Wie schön, dass du geboren bist …

Aus Gründen habe ich in Hannover einen jungen Freundeskreis. Filipe d’Accord, Konrad Fischer, hier bekannt als Herr Leisetöne, und Herr Putzig, die Mitglieder des HaCK (Hannover Cünstler Kollectiv) könnten theoretisch meine Söhne sein. Auf einer Geburtstagsfete von Herrn Putzig wurde ich schon mal begrüßt als der „Alterspräsident.“ Just auf Geburtstagen in diesen Kreisen habe ich mich schon mehrmals erschreckt, wenn plötzlich ein Lied angestimmt wurde, das alle kannten, nur ich nicht: „Wie schön, dass du geboren bist …“

Sich fremd in der eigenen Kultur zu fühlen, ist eine seltsam schräge Erfahrung. Zufällig habe ich herausgefunden, wem ich das verdanke, einem Mann, der heute 70 Jahre alt wird. Die Süddeutsche Zeitung widmet ihm zum Geburtstag die Glosse auf Seite 1, das Streiflicht. Darin werden Kinderlieder als schlimmster Alptraum aller Eltern dargestellt, und der Urheber dieses Generationen andauernden Alptraums ist Rolf Zuckowski. Als ich gestern am Telefon mit meinem mittleren Sohn über Zuckowski sprach, stimmte er spontan einen der zuckowskischen Ohrwürmer an, bestätigte aber, dass „Wie schön, dass du geboren bist …“ bis uns nicht gesungen wurde. Da bekam ich glatt ein schlechtes Gewissen.
„Danke Rolf Zuckowski!“

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Ach, die unbedachten Worte

kategorie surrealer-AlltagAuf der obersten Etage wohnt eine dunkelhaarige Schönheit. Sie trägt seit kurzem eine Brille. Ich glaube, es ist eine mit Fensterglas. Einmal, schon was länger her, kam ich spätabends zurück aus dem Vogelfrei, wo ich mit den Herren Leisetöne, Putzig und D’accord beim Bier gesessen und palavert hatte. Gerade wollte ich die Haustür aufschließen, als zwei junge Frauen herantraten und vertraut grüßten. Ich sagte erstaunt: „Ach, Hallo, Sie wollen auch ins Haus? Ich hatte Sie leider nicht sofort erkannt.“ „Ja“, sagte die eine, „man kennt sich ja gar nicht hier im Haus.“ Darauf antwortete ich, was mir augenblicklich Leid tat: „Doch Sie kenne ich. Sie kommen immer wie ein Gewitter die Treppe runter.“

Es hatte wie Kritik geklungen, war mir klar. Doch tatsächlich habe ich mich immer gefreut, ihre geschwinden Schritte auf den Treppen zu hören, die auf den Holzstufen wie ein anschwellender Trommelwirbel klangen und mich, der ich in derlei Rhythmik verliebt bin, für sie eingenommen hatten. Ich liebe das rasche Trapptrapptrapp, dieses Ungestüme junger Weiber, denn es gehören Bewegungsgeschick und ein flinker Geist zu derart raschen Schritten. Als junger Mann war ich auch schnell treppab, aber es war mehr ein geländergestütztes Überspringen von mehreren Stufen, nicht diese rasche Abfolge von links, rechts schöner Füße.

Leider hat sie sich meine unbedachte Bemerkung zu Herzen genommen und hinfort ihre Schritte gezähmt, und ich fürchte, sie hat ihr ganzes Wesen dazu zähmen müssen. Das habe ich nicht gewollt. Ich will nicht Schuld sein an einem Geschäft, das Angelegenheit des Lebens und der Zeit ist. Dieses Pärchen besorgt ihr das langsame Treppab früh genug und braucht meine Hilfe nicht. Wie gern würde ich meine unbedachten Worte zurückholen.

Stattdessen die passenden Rhythmen:
White Rabbits
Percussion Gun

Ich hätte mehr Fliegen erwartet

Zu meinen seltsamen Neigungen gehört, dass ich mir übers Internet die flämische Berichterstattung der Frühjahrsklassiker anschaue, gemeint sind Radrennen, von denen die meisten in Belgien stattfinden. Ich habe diesen Sport selbst betrieben, erfreue mich an der Sachkompetenz der flämischen Reporter und lerne nebenher immer besser Niederländisch, neuerdings das Wort „mondjesmaat“ (wörtlich: mündchenmäßig), dessen deutsche Entsprechung wohl „häppchenweise“ ist. Sonntag war Brüssel-Keurne-Brüssel. Etwa 45 Kilometer vor dem Ziel mussten die ohne mich fahren, denn ich war mit Filipe d’Accord, seiner bezaubernden Freundin und einem Freund Filipes, einem Physikprofessor aus Siegen, im Sprengelmuseum verabredet. Ich sollte die drei durch die Kurt-Schwitters-Abteilung führen und ein bisschen dazu erzählen, was unsereiner aus dem Lameng kann. Schon unterwegs erreichte mich per Smartphone die Botschaft, dass die Schwitters-Abteilung nicht zugänglich wäre, sondern nur der kürzlich eröffnete Neubau, immerhin mit der Installation eines Kurt-Schwitters-Preisträgers. Oje, und dafür hatte ich das Finale von Brüssel-Keurne-Brüssel verpasst.

Tatsächlich erwies sich das gesamte Museum als gesperrt. Lediglich der Neubau konnte besichtigt werden, dessen Räume aber überwiegend leer und deshalb unbeleuchtet waren.
„Phantastisch!“ hatte einer ins Gästebuch geschrieben, „phantastisch, Teil einer Installation gewesen zu sein.“ Es war offenbar ein Mann, auf dem die Fliegen gerne sitzen, womit denn auch die Frage geklärt wäre, wovon sich die Schmeißfliegen ernähren, die der französische Künstler Pierre Huyghe seit dem 29. Januar in einem weißgetünchten Raum herumschwirren lässt.

Teil einer Installation sind auch die überall in leeren Räumen wie plan- und sinnlos herumsitzenden Museumswärter. Böse Zungen behaupten, die müssten, um in Arbeit und Brot zu bleiben, die nackten Museumswände bewachen. Doch es geht um die Positionierung von Individuen innerhalb der sie umgebenden Räume, um das dynamische Spannungsverhältnis von Mensch und Raum, wie nämlich ein gelangweilter Museumswärter den Raum durchmisst und ihn ständig auf neue Weise teilt, hie Körper, dort kein Körper, mal kurze Strecke zur linken Wand, gleichzeitig die Strecke zur rechten Wand verlängernd. Diese sich ständig verändernden Raumproportionen und deren stete Neudefinition zeigt das Sprengelmuseum mit radikaler Ausschließlichkeit bis Mitte Juni gegen Geld. Schon keimt im Besucher der Wunsch, die Museumswärter würden sich nicht nur auf der Bodenfläche bewegen, sondern auch die dritte Dimension einbeziehen, mal die Wand hoch krabbeln oder an der Decke entlang kriechen. Es ist ihnen aber offenbar verboten, wahrscheinlich wieder so ein Versicherungsding.

fliegenDaher die Fliegen und ihr wie planloses Herumschwirren. Der Herr der Fliegen, der renommierte französische Künstler Pierre Huyghe, hat dafür den Kurt-Schwitters-Preis der Niedersächsischen Sparkassenstiftung entgegengenommen. Bevor jetzt welche höhnen: „Hehe, Sparkassenkunst!“ und „Kurt Schwitters ist unschuldig!“ , lassen wir den renommierten französischen Künstler Pierre Huyghe sein Werk selbst erklären:

„Ich habe ein Paar Fliegen gefunden, die sich vor 15 Millionen Jahren gepaart haben. Durch Zufall fiel genau in diesem Moment ein Stück Harz auf sie, und sie starben im Moment der Begattung, sie konnten sich nicht mehr fortpflanzen. Die Art ist aber nicht ausgestorben, das ist nur ein Paar, vielleicht sind unsere Fliegen die Ururururenkel.“,

freut sich Huyghe und lässt offen, wieso Fliegen, die just „im Moment der Begattung“ in einem Tropfen Harz verstorben sind, trotzdem Ururururenkel haben. Diesen Tropfen Harz, jetzt Bernstein, hat der quirlige Sparkassenpreisträger zum Würfel schleifen lassen und abgefilmt. Das Video wird im Nebenraum an eine hängende Leinwand projiziert. Huyghe erklärt:

„Wir betreten einen Stein und navigieren durch diesen Stein auf der Suche nach dem Geschlechtsakt. Am Ende des Films stößt man auf eine Szene, die in der Zeit eingefroren wurde, und die Betrachter bewegen sich innerhalb dieser Situation.“

Dieses vereinnahmende Wir ist ja allerliebst. So einen eingefrorenen Tod im Augenblick der orgiastischen Verzückung will man unbedingt suchen – also der Franzose in uns sucht einen quasi ewigen Geschlechtsakt, diesen verlockenden Tod im Zustand der Gnade, wie er in Millionen Jahren kaum je einem vergönnt ist, ausgenommen dem Pariser Kardinal Jean Daniélou, den der süße Tod im Bordell auf einer Prostituierten ereilte. Harzig klebrige Substanzen waren nicht im Spiel gewesen, so dass man den glücklich verröchelten Kardinal noch ins Treppenhaus tragen konnte, wo er züchtig herumliegend aufgefunden wurde. Er hat sich natürlich auch nicht fortpflanzen wollen wie die notgeilen Fliegen. Da ist es nur gerecht, wenn sein letaler Geschlechtsakt nicht noch Millionen Jahre zu besichtigen ist.

Weiter im Bericht, der sowieso bald enden wird. Filipes Freundin und der Freund erwarteten mich im Raum der Fliegen, derweil sich Filipe auf die Suche nach mir begeben hatte. Den einen Gazevorhang teilend hatte Filipe den Raum verlassen, derweil ich durch einen anderen Vorhang hereingekommen sei, wurde mir berichtet. Auswege, die den Fliegen verwehrt werden, weshalb denn auch einige auf dem Rücken lagen, nicht etwa um zu kopulieren. Die Missionarsstellung ist bei Fliegen ungebräuchlich. Tot, tot, tot, eine nach der anderen, mondjesmaat hatten sie ihr winziges Leben gelassen für die Kunst. Da kommt kein Mitleid auf. Herumschwirrende Fliegen sind auch im Museum nur lästige Fliegen.

Wir suchten den Ausgang. Ich trug noch ins Gästebuch ein: „Ich hätte mehr Fliegen erwartet.“ Eine der Damen an der Kasse widersprach: „Die Presse war begeistert.“

Gif-Animation: Trithemius