Von der Erfahrung zwischen zwei Welten zu schweben

In meiner Idealwelt gleite ich heiter und vergnügt dahin, freue mich, weitgehend schmerzfrei zu sein, bin quasi alterslos, aber reich an Erfahrung, sammle hier faszinierendes Wissen auf, dort ein hübsches Erlebnis, lese und schreibe wozu ich Lust habe, fange mir gelegentlich von bezaubernden Vertreterinnen des andern Geschlechts ein Lächeln ein, genieße das Leben, das ich habe, und lasse alle Tage den lieben Gott einen guten Mann sein. Manchmal sogar stimmen meine Idealwelt und die reale Welt völlig überein. So am letzten Freitag. Die Sonne schien, die Temperaturen fast frühlingshaft, im Supermarkt saß an der Kasse die mir holde Kassiererin, wünschte mir einen schönen Tag, und von ihrem Lächeln begleitet, trat ich auf die Straße und bestieg mein Fahrrad. Beschwingt fuhr ich heimwärts. Auf der Davenstätter Straße, versperrte ein geparkter Kleintransporter den Weg, so dass ich zwischen die stadtauswärts führenden Straßenbahnschienen ausweichen musste. Plötzlich drängelte hinter mir ein Auto, und um Platz zu machen, lenkte ich zum rechten Fahrbahnrand hinüber. Unversehens spalteten sich Idealwelt und Realwelt auf.
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Warnung vor abstürzenden Enten

Einmal trug sich in den Niederlanden ein seltsamer Jagdunfall zu. Nachdem ein Jäger in den Himmel geschossen hatte, stürzte eine Flugente herab und erschlug nicht den Jäger, sondern einen Vogelschützer.

Die Natur kennt eben keine Moral, sonst hätte sie besser gezielt. Man verzeihe mir die Personifizierung der Natur. Es wirkt nur seltsam, wenn man einen solchen Satz aufschreibt, denn in Wahrheit personifiziert der Mensch ständig.

Der Schriftforscher Jack Goody hat illiterale Kulturen an der Grenze der Schriftbenutzung untersucht, um zu erhellen, wie die Benutzung von Schrift das Denken bedingt. Goody berichtet von einem Missionar, der einen einheimischen Läufer mit fünf Broten und einem Begleitbrief zu einer anderen Missionsstation schickte. Unterwegs bekam der Läufer Hunger, rastete, aß eines der Brote und lief zur Mission. Der Missionar las den Brief und fragte den Läufer nach dem fünften Brot. Da gestand der Bote, dass er das Brot gegessen habe, doch er wollte wissen, wieso der Missionar überhaupt von dem fünften Brot wissen konnte.
„Das hat mir der Brief erzählt“, sagte der Missionar. Als der Bote einige Tage später erneut Lebensmittel in die Mission tragen sollte, verlockte ihn schon wieder ein Brot. Doch bevor er sich darüber hermachte, versteckte er den Brief unter einem Baum, damit der geschwätzige Brief den Mundraub nicht beobachten konnte.

Von dieser Form des magischen Denkens ist der alphabetisierte Mensch nicht weiter entfernt als bis zum Brotkasten in der Küche. Die Vorstellungen, mit denen wir uns die Welt erklären, sind überwiegend so absurd wie die Vermutung, ein Brief könnte sehen. Zum Beispiel schlagen Kinder manchmal nach einem Gegenstand, der sie verletzt hat. Das tun sie nicht mehr, wenn sie die Phase des magischen Denkens hinter sich gelassen haben, etwa mit fünf Jahren, wenn auch ihre Sprachentwicklung abgeschlossen ist.

Jules van der Ley, Kugelschreiberskizze, (2004) Format 14,8 x 21,0 cm, (größer: Klicken)

Jules van der Ley, Kugelschreiberskizze,
(2004) Format 14,8 x 21,0 cm, (größer: Klicken)

Ein belesener Mensch unterscheidet sich stark von einem notorischen Fernsehgucker. Denn das Fernsehen bietet Bilder an, die der Zuschauer nicht prüfen kann, auch wenn sie vermeintliche Realitäten zeigen. Diese Bilder prägen das Denken, ein kurzatmiges Denken, denn beim Betrachten von rasch wechselnden Bildern bildet man keine Begriffe. Daher ist die Grundhaltung solcher Menschen überwiegend magischen Ideen verhaftet. Tatsächlich erlaubt nur die Schrift, dem magischen Denken etwas entgegenzusetzen. Die Schrift siebt aus magischen Bildern überprüfbare Gedankenfolgen und Ideen. Sie macht aus subjektiven Vorstellungen objektivierbare Aussagen, holt also Bilder nach außen und untersucht sie.

Wenn ich schreibe, die Schrift tue dies, dann personifiziere ich die Schrift. Sogleich zeigen sich die Grenzen der Denktechnik, die uns die Schrift ermöglicht. Denn die Personifizierung ist bildhaftes Denken. Auch die Schrift ist also nicht allmächtig. Würde ich nach Schreiben dieses Textes vor die Tür gehen und von einer abgeschossenen Ente erschlagen, dann wäre dieses Geschehen derart magisch, dass alle Schrift der Welt nichts dagegen ausrichten könnte. Doch eigentlich haben wir in jeder Sekunde des Daseins mit Mysterien zu tun, gegen die eine Ente auf meinem Kopf ein Klacks ist. Ich gehe dann mal einkaufen.