Aufregung über die Tannenberg-Schrift bei Edeka

Ein Edeka-Markt in Greifswald ist in die Kritik geraten, weil auf Hinweisschilder im Markt die an Fraktur angelehnte Schriftart Tannenberg verwendet wurde. Ein Twitter-User hat darauf aufmerksam gemacht. Der Vorwurf lautet, die Schrift transportiere Nazi-Symbolik. Der Marktbetreiber gibt an, er habe sich mit der Schrift an den Ort seines Marktes angelehnt. Das Einkaufszentrum ist in den denkmalgeschützten Hallen eines ehemaligen Reparaturwerks für Eisenbahnwaggons untergebracht. Tatsächlich hat die deutsche Reichsbahn ab Mitte der 1930-er Jahre auf ihren Bahnhofsschildern die Tannenberg verwendet. Sie ist an alten Bahnhöfen in Ostdeutschland noch zu sehen. Die Tannenberg ist keine echte Frakturschrift, sondern eine sogenannte Bastardschrift, weil sie stilistische Merkmale der Grotesk trägt. Deshalb wurde sie von Schriftsetzern als Schaftstiefelgrotesk geschmäht.

Oberflächlich betrachtet, ist Tannenberg vielleicht ein von Tannen bestandener Berg. Die deutsche Geschichte lehrt etwas Anderes. Die Schlacht bei Tannenberg war eine blutige Schlacht des Ersten Weltkrieges, bei der die deutschen Truppen siegten, weshalb sie zu Propagandazwecken heroisiert wurde. In diesem Kontext ist der Name der Schriftart Tannenberg zu sehen.

Woher stammt nun der Vorwurf, die Tannenberg transportiere Nazi-Symbolik? Die im Barock als Gebetbuchschrift entstandene Fraktur hatte über Jahrhunderte als deutsche Schrift gegolten und galt in den Anfängen des Nationalsozialismus als Ausdruck deutscher Identität. Das ging so weit, dass im Jahr 1937 jüdischen Verlagen verboten wurde, Fraktur zu verwenden.. Auch wurde in den Anfängen der Nazizeit das Eckige der Fraktur, mehr noch ihrer Vorform, der gotischen Textura, mit dem deutschen Nationalcharakter gleichgesetzt, lautstark durch den reaktionären Bund für deutsche Schrift. Diese Deutschtümler werden nicht schlecht gestaunt haben, als der von Martin Bormann gezeichnete Erlass am 3.1.1941 ein Verbot aller Frakturschriften brachte. Da hatte man bei der NSDAP nämlich erst gemerkt, dass die seit Jahren in ihrem Briefbogen verwandte Frakturschrift vom Juden Lucian Bernhard entworfen worden war. Im Erlass werden zur Strafe alle Frakturschriften als „Schwabacher Judenletter“ bezeichnet und ihr Gebrauch wird untersagt.

Ungeachtet der historischen Tatsache bringen unbedarfte Neonazis und ein Gutteil der Aufreger die Fraktur noch immer mit dem Nationalsozialismus in Verbindung. Bereits im Dezember 2017 haben viele Leute sich ereifert über ein Logo in Frakturschrift, das die sächsische Polizei auf den Kopfstützen ihrer neuen Panzerfahrzeuge hatte aufbringen lassen. (Teestübchen berichtete) Man sah auch in diesem Schriftzug Ähnlichkeit zur Symbolik des Nationalsozialismus. Erstaunlich war, dass ein Schriftcharakter kritisiert wurde, nicht aber die Tatsache, dass die sächsische Polizei paramilitärisch aufrüstet. Auch hier erwies sich Political Correctness als Augenwischerei.

Rückwärts Lesen


Eines schönen Morgens kommt Lisa zu mir und sagt in scherzhaftem Ton: „Fahren wir, Euer Exzellenz. Es ist alles bereit.“
Man bringt meine Exzellenz auf die Straße, setzt sie in eine Droschke und fährt los. Aus Langeweile lese ich die Firmenschilder von rechts nach links. Aus dem Wort „Drogerie“ ergibt sich „Eiregord“ – das klingt wie ein irischer Name.

(Anton Tschechow: Eine langweilige Geschichte)

Tschechows gelangweilte Exzellenz gewinnt den altbekannten Wörtern durch Rückwärtslesen einen neuen Aspekt und somit ein wenig Gedankennahrung ab. Ähnlich verfährt Kurt Schwitters, der seine langweilige Heimatstadt Hannover probeweise umdreht:
„re von nah“ kommt heraus, das ist: „rückwärts von nah“. Und siehe da, jetzt bedeutet Hannover: „Vorwärts nach weit. Das heißt also: Hannover strebt vorwärts, und zwar ins Unermeßliche. Anna Blume hingegen ist von hinten wie von vorne: A-N-N-A.“ (Hannover, 1920). Später spiegelt Schwitters aus Hannover die groteske Stadt Revon, in der es eine Revolution gibt, weil ein Mann einfach herumsteht. (Franz Müllers Drahtfrühling, um 1920) „rebotco 7771“ unterschreibt der verspielte Mozart einen Brief in Umkehrlaune. Auch das Umdrehen des eigenen Namens ist beliebt: Der Palaeograph Wattenbach fand solche Spielereien schon bei mittelalterlichen Schreibern: „Ego sum, qui sum: noch weist du nicht, wer ich ben. Suroffotsirc ist der name meyn, rot den bal obiral.“ (Nachschrift des Schreibers Christofferus in einer Kornrechnung der Schweidnitzer Pfarre von 1427.)

Rückwärtslesen ist nicht einfach eine Umkehrung des Leseprozesses, denn während der geübte Leser beim normalen Lesevorgang Wortbilder erkennt, muss er beim Rückwärtslesen mühsam buchstabieren. Besonders schwer fallen die Stellen, wo ein Laut mit zwei oder drei Buchstaben wiedergegeben ist (ch, sch) oder Buchstabenkombinationen, die beim Umdrehen einen neuen Lautwert bekommen (ie=ei).

Menschen mit ausgeprägter Bildvorstellung, sogenannte Eidetiker, beherrschen die Kunst des spontanen Rückwärtssprechens, indem sie das Wortbild im Geiste ablesen. Nach Victor Hobi konnte die Eidetikerin Sue d’Onim z. B. sofort das Wort „rückwärts“ als „sträwkcür“ lesen, nachdem sie es gehört hatte, ebenso ganze Sätze, wenn sie nicht länger als sechs Wörter waren.

Das Rückwärtslesen und -sprechen hat seinen Ursprung in magischen Vorstellungen. Zaubersprüche und Flüche können nur durch Rückwärtssprechen wieder zurückgenommen werden. Eine Volkssage aus Süddeutschland erzählt von zwei Bauersleuten, die ein Zauberbuch besaßen. An einem Sonntagvormittag ließen sie das Buch versehentlich offen liegen und gingen zur Kirche. Ein neugieriger Hirtenjunge fand es und las unbefugter Weise darin. Während der Messe fiel den Eheleuten das Versehen ein. Sie eilten noch vor dem Segen zurück. Als sie eintrafen, stand in der Stube bereits der Teufel, um den Hirtenjungen zu holen. Da schüttete der Bauer ein Maß Weizenkörner auf die Dielen und zwang den Teufel, sie aufzuheben. Die Zeit, bis das letzte Korn aufgehoben war, nutzte der Bauer, um das Buch wieder rückwärts zu lesen. Dadurch war der Teufel geprellt und mußte wieder abziehen. (Nach Lutz Röhrich).

Der Theologe Gottfried Holtz sagt: „in den Sagen wimmelt es von Berichten, dass der Zauber nicht wieder gelöst werden konnte, weil ein Lehrling, ein halber Könner nichts vom Rückwärtslesen der Formel wusste.“

Wie ungeheuerlich und machtvoll muss da ein Name, Bannfluch oder Zauberspruch in Form eines Palindroms gewesen sein. Das Palindrom ist der nicht mehr zu lösende Spruch, ein wahrer VERSUS DIABOLICUS.

Nach jeder Wäsche formgespült, ehrlich

Diese ganzseitige Werbeanzeige, abgedruckt in der Illustrierten Quick offenbart nach über 30 Jahren eine erstaunliche Schnoddrigkeit. Beworben wird der Hoffmanns inform Spüler. Zu sehen ist vor schwarzem Hintergrund eine lächelnde Blondine, angetan mit einer hellen lässig weiten Bluse, deren großer Kragen eine rosafarbene Schleife ziert. Sie hat die Hände in den Hosentaschen einer gestreiften Hose. Das Foto endet in Hüfthöhe. Die Frau ist insgesamt 12-mal zu sehen. Darüber steht in schmallfetter Futura das Versprechen:

Die Bildunterschriften suggerieren, dass ihre Bluse zwischen Bild eins und zwölf jeweils gewaschen und gespült wurde. Es ist kein Unterschied zu erkennen zwischen Bild 1 („Nach der 1. Wäsche“) und Bild 12 („Nach der 12. Wäsche“) Den Fehler zu finden, ist hier leicht, obwohl die Bilder 10 und 11 teilweise von der einkopierten Formspülerflasche verdeckt sind. Alle angeblichen Wäschen werden illustriert mit einem einzigen Foto, von dem nicht einmal klar ist, ob die gezeigte Bluse überhaupt schon einmal gewaschen wurde.

Der Untertext besagt: „Deutschlands Frauen sind begeistert von Hoffmann’s inform Formspüler. […]“ Die Behauptung, dass Kleidungsstücke nach jeder Wäsche wieder in die perfekte Ursprungsform gespült werden können, wird mit dem 12-mal gleichen Foto untermauert. Entweder hält man die potentiellen Kundinnen für zu blöd, den Bildschwindel zu bemerken oder die demonstrative Gleichgültigkeit des Schwindels ist ein Hinweis auf den Werbern bekannte Rezeptionsgewohnheiten wie flüchtiges Betrachten und die Erwartung, dass in der Werbung sowieso gelogen wird.

Zu fragen ist, ob in aktueller Werbung noch so dreist gefakt wird oder ob man sich derlei Schwindel nicht mehr erlaubt, weil man weiß, dass heutige RezipientInnen kompetenter mit Werbung umgehen und sie nicht honorieren würden. Wer kennt ähnlich plumpe Beispiele aus heutiger Zeit?

Vagabundierende Texte – Ethnologie des Alltags

Textvagabunden sind von mir so genannte launige, auch erotische Texte ohne Autorenkennzeichnung. In der Zeit vor dem Internet kursierten sie in getippter Form, später wurden sie als Fotokopien weitergegeben. Ich habe in den 1990-er Jahren solche Zeugnisse der Volkskultur gesammelt.

Das erste Beispiel eines vagabundierenden Textes habe ich in den 1960-er Jahren während meiner Schriftsetzerlehre gesehen. Der Juniorchef der Druckerei war unser Setzereileiter. Nachmittags hängte er seinen grauen Kittel an den Haken, zog ein Jackett an und begab sich auf Kundenbesuch, um neue Aufträge zu akquirieren. Die Gesellen machten sich dann über seinen Kittel her, denn in der Brusttasche klemmten hinter ein paar Papiermustern ein pornografisches Foto, und dahinter ein zusammengefaltetes DIN-A4-Blatt, worauf mit Schreibmaschine ein pornografischer Text geschrieben war. Es ging um die sexuellen Abenteuer einer Frau namens Rosi. Das Blatt war so oft geöffnet und wieder gefaltet worden, dass die Kanten schon Risse hatten. Solche Blätter waren immer Originale, denn wer sie weitergeben wollte, musste sie abtippen.

Das änderte sich, als der Fotokopierer in die Büros einzog. Es wurden natürlich nicht nur pornografische Texte kopiert und per Hand weitergegeben. In vielen Büros der Verwaltungen hingen launige Sprüche oder längere Texte an der Wand, an der Tür oder am Schwarzen Brett, mit denen man sich den Büroalltag versüßt. Inzwischen werden solche Texte auch per E-Mail, über Messenger wie WhatsApp, Telegram usw. weitergereicht und verbreiten sich im Internet, so beispielsweise die Typbeschreibung des Trabbis 601 S auf Sächsisch, die Geschichte vom Hund des Gewerkschafters [in den 1980-er Jahren am Schwarzen Brett unserer Schule gesehen] oder die Anleitung Wie man andere in den Wahnsinn treibt. Hier nun ein authentisches Beispiel in Papierform:

Eigentlich habe ich heute die Betriebsanleitung für meine Heizungsterme gesucht, bekam aber plötzlich Lust, selten geöffnete Schubladen aufzuziehen und deren Inhalt anzuschauen. Ich fand mancherley Interessantes, unter anderem einen Textvagabund. Diesen Textvagabund hat mir eine Schülerin aus der siebten Jahrgangsstufe gegeben. Er trägt die Datumsangabe 1980, wäre demnach mindestens 40 Jahre alt. Wie die umseitige Quellenangabe zeigt, bekam ich den Brief am 26.September 1994. Zu diesem Zeitpunkt kursierte der Brief bereits 14 Jahre. Möglicherweise ist er noch älter, war ursprünglich handschriftlich, wurde später getippt und wieder abgetippt und erst im Jahr 1980 fotokopiert. Mich faszinieren daran die verhaltene Komik und surrealen Elemente.
Viel Vergnügen beim Lesen.

    Nachtrag: Am Freitagabend in geselliger HaCK-Runde sprachen wir kurz über den vor einem Monat gestorbenen Komiker Fips Asmussen. Herr Putzig wusste noch etwas über Asmussens Witztechnik. Ich erinnerte mich gar nicht, fand aber bei Youtube einige Beiträge. Sein Witz, in Erzählhandlungen eingebettet, erinnert stark an den Witz des Briefes.

„Wir heiraten am 12. Februar 2021“

Bei einem Gespräch über Palindrome sagte ich kürzlich, dass es auch Palindrome bei Kalenderdaten gebe und dass sie beliebt seien als Hochzeitstermine. Aus dem Stand hatte ich aber kein Palindromdatum nennen können. Sich nach Palindromdaten zu richten, mag man als sprachmagische Spielerei abtun. Derlei Ideen hegt aber nicht nur das dumme Volk, sondern hegte auch der Literaturwissenschaftler Paul Raabe, der damals scheidende Bibliothekar der Herzog August Bibliothek, den die ZEIT am 21. Februar 1992 porträtierte:

    „Und dem Kenner manieristischer Zahlen-Magie mag es ein Trost sein, daß er Herzog Augusts Bibliothek an einem ganz seltenen Tag verläßt, einem 29. Februar, dessen Zahlen sich, zauberkräftig, von vorn wie von hinten lesen lassen: 29-2-92.“

Der 29-2-92 ist in seiner bei der Jahreszahl verkürzten Schreibweise kein echtes Palindrom. Wie die Liste zeigt, gab es im Jahr 1992 nur ein echtes Palindromdatum, den 29-9-1992. Das Datum hatte ich ermittelt mit einem von mir geschriebenen Programm in GW Basic von Microsoft. Programbeschreibung: Eingangs wird man aufgefordert, den zu durchsuchenden Kalenderbereich einzugeben. Auf dem Bildschirm erscheint: „ab welcher Jahreszahl suchen?“ Das Programm durchsuchte dann vom gewählten Jahr aufwärts alle Kalenderdaten nach Palindromen und zeigt die Palindrome auf dem Bildschirm an.

Leider gibt es in Windows keinen Basic-Interpreter mehr, so dass sich das Palindromsuchprogramm nicht auf die 2000-er Jahre anwenden lässt. Aber es gibt Hoffnung. Im Netz werden Basic-Emulatoren angeboten. Nachdem ich einen Emulator installiert habe, werde ich das Listing zuerst abtippen müssen und dabei vielleicht wieder verstehen, wie das vor gut 30 Jahren geschriebene Programm aufgebaut ist. Denn es ist beim Programmieren wie bei allen Kenntnissen. Nicht geübt, geht’s verloren. Sollte das Programm funktionieren, kann ich alle Palindrome ab dem Jahr 2000 bis suchen lassen. Was hat es mit der Überschrift auf sich? Wie ich ohne Programm festgestellt habe, scheint der 12-02-2021 das kommende Palindromdatum zu sein, vorausgesetzt, der Monat wird aufgenullt.

Einiges über die SATOR-AREPO-Glücksformel

Kollegin Andrea Heming macht auf ihrem Weblog „Frau Heming ist unterwegs“ auf den Hollywood-Film TENET aufmerksam, der kürzlich angelaufen ist. Da das Wortpalindrom TENET vermutlich der SATOR-AREPO-Formel entnommen ist, einem magischen Quadrat, wundere ich mich, dass ich noch nie über diese bekannte Glücksformel geschrieben habe. Meine drei Blogs weisen jedenfalls keinen Beitrag dazu aus. Aber einen unveröffentlichten Text aus dem Jahr 2015 fand ich auf meiner Festplatte:

Samstag, den 31.10. 23:25 – 00:50 zeigte der NDR eine Folge der Serie Irene Huss, Kripo Göteborg: Tod im Pfarrhaus. Das Drehbuch hat der schwedische Schriftsteller Stefan Ahnhem verfasst. In dieser Folge beschwört eine der Hexerei verfallene evangelische Kantorin dunkle Mächte. Man sieht sie bedeutungsvoll umher schreiten und hört sie die „Sator-Arepo-Formel“ brabbeln. Das ist freilich kompletter Unsinn. Zwar gilt die Formel als magischer Spruch, aber nur in der geschriebenen Form. SATOR AREPO TENET OPERA ROTAS ist nämlich ein magisches Quadrat. Es kann in alle Richtungen gelesen werden, von links nach rechts und unten beginnend von rechts nach links, von oben nach unten und umgekehrt. Gesprochen ist es gar nicht als solches erkennbar. Welches Armutszeugnis! Da wundern wir uns, dass es keine Magie gibt, auch wenn sie in populären Büchern und Filmen wie Harry Potter oder in besagter TV-Serie heraufbeschworen wird. Aber natürlich kann Hexerei nicht funktionieren, wenn so erbärmlich herum gestümpert wird.

Soweit das: Wörtlich übersetzt bedeutet die lateinische Formel [übersetzt nach E. v. Welz, in der Societas Latina, München 1937]: „Der Bauer (Sämann) Arepo lenkt mit seiner Hand den Pflug.“ Als Bustrophedon gelesen, also wie der Bauer mit dem Ochsen pflügt, erhält man SATOR OPERA TENET, TENET OPERA SATOR „Der Sämann erhält seine Werke“ oder „der Bauer hält den Bau der Welt zusammen“ oder „der Ackerbau ist die Grundlage der Kultur.“ Einige Hinweise lassen darauf schließen, dass das magische Quadrat christlichen Ursprungs ist. Das mittlere Wort TENET bildet senkrecht und waagerecht ein Kreuz. Ein Pfarrer namens Grosser aus Chemnitz hat herausgefunden, dass sich aus den Buchstaben des Quadrats, um das mittlere N gruppiert, ein kreuzförmiges „PATERNOSTER“ bilden lässt. Bleiben A und O an den Enden (Alpha-Omega). Da alle magischen Formeln durch Rückwärtslesen unwirksam gemacht können, ist SATOR-AREPO … wie kein anderes Palindrom gegen Rückwärtssprechen abgesichert und gilt deshalb als eine machtvolle Segens- und Glücksformel.

Magermilchjoghurt

Zeichnung und Gif-Animation: JvdL


„Wann ich Morgens auffstehe, sprach Grschwbtt, so spreche ich ein gantz A.B.C., darinnen sind alle Gebett auff der Welt begriffen, vnser Herr Gott mag sich darnach die Buchstaben selbst zusamen lesen vnd Gebet drauß machen, wie er will, ich könts so wol nicht, er kan es noch besser. Vnd wann ich mein abc gesagt hab, so bin ich gewischt vnd getrenckt, vnd denselben Tag so fest wie ein Maur.“
(Hanß Michael Moscherosch, Satyrische Gesichte Philanders vom Sittewalt, IV. Theil, anders Gesicht: Soldaten-Leben) vergl.: Zwei Boxkämpfer jagen Eva quer durch Sylt

Über die Gefühlswerte der Zahlen

Es ist etwas Seltsames in den Formen unserer Zahlen. Die Fünf beispielsweise, wenn man beim Schreiben nicht aufpasst, wirkt die Fünf wie ein böser alter Mann. Der untere Bogen gemahnt an einen offenen Mund, die Senkrechte oben ist wie eine zornige Stirn.
Die Drei hat etwas Tölpelhaftes. So schaut der dumme Narr in die Welt. Die Neun hat etwas von einer faul herumhängenden Vettel.
Die Zwei wirkt immer grundehrlich, egal welche Ausformung sie hat. Die Zwei kann nicht lügen.


Der böse Alte, der Tölpel, die Vettel und die Ehrliche. So lässt sich die Zahl 5392 gut merken. [Nach einem Tagebucheintrag von 12/1993]

Nusskernmischung auf Finnisch

Vor langer Zeit schrieb ich für mich 40 Lebensregeln auf, nach denen ich lebe oder zu leben wünsche. Die erste Regel enthielt die Forderung „Wenig Fernkommunikation.“ Obwohl ich diese Regel situationsbedingt breche – ich könnte ja nicht lesen in anderen Blogs und selbst nicht bloggen, hätte beispielsweise aktuell nicht gegen die Coronapanik und das Niederschießen unserer verfassungsmäßigen Rechte protestieren können. Ich müsste wieder zum Kartoffeldruck zurück, ein Bettlaken bestempeln und es aus dem Fenster hängen lassen. Die Leute würden stirnrunzelnd hochschauen und sich fragen: „Was wohnt denn da für ein Sonderling?“, würden vor allem den Inhalt meines Bettlakenprotestes ignorieren. Das Medium ist nämlich die Botschaft, und aus dem Fenster gehängte Bettlaken sind kein positiv konnotiertes Medium, sondern gelten als Aufschrei der ohnmächtigen Verzweiflung. Am Ende würde mich noch der Hausbesitzer abmahnen, ich hätte zwar die Wohnung gemietet, nicht aber die Außenwand.

Dann lieber Bloggen und dem Mainstream etwas entgegensetzen. Wenn man meine Blogaktivitäten freundlich unter „wenig Fernkommunikation“ abhaken mag, bleibt da ja noch das Telefon. Als einer, der noch mit dem Dosentelefon aufgewachsen ist, telefoniere ich ungern. Das Telefon als gerätemäßige Erweiterung der Stimmkraft, ist mir aus nachvollziehbaren Gründen fremd geblieben. Als ich nämlich 17 Jahre alt war, wohnten wir in einer Lehrerwohnung der Schule. Wir hatten noch kein eigenes Telefon. Für den Notfall gaben wir die Telefon-Nummer des nebenan wohnenden Lehrers an. Was ein Notfall ist, wurde unterschiedlich interpretiert. Jedenfalls gab es auch Mädchen, die beim Lehrer Ruß anriefen und mich zu sprechen verlangten. Frau Ruß kam dann in den rosafarbenen Plüschpantoffeln über den Schulhof und benachrichtigte mich vom aufgelaufenen Notfall. Das Festnetztelefon stand in der Diele. Ich erinnere mich an den Brokatbezug des Gehäuses, dessen Muster ich verlegen studierte, während das jeweilige Mädchen Liebesschwüre von mir verlangte. Da stand ich rotohrig in der Diele, denn ich ahnte, dass hinter der nur angelehnten Wohnzimmertür Frau und Herr Ruß interessiert lauschten. Ob das Trauma mich zur Regel „wenig Fernkommunikation“ veranlasst hat?

Vordergründung argumentiere ich so, dass durch Fernkommunikation die Eile und Hetze in unseren Alltag dringt und ihn ummodelt. Viele kennen aus dem Berufsleben, dass einkommende E-Mails sogleich beantwortet werden müssen. Die Messenger-Dienste des Smartphones tragen zur ständigen Ablenkung von Arbeits- und Denkprozessen bei, indem dort ebenfalls zeitnahe Reaktionen gefordert sind. Wer wie ich gerne in eigenen Gedankenwelten unterwegs ist, wird durch den Umstand, auf so vielen offenen Kanälen erreichbar zu sein, immer wieder gestört.

Als Fernkommunikation noch existenziell war – Montage: JvdL

Als mir vor nun acht Jahren eine Liebe entschwand, habe ich als erstes WhatsApp gelöscht, um diesen Kanal zu schließen. Am letzten Wochenende habe ich aber aus guten Gründen einen alternativen Messenger-Dienst auf meinem Smartphone installiert. Der Name des Dienstes verweist auf eine frühe Technik der Fernkommunikation. Gestern Morgen nun war mir, als würden verschiedene Telegrammboten sich meine Türklingel streitig machen. Man stelle sich das Gedränge vor. Wo bleibt social distinction? Ich plädiere für 250 Meter Mindestabstand.

Indem sich meine Lebenssituation verändert hat, muss ich mich neu orientieren. Darum schreibe ich derzeit aus dem Off, bin also nur halb da. Bis ich wieder mit ganzer Aufmerksamkeit bloggen kann, verrate ich wenigstens, was Nusskernmischung auf Finnisch heißt, nämlich: „Pähkinäsekoitus“