Nachrichten aus der Ferne

In der Zeit vor Internet und Mobilfunk war Fernkommunikation abseits von Briefpost nur eingeschränkt möglich. Als Kind konnte ich über Wiesen hin das 200 Meter weiter weg liegende Haus eines Freundes sehen. Wir verabredeten eine Uhrzeit am Abend und sandten uns Lichtzeichen mit der Taschenlampe. Faszinierend fand ich auch, dass ich mal einen Luftballon mit angehängter Adresse gefunden habe. Die Anschrift war leider unleserlich, weil das Kärtchen zu lange im Regen gelegen hatte. Ausgefeilter war die Fernkommunikation meines ältesten Sohnes. Mit 16 wurde er Funkamateur, wozu er eine Prüfung bei der Post ablegen musste, die damals noch das Fernmeldemonopol hatte. Über eine 20 Meter hohe Antenne in unserem Garten funkte er nächtens um den Erdball. War ein Kontakt zustande gekommen mit einem Funkamateur am anderen Ende der Welt, sandten sie sich gegenseitig eine sogenannte QSL-Karte, mit der der Kontakt bestätigt wurde.


Die Zugriffe aus anderen Ländern sind auch hübsch.

Was mich weiterhin fasziniert, sind die Länderangaben in der WordPress-Statistik. Seit dem 15.08. verzeichnet meine Statistik „Sonderverwaltungszone Hongkong.“ Auf irgendeinem Bildschirm, Computer, Tablet oder Smartphone erscheint mitten in Hongkong das Teestübchen. Ist doch irre. Schade, dass es keine QSL-Karte dafür gibt.

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Konvention und Konfusion im journalistischen Bild

Ein journalistisches Produkt unserer Breiten zu lesen, erfordert nicht nur die Kenntnis des Alphabets, sondern auch das Wissen über zeichenhafte Elemente, die nicht ausdrücklich genannten Konventionen folgen. So wird das Alter einer im Text genannten Person mit einer Zahl in Klammern hinter dem Namen angegeben, beispielsweise Colin Kaepernick (31). In Bildunterschriften werden Personen in der Regel von links nach rechts bezeichnet. Die Bildunterschrift bei Tagesschau.de hat man wohl den Schülerpraktikanten machen lassen:

aus: Tagesschau de 04/09/2018


https://www.tagesschau.de/ausland/kaepernick-werbung-101.html

Vom Himmelsbrief zum Hermann-Kuchen – Kurze Geschichte des Kettenbriefs

HIMMELSBRIEF, der, göttliche Luftpost, Offenbarung, die vom Himmel gefallen ist. Einen Himmelsbrief besaß auch Aldebert aus Gallien, der schon zu Lebzeiten im 8. Jh. vom Volk als Heiliger verehrt wurde, den der Hl. Bonifatius aber einen „betrügerischen Geistlichen, Irrlehrer, Schismatiker, Diener des Satans und Vorläufer des Antichrists“ nannte. Aldebert, dem besonders viele Frauen nachliefen, dessen Nägel und Haare von seinen Anhängern als Heiligtümer verteilt wurden, verfügte über ein Schreiben von Jesus Christus, das in Jerusalem vom Himmel gefallen und vom Erzengel Michael aufgehoben worden sei. Weiterlesen

Bliss Symbole – eine nicht-alphabetische Schrift

Es gibt in China 17 verschiedene Sprachen, die wiederum eine Unzahl von Dialekten kennen. Wie können sich die Chinesen dann überhaupt verständigen? Das Verbindende ist die Schrift. Sie bildet nicht den Sprachlaut ab wie die Alphabetschrift, sondern besteht aus Bildzeichen, die wiederum für Ideen stehen. Beispielsweise steht die abstrahierte Darstellung von zwei Frauen unter einem Dach für „Streit.“ Wenn es um Gendergerechtigkeit geht, hat die chinesische Schrift also noch Potential 😉 Doch darum geht es hier nicht. Es geht um das Prinzip der chinesischen Schrift, dass die Zeichen in allen chinesischen Sprachen unterschiedlich gesprochen werden, vergleichbar den Zahlzeichen unserer Schrift, die ja auch je nach Sprache völlig anders ausgesprochen werden. So müssen Chinesen nicht die verschiedenen chinesischen Sprachen und Dialekte lernen, sondern „nur“ etwa 10.000 Schriftzeichen. Es gibt wesentlich mehr Zeichen, aber die 10.000 sollten reichen, ein Plakat oder eine Zeitung zu lesen. Die Schriftzeichen sind übrigens im chinesischen Lexikon nach der Anzahl ihrer Striche geordnet.

Diese Kenntnis erlangte der österreichische Jude Charles Kasiel Bliss, als ihn die Flucht vor nationalsozialistischer Verfolgung nach Shanghai verschlagen hatte. Bliss war von der chinesischen Schrift fasziniert, und er kam auf die Idee, ein vergleichbares Symbolsystem zu entwickeln, das international verstanden werden kann und wie die Plansprachen Esperanto, Ido, Volapük und dergleichen der Völkerverständigung dienen sollte. 1949 veröffentlichte Charles Bliss in Australien sein Werk „International Semantography: A non-alphabetical Symbol Writing readable in all languages“ (Semantografie: Eine nicht-alphabetische Symbolschrift, die in allen Sprachen lesbar ist).

Das hohe Ziel hat sich nicht bewahrheitet. Die Idee, über künstlich geschaffene Sprachen oder Zeichensysteme die Völkerverständigung zu fördern, scheitert am Desinteresse und dem Egoismus der Völker und ihrer führenden Politiker. Als international verständliche Bildzeichen sind inzwischen die Piktogramme in Bahnhöfen, Flughäfen oder bei Sportveranstaltungen gebräuchlich. Sie wurden in der uns bekannten Form vom Grafiker Otl Aicher für die Olympischen Spiele 1972 in München entworfen und seither beständig weiterentwickelt.
Doch mit Piktogrammen lassen sich keine komplexen Aussagen machen, denn sie sind als abbildhafte Zeichen zwar unmittelbar verständlich, können aber nur konkrete Sachverhalte verdeutlichen. Die Bedeutung der komplexeren Bliss-Symbole muss man lernen.

Bliss-Symbole werden heute beispielsweise für die Kommunikation mit Gehörlosen eingesetzt. Für Gehörlose ist die Alphabetschrift ungeeignet, weil sie ja den Sprachlaut abbildet. Auf einem Computer mit zwei Terminals und zweiseitigem Bildschirm wird auf der einen Seite ein Text in Alphabetschrift eingetippt und angezeigt, der auf der anderen Seite dem Gehörlosen in Bliss-Symbolen erscheint und umgekehrt. Eine Erleichterung für alle Beteiligten.

An Bliss-Symbole musste ich denken, als socopuk folgenden Text veröffentlichte:
Ich schrieb ihr, dass es aus diesem Dilemma, aus dem Land ohne Buchstaben schriftlich nichts mitteilen zu können, den Ausweg über Bliss-Symbole gäbe, worauf mir socopuk vorschlug, drei „einfache Sätze“ ihres Reiseberichts in Bliss-Symbolen darzustellen. Leider habe ich Bliss-Symbole nicht gelernt, und im Internet sind nicht alle Symbole verfügbar. Aber das System kann ich vorstellen und ich habe auch socopuks Bericht darstellen können, wobei ich für die Richtigkeit nicht garantieren kann.

Ich sitze im Wald.
Ich fliehe vor den Buchstaben.
Ich höre die Schritte meiner Seele.

Das Gestaltungsprinzip ist die auf einfache Formen reduzierte Darstellung. Das unterscheidet die Bliss symbols von modernen Piktogrammen, den emojis, auf die Videbitis in seinem Kommentar hinweist. Deren Vorform, die emoticons, haben auch ein reduziertes Repertoire, waren zuerst nur Satz- und Sonderzeichen. Erst HTML-Interpreter wandeln sie in Bildzeichen.

Zurück zu den Bliss-Symbolen und zu meinen Versuch, socopuks Sätze darin zu übersetzen:
Im 3. Beispielsatz ist das Symbol für Gefühl (Herz) mit Seele gleichgesetzt. Im 2. Satz habe ich für „fliehe“ das „Gehen“-Zeichen gespiegelt und mit dem Zeichen für dislike (siehe Tafel 2) kombiniert. Buchstaben wusste ich nicht anders darzustellen als abc. Da ich das Zeichen für Wald nicht kenne, behalf ich mir in Satz 1 mit der Verdopplung des Zeichens für Baum. Mehr Information über Bliss symbole hier.

Der Wetterexperte rät: In der Mittagshitze keinen schwarzen Wollschal tragen!

Ich gestehe, auch ich habe kürzlich das Wort „Mittagshitze“ benutzt und bin damit auf dem Wissensstand des Frühmittelalters. Das jedenfalls unterstellt der in Ungnade gefallene Wetterexperte Jörg Kachelmann über seinen Twitteraccount den deutschen Medien. Natürlich habe ich den Account von Jörg Kachelmann nicht abonniert. Ich habe meine Twitter-Mitgliedschaft sowieso längst gelöscht. Es gibt aber Leute, die lesen, was Kachelmann via Twitter von sich gibt, beispielsweise der Mediendienst meedia und zitiert Kachelmann: “Deutschland mit dem Wissensstand des Frühmittelalters. Dank Medien auch 2018 im Felde der bildungsfernen Vertrotteltheit und Falschinformation unbesiegt.” Nicht am Mittag sei der Zeitpunkt der größten Hitze, sondern zwischen 17 und 18 Uhr. Es wären darum schon Leute gestorben, twittert Kachelmann. Man denkt an hitzeempfindliche Personen, die mittags brav zu Hause waren und am Nachmittag ganz arglos rausgegangen sind, um einzukaufen. Bautz! Bautz! Bautz! Wieder Opfer der Medien, weil sie ständig von „Mittagshitze“ schwafeln.

Mit Schal in der Mittagshitze – Screenshot via meedia


Mit der Bildmontage eines Kachelmann-Fotos und einem Screenshot der Twitter-Botschaft leistet sich meedia eine subtile Bosheit und zeigt, mit welchen Bandagen gekämpft wird, wobei meedia den Verlust der Glaubwürdigkeit billigend in kauf nimmt. Die absurde Montage entwertet Kachelmanns Aussage. Denn wer ist töricht genug, sich bei 32 Grad einen schwarzen Schal um den Hals zu wickeln? Nur ein Tor. So ein Schal kann gewiss tödlich sein, selbst wenn die sogenannte Mittagshitze zwei bis drei Grad niedriger als die Nachmittagshitze ist. Wer jedoch nachschaut bei Twitter, findet das Foto von Kachelmann mit Schal nicht. Da zeigt er sich im T-Shirt.

Was Kachelmann bekämpft, ist eine sprachliche Floskel, ein Topos. Selbst das Deutsche Wörterbuch, das allgemein zugängliche Sprachlexikon, das am weitesten in die Vergangenheit zurückreicht, verzeichnet ganz arglos sogar die „MITTAGSGLUT“, und unter „MITTAGSHITZE“ finden sich viele literarische Belege, zu Nachmittagshitze aber nicht; nur „NACHMITTÄGIG“ ist verzeichnet, und wer hats verwendet? Wer läuft rum in der schlimmsten Hitze? Goethe: „unsere nachmittägigen spaziergänge.“

Jetzt ist das Deutsche Wörterbuch gewiss nicht frei von Fehlern. Der berüchtigtste: „BLINDSCHLEICHE, eine binde, giftige Schlange.“ Es ist ein viel belachter Fehler der Grimms. Allgemein ist auf unsere Sprache Verlass. Sie enthält die Erfahrungen von Generationen, eingegossen in Wörter oder feste Wortwendungen, so dass ich oft geneigt bin zu denken, die Sprache ist klüger als ihre Benutzer, zumindest klüger als ich, was natürlich nur ein Bild ist, denn Klugheit unterstellt ja Absicht, und absichtsvoll ist Sprache nicht, obwohl ihr oft Lebendigkeit bescheinigt wird.

Wieso kennen wir also die Wörter „Mittagsglut“ und „Mittagshitze?“, aber nicht die korrektere „Nachmittagshitze?“ Kachelmanns informative Seite Kachelmannwetter.com weist heute für Hannover folgenden Temperaturbalken aus:

Zum Vergrößern: Klicken

Der Morgen startete um sechs Uhr mit 18 Grad. Was der Mensch als Hitze empfindet, beginnt bei 13 Uhr, nämlich 31 Grad, das ist ein Sprung von angenehmen 18 um 13 Grad auf die schon unangenehmen Grade nahe der eigenen Körpertemperatur. Dass sich zwei Stunden später sogar 33 Grad messen lassen werden, nimmt der unter Hitze stöhnende Mensch kaum noch als Unterschied wahr. Der Mensch ist kein Thermometer. Selbst seine eigene Körpertemperatur kennt er nur ungenau, es sei denn, er würde sie messen. Da der Beginn der gefährlich heißen Phase mit dem Sonnenhöchststand zusammenfällt, ist es nicht falsch, die Wörter MITTAGSHITZE und -GLUT zu verwenden. Außerdem hatte ich „in der größten Mittagshitze“ geschrieben, was ja nicht ausschließt, dass es nachmittags noch heißer war.
Puh, [stirnabwisch]! Noch mal Glück gehabt!

Beckmesser und arme Socken – das Ergebnis unseres Rechtschreibunterrichts — Fehlerwoche (6)

Bei meiner Beschäftigung mit dem Mannheimer Duden (es gab bis zur Wiedervereinigung auch den Leipziger Duden) entdeckte ich in der 19. Auflage von 1986 auf Seite 24 einen Fehler, nämlich „Aufrufezeichen statt „Ausrufezeichen.“ Es war mir ein Vergnügen, diesen Fehler der Dudenredaktion unter die Nase zu reiben. Man hat sich nur schmallippig bei mir bedankt und angekündigt, den „ärgerlichen Fehler“ in der nächsten Auflage zu bereinigen. Auf „die diebische Freude einen Tippfehler gefunden zu haben“, hat Kollegin Mitzi jüngst hingewiesen, was natürlich in erster Linie für Drucksachen gilt. Wo Fachleute am Werk sind, die für ihre Arbeit bezahlt werden, dürfen wir mit Recht korrekte Ergebnisse erwarten. Denn Fehler in Drucksachen ziehen die Aufmerksamkeit auf sich, rufen den Lesenden zu: „Huhu! Hier bin ich!“ und verändern manchmal sogar die inhaltliche Interpretation.

Als im Jahr 1968 die Firma Hulstkamp ihren Korn bewarb mit „Hilft dem Vater auf das Fahrad“, erregte das fehlende R in Fahrrad sofort Aufmerksamkeit. Ich erinnere mich nach nun 50 Jahren noch an Spekulationen, die Fehlschreibung sei Absicht, denn Hulstkamp könne nicht ernsthaft empfehlen, alkoholisiert Fahrrad zu fahren. Der Slogan wurde drum sexuell verstanden. Die Vorstellung, dass Mutter unter einem alkoholisierten Suffkopp ihre ehelichen Pflichten erfüllt, fand man damals noch witzig.
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Plädoyer für Toleranz gegenüber dem Fehler – Fehlerwoche (5)

Den ehemaligen Direktor des Germanistischen Instituts der Uni Hannover, Prof. Dr. Carl Ludwig Naumann kannte ich noch aus seiner Zeit an der RWTH Aachen. Beinahe wäre ich in Hannover sein Doktorand geworden, wenn mich nicht gesundheitliche Probleme ausgehebelt hätten. Naumann hatte sich dem Orthographieunterricht gewidmet, weil die Rechtschreibleistung die einzig objektive Benotung erlaube. Klar, die Anzahl der Rechtschreibfehler im Diktat oder Aufsatz lässt sich ermitteln, aber rechtfertigt das die beinahe pathologische gesellschaftliche Fixierung auf Rechtschreibung?
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