Heiligabend in der Bahn

Erstaunlich wenig Betrieb im Reisezentrum der Deutschen Bahn. Ich ziehe die Aufrufnummer 1093 und habe laut Anzeige nur noch drei Bahnkunden vor mir. Die Anzeige springt um, ich werde zu Schalter acht gerufen, wo mich eine gemütlich dicke Frau empfängt. Sie sitzt bequem zurückgelehnt und macht auf den ersten Blick nicht den Eindruck, als wollte sie sich besonders engagieren. Dann aber sucht sie die gewünschte Verbindung für mich raus, bestätigt den günstigen Sparpreis, und als ich noch eine Reservierung wünsche, schlägt sie vor, ich solle doch ein 1. Klasse-Ticket nehmen, das wäre als Sparpreis nur 13 Euro teurer, und da sei die Reservierung schon enthalten. „Weihnachten darf man sich schon mal was gönnen“, meint sie. Tatsächlich gönne ich mir nur vier Euro zusätzlich, denn die eingesparte Reservierung würde neun Euro kosten. Bei mir staune ich, dass Ersteklassemenschen nicht reservieren müssen. Warum ginge das nicht auch in der 2. Klasse? Es gibt da natürlich immer Reisende, meist junge Männer, die die neun Euro für die Reservierung sparen wollen. Einerseits sind sie dadurch völlig frei in der Wahl ihres Zuges; erwachen sie am Reisemorgen mit einem Brummschädel, fahren sie einfach ein paar Stunden später. Sie nehmen auch gern in Kauf, mit ihrem ganzen Kram, Laptop, Kopfhörer, belegtem Brötchen, Kaffeebecher, Jacke und Rucksack umzuziehen, wenn jemand kommt und den von ihm reservierten Platz beansprucht. Ja, solchen jungen Männer gehen die gesparten neun Euro über alles. Selbst wenn sie auf der Fahrt von München nach Hamburg dreimal umziehen müssen, dann haben sie pro Umzug immer noch drei Euro im Sack.

Für diese smarten Typen, denen es auch überhaupt nichts ausmacht, ihre Mitmenschen zu nerven, indem sie ihre Geduld strapazieren, weil so ein Umzug natürlich in aller Ruhe vollzogen werden will, für diese Gemütsmenschen sollte die Bahn in der zweiten Klasse einen extra Wagen einrichten, wo sie unter Gleichgesinnten in völliger Eintracht dahinreisen könnten. Alle anderen aber hätten reservierte Plätze wie die Ersteklassemenschen. Das setzt natürlich voraus, dass die Bahn auch mit den angegebenen Waggons vorfährt und nicht etwa ein Wagen fehlt, so dass verwirrte, verirrte Reisende den Wagen der jungen Männer okkupieren.

Ich habe schon Dramen um fehlende Wagen erlebt, also eigentlich habe ich mich mal herzlich amüsiert darüber, wie ein paar Sachsen einstiegen und die falsche Reihenfolge des Wagen 10 beklagten. Und ich dachte noch: „Beschwert euch, Ihr seid verdammt noch mal das Volk!“ Dann hatte das Volk aber erst recht was zu maulen, als sie nämlich hinter mir ihre reservierten Plätze nicht fanden; sie hatten im IC nach Dresden vier Plätze an einer Tischgruppe gebucht, die es nicht gab und knubbelten sich trotzig auf der Stelle, wo die Tischgruppe hätte sein sollen, offenbar in der Hoffnung, die Tischgruppe würde sich ihrem Trotz ergeben und noch materialisieren, bis der Schaffner ihnen erklärte, es wäre ein anderes Wagenmodell als vorgesehen angehängt worden. Und so etwas Unzüchtiges wie Materialisierungen ganzer Tischgruppen gäbe es nicht bei der Deutschen Bahn. Dann war ich froh, dass er ihnen alternative Plätze in einem vorderen Wagen anbot. Gekränkt und erbost über die Ungerechtigkeit der Welt und speziell über die Diskriminierung durch die Bahn – „Nü, wür hapen de Blätze toch pezahld!“ – folgten sie nur widerwillig, ein älteres Ehepaar, von dem die Frau am lautesten war, während der Mann nur das krakelende Echo abgab, dahinter ein kümmerliches schwarzhaariges Männlein mit Fuselbart und schwarzem T-Shirt mit dem weißen Aufdruck „Böhse Onkelz“, offenbar der Sohn, der ein bedauernswertes kleines blondes Mädchen mitschleppte. Das wünscht man sich ja als Kind, von einem böhsen Onkel zu völlig unbekannten Tischgruppen verschleppt zu werden.

Ähem, vom Thema abgekommen. Ich gönne mir also Heiligabend etwas Preiswertes und werde 1. Klasse nach Hamburg reisen. Man soll nicht denken, dass ich noch nie 1. Klasse gereist bin. Als ich noch Seminare für das Aachener Medien-Institut abgehalten habe, bin ich immer in der 1.Klasse gereist, quer durch die Republik. Allerdings ist es an Werktagen nicht wirklich vergnüglich, weil dann die Geschäftsreisenden ringsum unermüdlich telefonieren, ja geradezu ihre Energie daraus ziehen, dass man ihren überaus wichtigen Gesprächen zuhören muss. Wer hingegen in der 2. Klasse in beruflichen Dingen telefoniert, schindet keinen Eindruck, sondern outet sich als geschäftlich marginale Person.

„Wollen Sie am Tisch sitzen oder telefonieren?“, fragt mich die freundliche Bahnbedienstete. „Nein, ich möchte nur meine Ruhe haben.“ Also bucht sie mir den Ruhebereich. Es braucht mich da auch niemand anzurufen, während ich versonnen aus dem Fenster schaue, derweil draußen die Ödnis der Lüneburger Heide vorbeizuziehen scheint und ich mich schaudernd daran erfreue, dass ich mich an dieser oder jener unwirtlichen Stelle draußen niemals werde befinden müssen. Erst recht nicht an Heiligabend.

15 Kommentare zu “Heiligabend in der Bahn

  1. Naja, so lange die Bahn in der Ödnis keine Panne erleidet und die Fahrgäste bittet, die letzten Kilometer zu Fuß zurückzulegen, ist es okay.

    Lieber Jules,
    ich wünsche Dir frohe und besinnliche Weihnachten.

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  2. Lieber Jules, seit es ihn gibt, reise ich nur noch im Ruhebereich (von dem ich glaube, daß er auch aufgrund eines sehr bösen Beschwerdebriefs meinerseits überhaupt existiert), denn nur da kann man Mitreisende ohne Gewissensbisse darauf hinweisen, ihre diversen Geräte mal für ein paar Stunden auszuschalten. Natürlich verirren sich immer Reisende ohne Reservierung dorthin, oft mit Kindern, die mit Computerspielen stillgestellt werden. Deren Eltern können sich meistens nicht vorstellen, daß ich gegen Gespräche absolut nichts habe, aber auf das Piepen von Geräten allergisch reagiere, Wenn es nur noch ein paar Minuten bis zum Zielbahnhof sind, sage ich meistens gar nichts und finde mich dann sehr tolerant.

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    • Liebe Dorothea,

      dann danke ich dir herzlich für deinen Einsatz, denn der Ruhebereich ist schon eine feine Sache. Ein junger Mann wurde vom Zugbegleiter in einen anderen Wagen gebeten, weil er auf seinem Tablett spielte. Ich glaube, er trug sogar Kopfhörer. Hast du deinen Beschwerdebrief mal veröffentlicht? Wäre sicher ein Genuss, den zu lesen.

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      • Lieber Jules,
        leider nein; diesen Brief habe ich in den 1990ern geschrieben, mit Schreibmaschine, ohne Durchschlag. Irgendwo habe ich noch das Konzept, aber ich bin etwas unordentlich und werde es, wenn überhaupt, erst bei meinem nächsten Umzug finden.
        Übrigens habe ich vor rund 10 Jahren auch bei Reichelt (heute Edeka) bei der Geschäftsleitung vorgesprochen, als dort plötzlich Musik im Hintergrund rauschte und mir das Einkaufen madig machte. Ich sagte, ich würde dort nicht mehr einkaufen gehen, wenn weiter Musik liefe, und da ich offenbar nicht die einzige war, die sich beschwerte, war das Experiment kurz danach beendet, und seither läuft dort keine Musik mehr.
        Fazit: Man glaubt so oft, eine einzelne Stimme zähle nicht, aber man kann oft mehr bewirken, als man denkt; man muß nur etwas tun.

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  3. Übrigens bin ich vor 2 Jahren einmal an Heiligabend mit dem Nachtzug gefahren, Berlin ab gegen Mitternacht, Ankunft in Trier gegen 11 Uhr morgens. Es war einfach nur furchtbar, mit 5 fremden Leuten im Abteil, das Fenster blieb natürlich zu, ich war schon in Koblenz halb erstickt.

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