Ich möchte Hintertupfing lesen

Der US-amerikanische SF-Film Soylent Green von 1973 spielt im New York des Jahres 2022, für uns übermorgen. Die Hauptfigur, einen Polizisten, sieht man gelegentlich einen in der Stadt aufgehängten Kasten aufschließen und mit einem sich darin befindlichen Telefonhörer mit seiner Dienststelle telefonieren. Im Jahr 1973 war an Mobilfunk noch nicht zu denken. Das Beispiel habe ich oft vor Augen. Es ist dies Retro-Futurismus, eine Vorstellung von Zukunft, die niemals war.

Es gibt neben dieser filmisch-künstlerischen Umsetzung überkommener Ideen auch Ideen, die sich überholt haben und niemals dargestellt werden. Eine dieser Ideen hege ich seit langem und musste letztens feststellen, dass sie von der technologischen Entwicklung überrollt worden ist. Noch gar nicht in der Welt und schon plattgemacht.

Folgendes: Es geht um die Bahnhofsschilder (auch Stationsschilder), die in Bahnhöfen parallel und entlang der Bahngleise aufgestellt sind. Die Bahn hat sie an den meisten Stationen formal vereinheitlicht in Farbgebung, RAL 5023 Fernblau, und Schrifttype DB Type, für die Bahn entworfen von Erik Spiekermann und Christian Schwartz. Es handelt sich bei der DB Type um eine serifenlose Linearantiqua, in Deutschland auch Grotesk genannt. Ähnliche Schriften werden in ganz Europa auf Hinweisschildern verwendet, waren in Deutschland ursprünglich nach DIN 1451 gestaltet. Es geht, wie man sich denken kann, um Eindeutigkeit, Fernwirkung und gute Lesbarkeit.

Wenn ich Bahn fahre, dann meistens im Fernverkehr, so dass der Zug, in dem ich sitze, nur in größeren Bahnhöfen hält. Während der Zug durch die Landschaft sauste, als hätte er sich von der irdischen Welt in eine andere Dimension entzogen, während manche Reisenden nicht mal hinschauen, bedauere ich die unsoziale Missachtung der Welt da draußen. IC- und ICE-Züge fahren Menschen über die Köpfe der anderen hinweg. Sie entfernen die Menschen voneinander, obwohl sie verbinden. In den verschmähten Ortschaften ist auch menschliches Leben, wird geliebt, gehasst, sich erfreut oder gelitten, und mich hat schon immer interessiert, wie diese Orte heißen. Da aber die Fernzüge derart schnell an den Stationsschildern vorbeirauschen, ist die Entzifferung kaum möglich, obwohl sie doch aufgestellt sind, um Reisende zu informieren. Denn wer in Hintertupfingen lebt, muss nicht am Bahnhof nachschauen, wie sein Heimatort heißt. Lediglich wer versehentlich dort aussteigt, wäre dann die Zielperson des Stationsschildes und könnte ausrufen: „Was? Ich bin in Hintertupfingen?! Hätte ich nie gedacht! Hintertupfingen! So so!“

Hintertupfingen kann nicht lang genug sein – Grafik/Gifanimation: JvdL


Meine Idee also wäre, aus den Stationsschildern Anamorphosen zu machen, sie so zu strecken, dass man sie auch im Vorbeisausen lesen könnte. Billiger wäre freilich, mindestens ein Schild einige hundert Meter vom Gleis weg aufzustellen. Dann wäre es auch zu lesen. Während ich also erneut darüber nachdachte, meldete mein Smartphone eine einkommende Email. Bei der Gelegenheit rief ich Google maps auf und fand dort die ganze Gegend angezeigt, in der ich mich gerade befand.

Also meine anamorphosischen Stationsschilder sind quasi überflüssig wie die eingangs erwähnten Telefonblechkästen. Aber immerhin ist die Sache jetzt mal dargelegt, als „Produkt“ der Konzept-Art.

Forschungsreise zu den Franken (1) – Die Form der Welt

Im Inter-City-Express (ICE) habe ich Kachelmanns legendären schwarzen Wollschal vermisst. Wie der Zug auf der Höhe von Fulda durch ein ausgedehntes Regengebiet rauscht, wo der Himmel grau verhangen, Regenschleier über den Wäldern liegen und Dunst aus Tälern aufsteigt, wie sich dicke Rinnsale an der Fensterscheibe versammeln und unterm Fahrtwind zitternd ihren fast waagerechten Verlauf nehmen, da jedenfalls beschließe ich, mir in Nürnberg als erstes eine lange Hose zu kaufen und eventuell den Kachelmannschal, falls der überhaupt irgendwo käuflich zu erwerben und aus gängiger Materie beschaffen ist. Ich bin also trotz bester Vorbereitung auf die Reise nicht passend angezogen. Weil es eisig ist im ICE, merke ich, dass mir in den Sneakers die Knöchelsöckchen unter die Füße gerutscht sind, derweil das ringsum bei den ähnlich gekleideten Füßen der Mitreisenden nicht so ist.

Ich notiere in mein Büchlein: „Die Welt passt mir nicht.“ Den Einwand, dass Knöchelsöckchen ja wohl nicht die Welt repräsentieren, weise ich zurück. Dass die Welt mir nicht passt, begleitet mich schon das ganze Leben. Immerzu stehe ich ein wenig schräg zur Welt wie eine ungenau geschnittene Schablone, die eigentlich abdecken soll, doch an deren Kanten es blitzt. Aber genau diese Blitze geben mir vielleicht einen Anschein von der Beschaffenheit der Welt. So etwas denkt sich einer zurecht, um sich mit unter die Ferse gerutschten Söckchen zu versöhnen, zu vertöchtern zu verschwippschwagern und so weiter.

Bei Würzburg erneut ein schwerer Ausnahmefehler im galaktischen Betriebssystem. Beim Beginn der Fahrt von Nord nach Süd zeigt sich die Sonne links von mir, also wie zu erwarten im Osten. Nach der wolkenverhangenen Phase befindet sie sich rechts. Meine Zeichnung lässt nur den einen Schluss zu, der Zug hätte die Sonne links umfahren. Das hätte aber viel mehr Zeit in Anspruch genommen als vergangen ist. Wollte ich das Umfahren der Sonne verwerfen, muss die Welt in dieser Gegend seitenverkehrt sein. „Ex oriente lux“ gilt hier nicht. Es ist vielleicht gefährlich auszusteigen. Sobald man den Fuß auf den Grund gesetzt hätte, würde man auf links gekrempelt. Aber vermutlich merkt mans gar nicht, weil ein „Referenzsystem“ fehlt. Hm? Was für ein Wort? Es gehört mir nicht. Ich glaube, dieses Wort habe ich tags darauf bei ihr aufgeschnappt. Aber so weit sind wir noch lange nicht. Da liegt noch ein Bergmassiv aus Zeilen vor uns, und erst auf der anderen Seite begegnen wir socopuk. Zunächst die verkehrte Welt: Also man wird beim Betreten des Bahnsteigs auf links gekrempelt in dieser Welt, die komplett auf links gedreht ist, würde die Verkehrtheit nur merken, wenn man den davonrauschenden ICE anfasst, der ja weiterhin rechtsgedreht ist. Dieser Kontakt würde einem den Arm abreißen, weshalb eindringlich davor zu warnen ist, falls hier Kinder mitlesen.

Nur wegen dieser eventuell mitlesenden Kinder übrigens halte ich mich an die gängige Orthographie. sonst würde ich beispielsweise alles klein schreiben. aber es käme mir vor, als würde ich bei rot den ampelbewehrten zebrastreifen überschreiten, derweil auf der anderen seite eine ganze wibbelige kinderschar mit einer strafend blickenden kindergärtnerin wartet. also kehren wir allmählich zur korrekten Orthographie zurück, bevor eine Schar junger Menschen in den sicheren Tod rennt, nur weil ich ein schlechtes Beispiel gegeben habe.

Jetzt weiß ich auch wieder, wieso mir das Wort „Referenzsystem“ zugeflogen ist. Ich hatte nämlich gesagt, dass ich beim Schreiben die redaktionsinternen Regeln der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) benutze, also nicht etwa „z.B.“ schreibe oder „zum Beispiel“, sondern „beispielsweise“, und socopuk meinte, es wäre ihr nicht aufgefallen, weil ihr das „Referenzsystem“ fehle. Zu diesem Referenzsystem gehört beispielsweise die Regel, dass es nicht „Firma“ heißen darf, sondern „Unternehmen“, und kürzt sich ein Unternehmen, eine Institution oder eine Bezeichnung ab, wird bei der ersten Erwähnung ausgeschrieben, und das Akronym in Klammern hintan gesetzt, so dass man im weiteren Text auf die Ausschreibung und Klammerung verzichten kann, ich beispielsweise rufen könnte: „Vorsicht, fasst den ICE nicht an!“, weil ich das abzischende Referenzsystem oben im ersten Satz schon ausgeschrieben habe.

Glücklicherweise sind wir nicht ausgestiegen in Würzburg oder Erlangen, sondern lassen das Regengebiet hinter uns und rauschen wieder unter der Sonne dahin, die sich eine Weile wohl senkrecht über dem Zug befindet, dann aber wieder auf die rechte Seite, also die linke wandert.
Fortsetzung hier

Karges Traumgesicht

Die Besiedlung alter Kulturlandschaften ist bestimmt durch die Fruchtbarkeit der Böden. Wo die Erde fruchtbar ist, siedeln die Menschen so dicht beieinander, wie es geht. Es gibt Regionen, wo ein Abstand von etwa zwei Kilometern reicht, die Dörfer und Flecken zu ernähren. Anders die Lüneburger Heide. Dort wo arme Böden kaum Landwirtschaft erlauben, wo über viele Quadratkilometer nur Flechten und Moose, karges Gras, Gestrüpp und Krüppelholz wachsen, siedeln nur wenige Menschen.

Es erfreut und beruhigt den Reisenden, dass sein Zug das unfruchtbare Land mit 200 Stundenkilometern durcheilt und erst halten wird in der großen Stadt, deren Bewohner sich vom Fernhandel ernähren. Eine Weile schaut er durchs Fenster auf das Eintönige hinaus. Eine Landschaft in Grau-Grün-Dreckigbraun. Weitere Farbakzente fehlen, und auch sonst ist in allem eine ständige Wiederkehr der gleichen krüppeligen Birken und schlammigen Waldwege, die von Rädern zerfurcht und zerfahren ins Nirgendwo zu führen scheinen, mal im großen Bogen zur Seite weichen und sich aufschwingen zu einer Brücke, die niemand braucht. Abseits der Gleise ist rückständiges Land, ein einschläferndes Einerlei.

Drei, fünf, acht quadratisch angelegte Fischteiche hintereinander sind schon der zivilisatorische Höhepunkt. An deren Zufahrt parkt ein dunkelgrünes Auto, ein Kescher liegt da, der Mensch dazu aber ist weit und breit nicht zu sehen, wie verschluckt vom schwarzen Wasser der Teiche, wo der Reisende ihn ahnt, wie er inmitten seiner fetten Karpfen dahintreibt, deren kalte Leiber er mehr spürt als sieht, aber dieses glitschige Spratteln ringsum drückt ihn hinunter zum schlammigen Grund, es trachtet ihm nach dem Leben als perfekte Spiegelung der gleichgültigen Gnadenlosigkeit, mit der er einige Karpfen fürs Weihnachtsessen hatte abfischen und schlachten wollen. Da treibt auch der Reisende hinter dem Fenster unter Wasser dahin und sein zur Seite ans Fenster lehnender Kopf durchdringt die Scheibe so wenig wie den Wasserspiegel.

Da jedoch wird die Luft ihm knapp, ihn drängt es nach oben, und er steigt, die glitschigen Leiber tretend wie Treppenstufen, vom Teichgrund auf, fährt prustend an die Oberfläche und rettet sich an Land. Er ist sich keiner Schuld bewusst, als er sich triefend und durch den Schlamm kriechend in sein Auto schleppt. Vor Kälte zitternd, lenkt er heimwärts. Er hatte doch nur den Speiseplan seiner geladenen Großfamilie ein wenig bereichern wollen. Seine schöne Frau Nora, wie sehr ist sie es leid, sich von Flechten und Moosen zu ernähren, und obwohl nicht von hier, beginnt auch bei ihr schon der Bewuchs. Und es dauert sie der Anblick ihrer hier geborenen Kinder, die inzwischen selbst von Flechten und Moosen überzogen sind. Irgendwann werden sie Teil dieser Heide sein, knorrig und vom Moos bepelzt in den torfigen Boden gerammt werden.

Zu Weihnachten großer Auftrieb in der kleinen Klause der Familie Strauch. Die weitverzweigte Verwandtschaft hat sich angesagt. Seit Tagen karrt Vater Strauch bereits Essen heran, das meiste aus der fernen Stadt, schwer genug und kompliziert. Seit Tagen steht Nora Strauch in der Küche und macht und tut für die drangvolle Runde da am Tisch der Klause direkt beim krüppeligen Weihnachtsbaum, jeder redet, und keiner hört zu. Als Nora das Tablett mit dem Korn herumreicht, lehnt Schwippschwager Baltus ab: „Mein Arzt sagt zu mir, Herr Wingens, Sie haben einen kaputten Magen, Sie müssen alle scharfen Getränke weglassen!
Tante Liesl kippt erst ihren, dann seinen Korn hinterher und widerspricht: „Ich nicht, ich soll sogar trinken!“
Seien Sie vorsichtig mit dem Trinken, besonders mit scharfen Sachen, hat er gesagt“, fährt Onkel Baltus fort.
Tante Liesl hat jetzt die Bosheit gepackt: „Mein Arzt sagt: Trinken Sie nur, Bier, Wein … und ein Schnäpschen in Ehren kann niemand verwehren.
„Meiner nicht. Auch Bier nicht, Herr Wingens, lassen Sie bloß das Bier aus dem Leib!, sagt er. Am besten lassen Sie die Finger ganz vom Alkohol weg!
„Meiner sagt: Trinken Sie nur! Sie müssen jeden Tag zwei Liter Flüssigkeit trinken!
„Was ist mit Cola? Cola trinke ich doch so gern, Herr Doktor.“
Cola? Ganz schlecht!, sagt er, kennen Sie das Fleisch-Experiment? Legen Sie mal ein Stückchen Fleisch über Nacht in eine Cola, dann sehen Sie am nächsten Morgen, was die Cola mit Ihrem Magen machen kann!
Zwei Liter Flüssigkeit müssen Sie trinken, Frau Blum, egal was es ist, von mir aus Cola, Cola ist gut und Kaffee, Bier, Hauptsache, Sie trinken!
„Ich frage, was ist mit Kaffee?“ Kaffee, Herr Wingens? Trinken Sie um Gottes Willen keinen Kaffee!
Trinken, trinken, trinken, Frau Blum.
„Auch keinen schwarzen Tee?, frage ich. Nein, Tee ist ganz schlecht.
„… was gerade da ist, Kaffee, schwarzer Tee, Sprudel, Limonade
Und alles, was Kohlesäure enthält, ist Gift für Sie, Herr Wingens!
„Ich vertrage ja nichts Glutenfreies“, ruft Tante Hubertine.
„Nora! Nora! Ist die Wurst auch BSE-reduziert?!“
„Ich brauche Lactose“, ruft Nachbarin Gundula, „ohne Lactose habe ich kein Weihnachten. Da bin ich intolerant!“

„Wünschen Sie Kaffee, Cappuccino, ein Kaltgetränk?“
„Nein, danke“, murmelt der Reisende im Halbschlaf, „der Arzt hat es verboten.“
Er schaut auf. Die Zivilisation hat ihn wieder. Er nimmt den letzten Schluck aus der mitgebrachten Wasserflasche. Er schmeckt torfig.

Hurtig über Gleise – Betreutes Denken im ICE

Im ICE hatte jemand die Süddeutsche Zeitung (SZ) zurückgelassen. Irgendwann zog ich die zerfledderte Zeitung aus dem Netz, sortierte sie ein wenig und begann zu lesen. Für einen Augenblick flog mich ein vertrautes Gefühl an, denn bevor ich zu bloggen begann, habe ich die Süddeutsche Zeitung täglich gelesen. Das vertraute Gefühl speiste sich aber nicht aus den Inhalten, nicht aus dem Schreibstil, sondern aus der Tatsache, dass einem in der Zeitung die Welt ausgebreitet und erklärt wird. Das ist einfach wie Bahnfahren. Wie der Zugreisende sich keine Gedanken über die Fahrtstrecke machen muss, die Stationen seiner Reise nicht zu bestimmen und nicht auf den Weg zu achten hat, braucht auch der Zeitungsleser nur den gedanklichen Spuren zu folgen, die Journalisten zu Zeilen angeordnet haben gleich den Gleisen der Bahn. Als Bahnreisender hat man nur den Blick nach links und rechts aus dem Fenster, weiß also nicht genau, wohin die Reise geht – ebenso wie der Leser eines Zeitungsartikels. Es erhöht beispielsweise den Lesegenuss, wenn ein Text eine erstaunliche Wendung nimmt, so als würde ein Zug über eine Weiche rumpeln und ein für den Bahnreisenden überraschendes Gleis befahren.

vom 09.02.1995, original einspaltig (größer: klicken)

Genau das habe ich immer beim Lesen des Streiflichts empfunden, der täglichen Glosse auf der Titelseite der Süddeutschen Zeitung. Obwohl das Streiflicht von verschiedenen Autoren geschrieben wird, folgt es einem einheitlichen Prinzip: Dem Leser enthüllt sich anfangs nicht, um welches Thema es eigentlich geht. Dann steuert der Text mit elegantem Schwung auf sein Ziel zu, woraus sich im Idealfall die vorher noch unerklärliche Einleitung als besonders gelungener Einstieg enthüllt. Ach, das ist schön, wie über ein verwunschenes Nebengleis wieder auf die Hauptstrecke zu gelangen. Aber darin zeigt sich auch der Nachteil der Zeitung. Sie kanalisiert die Informationen auf Hauptstrecken, auf den Mainstream des Denkens. Zweifellos sind Zeitungen wie die FAZ oder die SZ die Intercityzüge des Vorgedachten. Es ist bequem da in ihrem Bauch, betreutes Denken. Wer dagegen selbstständig denken will, geht anfangs nur zu Fuß, verliert gar manchmal die Orientierung. Selbstständiges Denken will geübt sein, und die Fähigkeit wächst mit dem Tun. Sie wächst vor allem mit der schreibenden Aneignung von Welt. Wer selbst schreibt, legt seine eigenen Gleise. Sie können in Gegenden führen, die vom Intercity-Express nie berührt werden. Darum möchte ich die Süddeutsche nicht mal geschenkt, stopfe sie wieder in das Netz an der Rückseite des Vordersitzes, krame Stift und Notizbuch hervor und schreibe das hier auf.

Reihenfolgefehler im galaktischen Betriebssystem

Ich habe ja nichts gegen Sachsen, einer meiner Freunde ist sogar Sachse, aber trotzdem war ich zuerst herzlich amüsiert darüber, wie sie einstiegen und die falsche Reihenfolge des Wagen 10 beklagten. Und ich dachte noch: „Beschwert euch, Ihr seid verdammt noch mal das Volk!“ Dann hatte das Volk  aber erst recht was zu maulen, als sie nämlich hinter mir ihre reservierten Plätze nicht fanden; sie hatten im IC nach Dresden vier Plätze an einer Tischgruppe gebucht, die es nicht gab und knubbelten sich, wo die Tischgruppe hätte sein sollen, bis der Schaffner ihnen erklärte, es wäre ein anderes Wagenmodell als vorgesehen angehängt worden. Dann war ich froh, dass ihnen der Schaffner alternative Plätze in einem vorderen Wagen anbot. Gekränkt und erbost über die Ungerechtigkeit der Welt und speziell über die Diskriminierung durch die Bahn – „Nü, wür hapen de Blätze toch pezahld!“ – folgten sie nur widerwillig, ein älteres Ehepaar, von dem die Frau am lautesten war, während der Mann nur das krakelende Echo abgab, dahinter ein kümmerliches schwarzhaariges Männlein mit Fuselbart und schwarzem T-Shirt mit dem weißen Aufdruck „Böhse Onkelz“, offenbar der Sohn.

fußgängerwegPassend schleppte der böhse Onkel ein kleines blondes Mädchen mit, und für einen Moment tauchte das beängstigende alte Verkehrsschild „Fußgängerweg“ vor meinem geistigen Auge auf. Ich dachte den abziehenden Sachsen hinterher: „Ja, soll der Schaffner euch vorne in den 80-ziger-Jahre-Schrott-Waggon setzen, da könnt ihr meinetwegen randalieren, und ich muss nicht die gleiche Luft atmen wie ihr, selbst die dummen Lautäußerungen nicht hören, die ihr für Sprache haltet.“ Weiterlesen

Bericht von meiner ethnologischen Forschungsreise von Hannover nach Aachen und zurück (Folge 3)

Folge 1Folge 2

Die Stadt Aachen vergibt seit 1950 alljährlich den Karlspreis, benannt nach Karl dem Großen. Geehrt werden Personen, die sich um die europäische Einigung verdient gemacht haben. Selbstverständlich kommen einfache Menschen für den Preis nicht in Frage. Man ehrt grundsätzlich hochrangige Persönlichkeiten, um sich in deren Glanz zu sonnen. Im Jahr 2000 wählte das Karlspreis-Direktorium den damaligen US-Präsidenten Bill Clinton. Warum ein Präsident der Vereinigten Staaten?, fragte sich da mancher. Höher rauf geht es ja kaum noch. Warum nicht gleich < Zaphod Beeblebrox oder Gott? Beeblebrox kennen sie nicht und den Karlspreis an Gott zu vergeben, haben sie sich die geltungssüchtigen Aachener Honoratioren noch nicht getraut. Das Karlspreis-Direktorium hatte sowieso schon rote Ohren, als es auf einer internationalen Pressekonferenz in einem Kölner Hotel den Preisträger Bill Clinton bekannt gab. Da fragte ein erstaunter US-Journalist, wo Aachen denn überhaupt liege, und bekam die verwirrte, verwirrende Antwort: „Östlich von Köln.“ Da hätte er lange suchen können. Östlich von Köln liegen das Sieger- und das Sauerland.

Aachen liegt westlich! Etwa 80 Kilometer hinter Köln im westlichsten Winkel Deutschlands liegt Aachen. Weiter westlich geht es gar nicht. Wer noch weiter fährt, landet tatsächlich wieder im Osten, denn gleich an Aachens westliche Stadtgrenze grenzen die belgischen Ostkantone und Hollands südöstliche Provinz Limburg. Darum kann ich mit dem ICE 14, Fernziel Brüssel fahren. Er braucht für die Strecke Köln – Aachen gerade mal 33 Minuten. Ich habe eine Sitzplatzreservierung für den Wagen 25. In diesen Wagen drängen auch betagte Engländer und Engländerinnen, die zuvor in einer großen lärmenden Menschentraube den Bahnsteig versperrt haben. Nachdem sie alle ihren Platz gefunden und ihr Gepäck verstaut haben, verdunkelt sich der Himmel im ICE. In dieser drangvollen Überfüllung taucht plötzlich ein junger Araber neben mir auf und fragt in gebrochenem Englisch, ob der Platz noch frei sei. Er wirkt irgendwie schmuddelig und stinkt bestialisch.

Ich deute auf die leuchtende Reservierungsanzeige für den noch leeren Platz neben mir und fühle mich schlecht. Zum ersten Mal steht vor mir ein realer Flüchtling und ich sage: „Sorry, alles reserviert!“ Und was mir noch peinlicher ist, ich bin froh drum. Die Aussicht, eine halbe Stunde seinen Gestank ertragen zu müssen, haut mich um. Der junge Syrer zeigt mir seinen Fahrschein, hofft vermutlich, ich würde ihm den Platz zugestehen, wenn ich nur sähe, dass er einen gültigen Fahrschein nach Brüssel hat. Da taucht ein gut gekleideter Araber auf, offenbar der Platzeigentümer, lässt sich den Fahrschein zeigen und erklärt dem Syrer was, vermutlich, dass ein Fahrschein keine Reservierung sei, worauf der und ein zweiter Flüchtling sich verziehen. Was für eine Szene!
badetuch
Erstens wollte ich nie in die Situation kommen, einem Flüchtling einen Platz zu verweigern als wäre ich der Herr aller Plätze. Zweitens denke ich, dass die vielen freiwilligen Helfer, die Flüchtlinge in Empfang nehmen und versorgen, dass die auch konfrontiert werden mit Menschen, die sich auf einer wochenlangen Flucht nicht haben waschen können, die ihre Notdurft an den unmöglichsten Orten verrichten mussten und sich letztlich um hygienische Fragen nicht mehr kümmern konnten. Aber was hätte ich in dieser Situation tun können, um zu helfen? Während ich mich das frage und mit mir hadere, hat der feine Araber neben mir offenbar keine Probleme, packt einen dicken Plastikhalm aus der Papierhülle und zuzzelt einen sattgelben Smoothie. Auch die lärmenden Engländer haben gute Laune. Und alle Welt soll wissen, dass es ihnen zu gut geht.

Während am Horizont die ersten Höhenzüge der Nordeifel vorbeiziehen, über die ich in meiner Aachener Zeit als Radsportler unzählige Mal gefahren bin, kann ich mich gar nicht ablenken, sondern frage mich, warum die Flüchtlinge weiter nach Brüssel wollen. Ist da ein irrationales Element in der Wanderbewegung? Wollen diese entwurzelten Menschen einfach immer weiter nach Westen, möglichst weit weg von Ländern, wo Chaos ist, wo Bürgerkrieg herrscht, wo man sich gegenseitig beschießt, in die Luft sprengt, den Hals abschneidet? Vergessen manche bei ihrer Suche nach Sicherheit, Perspektive und Glück, irgendwo anzukommen, sich niederzulassen, wo es schon gut ist, in der Hoffnung, weiter weg wäre es noch besser?

In Brüssel, war zu hören, kann die Ausländerbehörde pro Tag 250 Asielzoekers (wörtlich: Asylsucher) registrieren. Die Zahl wird auf Geheiß des zuständigen Staatssekretärs nicht erhöht. Tausende stehen dort den ganzen Tag an und werden auf den nächsten Tag vertröstet. Sie übernachten in Zelten in einem Park nahe der Registrierungsbehörde. Das Rote Kreuz hat in einem nahen Büroturm 200 Schlafstellen eingerichtet, die fast nicht genutzt werden, worüber sich kürzlich ein flämischer Politiker öffentlich aufgeregt hat. Man versteht nicht, warum die Flüchtlinge lieber in Zelten leben. Es ist also nicht besser in Belgien. Da wie hier gibt es große Hilsbereitschaft in der Bevölkerung und Unverstand gepaart mit Unfähigkeit in der Politik. Wo ist eigentlich Karlspreisträger Bill Clinton? Europa könnte US-Unterstützung gut gebrauchen. Schließlich müssen wir die rücksichtslose Kriegspolitik der USA ausbaden, durch die eine ganze Region im Nahen Osten destabilisiert wurde, in deren Folge das Flüchtlingselend entstand. Aber Ehrungen wie der Karlspreis sind eben nicht mehr wert als hohle Reden, buckelnde Honoratioren, eitles Schaulaufen der Prominenz und Festbankette auf Kosten des Steuerzahlers in historischen Gemäuern. Wers nicht glaubt, der lese hier meine launige Exklusiv-Reportage, als Angela Merkel den Karlspreis an den Hals bekam.

Upps, der Lautsprecher kündigt schon Aachen an. Ich winde mich mit meinem Koffer zum Aussstieg.

Folge 4

Bericht von meiner ethnologischen Forschungsreise von Hannover nach Aachen und zurück (Folge 1)

Am Mittwoch, dem 16. September 2015, um 12:30 Uhr steige ich im Hauptbahnhof Hannover in den ICE 650 nach Köln Hbf und besetze im Wagen 34 den Fensterplatz 55. Neben mich setzt sich eine ältere Dame in roter Jacke. Beim Eintreffen grüßt sie. Sie will sich offenbar unterhalten, aber ich will die Zugfahrt genießen, einfach aus dem Fenster schauen und herrlich gedankenleer sein. Erst als wir durch Unna rollen, würde ich gern etwas sagen, weil ich gedacht habe, dass an der realen Existenz von Unna noch eher zu zweifeln wäre als an der Existenz von Bielefeld (siehe Bielefeldverschwörung).
Gruß aus Bielefeld Kopie
Die Bielefeldverschwörung im Bild – von mir gestaltete Ansichtskarte, mit der ich hoffe, Ehrenbürger von Bielefeld zu werden, obwohl ich von Bielefeldern schon böse beschimpft wurde. Das Klo habe ich hinzugefügt, weil mir jemand glaubhaft versichert hat, er sei schon auf dem Bielefelder Bahnhofsklo gewesen (größer: klicken)

Mit Unna kann ich überhaupt nichts in Verbindung bringen …
„So wahr sich Karnickel nach dem Goldenen Schnitt vermehren.“
Die Dame schreckt von ihrem Buch auf:
„Was erzählen Sie denn da? Woher sollen Karnickel den Goldenen Schnitt kennen? Den kenne ich ja nicht einmal.“
„5 zu 8 wie 8 zu 13 wie 13 zu 21 und so weiter. Minor zu Major wie Major zum Ganzen. Das ist der Goldene Schnitt in ganzen Zahlen und 5,8,13,21,34,55 und so weiter sind gleichzeitig die Fibonacci-Zahlen. Und wissen Sie, woran Fibonacci die Zahlenreihe entdeckt hat?“
„Nein, woher denn?“
„An der Fortpflanzungsrate der Kaninchen.“
„Ach so.“
Ich sehe, dass es ihr lieber wäre, ich hätte nichts gesagt, denke: „Du mich auch!“ und schaue wieder aus dem Fenster. Da folgt schon bald Schwerte an der Ruhr. Das Städtchen habe ich schon mehrfach mit dem Fahrrad durchquert, muss aber immer an den Germanistik-Professor an der RWTH Aachen Hans Schwerte denken, der eigentlich Hans Ernst Schneider hat geheißen, als er in der Naziära SS-Hauptsturmführer gewesen war und in der verbrecherischen Organisation Ahnenerbe Laboratoriumseinrichtungen für Menschenversuche organisiert hatte. In den Nachkriegswirren tauchte Schneider unter, seine Frau ließ ihn für tot erklären und heiratete ihn kurz darauf wieder. Da nannte er sich Hans Schwerte. Er habilitierte 1958 über Faust und das Faustische und brachte es bis zum Rektor der RWTH Aachen. Kollegen von mir haben bei dem faustischen Mann studiert und waren immer voll des Lobes. Im Jahr 1994, Schwerte war inzwischen längst im Ruhestand und stolzer Träger des Bundesverdienstkreuzes, da tauchten Reporter des niederländischen Fernsehens bei ihm auf, die seine wahre Identität enthüllt hatten. Danach wurde bekannt, dass es innerhalb der Hochschule eine ganze Reihe von Mitwissern gegeben hatte. Man munkelte auch von Erpressung, dass nämlich bestimmte Lehrstühle an gewisse Personen unter Schwertes Einfluss nur vergeben worden waren, damit er nicht aufflog.

Ach, wir schauen mal aus dem Fenster. Inzwischen sind wir nämlich schon in Wuppertal, der für mich gruseligsten Stadt Deutschlands. Eines noch, bevor ich morgen weiter berichte: In Aachen werde ich bei Freunden übernachten. Dort erfahre ich im Verlaufe eines feuchtfröhlichen Abends, dass just dieser Professor Hans Schwerte in der großen Dachetage des Hauses sein Liebesnest gehabt hatte.
Teil 2