Das Institut – Vom Fräulein träumen

[Folge 1]
Delhey saß über einen Stapel Zeitungen gebeugt und schnitt mit einer Papierschere Artikel aus. „Na, wie war’s?“, fragte er, ohne aufzusehen.
„Yooo. So lala. Dr. Spiegel hat mir das Wesen von Hierarchien erklärt. Ich soll seinen Vortrag zusammenfassen und heute noch einsenden.“
„Dann mal los! Ich hoffe, Sie haben genug aufgeschrieben, denn ich habe weder Zeit noch Lust, die Lücken in Ihren Notizen zu ergänzen.“
„Wie kommen Sie darauf, dass meine Notizen lückenhaft sind?“
„Wir werden sehen.“

Ich setzte mich an das Tischlein, spannte einen Bogen in die Schreibmaschine, holte die Notizen hervor und begann zu tippen. Gegen Mittag war mein Bericht fertig, so dass ich ihn an Delhey weiter reichen konnte. Der überflog ihn, grinste hämisch, rollte ihn wortlos und schob ihn in eine zylindrische Rohrpostkapsel.

„Sind Sie sicher, dass Sie Ihren Bericht so einreichen wollen?“, fragte er, nachdem er die Kapsel bereits in die Versandstation geschoben hatte. Das verunsicherte mich, aber da ich glaubte, alles Wichtige aufgeschrieben zu haben, nickte ich nur. Delhey zog einen Hebel und mit einem Zischen schoss die Kapsel durch die Rohrleitung aufwärts.

Ein bisschen mulmig war mir schon, denn ich hatte beim Schreiben immer an das Fräulein denken müssen und weiß, dass ich viele Flüchtigkeitsfehler mache, wenn ich abgelenkt bin. In der Pause verließ ich das Gebäude und rannte ein bisschen durch die umliegende Parkanlage. Mein Blick wanderte das Institutsgebäude hoch. Die oberste Etage war deutlich zurück gebaut. Um sie herum schien sich eine breite Terrasse zu ziehen. Und wieder kreisten meine Gedanken um die junge Frau. Zu welcher der 15 Etagen war sie wohl gefahren? Sie hatte nicht ausgesehen wie ein Maschinenfräulein. Es war unvorstellbar, sie würde mit anderen in einem Schreibsaal hocken, Kopfhörer auf dem Kopf haben und blind in die Tastatur hämmern, was als Diktat aus der Tonkonserve kam. Nein, ich war sicher, dass das Fräulein einen zu eigenen Kopf hätte, um stumme Befehlsempfängerin zu sein. Außerdem läge so ein Maschinensaal höchstens in Parterre, denn Maschinenfräulein ist doch eine ganz untergeordnete Tätigkeit. Sie aber war hinauf gefahren, hatte Dr. Spiegels fünfte Etage wie selbstverständlich unter sich gelassen. Ich hatte sie zwar nur kurz gesehen, doch je länger die Begegnung zurück lag, desto unwirklicher kam sie mir vor. Ihre Schönheit war fast überirdisch gewesen. Du neigst mal wieder zur Idealisierung, schalt ich mich.

„Wo waren Sie denn so lange?“, empfing mich Delhey ungnädig. „Scheiße bauen und dann ewig Pause machen. Herr Dr. Spiegel hat Ihren Bericht postwendend zurückgeschickt.“ Delhey wedelte mit den Seiten. Mit grüner Tinte hatte Spiegel alles durchgestrichen. „Redigieren Delhey!“ stand da in raumgreifender Handschrift.
„Jetzt darf ich Ihren Unsinn Korrektur lesen, Erlenberg, obwohl der Pressespiegel heute fertig werden muss.“, murrte Delhey.
Nach einer Weile knallte er mir meinen Bericht auf den Tisch. Er war übersät mit roten Korrekturen. Beschmiert wie die Fahnen chinesischer Räuberbanden, ärgerte ich mich. Delhey triumphierte: „Reife Leistung! 26 Fehler habe ich gefunden. 26 auf knapp zwei Seiten!, von den sachlich falschen Passagen ganz zu schweigen. So werden Sie in unserem Institut nicht alt, das kann ich Ihnen garantieren.“

Ich fand seine unkollegiale Häme belastend und hätte am liebsten alles hingeworfen. Nur der Gedanke an das überirdisch schöne Fräulein hielt mich zurück.

„Tut mir leid, Delhey“, sagte ich zerknirscht und machte mich an die Reinschrift. Delheys Handschrift war klein und ließ an einen engstirnigen Menschen denken, noch zu dumm für das Souterrain, denn nichts ist einfacher als Fehler bei besseren Leuten zu entdecken. Aber er tat stets, als wäre ihm eigentlich die vierte Etage angemessen. Als ich ihn einmal fragte: „Was tut unser Institut eigentlich?“, schien er über Herrschaftswissen zu verfügen: „Das Institut ist eine Gelddruckmaschine.“ Vermutlich hatte ihn nur eine begangene Dummheit ins Kellergeschoss verschlagen.

Fortsetzung

3 Kommentare zu “Das Institut – Vom Fräulein träumen

  1. Pingback: Das Institut – Das System des Dr. Spiegel

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