Nachdenken über digitale Kommunikation (1) – Konstruktion und Dekonstruktion digitaler Gespenster

Seit ich im Jahr 2005 das Medium Blog entdeckte, haben mich seine besonderen Eigenschaften fasziniert und irritiert. In den ersten Monaten korrespondierte ich mit einer regelmäßigen Leserin meines Blogs. Die Frau benutzte in ihren Texten kein Eszett, und so glaubte ich, sie säße in der Schweiz, wo man das Eszett nicht kennt. Wenn ich ihr also schrieb, dann immer in der Vorstellung, meine Mail flöge in die Schweiz, denn obwohl der Ort in der digitalen Kommunikation keine Rolle spielt, sind Menschen meiner Generation noch von analogen Vorstellungen geprägt. Wenn wir einen Brief adressieren, verknüpfen wir mit dem Zielort der Briefsendung eine Vorstellung. Diese analoge Idee prägte auch mein E-Mail-Schreiben. Ich sandte also meine Mails in die Schweiz, bis ich erfuhr, dass meine E-Mail-partnerin am Niederrhein, nahe der niederländischen Grenze lebte. Sie hatte nur längere Zeit eine Fernbeziehung mit einem Schweizer gehabt und seine Schreibgewohnheiten übernommen, was ihr selbst gar nicht aufgefallen war.

Dies zeigt eine Besonderheit der digitalen Kommunikation. Weil der Kommunikationspartner prinzipiell verborgen bleibt, konstruiert der analog geprägte Mensch sich eine fiktive Person anhand von willkürlichen Merkmalen, und zwar wechselseitig. Es liegt offen auf der Hand, dass hier etwas fehlt, was menschliche Kommunikation ausmacht, die Reichhaltigkeit der Botschaften über verschiedene Wahrnehmungskanäle, dass das Olfaktorische, Akustische und Taktile ausgespart bleibt und das Visuelle vom Ansehen einer Person auf das Gesicht des Schriftlichen reduziert ist, wobei dieses Gesicht sich in entfremdeter technischer Schrift präsentiert. Doch neben das Fehlende tritt etwas Neues, ein rein imaginäres Gegenüber.

Auf digitalem Weg kommunizieren Schimären, die einzig im Kopf des jeweiligen Gegenübers existieren. Je länger und intensiver die Kommunikation, desto deutlicher tritt uns das digitale Gespenst entgegen und gewinnt Zug um Zug an Kontur. Es konstruiert sich eine Sorte innerer Mensch, völlig unterschieden von jeder inneren Entsprechung einer analogen Person, denn dass der Mensch sich ein Bild von seinem Gegenüber macht, lässt sich auch von Angesicht zu Angesicht nicht vermeiden. Interessant ist es, zum digitalen Gespenst den ganzen Menschen kennen zu lernen. Es dauert eine Weile, bis beide Bilder verschmelzen, doch sobald sich das analoge Gegenüber wieder entfernt hat, tritt in der digitalen Kommunikation wieder ein Gespenst an seine Stelle, das über Merkmale verfügt, die der realen Person fehlen.

Was wir analog „zwischen den Zeilen lesen“ nennen, das Erahnen des Gemeinten, das nicht im Text ausgesagt wird, geschieht auch bei der Konstruktion des digitalen Gespenstes. Es entsteht geradezu eine Sucht danach, die fehlenden Informationen zu ergänzen, und mancher mag glauben, ein besonders feines Sensorium zu entwickeln. Was dieses Sensorium an Ahnungen zu Tage fördert, lässt sich nicht diskutieren, sondern muss in seiner völligen Subjektivität als Faktum genommen werden, weil das kommunikative Handeln davon beeinflusst wird.

Nächstens: Digitale Orte und Ortlosigkeit

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18 Kommentare zu “Nachdenken über digitale Kommunikation (1) – Konstruktion und Dekonstruktion digitaler Gespenster

  1. Was für ein interessantes Thema!

    Interessant ist es, zum digitalen Gespenst den ganzen Menschen kennen zu lernen. Es dauert eine Weile, bis beide Bilder verschmelzen, doch sobald sich das analoge Gegenüber wieder entfernt hat, tritt in der digitalen Kommunikation wieder ein Gespenst an seine Stelle, das über Merkmale verfügt, die der realen Person fehlen.

    Damit habe ich andere Erfahrungen. Bis auf zwei Ausnahmen (die mit mir gemachten Avancen und kontaktanzeigenüblicher Lügerei zu tun hatten) hatten alle, die ich nach der digitalen auch in der analogen Welt kennengelernt habe, allergrößte Ähnlichkeit mit dem Bild, das ich mir zuvor von ihnen gemacht hatte. Die Verschmelzung dauerte nicht recht viel länger als bis zum ersten Händedruck. Die Ergänzung der Kommunikation durch Mimik, Gestik, Geruch (über die im persönlichen Gespräch ein sehr großer Teil der Information übermittelt wird) verschwand bei der Rückkehr ins Digitale auch nicht wieder ins Gespensterhafte, sondern nur räumlich.

    Die Schärfung der eigenen Wahrnehmung und auch die zur Vermeidung von Mißverständnissen nötige Genauigkeit beim Lesen und Schreiben ist vielleicht ähnlich dem Lernen einer Sprache, die der eigenen zwar verwandt, aber voller falscher Freunde ist.

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    • Freut mich, vielen Dank! Die Metapher vom falschen Freund scheint mir hier gut zu passen. Im Abgleich zweier Wörterbücher verschiedener Sprachen lassen sich falsche Freunde enttarnen. Leider fehlt aber die lexikalische Erfassung von Merkmalen in der digitalen Kommunikation oder wie Manfred Voita im Kommentar weiter unter schreibt: „(…) denn es sind ja keine Formeln, keine technischen Anleitungen, die wir da lesen.“
      Zu Ihrem Einwand. Meine eigenen Erfahrungen über plötzlich vorhandene Vertrautheit nach einem intensiven digitalen Kontakt sind ähnlich. Doch finde ich in der digitalen Kommunikation nachträglich noch immer Elemente, die im analogen Kontakt fehlen. Ich könnte es am Beispiel beschreiben, aber das Gespenstige steckt im Thema selbst. Wann immer ich etwas deutlicher zu erfassen versuche, schwindet es um die nächste Ecke.

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  2. Du hast vollkommen Recht. Wir können dem auch nicht entgehen, denn es sind ja keine Formeln, keine technischen Anleitungen, die wir da lesen. Ein Mensch steht hinter den Texten und nach und nach ergänzen sich Informationen zu dem, was du Gespenst nennst und was, das lässt sich jetzt nicht vermeiden, hoffentlich auch geistreich ist. Anders als beim gedruckten Text können wir aber nachfassen, kommentieren, Reaktionen erhalten und überprüfen und ergänzen unser Bild so immer weiter. Heute habe ich z. B. noch einen Artikel auf Spiegel-online gelesen und recht lange gebraucht, um im Netz zusätzliche Informationen über den Autor aufzutun.

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    • Gut, dass du das geistreiche Wortspiel nicht vermieden hast. Ich kann mich immer an sowas erfreuen. Das genaue Recherchieren wie deines nach dem Autor eines Textes steht uns im analogen Kontakt gar nicht zur Verfügung, weil er an den Augenblick geknüpft ist. Ständig machen wir uns ein Bild vom Gegenüber, und damit wir effektiv urteilen können, etwa um Gefahren einzuschätzen, geht hier, wie ich mal gelesen oder gehört habe, „Geschwindigkeit vor Genauigkeit.“

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  3. „Es konstruiert sich eine Sorte innerer Mensch, völlig unterschieden von jeder inneren Entsprechung einer analogen Person, denn dass der Mensch sich ein Bild von seinem Gegenüber macht, lässt sich auch von Angesicht zu Angesicht nicht vermeiden.“

    Kann man hier nicht von zwei Gespenstern sprechen, einem digitalen und einem analogen? Wobei das analoge freilich weniger gespenstig erscheint, weil wir glauben, daß wir den Menschen, wie er vor uns steht, spricht und sich verhält, vollkommen erkennen können, zumindest theoretisch. Daß das doch auch „nur“ ein Gespenst ist, kann eine schmerzliche Erfahrung sein. Beim digitalen denken wir das nicht so schnell, aber Du hast recht, je länger wir mit jemandem im Blog kommunizieren, um so mehr verfestigt sich das Bild, was man sich von ihm macht. Ich bin meist schon überrascht, wenn mal jemand, den ich schon lange im Netz „kenne“, nur ein Foto von sich zeigt.

    Toller Text, sehr anregend!

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    • Du hast Recht. Ich habe das analoge Bild, das wir uns von unserem Gegenüber machen, nur gestreift, obwohl es zuerst betrachtet werden müsste. Es stehen uns im analogen Kontakt verschiedene Wahrnehmungskanäle zur Verfügung. Weil wir aber manchmal spontan entscheiden müssen, kann es vorkommen, dass wir uns ein Zerrbild vom anderen machen, ihn spontan ablehnen, weil wir ihn „nicht riechen können“ , weil uns seine Mimik unheimlich ist, weil er sich dumm bewegt, er eine unangenehme Stimme hat oder übergriffig ist und in die Sphäre eindringt, die wir unsere private Schutzzone nennen. Alles gilt auch eventuell umgekehrt. An diese Sorte „Gespenst“ sind wir gewöhnt, Da haben wir unsere Strategien, um falsche Bilder zu hinterfragen, erkennen Vorurteile und revidieren manche Entscheidung, sobald Zeit und Gelegenheit ist. Man kann trotzdem auf einen Menschen hereinfallen, was speziell Heiratsschwindel ermöglicht oder bei jungen Frauen sexuelle Ausbeutung durch die Loverboys, was du mit „schmerzlicher Erfahrung“ angesprochen hast.

      Das digitale Bild, das wir uns machen, fußt oft allein auf Text. Unsere Schrift ist zwar eine Lautschrift, doch in der digitalen K. lesen wir sie nur ab, Das Bild, das wir so gewinnen, ist im hohen Maße abstrakt. Abstrakter ist nur Fernschach. Aber der Mensch macht sich trotzdem ein Bild und ergänzt die fehlenden Informationen durch Ahnungen und Projektionen. Da kann ein Foto sich störend auswirken.

      Ich danke dir, dass du mich quasi gezwungen hast, genauer nachzudenken.

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      • Nichts zu danken, das war ja in dem Text schon angelegt.

        Ich frage mich, ob wir nicht immer „hereinfallen“ auf jemanden aufgrund des Bildes, was wir uns von ihm machen, auch im Analogen, was aber oft keine großen Auswirkungen hat, weil es so ungefähr stimmig scheint. So machen wir eventuell auch schlechte Erfahrungen nicht nur mit gemeinen Leuten, Heiratsschwindler und Loverboys, die sich ja schon von vornherein in betrügerischer Absicht verstellt haben – wie soll man da ein richtige Bild gewinnen – , nein, auch die Personen, die uns eigentlich nie etwas Böses wollten – Beziehungspartner, Freunde – zeigen sich plötzlich von einer Seite, die man nicht für möglich gehalten hätte. Ich habe mal in der Endphase einer Beziehung Erfahrungen gemacht, die mich regelrecht erschüttert haben, aber je größer der Abstand (über 20 Jahre) dazu wird, wird mir klar, daß ich schon vorher einem Gespenst aufgesessen bin – meinem (!) Bild, was ich von meiner damaligen Partnerin hatte. Was mich zu der Frage führt: Was wissen wir wirklich vom anderen? Nicht viel, befürchte ich, in jedem Gegenüber stecken immer so viele Möglichkeiten – auch unangenehme -, daß man eigentlich ständig auf der Hut sein müßte. Das geht natürlich nicht, aber des Risikos sollte man sich wohl immer bewußt sein.
        Und das ist der Vorteil des digitalen Gespenstes: Wir sind uns darüber bewußt, daß es eins ist, jedenfalls bewußter, als im analogen Leben. Sollte es hier Enttäuschungen geben, stecken wir sie leichter weg, weil uns klar ist, daß sie zum großen Teil auf einem Bild beruhen, daß wir uns selbst gemacht haben.

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        • Dein Beispiel zeigt, dass unser Bild von einem Menschen für eine Wele stimmig sein kann, dann nicht mehr. Es ist ja alles im Leben dynamisch, wir selbst sind es auch. Eventuell hattest auch du dich verändert und hast deshalb andere Aspekte an der Partnerin wahrgenommen, die erst durch deine Veränderung freigelegt wurden. Watzlawick spricht hier von der „Interpunktion der Ereignisfolgen.“ In Beziehungen bestimmen Partner sehr unterschiedlich, was der Anlass für eine Entwicklung zum Streit oder zur Trennung war. Du deutest es zum Schluss an, das Bild, das wir uns machen ist kein für alle Zeiten gültiges Foto, sondern wir müssen es als zeitliche Sequenz ansehen, die ab und zu einen prüfenden Blick braucht.

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    • Der Unterschied ist, dass man einen haptisch erfahrbaren Brief bekam, dessen Umschlag mit Briefmarke, Poststempel und Absenderangaben seine Herkunft zeigte. Evtl. hatte der Umschlag das Papier und die Umrandung von Luftpost und man konnte die Vorstellung eines fremden Herkunftslandes gewinnen. Wenn man den Brief öffnete, konnte man das einliegende Blatt oder die Blätter entfalten und sah die Handschrift. Und beim Lesen des handschriftlichen Textes war man der Person irgendwie körperlich nah. Eventuell war das Papier eingesprüht mit Parfüm, und wenn es ein Liebesbrief war, waren zwei Kusslippen abgedrückt.. Wie armselig ist dagegen eine E-Mail.

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  4. Wenn Menschen, die in einer analogen Welt aufwuchsen, den digitalen Wandel beschreiben, geschieht dies meist mit Blick auf den Verlust. Etwas (lieb gewonnenes) verschwindet. Wehmut bis zu Katastrophenstimmung (Untergang der Kultur) sind die emotionalen Begleiterscheinungen. Mir geht das genauso, und dennoch sehe ich für mich in letzter Zeit das Kontinuierliche in diesem Prozess, den gewissermaßen alten Wein in neuen Schläuchen. Z. B. ist mir klar geworden, dass das vielbeschworene Neue am Digitalen, also das „diskrete“ Prinzip (Null oder Eins) im Unterschied zum „Übergang“ nur eine Frage der Perspektive ist. Denn auch das menschliche Denken, soweit wir es verstehen, basiert im Gehirn auf biochemischen Vorgängen im Kontakt von Synapsen, die entweder „feuern“ oder „nicht feuern“, also „Null“ oder „Eins“ mithin digital. Oder nehmen wir den Schall. Aus einer regelmäßigen, sehr schnellen Luftdruckveränderung – „Druck“ vs „Unterdruck“ -macht das Gehör ein Geräusch oder sogar einen Ton. Das ließe sich beliebig weiterdenken. Die Messlatte für unsere Unterscheidung Digital/Analog ist die Qualität unserer Sinneswahrnehmung, bzw. die Trägheit der Instrumente, die uns als Menschen im Kontakt mit der Umwelt zur Verfügung stehen. (Wenn wir einen Film schauen, und kontinuierliche Bewegung wahrzunehmen meinen, sehen wir in Wahrheit ja auch nur „ruckelnde“ Standbilder“) Und nun komme ich auf deinen Text, den ich so anregend finde und mit so viel Vergnügen lese, dass er mich zu diesem, zugegebenermaßen ausufernden Kommentar verleitet. Zwar wertest du die von dir beschriebenen Phänomene nicht, aber ich spüre doch eine große Emotionalität dahinter (ich mag mich täuschen!). Sie findet ihren Ausdruck in dem Wort „Gespenst“. Die fernschriftlich digitale Kommunikation isoliert einen Verständigungskanal (das zur Schrift eingedampfte Wort) und spart alle anderen möglichen aus (du nennst sie in deinem Text): Diese Leerstelle nennst du „Gespenst“, ich würde das „Platzhalter“ nennen. Das Phänomen ist, glaube ich, uns allen wohlbekannt, seit wir Radio hören. Zu einer vertrauten Stimme denke man sich, ob man will oder nicht, ein Gesicht. Und dieses Gesicht passt nie zum realen, denn wir verfügen nun mal nicht über hellseherischen Fähigkeiten. Man könnte hier ohne weiteres vom „Radiogespenst“ sprechen (hat vielleicht ja schon einmal jemand, als das Phänomen Radio aufkam?). Um den Reflex, über das „Neue“ zu erschrecken, einmal zu hintergehen, habe ich für mich ein kleines Gedankenexperiment durchgeführt: Wie wäre es, wenn der Wandel analog-digital umgekehrt verliefe, das Analoge also das Digitale ablösen würde. Im Hinblick auf die technischen Kommunikationsmittel würden wir also nun feststellen, dass man, wenn man jemanden anruft, sofort zweifelsfrei weiß, wo der sich aufhält. (fest verdrahtetes Telefon) Ob dem das passt oder nicht – vielleicht möchte er gerade lieber nicht „geortet“ werden – wir wissen Bescheid. Des weiteren aber sind wir möglicherweise gezwungen, mit jemand zu sprechen, den wir gar nicht anrufen wollten, weil sich mehrere Personen – die Familie, die WG – einen Apparat teilen. Ich habe also plötzliche die Partnerin, den Vater etc. an der Strippe, muss mich vielleicht über den Grund meines Anrufes erklären etc. Wie unangenehm das werden kann! Ganz zu schweigen, dass ich den von mir Gewünschten Gesprächspartner überhaupt nicht erreiche, ich kann ihm gar nichts mitteilen! Undsoweiterundsofort. Du siehst, worauf ich hinaus will. Der Verlust ist stets ein Gewinn, und umgekehrt. Das ist Veränderung. Und obwohl alle von dir beschriebenen Phänomene ihre Richtigkeit haben, sehe ich persönlich keine „Gespenster“. Beste Grüße!

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    • Danke für deinen langen Kommentar, den ich meinerseits mit Vergnügen gelesen habe. Zu deiner Vermutung der Emotionalität. Ich schreibe nicht von Kulturverlust und dergleichen, sondern versuche nur phänomenologisch zu erfassen, was wir mit diesen für den Menschen neuen digitalen Kommunikationsformen erleben. Mediale Veränderungen haben mich schon immer fasziniert. Angeregt zu diesen Texten wurde ich vom im 2. Beitrag zitierten Aufsatz und der Wendung „Ortlosigkeit der Schrift“, die gespenstig sei. Von dort wurde ich also zum „digitalen Gespenst“ angeregt. Mir gefällt es auch wegen seiner Nähe zu Gespinst, also Hirngespinst. Es ist damit von mir keine negative Wertung verbunden. Du hast treffend das Radiogespenst neben das digitale Gespenst gestellt und verweist genauso treffend darauf, dass unsere Wahrnehmungen im Gehirn vergleichbar digital verarbeitet werden, indem Synapsen entweder „feuern“ oder „nicht feuern“, also „Null“ oder „Eins.“ Mir kommt es auf die Frage an, ob nicht doch ein Unterschied besteht zwischen analoger und digitaler Wahrnehmung. Zum Analogen gehört das Stoffliche, das eine gewisse physikalische Präsenz außerhalb unseres Kopfes hat. Andere können es ebenfalls wahrnehmen und können sich darüber austauschen, indem sie beispielsweise befinden, dass die Kugel, die über die Hecke in den Garten geflogen ist, ein Ball ist, den man titschen, werfen oder schießen kann. Mit der im Text beschriebenen digitalen Wahrnehmung des bloggenden Gegenübers ist aber jeder für sich allein. Sie lässt sich nicht durch Untersuchung objektivieren. Das heißt, den digital feuernden Synapsen ist eine Wahrnehmungsebene entzogen. Es fehlt das Medium, innerhalb dessen sich auch andere Inividuen aufhalten können.
      Dein Gedankenexperiment der Umkehrung darauf angewendet, hätten wir anfangs ein Gehirn, das in einer Nährlösung schwimmt, und über Elektroden würden ihm Impulse beigebracht, das heißt eine komplexe physikalische Realität simuliert. In diesem digitalen Universum wäre das Ichkonstrukt allein. Er könnte nicht tatsächlich interagieren, denn alles was geschieht, müsste von außen geplant sein. Um diesen unbefriedigenden Zustand zu beenden, würde man dem Gehirn einen Körper geben, mit dem es sich in einer physikalischen Realität bewegen kann.
      Schöne Grüße von „Platzhalter“ zu „Platzhalter.“

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      • Lieber Platzhalter, wir sind allein! Mehr oder weniger. Jetzt im Digitalen vielleicht ein bisschen: mehr. Aber der Versuch, die eigene Isolation durch Kommunikation zu überwinden, ist stets nur ein relativer. Er kann gelingen oder misslingen. Und weil jede Veränderung eine Herausforderung ist, gibt es auch bei der digitalen Kommunikation ein paar Anfangsschwierigkeiten, die sich zwar nicht gänzlich überwinden lassen werden, an denen wir aber doch auch wachsen. Als der Mensch mal anfing, Briefe zu schreiben, brachen plötzlich auch Mimik, Geruch des Gegenübers weg, es entstand aber auch eine neue Qualität des Miteinander-In-Kontakt-Tretens-und-Bleibens. Entscheidend ist doch, dass der digitale Kontakt ja nicht der einzige ist (das wäre allerdings fatal, und würde uns sicher zu Monstern degenerieren lassen), sondern das Analoge steter Begleiter unseres Lebens bleibt. Ich glaube, wir widersprechen uns auch gar nicht, ich betone lediglich, im Unterschied zu dir, das Kontinuierliche der Entwicklung, also das: Analoge 🙂

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  5. Pingback: Von der Klage der Texte wider ihren Erzeuger – Teestübchen Jahresrückblick 2015

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