Update Kurt-Schwitters-Hannover-Projekt

Es geht voran im Schwitters-Hannover-Projekt. In Windeseile fertigte gestern Alice den Satz acht, gestaltet im Freestyle. Wer ihr Blog kennt, hat sicher bereits gesehen, dass Alice im Lettering geübt ist. Besonders beeindruckt mich die umlaufende Zeile in geläufig geschriebener Kurrentschrift.

Heute Morgen gestaltete ich Satz neun im Stil des typographischen Märchens „Die Scheuche“ von Kurt Schwitters, Käte Steinitz und Theo van Doesburg. Das Märchen ist aus typografischem Material einer Setzerei gestaltet. Der Schriftsetzer, der hier half, hieß Paul Vogt.


Das Besondere ist der schwierige Schrägsatz von Lettern und Linien, denn typografisches Material ist immer rechtwinklig. Mit Gestaltungssoftware wie Photoshop ginge es natürlich leicht. Aber ich habe mich entschieden, meinen zeichnerischen Entwurf am kommenden Mittwoch im Buchdruckmuseum Hannover-Linden nachzubauen, wenn man mich lässt und die Kollegen dort mir helfen. Da ich aus den 12 Arbeiten eine Kunstpostkartenserie für alle sechs am Projekt Beteiligten fertigen will, könnte ich diese eine Postkarte im Buchdruck erstellen. Satz vier ist noch in Arbeit (Anna Socopuk). Update 23:45 Uhr: liegt vor.) Es fehlen dann nur noch Sätze sechs und zehn. Zehn habe ich gestaltet, wer übernimmt sechs?

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Update Kurt Schwitters „Hannover“

In den letzten Tagen erreichten mich neue Arbeiten zu Kurt Schwitters „Hannover.“ Feldlilie und Frau Heming unterwegs haben jeweils ein zweites Blatt gestaltet. Da wollte ich mich nicht lumpen lassen und habe heute morgen auch einen weiteren Satz visualisiert. Die Zeile in Kurrent lautet „Hannovers Rathaus gehört den Hannoveranern.“ Die Fotos der Collage stammen von mir.

In die richtige Reihenfolge gebracht, lässt sich jetzt schon einiges lesen. Vor den beiden letzten Sätzen fehlen noch fünf. Ich gebe aber nicht eher Ruhe, bis alle zwölf Sätze vorliegen. Denkbar wäre, aus den fertigen Arbeiten eine Postkartenserie zu machen.

„Hannover“ wartet – Aufforderung zum Gestalten

Meine lieben Damen und Herren,
vor einer Weile habe ich dazu aufgerufen, einen der zwölf Sätze aus dem Text „Hannover“ von Kurt Schwitters zu visualisieren und versprach, mich selbst am Projekt zu beteiligen. Es war immer mein Grundsatz, nichts von anderen zu erwarten, was ich nicht selbst zu leisten gewillt bin. Doch eine grafische Handarbeit ist heutzutage eine Herausforderung für mich. Schreibend und zeichnerisch bin ich völlig aus der Übung, ein Effekt der leichten Verfügbarkeit der technischen Schrift. Gestern und heute habe ich nun meinen Beitrag geleistet, habe wieder geübt, Schrift zu zeichnen und Kurrent zu schreiben, denn Schwitters schrieb ebenfalls Kurrent. Bei den B-Wohnern habe ich freilich gemogelt und alte Zeichnungen von mir einmontiert. Mir der Arbeit kam die Lust am Tun, und es war eine erfrischende und absolut befriedigende Rückkehr in schöpferische Zeiten, bevor die Gestaltungssoftware alles so leicht gemacht hat. Im zweiten Schritt habe ich wieder Photoshop genutzt, und ich erinnerte mich daran, einst propagiert zu haben, dass das die beste Abfolge ist, zu entwerfen und auszuführen händisch und anschließend mit Photoshop oder Ähnlichem zu bearbeiten. Ich hoffe, das Ergebnis obeN links ist ein Ansporn, sich noch zu beteiligen, denn leider sind längst nicht alle Sätze vergeben. Lesbar wäre der Text aber erst, wenn alle Sätze vorliegen. Die ersten Ergebnisse sind am Schluss des Beitrags zu sehen.
Hier nochmals die Liste:

    1) Die Hannoveraner sind die Bewohner einer Stadt, einer Großstadt.
    [bereits gestaltet von Trithemius]

    2) Hundekrankheiten bekommt der Hannoveraner nie.
    [bereits gestaltet von Feldlilie]

    3) Hannovers Rathaus gehört den Hannoveranern, und das ist doch wohl eine berechtigte Forderung. [gestaltet von Trithemius]
    4) Der Unterschied zwischen Hannover und Anna Blume ist der, daß man Anna von hinten und von vorn lesen kann, Hannover dagegen am besten nur von vorne.
    [vergeben an Anna Socopuk]

    5) Liest man aber Hannover von hinten, so ergibt sich die Zusammenstellung dreier Worte: „re von nah“. [bereits gestaltet von Christian Dümmler, CD]
    6) Das Wort „re“ kann man verschieden übersetzen: „rückwärts“ oder „zurück“.
    7) Ich schlage die Übersetzung „rückwärts“ vor. [gestaltet von Andrea Heming]
    8) Dann ergibt sich also als Übersetzung des Wortes Hannover von hinten: „Rückwärts von nah“. [gestaltet von Alice]
    9) Und das stimmt insofern, als dann die Übersetzung des Wortes Hannover von vorn lauten würde: „Vorwärts nach weit“. [gestaltet von Trithemius]
    10) Das heißt also: Hannover strebt vorwärts, und zwar ins Unermeßliche.
    11) Anna Blume hingegen ist von hinten wie von vorne: A-N-N-A. [gestaltet von Feldlilie]
    12) (Hunde bitte an die Leine zu führen.) [bereits gestaltet von Andrea Heming]

Einladung zum Gestaltungsprojekt „Hannover“

Vor Jahren habe ich einmal die Groteske „Es ist ein Unglück geschehen“ von Kurt Schwitters in Abschnitte aufgeteilt und von Schülerinnen und Schülern einer 10. Klasse gestalten lassen. Aufgabe war, den Text zu lettern und in Teilen als Rebus zu zeichnen oder illustrativ zu visualisieren. Hierzu die beiden Beispiele. Das erste Blatt (DIN A2 im Original) habe ich gestaltet (natürlich noch alles mit der Hand gelettert), das zweite die heutige Künstlerin Monika Thorwart:

(Zum Vergrößern bitte klicken)

Ein ähnliches Projekt würde ich gern im Teestübchen machen. Dazu habe ich ebenfalls einen Text von Kurt Schwitters ausgesucht, denn seine Texte sind seit Januar 2019 gemeinfrei. Der Text ist wesentlich kürzer als „Es ist ein Unglück geschehen“, denn anders als im Unterricht, bin ich im Blog auf freiwillige Mitarbeit angewiesen. Es ist der in Hannover bekannteste Text von Kurt Schwitters: „Hannover.“ Kinder lernen ihn in der Grundschule, und in der Altstadt sind die wenigen Zeilen als begehbare Kupferplatte in die Fußgängerzone eingelassen. Getreu Schwitters Wahlspruch: „Tretet Dada ein!“, kann man hier seinen Text mit Füßen treten.

Fotos und Gifanimation: JvdL

„Hannover“ hat 12 Sätze. Wer gerne kalligrafiert, lettert oder zeichnet und sich beteiligen möchte, möge einen Satz aussuchen und mir die Nummer mitteilen. Das Blatt sollte etwa DIN-A-Format hoch haben, um eine einheitliche Bildergalerie zu gewährleisten, digital etwa 620 x 920 bei 72 dpi, wobei die Höhe das wichtigste Maß ist.

Mach gerne mit oder werbe geeignete Blogfreundinnen und Blogfreunde aus deinem Kreis.

    1) Die Hannoveraner sind die Bewohner einer Stadt, einer Großstadt.
    [vergeben an Jules van der Ley]

    2) Hundekrankheiten bekommt der Hannoveraner nie.
    [vergeben an Feldlilie]

    3) Hannovers Rathaus gehört den Hannoveranern, und das ist doch wohl eine berechtigte Forderung.
    4) Der Unterschied zwischen Hannover und Anna Blume ist der, daß man Anna von hinten und von vorn lesen kann, Hannover dagegen am besten nur von vorne.
    [vergeben an Anna Socopuk]

    5) Liest man aber Hannover von hinten, so ergibt sich die Zusammenstellung dreier Worte: „re von nah“. [vergeben an Christian Dümmler, CD]
    6) Das Wort „re“ kann man verschieden übersetzen: „rückwärts“ oder „zurück“.
    7) Ich schlage die Übersetzung „rückwärts“ vor.
    8) Dann ergibt sich also als Übersetzung des Wortes Hannover von hinten: „Rückwärts von nah“.
    9) Und das stimmt insofern, als dann die Übersetzung des Wortes Hannover von vorn lauten würde: „Vorwärts nach weit“.
    10) Das heißt also: Hannover strebt vorwärts, und zwar ins Unermeßliche.
    11) Anna Blume hingegen ist von hinten wie von vorne: A-N-N-A.
    12) (Hunde bitte an die Leine zu führen.) [vergeben an Andrea Heming]

„Behauptungen, wie die, daß ich nur mit einem Hemde bekleidet in den Baum gestiegen sei und dort den Taifun gelesen habe, habe, sind unwahr.“ (Kurt Schwitters, Eimer)

Aus dem literarischen Untergrund – Scheiße geparkt!

Die Straßen waren am Neujahrstag nicht so verschmutzt wie in den Jahren zuvor. Nur vereinzelt lagen die spitzen Plastiktüten herum, in denen Feuerwerksraketen zu kaufen gewesen waren. Wer im Jahre 2019 noch immer Plastikverpackungen in die Botanik wirft, hat den Schuss nicht gehört. Auf den Bürgersteigen hässlich brauner Brei. Im Regen haben sich die Feuerwerkspappen aufgelöst. Der Sturm der letzten Tage hat zudem kostenlose Werbezeitungen und darin eingelegte Prospekte verweht. Es fällt schwer, im Straßendreck Zettel zu finden, nach denen sich zu bücken lohnt. Erst kürzlich ist mir eingefallen, dass wir nicht wissen, was an bedrucktem oder beschriebenem Papier vor 100 Jahren auf den Straßen lag. Es muss deutlich weniger gewesen sein als heute. Demgemäß ist neu zu einzuschätzen, dass Kurt Schwitters die Papierabfälle seiner Tage aufhob, um daraus Collagen zu gestalten. Bedrucktes Papier hatte im Jahr 1919 noch eine andere Wertigkeit.

Gar nicht verstehen können hätte Kurt Schwitters den Zettel „Scheiße geparkt!“ Ich fischte den Scheiße-geparkt-Zettel aus der Gosse der Lindener Hasemannstraße, wo er seiner Diktion gemäß gut gelegen hatte. Über den muss ich schon eine Weile schmunzeln, vor allem über die Geschichte dahinter. Ein Anwohner der Straße parkt wohl sein Auto so, dass andere sich behindert fühlen. Wie oft muss das geschehen sein, bevor sich sein Nachbar hinsetzt und den Scheiße-geparkt-Zettel am Computer gestaltet und ausdruckt? Der Zettel hat das Format 7,4 cm x 5,25 cm, passt also 18 mal auf DIN-A4. Vielleicht hat der Mann sich aber gar nicht die Arbeit gemacht, sondern ein Abreißblöckchen mit „Scheiße-geparkt“-Zetteln gekauft, wie sie im Internet massig angeboten werden.

Dann muss der arme Mensch auf eine Gelegenheit warten, seine Scheiße-geparkt-Zettel einzusetzen. Hat 18 Stück oder sogar den Abreißblock, aber der hundsgemeine Autofahrer parkt jetzt einfach so, dass nichts zu beanstanden ist. Welch eine vetrackte Situation! Sobald er die Zettel vorrätig hat, muss der genervte Nachbar das Scheiße parken geradezu herbeiwünschen. O Mann, dieses Durcheinander im Kopf möchte ich ja lieber nicht haben.

Zwitschern, Zirpen, Flöten, Gurren, Buchstabieren – Der Merzkünstler Kurt Schwitters und sein Werk

Irgendwann in den 1950-er Jahren, ich war noch sehr klein und spielte in unserer Wohnküche, derweil das Radio lief. Plötzlich horchte ich auf, denn aus dem Radiolautsprecher kamen höchst merkwürdige Töne, menschliche Laute ohne Sinn, aber melodisch. Vermutlich war es die „Ursonate“, vorgetragen von Kurt Schwitters. Erst 20 Jahre später im Kunststudium bin ich dem phänomenalen Werk wieder begegnet. Die einzig existierende Originalaufnahme, von Schwitters selbst intoniert, wurde heute vor 86 Jahren, am 5. Mai 1932 in Stuttgart von der Reichsrundfunkgesellschaft aufgezeichnet. Der Hannoveraner Dadaist Kurt Schwitters ist seit Januar 70 Jahre tot, aber durch Kollegin Karfunkelfees Kommentar zu meinem Eintrag über Vogelgesang wurde ich wieder an ihn, seine Ursonate, die Stare und überhaupt an sein Werk erinnert.

Man weiß von Staren, dass einige das Zwitschern von Handys nachahmen. Ich habe bereits in den 1990-er Jahren von einem Dänen gelesen, der einen Star in seinem Garten auf den Namen Nokia getauft hatte, weil der Vogel das Handyklingeln täuschend echt imitieren konnte. Stare sind gelehrige Vögel, und sollten sie zufällig auf der norwegischen Insel Hjertøya leben, dann intonieren sie vielleicht immer noch die Ursonate von Kurt Schwitters. Schwitters lebte dort von 1933 bis 1936 in einer Hütte im Exil, wo er an seinem zweiten Merzbau arbeitete. Sein Freund, der elsässische Dadaist Hans Arp, berichtete einmal, wie er Schwitters auf der Insel Föhr erlebt hatte. „In der Krone einer alten Kiefer am Strande von Wyk auf Föhr hörte ich Schwitters jeden Morgen seine Lautsonate üben. Er zischte, sauste, zirpte, flötete, gurrte, buchstabierte.“

Möglicherweise hörten also die Stare von Hjertøya interessiert zu, wenn Schwitters so ganz für sich die Ursonate intonierte. Und eventuell gaben sie die neuen Laute von Generation zu Generation weiter. Jedenfalls staunte der Berliner Künstler Wolfgang Müller nicht schlecht, als er 2001 die Insel besuchte und von den Staren die Ursonate gezwitschert bekam. Er nahm sie auf Tonkassette auf und veröffentlichte später eine CD mit dem Titel: „Hausmusik – Stare aus Hjertøya singen Kurt Schwitters.“ Müller bekam damals Urheberrechtsprobleme mit den Rechteverwaltern der Schwitters-Erben. Sie sind ungefähr so freundlich wie die Disney-Erben, die ja auch jede kleine Schülerzeitung abmahnen, die einmal einen Donald abdruckt. Doch am Ende ließ man Müller gewähren, denn es war juristisch zweifelhaft, ob man den Staren verbieten kann, eine CD herauszubringen, worauf sie Schwitters imitieren. Müllers Aktion war jedenfalls durchaus verdienstvoll. Auf diese Weise geriet ja nicht nur er, sondern auch Kurt Schwitters wieder in die Presse. Denn gemeinhin kennt und schätzt man Schwitters im Ausland mehr als bei uns.

Vor nun zehn Jahren bin ich von Aachen nach Hannover gezogen, einer Beziehung wegen, aber es reizte mich auch, in der Stadt zu leben, in der Kurt Schwitters gelebt und gearbeitet hat. In den 1990-er Jahren, als ich noch Tagebuch schrieb, habe ich es gemacht wie Schwitters, wenn ich durch die Stadt bummelte, nur war ich dabei nicht so konsequent wie er. Schwitters hob ständig Papierobjekte von der Straße auf, sammelte so gut wie alles, was ihm in die Finger kam. Vieles davon verarbeitete er in seinen Collagen und Assemblagen. Größere Objekte fanden ihren Platz in seinem berühmten Merzbau.

Anfangs hieß die Skulptur „Kathedrale des erotischen Elends.“ Da stand sie noch auf einem Sockel. Schwitters war verheiratet, und man kann sich denken, warum die Skulptur so hieß. Wer bei Schwitters zu Besuch war, musste irgend etwas von sich dalassen. Schwitters richtete beleuchtete Kammern für die Objekte ein. Es befand sich auch ein Fläschchen Urin darunter. Von wem diese Körperausscheidung stammte, weiß ich leider nicht mehr. Die Kathedrale wuchs, und irgendwann ließ Schwitters die Decke durchbrechen, damit sein Merzbau weiter wachsen konnte. Dann wuchs der Bau auch in einen Nebenraum. Später ließ Schwitters den gesamten Merzbau kubistisch verkleiden und weiß anstreichen. Teile davon waren begehbar. Leider existieren nur wenige Fotografien davon, denn der Merzbau ist bei einem Bombenangriff verbrannt. Im hannoverschen Sprengelmuseum gibt es einen Nachbau, auf der Grundlage von wenigen Fotografien. Man kann den Merzbau betreten. Er wird in Intervallen unterschiedlich beleuchtet. Das ist auf jeden Fall beeindruckend, obwohl der Bau kein Innenleben hat wie der echte. (Gif-Animation: JvdL)

Wenn eine Sprache in Wörterbüchern verzeichnet ist, sterben manche Wörter nicht völlig aus, sondern sind nur eine Weile scheintot. In den 50er Jahren galt das Wort Kommerz als ausgestorben. Der Duden verzeichnete es nicht mehr, denn es war nicht mehr im Gebrauch. Ende der 60er tauchte Kommerz wieder auf, und zwar in der Verbindung Kunst & Kommerz. Die deutsche Commerzbank trägt das Wort in ihrem Namen. Kurt Schwitters hat den Schriftzug der Commerzbank genommen, zerschnippelt und „merz“ in eine seiner Collagen eingebaut. So bekam seine Kunst ihren Namen. Er wirkt freundlich wie Schwitters selbst. Die Assoziation zu dem Wort März ist durchaus gewollt. Denn es steckt etwas von Frühling und Aufbruch in der Merzkunst. Es passt, dass Stare die Ursonate trällern.

Merz ist von der Anlage her keine Antikunst wie der Dadaismus. Schwitters hatte etwas anderes im Sinn: „Im übrigen wissen wir, daß wir den Begriff Kunst erst los werden müssen, um zur Kunst zu gelangen.“ Ihm ging es also um eine neue Form der Kunst. Das Material für die Merzkunst stammt aus dem Alltag. Da ist kein vorgefundener Fetzen zu gering. Er wird in Form gebracht und fügt sich ein in die Bildkomposition. Diese Collagetechnik wendet Schwitters auch auf die Laute an. Die Laute der menschlichen Sprache werden bei ihm zu Klangelementen ohne inhaltliche Bedeutung. Bei Youtube fand ich die Originalaufnahme der Ursonate, die Schwitters am heutigen 5. Mai vor 86 Jahren aufnahm.

Tretet dAdA rein!

Rauf, runter, rauf, Pünktchen drauf! – Vor 100 Jahren starb Ludwig Sütterlin


Gestern vor 100 Jahren, am 20. November 1917, verstarb in Berlin im Alter von 52 Jahren der deutsche Grafiker Ludwig Sütterlin. Er ist vermutlich verhungert, bedingt durch die „Hungerblockade“ genannte britische Seeblockade. Sütterlins Name ist im kollektiven Gedächtnis der Deutschen zum Synonym geworden für die handschriftliche Variante der Frakturschrift, die Kurrent. Das preußische Schulministerium hatte Sütterlin im Jahr 1911 beauftragt, eine neue Schulausgangsschrift zu entwickeln, die nicht mehr mit der stählernen Spitzfeder geschrieben werden sollte, sondern mit der leichter zu handhabenden Kugelfeder (Gleichzugfeder), wie wir sie heute noch von den Schulfüllern kennen. Die von Sütterlin 1914 vorgelegte Kurrentschrift wurde vom preußischen Kultusminister und einem Sachverständigenausschuss für schultauglich befunden und nach einer Erprobungsphase mit einem Erlass vom 13. Juni 1918 für ganz Preußen, ab 1935 leicht abgewandelt in ganz Deutschland als verbindlich erklärt. In Österreich wurde weiterhin die Kurrent gelehrt. Über seine neue Schulschrift sagt Ludwig Sütterlin:

„Unsere neuen Buchstaben wollen weiter nichts sein als schlichte Vorbilder für den Anfangsunterricht, die an die kindliche Auffassungs- und Darstellungsfähigkeit nur geringe Anforderungen stellen. Sie wollen die Grundlage sein, auf der im Verlaufe der Unterrichtsjahre die weitere Entwicklung zu flüssigen, schönen und deutlichen Handschriften sich vollziehen kann.“

Was ist neu an der Sütterlinschrift? Anders als die bis dahin geschriebene Kurrentschrift haben die stark gerundeten Buchstaben keine Schräglage, sondern stehen aufrecht. Ober- Unterlänge und Mittelband stehen im Maßverhältnis 1:1:1. Die Sütterlin ist aber noch eine Duktusschrift, das heißt, ihre erlernten Formen sollen möglichst genau nachvollzogen werden, bis in die erwachsene Handschrift hinein. Sütterlin folgt mit seiner Schulschrift also nicht dem neuen Konzept der Ausgangschrift, das der österreichische Typograf, Schriftgestalter, Grafiker und Hochschullehrer Rudolf von Larisch entwickelt hatte. Solange nämlich die Handschrift das Speicher- und Kommunikationsmedium der Verwaltungen gewesen war, hatte man Schreiber gebraucht, die den überindividuellen Duktus schrieben. Mit dem Vordringen der Schreibmaschine nach der Jahrhundertwende wird die Schreibhand von dieser Pflicht entbunden, die Handschrift wird Privatsache. Das neue Konzept der „Ausgangsschrift“, angeregt durch Rudolf von Larisch und theoretisch begleitet von dem Pionier der Graphologie Ludwig Klages, erlaubte dem Schreiber eine expressive, persönliche Ausformung der erlernten Grundform.

Dass Sütterlins Kurrentschrift wie auch seine weniger bekannte Lateinschrift noch  Duktusschriften waren, brachte unter anderem ihr Verbot durch die Nationalsozialisten am 3. Januar 1941. In einem Rundschreiben von Martin Bormann werden die Fraktur und ihre Handschriftvarianten Kurrent und Sütterlin als „Schwabacher Judenlettern“ bezeichnet und die Lateinschrift zur verbindlichen Normalschrift erklärt. Die ab dann in Schulen gelehrte Deutsche Normalschrift ist eine Ausgangsschrift, die von Schülerinnen und Schülern individuell zur Persönlichkeitsschrift abgewandelt werden darf. Von der Persönlichkeitsschrift erhofften sich die Nationalsozialisten Auskunft über den Menschen. Mit Hilfe der Graphologie versuchte man nicht nur charakterliche, sondern auch rassische Merkmale aus der Handschrift zu gewinnen.

Das Verbot der Fraktur tilgte die Sütterlin aus dem öffentlichen Schreibgebrauch, so dass ihre Kenntnis rasch versunken ist. Im Jahr 1957 schrieb der Kunsthistoriker und Kalligraph Werner Doede: „Schon haben […] viele Jahrgänge die Schulen hinter sich gelassen, sie vermögen die gebrochenen, handgeschriebenen oder gedruckten Schriften mit ihren rätselhaften Gebilden der Großbuchstaben kaum noch zu lesen […]. Der Gedanke, dass künftig das geistige Erbe einer vielhundertjährigen Überlieferung in den Schränken der Bibliotheken und Archive zum Verstummen verurteilt sein könnte, ist bedrückend.“

Handschriftprobe in Kurrent

Handschriftprobe in Sütterlin

Entsprechend schwer zu lesen sind die hier gezeigten Abschriften dreier Strophen einer Ballade, obwohl die Buchstaben sauber ausgeführt sind. Es heißt dort:

Schwedische Heide, Novembertag,
Der Nebel grau am Boden lag,
Hin über das Steinfeld von Dalarn
Holpert, stolpert ein Räderkarrn.

Ein Räderkarrn, beladen mit Korn;
Lorns Atterdag zieht an der Deichsel vorn,
Niels Rudbeck schiebt. Sie zwingen’s nicht,
Das Gestrüpp wird dichter, Niels aber spricht:

»Busch-Ginster wächst hier über den Steg,
Wir gehn in die Irr‘, wir missen den Weg,
Wir haben links und rechts vertauscht, –
hörst du, wie der Dal-Elf rauscht?«

Auszug aus der Ballade
„Der 6. November 1632 –
Schwedische Sage“
von Theodor Fontane

Im fächerübergreifenden Unterricht des Wahlpflichtbereichs Deutsch-Kunst-Medien habe ich die Sütterlin noch gelehrt. Die Schülerinnen und Schüler waren mit Eifer bei der Sache. Für sie war die Sütterlin zu beherrschen wie eine Geheimschrift zu können. Aus diesem Zusammenhang stammen die obigen Schriftproben. Die Großmütter zweier SchülerInnen haben sie mir geschrieben. Jetzt erschließt sich auch die Bedeutung des i-Gedichtes von Kurt Schwitters: „Rauf, runter, rauf, Pünktchen drauf.“ (Abbildung links) (Alle Grafiken lassen sich durch Anklicken vergrößern.)

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