Unterwegs

Guten Tag, meine lieben Damen und Herren,
heute lesen Sie gerne etwas über Sprachmoden und dumme Floskeln. Die lauern wie Wegelagerer hinter Hecken und Mauerecken auf ihre Opfer. Da kommt ein Menschlein nichts ahnend pfeifend daher, und schon springt ihm die Floskel in den Nacken, packt es bei den Ohren und übernimmt die Kontrolle. Fragst du es jetzt nach seinem Beruf, stammelt es: „Ich bin in Design unterwegs.“ „Ach, wie hübsch“, sagst du, „als Zeichner auf der Walz oder als Handelsreisender mit Musterkoffer?“ Und du fährst fort: „Ich bin als Sprachkritiker unterwegs und treffe immer wieder Deppen, die gerade mit den neuesten Sprachfloskeln hausieren.

„Ich bezweifle, dass Sprachkritik überhaupt sinnvoll ist“, erwidert das Mensch, das in Design unterwegs ist. „Gehören Sprachmoden nicht zum Sprachwandel, von dem ja bekannt ist, dass er unabdingbar ist für eine lebendige Sprache? Nur tote Sprachen verändern sich nicht mehr. Mithin können am Ende des Tages auch keine Sprachmoden mehr eindringen. Sprachwandel ist anarchisch, und da ist es albern, dass ein selbsternannter Sprachkritiker daher kommt und eine Entwicklung schurigelt, nur weil sie ihm gegen den Strich geht.“

„Das ist richtig, aber leider falsch. Was ich kritisiere, sind Blähformeln. Wenn jemand sagt: ‚Ich bin in Design unterwegs‘, wo ein schlichtes ‚Ich bin Designerin‘ klarer wäre, halte ich dagegen. Meistens regnen derlei Blähformeln aus der Wirtschaft auf uns nieder, und niemand wird behaupten wollen, dass der Sprachwandel auf Sprachmüll aus der großkotzigen Wirtschaft nicht verzichten kann, wo man nicht sagt: ‚Ich bin vielseitig‘ oder ‚Ich habe viele Qualifikationen, sondern ‚Ich bin breit aufgestellt.’“

Trotzdem trifft der Hinweis auf Sprachwandel zu. Selbst dumme Sprachmoden lassen sich nicht aufhalten, wie am Beispiel „am Ende des Tages“ zu sehen. Gestern besuchte ich ein Brillengeschäft. Mich bediente eine junge Optikerin. Glücklicherweise war auf ihrem Namensschild nicht genug Platz für „Bin in Optik unterwegs.“ Die Optikerin packte in jeden Satz das Adverb „gerne.“ Vermutlich hat man sie instruiert, das zu tun. Niemand sagt aus eigenem Antrieb dauernd „gerne.“
„Nehmen Sie gerne im Sessel Platz, Herr Blindfisch.“
„Mach ich. Vorausgesetzt, Sie sind breit aufgestellt.“

„Zu wenig Buchstaben“ besonders Eszett – der Fall Neuß

“Wir hatten im Osten zu wenig Buchstaben“, schreibt Kollege Herr Koske scherzhaft in einem Kommentar. Erlebte ich in meiner Schriftsetzerlehre wirklich, sogar im Westen. Ein Setzkasten enthielt von jedem Buchstaben eine Anzahl, die von der Buchstabenhäufigkeit abhing. Die Schriftgießereien hielten für die verschiedenen Sprachen Gießzettel vor, aus denen die Menge der einzelnen Bleilettern auf einen Zentner hervorging. Das nur in Deutschland gebräuchliche Eszett hat die Häufigkeit von 0,31 Prozent. Auf einen Zentner 8-Punkt-Schrift kamen beispielsweise 60.000 Lettern, davon 10440 e, aber nur 186 ß, Wenn in einem gut gefüllten Setzkasten etwa 100 e lagen, dann gerade mal zwei ß.

Meine Schriftsetzerlehre machte ich in einer Buchdruckerei in Neuss. Neuss wurde bis Ende der 1960-er Jahre Neuß geschrieben. Hatte ich zwei Briefbögen ortsansässiger Unternehmen gesetzt, war der Vorrat an Eszett schon erschöpft. Wenn ich mich dann beklagte, es fehle Schriftmaterial, sagte einer meiner Gesellen:

    „Mit Material kann jeder arbeiten“, mit Betonung auf „mit.“

Diesen Spruch habe ich zeitlebens als Aufforderung gesehen, auch unter schwierigen Bedingungen etwas zu leisten, kreative Lösungen zu finden oder mich mit einem unbequemen Weg zu arrangieren. Dass ich etwas mit der Umbenennung von Neuß in Neuss zu tun gehabt hätte, wagen selbst böse Zungen nicht zu behaupten. Mehr dazu: Weiterlesen

Frohe Ostern schlägt happy easter

Seit einiger Zeit besitze ich Papierservietten mit der Aufschrift: „Happy Easter.“ Gekauft habe ich sie, weil ich darüber schreiben wollte, nicht etwa, weil mich „Happy Easter“ anspricht. Ich habe nichts gegen die Marotte, deutsche Wörter durch englische zu ersetzen. Wer das prima findet, wer glaubt, sich dadurch zu erhöhen, soll das tun. In diesem Fall habe ich trotzdem etwas einzuwenden gegen „Happy Easter“ und finde die deutsche Form „Frohe Ostern“ um Klassen besser. Bekanntlich verbinden wir mit Ostern den Brauch, Hühnereier zu bemalen, zu suchen, verschenken oder zu essen. Die Eiform, auch Oval genannt [nach lateinisch ovum ‚Ei‘], finden wir zweimal in „Frohe Ostern.“

Ich erspare uns die allzu naheliegende Gestaltungsbemühung, das kleine und das große O durch ein bemaltes Osterei zu ersetzen. Auch ohne visuelle Gleichsetzung von Ei und O klingt die bildhafte Kodierung in deutschsprachgigen Leserinnen/Lesern an. Wir sehen im O von Ostern das Ei. In „Eastern“ klingt davon gar nichts an. Nicht der kleinste Ostern-Gefühlwert vermittelt sich im albernen „Happy Easter.“ Es ist so eine halbgare Gestaltungsidee, bei der man spontan rufen mag: „Ja, das ist es!“, aber bei längerem Überlegen ergänzt „… nein, doch nicht“, eine richtige Aldi-Discount-Idee.

Wer überdies das Wortbild von „Easter“ eins zu eins überträgt, landet beim unflektierten „Oster“, nicht bei „Ostern.“ Oster sagt uns auch nichts, es sei denn, man kommt aus dem Saarland. (Wer will das schon?) Im saarländischen Wiebelskirchen gibt es einen Fluss namens Oster. Er ist der linke Zufluss der Blies, die wir auch nicht kennen müssen. In „Oster“ erkennen wir allenfalls den Wortbestandteil „Ost“ – denken eventuell an die Himmelsrichtung des Sonnenaufgangs, was auch die Wortgeschichte von Ostern erhellt. Es geht vermutlich zurück auf das altgermanische Austrō = „Morgenröte.“ Wir begrüßen also mit „Frohe Ostern“ den Sonnenaufgang, was etwas erfreulich Heidnisches hat.

Die Erzählung meines Bruders und ihr wahrer Kern

Mein fünf Jahre älterer Bruder erzählte mir gerne Märchen, so auch, dass er als Messdiener in die Turmspitze unserer Pfarrkirche St. Martinus geklettert war. Im Dach habe es nur ein Zickzack von Leitern gegeben. Die Kugel auf der Spitze sei mit einer Falltür gesichert gewesen. Da habe er reinschauen können und verstaubte Schriftstücke gesehen. Als ich zehn Jahre später Mitglied des Kirchenchors war, durfte ich während der Messe auf der Orgelempore sein. Da stieg ich einmal hinauf in den Glockenturm. In der Turmspitze waren durchaus Leitern zu ahnen, aber verloren sich in der Finsternis, so dass ich die Erzählung meines Bruders verwarf.

Vor zwei Jahren ist er verstorben, kann also nicht mehr befragt werden. Inzwischen glaube ich, dass es sich bei der Erzählung meines Bruders um einen von Messdienern über die Generationen weitergegebenen Mythos handelt. So wie sie einander die lateinischen Gebete der Liturgie mündlich weitergaben und verfälschten, weil sie kein Latein verstanden, erzählten sie von Inhalten der Turmkugel, ohne sie je gesehen zu haben.

Über das gern gelesene Blog des Aachener Historikers und Archivars Klaus Graf wurde ich aufmerksam auf einen Aufsatz über Turmkugelarchive. Der Historiker Beat Kümin schreibt in „Nachrichten für die Nachwelt. Turmkugelarchive in der Erinnerungskultur des deutschsprachigen Europa“, es „(…) dürften mit Sicherheit Hunderte, aber wahrscheinlich Tausende dieser meist aus vergoldetem Metall gefertigten Behälter – mit oder ohne Wissen der Anwohner – hermetisch verschlossene Hülsen, Röhrchen oder Schachteln mit geheimnisvollen Nachrichten und Materialien enthalten.“ Gefunden werden diese „Einlagen“, nachdem eine Turmkugel abgenommen wurde, um sie beispielsweise neu zu vergolden.

Als ich etwa die 8. Klasse der Volksschule besuchte, gab es in meinem Heimatdorf Nettesheim ein spektakuäres Ereignis, zu dem sich viele Dorfbewohner eingefunden hatten. Da war die örtliche Dachdeckerfamilie mit drei Generationen auf dem Kirchturm, um den renovierungsbedürftigen Wetterhahn von der Spitze zu holen. Ich erinnere mich, dass ich Großvater, Vater und Sohn in schwindelerregender Höhe mit Bangigkeit beobachtete. Dabei beeindruckte mich besonders, dass der Sohn mein Mitschüler Juppi aus dem Jahrgang unter mir war.

[Im Bild: St. Martinus Nettesheim, Foto: Wikipedia] zum Vergrößern bitte klicken.

Turmkugelarchive zu bergen und wieder auf die Turmspitze zu setzen, ist demnach Aufgabe der Dachdecker. In Rosdorf bei Göttingen hat im Jahr 1749 der Schieferdecker nicht nur neue Schuhe und Strümpfe verlangt, sondern auch mit Kugel, Fahne und Musikbegleitung durch die Gemeinde ziehen zu dürfen, schreibt Kümin. Nachdem der Dachdecker die Kugel wieder auf die Turmspitze gesteckt hatte, setzte er sich oben drauf, um die neuen Strümpfe und Schuhe anzuziehen.

Was wird nun aufbewahrt in den Turmkugelarchiven? Kümin schreibt: „Stellvertretend mag hier die Apostelkirche Hannover stehen, wo das Spektrum 1882 Baudokumentationen, Grußworte einer benachbarten Pfarrei sowie eines Handwerkbetriebs, Werbematerial für die Landeslotterie, Spendenaufrufe, den zuvor im Grundstein eingeschlossenen Text, einen Führer durch das Gotteshaus, Bilder der königlichen Familie sowie verschiedene Zeitungen und Münzen umfasste.“ Die Einlagen sind Dokumente ihrer Zeit und als Botschaften für nachkommende Generationen. gedacht. Kümin spricht von einem Rhythmus „absichtlicher Zufälligkeit“ und nennt zwei Generationen als Öffnungs- und Sichtungsintervalle.

In einer Turmkugel in Allerstedt fand man im Jahr 1927 die fast bange Frage an die Zukunft:

    „Was wird an Errungenschaften da sein, wenn wieder einmal diese letzten Nachrichten gelesen werden! Wird man vielleicht lächeln über das, worüber wir noch staunen?“

Schick nach Drüben – Geh nach Drüben!

Freund Fritz sandte mir eine Postkarte. Sie zeigt in verkleinerter Version ein Plakat des Arbeitskreises „Bücherbrücke West – Ost“ von 1956 mit dem Slogan: „Schick auch ein Buch nach Drüben.“ Dieses „Drüben“ meinte die DDR – in der Diktion der Adenauer-Ära „die Sowjetzone“ oder „die Ostzone.“ Als Ende der 1960-er Jahre in der Bundesrepublik die Jugend gegen die herrschende Politik aufbegehrte und eine außerparlamentarische Opposition formierte, hielt man deren Vertretern gern entgegen: „Geh doch nach drüben!“ Das Plakat schickt einen Bücherpfeil von links unten nach rechts oben in eine für mich imaginäre Welt, denn ich habe dieses Drüben nie gekannt.

Als ich in den 1990-er Jahren erstmals dort zu tun hatte, existierten nur Reste. Beispielsweise war die Altstadt von Görlitz etwa zur Hälfte restauriert. Verfallene Bauten der anderen Hälfte zeigten, wie Drüben wohl zuletzt ausgesehen hatte. Auch habe ich in Berlin noch den Palast der Republik besichtigt. Bei einem späteren Besuch war er bereits abgerissen, ein barbarischer Akt von Siegermentalität. Angeblich war der Palast asbestverseucht, aber dass man ihn nicht sanierte, erinnert an den christlichen Überwindungsgedanken, als im Zuge der Christianisierung alle heidnischen Kultplätze mit christlichen Bauten überformt wurden. Entsprechend finden sich heute auf dem Gelände des Palastes Konsumtempel.

Siegermentalität und Überwindungsgedanke zeigt sich auch beim Duden. Als ich letztens für diesen Text recherchieren wollte, wie der Redaktionsleiter der letzten Ausgabe des Leipziger Duden (DDR) hieß, fand ich im Wikipedia-Eintrag und auch auf der Seite des Duden Verlags keinen Hinweis. Auch das Bibliographische Institut in Leipzig, das den DDR-Duden in 5. Auflage bis 1989 herausgegeben hatte, existiert nicht mehr. Im Jahr 1991 war es dem Mannheimer Lexikonverlag Bibliographisches Institut und der F.A. Brockhaus AG einverleibt worden. Damit war das Ende der 60 Mitarbeiter großen Leipziger Redaktion gekommen. Redaktionsleiter Dieter Baer ging in den Ruhestand. Inzwischen gehört der gesamtdeutsche Duden zur Unternehmensgruppe Cornelsen.

Es war vor der Wiedervereinigung nicht nötig gewesen, einen Mannheimer Duden nach drüben zu schicken, denn auch der Leipziger Duden galt für den gesamten deutschen Sprachraum. Ich bin glücklicher Besitzer des letzten DDR-Duden von 1989. Ein Freund und Kollege hat ihn für mich von einem Berliner Büchermüllhaufen gerettet. Der DDR überdrüssige Bürger haben sich nach der Wiedervereinigung schmählich der DDR-Literatur entledigt. Hätte ich das weinrot eingebundene Buch nicht, wäre der Name Dieter Baer ebenfalls im Orkus der Geschichte verschwunden.

Einen Porsche im Rückwärtsgang fahren

Das Netzwerk des Teestübchens, bestehen aus kommentierenden und still mitlesenden Bloggerinnen und Bloggern, dieses Netzwerk mit seinen Querbezügen zu anderen Blogs erscheint mir manchmal wie eine Dorfgemeinschaft, in der alle einander mehr oder weniger gut einschätzen können. Gelegentlich abonniert eine Fremde, ein Fremder mein Blog. Ich schaue dann nach, wer mir die Ehre gibt, und finde oft unvernetzte Blogs, worin jemand sich vorstellt, seine Ziele des Bloggens formuliert hat, aber keinerlei Hinweise gibt, mit wem er sich austauscht. Im Extremfall versteht die bloggende Person ihr Blog als Einkanalmedium, fährt also einen Porsche im Rückwärtsgang.

Ein im Straßenbild gelegentlich auftauchendes Graffito vermittelt die deprimierende Botschaft: „Niemand liest dein Blog.“ Gewiss gibt es Millionen Blogs mit diesem Schicksal. Oft steckt dahinter jemand, der das Medium gerade für sich entdeckt hat und die naive Vorstellung hegt, die Welt würde nach dem ersten Post sogleich applaudieren. Ich kenne das Gefühl aus jungen Jahren. Als im Jahr 1973 in einer Aachener Studentenzeitschrift erstmals ein Cartoon von mir abgedruckt war, habe ich auch geglaubt, zumindest die Stadt würde begeistert aufjauchzen und mir käme das irgendwie zu Ohren. Aber nichts geschah. Nicht mal in meinem Umfeld wurde applaudiert, selbst dann nicht, als ich monatlich eine ganze Seite für diese Zeitschrift zeichnete und schrieb. Später, während meiner Zeit als Lehrer, gelang es mir nach vielen Versuchen 1994 erstmals, eine Satire im Titanic-Magazin zu platzieren. Unter den rund 100 Kolleginnen und Kollegen gab es nur einen, der das wertschätzte. Eine Fachkollegin Kunst warf einen geringschätzigen Blick darauf und sagte: „Dafür hätte ich keine Zeit“, womit sie mir die arglos gezeigte Satire in den Mund zurückstopfte als einen wertlosen Zeitvertreib, dem nur solche nachgehen, die die schulischen Anforderungen nicht ernst nehmen. Dabei zählte ich zu den engagierten Lehrkräften, was sie von sich nicht sagen konnte.

Zurück zu den Blogs. Sie sind ein Medium der wechselseitigen Kommunikation. Sie funktionieren bestens in einem gepflegten Netzwerk des Gebens und Nehmens. Man kann nicht erwarten, gelesen zu werden, wenn man nicht bei anderen liest und kommentiert. Wer auf Beifall hofft, ohne selbst Beifall zu spenden, sollte weiterhin für die Schublade schreiben oder den Weg in ein Einkanalmedium finden. Weil es notwendig ist, bei anderen zu lesen und gegebenenfalls zu kommentieren, kann ein gut geführtes Blog kein Massenmedium sein.

Zur Orientierung für zufällige Besucher eines Blogs ist es gut, das Netzwerk zu zeigen, mit dem man interagiert. Manche Themes scheinen das nicht vorzugeben oder Blogger sind derart selbstbezüglich, dass sie darauf verzichten, sich zu vernetzen. Aufmerksamkeit bekommt aber in der Regel nur, wer aufmerksam agiert. Trotzdem ist es schwer, in der Konkurrenz um Aufmerksamkeit zu bestehen. Wer abgeschlagen ist, findet vielleicht Trost in einem kurzen Text von Franz Kafka: „Zum Nachenken für Herrenreiter“:
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Ohne Boden lässt sich schlecht tanzen

Als ich heute für die Antwort auf einen Kommentar des Kollegen noemix einen von mir verfassten Beitrag in der Titanic-Rubrik „Briefe an die Leser“ suchte, fiel mir auf, wie ungeschickt und ungeübt ich mit einem Fundus von Fotokopien umging, und später beim Umblättern im gedruckten Heft war es nicht besser. Einst hat mir das Händeln selbst großformatiger Zeitungen keine Probleme gemacht, jedenfalls keine, die mich hätten darüber nachdenken lassen. Auch das Nachschlagen in Wörterbüchern war so geläufig, dass es für mich nur ein Thema gewesen war, weil ich das dazu erforderliche Blättern und Umblättern als Teil des Lese- Verstehens- und Verarbeitungsprozesses angesehen habe.

Trotzdem imponierte mir, als ich in den 1990-er Jahren las, der letzte Herausgeber des Leipziger DDR-Duden habe in seinem auf Dünndruckpapier gedruckten Buch für jedes Wort sogleich die richtige Seite aufgeschlagen, was anzeigte, dass es nicht nur meisterhaftes Blättern und Umblättern, sondern auch meisterhaftes Däumeln gab.

Das Haptische geht ja mit dem Umstieg auf digitale Medien über Bord. Zwar gibt es noch den realen Tastendruck, bei dem Tasten im Raum bewegt, also hinunter gedrückt werden, aber der fehlt bereits beim als Bild simulierten Tastenfeld der Tablets und Smartphones. Die These, das Händeln von Printmedien sei Teil des Verarbeitungsprozesses hat übrigens erstmals Umberto Eco formuliert. Für ihn gehörte dazu: das Betreten einer Bibliothek, das Suchen im Katalog, das Durchschreiten von Regalgassen und das Herausziehen eines Buches aus der Regalreihe. Bei der These, das Haptische gehöre zum Verarbeitungsprozess, fällt mir immer ein, dass ich früher ziemlich genau sagen konnte, wo ein Zitat in einem Buch gestanden hat, also linke oder rechte Seite oben/unten/Mitte, wie es gerade kam. Das wird jede Buchleserin, jeder Buchleser von sich kennen. Der Wert des Haptischen beim Leseprozesses kommt bildhaft zum Ausdruck in einem Gedicht der US-amerikanischen Dichterin Denise Leverton:

    And as you read
    The sea is turning its dark pages,
    Turning
    Its dark pages.

Der Kunstwissenschaftler Vladimir Alexseev, mein Freund und Blog-Kollege Merzmensch hält das Haptische für einen Bestandteil der Glaubwürdigkeit:

    „Meinerseits gibt es eine Merkwürdigkeit. Seit neulich bin ich Abonnent der digitalen FAZ. Was mir aufgefallen ist, ist die Tatsache, dass in diesem digitalen Format die Zeitung, an Haptik verlierend, auch ihre Benjaminsche Auratik verliert. Man liest die Texte „nackt“, befreit vom Rauschen der großen Papierformate und fragt sich oft zu den Inhalten: „Muss das sein? Wie rückständig und reaktionär“. Das Digitale scheint die Wahrheitsillusion des Prints zunichte zu machen.“ (aus: Buchkultur im Abendrot)

Wenn also das Haptische beim digitalen Schreiben und Lesen wegfällt, was bedeutet das für unseren Lese-, Verarbeitungs- und Verstehensprozess? Dabei gilt es zu bedenken, dass wir noch mit einem Bein in der Buchkultur stehen, während das andere in den substanzlosen digitalen Raum tappt, wo man buchstäblich gar nicht stehen kann.

Öcher Jong, Kölsche Jung, Nezzemer Jong

Kürzlich wurde ich in einer E-Mail „Öcher Jong“ genannt, wobei Öcher Jong die Mundartvariante von Aachener Junge ist. Wie kann man einen Mann im vorgerückten Alter „Junge“ nennen? Bei der nicht nur im Rheinland üblichen Verbindung von Ortsnamen und Jung(e) („Ich bin ene kölsche Jung“) greift „Jung“ vermutlich zurück auf den Zeitpunkt der Geburt, der Ortsname meint den Geburtsort. In diesem Sinne bin ich kein Öcher Jong, nämlich zugereist aus Köln, geboren im Dorf Nettesheim nahe Köln, mundartl. Nezzem. Demnach wäre die korrekte Bezeichnung Nezzemer Jong. Entsprechendes gilt für die weibliche Variante, Kölsch Mädche, Öcher Mädche, Nezzemer Mädche.

Das alles hat nichts mit der infantilen Weise zu tun, Männer und Frauen „Jungs und Mädels“ zu nennen, wie es die Kabarettistin Gerburg Jahnke bei der Moderation der TV-Kabarettsendung Ladies Night immer tat. Da rollten sich mir stets die Fußnägel hoch. Ebensogut hätte sie zwei Styroporklötze aneinander reiben können.

Zu „Mädel“: Als junger Mann hörte ich vom „Wörterbuch des Unmenschen“ von Dolf Sternberger , Gerhard Storz und Wilhelm E. Süskind. Das 1957 erschienene Buch versammelte sprachkritische Beiträge aus den Jahren 1945-1948 über die Sprache des Nationalsozialismus. Erstaunt fand ich für mich harmlose Wörter wie „betreuen“ und „Mädel“ angeprangert. Obwohl die Wörter für mich unbelastet klangen, konnte ich sie fortan immer nur mit Bauchschmerzen benutzen. Grundsätzlich bin ich seither gegen eine Stigmatisierung von Wörtern. Man muss auch keine Wörter prämieren wie Frankfurter Würste. Wort oder Unwort des Jahres – das ist albern. Das “Jugendwort des Jahres“ ist eine Marketingaktion des Langenscheidt Verlags, der damit sein Wörterbuch der Jugensprache vermarktet.

Zurück zum Nezzemer Jong. Dem längst abgerissenen Nettesheimer Krankenhaus widmete der Geschichts- und Heimatverein Butzheim/Nettesheim jüngst ein Buch. Da ist auch ein Text von mir abgedruckt, gefunden hier im Blog. Soweit ganz erfreulich, möchte man denken. Aber dass man ihn unter meinem Autorenpseudonym und unter meinem Geburtsnamen veröffentlichte, ist ein Foul und unprofessionell. Glücklicher Weise liest das Buch kaum jemand. Huhu Leute! Entweder dies oder das. Wozu hat einer wohl sein Autorenpseudonym?

Lisa Rollgabelschlüssel

Schöne Namen, die im Telefonbuch leider fehlen:

Lisa Likörstube
Hans-Peter Kanaldeckel
Elfriede Heizkostenabrechnung
Karl-Josef Rollgabelschlüssel
Caro Satteltasche
Hannah Rückversicherung
Paul Bindehautentzündung
Susi Lunchpaket

Warum fehlen derlei Namen? Die Sachbereiche, aus denen unsere Nachnamen stammen, sind überschaubar
:

– Berufsbezeichnung,
– Vorname von Vater oder Mutter,
– Herkunft (Ortschaft oder Region),
– Wohnstätte,
– Körpermerkmale,
– Eigenheiten.

Da die Familiennamen ab dem 12. Jahrhundert entstanden sind und im 19. Jahrhundert standesamtlich festgeschrieben wurden, zeigt sich darin eine geschichtlich abgeschlossene Konservierung, die keine Neuheiten wie etwa Mobilfunkgerät oder Telefonzelle zulässt.