Digital Detox – Ein Selbstversuch

Der Begründer der Waldorfpädagogik und Anthroposoph, Rudolf Steiner, hat während seiner Vorträge häufig Tafelbilder erstellt. Um die flüchtigen Kreidezeichnungen zu sichern, bespannten seine Anhänger die Tafel zuvor mit schwarzem Papier. Heute wirken derartige Verfahren eigenartig und umständlich. Irgendwo, gerade unauffindbar, habe ich die Fotografie eines solchen Tafelbildes. Aber ich würde ein reales Tafelbild, das unhandlich ist und zu verwischen droht, wenn es nicht nicht konserviert wird (hier hülfe Haarspray) jederzeit einer Fotografie der Tafel vorziehen, einem Digitalfoto erst recht. Das Materielle in der Kommunikation schlägt das Digitale um Längen. Ab heute für gut vier Wochen werde ich mich aus der digitalen Welt zurückziehen und neu orientieren. Das Teestübchen bleibt offen, ist dann mehr Bibliothek. Warum nicht mal im Frühling 2016 oder im Mai 2017 stöbern? Natürlich werde ich ab und zu nach dem Rechten sehen, aber erst einmal schweigen. Nach meiner Intenernetpause gelingt mir sicher wieder der eine oder andere lesbare Text. „Digital Detox“ ist ein großes Wort. Doch ich versuche es.
Bis bald, Ihr und euer

Gif-Animation: JvdL – Zum Wikipedia-Eintrag „Digital Detox“ klicke Animation

Finde deinen ersten Blogeintrag im Internetarchiv!

Kürzlich zeigte arte den dystopischen SF-Film „Rollerball“ aus dem Jahr 1975. Die Welt ist darin beherrscht von wenigen Konzernen. Zur Unterhaltung der Massen dient der brutale Sport „Rollerball“, bei dem die Mannschaften bis aufs Blut gegeneinander kämpfen. Sie gehören den verschiedenen Konzernen, da Nationen abgeschafft sind. Abgeschafft sind auch Bibliotheken. Das kulturelle Erbe der Menschheit ist digital in einer zentralen Datenbank erfasst. Als der Protagonist dort recherchieren will, wann die Herrschaft der Konzerne begonnen hat, erfährt er beiläufig, dass der Zentralcomputer das 12. Jahrhundert nicht mehr auffindet. Da das Gedächtnis der Menschheit nur noch digital existiert, ist ein ganzes Jahrhundert verloren.

Im Jahr 1975 war an das Internet noch nicht zu denken. Von ihm heißt es: „Das Internet vergisst nichts.“ Die stereotype Formel stimmt nur bedingt. Alles, was sich mit Suchmaschinen finden lässt, muss ja irgendwo auf Servern gespeichert sein. Sobald Server abgeschaltet oder zerstört werden, sind auch die dort gespeicherten Seiten verloren. Im vergangenen März brannte in Straßburg ein Rechenzentrums-Verbund mit rund 100.000 Servern. Wie viele Kunden vom Datenverlust betroffen sind, lässt sich noch nicht abschätzen.

Bei meinem Aufruf zur Bloggeschichte taucht die Frage auf, ob denn die frühen Versuche überhaupt noch auffindbar wären, wenn es zu lange her ist und oder der Weblogdienst nicht mehr existiert und die Server abgeschaltet sind. Vorausgesetzt man weiß die damalige Internetadresse noch, gibt es eventuell eine Rettung: Verlorene Internetseiten speichert das schon 1996 gegründete Internetarchiv waybackmachine, ein gemeinnütziges Projekt mit Sitz in San Francisco. Ein Spiegelserver der Daten von San Francisco befindet sich sinnvoller Weise auf einem anderen Kontinent, nämlich in der ägyptischen Bibliotheca Alexandrina. Freilich ist die Speicherung von Blog-Postings lückenhaft. Man braucht etwas Glück. Wer seine alte Internetadresse nicht mehr weiß, kann testweise seine aktuelle in die Maske eingeben und findet seinen Anteil am kulturellen Welterbe der Menschheit. Viel Erfolg!

Weiter zum Projekt Sammlung historischer Bloggeschichten

Eine Sammlung historischer Bloggeschichten

Kollegin Marana hat gestern hier ein Faksimile ihres ersten Blogeintrags aus dem Jahr 2005 gezeigt, erstveröffentlicht in ihrem Blog auf der jetzt versunkenen Plattform Blog.de. Diese Anregung will ich aufgreifen. Mein erstes Blog ist unzugänglich, weil beizeiten gelöscht. Es hieß „Wolfsburg-Notizen“ und war insgesamt so düster wie der Name verspricht, denn ich heulte meinen Liebeskummer in die Nacht hinaus. Im Nu versammelten sich traurige und depressive Menschen darum und bestätigten, wie schlimm doch alles sei, dass es mich gruselte. Ich wollte kein schwermütiges Zentrum für gefühlsduseliges Gejammer betreiben.

Da fiel mir ein Teppichhandelsprospekt in die Hände, in dem schon wieder eine herzzerreißende Geschichte erzählt wurde. Diesen Text schrieb ich um und machte einen Ausverkauf der schlechten Gefühle. Anschließend hatte ich ein leeres weiß getünchtes Teppichhaus. Es sollte immer hell und freundlich sein, darum die Grundfarbe Rot-Weiß. Aus diesem Teppichhaus mein erster Beitrag, importiert von Blog.de, leider nicht im Original-Layout:

Erstveröffentlichung 11. November 2005, Teppichhaus Trithemius bei Blog.de

A U F R U F
Schreibe deine eigene Bloggeschichte, erkläre den Namen deines Blogs, zeige deinen ersten Blogeintrag und verlinke zu meinem Aufruf! Ich werde die Links zu den historischen Bloggeschichten unter diesem Beitrag hier sammeln und bin gespannt auf deine Geschichte.
EDIT Ich habe mich eventuell nicht klar ausgedrückt. Wünschenswert wäre ein eigener neuer Beitrag zur eigenen Bloggeschichte (wie von mir und Feldlilie beispielsweise) und Verlinkung hierher, damit die Leser*innen die Angaben auf euren Blogs finden und nicht hier in den Kommentaren suchen müssen.

1) Feldlilie, Trithemius frug …

2) Noemix, Falsche Antwort (Angaben zur Bloggeschichte im Kommentar weiter unten)

3) Tinderness, Sauseschritt Un, deux, trois.

4) frauhemingistunterwegs, Erster Blogeintrag – unterwegs

5) Karfunkelfee, Link zur waybackmachine, Im Reich des Kinderkönigs

6) Daggi Dinkelschnitte, Willkommen in der Dinkelebene

7) Herr Ösi, Da bin ich

8) Dieterkayser, 17. April, Schreibmann wird 18

9) Froggblog, Blog-Archäologie

10) Myriade, Mein erster Blogeintrag ohne Blogeintrag

11 Lo, Von der Melonia übers SPIEGELei zum Kohlenspott

Einiges über einiges

Vorrede – Die man getrost überspringen kann

Es gab eine Zeit, einige Jahre ist das her, da habe ich täglich geschrieben, was nicht etwa bedeutet, ich hätte nur irgendwo rumgesessen und etwas in mein Notizbuch, das ich immer bei mir hatte, wenn ich es nicht zu Hause hatte liegen lassen, wobei mein Zuhause damals in Aachen war, hineingekritzelt, wie vielleicht böse Zungen behaupten würden, kämen sie hier zu Wort, sondern ich habe sauber abgetippte Texte, gelegentlich auch selbst fotografierte oder selbst geklaute Bilder, Bildmontagen oder eigens erstellte Gif-Animationen, ja, sogar bei YouTube hochgeladene selbst gefilmte und geschnittene Videos in meinem Blog, das bekanntlich Teppichhaus hieß und aus drei Filialen bestand, die zu verschiedenen Zeiten jeweils das Haupthaus waren, wie jetzt dieses Teestübchenblog, in dem Sie, werter Leser gerade versuchen, sich durch ein Satzungeheuer zu wühlen, das Haupthaus ist, wo ich derzeit die meisten Leser habe, wobei ich die Leserinnen nur nicht erwähne, weil mich keiner einen Sexisten schimpfen können soll, indem er behauptet, ich würde die Leserinnen gezielt ansprechen, was sozusagen eventuell sexuelle Belästigung sein könnte, man weiß es nicht, denn im Internet wirken Texte ja viel unvermittelter, suchen sich den Weg direkt ins Stammhirn, unter Ausschaltung der Logik und der Vorsicht, wozu speziell allen Leserinnen hier mal ausdrücklich angeraten sei, also zur Vorsicht, dass sie sich der Logik zu bedienen verstehen, versteht sich von selbst und wird keinesfalls in Zweifel gezogen, denn das Stammhaus auf der versunkenen Plattform Blog.de hatte einst die eifrigste Leserschaft, was mich ungemein motivierte und dazu brachte, dort gut 1400 Postings zu veröffentlichen, veröffentlicht.

Hauptteil – In dem es um etwas Geheimes geht
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Gutenberg bei WP umgehen – zwei gute Tipps

Wer nach Möglichkeiten sucht, den unhandlichen WP-Editor mit dem hochtrabenden Namen „Gutenberg“ zu umgehen, findet im Netz fast nur Hinweise auf ein Plugin mit dem Classic-Editor. Dieses Plugin kann aber nur installieren, wer den teuren Businesstarif gebucht hat.
Kürzlich fand ich zwei preiswertere Möglichkeiten. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen geriet ich beim Bearbeiten eines Textes ins gewohnte Backoffice mit dem Classic-Editor-Formular. Ich habe auf den Link im Browserfenster kurzerhand ein Lesezeichen gesetzt und kann damit den alten Editor problemlos aufrufen, nachdem ich einen Entwurf gespeichert habe. Die zweite Möglichkeit habe ich einem Kommentar der Userin Belana Hermine bei Kollegin Miss Tueftelchen gefunden (klick Abbildung).

Viel Vergnügen mit dem Classic-Editor und viel Erfolg!

Einiges über Zahlen im Straßenbild

Auf einem Stadtmöbel abgelegt lag ein weißes Schild mir roter Umrandung, das normalerweise an einer Hauswand angebracht ist, denn es zeigt an, wo sich auf dem Gehweg ein Hydrant befindet. Wo dieses Schild hingehörte, konnte ich nicht ermitteln, denn ich sah in der Nähe keinen Hydranten.

Recherchen zeigen mir jetzt, dass das Schild einen Abstand zwischen Schild und Armatur nach links (1 m) und zum Gehsteig (4,8 m) anzeigt. Ich hoffe, das Schild wird bald an der richtigen Stelle erneuert, damit keine Komplikationen bei einem Brand auftreten. Dieses Fundstück erinnerte mich daran, dass meine Schriftforschungen Mitte der 1980-er Jahre mit Reflexionen über die Zahl im Straßenbild und die vielfältigen Bedeutungen begann. Tatsächlich fand ich in meiner umfangreichen Kartei auch eine lange vergessene Abteilung ZAHL. Eine Karteikarte davon ist vermutlich die erste, die ich überhaupt anlegte. Sie ist noch in vereinfachter Ausgangsschrift geschrieben.

Als junger Lehrer schämte ich mich meiner Handschrift und betrachtete meine Tafelanschriebe als Zumutung für Schülerinnen und Schüler. Darum lernte ich mit Übungsheften für Grundschüler noch einmal Lateinische Ausgangsschrift (LA), war nicht zufrieden, dann Vereinfachte Ausgangsschrift (VA) und schrieb sie eine Weile, bis ich Anfang 1990 mit der Isländischen Ausgangsschrift eine bessere fand. Daher lässt sich die Karte zeitlich auf etwa 1985 einordnen.


[Getreu abgetippt] Schriftliche Kommunikation im Straßenbild/Zahlen
Schriftliche Kommunikation im Straßenbild zeigt mitunter auf engem Raum (Bsp. Einer Fahrt von Forst nach Kor[nelimünster]) verschiedene Abstraktionsebenen. Neben den nur kontextabhängigen Informationen situationsabhängige oder vom Vorwissen abhängige Informationen:
1. Vorwissen (Faktor Weltwissen)
– Auf der Brandmauer eines Wohnhauses die große Aufschrift „1920“ = Vorwissen, dass Jahreszahl der Erbauung gemeint ist, „1920“ nicht Alter oder Hausnummer bedeutet
– Straßenschild „… 50 m“ (Niederforstbach 1,5 km) = Vorwissen, daß Entfernung gemeint ist.
– Straßenschild „70 km“ = keine Entfernungsangabe, sondern Geschwindigkeitsbegrenzung.
Kartenrückseite
Gerade die beiden letzten Bsp. zeigen, wie schwierig die richtige Erfassung der Information für einen Menschen mit dem fehlenden Vorwissen ist. Formal weisen sie die gleichen Merkmale auf (Dezimalzahl und Abkürzung einer Entfernungsangabe). Es genügt also nicht zu wissen, daß die Abkürzungen Rechnungseinheiten für Entfernungsvermessung bedeuten und deren Bedeutung zu kennen (m = Meter, km = Kilometer) Man muß auch zusätzlich wissen, daß die zweite Angabe („70 km“) keine Entfernung anzeigt, sondern Geschwindigkeit, also logisch falsch gebildet ist.

Soweit der Inhalt der Karteikarte. „Straßenschild“ müsste „Verkehrsschild“ heißen. Kontext-, bzw. Situationsbezug von Zahlen im Straßenbild sind leider nicht mehr ausgeführt. Es fehlt noch eine Systematik. Vor allem ist der Gedanke noch nicht zu Ende gedacht. Die Zahlen auf dem Hydrantenschild sind nur dem Eingeweihten verständlich, erfordern also Fachwissen, sind vor allem nur sinnvoll im Kontext mit einem Hydranten. Auch Hausnummern sind nur im Kontext der jeweiligen Häuser aussagekräftig. Das unten stehende Gif ist der Versuch, ihre Bedeutung anderweitig aufzuladen.


Was es damit auf sich hat, findet sich hier.

I N D I E B O O K D A Y

I N D I E B O O K D A Y

Der umtriebige Buchkünstler, Verleger und Blogger Ernst Christian Dümmler macht auf den Indiebookday am 20. März aufmerksam. Es ist der Feiertag des unabhängigen Verlegens. Da feiert die Edition Teestübchen Trithemius gerne mit.

Dümmlers Blog

Meine liebe Freundin Eva Schickler schickte mir folgenden Link: https://www.indiebookday.de.

Das fand ich natürlich sehr gut. Ich dachte, prima, da komm ich auch mal unter. Aber nix – eine Challenge: Bücher kaufen, Cover fotografieren, im Blog, auf FB oder Instagram mit dem Hashtag „indiebookday“ posten.

Moment, jetzt kommts mir erst – alle die ein Heft der Edition Blumen besitzen könnten dies eigentlich tun. Nein, nicht eigentlich! Sofort! Unverzüglich! Und wer noch keines hat, dem kann sofort geholfen werden:

Die Seite www.edition-blumen.de aufrufen, z.B. den Beitrag Raumschiff, auf die Mailadresse habenwollen@edition-blumen.de klicken, in die Mail schreiben: „hallo ich bin die/der, ich will das heft haben, über paypal habe ich schon alles überwiesen, schicks mir doch an diese adresse… edition-blumen.de find ich total toll! mit freundlichen grüßen olé“. Dann schick ich das los. Wenn das prächtige und leise glitzernde, shiny Heft angekommen ist, gleich fotografieren, damit die…

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Tag der Druckkunst

Am 15. März 2018 wurden die traditionellen Drucktechniken in das Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO übernommen. Seither feiern wir am 15. März den Tag der Druckkunst. Wieso das vereinnahmende Wir? Bekanntlich bin ich ein Jünger der Schwarzen Kunst gewesen, habe die, wie Abraham Lincoln befand, „Universität des einfachen Mannes“ besucht und im Alter von 17 Jahren die Gesellenprüfung als Schriftsetzer bestanden. Obwohl das nur wenige von sich sagen können, ist das vereinnahmende Wir berechtigt.

Auch wer nur digitale Techniken der Fernkommunikation nutzt, wer per Smartphone Nachrichten über Messenger versendet, wir Blogger*Innen sowieso, wir alle stehen mit einem Bein noch in der Buchkultur, verwenden Schrifttypen, die für den Buchdruck geschaffen wurden, benutzen typographische Ordnungs-Prinzipien wie Blocksatz, Flattersatz, rechts- oder linksbündig, bedienen uns der gängigen Orthographie, die natürlich ein Kind des Buchdrucks ist, denn erst im Buchdruck war es möglich, einen Fehler spurlos zu korrigieren. Daher auch der Anspruch an Texte auf orthographische Richtigkeit.

Mir persönlich hat die Arbeit in der Buchdruckerei den Weg zum Studium geebnet. Im Studium Germanistik und Kunst konnte ich mich weiterhin dem Phänomen der schriftlichen Kommunikation widmen. Zeit meines Lebens habe ich mich für alle möglichen Aspekte der Schrift begeistert, etwa 20 Jahre geforscht und die Befunde in einem hübschen Büchlein niedergelegt, auf das ich bei dieser Gelegenheit erneut aufmerksam mache.

Linoldruck zur Feier der Druckkunst

Kalligraphisches Blatt aus dem Jahr 1990 von JvdL (mit Photoshop bearbeitet)
Papier des Originals chamios, Format 31 cm x 24 cm
Linolplatte verschollen
Der Schriftzug ist ein Zitat von Friedrich Hölderlin (1770-1843): „Am Anfang des Alphabets steht das schreckliche Geheimnis des Altertums“ Hölderlins dunkle Äußerung steht für alphabetmystische Ansichten des 18. und 19. Jahrhunderts. Geschnitten ist der Text nach Vorlagen des englischen Schriftkünstlers Edward Johnston. In der Tradition englischer Kanzleischriften begann Edward Johnston zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit Schriftkursen an der Londoner Central School of Crafts and Arts. Der Schriftunterricht von Edward Johnston war der Beginn einer großen Erneuerungsbewegung der europäischen Schriftkunst. Er ist der Schöpfer der englischen „Kunsthandschrift“, die wie die Fraktur als grafisches Element eingesetzt wird, wenn Waren als besonders wertvoll oder als antik ausgezeichnet werden sollen.

Pik-zehn auf der Hand – über Lesen und Verstehen

In der Schlusszsene von Roman Polanskis Politthriller „Der Ghostwriter“ wehen die Manuskriptseiten eines Buches durch eine Londoner Straße. Daran wurde ich erinnert, als ich auf dem Weg zum Bäcker eine große Anzahl von Buchseiten am Boden verstreut fand. Sie stammten von einem ausgesetzten Buch, dessen Leimung sich im Starkregen der letzten Tage aufgelöst hatte. Die meisten Seiten klebten völlig durchnässt am Boden und würden erst weitergeweht werden, wenn der Wind sie getrocknet hätte. Eine Seite klaubte ich mit spitzen Fingern auf, um sie zu Hause zu trocknen und zu scannen. Wozu?

Es lässt sich eine Übung damit machen, die ich aus dem Studium kenne, nämlich Texte ohne ihren Kontext zu beurteilen, um den Leseprozess besser zu verstehen. In den 1970-er Jahren richtete man in der Literaturtheorie den Blick vom literarischen Werk auf den Leser, getreu der Einsicht, dass Leser*innen einem Text erst Bedeutung geben. Ein Buch ohne Leserinnen/Leser ist nur ein Gegenstand aus Papier. Man kann wie Lichtenberg darauf stehen, Pfefferkuchen backen, es auf Mauslöcher pressen, nach Ratten damit werfen und allerhand mehr [E 308].

Erst wenn ein lesendes Auge die im Buch enthaltenen Worte erschließt, ihnen Bedeutung abgewinnt, wird ein Buch zur Literatur. Dabei sind die einzelnen Wörter kein neutrales Gefäß, in das eine Autorin/ein Autor einen gemeinten Inhalt hineingegossen hat, so dass ihn die Rezipienten eins zu eins herausnehmen können. Leser*innen müssen Wortinhalte mit eigenem Weltwissen verknüpfen können. So muss man beispielsweise wissen, dass mit der „Hand“ in Zeile drei (zum Vergrößern bitte anklicken!) nicht das Körperteil Hand gemeint ist, sondern die Kartenhand, also die jeweiligen Spielkarten, die Kartenspieler auf der Hand haben. In Zeile neun finde ich einen Lektoratsfehler: Im Satz „(…) als wolle sie ihr ein Geschenk machen“ [Konjunktiv I] muss es „wollte“ [Konjunktiv II] heißen, denn der Satz ist keine indirekte Rede, sondern gibt eine mögliche Handlung an. Im vorletzten Satz dieser Seite: „(…) sie ist doch eine alte Nutte, vergessen wir das nicht“ ist unklar, wen das „wir“ meint. Ist es Pluralis Majestatis und gehört zum inneren Monolog oder spricht die auktoriale Erzählerstimme?

Vermutlich ließe sich noch mehr finden. Diese kritische Betrachtung ist möglich, solange Autorin oder Autor und ihre Reputation unbekannt sind.

Unabhängig vom Textinhalt gibt der Text weitere Signale, die Verstehen und Interpretation beeinflussen: Die typographischen Signalelemente wirken außerbewusst. Zu sehen ist, dass es sich um eine Buchseite, nicht um eine getippte Manuskriptseite oder ein Schmierblatt handelt. Man kann also davon ausgehen, dass eine Gruppe sachkundiger Verlagsmitarbeiter den Text wert fand, ihn zu lektorieren, ihn typographisch professionell zu gestalten, zu drucken und zu publizieren. (Genau diese Sicherheit ist durch die Möglichkeit der Selbstpublikation im Schwinden begriffen.)

Soweit diese Übung zur Rezeption. Eine Nachrecherche ergab, dass die Seite aus dem Buch „Umarmen hat eine Zeit“ (1981) von der vielseitigen Schauspielerin und Autorin Lili Palmer stammt.

Die Nachricht des Schornsteinfegers

Aushang im Treppenhaus – Foto: JvdL – Größer: Klicken!

Zwei kuriose Aushänge in unserem Treppenhaus. Zuerst kündigte der Schornsteinfeger der Hausgemeinschaft handschriftlich sein Kommen an, wobei die jetzt nachgemalte Acht zuvor kaum eindeutig zu identifizieren war, dann tauchte Aushang zwei einer Nachbarin auf, die beim Schornsteinfeger nachgefragt hatte. Wie sich herausstellte, war das Misstrauen gegenüber der handschriftlich hingeschmierten Information berechtigt, denn der Schreiber hatte sich um einen Monat vertan, der Dienstag ist eine Falschinformation.

Beim Versuch den ursprünglichen Aushang zu lesen, habe ich gedacht, selten eine derart entgleiste Handschrift gesehen zu haben. Geht von ihr deshalb die nur schwammige Verbindlichkeit aus, oder zeigt sich an diesem Extrembeispiel ein Bedeutungsverlust der Handschriftlichkeit?

Der Handschrift widerführe dann das Gleiche wie dem gesprochenen Wort in mündlichen Kulturen. Mit dem Übergang von einer oralen in die literale Kultur sinkt die Wertschätzung des vorangegangenen Mediums, der Mündlichkeit. Ein gegebenes Wort gilt jetzt weniger als ein handschriftlicher Vertrag. Die schriftliche Vereinbarung ist die Urkunde (im Sinne der ersten Kunde), nicht das Gesagte.

Noch hat wenigstens die handschriftliche Unterschrift ihren Wert behalten, doch es mehrt sich die Kommunikation, im Geschäftsbrief, in Verwaltungsschreiben, die ohne Unterschrift gültig ist. Bei Online-Texten, etwa Bewerbungen, ist möglich, die Unterschrift durch eine elektronische Signatur zu ersetzen.

Wann kommt denn jetzt der Schornsteinfeger? Am Donnerstag, dem 28. Januar, gemäß der vorläufig noch bestehenden Macht des gedruckten Wortes.