Karges Traumgesicht

Die Besiedlung alter Kulturlandschaften ist bestimmt durch die Fruchtbarkeit der Böden. Wo die Erde fruchtbar ist, siedeln die Menschen so dicht beieinander, wie es geht. Es gibt Regionen, wo ein Abstand von etwa zwei Kilometern reicht, die Dörfer und Flecken zu ernähren. Anders die Lüneburger Heide. Dort wo arme Böden kaum Landwirtschaft erlauben, wo über viele Quadratkilometer nur Flechten und Moose, karges Gras, Gestrüpp und Krüppelholz wachsen, siedeln nur wenige Menschen.

Es erfreut und beruhigt den Reisenden, dass sein Zug das unfruchtbare Land mit 200 Stundenkilometern durcheilt und erst halten wird in der großen Stadt, deren Bewohner sich vom Fernhandel ernähren. Eine Weile schaut er durchs Fenster auf das Eintönige hinaus. Eine Landschaft in Grau-Grün-Dreckigbraun. Weitere Farbakzente fehlen, und auch sonst ist in allem eine ständige Wiederkehr der gleichen krüppeligen Birken und schlammigen Waldwege, die von Rädern zerfurcht und zerfahren ins Nirgendwo zu führen scheinen, mal im großen Bogen zur Seite weichen und sich aufschwingen zu einer Brücke, die niemand braucht. Abseits der Gleise ist rückständiges Land, ein einschläferndes Einerlei.

Drei, fünf, acht quadratisch angelegte Fischteiche hintereinander sind schon der zivilisatorische Höhepunkt. An deren Zufahrt parkt ein dunkelgrünes Auto, ein Kescher liegt da, der Mensch dazu aber ist weit und breit nicht zu sehen, wie verschluckt vom schwarzen Wasser der Teiche, wo der Reisende ihn ahnt, wie er inmitten seiner fetten Karpfen dahintreibt, deren kalte Leiber er mehr spürt als sieht, aber dieses glitschige Spratteln ringsum drückt ihn hinunter zum schlammigen Grund, es trachtet ihm nach dem Leben als perfekte Spiegelung der gleichgültigen Gnadenlosigkeit, mit der er einige Karpfen fürs Weihnachtsessen hatte abfischen und schlachten wollen. Da treibt auch der Reisende hinter dem Fenster unter Wasser dahin und sein zur Seite ans Fenster lehnender Kopf durchdringt die Scheibe so wenig wie den Wasserspiegel.

Da jedoch wird die Luft ihm knapp, ihn drängt es nach oben, und er steigt, die glitschigen Leiber tretend wie Treppenstufen, vom Teichgrund auf, fährt prustend an die Oberfläche und rettet sich an Land. Er ist sich keiner Schuld bewusst, als er sich triefend und durch den Schlamm kriechend in sein Auto schleppt. Vor Kälte zitternd, lenkt er heimwärts. Er hatte doch nur den Speiseplan seiner geladenen Großfamilie ein wenig bereichern wollen. Seine schöne Frau Nora, wie sehr ist sie es leid, sich von Flechten und Moosen zu ernähren, und obwohl nicht von hier, beginnt auch bei ihr schon der Bewuchs. Und es dauert sie der Anblick ihrer hier geborenen Kinder, die inzwischen selbst von Flechten und Moosen überzogen sind. Irgendwann werden sie Teil dieser Heide sein, knorrig und vom Moos bepelzt in den torfigen Boden gerammt werden.

Zu Weihnachten großer Auftrieb in der kleinen Klause der Familie Strauch. Die weitverzweigte Verwandtschaft hat sich angesagt. Seit Tagen karrt Vater Strauch bereits Essen heran, das meiste aus der fernen Stadt, schwer genug und kompliziert. Seit Tagen steht Nora Strauch in der Küche und macht und tut für die drangvolle Runde da am Tisch der Klause direkt beim krüppeligen Weihnachtsbaum, jeder redet, und keiner hört zu. Als Nora das Tablett mit dem Korn herumreicht, lehnt Schwippschwager Baltus ab: „Mein Arzt sagt zu mir, Herr Wingens, Sie haben einen kaputten Magen, Sie müssen alle scharfen Getränke weglassen!
Tante Liesl kippt erst ihren, dann seinen Korn hinterher und widerspricht: „Ich nicht, ich soll sogar trinken!“
Seien Sie vorsichtig mit dem Trinken, besonders mit scharfen Sachen, hat er gesagt“, fährt Onkel Baltus fort.
Tante Liesl hat jetzt die Bosheit gepackt: „Mein Arzt sagt: Trinken Sie nur, Bier, Wein … und ein Schnäpschen in Ehren kann niemand verwehren.
„Meiner nicht. Auch Bier nicht, Herr Wingens, lassen Sie bloß das Bier aus dem Leib!, sagt er. Am besten lassen Sie die Finger ganz vom Alkohol weg!
„Meiner sagt: Trinken Sie nur! Sie müssen jeden Tag zwei Liter Flüssigkeit trinken!
„Was ist mit Cola? Cola trinke ich doch so gern, Herr Doktor.“
Cola? Ganz schlecht!, sagt er, kennen Sie das Fleisch-Experiment? Legen Sie mal ein Stückchen Fleisch über Nacht in eine Cola, dann sehen Sie am nächsten Morgen, was die Cola mit Ihrem Magen machen kann!
Zwei Liter Flüssigkeit müssen Sie trinken, Frau Blum, egal was es ist, von mir aus Cola, Cola ist gut und Kaffee, Bier, Hauptsache, Sie trinken!
„Ich frage, was ist mit Kaffee?“ Kaffee, Herr Wingens? Trinken Sie um Gottes Willen keinen Kaffee!
Trinken, trinken, trinken, Frau Blum.
„Auch keinen schwarzen Tee?, frage ich. Nein, Tee ist ganz schlecht.
„… was gerade da ist, Kaffee, schwarzer Tee, Sprudel, Limonade
Und alles, was Kohlesäure enthält, ist Gift für Sie, Herr Wingens!
„Ich vertrage ja nichts Glutenfreies“, ruft Tante Hubertine.
„Nora! Nora! Ist die Wurst auch BSE-reduziert?!“
„Ich brauche Lactose“, ruft Nachbarin Gundula, „ohne Lactose habe ich kein Weihnachten. Da bin ich intolerant!“

„Wünschen Sie Kaffee, Cappuccino, ein Kaltgetränk?“
„Nein, danke“, murmelt der Reisende im Halbschlaf, „der Arzt hat es verboten.“
Er schaut auf. Die Zivilisation hat ihn wieder. Er nimmt den letzten Schluck aus der mitgebrachten Wasserflasche. Er schmeckt torfig.

24 Kommentare zu “Karges Traumgesicht

  1. Lieber Jules, dass Du Dich erzählerisch dicht so kurz vor dem Jahreswechsel durch so eine Weite wie die der Lüneburger Heide wagst, ist schon beachtlich! Ich Trau mich nicht mal textlich durch die Tür und schreibe endlose Innenraumbeobachtungen. Für Dich gar kein Problem, dafür hast Du Familie Strauch und ihre feuchtfröhliche Weihnachtszusammenkunft. Zwischendrin glänzt Du in Worten als drapiertest Du um die Heideworte ein heidschnuckiges Wortfellchen, denn schützenswert sind die Heidelandschaften, damit die Leutz auch weiterhin noch Torf zum Stechen haben und ihre Haut mit Torf kurieren indem sie sogar drin abtauchen. Weihnachten vielleicht sogar mit Karpfen, wer weiß? Fest steht, dass der Texttransit durch die Heide unterhaltsam war und da wir hier auch viel Heide haben, kamen mir die Krüppelbirken bekannt vor, allerdings ist bei uns mehr Sand als Torf und dafür weniger Wacholder.
    Glücksende Grüße von Stefanie✨

    Gefällt 3 Personen

    • Liebe Fee, Heiligabend bin ich nach Hamburg gefahren und bei der Durchquerung der Lüneburger Heide habe ich mir die Geschichte in groben Zügen ausgedacht, was jetzt ein bisschen irreführend ist, denn ich saß gut zum Sparpreis erster Klasse im ICE. Innenraumbeobachtungen können aber auch sehr schön sein. George Perecs „Das Leben Gebrauchsanweisung“ ist voll davon. Jeder der 99 beschriebenen Räume eines großen Pariser Wohnhauses ist der Anlass für eine Geschichte.
      Ich danke dir für deine feinen Worte des Lobs und bin mit dir völlig eins, dass Heidelandschaften schützenswert sind.
      Lieben Gruß,
      Jules

      Gefällt 1 Person

      • Lieber Jules, Familie Strauch ist ein feines Gedankenkonstrukt, ganz ähnlich dem Filigrangeranke der Erika. Ich finde diese Landschaft karg und sie hat einen Zauber, etwas Verlässliches in ihrer Weite und etwas Ungeschütztes über das der Wind jagt und die Birken biegt so vielleicht wie die Menschen, die sich für das Leben angepasst haben. Ich kenne die Lüneburger Heide bei Schneverdingen. Dort erfuhr ich mal besonders herzlich warme Gastfreundlichkeit als ich noch ein Jungmoorhuhn war.
        Die Heide blühte im August des Jahres 1982 in unendlich Erika, sowas Schönes, diesen gewaltigen Lilaschein meine ich, wenn ich annehme, dass die Menschen dort gerne leben. Herrn Pereces Gebrauchsanweisung kenne ich noch nicht, denn ich lese Deine Innenraumbeobachtungen auch gerne und alles lesen geht nicht…☺️.:.
        Komm gut ins Wochenende, lieber Jules.🎉✨

        Gefällt 1 Person

        • Liebe Fee,
          leider kenne ich die Heide nur von ihrer kargen Seite und vom Zug aus. Als ich noch fit genug war, plante ich eine Radtour nach Hamburg. Dazu ist es nie gekommen und so bleiben mir nur Schilderungen wie deine. Ich hoffe, ich werde jetzt nicht eingebildet, dass du meine Texte denen von Georges Perec vorziehst. Prophylaktisch sage ich mal: Wo ich nur eine brüchige Singstimme habe, hat er einen stattlichen Chor.
          Schönes Wochenende, meine Liebe.

          Gefällt 1 Person

  2. Lieber Jules,
    ich bin sofort erinnert an meine regelmäßigen Autofahrten auf der A31, die man auch den Friesenspieß nennt, weil sie mich schnurstraks „Richtung Norden und dann immer geradeaus“ nach Ostfriesland führt, wo die Fähre liegt, die mich zu meiner Lieblingsinsel schippert.
    Diese Autobahn wird, je weiter man nördlicher in Richtung Emsland kommt, immer ruhiger, auch landschaftlich:
    zuerst noch Weiden, sehr einsame Höfe, hier und da ein einsames, riesiges Reklameschild weit draußen auf dem noch grünen und braunen Land, das irgendwann bei Wiethmarschen-Dalum traurig tiefschwarz wird: dunkle, beinahe farblose Moorlandschaft. Tot und brackig.
    Als Autofahrer wäre das Hindösen und Wegträumen meiner Gesundheit sicher abträglich, aber, wenn ich diese triste Moorlandschaft wahrnehme, die bis in die Nierlanden hinüberreicht, frage ich mich, ob Menschen, die hier leben, Fröhlichkeit entwickeln können. Ich mache mir manchmal Gedanken, wie KInder hier wohl aufwachsen, wie das Leben in so einem auf dieser dunklen Erde stehenden, einsamen Bauernhaus gelebt wird.
    Manchmal fällt mir dann auch ein, dass das traurige Moorsoldatenlied hier seinen Ursprung hat. Die Fahrt auf dieser Autobahn hat wirklich etwas Nachdenklichmachendes, und ich freue mich, wenn ich dann endlich bei Bingum oder Jemgum die Weser unterquere, denn dann wird es heller: Leer, Ostfriesland, Aurich und dann noch ein paar beschauliche ostfriesische Örtchen, und dann endlch die Alleen mit den vom Westwind schiefgeblasenen Bäumen, die ans Wasser führen. Das Meer ist nicht mehr weit.
    Dankeschön für den Anstoß durch Deinen gelungenen Text.
    Liebe Grüße!
    Lo

    Gefällt 3 Personen

  3. Lieber Trithemius – leider weiß ich nicht, wie Dich anders zu erreichen: (so denn hier)
    sehr gerne wollte ich bei meinem Lieblingsbuchhändler Dein Buch über „Buchkultur im Abendrot: Basiswissen …“ erwerben, aber oh Schreck – er konnte’s nicht finden! Und auch über Deinen anderen Namen leider nicht, keinen passenden Vornamen (Jules ist ja soo selten nun nicht), und aber auch über die ISBN -10/-13 kein Bild kein Ton. Und Amazon widerstrebt mir, und zwar so sehr, daß ich mir eher die Mühe mache, Dir zu schreiben. Weißt Du Rat? Schöne Grüße aus Rötgesbüttel von Hinnerk

    Gefällt 2 Personen

    • Lieber Hinnerk, das von dir geschilderte Problem ist mir neu. Freunde von mir und ich selbst haben das Buch im Buchhandel bestellen können. Falls es auch über diese ISBN: 978-3745063301 nicht geht, versuche es mal hier https://www.epubli.de/shop/buch/Buchkultur-im-Abendrot-Jules-van-der-Ley-9783745063301/64518
      Vielleicht zeigst du den Link auch deinem Lieblingsbuchhändler.

      Beste Grüße aus Hannover und danke für dein Interesse,
      Trithemius

      Gefällt 1 Person

      • Danke Trithemius (<-immer wieder GERNE gelesen) – mein BuchDealer, sonst keinesfalls zu blöd für sowas – hatte mir mal eine alte russische Karte für die Region Karaman (TR) bsorgt, damit ich die alten Steine finden konnte – hat mich bewogen, es selbst zu versuchen; direkt beim Verlag scheint's geklappt zu haben, und mehr. Ich hatte ihm die Rezension von Rosemarie Gosemärker zum Suchen gegeben; die ISBN s.o. hat leider nicht zu Erfolg geführt.
        Zu Deiner Epistel oben: wo Du im Westfälischen, war ich im tiefsten Niedersachsachsen im Moor; deswegen kann ich mir Deine Ortsbeschreibung schon fast geruchlich zurückrufen (gut, Moor ist nicht Heide, aber die gabs da auch). Du hast mich mit der Beschreibung Deiner Familie Strauch angesprochen; auch hier meine ich den Winterwind in den dürren Zweigen der Äste nicht nur zu hören, sondern zu riechen und zu hören.
        Mögen Deine Wege Dich stets zu einem passenden Ziel führen und alles Gute für das nächste Jahr.
        Hinnerk

        Gefällt 2 Personen

  4. Ich hoffte auf Erzählungen deiner Zugfahrt und wurde nicht enttäuscht. Eine Landschaft, die ich noch nie selbst gesehen habe, die ich mir jetzt aber sehr gut vorstellen kann und eine Familie deren Weihnachten auch heute, einige Tage „danach“ herrlich und mit einem Schmunzeln zu lesen ist.
    Ich brauche Laktose…ohne Laktose kein Weihnachten – wunderbar auf den Kopf gestellt., lieber Jules.

    Gefällt 3 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.