Ein bisschen Grammatik mit Gott

Ein Plakat in der U-Bahn Hannover zwingt, über Grammatik nachzudenken. Eigentlich geht es aber um Wahrnehmung, besser um eine Falschnehmung, die Auskunft gibt, über meine innere Struktur als verstockter Ungläubiger. Ich sitze friedlich in der U-Bahn Linie 9 Richtung Fasanenkrug, da wischt im Bahnhof Sedanstraße/Lister Meile ein weiter unten abgebildetes Plakat vorbei. Ich habe es als Bildbeweis auf der Rückfahrt fotografiert geknipst. Der Slogan: „Ich bete, weil das Gespräch mit Gott kein Monolog ist“, soll zum Ausdruck bringen, dass der /die Betende nicht etwa nur mit sich selbst redet, sondern dass da irgendwo unbegreiflich ein höheres Wesen namens Gott mithört. Dann bliebe das Gebet zwar immer noch Monolog, aber es bestünde die Möglichkeit, dass dieser Gott antwortet, also in einen Dialog eintritt, wie er sich ja auch Moses in einem brennenden Dornbusch offenbart hat. Allerdings wäre der im U-Bahnhof Sedanstraße/Lister Meile zu gefährlich.


Formal handelt es sich bei „Ich bete, weil das Gespräch mit Gott kein Monolog ist“ um einen Gliedsatz, genauer um einen Kausalsatz (des Grundes), erkennbar an der Konjunktion „weil.“ Der Gliedsatz besteht aus einem Haupt- und Nebensatz, der mit einem Komma abgetrennt ist und durch eine unterordnende Konjunktion inhaltlich mit dem Hauptsatz verbunden ist.

    Satzbauplan: [Hauptsatz] ich [Subjekt] + bete [Prädikat], + [Nebensatz] weil [Konjunktion] + das Gespräch mit Gott kein Monolog ist .

Nachdem das geklärt ist, folgt jetzt meine Falschnehmung. Im Vorbeifahren las ich nämlich etwas anderes, genauer statt der Gliedsatzkonjunktion „weil“ die Gliedsatzkonjunktion „dass“, also: „Ich bete, dass das Gespräch mit Gott kein Monolog ist“, womit der Satz etwas Schillerndes bekommt, sinngemäß: Ich bitte Gott darum, dass es ihn gibt.

„Ich bete, dass das Gespräch mit Gott kein Monolog ist“ hätte in etwa die rekursive Qualität des Lichtenberg-Zitats: „Ich danke es dem lieben Gott tausendmal, dass er mich zum Atheisten hat werden lassen.“

Ja, ich auch.

Ein bisschen Grammatik – Diminutivsuffixe

Heute in der Bäckerei, ich bestellte ein Brötchen und ein Hörnchen, was für einen Rheinländer eine kleine Herausforderung ist, nicht weil wir Angst vor derlei Backwaren hätten, sondern weil das Suffix -chen manchmal wie -schen zu klingen beliebt. Grundschulkinder lernen: „-chen und -lein machen die Dinge klein“ Diese Verkleinerungssilben heißen fachsprachlich „Diminutivsuffixe“, wobei -chen im Norden Deutschlands häufig ist, -lein und seine Nebenformen -le, -el, -l, -li eher im Oberdeutschen vorkommen. Die Grenze ist allerdings fließend. „Tischlein deck dich“ heißt aus Gründen des Wohlklangs so, denn „Tischchen“ wäre von Rheinländern wie mir nicht sauber auszusprechen. „Menschlein“ geht mir auch besser über die Zunge als „Menschchen. In einigen Fällen hilft das spaßhaft eingeschobene zweite Diminutivsuffix -el; die kleine Sache, ein „Sächelchen.“

Einige Verkleinerungsbildungen werden nicht mehr als solche erkannt; das Suffix ist mit dem Wort verschmolzen, etwa:
– Mädchen (die kleine Magd),
– Veilchen (zu lat. Viola),
– Märchen (die Mär, das Märe),
– bisschen (der kleine Bissen), unkenntlich wegen Kleinschreibung;
– Fräulein/Frollein (landschaftl.); die feste Verbindung wird inzwischen als diskrimierend empfunden.

Zu einigen Wörtern gibt es kein vergleichbares Gegenstück in der Großform:
– Gummibärchen,
– Teilchen (Gebäck),
– Fleißkärtchen,
– Strichmännchen,
– Hörnchen,
– Müsli,
– Gipfeli (Schwiizerdütsch) für Croissant;

Die kindischen Verkleinerungsbildungen:
– Herrchen,
– Frauchen,
– Stöckchen …
sind eher sondersprachlich. Wir finden sie im Sachbereich Hundehaltung. Da gib es dann auch
– Leckerli.

Am Nachmittag hätte ich gern ein Teehörnchen.

Die obszöne Leichtigkeit des digitalen Schreibens

In meinem Wohnzimmer steht kaum beschattet von meiner Zimmerpalme Josie auf einem Hocker zur Dekoration die alte Halda-Schreibmaschine. Von ihr habe ich an anderer Stelle schon berichtet. Leider ist sie seit Jahrzehnten defekt. Als meine Kinder noch klein waren, haben sie die Zeitung Winkelblick für unser Sträßchen gemacht, genannt nach dem Straßennamen. Das Gartenhaus war die Redaktion, und das Produktionsmittel war die Halda. Da für mich die Computerzeit angebrochen war, überließ ich die Halda gern dem Redaktionsteam.

Heute bedauere ich, dass die Halda solchen Strapazen ausgesetzt war und defekt ist. Sie zu restaurieren wäre gewiss teuer. Aber mich drängt, wieder auf einer Schreibmaschine zu schreiben. Es ist ein ehrlicher Schreibvorgang. Jeder Buchstabe steht auf dem Papier, wo ihn der Typenhebel hingeschlagen hat. Ihn zu tilgen, ist aufwendig, also muss man sich beim Schreiben beizeiten sammeln.

Das digitale Schreiben ist Probehandeln, erlaubt das spurlose Tilgen von Denkansätzen, Umstellen, Löschen, mithin Zurechtkneten eines Gedankens, der zuvor etwas Ungefähres war. In den Anfängen des digitalen Schreibens wurde es überschwänglich gelobt. Segensreich für die Überwindung von Schreibblockaden fand die Süddeutschen Zeitung (SZ) im Juni 1989 die digitale Textverarbeitung. Digitales Schreiben sei kreativ, weil es nie „statisch“ sei.
Im Jahr 1989 mochte ich der SZ Recht geben, obwohl die Wendung „was Sie sich ‚eigentlich‘ gedacht haben“ ein ziemlicher Quatsch ist. Es gibt hinter dem Denken kein Hinterstübchen, wo alles „eigentlich“ schon gedacht ist, bevor man es schreibend in die Welt entlässt. Es gibt Absichten, etwas mitzuteilen, aber es muss bedacht werden. Trotzdem war ich von den Möglichkeiten der Textverarbeitung angetan, führte jedoch noch zehn Jahre ein Tagebuch mit der Hand. Beim heutigen Durchblättern beschleicht mich das ungute Gefühl, dass ich in dieser Zeit subtiler und tiefer über die Phänomene des Lebens nachgedacht habe. Heute weiß ich mehr, habe mehr Schreibpraxis, aber könnte es sein, dass mein Denken kurzatmiger geworden ist? Der Wechsel von Handschrift oder Schreibmaschine zur Textverarbeitung ist nicht nur ein Wechsel des Schreibgeräts. Er hat die Anforderungen an das und mithin das Denken verändert.

Digitale Textverarbeitung kommt mir in seiner Leichtigkeit obszön vor, denn es entspricht nicht meiner derzeitigen Lebenswirklichkeit. Das Aufstehen vom Sitzen ist mühsam, Treppensteigen eine Herausforderung, Gehen ermüdend und manchmal schmerzhaft. Es ist eine Auseinandersetzung zwischen meinen Absichten und dem Widerstand der Welt. Sollte Schreiben nicht auch eine Auseinandersetzung mit Material sein, um das Denken in großen Zusammenhängen einzuüben? Ich lasse mich ja auch nicht mit dem Fahrstuhl transportieren und glaube, ich trainiere Treppensteigen.

Ich will mir eine funktionierende mechanische Schreibmaschine zulegen und Stempel auch.

Musiktipp
Admiral Freebee
Too Much Of Everything

Das achte Brot


Der britische Ethnologe und Medienwissenschaftler Jack Goody berichtet in Entstehung und Folgen der Schriftkultur, Frankfurt 2003, vom Fall eines afrikanischen Boten, der acht Brote nebst Begleitbrief in eine Missionsstation bringen sollte. Unterwegs bekam er Hunger und aß ein Brot. In der Station fragte ihn der Priester, wo das achte Brot geblieben sei. Der Bote fragte erstaunt zurück, woher der Priester vom Brot wisse.
„Der Brief hat es mir erzählt.“

Bei einem erneuten Botengang konnte der Bote seinen Hunger nicht zügeln und aß wieder ein Brot. Zuvor versteckte er den Brief, damit er ihn nicht beobachten und verraten konnte. Letztlich verhält sich der heutige Mensch gegenüber der digitalen Technik nicht klüger als der illiterale Bote beim Erstkontakt mit dem Schriftmedium.

„Jules van der Ley, Privatadresse!“, sagte jüngst mein ältester Sohn, als er mich mit dem Auto abgeholt hatte und nach Hause fahren wollte. Prompt nannte eine wohlklingende Frauenstimme meine Adresse und gab Anweisungen, wie zu fahren wäre, was noch auf einem Bildschirm angezeigt wurde.
„Woher kennt die Frau meine Adresse“, fragte ich naiv. Ähnlich naiv reagierte ich, als ich bei einem Touchscreen eine Satzphrase mit den Finger ausgeschnitten hatte und an anderer Textstelle einfügte. Da konnte ich mich nicht der Vorstellung erwehren, die Phrase wäre zwischenzeitig in meiner Fingerkuppe gespeichert gewesen. Der Mensch ist nur an das Analoge gewöhnt. Deshalb kann die digitale Technik irritieren.

Die Frauenstimme des Navigationssystems trägt den Namen Siri. Der Name ist eine Reminiszenz ans Analoge. Siri und ihre Stimme gehören zur sogenannten Benutzeroberfläche. Das Wort gibt einen Hinweis darauf, dass es etwas unterhalb der Oberfläche gibt. Unter dieser Oberfläche beginnt für die meisten Menschen die Fremde, eine hermetische Einöde aus mathematischen Daten und Algorithmen, also Anweisungen, wie die Daten zu verarbeiten sind. Das unterscheidet das gedruckte oder geschriebene Adressbuch vom digitalen. Auch das Adressbuch gibt eine gewünschte Auskunft. Es spricht zu dem, der die Schriftzeichen zu lesen versteht. Doch es fehlt die Tiefenstruktur. Die Seiten eines Adressbuches sind nur Benutzeroberfläche. Demgemäß leitet das Adressbuch hinter unserem Rücken keine Daten weiter und handelt nicht mit ihnen, ohne dass wir es merken.

Die Schriftzeichen, aus denen dieser Text besteht, sind ebenfalls eine Vorspiegelung auf der Benutzeroberfläche. Darunter besteht er aus mathematischen Daten und Algorithmen. Doch das Wort „besteht“ ist irreführend. Es verschleiert, dass wir es nur mit elektronischen An-Aus-Zuständen in Speicherzellen zu tun haben.

Ein Großteil unserer Geschäftspost, digital und analog gehört inzwischen zur Benutzeroberfläche digitalisierter Verwaltungs- und Geschäftsvorgänge. Selbst wenn eine veranlassende Person genannt ist, gehört sie ebenfalls zur Oberfläche. Wenn in derart automatisierten Verfahren etwas schief läuft, wird es immer schwieriger, einen menschlichen Veranlasser zu finden, mit dem sich über eine Angelegenheit verhandeln lässt. Indem reale Personen aus derartigen Vorgängen verschwinden, machen wir uns das Dasein nicht einfacher, sondern die Welt wird für den Einzelnen unerbittlich.

Kleine Wortschatzübung – Nachstellschritt und Triell

Den Wortschatz des Deutschen dachte sich Jacob Grimm ganz im Geist des 19. Jahrhunderts als in Kisten und Kasten bewahrte gefaltete Leinwand. Heute wissen wir den Wortschatz sicher verwahrt im Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, dem monumentalen Werk von 32 schwergewichtigen Bänden in Leder. Obwohl das ehrgeizige Projekt erst im Jahr 1960 fertig wurde, ist der heutige Wortschatz besser in Wörterbüchern wie Duden oder Wahrig abgebildet, weil er dort ständig aktualisiert wird.

Wie muss man sich den eigenen Wortschatz vorstellen? Er ist naturgemäß viel kleiner als der Wortschatz des Deutschen, doch auch er wird ständig aktualisiert. Die Sprachwissenschaft unterscheidet zwischen dem aktiven und passiven Wortschatz. Passiv sind Wörter, die eine/einer versteht, aktiv sind die von ihnen benutzten Wörter. Manchmal werden Wörter aus dem passiven in den aktiven Wortschatz verschoben. Kürzlich lernte ich das Wort „Nachstellschritt.“ Ich kannte es noch nicht, habe es aber unmittelbar verstanden, denn es ist die Weise, wie ich Treppenstufen steige, treppauf mit dem Fuß des gesunden Beines, treppab mit dem Fuß des gebrochenen Beines, den jeweils anderen Fuß nachstellend.

Ein mir komplett neues Wort ist „Triell.“ Gemeint sind die Fernsehduelle der Kanzlerkandidaten dreier Parteien, mit denen das Fernsehen unsere Demokratievorstellungen untergräbt. Triells im Fernsehen begünstigen Parteien, die Kanzlerkandidaten aufgestellt haben, und benachteiligen alle anderen Parteien. Wir wählen nämlich nicht Bundeskanzler, sondern Parteien, die sich wiederum im Nachstellschritt um eine Regierungsbildung bemühen, wozu sie in der Regel Koalitionen mit anderen Parteien eingehen müssen.

    – Nachstellschritt
    – O
    – P
    – Q
    – R
    – S
    – Triell

Ab und zu ist es ganz hilfreich, sich zu vergewissern, wie und von wem der eigene Wortschatz erweitert wird.

Am Ende des Tages

Drei Monate war ich nicht zu Hause und finde das meiste unverändert. Nur die Bäume vor meinen Fenstern sind kräftig gewachsen, so dass sie mir die Wohnung ein wenig mehr beschatten. Noch etwas hat sich geändert: Im Kabelfernsehen gibt es jetzt einen Sender von BILD, wie ich beim Durchzappen feststellte. Ich weiß nicht, welchen Sendeplatz der Medienkonzern Springer okkupiert hat, jedenfalls sendet er, wie in der Presse gemeldet, schon ab August. Leicht angeekelt sah ich mir ein Gespräch von BILD-Sportchefredakteur Matthias Brügelmann mit dem Fußballfunktionär Karl-Heinz Rummenigge an, nicht weil mich interessierte, was der Ex-Fußballspieler und vorbestrafte Rolexschmuggler Rummenigge zu sagen hatte, sondern weil ich hörte, dass er noch immer von einem Phrasen-Virus geplagt wird, der ihn nachweislich schon im Jahr 2009 befallen hatte.

    Im Mai 2009 sagte Rummenigge in der ARD-Sportschau: „Am Ende des Tages kann Franck Ribéry den Club ohne das Ja des FC Bayern nicht verlassen.“

Demnach konnte Franck Ribéry den FC Bayern jederzeit unerlaubt verlassen, morgens, mittags, nachmittags, nachts, nur eben am Ende des Tages nicht.

Ich konnte den Wortlaut seiner Aussagen im Bild-Interview vom 15. September 2021 nicht verifizieren, doch am Ende des Tages sonderte Rummenigge mindestens dreimal „ am Ende des Tages“ ab; in einem langen Satz purzelte ihm „am Ende des Tages“ sogar zweimal heraus, so dass zu befürchten war, die Phrase würde gänzlich die Herrschaft über sein Denken an sich reißen und Rummenigge „am Ende des Tages“ nur noch „am Ende des Tages“ stammeln können. Vielleicht lag es an Bild-TV, dass Rummenigge derart zum Spielball seiner Phrase wurde, denn Paarung wirkt bekanntlich auf die Partner.

Dass in einer sich ständig verändernden Welt wenigstens Rummenigges Kopf dauerhaft durch die hohle Phrase „am Ende des Tages“ blockiert ist, könnte man als erfreuliches Zeichen ansehen, wenn sein Kopf für das Weltgeschehen eine Bedeutung hätte. Lieber nicht.

Bequem über die Eselsbrücke – Merksätze

Besuch von einem jungen Paar. Die junge Frau wollte ein Foto von uns in einem Burtscheider Lokal machen. „Vordergrund macht Bild gesund!“, sagte ich und bat sie die auf dem Tisch vor uns stehende Vase inklusiv einer rosafarbenen Nelke mit ins Bild zu nehmen. Diesen Merkspruch hörte ich von meinem Schwiegersohn, einem professionellen Kameramann. Natürlich ist der Spruch metaphorisch zu verstehen. Merksprüche dürfen nicht wörtlich genommen werden. Einfachheit und Kuriosität garantieren, dass sie sich einprägen.

Ein Merkspruch aus meinem Text von gestern:
– Der Gute [Fuß] geht zum Himmel, der Böse in die Hölle.
(Pflegliches Treppensteigen nach Verletzung);

– Vordergrund macht Bild gesund (Gute Bildkomposition);

– Trenne nie st, denn es tut ihm weh. (Überkommene Orthographie-Trennregel);

– Wer nämlich mit „h“ schreibt ist dämlich. (Orthographie, Nachweis Mijonisreise)

– Schau links, schau rechts, schau gradeaus: dann kommst du sicher gut nach Haus. (Merksatz für Kinder, bevor sie eine Straße überqueren. Nachweis noemix)

– Rot und Blau schmückt die Sau (Primärfarben, die gut zusammen passen, gehört von einem Kunstdozenten);

– Gar nicht schreibst du gar nicht zusammen; (Orthographieregel, Nachweis Karfunkelfee);

– Wer brauchen nicht mit „zu“ gebraucht, braucht brauchen gar nicht zu gebrauchen; (Stilregel, Nachweis Karfunkelfee);

– Wein auf Bier, das rat‘ ich dir, Bier auf Wein, das lasse sein. (sozialer Aufstieg, sozialer Abstieg, Nachweis Myriade / freiedenkerin);

– Eichen sollst du weichen, Buchen sollst du suchen (Bei Gewitter, nicht befolgen, weil falsch! Nachweis frauhemingunterwegs);

– Der Bauch von Rex der ist konvex (und der Bauch vom Schaf der ist konkav (Unterscheidung von Wölbungen bei räumlichen Flächen. Nachweis Feldlilie);

– 333 bei Issos Keilerei;
– 123 Rom schlüpft aus dem Ei (Geschichtliche Jahresdaten, Nachweise Feldlilie);

– Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unsere neun Planeten. (Anfangsbuchstaben sind die der PLaneten Merkur Venus Erde Mars Jupiter Saturn Uranus Neptun Pluto, Nachweis Feldlilie);

– Erst das Wasser, dann die Säure, sonst geschieht das Ungeheure (Chemie, Gefahrenvermeidung bei der Verdünnung, Nachweis socopuk);

– Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht und wenn er auch die Wahrheit spricht.(moralisierender Merkvers, der zur Wahrheit verplichten soll. Nachweis tindernes)

– …
Wer kennt vergleichbare Merksätze? (Bitte mit Anwendungsbereich)

Burtscheider Kursplitter IX – Butter wärmen

Mein verstorbener Freund Thomas, der in meinen Texten auftritt als Jeremias Coster, Professor für Pataphysik, war im realen Leben Stadtplaner in Aachen. Er freute sich über jedes Stück Kopfsteinpflaster, das er zu verantworten hatte. Heute hätte er mich sehen sollen, wie ich mit dem Rollator fast am Kopfsteinpflaster der Gasse Adlerberg gescheitert bin. Ich musste nur ein kurzes Stück bergauf hinüber zum Haus E. Als ich noch in Aachen lebte und gut zu Fuß war, haben wir darüber gesprochen, dass eine alternde Bevölkerung Rollbahnen für Rollatoren benötigen würde. Das widersprach seinem Sinn für die Ästhetik der Wegegestaltung.

*
Beim Frühstück fragt ein Mann die Tischnachbarin:
„Beten Sie oder machen Sie die Butter warm?“
„Ich wärme die Butter. Wenn ich beten würde, hätten Sie mich sicher nicht gestört.“
„Klar. Betende soll man nicht aufhalten.“

*
Abenteuer in der eigenen Hose
Weil ich eine ganze Zeit recht unbeholfen war, ist mir die Tücke der Objekte besonders aufgefallen. Hosen beispielsweise, Hosen! Für deren Tücke gibt es einen frühen Beleg. Samuel Pepys schreibt am 6. April 1661 in sein Tagebuch:

    „Mr. Townsend erzählte mir ein Missgeschick, dass er nämlich kürzlich mit beiden Beinen durch ein Hosenbein gestiegen und so den ganzen Tag herumgelaufen ist.“

Ich habe mir das Zitat herausgeschrieben, damals, als die Dinge mir noch gehorchten, weil mir die Sache so absurd erschien. Doch was muss ich sagen? Seit Wochen bietet sich mir bei jeder Umkleide das falsche Hosenbein an. Und irgendwie fehlt mir die spleenige Souveränität, den ganzen Tag so herumzulaufen wie dieser Mr. Townsend. Glücklicher Weise war ich letztens bei der Hilfsmittelberatung. Da wurde demonstriert, dass es für viele Probleme praktische Gerätschaften gib. So bekam ich einen Greifarm, der auch beim Anziehen der Hose hilfreich sein kann.

*
Nochmals zum behänden Prothesenmann:
Dem Kollegen Dieter Kayser war sogleich aufgefallen, dass die Wendung: „(…) bewegt sich so behände auf seiner Prothese“ etwas hat, Kollegin Sabine Spinnradl überlegt, ob es statt „behände bewegende Prothesen-Mann“ … ‚befuße‘ heißen müsste. Mir wurde klar dass dieses Stilproblem erst durch die Orthographiereform aufgeworfen worden ist. Zuvor schrieben wir „behende,“ worin das Substantiv Hand nicht mehr erkennbar war. Die neue Schreibweise „behände“ lässt die Abkunft von Hand erkennen. Es war ja das erklärte Ziel der Reformer, das Stammprinzip und das etymologische Prinzip zu stärken, darum die neue Schreibweise Stängel zu Stange, zuvor Stengel. Der Sprachphilosoph Fritz Mauthner vermutet, dass alle unsere Wörter versunkene Metaphern sind. Wenn eine Orthographiereform das etymologische Prinzip stärkt, wird der Prozess des Versinkens gestoppt, bzw. versunkene Metaphern wie „behende“ [flink, geschickt, gewandt, wendig] bekommen ihren alten Wortsinn zurück „behände“ [geschickt mit den Händen].

Musiktipp
Kashmir-Cover

Burtscheider Kursplitter I – Pfeifen lernen

In der Reha fällt mir das Gehen noch schwer. Deshalb konnte geschehen, dass ich beim Verlassen des Speiseraums etwas hörte, was unter normalen Bedingungen meine Aufmerksamkeit gefesselt hätte. So aber bekam ich nur Fetzen eines Berichts mit. Zwei ältere Frauen sitzen sich beim Abendessen diagonal gegenüber, getrennt durch eine Glasscheibe. In meinem Rücken sagt eine: „Als Kind wollte ich unbedingt „Flöten“ [Pfeifen] lernen. Ich bin zum Bauern gegangen und habe nur noch Flötekies [Quark] gegessen. (…) Wie die Geschichte weiterging, kann ich nicht sagen. Derweil ich zum Aufzug humpelte, spulte der Besserwisser in mir ab, dass der Erfolg mäßig gewesen sein musste.

Denn Flötekies = Flötekäse ist ein altes Wort für Quark. Der erste Bestandteil dieses Wortes, das ausgestorbene Verbum ›Flöten‹, bedeutete ursprünglich: den Quark durch Rühren wieder fließend (flott) machen. Da die Grundform „Flöten“ im Rheinland außer Gebrauch kam, wurde der Ausdruck Flötekies nicht mehr verstanden; seine ursprüngliche Bedeutung ging verloren. Deshalb setzte eine volksetymologische Umdeutung ein: Das nicht mehr verstandene Wort Flöten wurde mit Pfeifen gleichgesetzt. So kam es zur volkstümlichen Auffassung, durch den Verzehr von Quark würde man pfeifen lernen.

Als ich Kind war, hörte ich die Behauptung, aber da ich Quark nicht mochte, verzichtete ich auf Virtuosität im Pfeifen. Leider habe ich die Sprecherin nicht gesehen und kann sie nicht nachträglich nach ihren Erfahrungen befragen. Vielleicht wäre aus ihr beinah eine bekannte Kunstpfeiferin geworden wie damals Ilse Werner, wenn der Quark nicht versagt hätte.

Armer Paul

Das deutsche Substantiv teilt sich in Name und Klassenbezeichnung. Gelegentlich kann ein Name durch Zusammensetzung zur Klassenbezeichnung werden, beispielsweise Orientierungsklaus, Vollhorst und viele mehr. [Deonyme] Gestern begegnete mir ein anderer Fall der Wandlung, nämlich Name zum Verb: „Es gibt auch Kollegen, die ihre Fahrgäste anpaulen, weil sie nur eine Kurzstrecke fahren wollen“, sagte der Taxifahrer. Ich weiß nicht, ob ich das Verb „anpaulen“ schon kannte, aber mir war sofort klar, was es bedeutete.

Das Wort scheint aus dem studentischen Milieu zu stammen, wie eine kurze Internetrecherche ergab. Leider habe ich derzeit keinen Zugriff auf meine Bücher, also auch nicht auf Nachschlagwerke wie Wörterbücher. Oberflächlich betrachtet, wird bei „anpaulen“ der Name Paul zum Verb „paulen.“ Man fragt sich, was gerade Paul prädistiniert, zum Synonym für anmeckern zu werden. „Anpaulen“ ist vermutlich eine Intensivbildung zu „maulen, anmaulen.“ Gewiss gibt es weitere Namen, die als Verb Verwendung finden. Über Vorschläge freue ich mich.

anpaulen, jemanden anmaulen [Herkunft dunkel];
wulfen, sich Vorteile verschaffen [nach dem Exbundespräsidenten Christian Wulff];
lumbecken, Klebebindung [nach dem Erfinder, dem Buchdrucker Emil Lumbeck];
verballhornen, verschlimmbessern [nach dem Lübecker Buchdrucker Johann Ballhorn];
kneippen, Kaltwassertherapie [nach Sebastian Kneipp];
röntgen, Durchleuchtungsverfahren [nach Wilhelm Conrad Röntgen];
hänseln, Initiationsritus zur Aufnahme in die norddt. Handelsgemeinschaft Hanse;
genschern, beim Doppelkopf mitten im Spiel d. Partner wechseln (Nachweis eimaeckel);
googeln, Netzrecherche mittels Suchmaschine [nach der dominanten Suchmaschine Google];
müllern, Torschüsse aus unmöglichen Positionen [nach Gerd Müller], Nachweis noemix;
baerbocken, Lebenslauf manipulieren, ungeschicktes Krisenmanagment, [nach Annalena Baerbock], Nachweis spraakvansmaak;
hartzen, von Hartz IV leben, nach dem ehemaligen VW-Manager Peter Hartz [Nachweis Susanne]
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