Fragment (5) – Wie der Hase läuft

„Wissen, wie der Hase läuft, sagt dir das was, Trithemius?“, fragte Coster, nachdem er sich erneut in meinen Schlummer gedrängt hatte. Zuerst hatte ich ihn gesehen, wie er mit seiner Sammlung kugelförmiger Objekte spielte, sie gegeneinander abwog. Auch den ominösen leeren Kugelfisch hielt er in der Hand und schien in eine Zwiesprache versunken. Dann saß er wieder in meinem Drehstuhl und entlockte ihm Geräusche.

„Zunächst einmal wünsche ich, dass Sie mit meinem Drehstuhl pfleglicher umgehen, Coster. Sie haben durch Ihre Schaukelei schon eine Inbusschraube heraus gerödelt, mit dem Ergebnis, dass mein Stuhl jetzt immerzu, auch bei Tag, knarrende Geräusche von sich gibt. Das nervt.“

„Ja, ja! Kann man wieder einschrauben“, sagte er wegwerfend. „Beantworte meine Frage!“

„So läuft der Hase hier jedenfalls nicht. Die Schraube ist weg, vermutlich liegt sie in der alternativen Realität herum, in der Leute wie Sie sich aufhalten. Ich verlange die Macht über meinen Schlummer zurück und dulde es nicht, dass Sie sich darin breitmachen, wie Sie grad lustig sind. Hätten Sie sich nicht erschossen, könnten wir ganz normal irgendwo beim Kaffee oder abends beim Bier sitzen. Stattdessen immer diese Quatschveranstaltungen in meinem Kopf.“

„Du ahnst also, was ‚wissen wie der Hase läuft‘ bedeutet. Jeder hat das schon mal erlebt beim Antritt einer neuen Arbeitsstelle etwa, man muss sich zuerst mal orientieren, muss erkennen, wie die Dinge im Sozialgefüge der Kollegen geregelt sind. Man ist ein neues Rädchen in einer Maschine, muss seinen Platz finden und wissen, wie man zu ticken hat, mit wem man sich verzahnt und wer das große Rad dreht, dessen Lauf man nicht behindern darf. Wer sich nicht reibungslos einfügt, wer sich querstellt, wird bald von der Maschine abgestoßen.“

Gegen meinen Willen begann ich mitzudenken. „Ja, der Gedanke hat mich immer schon fasziniert, dass die Struktur des Plans „wie der Hase läuft“ auf diese Weise fortbesteht, letztlich sogar unabhängig von den handelnden Personen. Zwar heißt es ‚Paarung wirkt auf die Partner‘, doch wer neu hinzukommt ist ja zunächst kein ebenbürtiger Partner, hat überhaupt noch keinen sozialen Rang, wenn er nicht gerade eine Führungsposition besetzt. Unter Gleichen oder Ähnlichen muss er sich anpassen und wird fast nichts an der vorgefundenen Struktur ändern können. Demgemäß ist die Struktur mächtiger als alle Beteiligten, und da wir sie nicht wirklich sehen können, existiert sie vielleicht über unseren Köpfen in dieser alternativen Realität, in der Sie, Coster, herumgeistern und wo auch meine Inbusschraube verloren gegangen ist. Eigentlich ein Fall für die Quantenphysik, wenn sie aufhören würde, sich mit Messproblemen zu beschäftigen.“

„So wichtig ist deine Inbusschraube auch nicht“, sagte Coster.

„Nein, ich meinte diese unsichtbaren Sozialstrukturen. Woraus sind sie gemacht? Das könnte die Quantenphysik mal untersuchen, quasi als Hilfswissenschaft der Pataphysik.“

„Egal jetzt!“, unterbrach mich Coster. „Hast du mal darüber nachgedacht, dass es nach dem Ende des 3. Reiches nicht anders war, dass die Strukturen weiterbestanden? Es waren doch fast alle Nazis gewesen. War der Nationalsozialismus etwa wie ein Virus über sie gekommen und war der Zusammenbruch die Katharsis gewesen, nach der alle gesundeten, geheilt wurden und jetzt gegen den Virus immun waren?“

„Schwerte hat das vermutlich von sich geglaubt.“

„Aber der Vergleich hinkt. Nationalsozialismus war keine Viruserkrankung, die vom Immunsystem geheilt wurde. Er wurde von den Alliierten beendet. Äußerlich wurde alles nach und nach wieder gut gemacht, aber die nationalsozialistische Ideologie blieb in den Köpfen, wie ein Parasit, der sich in irgendein Organ des Körpers zurückzieht, dort schlummert und auf günstige Bedingungen wartet. Er ist aber weiterhin wirksam durch die Struktur, die ihn hervorgebracht hat. Wie der Hase zur Zeit des Nationalsozialismus gelaufen ist, läuft er noch heute. Die Traditionspflege reaktionärer Zirkel wie Studentenverbindungen ist letztlich nur die Einweisung des Nachwuchses in Strukturen der Macht. Der Nachwuchs der Eliten soll schon früh wissen, wie der Hase läuft. Die meisten anderen merken erst spät, dass man ihnen diese Informationen vorenthalten und stattdessen Märchen erzählt hat. Da haben die frühzeitig Eingeweihten sie längst links und rechts überholt, haben sie unterlaufen oder sind über ihre Köpfe hinweg gestiegen, haben sie niedergetrampelt und leitende Positionen eingenommen. Wer erst spät merkt, wie die Dinge laufen, schämt sich seiner Naivität, fühlt sich übervorteilt und ist anfällig für den schlummernden Parasiten.“

„Der Parasit ist erwacht“, hörte ich mich noch murmeln und versank.

Fortsetzung – Cupidos Pfeil

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Mein kaputtes Bullerbü

An meine Kindheit und Jugend auf dem Dorf denke ich gern zurück, obwohl mein Vater früh gestorben ist und wir in der Folge arme Leute waren. Das Dorf zeigte sich in der Beschaulichkeit des schwedischen Bullerbü, wie man es aus den Spielfilmen nach Astrid Lindgren kennt. Über das Schreckliche der Nazizeit wurde nicht oder nur ungern gesprochen. Heute denke ich, dass es um Verdrängung eigener Schuld ging, aber dass man uns Nachgeborenen auch davor bewahren wollte zu erfahren, was da Grauenvolles passiert war.

Zu allen Zeiten versuchen Eltern zu kontrollieren und zu filtern, welche Informationen zu den eigenen Kindern durchdringen. Ich wusste, dass ein Onkel mütterlicherseits bei der Waffen-SS gewesen war. Als die US-Armee anrückte, soll er Uniform, Orden und dergleichen im Garten vergraben haben, offenbar tief genug, dass hinfort Kartoffeln und Möhren darüber wachsen konnten. Wie dieser vergrabene Plunder waren auch die Erinnerungen vergraben. Der Onkel war der Lustigste von allen, nach dem Tod meines Vaters immer hilfsbereit und wie fast alle im Dorf glühender CDU-Wähler, wie es vor den Wahlen sogar von der Kanzel empfohlen wurde.

Am Samstagabend vor dem Schützenfest hielt der Bürgermeister jährlich eine Rede am Denkmal. Da wurde der Gefallenen zweier Weltkriege gedacht, doch nie erinnerte er daran, dass im Dorf jüdische Mitbürger gelebt hatten, die man in Konzentrations- und Vernichtungslager abtransportiert hatte. Meine Mutter hörte ich einmal sagen, dass es nicht richtig gewesen wäre, was die Nazis mit den Juden gemacht haben. In meiner Kindheit stand noch die ausgebrannte Ruine der Synagoge mit ihren gruselig finsteren Fensterhöhlen wie ein Mahnmal, aber die Erwachsenen gaben keine Auskunft darüber. Dass es einen Judenfriedhof an der Dorfgrenze gab, erfuhr ich erst in den 1990-er Jahren:

Mein fünf Jahre älterer Bruder erzählte mir von einem Acker, den unser Großvater da beim Judenfriedhof besessen habe. Als Kind habe er den Opa oft dahin begleitet. Ich fragte entgeistert: „Wo ist denn der Judenfriedhof?“ Wir waren mit dem Auto unterwegs, und mein Bruder lenkte es dorthin. Den kleinen Friedhof umschloss eine Mauer. Das schmiedeeiserne Tor war zugeschweißt. Zwischen hohem Gras und Gestrüpp sah ich einige umgestürzte Grabsteine. Ich konnte gar nicht fassen, dass ich nie zuvor etwas von diesem Judenfriedhof gehört hatte. Offenbar hatte über allem einvernehmliches Schweigen gelegen. Ein Eingeständnis der Mitschuld.

Von dieser Mitschuld sollte ich erst kürzlich lesen. Als hätte eine höhere Macht befunden, ich wäre jetzt alt genug, die schreckliche Wahrheit über mein kindliches Bullerbü zu erfahren: Letztens googelte ich nach der Ziegelei im Nachbardorf Anstel und stieß auf einen Zeitungsartikel der Neuß-Grevenbroicher Zeitung vom 28. August 2007. Es geht um die Ermordung eines polnischen Zwangsarbeiters durch die Staatspolizei. Weil er eine Liebesbeziehung zu einem 18-jährigen deutschen Mädchen hatte, wurde er öffentlich erhängt:

(aus Neuß-Grevenbroicher Zeitung – größer bitte klicken)

Ich meinte mich sogar zu erinnern, dass der am Verbrechen beteiligte dicke Dorfpolizist noch Jahre stolz zu Ross beim Schützenzug mitritt. Wenn er es war, kannte er keine Reue. Aber die anderen waren zumindest beschämt. Mein Waffen-SS-Onkel war kein schlechter Mensch, jedenfalls nicht zu der Zeit, als ich ihn kannte. Ich verdanke ihm einiges, meine Schriftsetzerlehre und die Halda-Schreibmaschine. Auch dem Bürgermeister, der kein Wort für die deportierten und ermordeten Mitbürger fand, verdankte ich was. Wenn er erfuhr, dass mein Schwager meine Mutter zu mir nach Aachen fahren werde, lud er ihm einen Sack Kartoffeln in den Kofferraum, damit ich armer Student etwas zu essen hatte. Man befolgte moralische Grundsätze im Dorf, und doch hatte man im 3. Reich himmelschreiende Barbarei zugelassen. Wer sich alles schuldig gemacht hat, weiß ich nicht. Nur von einem Gärtner wurde erzählt, er habe seine polnischen Zwangsarbeiter so brutal geschunden, dass die US-Soldaten ihn mit einer Scheinhinrichtung bestraft hätten. Sie zwangen ihn im Feld, sein eigenes Grab auszuheben. Das wurde in meiner Familie nicht ohne Genugtuung berichtet.

Als Reporterin des Eichmannprozesses hat die Soziologin Hannah Arendt von der „Banalität des Bösen“ geschrieben. Arendt charakterisierte den millionenfachen Mörder Eichmann als normalen Menschen. Es ist das Erschreckende, dass „normale Menschen“ bei einer Pegida-Demonstration „Absaufen! Absaufen!“ rufen, wenn der Redner von Bootflüchtlingen auf dem Mittelmeer spricht. Normale Menschen wählen sich „christlich“ nennende Politiker, die mit einem gnadenlose Zynismus von Schutzsuchenden sprechen, weil sie ihre Macht erhalten wollen. Das Inhumane, das abgrundtief Böse kann so harmlos daherkommen. Normale Menschen können Schreckliches tun. Um mit Matthias Egersdörfer zu sprechen: „Überlegen Sie sich das einmal!“

Theorie und Praxis der Handschrift (2) – Das Konzept der Ausgangsschrift (2.2) Der unheilvolle Einfluss der Graphologie

Grafik: JvdL

Wenn wir uns vergegenwärtigen, dass Schreiben zu lernen im 19. Jahrhundert aus Nachahmung und Drill bestand, zeigt sich das Revolutionäre von Larischs Schriftmethode. Noch 1843 schwärmt der Didaktiker J.H.Schöne von „lebendigen Schreibmaschinen“ und weiter: „Es ist nicht zu erwägen, in welcher Spannung sich die ganze Klasse befinden muß, wenn sie sich in stets gleichmäßigem Fortschreiben befinden soll. Die glückliche Aufführung eines solchen Schreibens bietet einen herrlichen Anblick.“ Schöne meint den Drill nach der amerikanischen „Takt-Schreibmethode “, die ganz auf maschinenmäßige Bewegungsabläufe angelegt war. Solches Schreiben lernt das Kind im „Blick- und Horchkontakt mit dem Lehrer (1,2,1,2)“ (zitiert nach Wuttke; Kind und Schrift) Das impressionistische Glücksgefühl ist da ganz auf der Seite des Lehrers. Wer wollte da nicht Kind gewesen sein?

Von Larischs Denkansatz, die je individuelle Buchstabenform zur Entfaltung zu bringen, aus den Tiefen der menschlichen Psyche zu heben, ist eine hübsche Idee, ganz im Geist des Expressionismus. Sie ist geeignet, eine große Vielfalt der Schriftformen hervorzubringen, quasi eine unerschöpfliche Datenquelle für die Graphologie. Das erkennt auch der Philosoph und Psychologe Ludwig Klages. Er ist dabei, zu seiner Charakterkunde eine grundlegend neue wissenschaftliche Graphologie zu entwickeln. Daher befürwortet er das Konzept einer Ausgangsschrift, deren Entwicklung zur Charakterschrift dem Kind überlassen bleibt. Klages schreibt über bisheriges Schreibenlernen:

“Mit ihrem Ideal blitzsauberer Gestochenheit“ entsprach sie jenem ungewöhnlichen Tiefstande der künstlerischen und handwerklichen Kultur, der das letzte Drittel des vorigen Jahrhunderts kennzeichnete.“

Von der Ausgangsschrift erhofft er sich „den wunderbaren Reichtum lebendiger und gewachsener Buchstabenformen (…).“ Für die Didaktik der Ausgangsschrift schlägt er vor: „persönliche Abweichungen vom Vorbilde werden etwa vom vierten Schuljahre zugelassen, überwacht und gefördert.“ Unter Klages Einfluss wird der Begriff „Schriftvorlage“ durch den der „Ausgangsschrift“ ersetzt. Was von Larisch als Methode der Schrifterfindung durch Kunststudenten gedacht hatte, wird jetzt auf den Erstschriftunterricht übertragen, aber ohne die Unterstützung durch die Lehrkraft zu gewährleisten. Von Grundschullehrerinnen und Grundschullehrern kann die künstlerische Kompetenz nicht einfach erwartet werden, sondern müsste Teil ihres Studiums sein, was bis heute nicht der Fall ist. Im Sinne der Graphologie ist aber gar nicht nötig, die Charakterschrift zu künstlerischen Qualität zu entwickeln. Sie bietet gerade in ihrer Unfertigkeit genug Anhaltspunkte.

Das Konzept der Ausgangsschrift war demgemäß zu Zeiten der Reformpädagogik umstritten, und setzte sich erst unter den Nationalsozialisten durch. So war die 1918 eingeführte Schulschrift Ludwig Sütterlins noch eine reine Vorlage und musste möglichst getreu nachvollzogen werden. Den Nationalsozialisten missfiel Sütterlins Kurrent. Ihr wurde eine künstlerische Formerstarrung vorgeworfen und das Undeutsche, „weil die Rundungen nichts mit dem deutschen Spannungsbedürfnis gemeinsam haben. Das Schwelgen in abgerundeten Formen kann man anderen Nationen überlassen.“(T.Thormeyer; Heraus aus der Schriftverelendung, in Schrift und Schreiben, Heft 4, 1934) Der Kölner Museumsdirektor Gustav Bartel sieht die „Gefährlichkeit“ der Sütterlin darin, „dass auch in ihr jenes rein rationale Denken darauf ausging, die lateinischen und deutschen Schriftformen zu verwischen.“ (ebd.) Zudem glaubte man nicht, dass die Sütterlin als rasche Verkehrsschrift geeignet war. Auch verwehrten ihre starren Formen den graphologischen Blick auf den Menschen.

Mit dem nationalsozialistischen Frakturverbot von 1941 kam auch das Aus für die Sütterlin. Mit der danach eingeführten Deutschen Normalschrift begann das Elend der Ausgangsschriften und der Aufwind der Graphologie. Im Dienste der Nationalsozialisten wächst dem Graphologen erstmals eine unheilvolle Macht über Menschen zu. Auf Ludwig Klages diffuser Lehre aufbauend, isoliert man nicht nur charakterliche, sondern auch rassische Merkmale aus der Handschrift. Die Graphologie wird zum probaten Selektionsinstrument. Der Graphologe wird zum Taxator, der den Daumen hebt oder senkt, der vermeintlich rassisch oder charakterlich Minderwertige aussortiert und sich dabei vor seinen Opfern nicht zu rechtfertigen braucht, da er seine zweifelhafte Kunst, dieses pseudowissenschaftliche Kaffeesatzlesen, im Geheimen ausübt. Von diesen Wurzeln her stinkt die Graphologie noch heute. Sie ist weiterhin ein missbräuchliches Machtmittel von fragwürdiger Natur.

Eine für das graphologische Internetmagazin „Graphologie News“ als Redakteurin tätige Graphologin sandte mir letztens neues Material, um die wissenschaftliche Gültigkeit der Graphologie zu untermauern. Doch das Problem der Graphologie liegt nicht hauptsächlich in der mangelhaften Verlässlichkeit ihrer Aussagen. Graphologen und ihre Auftraggeber treibt der Wunsch, den gläsernen Menschen vor sich zu sehen. Freilich geht es hier undemokratisch und hierarchisch zu, denn wer die Macht hat, andere beschnüffeln zu lassen, wird sich selbst gegen derlei Übergriffe wappnen. Wer die Macht nicht hat, sollte sich trotzdem weigern, die eigene Handschrift in Einstellungsverfahren der Beurteilung durch Graphologen preiszugeben. Und Graphologen, die sich bedenkenlos zu Bütteln von Personalchefs und anderen Schnüfflern machen, sind ein rechtes Übel und sollten keinesfalls bewundert werden ob ihrer „Fähigkeiten“, wie das in populären Zeitungsartikeln oft geschieht, sondern müssen verachtet werden. Diese Leute dienen jedem Herrn, und ihr Tun führt pfeilgerade zum Tracking-Armband, das Amazon seinen Mitarbeitern umschnallen will und das jede ihrer Handbewegungen aufzeichnet, sogar vibriert, wenn etwa ein Paket falsch einsortiert wird.

Ich werde zornig über das unbedarfte Geschwafel, wenn ich in Zeitschriften oder Zeitungen Überschriften lese wie „Graphologie, die faszinierende Welt der Handschrift“ oder „Was Ihre Handschrift über Sie verrät.“ Der Unsinn nimmt kein Ende wie hier auf NDR.de.

„Die Handschrift stirbt aus! In ein paar Jahren wird niemand mehr mit der Hand schreiben“, warnt der Vize-Chef des Deutschen Literatur-Archivs in einem großen Interview. Das wäre aber wirklich schade, schließlich sagt Handschrift soviel über uns aus“,

schreibt die NDR-Autorin. Derlei hilflose Berichte von komplett ahnungslosen Schreiberlingen beschleunigen den Prozess nur. Zur Frage, warum wir etwas gegen das Aussterben der Handschrift unternehmen sollen, fällt ihr nur eines ein: Weil die Handschrift „soviel über uns“ aussage, gefolgt vom Auftritt der Graphologin. Holla! Das motiviert in Zeiten der enthemmten Datensammelei. Sofort werden wir mit unserer Handschrift an die Öffentlichkeit gehen, damit sie über uns aussagt, was wir selbst noch nicht wussten, was aber die Dame Graphologin auszuplaudern weiß. Welch ein Dreck! Als würde man ein Kind vor dem achtlosen Überqueren der Straße warnen und es anschließend unter ein Auto schubsen.

Bei solch dummen Publikationen wundere ich mich gar nicht, dass die Leute sich zunehmend scheuen, ihre Handschrift in die Öffentlichkeit gelangen zu lassen. Man frage sich einmal selbst, wann man zuletzt einen handschriftlichen Text veröffentlicht hat außerhalb dieses Seminars. Manche finden ihre Handschrift aber auch zu hässlich oder können sie nicht mehr lesen, wenn sie etwas notiert haben. Schuld ist hier tatsächlich die Schule, weil nach der Vermittlung der Erstschrift die Schüler mit den Problemen ihrer Handschrift allein gelassen werden, ein weiterführender Unterricht in Handschrift nicht stattfindet. Darum also:

Weg vom nationalsozialistischen Erbe der Ausgangsschrift, zurück zum Erlernen und Weiterentwickeln schöner Formen! Nur so kann die Handschrift auf Dauer überleben.

Die Fraktur und die Kritiker der sächsischen Polizei

Viele Leute haben sich aufgeregt über ein Logo, das die sächsische Polizei auf den Kopfstützen ihres neuen Panzerfahrzeugs hat aufbringen lassen. Man sieht in der im Schriftzug verwendeten Frakturschrift Ähnlichkeit zur Symbolik des Nationalsozialismus. Es ist wohl tatsächlich so, dass unbedarfte Neonazis und ein Gutteil der Aufreger die Fraktur fälschlich mit dem Nationalsozialismus in Verbindung bringen, ungeachtet der historischen Tatsache, dass just diese Nationalsozialisten die Fraktur 1941 per Erlass verboten und als „Schwabacher Judenletter“ verunglimpft haben.

Die im Barock als Gebetbuchschrift entstandene Fraktur galt allerdings über Jahrhunderte als deutsche Schrift. Auch wurde in den Anfängen der Nazizeit das Eckige der Fraktur, mehr noch ihrer Vorform, der gotischen Textura, mit dem deutschen Nationalcharakter gleichgesetzt. Diese Deutschtümler werden nicht schlecht gestaunt haben, als der von Martin Bormann gezeichnete Erlass am 3.1.1941 ein Verbot der Schrift brachte. Einige Fakten über die Fraktur finden sich im verlinkten Teestübchenbeitrag und ausführlicher in der Teestübchen-Publikation „Buchkultur im Abendrot.“

Verbot der Fraktur (größer: Bitte klicken)

Auf Kosten der Steuerzahler wird der beanstandete Schriftzug nun von den Kopfstützen entfernt werden. Der eigentliche Skandal aber besteht weiter. Warum muss unsere Polizei paramilitärisch aufrüsten? Es ist doch gleichgültig gegen welche Kopfstützen die behelmten Polizistenschädel schlagen, wenn sie mit ihren, von Tagesschau.de vornehm „Polizeieinsatzfahrzeug“ genannten Panzern über hingefallene Demonstranten rollen. Möglicherweise entzündet sich die Kritik am leisen Unbehagen, dass die sächsische Polizei sich für ihr Sondereinsatzkommando (SEK) Panzerwagen vom Rüstungskonzern Rheinmetall bestellt hat. Aber dann muss man diese Tatsache hinterfragen und nicht ein postfaktisches Spiegelgefecht vom Zaun brechen. Was haben Panzer im Inneren zu suchen? Welche Überlegungen stecken dahinter? Rüstet man auf für bürgerkriegsartige Zustände?

Vorsicht Graphologen!

An einem Frühlings Abende von 1794 sah ein Mann durch das Fenster seines Gartenhauses eine junge Dame, die zum Besuch da war, beschäftigt, mit einer Schere seinen Namen, den er mit Kresse gesäet hatte, für ein Butterbrot abzuschneiden, das auf dem Teller neben ihr auf der Erde stund. Was machen Sie da, rief er, indem er das Fenster aufriß: Schneiden Sie mir meinen guten Namen nicht ab, das will ich mir verbitten. Das Frauenzimmer, ohne sich im mindesten in ihrer Arbeit stören zu lassen, antwortete vortrefflich: Ihrer Ehre thut es keinen Schaden, und für mich ist es ein kleiner Gewinn.

Der Mann, der seinen Namen mit Kresse gesät hatte, war Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799). Wie mag der Schriftzug aus Kresseblättchen wohl ausgesehen haben? Lichtenberg schrieb Kurrent, die handschriftliche Variante der Fraktur. Er selbst sagt: „Wir glauben öfters, daß wir zu verschiedenen Zeiten verschiedene Hände schrieben, während als sie einem Dritten immer einerlei erscheinen.“

Man muss noch einen Schritt weiter gehen: Die Handschrift bleibt immer charakteristisch und unverkennbar, gleich welches Schreibgerät man benutzt, gleich welche Größe der Schriftzug hat, ob feinmotorisch klein oder Ergebnis einer weit ausladenden Körpergeste des Sämanns. Eckard Henscheid, Lichtenbergs geistiger Urenkel, springt eines Morgens aus dem Bett und notiert unbeschwert in sein Tagebuch:

Dass man jeden Morgen, wenn’s wieder losgeht, noch immer dieselbe Handschrift hat, obwohl im Kopf doch nichts mehr stimmt: Charmantcharmant

Es war da wohl kein Graphologe in der Nähe. Die Konstanz der persönlichen Handschrift ist der Hebel der Graphologie. Ihr Begründer ist Ludwig Klages, der sie 1916 mit seinem Buch: “Handschrift und Charakter” erstmals wissenschaftlich fundierte. Indem die Natur selbst ein “rhythmischer Sachverhalt” sei, so müssten sämtliche Bewegungen des Menschen umso rhythmischer verlaufen, je mehr er sich im “Naturzustande” befinde. Rhythmusstörungen wären demnach von psychischen Zuständen verursacht und an der Handschrift abzulesen. Klages und seine Anhänger profitieren von der Umorientierung in der Schreibdidaktik, weg von der Duktusschrift mit ihren strengen Formvorgaben, hin zur Ausdrucksschrift. In der persönlichen Ausdrucksschrift zeigen sich die charakterlichen Prägungen deutlicher als im Duktus der Vergangenheit, so dass sich dem Graphologen neue Anhaltspunkte bieten.

Den rechten Aufwind bekommt die Graphologie im Nationalsozialismus. Auf Klages diffuser Lehre aufbauend, isoliert man nicht nur charakterliche, sondern auch rassische Merkmale aus der Handschrift. Die Graphologie wird zum probaten Selektionsinstrument. Im Dienste der Nationalsozialisten wächst dem Graphologen erstmals eine unheilvolle Macht über Menschen zu. Er wird zum Taxator, der den Daumen hebt oder senkt, der vermeintlich rassisch oder charakterlich Minderwertige aussortiert und sich dabei vor seinen Opfern nicht zu rechtfertigen braucht, da er seine zweifelhafte Kunst, dieses pseudowissenschaftliche Kaffeesatzlesen, im Geheimen ausübt. Von diesen Wurzeln her stinkt die Graphologie noch heute. Sie ist weiterhin ein missbräuchliches Machtmittel von fragwürdiger Natur.

Lichtenberg konnte sich noch getrost über die Charakterlehre und Handschriftendeutung seines Zeitgenossen Johann Caspar Lavater (1741-1801) erheitern, heute ist die Handschrift und somit die Persönlichkeit des Schreibers kaum vor dem Zugriff des Graphologen und dessen Auftraggeber zu schützen. Wenn Arbeitgeber sich bei der Einschätzung von Bewerbern auf fragwürdige Methoden wie die Graphologie stützen wollen, kann ihnen das keiner verwehren. Aber als Bewerber sollte man sich derlei dubiose Charakterschnüffelei verbitten, zumindest skeptisch werden und sich fragen, ob man sich diesem Arbeitgeber ausliefern will.

Ludwig Klages setzt voraus, dass es einen ruhig dahin fließenden Naturzustand des Menschen gibt. Er ist dann höchstens ein schwer zu erreichendes Ideal. Ob man gestresst ist oder ruhig, sieht jeder an seiner Handschrift, wenn es auch den anderen nicht auffällt, wie Lichtenberg sagt. Du kennst dich besser. Es gab eine Zeit, in der ich viel kalligrafiert habe. Damals war ich innerlich ruhig. Denn die Kalligraphie bringt Sammlung, es ist wie Meditation. Man tut etwas Schönes mit der Hand. Der Geist wandert, und das Herz erfreut sich an den Formen der Buchstaben. Sehr zu empfehlen.

Kalligraphie: JvdL, Schrift nach The Troy Type von William Morris


Des Rätsels Lösung?