Aus dem Vollen der Wortschatzkiste

Zeitreise ins Jahr 1982. Ich war gerade Lehrer für Deutsch und Kunst an einem Aachener Gymnasium geworden. Obwohl die konkrete Erinnerung fehlt, muss ich mir in diesem Jahr den Duden „Das Fremdwörterbuch“, 4. Auflage, gekauft haben. Das Buch enthält 48.000 Fremdwörter.

Die im Jahr 1986 erschienene 19. Auflage des Duden „Die Rechtschreibung“ hat rund 110.000 Stichwörter. Der hochdeutsche Wortschatz umfasste demnach in den 1980-er Jahren etwa 150.000 Wörter. Da auch der Rechtschreibduden die gängigen Fremdwörter enthält, müssten etwa 10 Prozent Dubletten abgezogen werden.
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Vor einigen Tagen fand ich in der Nachbarschaft einen ausgesetzten Fremdwörterduden, genauer die 9. Auflage 2006, und nahm das Buch mit nach Hause. Ich bin bekanntlich stolzer Besitzer einer Duden-Sammlung. Sie hat einst manches Frauenherz hüpfen lassen, vor allem aber die Philatelisten mit ihren Briefmarkensammlungen allesamt ins Abseits gestellt. Meine Sammlung besteht aus 35 Bänden verschiedener Ausgaben der Duden, von 1905 an. Leider teilt sie das Schicksal mit Sammlungen abgestempelter Briefmarken. Da konnte manche Schönheit die Enttäuschung nicht verhehlen und sagte: „Die Duden-Ausgaben gelten ja alle nicht mehr, sind doch längst überholt.“ So wurde meine prächtige Duden-Sammlung schon oft schnöde entwertet. Ihren eigentlichen Forschungszweck erfüllt sie trotzdem:

Wortschatz laut Duden, 1980-er und 2000-er Jahre, Foto: JvdL

Der Fremdwörterduden 2006 ist um einiges umfangreicher als der 1982-er und enthält nun 55.000 Stichwörter. Der zeitgleiche Rechtschreibduden, 24. Auflage 2006, enthält 130.000 Stichwörter. Der deutsche Wortschatz wäre demnach in einem viertel Jahrhundert auf 185.000 Wörter angeschwollen. Natürlich hat sich in dieser Zeit das menschliche Wissen vervielfältigt; durch die Globalisierung sind fremde Kulturbereiche uns näher gerückt. Besonders die Digitalisierung hat eine Fülle neuer Begriffe hervorgebracht. Der erweiterte Wortschatz deutet darauf hin, dass unsere Sprache höchst lebendig auf veränderte Weltläufe reagiert.


Ein großer Wortschatz erlaubt dem Einzelnen die differenzierte Erfassung der Welt; vorausgesetzt, die lexikalische Zunahme spiegelt sich in seiner Sprachkompetenz. Trotzdem fällt mir beim Anschwellen unseres Wortschatzes ein, worauf der Altertumsforscher Werner Ekschmitt schon 1968 hingewiesen hat. Er beschreibt die Bibliothek von Alexandria, die vor ihrer Zerstörung geschätzte 400.000 Papyrusrollen enthalten haben soll. Für Ekschmitt ist das Anwachsen der Textproduktion ein Zeichen für untergehende Kulturen. Die Menschen untergehender Kulturen könnten die Wörter nicht mehr bei sich behalten. Nicht nur anschwellende Textproduktion verweist auf Weltuntergangs-Logorrhoe, sondern auch die rasante Wortschatzerweiterung und der zunehmende Wortgebrauch am Telefon. Ungewollt hellsichtig visualisierte T-mobile das Phänomen schon 2007. Mit dem Flatrate-Quatschen verdünnt sich die fassbare Welt, weil die Wörter an Substanz verlieren.

Gestörte Briefzustellung

Komplizierte Welt. Ich möchte unter Mitzi Irsajs Text „Nichts hinterfragen“ kommentieren und darf nicht. Als ich den Kommentar absenden will, poppt eine Anmeldemaske auf und die Nachricht, ich wäre unter meinem Namen nicht angemeldet. Ich bins aber, sonst könnte ich ja hier nichts veröffentlichen. All meine Versuche, werden nicht akzeptiert, bis ich ganz rausgeschmissen werde, weil ich die Anzahl der Versuche überschritten hätte. Der Kommentar ist natürlich auch weg. Zwar habe ich ihn vorsorglich in der Zwischenablage gespeichert, doch von da flutschte er in den digitalen Orkus. Mitzi wird denken, jetzt habe ich so einen klugen Text über Glücksmomente geschrieben, und der Klotz kommentiert nicht.

Dabei achten wir gegenseitig darauf, die Aufmerksamkeit zwischen uns zu bewahren. Es ist eine Kommunikationsstörung, für die ich nichts kann. Ich weiß nicht, wie viele Sozialbeziehungen an derlei Kommunikationsstörungen kranken. Mir fällt der Fall der Frau ein, die aus Kummer und Enttäuschung mit 18 Jahren ins Kloster eingetreten ist, weil ein sehnlichst erwarteter Brief ihres Liebsten ausblieb. Als man nach 50 Jahren das Postgebäude abriss, fand man den Brief zwischen den Dielenbrettern, wo er wohl hingerutscht war. Da war es der Nonne auch egal. Sie hatte ihr Glück anderweitig gefunden.

Wenn Technik im Spiel ist, muss man immer mit Kommunikationsstörungen rechnen. Sogar die Sprache ist so etwas wie ein technisches Hilfsmittel der Verständigung. Natürlich darf man mit dem Wort Technik keinen Stabilbaukasten assoziieren, sondern es geht um die Kenntnis von Verfahrensweisen und die Fähigkeit sich derer zu bedienen. Mit Sprache versucht der Mensch seine komplexe Erlebnis- und Gefühlswelt für andere nachvollziehbar zu übersetzen. Da er sich nicht mal mit der eigenen Erlebnis- und Gefühlswelt richtig auskennt, gelingt ihm die Übersetzung nur unzureichend. Dauernd rutschen ihm Briefe in Dielenritzen. Und fingert man sie hervor, sind sie in Teilen unleserlich und missverständlich. Kompliziert, sag‘ ich doch.

Sich auskennen – eine schwindende Kulturtechnik

Wenn sich der Aachener irgendwo nicht auskennt, dann sagt er: „Hier kenn‘ ich mich nicht.“ Durch die fehlende Präposition „aus“ wird die Blickrichtung verändert, weg vom geografischen Umfeld auf den Sprecher. Mir scheint, dass mit „hier kenn ich mich nicht“ ziemlich gut der innere Zustand beschrieben wird, in dem sich befindet, wer in fremder Umgebung unterwegs ist. Wer sich gewöhnlich in einem vertrauten Streifrevier bewegt, erlebt sich auf befremdliche Weise, in der er sich nicht kennt. Man fühlt sich orientierungslos und verunsichert. In diesen Zustand geriet ich vergangenen Samstag per Fahrrad auf dem Weg zu einer Geburtstagsfeier in einem Schrebergarten.

„Guten Tag, wo ist denn hier die Constantinstraße?“, frage ich den jungen Vater, der gerade sein Baby in der Trage aus dem Auto gehoben hat.
„Kann ich Ihnen gleich sagen“, sagt er und stellt die Trage ab.
Dann holt er sein Smartphone hervor und indem er fragt:
„Mit C oder K?“,
„Mit C“, gibt er „Constantinstraße“ ein. Ich hatte nicht vorgehabt, ihm so einen Aufwand abzuverlangen, dass er sein gutes Kind in den Staub stellen muss, sondern hatte ganz naiv gedacht, er könnte mir den Weg aus der Erinnerung an eigene Ortskenntnis sagen, denn die gesuchte Straße muss ganz in der Nähe sein. Freilich kann er auf seinem Smartphone einen Schleichweg durch ein ausgedehntes Schrebergartengelände ablesen, der mich exakt an das Ziel meiner Verabredung bringt: zum Parkplatz am anderen Ende des Geländes.

Sich auszukennen, ist offenbar nicht mehr nötig. Google Maps ist da präziser. Innere Landkarten der näheren Umgebung werden nicht mehr angelegt, im Bewusstsein, jederzeit auf die Navigation-Applikationen zugreifen zu können. Man muss sich nicht mehr in der Gegend auskennen. Es reicht, sich auf dem Smartphone auszukennen, zu wissen, wo man die Navigations-App findet und wie sie zu bedienen ist. In den unerfreulichen Zustand, sich wie der Aachener „nicht zu kennen“, gerät nur, wem die technische Hilfe versagt, was bekanntlich nie vorkommt. Darum geht, sich auszukennen verloren wie die Handschrift und die Fähigkeit des Kopfrechnens.

Später unterhielt ich mich mit einem Mitglied des Fahrradclubs ADFC über das Lesen von gedruckten Landkarten und dass auch diese Kulturtechnik bald überflüssig sein wird. Er sagte, im Gegenzug würden die Landkarten immer weniger Informationen enthalten. Auf meine erstaunte Nachfrage, ergänzte er, früher seien beispielsweise noch Überlandleitungen eingezeichnet gewesen.

Die schwindende Informationsdichte bei Landkarten ist plausibel. Denn die Informationen bei den diversen Institutionen und Unternehmen einzuholen, ist ein Kostenfaktor. Die Auflagen von gedruckten Karten sinken. Daher müssen Kosten gespart werden.

Unterwegs

Guten Tag, meine lieben Damen und Herren,
heute lesen Sie gerne etwas über Sprachmoden und dumme Floskeln. Die lauern wie Wegelagerer hinter Hecken und Mauerecken auf ihre Opfer. Da kommt ein Menschlein nichts ahnend pfeifend daher, und schon springt ihm die Floskel in den Nacken, packt es bei den Ohren und übernimmt die Kontrolle. Fragst du es jetzt nach seinem Beruf, stammelt es: „Ich bin in Design unterwegs.“ „Ach, wie hübsch“, sagst du, „als Zeichner auf der Walz oder als Handelsreisender mit Musterkoffer?“ Und du fährst fort: „Ich bin als Sprachkritiker unterwegs und treffe immer wieder Deppen, die gerade mit den neuesten Sprachfloskeln hausieren.

„Ich bezweifle, dass Sprachkritik überhaupt sinnvoll ist“, erwidert das Mensch, das in Design unterwegs ist. „Gehören Sprachmoden nicht zum Sprachwandel, von dem ja bekannt ist, dass er unabdingbar ist für eine lebendige Sprache? Nur tote Sprachen verändern sich nicht mehr. Mithin können am Ende des Tages auch keine Sprachmoden mehr eindringen. Sprachwandel ist anarchisch, und da ist es albern, dass ein selbsternannter Sprachkritiker daher kommt und eine Entwicklung schurigelt, nur weil sie ihm gegen den Strich geht.“

„Das ist richtig, aber leider falsch. Was ich kritisiere, sind Blähformeln. Wenn jemand sagt: ‚Ich bin in Design unterwegs‘, wo ein schlichtes ‚Ich bin Designerin‘ klarer wäre, halte ich dagegen. Meistens regnen derlei Blähformeln aus der Wirtschaft auf uns nieder, und niemand wird behaupten wollen, dass der Sprachwandel auf Sprachmüll aus der großkotzigen Wirtschaft nicht verzichten kann, wo man nicht sagt: ‚Ich bin vielseitig‘ oder ‚Ich habe viele Qualifikationen, sondern ‚Ich bin breit aufgestellt.’“

Trotzdem trifft der Hinweis auf Sprachwandel zu. Selbst dumme Sprachmoden lassen sich nicht aufhalten, wie am Beispiel „am Ende des Tages“ zu sehen. Gestern besuchte ich ein Brillengeschäft. Mich bediente eine junge Optikerin. Glücklicherweise war auf ihrem Namensschild nicht genug Platz für „Bin in Optik unterwegs.“ Die Optikerin packte in jeden Satz das Adverb „gerne.“ Vermutlich hat man sie instruiert, das zu tun. Niemand sagt aus eigenem Antrieb dauernd „gerne.“
„Nehmen Sie gerne im Sessel Platz, Herr Blindfisch.“
„Mach ich. Vorausgesetzt, Sie sind breit aufgestellt.“

„Zu wenig Buchstaben“ besonders Eszett – der Fall Neuß

“Wir hatten im Osten zu wenig Buchstaben“, schreibt Kollege Herr Koske scherzhaft in einem Kommentar. Erlebte ich in meiner Schriftsetzerlehre wirklich, sogar im Westen. Ein Setzkasten enthielt von jedem Buchstaben eine Anzahl, die von der Buchstabenhäufigkeit abhing. Die Schriftgießereien hielten für die verschiedenen Sprachen Gießzettel vor, aus denen die Menge der einzelnen Bleilettern auf einen Zentner hervorging. Das nur in Deutschland gebräuchliche Eszett hat die Häufigkeit von 0,31 Prozent. Auf einen Zentner 8-Punkt-Schrift kamen beispielsweise 60.000 Lettern, davon 10440 e, aber nur 186 ß, Wenn in einem gut gefüllten Setzkasten etwa 100 e lagen, dann gerade mal zwei ß.

Meine Schriftsetzerlehre machte ich in einer Buchdruckerei in Neuss. Neuss wurde bis Ende der 1960-er Jahre Neuß geschrieben. Hatte ich zwei Briefbögen ortsansässiger Unternehmen gesetzt, war der Vorrat an Eszett schon erschöpft. Wenn ich mich dann beklagte, es fehle Schriftmaterial, sagte einer meiner Gesellen:

    „Mit Material kann jeder arbeiten“, mit Betonung auf „mit.“

Diesen Spruch habe ich zeitlebens als Aufforderung gesehen, auch unter schwierigen Bedingungen etwas zu leisten, kreative Lösungen zu finden oder mich mit einem unbequemen Weg zu arrangieren. Dass ich etwas mit der Umbenennung von Neuß in Neuss zu tun gehabt hätte, wagen selbst böse Zungen nicht zu behaupten. Mehr dazu: Weiterlesen

Frohe Ostern schlägt happy easter

Seit einiger Zeit besitze ich Papierservietten mit der Aufschrift: „Happy Easter.“ Gekauft habe ich sie, weil ich darüber schreiben wollte, nicht etwa, weil mich „Happy Easter“ anspricht. Ich habe nichts gegen die Marotte, deutsche Wörter durch englische zu ersetzen. Wer das prima findet, wer glaubt, sich dadurch zu erhöhen, soll das tun. In diesem Fall habe ich trotzdem etwas einzuwenden gegen „Happy Easter“ und finde die deutsche Form „Frohe Ostern“ um Klassen besser. Bekanntlich verbinden wir mit Ostern den Brauch, Hühnereier zu bemalen, zu suchen, verschenken oder zu essen. Die Eiform, auch Oval genannt [nach lateinisch ovum ‚Ei‘], finden wir zweimal in „Frohe Ostern.“

Ich erspare uns die allzu naheliegende Gestaltungsbemühung, das kleine und das große O durch ein bemaltes Osterei zu ersetzen. Auch ohne visuelle Gleichsetzung von Ei und O klingt die bildhafte Kodierung in deutschsprachgigen Leserinnen/Lesern an. Wir sehen im O von Ostern das Ei. In „Eastern“ klingt davon gar nichts an. Nicht der kleinste Ostern-Gefühlwert vermittelt sich im albernen „Happy Easter.“ Es ist so eine halbgare Gestaltungsidee, bei der man spontan rufen mag: „Ja, das ist es!“, aber bei längerem Überlegen ergänzt „… nein, doch nicht“, eine richtige Aldi-Discount-Idee.

Wer überdies das Wortbild von „Easter“ eins zu eins überträgt, landet beim unflektierten „Oster“, nicht bei „Ostern.“ Oster sagt uns auch nichts, es sei denn, man kommt aus dem Saarland. (Wer will das schon?) Im saarländischen Wiebelskirchen gibt es einen Fluss namens Oster. Er ist der linke Zufluss der Blies, die wir auch nicht kennen müssen. In „Oster“ erkennen wir allenfalls den Wortbestandteil „Ost“ – denken eventuell an die Himmelsrichtung des Sonnenaufgangs, was auch die Wortgeschichte von Ostern erhellt. Es geht vermutlich zurück auf das altgermanische Austrō = „Morgenröte.“ Wir begrüßen also mit „Frohe Ostern“ den Sonnenaufgang, was etwas erfreulich Heidnisches hat.

Die Erzählung meines Bruders und ihr wahrer Kern

Mein fünf Jahre älterer Bruder erzählte mir gerne Märchen, so auch, dass er als Messdiener in die Turmspitze unserer Pfarrkirche St. Martinus geklettert war. Im Dach habe es nur ein Zickzack von Leitern gegeben. Die Kugel auf der Spitze sei mit einer Falltür gesichert gewesen. Da habe er reinschauen können und verstaubte Schriftstücke gesehen. Als ich zehn Jahre später Mitglied des Kirchenchors war, durfte ich während der Messe auf der Orgelempore sein. Da stieg ich einmal hinauf in den Glockenturm. In der Turmspitze waren durchaus Leitern zu ahnen, aber verloren sich in der Finsternis, so dass ich die Erzählung meines Bruders verwarf.

Vor zwei Jahren ist er verstorben, kann also nicht mehr befragt werden. Inzwischen glaube ich, dass es sich bei der Erzählung meines Bruders um einen von Messdienern über die Generationen weitergegebenen Mythos handelt. So wie sie einander die lateinischen Gebete der Liturgie mündlich weitergaben und verfälschten, weil sie kein Latein verstanden, erzählten sie von Inhalten der Turmkugel, ohne sie je gesehen zu haben.

Über das gern gelesene Blog des Aachener Historikers und Archivars Klaus Graf wurde ich aufmerksam auf einen Aufsatz über Turmkugelarchive. Der Historiker Beat Kümin schreibt in „Nachrichten für die Nachwelt. Turmkugelarchive in der Erinnerungskultur des deutschsprachigen Europa“, es „(…) dürften mit Sicherheit Hunderte, aber wahrscheinlich Tausende dieser meist aus vergoldetem Metall gefertigten Behälter – mit oder ohne Wissen der Anwohner – hermetisch verschlossene Hülsen, Röhrchen oder Schachteln mit geheimnisvollen Nachrichten und Materialien enthalten.“ Gefunden werden diese „Einlagen“, nachdem eine Turmkugel abgenommen wurde, um sie beispielsweise neu zu vergolden.

Als ich etwa die 8. Klasse der Volksschule besuchte, gab es in meinem Heimatdorf Nettesheim ein spektakuäres Ereignis, zu dem sich viele Dorfbewohner eingefunden hatten. Da war die örtliche Dachdeckerfamilie mit drei Generationen auf dem Kirchturm, um den renovierungsbedürftigen Wetterhahn von der Spitze zu holen. Ich erinnere mich, dass ich Großvater, Vater und Sohn in schwindelerregender Höhe mit Bangigkeit beobachtete. Dabei beeindruckte mich besonders, dass der Sohn mein Mitschüler Juppi aus dem Jahrgang unter mir war.

[Im Bild: St. Martinus Nettesheim, Foto: Wikipedia] zum Vergrößern bitte klicken.

Turmkugelarchive zu bergen und wieder auf die Turmspitze zu setzen, ist demnach Aufgabe der Dachdecker. In Rosdorf bei Göttingen hat im Jahr 1749 der Schieferdecker nicht nur neue Schuhe und Strümpfe verlangt, sondern auch mit Kugel, Fahne und Musikbegleitung durch die Gemeinde ziehen zu dürfen, schreibt Kümin. Nachdem der Dachdecker die Kugel wieder auf die Turmspitze gesteckt hatte, setzte er sich oben drauf, um die neuen Strümpfe und Schuhe anzuziehen.

Was wird nun aufbewahrt in den Turmkugelarchiven? Kümin schreibt: „Stellvertretend mag hier die Apostelkirche Hannover stehen, wo das Spektrum 1882 Baudokumentationen, Grußworte einer benachbarten Pfarrei sowie eines Handwerkbetriebs, Werbematerial für die Landeslotterie, Spendenaufrufe, den zuvor im Grundstein eingeschlossenen Text, einen Führer durch das Gotteshaus, Bilder der königlichen Familie sowie verschiedene Zeitungen und Münzen umfasste.“ Die Einlagen sind Dokumente ihrer Zeit und als Botschaften für nachkommende Generationen. gedacht. Kümin spricht von einem Rhythmus „absichtlicher Zufälligkeit“ und nennt zwei Generationen als Öffnungs- und Sichtungsintervalle.

In einer Turmkugel in Allerstedt fand man im Jahr 1927 die fast bange Frage an die Zukunft:

    „Was wird an Errungenschaften da sein, wenn wieder einmal diese letzten Nachrichten gelesen werden! Wird man vielleicht lächeln über das, worüber wir noch staunen?“

Schick nach Drüben – Geh nach Drüben!

Freund Fritz sandte mir eine Postkarte. Sie zeigt in verkleinerter Version ein Plakat des Arbeitskreises „Bücherbrücke West – Ost“ von 1956 mit dem Slogan: „Schick auch ein Buch nach Drüben.“ Dieses „Drüben“ meinte die DDR – in der Diktion der Adenauer-Ära „die Sowjetzone“ oder „die Ostzone.“ Als Ende der 1960-er Jahre in der Bundesrepublik die Jugend gegen die herrschende Politik aufbegehrte und eine außerparlamentarische Opposition formierte, hielt man deren Vertretern gern entgegen: „Geh doch nach drüben!“ Das Plakat schickt einen Bücherpfeil von links unten nach rechts oben in eine für mich imaginäre Welt, denn ich habe dieses Drüben nie gekannt.

Als ich in den 1990-er Jahren erstmals dort zu tun hatte, existierten nur Reste. Beispielsweise war die Altstadt von Görlitz etwa zur Hälfte restauriert. Verfallene Bauten der anderen Hälfte zeigten, wie Drüben wohl zuletzt ausgesehen hatte. Auch habe ich in Berlin noch den Palast der Republik besichtigt. Bei einem späteren Besuch war er bereits abgerissen, ein barbarischer Akt von Siegermentalität. Angeblich war der Palast asbestverseucht, aber dass man ihn nicht sanierte, erinnert an den christlichen Überwindungsgedanken, als im Zuge der Christianisierung alle heidnischen Kultplätze mit christlichen Bauten überformt wurden. Entsprechend finden sich heute auf dem Gelände des Palastes Konsumtempel.

Siegermentalität und Überwindungsgedanke zeigt sich auch beim Duden. Als ich letztens für diesen Text recherchieren wollte, wie der Redaktionsleiter der letzten Ausgabe des Leipziger Duden (DDR) hieß, fand ich im Wikipedia-Eintrag und auch auf der Seite des Duden Verlags keinen Hinweis. Auch das Bibliographische Institut in Leipzig, das den DDR-Duden in 5. Auflage bis 1989 herausgegeben hatte, existiert nicht mehr. Im Jahr 1991 war es dem Mannheimer Lexikonverlag Bibliographisches Institut und der F.A. Brockhaus AG einverleibt worden. Damit war das Ende der 60 Mitarbeiter großen Leipziger Redaktion gekommen. Redaktionsleiter Dieter Baer ging in den Ruhestand. Inzwischen gehört der gesamtdeutsche Duden zur Unternehmensgruppe Cornelsen.

Es war vor der Wiedervereinigung nicht nötig gewesen, einen Mannheimer Duden nach drüben zu schicken, denn auch der Leipziger Duden galt für den gesamten deutschen Sprachraum. Ich bin glücklicher Besitzer des letzten DDR-Duden von 1989. Ein Freund und Kollege hat ihn für mich von einem Berliner Büchermüllhaufen gerettet. Der DDR überdrüssige Bürger haben sich nach der Wiedervereinigung schmählich der DDR-Literatur entledigt. Hätte ich das weinrot eingebundene Buch nicht, wäre der Name Dieter Baer ebenfalls im Orkus der Geschichte verschwunden.

Einen Porsche im Rückwärtsgang fahren

Das Netzwerk des Teestübchens, bestehen aus kommentierenden und still mitlesenden Bloggerinnen und Bloggern, dieses Netzwerk mit seinen Querbezügen zu anderen Blogs erscheint mir manchmal wie eine Dorfgemeinschaft, in der alle einander mehr oder weniger gut einschätzen können. Gelegentlich abonniert eine Fremde, ein Fremder mein Blog. Ich schaue dann nach, wer mir die Ehre gibt, und finde oft unvernetzte Blogs, worin jemand sich vorstellt, seine Ziele des Bloggens formuliert hat, aber keinerlei Hinweise gibt, mit wem er sich austauscht. Im Extremfall versteht die bloggende Person ihr Blog als Einkanalmedium, fährt also einen Porsche im Rückwärtsgang.

Ein im Straßenbild gelegentlich auftauchendes Graffito vermittelt die deprimierende Botschaft: „Niemand liest dein Blog.“ Gewiss gibt es Millionen Blogs mit diesem Schicksal. Oft steckt dahinter jemand, der das Medium gerade für sich entdeckt hat und die naive Vorstellung hegt, die Welt würde nach dem ersten Post sogleich applaudieren. Ich kenne das Gefühl aus jungen Jahren. Als im Jahr 1973 in einer Aachener Studentenzeitschrift erstmals ein Cartoon von mir abgedruckt war, habe ich auch geglaubt, zumindest die Stadt würde begeistert aufjauchzen und mir käme das irgendwie zu Ohren. Aber nichts geschah. Nicht mal in meinem Umfeld wurde applaudiert, selbst dann nicht, als ich monatlich eine ganze Seite für diese Zeitschrift zeichnete und schrieb. Später, während meiner Zeit als Lehrer, gelang es mir nach vielen Versuchen 1994 erstmals, eine Satire im Titanic-Magazin zu platzieren. Unter den rund 100 Kolleginnen und Kollegen gab es nur einen, der das wertschätzte. Eine Fachkollegin Kunst warf einen geringschätzigen Blick darauf und sagte: „Dafür hätte ich keine Zeit“, womit sie mir die arglos gezeigte Satire in den Mund zurückstopfte als einen wertlosen Zeitvertreib, dem nur solche nachgehen, die die schulischen Anforderungen nicht ernst nehmen. Dabei zählte ich zu den engagierten Lehrkräften, was sie von sich nicht sagen konnte.

Zurück zu den Blogs. Sie sind ein Medium der wechselseitigen Kommunikation. Sie funktionieren bestens in einem gepflegten Netzwerk des Gebens und Nehmens. Man kann nicht erwarten, gelesen zu werden, wenn man nicht bei anderen liest und kommentiert. Wer auf Beifall hofft, ohne selbst Beifall zu spenden, sollte weiterhin für die Schublade schreiben oder den Weg in ein Einkanalmedium finden. Weil es notwendig ist, bei anderen zu lesen und gegebenenfalls zu kommentieren, kann ein gut geführtes Blog kein Massenmedium sein.

Zur Orientierung für zufällige Besucher eines Blogs ist es gut, das Netzwerk zu zeigen, mit dem man interagiert. Manche Themes scheinen das nicht vorzugeben oder Blogger sind derart selbstbezüglich, dass sie darauf verzichten, sich zu vernetzen. Aufmerksamkeit bekommt aber in der Regel nur, wer aufmerksam agiert. Trotzdem ist es schwer, in der Konkurrenz um Aufmerksamkeit zu bestehen. Wer abgeschlagen ist, findet vielleicht Trost in einem kurzen Text von Franz Kafka: „Zum Nachenken für Herrenreiter“:
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