Nachtfahrt

Wir hatten uns unzweifelhaft verfahren. Ringsum nur Landschaft, weit und breit keine Stadt zu sehen. Weit und breit niemand, den wir nach dem Weg fragen konnten. Karl-Heinz, der eine gewisse Führungsposition in unserer fünfköpfigen Runde eingenommen hatte, weil er die Karte zu lesen pflegte und sagte, wo es lang ging, war kleinlaut geworden, da er uns offenbar in die Irre geführt hatte. Wir waren müde, wollten endlich die Jugendherberge in Neustadt an der Weinstraße finden, unser Tagesziel.

Da tauchte von hinter einer Bodenwelle ein Mopedfahrer auf. Wie er uns ratlos mit unseren bepackten Fahrrädern herumstehen sah, hielt er an und fragte, wohin wir wollten. Die Jugendherberge in Neustadt? Dahin kenne er einen guten Weg. Er werde vor uns herfahren, sprachs und bog in einen geraden Wirtschaftsweg ein, der nach kurzer Zeit in einen ausgedehnten Wald eintauchte. Wir sahen ihn bald nicht mehr. Offenbar hatte er unser Tempo überschätzt. Es begann zu dämmern. Irgendwann hielten wir und beratschlagten uns. Keiner traute dem Alten auf dem Moped. Wer weiß, wo der uns hinlocken wollte. Die Hoffnung, die Jugendherberge noch vor Anmeldeschluss zu finden, gaben wir auf und beschlossen, eine Nachtfahrt zu machen.

Also zurück auf die einsame Landstraße. Ich hatte die dünne Fiberstange mit unserem Wimpel am Gepäckständer, das jeder für einen Tag mitführen musste, und war der Ansicht, dass jetzt ein anderer übernehmen müsste, denn ein Tag und eine Nacht war gegen die Vereinbarung. Über mein hartnäckiges Insistieren gerieten wir in Streit. Am Ende musste ich den Wimpel behalten und beschloss, nicht mehr mit den Idioten zu reden. Die Stimmung in unserer kleinen Gruppe war eisig. Stumm traten wir in die Pedale und jeder für sich verfluchte die Idee, mit dem Fahrrad vom Kölner Umland an den Bodensee zu fahren. Inzwischen war es stockdunkel. Eine ganze Weile hörte man nur das Jaulen unserer Dynamos und das Surren unserer Schaltungen. Da, das Knattern eines Mopeds. Der Alte holte uns wieder ein und schimpfte, dass wir ihm nicht weiter gefolgt waren. Wir waren froh, als er beleidigt wieder davon knatterte. Endlich tauchten in der Ferne die Lichter einer Ortschaft auf. Ich glaube, das Städtchen hieß Alzey. Wir hielten an einem Platz und beschlossen, eine Kneipe zu suchen, wo wir hofften, etwas Proviant und Getränke für die Nacht kaufen zu können. Ludwig ließen wir als Wache bei Fahrrädern und Gepäck zurück. In der Kneipe bekamen wir nur Schokolade, aber immerhin.

Als wir wieder auf den Fahrrädern saßen, erzählte Ludwig beiläufig, eben habe eine Lehrerin mit ihrem VW gehalten und ihn gefragt, ob wir in der Schule schlafen wollten. Aber er habe dankend abgelehnt: „Wir wollen eine Nachtfahrt machen.“ O mein Gott, dieser Trottel, fanden alle. Wir bedauerten längst, ihn überhaupt mitgenommen zu haben, denn er gehörte nicht zum Freundeskreis, sondern war nur in Franks Nachbarschaft in Ferien. Ludwig hatte sich bald als rechtes Arschloch erwiesen. Wann immer die Rede auf Mädchen kam, schrie er im Ton des Eiferers: „Küssen, Todsünde!“ Jetzt war uns allen klar, dass er den Schlafplatz in der Schule nur abgelehnt hatte, weil ihn eine Frau gefragt hatte. Inzwischen waren wir wieder auf einer Landstraße inmitten der Felder. Der Mond war aufgegangen und tauchte die Landschaft in fahles Licht. Auf einer frisch gemähten Wiese sahen wir einige Heuschober, doch Ludwig sprach sich vehement dagegen aus, dort unterzukriechen. Dann war er der erste, der über kalte Finger zu jammern anfing. Es war aber auch kalt in dieser Augustnacht. Ich mochte meinen Lenker kaum noch anfassen. Allmählich machte sich Erschöpfung breit. Da hatte niemand mehr, der Kälte etwas entgegenzusetzen.

Wir näherten uns wieder einer Ortschaft. Direkt vor dem Ortsschild ein einladend mit Gras überwucherter Straßengraben. Dort wollten wir das Tageslicht abwarten. Unsere Schlafsäcke waren nicht wasserdicht. Darum krochen wir mit den Schlafsäcken in Müllsäcke, die Theo bei sich hatte und stiftete. Ich zog den Müllsack bis über meine Ohren. Da plagte mich ein Mückenvieh mit seinem Surren. Sonst lag ich gut und schlief bald ein. Dann wurde ich aus den süßesten Träumen aufgerüttelt. Karl-Heinz war in Panik, die Müllabfuhr könnte kommen und uns mitsamt unserer Müllsäcke ins Müllauto laden. Ach, war das unangenehm, noch schlafwarm wieder aufs Rad zu steigen und mit eisigen Fingern den Lenker zu halten. Es war noch immer finster. Im Schein meiner Lampe las ich das Ortsschild. Den Namen werde ich nie vergessen. Der Ort, wo wir im Alter von 16 Jahren im Straßengraben geschlafen hatten, hieß Kirchheimbolanden.

Fortsetzung

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10 Kommentare zu “Nachtfahrt

  1. Kirchheimbolanden? Kommt mir irgendwie bekannt vor. Hab 1964 oder 1965 mal ne Radtour mit nem Freund gemacht. Wir fuhren von Wiesbaden zum Donnersberg. Bin sicher, dass wir über Darmstadt gefahren sind. Naja, haben wir wohl nen Umweg gemacht. Der Freund ist heute Professor für Kommunikationswissenschaft an der Austin in Texas. Tja, so kanns gehen.

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    • Mir war Kirchheimbolanden wieder eingefallen, weil Tagesschau.de herausgefunden hatte, dass die in Kirchheimbolanden so wählen wie der Bundesdurchschnitt (siehe mein Text vom Vortag.) Wir Freunde sind alle Lehrer geworden und der genannte Frank hat beim Studium in Kiel den ehedem kreuzfrommen Ludwig wiedergetroffen und berichtete, er habe noch nie so einen verhurten und versoffenen Kerl gesehen wie den. Was dann aus ihm wurde, weiß ich nicht.

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  2. Pingback: Von der Klage der Texte wider ihren Erzeuger – Teestübchen Jahresrückblick 2015

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