Friedrich Commerz

Vom Schriftzug der Commerzbank, also von Commerz schnitt Kurt Schwitters um 1920 die vier Buchstaben MERZ ab und nannte hinfort seine Spielart von Dada so. Da nun über hundert Jahre später der erklärte Kapitalist Friedrich Merz häufig in den Medien erwähnt wird, besteht die Gefahr der Verwechslung. Ich schlage vor, dem genannten Herrn den frei herumliegenden Schnipsel „Com“ zu schenken, ihn also fortan Friedrich Commerz zu schreiben. Tretet Dada rein!

Der Name der Jecken steht an allen Ecken


Früh sinkt am Nachmittag die Dunkelheit herab, Zeit zu lesen. In der Reihe „Teestunde im Teestübchen“ erscheinen unterschiedlich lange Beiträge zu den Bedingungen von Lesen und Schreiben, – ein Bummel durch die Jahrtausende der Schriftkultur, ausgehend von Phänomenen des Alltags. Heute geht es um Ich-war-hier-Marken.

Den „Verein für Sprühschriftpflege“, den Boehncke / Humburg in ihrem Handbuch „Schreiben kann jeder“ schon 1980 erwähnen, hat es nie gegeben. Folglich ist ihr Aufruf gegen den „Sprühschriftverfall“ ungehört geblieben. Auch ihre Richtlinien für eine Sprühschriftdidaktik haben den Weg in die Schulen nicht gefunden. Mehr als 40 Jahre ungeschultes und mithin ungekonntes Sprühen ist das traurige Ergebnis, das uns überall begegnet. „Ja, sollen denn unsere Schulen noch zum Beschmieren (Taggen) der Hausfronten anregen?“, wird mancher entrüstet fragen, dem diese modernen Großstadtchiffren ein Dorn im Auge sind.

Eben nicht, denn erfahrene Pädagogen wissen, dass junge Menschen die Lust an einer Sache verlieren, sobald sie Thema des Unterrichts wird, besonders, wenn der anarchischen Praxis ein historischer Abriss vorangestellt wird, in dem auch noch Goethe vorkommt. Um die jugendlichen Sprüh-Anarchisten zu ködern, beginnen wir mit einem Werk der Punk-Dichterin Diana Ozon aus Amsterdam Klik, Klik Klik Klik – kogellager in spuitbosblik:

Größer: Klick!

Mit „Höhlengemälde im Sudan, Urtiere von Lascaux“ ist der schulische Anspruch mehr als eingelöst, immer bei Adam und Eva zu beginnen. Die Höhlengemälde sind gewiss älter als die beiden, da die Welt laut kreationistischer Bibel-Exegese grad mal 6000 Jahre alt ist. Nur wenig jünger sind die derben Klosprüche, die man in Pompeji fand. Aus Gründen der Züchtigkeit können sie hier nicht zitiert werden, außer vielleicht der freimütigen Auskunft einer gewissen Euplia: „Euplia (hat’s) hier mit 2000 netten Männern (getrieben).“ Und schwuppdiwupp sind wir bereits im 14. Jahrhundert. Bekanntlich hinterließ Till Eulenspiegel an den Orten seiner Untaten das dreiste: „Hic fuit!“ (Hier ist er gewesen!). Auch die Gaunerzinken, von den Fahrenden an versteckten Plätzen angebracht, haben den Charakter von Ich-war-hier-Marken.

Im Jahre 1831, an seinem 82. Geburtstag bat Goethe den Geologen Christian Mahr, mit ihm zu einer Jagdhütte auf dem Kickelhahn im Thüringer Wald aufzusteigen, und begründete sein Ansinnen: „Ich habe in früherer Zeit in dieser Stube mit meinem Bedienten im Sommer acht Tage gewohnt und damals einen kleinen Vers hier an die Wand geschrieben, und wenn das Datum darunter geschrieben steht, so haben Sie die Güte und schreiben es mir auf!“
An der Wand der Jagdhütte links des südlichen Fensters stand mit Bleistift geschrieben:

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Große Entdecker feiern – sich

Im August 2018 durfte sich der Bezirksstadtrat von Berlin Mitte für die Entdeckung eines 20 Meter langen Stücks der Berliner Mauer feiern, denn das war mal klar: „Die Mauer? Konnt ja keener wissen, wo det Ding jestanden hat.“

Im Herbst 2021 dürfen sich die Amtsträger aus Hannovers Stadtbezirk Mitte für eine noch überraschendere Entdeckung feiern. Schon 73 Jahre nach dem Tod des größten Künstlers der Stadt, Kurt Schwitters (* 20. Juni 1887 – † 8. Januar 1948), hat man sein Geburtshaus gefunden. JUHU! Bezirksbürgermeisterin Cornelia Kupsch berichtet der Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ): „Unser Stadtarchivar ist leider in Elternzeit.Trotz Doppelbelastung gelang es ihm herauszufinden, wo genau der berühmte Sohn das Licht der Weltstadt Hannover – Kuckuck! – erblickt hat, nämlich in der Rumannstraße 8. Ich habe mir einen Knoten ins Ohr habe natürlich sofort eine Gedenktafel aufstellen lassen, damit wir’s nicht wieder vergessen.“

HAZ vom 11. November 2021 – größer: Klicken

Der Ehrenpreis der Freunde verschmockter Zeitungsfotografie (FvZf) geht an die Fotografin Samantha Franson. Sie hat den Moment der Gedenktafelenthüllung kongenial im Bild festgehalten.

Im Vordergrund des prämierten Bildes sehen wir die üppig mit roten Bändern geschmückte noch verhüllte Gedenktafel, daneben Bezirksbürgermeisterin Cornelia Kupsch. Sie trotzt dem Regen allein mit einer Brille auf dem Kopf und liest vom Zettel, was ihre frierende Gehilfin (mit Rucksack) bei Wikipedia abgeschrieben hat. Links etwas zurück stehen vier Kulturschranzen „Honoratioren“ (HAZ) unter drei aufgespannten Schirmen in rot, grau und bleu (von links), eine sich ehrlich schämende fünfte Person hat sich hinter einem desinteressierten Würdenträger verborgen und muss zur Strafe im Regen stehen. Die Harmonie des Bildes wird gestört durch abgestellte Dinge, eine Tasche und drei Fahrräder, was schon mal zeigt, wie der Text auf der Gedenktafel lauten muss, nämlich: „Kurt Schwitters sein Geburtshaus. Fahrrad abstellen verboten – und Taschen auch!“ Am linken Bildrand ragt ein linker Fuß ins Bild, der hoffentlich ein rechtes Gegenstück hat. Sonst gehört der auch verboten. Der Text im Bildkasten ist überschrieben mit „Für Schwitters im Regen.“ Kurt Schwitters (z.Zt. Stadtfriedhof Engesohde) freut sich einen Keks.

Samantha Franson: 4 Punkte auf der nach oben offenen Humorskala!

Geschichten von der Fensterbank

Zwei Tage lag ein fein Büchlein unbeachtet auf einer Fensterbank, war schnöde ausgesetzt worden, obwohl es sich dünn gemacht und in keinem Bücherregal für drangvolle Enge verantwortlich gewesen war, im Gegenteil, es könnte gar leicht zwischen dickbäuchigen Bänden verschwinden, dass man es suchen müsst und suchen, hier hat es doch mal gestanden? Warum finde ich es nicht?
Warum wohl? Du habt es ausgesetzt, du Depp. Ich schäme mich zuzugeben, dass ich mal und mal vorbeigelaufen bin und mich nicht überreden konnt, es mitzunehmen, obwohl ich Büchlein jederzeit einem protzigen Buch vorziehe. Yo!

Einst war ich fleißiger Nutzer von Bibliotheken und Büchereien und habe am liebsten die kleinen, schmalen Bändchen ausgeliehen; ich dachte, wer ein dickes Buch schreiben kann, sollte erst recht ein Büchlein schreiben können. Das ist die größere Kunst. Zudem waren dünne Bücher einfach schonender für meinen Rücken, denn ich musste, was ich lesen wollte, wie ein Esel auf dem Buckel transportieren und das, obwohl das bekannte Palindrom lautet: „EIN ESEL LESE NIE.“ So sehr war ich auf dünne Bücher aus, dass ich sogar von einem träumte. Am 7. Dezember 1994 notierte ich ins Tagebuch:

Es wird Zeit, den Titel des Büchleins zu verraten. Sonst macht sich DeStijl hier breit, wiewohl das eine feine niederländische Künstlervereinigung ist, deren Mitbegründer Theo von Doesburg mit Kurt Schwitters befreundet war und Dada mit einem „Dada-Feldzug“ in den Niederlanden bekannt machte. Die Tour der beiden startete mit einem Dada-Abend in Den Haag und endete im friesischen Städtchen Drachten, wo Schwitters bei den Schustern Thijs und Evert Rinsema ein- und ausging, aber nicht durch die Haustür, sondern lieber durchs Fenster stieg.

Bevor wir uns den Hals brechen, zurück zum Fensterbankfund. Vorsicht mit dem Hosenbein, Herr Schwitters! Da liegt das Büchlein von Bettina von Arnim; Die Frau Rat erzählt von der Fahrt ins Kirschenwäldchen.
Wer ein solches Buch einfach so auf die Fensterbank legt und den Wetterunbilden aussetzt, na, dessen Kopf möchte ich ja lieber nicht haben. Ich gebe zu, ich habe es nur mit genommen, weil ich dachte, dass die vortreffliche Bettina von Arnim im Schatten ihres Mannes Achim von Arnim gestanden hat, was meinem Gerechtigkeitsgefühl widerstrebt. Beim ersten Durchblättern ihres Büchleins und nur gebremst durch die herabsinkende Dämmrung fand ich die treffende Wendung: „Der Erinnerung abgelauscht“, was auf den Punkt bringt, dass Erinnerung eine Erzählung ist, der man im eigenen Kopf zuhört, und ich will hinzufügen, dass derlei Erzählungen immer fiktionale Elemente enthalten. So, und jetzt, schon 18:04 Uhr, muss ich kochen. Die Frau Rat ist übrigens Goethes Mutter.
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Einauge sei wachsam – Le Cyclop von Jean Tinguely

Es war vieles schlecht im Jahr 2020, aber nicht alles, zumindest für mich nicht. Im Juli waren meine Liebste und ich zu Gast bei Freunden in Fontainebleau. Unser Gastgeber fuhr mit uns in einen Wald bei Milly-la-Forêt, um uns die gewaltige Plastik „le Cyclop“ von Jean Tinguely zu zeigen. Hier eine Beschreibung:

Im Jahr 1971 erschien im Berner Tagblatt eine Anzeige: «Jean Tinguely sucht Bauschlosser oder Schlosser (Deutschschweizer), vielseitig und schwindelfrei, Autofahrer (Jasskenntnisse erwünscht), f.d. Konstruktion einer Riesenplastik in der Nähe von Paris für die Dauer von ca. 6 Monaten.»

Es meldete sich der Berner Maschinenschlosser Seppi Imhof. Er blieb 20 Jahre, bis zu Jean Tinguelys Tod (1991) dessen Assistent. Im Gespräch mit der Baseler Wochenzeitung TagesWoche berichtet Seppi Imhof von den Anfängen der Plastik:

    „Als ich das erste Mal in den Wald bei Milly-la-Forêt kam, standen ein paar Eisenstangen herum, eine Notstromgruppe, etwas Werkzeug und ein Schweissgerät – viel mehr war noch nicht vorhanden. Rico Weber und Paul Wiedmer hatten bereits damit begonnen, im Wald an diesem Werk zu bricolieren. Es zeigte sich aber, dass sie alleine nicht zurande kamen. Also fing ich an, und aus dem halben wurde ein ganzes Jahr, wurden zwei, drei und noch mehr Jahre. Schliesslich arbeiteten wir 20 Jahre an diesem Kopf. […]“

Das aus dem Französischen stammende Verb „bricolieren“ [franz. bricoler = herumbasteln] meint das Verfahren, Dinge ihrem angestammten Kontext zu entnehmen und in neue Zusammenhänge zu bringen. Bezogen auf die Materialkunst zeigt sich hier die Nähe zu den Dada-Assemblagen, besonders zu Kurt Schwitters‘ Merzbauten und zu Tatlins Maschinenkunst.

Fotografisch kaum zu fassen: Le cyclop – Foto: JvdL


Das enorme Fundament des Cyclops lässt vermuten, dass Tinguely bereits in den Anfängen eine Vorstellung von der späteren Größe seines Cyclops gehabt haben muss. Heute erhebt sich zwischen den Baumwipfeln eine 22 Meter hohe Eisen- und Stahlkonstruktion mit einem Gewicht von etwa 300 Tonnen.

Das Gesicht des Cyclopen – Foto: Susanne Braun – zum Vergrößern bitte klicken!

Das verspiegelte Gesicht des Cyclopen wurde von der Malerin und Bildhauerin Niki de Saint Phalle gestaltet. Einzelheiten seines Innenlebens waren von Zufallsfunden bestimmt. Man verbaute, was der örtliche Schrotthändler bereitstellen konnte und schreckte auch nicht vor Diebstahl zurück. Den in 20 Metern Höhe montierten Güterwaggon, zum Gedenken an die im Nationalsozialismus deportierten und ermordeten Juden, schleppte man ungehindert von einem Abstellgleis der nationalen Eisenbahngesellschaft Société nationale des chemins de fer français (SNCF), derweil die Bahnbeamten gerade streikten. Für den Waggon hat die Materialkünstlerin Eva Aeppli 28 Puppen mit eindrucksvollen Gesichtsmasken und in langen braunen Gewändern geschaffen und damit ein Denkmal der Trauer gesetzt.

So hat Tinguelys zweite Ehefrau Niki de Saint Phalle dem Cyclopen sein heiteres Gesicht gegeben, während das Werk seiner ersten Ehefrau Eva Aeppli ihm Bedeutungsschwere verleiht. Als Betrachter rätselt man über das Innenleben des Cyclopen wie die frühen Menschen, als sie sich staunend über das erstmals freigelegte Innere ihres Mitmenschen gebeugt haben. Und wie aus dem Gedärm des Menschen bisweilen rätselhafte Geräusche tönen, scheppert, quietscht, knallt und kracht es gelegentlich aus dem Inneren des Cyclopen. Polierte Metallkugeln werden von einem Transportsystem nach oben befördert, um dann lärmend durch eine roh verschweißte Kugelbahnkonstruktion nach unten zu stürzen. Ein gigantisches Räderwerk setzt sich und andere Bauteile in Bewegung, um letztlich nichts als Getöse hervorzubringen.

Die kinetische Gewalt der Konstruktion im Zusammenwirken mit Rost und Korrosion bringt Verschleiß mit sich. Tinguely hat keine Anweisung für die Restaurierung seines Werks hinterlassen, so dass die öffentlich bestellten Restauratoren (die Plastik gehört inzwischen dem französischen Staat) vor der Frage stehen, wie sie Bauteile ersetzen können, ohne die Einheit des Gesamtkunstwerks zu zerstören. Was einst durch Materialfunde und spontane Eingebung willkürlich entstand, wird auf diese Weise zum buchhalterlich konservierten Gedöns.

Normalerweise ist der Cyclop begehbar, enthält in seinem Inneren Objekte und Plastiken verschiedener Künstler. Coronabedingt darf das Innere leider derzeit nicht betreten werden.

Kurt Schwitters – Automayers (1924)

Guten Abend, liebe Hörerinnen und Hörer an den Empfangsgeräten. Heute einmal zur Abwechslung kein Text, sondern eine Tondatei in Ihrem Teestübchen Trithemius, nämlich das kuriose Stück „Automayers“ von Kurt Schwitters. Sein Werk ist seit dem Jahr 2019 gemeinfrei. Ich habe die Tondatei allerdings schon am 9. Dezember 2006 eingesprochen, also vor ziemlich genau 14 Jahren. Viel Vergnügen beim Hören.

Rückwärts Lesen


Eines schönen Morgens kommt Lisa zu mir und sagt in scherzhaftem Ton: „Fahren wir, Euer Exzellenz. Es ist alles bereit.“
Man bringt meine Exzellenz auf die Straße, setzt sie in eine Droschke und fährt los. Aus Langeweile lese ich die Firmenschilder von rechts nach links. Aus dem Wort „Drogerie“ ergibt sich „Eiregord“ – das klingt wie ein irischer Name.

(Anton Tschechow: Eine langweilige Geschichte)

Tschechows gelangweilte Exzellenz gewinnt den altbekannten Wörtern durch Rückwärtslesen einen neuen Aspekt und somit ein wenig Gedankennahrung ab. Ähnlich verfährt Kurt Schwitters, der seine langweilige Heimatstadt Hannover probeweise umdreht:
„re von nah“ kommt heraus, das ist: „rückwärts von nah“. Und siehe da, jetzt bedeutet Hannover: „Vorwärts nach weit. Das heißt also: Hannover strebt vorwärts, und zwar ins Unermeßliche. Anna Blume hingegen ist von hinten wie von vorne: A-N-N-A.“ (Hannover, 1920). Später spiegelt Schwitters aus Hannover die groteske Stadt Revon, in der es eine Revolution gibt, weil ein Mann einfach herumsteht. (Franz Müllers Drahtfrühling, um 1920) „rebotco 7771“ unterschreibt der verspielte Mozart einen Brief in Umkehrlaune. Auch das Umdrehen des eigenen Namens ist beliebt: Der Palaeograph Wattenbach fand solche Spielereien schon bei mittelalterlichen Schreibern: „Ego sum, qui sum: noch weist du nicht, wer ich ben. Suroffotsirc ist der name meyn, rot den bal obiral.“ (Nachschrift des Schreibers Christofferus in einer Kornrechnung der Schweidnitzer Pfarre von 1427.)

Rückwärtslesen ist nicht einfach eine Umkehrung des Leseprozesses, denn während der geübte Leser beim normalen Lesevorgang Wortbilder erkennt, muss er beim Rückwärtslesen mühsam buchstabieren. Besonders schwer fallen die Stellen, wo ein Laut mit zwei oder drei Buchstaben wiedergegeben ist (ch, sch) oder Buchstabenkombinationen, die beim Umdrehen einen neuen Lautwert bekommen (ie=ei).

Menschen mit ausgeprägter Bildvorstellung, sogenannte Eidetiker, beherrschen die Kunst des spontanen Rückwärtssprechens, indem sie das Wortbild im Geiste ablesen. Nach Victor Hobi konnte die Eidetikerin Sue d’Onim z. B. sofort das Wort „rückwärts“ als „sträwkcür“ lesen, nachdem sie es gehört hatte, ebenso ganze Sätze, wenn sie nicht länger als sechs Wörter waren.

Das Rückwärtslesen und -sprechen hat seinen Ursprung in magischen Vorstellungen. Zaubersprüche und Flüche können nur durch Rückwärtssprechen wieder zurückgenommen werden. Eine Volkssage aus Süddeutschland erzählt von zwei Bauersleuten, die ein Zauberbuch besaßen. An einem Sonntagvormittag ließen sie das Buch versehentlich offen liegen und gingen zur Kirche. Ein neugieriger Hirtenjunge fand es und las unbefugter Weise darin. Während der Messe fiel den Eheleuten das Versehen ein. Sie eilten noch vor dem Segen zurück. Als sie eintrafen, stand in der Stube bereits der Teufel, um den Hirtenjungen zu holen. Da schüttete der Bauer ein Maß Weizenkörner auf die Dielen und zwang den Teufel, sie aufzuheben. Die Zeit, bis das letzte Korn aufgehoben war, nutzte der Bauer, um das Buch wieder rückwärts zu lesen. Dadurch war der Teufel geprellt und mußte wieder abziehen. (Nach Lutz Röhrich).

Der Theologe Gottfried Holtz sagt: „in den Sagen wimmelt es von Berichten, dass der Zauber nicht wieder gelöst werden konnte, weil ein Lehrling, ein halber Könner nichts vom Rückwärtslesen der Formel wusste.“

Wie ungeheuerlich und machtvoll muss da ein Name, Bannfluch oder Zauberspruch in Form eines Palindroms gewesen sein. Das Palindrom ist der nicht mehr zu lösende Spruch, ein wahrer VERSUS DIABOLICUS.

Einiges über die Karrenspuren des Denkens

Manchmal stehe ich auf und gehe in die Küche, weiß dort aber nicht, warum ich hingekommen bin. Böse Zungen werden behaupten, das liege an meiner Schusseligkeit, was mich aber nicht trifft, denn selbstverständlich ist meine Schusseligkeit wichtig. Ich hege nämlich die Vorstellung, dass Schusseligkeit ein wirksamer Schutz gegen eingefahrene Denkwege ist. Meine innere Welt stelle ich mir als weite Ebene vor. Der Aufmerksamkeitsfunke des Denkens ist ein Karren, der dort seine Wege zieht. Dabei graben sich seine Räder immer tiefer, je öfter da lang gedacht wird. Das hat zur Folge, dass es zunehmend schwerer wird, neue Wege zu befahren, weil die Räder des Karrens immer wieder in die alte Karrenspur rutschen. Vergesslichkeit oder Schusseligkeit ist wie ein Flutwasser, das für kurze Zeit die Ebene überschwemmt und die meisten Karrenspuren verschwinden lässt, so dass, wenn die Ebene wieder trockengefallen ist, völlig neue Wege gefahren werden können.

Kürzlich nun entdeckte ich eine Karrenspur, die offenbar nie ein Flutwasser erreicht hat. Sie war schon tief eingefahren und betraf den Namen eines niederländischen Künstlers, Theo van Doesburg. Eine vom deutschen Sprachverständnis gegrabene Karrenspur ist, oe in Doesburg als Umlaut zu lesen, also Dösburg. In diese Karrenspur war ich nie gerutscht, denn ich weiß, dass Niederländisch OE wie langes U gesprochen wird. Mit diesem Wissen befand ich mich aber in einer parallelen Karrenspur, und es gelang mir erst gestern, sie zu verlassen und einzusehen, dass Dusburg und Duisburg durchaus eins sein können. Denn das I in Duisburg ist ein sogenanntes Dehnungs-I, gibt also an, dass diese Ruhrgebietstadt am Rhein Dusburg mit langem U gesprochen wird, also nicht Düsburg, wie wir das üblicher Weise tun. Does oder Duis geht auf mittelniederländisch dôse (Sumpfgebiet) oder dust (Unterholz) zurück.

Theo van Doesburg ist mir aus dem Kunststudium seit etwa 1975 ein Begriff, weil er ein Freund von Kurt Schwitters war. Von Duisburg weiß ich gewiss länger, obwohl ich noch nie dort war. Ich kann nur über mich staunen, dass mir die Ähnlichkeit zwischen Doesburg und Duisburg erst nach 45 Jahren aufgefallen ist. Die tiefsten Karrenspuren werden von Sprach- und Schreibgewohnheiten gegraben.

trecke – däue – Ein inspirierender Abend

Als die zwei Donnerschläge zum Auftakt des Feuerwerks ertönten, neigte sich der schöne Abend im Biergarten der Ständigen Vertretung (Stäv) dem Ende zu. Das Lokal im futuristischen Glasgebäudekomplex der NordLB ist mir quasi ein Stück rheinländische Heimat. Auf der Tür steht „trekke“ (ziehen), innen entsprechend „däue“ (schieben, drücken) und natürlich wird Kölsch ausgeschenkt. An diesem Abend habe ich leider keines trinken können. Denn ich war vom geselligen HaCK-Treffen am Donnerstag ziemlich betrunken nach Hause gewankt und noch den ganzen Tag angeschlagen, als ich mich Freitagabend mit Freund Vladimir Alekseev alias Merzmensch traf. Wir kennen uns vom Bloggen seit dem Jahr 2007, begegneten uns noch auf der Plattform Blog.de. Derzeit sind seine klugen und immer anregenden Beiträge hier und hier zu lesen.

Dreimal haben wir uns in Hannover getroffen, denn Vladimir teilt meine Begeisterung für den Merzkünstler Kurt Schwitters, reist eigens aus Frankfurt an und nimmt als Kunstwissenschaftler und Schwitters-Experte an Symposien teil, die das hannoversche Sprengelmuseum in Abständen veranstaltet. Ich habe ihn mehrfach in „Buchkultur im Abendrot“ zitiert, u.a. zur Übersetzungsproblematik des typografischen Märchens „Die Scheuche“ ins Englische, was Thema des ersten Symposiums war.

Wie schön war es, seinen weichen russischen Akzent wieder zu hören und mit diesem inspirierenden jungen Mann zu sprechen. Heute morgen fragte ich mich, in welcher Sprache wohl einer denkt, der neben Russisch, seiner Muttersprache,  Deutsch, Englisch und Japanisch spricht und schreibt. Wir redeten über Künstliche Intelligenz (KI) und seine literarischen Experimente mit KI-Software (davon später mal mehr). Und ich fragte ihn nach neuen Entwicklungen im Fall des geheimnisvollen Dadaisten Karl Waldmann, dessen Existenz nicht zu beweisen ist, von dem es aber eine große Zahl beeindruckender dadaistischer Collagen gibt. Näheres im Blog merzdadaco.hypotheses.

Anders als die Medien, beispielsweise die Süddeutsche Zeitung, interessiert sich Merzmensch beim Fall Waldmann weniger für die Frage, ob, wann und wo der Künstler gelebt hat, sondern sieht im ganzen Gedöns eine subversive Inszenierung, mit der Kunsthandel, Provenienzforschung, Kunstkritiker und Museen genarrt werden. Der Fall Waldmann ist für Merzmensch quasi eine klug eingefädelte dadistische Kunstaktion im Sinne der von Dada propagierten Antikunst. Ähnliches hat er einem besorgten Kunstsammler mitgeteilt, der mit einer Waldmann-Collage zu ihm nach Frankfurt gekommen ist und sich der Echtheit versichern wollte. Somit „bin ich Teil der Inszenierung Karl Waldmann geworden“, sagt Vladimir. Mit meiner Definition von Kunst „Kunst ist, was ein Künstler in künstlerischer Absicht schafft“, gerate ich damit in Probleme.  Was aber, wenn der Künstler hinter einem Werk nicht fassbar ist? Waldmanns Collagen haben unstreitig Qualität. Es muss einen Schöpfer geben, auch wenn uns nur die imaginäre Gestalt, das Phantom Waldmann bekannt ist.

Und dann ging das Feuerwerk hoch. Wir konnten es nicht sehen, weil Gebäude und eine Baumkrone im Weg waren, brachen deshalb auf und sahen das finale Funkensprühen gespiegelt in den dunklen Fenstern eines Gründerzeithauses.

Update Kurt-Schwitters-Hannover-Projekt

Es geht voran im Schwitters-Hannover-Projekt. In Windeseile fertigte gestern Alice den Satz acht, gestaltet im Freestyle. Wer ihr Blog kennt, hat sicher bereits gesehen, dass Alice im Lettering geübt ist. Besonders beeindruckt mich die umlaufende Zeile in geläufig geschriebener Kurrentschrift.

Heute Morgen gestaltete ich Satz neun im Stil des typographischen Märchens „Die Scheuche“ von Kurt Schwitters, Käte Steinitz und Theo van Doesburg. Das Märchen ist aus typografischem Material einer Setzerei gestaltet. Der Schriftsetzer, der hier half, hieß Paul Vogt.


Das Besondere ist der schwierige Schrägsatz von Lettern und Linien, denn typografisches Material ist immer rechtwinklig. Mit Gestaltungssoftware wie Photoshop ginge es natürlich leicht. Aber ich habe mich entschieden, meinen zeichnerischen Entwurf am kommenden Mittwoch im Buchdruckmuseum Hannover-Linden nachzubauen, wenn man mich lässt und die Kollegen dort mir helfen. Da ich aus den 12 Arbeiten eine Kunstpostkartenserie für alle sechs am Projekt Beteiligten fertigen will, könnte ich diese eine Postkarte im Buchdruck erstellen. Satz vier ist noch in Arbeit (Anna Socopuk). Update 23:45 Uhr: liegt vor.) Es fehlen dann nur noch Sätze sechs und zehn. Zehn habe ich gestaltet, wer übernimmt sechs?