Kein Gott mehr auf Erden

So ein Novembertag Grau in Grau, der anhaltende Regen der Vortage hat die Farbe aus der Welt gewaschen, und hell werden will’s nicht mehr. Von der Friedhofskapelle her scheppert das Totenglöckchen, wird mal verweht, mal wirkt es in der feuchten Luft seltsam zudringlich. Über die Dorfstraße wird ein zweirädriger Karren geschoben. An seinen Ecken vier Männer in der grauen Livree eines Bestattungsinstituts. Sie halten, schieben einen billigen Sarg aus hellem Fichtenholz. Offenbar ist ihnen nicht wohl dabei, und sie feixen, um sich zu entlasten. Hinterm Karren geht die schwarz verschleierte Witwe. Sie hält den Kopf gesenkt, damit sie die Schmach nicht sehen muss, hält an beiden Händen je ein Kind. Sie geben ihr Halt, obwohl das größere, ein Junge, humpelt. Er hat einen Klumpfuß in einem hochgeschnürten Lederschuh. Das Dorf liegt wie ausgestorben, doch jedes Fenster gafft. Man will sich nicht zeigen, will nicht in den Verdacht geraten, das da draußen könnte ans eigene in Achtbarkeit verstockte Herz rühren. Im Sarg liegt Puffler, ein überführter Verbrecher, der sich im Zuchthaus aufgeknüpft hat. Kein anderer gibt ihm das Geleit, Keiner drückt der Witwe sein Beileid aus. Man wird den Selbstmörder an der Friedhofshecke verscharren. Kein Priester wird den Sarg in der offenen Grube segnen, keine Grabrede wird gehalten werden. Wenigstens die Totenglocke läutet. Der Totengräber hat Geld bekommen.

Was wird der Junge gedacht haben, als er am Morgen seinen unförmigen orthopädischen Schuh geschnürt hat? Was wurde gesprochen zwischen der Mutter und ihren Kindern? Hat sie erklärt, warum dieser Spießrutenlauf sein muss? Oder wurde alles im sprachlosen Grauen getan?

Manches Elend endet nie. Es ist noch nicht viel verheilt. Gerade ist so ein schütteres Häutchen über alles gewachsen, da steht der Junge vor Angst bebend im Religionsunterricht. Steht da neben seiner Bank mit seinem Klumpfuß und soll etwas aus dem Katechismus wissen. Aber was dort geschrieben steht von Nächstenliebe und einem fürsorglichen Gott, ist dem Jungen so fremd wie die sibirische Steppe. Den Lehrer, Pastor Houben, hat der heilige Zorn erfasst über den verstockten Knaben. Er hat sich vor dem Jungen aufgebaut, denn dessen sündige Seele muss gerettet werden. „Puffler!“, donnert er, „Puffler, was war dein Vater?!“ Puffler schweigt . „Was war dein Vater?!!!“ Puffler zittert. Houben hat den Katechismus längst vergessen, ist jetzt ganz Racheengel und kreischt: „SELBSTMÖRRRDER! SELBSTMÖRDER WAR DEIN VATER!“
Peter Puffler sinkt schluchzend in seine Bank zurück. Einige Mädchen weinen.

Und ich löse mich vom katholischen Glauben ab.

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Gekritzelt – Der Weg des Fettklumpens

Unnötige Sorge
Ich habe gelesen, in meiner Jugend sei man entweder Fan der Beatles oder der Stones gewesen. Für mich gilt das nicht. Ich fand beide Musikgruppen gut und habe mich gefreut, dass bei den Aufnahmen von All You Need Is Love im Studio auch Mick Jagger zu sehen war. Dies geschah vor 50 Jahren bei der ersten weltweit per Satellit  von der BBC live ausgestrahlten Fernsehsendung im Jahr 1967. Ich erinnere mich gut, die Sendung im Fernsehen gesehen zu haben als einer von  700 Millionen Menschen in 31 Ländern.

John Lennon hat bei der Aufnahme einen Kaugummi gekaut, was ich ziemlich cool fand, obwohl ich wirklich Sorge hatte, er würde einen Einsatz verpassen, weil er nicht rechtzeitig zu kauen aufhören, also die Kaubewegung falsch takten würde. Immerhin hat All You Need Is Love den relativ komplizierten 7/4 Takt. Das Video zeigt, dass es tatsächlich passiert. Es ist aber nicht zu hören, denn das ganze war Playback, wie ich dank Wikipedia heute weiß.

Beatles – All You Need Is Love from SimDo on Vimeo.

Mediendidaktik
Jedes Jahr müssten im ganzen Land die Fernsehgeräte eingesammelt und durch neue ersetzt werden, die technisch schlechter sind als ihre Vorgänger. Das müsste so lange gehen, bis Fernseher nur noch ein Standbild zeigen. Das könnte dann meinetwegen wöchentlich wechseln.

Sprachgefühl

Der Wiener Kaffeehausdichter Peter Altenberg (1859-1919) berichtete, über den Titel seines Buches „Wie ich es sehe“ habe es Diskussionen gegeben, wie er auszusprechen wäre:
Wie ich es sehe; Wie ich es sehe; Wie ich es sehe; Wie ich es sehe
Man kann das abtun als kalten Kaffeehausdunst, den heute keiner mehr beachtenswert findet. Heute könnten derlei Diskussionen nicht mehr stattfinden, weil nicht nur das Interesse, sondern auch das nötige Sprachgefühl fehlen.

Eisenbahnromantik
Im Jahr 1995 hat die Deutsche Bundesbahn den Eilzug abgeschafft. Die Süddeutsche widmete dem Eilzug damals ein Streiflicht, worin der Autor daran erinnerte, dass auf Bahnhöfen, durch die der Eilzug ohne Halt gebraust ist, der Stationsvorsteher herausgetreten ist und salutiert habe. Mit dem Eilzug ist nicht nur das schöne Wort versunken, sondern eine ganze Eisenbahnwelt.

Der Weg des Fettklumpens
Mein mittlerer Sohn zu Besuch sagte mir, die Feuchttücher, die ich auch im Bad hätte, wären hauptverantwortlich für die riesigen Fettklumpen in der Kanalisation, weil die Leute sie nach Gebrauch in die Toilette werfen würden. Wie vor einiger Zeit in London sei jetzt auch in Leipzig so ein Ungetüm gefunden worden. Und die Firma, die solche Fettklumpen entsorge, mache wieder Seife daraus.

Verhinderte Kollektivbeleidigung

Der gute Sohn hat mir auch ausgeredet, eine Polemik „Generation Meldedoof“ zu schreiben.

Mein Heute-Ich und mein Morgen-Ich sind sich mal wieder nicht grün

Mein Heute-Ich hat vergessen, neue Kaffeefiltertüten zu kaufen, obwohl mein Gestern-Ich Bescheid gesagt hat.
„Von wegen Bescheid gesagt“, meckert mein Heute-Ich. „Der feine Herr Gestern-Ich hätte die leere Schachtel irgendwo hinlegen sollen, dass ich heute darüber gestolpert wäre, also nicht wirklich gestolpert, sondern innegehalten hätte und mich erinnert, dass ich Filtertüten kaufen muss, damit das Morgen-Ich nicht meckert.“
„Hallo?!“ ruft mein Morgen-Ich. „Als Herr Heute-Ich am Morgen die letzte Filtertüte verbraucht hat, hätte er sich selbst die leere Schachtel vor Augen halten können, bevor er zum Mittagessen und Einkaufen gefahren ist. Also selbst Schuld und verpflichtet, diese Schlamperei auszubaden, damit ich morgen, also an meinem Heute nicht ohne Filtertüte dastehen werde.“
„Du kannst mich mal!“
„Wie bitte? Du? Du? Duu?!“
„Wenn wir uns Siezen, könnten Kundige bei uns eine Persönlichkeitsstörung diagnostizieren. Außerdem werde ich den Teufel tun und mich bei diesem Sauwetter nochmal auf den Weg machen – nur damit du morgen Filtertüten hast. Es wird gleich dunkel.“
„Gilt bei Dunkelheit etwa ein Filtertüten-Einkaufs- und Beförderungsverbot?“
„Nein, es geht um mich. Ich habe einfach keine Lust, mich mit einem Paket Filtertüten in einer Kassenschlange anzustellen und mir die bedauernden Blicke einzufangen von wegen: „Der arme Mann wurde von seinem Morgen-Ich so lange getriezt, dass er nur für ein paar blöde Filtertüten losgerannt ist.“
„Morgen wirst du ich sein und deine Schlamperei, deine Ausflüchte und deine Trägheit verfluchen.“
„Mir doch egal. Seien wir halt kreativ morgen!“
„Fauler Sack!“
„Filtertütenpedant!“
„Luftikus!“
„Jammerlappen!“

So könnte es bis morgen weitergehen. Blende.

Zonengrenze

Letzte Nacht wurde ich um 3 Uhr wach und konnte nicht mehr einschlafen. Ich hatte vielleicht alpgeträumt. Gemeinhin ist das Erwachen aus einem Alptraum erleichternd. Wenn man Licht gemacht hat, sich umschaut und weiß, es war nur ein Alpdruck. In Wirklichkeit ist alles in Ordnung. Aber so sehr ich mich auch hin und her gewälzt habe, die Erleichterung wollte sich nicht einstellen. Der Alptraum ging einfach weiter. Er ließ sich nicht abschütteln. Im Gegenteil. Mein langsam erwachender Kopf hat den Alptraum noch weitergesponnen und in allen denkbaren Facetten ausgeschmückt.

Worum ging es? Eine Geschichte aus meinem Alltag. In der letzten Woche bin ich mittags nicht zu Fräulein Schlicht, sondern zum Marktcafé gefahren, weil die Suppe, die in der Woche angeboten wurde, mal wieder köstlich war. Ich kette dann mein Fahrrad an einen der grün lackierten historischen Laternenmasten und gehe übers Kopfsteinpflaster ins Marktcafé. Wenn ich wieder herauskomme, gehe ich an meinem Fahrrad vorbei die wenigen Schritte zur Bäckerei auf der Ecke und hole mir ein Kuchenteilchen für den Nachmittagskaffee. Soweit ein ganz hübsches Alltagsritual. In der Bäckerei werde ich von schmucken Bäckereifachverkäuferinnen empfangen, und überaus freundlich bedient. Falls schon Kundschaft im Laden ist, kommt wie von Zauberhand herbeigerufen eine weitere Bedienung durch die offene Tür aus den hinteren Räumen und fragt freundlich nach meinem Begehr.

Am Donnerstag wars ein neues Gesicht, durchaus hübsch, aber ordentlich rund. Die junge Frau war noch etwas runder als man sich rundliche Bäckereifachverkäuferinnen vorstellt, aber trotzdem propper anzuschauen mit der kleidsamen Bluse in den Bäckereifarben. Sie eilte behände hinter der Theke hin und her, und ich dachte noch anerkennend, „aha, eine agile Dicke.“ Dann aber musste ich die Summe von 1,60 Euro mit einem 20-Euroschein bezahlen. Sie bat mich zur 2. Kasse am Thekenende, nahm den Schein, kramte das Wechselgeld hervor und drückte mir einen 10- und 5-Euroschein zusammen mit einigen Münzen in die Hand. Da ich die Münzen nicht sehen konnte, griff ich ungeschickt zu und einige fielen zu Boden. Sie entschuldigte sich und bückte sich nach denen, die zu unseren Füßen lagen, aber gab sich nicht zufrieden damit, sondern ging flugs auf alle Viere und schaute unter eine Kühlvitrine. Dabei reckte sie mir die Kehrseite zu, und ihre hinterlistige Hose entblößte vor meinen Augen ein Paar voluminöse Hinterbacken.

Na hören Sie mal, meine lieben Damen und Herren! Auf derlei ist man nicht gefasst. Das Prallste, was ich in dieser Bäckerei je gesehen hatte, war ein Gugelhupf mit Schokoladenüberzug. Davon hatte ich im Sommer zwei zu meinem Geburtstag bestellt. Und sonst? Wenn sich vor meinen Augen eine Dame entblößt hat, dann in einvernehmlicher Absicht, und dem ganzen ging ein sogenanntes Vorspiel voraus, dass ich Zeit hatte, mich auf zu erwartende Nacktheit einzustellen, also auch auf nackte Kehrseiten. Früher bin ich auch schon mal in der Sauna gewesen und war innerlich gefasst auf entblößte Körperteile jedweder Form und Größe. Aber solche Backen existierten überhaupt nur in meiner Vorstellung, ganz vage nur wie in dieser Geschichte, als Helmut Kohl, Maggi Thatcher und Michael Gorbatschow sich einst in der Sauna getroffen haben.

Thatcher weist auf ihre blanken Brüste und sagt: „Zwei gute englische Pfund!“
Helmut Kohl klatscht mit beiden Händen auf seine gewaltigen Hinterbacken und ruft: „Das ist das geteilte Deutschland!“
Gorbatschow schaut an sich hinunter und sagt: „Das ist der Schlagbaum zwischen Ost und West. – Er wird sich niemals wieder heben.“

Wie gesagt: Vorstellung. Aber was mir in der Bäckerei sozusagen unvermittelt ins Auge sprang, toppte die Kohl’schen Hinterbacken. Und das Schlimmste. Ich kannte ja die Zonengrenze nicht, hab sie nie mit eigenen Augen gesehen, war erst im Osten, nachdem sich der Schlagbaum wider Erwarten doch noch gehoben hatte. So hatte ich auch keine Vorstellung vom Todesstreifen. Dass er das Land mit einer wund gescheuerten Furche in schuppigem Hellrosa teilte, hatte mir niemand gesagt.

Die junge Frau fand unter der Vitrine ein 50-Cent-Stück und gab es mir. Wenn ich gefragt worden wäre, „wollen Sie das geteilte Deutschland mit dem gefürchteten Todesstreifen sehen oder 50 Cent verlieren?“, ich hätte mit Kusshand auf das Geld verzichtet. Aber nun war`’s nicht mehr ungeschehen zu machen. Ich sagte: „Dankeschön für Ihren Einsatz!“ und verließ die Bäckerei unter ihren besten Wünschen.

Retrofuturismus: Historische Reise mit dem Hochgeschwindigkeitszug Thalys

Der Hochgeschwindigkeitszug Thalys verbindet die Städte Paris, Brüssel, Amsterdam und Köln, betrieben von der Thalys-International mit Sitz in Brüssel. Im Jahr 1995 rollte der erste Thalys von Brüssel aus in den Aachener Bahnhof. Die Aachener Presse feierte das Ereignis, denn man sah es als Ehre an, dass der Aachener Hauptbahnhof ein Haltepunkt im Thalys-Netzwerk sein durfte. Der Thalys hatte für die 1990-er Jahre ein ungewöhnliches, futuristisches Design. Der Stil ist inzwischen auf einem Nebengleis gelandet. Heute wirkt der Thalys wie ein Produkt der veralteten Science Fiction, genannt Retrofuturismus.

Im Thalys gibt es nur reservierte Plätze. Für die kurze Strecke zwischen Aachen und Köln kann man von Deutschland aus nicht reservieren. Bis 2011 wies ein Reiseplan der Deutschen Bahn AG den Thalys manchmal als Zugverbindung aus. Seitdem die Deutsche Bahn ihre Anteile am Thalys verkauft hat, geschieht das nicht mehr. Vorher durfte der Zugreisende aus Deutschland in den Wagen 28 direkt beim Triebwagen einsteigen, in ein kleines Abteil für die wenigen Reisenden ohne Reservierung. Es hat acht Plätze an zwei Sitzgruppen. Der Thalys ist sehr eng. Man kann kaum zu den Fenstern hinausschauen, denn sie sind schmal und länglich mit breiten Holmen dazwischen. Sie liegen waagerecht, aber nur sehr kleine Menschen haben sie auf Augenhöhe. In Wagen 28 sind die Fenster nur schmale Schlitze. Was sich die Designer der 1990-er dabei gedacht haben, erschließt sich nicht. Nach jetzt fast 30 Jahren lässt sich sagen, dass die Entwicklung der menschlichen Art nicht den Vorstellungen der Thalysdesigner gefolgt ist.

An einem Novembertag bestieg ich um 18:39 Uhr auf Gleis 9 des Aachener Hauptbahnhofs den Thalys 9450 von Brüssel mit Endhalt in Köln Hauptbahnhof um 19:15 Uhr. Im engen Abteil 28 saßen an den beiden Tischgruppen bereits zwei Männer und eine Frau. Ich schob mich auf den Fensterplatz der Frau schräg gegenüber. Trotz der beklemmenden Enge in Abteil 28 ist die Fahrt im Thalys ein wundersames Erlebnis. Schon der Blick in die anderen Wagen zeigt ein buntes Publikum, Menschen aller Nationalitäten sitzen dort und tun, als wäre es selbstverständlich, mit dem Thalys durch ein stattliches, aber exklusives Netzwerk zu sausen, und dabei nichts, bei Dunkelheit gar nichts von der Welt da draußen zu sehen. Alles nutzt sich im Leben ab, auch das Ungewöhnliche wird irgendwann Alltag und gewöhnlich. Gewöhnlich war auch die Sprache der Frau. Das freilich hörte ich erst, als der Thalys in den Kölner Hauptbahnhof einfuhr und aus den Türen die Pressluft stoßartig zischend entwich.

Vorher, während der Zug durch eine nicht erkennbare Landschaft sauste, als hätte er sich von der irdischen Welt in eine andere Dimension entzogen, hatte die Frau zunächst gelesen, dann geschlafen. Ich las in Samuel Pepys Tagebuch. Es umfasst den Zeitraum von 1661 bis 1669. So reiste ich mit dem Thalys durch das London des 17. Jahrhunderts. Pepys begann mit 24 Jahren eine steile Karriere als königlicher Beamter. Er arbeitete für das Schiffsamt und war später für die königliche Flotte verantwortlich. Sein Tagebuch ist ein pralles Bilderbuch seiner Zeit. Ich musste schmunzeln über den  Eintrag vom  6. April 1661: „Mr. Townsend erzählte mir ein Missgeschick, dass er nämlich kürzlich mit beiden Beinen durch ein Hosenbein gestiegen und so den ganzen Tag herumgelaufen ist.“

Obwohl von der Landschaft nicht zu sehen war, wusste ich in etwa, wo der Thalys sich gerade befinden müsste, unterwegs zwischen Aachen und Köln. Da gibt es auf halber Strecke einen fernen Höhenrücken der Eifel zu sehen, auf dem ich als Radsportler viel herumgefahren war, mit oftmals schönem Blick hinab auf Aachen und das Dürener Land. Das alles war wie weggewischt, der Thalys fuhr jeden einzelnen Passagier durch eine eigene Dimension.

Wo die junge Blondine mir gegenüber fuhr, hinter ihrer hohen Stirn, weiß ich nicht. Ich habe nicht auf den Titel ihres Buches geachtet. Der Umschlaggestaltung nach war es kein Buch, in dem ich hätte unterwegs sein mögen. Um dem Buch kein Unrecht zu tun: Mein Urteil kam aus der Kombination zwischen dem Buch und ihr. Obschon sie teuer gekleidet war, sogar recht hübsch, hatte sie etwas geschäftsmäßig Hartes im Gesicht. Das offenbarte sich erst recht, als sie schlief und ihr die Züge etwas entglitten. Wenn ich dann die Wahl gehabt hätte, entweder ihr Buch lesen zu müssen oder mich mit ihr zu unterhalten, hätte ich das Buch gewählt.

Kurz vor Köln stand ich als erster auf und ließ die Frau und die Männer am 2. Tisch zurück. Doch ich bekam die Tür nicht auf. Es nutzt nämlich nichts, am Griff zu ziehen. Dann ertönt ebenfalls nur ein lautes Pressluftgeräusch. Die Tür blieb zu. Da fragte einer der Männer: „Sollen wir es ihm sagen?“ „Nein“, sagte die Geschäftsblondine. Trotzdem sagte der Mann mir, ich müsste einen grünen Knopf über der Schiebetür drücken. Durch die offene Tür hörte ich den Mann noch etwas sagen. Da rief die Blonde: „Ach, du Scheiße!“, und das klang aus ihrem Mund wie der Dialekt der Hölle ihrer Jugend.


Zum Spiel der Gleisharfe verlässt der Thalys den Kölner Hauptbahnhof, Video: JvdL

Die Thalys International betreibt ein Graues Netz, mit Zentrum in Brüssel. Sie fährt Menschen, die dafür bezahlen, über die Köpfe der anderen hinweg. Im Netz gibt es nur wenige Haltepunkte. Daher sind graue Netze gefährlich. Sie entfernen die Menschen voneinander, obwohl sie verbinden. Man weiß nur nicht was oder wen.

Pater Arnolds Zugunfälle und ich

In dem Jahr, in dem mein Vater starb, hatte er für meinen älteren Bruder und mich eine Modelleisenbahn gebaut. Es war eine Anlage so groß wie unser Esstisch mit einem Anbau halb so breit. Dieser Anbau konnte mit Hilfe stabilisierender Leisten seitlich angefügt werden, so dass die komplette Anlage links und rechts über die Querseite des großen Küchentischs ragte. Da wir nur das eine Zimmer hatten, Wohnzimmer und Küche in einem, wurde die Anlage nach dem Spielen demontiert und mit dem Gesicht zur Wand gelehnt. Dann zeigte sich, dass die Platte, auf der Häuser, Berge, Brücken und Schienen aufgebaut waren, ein Sperrholzbrett auf einem Rahmen von stabilen Vierkantleisten war. Dieser Rahmen hatte an der einen Längsseite Aussparungen, in die die beiden Leisten der anzubauenden Platte geschoben werden konnte. Auch sah man ein Gewirr von Kabeln, die durch kleine Bohrlöcher von den Weichen und Signalen in Richtung der Schaltpulte geführt waren und dort wieder durch Bohrlöcher zur Oberseite hin verschwanden.

Wann mein Vater diese aufwändige Konstruktion gebaut hatte, weiß ich nicht. Er kam werktags immer spät von der Arbeit. Meine kleinere Schwester und ich waren dann schon im Bett, so dass wir ihn fast nur am Wochenende sahen. Ganz selten durften wir mal aufbleiben, bis er nach Hause kam. Dann holte er aus seiner ledernen Aktentasche die „Hasenbrote“, die er unterwegs einem Hasen abgenommen hatte, der sie hatte hergeben müssen, weil mein Vater ihm Salz auf den Schwanz gestreut hatte. Diese leckeren Hasenbrote durften wir dann essen. Sie schmeckten herrlich.

„Lederne Aktentasche“ bedeutet nicht, dass mein Vater darin etwa Akten transportiert hätte. Seine Aktentasche hat immer nur eine verschraubbare Thermoskanne, einen Henkelmann und eben Hasenbutterbrote enthalten, denn mein Vater war Arbeiter, genauer Kunstschlosser und arbeitete in Düsseldorf in der Schlosserei seines Bruders. In seinem Beruf soll er ein Genie gewesen sein, erzählte jedenfalls immer mein Cousin Johannes, der bei meinem Vater in die Lehre gegangen war.

Die Adventszeit kam, mein Vater erlitt einen Herzinfarkt, derweil er Material aus einem Güterwaggon lud, meine Mutter wurde nach Düsseldorf gerufen, und als sie im Krankenhaus ankam, hatte er so lange nicht warten können und war gestorben.

Zu Weihnachten bekamen mein älterer Bruder und ich die Modelleisenbahn. Allerdings hatte mein Bruder die Oberaufsicht. In seiner Abwesenheit durfte ich nur Waggons aufs Gleis setzen und mit dem Finger hin- und herschieben. Diese Vorsicht in der Behandlung der Anlage wurde aber gänzlich außer Kraft gesetzt, wenn Pater Arnold aus dem nahen Kloster zu Besuch kam, eigentlich um meiner Mutter in ihrer Trauer geistlichen Beistand zu leisten.

Pater Arnold war beliebt in unserem Dorf, denn wenn er den alten Pastor Houben vertrat, las er die Messen überraschend schnell. Man war eigentlich daran gewöhnt, dass die Messen schier endlos dauerten. Der Pastor war nämlich schon „ein bisschen draus“, wie es hieß. Heute würde man sagen, „Pastor Houben war dement.“ Oft war er unsicher, was aus der Messliturgie er schon gelesen hatte und las manche Passagen zur Sicherheit zweimal. Daher dauerte ein gewöhnliches Hochamt am Sonntagmorgen eineinhalb Stunden. Wenn Pater Arnold schon nach 45 Minuten fertig war, vermutete man, er habe der ausgleichenden Gerechtigkeit wegen einiges von dem weggelassen, was Pastor Houben versehentlich zweimal gelesen hatte. Genaues wusste keiner, denn in meiner Kindheit wurde noch die Liturgie auf Latein gelesen, und das war uns auf dem Dorf ein einziges Rhabarberrhabarber.

Pater Arnolds Markenzeichen war ein meterlanger roter Schal, den er so oft um den Hals gewickelt hatte, dass schon das Abwickeln eine größere Vorführung war, zu der man Eintritt hätte nehmen können. Mich befiel ein leises Grauen, wenn Pater Arnold seinen Schal abgewickelt hatte, um mit uns an der Modelleisenbahn zu spielen. Sein liebstes Spiel waren Zusammenstöße. Gerade war ich glücklich, wenn unsere beiden Züge über die Gleisanlage rollten, wenn sie brav ihre diversen Anhänger über Brücken und durch Tunnel zogen, wenn sie zuverlässig an Signalen hielten, kam Pater Arnold, wickelte seinen Schal ab und sagte zu meinem Bruder: „Komm, Friedrich, lass uns Zusammenstoß spielen!“ Dann nahm er brutal eine Lok auf, setze sie gegen die andere aufs Gleis und ließ die beiden gegeneinander brausen, dass sie mitsamt  Anhängern aus dem Gleis kippten.

Seit dieser Zeit mag ich gar nicht, wenn etwas sorgsam Geplantes zerstört wird. Hollywoods Katastrophenfilme mit ihren gigantischen Zerstörungen, überhaupt alles Destruktive ist mir ein Graus, und Schuld ist Pater Arnold.

Rauf, runter, rauf, Pünktchen drauf! – Vor 100 Jahren starb Ludwig Sütterlin


Gestern vor 100 Jahren, am 20. November 1917, verstarb in Berlin im Alter von 52 Jahren der deutsche Grafiker Ludwig Sütterlin. Er ist vermutlich verhungert, bedingt durch die „Hungerblockade“ genannte britische Seeblockade. Sütterlins Name ist im kollektiven Gedächtnis der Deutschen zum Synonym geworden für die handschriftliche Variante der Frakturschrift, die Kurrent. Das preußische Schulministerium hatte Sütterlin im Jahr 1911 beauftragt, eine neue Schulausgangsschrift zu entwickeln, die nicht mehr mit der stählernen Spitzfeder geschrieben werden sollte, sondern mit der leichter zu handhabenden Kugelfeder (Gleichzugfeder), wie wir sie heute noch von den Schulfüllern kennen. Die von Sütterlin 1914 vorgelegte Kurrentschrift wurde vom preußischen Kultusminister und einem Sachverständigenausschuss für schultauglich befunden und nach einer Erprobungsphase mit einem Erlass vom 13. Juni 1918 für ganz Preußen, ab 1935 leicht abgewandelt in ganz Deutschland als verbindlich erklärt. In Österreich wurde weiterhin die Kurrent gelehrt. Über seine neue Schulschrift sagt Ludwig Sütterlin:

„Unsere neuen Buchstaben wollen weiter nichts sein als schlichte Vorbilder für den Anfangsunterricht, die an die kindliche Auffassungs- und Darstellungsfähigkeit nur geringe Anforderungen stellen. Sie wollen die Grundlage sein, auf der im Verlaufe der Unterrichtsjahre die weitere Entwicklung zu flüssigen, schönen und deutlichen Handschriften sich vollziehen kann.“

Was ist neu an der Sütterlinschrift? Anders als die bis dahin geschriebene Kurrentschrift haben die stark gerundeten Buchstaben keine Schräglage, sondern stehen aufrecht. Ober- Unterlänge und Mittelband stehen im Maßverhältnis 1:1:1. Die Sütterlin ist aber noch eine Duktusschrift, das heißt, ihre erlernten Formen sollen möglichst genau nachvollzogen werden, bis in die erwachsene Handschrift hinein. Sütterlin folgt mit seiner Schulschrift also nicht dem neuen Konzept der Ausgangschrift, das der österreichische Typograf, Schriftgestalter, Grafiker und Hochschullehrer Rudolf von Larisch entwickelt hatte. Solange nämlich die Handschrift das Speicher- und Kommunikationsmedium der Verwaltungen gewesen war, hatte man Schreiber gebraucht, die den überindividuellen Duktus schrieben. Mit dem Vordringen der Schreibmaschine nach der Jahrhundertwende wird die Schreibhand von dieser Pflicht entbunden, die Handschrift wird Privatsache. Das neue Konzept der „Ausgangsschrift“, angeregt durch Rudolf von Larisch und theoretisch begleitet von dem Pionier der Graphologie Ludwig Klages, erlaubte dem Schreiber eine expressive, persönliche Ausformung der erlernten Grundform.

Dass Sütterlins Kurrentschrift wie auch seine weniger bekannte Lateinschrift noch  Duktusschriften waren, brachte unter anderem ihr Verbot durch die Nationalsozialisten am 3. Januar 1941. In einem Rundschreiben von Martin Bormann werden die Fraktur und ihre Handschriftvarianten Kurrent und Sütterlin als „Schwabacher Judenlettern“ bezeichnet und die Lateinschrift zur verbindlichen Normalschrift erklärt. Die ab dann in Schulen gelehrte Deutsche Normalschrift ist eine Ausgangsschrift, die von Schülerinnen und Schülern individuell zur Persönlichkeitsschrift abgewandelt werden darf. Von der Persönlichkeitsschrift erhofften sich die Nationalsozialisten Auskunft über den Menschen. Mit Hilfe der Graphologie versuchte man nicht nur charakterliche, sondern auch rassische Merkmale aus der Handschrift zu gewinnen.

Das Verbot der Fraktur tilgte die Sütterlin aus dem öffentlichen Schreibgebrauch, so dass ihre Kenntnis rasch versunken ist. Im Jahr 1957 schrieb der Kunsthistoriker und Kalligraph Werner Doede: „Schon haben […] viele Jahrgänge die Schulen hinter sich gelassen, sie vermögen die gebrochenen, handgeschriebenen oder gedruckten Schriften mit ihren rätselhaften Gebilden der Großbuchstaben kaum noch zu lesen […]. Der Gedanke, dass künftig das geistige Erbe einer vielhundertjährigen Überlieferung in den Schränken der Bibliotheken und Archive zum Verstummen verurteilt sein könnte, ist bedrückend.“

Handschriftprobe in Kurrent

Handschriftprobe in Sütterlin

Entsprechend schwer zu lesen sind die hier gezeigten Abschriften dreier Strophen einer Ballade, obwohl die Buchstaben sauber ausgeführt sind. Es heißt dort:

Schwedische Heide, Novembertag,
Der Nebel grau am Boden lag,
Hin über das Steinfeld von Dalarn
Holpert, stolpert ein Räderkarrn.

Ein Räderkarrn, beladen mit Korn;
Lorns Atterdag zieht an der Deichsel vorn,
Niels Rudbeck schiebt. Sie zwingen’s nicht,
Das Gestrüpp wird dichter, Niels aber spricht:

»Busch-Ginster wächst hier über den Steg,
Wir gehn in die Irr‘, wir missen den Weg,
Wir haben links und rechts vertauscht, –
hörst du, wie der Dal-Elf rauscht?«

Auszug aus der Ballade
„Der 6. November 1632 –
Schwedische Sage“
von Theodor Fontane

Im fächerübergreifenden Unterricht des Wahlpflichtbereichs Deutsch-Kunst-Medien habe ich die Sütterlin noch gelehrt. Die Schülerinnen und Schüler waren mit Eifer bei der Sache. Für sie war die Sütterlin zu beherrschen wie eine Geheimschrift zu können. Aus diesem Zusammenhang stammen die obigen Schriftproben. Die Großmütter zweier SchülerInnen haben sie mir geschrieben. Jetzt erschließt sich auch die Bedeutung des i-Gedichtes von Kurt Schwitters: „Rauf, runter, rauf, Pünktchen drauf.“ (Abbildung links) (Alle Grafiken lassen sich durch Anklicken vergrößern.)

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