Die polnische Gans, ein Geburtstag und Diverses

Über mein vom Kontext verfälschtes Urteil musste ich gestern schmunzeln. „Möchten Sie einen Kalender?“, fragte mich der Apotheker, und ich sagte ja. „Sie können wählen. Möchten Sie Pflanzen oder Rezepte?“ Rezepte? Wer will denn einen Rezeptkalender?, dachte ich und hatte just ein solches Rezept für Jodsalbe vor Augen, wie ich gerade über die Ladentheke gereicht hatte. Erst zu Hause fiel mir ein, dass ich einen Kalender mit Kochrezepten verschmäht hatte. Naja, es wären vermutlich Fleischgerichte gewesen oder welche mit Gänseschmalz.

„Gänseschmalz, wo haben Sie Gänseschmalz!“, fragte ein großformatiger Mann im Supermarkt. Und man hörte förmlich, wie ihm beim Wort das Wasser im Mund zusammenlief. Ich konnte nicht umhin zu denken: „Du großer unbedarfter Esel!“, was natürlich ungerecht war, denn Gänsebraten gehört für viele zum Weihnachtsfest, und es muss erlaubt sein, am Fest der Liebe sich so richtig unreflektiert an Blut und Schmalz der Tiere zu berauschen. Was muss die dumme polnische Gans auch so lecker schmecken.

Herr Putzig hatte gestern Geburtstag und alle waren da, auch der Mann, der demnächst am Lindener Markt sein Beerdigungsinstitut eröffnen wird, in dem er, wie er sagte, Kunst zeigen will, um das Tabuisierte um Tod und Sterben aufzubrechen und ins Leben zu holen. Das hat mich schwer beeindruckt. Ich finde, dass dem Lindener Markt ein Beerdigungsinstitut fehlt. Er wird in Folge reicher und lebendiger sein. Und der Mann, der mich vor Jahren „Alterspräsident“ getauft hat, der war auch da, kam aus Dänemark angereist, wo er eine Professur ergattert hat, saß nachher sogar in meinem Stuhl, den Filipe d’Accord für mich organisiert hatte, und den ich wegen seiner Armlehnen den „Präsidentenstuhl“ getauft hatte. Konrad Fischer war beauftragt, ihn zu verteidigen, als ich mit Filipe zum Schreiben der Geburtstagskarte in die Küche gegangen bin, also Filipe hat getextet und geschrieben und ich habe die Verantwortung getragen. Filipe kann sowas stehend freihändig, ich nicht. Außerdem schreiben Präsidenten nicht, sie lassen schreiben. Als wir zurückkamen, hob Konrad Fischer nur bedauernd die Hände, aber es war auch ein unverschämtes Ansinnen von mir gewesen, ihn einen leeren Stuhl verteidigen zu lassen, angesichts der drangvollen Enge im Raum und immer noch neu eintreffender Gäste, zumal Konrad gerade erst die schlechteste Zeit „ever“ mit Examensstress erfolgreich hinter sich gelassen hat. Wir sind jetzt Berufskollegen, wobei ich meine Arbeit hinter mir, er sie noch vor sich hat.

Später redete ich mit einem weiteren Berufskollegen, der zeitlich befristet an einer deutschen Schule in Stockholm unterrichtet. Filipe hatte mich ermuntert, mit dem zu reden. Der Stockholmer sagte, er sei auf einer meiner Lesungen gewesen, aber sonst blieb das Gespräch einseitig, also er ließ sich befragen über seine Arbeit in Stockholm, fragte aber nichts zurück, so dass unser Gespräch irgendwann verebbte. In seiner Selbstbezogenheit konnte er auch nicht wissen, dass ich mich zur Geduld mahnen musste, weil ich aus den bundesweiten Zeitungsprojekten Fachkollegen Deutsch seiner Sorte zu Genüge kenne, und zwar die Republik rauf und runter. Dabei gab es durchaus Unterschiede zwischen Deutschlehrern, die ein Projekt mit der damals noch stolzen Frankfurter Rundschau machten und denen mit der FAZ. Alle waren Primus in ihrem Fach, aber FAZ-Lehrer waren durch die Bank Korinthenkacker, solche, die am Morgen nach einem gemütlichen Abend auf die Frage, ob’s amüsant gewesen war, quer durch den Frühstücksraum des Hotels rufen: „Oja, wir haben uns noch über Stiller unterhalten!“ Urgs! Ich brach auf gegen 2 Uhr, als immer noch neue Gäste eintrafen; und bummelte mit Konrad Fischer durch die ruhige Nacht nach Hause.

Der Weihnachtsbaumverkäufer auf dem Parkplatz vor Real liegt mit den Unterarmen auf seinem Stehpult und wischt gelangweilt über den Bildschirm seines Smartphones. Klar, auch arme Weihnachtsbaumverkäufer haben irgendwelche Sozialkontakte, gestiftet durch die Smartphonetechnologie. Ich ertappe mich dabei, mir den Namen seiner Facebookgruppe auszudenken. Seine heißt WswWdfaSadiPiAGsddgEzWsGksesd (Was sind wir Weihnachtsbaumverkäufer doch für arme Socken, aber die in Polen im Akkord Gänse schlachten, damit der große Esel zu Weihnachten sein Gänseschmalz kriegt, sind echt schlimmer dran.)

Guten Abend

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Weh! Unser gutes Vogelfrei hat zu!

Unsere Stammkneipe, das Vogelfrei, ist seit Wochen geschlossen. Zuerst hing ein Urlaubsschild da, dann wurde der Termin der Wiedereröffnung hinausgeschoben, und jetzt hört man, dass ein anderer Pächter das Vogelfrei übernehmen wolle. Derzeit trifft sich das Hannover Cünstler Kollektiv ( HaCK ) notgedrungen im Glüxkind, das leider auch schon nicht mehr so heißt, sondern Leinau 3. Über fünf Jahre haben wir uns im Vogelfrei getroffen, waren vertraut mit den Wirten, besonders mit der liebenswürdigen Janine, die unsere Präferenzen kannte und mir immer ein Bier zu wenig berechnet hat.
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Zerschellte Gläser, ein Sack Reis und Spurweite H0

Wir trafen uns letzte Woche Mittwoch zu einer fröhlichen Kneipenrunde im Glückskind, das neuerdings gar nicht mehr so heißt. Ich habe den Namen gelesen, weigere mich aber, ihn zu nennen, denn dass sich immer alles ändern muss, geht mir auf die Nerven. Glücklicher Weise ist wenigstens die Inneneinrichtung geblieben, sonst hätte ich gar nicht gewusst, dass ich in der richtigen Kneipe war. Herr Leisetöne kam auch bald. Er hatte einen Tisch reserviert. Der Kellner schob für uns vier zwei kleine Tische zusammen, wobei hier nur zufällig vier und zwei (42) hintereinander  stehen. Weiterlesen

Wie schön, dass du geboren bist …

Aus Gründen habe ich in Hannover einen jungen Freundeskreis. Filipe d’Accord, Konrad Fischer, hier bekannt als Herr Leisetöne, und Herr Putzig, die Mitglieder des HaCK (Hannover Cünstler Kollectiv) könnten theoretisch meine Söhne sein. Auf einer Geburtstagsfete von Herrn Putzig wurde ich schon mal begrüßt als der „Alterspräsident.“ Just auf Geburtstagen in diesen Kreisen habe ich mich schon mehrmals erschreckt, wenn plötzlich ein Lied angestimmt wurde, das alle kannten, nur ich nicht: „Wie schön, dass du geboren bist …“

Sich fremd in der eigenen Kultur zu fühlen, ist eine seltsam schräge Erfahrung. Zufällig habe ich herausgefunden, wem ich das verdanke, einem Mann, der heute 70 Jahre alt wird. Die Süddeutsche Zeitung widmet ihm zum Geburtstag die Glosse auf Seite 1, das Streiflicht. Darin werden Kinderlieder als schlimmster Alptraum aller Eltern dargestellt, und der Urheber dieses Generationen andauernden Alptraums ist Rolf Zuckowski. Als ich gestern am Telefon mit meinem mittleren Sohn über Zuckowski sprach, stimmte er spontan einen der zuckowskischen Ohrwürmer an, bestätigte aber, dass „Wie schön, dass du geboren bist …“ bis uns nicht gesungen wurde. Da bekam ich glatt ein schlechtes Gewissen.
„Danke Rolf Zuckowski!“

Ach, die unbedachten Worte

kategorie surrealer-AlltagAuf der obersten Etage wohnt eine dunkelhaarige Schönheit. Sie trägt seit kurzem eine Brille. Ich glaube, es ist eine mit Fensterglas. Einmal, schon was länger her, kam ich spätabends zurück aus dem Vogelfrei, wo ich mit den Herren Leisetöne, Putzig und D’accord beim Bier gesessen und palavert hatte. Gerade wollte ich die Haustür aufschließen, als zwei junge Frauen herantraten und vertraut grüßten. Ich sagte erstaunt: „Ach, Hallo, Sie wollen auch ins Haus? Ich hatte Sie leider nicht sofort erkannt.“ „Ja“, sagte die eine, „man kennt sich ja gar nicht hier im Haus.“ Darauf antwortete ich, was mir augenblicklich Leid tat: „Doch Sie kenne ich. Sie kommen immer wie ein Gewitter die Treppe runter.“

Es hatte wie Kritik geklungen, war mir klar. Doch tatsächlich habe ich mich immer gefreut, ihre geschwinden Schritte auf den Treppen zu hören, die auf den Holzstufen wie ein anschwellender Trommelwirbel klangen und mich, der ich in derlei Rhythmik verliebt bin, für sie eingenommen hatten. Ich liebe das rasche Trapptrapptrapp, dieses Ungestüme junger Weiber, denn es gehören Bewegungsgeschick und ein flinker Geist zu derart raschen Schritten. Als junger Mann war ich auch schnell treppab, aber es war mehr ein geländergestütztes Überspringen von mehreren Stufen, nicht diese rasche Abfolge von links, rechts schöner Füße.

Leider hat sie sich meine unbedachte Bemerkung zu Herzen genommen und hinfort ihre Schritte gezähmt, und ich fürchte, sie hat ihr ganzes Wesen dazu zähmen müssen. Das habe ich nicht gewollt. Ich will nicht Schuld sein an einem Geschäft, das Angelegenheit des Lebens und der Zeit ist. Dieses Pärchen besorgt ihr das langsame Treppab früh genug und braucht meine Hilfe nicht. Wie gern würde ich meine unbedachten Worte zurückholen.

Stattdessen die passenden Rhythmen:
White Rabbits
Percussion Gun

Mit dem Eszett am Biertisch

Gestern mit Herrn Putzig und Herrn Leisetöne in unserer Stammkneipe Vogelfrei, wo wir uns einmal in der Woche treffen. Wir kamen auf das Eszett zu sprechen, denn ich sagte, dass mich die Aufschrift auf einem T-Shirt irritiert, das die Angestellten bei Lidl manchmal tragen: „Frische wird bei uns GROSS geschrieben.“

Die Idee dahinter verstehe ich schon. Das Adjektiv groß mit Großbuchstaben zu schreiben ist eine Form der Mehrfachkodierung als würde man das Farbadjektiv grün mit grüner Farbe schreiben. Weil das Eszett aber ein Kleinbuchstabe ist, behilft man sich mit einem Doppel-s. Das ist kein Orthographiefehler, aber ein Verstoß gegen die Lauttreue, denn nach einem langen Vokal schreiben wir seit der Orthographiereform nicht Doppel-s, sondern ß. Jetzt lese ich die Schreibweise GROSS mit kurzem Vokal wie KROSS.

Warum gibt es eigentlich kein großes Eszett? In jungen Jahren ist das Eszett ein Doppel-s gewesen. In der damals verwendeten Frakturschrift, aber auch in der Antiqua, gibt es zwei verschiedene Formen des kleinen S ein langes S (es sieht fast wie ein kleines F aus) und ein rundes. Man hatte das aus eugraphischen Gründen, weil es schöner aussah. Trafen nun zwei s an der Silbengrenze zusammen, dann nahm man das lange s für den Schluss der ersten Silbe, das runde für den Beginn der zweiten. Heraus kam die Ligatur ß, auch scharfes S oder Rucksack-S genannt.

Ligaturen sind zwei Buchstaben, die in der Bleizeit zusammen auf einen Kegel gegossen waren, weil sie in der Orthographie häufig zusammen auftreten. Ligaturen wie ß, ch oder ck erleichterten das Setzen mit der Hand, sie sparen einen Griff ein.

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