Restalkoholische Erkenntnis dank diverser Kommentare

Herzlichen Dank für Denkanstöße: Mein Wiener Kollege Noemix brachte mich mit seinem Kommentar dazu, das Wort Majordomus nachzuschlagen. Das lateinische Wort bedeutet: Vorsteher des Hauses. Um den Zusammenhang mit Hausmeister zu prüfen, tippte ich fälschlich „Hausmeier“ ein und wurde trotzdem fündig, was mich erst auf den zweiten Blick wunderte, denn ich bin nicht nur ein Vertippdepp, sondern lebe gut damit. Bei Wikipedia gibt es also tatsächlich einen Eintrag „Hausmeier.“ Demnach ist Hausmeier ein Begriff des Frühmittelalters. Auch das Deutsche Wörterbuch weiß:

    „meier, m; (…) altes lehnwort aus dem lat. major, welches die mittellateinische urkundensprache des fränkischen und später des karolingischen reiches auf den vorsteher oder obersten beamten eines landwirtschaftlichen hofhalts bezieht.“

Offenbar hatte der Hausmeier an fränkischen Fürstenhöfen immense Macht. Zwar findet sich kein direkter Beleg dafür, dass „Meier“ zu „Meister“ geworden ist. Aber es könnte eine volksetymologische Anpassung vorliegen. Falls nicht, nehme ich sie jetzt vor. Dann ließe sich vermuten, dass die allgemein zu verzeichnende Macht heutiger Hausmeister, auf die Blogfreund Lo in seinem Kommentar verweist, zurückgeht auf den Rang des fränkischen Hausmeiers. Der Hausmeister wäre demnach der heruntergekommene Nachfahre adeliger Hausmeiers. Seine heutige Macht wurzelt in tiefer Vergangenheit. Sie pflanzt sich fort über eine lange imaginäre Ahnenreihe. Jeder heutige Hausmeister spürt, dass er auf den Schultern machtvoller Ahnen steht, auf einem Menschenturm, der zwar in seinen oberen Bereichen schwankt und wankelt, aber um so fester steht, je tiefer er in die Vergangenheit zurückgeht.

Auf die Idee eines Inneren Hausmeisters brachte mich Blogfreundin socopuk mit ihrem Kommentar. Es begab sich nämlich gestern folgendes: Im wiedereröffneten Leinau3 trafen sich wir Leute von HaCK. Nachdem wir wochenlang quasi heimatlos herumgeirrt waren, in hippen Lokalen überteuertes Bier tranken, in verräucherten Kaschemmen vulgo Eckkneipen abhängen mussten, so dass ich Nichtraucher tags drauf immer einen Rauchkater hatte, konnten wir gestern wieder an unseren vertrauten Plätzen sitzen. Die Wirtin neigte sich mir zu und bot mir die Wange zum Begrüßungskuss, Kellnerin Julia und Kolleginnen brachte uns den ein- oder anderen Elferkranz Kölsch, alles war bestens, und ich hätte spät zufrieden nach Hause gehen können, hatte schon den Fuß auf dem rechten Weg, als die anderen noch zu Herrn Putzig zogen.

Man hat mich überredet, auf einen Absacker mitzukommen. Ich ging mit und sagte später: „Der ich morgen sein werde, hadert schon mit meinem heutigen Ich.“ Diese Idee habe ich schon mal verfolgt, in Mein Heute-Ich und das Morgen-Ich sind sich nicht grün. Was das Heute-Ich anrichtet, muss das Morgen-Ich ausbaden. Wie viel klarer wird das Bild, durch die Metapher des Inneren Hausmei[st]ers. Der eigene Körper und Geist als fürstlicher Hof, worin der Hausmeier seine Macht ausübt, quasi in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Herrlich!

Mein Innerer Hausmeister dankt für seine treffende Benamung und ruft mich zum Frühstück.

Werbeanzeigen

Herrje! – Warum Gus Backus sterben musste

Früher konnte ich nur Regen machen. Ich habe mein Auto gewaschen, und wenn ich fertig war, setzte zuverlässig ergiebiger Landregen ein. Und jetzt ist Gus Backus gestorben. Das kam quasi so: Vor einer Woche saßen wir Leute vom HaCK und assozierte Freunde gesellig bei Herrn Putzig, weil unser Stammlokal, das Leinau3, noch immer geschlossen hatte, und über Putzigs Rechner lief die Playlist eines Streamingdienstes. Schon eine Weile gefiel mir die Musik nicht. Ich sagte: „Spiel doch mal was für meinen Musikgeschmack!“
„Was denn?“, fragte Herr Putzig keck, „Gus Backus?“

Gestern nun kramte ich im Keller meiner Textdateien. Und fand einen Text, den ich am 25.Januar 2010 um 19:29 Uhr abgespeichert hatte, und zwar über die Sauerkrautpolka von Gus Backus. Ich recherchierte im Internet, ob es einen aktuellen Anlass gäbe, den nochmals zu veröffentlichen. Sein Geburtsdatum war es nicht, ein Sterbedatum gab es noch nicht. Es wurde erst am Abend, wie gruselig, in der Tagesschau vermeldet. Ich hoffe, Gus Backus hat den Löffel nicht abgeben müssen, weil ich nach einem Anknüpfungspunkt für einen alten Text über Sauerkraut gesucht habe. Vermutlich handelt es sich nur um einen Fall von Synchronizität.

    „Als Synchronizität bezeichnete der Psychologe Carl Gustav Jung zeitlich korrelierende Ereignisse, die nicht über eine Kausalbeziehung verknüpft sind, jedoch als miteinander verbunden, aufeinander bezogen wahrgenommen und gedeutet werden.“ Wikipedia

Im 2. Weltkrieg nannten Engländer und Amerikaner die Deutschen verächtlich „Krauts“. Vielleicht hatten die Alliierten viele Deutsche beim Sauerkraut-einlegen, -stampfen, und -essen erwischt und die moderne Sage in die Welt gesetzt, der Deutsche ernähre sich überwiegend von Sauerkraut. Folgerichtig versuchte sich der ehemalige GI Gus Backus im Jahr 1961 bei den Deutschen mit der Sauerkrautpolka einzuschmeicheln. Zu spät. Die Westdeutschen waren längst ab vom Sauerkraut der Notzeiten, erlebten gerade das Wirtschaftswunder und aßen plötzlich Sachen, deren Namen sie nicht mal aussprechen konnten.

Gus Backus sang ersatzweise „Bohnen in die Ohren.“ Er gehörte nämlich zur Riege der amerikanischen Soldaten, die im Deutschland der Nachkriegszeit die singenden Clowns machen mussten, weil diese sogenannten Sonnyboys nicht wie Besatzung mehr wirken, sondern Botschafter der US-Kultur sein sollten. Elvis war so einer, als er auf Deutsch: „Muss i denn zum Städtele hinaus“ sang. Der Jazz- und Schlagersänger Bill Ramsey, ebenfalls als GI nach Deutschland gekommen, gab den krächzenden Spaßvogel (Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett). Alle sangen aus heutiger Sicht himmelschreienden Blödsinn, was gewiss die beste Weise war, amerikanische Lebensart in den deutschen Alltag zu transportieren. Ich war noch ein Kind, als das geschah, bin quasi mit Bohnen in die Ohren sozialisiert worden. Oder eben mit der Sauerkraut Polka. Ich bitte das bei der Beurteilung meiner Person und meiner Texte als mildernden Umstand zu berücksichtigen.


Ich esse gerne Sauerkraut und tanze gerne Polka,
und meine Braut heißt Edeltraut, die denkt genau wie ich.
Sie kocht am besten Sauerkraut und tanzt am besten Polka,
deshalb ist auch die Edeltraut die beste Braut für mich.

Ich sing die Sauerkraut-Polka, Sauerkraut-Polka Tag und Nacht.
Schön ist die Sauerkraut-Polka, weil ja sauer lustig macht.
ich sing die Sauerkraut-Polka und sage laut:
Ich bin nur für Sauerkraut und meine Braut gebaut!

1973 kehrte Backus in die USA zurück, galt in Deutschland zeitweise als verschollen und wurde sogar totgesagt. Gestern starb Donald Edgar (Gus) Backus wirklich im Alter von 81 Jahren in Germering nahe München.

Der menschliche Stuhl – Die Lesung der Wirtin – oder Die Ortlosigkeit der Katze

„Ich dachte bislang, ich beschäftige mich mit seltsamen Themen, aber das…“, meint Soziologe Dr. Stefan Erd, der seit einiger Zeit assoziiertes Mitglied unserer HaCK-Treffen ist. „das …“, meint eine Frage, die mich immer wieder neu beschäftigt. Quantenphysiker Filipe d’Accord fehlt an diesem Abend, so dass ich das Thema anschneiden kann, obwohl er mir schon beschieden hatte, dass an meiner Idee, durch bloßes Herumsitzen Energie zu erzeugen, nichts dran ist. Ich versuche es anders: Filipe hat gesagt, es müsse Arbeit verrichtet werden, um Energie zu erzeugen. Wenn ich mich beispielsweise auf meinen Drehstuhl setzte und seine Öldruckfeder gibt nach, dann könnte in diesem Augenblick Energie gewonnen werden. Wenn ich einmal sitze, wird keine Arbeit mehr verrichtet (typisch für mich, hehe!) Doch weil ich denke, dass bei jeder bahnbrechenden Idee einem zunächst die Fachleute erklären, dass und warum sie nicht funktionieren kann, versuche ich es zuerst mit einer nicht ganz sauberen Argumentation beziehungsweise einem unsauberen Beispiel, was nicht sexuell gemeint ist: „Wenn du, Doktor Erd, ein menschlicher Stuhl wärst, und ich würde mich auf deine Oberschenkel setzen, müsstest Du doch Arbeit verrichten oder nicht?
Weiterlesen

Forschungsreise zu den Franken (2) – Lauter Köpfe

Nebenan hat sich hingeflätzt ein junger Mann, Marke „Von-keinerlei-Selbstzweifeln-angefächelt“, hält ein Smartphone in der Hand und horcht es mit Ohrhörern aus. Als plötzlich das heimtückische Gerät auf Raumton schaltet, ertönt ein unfassbarer akustischer Müll, ein Jingle, aus dessen Klangmatsch das Wort „Aldi“ erschallt. Derweil er seelenruhig nach der Funktion sucht, den Quark wieder auf die Ohrstöpsel zu schalten, bin ich erschüttert, womit sich manche zudröhnen lassen. Zwischen den Ohren sitzt doch das beste, das man hat, und er gibt es leichtfertig einem Discounter preis.

Falls jemand jetzt wegen meines Avatarbilds denkt: „Selber!“ Von wegen! Es ist etwas anderes. Mich erheitert nach wie vor die ungewollte Komik von „Aldi informiert“, und da ich meine Worte mehr als preiswert abgebe, passt es auch, ohne dass ich mir Inhalte der schäbigen Discounterwelt zueigen mache oder mit ihnen liebäugle. Im Inter-City-Express (ICE) heißt der Schaffner übrigens „Zugbegleiter. Ich zitiere aus dem Wikipedia-Artikel wegen seiner einmaligen Schönheit:

Außerhalb des Nahverkehrs werden als „Schaffner“ die Zugbegleiter und Kundenbetreuer bezeichnet, die dem Zugführer (auch Oberschaffner genannt) unterstellten Mitglieder des Zugbegleitpersonals. Das Zugbegleitpersonal besteht somit aus dem Zugführer und den Schaffnern. Wegen seiner Aufgaben im Servicebereich wird der Zugschaffner in den Fernverkehrszügen der Deutschen Bahn AG Zugbetreuer genannt. Diese teilen sich wiederum in der Bezeichnung Erster Betreuer und Betreuer auf. Der Erste Betreuer verfügt über den gleichen Ausbildungsstand und die gleichen Berechtigungen wie ein Zugchef (Zugführer) und ist in den ICE-Zügen federführend für die Kunden der 1. Klasse verantwortlich, dort stellt er neben der Fahrausweiskontrolle auch alle Serviceaufgaben sicher(…).

Durch die Gänge der 2. Klasse pendelt folglich der Unterbetreuer. Er trägt den Kopf bis weit über die Ohren  rasiert, oben aber einen ondulierten Haarkamm wie ein Wiedehopf. Mit schnarrender Stimme spult er stets denselben Satz ab, und das, ganz Vogel in der Balz, im Sekundentakt. Die Ornitologen nennen den Balzruf des Wiedehopfs „Ülen“ oder „Wülen.“ Ob er aber mit „Hier noch zugestiegene Fahrgäste, die Fahrkarten bitte?“ ein Wiedehopf-Weibchen beeindrucken kann? Er müsste mehr Ülen, fürchte ich. Wülen wäre auch nicht schlecht.

Ein Gesicht verfolgt mich, ein rundes, gutes Spießergesicht. Ich werde es im Nürnberger Hotelzimmer finden, und auch in der Bahnhofbuchhandlung schaut es mich von einem Buchdeckel an. Im Hotelzimmer, wo ich mich zu akklimatisieren versuche, liegt die Bahnzeitschrift „mobil“ auf dem Tisch. Da endlich lese ich, wer so neckisch den Zeigefinger vor die Lippen legt und im ICE in jeder Sitzrückenlehne im Netz gesteckt hat. Ich habe diesen Mann schon nicht erkannt, als er letztens in Hannover einen Discounter-Möbelmarkt eröffnet hat und vom Möbelprospekt martialisch mit dem Finger auf den Betrachter zeigte. Erst mein junger Freund, Herr Putzig, musste mir sagen: „Das ist Hape Kerkeling.“ Herr Putzig ist als Soziologe stets bestens informiert, auch über die Niederungen der Baumarkt- und Möbelhaus-Eröffnungskultur. Hape Kerkeling hätte ich nicht wiedererkannt. Aber jetzt schreibt Bahnmobil auf dem Titelblatt: „Vier Jahre nach seinem TV-Rücktritt spricht Hape Kerkeling …“ Also am „Rücktritt“ lag es. Ich hatte gedacht, den Kerkeling hätte die von Titanic ausgerufene „Spaßvogelgrippe“ dahingerafft. Von welchem Amt ist der Mann denn zurückgetreten? Als Möbelhausminister? Wenn das mal nicht der betagte Stilpapst Wolf Schneider zu lesen bekommt. Von der journalistischen Unsitte, bei jedem Hansel von „Rücktritt“ zu reden, könnte er einen gefährlichen Spangenhals bekommen, denn er findet, dass einer, um zurücktreten zu können, zuvor ein Amt bekleidet haben müsse. Kerkeling „spricht“ also wieder, was den Fingerzeig und die geschlossenen Lippen konterkariert. Da hat sich die Fotografin eine schöne Pose ausgedacht, um dem nichtssagenden Gesicht einen Anflug von Charakter zu geben. Aber nein, er spricht! Er wird doch nicht von den  Sprech-Körnchen für den Wellensittich genascht haben? (wegen Spaßvogel, gnnnihihi!) Man verzeihe mir den Spott, aber wie ich in Nürnberg aus dem tiefgekühlten ICE steige, schlägt mir eine gnadenlose Hitze ins Gesicht, die mir den Atem raubt.

Ich will meinen Blogfreund und Buchgestalter Christian Dümmler (CD) treffen, habe mit ihm vereinbart, dass ich in Bahnhofsnähe ein Fahrrad miete, er holt mich per Fahrrad ab, und wir radeln bequem zu seinem Atelier im „Rückgebäude“, ein schönes Wort. Allein, die Welt ist einfacher geworden, aber nur für jene, die sich ein Smartphone implantiert haben. Ich brauche eine Smartphone-App zum Buchen eines Fahrrads, die ich natürlich herunterladen könnte, im beinahe angenehm klimatisierten Hotelzimmer sitzend. Wenn ich es könnte. Aber das versuche ich erst gar nicht, denn die Vorstellung, noch einmal in der sengenden Vormittagshitze durch Nürnbergs Innenstadt zu irren, lässt mich ein Taxi rufen. Ich teile Christian telefonisch die Planänderung mit und höre zum ersten Mal seine Stimme, die eines gemütlichen, besser gemütvollen Franken.

Fortsetzung

Im Mahlstrom der Zeit

Freitagabend bei Filipe d’accord im Garten erzählte Herr Putzig, er sei noch mal am „Strandleben“ gewesen. Das ist eine mit Sand aufgeschüttete Halbinsel am Zusammenfluss von Leine und Ihme, wo er und Leisetöne während ihres Studiums hinter der Theke der Strandbar die Kunden im von Putzig sogenannten „Theken-Capoeira“ bedient hatten, das heißt, sie wetteiferten in ökonomischen, aber tänzerisch flüssigen Bewegungsabläufen, beispielsweise im Vorbeugen eine dem Kühlschrank entnommene Flasche zu entkorken und gleichzeitig rücklings mit dem Fuß die Kühlschranktür zu schließen.

Die Zeiten des Theken-Capoeira sind vorbei. Die neue Thekencrew weiß nicht mal mehr von Herrn Putzig, was sich ihm darin zeigte, dass ein bedienendes Mädel ihm das Pfandmarkensystem erklärt habe, als er sich eine Flasche Jever holte. Da wurde mir ganz schwermütig bewusst, dass auch das schönste Capoeira nicht den Mahlstrom der Zeit aufhalten kann. Ich bin dann auch bald nach Hause gegangen.

Die Leine im Frühling 2010, im Hintergrund das Strandleben, gesehen von der Dornröschenbrücke – Foto: JvdL

Über frühlingshaften Aufbruch, dank an die Vorsehung und innerliche Sockenverweigerung

Wie ich am Fenster stehend verächtlich auf das Wetter draußen schaute, bedauernd sah, dass die Krokusse platt am Boden lagen, dachte ich, es gibt trotzdem untrügerische Anzeichen des nahenden Frühlings. Es geschehen neue Dinge. Damit meine ich nicht, dass gleichgültige Nachbarn offenbar eine neue Matratze erstanden und ihre alte Matratze einfach zusammengerollt zu den gelben Säcken gelegt haben, wo sie in ihrer ganzen nikotingelben Hässlichkeit schon seit Tagen liegt. Dieser Matratze wegen war es heute morgen unter meiner Dusche nicht schön, meine lieben Damen und Herren.

Ich musste nämlich unter der Dusche die ganze Zeit über ein sterbendes Milbenuniversum nachdenken und wie es da wohl zugehen mag, wenn die Milbenpopulation den drohenden Untergang spürt. Milben werden orientierungslos umherirren und mit kältestarren Gliedern zu vermeintlich besseren Orten flüchten. Die Befindlichkeitsliteratur wird anschwellen, denn sterbende Kulturen können naturgemäß die Wörter nicht bei sich behalten. Über der Weltuntergangs-Logorrhoe werden alle dem Wahnsinn verfallen, und man muss sich eine wahnwitzige Milbe einmal vorstellen, die ja im Wesentlichen eine Hautschuppen verzehrende Fresseinheit ist. Schreckliche Milben-Religionen kommen auf. Man meuchelt die junge unschuldige Brut. Wahnsinnige Präsidenten reißen die Macht an sich. Nationen rüsten auf, bezichtigen sich und überfallen einander. Und gerade ist das Morden und Brandschatzen noch in vollem Gange, da kommt endlich die gnädige Müllabfuhr und holt die Matratze ab. Wer schon mal Bilder von Milben unterm Mikroskop gesehen hat, wird die Vorstellung bejubeln, dass das erkaltende Milbenuniversum von Müllmännern in den Schlund des Verbrennungsofens gestopft wird. Aber noch größer müsste der innerliche Jubel sein darüber, dass einem die Vorsehung keine Existenz als Milbe zugemutet hat.

Auf dem Bett sitzend, fand ich in der Sockenschublade eine schön hellgraue einzelne Socke, deren Gegenstück noch auf dem Wäscheständer hing. Etwas in mir weigerte sich, ein vollständiges Paar zu ergreifen und anzuziehen. Also musste ich die andere Socke erst vom Wäscheständer holen, bevor mein dafür zuständiges Ich bereit war, die Socken über die Füße zu streifen. Dabei weiß ich genau, dass just dieses Sockenpaar die absurde Neigung hat, im Laufe des Tages seine Fersen nach oben zu verdrehen. Wie das geschieht, ist mir ein Rätsel. Ich bin geneigt zu vermuten, dass es in Berlin ein hippes Start-up-Unternehmen gibt, dessen Geschäftsidee selbstdrehende Socken waren und denen es gelungen ist, Geldgeber für solchen Quatsch zu finden. Fluch über diese perfide Bande!

Vermutlich steckt wieder Maschmeyer dahinter. Andererseits muss man auch gelten lassen, dass ein Ich, dessen einziger Zuständigkeitsbereich die morgendliche Sockenwahl ist, dass man ein solches Ich nicht unsensibel überstimmen darf, nur weil Maschmeyer ein durch und durch unsympathischer Mensch ist. Die selbstdrehenden Socken sprechen eindeutig gegen die Praxis der Universitäten, sich Lehrstühle von Sponsoren wie Maschmeyer stiften zu lassen. Es ist dann nicht zu vermeiden, dass man dort komplett verächtliche Dinge erforscht, beispielsweise selbstdrehende Socken oder am Ende noch Auffangstationen für Milben, deren Universum dem Untergang geweiht ist.

Bevor jetzt zarte Gemüter Parallelen zu unserem Universum ziehen, will ich noch erzählen, welche Neuerung den Anlass gibt, auf den Frühling zu hoffen. Herr Putzig hat unser HaCK-Treffen gestern Abend bereichert um den Vorschlag, zuvor eine Fotoausstellung zu besuchen. Das taten wir dann auch. Wir fanden eine Halle rappevoll mit jungen hippen Menschen und auf zwei Tischen einige Fotobücher, offenbar Abschlussarbeiten von Fotojournalismus-Studentinnen und –Studenten. Ich blätterte in einem Buch einer Fotoreportage über De Randfichten, deren Hit in den Charts „Ja, lebt denn der alte Holzmichl noch?“ war, ihre Auftritte bei Supermarkteröffnungen und in Möbelhäusern vor durchaus wahnsinnigem Publikum.

Und später beim Elferkranz Kölsch im Glüxkind schlug Herr Putzig vor, am kommenden Montag gemeinsam zum Literarischen Salon Hannover zu gehen, wo die ehrenwerte Aleida Assmann reden wird über das Vergessen. Ich freue mich darauf, weil ich, lang ists her, schon etwas Gewinnbringendes über Schrift und Gedächtnis aus den Federn von Jan und Aleida Assmann gelesen und wieder vergessen habe. Aber man findet vielleicht Spuren in meinem Werk Buchkultur im Abendrot. Zumindest stehen sie im Literaturverzeichnis. Vergessen wir also das ganz und gar nicht frühlingshafte Wetter und freuen wir uns auf alles, was zukünftig unsere Perspektive erweitern wird.

Orthographie und lecker Kölsch aus dem Elferkranz


Herr Putzig selbst brachte unser Gespräch gestern Abend am Biertisch auf Rechtschreibfehler in den Sozialen Medien, bei der Büroarbeit und dergleichen, wo er doch sonst genervt zurückschreckt, wenn Leisetöne und ich mal wieder in „esoterische Linguistenpoesie“ verfallen, wobei ich nicht mehr weiß, ob er tatsächlich Linguistenpoesie gesagt hat, aber das Attribut „esoterisch“ und irgendwas mit „Linguisten“ kam vor. Jedenfalls nutzte Leisetöne die günstige Gelegenheit darzulegen, wie er einer Schülerin mit ausländischen Wurzeln zu vermitteln versucht hat, wann im Deutschen der lange Vokal mit Dehnungszeichen geschrieben wird und wann nicht. Er hatte ihr gesagt, bei Tieren wie Wal, Igel und Tiger käme nie ein Dehnungszeichen, ausgenommen die Fliege, aber das komme von „fliegen“ und gelte deshalb nicht. Ich erinnerte mich, dass mal eine meiner Deutschreferendarinnen an der Tafel gestanden hatte und fragend auf das von ihr angeschriebene „Haase“ blickte, worüber meine Schüler ins Feixen gerieten, ich aber still verzweifelte und dachte: Warum will sie nicht Sportlehrerin werden?

Leisetönes Denkansatz, Orthographie über inhaltliche Kategorien zu lehren, also eine Art semantische Orthographie zu entwickeln, finde ich grundsätzlich gut. Und mir gefällt, wie unkonventionell er seine jüngst aufgenommene Unterrichtstätigkeit begreift. Seine Idee ist quasi barrierefreier Rechtschreibunterricht. Ich gab jedoch zu bedenken, dass man bei den Schreibweisen nicht zuviel Logik vermuten dürfe. Bei der Biene gelte seine Begründung der Ausnahme nicht, denn das Verb bienen gibt es nicht. Obwohl hübsch wäre es doch, fällt mir gerade ein, das schwärmende Naschen, auch das Vernaschen des anderen Geschlechts statt herumhuren lieber herumbienen zu nennen.

Sorry, zurück zum Thema. Obwohl ich gestern Abend behauptet habe, alle verallgemeinerte Rechtschreibregeln träfen höchstens zu 80 Prozent zu, den Ausnahmerest müsse man eben auswendig lernen, bin ich von Leisetönes Denkansatz fasziniert und suche weitere Beispiele, bzw. Gegenbeispiele. Leider kenne ich nicht viele Tiere, ich bin ja Vegetarier, bitte also die geneigte Leserschaft um Hilfe bei der Suche. (Mit Dank an die Kolleginnen lunaterminiert, lamamma und den Kollegen Lo. Weitere Tierbezeichnungen aus dem Kinderlexikon)

Zur Wortliste:
Weiterlesen