Die Polizei sucht fieberhaft – Teestübchen-Stilkritik

„Die Polizei sucht nun fieberhaft nach dem Täter“, sagte gestern die Moderatorin Catherine Vogel in der aktuellen Stunde des WDR-Fernsehens. „Fieberhaft suchen“ Wenn ich Fieber habe, suche ich am besten mein Bett auf. Dann peinigt mich Fieberweh, und ich fasele dummes Zeug. Ich erinnere mich, dass einmal meine Frau die Kinder an mein Krankenbett rief, auf dass sie meine surrealen Fieberphantasien zu hören kriegten. Als fürsorglicher Vater legte ich mich ordentlich ins Zeug, fieberhaft sozusagen, dass die Kinder auch was zu lachen hatten.

Die Polizei suchte fieberhaft nach dem Täter. Man hat keine Lampen mehr einschalten müssen. Die hochroten Köpfe der Beamten gaben genügend Licht. Jedem raste der Puls. Fahrig zitternde Polizeifinger, Hektik im gesamten Polizeiapparat. Bei andauernder Suche neuerliche Fieberschübe. Das Thermometer stieg und stieg. Der Polizeipräsident war beunruhigt und rief die Abteilungsleiter zusammen. „42 Grad Celsius! Das ist mehr als ein Mensch verträgt. Die Fürsorgepflicht gegenüber den Beamtinnen und Beamten gebietet, dass wir die Suche abbrechen.“ Plötzlich rief einer Entwarnung: „Ein Spaßvogel hat am Fieberthermometer die Skala verschoben!“

Derweil machte der Täter kühlen Mutes einen Spaziergang und pfiff sich eins. Die im Journalismus beliebte Floskel: „… sucht fieberhaft“ ist Reden und Schreiben in der Kaffeepause des Denkens. Inhaltlich ist diese abgedroschene Phrase der größte Unfug, denn niemand in den Redaktionen weiß, wie die Polizei nach Täter und Motiven sucht. Vielleicht gehts alleweil den bequemen behördlichen Gang. [Zeichnung: Ich selbst – Pressenotizen vergößern durch Klicken]

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101 und 1001 grammatische(s) Problem(e)

Es heißt regelkonform „1000 Schreibarbeiten.“ Ebenso regelkonform lautet die Überschrift über meinem Jubiläumsbeitrag,
„Tausend und eine Schreibarbeit“ und nicht plural: „Tausend und eine Schreibarbeiten.“ Wie aber ist es richtig, wenn als Zahl geschrieben wird: “1001 Schreibarbeit.“ Man muss nur versuchen, es zu lesen. Heißt es dann „Tausendundein(s) Schreibarbeiten?“ Die gleiche Unsicherheit zeigt sich bei „101“ wie im abgebildeten Text aus der Frankfurter Rundschau, wo es heißt „101 Damen“, doch „101 Frau.“

Tagebucheintrag – größer: Klicken

Finger, Vokale und Königsheilgebärde

Tagebuch JvdL vom März 1997

Die hellenistische E-Gebärde ist nach Fischer die rechte Faust am gestreckten Arm. Frage mich, wie die Symbolik der Finger und alltäglicher Gebrauch wohl zusammenhängen. Beispiel Handschrift: tres digiti scribunt et totum corpus laborat [Drei Finger schreiben und der ganze Körper arbeitet]. Drei Finger schreiben …

    Daumen (Liebe)
    Zeigefinger (Geist)
    Mittelfinger (Leben)

Und umgekehrt, welcher Alltagsgebrauch hat welche Symbolbedeutung motiviert? (Beispiel Kleiner Finger (Leib), weil am leichtesten in Körperöffnungen einzuführen?)

Episode aus meinem Lehrerdasein (2) – Übelschreibung

In der 8. Klasse, wo ich auf Wunsch der Schülerinnen/Schüler Kalligraphie unterrichte, frage ich gegen Ende der Stunde: „Wer glaubt von sich, eine schlechte Handschrift zu haben?“ Einge melden sich zaghaft, Ich sage: „Dann kommt mal bitte und schreibt mir „Kakographie“ [Übelschreibung] auf’s Blatt, so hässlich ihr könnt!“
Innerhalb kürzester Zeit umringt die halbe Klasse mein Pult und drängelt sich, Kakographie zu schreiben.
„Darf ich mal?“
„Jetzt bin ich dran!“

Ein zweites Blatt wird von einem Schüler begonnen, der vorne beim Pult sitzt, und im Nu ist auch das voll, und noch immer drängeln welche, „Kakographie“ zu schreiben, manche zum 3. und 4. Mal. Sogar das Pausenklingeln wird ignoriert. Ich hätte glatt eine Gebühr erheben können.
„Viel zu schön!“, kritisiere ich, „da sieht man zu viele Elemente der Geläufigkeit. Versucht es mal mit Links!“ Hannah, die Linkshänderin, schreibt dann Kakographie ungelenk mit Rechts. Das ist für mich Rechtshänder seltsam anzusehen.

Erkenntnis: Absichtlich hässlich zu schreiben, ist gar nicht so einfach.

Onkel Josef sein Waschbecken, Eselsohren, Strohhalme und Colomans fromme Fliege

Fast vergessen hatte ich, dass ich über private Leihbüchereien schreiben wollte, wie wir eine Anfang der 1960-er Jahre auf dem Dorf hatten. Der Text über private Leihbüchereien im Allgemeinen muss leider noch warten. Heute geht es um etwas anderes. Inzwischen ist mir über Gewährsleute zugetragen worden, dass die Wäscherei Fonk gar keine Wäscherei gewesen ist, sondern ein Nähstübchen. Der Einfachheit halber belasse ich es aber bei der Vorstellung, die private Leihbücherei meiner Kindheit wäre hauptsächlich eine Wäscherei gewesen. Mein Onkel Josef, der Drucker, war da ebenfalls Kunde. Er lieh sich regelmäßig dicke Western aus. Das aktuelle Buch lag immer auf dem Gästeklo, und zwar aufgeschlagen über dem Rand des Waschbeckens, so dass er bei der nächsten Sitzung wusste, wo er weiter lesen könnte. Ein Waschbeckenrand als Lesezeichen ist recht unsicher, denn jederzeit könnte jemand das Waschbecken seinem Zweck gemäß benutzen, das hinderliche Buch einfach zuklappen und weglegen. Sicherer sind da schon Eselsohren. Dazu wird bekanntlich die Seite, bei der das Lesen unterbrochen wurde, an der oberen oder unteren Ecke umgeknickt, was man bei Büchern aus der Wäscherei Fonk unbedenklich tat. Man hatte keine Ehrfurcht vor den Büchern aus der Wäscherei Fonk. Sie waren auf billigem Papier gedruckt und hatten ohnehin viele Lesespuren wie Risse, Kaffeeflecken und verschmierte Stellen zweifelhafter Herkunft.

Nach diesem etwas anrüchigen Anfang sind wir hurtig bei unserem Thema angelangt, den Lesezeichen. Der irische Mönch Coloman († 17. Juli 1012) hatte der Überlieferung nach eine Fliege, die auf dem Codex saß, in dem Coloman las. Immer wenn er eine Lesepause einlegen wollte, befahl er der Fliege, auf der zuletzt gelesenen Zeile sitzen zu bleiben, was die Fliege auch tat. Dieses lebendige Lesezeichen wird ihm leider irgendwann vom Codex weggestorben sein, ohne die Fähigkeit zu vererben, denn ähnliche Dienstleistungen wurden nie mehr von Fliegen berichtet.

Gut 200 Jahre nach Coloman klagt Richard de Bury im Philobiblon, seinem berühmten Buch von der Bücherliebe, über allerlei Verbrechen an den kostbaren handschriftlichen Büchern durch unachtsame Novizen: „Eine Unmenge Strohhalme streut er hin, um sie an verschiedenen Stellen sichtbar einzulegen, damit das Stroh zurückrufen soll, was das Gedächtnis nicht behalten kann.“ (Auszüge aus dem Philobiblon im Teestübchen-Handschriftenseminar)

Gedruckte Bücher brauchen keine Eselsohren, keine dressierte Fliege, kein Stroh, sie haben ein Lesebändchen, allerdings trifft das nur bei wirklichen schönen Büchern zu. Man kann sich fast danach richten: Wenn ein Buch ein Lesebändchen hat, ist es auch ein gutes Buch. Als ob sich die Verleger zusammengesetzt hätten und gesagt: „Wenn wir ein wirklich gutes Buch verlegen, dann wollen wir es mit einem Lesebändchen kennzeichnen. So gesehen ist’s eigentlich irreführend, dass E-Book-Reader für beliebige Bücher ein Lesebändchen simulieren können. Ich hätte ja lieber eine digitale Fliege.

Es kann nur eine Schröder geben – Einiges über Namen

Als Kind hasste ich es, wenn mich meine Mutter am Samstagmorgen mit einem Einkaufszettel zur Metzgerei schickte. Der Laden war voll, und Thekenbedienung wie Kunden fanden: „Ein Kind hat Zeit.“ So fand ich mich immer wieder hintangestellt, bis sich ein Erwachsener erbarmte und mir den berechtigten Vortritt ließ. In dieser Erwachsenenwelt hatte ich keinen eigenen Namen. Wenn jemand wissen wollte, wer da immer wieder zur Seite geschoben wurde, dann hieß es: „Dat is Overlacks Jertrud dä sinnge“, frei übersetzt: Der gehört Gertrud Oberlack. Darin zeigte sich eine zweifache Geringschätzung, ich hatte keinen Vornamen, und Oberlack war der Mädchenname meiner Mutter. Meinen Vatersnamen sprach man nicht aus, weil mein Vater nicht aus dem Ort stammte und auch schon verstorben war. Wer keinen Namen hat, ist ein gesellschaftliches Nichts. Den Namen eines Menschen zu kennen und bei der Ansprache zu verweigern, ist eine Form der Missachtung. Das gilt auch für die falsche Aussprache oder Schreibweise eines Namens. Sie wirken wie direkte Angriffe auf die Person.

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Empusen in der Frühlingssonne

egen meine Gewohnheit schrieb ich mir heute ein Wort in ein Buch, weil es mir völlig fremd war, aber trotzdem einen Inhalt vermittelte. Fachsprachlich: Trotz Unkenntnis der Denotation stellen sich Konnotationen ein. Es liegt vermutlich am Kontext, an der Handschrift von Saragossa. So glaube ich, dass eine Empuse eher dem Kerzenschein angehört als der Frühlingssone.

– dazu passt die vom Präraffaeliten William Morris entworfene Troy type und vermittelt mir grad das Gefühl, das Wort zu verstehen.