Zwitschern, Zirpen, Flöten, Gurren, Buchstabieren – Der Merzkünstler Kurt Schwitters und sein Werk

Irgendwann in den 1950-er Jahren, ich war noch sehr klein und spielte in unserer Wohnküche, derweil das Radio lief. Plötzlich horchte ich auf, denn aus dem Radiolautsprecher kamen höchst merkwürdige Töne, menschliche Laute ohne Sinn, aber melodisch. Vermutlich war es die „Ursonate“, vorgetragen von Kurt Schwitters. Erst 20 Jahre später im Kunststudium bin ich dem phänomenalen Werk wieder begegnet. Die einzig existierende Originalaufnahme, von Schwitters selbst intoniert, wurde heute vor 86 Jahren, am 5. Mai 1932 in Stuttgart von der Reichsrundfunkgesellschaft aufgezeichnet. Der Hannoveraner Dadaist Kurt Schwitters ist seit Januar 70 Jahre tot, aber durch Kollegin Karfunkelfees Kommentar zu meinem Eintrag über Vogelgesang wurde ich wieder an ihn, seine Ursonate, die Stare und überhaupt an sein Werk erinnert.

Man weiß von Staren, dass einige das Zwitschern von Handys nachahmen. Ich habe bereits in den 1990-er Jahren von einem Dänen gelesen, der einen Star in seinem Garten auf den Namen Nokia getauft hatte, weil der Vogel das Handyklingeln täuschend echt imitieren konnte. Stare sind gelehrige Vögel, und sollten sie zufällig auf der norwegischen Insel Hjertøya leben, dann intonieren sie vielleicht immer noch die Ursonate von Kurt Schwitters. Schwitters lebte dort von 1933 bis 1936 in einer Hütte im Exil, wo er an seinem zweiten Merzbau arbeitete. Sein Freund, der elsässische Dadaist Hans Arp, berichtete einmal, wie er Schwitters auf der Insel Föhr erlebt hatte. „In der Krone einer alten Kiefer am Strande von Wyk auf Föhr hörte ich Schwitters jeden Morgen seine Lautsonate üben. Er zischte, sauste, zirpte, flötete, gurrte, buchstabierte.“

Möglicherweise hörten also die Stare von Hjertøya interessiert zu, wenn Schwitters so ganz für sich die Ursonate intonierte. Und eventuell gaben sie die neuen Laute von Generation zu Generation weiter. Jedenfalls staunte der Berliner Künstler Wolfgang Müller nicht schlecht, als er 2001 die Insel besuchte und von den Staren die Ursonate gezwitschert bekam. Er nahm sie auf Tonkassette auf und veröffentlichte später eine CD mit dem Titel: „Hausmusik – Stare aus Hjertøya singen Kurt Schwitters.“ Müller bekam damals Urheberrechtsprobleme mit den Rechteverwaltern der Schwitters-Erben. Sie sind ungefähr so freundlich wie die Disney-Erben, die ja auch jede kleine Schülerzeitung abmahnen, die einmal einen Donald abdruckt. Doch am Ende ließ man Müller gewähren, denn es war juristisch zweifelhaft, ob man den Staren verbieten kann, eine CD herauszubringen, worauf sie Schwitters imitieren. Müllers Aktion war jedenfalls durchaus verdienstvoll. Auf diese Weise geriet ja nicht nur er, sondern auch Kurt Schwitters wieder in die Presse. Denn gemeinhin kennt und schätzt man Schwitters im Ausland mehr als bei uns.

Vor nun zehn Jahren bin ich von Aachen nach Hannover gezogen, einer Beziehung wegen, aber es reizte mich auch, in der Stadt zu leben, in der Kurt Schwitters gelebt und gearbeitet hat. In den 1990-er Jahren, als ich noch Tagebuch schrieb, habe ich es gemacht wie Schwitters, wenn ich durch die Stadt bummelte, nur war ich dabei nicht so konsequent wie er. Schwitters hob ständig Papierobjekte von der Straße auf, sammelte so gut wie alles, was ihm in die Finger kam. Vieles davon verarbeitete er in seinen Collagen und Assemblagen. Größere Objekte fanden ihren Platz in seinem berühmten Merzbau.

Anfangs hieß die Skulptur „Kathedrale des erotischen Elends.“ Da stand sie noch auf einem Sockel. Schwitters war verheiratet, und man kann sich denken, warum die Skulptur so hieß. Wer bei Schwitters zu Besuch war, musste irgend etwas von sich dalassen. Schwitters richtete beleuchtete Kammern für die Objekte ein. Es befand sich auch ein Fläschchen Urin darunter. Von wem diese Körperausscheidung stammte, weiß ich leider nicht mehr. Die Kathedrale wuchs, und irgendwann ließ Schwitters die Decke durchbrechen, damit sein Merzbau weiter wachsen konnte. Dann wuchs der Bau auch in einen Nebenraum. Später ließ Schwitters den gesamten Merzbau kubistisch verkleiden und weiß anstreichen. Teile davon waren begehbar. Leider existieren nur wenige Fotografien davon, denn der Merzbau ist bei einem Bombenangriff verbrannt. Im hannoverschen Sprengelmuseum gibt es einen Nachbau, auf der Grundlage von wenigen Fotografien. Man kann den Merzbau betreten. Er wird in Intervallen unterschiedlich beleuchtet. Das ist auf jeden Fall beeindruckend, obwohl der Bau kein Innenleben hat wie der echte. (Gif-Animation: JvdL)

Wenn eine Sprache in Wörterbüchern verzeichnet ist, sterben manche Wörter nicht völlig aus, sondern sind nur eine Weile scheintot. In den 50er Jahren galt das Wort Kommerz als ausgestorben. Der Duden verzeichnete es nicht mehr, denn es war nicht mehr im Gebrauch. Ende der 60er tauchte Kommerz wieder auf, und zwar in der Verbindung Kunst & Kommerz. Die deutsche Commerzbank trägt das Wort in ihrem Namen. Kurt Schwitters hat den Schriftzug der Commerzbank genommen, zerschnippelt und „merz“ in eine seiner Collagen eingebaut. So bekam seine Kunst ihren Namen. Er wirkt freundlich wie Schwitters selbst. Die Assoziation zu dem Wort März ist durchaus gewollt. Denn es steckt etwas von Frühling und Aufbruch in der Merzkunst. Es passt, dass Stare die Ursonate trällern.

Merz ist von der Anlage her keine Antikunst wie der Dadaismus. Schwitters hatte etwas anderes im Sinn: „Im übrigen wissen wir, daß wir den Begriff Kunst erst los werden müssen, um zur Kunst zu gelangen.“ Ihm ging es also um eine neue Form der Kunst. Das Material für die Merzkunst stammt aus dem Alltag. Da ist kein vorgefundener Fetzen zu gering. Er wird in Form gebracht und fügt sich ein in die Bildkomposition. Diese Collagetechnik wendet Schwitters auch auf die Laute an. Die Laute der menschlichen Sprache werden bei ihm zu Klangelementen ohne inhaltliche Bedeutung. Bei Youtube fand ich die Originalaufnahme der Ursonate, die Schwitters am heutigen 5. Mai vor 86 Jahren aufnahm.

Tretet dAdA rein!

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Rauf, runter, rauf, Pünktchen drauf! – Vor 100 Jahren starb Ludwig Sütterlin


Gestern vor 100 Jahren, am 20. November 1917, verstarb in Berlin im Alter von 52 Jahren der deutsche Grafiker Ludwig Sütterlin. Er ist vermutlich verhungert, bedingt durch die „Hungerblockade“ genannte britische Seeblockade. Sütterlins Name ist im kollektiven Gedächtnis der Deutschen zum Synonym geworden für die handschriftliche Variante der Frakturschrift, die Kurrent. Das preußische Schulministerium hatte Sütterlin im Jahr 1911 beauftragt, eine neue Schulausgangsschrift zu entwickeln, die nicht mehr mit der stählernen Spitzfeder geschrieben werden sollte, sondern mit der leichter zu handhabenden Kugelfeder (Gleichzugfeder), wie wir sie heute noch von den Schulfüllern kennen. Die von Sütterlin 1914 vorgelegte Kurrentschrift wurde vom preußischen Kultusminister und einem Sachverständigenausschuss für schultauglich befunden und nach einer Erprobungsphase mit einem Erlass vom 13. Juni 1918 für ganz Preußen, ab 1935 leicht abgewandelt in ganz Deutschland als verbindlich erklärt. In Österreich wurde weiterhin die Kurrent gelehrt. Über seine neue Schulschrift sagt Ludwig Sütterlin:

„Unsere neuen Buchstaben wollen weiter nichts sein als schlichte Vorbilder für den Anfangsunterricht, die an die kindliche Auffassungs- und Darstellungsfähigkeit nur geringe Anforderungen stellen. Sie wollen die Grundlage sein, auf der im Verlaufe der Unterrichtsjahre die weitere Entwicklung zu flüssigen, schönen und deutlichen Handschriften sich vollziehen kann.“

Was ist neu an der Sütterlinschrift? Anders als die bis dahin geschriebene Kurrentschrift haben die stark gerundeten Buchstaben keine Schräglage, sondern stehen aufrecht. Ober- Unterlänge und Mittelband stehen im Maßverhältnis 1:1:1. Die Sütterlin ist aber noch eine Duktusschrift, das heißt, ihre erlernten Formen sollen möglichst genau nachvollzogen werden, bis in die erwachsene Handschrift hinein. Sütterlin folgt mit seiner Schulschrift also nicht dem neuen Konzept der Ausgangschrift, das der österreichische Typograf, Schriftgestalter, Grafiker und Hochschullehrer Rudolf von Larisch entwickelt hatte. Solange nämlich die Handschrift das Speicher- und Kommunikationsmedium der Verwaltungen gewesen war, hatte man Schreiber gebraucht, die den überindividuellen Duktus schrieben. Mit dem Vordringen der Schreibmaschine nach der Jahrhundertwende wird die Schreibhand von dieser Pflicht entbunden, die Handschrift wird Privatsache. Das neue Konzept der „Ausgangsschrift“, angeregt durch Rudolf von Larisch und theoretisch begleitet von dem Pionier der Graphologie Ludwig Klages, erlaubte dem Schreiber eine expressive, persönliche Ausformung der erlernten Grundform.

Dass Sütterlins Kurrentschrift wie auch seine weniger bekannte Lateinschrift noch  Duktusschriften waren, brachte unter anderem ihr Verbot durch die Nationalsozialisten am 3. Januar 1941. In einem Rundschreiben von Martin Bormann werden die Fraktur und ihre Handschriftvarianten Kurrent und Sütterlin als „Schwabacher Judenlettern“ bezeichnet und die Lateinschrift zur verbindlichen Normalschrift erklärt. Die ab dann in Schulen gelehrte Deutsche Normalschrift ist eine Ausgangsschrift, die von Schülerinnen und Schülern individuell zur Persönlichkeitsschrift abgewandelt werden darf. Von der Persönlichkeitsschrift erhofften sich die Nationalsozialisten Auskunft über den Menschen. Mit Hilfe der Graphologie versuchte man nicht nur charakterliche, sondern auch rassische Merkmale aus der Handschrift zu gewinnen.

Das Verbot der Fraktur tilgte die Sütterlin aus dem öffentlichen Schreibgebrauch, so dass ihre Kenntnis rasch versunken ist. Im Jahr 1957 schrieb der Kunsthistoriker und Kalligraph Werner Doede: „Schon haben […] viele Jahrgänge die Schulen hinter sich gelassen, sie vermögen die gebrochenen, handgeschriebenen oder gedruckten Schriften mit ihren rätselhaften Gebilden der Großbuchstaben kaum noch zu lesen […]. Der Gedanke, dass künftig das geistige Erbe einer vielhundertjährigen Überlieferung in den Schränken der Bibliotheken und Archive zum Verstummen verurteilt sein könnte, ist bedrückend.“

Handschriftprobe in Kurrent

Handschriftprobe in Sütterlin

Entsprechend schwer zu lesen sind die hier gezeigten Abschriften dreier Strophen einer Ballade, obwohl die Buchstaben sauber ausgeführt sind. Es heißt dort:

Schwedische Heide, Novembertag,
Der Nebel grau am Boden lag,
Hin über das Steinfeld von Dalarn
Holpert, stolpert ein Räderkarrn.

Ein Räderkarrn, beladen mit Korn;
Lorns Atterdag zieht an der Deichsel vorn,
Niels Rudbeck schiebt. Sie zwingen’s nicht,
Das Gestrüpp wird dichter, Niels aber spricht:

»Busch-Ginster wächst hier über den Steg,
Wir gehn in die Irr‘, wir missen den Weg,
Wir haben links und rechts vertauscht, –
hörst du, wie der Dal-Elf rauscht?«

Auszug aus der Ballade
„Der 6. November 1632 –
Schwedische Sage“
von Theodor Fontane

Im fächerübergreifenden Unterricht des Wahlpflichtbereichs Deutsch-Kunst-Medien habe ich die Sütterlin noch gelehrt. Die Schülerinnen und Schüler waren mit Eifer bei der Sache. Für sie war die Sütterlin zu beherrschen wie eine Geheimschrift zu können. Aus diesem Zusammenhang stammen die obigen Schriftproben. Die Großmütter zweier SchülerInnen haben sie mir geschrieben. Jetzt erschließt sich auch die Bedeutung des i-Gedichtes von Kurt Schwitters: „Rauf, runter, rauf, Pünktchen drauf.“ (Abbildung links) (Alle Grafiken lassen sich durch Anklicken vergrößern.)

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Kunst und Antikunst – Bunt unter Konsumdeppen

„Abweg“ ist eine Installation des Hamburger Künstlers Darko Caramello Nikolic auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofes in Hannover. Von der „Demokratisierung der Kunst,“ steht etwas auf einer Infotafel, vermutlich, weil die Installation begehbar ist und zum Begehen einlädt. Doch weil das Objekt eine Marketingidee des Einkaufbahnhofs Hannover ist, kann mit „Abweg“ nur die immanente Hurenfunktion solcher Kunst gemeint sein. Vom Künstler beschritten, ist der Abweg mehr Design als Kunst und vermittelt einen völlig falschen Eindruck von Kunst.

Eine Friederike Strauß vom Vermarktungsmanagement hält sich mit solchen Ideen erst gar nicht auf und schwadroniert auf der Homepage des Einkaufbahnhofs: „Gerade der Kontrast zwischen dem historisch anmutenden Blick auf den Bahnhof und innovativen, kreativen Kunstwerken macht einen gewissen Reiz aus.“

Wo ein Abweg lockt, finden sich immer ein paar Deppen – Foto: JvdL (größer: Bitte klicken)

Diesem dümmlichen Reiz erlag auch ich. Obwohl ich gekommen war, um etwas einzukaufen, was ich gestern vergessen hatte zu kaufen, ließ ich mich verlocken, die Installation zu begehen. Als ich am anderen Ende hervortrat, hörte ich ein Paar lachen und der Mann sagte: „Ist mit einer schwarzen Jacke hineingegangen und kommt mit einer pinken raus. Wenn er nochmal durchgeht, sagt er: „Nanu, jetzt ist meine Jacke grün, hahaha!“ Ja, ich war gemeint. Tatsächlich hatte der alberne Mensch intuitiv richtig gelegen. Vor meinem Aufbruch mit dem Fahrrad hatte ich zuerst eine schwarze Jacke übergestreift. Doch die dünne Windjacke schien mir etwas zu warm zu sein und ich entschied mich für eine magentafarbene, die ich noch aus meiner Radsportzeit besitze. Zusammen mit den Fahrradhandschuhen schien es mir das passende Outfit für einen Besuch des Einkaufbahnhofs zu sein. Und jetzt muss ich lachen über die Idee, in einer latent grünen Jacke herumzulaufen. Mir fällt die Raddadistenmaschine ein, mit der Kurt Schwitters den Wahn schon 1921  veralbert hat:

Die Raddadistenmaschine ist für dich bestimmt. Sie ist durch eigenartige Zusammenstellung von Rädern, Achsen und Walzen mit Kadavern, Salpetersäure und Merz so konstruiert, daß du mit vollem Verstand hineingehst und vollständig ohne Verstand herauskommst. Das hat große Vorteile für dich. Lege dein Bargeld in einer Raddadistenkur an, du wirst es nie bereuen, du kannst überhaupt nicht mehr bereuen nach der Kur. Ob du reich oder arm bist, ist gleichgültig, die Raddadistenmaschine befreit dich sogar von dem Geld an sich. Als Kapitalist gehst du in den Trichter, passierst mehrere Walzen und tauchst in Säure. Dann kommst du mit einigen Leichen in nähere Berührung. Essig tröpfelt Kubismus dada.

Dann bekommst du den großen Raddada zu sehen. (Nicht den Präsidenten des Erdballs, wie viele annehmen.) Raddada strahlt von Witz und ist bespießt mit einigen 100000 Nadelspitzen. Nachdem du dann hin und hergeschleudert bist, liest man dir meine neuesten Gedichte vor, bis du ohnmächtig zusammenbrichst. Dann wirst du gewalkt und raddadiert, und plötzlich stehst du als neu frisierter Antispießer wieder draußen. Vor der Kur graut dir vor dem Nadelöhr, nach der Kur kann dir nicht mehr grauen. Du bist Raddadist und betest zu der Maschine voll Begeisterung. – Amen. – Kurt Schwitters

O, welch ein konzeptioneller Unterschied! Wenn das kunterbunte Spassobjekt Kunst sein soll,  dann lobe ich mir die Schwittersche Antikunst.

Die Besucherin

Kategorie KopfkinoDer See war in Aufruhr. Der Wind trieb unaufhörlich wie lebendig zuckende Wellen vor sich her, bis sie gegen das befestigte Nordufer klatschten. Ich stellte mir vor, dass die fetten Maschseekarpfen sich dicht an den Grund des flachen Gewässers drücken müssten, um nicht von der Strömung mitgerissen und an die Kaimauer geschmettert zu werden.
„Sei mal nicht so dramatisch, Trithemius“, sagte Coster. „Natürlich haben die Karpfen weit draußen eine ruhige Bucht, wo sie sich tief in den Schlamm buddeln können. Im Schlick fühlen sie sich geborgen, weshalb man Maschseekarpfen vor Schlachtung und Verzehr mindestens eine Woche in der Badewanne halten sollte, damit sie den Schlammgeschmack loswerden.“
„Was Sie wieder zu wissen glauben, Coster!“
Eigentlich war es kein Wetter, um noch draußen zu sitzen, obwohl die Terrasse des Museumscafés durch eine brusthohe gläserne Einfassung gegen Wind geschützt war. Mich fröstelte trotzdem, denn es hatte leicht zu regnen begonnen.
„Wir wollen etwas anderes reden“, sagte Coster und sah unentwegt an mir vorbei zum Kurt-Schwitters-Platz hin. Du erinnerst dich gewiss noch an meine Metapher von der aufstrebenden Stadt, Trithemius.“ Weiterlesen

Einmal drum herum und wieder nach Hause

kategorie alltagsethnologieDie schönsten Ausflüge beginnen nicht als Ausflug. Ich fahre los, um nahe beim Landtag ein absurdes Wahlplakat der FDP zu fotografieren, über das ich schreiben will. Es war aber schon abgebaut. Man soll sowieso nicht auf jemanden eintreten, der schon am Boden liegt, tröstete ich mich und lenke mein Rad hinunter zum Weg, der stromaufwärts an der Leine entlang führt. Das Wort „stromaufwärts“ täuscht, denn die Leine strömt hier nicht. Weiter südlich wird ein Großteil ihres Wassers über den Schnellen Graben in den Bach Ihme abgeleitet, wodurch die Ihme schlagartig zum Fluss wird. Was der Leine noch an Wasser bleibt, lässt sie zahm und träge erscheinen. Heute scheint sie sich kaum bewegen zu wollen, als hätte die Hitze des frühen Nachmittags sie gelähmt. Zwischen Büschen und Bäumen blinkt schwarz ihre kaum bewegte Wasseroberfläche. Einige Blätter schwimmen obenauf, liegen beinahe unbewegt. Da beginnen sie zu schaukeln. Ein Paddler pflügt mit seinem Kanu den Wasserspiegel. Ich beneide ihn nicht. Mich kühlt wenigstens der Fahrtwind. Ich fahre rasch, genieße das Knirschen und Britzeln, das Wegspringen der Steinchen des harten Wegs unter den prall aufgepumpten Reifen meines Fahrrads. Wo die Leine scharf nach rechts abknickt, teilt sich der Weg. Nach links geht es über eine Brücke, dann auf einen asphaltierten Fahrradweg Richtung Maschsee. Im Café an der Ecke brennt bereits eine Kette mit Glühbirnen. Es liegt komplett im Schatten der Bäume, die das Ufer der Leine säumen. Die tiefstehende Sonne ist greller zu dieser Jahreszeit, die Schatten sind schwärzer, fast zu schwarz für meine Sonnenbrille. Beim raschen Wechsel von Licht und Schatten, fahre ich öfters wie blind, einfach auf Verdacht und im Vertrauen auf glückliche Umstände. Schon blinkt silbrig vor mir der prächtige Maschsee.

Der Maschsee aus Südwest - Foto JvdL

Der Maschsee aus Südwest – Foto JvdL

Obwohl er beinah mitten in der Stadt liegt, ist er kein Tümpel. No, Sir! Ich will ihn im Uhrzeigersinn umrunden. Das ist eine Strecke von sechs Kilometern. Meist habe ich den Weg gegen den Uhrzeigersinn genommen. Der ist natürlich nicht kürzer. Man fährt halt nur linksrum, weil es einer natürliche Neigung des Menschen entspringt. Auch wer sich verirrt, läuft intuitiv links rum, angeblich weil er seinem Herzschlag folgt. Den spürt man links, aber das Herz liegt in der Mitte. Also kann ich mich frei entscheiden. Ich überquere den Kurt-Schwitters-Platz und fahre erst mal geradeaus. Linker Hand thront auf einer Anhöhe das Sprengelmuseum. Es beherbergt eine beachtliche Schwitters-Sammlung, weshalb man die verkehrsreiche Kreuzung zum Platz erklärt hat. Die Wahrheit ist: Hannover hat keinen richtigen Platz für Schwitters.

„Das Museum thront, beherbergt“, man verzeihe mir die Phrasen. Das ist Schreiben ohne Denken. Aber ich bin so herrlich denkfaul, während ich durch die Allee am See entlang rolle. Alle Bänke stehen noch in der prallen Sonne. Weiter südlich finde ich eine freie Bank im Schatten. Ich blättere in einem Büchlein und muss leise lachen über eine fiktive Goethe-Anekdote von Eckhard Henscheid:

aus: Geh mir aus der Sonne, Stuttgart 2001

aus: Geh mir aus der Sonne, Stuttgart 2001

Mir wird es auf der Bank zu laut. Hinter mir rollt der Berufsverkehr. Ich breche auf und nehme mir vor, auf der ruhigen Seite des Sees zu pausieren. Es gibt da eine Bucht, von der aus sich einem der See in voller Größe präsentiert. Hier sitze ich eine Weile, rolle dann zum Biergarten am Nordufer. Dort stehen am Weg drei lange Bänke. Links von mir sitzt eine schöne Frau mit Brille, die auf Polnisch telefoniert. Dann liest sie ein Buch. Nach einer Weile stelle ich fest, dass sie sich halblaut vorliest. Faszinierend. Ich spiele mit dem Gedanken, sie deswegen anzusprechen, lasse es aber. Zu erklären, was ich daran faszinierend finde, wäre zu mühsam. Am Ende strenge ich mich an, und sie versteht mich gar nicht, sondern glaubt an eine schräge Anmache. Es ist ein guter Ort hier unter den Bäumen mit Blick auf Biergarten, den See und seine Fontäne, hinter mir die zahme Leine, kein Platz für Komplikationen. Außerdem hätte sie Recht. Säße da ein alter Pole und würde vor sich her brabbeln, käme ich überhaupt nicht auf die Idee zu erklären, dass es die Mönche nicht anders gemacht hätten. Die frühmittelalterlichen Skriptorien waren erfüllt vom leisen Murmeln der Mönche. Von Johannes von Gorze einem besonders frommen Mönch wird berichtet, dass er so eifrig die Psalmen rezitierte, dass es einem Bienensummen glich. Das leise Lesen kam erst auf, als im 8. Jahrhundert der Wortzwischenraum eingeführt wurde. Sollte die Schöne etwa ein Buch ohne Wortzwischenraum haben? Wie sie aufsteht, um hinüber zum Biergarten zu gehen, wo sie mit einem älteren Paar zusammentrifft, fahre ich nach Hause. Ach, war das eine schöne Ausfahrt. Ich hoffe, die örtliche FDP verlangt keine Vergnügungssteuer von mir.

„Man kann ja nie wissen“

Ich habe ein Plakat gerahmt und an die Wand gehängt. Dazu musste ich nur sechs Nägel in die Wand schlagen, das heißt zwei davon habe ich je zweimal eingeschlagen und wieder gezogen, weil sie sich als zu lang erwiesen haben. Ich hämmerte also zwei kurze Stahlnägel in die Wand, und zwar von den ersten Löchern um drei Zentimeter nach links versetzt, damit der linke Rand des rahmenlosen Halters mit dem darüber hängenden Bild bündig abschließt. Das Plakat im Format 420 mm x 594 mm (DIN-A2) zeigt das heitere Aquarell „Anna Blume und ich“ aus dem Jahr 1919 von Kurt Schwitters und wirbt für eine Veranstaltung am 24. Juni 2016 im Kultur-Café „Anna Blume.“ Dort bin ich gestern mit meiner Obernachbarin gewesen. Wir sind mit den Rädern hingefahren. Der kleine Stapel Plakate hat da auf einem Flügel gelegen. Meine Nachbarin hat auch eines mitgenommen und die beiden gerollt in ihrer geräumigen roten Handtasche transportiert.

Das inklusive Kultur-Café „Anna Blume“ befindet sich in der ehemaligen Leichenhalle des Stöckener Friedhofs. Das symmetrisch gestaltete Eingangsportal des Stöckener Friedhofs mit seiner zentralen neugotischen Kapelle und den im stumpfen Winkel abgehenden beiden Leichenhallen ist das Werk der hannöverschen Architekten Adolf Narten und Paul Rowald und wurde fertiggestellt im Jahr 1892.
StoeckenerFriedhofHaupteingangHaupteingang des Stöckener Friedhofs – Bildquelle: Wikipedia (größer: klicken)

Ich habe hier mal den stilistischen Rat gegeben, eine Halle müsse man nicht “eine große Halle” nennen, denn es hallt ja in ihr, wie die Bezeichnung schon sagt, also ist sie kein Kämmerlein. Und wenn man die Ausdehnung der Halle zeigen will, dann ist es besser, jemanden etwas darin tun zu lassen.

Grabstein von Kurt Schwitters auf dem Engesohder Friedhof Hannover - Foto: Trithemius

Grabstein von Kurt Schwitters auf dem Engesohder Friedhof Hannover – Foto: Trithemius

Jedenfalls könnte man unter neogotischen Spitzbögen und zwischen den beiden Säulenreihen gut 15 Särge aufbahren, also mindestens so viele, wie jetzt Tische darin stehen. Warum die westliche der beiden Leichenhalle ihrer eigentlichen Bestimmung entzogen wurde, entzieht sich auch meiner Kenntnis. Am Freitag wird jedenfalls der ehemalige Direktor des Sprengelmuseums, Ulrich Krempel, in der ehemaligen Leichenhalle des Stöckener Friedhofs, jetzt Café Anna Blume“, da wird Herr Krempel Texte des Merzkünstlers Kurt Schwitters lesen. Das hätte sich Schwitters bestimmt nicht träumen lassen, dass man seine Texte mal in der Stöckener Leichenhalle vorlesen würde. Mit Hall auch noch! Sinniger Weise steht auf seinem Grabstein „Man kann ja nie wissen.“

ZWEI BOXKÄMPFER JAGEN EVA QUER DURCH SYLT – Alphabet und Alphabetmystik

Wido fragte: „Hat Gott kein Mitleid mit den Toma? Andere Völker kennen die Schrift. Nur die Toma bleiben unwissend.“
Gott sprach: „Ich fürchte, dass ihr keine Achtung mehr vor dem Glauben und den Überlieferungen haben werdet, wenn ihr fähig seid, euch schriftlich auszudrücken.“
„Gar nicht“, erwiderte Wido, „wir werden weiterleben wie vorher. Ich verspreche es.“
„Wenn es so ist“, sagte Gott, „will ich euch die Kenntnis der Schrift gewähren, aber nehmt euch in Acht, dass ihr sie nicht einer Frau verratet.“ (zitiert nach Ignace Gelb)

So wie bei dem afrikanischen Stamm der Toma geht es zu, wenn ein Volk sich von einer rein mündlichen Kultur zur schriftlichen Kultur wandelt. Verbreitet ist der Glaube an den göttlichen Ursprung der Schrift. Sie ist zunächst nur einer elitären Kaste zugänglich. Oft sind es Priester, die sich mit Hilfe der Schrift ihre Macht sichern. In vielen Kulturen lernen die Frauen als letzte die Schrift. Weiterlesen