahlst du bei mir“, sagte sie bestimmt.

Der Kollege an der Kaffeestation bekommt Bestellzettel aus der Registrierkasse und arbeitet die Kaffeebestellungen ab. Wie Erlenberg auf den Kaffee wartet, tritt sie hinzu, deutet auf die Zettel und fragt: „Welche Bestellungen hast du schon abgearbeitet, Lorenzo?“ Es ist ein leiser Vorwurf in der Stimme, weil er im Stress vorheriger Bestellungen versäumt hat, die erledigten Zettel wegzuwerfen. Dieser Anflug von einem Vorwurf erschreckt Erlenberg. Aber er sagt sich, dass er nicht überbewerten dürfe. Wer in dieser Hitze arbeiten muss, schwitzt auch schon mal etwas Ungehaltenes aus. Aber dieses Inwändige hatte er lieber nicht sehen wollen. Was, wenn es sich öfter Bahn bricht und zähe Fäden zieht? Aus schmerzlicher Erfahrung weiß er, dass just diese Fäden, die aus Nichts gemacht sind, einen gefangenhalten können wie der Faden Gleipnir, mit dem die Götter den Fenriswolf gebunden haben.

Unter Deppen

„Wem es heute schon zu heiß ist, [der] sollte einen Blick auf Morgen werfen“, kommentiert im Netz ein Klaus Seitz die Dystopie „Welt in Flammen“ [The Burning World] von James Graham Ballard. Den Blick auf die Brände von Morgen (eigentlich heute) warf Ballard im Jahr 1964. In seiner Dystopie einer Welt in Flammen zeigt Ballard „den Zerfall der sozialen Strukturen und Bindungen angesichts des Untergangs.“ [Wikipedia] Dass unsere soziale Struktur längst zerfallen ist, wurde mir beim Foto der überfüllten Abfertigungshalle eines Flughafens deutlich, womit die Meldung illustriert war, dass der Flugverkehr in diesem Jahr um 5,4 Prozent zugenommen hat. Da standen die Reisewilligen dicht an dicht, und jede, jeder hat von den anderen gedacht, die wären nervige Touristen, von sich selbst aber nicht, hat ein bisschen „Flugscham“ empfunden und vermutlich gemeint, dass es ja kaum einen Unterschied machen würde, wenn er/sie nicht fliegt. Warum zu Hause bleiben, wenn die anderen Trottel trotz Klimawandel und Erderwärmung fliegen?

Wie kann das sein? Wie kommt es, dass der Mensch in der Menge so ein Volldepp ist? Zieht die Menge der Artgenossen ihm Intelligenz ab, bis sich der IQ auf dem Niveau des größten Idioten eingependelt hat? Lässt sich der verbreitete Irrsinn so erklären?

Die Dummheit der Masse hat ihren Grund in der geistigen Überforderung des Individuums. Wir sind nicht gemacht für Großstrukturen. Die dem Menschen angemessene Sozialstruktur ist die Gruppe. Innerhalb der Gruppe vollzieht sich Kommunikation durch Berührung, Zuruf oder Wink, ist demnach beschränkt auf die menschlichen Konstanten Armeslänge, Ruf- und Sichtweite. In der Gruppe ist die soziale Kontrolle hoch. Gefordert ist Wohlverhalten zum Glück und Fortbestand der Gruppe. Für die Gruppe schädliches Verhalten wird sanktioniert. Und jedes Gruppenmitglied sieht, welche Konsequenzen für die Gruppe sein Verhalten hat. Dafür reicht des Menschen Verstand.

Eine Gesellschaft wie die unsrige setzt sich zusammen aus schier unzähligen Gruppen. Die asoziale Gruppe, die sich am Steuerzahler bereichert durch Cum-Ex-Geschäfte, verhält sich natürlich gruppenkonform. Soweit man im Yacht- und Golfclub oder auf Partys über derlei Raubzüge spricht, erntet man durchaus Anerkennung. Alles ist möglich, so lange die eigene Gruppe nicht geschädigt wird. Leider fehlt dem Gruppenmenschen der Blick fürs große Ganze. Des Menschen Dummheit ist also systeminhärent, er kann nicht anders.

Ein Beispiel: Gerade verheizen Interessengruppen unseren Planeten. Just nachdem die EU mit den Mercosurstaaten ein Freihandelsabkommen geschlossen hat, in dessen Folge Europa Fleisch aus Südamerika einführt und dafür Autos liefern darf, haben südamerikanische Rinderzüchter überall Freudenfeuer entfacht, und jetzt brennt der Regenwald zur Vergrößerung der Weideflächen. Hätte man voraussehen können, aber es gilt ja, noch mehr Billigfleisch in die Supermärkte und in die fetten Bäuche zu schaufeln und den Deppen in Südamerika Autos zu verkaufen, jede Menge schmutzige Auslaufmodelle mit Verbrennungsmotor, die hier bald niemand mehr haben will. Auch bei den Aktionären von BMW und Audi, allen voran bei den milliardenschweren Klattens, knallten die Korken. Man braucht ja so dringend noch ein paar Milliarden, um glücklich zu sein. Und bei Ex-VW-Patriarch Ferdinand Karl Piëch schoss die Freude derart über, dass es ihn umgehauen hat, als er sich im Sternerestaurant endlich mal wieder richtig satt essen wollte. So ein Pech aber auch. Wir warten auf das erste Event-Reiseunternehmen, das Flugreisen zu den Bränden des Regenwalds anbietet.

Die untreue Braut – Wahre Geschichten (4)

Nr. 5 – Ein Freundschaftsdienst – oder die untreue Braut

Ein junges Paar feiert Hochzeit. Je später es wird, desto ausgelassener geht es zu. Die Gäste verfallen auf allerlei verrückte Späße. Als die Stimmung so richtig auf dem Höhepunkt ist und alle schon ziemlich angeheitert sind, rücken ein paar Freunde damit heraus, sie hätten heimlich eine Liebesnacht des Brautpaares mitgeschnitten. Das gibt ein großes Hallo. Alle wollen die Aufnahme hören, auch das Brautpaar ist einverstanden. Die Aufnahme wird abgespielt. Man hört die Geräusche eines heftigen Liebesaktes und wildes Gestöhne der Braut. Hernach klatschen alle Beifall. Die Freunde werden gefragt, wie sie an die Aufnahme gekommen sind. „Das war ganz einfach“, sagt einer. „Letzten Freitag haben wir einen eingeschalteten Rekorder unter euer Bett geschmuggelt.“
„Was?!“, ruft der Bräutigam, „aber letzten Freitag war ich gar nicht zu Hause. Da war ich auf Geschäftsreise!“

Nr. 6 – Die Tischdame erlebt eine böse Überraschung

Ein Ehepaar ist zu einer Hochzeitsgesellschaft eingeladen. Nach ausgiebigem Essen und Trinken bemerkt der Mann ein Rumoren im Bauch. Er entschuldigt sich bei Tisch und macht sich auf die Suche nach einer Toilette. Unterwegs wird er aufgehalten, und dann ist auch noch das WC besetzt. Inzwischen rumort es in seinen Därmen derart, dass etwas in die Hose geht. Auf der Toilette stellt er fest, dass es weniger schlimm ist als angenommen. Nur die Unterhose ist etwas verschmutzt. Er zieht sie aus und wickelt sie in Papier. Nachdem er sich wieder geregelt und frisch gemacht hat, kehrt er zurück an die Tafel. Dort steckt er das Päckchen mit seiner Unterhose in die Handtasche seiner Frau. Wieder zu Hause sagt er zu seiner Frau: „Erschrick nicht, wenn du deine Handtasche aufmachst. Da ist meine Unterhose drin.“ Und berichtet ihr von seinem kleinen Malheur. Da ruft die Frau entsetzt: „Aber ich hatte heute Abend überhaupt keine Handtasche bei mir!“

Nr. 7 – Die chinesische Brosche

Eine reiche Witwe bereiste die ganze Welt. Ihr liebstes Land war lange Zeit China. Sie reiste jedes Jahr hin und hatte inzwischen zahlreiche chinesische Freunde. Vor zwei Jahren schenkte ihr einer der Freunde eine schöne Brosche mit chinesischen Schriftzeichen, deren Bedeutung er nicht erhellen wollte. Eines Tages war die Frau auf einem Fest der chinesischen Botschaft in Den Haag. Da bat sie einen Diplomaten, ihr die Bedeutung der Zeichen zu erklären. Der Chinese beguckte sich die Brosche, bekam einen roten Kopf und fing an zu stottern. Die Frau musste ihn lange bitten, bevor er den Text vorlas: „Die Trägerin ist Mitglied der Prostituierten-Vereinigung von Shanghai.“

    Nr. 5-7 gehört auf Hilversum III.

Botschaft für Rudi

Der Wind kräuselt die Wasserfläche und verleiht ihr eine Optik wie fließendes Milchglas. Am Ufer steht ein Mammutbaum. Lichtreflexe wandern über seinen gefurchten Stamm und die Unterseiten der Zweige, ein Spiel von Sonnenlicht und Wasser. Für einen Augenblick rutsche ich aus der Zeit. Hab ich nicht schon Jahre zuvor an diesem Platz im Georgengarten gesessen? Dem Lärm der Stadt bin ich glücklich entflohen. Hier ist nur das Rauschen der Bäume im Wind, Enten schießen schnatternd über den Teich, Vögel zwitschern. In der Ferne zieht eine Straßenbahn vorbei.

Wie wieder Ruhe ist, kommen auf der anderen Seite des Teiches junge Leute mit einem Ghettoblaster daher. Zum Glück entfernen sie sich wieder. Oben auf den Stufen des Leibniztempels habe ich eben zwei Frauen mit einem herumstreunenden Hund gesehen. Der Hund heißt Rudi. Rudi kann man gut rufen. Ich habe den Verdacht, dass die Frau ihren Rudi herumstreunen lässt, damit sie nach ihm rufen kann „RUUUDI!!! RUUUDI!!!“ Sie scheint dem gleichen Impuls des akustischen Horror Vacui zu gehorchen wie die Jungs mit dem Ghettoblaster. Wo Lärm fehlt, wird Lärm gemacht. Und Rudi weiß, welche Aufgabe ihm zukommt, entfernt sich immer wieder, damit sie einen Grund hat, „Ruuudi!“ zu rufen. Vermutlich ist ihr nicht bewusst, was sie da tut, ebenso folgt Rudi ja einer antrainierten Verhaltensweise. Wie der Hund seine Duftmarken hinterlässt, um sein Revier zu markieren, müssen manche Leute eine akustische Duftmarke absetzen. Warum auch nicht, Entengeschnatter und Vogelgezwitscher sind nichts anderes.

Mir kommt „Rudy, A Message To You“ von den Specials in den Sinn. Ich versuche es zu singen und auf meinen Oberschenkeln den Ska-Rhythmus zu trommeln. Und weil mir das Singen nicht gut gelingt, hole ich mein Tablett aus dem Rucksack, rufe den Titel bei YouTube auf und lasse die Specials singen. Den Finger halte ich aber am Lautstärkeregler, denn ich will keinesfalls anderen auf den Geist gehen mit den Specials. Das haben sie nämlich nicht verdient.

Die Frauen ziehen ab, über die Wiese den Hügel hinunter und schicken sich an, den Teich zu umrunden. Rudi rennt jetzt an einer langen roten Leine. Trotzdem kann er immer noch zum Ufer runter und Enten aufscheuchen. „Ruuudi!“ Eine lange Leine ist auch eine Botschaft. Man kann sich leicht vorstellen, dass Rudi durch eine kurze Leine eine andere Botschaft empfängt. Nicht etwa, weil die Botschaft durch eine kurze Leine schneller fließt. Auch die Botschaft der langen Leine erreicht Rudi augenblicklich. Sie muss nicht erst die Leine entlang schleichen. „Das Medium ist die Botschaft“, sagt schon Marshall McLuhan.

Gibt es eigentlich eine gesetzliche Längenbeschränkung für Hundeleinen? Oder richtet sich die maximale Länge nach ihrem Gewicht? Kleine Hunde können gewiss nur kurze Leinen ziehen. Aber bei einem Husky etwa könnte die Hundeleine doch fünf Kilometer lang sein, oder? Rudi jedenfalls dürfte mit seiner langen roten Leine nicht auf ähnlich angeleinte Hunde treffen. Beim beschnuppernden Umrunden und dem Hin und Her der Begrüßung seiner Artgenossen, würde er sich mit ihren Leinen unrettbar verknoten, und kämen Frauchen und Herrchen heran, fänden sie ein verknäueltes Etwas gleich einem Rattenkönig. Da hülfe auch kein Rudi-Rufen mehr. Im Gegenteil, es verböte sich. Denn in seinem Eifer, gehorchen zu wollen, würde Rudi das Leinengewirr nur verschlimmern, zerren und reißen, und am Ende lägen Rudi und seine Freunde stranguliert auf der Wiese. O himmlische Ruhe! Hoffentlich weint Frauchen leise.


The Specials; Rudy, A Message To You

Nierchen – Wahre Geschichten (3)

Nr. 4 – Ein Bergbauer will sich unbedingt entleiben

Ein Bergbauernsohn, dem beide Eltern kurz hintereinander weggestorben sind, beschließt, seinem anstrengenden und einsamen Leben ein Ende zu machen. Er greift zur Schrotflinte und schießt sich damit in den Kopf. Er wird gefunden, ins gar nicht so nahe Unfallkrankenhaus gebracht und überlebt. Die in Folge stark herunterhängende rechte Gesichtshälfte entstellt ihn sehr, und macht jede weitere Hoffnung, doch noch ein Weib zu finden, das sein karges Bergbauernlos teilen wollte, zunichte.
So fasst er denn Monate später den Entschluss, Hand an sich zu legen, ein zweites Mal. Er stürzt sich aus dem Fenster des gar nicht so hohen Bauernhauses. Er wird gefunden, ins gar nicht so nahe Unfallkrankenhaus gebracht und überlebt. Die Brüche heilen, den linken Fuß zieht er aber ab jetzt ziemlich nach, die Arbeit am Bergbauernhof wird immer schwieriger zu bewältigen.
Beim dritten Versuch greift er zum Strick und hängt sich auf. Nun ist es aber so, dass auch Erhängen nicht so einfach ist. Denn, wenn die Schlinge nicht richtig geknüpft ist, dann ist auch das zu überleben, nur bricht man sich vorher das Genick. Und zwar ganz oben. Er wird also rechtzeitig gefunden, ins gar nicht so nahe Unfallkrankenhaus gebracht und überlebt auch das. Seither ist ihm nichts mehr eingefallen, was er – mittlerweile ja ohne irgendetwas bewegen zu können – als nächstes tun könnte.

Aufgeschrieben hat die rural legend (ländliche Legende) die Wiener Bloggerin la-mamma. Sie schreibt dazu: „Erzählt hat mir das ein Freund, der es von einem der ihn behandelnden Ärzte gehört hat. Den würde ich sogar selbst auch kennen, aber ich scheue mich davor, danach zu fragen, ob es der nicht auch eher von einem der mit ihm befreundeten Ärzte gehört hat, als selber …“

Nr. 5 – Nierchen

Fünf Laboranten wurden lebensgefährlich erkrankt ins Krankenhaus eingeliefert. Sie litten an den gleichen rätselhaften Symptonen. Bei einer Untersuchung der Begleitumstände stellte sich heraus: An einer Wand des Laboratoriums hatten einige Mikrowellengeräte zum Erhitzen bestimmter chemischer Verbindungen gestanden. Es waren völlig veraltete, schlecht isolierte Modelle. Schon längere Zeit war aus ihnen hochfrequente Strahlung ausgetreten. Weil die Laboranten den ganzen Tag mit dem Rücken zu den Geräten gestanden hatte, hatten sie unwissentlich ihre eigenen Nieren gebacken.

Quelle: Hilversum III, Jeroen van Inkeln
Am 24. März 1993 sendete ein Aachener Lokalradio den Bericht über eine Frau, die im Jahr 1956 ein Kissen gekauft hatte, das mit schwachen radioaktiven Strahlen angeblich ihre Rückenschmerzen heilen sollte. Im Jahr 1992 wurde sie von einem rätselhaften Ausschlag heimgesucht. Der Arzt stellte fest, dass ihr Uralt-Bestrahlungskissen viel zuviel schädliche Strahlung abgab.