Wenn die Maschine schreibt …

    „GPT, kurz für Generative Pre-trained Transformer, ist eine neue Art von künstlicher Intelligenz, die in den letzten Jahren immer populärer geworden ist. Es ist eine Kombination aus maschinellem Lernen und künstlicher Intelligenz, die dazu beitragen soll, dass Computer bestimmte Aufgaben schneller, effizienter und genauer ausführen können. Diese Technologie hat viele Chancen, aber auch Gefahren, die es zu beachten gilt.

    Ein großer Vorteil von GPT ist, dass es viel schneller als andere Formen des maschinellen Lernens ist. GPT kann Aufgaben in Bruchteilen der Zeit erledigen, die andere maschinelle Lernsysteme benötigen würden. Zudem ist GPT auch sehr genau, was bedeutet, dass es weniger Fehler macht als andere Systeme. Diese Fähigkeiten machen GPT zu einem unerlässlichen Werkzeug, um eine Vielzahl von Aufgaben, einschließlich maschineller Übersetzung, Sprachverarbeitung und natürlichsprachlicher Anfragen, schnell und effizient zu erledigen. (…)“ [Zwei Absätze hohles Stroh von mir gekürzt.]

Diesen kurzen Essay hat die KI-Software GPT-3 verfasst, eine Erfindung des US-amerikanischen Unternehmens OpenAI. Ich habe das Programm getestet mit folgender Aufgabe: Schreibe auf Deutsch für mein Blog einen Essay über die Chancen und Gefahren von GPT! Heraus kam ein sprachlich richtiger Text, der allerdings stilistisch abfällt. Formal korrekt wird eingangs die im Text verwendete Abkürzung GPT erklärt, sonst aber enthält der Text wenig Konkretes. Hier müsste wohl die Aufgabenstellung genauer sein. Da das Programm zu quasi jeder Aufgabe ein brauchbares Ergebnis bietet, vergleichen manche das Potenzial seiner kulturellen Auswirkungen mit der Erfindung des Buchdrucks.

In großer Runde meiner beiden ältesten Söhne und meiner beiden Schwiegertöchter saßen wir zum Abendessen beim Inder und sprachen über die Konsequenzen. Steht uns eine geistige Revolution bevor? In Schule und Hochschule werden digital erzeugte Aufsätze und Hausarbeiten kaum noch von den Ergebnissen menschlicher Geistesarbeit zu unterscheiden sein. Das freilich ist kein neuer Zustand. Schon jetzt kann sich jemand einen Text aus dem Netz fischen und als eigene Arbeit ausgeben. Der österreichische Kommunikationswissenschaftler Stefan Weber hat mit seinem Plagiatsjäger-Team in den Doktorarbeiten prominenter Politiker so manches Plagiat entdeckt. Auch in völlig banalen Bereichen sind Plagiate aufgeflogen. Bekannt ist der Fall des Ordensritters wider den tierischen Ernst, Friedrich Merz (CDU), der sich seine komplette Büttenrede dreist aus dem Internet gestohlen hat.

GPT bietet jedoch mehr als die Übernahme eins zu eins. Es erschafft völlig neue Texte beliebiger Art. Natürlich ist die KI an menschlichen Texten trainiert worden, wurde unter anderem mit dem Inhalt von Wikipedia gefüttert. Die Rede ist von einem Korpus von etwa einer Billion Wörtern. GPT beherrscht viele Sprachen, funktioniert aber am besten in Deutsch und Englisch. Als ich im Oktober 2021 ein mir geschenktes Titanic-Magazin las, kam mir das vor wie von einem KI-Programm geschrieben, das die Witze der Welt zusammengeklaubt hat und daraus künstlichen Humor generiert. Eventuell hatten smarte Verlagskaufleute getestet, ob man es den Leserinnen/Lesern andrehen kann, ohne dass die es merken.

GPT-3 schreibt in den weggekürzten Absätzen von sich, dass es noch fehlerhaft ist. Das waren die ersten Fotosatzgeräte auch. Wir Schriftsetzer haben schmunzelnd daneben gestanden und hätten nie gedacht, dass innerhalb weniger Jahre unser Handwerk museal werden würde. Hier betrifft es viele berufliche Schreiber, Journalisten, freie Autoren, Programmierer und viele mehr. Seit es Navigationssoftware für alle gibt, kennen sich die Leute in ihrem Umfeld kaum noch aus. GPT-3 erspart den Denkfaulen eigene geistige Arbeit. Hier droht deren Verblödung.

Im Jahr 1789 spottete schon Jean Paul Richter:

    So ist noch bis auf diesen Tag die Büchermaschine* in Europa unnachgemacht geblieben, deren Zusammensetzung Swift oder Gulliver allen Buchhändlern unfehlbar in der lieblosen Absicht so deutlich beschreibt, damit ähnliche europäische leichter darnach gezimmert und dadurch gutmeinenden Autoren, die sich bisher vom Büchermachen beköstigten und kleideten, ein jämmerlicher Garaus gespielet würde; denn die letztern haben sich auf nichts anders eingeschossen. Sonst ists freilich unleugbar, daß eine solche Maschine in Menge und ohne Honorar (der Kerl, der sie drehte, wäre fast mit nichts zufrieden) recht gute Sonntagspredigten, Monats-, Quartal-, Kinder- und berlinische Spaßschriften für den Druck ablassen müßte.“ (Jean Paul)

    * Gulliver sah in Lagado eine Maschine, die gewisse in ihr liegende beschriebene Zettel, wenn man sie umdrehte, so untereinander warf, daß jeder, dem man sie hernach vorlas, freilich nicht wissen konnte, ob er ein gewöhnliches Buch höre oder nicht.

(aus: Jules van der Ley, Buchkultur im Abendrot)

Nachsitzen in Medienkunde – die Grace-Kelly-Challenge, Memes und mehr

Anfang der 1990-er Jahre habe ich im Wahlpflichtbereich der 10. Klassen die Kombination Deutsch/Kunst/moderne Medien angeboten. Mit diesem damals durchaus innovativen Konzept wäre ich heute völlig hinterm Mond. Internet und Smartphone haben Medien hervorgebracht, an die in den 1990-er Jahren nicht zu denken war. Schon die Demokratisierung des Lexikons durch Wikipedia hat mich begeistert. Auch die Buchpublikation durch E-Book und Print on Demand habe ich begrüßt und nutze diese Möglichkeiten. Ebenso nutze ich die Videoplattform YouTube. Sie macht mir Musik verfügbar und ich kann eigene Videos aufnehmen und veröffentlichen, was ich vor Jahren intensiv getan habe.

Besonders erfreue mich am interaktiven Medium Weblog, das nicht nur die digitale Publikation von Texten ermöglicht, sondern erstmals eine zeitnahe wechselseitige Kommunikation zwischen Textverfassern und Lesern erlaubt. Diese Entwicklung konnte ich mitgehen, denn Bloggerinnen/Blogger stehen mit ihrer Arbeitsweise noch mit einem Bein in der Buchkultur, während das andere in die unwägbare digitale Welt tastet.

Bislang völlig ignoriert habe ich die rein digitalen Erscheinungsformen des Microbloggings wie Facebook, Instagram, TikTok sowie die Smartphone-Messengerdienste. Kürzlich zwang ich mich zum Nachsitzen und sah mir die neu bei YouTube gelisteten „Shorts“ an. Ihr Hochformat zeigt, dass die Clips mit dem Smartphone gefilmt sind. Die meisten dieser Shorts sind Übernahmen von der bei Jugendlichen populären Videoplattform TikTok.
Anders als beim interaktiven Blogging geht es hier darum, dass dem eigenen Kanal möglichst viele Nutzer folgen und die selbstproduzierten Inhalte wahrnehmen. Entsprechend dominieren englische und außersprachliche Inhalte wie: Coverversionen populärer Musik, Tanzakrobatik, Kunstproduktion, erstaunliche Fähigkeiten, Lifehacks und witzige Situationen:

Besonders diese drei Schwestern sind mit verschiedenen Performences zu finden, scheinen ihre gesamte Freizeit auf die Produktion ihrer Clips zu verwenden.

Manchmal gehen kreative Inhalte viral, das heißt, sie verbreiten sich weltweit und regen andere Nutzer zu ähnlichen Inhalten an. Das Kulturphänomen der weltumspannenden Idee wird Meme genannt. Memes verraten mehr über die menschliche Kultur als in den Leitmedien darstellbar. Digitale Herausforderungen, die Challenges, entwickeln sich manchmal zum Meme.

Derzeit ist ein Gesangsmeme aktuell. Ein Part aus dem Popsong „Grace Kelly“ des britisch-libanesischen Sängers Mika wird in verschiedenen Tonhäöhen variiert und übereinander gemicht. Zuerst das Original:

Hier die Adaptionen, zuerst covert die koreanische Sängerin Dabin Cha den Song:

Dann die Varianten:

UPDATE
Die Shorts bei YouTube sind tendenziell endlos. Vor einer Weile hat sich ja der Programmierer der Pop-up-fenster für die Erfindung bei der Weltgemeinschaft entschuldigt, und wie ich hörte, hat auch der Mensch sich entschuldigt, der das unendliche Scrollen von Info-Material erfunden hat, so dass man nie ans Ende einer Seite gelangen kann. Derlei Entschuldigungen sind fruchtlos. Seit die Möglichkeiten da sind, werden sie genutzt. Bei den YouTube Shorts führt das Endlosscrollen dazu, dass man auslesen möchte, wie wir es von Büchern gewohnt sind, aber nie ans Ende gelangt. Es zeigen sich nämlich Kreativität, Erfindungsgeist und Geschick in ungeahntem Ausmaß. Da wird zeichnerisch/malerisches Können demonstriert, alte KLeidungsstücke werden modisch umgearbeitet, Ikea-Möbel handwerklich aufgepeppt [ikea hack]. Eine gute Sache, wenn derlei nicht nur konsumiert wird, sondern Anregung zum Selbermachen ist.

Drudeln Sie mit II

Der Erfinder des Drudels (engl. Droodle) ist der englische Humorist Roger Price (1918 -1990). Sein im Jahr 1950 erschienes Buch „Droodles“ war kommerziell so erfolgreich, dass er mit zwei Partnern den Verlag Price Stern Sloan gründete, um das und andere Ideen zu vermarkten. Ich erinnere mich an Kindertage, als mein fünf Jahre älterer Bruder Wilfried mir die ersten Drudel zeigte. Da das Buch erst im Jahr 1950 erschienen war, wundere ich mich, dass derlei Information (lange vor dem Internet) zeitnah in unser kleines Dorf vordrang. Es gab freilich einen nicht zu unterschätzenden Kommunikationskanal, nämlich die Weitergabe auf Papier von Hand zu Hand.

Gerade Drudel eignen sich, weil sie ohne Aufwand und ohne zeichnerischen Anspruch auf ein Kneipenblöckchen oder einen Bierdeckel gekritzelt werden können. Eine gewisse Albenheit ist nötig. Meines Bruders erstes Drudel ging so [am Rechner nachgebaut von mir]:


Das zweite Beispiel stammt von Blogkollege und HaCK-Freund Spraakvansmaak, hier auch bekannt als Konrad Fischer und als Herr Leisetöne nach seinem Blog bei Twoday.net. Die Auflösung hat er noch nicht mitgeteilt. Viel Vergnügen beim Raten. Das 3. Beispiel stammt vom Meister Price selbst und überzeugt durch seine Schlichtheit. Ich freue mich über weitere Einsendungen.

Drudeln Sie mit!

Fast wie Geburtstag. In meinem Briefkasten steckte ein Buch. Filipe d’Accord, Tina und Herr Putzig schenkten es mir zeitnah (mit kaum zweieinhalb Jahren Verzögerung) zum Geburtstag. Das Buchgeschenk steckte irgendwo in der Pipeline und wurde aus Gründen jetzt erst durchgespült. Ich habe es, in meiner neuen Wohnung frühstückend, ausgepackt und war hocherfreut. Das Buch ist einem Phänomen gewidmet, das in meiner Kindheit plötzlich auftauchte und in meiner Jugend genauso plötzlich verschwand. Es geht um ein zeichnerisches Rätsel, der/das Drudel, nicht zu verwechseln mit dem Doodel, was bereits Thema und Mitmachprojekt im Teestübchen gewesen ist.

Beim Durchblättern fand ich ein Drudel, das erklärt war mit: „Hausfrau ohne freie Hand beim Schließen der Kühlschranktür.“ Wieso Hausfrau? Da winken die 1950-er Jahre, in dem das Buch erstmals auf Deutsch erschien. Ich glaube, dass Hausmänner bei häuslichen Tätigkeiten viel öfter keine Hand frei haben als Frauen, weshalb sie ein ziemliches Gewese machen, wenn ihnen gelingt, was gemeinhin als praktisches Handgeschick bezeichnet wird.

Als Studenten standen Herr Putzig und Konrad Fischer hinter der Theke des Strandlebens, wo sie die Kunden im von Putzig sogenannten „Theken-Capoeira“ bedient haben, das heißt, sie wetteiferten in ökonomischen, aber tänzerisch flüssigen Bewegungsabläufen, beispielsweise im Vorbeugen eine dem Kühlschrank entnommene Flasche zu entkorken und gleichzeitig rücklings mit dem Fuß (hehe) die Kühlschranktür zu schließen. Die zeitgemäße Auflösung des Rätsels müsste demnach heißen: Putzig oder Leisetöne beim Theken-Capoeira.

Weißer Adler auf weißem Grund

Obwohl sie flach sind, eignen sich Drudel hervorragend als Mitmachprojekt. Meine lieben Damen und Herren, erfinden Sie ein Drudel und senden Sie es mir. Ich werde davon eine Zusammenstellung im Teestübchen präsentieren. Eine gewisse Einheitlickeit garantiert der hier vorgegebene Rahmen, „Weißer Adler auf weißem Grund.“ Ich freue mich auf Ihre/eure Einsendung!

Eilt! Wichtig! Wichtig! – Das letzte Telegramm

Auf meinem Smartphone befindet sich der von mir selten genutzte Messenger-Dienst „telegram.“ Es handelt sich um die englische Schreibweise des eingedeutschten Fremdwortes „Telegramm“, zusammengesetzt aus griechisch tele = fern und gramma = Buchstabe, Schrift, zu Deutsch „Fernschreiben.“ Telegramme sind aus dem öffentlichen Leben verschwunden. Ihre hohe Zeit hatten sie vor der Verbreitung des Telefons. In meiner Jugend Ende der 1960-er Jahre auf einem rheinischen Dorf hatten nur wenige Familien ein Telefon. In meinem Fall waren es die Nachbarn Ruß. Herr Ruß war mein Lehrer in der Volksschule gewesen. Aus wichtigen Gründen wurde bei Ruß angerufen. Traf ein solcher Anruf ein, kam Frau Ruß in den rosafarbenen Pantoffeln zu uns nach nebenan und rief ans Telefon. Was ein wichtiger Grund war, wurde unterschiedlich definiert. Beispielsweise gab es ein Mädchen, das anrief, um von mir Liebesbeteuerungen zu hören. Es war eine Pein für mich, denn das Telefon der Familie Ruß stand in der Diele, und durch die nur angelehnte Wohnzimmertür lauschten die Ruß mit. Ich stand mit roten Ohren in der Diele und hatte Zungenlähmung. Ein Telegramm wäre angenehmer gewesen:

    ++ LIEBE MICH! ++ SONST SATZ HEISSE OHREN! ++

Naturgemäß war der Inhalt von Telegramm-Botschaften in der Regel dramatischer, wie im gezeigten Beispiel:


Die Kürze war nicht nur im Fall des ohnehin blanken Sohns geboten. Denn jedes Wort kostete extra, weshalb der sogenannte Telegrammstil üblich wurde. Man diktierte den Text einem Postbeamten. Der übermittelte den Text mittels Fernschreiber an ein Telegrafenamt in der Nähe des Adressaten. Die streifenförmige Nachricht aus dem Fernschreiber wurde zurechtgeschnitten und auf einen Vordruck geklebt. Ein Motorradbote überbrachte das Telegramm noch am selben Tag. Noch im Jahr 1978 wurden nach Angaben der Deutschen Bundespost etwa 13 Millionen Telegramme übermittelt.

Diesen Dienst stellt die Post mangels Nachfrage zum Jahresende am 31. Dezember 2022 ein. Die Schrift- und Buchkultur bröckelt zuerst an ihren Rändern. Meine lieben Damen und Herren! Georg-Cristoph Lichtenberg wünschte sich das letzte Buch zu kennen. Ihr Teestübchenbetreiber wünscht sich, das letzte Telegramm zu bekommen. Man kann den Dienst im Internet nutzen. Für alle Fälle:

Teestübchen Wissen – „Und Friede auf Erden“

In der Vorweihnachtszeit sei trotz des Kriegs in der Ukraine, trotz Waffenhandels und medialer Kriegspropaganda an ein Symbol erinnert, das ursprünglich ein Zeichen der Atomwaffengegner war, aber auch als allgemeines Friedenszeichen Verwendung findet. Es wurde im Jahr 1958 vom britischen Grafik-Designer Gerald Holtom entworfen. Ihm liegen die Buchstaben N und D des internationalen Flaggencodes zugrunde. Das Flaggenzeichen N steht in diesem Fall für Nuclear, D für Disarmament (Abrüstung) = Nukleare Abrüstung. Formal ist das Zeichen eine Binderune (zwei Zeichen an einem senkrechten Ast).

In der Praxis gab der Signalgast eines Schiffes die Zeichen nacheinander. Dieser zeitliche Ablauf steckt nicht mehr in dem von Holtom entwickelten Symbol. Man muss sich die beiden Phasen N [Phase 1] und D [Phase 2] gleichzeitig vorstellen. Eher zufällig wirkt der Signalgast in meiner schon im Jahr 2006 entstandenen Gif-Animation wie ein einsamer Rufer in der Wüste Einöde.
Zeichnung und Gif-Animation: JvdL (2006). „Und Friede auf Erden“ ist übrigens der Titel eines pazifistischen Buchs von Karl May

Das Seufzen der Lehrkräfte

Kollegin Andrea Heming schreibt hier in ihrem Kommentar zur radikalen Kleinschreibung: „Vielen meiner Schülerinnen und Schüler wäre mit dieser Eindeutigkeit geholfen. Aktuell lösen sie ihre Rechtschreibprobleme durch den auch nicht uninteressanten Ansatz Wichtige wörter Groß zu schreiben und unwichtige Klein.“ Ihre Schülerinnen und Schüler vollziehen offenbar nach, womit das Elend angefangen hat. Die Orthographie des Deutschen war in den Anfängen des Barocks nicht einheitlich geregelt. So wird die Klage des Schreibmeister Hans Fabritius im Jahr 1531 in seinem Büchlein: „etlicher gleichstymender worther, aber ungleichs Verstandes“ verständlich:

    „Ich weis schier nicht, was daraus werden will zu letzt, ich zu meinem theyl wais schier nicht, wie ich meine Schulers leren sol, der vrsachen halben, das yetzunder, wo ynser drey oder vier Deutsche schreibers zusamen koment, hat yeder ein sonderlichen gebrauch. Der ein schreibt ch, der andere c, der dritte k, wollte Gott, dass es darhyn komen möchte, das die Kunst des schreibens einmal wieder in rechten prauch komen möchte.“

An diesem Stoßseufzer ist der Wunsch nach einer Einheitsregelung ablesbar. Gleichzeitig zeigt sich, dass die Orthographie noch in den Händen der Schreibmeister lag, das heißt, das Formen der Buchstaben (Kalligraphie) und der Wortgestalt (Orthographie) waren noch eins. Ähnliches galt für die Drucker und Schriftsetzer. Sie entschieden, wie ein Druckwerk auszusehen hatte (Typographie) und wie die Schreibweise zu sein hatte (Orthographie).

Bei den barocken Schreibmeistern setzte sich die Mode durch, wichtige Wörter mit besonders verzierten Anfangsbuchstaben zu schreiben. Das betraf zunächst nur den Namen Gottes, wurde dann ausgeweitet auf die Heiligen und auf die kirchlichen und weltlichen Fürsten. Später schrieb man auch andere wichtige Wörter, die Hauptwörter im Text, und Satzanfänge groß. Hierzu mögen ökomische Gründe beigetragen haben. Schreibmeister wurden nach Zeilen bezahlt, und verzierte Buchstaben nahmen mehr Platz ein als kleine, machten also die Zeile schneller voll. Die verzierten Buchstaben waren hochgeschnörkelte und vergrößerte Kleinbuchstaben. Man druckte das Deutsche in Fraktur und und schrieb deren Handschriftvariante Kurrent. Jacob Grimm führt die Entstehung der von ihm abgelehnten Großschreibung gänzlich auf die Fraktur zurück.

In den ersten deutschen Grammatiken wurden die willkürlichen Hauptwörter dann fälschlich mit dem lateinischen Substantiv gleichgesetzt. Das erst machte eine Regelung der Groß- und Kleinschreibung möglich. Allerdings gelang es dem Grammatiker Justus Georg Schottel im Jahr 1663 beim Druck seiner Grammatik „Ausführliche Arbeit von der Teutschen Haubt Sprache“ nicht, den Drucker zu überzeugen, seine Regelung auf den Text anzuwenden. Es dauerte bis zum Jahr 1901, dass Konrad Duden im Auftrag Bismarcks eine Einheitsorthografie für das Deutsche Reich vorlegte. Konrad Duden kommt das Verdienst zu, die Herkulesaufgabe bewältigt zu haben und Ordnung in diesen Wust an Willkür von Schreibweisen zu bringen, in die „wertlosen Einfälle von Schreiberknechten“, wie der dänische Linguist Otto Jespersen schreibt, aber auch zu wählen aus der Fülle der Varianten in den Hausorthographien der Kontore, Druckereien, Schulen und Universitäten. Bei den späteren Auflagen schalteten und walteten die jeweiligen Dudenredaktionen höchst eigenmächtig und machten die Regeln der Groß- und Kleinschreibung immer komplizierter.

Es kamen Spitzfindigkeiten dabei heraus wie „Auto fahren“ aber „radfahren“ und ein immer komplizierteres Regelwerk der Groß- und Kleinschreibung. Schon in den 1920-er Jahren hatte der Realschullehrer Josef Lammertz mit dem „Testament einer Mutter“, dem berüchtigten „Kosogschen Diktat“, den Nachweis angetreten, dass niemand diese Regeln beherrschte. Wen es interessiert, das Diktat und seine skurrile Rezeptionsgeschichte gibt es im Teppichhaus Trithemius oder in meiner „Buchkultur im Abendrot“ – ein prima Weihnachtsgeschenk übrigens.

Die Dänen schafften die Groß- und Kleinschreibung nach dem 2.Weltkrieg ab; in Deutschland wurde die Abschaffung immer wieder kontrovers dikutiert, wobei die Gegner den Untergang des Abendlandes heraufbeschworen. Bei der jüngsten Orthografiereform hat man sich an die Abschaffung nicht herangetraut. Weil es auch göttliche Hilfe nicht gibt, wie Hans Fabritius erhofft, müssen unsere Lehrerinnen und Lehrer weiterhin viel Mühe und Lebenszeit darauf verwenden, ihren Schülern die „wertlosen Einfälle von Schreiberknechten“ beizubringen.

Veraltete und abgelutschte Metaphern

Kürzlich scheute ich mich, die Metapher „feuchtfröhliche Feier“ zu benutzen, obwohl mir klar war, dass jede(r) die Feier unmittelbar vor Augen hätte: „Feuchtfröhlich“ gleich alkoholisierte Lustigkeit. Stattdessen schrieb ich: „Das klang nach fröhlichen Feiern mit Alkohol“, was umständlicher ist und gemessen an „feuchtfröhlich“ ziemlich lahm. Warum also nicht gleich so? Die Metapher „feuchtfröhlich“ bringt zwar das Gemeinte auf den Punkt, ist aber durch häufige Verwendung schon ziemlich abgelutscht. Kürzlich las ich, dass von den Großeltern abgenagt- und gelutschte Hühnerknochen, unter fließendem Wasser abgespült, noch immer gut waren für eine schmackhafte Suppe. Wer es mag …

Obwohl „feuchtfröhlich“ einen Urheber haben muss, ist es Allgemeingut geworden, weil’s schon so viele Leute im Mund gehabt haben. Also lieber etwas Frisches, was nicht vorgekaut wurde … fällt mir aber grad nicht ein.

Der Sprachphilosoph Fritz Mauthner vertritt die Ansicht, alle unsere Wörter seien versunkene Metaphern, aber wenn der Hühnerknochen nicht gänzlich zernagt, sondern als solcher noch zu erkennen ist, sträubt sich mir die Feder. ZOUNDS, schon wieder was vom Federvieh! Die Metapher von der sich sträubenden Feder geht zurück auf den zugeschnittenen Gänsekiel.

aus: Wolfgang Fugger; Ein nutzlich und wolgegrundt Formular Manncherley schöner Schriefften, 1553 (Klicken)

Durch häufigen Gebrauch konnte die Spitze ausfasern und sich beim Niederschreiben sträuben. Unsere Schreibgeräte wurden im Lauf der Jahrhunderte weiterentwickelt, aber die Metapher von der sich sträubenden Feder lässt sich nicht sinnvoll aktualisieren. Zwar konnte sich eine metallene Spitzfeder noch sträuben, nämlich unter zu grobem Handdruck aufspalten, aber schon die Gleichzugfeder im Füllfederhalter war gegen Zerspaltung gefeit. „Da sträuben sich mir die Tasten“, geht auch nicht. Diese Plastikdinger sind unverwüstlich, zumal sie sich willfährig bei jedem Anschlag wegducken. Wieder ein Wort, das der Entwicklung hinterherhinkt, denn „Anschlag“ meint den lauten Aufschlag des Typenhebels der mechanischen Schreibmaschine auf den Papierbogen. Auf die disfunktionale und nicht beherrschte Tastaturanordnung rekurriert die Metapher „Adler-Suchsystem.“ Da die mechanische Adler-Schreibmaschine inzwischen museal ist, wird’s bald niemand mehr verstehen, auch nicht, wenn der Schreiber dieser Zeilen angibt, nach der polizeibekannten Terroristenmethode zu tippen: „Jede Sekunde ist mit einem Anschlag zu rechnen.“

Aus dem Vollen der Wortschatzkiste

Zeitreise ins Jahr 1982. Ich war gerade Lehrer für Deutsch und Kunst an einem Aachener Gymnasium geworden. Obwohl die konkrete Erinnerung fehlt, muss ich mir in diesem Jahr den Duden „Das Fremdwörterbuch“, 4. Auflage, gekauft haben. Das Buch enthält 48.000 Fremdwörter.

Die im Jahr 1986 erschienene 19. Auflage des Duden „Die Rechtschreibung“ hat rund 110.000 Stichwörter. Der hochdeutsche Wortschatz umfasste demnach in den 1980-er Jahren etwa 150.000 Wörter. Da auch der Rechtschreibduden die gängigen Fremdwörter enthält, müssten etwa 10 Prozent Dubletten abgezogen werden.
.
Vor einigen Tagen fand ich in der Nachbarschaft einen ausgesetzten Fremdwörterduden, genauer die 9. Auflage 2006, und nahm das Buch mit nach Hause. Ich bin bekanntlich stolzer Besitzer einer Duden-Sammlung. Sie hat einst manches Frauenherz hüpfen lassen, vor allem aber die Philatelisten mit ihren Briefmarkensammlungen allesamt ins Abseits gestellt. Meine Sammlung besteht aus 35 Bänden verschiedener Ausgaben der Duden, von 1905 an. Leider teilt sie das Schicksal mit Sammlungen abgestempelter Briefmarken. Da konnte manche Schönheit die Enttäuschung nicht verhehlen und sagte: „Die Duden-Ausgaben gelten ja alle nicht mehr, sind doch längst überholt.“ So wurde meine prächtige Duden-Sammlung schon oft schnöde entwertet. Ihren eigentlichen Forschungszweck erfüllt sie trotzdem:

Wortschatz laut Duden, 1980-er und 2000-er Jahre, Foto: JvdL

Der Fremdwörterduden 2006 ist um einiges umfangreicher als der 1982-er und enthält nun 55.000 Stichwörter. Der zeitgleiche Rechtschreibduden, 24. Auflage 2006, enthält 130.000 Stichwörter. Der deutsche Wortschatz wäre demnach in einem viertel Jahrhundert auf 185.000 Wörter angeschwollen. Natürlich hat sich in dieser Zeit das menschliche Wissen vervielfältigt; durch die Globalisierung sind fremde Kulturbereiche uns näher gerückt. Besonders die Digitalisierung hat eine Fülle neuer Begriffe hervorgebracht. Der erweiterte Wortschatz deutet darauf hin, dass unsere Sprache höchst lebendig auf veränderte Weltläufe reagiert.


Ein großer Wortschatz erlaubt dem Einzelnen die differenzierte Erfassung der Welt; vorausgesetzt, die lexikalische Zunahme spiegelt sich in seiner Sprachkompetenz. Trotzdem fällt mir beim Anschwellen unseres Wortschatzes ein, worauf der Altertumsforscher Werner Ekschmitt schon 1968 hingewiesen hat. Er beschreibt die Bibliothek von Alexandria, die vor ihrer Zerstörung geschätzte 400.000 Papyrusrollen enthalten haben soll. Für Ekschmitt ist das Anwachsen der Textproduktion ein Zeichen für untergehende Kulturen. Die Menschen untergehender Kulturen könnten die Wörter nicht mehr bei sich behalten. Nicht nur anschwellende Textproduktion verweist auf Weltuntergangs-Logorrhoe, sondern auch die rasante Wortschatzerweiterung und der zunehmende Wortgebrauch am Telefon. Ungewollt hellsichtig visualisierte T-mobile das Phänomen schon 2007. Mit dem Flatrate-Quatschen verdünnt sich die fassbare Welt, weil die Wörter an Substanz verlieren.

Gestörte Briefzustellung

Komplizierte Welt. Ich möchte unter Mitzi Irsajs Text „Nichts hinterfragen“ kommentieren und darf nicht. Als ich den Kommentar absenden will, poppt eine Anmeldemaske auf und die Nachricht, ich wäre unter meinem Namen nicht angemeldet. Ich bins aber, sonst könnte ich ja hier nichts veröffentlichen. All meine Versuche, werden nicht akzeptiert, bis ich ganz rausgeschmissen werde, weil ich die Anzahl der Versuche überschritten hätte. Der Kommentar ist natürlich auch weg. Zwar habe ich ihn vorsorglich in der Zwischenablage gespeichert, doch von da flutschte er in den digitalen Orkus. Mitzi wird denken, jetzt habe ich so einen klugen Text über Glücksmomente geschrieben, und der Klotz kommentiert nicht.

Dabei achten wir gegenseitig darauf, die Aufmerksamkeit zwischen uns zu bewahren. Es ist eine Kommunikationsstörung, für die ich nichts kann. Ich weiß nicht, wie viele Sozialbeziehungen an derlei Kommunikationsstörungen kranken. Mir fällt der Fall der Frau ein, die aus Kummer und Enttäuschung mit 18 Jahren ins Kloster eingetreten ist, weil ein sehnlichst erwarteter Brief ihres Liebsten ausblieb. Als man nach 50 Jahren das Postgebäude abriss, fand man den Brief zwischen den Dielenbrettern, wo er wohl hingerutscht war. Da war es der Nonne auch egal. Sie hatte ihr Glück anderweitig gefunden.

Wenn Technik im Spiel ist, muss man immer mit Kommunikationsstörungen rechnen. Sogar die Sprache ist so etwas wie ein technisches Hilfsmittel der Verständigung. Natürlich darf man mit dem Wort Technik keinen Stabilbaukasten assoziieren, sondern es geht um die Kenntnis von Verfahrensweisen und die Fähigkeit sich derer zu bedienen. Mit Sprache versucht der Mensch seine komplexe Erlebnis- und Gefühlswelt für andere nachvollziehbar zu übersetzen. Da er sich nicht mal mit der eigenen Erlebnis- und Gefühlswelt richtig auskennt, gelingt ihm die Übersetzung nur unzureichend. Dauernd rutschen ihm Briefe in Dielenritzen. Und fingert man sie hervor, sind sie in Teilen unleserlich und missverständlich. Kompliziert, sag‘ ich doch.