Gehen – Bummeln – Spazieren – Fortbewegung zu Fuß

GEHEN – irgendwo hin gehen. Gestern bin ich zuerst zum Buchdruckmuseum gegangen, dann zur Sparkasse, dann zum Supermarkt, dann zur Weinhandlung und zurück zum Buchdruckmuseum, alles immer die belebte Limmerstraße entlang. Später wieder nach Hause. Ich geriet dabei ins Schwitzen, denn ich war zu warm angezogen. Vor einem Jahr hätte ich das nicht gekonnt, denn weil ich auch kurze Strecken mit dem Rad gefahren bin, war ich ganz vom Gehen ab. Doch „jeder Gang macht schlank“, ein wahres Wort meiner schlanken Zahnärztin.

UMHERGEISTERN – Neue Form des Gehens, mit dem Smartphone in der Hand. Vorläufer war der Rubik’s Cube. Ich hatte eine Schülerin, ein zartes kluges Mädchen, dem hat ein LKW die Zehen plattgefahren, weil sie ihren Blick auf den Rubik’s Cube gesenkt hatte.

EILEN – beispielsweise zur Straßenbahnhaltestelle. Aus Eilen kann Laufen werden, wenn man kurz vor der Haltestelle von der Straßenbahn überholt wird. Weil mir keiner mehr Termine setzt, muss ich auch nie eilen. Die Mutter meiner Kinder konnte sich nicht beeilen, hatte quasi nur eine Gangart, weshalb sie alles immer rechtzeitig erledigen musste.

BUMMELN – sich beim Gehen Zeit nehmen. In meinem Blog Teppichhaus Trithemius habe ich noch in Aachen eine Weile fast täglich die mitnehmende Rubrik „Abendbummel online“ bespielt, ein Stress, den ich mir selber gemacht habe, denn ich musste spätestens um 17 Uhr zu Hause sein, um den Text noch rechtzeitig veröffentlichen zu können.

SCHLENDERN – Laszives, lässiges Bummeln, ein Wort aus der Studentensprache, ursprünglich aus dem Niederdeutschen. Schlendern bleibt heute weitgehend unbeachtet, weil Lässigkeit der übliche Habitus geworden ist, was sich auch in der Kleidung zeigt.

SPAZIEREN – langweiliges Bummeln, meist in Gesellschaft, wobei man kein anderes Ziel verfolgt als ein bisschen herumzugehen. Männer, die einen Spazierstock haben, nutzen den gerne, um damit auf Dinge zu zeigen und etwas zu erklären. Überhaupt wird gerne etwas erklärt beim Spaziergang. Zu Ostern steht der Osterspaziergang an. „Warum heißt der Spatz Spatz? Weil er so gerne umherspatziert.“ (Friedrich Karl Wächter in Opa Huckes Mitmachkabinett.)

Barockes Lustwandeln im Stadtpark Hannover – Foto: Trithemius – zum Vergrößern klicken


LUSTWANDELN – ist gepflegtes Spazieren im Sonntagsstaat. Man braucht dazu einen Kur- oder Stadtpark. Lustwandeln ist veraltet, genau wie sonntags durch den Stadtpark zu spazieren. Tatsächlich legen manche für den Stadtpark noch den Sonntagsstaat an, tragen zumindest aber ihre beste Freizeitkleidung. „Die Hose habe ich schon ewig“, sagt eine ältere Frau zur anderen und zupft ein bisschen am Kniff ihrer blauen Faltenhose. „Ewig“ wird eine Übertreibung sein. Aber vielleicht sind viele der Damenhosen, die beim Osterspaziergang ausgeführt werden, noch von Zwangsarbeiterinnen der DDR für Neckermann oder den Quelle-Versand geschneidert worden. Man zieht so eine Hose ja nicht jeden Tag vom Bügel, höchstens bei besonderen Anlässen. Darum hält sie „ewig“ – mindestens aber bis zum Ende aller Zeiten. Die lustwandelnde ältere Generation ist vielleicht die letzte, die beim Weltuntergang die guten Sachen anhätte, vorausgesetzt, die Damen hängen die Kniffhosen nicht doch noch in den Kleiderschrank zurück. „Ach, ist ja nur Weltuntergang!“

WANDERN – Gehen zu fernen Zeilen.

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Von allen Seiten – Über das Umkreisen von Dingen

Meine Mutter hieß Turtreg Kalrebo. Ich habe noch im Ohr, wie sie zu ihrem Vergnügen ihren Namen rückwärts sprach. Ein Wort oder Satz, der rückwärts gelesen einen Sinn ergibt, heißt Palindrom. Ein Palindrom wie etwa der Nonsenssatz „Leg in eine so helle Hose nie ’n Igel“, gehört landläufig in die Abteilung Sprachspiel. Ein wenig unheimlicher ist da schon der Rückling, ein Palindrom, das von hinten gelesen eine zweite Botschaft enthält: „DIE LIEBE IST SIEGER“ heißt rückwärts gelesen? „REGE IST SIE …“ Rückwärtslesen und -sprechen ist eine uralte magische Praxis. Zaubersprüche und Flüche können nur durch Rückwärtssprechen wieder zurückgenommen werden. Geradezu ungeheuerlich und machtvoll muss ein Name, Bannfluch oder Zauberspruch in Form eines Palindroms gewesen sein. Dieses Palindrom ist der nicht mehr zu lösende Bann, ein wahrer VERSUS DIABOLICUS. Das unheimlichste, weil rätselhafteste mir bekannte Palindrom ist der lateinische Vers:
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Mail-Art-Projekt „Hannover“

Liebe Leute vom „Hannover“-Ansichtskarten-Projekt!
Allmählich müssten die Umschläge von mir mit den Karten-Sets bei euch eingetroffen sein. Um das soziale Mail-Art-Projekt abzurunden, schlage ich vor, dass wir Projektteilnehmerinnen und Projektteilnehmer einen Teil der Postkarten auf dem Postweg tauschen, also uns wechselseitig zuschicken,
Beispiel: Alice schickt Karte 8 und 12 an Andrea, Andrea schickt Karte 12 und 8 an Alice. Auf diese Weise bleibt das Kartenset vollständig, nur dass die eigenen Karten postalisch gelaufen sind, also Briefmarke, Stempel und handschriftliche Nachricht haben.
Weiter schickt …
Anna, Karte 4 und 2 an Feldlilie, Feldlilie Karte 2 und 4 an Anna;
Christian, Karte 5 und 1 an Jules, Jules Karte 1 und 5 an Christian;
Andrea, Karte 7 und 8 an Jules, Jules Karte 8 und 7 an Andrea.
Karten 3, 10 und 6 gebe ich an Freunde. 9 tausche ich mit dem Buchdruckmuseum
Bitte gebt mir Bescheid, ob ihr mitmachen wollt und tauscht euch wegen Adressen untereinander aus.

Digital wird Material – Gemeinschaftsprojekt Kurt Schwitters: „Hannover“

„Es ist etwas dazwischen gekommen!“, empfing mich mein Gewährsmann Peter im Buchdruckmuseum. Man werkelte zu Dritt an der Abzugspresse. Es musste eine andere Form abgezogen werden für eine Gruppe, die am Vortag überstürzt hatte aufbrechen müssen und heute wiederkommen wird.
„Und wann können wir meine Karten abziehen?“
„Am besten nächsten Mittwoch.“
Mist und dafür bin ich schon um 9 Uhr eingetroffen. Bis zum kommenden Mittwoch wollte ich nicht warten, ging einige Häuser weiter zum Kopierladen und besprach die zu druckenden Karten. Glücklicherweise existiert Karte 9 ja auch als Vorlage für den Digitaldruck. Mittags sandte ich von zu Hause die drei Dateien, musste nach telefonischer Rücksprache mit einer Frau C. bei einigen die Größe korrigieren; um 17 Uhr holte ich die Karten ab. Prächtig! Soeben habe ich sie eingetütet und versende sie gleich.
Update 12:56 Uhr: Ist auch erledigt.

Wer keine Arbeit hat – macht sich welche

Bei der Collage der Schwitterschen Rathausforderung hat mir missfallen, dass die Gesichter von Unbeteiligten zu erkennen waren. Ich hatte sie aus einem Foto ausgeschnitten, das ich bei der Occupy-Demonstration in Hannover geknipst hatte. Dann lieber doch mit einem Foto von mir und prominenter Verstärkung (von links: Kurt Schwitters, Trithemius, Josef Beuys). Was es mit dem Bierfilz in meinem Gesicht auf sich hat lies hier.

Rathausforderung alt

Rathausforderung neu


Weiter unten das Ausgangsmaterial für die Collage. Eigene Fotos:

Alles geht schneller, dauert nur länger

Digital geht alles schneller, es dauert nur länger – Am Sonntag habe ich die Postkarten für den Digitaldruck zusammengestellt, vier Nutzen auf DIN A4, zum Beschnitt auf DIN A6, im Original als PDF. Die Grafiken mit Farbe befinden sich auf einem Standbogen. Weil nur drei Entwürfe Farbe hatten, habe ich die Collage vom Rathaus Hannover mit zweiter Farbe als Duplexdruck angelegt. Namen der Gestalterinnen und Gestalter unter den Arbeiten. Ich bitte um Prüfung oder ggf. Änderungswünsche. Sonst gebe ich die Karten so in den Druck.


Wo Schrift noch Gewicht hat – Zeitreise in die Bleizeit

Ein feuchtkalter lichtloser Freitagmorgen. Um 9 Uhr ist nichts los auf der Limmerstraße. Die meisten Geschäfte haben noch geschlossen. Auf der Straße halten Lieferantenfahrzeuge. Ich stehe vor dem Gitter zum Buchdruckmuseum Hannover-Linden und presse die Schelle. Das Museum ist die private Initiative eines Trägervereins; die Mitarbeiter arbeiten ehrenamtlich. Deshalb hat das Museum nur am Mittwochnachmittag geöffnet. Aber ich bin mit dem gelernten Schriftsetzer Peter T. verabredet, der die von mir entworfene Kunstpostkarte Nummer sechs aus dem Schwitters-Text „Hannover“ mit mir setzen will. Am Mittwoch hatten mir zwei andere Schriftsetzerkollegen vom Museumsverein beschieden, dass mein Entwurf zu kompliziert sei umzusetzen. „Das geht nicht!“, sagten sie. Da halfen auch nicht die Hinweise, dass ich selbst gelernter Schriftsetzer sei und mein Entwurf der „Scheuche“ nachempfunden ist, die Kurt Schwitters zusammen mit dem Schriftsetzer Paul Vogt gesetzt hat.

Mir fiel ein, was ich jüngst mit Blogfreundin Anna im Sprengelmuseum besprochen habe. Wir standen im Nachbau des Merzbaus von Kurt Schwitters. Der hat als im Raum stehende Skulptur begonnen, genannt „Kathedrale des erotischen Elends (KdeE)“ und ist immer weiter gewachsen, bis die Skulptur begehbar wurde und zwei Etagen des Schwitterschen Hauses durchzog. Am Ende hat Schwitters alles von einem Schreiner kubistisch verkleiden lassen. Ich zeigte Anna zwei dreieckige ELemente, die Spitze auf Spitze montiert sind und sagte: „Dazu muss du einen Schreiner erst mal überreden, damit er nicht sagt: ‚Das mache ich nicht. Zu schwer, und außerdem verstößt es gegen meine Berufsehre!'“ Denn als Schwitters am Merzbau arbeitete, galt der noch nicht als bahnbrechende Kunstinstallation des Dada, die spätere Generationen begeistert. (Fotos: Theobromina, Gif-Animation: Trithemius) Es war Neuland, wie wir Bloggerinnen und Blogger Neuland betreten, wenn wir die Möglichkeiten der sozialen Vernetzung nutzen, um kreativ/künstlerische Gemeinschaftsprojekte zu realisieren – wie eben das Teestübchen-Projekt „Hannover“ oder in diversen Blogparaden in anderen Blogs. Hier zum Mitmachen zu aktivieren, ist nicht einfach, obwohl’s einmalige Chancen sind. Nur weiß heute noch niemand um den Wert dieser neuen Form der sozialen Kunst und mancher zuckt geringschätzig mit den Schultern. Man muss trotzdem verrückt genug sein, derlei zu realisieren. Drum treibt es mich an diesem Morgen in die Setzerei.

Denn Peter T., ein kunstsinniger Mann, der üblicherweise Führungen macht, hatte die Herausforderung angenommen und ist heute eigens meinetwegen ins Museum gekommen – da ist wohl eine Flasche Rotwein fällig. Ich habe geklingelt, das Gitter springt auf, ich gehe durch den Gang über den Hof zum rückwärtigen Gebäude. Das Museum ist eine für Linden typische Hinterhofwerkstatt. Peter kommt aus dem Druckraum, wo es auch eine Setzereigasse gibt. Wir gehen hinüber in die eigentliche Setzerei, einen Raum mit zwei Regalgassen. Zunächst gilt es, die Schrift zu bestimmen. Wir einigen uns auf die Groteskschrift Futura als Grundschrift. Kurt Schwitters, der auch Werbegrafiker war, hat die 1927 von Paul Renner entworfene Schrift gerne benutzt. Sie entspricht dem Zeitgeist der 1920-er Jahre mit revolutionären Ideen in Kunst, Architektur, Design und Typografie. Mit der zeitlos schönen Futura macht man auch heute nichts falsch.

Wir teilen uns die Arbeit auf. Peter wird die Postkartenrückseite setzen, ich mache mich an die Vorderseite. Im Jahr 1974 habe ich mit dem Lehramtsstudium begonnen. Kurz zuvor hatte ich aufgehört, Schriftsetzer zu sein. Doch weiß ich nach 45 Jahren noch immer, wo im Setzkasten die Buchstaben liegen, kenne die nötigen Handgriffe noch. Auch das Setzen klappt zunehmend besser. Nur die Orientierung in der fremden Setzerei braucht eine Weile. Hier nun der komplette Bleisatz in Arbeitsschritten. Wir haben von 9 bist 13 Uhr daran gearbeitet, inklusive Kaffeepause:

Liniensatz der Postkartenrückseite


Postkartenrück komplett mit Legende – gesetzt von Peter T.

Vorderseite Text – gesetzt von JvdL

Schrägsatz und geplante Position der Beinchen, Pantoffeln noch in falscher Schrift

Schrägsatz mit den richtigen Pantoffeln und der Begradigung eines Beinchens.

Vorderseite komplett, mit Papier stabilisiert und ausgebunden, das ist Sicherung durch Kolumnenschnur


Vorder- und Rückseite in einer Form, zugegeben zusammengefrickelt, aber Bleisatzmaterial ist immer rechtwinklig, so dass Schrägsatz nur durch Notbehelfe zu realisieren ist.

Satzform in der Abzugspresse

1. Korrekturabzug der Postkarte zum Umschlagen, Vorder- und Rückseite werden gleichzeitig gedruckt


Abzug in Originalgröße, die schmutzenden Stellen sind entstanden, weil die Farbe noch nicht trocken war.


Ich bin erschöpft vom langen Stehen und überhaupt von der ungewohnten körperlichen Anstrengung, bedanke und verabschiede mich. Die kleine Auflage werden wir am kommenden Mittwoch drucken.