Der Planet Heterotopia

Die Leute vom Planeten Heterotopia werden „Bewohner“ genannt. Sie sind allesamt nicht auf Heterotopia geboren, sondern wurden aus ihrer Heimat abgeschoben. Heterotopia ist ihr letzter Aufenthaltsort, bevor sie zu den Sternen reisen. Die meisten von ihnen sind hinfällig, wenn sie auf Heterotopia landen. Sie müssen rundum gepflegt werden, weshalb es auf Heterotopia noch andere Leute gibt, die Versorger. Wenn die Bewohner angeliefert werden, liegen sie meist in großen kastenförmigen Transportern, und liegend treten sie die letzte Sternenreise an. Dazu werden sie in enge Kisten gepackt.

Nach einem folgenschweren Fehltritt langte ich auf Heterotopia an. Ich wurde sitzend angeliefert, und man versprach mir, ich dürfe den Planeten nach Wochenfrist verlassen, sobald ich wieder auf zwei Beinen stehen könne. Mein Gelass hat zuvor eine Frau Wevelshoven beherbergt. Beiläufig erfuhr ich, dass sie vor ihrer letzten Reise nur 40 Kilogramm gewogen hat.

Trotzdem war ihre Matratze einseitig ausgeleiert, so dass ich nur schräg darauf liegen konnte, als ob mich das Bett nicht beherbergen wollte. Ein Versorger namens Hausmeister hat es gerichtet. Hausmeister brachte mir zu meiner Unterhaltung ein Fernsehgerät und stellte es auf, dass ich die gängigen Zerstreuungsangebote vom Bett aus schauen kann. Das Gerät steht nun unter einem kleinen falschgoldenen Kronleuchter, so einem für Arme, der nur in kleine Wohnungen passt. Er ist nicht ans Stromnetz angeschlossen. Ich vermute, er gehörte einst Frau Wevelshoven, eine Erinnerung an ihren Heimatplaneten. Er bedrückt mich. Ähnlich das Fernsehgerät. Hausmeister sammelt alle Fernseher von verstorbenen Bewohnern ein, weil die Angehörigen sie nicht mehr abholen wollen. Zwar kenne ich die Vorstellung, jeder Atemzug sei der letzte Hauch eines Menschen, aber der Leuchter erscheint mir wie der materialisierte letzte Atemzug von Bewohnerin Wevelshoven, der den Raum nicht verlassen mag.

Ich bitte um Entschuldigung für meinen befremdlichen Bericht, aber der Planet Heterotopia ist befremdlich. Ich habe von derlei Planeten gehört, dass manche sogenannte Trughaltestellen haben. Verwirrte Bewohner suchen sie auf und hoffen, von dort nach Hause reisen zu dürfen. Aber niemals kommt ein Beförderungsmittel.

Der König will frühstücken

Vom ersten Sonnenstrahl an der Nase gekitzelt, erwachte der feiste König und klatschte in seine Patschehändchen: „Herbei, herbei, ihr lieben Untertanen! Euer König hat Wünsche.“
In Wahrheit bin ich ganz schön abgemagert und nicht aus Bequemlichkeit im Bett, sondern eine sogenannte hilflose Person. Meine Wünsche sind alltäglich, aber das gebrochene Bein macht sie zu Herausforderungen, die nur mit fremder Hilfe gemeistert werden können. Daher muss ich für jede Handreichung klingeln und darauf hoffen, dass jemand kommt und sich erbarmt. Glücklich ist, in Deutschland hilflos zu sein. In vielen Ländern der Erde heißt das, schmerzvoll und elend zu krepieren.

Im Vinzenzkrankenhaus ist die operative Nachsorge optimal geregelt. Ich presse die Klingel, und es eilt jemand herbei und fragt nach meinem Begehr. Anfangs ist das wie das Öffnen einer Wundertüte. Wer arbeitet hier, wer hat gerade Dienst? Wie kompetent hilft sie /er? Wie viel Zeit bleibt für ein persönliches Wort? Viele von ihnen habe ich rasch ins Herz geschlossen. Eine junge Schwesternschülerin „ich bin Paula“ ist mein Sonnenschein! Sie verströmt trotz Maske soviel positive Energie und Freundlichkeit, dass mir das Herz aufgeht. Und schon fürchte ich, dass sie sich in diesem Beruf rasch verschleißen wird, weil da andere Ausgaben sind als meinen wehen Fuß umzubetten. Dass junge Menschen diesen harten Beruf erlernen, verdient höchste Anerkennung.

Natürlich bin ich als Privatpatient privilegiert. Allmorgendlich eilt ein Bote herein und bringt mir die Zeitung. Mittags kommt eine aparte junge Frau, angetan mit weißer Bluse und schwarzer Weste, schwarzer Hose an mein Bett und fragt nach Essenswünschen, der Chefarzt kommt zur Visite und ist zufrieden mit der Leistung seines Oberarztes. Ich berichte es ihm, und er freut sich: „Der redet nämlich nicht mit mir.“ Möglich, dass man unter Kollegen mit Lob spart. Hier wäre es angebracht.

Die Nachtschwestern können keinen Sonnenschein zaubern. Sie stellen sich schweigend vor mein Bett und warten auf Ansprache, ein rhetorischer Trick offenbar, der eine unangenehme Situation schafft. damit sie nicht für jede Kleinigkeit herbei gepfiffen werden. In dunklen Nachtstunden malt sich mein überdrehendes Hirn aus, wie es wäre, wenn aus Gründen plötzlich niemand mehr käme. Im SF-Klassiker „The Triffids“ von John Wyndham erlebt der Protagonist das. Er liegt nach einer Augenoperation im Spital und bedauert, dass er nicht wie alle anderen einen Meteoritenschwarm beobachten kann. Am nächsten Morgen ist die öffentliche Ordnung zerbrochen, weil alle, die das Schauspiel am Nachthimmel betrachtet haben, erblindet sind. Glücklicherweise sind meine freundlichen Helfer immer wohlauf.

Sonntag wurde ich operiert, Freitag wird man mich schon entlassen. Ich belege ein Bett und verursache nur noch Kosten. Aber wohin soll ich? Ich lebe allein. Meine Wohnung ist nicht barrierefrei. „Wir bauen alle falsch“, sagt der Physiotherapeut bei der Lymphdrainage. Wer gesund auf beiden Beinen steht, denkt nicht an eine plötzliche Behinderung und baut vor. Die Metapher offenbart das Problem. Vorzubauen ist den meisten von uns unmöglich. Also lieber gesund bleiben.
„Herbei! Herbei! Ich will auf Holz klopfen!“

Neues aus dem Bett von Frau Wevelshoven

Man lernt hier Wörter, die man eigentlich nicht kennen möchte, nichts Obszönes, und es geht auch nicht um die Wörter, sondern um das, was sie bezeichnen. Beispielsweise habe ich das Wort „Gehbock“ noch vor Wochenfrist nicht gekannt. Derzeit besitze ich sogar einen Gehbock. Vorgestern, bevor man mich aus der Klinik entlassen hat, kam die Physiotherapeutin, eine Frau Rodenberg, mit einem nagelneuen Gehbock an und ließ mich dafür unterschreiben. Der Gehbock soll mir helfen, mich fortzubewegen, weil ich mein rechtes Bein nur mit 10 (zehn!) Kilogramm belasten darf. Das ist nichts, wie wir mit einer Waage feststellten. Mir ist mal in meiner Jugend in einer Kölner Druckerei eine große Rolle Rotationspapier auf den Fuß gekippt. Der Fuß war glatt durch. Da legte man mir für sechs Wochen einen Gips an, einen Gehgips genauer. Ich war damit sogar in der Diskothek unseres Dorfes tanzen. Doch ich weiß noch, wie quälerisch ein Gipsbein ist und wie furchtbar abgezehrt das Bein nachher war.

Der komplizierte Bruch des Unterschenkels, der mich derzeit lahmlegt, wurde nicht gegipst, sondern minimalinvasiv genagelt und verschraubt, ein chirurgisches Meisterwerk. Der es vollbracht hat, ein Arzt mit einem Namen „wie der Schauspieler“ ließ mich vor der OP berichten, wie es zur Fraktur gekommen war. Also:
„Nach einer fröhlichen Feier im Garten meiner Liebsten, stieg ich die Terrassentreppe hinab, um beim Abräumen zu helfen, übersah im Dunkeln die letzte Stufe, und indem ich ins Leere trat, nahm mein bis dahin schönes Leben im Fallen eine böse Wendung. Ich traf schmerzhaft auf Steinfliesen und kam nicht mehr hoch. Spiralbruch des Unterschenkels. Ich gebe zu, ich war alkoholisiert.“
„Ich bin kein Moralapostel und feiere auch gern“, sagte der Arzt und führte einen eleganten Hüfttanz auf.

Wer das kann, hat auch Geschick im Operieren, dachte ich, und entsprechend harmlos sieht mein Bein aus, obwohl ein 30 Zentimeter langer Nagel im Schienbeinknochen steckt. Wo er verschraubt ist, besteht für sechs bis acht Wochen die Gefahr neuerlichen Brechens bei zu hoher Belastung. Darum der Gehbock. Wie es mir weiterhin erging und wieso ich aus dem Bett von Frau WevelshoVen schreibe, davon später. Der Gehbock soll mich für heute zu Bett tragen.

Vorwärts, linksrum! Mach ma Kaffee! – Buchkünstler Christian Dümmler und die Fraktur

Ein buchtechnisches Kleinod sandte mir Christian Dümmler, der „overlord of bookdesign“ (Jason Koxvold), ein neues Produkt aus seinem Indie-Verlagsprojekt „Edition Blumen“, ein Heft von 32 Seiten mit einer Auswahl von zehn Texten aus meinem neuesten Buch „Goethes bunter Elefant.“ Der Anthologie gab er den Titel eines der ausgewählten Texte: „Neueste Nachrichten vom Nichtstun.“ Im Heft fand ich eine typografische Besonderheit, nämlich die Auszeichnung bestimmter Textstellen in Frakturschrift. Von dieser Idee war ich sogleich angetan.

Bis zum Verbot der Frakturschriften im Jahr 1941 durch die Nationalsozialisten war es üblich, in Frakturtexten alle Fremdwörter in Antiqua zu setzen.
Was spricht heute dagegen, umgekehrt die Fraktur zu neuen Auszeichnungszwecken zu verwenden? Eigentlich ist es ein Wunder, dass Typografen und Buchdesigner die Fraktur haben links liegen lassen, seitdem sie im Jahr 1941 von den Nationalsozialisten überraschend verboten worden war. Bis zu diesem Datum hatte man die Fraktur als typische deutsche Schrift gefeiert. Das plötzliche Verbot der Fraktur kam mit einem Rundschreiben Martin Bormanns vom 3.1.1941. Darin werden Gründe genannt, die von der gesamten Fachwelt bezweifelt wurden. Historiker haben nach anderen, rationalen Gründe gesucht, doch der Auslöser ist vermutlich völlig irrational.
Einen Hinweis liefert das Original-Rundschreiben. Die Rede ist von einer Besprechung. Anwesend waren Adolf Hitler, Martin Bormann, Stabsleiter beim „Stellvertreter des Führers“, Rudolf Hess und Max Amann, „Reichsleiter“ für die Presse der NSDAP und Direktor des Zentralverlages der NSDAP, sowie der Verleger und Buchdrucker Adolf Müller. Er druckte den Völkischen Beobachter, das Zentralorgan und „Kampfblatt“ der Nationalsozialistischen Partei. Eventuell war Müller dort, um einen Neudruck des Briefbogens der NSDAP zu durchsprechen. Bei dieser Gelegenheit hat er darauf hingewiesen, dass die im Briefbogen und in Schlagzeilen des Völkischen Beobachters verwendete fette Fraktur vom Juden Lucian Bernhard entworfen worden war.
Man kann sich Hitlers Entsetzen und folgenden Wutausbruch vorstellen. Jahrelang hatte er den Beteuerungen geglaubt, die Fraktur drücke deutsche Wesensart aus, entspreche dem deutschen Nationalcharakter. Am 30. Juli 1937 hatte das Propagandaministerium jüdischen Verlagen sogar verboten, die Fraktur zum Druck zu verwenden. Dass auf dem Briefbogen der NSDAP eine Judenschrift prangte, war überaus peinlich. Als wäre Hitler zur Freude der Juden jahrelang mit einem Zettel „Depp“ auf dem Rücken herumgelaufen. Und wenn deutsche Eigenart und ihr geistiges Eigentum von jüdischer Hand gestaltet war, dann könnten alle Frakturschriften diesen Makel in sich tragen. So wurde zur Sicherheit die Fraktur gänzlich verboten. In aller Eile schusterte man eine Begründung zusammen. Was zuvor als „Verrat am Volkstum“ gegolten hatte, wurde plötzlich legitim,
Antiqua ersetzte die Fraktur und wurde „Normalschrift.

Als im Jahr 2017 bekannt wurde, dass die sächsische Polizei auf den Kopfstützen ihres neuen Panzerfahrzeugs Frakturschrift hatte aufbringen lassen, sah man darin Ähnlichkeit zur Symbolik des Nationalsozialismus. Es ist wohl tatsächlich so, dass unbedarfte Neonazis und ein Gutteil der Aufgeregten die Fraktur fälschlich mit dem Nationalsozialismus in Verbindung bringen, ungeachtet der historischen Tatsache, dass just diese Nationalsozialisten die Fraktur 1941 per Erlass als „Schwabacher Judenletter“ verunglimpft und verboten haben.

Vielleicht liegt am Ruch des Nationalsozialismus der Grund für die spätere Ablehnung der Fraktur. Im Jahr 1949 veröffentlichte der Typograf Karl Klingspor von der berühmten Schriftgießerei Gebr. Klingspor mit „Über Schönheit von Schrift und Druck“ einen Schwanengesang auf die Fraktur. Es ist ein wunderschönes, bibliophiles Buch, auf Büttenpapier gedruckt, mit vielen eingeklebten Druckbeispielen, das die Vorzüge der Fraktur zur Geltung bringt, ohne die Antiqua zu verteufeln. Klingspor ist der völkische Zungenschlag fremd, jene Befürworter der Fraktur waren ja von den Nationalsozialisten 1941 selbst zum Schweigen gebracht worden. Klingspors Argumentation ist rein schriftästhetisch. So mag man dem Autor gerne darin folgen, dass es für die Deutschen gute Gründe gibt, bei der Fraktur zu bleiben, besonders der vielen Großbuchstaben wegen, die sich in der Fraktur organischer mit den Kleinbuchstaben verbinden sowie wegen der vielen langen Wörter im Deutschen, die in der Fraktur schlanker wirken, aber der Zug für die Fraktur war 1949 endgültig abgefahren. Das Verdammungsurteil der Nationalsozialisten wirkt bis heute nach.

Es ist das Verdienst von Christian Dümmler, die Fraktur zumindest als Auszeichnungsschrift wiederentdeckt zu haben. Ich freue mich, dass er das an meinen Texten ausprobiert.

Weblink: http://www.dorsten-unterm-hakenkreuz.de/2012/05/28/die-jahrelang-im-ns-reich-verwendete-gotische-fraktur-schrift-war-plotzlich-judisch-sie-wurde-1941-durch-die-lateinisierte-antiqua-ersetzt/

Literatur: Buchkultur im Abendrot

Die Fraktur und die Kritiker der sächsischen Polizei

Viele Leute haben sich aufgeregt über ein Logo, das die sächsische Polizei auf den Kopfstützen ihres neuen Panzerfahrzeugs hat aufbringen lassen. Man sieht in der im Schriftzug verwendeten Frakturschrift Ähnlichkeit zur Symbolik des Nationalsozialismus. Es ist wohl tatsächlich so, dass unbedarfte Neonazis und ein Gutteil der Aufreger die Fraktur fälschlich mit dem Nationalsozialismus in Verbindung bringen, ungeachtet der historischen Tatsache, dass just diese Nationalsozialisten die Fraktur 1941 per Erlass verboten und als „Schwabacher Judenletter“ verunglimpft haben.

Die im Barock als Gebetbuchschrift entstandene Fraktur galt allerdings über Jahrhunderte als deutsche Schrift. Auch wurde in den Anfängen der Nazizeit das Eckige der Fraktur, mehr noch ihrer Vorform, der gotischen Textura, mit dem deutschen Nationalcharakter gleichgesetzt. Diese Deutschtümler werden nicht schlecht gestaunt haben, als der von Martin Bormann gezeichnete Erlass am 3.1.1941 ein Verbot der Schrift brachte. Einige Fakten über die Fraktur finden sich im verlinkten Teestübchenbeitrag und ausführlicher in der Teestübchen-Publikation „Buchkultur im Abendrot.“

Verbot der Fraktur (größer: Bitte klicken)

Auf Kosten der Steuerzahler wird der beanstandete Schriftzug nun von den Kopfstützen entfernt werden. Der eigentliche Skandal aber besteht weiter. Warum muss unsere Polizei paramilitärisch aufrüsten? Es ist doch gleichgültig gegen welche Kopfstützen die behelmten Polizistenschädel schlagen, wenn sie mit ihren, von Tagesschau.de vornehm „Polizeieinsatzfahrzeug“ genannten Panzern über hingefallene Demonstranten rollen. Möglicherweise entzündet sich die Kritik am leisen Unbehagen, dass die sächsische Polizei sich für ihr Sondereinsatzkommando (SEK) Panzerwagen vom Rüstungskonzern Rheinmetall bestellt hat. Aber dann muss man diese Tatsache hinterfragen und nicht ein postfaktisches Spiegelgefecht vom Zaun brechen. Was haben Panzer im Inneren zu suchen? Welche Überlegungen stecken dahinter? Rüstet man auf für bürgerkriegsartige Zustände?

Die Kulturgeschichte der Typografie in einer Nussschale 5) Aufstieg und Abschaffung der Fraktur

Folge 1 Antikes Geschrei
Folge 2 Lesen wie Bienensummen
Folge 3 Faustischer Buchdruck
Folge 4 Fraktur versus Antiqua
Obwohl die Fraktur auch in Deutschland kaum noch verwendet wird, will ich ein paar Worte über diese Schrift verlieren, weil sie untrennbar mit unserer Geistesgeschichte verbunden ist. Fraktur ist ein Oberbegriff für alle gebrochenen Schriften, also auch für Textura und ihren Abkömmling Schwabacher. [bei gebrochen Schriften sind einige Rundungen eckig wie gebrochen] Fraktur heißt aber auch eine Barockschrift, die in Abwandlung der gotischen Textura entstanden ist. Ihre Entstehung ist eng mit Kaiser Maximilian I. verknüpft. Im Jahr 1508 ernannte er den Augsburger Bürger Johann Schönsperger zum kaiserlichen Hofbuchdrucker und beauftragte ihn mit dem Druck eines prunkvollen Gebetbuchs. Dafür sollte Schönsperger besondere Drucktypen schneiden. Die kalligraphischen Vorlagen stammten aus der höfischen Kanzlei. Das Gebetbuch wurde 1513 fertig und mit ihm das erste Druck-Erzeugnis, das die Fraktur benutzt. Die Schrift trägt die Charaktermerkmale der höfischen Herkunft und verdrängte rasch die Textura und die behäbig und plump wirkende Schwabacher, die seit 1472 in Gebrauch gewesen war.

Luthersche Fraktur (um 1522) aus: Hermann Virl, München 1948

Die Fraktur ist stilistisch eine Vorwegnahme des Barocks. Ihr schwunghafter Formenüberschuss ist Ausdruck einer neu erwachenden Lebensfreude, die sich im Hang zum Schnörkel äußert und ihre sprachliche Entsprechung in skurrilen Höflichkeitsarabesken hat. Beispielsweise schrieb Friedrich Schiller 1794 an den ranghöheren Johann Wolfgang von Goethe:

„Hochwohlgeborner Herr, Hochzuverehrender Herr Geheimer Rath!“ und schloss mit den Worten „Euer Hochwohlgeboren, gehorsamster Diener und aufrichtigster Verehrer, Jena 13. Juni 1794, F. Schiller“,

Um den sozial Höherstehenden zu ehren, wurden sein Name, sein Titel oder sonstige Bezeichnungen mit den besonders verzierten Großbuchstaben der Fraktur bedacht, als grafische Entsprechung der mündlichen Floskeln. So erklärt sich der im Barock zunehmende Gebrauch der Großschreibung. Die Großbuchstaben der Fraktur sind verzierte und hochgefürstete Kleinbuchstaben, dabei so verschnörkelt, dass man schwer die Grundform erkennen kann. Viele Großbuchstaben sind einander zum Verwechseln ähnlich und oft nur im Kontext eindeutig erkennbar. Der Fälscher der Hitler-Tagebücher, Konrad Kujau, sollte in den frühen 1980-er Jahren deshalb das A mit einem F verwechseln (davon später).

Jacob Grimm, der Ahnvater der deutschen Sprachwissenschaft, sah in der Fraktur die Ursache für die von ihm abgelehnte Großschreibung der Substantive. Denn indem die Großschreibung im Barock immer mehr ausuferte von der Kennzeichnung und Ehrung wichtiger Personen hin zur Großschreibung aller wichtigen Wörter, den sogenannten „Hauptwörtern“ eines Textes, wurde eine Regelung erforderlich. Dabei kam es irrtümlich zur Gleichsetzung von Hauptwörtern und Substantiva. Und jetzt haben wir den Salat, sind die einzige Kulturnation, die ihre Substantive glaubt groß schreiben zu müssen und quälen uns noch im Zeitalter des Internets mit einem barocken Irrtum. „Wertlose Einfälle von Schreiberknechten“, urteilt der dänische Sprachforscher Otto Jespersen und lieferte damit ein wesentliches Argument für die Abschaffung der Großschreibung in Dänemark im Jahr 1948. Seither sind wir Deutsche die letzten, die noch die verlauste barocke Perücke der Großschreibung tragen. Sie ist uns so zur Gewohnheit geworden ist, dass wir sie nie mehr abnehmen wollen. Bei der Orthographiereform von 1994 hat man sich gar nicht erst daran gewagt. Es hätte Hauen und Stechen gegeben.

Fraktur-Großbuchstaben an einer Hausfront in Hannover – Foto: JvdL

Es ist ein Nachteil der Demokratisierung der technischen Schrift, dass typografische Laien, von keinerlei Kenntnis angefächelt, den öffentlichen Raum beliebig verunstalten können. Eine Weile bin ich mit dem Fahrrad öfters an dieser Fassade im hannöverschen Stadtteil List vorbeigekommen, die von einer typografischen Katastrophe gezeichnet ist. Der Anblick hat mich jedes Mal geschüttelt. Man kann nur hoffen, dass der Inhaber dieses Ladens von „Schönen Sachen aus alter Zeit“ mehr versteht als von alten Schriften. Die Schriftzeile auf der Fassade hat sich der Händler von einem Stümper anbringen lassen und wusste selbst nicht besser, dass ein Text niemals mit Frakturversalien gestaltet werden darf, weil die Großbuchstaben der Fraktur schlicht unleserlich sind. Vermutlich hat sich deshalb bei “ANTIQUITÄETEN” zusätzlich ein überflüssiges E eingeschlichen.

Die schlechte Lesbarkeit der Fraktur-Versalien hat auch zu einer Panne bei den gefälschten Hitler-Tagebüchern geführt. Für die Einbände der Tagebücher hatte der Fälscher Konrad Kujau einzelne Großbuchstaben der Frakturschrift Engravers Old English in Hongkong gekauft. Dabei hatte er sich vergriffen, das große F für ein großes A gehalten. Deshalb trugen die Tagebücher die Initialen FH. Viele der so genannten Experten, die mit der Echtheitsprüfung der Tagebücher befasst waren, haben das übersehen. Später als es aufgefallen war, suchte man krampfhaft nach Erklärungen und interpretierte FH als “Führer Hitler”.

Eigentlich hätten die Einbände keine Fraktur haben dürfen, was die „Experten“ hätten wissen müssen. Denn die Nationalsozialisten hatten die Fraktur 1941 verboten und damit zum Leidwesen aller Deutschtümler eine zackige Kehrtwendung vollzogen. Bis dato hatte die Fraktur als typisch Deutsch gegolten, die dem eckigen Nationalcharakter der Deutschen entspreche. Der in einem Aufwasch ebenfalls verbotene Bund für deutsche Schrift beteuert das noch heute. Die Begründungen für das Verbot der Fraktur sind freilich sachlich falsch. Die Fraktur-Variante Schwabacher hat sich aus der Gotischen entwickelt, nicht umgekehrt wie im Rundschreiben behauptet wird.

Verbot der Fraktur (größer: Bitte klicken)

Die Behauptung, ein Jude habe die Schwabacher erfunden, führt der Schriftgießer Karl Klingspor auf die irrige Annahme zurück, der Erfinder trage den Namen des Ortes, aus dem er stammt, was nur bei Juden der Fall wäre. Laut Klingspor gab es zur fraglichen Zeit keine Druckerei in Schwabach. Die Schrift habe sich in Nürnberg entwickelt zu einer Zeit, in der den Juden der Aufenthalt in der Stadt verboten war. Überdies verboten die Zunftgesetze den Juden, das Handwerk des Druckers zu lernen.

Den wahren Grund nennt der Marburger Historiker Kurt Dülfer:

„[…] die plötzliche und vorbereitungslose Negierung [der Fraktur]) und ihre Ersetzung durch die als ‚Normalschrift’ bezeichnete Antiqua gehört in den Rahmen der im Nationalsozialismus vertretenen Idee des ‚Neuen Europa’.“ Vor allem erschwerte die Fraktur die schriftliche Kommunikation mit den Verwaltungen in eroberten Gebieten und eignete sich nicht für Propagandaschriften im Ausland. Die Mutmaßung, man habe Metall für militärische Vorhaben gebraucht, ist nicht belegbar. Es hätte vorausgesetzt, dass die meisten Druckereien bereits ausreichend mit Antiqualettern versehen waren, so dass man die Fraktur ausmustern konnte. Wahrscheinlicher ist, dass durch die Umstellung auch Bedarf für Schriftneuguss vorhanden war.


Exkurs Gebrauch der Fraktur im Laufe der Jahrhunderte
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Die Kulturgeschichte der Typografie in einer Nussschale 4) Fraktur versus Antiqua

Folge 1 Antikes Geschrei
Folge 2 Lesen wie Bienensummen
Folge 3 Faustischer Buchdruck
Die Handschrift, an der Gutenberg sich orientierte, hieß Textura. Wir kennen das Wort Textur für Gewebe. Wie ein unveränderliches Gewebe sollten die biblischen Worte sich zeigen. Die Bibel war der eigentliche Text. Dass wir heute unterschiedslos vom Text sprechen, ob Zeitungsartikel oder Beipackzettel, ist eine Verweltlichung, die mit dem Buchdruck ihren Anfang nahm. Die Textura hat die Stilmerkmale der Gotik, Engführung der senkrechten Striche und Brechung der Rundungen. Aus der Gotischen Schrift entwickelte sich die Fraktur (Fraktura, die Gebrochene). Nördlich der Alpen sollte sie für einige Jahrhunderte der vorherrschende Schriftstil sein. In den 30 Jahren nach dem Druck der 42-zeiligen Bibel verbreitete sich die Technik des Buchdrucks über ganz Europa. Druckwerke, die vor dem 31. Dezember des Jahres 1500 entstanden sind, heißen Inkunabeln (Wiegendrucke)

Verwandtschaft zwischen gotischer Architektur und dem Schriftcharakter Gotisch – aus: Karl Klingspor, 1941

Im Italien der Renaissance hatte sich beim Aufblühen der Wissenschaft unter den Schreibern eine eigene Schrift herausgebildet, Antiqua (die Alte) genannt. Irrtümlich hatte man die karolingische Minuskel für die Kleinbuchstabenschrift der Römer gehalten und sie mit den römischen Großbuchstaben, der Capitalis Monumentalis, verbunden, wie sie als Inschrift in Stein überliefert war.

Eigentlich verbindet die Antiqua also die statischen, überwiegend achsensymmetrischen Großeltern mit den Enkeln, die sich aus dem flüssigen Schreiben der Großbuchstaben entwickelt haben und sich durch übermütige Ober- und Unterlängen und fehlende Achsensymmetrie auszeichnen. Die erste Druckschrift-Antiqua wird trotz ihrer italienischen Herkunft  einem deutschen Drucker zugeschrieben. Der Straßburger Adolf Rusch soll 1474 damit gedruckt haben. Diese Zuweisung ist aber mit Vorsicht zu genießen. Sie wurde in der NS-Zeit ab 1941 behauptet, nachdem die Nationalsozialisten die Fraktur verboten hatten. Warum sollte sich ein deutscher Drucker an einer Handschrift orientiert haben, die fast ausschließlich in Italien geschrieben wurde? Die erste stilistisch ausgeprägte Antiquaschrift stammt vom in Venedig lebenden Franzosen Nicolas Jenson. Ebenfalls ein Franzose, der Schriftschneider und Typograf Claude Garamond schuf etwa um 1545 eine nach ihm benannte Antiquaschrift, die bis in die heutige Zeit stilbildend sein sollte. Sie ist noch heute die Grundschrift der Wochenzeitung Die Zeit.

Adobe Garamond pro – „The quick brown fox…“ enthält alle Buchstaben des Alphabets. Englische Fernmelder testeten damit die Funktion des Fernschreibers

Am 1. 5. 1992 wagte die Wochenzeitung Die Zeit, von der 46 Jahre lang für ihre Fließtexte benutzten Garamond auf die Times New Roman zu wechseln. Damit wandte man sich vom hellen, französischen Schriftcharakter, der lange Zeit das stilistische Ideal der kontinentalen Geisteswelt verkörperte, hin zu den bodenständigen, handfesteren Idealen der neueren angelsächsischen Typographie. Das haben viele Zeit-Leser nicht nachvollziehen können, wie die unzähligen Protestbriefe auf den Leserbriefseiten zeigten. Nach etwas zwei Jahren kehrte Die Zeit reuevoll zu einem Neuschnitt der Garamond zurück. Die Schrift transportiert eben mehr als den Textinhalt, nur schwingen die Gefühlswerte der Form beim Lesen meistens unbewusst mit. Es wird ein bewusstes Empfinden daraus, wenn die vertraute Gestalt plötzlich durch eine fremde ersetzt wird.

Exkurs Times New Roman Weiterlesen