Einauge sei wachsam – Le Cyclop von Jean Tinguely

Es war vieles schlecht im Jahr 2020, aber nicht alles, zumindest für mich nicht. Im Juli waren meine Liebste und ich zu Gast bei Freunden in Fontainebleau. Unser Gastgeber fuhr mit uns in einen Wald bei Milly-la-Forêt, um uns die gewaltige Plastik „le Cyclop“ von Jean Tinguely zu zeigen. Hier eine Beschreibung:

Im Jahr 1971 erschien im Berner Tagblatt eine Anzeige: «Jean Tinguely sucht Bauschlosser oder Schlosser (Deutschschweizer), vielseitig und schwindelfrei, Autofahrer (Jasskenntnisse erwünscht), f.d. Konstruktion einer Riesenplastik in der Nähe von Paris für die Dauer von ca. 6 Monaten.»

Es meldete sich der Berner Maschinenschlosser Seppi Imhof. Er blieb 20 Jahre, bis zu Jean Tinguelys Tod (1991) dessen Assistent. Im Gespräch mit der Baseler Wochenzeitung TagesWoche berichtet Seppi Imhof von den Anfängen der Plastik:

    „Als ich das erste Mal in den Wald bei Milly-la-Forêt kam, standen ein paar Eisenstangen herum, eine Notstromgruppe, etwas Werkzeug und ein Schweissgerät – viel mehr war noch nicht vorhanden. Rico Weber und Paul Wiedmer hatten bereits damit begonnen, im Wald an diesem Werk zu bricolieren. Es zeigte sich aber, dass sie alleine nicht zurande kamen. Also fing ich an, und aus dem halben wurde ein ganzes Jahr, wurden zwei, drei und noch mehr Jahre. Schliesslich arbeiteten wir 20 Jahre an diesem Kopf. […]“

Das aus dem Französischen stammende Verb „bricolieren“ [franz. bricoler = herumbasteln] meint das Verfahren, Dinge ihrem angestammten Kontext zu entnehmen und in neue Zusammenhänge zu bringen. Bezogen auf die Materialkunst zeigt sich hier die Nähe zu den Dada-Assemblagen, besonders zu Kurt Schwitters‘ Merzbauten und zu Tatlins Maschinenkunst.

Fotografisch kaum zu fassen: Le cyclop – Foto: JvdL


Das enorme Fundament des Cyclops lässt vermuten, dass Tinguely bereits in den Anfängen eine Vorstellung von der späteren Größe seines Cyclops gehabt haben muss. Heute erhebt sich zwischen den Baumwipfeln eine 22 Meter hohe Eisen- und Stahlkonstruktion mit einem Gewicht von etwa 300 Tonnen.

Das Gesicht des Cyclopen – Foto: Susanne Braun – zum Vergrößern bitte klicken!

Das verspiegelte Gesicht des Cyclopen wurde von der Malerin und Bildhauerin Niki de Saint Phalle gestaltet. Einzelheiten seines Innenlebens waren von Zufallsfunden bestimmt. Man verbaute, was der örtliche Schrotthändler bereitstellen konnte und schreckte auch nicht vor Diebstahl zurück. Den in 20 Metern Höhe montierten Güterwaggon, zum Gedenken an die im Nationalsozialismus deportierten und ermordeten Juden, schleppte man ungehindert von einem Abstellgleis der nationalen Eisenbahngesellschaft Société nationale des chemins de fer français (SNCF), derweil die Bahnbeamten gerade streikten. Für den Waggon hat die Materialkünstlerin Eva Aeppli 28 Puppen mit eindrucksvollen Gesichtsmasken und in langen braunen Gewändern geschaffen und damit ein Denkmal der Trauer gesetzt.

So hat Tinguelys zweite Ehefrau Niki de Saint Phalle dem Cyclopen sein heiteres Gesicht gegeben, während das Werk seiner ersten Ehefrau Eva Aeppli ihm Bedeutungsschwere verleiht. Als Betrachter rätselt man über das Innenleben des Cyclopen wie die frühen Menschen, als sie sich staunend über das erstmals freigelegte Innere ihres Mitmenschen gebeugt haben. Und wie aus dem Gedärm des Menschen bisweilen rätselhafte Geräusche tönen, scheppert, quietscht, knallt und kracht es gelegentlich aus dem Inneren des Cyclopen. Polierte Metallkugeln werden von einem Transportsystem nach oben befördert, um dann lärmend durch eine roh verschweißte Kugelbahnkonstruktion nach unten zu stürzen. Ein gigantisches Räderwerk setzt sich und andere Bauteile in Bewegung, um letztlich nichts als Getöse hervorzubringen.

Die kinetische Gewalt der Konstruktion im Zusammenwirken mit Rost und Korrosion bringt Verschleiß mit sich. Tinguely hat keine Anweisung für die Restaurierung seines Werks hinterlassen, so dass die öffentlich bestellten Restauratoren (die Plastik gehört inzwischen dem französischen Staat) vor der Frage stehen, wie sie Bauteile ersetzen können, ohne die Einheit des Gesamtkunstwerks zu zerstören. Was einst durch Materialfunde und spontane Eingebung willkürlich entstand, wird auf diese Weise zum buchhalterlich konservierten Gedöns.

Normalerweise ist der Cyclop begehbar, enthält in seinem Inneren Objekte und Plastiken verschiedener Künstler. Coronabedingt darf das Innere leider derzeit nicht betreten werden.

Kurt Schwitters – Automayers (1924)

Guten Abend, liebe Hörerinnen und Hörer an den Empfangsgeräten. Heute einmal zur Abwechslung kein Text, sondern eine Tondatei in Ihrem Teestübchen Trithemius, nämlich das kuriose Stück „Automayers“ von Kurt Schwitters. Sein Werk ist seit dem Jahr 2019 gemeinfrei. Ich habe die Tondatei allerdings schon am 9. Dezember 2006 eingesprochen, also vor ziemlich genau 14 Jahren. Viel Vergnügen beim Hören.

Rückwärts Lesen


Eines schönen Morgens kommt Lisa zu mir und sagt in scherzhaftem Ton: „Fahren wir, Euer Exzellenz. Es ist alles bereit.“
Man bringt meine Exzellenz auf die Straße, setzt sie in eine Droschke und fährt los. Aus Langeweile lese ich die Firmenschilder von rechts nach links. Aus dem Wort „Drogerie“ ergibt sich „Eiregord“ – das klingt wie ein irischer Name.

(Anton Tschechow: Eine langweilige Geschichte)

Tschechows gelangweilte Exzellenz gewinnt den altbekannten Wörtern durch Rückwärtslesen einen neuen Aspekt und somit ein wenig Gedankennahrung ab. Ähnlich verfährt Kurt Schwitters, der seine langweilige Heimatstadt Hannover probeweise umdreht:
„re von nah“ kommt heraus, das ist: „rückwärts von nah“. Und siehe da, jetzt bedeutet Hannover: „Vorwärts nach weit. Das heißt also: Hannover strebt vorwärts, und zwar ins Unermeßliche. Anna Blume hingegen ist von hinten wie von vorne: A-N-N-A.“ (Hannover, 1920). Später spiegelt Schwitters aus Hannover die groteske Stadt Revon, in der es eine Revolution gibt, weil ein Mann einfach herumsteht. (Franz Müllers Drahtfrühling, um 1920) „rebotco 7771“ unterschreibt der verspielte Mozart einen Brief in Umkehrlaune. Auch das Umdrehen des eigenen Namens ist beliebt: Der Palaeograph Wattenbach fand solche Spielereien schon bei mittelalterlichen Schreibern: „Ego sum, qui sum: noch weist du nicht, wer ich ben. Suroffotsirc ist der name meyn, rot den bal obiral.“ (Nachschrift des Schreibers Christofferus in einer Kornrechnung der Schweidnitzer Pfarre von 1427.)

Rückwärtslesen ist nicht einfach eine Umkehrung des Leseprozesses, denn während der geübte Leser beim normalen Lesevorgang Wortbilder erkennt, muss er beim Rückwärtslesen mühsam buchstabieren. Besonders schwer fallen die Stellen, wo ein Laut mit zwei oder drei Buchstaben wiedergegeben ist (ch, sch) oder Buchstabenkombinationen, die beim Umdrehen einen neuen Lautwert bekommen (ie=ei).

Menschen mit ausgeprägter Bildvorstellung, sogenannte Eidetiker, beherrschen die Kunst des spontanen Rückwärtssprechens, indem sie das Wortbild im Geiste ablesen. Nach Victor Hobi konnte die Eidetikerin Sue d’Onim z. B. sofort das Wort „rückwärts“ als „sträwkcür“ lesen, nachdem sie es gehört hatte, ebenso ganze Sätze, wenn sie nicht länger als sechs Wörter waren.

Das Rückwärtslesen und -sprechen hat seinen Ursprung in magischen Vorstellungen. Zaubersprüche und Flüche können nur durch Rückwärtssprechen wieder zurückgenommen werden. Eine Volkssage aus Süddeutschland erzählt von zwei Bauersleuten, die ein Zauberbuch besaßen. An einem Sonntagvormittag ließen sie das Buch versehentlich offen liegen und gingen zur Kirche. Ein neugieriger Hirtenjunge fand es und las unbefugter Weise darin. Während der Messe fiel den Eheleuten das Versehen ein. Sie eilten noch vor dem Segen zurück. Als sie eintrafen, stand in der Stube bereits der Teufel, um den Hirtenjungen zu holen. Da schüttete der Bauer ein Maß Weizenkörner auf die Dielen und zwang den Teufel, sie aufzuheben. Die Zeit, bis das letzte Korn aufgehoben war, nutzte der Bauer, um das Buch wieder rückwärts zu lesen. Dadurch war der Teufel geprellt und mußte wieder abziehen. (Nach Lutz Röhrich).

Der Theologe Gottfried Holtz sagt: „in den Sagen wimmelt es von Berichten, dass der Zauber nicht wieder gelöst werden konnte, weil ein Lehrling, ein halber Könner nichts vom Rückwärtslesen der Formel wusste.“

Wie ungeheuerlich und machtvoll muss da ein Name, Bannfluch oder Zauberspruch in Form eines Palindroms gewesen sein. Das Palindrom ist der nicht mehr zu lösende Spruch, ein wahrer VERSUS DIABOLICUS.

Einiges über die Karrenspuren des Denkens

Manchmal stehe ich auf und gehe in die Küche, weiß dort aber nicht, warum ich hingekommen bin. Böse Zungen werden behaupten, das liege an meiner Schusseligkeit, was mich aber nicht trifft, denn selbstverständlich ist meine Schusseligkeit wichtig. Ich hege nämlich die Vorstellung, dass Schusseligkeit ein wirksamer Schutz gegen eingefahrene Denkwege ist. Meine innere Welt stelle ich mir als weite Ebene vor. Der Aufmerksamkeitsfunke des Denkens ist ein Karren, der dort seine Wege zieht. Dabei graben sich seine Räder immer tiefer, je öfter da lang gedacht wird. Das hat zur Folge, dass es zunehmend schwerer wird, neue Wege zu befahren, weil die Räder des Karrens immer wieder in die alte Karrenspur rutschen. Vergesslichkeit oder Schusseligkeit ist wie ein Flutwasser, das für kurze Zeit die Ebene überschwemmt und die meisten Karrenspuren verschwinden lässt, so dass, wenn die Ebene wieder trockengefallen ist, völlig neue Wege gefahren werden können.

Kürzlich nun entdeckte ich eine Karrenspur, die offenbar nie ein Flutwasser erreicht hat. Sie war schon tief eingefahren und betraf den Namen eines niederländischen Künstlers, Theo van Doesburg. Eine vom deutschen Sprachverständnis gegrabene Karrenspur ist, oe in Doesburg als Umlaut zu lesen, also Dösburg. In diese Karrenspur war ich nie gerutscht, denn ich weiß, dass Niederländisch OE wie langes U gesprochen wird. Mit diesem Wissen befand ich mich aber in einer parallelen Karrenspur, und es gelang mir erst gestern, sie zu verlassen und einzusehen, dass Dusburg und Duisburg durchaus eins sein können. Denn das I in Duisburg ist ein sogenanntes Dehnungs-I, gibt also an, dass diese Ruhrgebietstadt am Rhein Dusburg mit langem U gesprochen wird, also nicht Düsburg, wie wir das üblicher Weise tun. Does oder Duis geht auf mittelniederländisch dôse (Sumpfgebiet) oder dust (Unterholz) zurück.

Theo van Doesburg ist mir aus dem Kunststudium seit etwa 1975 ein Begriff, weil er ein Freund von Kurt Schwitters war. Von Duisburg weiß ich gewiss länger, obwohl ich noch nie dort war. Ich kann nur über mich staunen, dass mir die Ähnlichkeit zwischen Doesburg und Duisburg erst nach 45 Jahren aufgefallen ist. Die tiefsten Karrenspuren werden von Sprach- und Schreibgewohnheiten gegraben.

trecke – däue – Ein inspirierender Abend

Als die zwei Donnerschläge zum Auftakt des Feuerwerks ertönten, neigte sich der schöne Abend im Biergarten der Ständigen Vertretung (Stäv) dem Ende zu. Das Lokal im futuristischen Glasgebäudekomplex der NordLB ist mir quasi ein Stück rheinländische Heimat. Auf der Tür steht „trekke“ (ziehen), innen entsprechend „däue“ (schieben, drücken) und natürlich wird Kölsch ausgeschenkt. An diesem Abend habe ich leider keines trinken können. Denn ich war vom geselligen HaCK-Treffen am Donnerstag ziemlich betrunken nach Hause gewankt und noch den ganzen Tag angeschlagen, als ich mich Freitagabend mit Freund Vladimir Alekseev alias Merzmensch traf. Wir kennen uns vom Bloggen seit dem Jahr 2007, begegneten uns noch auf der Plattform Blog.de. Derzeit sind seine klugen und immer anregenden Beiträge hier und hier zu lesen.

Dreimal haben wir uns in Hannover getroffen, denn Vladimir teilt meine Begeisterung für den Merzkünstler Kurt Schwitters, reist eigens aus Frankfurt an und nimmt als Kunstwissenschaftler und Schwitters-Experte an Symposien teil, die das hannoversche Sprengelmuseum in Abständen veranstaltet. Ich habe ihn mehrfach in „Buchkultur im Abendrot“ zitiert, u.a. zur Übersetzungsproblematik des typografischen Märchens „Die Scheuche“ ins Englische, was Thema des ersten Symposiums war.

Wie schön war es, seinen weichen russischen Akzent wieder zu hören und mit diesem inspirierenden jungen Mann zu sprechen. Heute morgen fragte ich mich, in welcher Sprache wohl einer denkt, der neben Russisch, seiner Muttersprache,  Deutsch, Englisch und Japanisch spricht und schreibt. Wir redeten über Künstliche Intelligenz (KI) und seine literarischen Experimente mit KI-Software (davon später mal mehr). Und ich fragte ihn nach neuen Entwicklungen im Fall des geheimnisvollen Dadaisten Karl Waldmann, dessen Existenz nicht zu beweisen ist, von dem es aber eine große Zahl beeindruckender dadaistischer Collagen gibt. Näheres im Blog merzdadaco.hypotheses.

Anders als die Medien, beispielsweise die Süddeutsche Zeitung, interessiert sich Merzmensch beim Fall Waldmann weniger für die Frage, ob, wann und wo der Künstler gelebt hat, sondern sieht im ganzen Gedöns eine subversive Inszenierung, mit der Kunsthandel, Provenienzforschung, Kunstkritiker und Museen genarrt werden. Der Fall Waldmann ist für Merzmensch quasi eine klug eingefädelte dadistische Kunstaktion im Sinne der von Dada propagierten Antikunst. Ähnliches hat er einem besorgten Kunstsammler mitgeteilt, der mit einer Waldmann-Collage zu ihm nach Frankfurt gekommen ist und sich der Echtheit versichern wollte. Somit „bin ich Teil der Inszenierung Karl Waldmann geworden“, sagt Vladimir. Mit meiner Definition von Kunst „Kunst ist, was ein Künstler in künstlerischer Absicht schafft“, gerate ich damit in Probleme.  Was aber, wenn der Künstler hinter einem Werk nicht fassbar ist? Waldmanns Collagen haben unstreitig Qualität. Es muss einen Schöpfer geben, auch wenn uns nur die imaginäre Gestalt, das Phantom Waldmann bekannt ist.

Und dann ging das Feuerwerk hoch. Wir konnten es nicht sehen, weil Gebäude und eine Baumkrone im Weg waren, brachen deshalb auf und sahen das finale Funkensprühen gespiegelt in den dunklen Fenstern eines Gründerzeithauses.

Update Kurt-Schwitters-Hannover-Projekt

Es geht voran im Schwitters-Hannover-Projekt. In Windeseile fertigte gestern Alice den Satz acht, gestaltet im Freestyle. Wer ihr Blog kennt, hat sicher bereits gesehen, dass Alice im Lettering geübt ist. Besonders beeindruckt mich die umlaufende Zeile in geläufig geschriebener Kurrentschrift.

Heute Morgen gestaltete ich Satz neun im Stil des typographischen Märchens „Die Scheuche“ von Kurt Schwitters, Käte Steinitz und Theo van Doesburg. Das Märchen ist aus typografischem Material einer Setzerei gestaltet. Der Schriftsetzer, der hier half, hieß Paul Vogt.


Das Besondere ist der schwierige Schrägsatz von Lettern und Linien, denn typografisches Material ist immer rechtwinklig. Mit Gestaltungssoftware wie Photoshop ginge es natürlich leicht. Aber ich habe mich entschieden, meinen zeichnerischen Entwurf am kommenden Mittwoch im Buchdruckmuseum Hannover-Linden nachzubauen, wenn man mich lässt und die Kollegen dort mir helfen. Da ich aus den 12 Arbeiten eine Kunstpostkartenserie für alle sechs am Projekt Beteiligten fertigen will, könnte ich diese eine Postkarte im Buchdruck erstellen. Satz vier ist noch in Arbeit (Anna Socopuk). Update 23:45 Uhr: liegt vor.) Es fehlen dann nur noch Sätze sechs und zehn. Zehn habe ich gestaltet, wer übernimmt sechs?

Update Kurt Schwitters „Hannover“

In den letzten Tagen erreichten mich neue Arbeiten zu Kurt Schwitters „Hannover.“ Feldlilie und Frau Heming unterwegs haben jeweils ein zweites Blatt gestaltet. Da wollte ich mich nicht lumpen lassen und habe heute morgen auch einen weiteren Satz visualisiert. Die Zeile in Kurrent lautet „Hannovers Rathaus gehört den Hannoveranern.“ Die Fotos der Collage stammen von mir.

In die richtige Reihenfolge gebracht, lässt sich jetzt schon einiges lesen. Vor den beiden letzten Sätzen fehlen noch fünf. Ich gebe aber nicht eher Ruhe, bis alle zwölf Sätze vorliegen. Denkbar wäre, aus den fertigen Arbeiten eine Postkartenserie zu machen.

„Hannover“ wartet – Aufforderung zum Gestalten

Meine lieben Damen und Herren,
vor einer Weile habe ich dazu aufgerufen, einen der zwölf Sätze aus dem Text „Hannover“ von Kurt Schwitters zu visualisieren und versprach, mich selbst am Projekt zu beteiligen. Es war immer mein Grundsatz, nichts von anderen zu erwarten, was ich nicht selbst zu leisten gewillt bin. Doch eine grafische Handarbeit ist heutzutage eine Herausforderung für mich. Schreibend und zeichnerisch bin ich völlig aus der Übung, ein Effekt der leichten Verfügbarkeit der technischen Schrift. Gestern und heute habe ich nun meinen Beitrag geleistet, habe wieder geübt, Schrift zu zeichnen und Kurrent zu schreiben, denn Schwitters schrieb ebenfalls Kurrent. Bei den B-Wohnern habe ich freilich gemogelt und alte Zeichnungen von mir einmontiert. Mir der Arbeit kam die Lust am Tun, und es war eine erfrischende und absolut befriedigende Rückkehr in schöpferische Zeiten, bevor die Gestaltungssoftware alles so leicht gemacht hat. Im zweiten Schritt habe ich wieder Photoshop genutzt, und ich erinnerte mich daran, einst propagiert zu haben, dass das die beste Abfolge ist, zu entwerfen und auszuführen händisch und anschließend mit Photoshop oder Ähnlichem zu bearbeiten. Ich hoffe, das Ergebnis obeN links ist ein Ansporn, sich noch zu beteiligen, denn leider sind längst nicht alle Sätze vergeben. Lesbar wäre der Text aber erst, wenn alle Sätze vorliegen. Die ersten Ergebnisse sind am Schluss des Beitrags zu sehen.
Hier nochmals die Liste:

    1) Die Hannoveraner sind die Bewohner einer Stadt, einer Großstadt.
    [bereits gestaltet von Trithemius]

    2) Hundekrankheiten bekommt der Hannoveraner nie.
    [bereits gestaltet von Feldlilie]

    3) Hannovers Rathaus gehört den Hannoveranern, und das ist doch wohl eine berechtigte Forderung. [gestaltet von Trithemius]
    4) Der Unterschied zwischen Hannover und Anna Blume ist der, daß man Anna von hinten und von vorn lesen kann, Hannover dagegen am besten nur von vorne.
    [vergeben an Anna Socopuk]

    5) Liest man aber Hannover von hinten, so ergibt sich die Zusammenstellung dreier Worte: „re von nah“. [bereits gestaltet von Christian Dümmler, CD]
    6) Das Wort „re“ kann man verschieden übersetzen: „rückwärts“ oder „zurück“.
    7) Ich schlage die Übersetzung „rückwärts“ vor. [gestaltet von Andrea Heming]
    8) Dann ergibt sich also als Übersetzung des Wortes Hannover von hinten: „Rückwärts von nah“. [gestaltet von Alice]
    9) Und das stimmt insofern, als dann die Übersetzung des Wortes Hannover von vorn lauten würde: „Vorwärts nach weit“. [gestaltet von Trithemius]
    10) Das heißt also: Hannover strebt vorwärts, und zwar ins Unermeßliche.
    11) Anna Blume hingegen ist von hinten wie von vorne: A-N-N-A. [gestaltet von Feldlilie]
    12) (Hunde bitte an die Leine zu führen.) [bereits gestaltet von Andrea Heming]

Einladung zum Gestaltungsprojekt „Hannover“

Vor Jahren habe ich einmal die Groteske „Es ist ein Unglück geschehen“ von Kurt Schwitters in Abschnitte aufgeteilt und von Schülerinnen und Schülern einer 10. Klasse gestalten lassen. Aufgabe war, den Text zu lettern und in Teilen als Rebus zu zeichnen oder illustrativ zu visualisieren. Hierzu die beiden Beispiele. Das erste Blatt (DIN A2 im Original) habe ich gestaltet (natürlich noch alles mit der Hand gelettert), das zweite die heutige Künstlerin Monika Thorwart:

(Zum Vergrößern bitte klicken)

Ein ähnliches Projekt würde ich gern im Teestübchen machen. Dazu habe ich ebenfalls einen Text von Kurt Schwitters ausgesucht, denn seine Texte sind seit Januar 2019 gemeinfrei. Der Text ist wesentlich kürzer als „Es ist ein Unglück geschehen“, denn anders als im Unterricht, bin ich im Blog auf freiwillige Mitarbeit angewiesen. Es ist der in Hannover bekannteste Text von Kurt Schwitters: „Hannover.“ Kinder lernen ihn in der Grundschule, und in der Altstadt sind die wenigen Zeilen als begehbare Kupferplatte in die Fußgängerzone eingelassen. Getreu Schwitters Wahlspruch: „Tretet Dada ein!“, kann man hier seinen Text mit Füßen treten.

Fotos und Gifanimation: JvdL

„Hannover“ hat 12 Sätze. Wer gerne kalligrafiert, lettert oder zeichnet und sich beteiligen möchte, möge einen Satz aussuchen und mir die Nummer mitteilen. Das Blatt sollte etwa DIN-A-Format hoch haben, um eine einheitliche Bildergalerie zu gewährleisten, digital etwa 620 x 920 bei 72 dpi, wobei die Höhe das wichtigste Maß ist.

Mach gerne mit oder werbe geeignete Blogfreundinnen und Blogfreunde aus deinem Kreis.

    1) Die Hannoveraner sind die Bewohner einer Stadt, einer Großstadt.
    [vergeben an Jules van der Ley]

    2) Hundekrankheiten bekommt der Hannoveraner nie.
    [vergeben an Feldlilie]

    3) Hannovers Rathaus gehört den Hannoveranern, und das ist doch wohl eine berechtigte Forderung.
    4) Der Unterschied zwischen Hannover und Anna Blume ist der, daß man Anna von hinten und von vorn lesen kann, Hannover dagegen am besten nur von vorne.
    [vergeben an Anna Socopuk]

    5) Liest man aber Hannover von hinten, so ergibt sich die Zusammenstellung dreier Worte: „re von nah“. [vergeben an Christian Dümmler, CD]
    6) Das Wort „re“ kann man verschieden übersetzen: „rückwärts“ oder „zurück“.
    7) Ich schlage die Übersetzung „rückwärts“ vor.
    8) Dann ergibt sich also als Übersetzung des Wortes Hannover von hinten: „Rückwärts von nah“.
    9) Und das stimmt insofern, als dann die Übersetzung des Wortes Hannover von vorn lauten würde: „Vorwärts nach weit“.
    10) Das heißt also: Hannover strebt vorwärts, und zwar ins Unermeßliche.
    11) Anna Blume hingegen ist von hinten wie von vorne: A-N-N-A.
    12) (Hunde bitte an die Leine zu führen.) [vergeben an Andrea Heming]

„Behauptungen, wie die, daß ich nur mit einem Hemde bekleidet in den Baum gestiegen sei und dort den Taifun gelesen habe, habe, sind unwahr.“ (Kurt Schwitters, Eimer)

Aus dem literarischen Untergrund – Scheiße geparkt!

Die Straßen waren am Neujahrstag nicht so verschmutzt wie in den Jahren zuvor. Nur vereinzelt lagen die spitzen Plastiktüten herum, in denen Feuerwerksraketen zu kaufen gewesen waren. Wer im Jahre 2019 noch immer Plastikverpackungen in die Botanik wirft, hat den Schuss nicht gehört. Auf den Bürgersteigen hässlich brauner Brei. Im Regen haben sich die Feuerwerkspappen aufgelöst. Der Sturm der letzten Tage hat zudem kostenlose Werbezeitungen und darin eingelegte Prospekte verweht. Es fällt schwer, im Straßendreck Zettel zu finden, nach denen sich zu bücken lohnt. Erst kürzlich ist mir eingefallen, dass wir nicht wissen, was an bedrucktem oder beschriebenem Papier vor 100 Jahren auf den Straßen lag. Es muss deutlich weniger gewesen sein als heute. Demgemäß ist neu zu einzuschätzen, dass Kurt Schwitters die Papierabfälle seiner Tage aufhob, um daraus Collagen zu gestalten. Bedrucktes Papier hatte im Jahr 1919 noch eine andere Wertigkeit.

Gar nicht verstehen können hätte Kurt Schwitters den Zettel „Scheiße geparkt!“ Ich fischte den Scheiße-geparkt-Zettel aus der Gosse der Lindener Hasemannstraße, wo er seiner Diktion gemäß gut gelegen hatte. Über den muss ich schon eine Weile schmunzeln, vor allem über die Geschichte dahinter. Ein Anwohner der Straße parkt wohl sein Auto so, dass andere sich behindert fühlen. Wie oft muss das geschehen sein, bevor sich sein Nachbar hinsetzt und den Scheiße-geparkt-Zettel am Computer gestaltet und ausdruckt? Der Zettel hat das Format 7,4 cm x 5,25 cm, passt also 18 mal auf DIN-A4. Vielleicht hat der Mann sich aber gar nicht die Arbeit gemacht, sondern ein Abreißblöckchen mit „Scheiße-geparkt“-Zetteln gekauft, wie sie im Internet massig angeboten werden.

Dann muss der arme Mensch auf eine Gelegenheit warten, seine Scheiße-geparkt-Zettel einzusetzen. Hat 18 Stück oder sogar den Abreißblock, aber der hundsgemeine Autofahrer parkt jetzt einfach so, dass nichts zu beanstanden ist. Welch eine vetrackte Situation! Sobald er die Zettel vorrätig hat, muss der genervte Nachbar das Scheiße parken geradezu herbeiwünschen. O Mann, dieses Durcheinander im Kopf möchte ich ja lieber nicht haben.