Von der Erfahrung zwischen zwei Welten zu schweben

In meiner Idealwelt gleite ich heiter und vergnügt dahin, freue mich, weitgehend schmerzfrei zu sein, bin quasi alterslos, aber reich an Erfahrung, sammle hier faszinierendes Wissen auf, dort ein hübsches Erlebnis, lese und schreibe wozu ich Lust habe, fange mir gelegentlich von bezaubernden Vertreterinnen des andern Geschlechts ein Lächeln ein, genieße das Leben, das ich habe, und lasse alle Tage den lieben Gott einen guten Mann sein. Manchmal sogar stimmen meine Idealwelt und die reale Welt völlig überein. So am letzten Freitag. Die Sonne schien, die Temperaturen fast frühlingshaft, im Supermarkt saß an der Kasse die mir holde Kassiererin, wünschte mir einen schönen Tag, und von ihrem Lächeln begleitet, trat ich auf die Straße und bestieg mein Fahrrad. Beschwingt fuhr ich heimwärts. Auf der Davenstätter Straße, versperrte ein geparkter Kleintransporter den Weg, so dass ich zwischen die stadtauswärts führenden Straßenbahnschienen ausweichen musste. Plötzlich drängelte hinter mir ein Auto, und um Platz zu machen, lenkte ich zum rechten Fahrbahnrand hinüber. Unversehens spalteten sich Idealwelt und Realwelt auf.

Ich hatte kaum Zeit, die ideale bedauernd zu verabschieden, nur die Sekundenbruchteile, als ich mich in der Schwebe befand, durchaus ein schöner Zustand, von dem ich aber weiß, dass er unweigerlich schmerzhaft enden wird. Die Straße war seifig, und weil ich nicht steil genug über die Schiene gelenkt hatte, glitt mein Vorderrad hinein, und ich stürzte, muss ein wenig noch geglitten sein und knallte mit dem Kopf gegen ein geparktes Auto. Dann saß ich benommen am Boden. Ein freundlicher Passant reichte mir die Hand, half mir auf, und stellte die unweigerliche Frage: „Alles in Ordnung?“ Und weil ich mir verkniff zu sagen: „Ja“, zählte er auf, was in Ordnung war: „Das Rad ist noch ganz, na ja Ihre Hose ist kaputt und Sie bluten am Knie.“ „Und ich bin mit dem Kopf gegen das Auto geknallt.“ „Soll ich einen Krankenwagen rufen?“ „Danke, es geht schon.“ Aber zu Hause, als ich den Schaden besah, beschloss ich doch, meine Ärztin aufzusuchen. Die großflächige Schürfwunde, das rohe Fleisch, war völlig verschmutzt, und mein Schädel brummte. Da war es ratsam, sich professionell verarzten zu lassen. Frau Doktor säuberte die Wunden, verband und verpflasterte mich und gab mir eine Tetanusspritze.

Gestern, zwei Tage später und mit mir hadernd, die Idealwelt verspielt zu haben, versuchte ich gedanklich zu bewältigen, was mir geschehen war, und es stellten sich Ideen ein, die ich dem magischen Denken zuordnen muss: Schon vor Tagen geschahen in meiner Idealwelt verstörende Dinge. Alles begann im Marktcafé. Da brachte mir die hübsche Kellnerin meine Suppe und wurde dabei von einer Fliege begleitet. Die Kellnerin ging, aber die Fliege blieb und umkreiste mich hartnäckig. Das war mir peinlich, denn ich fürchtete, dass unbefangene Beobachter denken könnten: Aha, das ist der Mann, auf dem die Fliegen gerne sitzen, so einer wie die Comicfigur Pig Pen, der Dreckmagnet bei den Peanuts.

Am Tag darauf musste ich mich an einer Frau vorbeizwängen, die mir an ihrem Tisch den Rücken zuwandte. Da beschwerte sie sich, ich hätte sie mit meinem Rucksack berührt. Dabei war der leer und konnte sie nur gestreift haben. Ich hätte sagen sollen: „Was müssen Sie sich auch so breit machen.“ Stattdessen entschuldigte ich mich, obwohl ich mich über die völlig unnötige Zurechtweisung ärgerte, das heißt, ich nahm ihre negative Energie demütig auf mich. Auf dieses Konto ging auch, dass ich mir die Sendung von Markus Lanz angesehen und von Löchern in den Hosen geschrieben habe.

Zitat: Kurt Schwitters, Montage: JvdL

Prompt habe ich ein berechtigtes Loch in der Hose, nicht als modisches Accessoire wie Lanz. Was musste ich den Scheiß auch herbeischreiben und mich ins Unglück katapultieren. Ich sollte von Glück, zumindest von Lottogewinnen schreiben. Meine Lottozahlen: 22, 23, 26, 27, 39, 40. Gewünscht sind sechs Richtige plus Superzahl 5. Aber eigentlich wünsche ich mir nur die Idealwelt zurück.

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15 Kommentare zu “Von der Erfahrung zwischen zwei Welten zu schweben

  1. Soll ich Dir ein Geheimnis verraten? Als Kind habe ich Pflaster – und viel mehr noch Verbände, weil die seltener vorkamen – geliebt. Für mich waren die ein Zeichen, dass sich jemand um mich kümmerte; dass ich jemandem wichtig war. In den Nächten, in denen ich einen Verband trug – und nur in diesen Nächten – schlief ich gut.
    Ich bin sicher, die Verbände stehen Dir gut und lassen Dich heldenhaft aussehen. Und die blöde Rucksack-Frau weiß nicht, dass Du ihre negative Energie zu Deinem Verdruss in Dir aufgenommen hast. Sie ärgert sich bestimmt, dass ihr doofer Spruch einfach an Dir abgeprallt ist und dass Du so höflich geblieben bist.
    Wenn man jetzt noch davon ausgeht, dass Du die beste aller Suppen gehabt haben musst, weil die Fliege sonst ja wohl woanders hingeflogen wäre (und es ist sowieso immer eine Sache der Relativität. In einem Universum, wo Fliegen Glücksbringer sind, hättest Du den Jackpot gezogen!) bliebe nur noch das Hosenproblem. Du hast noch eine andere. Zieh die an.
    Eigentlich… eigentlich ist das Leben schön…

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  2. Schön, wie Du das beschreibst mit der idealen und der realen Welt! Gut zu Leben hieße demnach, a u s der idealen Welt in die reale zu blicken, und nicht a u s der realen in die ideale. (Und ich hoffe doch, Du fährst mit Helm? (Für mich das größte Opfer, das ich als Radfahrer meiner Eitelkeit abringen muss 🙂 )

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  3. Ach ja, das Leben ist kein Wattepusten, um mich mal auf oder in Allgemeinplätzen zu bewegen, aber es ist schon mal so, die angenehmen Seiten nimmt man einfach so als Selbstverständlichkeit hin, aber bei den Nickeligkeiten meint man böse benachteiligt zu werden , wenn es dann heißt: „Ein wenig Glück gefällig?“
    Augen auf, oder besser, öffne das Herz für die kleinen alltäglichen Freuden des Lebens, dann merkst du, es hätte ja noch viel schlimmer kommen können.
    Aber eigentlich bist du ja auch kein Haderer und die Geschichten, die du erzählst, wären nicht so unterhaltsam, wenn nicht …
    Halt dich tapfer, nimm’s leicht, leider nichts mehr mit „rauche erstmal ’ne HB“, aber einen kleinen Scharlachberg dürftest du dir doch noch genehmigen können.
    Einen schönen guten Morgen.

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    • Genau das versuche ich ja zu leben, ein offenes Herz für die alltäglichen Freuden zu haben, wie ich es bei der Idealwelt umrissen habe. Danke für deine Ermunterung. Scharlachberg habe ich noch nie getrunken und merke gerade, dass es ein seltsamer Produktname ist 😉

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    • Man darf den Spiegeln nicht zu sehr vertrauen, weder im Negativen noch im Positiven. Jahrelang zeigte mir mein Spiegel braune Haare, und beim Friseur fragte ich erstaunt: „Was sind denn das für graue Löschen, die hier runter fallen?“ Sagt er ganz smart: „Die sind von Ihnen.“
      Dankeschön!

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  4. Der realen Welt sind wir so was von egal und wenn wir sie deshalb ebenfalls ignorieren, nimmt sie sich das Recht, uns ab und an auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Unter Umständen im wahrsten Sinne des Wortes. Aber wir stehen wieder auf und ziehen wieder in den Kampf mit den Windmühlenflügeln. Natürlich ohne Helm.

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  5. Pingback: Der letzte Patient – kein Lächeln und kein Kratzen

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