Mit dem Ruderboot von Borkum nach Wangerooge

Kürzlich habe ich recherchiert, ob es in Cuxhaven Buhnen die kuriose Kneipe Aale Peter noch gibt, wo ich im November 2010 auf Forschungsreise eingekehrt bin. Besagter Aale Peter ließ sich am frühen Abend vertreten. Der Vertreter gab an, sein Chef werde bald kommen, er sei noch mit dem Ruderboot vor Helgoland, um die Aalreusen einzuholen. Selbst ich Landratte habe nicht geglaubt, dass jemand im Finstern noch gut 70 Kilometer über die stürmische Nordsee rudern und zeitig eintreffen kann. Als Aale Peter gegen 20 Uhr auftauchte, sah er aus, als wäre er gerade aus dem Bett gekrochen. Trotzdem lautet die Antwort auf die Frage: „Welcher Seemann Liegt Bei Nacht im Bett?“ nicht Aale Peter.

Nachdem wir im letzten Jahr im Teestübchen Eselsbrücken zusammen getragen haben, schickte mir Blogfreundin socopuk ein Büchlein des Dudenverlags mit gesammelten Eselsbrücken. Der Autor dieses launigen Büchleins ist Wolfgang Riedel, Professor für Cultural Studies in Mainz. Da ich kürzlich auf Norderney gewesen bin, interessierte mich besonders die Eselsbrücke: „Welcher Seemann Liegt Bei Nacht im Bett?“, mit der sich Lage und Abfolge der ostfriesischen Inseln memorieren lässt, beginnend von Ost nach West, also: Wangerooge, Spiekeroog, Langeoog, Baltrum, Norderney, Juist, Borkum. Hier der Abschnitt aus dem Buch:

Mich irritiert, dass die Inseln im Merksatz von Ost nach West, also von rechts nach links aufgezählt werden, was ja der bei uns üblichen Leserichtung widerspricht. Den Professor Wolfgang Riedel irritierte offenbar, dass der Buchstabe i für Juist steht. Er findet ein i im Wortinnern („mittiges i, immerhin“). Wohlgemerkt, es geht um ein Buch aus dem renommierten Dudenverlag. Im Impressum zeichnet eine dreiköpfige Redaktion. Wenigstens eine(r) der Beteiligten sollte wissen, dass in der Römischen Capitalis, der Mutter unserer Großbuchstaben, J und I ein Buchstabe sind, I demnach ein Halbvokal war, aus dem sich J erst spät entwickelt hat. Gelesen I, gesprochen J, zeigt sich auf alten Karten an. (aus: Wikipedia)

Nachdem diese Irritation aufgelöst ist, fehlt nur noch ein besserer Merksatz, der die Inseln von links nach rechts benennt, also in der Abfolge Borkum, Juist, Norderney, Baltrum, Langeoog, Spiekeroog, Wangerooge. Wer erfindet einen? Aale Peter und seine weiter bestehende Kneipe müssen nicht vorkommen 😉

Vom Abwerfen beschwerlicher Packen durch Überwindung der Prokrastination

Beinah hätte ich einen Packen abwerfen können, der mich erstaunlich gedrückt hat. Erstaunlich deshalb, weil schon das Heruntergleiten das Trageriemens von einer Schulter mich befügelte. Beschwingt erledigte ich mein Tagesgeschäft und war guter Dinge. Eigentlich habe ich die Prokrastination von Verwaltungsarbeiten einigermaßen im Griff, aber wenn’s um Steuersachen geht, bin ich gelähmt. Wie viel Kraft mir die Sache abgezogen hat, merke ich erst, als sie getan ist. Man muss eine hinaus geschobene Sache in einem unbedachten Augenblick anfangen und nicht denken, dass man die Sache erledigen wird. Das lässt den Dämonen der Prokrastination arglos weiter schlummern.

Bevor er also etwas mitbekam, war die Sache weit genug gediehen, dass ich mir ebenfalls einen Mittagsschlaf genehmigen konnte. Mit dem Aufwachen war mir klar, was noch erledigt werden musste. Ich suchte die Leistungsbescheide von Beihilfe und Debeka hervor und zählte zusammen, was mir diese fürsorglichen Einrichtungen von den Folgekosten meines Beinbruchs nicht erstattet hatten. Da geht es um Tausende. Klein, ja mausklein sind hingegen die Honorare für meine Bücher. Ich listete sie nur auf, weil allein die gesetzlich verlangte Einlieferung aller Bücher bei der niedersächsischen Landesbibliothek meinen Gewinn übersteigt. Die muss ich nämlich selbst bezahlen, anders als die Exemplare für die Nationalbibliothek.

Da fällt mir eine lange prokrastinierte Sache ein, die ich bis eben nicht mehr auf dem Schirm hatte. Da mein Sachbuch „Buchkultur im Abendrot“ von zahlreichen deutschen Universitätsbibliotheken und Bibliotheksverbünden angeschafft worden ist, könnte ich mehr als Tausend Euro Honorar von der Verwertungsgesellschaft (VG) Wort bekommen, wenn ich mir die Mühe machen würde, einen Antrag auszufüllen.

Liste der Bibliotheken im Besitz der Buchkultur – Screenshot – größer klicken!

In Gelddingen bin ich leider schwerbehindert, desgleichen was Selbstvermarktung betrifft. Allein im Wort steckt soviel neoliberaler Ungeist, dass ich kapitulieren muss. Das hindert mich übrigens nicht, ein weiteres Buch zu machen. Unsereins tut so etwas für Gotteslohn, auch als Atheist. Als ich eine Woche auf/in Norderney war, bin ich nicht faul gewesen, sondern habe ein neues Manuskript schräger Geschichten fertiggestellt. Derzeit wird es lektoriert. Einen Titel habe ich noch nicht. Man wird sich noch gedulden müssen. Einstweilen verweise ich auf bereits im Buchhandel erhältliche Bücher.

Ach so, den Packen wurde ich nicht los, weil die Türklingel meiner Steuerberaterin nicht funzte und ich mal wieder mein Mobiltelefon nicht bei mir hatte, so dass ich nicht anrufen konnte, um zu sagen, dass ich vor der Tür stand.

Der Name der Jecken steht an allen Ecken


Früh sinkt am Nachmittag die Dunkelheit herab, Zeit zu lesen. In der Reihe „Teestunde im Teestübchen“ erscheinen unterschiedlich lange Beiträge zu den Bedingungen von Lesen und Schreiben, – ein Bummel durch die Jahrtausende der Schriftkultur, ausgehend von Phänomenen des Alltags. Heute geht es um Ich-war-hier-Marken.

Den „Verein für Sprühschriftpflege“, den Boehncke / Humburg in ihrem Handbuch „Schreiben kann jeder“ schon 1980 erwähnen, hat es nie gegeben. Folglich ist ihr Aufruf gegen den „Sprühschriftverfall“ ungehört geblieben. Auch ihre Richtlinien für eine Sprühschriftdidaktik haben den Weg in die Schulen nicht gefunden. Mehr als 40 Jahre ungeschultes und mithin ungekonntes Sprühen ist das traurige Ergebnis, das uns überall begegnet. „Ja, sollen denn unsere Schulen noch zum Beschmieren (Taggen) der Hausfronten anregen?“, wird mancher entrüstet fragen, dem diese modernen Großstadtchiffren ein Dorn im Auge sind.

Eben nicht, denn erfahrene Pädagogen wissen, dass junge Menschen die Lust an einer Sache verlieren, sobald sie Thema des Unterrichts wird, besonders, wenn der anarchischen Praxis ein historischer Abriss vorangestellt wird, in dem auch noch Goethe vorkommt. Um die jugendlichen Sprüh-Anarchisten zu ködern, beginnen wir mit einem Werk der Punk-Dichterin Diana Ozon aus Amsterdam Klik, Klik Klik Klik – kogellager in spuitbosblik:

Größer: Klick!

Mit „Höhlengemälde im Sudan, Urtiere von Lascaux“ ist der schulische Anspruch mehr als eingelöst, immer bei Adam und Eva zu beginnen. Die Höhlengemälde sind gewiss älter als die beiden, da die Welt laut kreationistischer Bibel-Exegese grad mal 6000 Jahre alt ist. Nur wenig jünger sind die derben Klosprüche, die man in Pompeji fand. Aus Gründen der Züchtigkeit können sie hier nicht zitiert werden, außer vielleicht der freimütigen Auskunft einer gewissen Euplia: „Euplia (hat’s) hier mit 2000 netten Männern (getrieben).“ Und schwuppdiwupp sind wir bereits im 14. Jahrhundert. Bekanntlich hinterließ Till Eulenspiegel an den Orten seiner Untaten das dreiste: „Hic fuit!“ (Hier ist er gewesen!). Auch die Gaunerzinken, von den Fahrenden an versteckten Plätzen angebracht, haben den Charakter von Ich-war-hier-Marken.

Im Jahre 1831, an seinem 82. Geburtstag bat Goethe den Geologen Christian Mahr, mit ihm zu einer Jagdhütte auf dem Kickelhahn im Thüringer Wald aufzusteigen, und begründete sein Ansinnen: „Ich habe in früherer Zeit in dieser Stube mit meinem Bedienten im Sommer acht Tage gewohnt und damals einen kleinen Vers hier an die Wand geschrieben, und wenn das Datum darunter geschrieben steht, so haben Sie die Güte und schreiben es mir auf!“
An der Wand der Jagdhütte links des südlichen Fensters stand mit Bleistift geschrieben:

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Freundinnen verschmockter Zeitungsfotografie

Zu den versunkenen Highlights des Blogs Teppichhaus Trithemius bei Blog.de gehört die Rubrik „Standfoto der Woche.“ Dazu wurde wöchentlich ein Zeitungsfoto aus der Aachener Lokalpresse prämiert, um die schwierige Arbeit der Fotografierenden für die Lokalpresse zu würdigen. Der Auftrag lautet Leserbindung, und die formalen Vorgaben sind klar: Die wichtigsten Personen müssen mit dem Anlass der Abbildung zu sehen sein. Diese Zeitungsfotos zeigen inszenierte Wirklichkeit und sind oft ungewollt komisch. Mit dem gestrigen Beitrag über die Kurt-Schwitters-Gedenktafel habe ich den Verein der Freundinnen verschmockter Zeitungsfotografie wiederbelebt und rufe hiermit zur Mitwirkung auf.

Werden Sie Mitglied im Verein, indem Sie ein verschmocktes Foto aus Ihrer Lokalpresse scannen und zusammen mit den wichtigsten Daten (Bildanlass, abgebildete Personen, fotografiert von, Bildquelle Zeitung) an die Redaktion des Teestübchens senden. (Mailadresse im Impressum) Wenn Sie mögen, begründen Sie noch, warum das Foto preiswürdig ist. Zur Anregung ein hübsches Beispiel aus dem Jahr 2008:
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Endgültiger Schimpf auf die Tagesschau, und zwei steinalte Männer quatschen rein

An einem feuchtkalten Novembertag, draußen dämmerte es, und alles war still, da hörte ich im Lüftergeräusch meines Rechners von weit her zwei erregte Stimmen. Es klang wie eine kaukasische Sprache, vielleicht Hurritisch oder Inguschisch. Ich kenne mich nicht aus mit kaukasischen Sprachen und verstand kein Wort. Trotzdem konnte ich nicht umhin, den beiden zuzuhören.
Der Alte wird auf 112 Jahre geschätzt, der andere auf 105. Die beiden sind die letzten Sprecher ihrer Sprache. Lexikon und Grammatik und was man in dieser Sprache wie sagt, dieses Wissen wird mit den beiden Alten im Grab versinken. Sie sind sich nicht grün, genauer, sie hassen sich. Der vermeintlich Ältere führt das Wort. Er sagt:

„Werde du erst einmal so alt wie ich. Hör mir zu, hör mir zu. Gegen mich bist du ein Kalb, noch nass von Blut und Schleim.

„Was?!“, ruft der andere, „Ich saß schon auf dem Pferd, da hast du noch in deiner Mutter gesteckt, du Sohn eines Esels!“

So geht es hin und her. Jeder will nicht der vorletzte, sondern der letzte seiner Sprache sein. Deshalb wünschen sie sich gegenseitig die Pest an den Hals, die Krätze, die Seuche, egal was, wenn’s nur dem anderen den Rest gibt. Und zwar pronto. Man weiß ja nie, ob man am nächsten Morgen noch da ist.

Ich frage mich, warum ich mir den Streit zweier Kaukasier anhören muss, dessen Wortlaut ich nur ahnen kann. Vor allem geht’s ja um nichts. Wer tot ist, was kümmert den, wer der letzte oder der vorletzte Sprecher eines ausgestorbenen kaukasischen Dialekts war. Das mindestens sollte man vom Tod erwarten dürfen, – dass einem der Kleinscheiß des Erdenlebens endlich egal ist. Vergessene Idiome vergangener Bergvölker, wie weit man den Verschluss einer Thermokaffeekanne aufdrehen darf, um sich und die Tischdecke nicht einzusauen, oder wann die Tagesschau kommt, das alles soll nach dem Tod weg sein.

Besonders Tagesschau und Tagesthemen. Viele Deutsche halten den Tagesschausprecher für den Regierungssprecher, habe ich mal gelesen oder gehört. Oder ich hab’s mir ausgedacht. Ich weiß es jedenfalls. Tagesschausprecher haben etwas erdrückend Offizielles. Es ist grad so, als würde einem hochamtlich die Welt erklärt. Um unsere schwächliche Urteilskraft nicht zu überfordern, sagt man uns das Allerwichtigste und wie wir darüber zu denken haben. Die Botschaft: Ihr Wichtl, wir sagen euch jetzt, wo der Hammer hängt. An deiner kleinen Tür hängt er nicht. Er hängt an den Portalen der Ministerämter und Palästen, und manchmal schwebt er zu euren Köpfen oben hoch am Finanzhimmel. Dann ist’s quasi göttlich. Wir zeigen euch die Auftritte von Herrschern, wie wichtige Köpfe wichtige Sachen sagen, Tagungsorte von außen mit Zoom auf die Fenster, wie’s Wetter wird und was es an der Börse zu spekulieren gibt. Zieh dir das rein, dann weißt du Bescheid.

Während ich schreibe, horche ich nebenher zum Lüfter hin. Die beiden Kaukasier sind verstummt. Nicht da. Sozusagen weg oder sogar fort. Ich hatte schon befürchtet, das würde jetzt eine Daily Soap: „Der letzte Ingusche und obendrein der vorletzte.“ Und ich müsste die Folgen hören, wann immer ich am Rechner sitze. Dann packt mich am Ende das Pflichtgefühl, und ich versuche, die aussterbende Sprache aufzuzeichnen. Daran verzweifele ich, denn ich weiß nicht mal, wo genau die Wortgrenzen sind. Und für einige Laute, aus zwei zahnlosen Mäulern gespuckt, gibt es im Alphabet kein Schriftzeichen, das sie annähernd wiedergibt. Nach Jahren entbehrungsreicher Arbeit werde ich erst fertig damit. Dann zeige ich meine Forschungsergebnisse, und keine Sau will’s wissen.

Noch mal Glück gehabt.

Kundenschall

Biologen fangen Wildtiere ein, tackern ihnen einen Chip ans Ohr und lassen die verstörten Tiere wieder laufen. Hernach können die Biologen die Wege der Tiere verfolgen und bekommen Auskunft, wie groß deren Streifrevier ist. Letztens sah ich im Fernsehen, wie sogenannte Wildhüter in den Alpen eine Gams einfingen und ihr eine Ohrmarke verpassten. Man ist geneigt zu glauben, es wäre im Dienste der Tiere. Aber es ist doch ein grausamer Akt, was nur auffallen würde, wenn da außerirdische Wildhüter kämen, um Menschen zu fangen, weil sie ihnen unbedingt was ans Ohr tackern wollen, im Dienste der intergalaktischen Wissenschaft und voll im Einklang mit dem Artenschutz. Sagen die. Yo.

Das Streifrevier des Menschen definieren jene intergalaktischen Wildhüter als die Straßen und Orte, die er gewohnheitsmäßig aufsucht, wobei nächtliche Aktivitäten dazugehören. Ausgeschlossen wären demnach touristische Fernreisen, eingeschlossen die Wege der Handelsreisenden, Hausierer, Scherenschleifer und Kesselflicker sowie der Fahrenden und Kirmesleute. Über die Wege der letztgenannten wissen selbst die intergalaktischen Verhaltensbiologen wenig.

Als junger Mann verliebte ich mich in ein Mädchen von der Schießbude. Nein, ich hatte es mir nicht geschossen, sondern von der Schießbude weg ins Kirmeszelt zum Tanz entführt, wo die besoffenen Schützenbrüder große Augen machten. Sie hatten vorher nicht wissen können, dass die junge Frau auch Beine hat, denn sie hat ja immer hinter der Theke der Schießbude gestanden und Gewehre geladen. Die Dorfschönheiten guckten neidisch, weil das Mädchen von der Schießbude in seinem duftigen Sommerkleid alle an Schönheit übertraf. Die Dorfgemeinschaft schüttelte über mich den Kopf, denn einem Mädchen von der Schießbude macht man im besoffenen Kopf anzügliche Bemerkungen, aber man führt es nicht zum Tanz. Ich bin ihr noch einige Wochen von Dorfkirmes zu Dorfkirmes hinterher gereist, aber unsere Streifreviere waren nicht kompatibel. Sie fuhr mit ihrer Schießbudenfamilie immer weiter, bis sie für mich unerreichbar wurde.

Foto: JvdL


Viel später als Lehrer in Aachen fuhr ich an Wochentagen mit dem Rad von meinem Haus am Aachener Stadtrand über eine alte Bahntrasse zum Gymnasium in Kornelimünster. (Im Bild, der Viadukt, der zu überqueren war, geknipst von mir.) Zudem fuhr ich mehrmals wöchentlich mit der Rennmaschine durch die Region. Mein Streifrevier war demgemäß ziemlich groß.

Da ich derzeit noch nicht Rad fahre, ist mein Streifrevier unter der Woche klein. Selbst wenn ich es ausdehne und einen für mich weiten Fußweg gehe wie heute morgen zuerst zum Glascontainer auf der Badenstedter Straße, weiter zum Lindener Markt, hinein in die Bäckerei auf der Ecke, um zu frühstücken, weiter über den Lichtenbergplatz, die Wittekindstraße hinauf, über die Dieckborn- und Rampenstraße zum Aldi-Supermarkt und hindurch, zurück nach Hause, ist mein Streifrevier kaum zwei Quadratkilometer groß. (Die detaillierten Angaben habe ich gemacht, weil ich keine Ohrenmarke habe und die digitale Ohrenmarke, das Smartphone, zu Hause gelassen hatte.)

Mein imaginäres Streifrevier ist dagegen unendlich groß. Wann immer ich etwas geschrieben habe, was mir selbst gefällt, lebe ich für Stunden in dieser für mich neuen Welt, wandere noch lange die Zeilen entlang. Hurtig bummle ich durch die Buchstabenreihen und halte nach Fehlern Ausschau, ändere hie und dort was, wie der übermütige Wandersmann ab und zu mit seinem Stecken eine Brennnessel am Wegesrand köpft. Später freue ich mich über gelegentliche Mitwanderer, Gefährten quasi, obwohl in diesen Streifrevieren keine echte Gefahr droht, bin ein Fahrender, ein Kunde in meiner Phantasie. Zuvor aber, wenn ein Text im Entstehen ist, kann ich beliebige Wege anlegen, kann mich beispielsweise vom Wort „Kunde“, in der frühneuhochdeutschen Bedeutung „Bekannter, Vertrauter“ oder in der rotwelschen Bedeutung: „ein Fahrender, der eine Gegend zum 2. Mal bereist hat“, auf einen geheimen Pfad leiten lassen, den nur Fahrende gehen, die sich auskennen.

Ich kann einer fast überwucherten Karrenspur folgen, auf dem mir bald ein Gespann entgegen rumpelt. Ich trete zur Seite, sehe die seitliche Klappe und erkenne, dass es ein Kirmeswagen ist, der, wenn er aufgestellt und die Klappe geöffnet wurde, zur Schießbude wird. Ich bin noch jung, abenteuerlustig und winke dem Mädel auf dem Kutschbock zu. Sie lächelt, ruft etwas und ich antworte ihr in der selben Geheimsprache, genannt Kundenschall, besser bekannt als Rotwelsch, Sprache der Fahrenden. Sie schaut zurück und winkt verlockend. Da springe ich hinterher, klettere zu ihr auf den Kutschbock und …

Gerne hätte ich noch etwas über Kundenschall geschrieben, über Gaunerzinken, über Sondersprachen, über das Jugendwort des Jahres, die Tagesschau, doch das Mädchen mahnt, dass die Wegbegleiter schon müde sind und zurückbleiben.

Ein bisschen Grammatik mit Gott

Ein Plakat in der U-Bahn Hannover zwingt, über Grammatik nachzudenken. Eigentlich geht es aber um Wahrnehmung, besser um eine Falschnehmung, die Auskunft gibt, über meine innere Struktur als verstockter Ungläubiger. Ich sitze friedlich in der U-Bahn Linie 9 Richtung Fasanenkrug, da wischt im Bahnhof Sedanstraße/Lister Meile ein weiter unten abgebildetes Plakat vorbei. Ich habe es als Bildbeweis auf der Rückfahrt fotografiert geknipst. Der Slogan: „Ich bete, weil das Gespräch mit Gott kein Monolog ist“, soll zum Ausdruck bringen, dass der /die Betende nicht etwa nur mit sich selbst redet, sondern dass da irgendwo unbegreiflich ein höheres Wesen namens Gott mithört. Dann bliebe das Gebet zwar immer noch Monolog, aber es bestünde die Möglichkeit, dass dieser Gott antwortet, also in einen Dialog eintritt, wie er sich ja auch Moses in einem brennenden Dornbusch offenbart hat. Allerdings wäre der im U-Bahnhof Sedanstraße/Lister Meile zu gefährlich.


Formal handelt es sich bei „Ich bete, weil das Gespräch mit Gott kein Monolog ist“ um einen Gliedsatz, genauer um einen Kausalsatz (des Grundes), erkennbar an der Konjunktion „weil.“ Der Gliedsatz besteht aus einem Haupt- und Nebensatz, der mit einem Komma abgetrennt ist und durch eine unterordnende Konjunktion inhaltlich mit dem Hauptsatz verbunden ist.

    Satzbauplan: [Hauptsatz] ich [Subjekt] + bete [Prädikat], + [Nebensatz] weil [Konjunktion] + das Gespräch mit Gott kein Monolog ist .

Nachdem das geklärt ist, folgt jetzt meine Falschnehmung. Im Vorbeifahren las ich nämlich etwas anderes, genauer statt der Gliedsatzkonjunktion „weil“ die Gliedsatzkonjunktion „dass“, also: „Ich bete, dass das Gespräch mit Gott kein Monolog ist“, womit der Satz etwas Schillerndes bekommt, sinngemäß: Ich bitte Gott darum, dass es ihn gibt.

„Ich bete, dass das Gespräch mit Gott kein Monolog ist“ hätte in etwa die rekursive Qualität des Lichtenberg-Zitats: „Ich danke es dem lieben Gott tausendmal, dass er mich zum Atheisten hat werden lassen.“

Ja, ich auch.

Ein bisschen Grammatik – Diminutivsuffixe

Heute in der Bäckerei, ich bestellte ein Brötchen und ein Hörnchen, was für einen Rheinländer eine kleine Herausforderung ist, nicht weil wir Angst vor derlei Backwaren hätten, sondern weil das Suffix -chen manchmal wie -schen zu klingen beliebt. Grundschulkinder lernen: „-chen und -lein machen die Dinge klein“ Diese Verkleinerungssilben heißen fachsprachlich „Diminutivsuffixe“, wobei -chen im Norden Deutschlands häufig ist, -lein und seine Nebenformen -le, -el, -l, -li eher im Oberdeutschen vorkommen. Die Grenze ist allerdings fließend. „Tischlein deck dich“ heißt aus Gründen des Wohlklangs so, denn „Tischchen“ wäre von Rheinländern wie mir nicht sauber auszusprechen. „Menschlein“ geht mir auch besser über die Zunge als „Menschchen. In einigen Fällen hilft das spaßhaft eingeschobene zweite Diminutivsuffix -el; die kleine Sache, ein „Sächelchen.“

Einige Verkleinerungsbildungen werden nicht mehr als solche erkannt; das Suffix ist mit dem Wort verschmolzen, etwa:
– Mädchen (die kleine Magd),
– Veilchen (zu lat. Viola),
– Märchen (die Mär, das Märe),
– bisschen (der kleine Bissen), unkenntlich wegen Kleinschreibung;
– Fräulein/Frollein (landschaftl.); die feste Verbindung wird inzwischen als diskrimierend empfunden.

Zu einigen Wörtern gibt es kein vergleichbares Gegenstück in der Großform:
– Gummibärchen,
– Teilchen (Gebäck),
– Fleißkärtchen,
– Strichmännchen,
– Hörnchen,
– Müsli,
– Gipfeli (Schwiizerdütsch) für Croissant;

Die kindischen Verkleinerungsbildungen:
– Herrchen,
– Frauchen,
– Stöckchen …
sind eher sondersprachlich. Wir finden sie im Sachbereich Hundehaltung. Da gib es dann auch
– Leckerli.

Am Nachmittag hätte ich gern ein Teehörnchen.

Die obszöne Leichtigkeit des digitalen Schreibens

In meinem Wohnzimmer steht kaum beschattet von meiner Zimmerpalme Josie auf einem Hocker zur Dekoration die alte Halda-Schreibmaschine. Von ihr habe ich an anderer Stelle schon berichtet. Leider ist sie seit Jahrzehnten defekt. Als meine Kinder noch klein waren, haben sie die Zeitung Winkelblick für unser Sträßchen gemacht, genannt nach dem Straßennamen. Das Gartenhaus war die Redaktion, und das Produktionsmittel war die Halda. Da für mich die Computerzeit angebrochen war, überließ ich die Halda gern dem Redaktionsteam.

Heute bedauere ich, dass die Halda solchen Strapazen ausgesetzt war und defekt ist. Sie zu restaurieren wäre gewiss teuer. Aber mich drängt, wieder auf einer Schreibmaschine zu schreiben. Es ist ein ehrlicher Schreibvorgang. Jeder Buchstabe steht auf dem Papier, wo ihn der Typenhebel hingeschlagen hat. Ihn zu tilgen, ist aufwendig, also muss man sich beim Schreiben beizeiten sammeln.

Das digitale Schreiben ist Probehandeln, erlaubt das spurlose Tilgen von Denkansätzen, Umstellen, Löschen, mithin Zurechtkneten eines Gedankens, der zuvor etwas Ungefähres war. In den Anfängen des digitalen Schreibens wurde es überschwänglich gelobt. Segensreich für die Überwindung von Schreibblockaden fand die Süddeutschen Zeitung (SZ) im Juni 1989 die digitale Textverarbeitung. Digitales Schreiben sei kreativ, weil es nie „statisch“ sei.
Im Jahr 1989 mochte ich der SZ Recht geben, obwohl die Wendung „was Sie sich ‚eigentlich‘ gedacht haben“ ein ziemlicher Quatsch ist. Es gibt hinter dem Denken kein Hinterstübchen, wo alles „eigentlich“ schon gedacht ist, bevor man es schreibend in die Welt entlässt. Es gibt Absichten, etwas mitzuteilen, aber es muss bedacht werden. Trotzdem war ich von den Möglichkeiten der Textverarbeitung angetan, führte jedoch noch zehn Jahre ein Tagebuch mit der Hand. Beim heutigen Durchblättern beschleicht mich das ungute Gefühl, dass ich in dieser Zeit subtiler und tiefer über die Phänomene des Lebens nachgedacht habe. Heute weiß ich mehr, habe mehr Schreibpraxis, aber könnte es sein, dass mein Denken kurzatmiger geworden ist? Der Wechsel von Handschrift oder Schreibmaschine zur Textverarbeitung ist nicht nur ein Wechsel des Schreibgeräts. Er hat die Anforderungen an das und mithin das Denken verändert.

Digitale Textverarbeitung kommt mir in seiner Leichtigkeit obszön vor, denn es entspricht nicht meiner derzeitigen Lebenswirklichkeit. Das Aufstehen vom Sitzen ist mühsam, Treppensteigen eine Herausforderung, Gehen ermüdend und manchmal schmerzhaft. Es ist eine Auseinandersetzung zwischen meinen Absichten und dem Widerstand der Welt. Sollte Schreiben nicht auch eine Auseinandersetzung mit Material sein, um das Denken in großen Zusammenhängen einzuüben? Ich lasse mich ja auch nicht mit dem Fahrstuhl transportieren und glaube, ich trainiere Treppensteigen.

Ich will mir eine funktionierende mechanische Schreibmaschine zulegen und Stempel auch.

Musiktipp
Admiral Freebee
Too Much Of Everything

Das achte Brot


Der britische Ethnologe und Medienwissenschaftler Jack Goody berichtet in Entstehung und Folgen der Schriftkultur, Frankfurt 2003, vom Fall eines afrikanischen Boten, der acht Brote nebst Begleitbrief in eine Missionsstation bringen sollte. Unterwegs bekam er Hunger und aß ein Brot. In der Station fragte ihn der Priester, wo das achte Brot geblieben sei. Der Bote fragte erstaunt zurück, woher der Priester vom Brot wisse.
„Der Brief hat es mir erzählt.“

Bei einem erneuten Botengang konnte der Bote seinen Hunger nicht zügeln und aß wieder ein Brot. Zuvor versteckte er den Brief, damit er ihn nicht beobachten und verraten konnte. Letztlich verhält sich der heutige Mensch gegenüber der digitalen Technik nicht klüger als der illiterale Bote beim Erstkontakt mit dem Schriftmedium.

„Jules van der Ley, Privatadresse!“, sagte jüngst mein ältester Sohn, als er mich mit dem Auto abgeholt hatte und nach Hause fahren wollte. Prompt nannte eine wohlklingende Frauenstimme meine Adresse und gab Anweisungen, wie zu fahren wäre, was noch auf einem Bildschirm angezeigt wurde.
„Woher kennt die Frau meine Adresse“, fragte ich naiv. Ähnlich naiv reagierte ich, als ich bei einem Touchscreen eine Satzphrase mit den Finger ausgeschnitten hatte und an anderer Textstelle einfügte. Da konnte ich mich nicht der Vorstellung erwehren, die Phrase wäre zwischenzeitig in meiner Fingerkuppe gespeichert gewesen. Der Mensch ist nur an das Analoge gewöhnt. Deshalb kann die digitale Technik irritieren.

Die Frauenstimme des Navigationssystems trägt den Namen Siri. Der Name ist eine Reminiszenz ans Analoge. Siri und ihre Stimme gehören zur sogenannten Benutzeroberfläche. Das Wort gibt einen Hinweis darauf, dass es etwas unterhalb der Oberfläche gibt. Unter dieser Oberfläche beginnt für die meisten Menschen die Fremde, eine hermetische Einöde aus mathematischen Daten und Algorithmen, also Anweisungen, wie die Daten zu verarbeiten sind. Das unterscheidet das gedruckte oder geschriebene Adressbuch vom digitalen. Auch das Adressbuch gibt eine gewünschte Auskunft. Es spricht zu dem, der die Schriftzeichen zu lesen versteht. Doch es fehlt die Tiefenstruktur. Die Seiten eines Adressbuches sind nur Benutzeroberfläche. Demgemäß leitet das Adressbuch hinter unserem Rücken keine Daten weiter und handelt nicht mit ihnen, ohne dass wir es merken.

Die Schriftzeichen, aus denen dieser Text besteht, sind ebenfalls eine Vorspiegelung auf der Benutzeroberfläche. Darunter besteht er aus mathematischen Daten und Algorithmen. Doch das Wort „besteht“ ist irreführend. Es verschleiert, dass wir es nur mit elektronischen An-Aus-Zuständen in Speicherzellen zu tun haben.

Ein Großteil unserer Geschäftspost, digital und analog gehört inzwischen zur Benutzeroberfläche digitalisierter Verwaltungs- und Geschäftsvorgänge. Selbst wenn eine veranlassende Person genannt ist, gehört sie ebenfalls zur Oberfläche. Wenn in derart automatisierten Verfahren etwas schief läuft, wird es immer schwieriger, einen menschlichen Veranlasser zu finden, mit dem sich über eine Angelegenheit verhandeln lässt. Indem reale Personen aus derartigen Vorgängen verschwinden, machen wir uns das Dasein nicht einfacher, sondern die Welt wird für den Einzelnen unerbittlich.