Pik-zehn auf der Hand – über Lesen und Verstehen

In der Schlusszsene von Roman Polanskis Politthriller „Der Ghostwriter“ wehen die Manuskriptseiten eines Buches durch eine Londoner Straße. Daran wurde ich erinnert, als ich auf dem Weg zum Bäcker eine große Anzahl von Buchseiten am Boden verstreut fand. Sie stammten von einem ausgesetzten Buch, dessen Leimung sich im Starkregen der letzten Tage aufgelöst hatte. Die meisten Seiten klebten völlig durchnässt am Boden und würden erst weitergeweht werden, wenn der Wind sie getrocknet hätte. Eine Seite klaubte ich mit spitzen Fingern auf, um sie zu Hause zu trocknen und zu scannen. Wozu?

Es lässt sich eine Übung damit machen, die ich aus dem Studium kenne, nämlich Texte ohne ihren Kontext zu beurteilen, um den Leseprozess besser zu verstehen. In den 1970-er Jahren richtete man in der Literaturtheorie den Blick vom literarischen Werk auf den Leser, getreu der Einsicht, dass Leser*innen einem Text erst Bedeutung geben. Ein Buch ohne Leserinnen/Leser ist nur ein Gegenstand aus Papier. Man kann wie Lichtenberg darauf stehen, Pfefferkuchen backen, es auf Mauslöcher pressen, nach Ratten damit werfen und allerhand mehr [E 308].

Erst wenn ein lesendes Auge die im Buch enthaltenen Worte erschließt, ihnen Bedeutung abgewinnt, wird ein Buch zur Literatur. Dabei sind die einzelnen Wörter kein neutrales Gefäß, in das eine Autorin/ein Autor einen gemeinten Inhalt hineingegossen hat, so dass ihn die Rezipienten eins zu eins herausnehmen können. Leser*innen müssen Wortinhalte mit eigenem Weltwissen verknüpfen können. So muss man beispielsweise wissen, dass mit der „Hand“ in Zeile drei (zum Vergrößern bitte anklicken!) nicht das Körperteil Hand gemeint ist, sondern die Kartenhand, also die jeweiligen Spielkarten, die Kartenspieler auf der Hand haben. In Zeile neun finde ich einen Lektoratsfehler: Im Satz „(…) als wolle sie ihr ein Geschenk machen“ [Konjunktiv I] muss es „wollte“ [Konjunktiv II] heißen, denn der Satz ist keine indirekte Rede, sondern gibt eine mögliche Handlung an. Im vorletzten Satz dieser Seite: „(…) sie ist doch eine alte Nutte, vergessen wir das nicht“ ist unklar, wen das „wir“ meint. Ist es Pluralis Majestatis und gehört zum inneren Monolog oder spricht die auktoriale Erzählerstimme?

Vermutlich ließe sich noch mehr finden. Diese kritische Betrachtung ist möglich, solange Autorin oder Autor und ihre Reputation unbekannt sind.

Unabhängig vom Textinhalt gibt der Text weitere Signale, die Verstehen und Interpretation beeinflussen: Die typographischen Signalelemente wirken außerbewusst. Zu sehen ist, dass es sich um eine Buchseite, nicht um eine getippte Manuskriptseite oder ein Schmierblatt handelt. Man kann also davon ausgehen, dass eine Gruppe sachkundiger Verlagsmitarbeiter den Text wert fand, ihn zu lektorieren, ihn typographisch professionell zu gestalten, zu drucken und zu publizieren. (Genau diese Sicherheit ist durch die Möglichkeit der Selbstpublikation im Schwinden begriffen.)

Soweit diese Übung zur Rezeption. Eine Nachrecherche ergab, dass die Seite aus dem Buch „Umarmen hat eine Zeit“ (1981) von der vielseitigen Schauspielerin und Autorin Lili Palmer stammt.

Die Nachricht des Schornsteinfegers

Aushang im Treppenhaus – Foto: JvdL – Größer: Klicken!

Zwei kuriose Aushänge in unserem Treppenhaus. Zuerst kündigte der Schornsteinfeger der Hausgemeinschaft handschriftlich sein Kommen an, wobei die jetzt nachgemalte Acht zuvor kaum eindeutig zu identifizieren war, dann tauchte Aushang zwei einer Nachbarin auf, die beim Schornsteinfeger nachgefragt hatte. Wie sich herausstellte, war das Misstrauen gegenüber der handschriftlich hingeschmierten Information berechtigt, denn der Schreiber hatte sich um einen Monat vertan, der Dienstag ist eine Falschinformation.

Beim Versuch den ursprünglichen Aushang zu lesen, habe ich gedacht, selten eine derart entgleiste Handschrift gesehen zu haben. Geht von ihr deshalb die nur schwammige Verbindlichkeit aus, oder zeigt sich an diesem Extrembeispiel ein Bedeutungsverlust der Handschriftlichkeit?

Der Handschrift widerführe dann das Gleiche wie dem gesprochenen Wort in mündlichen Kulturen. Mit dem Übergang von einer oralen in die literale Kultur sinkt die Wertschätzung des vorangegangenen Mediums, der Mündlichkeit. Ein gegebenes Wort gilt jetzt weniger als ein handschriftlicher Vertrag. Die schriftliche Vereinbarung ist die Urkunde (im Sinne der ersten Kunde), nicht das Gesagte.

Noch hat wenigstens die handschriftliche Unterschrift ihren Wert behalten, doch es mehrt sich die Kommunikation, im Geschäftsbrief, in Verwaltungsschreiben, die ohne Unterschrift gültig ist. Bei Online-Texten, etwa Bewerbungen, ist möglich, die Unterschrift durch eine elektronische Signatur zu ersetzen.

Wann kommt denn jetzt der Schornsteinfeger? Am Donnerstag, dem 28. Januar, gemäß der vorläufig noch bestehenden Macht des gedruckten Wortes.

Fluch der Stilkunst

Eines Morgens wurde ich wach, und da saß jemand neben meinem Bett. Bevor ich das Maul aufgemacht hatte, begann der Mensch auf meiner Bettkante mit einem Vortrag über deutsche Stilistik. Danach zählte er die rhetorischen Mittel auf, und zum Schluss wandte er sich Einzelfragen zu. Fragen?, dachte ich. Ich habe keine gestellt! Das spielte keine Rolle, denn er wusste mich einzuwickeln; zu den Einzelfragen gehörte auch ein Exkurs über Schimpfen! Prächtige Beispiele aus der Literatur gab er, und ich staunte, wie wunderbar sich manche auf’s Schimpfen verstanden haben.

Dann aber machte der auf der Bettkante einen Fehler. Er sprach über Humor. Das hätte er besser nicht getan, denn mit Humor darf mir am frühen Morgen keiner kommen. Meine Sprachfähigkeit kehrte zurück, leider nur auf ganz niedrigem Niveau. Außer einem befreienden „Zieh Leine, Arschloch!“ brachte ich nichts heraus. Was nutzte es, dass er sich sogleich verdünnisierte und höflich leise die Tür ins Schloss zog. So richtig sprechen konnte ich an diesem Morgen nimmer. Mir gingen einfach zu viele Einzelfragen durch den Kopf. Und aus diesem Durcheinander wollte ich lieber nichts nach draußen lassen. Offenbar, schloss ich, offenbar ist es nicht hilfreich, zuviel über eine Sache zu wissen. Sprechen oder Schreiben muss ein Gutteil aus dem Bauch kommen, ohne Berechnung oder Taktik.

Meine Mutter war Mitglied im Bertelsmann Lesering. Da sie nicht die Zeit hatte, sich Titel auszusuchen, bekam sie immer Bücher aus der Vorschlagsliste. Bei einer Lieferung war Ludwig Reiners Stilfibel, Ein Lehrbuch deutscher Prosa, das richtige Buch für meinen Bildungshunger. Ich las viel darin und erarbeitete wohl auch einige der darin gestellten Aufgaben.

Im Dezember 2010, ich war gerade von Aachen nach Hannover gezogen, fand ich auf einem Bücherflohmarkt eine Ausgabe der Stilfibel, fühlte mich glücklich an Jugendtage erinnert und kaufte das Buch. Zwischen der Erstbegegnung im Jahr 1966 und dem Dezemberfund lagen 44 Jahre. Beim neuerlich Lesen stellte ich erstaunt fest, dass ich viele Grundsätze meines Schreibstils aus der Stilfibel verinnerlicht habe.

Die enge Perspektive des Bücherfachs im heimischen Wohnzimmerschrank des Jahres 1966 hat sich durch das immer wieder erstaunliche Werkzeug Wikipedia enorm er weitert. Eigentlich wollte ich nur nachschauen, wann die Stilfibel erschienen ist [1951], wurde aber auch über die Entstehungsgeschichte aufgeklärt. Was an Reiners Werk überrascht, sind die vielen Beispiele guten und schlechten Stils aus der Literatur, die zusammenzutragen eine Mordsarbeit wäre. Doch die hat Reiners nicht geleistet, sondern größtenteils aus dem 1911 erschienenen Werk „Deutsche Stilkunst“ des Sprachpuristen Eduard Engel übernommen, was der Schweizer Altphilologe Stefan Stirnemann herausgefunden hat. Er hat Engels Buch neu herausgegeben und schreibt:

    „Reiners übernahm von Eduard Engel bewußt und nach Plan die Auffassung von Stil und Stillehre, die Begriffe und zahllose Beispiele aus schöner und Fachliteratur. Darüber hinaus stahl er ihm treffende Beobachtungen und kräftige Sätze und äffte recht eigentlich Engels Haltung nach: die überlegene Haltung des Kenners. […] Möglich war der Betrug nur im Dritten Reich. Einerseits waren Engels Schriften ohne Rechtsschutz [Anmerkung JvdL: Engel war Jude], andererseits durfte Reiners annehmen, daß sie, in Fraktur gedruckt, umso schneller vergessen würden, da der ‚Führer‘ 1941 die Umstellung auf Antiqua verfügt hatte. Er konnte also zuversichtlich das erfolgreiche Buch Eduard Engels – das Wort drängt sich auf: arisieren.“

Den Sprachpuristen Eduard Engel, Ludwig Reiners und Stefan Stirnemann wäre entgegenzuhalten, was Georg Christoph Lichtenberg ganz unpuristisch notierte:


oder mit den Worten des gelehrten Buchdruckers Theodore Low De Vinne:

    „The last thing to learn is simplicity.“

Ruchloser Diebstahl in der Heiligen Nacht

„Wenn du liest, musst du fremde Gedanken denken“, sagte Coster, der ehemalige Professor für Pataphysik und Leiter des Instituts für Nachrichtengeräte an der Technischen Hochschule (RWTH) in Aachen und fuhr fort:
„Wenn du liest, bist du wie ein Kalb hinterm Karren angebunden und musst durch die Spur tappen, durch die der Karren rumpelt.“
„Halt oder Hüh!, um in Ihrem Bild zu bleiben, Coster. Ich bin nicht angebunden, sondern kann jederzeit stehenbleiben, also das Buch sinken lassen und das Stück, das ich dem Karren hinterher getrabt bin, als Denkanstoß nutzen, in eine andere Richtung zu denken, quasi eine eigene Karrenspur anlegen.“

„Ich sag doch, wenn du liest, nicht wenn du aufhörst zu lesen, du Trollo“, sagte Coster ungehalten. „Also wenn du liest und weiterliest, das Buch nicht auf die Knie sinken lässt, wenn du gefesselt bist vom Text, wie man landläufig sagt, was nichts anderes meint als hinterm Karren angebunden zu sein, dann hast du vermutlich längere Gedankenfolgen als du hättest, würdest du nicht lesen.“
„Da haben Sie Recht, Coster, lesend haben wir lange Gedankenfolgen, nämlich die ein Autor …“
„Oder eine Autorin, soviel Zeit muss sein.“
„ … immer schön der Reihe nach aufgeschrieben hat. Unser normales Denken ist kurzatmig:
– Habe ich das Fenster in der Küche zugemacht?
– Die Bürostuhllehne drückt mir links in die Weichteile.
– Ich könnte mal was trinken.
– In meinem rechten kleinen Finger leide ich am Tennisarmsyndrom. Kommt von der ergonomisch geformten neuen Maus. Witz.
– Nachdem ich das Schwittersplakat auf den Tisch tapeziert habe, wirft es Falten.“

„Und weiter?“
„Nichts weiter. Der Karren hat sich festgefahren.“
„Der Grund ist aber auch weich da in deiner Birne.“

„Na, erlauben Sie mal, Coster. Wussten Sie eigentlich, dass Coster im Niederländischen Küster bedeutet? Auf dem Grote Markt der Stadt Haarlem steht das Standbild von Laurens Janszoon Coster, einem Küster der Parochialkirche. Dieser Mann soll angeblich im Jahr 1428 das Drucken mit beweglichen Lettern erfunden und erste Bücher, sogenannte Costeriana, gedruckt haben, sagen die Haarlemer, nur ohne ’soll‘ und ‚angeblich.’“
„Weiß ich doch, Laurens Coster war ein Vorfahre von mir.“

„Hehe, Ihr Vorfahre! Jetzt glaube ich das auch noch. Genau wie die Legende, dass Laurens Janszoon Coster einen verderbten Gesellen namens Johannes Faust in seinem Haus hat wohnen lassen. Dieser finstere Gesell stammte ursprünglich aus Mainz. In der Heiligen Nacht des Jahres 1428, als alle in der Christmette waren, stahl der ruchlose Johannes Faust die Gießinstrumente für die Lettern und floh nach Mainz. Dort tat er sich mit dem arbeitslosen Kalligraphen Peter Schöffer zusammen. Sie gossen mit den gestohlenen Gießinstrumenten ihre ersten Lettern und druckten damit die Bibel.“

„Jetzt bist du wieder bei deinem Thema, Trithemius. Ich sehe förmlich die Stricke hinter deinem Karren lose herunterbaumeln von den Kälbern, die sich verzweifelt losgerissen haben.“

„Selber schuld. Die Klugen bleiben bei der Sache. Mit der Idee, dass Faust die Gießinstrumente in der Heiligen Nacht gestohlen hat, als alle in der Christmette waren, nur er nicht, beginnt bereits die Dämonisierung der Druckkunst. Nur ein Teufelsbündler würde wagen, die Heilige Nacht durch eine Untat zu entweihen. Doch Faust statt Gutenberg verweist auf das jüngere Datum der Legende. Der Diebstahl kann unmöglich bereits 1428 geschehen sein. Erst im Jahr 1455 ließ Faust den Erfinder Gutenberg pfänden und setzte sich so in den Besitz dessen Druckerei. Zum Entstehungszeitpunkt der Legende ist der wahre Erfinder Gutenberg offenbar bereits in Vergessenheit geraten.“

„Einspruch! Es ist ja nicht mal ausgemacht, ob man überhaupt von Gutenberg wusste. Dass er der Erfinder war und nicht Faust, hat die Geschichtswissenschaft erst Anfang des 19. Jahrhunderts herausgefunden.“
„Jedenfalls sehe ich schwarz für Ihren Uropa. Zumal man in Haarlem zum Beweis nichts als ein paar alte Zinnkrüge vorweisen kann.“
„Da wissen Sie mehr als ich“, sagte Coster zweifelnd und verschwand.
[Zum Fall Johannes Fust/Faust – Johannes Gutenberg lies gerne hier)

Einladung zur Teestunde – heute mit Tee und Gebäck

In einem Kommentar zum Beitrag „The quick brown fox jumps over the lazy dog“ des Kollegen gnaddrig fragte Leser Achim, warum Russisch Brot lateinische statt kyrillischer Buchstaben hat. Ich bin der Frage schon Ende der 1980-er Jahre nachgegangen, im Zusammenhang mit Recherchen nach der magischen Praxis „Essen von Schrift“, und habe im Oktober 2015 folgenden Beitrag zu Russisch Brot und Tee veröffentlicht. Ich will ihn in Erinnerung rufen, zumal sich der Kreis der LeserInnen im Teestübchen gewandelt hat: teestunde im teestübchen
Früh sinkt dieser Tage die Dämmerung herab. Da tut es gut, sich gemütlich zum Tee zu versammeln. Teestunde ist eine neue Rubrik im Teestübchen. Darin will ich zum Nachmittagstee in loser Folge Plaudereien über Schrift und Sprache veröffentlichen, zu denen ich herzlich einlade. Ich habe nämlich nicht immer nur im Aldi-Prospekt gelesen, wie manche vielleicht vermuten, sondern mich gut 30 Jahre forschend, nachdenkend und schreibend mit der wunderbaren Welt von Sprache und Schrift beschäftigt.

1) T e a

Schauen wir uns zunächst das Teehaus oben an. Es scheint etwas für verspielte Menschen zu sein. In der Praxis bewährt sich die Form nämlich nicht. Nach dem Aufbrühen bekommt man den aufgequollenen Tee nicht recht aus dem Häuschen, was auch einen Hinweis darauf gibt, dass der Tee nicht genug Raum hat, sich zu entfalten.

Benutzt man das Teehaus, dann wird das Wasser zum Tee, indem die Teestoffe in Form des englischen Wortes für Tee austreten, um sich erst dann im Wasser zu verteilen. Der Vorgang ist sprachtheoretisch interessant. Gemeinhin hat die schriftliche Form eines Wortes nichts gemeinsam mit der Sache, die es bezeichnet. Das Wort „Teebeutel“ sieht beispielsweise nicht aus wie ein Teebeutel. Da aber die Löcher im Dach das Wort “TEA” formen, wird bei jedem Aufbrühen das Wort TEA ins Wasser geschrieben. Hier liegt also ein schriftmagischer Gedanke zu Grunde. Das Zeichen für “Tee” vermischt sich mit der bezeichneten Flüssigkeit Tee. Eine Steigerung dieser magischen Idee wäre es, eine Schreibfeder in den so aufgebrühten Tee zu tunken, um das Wort “Tee” damit zu schreiben. Weiterlesen

Unter Spitzbuben

Die weiter unten in drei Schriftvarianten zu lesende Klage aus dem Philobiblon, dem berühmten Buch der Bücherliebe, im Jahr 1344 verfasst vom Bischof und Gelehrten Richard de Bury, vermittelt einen Eindruck, wie schwer im 14. Jahrhundert Beschreibstoffe wie Pergament oder Papier zu bekommen waren, dass manche nicht davor zurückschreckten, die Ränder wertvoller Bücher abzuschneiden. Das handschriftliche Zitat hat beim Mitmachprojekt Schreiben wie im Mittelalter Blogkollege Emil geschrieben.

Auch sich eine Gänsefeder zu besorgen und zurecht zu schneiden (Anleitung im Bild unten), war eine mühsame Angelegenheit und erforderte Geschick. Vor allem hielten die Federn nicht lange, sondern faserten rasch aus.

aus: Wolfgang Fugger; Ein nutzlich und wolgegrundt Formular Manncherley schöner Schriefften, 1553 (größer: Bitte klicken)

Zeitsprung in den Dezember des Jahres 2020: Beim Discounter gab es ein 24-teiliges Kalligrafie-Set, inklusive papierene Übungsblätter zum schamlos niedrigen Preis von nicht mal fünf Euro. Mit Schreibwaren ist offenbar kein Geld mehr zu verdienen. Dass unsere Schreibkultur so verramscht wird, tut mir in der Seele weh. Gerade deswegen habe ich mir ein Schreib-Set zum Spottpreis gekauft.

Nebenbei: Ich habe das Zitat aus dem Philobiblon in drei Schriftvarianten gezeigt, weil heutigen Leserinnen/Lesern die Fraktur und ihre Handschriftvariante Kurrent ganz fremd sind. Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) hingegen schreibt die gegenteilige Erfahrung, denn zu seiner Zeit waren deutsche Texte überwiegend in Fraktur gedruckt und Antiquaschrift wirkte befremdlich: Lichtenberg: „Wenn ich ein deutsches Buch mit lateinischen Buchstaben [Antiqua] lese, so kommt es mir immer vor, als müsste ich es mir erst übersetzen, eben so wenn ich das Buch verkehrt in die Hand nehme und lese, ein Beweis, wie sehr unsere Begriffe selbst von diesen Zeichen abhängen.“

Aufregung über die Tannenberg-Schrift bei Edeka

Ein Edeka-Markt in Greifswald ist in die Kritik geraten, weil auf Hinweisschilder im Markt die an Fraktur angelehnte Schriftart Tannenberg verwendet wurde. Ein Twitter-User hat darauf aufmerksam gemacht. Der Vorwurf lautet, die Schrift transportiere Nazi-Symbolik. Der Marktbetreiber gibt an, er habe sich mit der Schrift an den Ort seines Marktes angelehnt. Das Einkaufszentrum ist in den denkmalgeschützten Hallen eines ehemaligen Reparaturwerks für Eisenbahnwaggons untergebracht. Tatsächlich hat die deutsche Reichsbahn ab Mitte der 1930-er Jahre auf ihren Bahnhofsschildern die Tannenberg verwendet. Sie ist an alten Bahnhöfen in Ostdeutschland noch zu sehen. Die Tannenberg ist keine echte Frakturschrift, sondern eine sogenannte Bastardschrift, weil sie stilistische Merkmale der Grotesk trägt. Deshalb wurde sie von Schriftsetzern als Schaftstiefelgrotesk geschmäht.

Oberflächlich betrachtet, ist Tannenberg vielleicht ein von Tannen bestandener Berg. Die deutsche Geschichte lehrt etwas Anderes. Die Schlacht bei Tannenberg war eine blutige Schlacht des Ersten Weltkrieges, bei der die deutschen Truppen siegten, weshalb sie zu Propagandazwecken heroisiert wurde. In diesem Kontext ist der Name der Schriftart Tannenberg zu sehen.

Woher stammt nun der Vorwurf, die Tannenberg transportiere Nazi-Symbolik? Die im Barock als Gebetbuchschrift entstandene Fraktur hatte über Jahrhunderte als deutsche Schrift gegolten und galt in den Anfängen des Nationalsozialismus als Ausdruck deutscher Identität. Das ging so weit, dass im Jahr 1937 jüdischen Verlagen verboten wurde, Fraktur zu verwenden.. Auch wurde in den Anfängen der Nazizeit das Eckige der Fraktur, mehr noch ihrer Vorform, der gotischen Textura, mit dem deutschen Nationalcharakter gleichgesetzt, lautstark durch den reaktionären Bund für deutsche Schrift. Diese Deutschtümler werden nicht schlecht gestaunt haben, als der von Martin Bormann gezeichnete Erlass am 3.1.1941 ein Verbot aller Frakturschriften brachte. Da hatte man bei der NSDAP nämlich erst gemerkt, dass die seit Jahren in ihrem Briefbogen verwandte Frakturschrift vom Juden Lucian Bernhard entworfen worden war. Im Erlass werden zur Strafe alle Frakturschriften als „Schwabacher Judenletter“ bezeichnet und ihr Gebrauch wird untersagt.

Ungeachtet der historischen Tatsache bringen unbedarfte Neonazis und ein Gutteil der Aufreger die Fraktur noch immer mit dem Nationalsozialismus in Verbindung. Bereits im Dezember 2017 haben viele Leute sich ereifert über ein Logo in Frakturschrift, das die sächsische Polizei auf den Kopfstützen ihrer neuen Panzerfahrzeuge hatte aufbringen lassen. (Teestübchen berichtete) Man sah auch in diesem Schriftzug Ähnlichkeit zur Symbolik des Nationalsozialismus. Erstaunlich war, dass ein Schriftcharakter kritisiert wurde, nicht aber die Tatsache, dass die sächsische Polizei paramilitärisch aufrüstet. Auch hier erwies sich Political Correctness als Augenwischerei.

Rückwärts Lesen


Eines schönen Morgens kommt Lisa zu mir und sagt in scherzhaftem Ton: „Fahren wir, Euer Exzellenz. Es ist alles bereit.“
Man bringt meine Exzellenz auf die Straße, setzt sie in eine Droschke und fährt los. Aus Langeweile lese ich die Firmenschilder von rechts nach links. Aus dem Wort „Drogerie“ ergibt sich „Eiregord“ – das klingt wie ein irischer Name.

(Anton Tschechow: Eine langweilige Geschichte)

Tschechows gelangweilte Exzellenz gewinnt den altbekannten Wörtern durch Rückwärtslesen einen neuen Aspekt und somit ein wenig Gedankennahrung ab. Ähnlich verfährt Kurt Schwitters, der seine langweilige Heimatstadt Hannover probeweise umdreht:
„re von nah“ kommt heraus, das ist: „rückwärts von nah“. Und siehe da, jetzt bedeutet Hannover: „Vorwärts nach weit. Das heißt also: Hannover strebt vorwärts, und zwar ins Unermeßliche. Anna Blume hingegen ist von hinten wie von vorne: A-N-N-A.“ (Hannover, 1920). Später spiegelt Schwitters aus Hannover die groteske Stadt Revon, in der es eine Revolution gibt, weil ein Mann einfach herumsteht. (Franz Müllers Drahtfrühling, um 1920) „rebotco 7771“ unterschreibt der verspielte Mozart einen Brief in Umkehrlaune. Auch das Umdrehen des eigenen Namens ist beliebt: Der Palaeograph Wattenbach fand solche Spielereien schon bei mittelalterlichen Schreibern: „Ego sum, qui sum: noch weist du nicht, wer ich ben. Suroffotsirc ist der name meyn, rot den bal obiral.“ (Nachschrift des Schreibers Christofferus in einer Kornrechnung der Schweidnitzer Pfarre von 1427.)

Rückwärtslesen ist nicht einfach eine Umkehrung des Leseprozesses, denn während der geübte Leser beim normalen Lesevorgang Wortbilder erkennt, muss er beim Rückwärtslesen mühsam buchstabieren. Besonders schwer fallen die Stellen, wo ein Laut mit zwei oder drei Buchstaben wiedergegeben ist (ch, sch) oder Buchstabenkombinationen, die beim Umdrehen einen neuen Lautwert bekommen (ie=ei).

Menschen mit ausgeprägter Bildvorstellung, sogenannte Eidetiker, beherrschen die Kunst des spontanen Rückwärtssprechens, indem sie das Wortbild im Geiste ablesen. Nach Victor Hobi konnte die Eidetikerin Sue d’Onim z. B. sofort das Wort „rückwärts“ als „sträwkcür“ lesen, nachdem sie es gehört hatte, ebenso ganze Sätze, wenn sie nicht länger als sechs Wörter waren.

Das Rückwärtslesen und -sprechen hat seinen Ursprung in magischen Vorstellungen. Zaubersprüche und Flüche können nur durch Rückwärtssprechen wieder zurückgenommen werden. Eine Volkssage aus Süddeutschland erzählt von zwei Bauersleuten, die ein Zauberbuch besaßen. An einem Sonntagvormittag ließen sie das Buch versehentlich offen liegen und gingen zur Kirche. Ein neugieriger Hirtenjunge fand es und las unbefugter Weise darin. Während der Messe fiel den Eheleuten das Versehen ein. Sie eilten noch vor dem Segen zurück. Als sie eintrafen, stand in der Stube bereits der Teufel, um den Hirtenjungen zu holen. Da schüttete der Bauer ein Maß Weizenkörner auf die Dielen und zwang den Teufel, sie aufzuheben. Die Zeit, bis das letzte Korn aufgehoben war, nutzte der Bauer, um das Buch wieder rückwärts zu lesen. Dadurch war der Teufel geprellt und mußte wieder abziehen. (Nach Lutz Röhrich).

Der Theologe Gottfried Holtz sagt: „in den Sagen wimmelt es von Berichten, dass der Zauber nicht wieder gelöst werden konnte, weil ein Lehrling, ein halber Könner nichts vom Rückwärtslesen der Formel wusste.“

Wie ungeheuerlich und machtvoll muss da ein Name, Bannfluch oder Zauberspruch in Form eines Palindroms gewesen sein. Das Palindrom ist der nicht mehr zu lösende Spruch, ein wahrer VERSUS DIABOLICUS.

Nach jeder Wäsche formgespült, ehrlich

Diese ganzseitige Werbeanzeige, abgedruckt in der Illustrierten Quick offenbart nach über 30 Jahren eine erstaunliche Schnoddrigkeit. Beworben wird der Hoffmanns inform Spüler. Zu sehen ist vor schwarzem Hintergrund eine lächelnde Blondine, angetan mit einer hellen lässig weiten Bluse, deren großer Kragen eine rosafarbene Schleife ziert. Sie hat die Hände in den Hosentaschen einer gestreiften Hose. Das Foto endet in Hüfthöhe. Die Frau ist insgesamt 12-mal zu sehen. Darüber steht in schmallfetter Futura das Versprechen:

Die Bildunterschriften suggerieren, dass ihre Bluse zwischen Bild eins und zwölf jeweils gewaschen und gespült wurde. Es ist kein Unterschied zu erkennen zwischen Bild 1 („Nach der 1. Wäsche“) und Bild 12 („Nach der 12. Wäsche“) Den Fehler zu finden, ist hier leicht, obwohl die Bilder 10 und 11 teilweise von der einkopierten Formspülerflasche verdeckt sind. Alle angeblichen Wäschen werden illustriert mit einem einzigen Foto, von dem nicht einmal klar ist, ob die gezeigte Bluse überhaupt schon einmal gewaschen wurde.

Der Untertext besagt: „Deutschlands Frauen sind begeistert von Hoffmann’s inform Formspüler. […]“ Die Behauptung, dass Kleidungsstücke nach jeder Wäsche wieder in die perfekte Ursprungsform gespült werden können, wird mit dem 12-mal gleichen Foto untermauert. Entweder hält man die potentiellen Kundinnen für zu blöd, den Bildschwindel zu bemerken oder die demonstrative Gleichgültigkeit des Schwindels ist ein Hinweis auf den Werbern bekannte Rezeptionsgewohnheiten wie flüchtiges Betrachten und die Erwartung, dass in der Werbung sowieso gelogen wird.

Zu fragen ist, ob in aktueller Werbung noch so dreist gefakt wird oder ob man sich derlei Schwindel nicht mehr erlaubt, weil man weiß, dass heutige RezipientInnen kompetenter mit Werbung umgehen und sie nicht honorieren würden. Wer kennt ähnlich plumpe Beispiele aus heutiger Zeit?

Vagabundierende Texte – Ethnologie des Alltags

Textvagabunden sind von mir so genannte launige, auch erotische Texte ohne Autorenkennzeichnung. In der Zeit vor dem Internet kursierten sie in getippter Form, später wurden sie als Fotokopien weitergegeben. Ich habe in den 1990-er Jahren solche Zeugnisse der Volkskultur gesammelt.

Das erste Beispiel eines vagabundierenden Textes habe ich in den 1960-er Jahren während meiner Schriftsetzerlehre gesehen. Der Juniorchef der Druckerei war unser Setzereileiter. Nachmittags hängte er seinen grauen Kittel an den Haken, zog ein Jackett an und begab sich auf Kundenbesuch, um neue Aufträge zu akquirieren. Die Gesellen machten sich dann über seinen Kittel her, denn in der Brusttasche klemmten hinter ein paar Papiermustern ein pornografisches Foto, und dahinter ein zusammengefaltetes DIN-A4-Blatt, worauf mit Schreibmaschine ein pornografischer Text geschrieben war. Es ging um die sexuellen Abenteuer einer Frau namens Rosi. Das Blatt war so oft geöffnet und wieder gefaltet worden, dass die Kanten schon Risse hatten. Solche Blätter waren immer Originale, denn wer sie weitergeben wollte, musste sie abtippen.

Das änderte sich, als der Fotokopierer in die Büros einzog. Es wurden natürlich nicht nur pornografische Texte kopiert und per Hand weitergegeben. In vielen Büros der Verwaltungen hingen launige Sprüche oder längere Texte an der Wand, an der Tür oder am Schwarzen Brett, mit denen man sich den Büroalltag versüßt. Inzwischen werden solche Texte auch per E-Mail, über Messenger wie WhatsApp, Telegram usw. weitergereicht und verbreiten sich im Internet, so beispielsweise die Typbeschreibung des Trabbis 601 S auf Sächsisch, die Geschichte vom Hund des Gewerkschafters [in den 1980-er Jahren am Schwarzen Brett unserer Schule gesehen] oder die Anleitung Wie man andere in den Wahnsinn treibt. Hier nun ein authentisches Beispiel in Papierform:

Eigentlich habe ich heute die Betriebsanleitung für meine Heizungsterme gesucht, bekam aber plötzlich Lust, selten geöffnete Schubladen aufzuziehen und deren Inhalt anzuschauen. Ich fand mancherley Interessantes, unter anderem einen Textvagabund. Diesen Textvagabund hat mir eine Schülerin aus der siebten Jahrgangsstufe gegeben. Er trägt die Datumsangabe 1980, wäre demnach mindestens 40 Jahre alt. Wie die umseitige Quellenangabe zeigt, bekam ich den Brief am 26.September 1994. Zu diesem Zeitpunkt kursierte der Brief bereits 14 Jahre. Möglicherweise ist er noch älter, war ursprünglich handschriftlich, wurde später getippt und wieder abgetippt und erst im Jahr 1980 fotokopiert. Mich faszinieren daran die verhaltene Komik und surrealen Elemente.
Viel Vergnügen beim Lesen.

    Nachtrag: Am Freitagabend in geselliger HaCK-Runde sprachen wir kurz über den vor einem Monat gestorbenen Komiker Fips Asmussen. Herr Putzig wusste noch etwas über Asmussens Witztechnik. Ich erinnerte mich gar nicht, fand aber bei Youtube einige Beiträge. Sein Witz, in Erzählhandlungen eingebettet, erinnert stark an den Witz des Briefes.