An den Untertassen sollt ihr sie erkennen

Vorab ein Bekenntnis. Ich bin abgefallener Katholik und die Mutter meiner Kinder ist es auch. Doch seltsam genug geriet ich in der Folge nur an Frauen, die von Haus evangelisch waren. Ob jemand katholisch, evangelisch oder vom Glauben abgefallener Heide ist, lässt sich am Verhalten kaum ablesen. Ein kleiner Unterschied ist mir jedoch aufgefallen und ich wüsste gern, ob sich meine Beobachtung verifizieren lässt. Evangelische Frauen benutzen keine Unterteller, stellen die Tassen einfach so auf den Tisch. Ich glaube nicht, dass es landschaftlich begründet ist, denn die erste Frau, die ich die Untertasse weglassen sah, kam aus dem schönen Städtchen Jülich, im Herzen des Rheinlands gelegen. Aus meiner Kindheit habe ich noch vor Augen, dass alte Frauen etwas Unmanierliches taten. Weil sie sich am heiß aufgebrühten Kaffee nicht den Mund verbrennen wollten, gossen sie den ersten Schluck auf den Unterteller und schlürften ihn von dort. Heißt der Unterteller im Rheinland deshalb Untertasse?

Was zu beweisen wäre – Foto: JvdL

Eben fiel mir auf, dass ich inzwischen auch keinen Unterteller mehr benutze, ja nicht einmal vermisse, was bedeutet, dass ich per Untertellerverschmähung klammheimlich zu den Evangelischen übergetreten bin. Hallo? Ich meins nicht so. Mein Einstellungswandel vollzog sich für mich unmerklich. Ihm liegt keine bewusste Entscheidung zugrunde. Es ist pure Gewöhnung. Deshalb hoffe ich, nicht wieder aus der Kirche austreten zu müssen. Demgemäß schreibe ich aus purem ethnologischem Interesse. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Untertassenverschmähung und evangelischer Religion?

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40 Kommentare zu “An den Untertassen sollt ihr sie erkennen

  1. Auch wenn man religiöse Gepflogenheiten ins Feld führen wollte, hat meine Weglassung von Untertassen jeglicher Art nur den einen profanen Grund, nämlich die unnötige Verwendung von Geschirr, das ich hinterher mühsam abspülen muss, bereits im Vorfeld zu vermeiden.
    Das Schlürfen des Kaffees aus der Untertasse würde ich einer Dame nur gestatten, wenn sie dafür gänzlich auf die Tasse verzichtet … 🙂

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    • Ich würde auch gern beim alltäglichen Kaffeetrinken die Untertasse weglassen, weil ich es als Unsinn empfinde, dass dieselbe nach Gebrauch stets wieder gespült wird, obwohl doch nur eine saubere „Obertasse“ darauf gestanden hat.
      EinUntertassenverzicht meinerseits würde sofort einen verachtenden Blick meiner Frau zur Folge haben. Also füge ich mich.
      Manchmal jedoch stelle ich nach dem Kaffeetrinken die noch saubere Untertasse heimlich wieder in den Schrank zurück, was meiner Frau allerdings auch nicht immer entgeht, weil die Anzahl der Tassen im Geschirrspüler nicht mit der Menge der Untertassen darin übereinstimmt.
      Ach ja: meine Frau ist katholisch. Ich war evangelisch.

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    • @ Herr Ösi
      Das ist nachvollziehbar. Doch es geht ja um kulturelle Verhaltensweisen. Sie folgen ja selten der Ökonomie. Schlürfen aus der Untertasse kam mir als Kind seltsam vor,ist aber durchaus manierlich gewesen, wie Dame von Welt weiter unten mitteilt.

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  2. Auch ich bin eine solche Protestantin;-) Ich denke, konservative Menschen weigern sich länger gegen solche Trends…..und wenn sie dann noch aus den USA stammen;-) Mir ist aber auch aufgefallen, dass viele Cafes Gaffe nur noch in grossen Tassen/ Mugs anbieten. Vielleicht besuchen Katholiken diese nicht;-)

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  3. Verdammt, ich bin Katholikin und habs nicht bemerkt? Ich benutze Untertassen – jedenfalls zu den Kaffeetassen, die ich hier habe, weil ich finde, dass Tassen ohne Untertassen doof aussehen. Die sind unten so rund wie meine frühere Steh-auf-Puppe, ich wette, ohne Untertasse würde sie den Halt verlieren. Zu Bechern benutze ich keine, es sei denn, für Tee, weil ich meinen Teebeutel loswerden muss.
    Vermutlich steht es irgendwo versteckt in den 95 Thesen, so zwischen der Sache mit dem Ablasshandel und der Fegefeuergeschichte: „Benutzet keyne untertassen, es sey denn für thee…“

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  4. Aus meiner Kindheit habe ich noch vor Augen, dass alte Frauen etwas Unmanierliches taten. Weil sie sich am heiß aufgebrühten Kaffee nicht den Mund verbrennen wollten, gossen sie den ersten Schluck auf den Unterteller und schlürften ihn von dort. Heißt der Unterteller im Rheinland deshalb Untertasse?

    Die Untertasse heißt überall Untertasse, an ihr kann man Porzellan-Geschichte nachvollziehen und das Umgeschütte von Tasse in Untertasse war vor früher alles andere als unmanierlich, sondern im Gegenteil wohlerzogen und in Mode. Beweisbild:

    (Die Kaffeetrinkerin, Radierung von Louis-Marin Bonnet, 1774)

    Porzellan wurde erst Anfang des 18. Jhdts in Europa nacherfunden, die vorher aus China und Japan importierten Teeschalen hatten weder Henkel noch Untertasse. Kaffee kam in Europa bereits im 17. Jhdt in Mode und war teuer und luxuriös, ebenso die „orientalisch“ gestalteten Kaffee- und Teesalons. Dementsprechend war etwas später auch das europäische Porzellan dafür – es orientierte sich oberflächlich an den ostasiatischen und arabischen Vorbildern, die um Henkel und Untertasse, aufwändige Malerei und Gold ergänzt wurden, frei nach dem beliebten Gestaltungsgrundsatz ‚Mehr ist mehr‘. Um nur ja kein Tröpfchen ungenossen und zarte Damen-Finger unverbrannt zu lassen, wurde das Heißgetränk in die Untertasse umgegossen und entweder daraus geschlürft oder nach dem Abkühlen in die Tasse zurück gegossen. Die Untertasse schrumpfte im Laufe der Zeit – während sie im 18. und 19. Jhdt noch Größe und Form einer heutigen Müslischale hatte, wurde sie im Verlauf des 20. Jhdts flacher, kleiner, tellerartig und: weitgehend funktionslos, frei nach dem beliebten Gestaltungsgrundsatz ‚Mehr ist mehr‘.

    Der mögliche Zusammenhang zwischen Untertassenverschmähung und evangelischem Bekenntnis wäre also eher einer zwischen Traditionspflege (katholisch) und Moderne (evangelisch) und den widerlegen Sie und ich (ex-evangelisch)…;-)…

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    • Sie bringen Licht ins Dunkel meines Unwisssens, liebe Dame von Welt. Herzlichen Dank! Die Radierung hätte ich freilich kennen können. Als ich meinen Text schrieb, zweifelte ich überhaupt an meiner Erinnerung, denn das Schlürfen aus der Untertassse ist selten geworden. Die Verflachung der Untertasse zum Unterteller hat sicher etwas damit zu tun wie auch das Schlürfen inzwischen als unschicklich gilt, Das bedingte sich wohl wechselseitig? Bei der Traditionspflege kann ich Ihnen nicht folgen. Ich vermute eher einen Zusammenhang mit dem calvinistisch-spartanischen Weglassen der Tischdecke, entsprechend zu den Gardinen/Vorhängen am Fenster. Denn auf der Tischdecke würde die untertellerlose Tasse eventuell Flecken machen. Was meinen Sie?

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      • Schlürfgeräusche galten in unseren Breiten (anders als in Asien) immer schon als unschicklich. Ich vermute, daß das Schütten in die Untertasse ursprünglich mehr mit einem Ritual rund um ein Luxusgut zu tun hatte als mit dessen Abkühlung. Nachdem Kaffee und Tee inzwischen billige Kolonialwaren sind, entfiel der gefühlte Luxus daran, damit auch das Ritual und die Notwendigkeit der Untertasse. Unterteller halte ich für überflüssig und für unreflektierte Traditionspflege – ähnlich, wie Weinflaschen immer noch unbedingt rund sein müssen, obwohl sie längst nicht mehr mundgeblasen werden.

        Tassen hinterlassen eventuell Flecken auf der Tischdecke, wenn man aus ihnen wegen ihres zu dicken oder nach innen gewölbten Randes nicht trinken kann und sabbert – was auf Ihre katholische Tasse zutreffen könnte. Das ist bei besserem Porzellan nicht der Fall – das ist dünnwandig und hat einen minimal nach außen gelegten Rand, der sich zärtlich an die Unterlippe schmiegt. Jedes Getränk schmeckt viel besser aus Gefäßen mit dünnem Rand, ganz egal, ob Wein, Likör, Tee oder Kaffee.

        Keramische Hochkultur kommt aus Ostasien (und aus Mesopotamien), nicht aus Meißen – Tischdecken und Untertassen gibt es in ostasiatischen Tischkulturen nicht. Sie sehen: ich (als Ex-Evangelische) verbinde Traditionspflege ohne Unterteller, Henkel und Tischdecke mit Genuß, auch dem an guter Gestaltung.

        Es gibt Keramiker, die auch große Porzellantassen herstellen – ich hatte es davon neulich schon mal mit Frau Lakritze, die einen herrlichen Becher von Johanna Hitzler besitzt, ihn aber als Stehrümmchen behandelt. In einem Monat findet der Frechener Töpfermarkt statt, wo Sie mindestens 15 sehr gute Porzelliner (unter rund 130 Keramikern aus Deutschland, Niederlande, England, Österreich, Spanien usw.) finden. Support das gestaltende Handwerk!

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  5. … nur nichts verkommen lassen. Kaffee war mal ein teures Getränk und nicht alltäglich. Kaffeetasse mit vermittelt Genuss mit Sinnlichkeit. Der Kaffeebecher gehört eher in die Arbeitsumgebung.

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      • Zu unpassenden Gefäßen hat Lichtenberg sich schon in deinem Sinne geäußert:

        „Wie viel in der Welt auf Vortrag ankömmt, kann man schon daraus sehen, daß Kaffee, aus Weingläsern getrunken, ein sehr elendes Getränke ist, oder Fleisch bei Tische mit der Schere geschnitten, oder gar, wie ich einmal gesehen habe, Butterbrod mit einem alten wiewohl sehr reinen Schermesser geschmiert.“

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  6. Also erst mal: meine Lieblingstasse ist die mit der Fee und dem Zauberstab. Das Beste: ich hab (fast) so eine. Da war gar keine Untertasse bei. Da ich Kaffee heiß und vor allem viel mag, nehme ich immer Kaffeepötte. Puppentässchen auf Tellerchen verpöne ich meistens in meinem Kaffeeschlonz, doch bevor ich gar keinen Kaffee trinken könnte, bevorzuge ich die Minis. Bitte immer mit Untertasse, da kann ich dann zusätzlich Kaffee reinkippen. Und ein Tellerchen für den Kuchen brauche ich dann auch noch. Wenn schon denn schon. So ich denn hätte eine heilige Dreifaltigkeit: zwei Teller, eine kleine Tasse. Ich bin immer noch irgendwie katholisch und glaube an Maria. Ohne meine Heiligeneskorte, die verhindert dass ich (noch mehr) Übel über die Welt bringe, wäre die Welt aufgeschmissen, die Kirche hätte eine Hexe mehr zu bekämpfen, ich könnte keine Fee sein und die Evangelen hätten eine feurige Mariabefürworterin in der Opposition weniger.
    Darauf ein Kerzchen.
    Konvertieren ist das wenn man eine Religion zuckerglasiert, oder?
    Ostervofreudige liebe Grüße von der Kar(samstag)funkelFee✨

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    • Ja, liebe Fee, diese Tasse ist seit Jahren auch meine Lieblingstasse. Schön, dass wir hier übereinstimmen. Tatsächlich strammt sie aus einem Aachener Laden, wo sie ohne UIntertasse angeboten wurde. Ich nehme sie aus dem gleichen Grund wie du, weil mehr reinpasst. Ich habe auch eine feine mit Untertasse, aus der mir der Kaffee vermutlich besser schmecken würde, aber das Karge, Protestantische meiner Exbeziehungen hat mich kulturell überformt.
      Eine katholische Hexe scheint mir spontan ein Widerspruch in sich zu sein, aber wie du es erklärst, ists dann doch plausibel.
      Ich wünsche dir schöne Ostertage!

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      • Ich bin ganz stolze Besitzerin des Rosenthal-Services ‚Form 2000‘. Das schönste Puppenporzellangeschirr für mich, das je kreiert wurde. Ich hab die ‚Schattenrose‘. Selbst die ärgste Kaffeeplörre schmeckt aus diesem Geschirr geradezu visionär modern. So viel kann ein edles Geschirr bewirken wenn ich es nur lasse und mir fest genug einbilde. Einbildung ist schließlich auch eine Bildung. Die Kargheit der Protestanten schreckt mich. Ich lasse mich eben gern verzaubern von Mythen wie die Katholen sie gern hegen und beweihräuchern mit viel Gebimmel und Gepränge. Solange ich nicht jeden Unfug von denen mitmachen muss, bevorzuge ich also weiterhin meine angeprägte Kindheitsreligion und freu mich, dass ich innerlich bunt davon bevölkert bin. Warum ist denn eine katholische Hexe widersprüchlich? Haben die Evangelen keinen Teufel? Die Katholen haben jedenfalls sowas. Aber Moment: es gibt auch Hexen, die mit Teufeln nix am spitzen Hut haben.Das sind kluge Frauen, die viel gelernt haben über die Natur. Die Katholen nennen so welche auch Hexe. Darum ist es eben auch nicht wirklich meins, dieses Erzkatholische. Zu ver- na, egal…
        Feine Lieblingstasse.
        Gelb light…hach…meine ist natürlich zuckerwattelullurosa…
        Schöne Ostertage wünscht die Fee✨🐰

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  7. Der Tee wird in ostfriesischen Haushalten ebenfalls in einer Teetasse samt Unterteller / Untertasse serviert. Dort ist man evangelisch. Meine ostpreußische Mutter trinkt in Ostfriesland ihren Kaffee allerdings auch aus einer Tasse mit Untertasse. Die von der Untertasse schlürfenden – alten – Damen habe ich auch noch erlebt, weiß aber nicht mehr, welcher Konfession sie angehörten, es war aber glaube ich eine, bei der auch Likör dazu gehörte.

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  8. Lieber Jules, es grüßt dich eine Katholikin, die noch nie Untertassen besessen hat. Ich vermute allerdings, dass es an einer fehlenden Spülmaschine liegt und ich keinen Sinn in ihrer Verwendung sehe. Ich werde es aber künftig in meinem Umfeld beobachten.

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  9. Lieber Herr TT, aus mir sich nicht mehr erschließen wollenden Gründen habe ich dereinst eine Tassenauswahl meines nicht mehr ganz frischen Haushaltes ins Netzt gestellt, und siehe da, alle Tassen mit Untertasse.

    Ich bin evangelisch getauft, konfirmiert und getraut, und obwohl ich mittlerweile Heidin bin, bin ich mit dem dereinst Angetrauten immer noch nach 49 Jahren verheiratet.
    Einen Zusammenhang zwischen Untertassenverschmähung und evangelischer Religion lässt sich nach meiner Auffassung so nun nicht herstellen, allerdings hat es auch keine Personenstandsänderung gegeben, die möglicherweise eine Untertassenhandhabungsänderung hätte heraufbeschwören können.

    Na denn.

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    • Dankeschön für die Auskünfte und das dokumentarische Foto, liebe Marana. Inzwischen glaube ich, dass der springende Punkt die Frage ist, ob man üblicherweise Tischdecken benutzt. Denn darauf würden untertassenlose Tassen gleich Ränder machen. Da glaube ich, dass Alter und regionale Gepflogenheiten den konfessionellen Aspekt überlagern.

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